Monatsarchiv



Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt. Ein Beitrag von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt

30. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko, Theologische Bücher

Alfons Vietmeier hat im Herbst 2013 ein Buch veröffentlicht, das die Beiträge unserer Serie: „Der andere Blick – Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko“ enthält, aber auch weitere Aufsätze, die ein recht umfassendes Bild zur sozialen, politischen und vor allem religiösen Situation in Mexiko heute bieten. Das Buch „Mexiko tiefer verstehen“ ist im Dialog Verlag Münster erschienen, es hat 192 Seiten mit zahlreichen Fotos. Das Buch eignet sich gut als Einführung in die vielschichtige mexikanische Lebenswelt. Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko Stadt, er ist als Theologe und als Berater für neue kommunikative Formen in Großstädten vor allem.

Vor kurzem hat unser Freund Alfons Vietmeier regelmäßig für den religionsphilosophischen Salon aus Mexiko berichtet. Jetzt schickt er uns einen Vortrag, den er kürzlich in Emsdetten gehalten hat.

 

Gold und Silber lieb ich sehr: Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt.

Von Alfons Vietmeier,  Mexiko – Stadt

Es gibt keinen der zahlreichen Besucher aus Deutschland in Mexiko, der nicht nachdenklich auf das Thema der weltweiten Finanzkrise und konkret auf die Krise des Euro zu sprechen kommt. Auch die Medien sind voll davon, wenn ich im Internet Nachrichten aus Deutschland checke. Die Meinungen gehen weit auseinander über Ursachen und Konsequenzen. Bei den –zig Milliarden, die hin und her geschoben werden, wird es einfachen Menschen schwindelig, die schon wegen eines fehlenden Tausenders schlaflose Nächte haben. Sind solche Mega-Summen was für Zirkus – Jongleure, Spielmarken beim Monopoly oder Seifenblasen, die dann platzen? Allgemeine Ratlosigkeit und oft die Problemverschiebung auf Sündenböcke wie: “Die Griechen, die haben halt nur auf Pump gelebt!” Und wer von uns nicht auch? Mehr als Einer sagt dann, das Sicherste sei, in Gold und Silber anzulegen.

Bei diesem Punkt erzähle ich gerne etwas aus der Geschichte, das mich nachdenklich macht und lade ein, ebenfalls nach- und weiterzudenken.

Das mexikanische Füllhorn.

1803 war das Allroundgenie Alexander von Humboldt über ein Jahr in Mexiko. Er forschte wie wild, unter anderem über die vorhandenen und nicht ausgebeuteten Edelmetalle. Seine Erkenntnis: Mexiko ist wie ein Füllhorn, voll von Silber und Gold. Es muss nur mit moderner Technologie ausgebeutet werden.

In jener Zeit begann im südlichen Ruhrgebiet die deutsche Industrialisierung. Einige Industrielle lasen von Humboldts Forschungsbericht und waren fasziniert: In Mexiko ist schnell und leicht riesiger Gewinn zu machen; der vorhandene Bergbau muss nur modernisiert werden! Dazu werden Geld und damit Inversionisten benötigt! 1824 wurde in Elberfeld (jetzt Stadtteil von Wuppertal) eine “Deutsch – Mexikanische Bergwerksgesellschaft” gegründet, und Aktien wurden ausgegeben; unter anderem kaufte auch Goethe. Mit diesem Kapital wurden in Mexiko soweit wie möglich lokale Minen aufgekauft, die seit Jahrhunderten unter den Spaniern sehr rustikal etwas Bergbau betrieben und insbesondere Silber abbauten. Die anfängliche Euphorie war so groß, dass bis 1827 etwa 30 Silber- und Goldgruben, sowie drei Schmelzhütten erworben wurden, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Continue reading “Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt. Ein Beitrag von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt” »



Claude Lanzmanns neuer Film: Über Rabbi Benjamin Murmelstein, u.a. vom „Judenrat“ im Ghetto Theresienstadt.

30. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denkbar

Claude Lanzmanns neuer Film: Über Rabbi Benjamin Murmelstein, u.a. vom Judenrat im Ghetto Theresienstadt.

Von Christian Modehn

Das in Paris erscheinende (linke) politische Wochen – Magazin „Marianne“ berichtet in seiner Ausgabe vom 28. Dez. 2012, dass der weltweit geschätzte Filmemacher (und Herausgeber der von Sartre gegründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“) Claude Lanzmann (berühmt u.a. wegen seines Films Shoa von 1985) einen neuen Film gerade fertig stellt. Er wird in Cannes in diesem Jahr (2013) wohl uraufgeführt. Der Film ist eine Auseinandersetzung mit der umstrittenen Gestalt des Rabbiners Benjamin Murmelstein (geb. 1905 in Lemberg, gest. 1989 in Rom). Bisher hat sich Claude Lanzmann nicht ausführlich zu seinem neuen Film geäußert; vielleicht wird er in Berlin, anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenbären der Filmfestspiele für sein Gesamtwerk, ein paar Worte sagen. Für sein epochales Werk Shoah hatte Lanzmann den damals schon nicht mehr als Rabbiner tätigen Benjamin Murmelstein interviewt, diese Filmsequenzen jedoch nicht in „Shoah“ aufgenommen. Nun hat Lanzmann weiter recherchiert für seinen neuen Film. Rabbi Murmelstein spielte eine sehr zwiespältige Rolle als Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien zu einer Zeit, als Adolf Eichmann dort die Vertreibung der Juden organisierte. Später war Murmelstein „Judenältester“ im Getto Theresienstadt. Hannah Arendt hat in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ auch auf Benjamin Murmelstein hingewiesen: Er wird dort ein alt bekannter „Verbindungsmann“ Eichmanns in  Theresienstadt genannt. (S. 212 im Piper-Taschebuch). Hannah Arendt hatte als Beobachterin des Eichmann Prozesses in Jerusalem (1961) gut dokumentiert auf die Zusammenarbeit der sogen. Judenräte mit Eichmanns Vernichtungsbürokratie hingewiesen und deswegen äußerst heftigen Widerspruch erfahren. Claude Lanzmann hat sich bis jetzt (30.12.2012) nicht inhaltlich zu seinem neuen großen Film  („long – métrage“ en francais) geäußert. Nur so viel sagte er, so berichtet „Marianne“: Lanzmann werde zu den Filmfestspielen nach Cannes gehen, „um zu gewinnen, mit einem Film, den man so bisher noch nicht gesehen hat“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 



Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die „lebenden Leichname“ und die Überflüssigen

29. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Die Banalität des Bösen: Hannah Arendts Beitrag bleibt aktuell

Von Christian Modehn. Der Beitrag wurde noch einmal erweitert am 8.1.2013

Am 10. Januar 2013 startet der Kino Film „Hannah Arendt“ mit Barbara Sukowa., Regie: Margarethe von Trotta.

