Monatsarchiv



Der heilige Geist ist skeptisch. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

26. Mai 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

„Der heilige Geist ist skeptisch“. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

Von Christian Modehn

Einige Thesen zum Salon am 25.5.2012:

Bei dem Thema erleben wir einmal, wie Philosophie Lebenshilfe sein. Hilfe im Sinne der Klärung, Analyse. Ohne gedankliche Klarheit kein Klarheit im Leben, als ein unabgeschlossenes Geschen.

-Fragen, Staunen, Zweifeln sind die Vollzüge der Skepsis.

-Skepsis heißt um sich schauen, prüfen, auf den Wahrheitsanspruch „abklopfen“.

-In der griech. Philosophie eine (relativ) kleine Schule: die Skeptiker. Begründet von Pyrrhon von Elis, 365- 275 vor Chr.

-Er bedient sich des skeptischen Fragens, des Zweifelns an allem, mit dem Ziel: um dadurch die innere Ruhe, Ausgeglichenheit, Seelenfrieden zu finden. Denn: Wenn nichts als wahr erkennbar ist, ist eigentlich alles egal: Von daher sein „alternativer Lebensstil“, angstfrei sich verhalten. Sextus Empiricus (ca. 200 nach Chr. ) hat Pyrrhons Werk vermittelt.

-Methodischer Zweifel heißt das Stichwort bei Descartes. In Zeiten tiefster Erschütterungen (Kopernikus, Amerikas „Entdeckung“) Suche nach Sicherheit. Er findet sie im „Ich denke, (also) ich bin“.

-Skeptizismus ist die radikale Skepsis, die auch das ganze Leben betrifft und an den Rand der Verzweiflung führt. Der Zweifler lässt die Zweifel „tief in sich selbst ein“. Aus Zweifeln wird Verzweiflung. Nichts ist erkennbar, nichts ist wertvoll. Denkt in diese Richtung der Schrifsteller Emile Cioran ? („Vom Nachteil, geboren zu sein“, „Verfehlte Schöpfung“…) Aber: Auch Cioran entkommt nicht der Tatsache, dass sein Skeptizismus dann doch eine sichere Lebens Basis ist.

Was geht uns Skepsis an?

Wir können mit dem methodischen Zweifel leben: Skepsis ist elementar: Vorsicht lernen, wenn Widersprüche in geistigen religiösen Organisationen offensichtlich sind. Ohne diese methodische Skepsis kein geistiges Leben. Skepsis befreit von falschen Vorstellungen. (Zum Beisipiel: Eine Organisation, die Menschenrechte naxch außen verteidigt aber in ihrer eigenen Organisation keine Menschenrechte respektiert, ist sehr fragwürdig. Ein Skeptiker sagt: Besser nicht mit dieser Organisation).

Skepsis ist Lebenshilfe.

-Skepsis kann zur Lebenshaltung werden.  Montaigne: „Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher“.

Aber zerstört Skepsis das Grundvertrauen?

Was ist die Differenz zwischen Skepsis und Misstrauen?

Grundvertrauen sollte als Basis des reflektierten Lebens bleiben. Grundvertrauen aber ist „erarbeitet“, nichts Blindes, nichts Naturwüchsiges.

Grundvertrauen wird bestärkt durch die Überlegung: Der Skepsis gegenüber skeptisch sein!

Denn merke ich, dass Skepsis immer Vollzug des Geistes ist. Der Geist ist größer als die jeweilige Skepsis. Er ist sozusagen das Tragende, das Bleibende. Geist ist immer körperlicher Geist. Der Geist  bleibt, auch wenn ich an allem zweifle. (Bei Descartes war es das Ich, hier ist es mehr, der Geist, der über das Ich hinausreicht).

– Was hat das alles mit dem heiligen Geist zu tun?

Von Pfingsten wird bildreich von der Geistesgabe an die Gemeinde gesprochen. Als einem „Ereignis“.

Philosophisch betrachtet: Wir nehmen das Ereignis als Offenbarung für etwas Allgemeines, siehe Hegel.

