Monatsarchiv



Grundvertrauen – die wahre Religion der Menschheit. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

30. September 2012 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Grundvertrauen – die wahre Religion der Menschheit

Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn, Religionsphilosophischer – Salon Berlin

Veröffentlicht am 30.9.2012

Es wird heute immer schwieriger, von persönlichem Leid einmal ganz abgesehen, in einer von Gewalt und Ungerechtigkeit geprägten Welt noch die Zuversicht zum Leben zu bewahren oder zu entwickeln. Sehen Sie Möglichkeiten, theologisch und religionsphilosophisch Wege zur  (gar nicht oberflächlich gemeinten) Lebensfreude zu zeigen?

Es gibt im Leben eines jeden Menschen doch auch die erfüllen Augenblicke, die besonderen Erlebnisse, in denen sich die Schönheit der Welt und der unendliche  Reichtum des Lebens zeigen. Natürlich bedrängt und bedrückt uns das andere, das Sie ansprechen, das persönliche Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit überall. Wer könnte davor die Augen verschließen und wer wäre nicht selbst auch immer wieder von all dem betroffen, was das Leben schwer und die Welt hässlich macht? Dennoch frage ich mich, ob ich mich in meinem Lebensgefühl verstanden fühle, wenn man mir unter Vorhaltung all des Schrecklichen, das geschieht, meint die Lebensfreude absprechen zu müssen. Continue reading “Grundvertrauen – die wahre Religion der Menschheit. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb” »



Das 2. Vatikanische Konzil und die Juden: Perspektiven des Konzilstheologen Gregory Baum

26. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Das 2. Vatikanische Konzil und die Juden: Perspektiven des Konzilstheologen Gregory Baum: „Judenmission darf es nicht mehr geben“

Ein Interview von Christian Modehn

Viele Freunde des Religionsphilosophischen Salons fragen – anlässlich des „Konzilsjubiläums, d.h. Konzilbeginn vor 50 Jahren – nach einem Gespräch, das ich mit Gregory Baum in Montréal, Kanada, führte über das 2. Vatikanische Konzil und die Juden.

Gregory Baum, Professor em. für Theologie und Religionssoziologie an der Mc Gill University in Montréal, ist auch als Autor zahlreicher Bücher und als Mitherausgeber der Zeitschrift CONCILIUM international geachtet. Er wurde 1923 in Berlin in einer jüdisch geprägten Familie geboren, die Großeltern waren vom Judentum zum Protestantismus konvertiert. Für die Nazis galt Gregory Baum als „Jude“. So musste er 1939 als junger Mann über England nach Kanada fliehen. Dort konvertierte er zum Katholizismus, er trat in den Augustinerorden ein (den er 1976 wegen seiner Heirat verließ). In Fribourg, Schweiz, hatte er 1956 seine theologische Doktorarbeit der ökumenischen Bewegung gewidmet. Der für Ökumene im Vatikan zuständige Kardinal Augustin Bea wurde auf ihn aufmerksam, als er 1960 begann, die ökumenischen Themen des II. Vatikanischen Konzils vorzubereiten. Als Augustiner Pater hat Gregory Baum als „peritus“, als „Fachtheologe“, am 2. Vatikanischen Konzil und schon an dessen Vorbereitungen teilgenommen. Das Interview stammt aus dem Jahr 2001, es fand in Montréal statt.

Gregory Baum:

Bei der ersten Versammlung des so genannten „Einheitssekretariates“ am 14. November 1960 war ich schon dabei. Dabei betonte dessen Leiter, Kardinal Bea, dass Papst Johannes XXIII. ausdrücklich eine Klärung des Verhältnisses von Kirche zum Judentum wünsche. Wenige Tage zuvor hatte der Papst den jüdischen Historiker Jules Isaac aus Frankreich empfangen, er hatte 1948 in seinem Buch „Jésus et Israel“ sehr sachlich gezeigt, dass die Judenfeindlichkeit schon in den Evangelien ihre Wurzeln hat. Johannes XXIII. war gegenüber diesem Thema sehr sensibel, er hatte selbst im 2. Weltkrieg Juden hilfreich beigestanden. Offenbar hat Jules Isaac den Wunsch beim Papst verstärkt, ein Konzils-Dokument über das Judentum zu verfassen. Ich konnte auf Vorschlag Kardinal Beas weitere theologische Mitarbeiter empfehlen; er beauftragte mich, einen ersten Text „de judaeis“ vorzubereiten für die Versammlung seines „Einheits – Sekretariates“ vom 6. bis 9. Februar 1961. Einer der wichtigster Mitarbeiter im Einheitssekretariat war damals Prof. John Österreicher, ein Jude, der aus Wien stammt. Er war auch Konvertit und Leiter eines theologischen Institutes in den USA. .

Christian Modehn:

Welche Themen hatten Sie in diesem ersten Entwurf für ein Konzilsdokument über das Judentum angesprochen?

Gregory Baum:

Die Kirche, die sich selbst verstehen will, muss sich an ihre  Verwurzelung in der Geschichte des Volkes Israel erinnern und diese Verbindung anerkennen. Die Kirche muss sich zweitens absetzen von den populären Vorurteilen, z.B.: „Die Juden hätten in der Geschichte immer wieder leiden müssen, weil sie Jesus abgelehnt haben“. Dann sagte ich: Das Judentum bleibt nach wie vor „das auserwählte Volk Gottes“. Deswegen muss die Kirche den Juden mit Respekt und Liebe begegnen. Jeglicher Antisemitismus ist nicht christlich.

Christian Modehn:

Aber Antisemitismus gab es doch damals selbst unter Bischöfen, auch während des Konzils?

Gregory Baum:

Wir merkten im Laufe unserer Arbeit im Einheitssekretariat, dass es eine Gruppe von Bischöfen gab, die den traditionellen katholischen Antisemitismus offen vertrat. Jahrhunderte lang wurde ja in der Kirche gelehrt: Die Juden haben Jesus nicht angenommen, sie haben ihn gekreuzigt usw…Es gab zum Beispiel während der Verhandlungen über unser Dokument Eingaben von Konzilsvätern, die da schrieben: “Die Juden waren immer die Feinde des Evangeliums, und sie sind es noch heute“. Diese Bischöfe beriefen sich dabei auf Texte aus dem Neuen Testament. Diese Kirchenführer hingen einer Mentalität an, die im kirchlichen Milieu damals sehr verbreitet war. Sie betonten: Was früher galt, kann heute nicht falsch sein. Sie hatten keinen Sinn für Entwicklung der Lehre. Noch Ende der dreißiger Jahre beispielsweise konnte man in einem vatikanischen Text lesen, dass sich die Gesellschaft Europas vor dem negativen Einfluss der Juden schützen sollte; Juden würden den Materialismus fördern in seiner kapitalistischen wie in seiner kommunistischen Form: In der damals nicht veröffentlichten Enzyklika Pius XI. von 1938 (nun ist sie öffentlich zugänglich) sind solche Sätze zu lesen, in einem Text übrigens, der eigentlich den Antisemitismus verurteilte.

Christian Modehn:

Aber es gab auch politisch motivierten Widerstand gegen Ihre Arbeit beim Konzil?