Für den Religionsphilosophischen Salon ein Anlass, erneut zur Lektüre des Werkes von Hannah Arendt (1906 – 1975) zu ermuntern …zur Diskussion. Und dies aus mehreren Gründen:

In einem ihrer Hauptwerke, in „Vita activa“, (1958 in den USA, 1960 auf Deutsch erschienen) erinnert sie daran: Philosophieren sollte viel deutlicher als bisher das Geborenwerden, also den Anfang eines individuellen Lebens, in den Blick nehmen: Bis jetzt wurden viel stärker Sterblichkeit und Sein zum Tode innerhalb einer Ontologie und Anthropologie akzentuiert. Hannah Arendt schätzt in der „Geburtlichkeit“ die Chance, Neues und Unbekanntes, Einmaliges, hervorzubringen. Sie zeigt zudem, dass der Mensch ein aktives, und das heißt ein handelndes Wesen ist. Handeln meint, gemeinsam mit anderen an einem politischen Projekt zu wirken. Erst im Eintreten für das Wohl der Stadt, die „Polis“, verwirklichen die Menschen ihr Sein. Das politische Handeln („Praxis“) ist so etwas wie eine zweite Geburt des Menschen. Dieses aktive politische Handeln ist unterschieden vom Arbeiten und Bewerkstelligen.

Hannah Arendt legt Wert darauf, nicht (nur) als Philosophin (im „klassischen Sinne) zu gelten. Sie verstand sich ausdrücklich eher als Politikwissenschaftlerin, wobei selbstverständlich ihr origineller Blick auf politische Ereignisse und Politiker durchaus philosophische Prägungen (etwa durch die Methode der Phänomenologie) offenbart.

Dieser Blick, unverstellt und ohne ideologische Brille Phänomene zu sehen, wird etwa wirksam in ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Eichmann in Jerusalem 1961. Ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ trägt den – gleich nach der Veröffentlichung höchst umstrittenen – Titel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.  Damit wollte Hannah Arendt – entgegen vielfacher und tief verletzender Polemik – gerade NICHT den Völkermord an den Juden durch die Nazi Herrschaft als banales Geschehen darstellen. Sie wollte lediglich betonen: Einer der Hauptakteure der Vernichtung, Adolf Eichmann, sei eigentlich nicht ein unbeschreibliches Monster oder ein undefinierbarer Teufel oder sonst etwas Mysteriös – Bedrohliches! Sondern Eichmann ist ein banaler Durchschnittstyp, ein auf Gehorsam und Befehle empfangen und Befehle geben fixierter Bürokrat.

Dieser Täter (und andere in der SS Führung) ist banal, und wegen dieser Alltäglichkeit gerade beschreibbar und verstehbar und auf seinem Weg zum Schreibtischtäter nachvollziehbar. Nur wer das Böse „banalisiert“, also in den Alltag des Gewordenseins stellt, kann das Böse auch möglicherweise überwinden oder einschränken. Es müssen die Wege und Stufen beschrieben werden, die einen Menschen langsam zum Schreibtischtäter werden lassen. Das ist Hannah Arendts überzeugendes Argument! Die beispiellosesten Verbrechen der Menschheit werden von den gewöhnlichsten Leuten begangen. Die Philosophin Susan Neiman (Direktorin des Einstein Forums in Potsdam) hält in ihrem Buch „Das Böse denken“ zu recht die Studie Hanna Arendts zur „Banalität des Bösen“ für den wichtigsten philosophischen Beitrag zum Problem des Bösen im 20. Jahrhundert (Neiman, Seite 397, Suhrkamp). 1988 schrieb Ingeborg Bordmann (in: Freibeuter, Heft 36, 1988, S. 86): „Hannah Arendt versucht nicht, Eichmann zu entlarven, also eine verborgene Wahrheit hinter seinen Worten zu finden, sonden sie achtet darauf, wie Eichmann sich verhält, wie er redet, wann er stockt, verstummt oder in plötzliche emphatische Selbstdarstellung verfällt….Er erinnert sich nur an die Situationen, die mit den Wendepunkten seiner Karrriere zusammenfallen“. Eichmann lebt in einer geschlossenen Welt, seine „standardisierten Ausdrucks- und Verhaltensweisen sind nicht korrigierbar durch den Kontakt mit der Realität… Sein Gewissen ist systemkonform“. Hannah Arendts Eichmann Buch ist ein Bekenntnis zur Freiheit des Menschen. Und dieser menschliche Mensch besitzt eigentlich und immer die Fähigkeit, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Bei Eichmann ist diese Fähigkeit der Verantwortung aber in einem langen Prozeß der Indoktrination von autoritären Verhaltensvorschriften Schritt für Schritt getötet worden. Das ist das eigentlich Böse an dieser Gestalt, dass diese Form des Absterbens von Verantwortung und Freiheit eigentlich immer wieder (bei allen Menschen) passieren kann. Das banale Böse ist in Hannah Arendts Sicht eigentlich wiederholbar. Denn es wütet, so ihr Bild, als das extreme Böse „wie ein Pilz auf der Oberfläche, der sich rasant verbreiten kann, wenn man den Pilz nicht ausreißt“, so Hannah Arendt in einem Brief an Gershom Scholem(vgl. Fn. 10 bei Ingeborg Normann, S. 94). Und Hannah Arendt geht noch weiter: Nicht die Zuverlässigen, die Treuen, die Stützen und gehorsamen Bürger sind diejenigen, die dem moralischen Zusammenbruch widerstehen. „Viel verläßlicher sind die Zweifler und Skeptiker, … weil sie daran gewöhnt sind, Dinge zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden…“(S. 92 in Freibeuter)

Und dieser Banalität des Bösen in Form der „Schreibtischtäter“ begegnen wir heute vielfach, in der Kriegsführung, etwa im Einsatz von Drohnen, die ferngesteuert Bomben abwerfen und „eben“ zahllose „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung bewirken. Oder im völlig verantwortungslosen Handeln gewisser Banker, die um ihres egoistischen Profits willen eine ökonomische Katastrophe und damit Schaden für Millionen Menschen in Kauf nehmen: immer sind es brave, ängstliche Männer, die die eigene Karriere für absolut vorrangig halten vor allen ethischen Verantwortlichkeiten…