D. h: Der menschliche Geist ist göttlich. Er ist in den Menschen als dynamische, belebende Kraft.

Der Apostel Paulus und Autor neutestamentlicher Texte: Der (heilige) Geist bestimmt ihn selbst und die ersten Christen.

Er schreibt im 1. Thessalonicher Brief (um 50 geschrieben): „Prüfet alles, das Gutes behaltet“.

D. h. Philosophisch gesehen, die Aufforderung zu prüfen, also skeptisch zu ein. Das Gute behalten, was ist das Gute? Was geistvoll ist, was der prüfende Geist als seinen Geist erkennt. D. h. Also das Geistvolle bewahren.

Was ist Geist? Geist ist Freiheit. Wesensbestimmung des Geistes ist die Freiheit. Siehe Reflexion: Sich auf sich beziehen, ich denke mich. Darin sehe ich mich in meinen freien Möglichkeiten. Ich frage im Geist, wer bin ich, was soll ich tun, was darf ich hoffen?

Der heilige Geist als der Geist aller Menschen ist elementar fragend/ skeptisch: Das heißt: Unser (heiliger)Geist ermöglicht uns, im Fragen und Zweifeln unsere Freiheit zu erkennen, Abstand zu nehmen von Widersprüchen und frei das Leben zu gestalten, frei immer verstanden als geistvoll. Ziel des gemeinsamen Leben ist: Geistvolles, freies Miteinander. Das muss politisch gestaltet werden.

Copyright: christian modehn.

 

PS.: Wir erlauben uns, aus aktuellem religionskritischem Anlaß,  ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  „Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird“.

 

 

 

 

 

 

 

 



Poesie und Selbsterkenntnis. Eine Radiosendung von Chr. Modehn SR 2 am 10. Juni um 20.04

25. Mai 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise


Tomas Halik: Nachtgedanken eines Beichtvaters

20. Mai 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Die Nacktheit des Glaubens: Tomas Halik und die Nachtgedanken eines Beichtvaters

Er sagt, dass junge Menschen heute in einer postoptimistischen Zeit leben. Und hofft, dass aus Glaubenden Suchende werden. Fragen an den Prager Theologen, Philosophen, Soziologen … und Skeptiker Tomás Halík

Von Christian Modehn

Aus aktuellem Anlass wurde am 4.8. 2015 ein weiterer Beitrag über Tomas Halik hier publiziert über sein Nein zu Veranstaltungen anläßlich der „Gay Pride“ in seiner Prager St. Salvator Kirche. Lesen Sie den aktuellen Beitrag und klicken Sie hier.

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Hier das Interview von 2012:

Herr Halík, Ihr neuestes Buch heißt »Nachtgedanken eines Beichtvaters«. Hat ein Beichtvater besondere Erkenntnisse?

Tomás Halík: Einmal in der Woche, meist mehrere Stunden lang, kommen Menschen zu mir zum Beichtgespräch oder zur geistlichen Beratung. Wenn ich dann spätabends zu Hause bin, bedenke ich noch einmal, was diese Menschen spüren. Dabei zeigt sich eine Art Trend: Vor allem junge Menschen haben nur sehr wenig Vertrauen in das Leben, auch wenig Vertrauen in Institutionen wie die Kirchen. Die meisten leben in einer »postoptimistischen Zeit«. Die großen Versprechen der Moderne, etwa »immer mehr Fortschritt«, gelten für sie nicht mehr. Sie können sich nicht mehr auf einen Fundus von Vertrauen beziehen. Es herrscht eine tiefe geistige Krise. Die Unterhaltungsindustrie bestimmt und verändert fast alle Lebensbereiche, selbst die Politik und die Religion. Kommerzielle Unterhaltung ist eine Droge! Diese Welt habe ich in meiner Perspektive als Beichtvater vor Augen, der die Seele der Menschen kennenlernt. Mein neues Buch ist also alles andere als ein dogmatischer Traktat übers Beichten.

Wenn der Optimismus vorbei ist – wofür treten Sie persönlich dann ein?

