Monatsarchiv



Kierkegaard im Berliner „Haus am Waldsee“: Entweder – Oder

26. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

ENTWEDER – ODER
Kierkegaard und Künstler im Gespräch
Eine Ausstellung im Haus am Waldsee (bis 22. September 2013)
Hinweise von Christian Modehn

Ein Philosoph und zeitgenössische Künstler im Gespräch: Ein ungewöhnlicher Dialog, der jeden und jede inspiriert, egal man nun von der Kunst her das Werk Kierkegaards ( neu) liest oder nach weiterführenden Spuren aus Kierkegaards Buch „Entweder – Oder“ in den Gemälden, Installationen, Fotoarbeiten sucht. Im bekannten und geschätzten „Haus am Waldsee“ in Berlin – Zehlendorf ist zur Zeit eine Ausstellung zu sehen, die zuvor in Kopenhagen, anlässlich des 200. Geburtstages von Sören Kierkegaard (am 5. 5. 1813 geb.) gezeigt wurde: In der „Nikolaj Kunsthal“ wie im „Haus am Waldsee“ ist Solvej Helweg Ovensen als Kuratorin verantwortlich. Wir empfehlen dringend den Besuch der Ausstellung und die Lektüre des Katalogs, der u.a. auch wichtige Interviews mit dem dänischen Kierkegaard Spezialisten Peter Tudvad (Berlin) und dem Philosophen Boris Groys enthält.
Die Aktualität Kiekegaard ist offensichtlich, weil die „ästhetische Lebenshaltung“ (darsgestellt in „Entweder – Oder“) heute in der westlichen Welt und wohl darüber hinaus die alles bestimmende Orientierung ist: Ichbezogenheit, Egoismus, Freude an der Sinnlichkeit als Freude (nur) an sich selbst, aber nicht an den anderen; Beliebigkeit der (ethischen) Positionen innerhalb (m)eines Lebens, Fraglichkeit der Identität, Leben nach dem Zufallsprinzip usw… Diese Themen werden in „Entweder – Oder“ (und späteren Werken) angesprochen

Wir können hier nur einige Hinweise geben, die niemals den Besuch der Ausstellung ersetzen können: Es handelt sich um Arbeiten von 18 KünstlerInnen; diese Arbeiten wurden ausgewählt, weil sie eine Verbundenheit ausdrücken mit dem Denken Sören Kirkegaards, vor allem mit seinem ersten umfangreichen Buch „Entweder – Oder“. Dessen erster Teil wurde bei einem Berlin Aufenthalt geschrieben, nach der Auflösung der Verlobung mit Regine Olsen. Veröffentlicht wurde das Buch 1843 in Kopenhagen.
Der eine Teil der Ausstellung bezieht sich auf Arbeiten zum Thema ästhetischer Lebensentwurf. Der zweite Teil macht deutlich, was ethische Existenz bedeuten könnte.
Zu einigen Arbeiten zum Thema ästhetischer Lebensentwurf (bei Kierkegaard verstanden als Form des Genießens, Sich – Genießens, ja auch des „Epikuräischen“): „Da stehen überwiegend sinnliche, fiktive, spielerische, materielle, rhetorische und theatralische Gesten“, so die Kuratorin im Katalog S. 21.
Alfred Boman etwa zeigt in seinen Gemälden und Plastiken die Beliebigkeit des ästhetischen Lebensentwurfes: „Nichts ist heilig, nichts ist wahr, alles ist virtuell“. Birgit Brenner hat auf ihre umfangreiche Arbeit aus Panzerpappe geschrieben: „Irgendwann, als alles vorbei war“. Diese kulissenartige Installation lässt Gefühle wach werden nach einer verlorenen Liebe. Tom Hillewaere lässt in seiner meditativen Installation einen Gasballon mit angehängtem Filzstift schweben …und dabei Beliebiges schreiben. Alles bleibt unberechenbar, so sah Kierkegaard den Charakter des Ästhetikers; unterlegt ist diese Installation mit dem „Valse Sentimentale“ von Tschaikowsky. Um die Deutung der Identität des einzelnen bemüht sich die Arbeit Broken Mirrors von Lee Yongbaek. „Der Betrachter, der zwischen die beiden Spiegel tritt, begegnet sich selbst. Während er sich der Selbstreflexion hingibt, zerspringt das illusionistische Bild vor seinen Augen in Splitter“. Etwas provozierend sind die Arbeiten des israelischen Künstlers Tal R, er zeigt die erotischen Launen des Ästhetikers durch die unterschiedlichen Formen vieler, sich selbst ironisierender Phalloi. Kierkegaard stellte einmal die Frage: „Ist denn die Vernunft allein getauft, sind die Leidenschaften Heiden?“:
Zu einigen Arbeiten zum ethischen Lebensentwurf: Da steht das bürgerlich – korrekte Leben nach den allgemeinen Grundsätzen des Guten im Mittelpunkt des Buches von Kierkegaard. Die Künstler wenden sich moralischen, „transformationsorientierten Motiven und humanistisch betonten Ansichten“ (ebd) zu. In dem 2. Teil der Ausstellung gibt es etwa Dokumentar – Filme zur Hilfsbereitschaft der reichen Welt, wie mit den Armen in Afrika und deren Armut noch Geschäfte gemacht werden; es gibt Plakate, Interviews. Für religionsphilosophisch Interessierte ist die Installation von Kristine Roepstorff wichtig: „Vita Umbra“ (Schattenleben) nennt sie ihr mechanisches Schattenspiel: Ständig ist unser Bewusstsein in Bewegung, in Gedanken, in Assoziationen…Ein Lichtquelle erzeugt Schatten auf einer Panoramaleinwand, Bilder von Kirchen werden sichtbar; es sind die vielen Kirchen, die sich in einander verschränken und die Frage wecken: Gibt es eine richtige, wahre?

Im ganzen erinnert die Ausstellung an die zentrale Frage Kierkegaards: „Wer bin ich als einzelner? Diese Frage wird heute in ihrer wahren Tiefe gar nicht wahrgenommen, meint der dänische Philosoph und Kierkegaard Spezialist Peter Tudvad, Berlin: „Wenn man heute vom Individuum und dem Einzelnen spricht, tut man das mit verbundenen Augen, womit ich meine, dass wir uns nur rein rhetorisch zu unserer eigenen Individualität bekennen… In der Praxis orientieren wir uns daran, was der Nachbar tut, was wir in den Medien sehen, im Fernsehen, in der Werbung usw.“ (im genannten Ausstellungskatalog S. 33). Das Interview mit Peter Tudvad sollte jeder lesen, der sich neu oder wieder mit Kierkegaard befasst. Tudvad unterstreicht, dabei übernimmt Tudvad die fiktive Rolle eines heutigen Kierkegaard:“ Ich (Kierkegaard) habe mich selbst als religiösen, als einen christlichen Autor verstanden“ (S. 29). „Wir lassen heute die Leidenschaft und den Sinn für das Unendliche vermissen. Wir leben im Jetzt, nicht in dem, was ich, Kierkegaard, Augenblick genannt habe, einem Schnittpunkt zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen“ (32). „Wie ich (Kierkegaard) einmal schrieb, kann man den Geist eines Menschen nach seinem Willen beurteilen, einsam zu sein…immer muss heute =etwas los= sein. Und damit meine ich, dass es sich viele Menschen unmöglich machen, ihren Geist zu entwickeln“ (33).

Haus am Waldsee:
Argentinische Allee 30, 14163 Berlin
Telefon: 030 8018935.

copyright: christian modehn



Ja und Nein zu den Menschenrechten: Aktuelles zur katholischen Kirche in Brasilien

24. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Ein aktuelles Lehrstück aus Brasilien

Unser Beitrag über die „Universalität der Menscherechte“ hat viel Interesse gefunden. Aus aktuellem Anklass weisen wir nun auf die Kämpfe um die Geltung der Menschenrechte in Brasilien jetzt, am 24. Juni 2013, hin:

Es sind Millionen Menschen, die im Juni 2013 für einen grundlegenden Wandel in Brasilien eintreten, hin zu mehr Gerechtigkeit, mehr Respekt vor den Armen und sehr viel weniger Korrruption; diese Menschen fordern ein Ende der allseitigen Bevorzugung der Reichen: Ein Aufbruch, wenn nicht eine Revolution findet statt. Diese Menschen wollen nicht länger die fest etablierte Koalition aus Feudalherren im Nordosten (mit der Duldung sklavenähnlicher Zustände, der ökologischen Katastrophen usw.) und der Politiker, Medienbosse und Gewerkschaftsführer im reichen Süden hinnehmen. Diese Menschen können sich mit der Rücknahme der Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr, einer unbeholfenen Geste der Regierung, nicht begnügen.
Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten sind friedliche Bürger, die nichts anderes fordern als Gerechtigkeit. Sie fühlen sich betrogen, als neuer Mittelstand in einen Konsumrausch getrieben worden zu sein, der ihnen nur hohe Verschuldung brachte…Die Schwäche der brasilianischen Gesellschaft und des Staates wird jetzt vor aller Augen offen gelegt und als ein überwindbarer (!) Fehler des Systems dargestellt. Bisher hatten sich alle Beobachter, auch die Brasilianer in ihrer grenzenlosen Geduld, damit abgefunden, in Brasilien eine der am wenigsten egalitären Gesellschaften der Welt sehen zu müssen. Nur ein Beispiel: Das Mindestgehalt beträgt etwa 240 Euro im Monat. „Die Preise für die Transportmittel sind denen in Frankreich ähnlich“, betont Jean – Jacques Kourliandsky, Forscher am geopolitischen Forschungs – Institut „Iris“ in Frankreich.
Nun erreicht uns ein Hinweis eines brasilianischen Freundes: Inzwischen hat die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB am 21. Juni 2013 erklärt, dass sie „Solidarität und Unterstützung“ den Demonstrierenden gewährt, „damit das Land mit weniger Ungleichheit lebt“. Ausdrücklich wird die Gewalt auf der Straße angeklagt; ebenfalls wird ausdrücklich die Korruption und die Intoleranz kritisiert zurückgewiesen.
Diese Worte werden von vielen Beobachtern jedoch als unglaubwürdig betrachtet, pflegt doch die katholische Kirche entgegen ihrer großen Worte nach außen, in die Gesellschaft hinein, keine Toleranz nach Innen, also innerhalb der Kirche: „Die katholische Kirche „tut immer so als ob“, schreibt unser Freund aus Sao Salvador Bahia, der lieber ungenannt bleiben möchte, sie „tut so als ob“ sie die Menschenrechte absolut und umfassend verteidigen würde. Unser Freund weist darauf hin: Ein bekannter brasilianischer Priester, der offen die Liebe homosexueller Menschen verteidigt und vernünftig und richtig findet, wurde noch am 29. April 2013 exkommunziert, also kurz vor den offiziellen Lobeshymnen der Bischöfe für die Menschenrechte. Nicht mehr katholisch sein soll also der Priester Roberto Francisco Daniel (48 Jahre) aus dem Bistum Bauru im Staat Sao Paulo. Für einen englischsprachigen background Artikel klicken Sie bitte hier. In vielen theologischen Zeitschriften der USA, Spaniens usw. wurde auf diese Exkommunikation hingewiesen, in Deutschland leider nur selten. Der Pfarrer hatte sich geweigert, seine theologische Position zurückzunehmen und öffentlich Abbitte zu leisten. Er hatte dringend gefordert, dass die Kirche ihre Haltung zur Homosexualität verändert. „Die Liebe kann in allen Formen aufbrechen“, betonte Pater Daniel, der in Bauru sehr beliebt ist und dort Padre Beto genannt wird. Seine Konsequenz: „Ich kann nicht mehr in einer Institution leben, die die Freiheit der Meinung nicht respektiert“. Der Bischof von Bauru sagte: “Pater Beto verstößt gegen die katholische Moral und die Dogmen“. Bischof Caetano Ferrari beruft sich dabei auf den § 1364 des Kirchenrechts.
Diese Entscheidung in Bauru gibt nun all denen Recht, die lesbische und schwule Menschen gern diskriminieren und verprügen und oft auch töten, gerade in der von Machismo geprägten Kultur Lateinanerikas: Das ist auch in Brasilien immer noch Realität. Die Feinde der Menschenrechte, also auch die verblendeten Feinde homosexuellen Lebens, können nun also auf ihre Art, darin den Bischöfen folgend, exkommunizieren, also wörtlich übersetzt, eben aus der Gemeinschaft, der Gesellschaft, ausstoßen.
Sind die brasilianischen Bischöfe wirklich so blind, dass sie diese Zusammenhänge nicht sehen? Die kirchliche Mitschuld an dem Verbrechen der gesellschaftlich hoch gepuschten Homophobie gilt keineswegs ja nur für Brasilien, sondern für Polen, Rußland, Griechenland, für die katholischen Diktatoren in Afrika (Der Diktator und bekennende Katholik Mugabe, Simbabwe, ist häufiger Gast im Vatikan) oder auf den „vorbildlich“ katholischen Philippinen.
Die FAZ meldet am 24.6. 2013, dass es Gesetzesvorhaben in Brasilien gibt, Homosexualität als Krankheit zu definieren und – wie früher schon in den USA – „weg- zu therapieren“. Kranke werden abgeschoben, ausgegrenzt, „exkommuniziert“. Damit wird an die Macht der Medien erinnert, die zu einem großen Teil in den Händen pfingstlerischer Millionäre und fundamentalistischer Prediger sind. Die „Universale Kirche vom Reich Gottes“ spielt da eine entscheidende Rolle. Manche naive Beobachter in Europa nennen diese Finanzunternehmern „Frei-Kirchen“. Sie haben einige Millionen Mitlieder, weil sie Reichtum als höchste Gnade verheißen und als erstrebensert darstellen. Und es wird berichtet, dass die katholische Kirche Brasiliens diese pfingstlerische Begeisterungsspiritualität mit den ewigen Alleluja Rufen in den katholischen Glauben integriert;die Katholiken sollen also auch jubeln und „lallen“ (Glossolalie). Und diese sogen. pfingstlerische Begeisterung geht so weit, dass ein ursprpünglicher Befreiungstheologe, Leonardo Boff, diese Pfingstkirchen jetzt ausdrücklich lobt. So weit geht die Verzweiflung darüber, dass das ursprüngliche Projekt ganzheitlicher Befreiung vom Vatikan verboten wurde. Jetzt jubilieren und lallen enthusiastisch die Armen und der Mittelstand… und die Befreiungstheologie ist am Verschwinden…
Ob Papst Franziskus, der Freund „der“ Armen, davon gehört hat? Wird er bei den katholischen Weltjugendtagen in Rio de Janeiro Mitte Juli 2013 davon sprechen? Wird er sich entschuldigen, für die vielen tödlichen Konsequenzen der Exkommunikationen von Minderheiten seiner Kirche?

copyright: Christian Modehn



Menschenrechte gelten universal

21. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Menschenrechte gelten universal

Ein Hinweis anlässlich eines Beitrags von Prof. Heinrich August Winkler, em. der Humboldt Universität Berlin, erschienen in „Die Zeit“ am 20.6.2013. Wie der katholische Bischof von Chur, Vitus Huonder, die Menschenrechte theologisch – „fundamentalistisch“ relativiert, lesen Sie am Ende des Beitrags.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vor 20 Jahren fand in Wien eine – von 171 Staaten mit Delegationen besuchte – Konferenz über die Menschenrechte statt, sie endete am 25. Juni 1993. Dabei handelt es sich um ein Ereignis, darin wurden die Menschenrechte zur Leitschnur staatlichen Handels offiziell erklärt. Das ist viel, auch wenn sich so wenige Politiker faktisch daran halten. Ohne solche Erklärungen („IDEALE“) wird Politik zum technokratischen Getue.
Ausnahmsweise sei der Kürze halber wikipedia zitiert werden: „Jeglichem Kulturrelativismus wird mit der Abschlusserklärung die Grundlage entzogen. Diese Weltmenschenrechtskonferenz brachte auch die erste internationale Erklärung hervor, die die Gewalt gegen Frauen thematisierte. Mehrere hundert Menschen- und Frauenrechtsorganisationen beobachteten diesen Menschenrechtsgipfel der UNO“.