Gregory Baum:

Der Widerstand gegen einen offiziellen Konzils-Text, der auf Dialog und Verständigung mit dem Judentum setzt, gab es vor allem von Bischöfen aus dem Nahen Osten. Diese Bischöfe wollten Rücksicht nehmen auf die muslimischen Araber; diese Bischöfe glaubten, ein Text, der das Judentum positiv würdigt, könne zu einer Art Anerkennung des Staates Israel durch die Katholische Kirche führen. Und das wollten sie verhindern!  Schließlich wollte man auch die Entwicklung der katholischen Kirche nicht gefährden in den Ländern des Nahen Ostens! Der damalige Kardinal Staats-Sekretär im Vatikan, Kardinal Cicognani, hatte sich den Argumenten dieser Bischöfe aus dem Nahen Osten angeschlossen: Er hatte sich in einer entscheidenden Sitzung der „Zentralkommission“ des Konzils 1962 dafür eingesetzt, dass unser erster Entwurf eines Konzils-Dekrets über das Judentum abgelehnt wurde!. Aber Kardinal Bea liess sich das nicht bieten! So konnten wir an weiteren, insgesamt 4 Entwürfen, arbeiten.

Christian Modehn:

Es war also ein ziemlich heftiges Ringen voller Widerstände? Das Konzil war also alles andere als einheitlich geprägt?
Gregory Baum:

Das Sekretariat für die Einheit der Christen hatte ja ohnehin die in vieler Hinsicht problematischsten Konzilstexte vorzubereiten: Das Dokument über die Ökumene, das Dokument über die Religionsfreiheit und das Dokument über die Beziehung zu den Juden.

Am 9. Oktober 1964 verkündete der Generalsekretär des Konzils, Msgr. Felici, dass „aufgrund  des Willens einer höheren Autorität, also offenbar des Papstes, „das Dokument über die Beziehung zu den Juden“ auf wenige Sätze reduziert werden sollte. Diese wenigen Zeilen sollten einfach in die grosse „Konzilskonstitution über die Kirche“ integriert werden. 14 Kardinäle, darunter die ganz bekannten aus Europa und den USA, wandten sich sofort an Papst Paul VI. Sie wiesen darauf hin, welche verheerenden Konsequenzen die Unterdrückung eines eigenen Dokuments über die Beziehungen zu den Juden habe. Dabei wurde deutlich, dass „die höhere Autorität“, die Bischof  Felici zitierte, nicht der Papst, sondern wieder der einflussreiche Kardinal Cicognani war. Das „Sekretariat für die Einheit der Christen“ setzte nach dieser Enthüllung die Arbeit an dem Dokument fort, nur sollte jeder politische Aspekt vermieden werden: Die katholischen Gemeinden im Nahen Osten sollten keine Repressalien erwarten dürfen von der Mehrheit der islamischen Bevölkerung, wenn jetzt im Vatikan ein „judenfreundliches Dokument“ veröffentlicht wurde. So wurde also auf das Wohl der Kirche in Nahost entschieden Rücksicht genommen bei der Formulierung dieses historischen, bahnbrechenden Textes! Es ging primär auch um das Wohl der Kirche! In dem neu erarbeiteten, vierten Entwurf des Dokuments über die Juden durfte dann auch nicht mehr die Rede davon sein, die „Juden seien ein Volk“. Der Text über das Judentum wurde dann eingegliedert in die Erklärung der Kirche zum Verhältnis mit den nicht-christlichen Religionen! Das muss man sich vorstellen! Das Judentum wurde also lediglich als eine religiöse Dimension gesehen, vom Staat Israel war keine Rede. Die judenfeindliche Haltung der Kirche in der Vergangenheit wurde lediglich „bedauert“, von Eingeständnis eigener Schuld der Kirche konnte noch keine Rede sein. Das Judentum jedenfalls fand sich also in einem Dokument wieder, das auch die Beziehung zum Buddhismus oder dem Islam klärt… Dabei war damals schon klar: Dass die Wurzeln des Glaubens aus dem Judentum stammen! Dass es also ein sehr dichtes Verhältnis der Kirche zum Judentum gibt….

Christian Modehn:

Wie verlief denn die Abstimmung zu diesem Dokument?
Gregory Baum:

Das Kapitel über das Judentum im Text über die nichtchristlichen Religionen erhielt am Tag der Abstimmung, am 20. November 1964, 1770 positive Stimmen gegen 185 ablehnende. Die ablehnenden Bischöfe durften noch einmal ihre Bedenken vorbringen, und so sind in den tatsächlichen Abschlusstext noch einmal Veränderungen der ablehnenden Seite eingeflossen.

Christian Modehn:

Haben die Aussagen des Konzils über das Judentum eine bleibende Bedeutung?

Gregory Baum:

Das Verhalten der Kirche zum Judentum hat sich durch den Text doch noch um 180 Grad gedreht. Ich denke, die Worte des Konzils über das Judentum sind von höchster Bedeutung. Auch die Juden in Amerika beispielsweise haben den Text sehr geschätzt. Denn deutlich ist: Mit diesem Text ist keine Missionierung von Juden mehr zu vertreten! Der „Alte Bund“ besteht nach wie vor weiter. Die Kirche ist aus dem Judentum entstanden, beide haben ein gemeinsames religiöses Erbe. Die Kirche darf nicht meinen, das Judentum „ersetzen“ oder „ablösen“ zu können. Diese und viele anderen theologischen Erkenntnisse sind heute in katholischen Kreisen fast eine Selbstverständlichkeit. Diese Erkenntnisse wurden im Konzil grundgelegt. Für mich war es einer der wichtigsten Ereignisse in meinem Leben, an diesem theologischen Durchbruch mitgewirkt zu haben. Ich habe damals sozusagen Tag und Nacht an diesen Texten in Rom gearbeitet. Erst später erfuhr ich, dass sich während dieser Arbeiten auch jüdische Gelehrte in einem direkten regen Austausch mit Kardinal Bea befanden. Es wurde also nicht nur über Juden gesprochen, sondern – wenigstens im Hintergrund – mit ihnen!

Copyright! Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon.

 

 

 

 

 



Nietzsche – gefährlich anregend. Ein Vortrag im Religionsphilosophischen Salon

23. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Nietzsches Philosophie – gefährlich anregend

Von Christian Modehn, Berlin

Kurzer, einführender Vortrag im Religionsphilosophischen Salon am 21.9.2012,  auf vielfachen Wunsch publiziert.

PS: Es handelt sich um ein einführendes Statement, das keineswegs umfassend ist. Viele Themen, wie „Wagner“ oder Dionysos, konnten nicht angesprochen werden, schon aus zeitlichen Gründen…

Der Titel deutet bereits das Spannungsverhältnis an, dem man sich stellen muss, wenn man sich mit Nietzsches Philosophie befasst. Er selbst hat sein eigenes Denken gefährlich genannt, weil es in die Weite einer neuen Kultur führen soll, was einen Bruch mit der vertrauten alten Kultur bedeutet.

In seinem relativ frühen Text „Fröhliche Wissenschaft“ (von 1881) gibt Nietzsche selbst die Losung aus, „gefährlich zu leben“. Gerade in dieser Infragestellung unserer bisherigen kulturellen Selbstverständlichkeiten ist Nietzsche anregend – und aufregend. Sein Denken kann niemanden unbewegt lassen.

1.

Warum gerade jetzt eine Auseinandersetzung mit N. Philosophie? Vielleicht, weil viele seiner Analysen und Prognosen heute von vielen als zutreffend erlebt werden. Sie ist entschieden von einer radikalen, das bisherige christliche System vernichtenden,Religionskritik geprägt und von dem äußerst eindringlichen Vorschlag, sich neu religiös zu orientieren. Das gilt es wahrzunehmen, ohne gleich zuzustimmen!

