Monatsarchiv



Warum sind Religionen und Kirchen vom (Un-) Geist der Effizienz verdorben?

29. Februar 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Wir starten in unserem „Religionsphilosophischen Salon“ eine neue Kategorie, eine neue Rubrik: „Eine Frage: Wer hat eine Antwort?“

Dabei leitet uns das Interesse, offenbar einfache und deswegen oft übersehene Fragen in die Öffentlichkeit zu bringen, immer aus dem Umfeld von Philosophien und Religionen. Es sind die  für selbstverständlich gehaltenen Situationen und Zustände in Religionen, Gesellschaften und Staaten, die das Nachdenken verdienen, auch wenn eine „schnelle Antwort“ schwerfällt. Es sind die unmenschlichen Verhältnisse, an die „man“ sich so schnell gewöhnt und als alternativlos hinnimmt, weil wir in einer Kultur leben, die Alternativlosigkeit als oberstes Glaubensbekenntnis für alle, besonders für die Mächtigen, herausposaunt.

Der erste Beitrag:   Warum sind Religionen und Kirchen vom (Un-) Geist der Effizienz verdorben?

Der Soziologe Professor Wilhelm Heitmeyer (Uni Bielefld) beschäftigt sich mit der Frage, wie der zunehmende Niedergang der Demokratie in Europa zu verstehen ist. Er schreibt in der TAZ vom 27. Februar 2012 auf Seite 15:

„Es gibt eine Ökonomisierung des Sozialen. Richard Sennett, ein us -amerikanischer Soziologe, hat sich damit beschäftigt. Bei dieser Ökonomisierung des Sozialen dringen Kategorien, die aus der Ökonomie kommen, wie Effizienz, Verwertbarkeit und Nützlichkeit, in die sozialen Verhältnisse ein. Und zwar in Institutionen, die überhaupt nicht danach beschaffen sein dürften: in die Familien, in soziale Gruppen, auch in Schulen etc.“

Die Frage ist: Warum hat diese Ideologie der Verwertbarkeit und Nützlichkeit auch die „sozialen Gruppen“, also auch Religionen erfasst, auch die Kirchen, etwa in Europa? Warum wird z.B. immer gefragt, „wie viele“ bei einer religiösen Feier dabei waren? Warum werden Kirchen geschlossen, weil angeblich niemand mehr dort hin kommt? Warum fragt niemand, ob sie sozial, human, als Treffpunkte gebraucht werden? Warum gibt es keine Phantasie, sich dem Nützlichkeitswahn zu widersetzen auch und gerade in Kirchen und Religionen? Sind sie vom Geist der Effizienz vergiftet? Gibt es noch ein Verständnis für die „freie Gabe“, für das  nicht rechnende Denken? Wird dieses Denken ausgelöscht zugunsten eines Machtkalküls, ist dann nicht Wesentliches des (immer wieder amtskirchlich beschworenen)  Evangeliums Jesu von Nazareth verraten?

Wer weiß darauf plausible Antworten?



Vernunft und Religion aus der Sicht eines praktizierenden Muslims

13. Februar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Interkultureller Dialog

In unserem Salon im Februar 2012 sprachen wir über das Thema: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“, eine Maxime des „Philosophenkönigs“ Friedrich II..

Ein Freund unseres Gesprächskreises, Attila, hielt dabei einen Kurzvortrag, der nicht nur die 18 TeilnehmerInnen des Salons (zum Nachlesen) interessieren wird. Wir halten die Ausführungen Attilas für sehr bedenkenswert.

Vernunft und Religion aus Sicht eines praktizierenden Muslims

Kurzvortrag im philosophischen Salon anläßlich der Maxime Friedrich des Großen „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“

Autor: Attila

Die Maxime Friedrich des Großen impliziert meines Erachtens die Akzeptanz der Pluralität in der Gesellschaft, insbesondere unterschiedlicher Religionen und Minderheiten. Ich möchte verdeutlichen, wie ich als Angehöriger einer solchen Minderheit, nämlich des Islam, in Deutschland mit dieser Pluralität lebe. Für mich sind die meisten Menschen um mich herum, die Mehrheit also, bezogen auf die Religionszugehörigkeit anders als ich. Wie komme ich mit dieser Andersheit klar? Was befähigt mich, auf meine Art und Weise als Angehöriger einer Minderheit mit oder gar trotz meiner Religion selig zu werden?

Mein Ansatz beruht auf zwei Prinzipien, die universell für alle Religionen und Lebensweisen gelten können. Das erste Prinzip ist die Achtung der Würde des Menschen. Der Islam beinhaltet humanistische Aspekte und würdigt die Menschen. Ich zitiere exemplarisch einen Vers aus dem Koran, dem Buch der Offenbarung des Islam. Sure 17, Vers 70: „Wir haben doch wahrlich die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie versorgt mit guten Dingen und sie vor vielen von denen, die wir erschaffen haben, sichtlich ausgezeichnet.“ (Übersetzung: Der Koran, Rudi Paret, 11. Auflage).