Leider fand diese Konferenz – bei der Fülle so vieler Gedenktage – diesmal, 2013, nicht die dem Rang des Ereignisses entsprechende Aufmerksamkeit. Darum weisen wir auf einen Beitrag des Historikers Heinrich August Winkler hin, der zwar nicht aus Anlass dieses 20 jährigen Jubiläums geschrieben wurde. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, diesmal vonseiten eines Historikers, dass die Menschenrechte universale Gültigkeit beanspruchen müssen. Der Artikel erschien in „Die Zeit“ vom 20.6. 2013 mit dem Titel „Das Beste vom Westen“

Wir folgen den Inspirationen Prof. Winklers und entwickeln seine Vorschläge weiter:
Sind die Menschenrechte relativ, so könnte man fragen? Ja, heißt die Antwort, wenn man mit dieser Frage daran erinnern will, dass sie in historisch „relativen“, also kulturell durchaus bedingten Umständen entstanden sind, eben in Europa und den USA. Aber sie sind entscheidend gerade NICHT relativ, weil erstens jede Erkenntnis in einem kulturell relativen Umfeld entsteht; im „Allgemeinen und Universalen“ kann keine menschliche Erkennntnis entstehen, weil es diese allgemeinen Ausgangsbedingungen nicht gibt. Der Satz des Thales ist in Griechenland „gefunden“ worden, aber er gilt, wie alle wissen, nicht nur in Griechenland. Er ist universal. So sind auch Menschenrechte formuliert worden in einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Bedingungen. Wie sollte es auch anders sein? Aber gerade bei dieser nun einmal notgedrungen „relativen“ Herkunft sind sie universal und gelten also für alle Menschen, alle Wesen, die menschliches Antlitz tragen. Relative Herkunft und universale Gültigkeit schließen einander absolut nicht aus.
Das gilt auch, wenn diese Menschenrechte in den ersten Fassungen von 1776 (Amerika) und 1789 (Frankreich) durchaus aus heutiger Sicht unvollkommene Formulierungen sind. Es fehlt etwa im 19. Jahrhundert noch – fast verständlicherweise möchte man sagen, wegen der kulturellen Begrenzungen – das Menschenrecht der Frauen. Aber unter dem Anspruch, Menschen – Rechte formuliert zu haben, konnte dann eine kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Menschenrechte stattfinden; diese Entwicklung ist bis heute nicht an ein Ende gekommen, gerade wenn man an die sozialen oder ökologischen Dimensionen denkt. So geschieht nun einmal Erkenntnis in relativen Bedingungen, in denen allgemeine Aussagen zustande kommen.
Aber die Verteidiger, um nicht zu sagen, die „Erfinder“ der Menschenrechte, haben sich doch selbst so selten an die Menschenrechte gehalten, könnte man berechtigterweise einwenden, man denke an den Kolonialismus. Das stimmt absolut, trotzdem konnten die Verbrecher unter den Politikern der westlichen Welt diese Menschenrechte niemals abschaffen. Die miserable politische Praxis spricht nicht gegen den bleibenden Sinn von Gesetzen.
Aber viele Kulturen sprechen doch gar nicht in den Worten der Menschenrechte, vielleicht die Chinesen, vielleicht einige Inder, vielleicht einige Inouit Völker im hohen Norden Kanadas oder bestimmte Völker indianischer Prägung am Amazonas, könnte man beanstanden. Auch wenn sie die Worte und Begriffe der Menschenrechtserklärung (noch) nicht in ihrer Sprache sprechen, in der Alltagspraxis hingegen, vor allem in der Leid- und Schmerz – Erfahrung, also in dem Erleben, dass etwas (oft sehr vieles) im privaten oder sozialen Leben NICHT sein sollte und sein dürfte, in dieser oft auch unausgesprochenen, aber praktizierten Ablehnung von Missständen, wird die „Idee“ der Menschenrechte als gültig und richtig und unaufgebbar gesetzt. Eltern in Indien haben „Gewissensbisse“, wenn sie ihr jung geborenen Mädchen töten. Chinesen wollen sich frei und unkontrolliert äußern, das muss man heute nicht mehr belegen. Demokraten in arabischen Ländern wollen doch lieber nicht niedergeknüppelt werden, Homosexuelle im Iran nicht geköpft werden: In allen diesen Negativ- Erfahrungen bricht sich der SCHREI nach der Gültigkeit der Menschenrechte durch.
Wir sind Prof. Winkler dankbar, dass er auf den Skandal hinweist, der leider viel zu wenig Empörung hervorruft, wohl aus Ehrfurcht vor dem als fast allwissend geltenden Ex – Kanzler Helmut Schmidt, dass also Prof. Winkler im Blick auf Schmidt darauf hinweist: „Es verbietet sich, die universelle Geltung der Menschenrechte mit dem kultur – relativistischen, besonders engagiert von Helmut Schmidt vertretenen Argument zu bestreiten: Weil die Menschenrechte ein Produkt des Westens seien, so der Ex Kanzler, hätten nur diejenigen Menschen Anspruch auf deren Einhaltung, die in westlichen Demokratien leben. Während andere Kulturkreise, darunter die chinesischen, gewissermaßen strukturell nicht auf die Menschenrechte angelegt seien“. Hinter dieser Meinung, die ja nicht nur Helmut Schmidt vertritt, verbirgt sich wohl eine Ideologie der „Realpolitik“, kann man sagen: D. h. um des Ökonomischen guten Verhältnisses willen werden Menschenrechtsfragen nicht nur heruntergespielt. Sondern es wird – im Blick auf die vielen Menschenrechtsaktivisten ein Schlag ins Gesicht !! – behauptet: „Diese lieben Chinesen legen doch selbst gar keinen Wert auf die Menschenrechte; ihre Führer haben die Freundlichkeit anzuerkennen, dass Menschenrechte eigentlich liberaler Quatsch der Westeuopäer sind“. Mit einer solchen Haltung, von Europäern vertreten, wird sozusagen das Gewissen der Herrscher, oft sind es Diktaturen, beruhigt. Die Wirtschaftsbeziehungen blühen dann vielleicht kurzzeitig und die Aktivisten der Menschenrechte bleiben in den Kerkern.
Diese Politiker, wie Helmut Schmidt, haben einen sehr engen Wirklichkeitssinn, auch darauf weist Prof. Winkler erfreulicherweise hin: „Der Wirklichkeitssinn hat sein notwendiges Gegenstück im Möglichkeitssinn“. Westliche Politiker sollten auch sehr stark die Möglichkeiten abklopfen, die ein deutliches Engagement für die Menschenrechte bewirken könnte. An die Solidarnosc hat kaum jemand geglaubt, auch nicht bestimmte Kreise der SPD, betont Prof. Winkler. Diese kleine Schar der polnischen Verteidiger der Menschenrechte hat letztlich die europäische Geschichte seit 1989 mit verändert.
Von daher müssen wir uns von der tätigen Hoffnung leiten lassen, dass auch die Verteidiger der Menschenrechte heute in der Türkei und in anderen (arabischen) Staaten letztlich der guten Sache der Demokratie (die auch ihre Mängel hat, aber eine bessere Ordnung gibt es wohl nicht) zum dauerhaften Durchbruch verhelfen … und weltweit Tyrannei und Willkür ein definitives Ende hat.
Unsere Freunde im Religionsphilosophischen Salon Berlin weisen gern darauf hin, dass die Stimme der römischen Kirche, immer auch eine Stimme des Vatikans („Wir verteidigen die Menschenrechte“) viel mehr Respekt fände, wenn diese Kirche und der mit ihr verbundene Vatikan – Staat in sich selbst und in der eigenen Gesetzgebung die Menschenrechte als solche anerkennen und gelten lassen würden … und zwar als Kriterium: Welche willkürlich gesetzten Kirchengebote und welche Gesetze innerhalb des päpstlichen Staates Vatikan können Geltung haben und welche nicht. Menschenrechte sind also wie in allen anderen Staaten grundsätzlich positives Recht, in dem Falle gilt das auch für das „Kirchenrecht“. Jesus selbst und sein Evangelium hat kein Kirchenrecht hinterlassen. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Rede von den Armen, die Papst Franziskus so gern als Motto immer wiederholt, nicht davon ablenken darf, Menschenrechte in der Kirche zu verwirklichen. Und: Die Armen, also etwa zwei Milliarden arm gemachter Menschen, freuen sich nicht, wenn sie päpstlich wieder und wieder gerühmt und gelobt werden, sondern wenn für sie (und noch wichtiger: mit ihnen) die Menschenrechte politisch durchgesetzt werden.

Wir weisen darauf hin, dass das Thema Menschenrechte schon oft den „religionsphilosophischen salon berlin“ beschäftigt hat. Der Theologe Prof. Wilhelm Gräb hat die Menschenrechte als Grundlage einer universalen Religion gedeutet, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben in dem Zusammenhang auf die Sakralität der Person verwiesen, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben im Rahmen unserer Studien zur Dominikanischen Republik darauf hingewiesen, wie unsäglich schwer es dort Haitianer haben, würdevoll zu leben, zur Lektüre klicken Sie hier.

Bischof Vitus Huonder, von Chur in der Schweiz, hat zum Tag der Menschenrechte eine Erklärung aus seiner theologischen Sicht veröffentlicht, der unseres Wissens kein anderer Bischof widersprochen hat. Huonders Beitrag ist ein Beispiel, wie in der katholischen Kirche die Gültigkeit der Menschenrechte gegenüber den religiös, dogmatischen Lehren der Kirche an die zweite, die untergeordnete Stelle rückt. „Religiöse Lehren, also etwa die sogenannten Gottesrechte, zuerst, dann folgen erst die Menschenrechte, also die aktuelle Vernunft“: Dies ist das Motto, dem diese Kirche immer noch folgt, sie beansprucht „die Gottesrechte“ authentisch interpretieren zu dürfen. Solche Überzeugungen werden ja bekanntlich viel exzessiver und brutaler als im Katholizismus auch in anderen Religionen ausgelebt.

Hier die Stellungnahme Bischof Huonders:

Das Wort zum Tag der Menschenrechte (10. Dezember 2011) von Vitus Huonder, Bischof von Chur:
„Brüder und Schwestern im Herrn, die moderne Gesellschaft findet in der Erklärung der Vereinigten Nationen zu den Menschenrechten von 1948 eine Grundlage für ein geordnetes Zusammenleben der Völker und Nationen.1 Für viele staatliche Gemeinschaften ist sie sozusagen die Leitlinie für die eigene Gesetzgebung geworden. Auch in den vielfältigen Beziehungen auf nationaler und internationaler Ebene berufen sie sich darauf.

Die Kirche nimmt die Menschenrechtserklärung zur Kenntnis. Sie misst die Aussagen und Forderungen der Konvention an der Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Sie hebt hervor, dass die Menschenrechte mit Blick auf die Würde anzuwenden und zu interpretieren sind, welche der Mensch als Gottes Schöpfung, aber ebenso als Gottes Ebenbild hat. Den Menschenrechten voraus geht daher immer das göttliche Recht. Die Menschenrechte stehen und fallen letztendlich mit dem Respekt vor dem Gottesrecht“. Quelle: kath.net

COPYRIGHT: Christian Modehn Berlin.



Vernünftig beten und meditieren: Spiritualität in der Sicht liberaler Theologie

19. Juni 2013 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Fragen an Prof. Wilhelm Gräb im Rahmen der Reihe: „Fundamental vernünftig“.

Die liberale Theologie hat auch eigene Vorschläge zur Spiritualität, also zu einer Form geistvollen Lebens im Miteinander und in der Erfahrung des „Unendlichen“.

Ja, aus eigener Einsicht und freier Überzeugung glauben zu können und ohne kirchliche Bevormundung religiös lebendig zu sein – das ist das Angebot liberaler Theologie. Der Vorschlag zur Spiritualität, den die liberale Theologie macht, zeigt auf die Lebensform religiöser Freiheit. Diese war einst gemeint, indem die liberale Theologie von liberaler Frömmigkeit sprach. Uns daran zu erinnern und die Rede von Frömmigkeit im Geist liberaler Theologie wieder aufzunehmen, haben wir heute allen Anlass. Freilich reden wir heute statt von Frömmigkeit lieber von Spiritualität. Denn mit Frömmigkeit verbinden wir noch zu viel dogmatische und kirchentümliche Enge.
Es geht liberaler Theologie darum, wie die „Freiheit eines Christenmenschen“ konkret werden kann: dass es im christlichen Leben nicht auf theologische Rechtgläubigkeit ankommt, nicht auf Übereinstimmung mit kirchlichen Lehren und alten Bekenntnisformulierungen. Spiritualiltät im Geist liberaler Theologie, das ist ein Leben aus dem Evangelium, aus vorbehaltloser göttlicher Ankerkennung und dem Wohl des Nächsten zugewandt. Kriterium im Umgang mit der Glaubenstradition ist die eigene, vernünftige Einsicht und das Wohlwollen gegenüber jedem und jeder, nicht die Einhaltung kirchlicher Glaubensnormen und zwanghafter Moralvorstellungen.
Deshalb stehen liberale Theologen auch der Moderne mit ihrem Pluralismus und ihrer Individualitätskultur offen gegenüber. Der Glaube muss ihnen vereinbar sein mit der Wissenschaft, mit Kritik und humaner Bildung. Liberale Theologie fördert eine spirituelle Lebenshaltung, die weiß, dass wir uns selbst transzendent sind, unendlich angewiesen auf einen Gott, der im Evangelium aber auch die göttliche Rechtfertigung unseres Daseins zusagt.

– Welchen Sinn hat dann für religiöse Menschen, die sich in der liberalen Theologie verstanden fühlen, das Beten?

Beten ist in der liberalen Theologie ein Akt der Selbstbesinnung, bei dem wir allerdings gerade nicht bei uns stehen bleiben, nicht um uns selbst kreisen. Wir besinnen uns, indem wir beten, auf unser Leben als ein solches, das wir vor Gott führen. Gott ist dem, der betet, der Grund allen Lebens, der Sinn des eigenen Daseins, die alles umfassende Einheit der Wirklichkeit. Indem wir uns betend auf unser Leben als ein Leben vor Gott besinnen, finden wir in den Dank für das Geschenk des Lebens sowie in die Bitte um alles, was fehlt zu seinem Gelingen.

– Kann Poesie die Form des Betens sein?

Da das Beten einen Form gesteigerter Selbstbesinnung und damit der Ausdrücklichkeit in der Bewusstheit unseres Lebens ist, kann es sich besonders gut in metaphorischer Sprache artikulieren. Metaphern bereichern unser Leben. Sie schreiben der Wirklichkeit einen Mehrwert zu. Sie drücken unsere Ängste und Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte aus. Insofern ist die Metaphorik religiöser Sprache gut geeignet, unsere tieferen Empfindungen und unser Wirklichkeitserleben auf dichte Weise zur Sprache zu bringen. Sie holt den Überschuss an Sinn ein. Die vom Reichtum der Metaphern lebende Poesie der Sprache öffnet die Dimension der Tiefe, aus der heraus unser Leben in einen letzten Deutungszusammenhang einrückt. So kann gerade die poetische, dichte Sprache zur Sprache des Gebets werden.