Ein prominenter Schüler Hannah Arends ist Richard Sennett. In seinem Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ geht es ihm darum aufzuweisen, wie die neue Kultur, die von der New Economy der 1990er Jahre ausgeht, zu tief greifenden Veränderungen auf gesellschaftlicher und individueller Ebene führen. Sennett betont: Man muss darauf hinweisen, dass heute in der Ökonomie und Politik weltweit Massen sozusagen nutzloser Menschen „erzeugt“ werden, man denke heute an junge Arbeitslose zu Millionen in Spanien, Griechenland, Portugal usw. Oder an „Überflüssige“ in den Slums der Großstädte Aftikas und Asiens… Das kapitalistische System erzeugt förmlich permanent die überflüssigen Menschen, die zudem auch wissen, dass sie niemand braucht und vom System noch mit einer Minimalunterstützung manchmal noch gerade am Überleben erhalten werden. Für Hannah Arendt stellten diese überflüssigen Menschen sozusagen die Basis dar, aus der die Mörderbande der Nazis ihre „Mitstreiter“ holten. Eine so genannte demokratische Gesellschaft und ein Staat, die ständig immer mehr „Nutzlose“ erzeugen, gefährden ihre eigene Zukunft.  Auch das ergibt sich aus einer Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Werk. In ihrem Buch „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ (1951) zeigt sie ausdrücklich, wie „der irrsinnigen Massenfabrikation von Leichen die historisch und politisch verständliche Präparation lebender Leichname vorangeht“. (S. 686, Serie Piper). Damit meint sie: Die lebenden Leichname wurden „produziert“ vom Gesellschaftssystem, es sind die „Millionen Heimatlosen, Staatenlosen, Rechtlosen , wirtschaftlich Überflüssigen und sozial Unerwünschten“ (ebd.). Das totalitäre System des radikal Bösen konnte sich also nur entwickeln, weil so viele „überflüssige“ Menschen „produziert“ wurden. Denn auch die Henker und Täter fühlten sich als Nihilisten, sie lebten in dem Gefühl, dass ihr Leben sinnlos und überflüssig ist. Hannah Arendt warnt: Totalitäre Systeme können wieder „auftreten, wenn wieder hingenommen wird, dass es viele „überflüssige Menschen“ eben geben darf… Die einzige „Therapie“ zur Rettung der wahren Demokratie ist für Hannah Arendt das aktive Leben, also das bewusste kritische und selbstkritische Handeln mit und für die Stadt, die Polis und die Gesellschaft. Wer das aktive Leben meidet, das Engagement gegen die Produzenten der „lebenden Leichen“, verfehlt sein eigenes Leben. So radikal ist die Botschaft Hannah Arends heute.

Über den neuesten Film (2013) von Claude Lanzmann über Rabbiner Murmelstein klicken Sie bitte zu einer ersten Information hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Benedikt XVI. – oberster Lehrmeister des Politischen

23. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Papst Benedikt XVI. als oberster Lehrmeister des Politischen

Von Christian Modehn

Wir haben im Religionsphilosophischen Salon im Rahmen der philosophisch notwendigen Kritik der Religionen und Kirchen auf die politischen Ansprüche der Päpste, besonders Benedikt XVI., immer wieder hingewiesen und diese andauernden heftigen päpstlichen Weisungen gegenüber Staat und Gesellschaft dokumentiert und erläutert. Das neue Buch von Marco Politi, einem der renommiertesten „Vatikanologen“ mit dem Titel „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (Rotbuch Verlag, Berlin, Dezember 2012) bietet auch zu dem Thema wichtige Hinweise. Marco Politi, Journalist bei „La Repubblica“ und „Il Fatto Qutidiano“, bestätigt unsere eigenen bisherigen Dokumentationen. Wir weisen nur auf einige zentrale Aussagen aus dem 14. Kapitel („Der Prediger und die Wüste“) seines – sehr umfangreichen, sehr präzisen empfehlenswerten – Buches hin.

Benedikt XVI. ist davon überzeugt, dass er als Papst, d.h. als Stellvertreter Christi auf Erden und als Nachfolger Petri, die Vollmacht hat, die gesamte Politik weltweit zu belehren, „was die nicht verhandelbaren Prinzipien (der Politik) sind“. Das klingt zunächst interessant, könnte man doch denken, dass sich der Papst zu einem leidenschaftlichen Verteidiger der Menschenrechte (zu denen auch die Gewissensfreiheit gehört) aufschwingt und sich sozusagen an vorderster Front gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung bestimmter Menschen usw. aufstellt.  Aber Marco Politi belehrt uns eines besseren: Der Papst duldet als individuelle Freiheit nur den freien Ausdruck des „gebildeten christlichen Gewissens“ (S. 465), also des Gewissens, das sich von der christlichen Lehre prägen lässt. Aber wer verbreitet die authentische christliche Lehre? Es ist einzig der Papst als das oberste Lehramt. Gewissensfreiheit gibt es also nur für die päpstlich geprägten Gewissen. Noch als Chef der obersten Glaubensbehörde veröffentliche Joseph Ratzinger im Jahr 2002 eine „lehrmäßige Note“, also einen alle Katholiken orientierenden, wenn nicht bindenden Text zum Verhalten der Gläubigen in der Politik. Darin heißt es, ich zitiere aus dem Buch von Marco Politi (464 f.): “Es ist keinem Gläubigen gestattet, sich auf das Prinzip des Pluralismus und der Autonomie der Laien in der Politik zu berufen, um Lösungen zu begünstigen, die den Schutz der grundlegenden ethischen Forderungen für das Gemeinwohl der Gesellschaft kompromittieren oder schwächen“. Übersetzt könnte man sagen: „Liebe Politiker, hört auf Rom, den Vatikan, wenn ihr politische Entscheidungen trefft“. In den USA wurden tatsächlich in den letzten Jahren katholische Politiker exkommuniziert, die allzu sehr dem eigenen und nicht dem päpstlichen Gewissen folgten, etwa in Fragen des Schwangerschaftsabbruches. Ultramontanismus nannte man im 19. Jahrhundert diese entfremdende Denkungsart: „Zuerst der Papst, dann mein Gewissen“.

So wird also die faktische Autonomie und die faktische Gewissensfreiheit der (politisch handelnden) Katholiken zurückgewiesen. Katholiken müssen die „grundlegenden ethischen Forderungen“  über ihren persönlichen Gewissensspruch stellen. Der Bischof von Rom ist nicht nur ein spiritueller Lehrer, er ist als Nachfolger des heiligen Petrus auch der einzig berufene Interpret des Naturrechts. Denn dort sind die „grundlegenden ethischen Forderungen“ konkretisiert. Der Papst müsste sich konsequenterweise eigentlich auch des Titels „Oberster Naturrechtslehrer“ bedienen. Immer ist von Naturrecht in päpstlichen Stellungnahmen zu lesen, sehr selten von Menschenrechten: Warum das so ist? Menschenrechte entwickeln sich, sind mit dem Leben verbunden, sind um soziale Dimensionen etwa zu ergänzen. Hingegen ist „das“ Naturrecht im päpstlichen Sinne, auch in der konkreten inhaltlichen Prägung,  etwas UNWANDELBARES und EWIGES, es ist etwas Starres und Unhistorisches. Denn das Naturrecht geht letztlich, so wörtlich „auf den Schöpfer zurück“ (S: 485). Mit „Schöpfer“ ist der Gott gemeint, so, wie ihn die klassische vatikanische Theologie deutet: Als unwandelbarer Herr und Meister von moralischen Prinzipien. „Mit dieser Formulierung wird ein gleichberechtigter Dialog mit Atheisten und Agnostikern ein gewagtes, wenn nicht unmögliches Unterfangen“, so Politi (S. 485). Und was können Buddhisten und Hinduisten mit diesem Gott der Katholiken anfangen, der das Naturrecht erlässt und aus päpstlichen Munde universal für alle und immer und ewig verbreitet? Auch diese (rhetorische) Frage stellt Politi.