Mit „Kinder Adams“ sind alle Menschen gemeint. In diesem zitierten Vers kommt das Wort „geehrt“ vor. Für Muslime kommt hier die Würde des Menschen zum Ausdruck. Gott hat demnach alle Menschen mit Ehre und Würde ausgestattet und sie vor den anderen Geschöpfen ausgezeichnet. Für mich ein Hinweis auf das Ziel der Entwicklung eines humanistischen Islam, der die Menschen in den Vordergrund stellt. Der Mensch ist nicht für die Religion da, sondern die Religion ist für die Förderung und Weiterentwicklung des Menschen da. Erst wenn er sich entfaltet, kann er zu Gott finden.

Das zweite Fundament ist die Vernunft. Für mich sind die Menschen vernunftfähige Wesen, im besten Fall vernünftige Wesen. Meines Erachtens kann ich meine Religion nicht korrekt und gottgefällig leben, ohne die Vernunft als Leitfaden für meine Entscheidungen und Handlungen einzubeziehen. Innerislamisch gibt es starke Strömungen in Richtung rationalistisch geprägter Islamauffassungen. Für mich vorbildlich sind Denker wie die muslimischen Philosophen und Ärzte Averroes (Ibn Rushd) und Ibn Tufail aus Andalusien, aber auch der jüdische Philosoph, Arzt und Rechtsgelehrte Maimonides.  Alle diese Denker sind von Aristoteles‘  Gedanken zur Logik und Vernunft beeinflußt worden. Wenn ich bereit und fähig bin, selbst und frei zu denken, kann ich Antworten und Aussagen kritisch hinterfragen, kann ich mündig werden und die Pluralität als Chance begreifen, zu lernen und andere besser zu verstehen. Ein kritischer Verstand, nicht im destruktiven Sinn, sondern im Sinne von geistiger Wachheit und Aufmerksamkeit, kann zu größerer intellektueller Kreativität führen. Der Koran ruft die Menschen an vielen Stellen zum Denken, zum Nachdenken, zur Kontemplation über die Schöpfung auf, gemäß Averroes sogar im Sinne von Syllogismus und Apodiktik. Auch ich bin der Auffassung, daß Glaube (im Sinne von religiöser Glaubenslehre), Vernunft und Verstand kombiniert werden müssen, um gottgefällig leben zu können.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Tatsache, daß wir gemeinsame Werte und Probleme haben und auf demselben Planeten leben. Unabhängig von Religionen, Lebensauffassungen, Lebensmodellen und vielen anderen Unterschiedlichkeiten sitzen wir alle im selben Boot. Wir alle leiden unter denselben oder ähnlichen Problemen, seien es die Defizite der Moderne, Globalisierung, Wirtschaftskrisen, Klimakatastrophen oder der Werteverfall. Welches Leben wollen wir leben, in was für einer Gesellschaft, was heißt Erfolg für uns, werden wir gelebt oder leben wir eigenständig? Wir können die Maximen der Moderne hinterfragen: Geld, Erfolg und Geschwindigkeit zum Beispiel. Diese Fragen betreffen uns alle und deshalb können wir sie nur in Gemeinschaft angehen, weil wir sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung sind. Ich möchte in diesem Rahmen den Philosophen und Islamwissenschaftler Tariq Ramadan empfehlen, dessen Thesen für ein Zusammenfinden und Zusammenleben unterschiedlicher Religionen gut durchdacht sind.

Vielfalt und Diversität ist Reichtum und kein Mangel. Akzeptanz der Vielfalt heißt nicht unbedingt alles zu billigen, aber zumindest zur Kenntnis zu nehmen und zu tolerieren, solange durch die anderen kein Schaden entsteht oder Rechte anderer verletzt werden. Im Gegensatz zum Judentum missionieren Christen und Muslime in bestimmtem Maße. Dies ist meines Erachtens auch ein Grund für Spannungen in der Pluralität, weil eine Konkurrenzsituation um den Anspruch, Inhaber der Wahrheit zu sein, entbrennt. Ich fände es besser, wenn die Menschen und Religionen an ihren Taten und ihren Beiträgen zum Allgemeinwohl gemessen werden. Das christliche Zitat faßt es gut zusammen: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Statt mit Worten und Propaganda Menschen zu missionieren, sollten die jeweiligen Angehörigen einer Religion mit ihrem Auftreten, mit ihren Leistungen, mit ihrer Persönlichkeit, mit ihren Taten sichtbar werden. Die Mitmenschen können sich aktiv entscheiden, ob sie einen bestimmten Weg gut finden oder nicht. Meiner Meinung nach sollten die Religionen oder Interessensgruppen nicht missionieren, damit jeder nach seiner Façon leben kann.

Ich möchte auf einen Punkt eingehen, der wichtig ist, um Spannungen zwischen der islamischen und der westlichen Welt besser zu erklären. Wenn man diesen Hintergrund kennt, kann man leichter einen Weg finden, friedlich und selig neben- oder gar miteinander zu leben.