– Ist die Voraussetzung für das sinnvolle Beten vielleicht das Innehalten, das Meditieren? Ist dieses Zur Stille Kommen und sich selber sehen genauso wichtig wie das „Sich Aussprechen“ vor Gott?

Das Beten, das ein Sich-Aussprechen vor Gott ist, kann der Aufschrei in der Not sein oder der spontane Dank in der überraschenden Erfahrung des Glücks. Das Beten kann sich aber auch in stiller Selbstbeziehung vollziehen. Das ist dann das, was Martin Heidegger die „Frömmigkeit des Denkens“ genannt hat. Dann macht, wer betet, sein Leben für sich selbst durchsichtiger, durchsichtig auf seine Gründung in Gott. Wer sein Leben vor Gott durchdenkt, dem fügt es sich ein in das Ganze eines Sinnzusammenhanges, der auch noch die negativen Erfahrungen mit einem positiven Vorzeichen versehen lässt. Das ist oft ein Ringen, eine Durchdenken von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, aber vor Gott immer in der Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge. Beten ist ein getröstetes Denken.

– Kann liberale Theologie auch die buddhistisch geprägten Meditationsformen und auch das Yoga unterstützen und als Hilfe empfehlen? Schließlich hat das Christentum ja nicht auf „alles“ eine passende Antwort.

Es ist durchaus möglich, Meditationsformen aus anderen religionskulturellen Traditionen zu übernehmen. Da gibt es auch Beispiele aus der Praxis, insbesondere was die Einstellung Zen-Buddhistischer Meditationsformen in christlich-religiöse Vorstellunginhalte anbetrifft. Man sollte das nicht eng sehen. Wenn wir das Beten so verstehen, dass es uns in Kontakt bringt mit Gott auf dem Grunde der eigenen Seele, dann sind ihm alle Wege angemessen, die dem Menschen Wege zu sich selbst öffnen und ebnen.

– Angesichts der von vielen als oberflächlich erlebten Welt – und auch der eigenen Fraglichkeit des Daseins: Bräuchten wir nicht neue kleine, bescheidene, von jedem nachvollziehbare Riten? Etwa eine Begrüßung des Tages nach der Nacht? Den Dank für den Tag am Abend? Der selbstkritische Rückblick am Ende einer Woche? Wie ließe sich das gestalten, Spiritualität ist ja nicht nur Kopfarbeit…. Sollte da nicht auch liberale Theologie kreativer werden?

Ja, das wäre schön, wenn wir solche Riten erneuern könnten, den Morgensegen (Luthers Morgensegen, zu finden im Evangelischen Gesangbuch, ist immer noch wunderschön), das Abendgebet, das Tischgebet, das Tagebuch, den Wochenrückblick. Das Problem ist nur, Rituale lassen sich nicht am Schreibtisch erfinden. Sie lassen sich überhaupt nicht erfinden. Rituale entstehen, aus den Regeln, die sich eine Gemeinschaft gibt oder in denen diese sich immer schon vorfindet. Es können auch neue Rituale entstehen, aber dann müssen einzelne oder Gruppen sich auf sie verständigen und sie in ihrer Verbindlichkeit anerkennen. Liberale Theologie kann keine Rituale hervorbringen. Keine Theologie kann das, denn Theologie ist ein Nachdenken über die Praxis der Religion, nicht diese selbst. Aber liberale Theologie tut gut daran, sich gegen die Unterstellung zu wehren, ihr seien Rituale nicht wichtig. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings empfiehlt liberale Theologie die Pflege von Ritualen nicht um der Aufrechterhaltung einer religiösen Ordnung willen, sondern aus der anthropologisch begründeten Einsicht in ihre Lebensdienlichkeit.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer-salon Berlin



Die Neokatechumenalen oder: Wenn man den Katechismus als Theologie betrachtet

19. Juni 2013 | Von | Kategorie: Religionskritik

Die Neokatechumenalen oder: Wenn man den Katechismus als Theologie betrachtet
Von Christian Modehn

Wir wurden in den letzten Tagen mehrfach aufgefordert, unsere früheren Informationen und Dokumentationen über eine Gruppe der sogenannten „Neuen Geistlichen Gemeinschaften“ innerhalb der römischen Kirche wieder zugänglich machen, schließlich machen sich, so wurde uns berichtet, nicht nur das Opus Dei und die Legionäre Christi, sondern auch die sogenannten Neokatechumenalen Gemeinschaften „immer mehr breit“, so wörtlich ein Freund aus Köln; der berichtet, dass ein neokatechumenaler Priester alsbald (Weih) Bischof in Köln werden wird; er wurde von Papst Franziskus, dem armen und angeblich progressiven, ernannt.
Wir kommen dieser Anfrage nach, obwohl wir klarstellen: Wir sind ein philosophischer Salon, aber aufgrund der – in unserer Sicht oft unvernünftigen – Zustände in den Religionen heute immer wieder verpflichtet, Religions – Kritik zu betreiben, als eine Form kritischer Bildung. Unter diesem Blickwinkel sind auch die folgenden drei Beiträge zu verstehen; sie wurden im Jahr 2000, 2006 und 2011 veröffentlicht. Das meiste des dort Gesagten ist nach wie vor gültig, wenn auch die weltweite Integration der Neokatechumenaen weltweit auch als offiziell römische, also offiziell anerkannte „Bewegung“ inzwischen viel weiter fortgeschritten ist, etwa: In manchen Bistümern sind junge (oder „mittel-alterliche“) Priester fast ausschließlich Mitglieder des Neokatechumenats. Die Neokatechumenalen im allgemeinen sind theologisch so unglaublich „bescheiden“ zu sagen: „Unsere Theologie ist der römische Katechismus“. Da ahnt der Beobachter, wohin sich der römische Katholizismus entwickelt, wenn alsbald fast nur noch Neokatechumenale oder Legionäre Christi und Leute von „Das Werk“ oder die Priester vom „Inkarnierten Wort“ oder die „Kleinen Grauen“ (das sind die Brüder vom Heiligen Johannes) usw. usw. die Gemeinden leiten und die Bistümer führen…Man muss kein Prophet sein: Diese finanziell äußerst starken und im Machtanspruch – auch gegenüber Journalisten – nicht zimperlichen Bewegungen werden „das Gesicht der römischen Kirche“ weiter ganz wesentlich verändern bzw., je nach Blickwinkel, entstellen in Richtung: „Der Katechismus ist unsere Theologie und wer ihm nicht folgt, ist nicht katholisch“. Zu einem Beitrag für den WDR klicken Sie bitte hier.

….. Es folgen nun drei Beiträge, in der ursprünglichen (Sende-) Form des Radios bzw. der Zeitschrift. Noch einmal: Das copyright liegt beim Religionsphilosophischen Salon.

…..
1.
Wer glaubt, fragt nicht (2000)
Die neokatechumalen Gemeinschaften (NDR)
Von Christian Modehn

24 O TÖNE, insgesamt ca. 13 30“ lang.
EIN SPRECHER

EIN HINWEIS im August 2013:
Hier handelt es sich auch um ein Manuskript aus dem Jahre 2000, das für eine Hörfunkproduktion verwendet wurde. Die sogen. O Töne sind hier nicht vollständig ausgeschrieben, sondern nur stichwortmäßig zusammengefasst nur als Orientierung für den Producer.
Ich habe leider nicht die Zeit, diese O Töne noch vollständig auszuschreiben. Ich biete den Text dennoch an, weil er auch auf diese Weise durchaus noch einen informierenden Wert hat, vor allem durch die Vielzahl der betroffenen Interviewpartner.

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Sie haben exotisch klingende Namen: Focolarini oder Communione e liberazione, Opus Dei oder neokatechumenale Gemeinschaften: Gruppen, die seit mehr als 30 Jahren das Leben der Katholischen Kirche bestimmen. Weltweit haben sie mehrere Millionen Mitglieder und Sympathisanten. Es sind vor allem Laien, Frauen und Männer, die in diesen Gruppen ein intensives religiöses Leben suchen. Auch in Norddeutschland machen diese Kreise von sich reden, zum Beispiel die Neokatechumenalen Gemeinschaften. Christian Modehn hat Anhänger und Kritiker dieser Gruppen getroffen, seiner Sendung gab er den Titel „Wer glaubt, fragt nicht“.

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1.O TON. Bruno Caldana. 0 18“
„Ich war ein Ehebrecher. Und ich hab gesehen, wie Gott mich geliebt hat. Fand die Möglichkeit, eines Tages der Versuchung zu widerstehen“.

Hundertmal hat Bruno Caldana schon diese Geschichte erzählt. Bei religiösen Vorträgen und Katechesen, in Beratungsgesprächen und Interviews. Bruno Caldana berichtet gern von seiner gottlosen Vergangenheit, das gehört nun einmal zu seinem Amt als katholischer Laien-Prediger. Seit 13 Jahren lebt der gebürtige Römer mit seiner Familie in Hannover. Wenn er nachmittags seine Arbeit als Buchhalter beim Malteser Hilfsdienst beendet hat, kümmert er sich um den Aufbau der neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese „geistliche Bewegung“ will er in Deutschland fördern und verbreiten; aus Dankbarkeit, wie er sagt; denn im Neokatechumenat wurde er ein neuer Mensch.

2.O TON, Bruno Caldana 0 22“
„Gott, durch die Kirche und durch das Neokatechumenat, Gott hat uns gerettet, verhindert, daß wir uns trennten, Familie wiederaufgebaut. Haben gesehen, wie Gott uns geholfen hat, uns gegenseitig zu vergeben“. .

Rita und Bruno Caldana gehören heute im Bistum Hildesheim zum Leiterkreis des Neokatechumenats. Der erste Wortteil, das „neo“, bedeutet neu; und katechumenal bezeichnet die Glaubensunterweisung: Neokatechumenale Gruppen wollen also neu den Glauben lehren, nicht den Heiden, sondern, wie sie sagen, den lau und lax gewordenen Katholiken. Vor 35 Jahren wurde das Neokatechumenat von Kiko Arguello, einem Künstler aus Madrid, und der ehemaligen Nonne Carmen Hernandez gegründet. Heute sind die Neokatechumenalen nach eigenen Angaben in 105 Nationen, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden vertreten. Eine Million Katholiken sollen mit dieser Gemeinschaft verbunden sein. Sie alle haben ein Ziel: Jeder Katholik soll sozusagen wieder hundertprozentig glauben und bekennen, was der Papst und die Kirchenlehre vorschreibt. Darum bieten sie Kurse an, bei denen sogenannte Sonntagschristen zu eifrigen Missionaren ausgebildet werden. Hartmut Berkowsky nimmt seit 12 Jahren an diesen Unterweisungen teil.

3. O TON, Hartmut Berkowsky 0 37“
„Auf der einen Seite bin ich Geschäftsführer bei Maltesern, wo ich humanitäre Aufgabe wahrgenommen. Humanitär helfen. Aber ich denke, nicht das, was eigentlich wichtig ist. Erfahren, daß ich den Menschen, denen ich begegne, daß ich da Gott begegne. Was ihr den geringsten getan hat, das habt ihr mir getan. Wahlspruch für mein Leben geworden, wo ich draufzugehe“.

Wer sich einer neokatechumenalen Gruppen anschließt, möchte seinen ganzen Alltag christlich gestalten. Arbeit, Kunst, Politik, alles soll kirchlichen Grundsätzen entsprechen. Bruno Caldana kommt ein wenig ins Schwärmen, wenn er an die neokatechumenalen Jugendgruppen in seiner Heimatstadt Rom denkt. Sie verbringen die Freizeit mit gottesdienstlichen Feiern:

4. O Ton, Bruno Caldana 0 38“
„Dadurch werden viele Jugendliche von falschen Wegen abgehalten. Hunderte, die warten, Eucharistie zu feiern. Anstatt ins Kino zu gehen, zu Disco… viele Jugendliche werden durch Disco auch abgelenkt“.

„Es gibt kein Glück auf dieser Welt“, schreibt der Gründer Kiko Arguello seinen Getreuen, „alles in dieser Welt sei nun einmal eitler Wahn“.
Gottesdienst und Glaubensunterweisung gelten als Ausweg gegenüber den Verlockungen der Konsumgesellschaft. Auch Propst Klaus Funke, der katholische Stadtdekan für Hannover, bietet Jugendlichen am Samstag abends ins Gemeindehaus von Sankt Clemens eine Alternative zu den Vergnügungen des Wochenendes. Propst Funke:

5. O TON, Propst Funke 0 19“ (Glocke im Hintergrund)
„Die neokatechumenale Idee ist wie so ein Zeichen, ja, man könnte sagen des Himmels, daß Gott selber Menschen stößt auf Realitäten, die wir so in unseren Gemeinden gar nicht mehr wahrnehmen und erleben“.

Propst Funke ist seit etwa 10 Jahren ein enger Freund und Vertrauter der Neokatechumenalen: Ihn beeindruckt, wie sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft vorbehaltlos in den Dienst des Papstes stellen:

6. O TON, Propst Funke 0 30“
„Das Neokatechumenat lebt von Itineranten, das sind Laien, die sich bereit erklären, für die Sache Jesu vom Papst in alle Welt schicken zu lassen vom Papst. Per Los gezogen am Tag der Heiligen Familie. Da stehen Familien. Du kannst uns hinschicken, es ist vorbereitet; es gibt eine Menge Anfragen, und sie gehen dahin“.

Missionare, die per Los-Entscheid in alle Welt gesandt werden: Seit 1986 ist dies gängige Praxis; der Papst ist immer dabei, er hat daran sein Wohlgefallen! Auch das Ehepaar Caldana aus Rom wurde zusammen mit ihren vier Kindern im Rahmen einer Verlosung als Itineranten-Paar, also wie Wandermissionare, nach Hannover entsandt. Es hätte genauso gut Wladywostok, Tokyo oder Lima sein können; in Deutschland mußten die Caldanas selber sehen, wie sie mit der neuen Kultur und Sprache zurecht kommen. Inzwischen haben sie in ihren neo-katechumenalen Unterweisungen einen Schwerpunkt entdeckt: Rita Caldana:

7. 0 TON, Rita Caldana 0 19“
„Europa neu evangelisieren: Das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagte, gegen das Böse kämpfen müssen, nicht gegen kleine Sachen, das heißt es ist ein grosser Kampf“.

Die Frommen kämpfen gegen den Teufel, die Guten gegen das Böse: Auf welcher Seite die Neokatechumenalen stehen, ist klar. Propst Funke meint bei den Neokatechumenalen sozusagen positives, heilsames Dynamit gefunden zu haben:

8. O TON, Propst Funke 0 39“
„Was mich an dieser Idee eben so fasziniert, ist: echte Alternative zu dem Alltag, den ich sonst in den Gemeinden erlebe. Ich will diesen Alltag nicht diskriminieren; er ist die eine Seite der Volkskirche. Aber daneben, kann man sagen, ist das wie so ein bißchen Dynamit. In diesem Alltag. Manchmal krachend aufflackert. Macht deutlich, daß sich Dynamit in der Botschaft Jesu verbirgt, was wir eigentlich verschweigen oder unentdeckt lassen“.