Der Papst und der Vatikan haben, das ist evident, mit ihrer total objektivistischen und unhistorischen Naturrechtslehre den Anschluss verloren an die moderne Philosophie (seit Kant): Diese entwickelt ethische Orientierung und Normen einzig aus der autonomen, kritischen Vernunft …  und eben nicht aus theologisch fixierten Überzeugungen … Diese Ignoranz gegenüber dem lebendigen Wandel führt sicher sehr viele nachdenkliche Menschen zur Distanz von dieser eher versteinert erscheinenden Kirchen -, d.h. Naturrechtslehre.

Mit dieser rigiden und ahistorischen (selbst theologisch längst umstrittenen) Ideologie will der Papst seine Urangst überwinden, die panische Angst vor dem Relativismus. Nichts ist für Benedikt schlimmer, als wenn relativistisch, d.h. mit historischem und hermeneutischen Wissen die vorgeblich ewigen vatikanischen Lehren befragt werden. Dann könnte man ja auch bestimmte Bibelsprüche relativistisch deuten, etwa die Begründung des Papsttums oder den Ausschluß der Frauen vom Priesteramt, dann aber würde sozusagen das ganze vatikanische System zusammenbrechen. Aus ureigenen, auf Machterhalt bedachten Motiven muss der Papst also Verfechter des rigiden, ahistorischen Naturrechts bleiben. Relativismus würde seine eigene Existenz als Papst und seines Hofes (=curia) gefährden.

Marco Politi weist zu recht darauf hin, dass nur von dieser völlig in sich abgeschlossenen Naturrechts – Ideologie aus der Kampf des Papstes gegen den ethischen Pluralismus der Moderne zu verstehen ist. Die von konservativ bis fundamentalistisch geprägten Katholiken heiß bekämpfte und äußerst polemisch attackierte so genannte Homoehe (jetzt etwa in aller Schärfe in Frankreich) ist nur ein Beleg dafür, zu welcher Mobilisierung diese uralte Naturrechts – Ideologie in der Lage ist. Die Homoehe, so der pauschale Vorwurf, würde „die“ Familie destabilisieren. Um dieser Naturrechts – Ideologie willen hat der Vatikan übrigens auch über viele Jahre zu Berlusconi gehalten. Dem Papst und seinen Mitarbeitern war das private Leben wie das politisch wie ökonomisch verantwortungslose Verhalten Berlusconis schlicht egal. Warum? Weil Berlusconi den italienischen Bischöfen und dem Vatikan signalisierte: “Von meiner Seite hat der Vatikan nichts zu befürchten“ (S. 463). Damit meinte er: Die Finanzierung katholischer Schulen durch den Staat und die Steuerprivilegien der katholischen Kirche bleiben unter Berlusconi erhalten. ABER, das ist entscheidend, Berlusconi verspricht, gegen die Homoehe vorzugehen, gegen das Gesetz über Patientenverfügungen usw. Kardinal Bertone, die so genannte Nummer 2 im Vatikan, freute sich deswegen auch zu betonen, wie der Vatikan Berlusconi „zu Dank verpflichtet ist, weil diese Regierung im Rahmen befriedeter Beziehungen stets die Interessen der Kirche (!) berücksichtigt hat“ (s. 463). Der Vatikan löste sich aus der ultra- freundschaftlichen Beziehung mit dem Katholiken Berlusconi erst im Herbst 2011: Da hatte dieser unsägliche Machtpolitiker insgesamt und nahezu überall jegliche Akzeptanz verloren. Auffällig ist: Der Vatikan unterstützt selbst auch heute höchst umstrittene und belastete, wenn nicht kriminelle Politiker, wenn sie denn nur „die Interessen der Kirche berücksichtigen“, wie Kardinal Bertone so präzise sagt.

Die Debatte um den Einfluss der rigiden Naturrechtslehre à la Vatikan bzw. Ratzinger wird aktuell noch einmal deutlich in der Ansprache des Papstes anlässlich der Weihnachtswünsche für die Kurie am 21. Dezember 2012, wir beziehen uns hier auf den französischen Text, den „La Croix“ (Paris) druckte. Darin nimmt Benedikt XVI. direkt Bezug auf eine Abhandlung des Groß- Rabbiners von Frankreich, Gilles Bernheim. Der Papst sucht sich sozusagen ökumenischen Beistand von  prominenter orthodoxer jüdischer Seite: Wer würde es da schon wagen zu widersprechen? In schärfsten Worten polemisiert er – darin mit dem Großrabbiner einer Meinung – gegen die Auflösung „der Familie“ durch die Homoehe und die Gender Philosophie, die er übrigens bei Simone de Beauvoir festmacht. Der Papst ist sich, als angeblich so brillanter und so viel gerühmter hoch gebildeter Theologe, nicht zu schade, die  biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich normativ zu deuten: „Als Mann und Frau schuf er (Gott) die Menschen (Gen. 1, 27) heißt es da: Aus diesem beschreibenden Faktum wird beim Papst gefolgert: Nur Mann und Frau können eine Familie bilden. Nur in dieser Dualität, so Benedikt und Bernheim, sei „der“ Mensch authentisch. „Die (Hetero) Familie“, so wörtlich Benedikt und Bernheim, „ist eine Realität, die schon im voraus durch die Schöpfung etabliert wurde“. Die Heteroehe ist sozusagen eine Idee Gottes, die mit der Schöpfung ad aeternum verbunden ist. Konsequent heißt es weiter: Wer diese Tatsachen der Schöpfung leugnet, „der leugnet auch Gott selbst – und der Mensch wird degradiert“. Wer die Homofamilie lebt oder befürwortet, wird in dieser Sicht förmlich zum Unmenschen. „Nur wer Gott verteidigt, verteidigt das menschliche Sein“, heißt es in der „friedlichen“ Weihnachtsansprache an den päpstlichen Hof. Merkwürdig ist, wie stark diese Form der starren Bibelinterpretation und des objektivistischen Naturrechts jegliche Bezugnahme etwa auf die Jesus – Gestalt verschwinden lässt.