Die entscheidende Perspektive heißt bei Nietzsche: Gott ist tot. Das muss man genau hinhören: Er sagt in diesem Satz, der seiner Analyse seiner Gegenwart entspringt, dass Gott tot ist. Das ist etwas anderes als zu sagen: Gott gibt es nicht; oder: Gott existiert nicht. Wer sagt: Gott ist tot, sagt auch: Er war mal lebendig. Nun ist er tot, ein bestimmter Gott ist nicht mehr am Leben.

2.

Da sind wir schon beim aktuellen Bezug: Jeder sieht in Westeuropa und unter allen gebildeten Menschen weltweit: Dass der alte bekannte überlieferte und eingeprägte Gott der Christen, etwa die Trinität, Jesus als Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt, ist nicht mehr lebendig und wird nicht mehr innerlich verehrt und akzeptiert. Darüber gibt es eigentlich keine Diskussion, das ist auch empirisch erwiesen: Der alte dogmatische Glaube ist tot. Jeder macht sich seine persönliche „Glaubensmelange“… Das ist eine Tatsache, und war wohl früher schon eine Tatsache. Welcher bayerische Bauer glaubte im 17 Jahrhundert z.B. dogmatisch korrekt, etwa, laut Glaubensbekenntnis, dass der Heilige Geist von Vater und Sohn ausgeht?

Man werfe heute nur ein Blick in die Kirchen am Sonntag: der Gottesdienstbesuch lässt in ganz Europa ständig nach; in manchen Ländern geht er gegen Null; die dort verbreiteten Gotteslehren und oft auch in eins mit Morallehren sind nicht mehr nachvollziehbar. Das Mönchleben und die Orden sterben aus; große Begeisterung, Pfarrer zu werden, ist kaum zu spüren, viele theologische Fakultäten stehen etwa in Deutschland vor der Schließung.Gott ist tot. Was Nietzsche empört, ist, dass alle so weiter machen und weiter leben wie bisher, als sei dieser Gott gerade nicht tot. Sie flüchten in den Schein und den Selbstbetrug.

3.

Aber dieser verstorbene Gott war früher sozusagen der oberste Garant einer Werte – Ordnung: „Für Gott und Vaterland“, man erinnert sich an den Spruch; Gott ist die oberste Wahrheit; alles Erkennen geschieht in göttlichem Licht; Gott ist der Schöpfer der Welt usw.

Wenn dieser Gott der obersten Werte und vertrauten Weltbilder tot ist: Dann bricht eine Welt zusammen. Dann wird den Menschen der Boden entzogen.

Das Schwierige im Umgang mit Nietzsches Texten ist nur: Es sind in den umfangreichen Büchern viele, meist kurze knappe Texte hintereinander gestellt, es sind meist keine systematischen Abhandlungen, zumindest im Spätwerk (ab 1880) ist das so. Da sollte man nie isolierte Aphorismen für die ganze Wahrheit von Nietzsche Aussagen nehmen.

4.

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ist zweifellos einer der ungewöhnlichsten Philosophen. Er schreibt in einer Sprache, die musikalisch – poetisch oft ist, keineswegs abstrakt und Theorie – versponnen. Nietzsche ist heute einer der am meisten gelesenen und philosophisch bearbeiteten Denker. Er wurde rezipiert von Künstlern, wie Picasso, Kandinsky, Klee, Schriftstellern wie Rilke, George, Thomas Mann, Proust;  Richard Strauss („Also sprach Zarathustra“) Gustav Mahler…

In Deutschland begann die gründliche kritische Nietzsche Forschung erst in den sechziger Jahren.

Nietzsche spricht als persönlich Erschütterter und Leidender. Seine Texte sind mit dem eigenen Leben verbunden, sind niemals Erkenntnisse,  die am Grünen Tisch entstanden sind oder sich lediglich als Beiträge akademischer Debatten oder gar als „Glasperlenspiel“ verstehen. Wichtig ist der extrem hohe Anspruch seines Denkens, das sich besonders in der späten Phase, vor der Umnachtung im Januar 1889, als prophetische Stimme, als Weisung und radikale Lebenserneuerung präsentiert. Das ist in dieser, man möchte sagen, „missionarischen Sendung“ durchaus selten innerhalb der Philosophiegeschichte.

5.

Nietzsche will mehr sein als ein Philosoph, er will als Ausnahmeexistenz des Umstürzlers und Neues Stiftenden ein Beispiel geben. Er möchte eine neue Renaissance einleiten, Geburtshelfer einer neuen Kultur sein. Dabei kommt es gerade in den letzten Jahren zu einer extremen Stilisierung des eigenen Daseins und Denkens. Er will aus seinem Leben ein Kunstwerk machen. Er schreibt Worte, die Taten sind. Er will ein Philosoph „mit dem Hammer“ sein: D.h. wohl: Es ist der „Hammer“ gemeint, mit dem der Arzt den Körper des Patienten abklopft,  so will Nietzsche sinnlich wahrnehmen, hören, was unter „uns“ geistig – religiös krank ist.

6.

Ich will kurz einen, vielleicht das Wesentliche treffenden biographischen Hinweis geben: Hier kommt es nur darauf an, zentrale menschliche Lebens –  Erfahrungen Friedrich Nietzsches zu erwähnen, die unmittelbar für sein Denken und Schreiben wichtig wurden: Vor allem ist da zu nennen der schmerzvolle Tod seines Vaters im Alter von 36 Jahren, ihn erlebte Friedrich Nietzsche als 5 Jähriger. Sein Vater war evangelischer Pfarrer, er stammte aus einem alten „Pfarrergeschlecht“, in der Familie gab es schon in der 5. Generation Pastore. Zuhause wurde auf strenge Befolgung der kirchlichen Lehren geachtet.

Friedrich Nietzsche wandte sich angesichts des Leidens und frühen Sterbens seines Vaters an Gott, betend und bittend; aber ohne göttliche Antwort blieben seine Bitten.

Kein Gott antwortet: Nietzsche lernt daraus: Gott erhört uns nicht; die Frommen verehren eine Art Phantom, ein illusorisches Himmelswesen, unerreichbar und tyrannisch. Dieser Glaube, sagt Nietzsche später, führt die Menschen dazu, das Beste ihrer Ideen und Energien an einen illusorischen Himmel zu verschleudern … anstatt „fröhlich“ auf Erden zu leben. Es kommt für Nietzsche entschieden darauf an, dass die Menschen die Freude am Lebendigen bewahren, dass sie sich am Genuss der Sinne erfreuen, dass sie Stärke erleben…Bleibt der Erde treu, heißt dann sein Prinzip.

7.

Ich will hier nur kurz erwähnen, dass Nietzsche in Basel schon als hochbegabter junger Mann – ohne Promotion, ohne Habilitation – Professor für Altphilologie wird. Aber in den Baseler Jahren wird schon die Philosophie für ihn immer wichtiger: Er gibt die Professur auf und lebt fortan ziemlich bescheiden als freier Philosoph und – kaum erfolgreicher – Schriftsteller bis zu seinem geistigen und körperlichen Zusammenbruch Anfang 1889. Nietzsche ist 1900 gestorben, seti 1889  von seiner Mutter in Naumburg liebevoll versorgt, ab 1897 von seiner Schwester Elisabeth in Weimar betreut, die sich – als Antisemitin schlimmster Art – erdreistete, unveröffentlichte Texte ihres Bruders nach eigenem ideologischen Gusto zu veröffentlichen (etwa: „Der Wille zur Macht“). Sie hat auch dafür gesorgt, dass von Nietzsche ein paar Sprüche durch die Stammtisch Gesellschaften geisterten und geistern, etwa: Nietzsche propagiere den Machtmenschen, die blonde Rasse usw, Dinge, die im Faschismus aufgegriffen wurden. Erst die kritischen Gesamtausgaben von Colli und Molinari ab 1960 haben eine ernsthafte differenzierte Nietzsche Lektüre möglich gemacht.