Um im Bild zu bleiben: Nicht immer sind die Veranstaltungen des Neokatechumenates Dynamit; manchmal sind sie sehr langweilig, davon konnte sich Pfarrer Albrecht Przyrembel aus dem Bistum Hildesheim überzeugen; er hat an neokatechumenalen Unterweisungen teilgenommen; dabei fühlte er sich an die schlichte Theologie des 16. Jahrhunderts, an die Zeiten des Konzils von Trient, erinnert:

9. O TON, Przyrembel 0 41“
„Das ist der Katechismus von Trient. Bei dieser Gemeindekatechese war ich dabei, um Erfahrungen zu sammeln. Da waren Tafelbilder wie ich sie in der Grundschule gebrauche. Aber eben mit Erwachsenen Menschen nicht.. das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten. Wie im Katechismus: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um in den Himmel zu kommen. Was für Menschen eine Hilfe ist. Es gibt ja eine Neuauflage der alten Katechismen.

Die neokatechumenalen Missionare rühmen sich selbst, keine eigene Theologie zu entwickeln für das Gespräch mit den angeblich lauen und abständigen Katholiken; sie wollen sich keiner neuen, modernen Sprache bedienen. Bruno Caldana:

10. O TON, Caldana 0 15“
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Weil Gott ist derjenige, der uns lehrt, Gott gibt uns Antworten. Ich bin der Meinung, daß Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.

Wenn sich einmal Protestanten in die neokatechumenalen Kurse verirren, wird ihnen deutlich gemacht: die volle christliche Wahrheit gibt es nur im römischen Katholizismus. Einen jungen Protestanten haben die Caldanas einmal nach Rom begleitet:

11. O TON, Caldana, 0 12“
„Bei der Pilgerfahrt hat er direkt erfahren, diese Figur des Papstes hat ihn so stark beeindruckt, daß er zur katholischen Kirche konvertiert hat“:

Konvertieren, also sich bekehren, das ist nicht nur Pflicht der Protestanten. Vor allem Katholiken werden aufgefordert, sich als Sünder zu bekennen und von einem unmoralischen Lebenswandel Abstand zu nehmen. Randgruppen und Minderheiten sollen die offizielle katholische Morallehre respektieren. Propst Funke:

12. O TON Funke 0 58“
„Homosexualität kommt in der Natur vor, ist aber nicht natürlich. Entspricht nicht der eigentlich Veranlagung des Menschen. Will nicht von Schuld erst einmal reden. In der Bibel gibt es keine positive Stellungnahme. Immer kritisch und sündhaft. Erst recht, wenn sie praktiziert wird. Jeder der darunter leidet, wie der Geldgierige, der Sture und kommt: Tut mir leid, ich komm davon nicht weg. der findet immer den barmherzigen Gott. Nur wer eben versucht aus einer Unvollkommenheit eine Vollkommenheit zu machen, der scheitert“.

Die Neokatechumenalen fühlen sich gedrängt, diese Wahrheiten den katholischen Pfarr-Gemeinden Deutschlands mitzuteilen. An der amtlichen, römischen Kirchenlehre wollen sie kein I Tüpfelchen verändert sehen. Sie bieten sich den Seelsorgern an, um in der Glaubensunterweisung zu helfen, wie sie das nennen. Pfarrer Hans-Joachim Osseforth aus der Diözese Hildesheim hatte vor einigen Jahren dieses Angebot aufgegriffen:

13. O TON Osseforth 0 32“
„Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde. Ich muß mich bekehren, dann auch die Gemeinde. Ich wurde als Unbekehrter als nicht richtig Glaubender angesprochen, kommt diskriminierend immer rüber“.

Erfahrungen, die keineswegs nur in Niedersachsen gemacht werden. Ein Berliner, der katholische Dekan Pfarrer Bernhard Obst erinnert sich an seine Begegnungen mit neokatechumenalen Missionaren:

14. O TON, Obst
„Ich wurde dann nur noch indoktriniert.. bis zur Beleidigungen. Ich sollte mich erst bekehren. Das war peinlich Bat sie dann, die Wohnung zu verlassen. Ich hätte doch rechte als Hausherr und müßte mich von ihnen nicht beleidigen lassen“.

Eine Frauengruppe der Gemeinde Bruder Klaus in Berlin-Neukölln hatte sich auf die Neo-Katechumenalen eingelassen, in aller Offenheit und guten Glaubens. Wie hätte es auch anders sein können: Über diese neuen Missionare gibt es keine allgemein zugänglichen Broschüren, Bücher oder Zeitschriften. Die Neokatechumenalen sind sozusagen öffentlich nicht greifbar; sie lieben die Verschwiegenheit. In der Gruppe gab es schon bald erhebliche Spannungen; zwei Frauen, die lieber ungenannt bleiben wollen, erläutern die Probleme:

15. O TON, zwei Frauen hintereinander. 1 23“
„Wenn man mit ihnen spricht, daß ist DER Weg, man bedrängt auch, geht bis zur Beschimpfung, Teufel spricht aus einem. Tut weh! Wir haben sie im Frauenkreis gehabt, Unruhe, sie sind das Salz der Erde, und sie haben die Kinder besser im Griff. Da wird morgens schon Schriftlesung. Also es war sehr schwer. Ich persönlich halte das nicht aus, ich geh nicht mehr hin“.

Die neokatechumenalen Missionare lassen sich nicht beirren; sie ziehen weiter. Haben sie sich aber einmal in einer Pfarrei niedergelassen, gibt es oft Unruhe und Irritationen: Denn die Neokatechumenalen feiern am Samstagabend separat ihre eigene Gruppen Messe im Saal, manchmal hinter verschlossenen Türen; auch die Osternacht zelebriert der neokatechumenale Kreis für sich allein, ohne die Teilnahme der Ortsgemeinde. Kein Wunder, daß solche Abgrenzung von „den anderen“, den „gewöhnlichen Katholiken“, wenig Symapthie findet. Pfarrer Osseforth erinnert sich an einen neokatechumenalen Glaubenskurs:

16.O TON, Osseforth 0 38“
„Wir haben in der Gemeinde mit über 25 Leuten angefangen, am Schluß nach 4 Monaten waren nur noch 4 dabei; das Ende ist Wochenende, wo man sich entschließt, ob man weitermachen will.. Alle wollten nicht mehr mitmachen, zu einengend. Man muß Bußgottesdienste machen, man wird gezwungen zu beichten. Es floß dann mit ein, daß Gott nur auf dem Weg des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt. Das ist zu eng. Das geht nicht“.

In Hannover wird jetzt seit 12 Jahren für den neokatechumenalen Weg geworben: Bisher haben sich trotz intensiver Bemühungen erst 11 Erwachsene der Gemeinschaft angeschlossen. Die Kategorie „Erfolg“ haben die Neokatechumenalen in Deutschland jedenfalls aus ihrem Vokabular gestrichen, und sie fühlen sich dabei sogar sehr wohl. Rita Caldana:

17. O TON, Rita Caldana 0 10“
„Erfolg existiert nicht im Christentum. Weil Jesus Christus auch kein Erfolg gehabt hat. Oder: nur das Kreuz. Und wir sind in die richtige Platz“.

Die Neokatechumenalen stehen sozusagen auf der Seite Jesu, nehmen an seinem Leiden am Kreuz teil, und trösten sich damit, daß wenigstens der Zusammenhalt in der eigenen Gruppe gut funktioniert: Propst Funke:

18. O TON, Funke 0 34“
„Innerhalb der Gemeinschaften gibt es ein unwahrscheinlich intensives Anteilnehmen am Schicksal jedes einzelnen. Was ich erlebt habe, Güterteilung, Autos, Wohnungstausch. Kinderbetreuung, Vertretungen, bei Nöten, grossem geldlichen Einsatz, das ist erstaunlich“.

Das Neokatechumenat zählt nach eigenen Angaben weltweit mehr als 15. 000 solcher offenbar vorbildlichen Gruppen, Lebensgemeinschaften und Freundeskreise. Aber, sie alle sind untereinander vernetzt, betont Pfarrer Osseforth:

19. O TON Osseforth, 0 41“
„Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Sehr zentral gesteuert. Gut durchstrukturiert. Der oberste Chef ist Kiko, das ist der Jesus des Neokatechumenates. Alles, was Kiko gemacht hat, ist gut. Seine Bilder sind wie Ikonen. Nur diese zählen etwas auf unserem Weg. Das halte ich auch für eine Engführung“.

Der feste Zusammenhalt in einer von Befehlen und Gehorchen geprägten Gemeinschaft übt für viele junge Menschen immer noch eine faszinierende Wirkung aus. Aus den neokatechumenalen Familien, die oftmals 8 oder 10 Kinder zählen, entschliessen sich immer wieder junge Männer, Priester zu werden. Propst Funke:

20. O TON Funke 0 32“.
„Das Neokatechumenat hat in aller Welt jetzt vierzig Priesterseminare. Weil aus den Gemeinschaften so viele Priester werden wollen, daß man nur neidisch werden. So was habe ich in meinem Seminar nicht erlebt, an Freude am Glauben, grundsätzlich positiven Haltung zur Kirche“.

Bei dem zunehmendem Mangel an Priestern freuen sich zahlreiche Bischöfe vor allem im Osten Europas über den geistlichen Nachwuchs, den die Neokatechumenalen bereit stellen. In Berlin gibt es seit mehr als 10 Jahren ein neokatechumenales Priesterseminar mit 30 Studenten. Einige dieser Theologen arbeiten inzwischen als Kapläne in Berliner Gemeinden; aber länger als ein Jahr erträgt kaum eine Gemeinde diese jungen, aber extrem konservativ denkenden Priester. Vielleicht ist dies ein Grund, daß der sonst eher wohlwollende Berliner Kardinal Georg Sterzinsky vorsichtig Distanz andeutet:

21. O TON, Sterzinsky, 0 35“
„Ich mach da nur mit, damit ich auch eingreifen kann oder mitsprechen kann; daß es nicht einen Wildwuchs gibt. Kaderschulung in der Missionierung. Wir bleiben bei 30 Studenten. Weil ich nicht meine, daß man mit Klerikern in den Osten starten sollten.

Prominente katholische Kirchenführer haben sich deutlich vom Neokatechumenat distanziert: Der englische Kardinal Hume nannte diese Gemeinschaft schlicht und einfach fundamentalistisch; Kardinal Martini von Mailand warnt ausdrücklich vor den Neokatechumenalen, in manchen Bistümern der Vereinigten Staaten sind sie offiziell unerwünscht. Kiko Arguello, der Gründer der Neokatechumenalen, macht aus Kritikern einfach nur „Verfolger“. Für ihn und seine Gemeinschaft ist die ganze Kirche in Gute und weniger gute Mitglieder aufgespalten. Das konnte Pfarrer Osseforth beobachten:

22. O TON, Osseforth, 0 29“
„Sie sondieren auch ganz klar. Sie sagen sofort, der Bischof uns nicht so liebt, wie wir das wollen, der ist nicht katholisch. Wird diskriminiert. Immer: der Papst unterstützt uns doch. Viele Bischöfe tun das auch.Viele Bischöfe, die kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten“.

Die neokatechumenalen Gemeinschaften haben in fast allen Bistümern Deutschlands Fuß gefaßt, auch in der Diözese Hildesheim. Aber allzu großer Beliebtheit erfreuen sie sich nicht, betont Pfarrer Osseforth:

23. O TON, Osseforth, 1 00“
„Es gibt kritische Interessiertheit, haben einzelnen geholfen, die versaut waren, aber es ist nicht die Erneuerungsbewegung“.

Der Papst sieht das anders: Er ist begeistert von dem Eifer dieser aufdringlich für die römische Kirchenlehre werbenden Missionare; er freut sich über die Bereitschaft der neokatechumenalen Jugendlichen, geradezu massenhaft päpstliche Veranstaltungen zu besuchen. Allein beim katholischen Weltjugendtreffen in Paris im Jahre 1998 waren 50.000 neokatechumenale Jugendliche hilfreich in der Organisation; sie waren vor allem die öffentlich sichtbaren Papst-Fans und Jubel-Rufer in den überfüllten Veranstaltungen. Auch in diesem Jahr, dem Heiligen Jahr in Rom, wird man die Neokatechumenalen nicht übersehen können. Sie gelten längst – neben dem Geheimbund Opus Deials die Stoßtruppen des Vatikans. Sie verändern das Gesicht der katholischen Kirche. Viele Beobachter haben den Eindruck: Sie machen aus der Kirche, der vielfältig lebendigen Gemeinschaft der Glaubenden, ein starre Institution der Indoktrination und Besserwisserei.

Wie kommen Katholiken dazu, sich dieser kämpferischen, zentralistischen und dogmatisch erstarrten Gemeinschaft anzuschließen? Pater Karl Hermann Lenz aus dem Pallottiner Orden hat sich mit dieser fundamentalistisch genannten Gemeinschaft befaßt:

23. O TON Pater Lenz. 0 55“
„Daß sie bei Teilen der Kirchenleitung eine Beliebtheit haben, in Zeiten der Unsicherheit, Johannes Paul der zweite wir stehen an deiner Seite. Mensch da haben wir noch Leute, die wirklich kirchentreu sind-
Zulauf wegen Gruppe, Verbindlichkeit, klare Antworten bekommt, ist ja was Grosses. Spirituelles Wachstum, da gibt es ja auch viel zu wenig in den Gemeinden“.

Copyright:Christian Modehn

……….

Deutschlandfunk 2011
Studiozeit: Aus Religion und Gesellschaft
„Das Vertrauen ist erschüttert – die neuen geistlichen Gemeinschaften in der Krise“
Von Christian Modehn

1. Spr.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator und Übersetzer
O TÖNE, zus. ca. 10 00“.

1. SPR.:
Die katholische Kirche liebt die Einheitlichkeit. Weltweit wird das gleiche Glaubensbekenntnis gesprochen, überall werden die Messen nach den gleichen liturgischen Vorschriften gefeiert. Der Pluralismus zeigt sich vor allem in der Vielfalt der Lebensformen. Mönche und Arbeiterpriester in Fabriken sind sehr verschieden, auch Missionare und Einsiedler haben wenig gemein. Pluralität der Lebensformen war viele Jahrhunderte auf Kleriker und Ordensleute begrenzt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit 50 Jahren, gestalten vor allem Laien, Frauen wie Männer, „neue religiösen Gemeinschaften“. Allein in Deutschland sind 70 unterschiedliche Gruppen vertreten; weltweit sollen mindestens 500.000 Katholiken dazu gehören. Der katholische Theologe und Religionssoziologe Professor Michael Ebertz aus Freiburg im Breisgau hat diesen Trend untersucht:

7. O TON, Ebertz, 0 26“.
Im Grunde könnte man sagen: Diese so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften sind Nachfolger eigentlich so dieser Ordensleute und sie steigern, sie erhöhen die Vielfalt, die Komplexität, innerhalb der Kirche, weil wir in diesen geistlichen Gemeinschaften auch sehr gegensätzliche Positionen finden. Man könnte sagen, von der fundamentalistischen bis hin zu einer sehr ökumenisch, also auch den evangelischen Christen gegenüber sehr aufgeschlossenen Gemeinschaften.