Schon lange nicht mehr waren derartig maßlose Worte anlässlich einer fundamentalistischen Bibellektüre aus päpstlichem Mund zu hören. Der Vatikan, so prachtvoll barock er sich auch mit allem Pomp und Glorienschein geben mag, ist längst ein Getto geworden, das sich in starren Prinzipen einmauert und kein Interesse hat an einem Dialog, der Streit und Auseinandersetzung ist unter gleichberechtigten Partnern. „Die Stimme der Wahrheit hat immer recht…“, sie braucht keinen wirklichen Dialog. Zeichen der Ermunterung und Symbole der Hoffnung für diese so vielfältige, pluralistische Menschheit sind vom Papst trotz so vieler Worte, Weisungen und Mahnungen kaum mehr zu erwarten. Das ist die – manchen noch traurig stimmende Weihnachtsbotschaft, die dieser Tage im Vatikan verbreitet wird. Neu ist dies für einige dies vielleicht noch deprimierende Botschaft nicht. Die Schärfe des Tons wundert sogar die Freunde des religionsphilosophischen Salons. Katholische Medien sprechen bezeichnenderweise von einem aktuellen „Kulturkampf“, etwa in Frankreich anlässlich der heftigsten Debatten um die Homoehe (vgl. Christ in der Gegenwart, Heft 52, 2012, Seite 578). Kulturkampf aber ist nichts als Krieg, ausgelöst durch eine rigide Haltung des Papstes, die in der Moderne nur das Böse sehen will. Der Papst meint allen Ernstes, diese Moderne sei gottverlassen und der (heilige) Geist habe sie verlassen. Kann eine Vorstellung von Gott eigentlich noch kleinlicher werden?

Marco Politi, „Benedikt. Krise eines Pontifikats“. Rotbuch Verlag Berlin, 2012, 539 Seiten, 19, 99 Euro. Wir empfehlen dieses preiswerte Buch dringend.

copyright: christian modehn

 



Der menschliche Gott – Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

18. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Der menschliche Gott

Interview über das Weihnachtsfest von Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin, veröffentlicht am 3. Dezember 2012

Die Fragen stellte Christian Modehn

„Alle Jahre wieder“… Viele Menschen erleben gerade die Tage vor Weihnachten und die obligaten Familienfeiern am Weihnachtstag selbst wie eine „ewige Wiederkehr des Gleichen“.  Worin sehen Sie selbst einen Sinn, sich immer wieder und vielleicht immer wieder neu auf Weihnachten einzulassen?

Mir geht es wie den meisten. Es ist mir einerseits zuwider, dieser ritualisierte Geschenketausch und der ganze Gefühlskitsch. Andererseits freue ich mich doch auch jedes Mal wieder auf Weihnachten. Ich habe keine konkreten Erwartungen. Aber ich denke doch, es würde mir etwas fehlen im Rhythmus des Jahres, wenn Weihnachten ausfiele. Das liegt natürlich vor allem an den Kindern. Die sind inzwischen zwar erwachsen. Sie kommen auch nicht mehr alle an Weihnachten nach Hause, weil sie inzwischen selbst Familie mit Kindern haben. Aber wenn sie an Weihnachten nach Hause kommen, dann bestehen sie darauf, dass alles so ist und bleibt wie es immer war. Selbstverständlich gehört der Besuch des Gottesdienstes am Heiligabend auch zu unserem familiären Weihnachtsritual. Wenn Sie mich persönlich fragen, ob ich einen Sinn darin sehe, mich immer wieder auf Weihnachten einzulassen, so muss ich sagen, dass ich gar keine Chance habe, es nicht zu tun – es sei denn, ich würde aus meinem bisherigen Leben aussteigen und meine Familie verlassen – aber selbst dann, so denke ich, käme ich vermutlich nicht von Weihnachten los. Continue reading “Der menschliche Gott – Interview mit Prof. Wilhelm Gräb” »



Von Herodes bis Hoppenstedt: Das umfassendste Buch über Weihnachten. Von Frank Kürschner – Pelkmann

12. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Von Herodes bis Hoppenstedt

Ein inspirierendes Werk über Weihnachten….lesbar immer, auch zu Ostern.

Von Christian Modehn

So viel Weihnachten war noch nie. Jedenfalls nicht in der Gestalt eines theologischen Buches über das populärste aller christlichen Feste. Der Hamburger Journalist und Autor Frank Kürschner – Pelkmann (Hamburg) hat in diesen Tagen ein wahrliches Meisterwerk vorgelegt: „Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte“ nennt er viel zu bescheiden sein 696 Seiten starkes Opus mit insgesamt 1.814 Belegen aus Wissenschaft und Forschung. Aber keine Angst, das Buch ist kein langatmiges Werk von Spezialisten für Spezialisten, es erschließt sich jedem „theologischen Laien“ … und es macht geradewegs Spaß, die schätzungsweise 50 Kapitel zu lesen: Der (Haupt -) Titel sagt schon alles: “Von Herodes bis Hoppenstedt“. Herodes kennen wir irgendwie, den Statthalter, und den Hoppenstedts sind wir (fast) alle schon im Fernsehen begegnet: In dem Film von Loriot über das eher missratene, etwas katastrophische Weihnachtsfest … eben bei Familie Hoppenstedt. So breit ist das Spektrum des Buches, weil die Rezeption des Weihnachtsfestes so unendlich ist … bis heute. Continue reading “Von Herodes bis Hoppenstedt: Das umfassendste Buch über Weihnachten. Von Frank Kürschner – Pelkmann” »



„Auf unser Wohl“: Wünsche und Hoffnungen fürs neue Jahr. Eine Radiosendung

11. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

„Auf unser Wohl“: Eine Radiosendung von Christian Modehn im Saarländischen Rundfunk, 2. Programm, am Sonntag 30.12.2012 um 9.04 bis 9.30.

Was passiert eigentlich, wenn wir uns „Alles Gute“, „Viel Glück“ usw. wünschen? Christian Modehn hat mit Menschen gesprochen, die sich und anderen das „Wohlsein“ wünschen, als Ausdruck der politisch – spirituellen Haltung/Tugend  der Sanftmut. Dazu gehört etwa die aktive Gewaltfreiheit genauso wie das „Buen vivir“ – Konzept aus Ecuador und Bolivien, die Achtsamkeit und der Mut, Kirchenreformen grundlegender Art zu forcieren.