8.

Nietzsche hat eher antisystematische Werke hinterlassen, aber er hatte systematische Absichten, schreibt der Philosoph Volker Gerhardt.

Ein Wort zur „Methode im Denken Nietzsches:

Wichtig ist das radikale Hinterfragen und Bezweifeln der überlieferten kulturellen und religiösen Traditionen. Er fragt, was ist das VERBORGENE in dem, was sich kulturell zeigt. Der Verdacht spielt bei ihm eine große Rolle, ihn interessiert der Schleier, der sich über die Wahrheit legt, die Rolle des Unbewussten wird von Nietzsche klar gesehen. Nietzsche als Psychologe wäre ein Thema!

Also: Hinter dem, was sich öffentlich als gut zeigt, kann etwas anderes, etwas Böses lauern. Der Schein trügt, ist seine Devise. Und hinter dem, was wir als Böse hingestellt bekommen, kann sich gerade das Gute und das Wahre verbergen. Wir müssen also immer skeptisch bleiben, nicht auf alle Sprüche aller möglichen Herrschaften reinfallen. Wir müssen damit rechnen, so Nietzsche, dass uns auch in den entscheidenden Begriffen und Dogmen, wie Gott z.B., nur Masken begegnen.

In Nietzsches späterem Werk, also etwa seit 1880, kehren bestimmte Themen und Motive immer wieder, z.T. mit unterschiedlicher Schärfe und Intensität.

Ich will versuchen, eine Art kleinen systematischen Durchblick zu bieten:

9.

Stichwort Nihilismus: Da zeigt sich Nietzsche als der große Analytiker der Gegenwart und als „Wahrsagevogel – Geist“, wie er sich selbst nannte.

Er sieht einerseits die große Öde, das nur glitzernde Phantom, den Kulturbetrieb, wie Adorno später sagt.

Die alten Werte werden nicht mehr als solche respektiert. Sie werden zwar pro forma mit dem Anspruch der absoluten Wahrheit verkündet, aber, so Nietzsche, diese absolut geltenden Wahrheiten gelten eigentlich nicht mehr. Die meisten wissen längst: Alles Erkennen ist perspektivisch, also ausschnitthaft, es gibt keine rund herum absolut wahre Erkenntnis des „Dinges an sich“.

Aber die alte Welt der Kultur und Religion redet uns ein, wir müssten absoluten Werten folgen, diese Einrede ist obsolet geworden. Diese Bindung an die alten Werte wird passiv hingenommen, der oberste Wert, Gott und Christus, werden als Aufforderung verstanden, das Leiden hinzunehmen, alles zu ertragen.

Aber Nietzsche fragt: Woher kommt der Nihilismus. Es sind die Priesterklassen und Asketen, die ihre Werte verbreitet haben, Werte des Jenseits, die mit dem Leben nichts zu tun haben. Den dort gepredigten passiven Nihilismus will Nietzsche überwinden.

Aber zuvor, damit zusammen hängend, muss erkannt werden:

10.

Gott ist tot: ist das entscheidende Stichwort. Aber alle tun so, als sei er nicht tot.

In der „Fröhlichen Wissenschaft“ kündigt der tolle Mensch den Tod Gottes an. Wichtig ist zu sehen, dass der Tod Gottes nicht als bedauernswertes, zwar als überwältigend erschütterndes Ereignis gesehen wird, sondern im letzten als große Befreiung. Später auch in seinem Zarathustra Buch wird der Tod Gottes als das zentrale Ereignis beschrieben. Jedenfalls liegt da kein Plädoyer pauschal für den Atheismus vor, eher die Aufforderung, der Suche nach einem neuen Gott, von dem schon der junge Nietzsche sprach.

11.

Differenzierter sollte man sehen: Jesus bejaht Nietzsche als die vorbildliche menschliche Gestalt und die menschliche Lehre des Jesus von Nazareth. Jesus habe ein Nein gesprochen gegen alles, was Priester und Theologen sagten. Er hat zum Widerstand aufgerufen, die kleinen Leute sollten widerstehen…

Nietzsche sieht den Ursprung der Verfälschung der Jesus – Lehre mit Paulus beginnen. Durch die Lehre von der Auferstehung verschiebe sich das Interesse am Dasein ins Jenseits, in weite Fernen.

Nietzsche sieht die Kirche wegen dieser monströsen dogmatischen Lehren, so wörtlich,  als Irrenhaus.

Er spricht davon, dass die „Kirchen zum Grab Gottes“ werden, eine sehr hellsichtige Analyse, wenn man bedenkt, wie heute viele (katholische) Kirchenmitglieder, durchaus gläubig, durch die Kircheninstitutionen, Papst usw., zu Atheisten werden.

12.

Nietzsche sieht sich als Überwinder des Nihilismus. Er ist alles andere als ein nihilistischer Denker, der sozusagen in das Nichts verliebt ist. Nietzsche macht konkrete Vorschläge, wie denn eine neue Kultur und eine neue Religion aussehen könnte: Dabei sieht er sich wie ein Narr, der Unbequemes sagt, wie ein Hanswurst, sagt er wörtlich, wie ein toller Mensch. Insgesamt aber sieht sich Nietzsche als FREIER GEIST und befreiter Geist (von der alten Religion).

Aber zunächst noch: Es gilt, nach dem Tode Gottes neue Tafeln, so wörtlich, neue Gebote also, zu setzen. Die andere Möglichkeit wäre, im Alten zu verharren und beim „letzten Menschen“ zu bleiben. Der Begriff der letzte Mensch ist sehr vieldeutig, es ist auch der „letzte“ im moralischen und zeitlichen Sinne. Diese Menschen folgen noch dem untertänigen Geist der alten Sklavenmoral. Sie ersetzen Gott durch neue Idole, für Nietzsche sind das Demokratie, Fortschritt, Wissenschaft.

13.

Der erste Vorschlag: der Mensch muss den Menschen überwinden und zum Übermenschen werden. „Tot sind alle Götter, nun wollen wir, dass der Übermensch lebe“. (Zarathustra). Der Übermensch ist ein belasteter und ständig missverstandener Ausdruck. Mit dem Übermenschen meint Nietzsche entschieden den Menschen, der sich von dem immer wieder aufgedrängten und eingeübten Selbsthass der alten religiösen Kultur befreit hat, der sich nicht mehr untertänig verhält, sondern stolz ist auf sein Leben. Und der dieses Leben als einen Prozess der ständigen Steigerung versteht. Der Übermensch lebt das Leben auf immer tiefere Erfahrungen hin. Der sich ständig überschreitet und wächst.