Halík:Ich wehre mich gegen den religiösen Optimismus, der da meint: Der liebe Gott wird schon alles zum Guten wenden; wir müssen nur fleißig beten, dann gibt es das, was wir bei Gott »bestellen«. Das ist Magie! In Tschechien gibt es den Satz: »Optimistisch ist nur ein Mensch, dem die Informationen fehlen.« Für mich ist entscheidend, die Krise, etwa den Mangel an authentischem Glauben, wirklich auszuhalten und nicht in Illusionen zu fliehen. Wir sollten das biblische Paradox annehmen: Nur durch das Kreuz und den Tod ergibt sich Neues, ein Sieg der Hoffnung.

Auch im Blick auf die Entwicklung der katholischen Kirche und der Theologie gibt es wenig Grund, optimistisch zu sein?

Halík: Meines Erachtens liegt das Christentum in Europa auf dem Sterbebett. Ich frage Pfarrer in meiner Heimat manchmal: »Welche Kirche haben wir in fünfzig Jahren?« Höre ich die Antworten, dann habe ich oft das Gefühl, dass ich mich in der Familie eines Schwerkranken befinde, wo eine stille Übereinkunft gilt, dass über diese Krankheit nicht gesprochen werden darf. In diversen kirchlichen Milieus hatte ich sogar das Gefühl, als sei ich in das Theaterstück »Geschlossene Gesellschaft« von Jean-Paul Sartre geraten. Im Theater versteht der Zuschauer ja nach einer gewissen Zeit, dass alle Akteure tot sind, obwohl sie so tun, als ob nichts geschehen sei. Ein tschechischer Priester hat die katholische Kirche einmal mit einer Mühle verglichen, die zwar noch klappert, jedoch nicht mehr mahlt.

Gilt das auch über Tschechien hinaus?

Halík: Es gibt in Europa eine große Müdigkeit unter den Christen, ich spreche gern von der »Müdigkeit am Mittag«: Der Morgen – im Bild gesprochen: die frühe Geschichte des Christentums – liegt hinter uns; die »Zeit der Reife«, also der Nachmittag, wie der Psychiater Carl Gustav Jung einmal sagte, steht bevor. Jetzt aber herrscht die Müdigkeit des Mittags. Diese Krisenzeit gilt es anzunehmen. Nur so kann die neue Zeit religiöser, mystischer Tiefe kommen.

Was bedeutet für Sie der Glaube?

Halík: Der Glaube ist keine Ideologie, keine billige Lehre, durch die wir irgendwie Sicherheit finden. Glauben ist das Ausgesetztsein dem Geheimnis Gottes gegenüber, ist – anspruchsvoll – Teilhabe am Leben Gottes. Mit dem Geheimnis zu leben, das schlage ich zum Beispiel auch »Atheisten« als Lebensmaxime vor.

Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Halík: Für mich gibt es heute nicht mehr die alte Grenzziehung zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Beide können sehr selbstzufrieden in ihrer Position erstarren. Wichtiger ist, dass Gläubige wie Atheisten ihre Selbstzufriedenheit aufgeben und Suchende werden. Und mit den Suchenden Geduld haben! Ich selbst bin ein Suchender, ein geborener Skeptiker. Zum Glauben fand ich, weil ich konsequent skeptisch sein wollte und eben auch an meinem Zweifeln zweifelte. Ich will immer mehr die Tiefe des Glaubens erfahren, sozusagen »zum Grunde gehen«, und dann meine Erfahrungen mit anderen teilen – im gemeinsamen Suchen. Für mich ist entscheidend der von Paulus stammende Begriff der »Kenosis«, der Entäußerung und des Leerwerdens. Das ist das Gegenteil von Hochmut, Macht und Gewalt.

Hat diese Entäußerung auch eine aktuelle Bedeutung?