„Life of Pi“ – „Schiffbruch mit Tiger“: Aus einem Interview mit Yann Martel

11. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Wenn der Tiger das Leben rettet

Oder: Wie „das Böse“ mit Vernunft besiegt werden kann

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag erschien in kürzerer Fassung schon 2003 in „Publik-Forum“, nach einem Interview „Christian Modehn befragt Yann Martel“. Weil viele Freunde des Religionsphilosophischen Salons nachfragten, bieten wir den Text (nicht veraltet!) zum Nachlesen, auch anläßlich des Films des „Starregisseurs“ Ang Lee (Taiwan) mit dem Titel „Life of Pi“, Start in Deutschland 26.12. 2012.

Auf hoher See ist er allein. Mit seinem Rettungsboot treibt er irgendwo verloren auf dem Pazifik hin und her: Pi Patel, ein sechszehnjähriger Junge aus Indien, hat bei einem Schiffbruch seine Familie verloren. Auch fast alle Tiere  sind dabei umgekommen. Sie sollten auf dem Dampfer seines Vaters, eines Zoo-Direktors in Pondicherry, Indien, nach Kanada transportiert werden. Jetzt hat Pi nur noch seine kleinen Rationen fürs Überleben – und neben sich einen Tiger. Ihn nennt Pi respektvoll Richard Parker. Er hat überlebt, weil er sich an einem Orang Utan satt fressen konnte; auch der Affe hatte noch das Desaster überstanden.

Nun muß Pi ständig damit rechnen, dass der bengalische Tiger, 450 kg schwer, auch über ihn herfällt. Sie sitzen schließlich im gleichen Boot.

„Schiffbruch mit Tiger“ heißt der mit dem angesehenen Booker Preis (London) 2002 ausgezeichnete Roman eines bislang eher unbekannten Autors: Yann Martel (49), aus Montréal, Kanada, erzählt nicht nur in bewegenden Worten die Geschichte eines grossen Abenteuers. Er schildert nicht nur voller Spannung den verzweifelten Überlebenskampf eines verlorenen Menschen. Er geht vor allem der Frage nach: Wie kann ein Mensch, ja, wie kann die Menschheit insgesamt, überleben im Angesicht mörderischer, unberechenbarer, wilder Gefährdungen.

Pi ist ein gebildeter, nachdenklicher junger Mann: Den Tiger im Zustand menschlicher Selbstüberschätzung ins Meer zu schleudern oder auch zu töten, scheidet für ihn aus: Das Tier ist körperlich überlegen. So gilt es für Pi, sich zu arrangieren und mit der Macht des Geistes und der Vernunft, den Tiger zu bändigen. Und davon handelt der Roman ausführlich: Wie sich die menschliche Dominanz ausbauen lässt; wie das Tier, sozusagen gewaltfrei, z.B. mit der Trillerpfeife schikaniert und eingeschüchtert werden kann. „Es kommt darauf an: Das Tier muss es vermerken: Der Mensch achtet sehr darauf , dass seine Grenze nicht verletzt wird“. Mit Vernunft und List kann Pi schließlich den ewigen Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden unterbrechen.

Aber Yann Martel nennt eine weitere Bedingungen: „Ich (Pi) hätte aufgegeben – hätte sich nicht in meinem Herzen eine Stimme bemerkbar gemacht. Die Stimme sagte: Ich sterbe nicht. Solange Gott bei mir ist, sterbe ich nicht“.

Pi ist ein spirituell interessierter junger Mann; für ihn ist die Mystik des Hinduismus, Christentums und des Islam gleichermaßen wichtig. Das ist wichtig: Er ist eine „multireligiöse“ Gestalt, darin sehr zeitgemäß, gibt es doch immer mehr Menschen, die sich aus der exklusiven Bindung an eine (herkömmlich- vertraute) Konfession befreien und „Mischformen“ religiösen Bewusstseins für sich selbst suchen und dann „hybrid“ leben. Darauf weisen immer wieder auch TheologInnen hin, wie etwa Manuela Kalsky, Amsterdam, Spezialistin für „multireligiöse Bindungen“.

Nur in dieser spirituellen Kraft, kann sich Pi trotz aller Angst und Verzweiflung durchringen, „dass das wilde Tier am Leben bleibt“. Eine Entscheidung, die ihm später selbst die letzte Energie zum Überleben auf hoher See geben wird: Denn hätte er nicht das Tier bei sich, um das er sich letztlich kümmern muss, der Lebenswille hätte ihn in den Stunden tiefster Ohnmacht längst verlassen: Ein Dampfer fährt nämlich ungerührt an den Schiffbrüchigen vorbei…In dem Moment ist Pi dem Ende nahe, und dann sieht er den hilflosen Tiger vor sich: „Ich liebe dich, Richard Parker. Wärest du in diesem Augenblick nicht hier, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Ich glaube, dass ich nicht weiter könnte. Die Hoffnungslosigkeit wäre mein Tod. Gib nicht auf, Richard Parker, gib nicht auf“

Und gegen Ende seines Romans lässt Yann Martel seinen Protagonisten Pi zum Tiger sagen: „Richard Parker, ich danke dir, dass du mir das Leben gerettet hast“. Verkehrte Verhältnisse,  könnte man denken: Nicht das Töten des gefährlichen Feindes rettet den bedrohten Menschen, sondern das Lebenlassen des „anderen“. Nicht tierische Gewalt, sondern menschliche Vernunft führt beide zur Rettung.

Yann Martel hat natürlich keinen philosophischen Traktat geschrieben, obwohl er selbst philosophisch sehr interessiert ist. Er hat einen gut lesbaren ( und gut übersetzten) Roman geschrieben, selbstverständlich mit einem aktuellen Bezug,  angesichts der kriegerischen Gewalt, angesichts der dauernden Gefahren von „Fressen und Gefressenwerden“. Kein Wunder, dass sich bisher allein im englischen Sprachraum mehr als eine halbe Million Leser auf diese Irrfahrt übers Meer mit einem Tiger eingelassen haben. Sie haben dabei die Kunst des Überlebens entdeckt – in der Kraft der Vernunft!

Sie haben aber dabei auch einen Autor kennen gelernt, der „die Idee des Friedens“ auf seine Weise praktisch versteht: „Ich lebe eher kärglich und sparsam, ich wohne nie allein, sondern immer in Wohngemeinschaften mit anderen; ich kaufe vor allem Second-Hand-Klamotten; ich habe kein Auto. Wichtiger ist noch, dass ich mich regelmässig ehrenamtlich engagiere: In Montréal besuche ich einmal pro Woche ein Hospiz für Sterbende, ich versuche, diesen Menschen nahe zu sein. Konsumverzicht und Ehrenamt sind für mich zwei revolutionäre Ideen in einer kapitalistischen Welt, bei der sich alles nur um den Profit und die Macht des Stärkeren dreht“.