Da spielt die aktuelle Diskussion rein: Mach aus deinem eigenen Leben ein Kunstwerk. Werde schöpferisch. Höre auf mit der verordneten Selbstverarmung; deine Tugenden sollen Selbstaufwertung und Selbstüberbietung sein. Hört auf mit der von den Religionen diktierten Selbstverschwendung. Und hört auf mit der Idee der Gleichheit aller Menschen. Das ist die hoch problematische Seite an diesem Begriff, wie ihn Nietzsche vorträgt.

Trotz einzelner Verirrungen Nietzsches: Da wird ein „Gegenevangelium“ formuliert, wie der katholische Theologe Eugen Biser sagt.  Nietzsche will lehren, dass nach dem Tode Gottes die Menschen und die Welt den Platz Gottes einnehmen müssen. Es gilt, sich in einer irdischen Welt einzurichten. Es wird eine Alternative zur bisherigen Welt geplant. Das Leben ist der Höchstwert als nur menschliches Leben. Dabei sollen nach Nietzsche, und das macht ihn problematisch, die Starken als die Herrscher, entscheidend den Ton angeben. „Wie kann der Übermensch Ja sagen zum umfassenden Leben und gleichzeitig die anderen, die Schwachen, verachten?“, darauf macht der Philosoph Schönherr Mann aufmerksam. Dennoch bleibt die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig: Wie können Menschen sich selbst überschreiten und alle positiven Kräfte in sich entwickeln.

14.

Dahinter steht der Begriff „Der Wille zur Macht“. Dieses Thema hat Nietzsche selbst nicht vollständig ausführen können. Aber deutlich wird: Die neue Macht der neuen Welt können nicht die einstigen Sklaven, die Unterlegenen, die kleinen Leute übernehmen. Die sind ohnehin von Ressentiments, von Neid, geprägt, aber N. sah, wie der gelebte Wille zur Macht tatsächlich auch zu einem großen Durcheinander verschiedener Willen führen kann. Darauf hat er keine Antwort gegeben. Aber für ihn hat alles Lebendige in sich den Willen zur Macht, zur Steigerung und Gestaltung.

15.

Darum sein Vorschlag für eine neue Sinnorientierung: Die ewige Wiederkunft des Gleichen. Dies ist eine heroische Haltung, die Annahme des unausweichlichen Schicksals. Da tritt Nietzsche wie ein Stifter eines neuen Glaubens auf. Ewige Wiederkunft: da ließe sich auch an das Nirwana des Buddhismus denken. Aber im Buddhismus gibt es einmal den Ausstieg aus dem Kreislauf, eben den definitiven Schritt ins Nirwana.

Das ist bei Nietzsche nicht gemeint. Das ist der Versuch, die lineare Geschichte aufzugeben, also die Idee der unbekannten Zukunft vor uns aufzugeben, zugunsten eines Kreises, der Wiederkehr der bekannten irdischen Welt. Diese Idee hat Nietzsche selbst für die schwerste zu Erkennende und zu Ertragende gehalten; sie setzt auch den einzelnen ein in die Wiederkunft des schon einmal Erlebten. Das wird von Nietzsche durchaus als Last angesehen, wer will schon alles Leid, das er einmal durchmachte noch einmal und noch einmal später erleben? Aber diese heroische Annahme der Wiederkunft lobte Nietzsche als amor fati. Was ständig wiederholt, hat einen zwanghaften Charakter, ohne Ziel und ohne Ende dreht sich die Welt. Ob das eine bessere Lösung ist als die klassische Lehre von der himmlischen und zukünftigen Erlösung ist eine andere Frage!

16.

Das Buch „Der Antichrist“ ist die heftigste Anklage und Verurteilung des Christentums. In einer scharfen Tonart geschrieben! Es geht ihm, wie Eugen Biser sagt, um einen Vernichtungsschlag“. Luther habe bloß den Papst kritisert, jetzt kommt es darauf an, das Christentum und die Kirche zu vernichten. (§ 57, Antichrist). „Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die ein große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig. Heimlich, unterirdisch, klein genug ist, ein Schandfleck der Menschheit“.(§ 62)

17.

Sein letztes, aber erst nach seinem geistigen Zusammenbruch veröffentlichtes Bekenntnisbuch autobiografischen Charakters heißt Ecce Homo, ein biblischer Titel. Darin erklärt er sich selbst zur Person, an der sich das Schicksal der Menschheit entscheidet. Er sieht sich als dionysischer Erlöser. Er leidet, aber nimmt alles an als eine amor fati, als eine Liebe und Annahme des Schicksals.

18.

Nietzsche bleibt inspirierend undwichtig als Kritik und Impuls. Er verstand sich selbst als Experimentalphilosoph, und das ist eine bleibende Leistung, Neuland zu betreten, zu analysieren und vor allem_ keine Scheu zu haben vor neuen Vorschlägen.

Aber es ist äußerst schwer, Nietzsche unmittelbar zur Orientierung zu nehmen, dafür ist seine Konzeption einer neuen Kultur und neuen Religion mit einem neuen Gott noch viel zu abhängig von dem, was er selbst überwinden will. Er verharrt innerhalb der Dialektik „Gott – Nicht Gott“ auf der Stufe der bloßen Negation. Wichtiger wäre eine neue Position, eine neue Synthese, sozusagen als das Dritte jenseits von klassischem Theismus und Atheismus. Vielleicht wäre dies die Mystik.

19.

Dabei deutet Nietzsche selbst an, dass er sich wohl vorstellen kann eine Verehrung dieses Jesus von Nazareth, aber ohne die Deutung des Paulus. Dass er sich eine Kirche ohne Dogmen denken kann, darauf hat der Nietzsche Spezialist Eugen Biser hingewiesen.

20.

Was bleibt nach Nietzsche für ein Denken des Unendlichen, des Ewigen? Das menschliche Leben ist Geheimnis. Das Leben, auch das leibliche, soziale und sinnliche und erotische, gilt es in höchstem Maße zu schützen und zu pflegen. Wir können das Geheimnis des Lebens niemals umgreifen und damit niemals endgültig definieren.Wir sind sozusagen im ständigen Schwebezustand des Ungewissen. Das ist unsere Gewissheit, unser „Getragensein“. Gott ist dabei unser Symbol für dieses Schweben im Geheimnis, für dieses Ausgesetztsein dem Geheimnis gegenüber und IM Geheimnis. Wir brauchen dieses Symbol der Öffnung, der Weitung, weil wir wissen, Welt ist niemals nur irdische Welt. Der Mensch ist niemals nur Mensch, aber er wird wohl nie Übermensch, sondern Mensch, ewig auf der Suche nach dem unergründlichen Geheimnis, allein und in Gemeinschaften, die für diese undogmatische Position Verständnis haben.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.



Was ist selbstbestimmtes Leben? – Der Salon im Oktober 2012

22. September 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Wir starten am Freitag, 19. Okt. 2012, mit der gemeinsamen Lektüre und vor allem Besprechung des ersten Kapitels des Buches von Peter Bieri (Pascal Mercier) „Wie wollen wir leben?“, erschienen im Residenz Verlag, 2011. Es wird dringend empfohlen, dieses Kapitel bereits gelesen zu haben. Wir wollen im Salon vor allem gemeinsam sprechen, nachdenken, diskutieren… und eher am Rande gemeinsam lesen.

Dieses Buch ist allgemein zugänglich, also auch für Nichtphilosophen nachvollziehbar. Der Text führt in die Tiefen menschlichen Selbstverständnisses. Es ist ein persönlicher „Gewinn“, diese Texte des Berliner Philosophen Bieri zu verstehen.