1. SPR.:
Dazu gehört etwa die „Gemeinschaft Sant Egidio“, die sich für den Dialog der Weltreligionen einsetzt; auch die Gruppen der „Focolarini“ nehmen Protestanten als Mitglieder auf. Konservativ und auf die traditionelle katholische Identität bedacht sind die Gemeinschaften der „Neokatechumenalen“ und der „Charismatiker“, des „Opus Dei“ und der „Legionäre Christi“. Sie haben jeweils mehr als 50.000 Mitglieder. Viele von ihnen leben in eigenen Häusern zusammen, also wie in einem Kloster; die meisten aber wohnen „inmitten der Welt“, wie sie gern sagen. Bei den Gruppentreffen mindestens einmal in der Woche pflegen sie die Verbundenheit untereinander.
Zur Theologie dieser so unterschiedlichen Kreise meint Professor Ebertz:

6. O TON, Michael Ebertz, 0 26“.
Sie unterwerfen sich dem hierarchischen Anspruch der Bischofs – und der Papstkirche. Sie setzen ganz auf die religiöse Karte und interpretieren das Evangelium und die christliche Tradition in einem sehr entschiedenen Sinne. Man könnte auch sagen, sie sprechen damit die religiösen Virtuosen unter den Katholikinnen und Katholiken an. Also alle, die etwas mehr wollen als das Übliche, was in den Pfarrgemeinden abläuft.

1. SPR.:
Darum bietet ihnen die Messe am Sonntag noch nicht „ausreichend geistliche Nahrung“, wie sie sagen, und die üblichen Bibelkreise am Abend erscheinen ihnen zu oberflächlich. Sie wollen ihren Glauben in eigenen Veranstaltungen intensiv pflegen. Und dabei entstehen dann Konflikte:

1. O TON, Pater Gerhard Pöter, 0 08“
Die Charismatiker in der Gemeinde, die machten, was sie wollten. Also in der Gemeinde hatte ich überhaupt nichts zu melden. Die haben das Ganze dirigiert.

1. SPR.:
Pater Gerhard Pöter aus dem Dominikaner Orden berichtet über seine Erfahrungen mit katholischen Charismatikern. Sie glauben, besondere Gnadengaben des Heiligen Geistes empfangen zu haben. In der Gemeinde, die Pater Gerhard Pöter leitet, fühlten sie sich darum als die „besseren Christen“.

2. O TON, Pater G. Pöter, Fortsetzung von 1.OTON, 0 20“
Wenn die ein Studium machten, natürlich nicht mit mir oder mit einem anderen von unserem Orden, ein Studium mit irgendeinem Führer der charismatischen Bewegung, die also ganz oben gesteuert werden, dann kamen diese Leute in die Gemeinde, die grüßten noch nicht einmal den Priester. Nein! Die machten das völlig parallel. Wenn der Priester nicht charismatisch ist, dann machen die eben ihre Sache alleine.

1. SPR.:
Pater Pöter arbeitet seit 30 Jahren als Pfarrer im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Er hat dort erlebt, wie sich in dieser Zeit das Profil der katholischen Kirche grundlegend veränderte. Anstelle der sozial – kritischen „Basisgemeinden“ wollen sich nun konservativ geprägte Laien und die mit ihnen verbundenen Priester für die klassischen Glaubenslehren einsetzen. Sie sprechen von „totaler Übereignung an Gott und die Kirche“.
So denken auch die Gruppen des Neo – Katechumenats; sie möchten unbedingt allen Katholiken noch einmal „neu“ die gesamte Kirchenlehre ausführlich erklären. Der katholische Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover hat die Neokatechumenalen persönlich kennen gelernt:

3. O TON, Pfr. Hans Jochim Osseforth, 0 15”.
Man musste einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden, man wird fast gezwungen zu beichten. Das floss dann also doch sehr stark mit ein, dass Gott eigentlich weitgehend nur auf dem Weg des Neokatechumenates die Menschen in die Freiheit führt. Und dann merkte ich: Das ist einfach zu eng, das geht nicht.

1. SPR.:
Genauso wichtig wie die radikal gelebte Frömmigkeit ist die enge Bindung an den Gründer des Neokatechumenats, den Spanier „Kiko“ Argüello, betont Pfarrer Osseforth:

4. O TON, 0 20“.
Erst reingehen bei:
Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, der ideelle Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, das halte ich dann auch für eine Engführung.

1. SPR.:
Gegen diese „Engführung“ eines autoritär geprägten Glaubens gab es schon häufig Widerspruch innerhalb der Kirche. Jetzt melden sich auch Katholiken in Japan Wort. In dem buddhistisch geprägten Land nähmen die neokatechumenalen Missionare keine Rücksicht auf die Eigenheiten der dortigen Kirche, heißt es. In der katholischen Zeitung „Katorikku Shimbun“ hat Leo Ikenaga, der Erzbischof von Osaka, kürzlich geschrieben:

2. SPR.:
Wo diese geistliche Gemeinschaft der neokatechumenalen Missionare aktiv ist, beobachten wir Verwirrung, Konflikte, Spaltung und Chaos in unserer japanischen Kirche.

1. SPR.:
Vier japanische Bischöfe reisten im Dezember vergangenen Jahres nach Rom. Sie wollten den Papst bitten, mit einem Machtwort die Aktivitäten der aufdringlich werbenden neokatechumenalen Missionare wenigstens für die nächsten fünf Jahre zu unterbinden. Benedikt XVI. hörte sich zwar die Klagen an. Aber ein Ende dieser Missionstätigkeit wollte er nicht verfügen. Schließlich kann er die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ nicht verprellen, betont Professor Ebertz:

20. O TON, 0 22“,
Das sind sozusagen innerkirchliche Bio – oder Soziotope, die fruchtbar sind im Blick auf die Rekrutierung, die Gewinnung, von Priesternachwuchs. Und das sind natürlich der Kirche liebste Kinder, die nicht so kompromißlerisch sind, nicht so im Grunde eine Religion light, ein Katholischsein light, pflegen, sondern auch ein Bekenntnis ablegen und dazu stehen. Und Sünde Sünde nennen.

1. SPR.:
Darum ist es nicht erstaunlich, dass die neuen geistlichen Gemeinschaften auch die offizielle kirchliche Approbation erhalten haben. Aber gelegentlich müssen sie doch ermahnt werden, treu „zur Kirche zu stehen“. Benedikt XVI. erklärte Mitte Januar dieses Jahres im „Saal Paul VI.“:

5. O TON, Benedikt XVI. , auf Italienisch 0 47“.
2. SPRECHER:
Die Kirche hat im Neokatechumenalen Weg ein besonderes Geschenk des heiligen Geistes erkannt. Deswegen muss sich diese Gemeinschaft in großer Harmonie mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft befinden. So gesehen, muss sie sich auch in tiefer Gemeinschaft mit den Bischöfen und allen Mitgliedern der Ortskirchen befinden.

1. SPR.:
Benedikt XVI. will unbedingt diese „intensiv“ Frommen unter die Aufsicht der Hierarchie stellen. Schon als Leiter der römischen Glaubensbehörde hatte er sich dafür eingesetzt, abwegig erscheinende Lehren aus den Kreisen neuer geistlicher Gemeinschaften zu korrigieren:

9. O TON Ratzinger, 0 39“. in Aigen.1991
So sind wir verfahren bei einer Ordensgemeinschaft, die in Mallorca sich gebildet hatte unter dem Namen Identes.

1. SPR.:
…berichtete Kardinal Ratzinger 1991 bei einem Vortrag im österreichischen Aigen – Schlägl:

(FORTSETZUNG)
Der Gründer war ein etwas geistig verworrener und theologisch schwärmerisch und träumerischer Mann, so dass seine Gründung absolut unmöglich erschien und unakzeptabel auch mit Disziplin und Lehre der Kirche unvereinbare Elemente enthielt. Aber wir dann einen Weg gefunden haben, der dahin ging, dass der Gründer selbst den Großmut fand, sich ganz von seiner Gründung zu trennen, die dann neu konstruiert werden konnte.

1. SPR.:
Die neuen geistlichen Führer und Gründergestalten lassen sich von ihren Anhängern „Vater“ oder „Hirte“ nennen; sie verstehen sich als „Wegweiser zum wahren Glauben“. Der Züricher Philosoph Gonsalv Mainberger hat einen dieser „von Gott begnadeten Meister“, den Pater Marie – Dominique Philippe, etliche Monate unmittelbar an der Universität Fribourg erlebt.

8. O TON, Gonsalv Mainberger, 0 35“.
Philippe habe ich erfahren in seiner Art Messe zu lesen, das war jedes Mal eine ekstatische oder pseudomystische Angelegenheit. Er zitterte und hat jedes Mal ein Gotteserlebnis konstruiert. Pathetisch! Ausdruck seiner inneren Ergriffenheit, mit der er dann auf die Menschen losging. Und dann merkte ich, er verlangt Unterwerfung. Das wollte ich nicht. Es wird Gefolgschaft abverlangt, und ich wollte das nicht.

1. SPR.:
Unterwerfung und Gefolgschaft: Diese Stichworte kehren immer wieder, wenn man die Geschichte der von Pater Philippe gegründeten geistlichen Gemeinschaften studiert. Die Nonnen seines französischen Ordens, die „Soeurs de la compassion“, hielten junge Schwestern aus Rumänien und der Slowakei Monate lang wie Gefangene in ihren Klöstern. Alle persönlichen Gegenstände, selbst die Ausweise wurden ihnen abgenommen. Erst als die Gerichte einschritten, besserte sich die Lage. Auch der internationale Orden der „Brüder vom heiligen Johannes“ ist eine Gründung Pater Philippes. Die Brüder wurden wegen ihres autoritären und politisch äußerst rechtslastigen Verhaltens selbst dem konservativen Kardinal Lustiger suspekt; er hat diese Mönche aus Paris vertrieben. Die Nachrichten Agentur KIPA aus der Schweiz schrieb im Juni 2006:

2. SPR.:
Papst Benedikt XVI hat die kirchlich umstrittene „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, eine Gründung Pater Philippes mit 500 Mitgliedern, zu mehr Sorgfalt bei der Aufnahme neuer Mitglieder ermahnt.

1. SPR.:
Die Kirchenführung hat heute kein ungebrochen positives Verhältnis mehr zu den sich machtvoll gebärdenden geistlichen Gemeinschaften. Offenbar haben Papst und Bischöfe aus früheren Fehlern gelernt. Der größte Irrtum war wohl die mehr als 50 Jahre dauernde Unterstützung für den mexikanischen Pater Marcial Maciel, den Gründer der Ordensgemeinschaft der „Legionäre Christi“ und der Laien – Gemeinschaft „Regnum Christi“. Maciel hatte schon als 20 Jähriger in Mexiko sein eigenes Kloster gegründet, in dem er als Oberhaupt mit 12 – bis 14 jährigen Knaben zusammen lebte. Als Leiter seiner Gemeinschaften in Rom verpflichtete er schon in den fünfziger Jahren seine Mitglieder zum Stillschweigen über alle internen Vorgänge. Und das mit gutem Grund: Pater Maciel neigte ständig zu sexuellen Übergriffen an Knaben und Seminaristen. Erst im Jahr 1997 fanden sieben mexikanische Opfer den Mut, von den Schandtaten Maciels öffentlich zu sprechen. Sie sind inzwischen Priester und Professoren; sie zeigten Maciel bei Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger an. Aber die Beschwerde wurde in Rom völlig ignoriert. Über die Gründe äußert sich der in Mexiko lebende katholische Theologe Alfons Vietmeier:

14. O TON, Vietmeier, 0 36“.
Das hing damit zusammen, dass das Angebot des Ordens war: Wir haben stramm Rom treue, gehorsame Priester, und aus einer rechtskatholischen Oberschicht, die politisch dann auch wiederum antikommunistisch und antisozialistisch war und ist. Und insofern gewisse Stimmungslagen eines aus Polen stammenden Papstes traf, der genau das suchte, in einer Welt, die laut offizieller Logik in Rom und einschließlich unseres jetzigen Papstes in den Wirren der Zeit unterzugehen droht.

1. SPR.:
Die „Legionäre Christi“ und die Laiengemeinschaft „Regnum Christi“ haben zusammen etwa 65.000 Mitglieder weltweit. Während der Vatikan die Vorwürfe ignorierte, berichteten in Spanien, den USA und vor allem in Mexiko alle großen Medien ausführlich über die Verbrechen Maciels. Der in Mexiko Stadt lehrende Historiker Professor Enrique Dussel kennt die Legionäre Christi sehr gut:

11. O TON, Prof. Henrique Dussel. 0 26“.
2.SPR..
Ihr Gründer ist ein Päderast, er ist obendrein korrupt und bestechlich. Das stimmt absolut. Es gibt mehr als 10 Zeugnisse von Leuten aus den letzten 15 Jahren, die bestätigen, dass er korrupt ist. Aber Papst Johannes Paul II. wollte diese Frage nicht erörtern. Dabei handelt sich um die Korruption in der Kirche, das ist ein sehr, sehr großes Problem.

1. SPR.:
Und der ebenfalls in Mexiko – Stadt lebende kolumbianische Schriftsteller Fernando Vallejo betont:

10. O TON, Fernando Vallejo. 0 21“.
2.SPR.:
Natürlich, die Legionäre Christi kenne ich sehr gut. Der Orden ist sicher eine der machtvollsten Organisationen der Katholische Kirche. Was ich zuallererst kritisiere ist die Verlogenheit seiner Kirche und vor allem auch, dass der Papst keinen Prozess gegen Maciel führt. Ich würde Pater Maciel den Prozess machen vor allem wegen seiner Lügen und seiner Scheinheiligkeit.

1. SPR.:
Die Legionäre Christi haben über viele Jahrzehnte alle Vorwürfe gegen ihren geliebten „Vater“ pauschal zurückgewiesen. Pater Klaus Einsle von der Düsseldorfer Legionärs – Zentrale betonte noch im Jahr 2005:

12. O Ton Einsle, 0 15“.
Unser Ordensgründer hat nie wirklich Zeit damit verloren, sich zu verteidigen. Warum, weil er innerlich ein ganz reines Gewissen hat. Das war für uns eine große Lehre, dass man nicht so viel Zeit damit verbringen muss, sich zu rechtfertigen.

1.SPR.:
So konnten sie verschwiegen mit ihrem pädophilen Ordensvater unter einem Dach leben; im Vatikan hatte er viele Freunde:

18. O TON, P. Einsle 0 22“.
Schon seit 10 oder 12 Jahren gewährte uns der damalige Kardinal Ratzinger jeweils eine kleine Gesprächszeit mit ihm persönlich. Das war eine sehr, sehr herzliche, verbundene Atmosphäre. Er hat auch öfters unser Haus besucht, er kennt uns sehr gut. Und bin sicher, dass er uns auch sehr schätzt, dass da eine große Verbundenheit da ist.

1. SPR.:
Auch mit Papst Johannes Paul II. und prominenen Kardinälen war Pater Marcial Maciel eng befreundet. Die angesehene Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ aus den USA hat nachgewiesen, wie Maciel seine vatikanischen Freunde zu Weihnachten mit großzügigen Geldgeschenken bedachte. Besonders eng verbunden war der „geistliche Meister“ mit dem damaligen Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano. Alfons Vietmaier aus Mexiko betont:

17. O TON, Vietmeier, 0 24“.
Es haben unzählige Bischöfe Flugscheine bezahlt bekommen, Stipendien für Priesterstudien bezahlt bekommen, die Synoden in Rom sind erheblich mitfinanziert worden von den Legionarios. Es gibt also dort eine Vernetzung, die ganz klar bis zu Papst Johannes Paul II geht, der ganz eindeutig das favorisiert hat.