Der springende Punkt ist die Bedeutung des Koran für die Muslime. Die Auffassung der Muslime ist die, daß der Koran das in 23 Jahren von Gott wortwörtlich offenbarte Wort ist (von 610-633 n. C.), dessen praktische Anwendung durch den Gesandten Mohammed gezeigt und gelebt wurde. Die historische Bibelkritik der meisten Christen hingegen geht heute davon aus, daß die Bibel, auch das Neue Testament, von Menschen geschrieben wurde. Obwohl die Muslime den Koran als Wort Gottes ansehen, spielt für die Auslegung der Kontext der Offenbarung eine Rolle. Der Koran wurde etappenweise offenbart. Es gibt für viele Verse interpretatorischen Spielraum, die Exegese der Verse hängt u.a. von den Anwendungsbedingungen und Offenbarungsanlässen ab. Der Koran muß also auch in seinem historischen Kontext gesehen werden, aber gleichzeitig darf der Glaubensbezug nicht ignoriert werden. Er bleibt für die Muslime das offenbarte Wort Gottes. Wenn man sich mit den  Spannungen zwischen der islamischen und westlichen Welt beschäftigt, dürfen die Quellentexte, also insbesondere der Koran, nicht ignoriert werden. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Bildung in der muslimischen Welt, insbesondere das Wissen über die Religion ist oft defizitär. Viele Muslime haben eine enge, ritualisierte Sicht der Dichotomie von „halal“ und „haram“, von erlaubt und verboten. Die Wirklichkeit besteht aber meist aus fließenden Übergängen, also Graubereichen, nicht aus Weiß und Schwarz. Nicht jede Aussage von Muslimen stellt die korrekte Lehre des Islam dar, sondern beruht auf Vereinfachungen, Traditionen, Pauschalisierungen und persönlichen, unwissenschaftlichen Interpretationen.

Es ist auch wichtig zu wissen, daß es nicht den Muslim an sich gibt. Sondern ähnlich wie bei den Christen oder Juden gibt es verschiedene Gruppierungen, die sich in ihrem Umgang mit dem Koran und ihrer Haltung zu Interpretationsmöglichkeiten unterscheiden. Ich möchte die wichtigsten Gruppierungen beschreiben.

  • Literalisten: Sie verstehen den Koran wortwörtlich, keine kontextuelle Interpretation.
  • Traditionalisten: Sie übernehmen die Auffassungen von Gelehrten aus den Anfangszeiten des Islam. Sie sehen keinen Bedarf für reformistische Interpretationen.
  • Sufisten: Mystiker, versuchen Erkenntnis über Askese und Mystik zu erlangen. Koranexegese spielt keine große Rolle, schwer nachvollziehbare Interpretationen des Koran.
  • Rationalisten: Messen dem Verstand mehr Wert bei als der Schrift. Koran eher unwichtig.
  • Politische Muslime: Nutzen und interpretieren den Korans für politische Zwecke.
  • Reformisten: Betrachtung der Schrift im Rahmen der Geschichte, Kontextbezug. Texttreue unter ständiger Weiterentwicklung des Denkens und der Erneuerung (bezogen auf den Sinn, der Haltung und Objektivität), Befürworter eines aufgeklärten Islamverständnisses.

Ich befürworte die Gruppe der Reformisten. Für mich ist die Menschheit im permanenten Zustand der Weiterentwicklung. Sie eignet sich im Laufe der Geschichte mehr Wissen und mehr Erkenntnisse an, sei es in den Wissenschaften, in der Technik, in der Medizin, in der Philosophie oder in anderen Bereichen. Sie entwickeln sich im evolutionären Sinne weiter. Ein Vers im Koran kann im Lichte neuester Erkenntnisse eine ganz andere Bedeutung erhalten als vor 100 Jahren. Was früher als kleinstes Staubteilchen übersetzt wurde, heißt heutzutage Atom, oder gar Elektron, oder Quark. Der Islam propagiert lebenslanges Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Das bedeutet, daß der Muslim bereit sein muß, sich immer wieder zu hinterfragen, sich weiterzuentwickeln, neu zu denken, neu zu erfinden, sich zu neu zu formen, also zu reformieren. Ein starker Vertreter der Reformisten ist Tariq Ramadan, den ich als Wissensträger und Reformisten empfehlen kann.

Zum Ende meines Vortrages möchte ich beschreiben, welche Werte der Islam in die pluralistische Gesellschaft einbringen kann, in der wir gemeinsam leben.

1.    Bewußtsein für Freiheit: Der Islam unterstützt den Gedanken der Freiheit. Einerseits in rechtlichem Sinne, nämlich seinem Engagement, die Sklaverei, die noch im 7. Jahrhundert herrschte, im Laufe der Zeit abzuschaffen. Aber auch im psychologischen Sinn: das Gefängnis ist man selbst. Wie erlangt man inneren Frieden?  Dazu gehört, im Einklang mit sich, der Umwelt und den Mitmenschen zu leben; das Ego, die Triebe, den inneren Schweinehund zu bändigen. Der Islam will den Menschen ermöglich, frei und mündig zu werden, um Gott selbständig und mit freiem Willen zu finden.

2.    Einheit der Menschlichkeit: Brüderlichkeit, Würde (siehe oben).

3.    Respektvoller Umgang mit der Schöpfung: Die Natur und die Schöpfung ist ein Spiegel Gottes und wurde uns zu treuen Händen übergeben. Wir sind daher verantwortlich für einen guten Umgang mit allen Lebewesen, mit der Umwelt, mit den natürlichen Ressourcen und natürlich allen anderen Menschen.