Herzliche Einladung und Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

Der Salon abend von 19 bis 21 Uhr findet wieder in der Galerie Fantom in der Wilmersdorfer Hektorstr. 9 statt.



„Ökumene jetzt“: Für und Wider zu einem Dokument

21. September 2012 | Von | Kategorie: Weiter Denken

„Ökumene jetzt“. Für und Wider zu einem Dokument

Von Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin. Der Beitrag wurde am 6.9.2012 veröffentlicht.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Was spricht dafür, „Ökumene jetzt“, also auch Gottesdienst – Abendmahls – Gemeinschaft der getrennten Christen und Kirchen, zu fordern?

Ich finde es höchst bemerkenswert, dass hochrangige Politiker, prominente Fernsehleute und namhafte Künstler mit einem solchen Aufruf an die Öffentlichkeit gehen. Ganz offensichtlich wächst die Einsicht, dass die Religion zu wichtig ist als dass man sie den Kirchen überlassen dürfte. Einigermaßen unverständlich bleibt zwar, dass die Erstunterzeichner immer noch meinen, sie könnten die kirchliche Hierarchie in ihre Richtung bewegen. Im Blick auf die Frage, wie man sich diese sichtbare Einheit der Kirche sollte vorstellen können, bleibt das Papier ja auch ziemlich vage. Dennoch, es freut mich, dass solche Kontroversen um die Religion von namhaften Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft angestoßen und in den Medien ausgetragen werden. Noch glücklicher wäre ich freilich, wenn dabei die religiösen Themen angesprochen würden, die nicht nur von kirchlicher, sondern gesellschaftlicher, ja globaler Relevanz sind. Ob das noch diese Fragen sind, die mit der Gottesdienst- und Abendmahlsgemeinschaft von katholischen und evangelischen Christen zusammenhängen, wage ich zu bezweifeln.

Warum haben die (vor allem katholischen Kirchenführer) Angst, „Ökumene jetzt“ zu unterstützen?

Der Aufruf sagt ja deutlich genug, warum die Kirchenführer, vor allem auf katholischer Seite, aber keineswegs nur dort, die Ökumene blockieren. Es geht ihnen um die Macht der Institution, um die Bewahrung derjenigen Traditionen, die die eigene institutionelle Identität sichern. Die Theologie wird immer nur vorgeschoben. Mit der Substanz des christlichen Glaubens, der Sinngrundierung, die er unserem Leben gibt, haben die Lehrstreitigkeiten über das kirchliche Amt oder das Abendmahl schon lange nichts mehr zu tun. Deshalb ist es auch völlig illusorisch von theologischen Lehrgesprächen Fortschritte in der Ökumene zu erwarten. Weil der Aufruf „Ökumene Jetzt“ aus dieser längst enttäuschten Erwartung die Konsequenzen zieht und auf das Versprechen, auf dem Wege theologischer Verständigung zum Ziel zu kommen, nichts mehr gibt, deshalb reagieren die Kirchenführer so verärgert. Continue reading “„Ökumene jetzt“: Für und Wider zu einem Dokument” »



Über jüdische Identität neu nachdenken – Hinweise von Prof. Michael Wolffsohn

21. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Jüdische Identität geht auch ohne Beschneidung: Vorschläge von Prof. Michael Wolffsohn

Wir haben im Religionsphilosophischen Salon gleich zu Beginn der Debatte über das sogen. Beschneidungsurteil (Köln) kommentierend berichtet, nicht zuletzt durch ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, prot. Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin.

Heute freuen wir uns über einen Kommentar von Prof. Michael Wolffsohn im Tagesspiegel (21. Sept. 2012, Seite 6). Daraus wollen wir nur diese  Sätze vom Schluss des Beitrags zitieren:

„In der Beschneidungsdebatte erwecken viele jüdische Wortführer den Eindruck, männlich jüdische Identität hinge von der Beschneidung ab. Darauf reduziert, WÄRE JÜDISCHE IDENTITÄT ARMSELIG. WIR SIND DAS VOLK DES BUCHES….  Eigentlich verdanken wir Juden der vermeintlich deutschen Debatte die Möglichkeit, über unsere Identität nachzudenen. Noch haben wir die Möglichkeit nicht genutzt. Was nicht ist, kann noch werden. Wir hätten es „den“ Deutschen zu verdanken“.



„Kirchensteuer muss gezahlt werden“ – Wie die Katholische Kirche in Deutschland auf das Niveau eines Vereins abrutscht

21. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Katholische Kirche in Deutschland auf dem Niveau eines Vereins?

Fragen des „Religionsphilosophischen Salons Berlin“ zur aktuellen Debatte am 21.9.2012

Die Deutsche Bischofskonferenz hat am 20.9.2012 verfügt: Wer seine Kirchensteuer nicht zahlen will, kann nicht mehr Mitglied der Katholischen Kirche in Deutschland sein, d.h. sogar: Er/sie kann kein(e) Katholik(in) mehr sein, obwohl in fast allen anderen Ländern dieser Welt die Mitgliedschaft in der katholischen Religionsgemeinschaft nicht gebunden ist an die vom Staat eingezogene Kirchensteuer oder überhaupt an feste regelmäßige Beitragszahlungen. Oder hat man etwas von verpflichtenden Beitragszahlungen auf den Philippinen, in Kolumbien, in der Demokratischen Republik Kongo oder in Mexiko gehört? Den viel gerühmten katholischen „Stammländern“?

Noch einmal: Selbst wenn ein Katholik ausdrücklich bekennt, er sei nach wie vor ein gläubiger Katholik, habe aber seine eigenen Ansichten, wie er die persönlich hoch geschätzte Glaubensgemeinschaft finanziell unterstützen wolle, der wird von den so genannten Oberhirten ausgeschlossen. Das Wort exkommuniziert bietet sich von selbst an.

Damit rückt die katholische Kirche in Deutschland durch den Beschluss der Bischofskonferenz auf das Niveau eines von vielen Vereinen: Etwa:Du kannst ein noch so großer Liebhaber von Schäferhunden sein; wenn du nicht deinen Beitrag zahlst als Mitglied des „Vereins Freunde der Schäferhunde“ dann darfst du – in der Sicht der Vereinschefs – auch kein Schäferhund – Liebhaber mehr sein. Du darfst dich nicht mehr Schäferhundliebhaber nennen.

Ein Gedanke drängt sich einigen Freunden und Mitgliedern des Religionsphilosophischen Salons auf:

Die Bischöfe wollen unbedingt das Geld, so viel wie möglich. Es ist ihnen dabei egal, ob ein zahlendes Mitglied sich seinen persönlichen Glauben, etwa als Mix von Astrologie, Buddhismus, Yoga und Bibel,  selber formt, ob er mehr Maria verehrt als Gott, ob er mehr Pater Pio anbetet als das göttliche Geheimnis: All das ist den so genannten Oberhirten weithin egal. Wer aber tiefer theologisch nachdenkt, wie einige Theologieprofessoren, etwa Prof. Hartmut Zapp, die aus Glaubensgründen (!) keine Kirchensteuer mehr zahlen wollen, der wird rausgeschmissen. Keine Debatten, keine Vielfalt, keine viel besprochene „Brüderlichkeit“, kein Respekt vor abweichenden (gar nicht häretischen!) Meinungen… So handeln nur  Vereine, nicht Glaubensgemeinschaften. Mit ihrer Entscheidung führen die sogenannten Oberhirten die Katholische Kirche weiter ins Getto. Manche Freunde unseres Salons meinen: „Sie gehört wohl in den Club der =Sekten=“. Tatsache ist: Diese Entscheidung der deutschen Bischöfe isoliert weiter die Spitze von der sogen. Basis. Von Glaubensgemeinschaft in Viefalt Gleichberechtigter kann keine Rede mehr sein. Es geht den Hirten vor allem ums Geld, um die Wahrung bisheriger Strukturen (die ja bekanntermaßen alles andere als einen kirchlichen Frühling bescherten) und die Fortsetzung ihres abgehobenen, fürstlichen Lebens in Palästen und Residenzen. Und das alles im Namen des Evangeliums. Welches Evangeliums eigentlich?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



„Berlin 775 Jahre“: Für eine „Berliner Theologie: Religiös sind fast alle

5. September 2012 | Von | Kategorie: Denkbar

Anläßlich der Feiern „Berlin wird 775“ eine theologisch -religionsphilosophische Provokation.