1.SPR.:
Wie konnten so viele Kirchenführer das wahre Gesicht Pater Maciels Jahrzehnte lang ignorieren? Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der vor einem Jahr die pädophilen Verbrechen im Berliner Canisius Kolleg offen benannt hat, meint:

19. O TON, Pater Klaus Mertes, 0 27“
Es gibt einen Typ von Pädophilen, der andere Menschen verzaubern kann. Es ist ganz schwierig, sich diesem Zauber zu entziehen. Und in dem Moment, wo man in dem Beziehungszauber drin ist, wird auch das Hinüberreichen und Herüberreichen von Geld und Bestochenwerden schon gar nicht mehr als solches erlebt. Das ist sozusagen Teil des Beziehungszaubers, der von einem ausgeht.

1.SPR.:
Pater Maciel hat bis zum Jahr 2004 zahlreiche Päpste, Bischöfe und Kardinäle „bezaubert“. Erst vor 7 Jahren trat er als Ordensoberer mit dem gar nicht so geistlichen Titel „Generaldirektor“ zurück. 2006 ist er in den USA im Alter von 86 Jahren gestorben.
Seit einem Jahr ist die neue Führung der Legionäre Christi und des Regnum Christi entmachtet. Der Papst hat an die Spitze beider Gemeinschaften einen päpstlichen Delegaten gesetzt, den Kirchenrechtler Kardinal Velasio de Paolis. Er soll diese Gemeinschaften „reinigen“ , wie es heißt, also grundlegend reformieren. Neun Monate lang wurde die beiden geistlichen Gemeinschaften Pater Maciels in päpstlichem Auftrag untersucht, es wurde geprüft, wie weit z.B. pädophile Tendenzen bei Mitgliedern des ganzen Ordens zu finden sind. Benedikt XVI. nannte zum Abschluss der Untersuchungen allerdings nur einen Hauptschuldigen. Er erklärte am 1. Mai 2010:

2. SPR.:
Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung

1. SPR.:
Aber wegen dieser Straftaten kann Marcial Maciel nicht mehr gerichtlich belangt werden, bis zu seinem Tod hat der Vatikan ihn gedeckt und geschützt…Neben den zahlreichen pädophilen Verbrechen ist nun auch noch erwiesen: Der Pater ist auch Vater von mindestens 5 Kindern. Seine Freundinnen waren Angehörige der so genannten „obersten Oberschicht“ in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Sie beschenkten ihren Liebhaber überaus reichlich. Das Vermögen des Ordens wird heute auf 25 Milliarden US Dollar geschätzt. Der Theologe Alfons Vietmeier in Mexiko über diesen pädophilen Frauenheld, der selbst noch seine eigenen Söhne sexuell missbrauchte:

13. O TON, Alfons Vietmeier, 0 27“.
Eine solche deutlich als Heiliger herausgestellte Figur bricht zusammen, und damit bricht auch eine kirchliche Glaubwürdigkeit zusammen. Und das erschüttert die Grundfesten einer Kirche, die immer stramm auf Moral hin gearbeitet hat, die immer die Werte der Familie, der Enthaltsamkeit hoch gehalten hat, und das bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

1.SPR.:
In Deutschland reagieren die Legionäre Christi gelassen auf diese Enthüllungen, sie haben sich mit ein paar Worten die Untaten Maciels bedauert! Der Orden hat bisher nur zwei deutsche Niederlassungen: In Düsseldorf ist die Zentrale, in Bad Münstereifel befindet sich das Noviziat und ein „Knabenseminar“, eine „Apostolische Schule“ für 12 bis 14 jährige Jungs. Als Kardinal Joachim Meisner am 26. Oktober 2010 dieses Knabenseminar besuchte, erklärte er abschließend auch gegenüber den Legionären:

2. SPR.:
Ich sage nicht: Werdet gut . Sondern BLEIBT gut. .

1. SPR.:
Die Laiengemeinschaft Regnum Christi hat prominente Mitglieder, berichtet einer ihrer Freunde, der Journalist Hubert Gindert:

20. O TON, Hubert Gindert, 0 19“,
Fürst Löwenstein, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Lothringen, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch sehr eng verbunden mit Regnum Christi. Ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnismäßig stark repräsentiert ist
KÜRZUNGSMÖGL. ENDE.

1. SPR.:
Inzwischen wurden aus allen Häusern der Legionäre Christi die Fotos des „geliebten Vaters Maciel“ entfernt. Auch die Aufnahmen, die ihn zusammen mit seinem „lieben Förderer“ Papst Johannes Paul II. zeigen, mussten verschwinden. Maciels Bücher dürfen nicht mehr vertrieben werden. Ist das die große „Reinigung“ innerhalb einer Ordensgemeinschaft? Das Ziel hat der Papst schon vorgegeben: : Einzig der Ordensgründer soll schuldig gesprochen werden, alle anderen werden entlastet. Nur so kann die Kirche weiter auf eine finanziell starke wie missionarisch aktive Organisation setzen. Der Papst braucht die neuen geistlichen Gemeinschaften, meint Professor Ebertz:

16. O TON: Michael Ebertz, 0 46“.
Wenn wir auf dieses Rechts – oder auch fundamentalistische Spektrum auch dieser Gemeinschaften schauen, dann ist es natürlich auch hier die Idee einer Religion totale. Also eines christlichen Staates, eines christlichen Gottesstaates. Die Idee einer Verchristlichung der Gesellschaft mit der Grundidee, dass für jeden Daseinsbereich, ob das nun die Familie ist, die Schule, die Wirtschaft ist, der Staat ist, dass christlich – katholische Vorzeichen entstehen. Das ist schon Stoßrichtung. Einige dieser fundamentalistischen Kreise der geistlichen Gemeinschaften, die sitzen z.T. auch an wichtigen Stellen in Kirche und Gesellschaft, die sind z.B. Massenmedien, die sind da präsent, und machen ihr Ding. Und die sitzen natürlich auch in Schaltstellen der Hierarchie unter Bischöfen oder sie sind in Rom, in der Kurie.

1. SPR.:
Die neuen geistlichen Gemeinschaften werden nicht zu unrecht die immer einsatzbereiten „Stoßtrupps“ des Papstes genannt; sie sind personell und finanziell in der Lage, Priesterseminare zu bauen oder kirchliche Fernsehsender zu bezahlen. Sie organisieren zusammen mit konservativen Parteien Massenveranstaltungen, etwa in Madrid die Proteste gegen die „staatliche Liberalisierung der Sexualmoral“. Sie sind auch in Scharen dabei, wenn der Papst zu katholischen Weltjugendtagen einlädt. Professor Ebertz:

21. O TON, Michael Ebertz. 0 43“.
Je stärker sich das Top – Management der katholischen Kirche mit diesen fundamentalistischen Gemeinschaften sich verbündet, um so stärker tendiert letztlich das Ergebnis eines solchen Managements in die Mitte und der reformorientierte Katholizismus hat das Nachsehen. Das ist eine Strategie, glaube ich, die langfristig dahinter steht. Von daher muss mal also überhaupt sagen, dass die römisch – katholische Kirche im Feld des Religiösen übrigens weltweit eher versucht, das Konservative Spektrum zu besetzen und sich gar nicht auf eine Konkurrenz mit dem linken oder liberalen religiösen Spektrum einlässt.

Copyright: Christian Modehn

………………………….

2.
Eine Gruppe mit Sonderstatus, PUBLIK FORUM
Die Neokatechumenalen
Von Christian Modehn

Seit fast 5 Jahren ist der „Neokatechumenale Weg“, eine äußerst umstrittene „geistliche Gemeinschaft“, offiziell päpstlich anerkannt: Nach zuverlässigen Schätzungen sind heute mehr als eine Million Katholiken mit dieser Gruppierung verbunden, vor allem Laien, die als Missionare von Tür zu Tür gehen und für ihre Glaubensunterweisungen werben. Sie unterstellen, die getauften Katholiken seien noch gar nicht richtig katholisch und auf neuen Katechismus Unterricht angewiesen, darum „das Neo“ in ihrem Titel. Immer wenn es päpstliche Massenkundgebungen gibt, sind diese Kreise dabei, mit ihren Fähnchen jubelnd und winkend, vor allem aber organisatorisch im Hintergrund. Sie kennen keine Mühe und haben genug Geld, 100.000 Getreue und mehr aus aller Welt z.B. nach Köln (zum Weltjugendtag) oder Rom (zu diversen Heiligsprechungen) oder Valencia (zum Welt – Familienkongress) zu transportieren. Am 29. Juni 2002 wurde der Eifer für die Kirche honoriert: Diese weltweit missionierende Gemeinschaft wurde offiziell approbiert, fand das Wohlgefallen durch den Päpstlichen Rat für die Laien . Die „Neos“, wie sie mit kritischem Unterton weltweit genannt werden, haben ihr Ziel erreicht: Sie gelten von nun an als authentisch römisch – katholisch. Damit ging der „inbrünstige Wunsch des Heiligen Vaters“, Johannes Paul II., in Erfüllung. Er liebte diese offensiv für den römischen Katechismus werbenden Katholiken „ganz inniglich“, wie es viele seiner Aussagen belegen.
Diese und viele weitere Informationen zum „Neokatechumenalen Weg“, so der offizielle Titel, sind dem Theologen Bernhard Sven Anuth zu verdanken: Er hat in einer umfangreichen Studie auch den neuen Rechtscharakter dieser Gruppierung untersucht und dabei festgestellt: Für die offizielle päpstliche Anerkennung wurde eine neue, eine eigene kirchliche Rechtsform geschaffen, die sich umständlich „Itinerarium katholischer Ausbildung“ nennt. Unter diesem Titel ist die neokatechumenale Gruppierung keiner bestehenden katholischen Gemeinschafts – und Rechtsform zugeordnet. Sie ist ein „Novum“. Und genau das wollten die Leiter, die sich in schlicht „Initiatoren“ nennen, also der Maler Francisco „Kiko“ Argüello und die Theologin Carmen Hernandez. Sie regieren seit der Gründung diese Gruppierung im Jahre 1962 unumschränkt. In dem neuen päpstlichen Statut gibt es für römische Verhältnisse ungewöhnliche Bestimmungen. Z.B.: „Eine Absetzung des Internationalen Teams des Neokatechumenalen Weges oder eines seiner Mitglieder durch den Päpstlichen Rat für die Laien ist im neuen päpstlichen Statut nicht vorgesehen“ (B.S. Anuth). Das heißt: Die Leitung der eine Million umfassenden Bewegung kann unkontrolliert agieren. Papst Benedikt XVI. hat vor einem Jahr verfügt, dass diese Kreise auf ihre eigenen stundenlangen Messfeiern als Konkurrenz zu den Pfarrgemeinden verzichten sollen, dass sie sich überhaupt stärker in die Gemeinden einfügen: Prompt betonte der Verantwortliche der „Neos“ in den USA das Gegenteil: „Der Brief akzeptiert das Prinzip, dass wir besondere Feiern am Samstagabend abhalten“, so Giuseppe Gennarini. Dabei werden diese Kreise nicht müde zu betonen, Benedikt XVI. sei ein sehr guter Freund: Tatsächlich hatte er schon als Erzbischof von München die „Neos“ zugelassen. Und bei einem großen Treffen der neuen geistlichen Bewegungen zu Pfingsten 2006 waren diese Gruppen ausdrücklich beteiligt. So könnte man meinen, die sanfte Kritik Benedikt XVI. an allzu eigenmächtigem Verhalten der Neos diene vor allem der Beruhigung der weiten Kreise der Kritiker.
In zahllosen Dokumenten, Publikationen und persönlichen Zeugnissen werden die Neos nicht nur kritisiert, sondern als Irrweg beschrieben: Von einer „Parallelkirche“ sprechen die Kritiker und ehemaligen Mitglieder, weil die Neokatechumenalen die eigene Gruppe über alles stellen. Von sozialer Abstinenz ist die Rede, weil sich alles um die Lehren des römischen Katechismus, nicht aber auch um sozial-politisch wirksame Projekte dreht. Von Spaltung der Gemeinden wird berichtet, weil sich die neokatechumenalen Missionare gern als besserwisserische Elite aufführen. Sie wollen den getauften Katholiken einreden, sie würden nur über den tatsächlich 12 bis 15 Jahre dauernden Katechismus Kurs ihr Heil erlangen. Etliche Mitglieder, meist Ehepaare, werden bewusst unvorbetreitet und „arm“ in völlig entlegene Regionen der Welt als Missionare entsandt: Italiener nach Kasachtan, Spanier nach Finnland usw. Seminaristen aus diesen Kreisen werden über die 60 eigenen Priesterseminare weltweit willkürlich verteilt, bei dieser „Auswahl“ gehe es zu, „wie auf dem Viehmarkt“, berichtet einer der es wissen muss, der Kölner Neo-Priester Ansgar Puff. ( Anuth, S. 195, Fußnote 799).
Finanzielle Interessen der Leitungsebenen können selbst für einen seriösen Forscher nur erahnt werden, bei dem Thema werden keinerlei Auskünfte erteilt. Nur vereinzelt berichten Ehemalige: „Die meisten Mitglieder geben das Geld ihrer Gruppe gern und merken gar nicht, dass zum Bespiel der Gründer Kiko immer mit einem riesengroßen BMW durch die Gegend fährt“. Fraglos ist, dass z.B. nach der finanziellen Pleite des Erzbistums Berlin das Priesterseminar der Neokatechumenalen in der Hauptstadt von Spenden der Anhänger finanziert wird. Da muss ganz ordentlich „geopfert“ werden…Zahlreiche Stiftungen finanzieren das Werk, genaue Informationen wurden B.S. Anuth verweigert, wie er mehrfach betont. Die Stiftungen gelten in Deutschland als gemeinnützig. So können Spender Steuer sparen und der Staat meint, die Neos seien nützlich für die Allgemeinheit der Gesellschaft und des Staates.
Auch die kostspieligen Treffen mit Bischöfen aus Europa im Wiener Hotel Interconti (1993) oder aus Amerika im New Yorker Sheraton (1997) wurden von Mitgliedern bezahlt, und sicher auch das äußerst aufwendig gestaltete neue Zentrum am See Genetareth. Ein pompöses Bauwerk, das u.a. auch dem Dialog mit den Juden dienen soll: Wobei die Neokatechumenalen ausdrücklich die ultra-orthodoxe Lubawitsch-Bewegung als Gesprächspartner rühmen, weil „sie messianische Juden sind“.
Wird das Neokatechumenat kritisiert, werden die Überbringer der Botschaft normalerweise diffamiert. Eine Auseinandersetzung über die Neos findet in kirchlichen Kreisen, etwa in Katholischen Akademien, nicht statt. Weil diese Kreise viele junge Priester „liefern“, wird über alles „Neokatechumenale“ offiziell geschwiegen. Selbst Gemeindemitglieder aus Pfarreien mit noekatechumenalen Priestern wagen nur anonym Auskunft zu erteilen. Die Neos verbreiten Angst.
Sie haben gewagte Ansprüche, wollen etwa das säkulare Europa bekehren. In den Texten der Führer dieser Gruppierung wird die moderne Gesellschaft aber abgelehnt , wenn nicht verteufelt. Keine gute Ausgangsbasis für einen Dialog. In der weiten Ökumene haben bisher sehr wenige begriffen, wie die Gruppen der Neos das Angesicht der Katholischen Kirche insgesamt bereits verändert haben.