4.    Erziehung: Erlangung von Wissen und die Bildung von intakten, vorbildlichen Gesellschaftsstrukturen.

5.    Dimensionen von Mann und Frau: Gegenseitiger Respekt, harmonisches Zusammenarbeiten und Zusammenleben. Auch wenn es heute bizarr anmuten mag: Im 7. Jahrhundert waren die Forderungen des Islam nach Gleichberechtigung der Frau nicht selbstverständlich. Stärkung der Frauen durch vollwertige, mündige Stellung vor Gott. Verminderung der vorher gängigen Praxis von Mehrehen (über 8 Frauen und mehr) auf maximal 4, wobei die Sollnorm laut Koran die Monogamie ist.

Was mir noch wichtig ist: Nur wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, die uns hierzulande selbstverständlich vorkommen, können wir von Façon und Seligkeit reden. Menschen, die am Verhungern sind, in Kriegszuständen leben, gefoltert und unterdrückt werden, keine politische Freiheit haben, an das nackte Überleben denken müssen und in anderen unmenschlichen Situationen leben müssen, können sich nicht unbedingt einen Weg, eine Façon, auswählen und werden auch nicht unbedingt selig leben. Dies sollten wir im Auge behalten, wenn wir über andere Gesellschaften und Länder sprechen und sie mit unserer Wohlstandsgesellschaft vergleichen.

Ich möchte auf die wichtigsten Quellen hinweisen, die ich für den Kurzvortrag herangezogen habe.

Averroes: Die entscheidende Abhandlung – Die Untersuchung über die Methoden der Beweise; Reclam-Verlag

Ibn Tufail: Der Philosoph als Autodidakt – Ein philosophischer Inselroman; Meiner-Verlag

Tariq Ramadan im Interview des Schweizerischen Fernsehens vom 21.11.2010: http://www.videoportal.sf.tv/video?id=31cfec1c-3767-4457-b45f-a39e54966525

 



Der Salon: „Befreiung – pädagogisch, philosophisch. Perspektiven Paulo Freires“

11. Februar 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Ein Salon Abend im Café antikflair in Schöneberg, Grunewaldtsr.10, mit dem Philosophen und Coach Hernan Silva-Santisteban-Larco (Berlin), ein Spezialist für die Themen rund um die „Pädagogik der Befreiung“ des brasilianischen Autors, Pädagogen und Philosophen Paulo Freire.

Am Freitag, 23. März 2012, um 19 Uhr.

Teilnahmegebühr: 5 Euro (für die Raummiete).  Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin. de

Zur Einstimmung empfehlen wir den Beitrag unseres Referenten Hernán Silva – Santisteban Larco: „Paulo Freire, von befreiender Pädagogik zur Pädadgogik der Autonomie“



Jeder soll nach seiner Fasson selig werden: Fragen und Probleme

9. Februar 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Fragen zum Religionsphilosophischen Salon am 10.2. 2012

Von Christian Modehn

 „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ (Friedrich II., genannt der Große)

Diese Maxime Friedrich II. berührt nicht nur das Miteinander unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher Religionen und Meinungen, sie ist von daher sehr aktuell. (Sie stellt auch die Frage: Haben wir denn heute überhaupt auch kulturell die Chance, auf je eigene Art auch kulturell „selig“, d.h. zufrieden, zu leben?)

– Welches Bild des Neben/Miteinanders unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher Religionen setzt diese Maxime offenbar voraus?

– Wie kann jeder mit dem anderen „selig“ werden, wenn alle ihre (religiöse) Seligkeit auch außerhalb ihrer privaten Sphäre leben? Also etwa ihren „seligen Glauben“ öffentlich ausdrücken ?

– Wie kommt es, dass der religiöse Ausdruck (die Seligkeit) von Minderheiten in weiten Kreisen einer Mehrheit Irritationen erzeugt? – Wie kann der plurale religiöse Ausdruck in Gleichberechtigung erreicht werden? Und zwar universal!

– Gleichberechtigung aller Formen der „Seligkeit“: gilt sie auch für Atheisten?

– Gibt es eine gemeinsame philosophische Basis, eine allgemein humanistische Basis trotz aller kulturellen Differenzen, die VOR allem religiösen Bekenntnis liegt?

– Wie kann diese allgemeine, stets weiter zu entwickelnde philosophische Basis, die wichtiger ist alle Religionen, ausgebaut, verteidigt und international „verbreitet“ werden.

 

 



Taizé – ein katholischer Ort? Anmerkungen zum Begriff der Ökumene à la Taize

8. Februar 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Aufgrund zahlreicher Anfragen nach meinem Artikel in PUBLIK – FORUM (1/2012) verdeutlichen wir noch einmal, was Ökumene in Taizé, dem berühmten Wallfahrtsort von Jugendlichen aus aller Welt, aus unserer Sicht, gut dokumentiert, bedeutet. Das ist zwar kein Schwerpunkt unseres religionsphilosophischen Salons ….  aber manchmal müssen wir aktuelle theologische Fragen aufgreifen:

Welche Kircheneinheit hat Taizé vor Augen?

Von Christian Modehn, im Februar 2012.