Mit Verwunderung nehmen die Leser zur Kenntnis, dass sich der jetzt in allen grossen Sprachen übersetzte Autor öffentlich zum christlichen Glauben bekennt. Er ist in einer religiös desinteressierten, „skeptischen Familie“ von Diplomaten großgeworden. In Montréal wird Martels Bekenntnis zum Christentum wie eine kleine Sensation behandelt. Denn in dieser Metropole hat die Kirche seit 40 Jahren jegliche Reputation verloren, sie hat alle institutionelle Macht nach der „révolution tranquille“ um 1960 aufgeben müssen.  Aber gerade diese schwache, machtlose Kirche von Montréal fasziniert offenbar Yann Martel, etwa die römisch-katholische Pfarr-Gemeinde St. Pierre – Apotre, in der ausschließlich Homosexuelle die Gemeinde bilden und vorbehaltlos als solche angenommen werden und das Gemeindeleben und die Gottesdienste tatsächlich bestimmen.

„Mein Buch  hat mit dem Frieden zu tun“, sagt Yann Martel, „immer wenn wir Brücken bauen zwischen der Mehrheit und den „anderen“, wenn die Vernunft stärker ist als Hass, kommen wir der Harmonie, dem friedlichen Zusammenleben,  näher“.

Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf – Allié. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 382 Seiten. 19, 90 EURO.

PS.: Inzwischen hat Yann Martel zugegeben, dass einige  Ideen zu seinem Roman von Moacyr Scliar. einem brasilianischen Autor, stammen. Aber er empfindet,  so sagt Scliar,  die Nachahmung als ein Kompliment…

COPYRIGHT: Christian Modehn, religionsphilosophischer Salon.



Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion

9. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Neue Lebensformen, Termine

Beim nächsten Salon am 13.1. 2013 wollen wir das schon diskutierte Thema Selbstbestimmung von einer spezielleren Seite beleuchten:

„Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion“. Über das Recht und die Pflicht, sich seinen persönlichen Glauben, auch seinen persönlichen Unglauben, also seine eigene Spiritualität, selbst (mit anderen) zu gestalten. Also ein Salonabend auch über den Abschied von alten Göttern und überlieferten Traditionen und Konfessionen … sowie und von dem (unbewußten?) Gebundensein an „kulturelle Götter“ (etwa des Kapitalismus, Konsumismus usw.) …Ein spannender Salon Abend, herzliche Einladung… mit der Bitte um Anmeldung per email: christian.modehn@berlin.de

ORT: Wieder in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm um 19 Uhr!

Zum Thema des Januar Salons:  Im November und Dezember 2012  sprachen wir über Möglichkeiten und Formen der Selbstbestimmung, anläßlich des Buches von Peter Bieri. Im JANUAR Salon am Freitag, 11. Januar 2013 um 19 Uhr in der Galerie Fantom (Hektorstr. 9 in Wilmersdorf) wollen wir das Thema fortsetzen: Es wurde ja deutlich, dass wir bei der Selbstbestimmung immer schon von einem Bestimmtsein und Verfügtsein ausgehen (müssen). Das gilt auch für die religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Tradtitionen, in die wir hinein gestellt wurden. Welche Bedeutung hat dann religiöse, philosophische und weltanschauliche Selbstbestimmung, also die Wahl, meines je eigenen „Glaubens“. Heute suchen sich immer mehr Menschen ihre je eigene Spiritalität: Das ist soziologisch erwiesen. Die Rede ist von multireligiösen Bindungen. Ist das wirklich so neu? Und welches sind die Kriterien der Wahl, welches Glück suchen wir dabei? Genauso wichtig: Wie stark sind die unbewusst bestimmenden „Dogmen“ der Gesellschaft, die meist den Werten der herrschenden kapitalistischen Gesellschaft entsprechen? Sind wir uns bewußt, dass wir z.B. an die Allmacht des Geldes „glauben“, an die bestehenden Strukturen der Wirtschaft, der Politik? Können wir auch inmitten dieser zugewiesenen Glaubensformen zur Selbstbestimmung finden? Das spannende Fragen, über die eine Debatte lohnt zugunsten größerer Klarheit.

 



Der phantastische Jesus – über „apokryphe Weihnachtsgeschichten“

2. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Eine Radiosendung am 2. Weihnachtsfeiertag: Im Kulturradio RBB von 9.04 bis 9.30 Uhr. Derselbe Beitrag wird am 26. 12. 2012 auch im Hessischen Rundfunk HR2 (Reihe Camino) von 11.30 bis 12.00 Uhr gesendet.

Der phantastische Jesus: Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Von Christian Modehn

„Es begab sich aber zu der Zeit …“. So beginnt die bekannte Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium. Darüber hinaus finden sich über die Geburt Jesu und den Alltag in der heiligen Familie weder bei Lukas, noch beim Evangelisten Matthäus erschöpfende Hinweise. Mit so mageren Informationen wollten sich die ersten Christen aber nicht zufrieden geben. Sie verfassten, von frommer Phantasie geleitet, weitere Legenden und Erzählungen, so genannte „apokryphe“, verborgene Evangelien: Da wird von der Geburt in einer Höhle berichtet, von neugierigen Hebammen und den Eltern der „Gottesmutter“ Maria. Das wundertätige Baby entwickelt sich zum trotzigen, frechen Jungen. Die Kirchenführung ignoriert diese Texte; das fromme Volk sowie Künstler und Schriftsteller lassen sich von ihnen bis heute inspirieren. „Der Glaube braucht phantastische Bilder“, sagen Liebhaber dieser ersten „Jesus–Romane“.

 



Der Advent – philosophisch betrachtet

1. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Denken und Glauben

Wozu der Advent inspirieren kann

Eine philosophische Meditation

Von Christian Modehn

Advent – ein Begriff, der sich über christliche und religiöse Zusammenhänge hinaus längst in die populäre (Kommerz-) Kultur des Westens fest eingeschrieben hat. Advent ist dann meist das eilige Besorgen von Gegenständen (Geschenken, Austausch von Geld) auf den erwarteten Tag (Weihnachten) hin.

D.h.: Nichts wirklich Neues wird in diesem „Advent“ dann erwartet, alles ist schon der kommerziellen Nivellierung unterworfen: „Alle Jahre wieder immer das selbe“.

Ich weise hier auf den ursprünglichen Wortsinn von Advent hin:  Es kommt etwas/jemand ungeahnt Neues auf uns zu. Wichtig ist: Es kommt etwas/jemand von sich selbst her auf uns zu. Es kann etwas Neues eintreten.

D.h.: Es ist nicht das von uns Gemachte, Geplante, Gestaltete, das da auf uns zukommt. Es ist das andere, der/die andere.