Halík: Ja. Gerade fand die Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier statt. Dort habe ich kürzlich gesagt: Kann denn der Heilige Rock, bei aller Hochachtung vor dieser Reliquie, heute noch ein Symbol der Kirche sein? Der Rock blieb doch in den Händen der Soldaten. Jesus ist nackt gestorben. Ist also nicht die Nacktheit Christi als Bild der Kirche viel treffender? Der nackte Christus – das ist Ausdruck der Entäußerung. Manchmal scheint es mir, dass Gott die katholische Kirche – angesichts der Missbrauchsfälle etwa – der Schmach vor den Augen der Welt preisgegeben hat auch als Strafe für all ihren Triumphalismus in der vergangenen wie jüngsten Geschichte. Es ist die Strafe für den Mangel an Bereitwilligkeit oder auch für die Unfähigkeit, mit allen Konsequenzen demütig zuzugeben, dass die Kirche eine »Gemeinschaft von Pilgern« ist, dass sie unterwegs ist und nicht am Ziel und sie keine »triumphierende Kirche« spielen darf.

Sie sprechen in Ihrem Buch von dem »bescheidenen, dem kleinen Glauben«. Gibt es von hier eine Verbindung zu den Atheisten?

Halík: Durchaus, denn wenn jemand praktisch zeigt, dass er die anderen als Brüder und Schwestern behandelt, dann folgt er – unbewusst – der Überzeugung, dass alle Menschen Kinder eines göttlichen »Vaters« sind. Wer die Lebensqualität dieser Erde bewahren will, der nimmt indirekt auch den Schöpfer an. Im Handeln zeigt sich also ein verschwiegener Glaube. Er ist schon in der Person verwurzelt, er ist nur noch nicht auf der bewussten Ebene formuliert. Darum verstehe ich mich mit diesen »Ungläubigen« gut und weniger gut mit einigen Christen, die nur viele Worte machen. Es gibt also eine neue Grenze zwischen Suchenden und Festgefahrenen. Eine bestimmte Art atheistischer Kritik kann eine Verbündete des Glaubens sein. Sie kann den Glauben von infantilen religiösen Vorstellungen befreien.

In Ihrem Buch kritisieren Sie ausdrücklich den enthusiastischen Glauben charismatischer Kreise.

Halík:Der Glaube sollte nicht zu einer schlichten Emotion werden. Glauben ist ein ernsthaftes Ringen mit dem Geheimnis, vor dem man oft sprachlos bleibt. Gott wohnt im unzugänglichen Licht! Wir sind immer mit dem Schweigen Gottes konfrontiert. Diese »Nacht des Glaubens« möchte ich respektieren. In unserer Universitätskirche in Prag versuchen wir dem zu entsprechen. Hier kommen sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Mein Motto ist: »Alle sind eingeladen, niemand wird gezwungen.« Wir freuen uns, dass in den zwanzig Jahren meiner Tätigkeit dort rund tausend Menschen getauft wurden. Diese offene Gemeinde ist für viele eine Art Zuhause, weil wir auch anspruchsvolle Meditationen oder Kunstausstellungen anbieten.

Wie dringend sind Reformen in der katholischen Kirche?

Halík: Die katholische Kirche muss sich immer reformieren. Sie sollte zudem Pluralität in den eigenen Reihen zulassen. Die frühe Kirche war ja in ihrer Organisationsstruktur, Theologie und Liturgie weit bunter als das heutige Christentum. Eine völlige Einheit der Kirche war niemals und wird wohl nie eine historische Tatsache sein. Über all die Themen, die die Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche vorbringt, sollte ruhig und sachlich diskutiert werden. Das schreibe ich auch in meinem Buch. Ich denke, dass diese Gruppen in mancherlei Hinsicht schließlich doch recht haben. Aber ich wende mich entschieden gegen die Vorstellung, die ich allerdings nicht allen Vertretern dieser Bewegung unterstelle, dass sich durch eine Demokratisierung und Liberalisierung der Strukturen, der Disziplin und etlicher Punkte der Moraldoktrin der katholischen Kirche ein neuer Frühling des Christentums einstellen könnte. Aber auch den Traditionalisten gegenüber habe ich meine Vorbehalte: Sie wollen in eine vormoderne Zeit zurück und suchen sich aus dem Ganzen des Glaubens aus, was ihnen gefällt. Damit sind sie häretisch. Glauben aber ist keine bequeme Gewissheit.