Ich beobachte als Journalist Religionen und Kirchen. Mich interessiert – in Form einer Prüfung von außen – die Frage: Welche Einheit der Kirchen, also welche konkrete und fest beschreibbare Vorstellung von Ökumene hat die Mönchs – Gemeinschaft von Taizé?  Mit dieser theologisch relevanten Frage wird die Tatsache nicht berührt, dass die Mönchsgemeinschaft von Taizé für viele (jugendliche) Menschen weltweit ein inspirierender Ort geworden ist. Sicher bin ich nicht der erste, dem die Formulierungen zur Ökumene von Frère Roger Schutz oder von Bruder Alois etwas „fließend“, um nicht zu sagen: unpräzise, erscheinen. Darf man sagen: Sie wirken eher poetisch und ins Mystische gehend? Es ist auch diese fromme Glaubenssprache der Insider, die in dem Beitrag von Bruder Alois, dem gegenwärtigen Prior (vom Gründer Roger Schutz vor vielen Jahren dazu bestimmt und ernannt !) in dem Beitrag für die Internationale Theologische Zeitschrift Concilium (2011) immer wieder durchbricht. Der Titel seines theologischen Aufsatzes: „Habe die Leidenschaft für die Einheit des Leibes Christi“. Dabei ist nicht nur der Appell im Titel bemerkenswert, interessant ist die Verwendung des Bildes „Leib Christi“ für die Kirche. Es wird also nicht der (alternative) Begriff „Volk Gottes“ gebraucht, der im 2. Vatikanischen Konzil durchaus als Konkurrenzbegriff galt, sondern der eher hierarchische Vorstellungen weckende „Leib Christ“ Begriff: Da gibt es ein herrschendes Haupt und gehorsame Glieder…

Frère Roger, der Gründer von Taizé, war überzeugt, die Kirche sei „in ihrer Tiefe“ ungeteilt. (S. 130 in Concilium). „An uns ist es daher, Orte zu schaffen, an denen diese Einheit hervortreten und greifbar werden kann“, schreibt Bruder Alois, diesen Gedanken weiter entwickelnd. Dabei erinnert er an den orthodoxen französischen Theologen Olivier Clément, der – seinerseits ziemlich kryptisch  – schreibt: „Es gibt nur eine einzige Kirche, verborgener Unterbau aller Kirchen…“ Also eine untergründige Einheit gibt es, und Taizé wäre dieser Ort, wo diese untergründige Einheit nach vorne tritt und offenbar wird. Aber was ist damit konkret gemeint? Handelt es sich um eine wirklich neue und bislang unbekannte Kirche, also eine aus verschiedenen Traditionen gespeiste bzw. zusammengefügte Kirche? Taizé schließt aber aus, dass diese – aus der Tiefe sozusagen hervorgeholte Einheit – tatsächlich eine grundlegende neue, eine bislang völlig unbekannte ökumenische Kirche sein sollte. Das wäre in römischer Sicht –und darauf nimmt Taizé alle Rücksicht  – ein Schisma, und das darf nicht sein.

Anders hingegen und nur nebenbei erwähnt als Alternative: Der niederländische Theologe und Poet Huub Oosterhuis fördert z. B. seit 1970 in Amsterdam eine neue selbständige ökumenische Gemeinde, die Studenten – Ecclesia, die über alle bestehenden Konfessionen hinausgewachsen ist. Sie präsentiert eine neue Ökumene, natürlich, auch eine neue Kirche. So etwas kommt für Taizé nicht in Frage.

Den Mönchen von Taizé geht es um die Überwindung aller Konfessions – Spaltungen, die nur in einer und in einer einzigen Kirche Gestalt finden kann. Welche konkrete Kirche dabei für die Mönche von Taizé entscheidend geworden ist, wird weiter unten gezeigt. Diese eine und einzige Kirche – im Sinne Taizés: Sie widerspricht der  ökumenischen theologischen Vorstellung von einer bleibenden und wichtigen und schönen Vielfalt der Kirchen, die sich aber untereinander respektieren und als unterschiedliche Kirchen anerkennen. Man spricht deswegen vom ökumenischen Zielbegriff der „versöhnten Verschiedenheit“. Von dieser Vorstellung einer Ökumene in bleibender Vielfalt ist in Taizé keine Rede. Es geht dort um die eine und einzige Kirche, in die sich alle anderen hinein begeben sollen.

Es gibt in Taizé einen zweites theologisches Problem: Die de facto Mitgliedschaft Frère Rogers in der katholischen Kirche seit 1972. Dabei wollte Roger Schutz, so immer wieder betont,  ausdrücklich seiner protestantischen Herkunft treu blieben. Etwas poetisch formulierte er seine Doppelmitgliedschaft: Er wolle den „Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens versöhnen“, so in dem Buch „Eine Ahnung von Glück“, S. 82. Der Theologie Professor Peter Zimmerling  (Leipzig) nennt diese Haltung treffend „eine Art Schwebezustand“ (in der Zeitschrift „Una Sancta“, 2007). Und Prof. Zimmerling meint, Roger Schutz wollte „beiden Kirchen gleichzeitig angehören“.