Diese „adventliche“ Erfahrung  machen wir aber immer schon auch mitten im Leben, außerhalb der sogen. Adventszeit. Etwa im Sehnen und Warten auf den /die Geliebte(n) oder auf die gelungene, weil schon nicht mehr machbare Kommunikation der Verständigung, dem „großen“ Fest, der unvorsehbaren schönen Reise, dem Ende von Konflikten unvernünftiger, verbissener Parteien, Staaten usw….

Dieser „Advent“ des unbekannten und endlich Licht bringenden, d.h. für uns Sinn bringenden Kommenden widerspricht unserer gängigen Vorstellung, dass wir es sind, die immer die Zukunft machen und gestalten, etwa der Art: Wir wissen heute schon, was morgen und übermorgen sein wird, weil wir es sind, die da planen. Zukunft wird auf dieser Weise eher zur langweiligen, weil bloß verlängerten Gegenwart, „unserer Gegenwart“.

Natürlich rechnen wir, so planend, auch mit den Zufällen oder mit den unbekannten Eingriffen anderer in unsere Zukunftsprojekte. „Es kommt immer alles anders als man denkt“, heißt ein Sprichwort, das den Wahn des alles Gestaltenkönnen bereits korrigiert. Das Wort könnte aber eine eher resignative Aufforderung sein, dann besser erst gar nicht zu denken, also zu planen und in einen Defätismus zu fallen. Aber das Sprichwort ist eher bloß daher geredet, es stört überhaupt nicht den Trend, möglichst alles Zukünftige selbst zu planen.

Jedoch: Diese Vorstellung von Zukunft als dem von uns Gemachten lässt sich mit einem eigentlichen Verständnis von Advent nicht verbinden: In einem ersten Vorverständnis von Advent schwingt schon mit: Da kommt etwas Anders, Neues, noch nicht Erlebtes auf uns zu, das nicht dem Durcheinander von Zufällen ausgesetzt ist. Die alten mythischen und religiösen Bilder des Advent sprechen von Zeiten des Heils, der Befreiung, der Erlösung. Diese Bilder haben Menschen früher einmal für sich formuliert (in der Bibel usw.)  Aber alte Bilder (alte Texte) müssen nicht von vornherein irrelevant sein für ein heutiges Selbstverständnis. Diese alten Bilder (etwa: umfassende Befreiung) hielten die damaligen Autoren wohl etwas naiv noch „vom Himmel gefallen“, so hätte Gott als Gott sie in die Welt gesetzt. Kritische Philosophie muss sagen: Auch diese großen Advent – „Visionen“ (wenn dieses Wort erlaubt ist) sind aus dem menschlichen Geist entstanden, werden aber als Geschenk und damit als das Nicht – Gemachtes erfahren. Der menschliche Geist ist befähigt, das Ungeahnte auszudrücken. Das heißt: Die in den Advent Bildern ausgedrückte Sehnsucht sind Symbole umfassenden Friedens, Gerechtigkeit für alle, Hoffnung auf den definitiven Sieg der Menschlichkeit über Gewalt und Hass usw. sind Bilder und Symbole, die aus der unendlichen Kraft des menschlichen Geistes geschaffen wurden. Sie werden als Geschenk (!) des Geistes, als überraschende Gabe, erlebt und zugleich als Ausdruck der menschlichen individuellen schöpferischen Freiheit.

Philosophie schlägt darum vor: Diese Sehnsucht nach einer „heilen (Advent -) Welt“ ist kein kindlicher Wunsch nach dem Schlaraffenland. Sehnsucht, in dieser grundlegenden Art, gehört vielmehr „zum Wesen“ des Geistes und sollte nicht als illusorischer Wahn diskreditiert werden. (Advent-) Sehnsucht ist Ausdruck des immer über alles Gegebene hinausgehenden, transzendierenden Geistes („metaphysische Unruhe“, nannte man das früher).

Es ist paradox, aber sollte zur Kenntnis genommen werden: Diese grundlegende Sehnsucht als Haltung des Advent drückt sich bereits schon jetzt aus in der Kunst, der Musik, der Poesie, der Philosophie und den religiösen Bildern. Die Symbole des Advents sind sozusagen schon unter uns, als „Gabe“ ! Wir müssen sie nur wahrnehmen. In den schöpferischen (als Gabe, Geschenk erlebten Werken der Kunst usw.) wird symbolisch ausgedrückt, dass das erwartete und ersehnte „Ganz Andere“ bereits unter uns sichtbar ist. Darin zeigt sich einmal mehr, unser Geist ist immer schon über das Gegebene und Faktische hinaus. Er ist wesentlich „unzufrieden“, wie Maurice Blondel sagt

Advent ist also nichts „Skurilles“ oder gar nur Ausdruck für eine auf drei, vier Wochen bezogene Konsum – Welt.

Advent ist, siehe oben, ein symbolischer Ausdruck für „Es wird etwas ganz Neues kommen“ und wir können es symbolisch bereits – als Geschenk an uns – ausdrücken.

Wenn die Philosophie einen Rat gibt, was sie selten tut: Halten wir uns doch an diese Symbole. Diese Symbole sind lebensfördernd, sie steigern sozusagen unser Befinden, deswegen kann man sie philosophisch auch „erlösend“ und befreiend nennen. Der Begriff der Erlösung ist keineswegs für die Religionen und Konfessionen reserviert!

So sind also auch die großen religiösen Verheißungen Ausdruck des menschlichen Geistes. Aber was ist der menschliche Geist? Ist er bloß (banal) „menschlich“ oder gar bloß „natürlich“?

Wir schlagen vor: Im menschlichen Geist selbst bereits ist die Fähigkeit angelegt, das ersehnte „Ganz Andere“ auszudrücken und zwar kraft „des Anderen“ selbst, das IN UNS ist, dies ist das „Ewige“, wie einige Philosophen sagen. „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen“ heißt die entsprechende Einsicht des Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal (Fragment 434 in den Pensées).

Advent wäre also die Feier der kreativen Kraft des allgemeinen menschlichen Geistes.  Dieser Geist kann sich selbst nur als „Gabe“ verstehen, als Geschenk, als „Schickung“ oder wie auch immer.

Aber als Geschenk und Gabe von wem? Da kommt die philosophische Meditation an ihre Grenzen: Es ist – vielleicht – eine Gabe des alles gründenden göttlichen Geheimnisses, sagen Philosophen und philosophische Mystiker vieler religiöser Traditionen.

Offenbart also der Advent ein Menschenbild, das in die Tiefe des göttlichen Geheimnisses reicht? Wahrscheinlich ist das so. Dieses Geheimnis kann vom Menschen nur berührt, aber niemals umfasst und schon gar nicht definitiv (etwa in Dogmen) ausgesagt werden. Aber das ist schon viel. Was wären das auch für Menschen, die sich anmaßen, das Göttliche zu umgreifen?

copyright: Christian Modehn, Berlin, 30.11.2012.