Sind das Perspektiven, die aus Ihrer Sicht angesichts des 50. Jahrestages des Zweiten Vatikanischen Konzils im Herbst bedeutsam sein können?

Halík: Durchaus, man denke an die festlichen Worte, mit denen das Konzilsdokument »Über die Kirche in der Welt von heute« beginnt: dass eben »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen unserer Zeit auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Kirche« sind. Diese Worte klingen fast wie ein Ehe-Gelöbnis: Die katholische Kirche gelobt dem modernen Menschen Liebe, Achtung und Treue in guten wie in schlechten Zeiten. Ist sie ihrem Versprechen jedoch treu geblieben? Kann sie heute mit gutem Gewissen eine »Goldene Hochzeit« mit der modernen Gesellschaft feiern? Auf der anderen Seite muss man allerdings auch nüchtern fragen: War für den modernen Menschen eine solche »Ehe« überhaupt je begehrenswert? COPYRIGHT: PUBLIK – FORUM. Wir weisen ausdrücklich empfehlend auf diese Zeitschrift hin. www.publik-forum.de

Lesetipp: Tomás Halík: Nachtgedanken eines Beichtvaters – Glaube in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag. 320 Seiten. 16,99 €

PS. am 6.6.2012:  Wir erlauben uns, aus aktuellem Anlaß im Vatikan,  ein Zitat aus dem neuen Buch von  Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  „Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird“.



Fichtes 250. Geburtstag: Ein „Atheist“ oder ein moderner Denker des Göttlichen?

15. Mai 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Ein „Atheist“ oder ein moderner Denker des Göttlichen?

Hinweise zum 250. Geburtstag von Johann Gottlieb Fichte

Von Christian Modehn

Anlässlich des 250. Geburtstages des Philosophen Johann Gottlieb Fichte ( am 19. Mai 2012) möchte ich auf einige (!) interessante Aspekte seines Denkens – vor allem im religionsphilosophischen Zusammenhang – hinweisen.

-Es wurde vielfach debattiert, ob die „theoretischen“ Arbeiten Fichtes (also etwa seine Wissenschaftslehren) als Hauptthema neben den eher sekundären „populären“ Arbeiten stehen, also etwa der „Bestimmung des Menschen“ oder der „Anweisung zum seligen Leben“. Die Studie von Peter L. Oestereich und Herman Traub „Der ganze Fichte“ (Stuttgart 2006) zeigt, dass auch die „populären“ Arbeiten gleichberechtigt zu sehen sind und für Fichte selbst genauso wichtig waren.

–  Man darf nicht vergessen, dass ein Hauptmotiv für Fichtes eigenes Philosophieren war, die Vermittlung des Denkens an eine breite Allgemeinheit zu leisten. Es ist bekannt, dass Fichte als Vortragender und Professor – etwa in Berlin – durchaus um Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit sehr bemüht war. Rhetorik war eines seiner Hauptinteressen. Selbst fürs Predigen hatte er eine frühe Leidenschaft, Das schließt nicht aus, dass seine „Wissenschaftslehren“  durchaus höchste Konzentration verlangen, also „schwierig“ sind.  In jedem Fall: Philosophie kommt für Fichte aus dem Leben her und führt nach grundlegender Reflexion wieder zum (dann neu gesehenen) menschlichen Leben zurück.

– Diese Philosophie hatte kein anderes Ziel, als die Freiheit des Menschen zu begründen und zu verteidigen und sozusagen Mut zu machen, praktisch frei zu leben in einer autoritär geprägten Welt.

– Für Fichte hießt eine entscheidende Hauptfrage: Wie kann ich philosophisch überzeugend von dem Absoluten reden? Die religionsphilosophische Thematik gehört also entschieden zu Fichtes Denken.  In dem Zusammenhang wird dann gern auf die interessante Schrift „Die Anweisung zum seligen Leben“ (von 1806) verwiesen, sie ist in Berlin erschienen; an der heutigen Humboldt Universität war er 1811 der erste gewählte Rektor! Für alle Berlin – Interessierten: Fichte wohnte (seit 1800) in der Kleinen Präsidentenstraße Ecke Neue Promenade.