Aber hätten sich katholische Bischöfe im Ernst eine bi – konfessionelle Identität akzeptiert? Werden nicht sogar dem bloßen Anschein nach „bi – konfessionelle“ Christen von Rom her bestraft? Wie bewerten also katholische Bischöfe das Ereignis  in der Kapelle des Bischofshauses von Autun  (zu diesem Bistum „gehört“ Taizé)  im Jahr 1972? Bischof Le Bourgeois hatte dort das Glaubensbekenntnis Roger Schutz entgegen genommen und ihm anschließend die (katholische) Kommunion gereicht. Auch wenn danach kein Dokument einer Konversion zum Katholizismus unterschrieben wurde, wie immer wieder betont wird, nach den Regeln katholischer Theologie ist damit Roger Schutz de facto katholisch geworden. Bischof Séguy, der Nachfolger  von Bischof Le Bourgeois, der 1972 die Konversion entgegen nahm, schreibt: „Frère Roger hat dem Protestantismus nicht abgeschworen, aber er hat ausgedrückt, dass er vollständig („pleinement“) dem katholischen Glauben anhängt“. Ein außergewöhnliches Ereignis, weil Rom ja sonst immer das Entweder – Oder, die klare Entscheidung, durchsetzt. Diese Doppelmitgliedschaft Roger Schutz,` seine Bi – Konfessionalität, wurde von Rom nur akzeptiert, weil er als exklusive Ausnahme von den Päpsten seit Johannes XXIII. hoch geschätzt wurde. Darf man vermuten, weil Rom damals schon spürte, dass Frère Roger „eigentlich“ katholisch ist? Denn schon 1969 hat der „Bruderrat von Taizé“ seine Loyalität dem Papst gegenüber zum Ausdruck gebracht; schon damals bekannten die ganz überwiegend protestantischen Mönche, sie würden sich „in Gemeinschaft mit jenem Mann wissen, der das Dienstamt des Dieners der Diener Gottes (sic!) übertragen bekommen hat“ (in: Aufbruch zur Quelle, S 99). Diese Umschreibung des Titels des Papstes folgt bereits römischen Sprachregelungen. Seit 1971 gab es einen Vertreter des Priors von Taizé beim „Heiligen Stuhl“, also dem Papst, auch darauf weist Professor Peter Zimmerling hin. Papst Benedikt XVI. hat in einer Ansprache in Castel Gandolfo am 17.8. 2005 die Worte Frére Rogers übernommen und in seinem Sinne betont, dass die Mönchsgemeinschaft „ihren Weg in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater gehen möchte“.  Wer geht in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater? Doch wohl nur jener, der selber katholisch ist. Würde ein liberaler reformierter Christ oder ein progressiver Anglikaner oder ein frommer griechisch orthodoxer Pope von sich sagen, er möchte in „Gemeinschaft mit dem heiligen Vater seinen Weg gehen“?

Nur weil de facto die Mönchsgemeinschaft katholisch geworden ist, wird erklärbar, warum Roger Schutz betont hat, dass die Mönchsgemeinschaft ein der katholischen und orthodoxen Kirche vergleichbares Eucharistieverständnis hat (Aufbruch zur Quelle, 87). Darüber hinaus gibt Roger Schutz offen zu, dass er das katholische Sakrament der Buße hoch schätzt, auch die Marien – Verehrung sei für ihn selbstverständlich, manche Marien Erscheinungen (Lourdes ?) hielt er sogar für „echt“; auch empfahl er das Gebet zu Maria. Prof. Zimmeeling spricht in dem Zusammenhang von „starker Annäherung an die katholische Theologie und Spiritualität“. Auf dieser Linie ist es verständlich, dass Roger Schutz ganz normal die katholische Kommunion aus der Hand Kardinal Ratzingers anlässlich der Totenmesse für Papst Johannes Paul II. empfangen konnte und durfte. Nur so wird verständlich, warum die Trauerfeier für Roger Schutz in Taizé von Kardinal Walter Kasper geleitet wurde, während die anderen ökumenischen Gäste eher am Rande blieben. Nur so wird verständlich, warum an jedem Sonntag der Hauptgottesdienst in Taizé als katholische Messe gefeiert wird. „Am Sonntagmorgen findet im Hauptgottesdienst eine katholische Eucharistiefeier statt, wobei in der Mitte der Versöhnungskirche vor dem Altar beide Elemente an alle (!), die wollen, ausgeteilt werden. Während in den Seitenbauten der Kirche die Eucharistie in einerlei gestalt (also nur die Hostie, CM) empfangen werden kann“, so Peter Zimmerling. Und er fährt fort: „Allerdings dominiert eindeutig die katholische Eucharistiefeier das gottesdienstliche Geschehen, wobei auffällt, dass der Empfang der beiden eucharistischen Gaben auch für Nichtkatholiken offen ist“. Nebenbei: Der katholische Priester Professor Gotthold Hasenhüttl wurde als Priester suspendiert,  weil er bei einer Messe während des Ökumenischen (!) Kirchentages in Berlin im Jahr 2003 auch Protestanten die Katholische Kommunion reichte!  Die in Taizé gewährte ökumenische Gastfreundschaft darf offenbar nirgendwo anders gelten. Warum wohl? Drückt Rom alle dogmatischen Augen zu? Ist Taizé ein geheimer Liebling des Vatikans, ein geduldetes Experimentierfeld, um als Kirche viele Jugendliche „zu erreichen“?