Religiös sind fast alle

Für eine „Berliner Theologie“, zum ersten Mal publiziert an 5, September 2012

Von Christian Modehn

Ab Ende August wird in Berlin – wieder einmal – ausgiebig gefeiert: Die Hauptstadt wird 775 Jahre alt. Auch die Religionen gehören zu Geschichte. An „Gedenkfeiern“ wird es nicht mangeln. Wird die Theologie nur nach rückwärts schauen? Theologie als Wissenschaft wird in Berlin seit Beginn des 19. Jahrhunderts gelehrt. Inspirierend sind bis heute die Protestanten F. Schleiermacher und E. Troeltsch, sicher auch D. Bonhoeffer und P. Tillich. Sie wurden auch außerhalb der kirchlichen Welt geachtet, weil sie den Mut hatten, jenseits dogmatischer Traditionen Neues zu sagen: Ihr Bezugspunkt war die unkirchliche Kultur der Metropole. Aber die war nicht der „Feind“, den man missionierend „besiegt“, sondern der Partner, von dem man lernt. Deswegen galt es, die „Gebildeten unter den Verächtern des Religion“ (Schleiermacher) anzusprechen und zu argumentieren, „als gäbe es Gott nicht“ (Bonhoeffer). Berliner Katholiken sind noch stolz auf ihren einzigen Star, den Religionsphilosophen R. Guardini, er interpretierte immerhin Rilke, Dostojewski und Hölderlin.

Auch heute ist Theologie (evangelische an der Humboldt – Universität, katholische, sehr bescheiden, an der F.U.) auf den immer kleiner werdenden kirchlichen Sektor bezogen. In kulturellen oder sozialpolitischen Debatten der Stadt kommt Theologie kaum vor. Für die Medien ist sie ein Randthema. Die beiden konfessionellen Akademien bedienen vor allem das älter werdende kirchliche Publikum.

23 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Berlin immer noch „Sektoren – Stadt“. Es gibt zahlreiche unterschiedliche soziale und religiöse Milieus, die nebeneinander leben, manchmal auch gegeneinander. 130 Nationen sind allein im Bezirk Neukölln vertreten: Etliche Menschen arabischer Herkunft wollen mit ihren Nachbarn türkischer Herkunft nichts zu tun haben. Zudem wird die Gentrifizierung als Heimat Vertreibung der Alteingesessenen an den ungeliebten Stadtrand erlebt. Wohlhabende Kirchengemeinden meiden die Begegnung mit „Glaubensbrüdern“ aus armen Bezirken. Der Stadt mit 3, 5 Millionen Einwohnern und mit mehr als 12 Millionen Touristen jährlich, fehlt eine allen gemeinsame spirituell – menschliche Basis; es fehlt das Bewusstsein für das Verbindende. Darum sollte sich Theologie kümmern. Dies könnte dann auch ihr Sprechen von Dogmen und Traditionen grundlegend weiten. Schleiermachers und Bonhoeffers Ideen sollten fortleben.

Von regelmäßigen, auf Dauer angelegten theologischen Gesprächen mit Nichtkonfessionellen oder Atheisten kann keine Rede sein. Dabei bilden diese Menschen in Berlin die absolute Mehrheit. Nur jeder dritte Bewohner Berlins gehört noch einer christlichen Kirche an. 660.000 sind evangelisch, 320.000 katholisch. Junge Menschen sind in den Kirchen die Minderheit. An einem „normalen Sonntag“ nehmen ca. 50.000 Christen am Gottesdienst teil. So viele Besucher zählen auch die zahllosen (Musik) „Clubs“ an einem Wochenende. Zum Islam bekennen sich etwa 8 Prozent der Bevölkerung. Die jüdische Gemeinde hat 11.000 Mitglieder. Genaue Zahlen zu den zahlreichen Buddhisten gibt es nicht.

Wäre es nicht an der Zeit, eine neue, eine ausdrücklich ortsbezogene „Berliner Theologie“ zu entwickeln? Es ist doch selbstverständlich: In Kalkutta muss anders über Gott und die Menschen nachgedacht und gesprochen werden als in Paris oder Nairobi.

Was ist also eine „Berliner Theologie“? Sie bezieht sich zunächst auf die allgemeine Religiosität der Menschen, weil sie weiß, dass jeder auf irgendeine Weise bewusst oder unbewusst seinen eigenen Mittelpunkt im Leben hat, einen  Wert, der ihm „absolut wichtig“ ist: Die Liebe und Nächstenliebe, das Vergnügen und die Solidarität, die Musik, die Kunst und die Museen … oder der Sport. Eine Bindung an etwas (subjektiv) „Heiliges“ haben die Menschen längst, „Religion“ ist immer schon da. Theologie hat diese allgemeine Spiritualität zu respektieren und im Gespräch herrschaftsfrei zu befragen.

„Berliner Theologie“ weist also darauf hin, dass es eine „unsichtbare humane Religion“ (Th. Luckmann) gibt, die als eine Art gemeinsamer „Nenner“ die Menschen verbindet. Im Gespräch können sie sich verständigen, wie sich diese Formen unsichtbarer Religion wechselseitig kritisieren oder korrigieren: Ist Religiosität persönlich und gesellschaftlich befreiend, fördert sie die Ausbildung ganzheitlicher Menschlichkeit? Christliche Traditionen können dann als Vorschlag, als Denkanstoß und Einladung eingebracht werden. Diese Berliner Theologie würde dann eher als Religionswissenschaft des Christentums arbeiten, wie in Holland oder den USA. Sie fordert offene Gemeinden, in der möglichst viele unterschiedlichen Menschen sich ökumenisch austauschen können, mit einander (auch rituell) feiern in dem Wissen, dass die Vielfalt der Überzeugungen eine gemeinsame humane – spirituelle Basis hat. Im Gespräch mit Muslims wäre das gemeinsame Menschsein die Basis, nicht die korrekte Koran – Interpretation. Eine „Berliner“ Theologie, „anthropologisch gewendet“, könnte dem Wohl der Stadt dienen und die Grenzen und „Sektoren“ überwinden.

Der Beitrag erschien am 24. 8. 2012 in ähnlicher Form in Publik  Forum, allerdings durch die Redaktion dort bearbeitet.

copyright: christian modehn

 

 

 



Sprache und Sprechen im Vatikan. Anläßlich des Buches von G. Nuzzi, Seine Heiligkeit

4. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Sprache und Sprechen im Vatikan heute

Anlässlich der deutschen Ausgabe von Gianluigi Nuzzi, Seine Heiligkeit.