„Die Anweisung zum seligen Leben“ von 1806 hat als Voraussetzung die Schrift Fichtes „Appellation an das Publikum“ von 1799. In dieser Schrift muss sich Fichte gegen den Vorwurf verteidigen, er sei Atheist. Diese Debatte hatte damals sehr viel Aufmerksamkeit gefunden und die ganze „intellektuelle Welt“ Deutschlands bewegt. Verständlicherweise, in einer Gesellschaft, in der die kirchliche Orthodoxie auch politisch noch allmächtig war. Man sprach darum von einem „Atheismus – Streit“, ausgelöst durch eine Publikation im „Philosophischen Journal“. Fichte hatte in einem Beitrag  gezeigt- darin von Kant inspiriert -, dass die Ethik der Religion VOR – geordnet ist. „Religion entsteht einzig und allein aus dem Wunsch des guten Herzens, dass das Gute in der Welt die Oberhand über das Böse behalten möge“. Und an anderer Stelle schreibt Fichte: „Es ist nicht Pflicht zu glauben, dass Gott als moralischer Weltregent existiert. Sondern es ist allein die Pflicht zu HANDELN, als ob man es glaube“. Darum ist für Fichte die „moralische Ordnung selbst das Göttliche“. Wer Gott Persönlichkeit und Bewusstsein zuspricht, wird in blasphemischer Weise dafür sorgen, dass Gott zu einem endlichen Gegenstand wird, so Fichte. Diese Debatten sind bis heute aktuell, man denke nur an die Diskussionen rund um die Publikationen des niederländischen Pfarrers (der mit den Remonstranten verbunden ist) Klaas Hendrikse. Fichte jedenfalls verteidigte sich 1799, er wollte angesichts dieser Einsichten nicht als Atheist gelten (was auch sozial  und finanziell damals höchst unerfreulich gewesen wäre). „Fichte hat einen großen Teil derer, die sich in der Öffentlichkeit zu äußern pflegten, zumindest darin auf seine Seite gezogen, dass die Anklage des Atheismus grundlos sei“, so Wilhelm G. Jacobs, in der Rowohlt Monographie „Fichte“.

Diese Position von 1799 hat Fichte dann in seiner Publikation „Die Anweisung zum seligen Leben“ (1806) revidiert. Jetzt hat Fichte offenbar die radikale Subjektivitätsphilosophie seiner früheren Jahre verlassen, in der vom Subjekt aus die ganze Wirklichkeit konstituiert wurde. Nun wird Religion als etwas Objektives gedeutet, das vor aller „Konstitution“ durch das Ich besteht. Religion wird nun als objektiv gegebene Macht erlebt, die den einzelnen wie die Gesellschaft zu bilden vermag. Nun sieht Fichte – durchaus mystisch -, dass es vor allem auf die Liebe ankommt, in der der Mensch  sich mit dem Göttlichen vereinigen kann. In der Liebe werden die Grenzen der Vernunft überschritten. Im Gedanken kann der Mensch dann das Ewige hier auf dieser Welt erreichen und aussprechen. Dann erreicht der Mensch in der das Denken eröffnenden Liebe das „Leben in Gott, das Freisein in Ihm“. Aber dieses Ewige soll im Gedanken „egriffen“ werden!

– Was ist menschliches Leben für Fichte? Es ist geistiges Leben, das sich philosophierend gestaltet, nicht nur in einer Art von philosophischer Kontemplation, sondern im Einsatz für die Freiheit im Staat und in der Gesellschaft.

– Zur Grundtendenz seiner Philosophie schreibt Fichte: “In Absicht der Religionslehre ist der Zweck meiner Philosophie der, dem Menschen weder seinem Verstand noch seinem Herzen irgendeinen Standpunkt übrig zu lassen, als den der reinen Pflicht und des Glaubens an eine übersinnliche Welt“.

Fichte wurde am 19.5. 1762 in Rammenau in der Lausitz geboren, er ist am 29.1.1814 in Berlin gestorben.

Copyright: Christian Modehn