In den jüngsten Äußerungen betont Bruder Alois – etwa in der Theologischen Zeitschrift Concilium – Taizé habe das Dienstamt des Papstes anerkannt. Mit dieser Anerkennung des Dienstamtes“  handle es sich NICHT, so wird betont,  um eine „Rückkehr Ökumene“, also um die Vorstellung, die nichtkatholischen Christen sollten zur römisch katholischen Kirche „zurückkehren“. Denn, so Bruder Alois, seit Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe die katholische Kirche „ den wesentlichen Forderungen der Reformation nachgegeben“. (S. 131). Da wird also behauptet, die römisch – katholische Kirche heute erfülle die Forderungen der Reformation. Darauf hat Prof.. Zimmerling mehrfach hingewiesen: In der Sicht von Taizé sind die protestantischen Kirchen nur „Provisorien“. „Sie besitzen ihre Existenzberechtigung darin, Korrektiv, gelegentlich auch Ergänzung des Katholizismus, nicht jedoch eigenständige Kirche auf unbegrenzte Zeit zu sein“. Prof. Zimmerling weist darauf hin, dass diese merkwürdige Vorstellung von dem provisorischen Charakter der protestantischen Kirche schon 1965 von Roger Schutz formuliert wurde, und zwar in dem Buch „Die Dynamik des Vorläufigen“.

Die Protestanischen Kirchen als vorläufige, eines Tages verschwindende Kirchen: Korrespondiert diese Vorstellung  mit der Idee, verbreitet im päpstlichen Schreiben „Dominus Jesus“, dass die protestantischen Kirchen keine Kirchen im „eigentlichen Sinne“  sind, eine Behauptung, die Benedikt XVI. immer wiederholt.

Jedenfalls ist es verwunderlich zu lesen, dass Bruder Alois, der Prior von Taizé, ein katholischer Laien – Theologe,  im Ernst meint,  dieser Katholizismus , wie er sich heute zeigt, sei bereits ein reformierter Katholizismus, also ein solcher, der den Forderungen der Reformatoren bereits entspricht. Wie ist dann die über geordnete Stellung der Amtspriester gegenüber den Laien im heutigen Katholizismus zu beurteilen, wie der zögerliche Umgang mit dem allgemeinen Priestertum ALLER Gläubigen, wie die immer noch vorhandene Praxis des Ablasses, wie die Unterdrückung echter theologischer Pluralität, wie der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt usw.??

Diese Einschätzung Bruder Alois`, der heutige Katholizismus sei bereits „reformiert“,  ist ein theologischer Irrtum. Natürlich gibt es Unterschiede in den Reden der Päpste des 16. und des 20. Jahrhunderts. Am Primat des Papstes hat sich aber nichts geändert, übrigens auch nicht in der klerikalen Mode der Päpste und Prälaten. Das barocke Denken dominiert. Das ist nur eine Tatsachenbeschreibung.

Aber dieses Argument („Die katholische Kirche ist bereits reformiert“) braucht Bruder Alois, um die innere Verbindung mit Rom zu verklären: Schließlich will Taizé, so wörtlich (S. 131), der Kirche von Rom von innen her (!) helfen, sich weiter zu entwickeln“. Aber wer kann von innen her helfen? Jemand der innen ist, also Teil der römisch –katholischen Kirche geworden ist. Typisch für die extrem positive Einschätzung der Verhältnisse in der römischen Kirche: „Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, wie sehr das petrinische Dienstamt in der Lage ist, sich zu verändern. (PS: Hans Küng ist mit seinem Versuch in Rom gescheitert, die Unfehlbarkeit neu zu interpretieren CM)   Johannes Paul II. hat selbst die Nichtkatholiken dazu aufgerufen, bei ihm bei dieser Fortentwicklung zu helfen“.

Von Lernprozessen in Rom, angestoßen durch protestantische oder orthodoxe Theologen, war bis jetzt nichts zu hören. Im Gegenteil: Das harte Durchgreifen der Hierarchie gegenüber kritischen Theologen ist allseits seit Jahrzehnten bekannt. Die Bischofs – Synoden in Rom sind eben ausschließlich Bischofssynoden, ohne volle Partizipation des Volkes Gottes, d-h. auch der Laien usw.

Ist Taizé also de facto und entgegen vieler Behauptungen doch ein Teil der katholischen Kirche? Diese Frage wird jeder unde jede nach der Lektüre dieses Beitrags selbst beantworten. Unser Meinung nach kann bewiesen werden, dass Taizé eine katholische Gemeinschaft ist, allerdings mit Mitgliedern, die noch formell anderen Kirchen angehören; mit protestantischen oder orthodoxen Gottesdiensten am Rande. Das ist in meiner journalistischen und philosophischen Dicht überhaupt nicht schlimm. „Jeder nach seiner Fasson“. Und an der inspirierenden Begleitung suchender und fragender  Jugendlicher wird nicht gezweifelt, sie können dort spirituell intensive Tage erleben. Aber sie erfahren dort selten, wohin die ökumenische Reise im Sinne Taizés hingeht. Sie führt nach Rom. Auch das muss selbstverständlich respektiert werden. Aber manch einer wäre froh, mehr Klarheit über den immer schwebenden und bloß poetischen Begriff der Ökumene von Taizé selbst zu erfahren.