. . . . . . . . . . . . . .
3.
Deutschlandfunk 2001
Studiozeit, Red. Hartmut Kriege
— Ein Manuskr. für eine Radiosendung, unkorrigiert–
„Das Sanierungsprogramm Gottes“
Die Neokatechumenalen
Eine Sendung von Christian Modehn

29 O TÖNE, incl. von 2 musikal. Zuspielungen.

1. O TON Zusp,. Pfarrer Ansgar Puff, 0 41″
„Ich bin Pastor in 3 Pfarrgemeinden am Rand der Innenstadt von Düsseldorf. Und bei uns gibt es kein Missionsgebiet, jeder von uns hier hat mal was von Christus gehört. Aber unsere Gemeinden strahlen auch nicht das Evangelium aus. In einer solchen Situation ist es wichtig, neu zu evangelisieren. Das bedeutet erstens einen Schwerpunkt auf die Erwachsenenkatechese zu legen, zweitens kleine kirchliche Gemeinschaften zu bilden. Und drittens systematisch die Fernstehenden anzusprechen. Und um diese drei Ziele zu erreichen, gibt es ein sehr gutes Instrument, ein katechetisches Instrument, in der Hand der Gemeinde und des Pfarrers, und das ist der neokatechumenaler Weg“.

Pfarrer Ansgar Puff gehört seit etlichen Jahren zur Gemeinschaft des Neokatechumenats. Der Name aus dem Griechischen ist Programm: Die Mitglieder dieser neuen geistlichen Bewegung halten „Katechesen“, also Glaubensunterweisungen. Sie wenden sich überwiegend an getaufte Christen. „Neu“ ist vor allem die lange Dauer der Schulungen: Nach geltendem Kirchenrecht wird ein Ungetaufter höchstens zwei Jahre lang im katholischen Glauben unterwiesen. Bei den Neokatechumenalen vergehen viele Jahre, ehe man als ein „richtiger Katholik“ gelten kann: Das unterstützt Paul Josef Cordes; er ist Kurienbischof in Rom und ein enger Förderer des Neokatechumenats:

2. O TON, 0 21″ Bischof Cordes.
„Als ich zum ersten Mal gehört habe, daß das über zehn Jahre dauert: da habe ich gedacht, das kann doch nicht wahr sein, das kann man doch heute keinem Menschen mehr zumuten, 10 Jahre irgendetwas mit Regelmässigkeit zu tun. Das ist gegen alle Gesetze der Erwachsenenbildung“. —-APPLAUS bleibt!

Diesem neokatechumenalen Weg zum Glauben folgen Katholiken in 105 Staaten, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden, mindestens 200.000 Gläubige werden auf diese Weise erreicht. Überall wollen sie innerhalb der Pfarrgemeinden ihre eigenen Gruppen aufbauen. So manch ein Geistlicher ist zunächst einmal froh, wenn sich ehrenamtliche Mitarbeiter anbieten: Auch bei Pfarrer Klaus Spors in Berlin-Hellersdorf hatten sich die Neokatechumenalen gemeldet, als ein Kaplan aus dieser Gemeinschaft seinen Dienst antreten wollte:

3. O TON, 0 24″ Spors.
„Dann hab ich auch mal gefragt, gerade auch als der Kaplan da war: ich möchte doch mal irgendein Schriftstück oder irgendeine Ordnung dieses Vereins haben, oder so. Das gäbe es nicht, und die Satzungen seien noch nicht fertig und die seien in Rom in Arbeit. Dieses ganze Gelaber, wenn einer irgendwas nicht sagen will und wenn man vor allem Dinge sich nicht festlegen will“.

Von Rom aus steuert Kiko Arguello diese internationale Gemeinschaft: Der Künstler aus Spanien gründete 1964 in Madrid das Neukatechumenat. Mit dessen bislang geheimen Strukturen hat sich Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover intensiv befaßt:

4. Zusp., 0 43″
„Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Das ist innerhalb der Kirche noch mal eine sehr zentral gesteuerte geistliche Bewegung, die sehr eng ist, die sehr gut durchstrukturiert ist. Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, auch seine Schriften, seine Bilder oder so. Die wie heilige Ikonen behandelt werden, so daß man sagt: nur diese Bilder sind eigentlich die richtigen, nur diese Bilder gelten was. die uns begleiten auf unserem Weg, das halte ich dann auch für eine Engführung“.

Mit dem Papst stehen Kiko und seine Leute in bestem Einvernehmen; Johannes Paul der Zweite entsendet selbst Laienmissionare aus dieser Gemeinschaft in alle Welt. In Deutschland wollen die Neokatechumenalen auch mit ihren Liedern die Menschen zum Glauben bewegen:

5. O TON, Lied insgesamt: 0 45″. bleibt ca. 010″ freistehen, dann wegziehen.

Rita ist eine von vielen neokatechumenalen Missionare: Sie stammt aus Italien und wurde zusammen mit ihrem Mann nach Hannover entsandt; dort bietet sie ihre sogenannten Glaubens-Kurse an:

6. O TON, Rita 0 19″
„Europa neu evangelisieren, das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagt, daß wir gegen das Böse in die Welt kämpfen, nicht gegen kleine Sachen, die uns stören. Das heißt, das ist ein grosse Kampf“.

Die neokatechumenale Missionarin Bruna setzt andere Akzente in ihren Vorträgen:

7. O TON, Bruna 0 35″
„Es gibt eine Bombe, die viel grösser ist als die Atombombe, und diese Bombe ist die Abtreibung. Ich weiß nicht, ob sie gelesen haben: Ind er Welt passieren jedes Jahr 40 Millionen Abtreibungen. Viele sagen, daß diese Abtreibungen wird der Grund sein für 3. Weltkrieg. Man meint vielleicht als Strafe, die Menschheit wird bestraft. Aber deswegen!

Auch Toni ist neokatechumenaler Missionar; er will in seinen Vorträgen die traditionelle Lehre vom Priestertum verbreiten:

8. O TON, Toni, 0 40“.
„Warum eine Frau nicht Priester sein kann? Sie kann eine Prophetin sein, wunderbar, sie kann verkündigen, wunderbar! Kann vermitteln. Aber nicht Vorsitzende. Es tut mir leid, daß Jesus ein Mann war. Es tut mir leid, daß Jesus ein Jude war. Vielleicht wolltest du, daß Jesus aus Oberammergau kommt. Aber er kommt nicht aus Oberammergau. er kommt von einem kleinen Dorf in der Wüste. Es tut mir leid, die Kirche benützt den Wein und nicht das Tee oder Bier. Jesus ist ein Mann.

Diese Beiträge der Katechisten kann Pfarrer Ansgar Puff aus Düsseldorf nicht hoch genug einschätzen: Die Missionare würden so heilsam auf die Menschen wirken, meint er:

9. O TON, Puff. 0 29“.
„Es geht nicht darum, daß die Katechisten die besseren Psychologen wären. Aber es geht darum, daß wenn Jesus und die Botschaft seiner Auferstehung die Menschen wirklich erreicht, daß dann ein Prozeß der Heilung beginnt in den Menschen. Das Erstaunliche an dem neokatechumenalen Weg ist, daß es, ich sage es einmal salopp, eine Art Sanierungsprogramm Gottes ist, das ist keine Sache der Psychologie, das ist eine Auswirkung der Gnade, wenn sie so wollen, die Gott einem einem schenkt.

Das Neokatechument ein „Sanierungsprogrmm Gottes“ für die heutige Welt? Ursula Wenzel aus Berlin sieht das anders; sie war Mitglied im Pastoralrat des Erzbistums Berlin; sie hat sich einmal auf diese neokatechumenalen Schulungen eingelassen:

10: O TON, Wenzel. 0 20″
„Man sieht den Menschen nur als grossen Sünder.Vielleicht ist das auch ein den Menschen in eine bestimmte Situation und in eine bestimmte Abhängigkeit bringen. Indem ich ihm sage, wie groß seine Sünde ist, desto besser kann ich in den Weg einbeziehen, und desto gefügsamer ist er dann auch“.

Beobachtungen, die Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover aus eigenem Erleben nur bestätigen kann:

11. O TON Osseforth 0 12″
„Man muß dann einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden. Man wird fast gezwungen zu beichten. Es floß dann also mit ein, daß Gott weithin nur auf dem Wege des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt.

Auch Pfarrer Albrecht Przyrembelaus Hannover hat sich auf die Neokatechumenalen Katechesen eingelassen; er hielt einige Wochen durch, bis es ihm zu schlicht und simpel wurde:

12. O TON: Przyrembel. 0 27“
„Da waren denn Tafelbilder, wie ich sie in der Grundschule gebrauche, aber eben mit erwachsenen Menschen nicht. Das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten, wie der Katechismus früher fragt: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um dann auch in den Himmel. Was für manche Menschen auch heute noch ne Hilfe ist, es gibt ja ne Neuauflage der alten Katechismen.

Kurien-Bischof Paul Josef verteidigt hingegen diese Art der Glaubensunterweisungen. Ihn stört es ganz und gar nicht, daß die neokatechumenalen Missionare kein Theologiestudium absolviert haben. Er findet es sogar gut, wenn sie fern von der akademischen Welt und ihren Privilegien leben. Überhaupt hat der Bischof Cordes, enger Freund der Neokatechumenalen, etwas gegen kritische Akademiearbeit der Kirchen:

13. O TON, Cordes. 0 31“ endet mit Beifall
„Ich habe also nichts dagegen, daß man staatliche Hilfen in Anspruch nimmt. Aber manchmal habe ich die Sorge, daß wir aufgrund der staatlichen Hilfe anfangen, Bildungspläne zu machen, die mit Glaubensverkündigung auch nicht mehr indirekt etwas zu tun haben.

Nicht kritische Nachdenklichkeit, allein Frömmigkeit zählt bei den Neokatechumenalen: Kurienbischof Cordes:

14. O TON Cordes, 0 18“
„Ich halte es für besser, eine Fastenpredigt zu halten mit Gebet und Aussetzung des Allerheiligsten als sich in einen Konferenzsaal zu setzen und nachzudenken über die Fastenzeit und eine Bildungsveranstaltung zu machen.

Und immer wieder werden die Glaubensunterweisungen für „moderne Heiden“ von „hauseigenen“ Chansons begleitet:

15. O TON, Maria, Tochter deines Sohnes. ca. 0 17″ bis „Tochter deines Sohnes“ zu hören war!!
INSGESAMT: 1 20″

Man stolpert schon über den ersten Vers: „Maria, Tochter deines Sohnes“. Wie geht das? Die Neokatechumenalen antworten: Maria sei die Tochter des ewigen göttlichen Logos im Himmel; sie sei sozusagen die menschliche Tochter des Himmlischen Gottes. Solche Texte werden mit Inbrunst gesungen:

15. O TON, Lied, bei 0 53″: noch einmal hochziehen,

Mit diesen Liedern ziehen die Neokatechumenalen in die Gemeinden Deutschlands… Pfarrer Klaus Spors aus Berlin-Hellersdorf kennt diese Songs; ihm wurde vor 7 Jahren ein Kaplan zugewiesen, der Mitglied des neokatechumenalen Weges war. Pfarrer Spors erinnert sich:

16. O TON, Spors, 0 33″.
„Sie haben die wahre Religion und auch den wahren Katholizismus. Das kling so immer durch. Am eklatantesten war das Ostern 97, mit Ach und Krach habe ich den Kaplan dazu bekommen, in der Pfarrei zu sein und als das fertig war. Dann danach war immer Ostertreffen der Jugend angesagt. Dann hat er das auch gemacht. Dann um halb zwei nachts, haben mir die Jugendlichen gesagt: Er hat gesagt, jetzt kann ich endlich dahin gehen, wo wahres Ostern ist, und dann hat er sich ins Auto gesetzt und ist zu seinem Neokatechumenat gefahren.

Ein Mitglied einer anderen Berliner Gemeinde will aus Angst vor Repressalien lieber anonym bleiben; diese Frau hat neokatechumenale Kapläne aus nächster Nähe erleben können:

17. O TON, Thekla, 0 27“
„Die andere Seite war ein relatives Engagement in der Gemeinde. Begrenzt auf das Notwendige; da wurden Absprachen nicht eingehalteb.Der eine Kaplan kam ständig zu spät zum Religionsunterricht, es gab Ostersonntag keine Predigt, weil er in der Nacht beim Neokatechumenat war. Das Engagement war bei sehr niedrigem Niveau, was die Gemeinde betraf!

Der viel zitierte „Dienst des Priesters“ war nicht mehr als ein schönes Wort: .

18. O TON, Thekla;
0 28″
„Normalerweise sollte es so sein, muß es so sein, daß wenn jemand Priester wird, Gott dient, aber auch dem Nächsten dient, der Gemeinde dient. Und diese Kapläne mit neokatechumenaler Ausbildung haben anderes Selbstbewußtsein. Wenn ich es einmal etwa salopp ausdrücken darf: Freut euch, daß ich Priester geworden bin und erweist mir dabei die gebotene Ehre und Dankbarkeit“.

Von Aufbau der Gemeinde hielt der neokatechumenale Kaplan nicht viel:

19.OTON 0 26″.
„Ich denke, was am schmerzlichsten war, das äusserte sich im stillen Auszug. ein Beispiel ist nur: es gab etwa 20 Jugendliche einer 9. Klasse, die regelmässig zum Religionsunterricht kamen. Nach Ende des Schuljahres mit dem Kaplan kamen noch zwischen 1 und 10. das ist eigentlich das gefährlichste, dieser stille Auszug, wo man sich nicht auflehnt und sagt: Ja ich gehe einfach weiter.

Auch Pfarrer Spors aus der Sankt Martins Gemeinde in Berlin hat die Anwesenheit eines neokatechumenalen Kaplans als Belastung erlebt:

20. O TON. Spors. 0 53″
Dann ging es immer um seinen freien Tag, den er also im Neokatechumenat verbringen wollte, verbringen mußte, ich weiß es nicht. Ich hab gesagt, der freie Tag richtet sich nach der Pfarrei und nicht nach seinen Verpflichtungen. Darauf sagte, er nein, den freien Tag muß er haben. Dann er also immer nicht da war, nicht erreichbar war. Und dann kam plötzlich eine situation, in der er mir sagte, er müßte da alles ganz anders machen und sein Hauptaugenmerk jetzt auf das Neokatechumenat richten. Und darauf sagte ich: nein, das sehe ich nicht ein. Er ist als Kaplan in der Pfarrei und die Pfarrei geht vor. Da müßte er sich nach richten. Dann gab es kleine Auseinandersetzung, daraufhin habe ich den Weihbischof angerufen und gesagt: ich bitte um die Versetzung des Kaplans, das hat keinen Sinn“:

Ursula Wenzel weiß von ihrer Tätigkeit im Berliner Pastoralrat, welche Auswirkungen die Anwesenheit neokatechumenaler Missionare in zahlreichen Gemeinden hat:

21. O TON, Wenzel. 0 18″
„Die Vertreter des neokatechumalen Weges verfolgen ein Ziel. Und das ist nicht unbedingt die Gesamtheit der Gemeinde, sondern nur ihre Mitglieder.Und da muß es zu unterschiedlichen Meinungen kommen, und da muß es auch zu unterschiedlichen Wegen dann führen. Und da ist eigentlich eine Spaltung in der Gemeinde vorhanden“(Stimme oben)

Erfahrungen, die auch anderswo in Deutschland gelten, etwa in Hannover. Dort arbeitet Pfarrer Hans Joachim Osseforth:

22. O TON, Osseforth, 0 36“
„Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde. Und immer davon sprachen, daß die Gemeinde wie ich mich wandeln muß. daß ich mich zunächst bekehren muß. Also ich wurde als ein Unbekehrter, nicht richtig Gläubiger angesprochen. Ich habe sie dann gefragt, ob sie das dsikriminierend meinten, das haben sie immer verneint, aber es kommt diskriminierend immer rüber“.