Der Religionsphilosophische Salon will aus dem weiten Feld der Religionen und Kirchen immer wieder Themen nennen, die eine erhöhte Aufmerksamkeit verdienen. Es geht um Fragestellungen, die unserer Meinung nach bisher kaum studiert und diskutiert werden. Die aber ein Licht werfen, wie sich Religionen heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, präsentieren und wie ihr „Innenleben“ geprägt ist.

Ein Thema: Sprache und Sprechen im Vatikan heute. Damit ist gemeint, wie innerhalb der päpstlichen Kurie, also innerhalb des „Hofes“ (curia), gesprochen wird, welcher Formeln und Floskeln sich die Mitglieder des Hofes bedienen. Angestoßen sind diese Hinweise durch das nun auf Deutsch erschienene Buch von Gianluigi Nuzzi, Seine Heiligkeit, Piper Verlag, September 2012. Der Journalist Nuzzi bietet darin, das ist bekannt, bislang geheime Dokumente, die für den internen Verkehr im Staat des Papstes bestimmt waren. Sie offenbaren gerade in ihrer „privaten“ Dimension, wie dort die vielfältigen Untergebenen des Papstes sich an die obersten Spitzen, also den sogen. „Heiligen Vater“  selbst und seinen Sekretär wenden; meist, um die Gunst dieser beiden Herren der Kirche in ihren privaten Angelegenheiten zu erwerben.

Wer historische Kenntnisse hat, wird vielleicht zum Vergleich die Korrespondenz der Untertanen Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert, des sogen. „Sonnenkönigs“,  heranziehen wollen, aber das ist ein anderes Forschungsthema.

Wir dokumentieren nur in einigen Auszügen, in welcher Sprache sich die Bittsteller an den Papst und seine Mitarbeiter wenden. Wie weit diese Briefe tatsächlich einen „Vater“, also Papa, „Papst“,  meinen, erscheint hoch problematisch; man denke zum Vergleich an den großzügigen Vater in Jesu Gleichnis vom Verlorenen Sohn… aber das mag jeder Leser und jede Leserin selbst beurteilen.

Unserer Meinung nach ist die Sprache meist Angst besetzt und voller „heiliger“, kindlicher, infantiler Ehrfurcht vor dem Papst und seinem Sekretär Gänswein. Es handelt sich selbstverständlich hier immer um kurze Auszüge, die die Lektüre des Buches nur um so dringender machen.

Dino Boffo zum Beispiel, Chefredakteur der katholischen Tageszeitung Avvenire. Ihm wird im Jahr 2009 öffentlich „vorgeworfen“, homosexuell zu sein. Er bestreitet das und wendet sich um Unterstützung an Monsignore Gänswein: „Vor allem möchte ich mich für ihren priesterlichen Beistand und die Offenheit danken, die Sie mir gestern in unserem Telefongespräch entgegengebracht haben. Gott weiß, wie leid es mir tut, Ihnen so großes Ungemach zu bereiten…“

An Kardinal Bagnasco, den Vorsitzenden der Italien. Bischofskonferenz schreibt der Journalist und Chefredakteur eines Tageszeitung, eben des Avvenire, Dino Boffo, Jahrgang 1952:  „Eminenz, ich wünschte, vor Ihnen zu stehen, sodass Sie mich in meiner ganzen Betrübnis sehen könnten. Betrübnis vor allem angesichts der Tatsache, Sie behelligen zu müssen, wo ich doch weiß,  mit welchen Sorgen Sie sich täglich plagen müssen… Eminenz, ich frage Sie auf Knien, und Sie mögen daraus ersehen, in welchem Geist ich Ihnen zu schreiben wage… Mir fehlen die Worte, um mich bei Ihnen zu entschuldigen, bei Ihnen, den ich als Menschen und Bischof herzlich verehre und den auf diese Weise zu belästigen mir unsagbar leidtut, Ihr ergebenster Dino Boffo.

Der Staatssekretär im ital. Ministerratspräsidium Gianni Letta kommentiert in einem Brief an Monsignore Gänswein eine vom Vatikan ausgesprochene Empfehlung eines bestimmten Mannes:  „Hochwürdigster Monsignore… Wenn es möglich ist, werden wir uns bemühen, die Sache zu beschleunigen. Das werde ich gern und mit Stolz tun. … in Dankbarkeit und mit einem ehrerbietigen und – wenn Sie gestatten – freundschaftlichen Gruß, Gianni Letta.

Kardinal Carlo Vigano, Leiter der Verwaltung des Vatikans, wendet sich am 27. März 2011 an den Papst, um ihm schwerwiegende Unregelmäßigkeiten in der Finanzverwaltung des heiligen Stuhls mitzuteilen: „Der hochwüridgste Kardinal Lajolo ist in seiner großen Herzensgüte um Versöhnlichkeit bemüht…. Ich gebe Eurer Heiligkeit auch den Brief zu Händen, … damit Sie nach Ihrem erlauchten Willen darüber verfügen…“

Wie gesagt, dieser Beitrag macht nur auf die Sprache im Vatikan aufmerksam, die unabhängig von den Inhalten der Briefe ihre Bedeutung hat.

Der Generalobere des Jesuitenordens wendet sich am 12. Nov. 2012 an den „heiligen Vater“, um ihm Irritationen eher halbwegs fortschrittlich gesinnter Katholiken zur Entwicklung der römischen Kirche weiterzugeben und mitzuteilen. Der Generalobere der Jesuiten, Pater Adolfo Nicolas, eigentlich ein bedeutender Mann in der römischen Kirche, eine Autorität, wenn man so will, schreibt u.a. dem Papst in diesen Worten: „Ich bitte demütig um Verzeihung, wenn dies nicht die richtige Vorgehensweise (der Übermitttlung des Briefes der Katholiken, CM) war… „ Interessant der Zusatz: „Wie Sie wissen, steht die Gesellschaft Jesu (also  die Jesuiten) nach wie in Ihren (also des Papstes, CM) Diensten und im Dienst der Kirche…“ Es gibt allerdings auch einen Hinweis, dass es ein Sprechen mit den vatikanischen Behörden gibt, die eben dem Behördencharakter gerecht werden, also „objektiver“ und weniger dem Hof entsprechend untertänig verfasst sind. Dazu gehört in dem Buch von Nuzzi das geheime Dokument, das der Apostolische Nuntius in Deutschland, J.C. Perisset, an einen Mitarbeiter im vatikanischen Staatssekretariat sandte. Perisset schreibt zu einem banalen Vorgang: „Allerdings wundere ich mich, dass in einer so unbedeutenden Angelegenheit die Ansicht des Nuntius eingeholt wird, während viele andere Themen entschieden werden, ohne dass zuvor Kontakt aufgenommen wird“ (S. 334).  Der Brief von Nuntius Perisset an den Vatikan endet (freilich) mit den Worten: „Mit aufrichtiger Hochachtung verbleibe ich ergebenst in Christo…“

Nebenbei:

Im Vatikan werden theologisch und politisch betont konservative Presseerzeugnisse mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und respektiert, das ist bekannt. In dem Buch Nuzzis wird die äußerst konservative website „kath.net“ aus Österreich wie eine unumstrittene Autorität behandelt, etwa in einem Brief des vatikanischen „Vizeaußenministers“ Ettore Balestrero, im Buch Seite 363.

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