Copyright: christian modehn, berlin.

 



Ein „mystischer Agnostiker“ – Erinnerung an Lucien Jerphagnon

6. Februar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Denken und Glauben

„Ich bin ein mystischer Agnostiker“
Ein Hinweis auf den Philosophen und Historiker Lucien Jerphagnon
Von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Phänomen: Der Austausch der Kulturen ist selbst bei den Nachbarn Deutschland – Frankreich sehr begrenzt. Bis jetzt gibt es z.B. noch immer keine Übersetzung eines Buches aus dem umfangreichen Werk des Philosophen und Histoikers Lucien Jerphagnon (1921 – 2011). Er ist ein Spezialist vor allem der antiken wie auch der mittelalterlichen Philosophie. Seine Bücher sind, wenn man so sagen kann, leicht zugänglich, er liebte das Gespräch, darum sind einige Bücher als – typisch französisch – Gespräche publiziert worden. Lucien Jerphagnon hat sich stets als Philosoph UND Historiker verstanden: „Das Ideal für einen Historiker der Philosophie ist es, zu versuchen den Geist der Zeit des bestimmten Philosophen zu erkunden. Man muss nicht nur wissen, was er dachte, sondern auch, was man tat und sagte, was man damals aß und trank, was man von der Liebe dachte und vom Haß, sowie von der Religion, der Politik, vom Glück“, so in einem Interview mit der Zeitschrift „LE Magazine Littéraire“, Dezember 2011, Seiten 92 – 96. .
Seine Aufgabe als Philosoph sah er darin, zum Staunen, zum Verwundern anzuregen, die Fraglichkeit als Dimension des Lebens zu begreifen. Lucien Jerphagnon nannte sich selbst einen mystischen Agnostiker, der vor allem durch die Werke Plotins zu einer philosophisch – spirituellen Haltung fand. „Plotin hat mich gehindert, in einigen Augenblicken meines Lebens als Atheist zu enden. Ich war immer ein Mann des Glaubens, denn bei Plotin habe ich das Prinzip einer Welt entdeckt, die mich immer in Erstaunen versetzte“.
Als mystischer Agnostiker setzte er sich von den bekennenden Atheisten ab. „Der Atheist glaubt, dass Gott nicht existiert. Aber wir haben keinen Beweis für die Nicht – Existenz Gottes. Der Agnostiker hingegen transzendiert jedes mögliche Wissen von Gott, Plotin sagte: „Gott ist jenseits von allem“.
„Aber wann bin ich „mystisch“, fragte sich Lucien Jerphagnon? „Mystisch bin ich in dem Augenblick, wenn ich bete oder wenn ich gern die Gewissheit hätte, dass dieses Gebet auch sein Ziel erreicht“. Und Glück bedeutet, im Augenblick zu leben. Carpe Diem, ist der ausdrückliche Aufruf des Philosophen. „Aber dieser Augenblick ist unsterblich. Was auch immer mit uns passiert: Es gibt eine Dimension in uns, die niemals ausgelöscht werden kann“.
Prof. Jerphagnon hat u.a. an den Universitäten von Besancon und Caen gearbeitet, er hat sich stets als Schüler des großen Vladmir Jankélevitch bezeichnet. Zu den Schülern Jerphagnons gehört etwa der heute sehr populäre wie auch wegen radikaler Zuspitzungen umstrittene Philosoph Michel Onfray (Caen). Jerphagnon hat sich gefreut, dass Onfray sein eigenes Thema gefunden hat, auch wenn er „zu einer anderen Seite gehört“. „Aber ich bin damit zufrieden, denn ich wollte ja keinen Clon als meinen Schüler, sondern selbständige Denker“, so Jerphagnon in „Le Magazine Littéraire“.
Allseits wird der Philosoph und Historiker wegen seiner leichten, zum Teil witzigen Schreibweise gelobt. Für ihn war Philosophie (noch) Liebe zur (Lebens) Weisheit: „Befasse dich nicht zu sehr mit dem Äußeren. Bewahre dich ein bisschen für dich selbst und die jenigen, die du liebst. Das Ideal des Glück ist l amour partagée, also die geteilte, die nicht egoistische Liebe“.

Wir nennen nur die letzten Bücher Lucien Jerphagnons, wobei wir darauf hinweisen, dass er selbst seine Studie über den vom Christentum zum Heidentum konvertierten römischen Kaiser Julian Apostata besonders schätzte. „Julien, dit l’Apostat“, 1986, Éd. du Seuil

2006, Augustin et la sagesse, Desclée de Brouwer
2007, Au bonheur des sages, Hachette Littératures
2007, La Louve et l’Agneau, Desclée de Brouwer
2008, Entrevoir et Vouloir : Vladimir Jankélévitch, La Transparence
2009, La tentation du christianisme avec Luc Ferry, Grasset
2010, La… sottise ? (Vingt-huit siècles qu’on en parle), Albin Michel
2011, De l’amour, de la mort, de Dieu et autres bagatelles, entretiens avec Christiane Rancé, Albin Michel
2012, Connais-toi toi-même…Et fais ce que tu veux, Albin Michel

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