Die neokatechumenale Bewegung hat sich absolut dem Wort der Verkündigung und ausschließlich der Belehrung verschrieben. Der caritative Aspekt, der Einsatz für materiell Notleidende, fehlt völlig. Es ist kein einziges neokatechumenales Projekt für Obdachlose oder Ausländer in Deutschland bekannt! Ursula Wenzel:

23. O TON, Wenzel, 0 18″
Sie sagen, es ist nicht unsere Sache, Dinge zu ändern. Sondern wir müssen uns auf Gott berufen. Und Gott wirds richten. Also dieses Zurückgehen auf Gott, der alles tut. Das ist für mich ne Engführung des Glaubens. Und diakonische Aktivitäten habe ich also noch nicht gesehen“.

Nun werden bald auch die Katholiken im Erzbistum Köln von neokatechumenalen Priestern missioniert werden: Die Konzeption des neue Priesterseminars in Bonn erläutert Pfarrer Ansgar Puff:

24. O TON, PUFF 0 21″
„Es ist ein Diözesanseminar, das bedeutet: es ist nicht ein Seminar des Neokatechumenats, es ist nicht so wie bei Orden, daß das Neokatechumenat ein eigenes Seminar hätte, sondern es ist ein Diözesanseminar, das dem Bischof untersteht und alle, die dort ausgebildet werden, werden inkardiniert in das Erzbistum Köln.

Eine diplomatische Nuance: Neokatechumenale Priester, die nicht in einem neokatechumenalen Seminar ausgebildet werden…Aber diese jungen Pastoren werden dann doch nicht nur im Erzbistum Köln eingesetzt werden:

25. O TON, Puff, 0 17“.
„Dieses Seminar ist missionarisch ausgerichtet und hat da Ziel, neu zu evanglisieren. Und die Mitglieder dieses Seminars werden so ausgebildet, daß sie nicht nur im Erzbistum Köln ihren Dienst tun können, sondern auf Anfrage beispielsweise eines Bischofs aus Lettland, auch in Lettland“.

Die Kostenfrage für Bau und Unterhalt des Seminars ist längst entschieden:

26. O TON, PUFF, 0 26″
„Es wird wahrscheinlich einen kleinen Zuschuß der Diözese geben. Die Verantwortlichen des Seminars, also der Regens und der Spiritual sind angestellt vom Bistum Köln und bekommen natürlich auch ein ganz normales Gehalt wie jeder Priester im Bistum Köln. Ansonsten werden die Studiengebühren und der Lebensunterhalt, und alles, was da notwendig ist, von en Laien des Neokatechumenats aus dem Erzbistum Köln und aus Spenden gedeckt“.

Die Mitglieder der neokatechumenalen Gemeinschaften werden immer wieder zu großzügigen Gaben für die eigene Bewegung gedrängt. Mindestens 10 Prozent des Monatslohns gehen in die Kasse der Bewegung. Bei vielen tausend Mitgliedern weltweit hat man genug Geld: Beobachtungen, die auch Pfarrer Spors aus Berlin anläßlich der Errichtung eines neokatechumenalen Priesterseminars in Berlin-Biesdorf machen konnte:

27. OTON 0 23″
„Es ist in der Kirche so, wo das Geld ist, ist eben auch die Macht. Leider. Geld scheint keine Rolle zu spielen. zum Beispiel ist eindeutig: Die haben das gekauft und total renoviertel, dieses Biesdorfer Ding, und angeblich hat das Bistum nicht einen Pfennig dazugegeben. Und 10 Millionen sind kein Pappenstiel“.

Die Diskussion über das Neokatechumenat wird in Deutschland eher zunehmen. Kiko Arguello und seine Getreuen polarisieren; sie teilen die Kirche in Gute und weniger Gute ein. Beobachtungen von Pfarrer Hans Joachim Osseforth:

28. O TON 0 31″
„Die sondieren auch ganz klar, und die sagen sofort: Aha, der Bischof, der uns nicht so liebt und leidet, wie wir das wollen, der ist nicht mehr so ganz katholisch. Also es wird ganz schön diskriminiert, bei Priestern, bei Bischöfen. Immer mit dem Hinweis: Der Papst unterstützt uns, der Papst hält unsere Bewegung für gut. Und viele Bischöfe tun das auch, das sind dann die lieben Bischöfe, und die Priester und Bischöfe, die etwas kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten“.

Für Pfarrer Klaus Spors ist nach seinen Erfahrungen klar:

29. O TON. 0 34″
„Also das Neokatechument ist meiner Meinung der Versuch einer geistlichen Richtung in der Kirche, die konservativ geprägt wird, mit einem Alleinvertretungsanspruch auftritt. Und vor allem über die Rekrutierung eines sektenähnlichen Klüngels in der Kirche eine Erneuerung hervorrufen will. Aber alle diese Dinge funktionieren innerhalb einer regulären Seelsorge meiner Meinung nach nicht“.

Copyright: Christian Modehn



Ein katholischer Bischof für Homoehe und Adoption: Bischof Jacques Gaillot, Paris

18. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Für die Homoehe und die Adoption
Stellungnahme des katholischen Bischofs Jacques Gaillot, Paris
Von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon hat schon mehrfach auf den französischen Bischof Jacques Gaillot hingewiesen, auch auf Buchpublikationen, wie den – relativ – neuen Titel: “Die Freiheit wird euch wahr machen“, Reimund Meier Verlag 2010. Diese Aufmerksamkeit für Bischof Jacques Gaillot geschieht nicht nur aus theologischen Gründen, weil er als eine absolute Ausnahmegestalt unter katholischen Bischöfen ungeschützt und öffentlich (!) vernünftige und moderne Positionen vertritt. Vor allem auch, weil er im Rahmen unseres Interesses an Religionskritik deutlich macht, wie sich etwa die römische Kirche von der Last uralter, vernünftig nicht mehr nachvollziehbarer Lehren und Vorurteilen befreien könnte. Die Betonung liegt auf dem „Konditionalen“…
Bischof Jacques Gaillot, geboren am 11. 9. 1935, war von 1982 bis 1995 Bischof von Evreux in der Normandie. Dann wurde er auf Druck (ultra-) konservativer Kreise in Politik und Kirche vom Papst abgesetzt; er wurde mit dem Titel des imaginären Wüstenbistums Partenia ausgestattet. Seit 1995 lebt Bischof Jacques Gaillot in einem Zimmer des Hauses der Ordensleute „Väter vom Heiligen Geist“, auch „Spiritaner“ genannt, in Paris, 5. Arrondissement. Er ist immer noch aktiv, vor allem als Referent bei internationalen Konferenzen und als engagiertes Mitglied von Vereinen, die Obdachlose und Flüchtlinge („Les Sans-Papiers“) unterstützen.
Wir haben auf unserer website mehrfach darauf hingewiesen, dass Bischof Gaillot öffentlich und angstfrei als katholischer Bischof für den Respekt gegenüber homosexuellen Menschen eintritt. So hat er als Bischof von Evreux der damals viel gelesenen Schwulen Zeitung „gai pied“ im Jahr 1989 ein Interview gegeben und die völlige Gleichberechtigung der Schwulen und Lesben auch in der Kirche eingefordert. Neben vielen entsprechenden Äußerungen in seinen zahlreichen Büchern hat Bischof Gaillot auf seiner website www.partenia.org auf die Dringlichkeit des Welttages gegen die Homophobie hingewiesen: Er schrieb am 17. Mai 2009: „In mehr als 80 Ländern (oft in solchen, wo der Islam die offizielle Religion ist) geht die Repression gegen Homosexuelle weiter. Auf Homosexualität steht die Todesstrafe in Saudi Arabien, im Iran, in Mauretanien, Nigeria…In dieser Beziehung ist auch die abendländische Geschichte nicht minder niederschmetternd. Homosexuelle wurden als Sünder betrachtet, als Kranke, als Verbrecher. Während der Inquisition mussten sie einen hohen Tribut zahlen. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurden Zehntausende von Homosexuellen deportiert. In der heutigen französischen Gesetzgebung bleibt vor allem noch die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Eltern und die Nichtzulassung der Ehe unter Personen desselben Geschlechtes bestehen.
Der Kampf um Freiheit und Gleichheit wird noch lange dauern“.
Inzwischen hat Bischof Gaillot erneut eindeutig Stellung bezogen in dem „Kampf um Freiheit und Gleichheit“: Am 18. April 2013, also in der Zeit, als es in ganz Frankreich Massen – Proteste und Randale gegen die gesetztliche Einführung der Homoehe gab und katholische Kreise an vorderster Front für die ausschließliche Ehe von Heterosexuellen kämpften, genau in diesen Tagen erklärte Bischof Jacques Gaillot: „Die französische Gesellschaft bereitet sich darauf vor, mit der Annahme des Gesetzes über die Ehe von Homosexuellen eine Schwelle zu überschreiten. Wenn das der Fall wird (inzwischen ist es der „Fall“, CM), wird es ein Ereignis sein, das eine große Rolle spielt in der Geschichte unseres Landes, es handelt sich um einen beträchtlichen demokratischen Fortschritt, und der ist vergleichbar mit der Abschaffung der Todesstrafe im vergangenen Jahrhundert. Die Anerkennung der Ehe zwischen Personen des gleichen Geschlechts sowie auch ihr Recht, eine Familie mit Kindern zu gründen, wird immer mehr in Frankreich wie anderswo eine Realität. Man wird erleben: Diese Ehe, sooft diffamiert, lässt niemand (also die Heterosexuellen, CM) sein Recht verlieren; diese Ehe ist in keiner Weise eine Bedrohung für die so genannten normalen Familien; sie ist auch kein Rückschritt für die Gesellschaft und noch viel weniger stellt diese Ehe das Ende der Kultur und Zivilisation dar“.
Damit nimmt Bischof Gaillot Bezug auf die heftige verbale Unterstützung der oppositionellen, konservativen Kreise durch die katholischen Bischöfe Frankreichs. Gaillot ist wieder einmal der einzige katholische Bischof, der öffentlich den Mut hat, für die Sache der Vernunft und das ist die Sache des Respektes einzutreten. Angesichts der heftigen, von offizieller katholischer Seite sicher indirekt mit befeuerten Auseinandersetzungen, die zu Gewalttätigkeiten gegenüber Schwulen führten, erklärt Bischof Gaillot: „Aber man kann diese Entwicklung nicht mehr stoppen. Die Anerkennung der Homo – Ehe gehört fest zu einer mächtigen Bewegung der Moderne, die im Laufe der Jahre, die unantastbaren Rechte des Individuums und seiner Autonomie für wertvoll und wichtig erachtet. Das Individuum steht für uns im Mittelpunkt. Von daher auch die Bedeutung, die den Liebes – Beziehungen zwischen Individuen zuerkannt werden. Das Recht des Staates folgt endlich der Entwicklung unserer moralischen Vorstellungen. Die Liebe zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts ist ein fundamentales Menschenrecht!… Was die Adoption von Kindern angeht: Das neue Recht öffnet sicher einen Weg in die Zukunft. Denn die Adoption von Kindern ist eine freie Wahl, sie geschieht aus Liebe. Endlich kommen wir raus aus bloß biologischen Vorstellungen der Ehe… Wir alle sind von diesen positiven Entwicklungen betroffen. Besteht unsere Verantwortung (als Bischöfe) nicht darin, die Freiheit wieder zum Leben zu erwecken? Dies ist die Freiheit zu lieben“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.



Theologe im Widerspruch: Der Berliner Theologe Gregory Baum wird 90 Jahre

17. Juni 2013 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Der ökumenische Theologe Gregory Baum wird 90 Jahre

Von Christian Modehn

Er ist einer der letzten noch lebenden Theologen, die das 2. Vatikanische Konzil mit geprägt haben und dort die Debatten und Entscheidungen beeinflussen konnten: Gregory Baum feiert am 20. Juni 2013 seinen 90. Geburtstag in Montréal, Kanada.
Für den Religionsphilosophischen Salon gibt es viele Gründe an den vielseitig gebildeten Theologen und Soziologen zu erinnern. Seine Leistungen hinsichtlich der Verständigung zwischen katholischer Kirche und Judentum wurden früher schon auf dieser website dokumentiert, in der Form eines Interviews, das er dem Autor dieses Berichtes in Montréal gab, zur Lektüre klicken Sie hier.
Dabei wird schon deutlich: Gregory Baum ist stets ein Theologe und Soziologe, der für die Öffentlichkeit spricht, der die Sache der Religionen in verständlicher Weise darstellen kann. Man möchte ihn auch einen „journalistisch begabten Theologen“ nennen.
Gregory Baum hat sich seit dem 2. Vatikanischen Konzil als kritische Stimme, wenn nicht gar als „Dissident“ verstanden. Das wird deutlich in seiner umfassenden Vortragstätigkeit (mit entsprechenden Publikationen) etwa zu den Rechten der Frauen in der katholischen Kirche oder zum Thema Respekt und Anerkennung für homosexuelle Katholiken.
Nicht weniger interessant empfinden wir es – als Berliner -, dass Gregory Baum in Berlin am 20. Juni 1923 geboren wurde, am Schiffbauer Damm, wie er berichtete, als Kind einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters. Es gehört zur Kultur, auch der religiösen, in Berlin, auch an die großen Theologen zu erinnern, die hier ihre erste Heimat hatten….Von den Nazis vertrieben, fand er zuerst Zuflucht in England, dann landete er 1940 in Kanada; dort konvertierte er zum Katholizismus und trat später in den Augustiner Orden ein. Später heiratete er ….Viele weitere biographische Details und eine Liste seiner zahlreichen Bücher kann man anderweitig lesen. Viele Jahre arbeitete er an der Mc Gill University in Montréal, als Religionssoziologe und Theologe. Er spielt in der Stadt und darüber hinaus in ganz Kanada immer noch eine inspirierende Rolle, etwa durch seine Mitarbeit an der Zeitschrift der Jesuiten dort mit dem Titel „Relations“.
Er ist, wie er mir berichtete, auch mit der Gemeinde Saint Pierre Apotre in Montréal verbunden; dies ist eine der wenigen „offiziellen“ Pfarrgemeinden im Katholizismus, in der homosexuelle Menschen die absolute Mehrheit unter den Gottesdienstteilnehmern stellen; die Gemeinde befindet sich im so genannten „Schwulen Dorf“ von Montréal (Metro „Berry – UCAM“).
Gregory Baum hat den Glauben immer als politische Dimension verstanden, immer bezogen auf die sozialen und politischen Umstände. Die befreiungstheologische Option für die Armen hat er sich zueigen gemacht. Um der Befreiung der Menschen, auch der Katholiken, aus autoritären Strukturen geht es ihm, deswegen kritisiert er den Vatikan, weil, so wörtlich, der keinen Respekt hat vor den evidenten Lebens – Erfahrungen der Menschen von heute, eine Ignoranz, die sich in der fixierten und finsteren Moral – Rigidität vor allem zeigt. „Rom lässt die Katholiken leiden“, hat er einmal geschrieben. Gregory Baum hat vielen Menschen – gerade in seiner Beharrlichkeit als Dissident – doch Inspiration und Lebensmut gegeben, das ist ja in unserer Sicht auch eine Tugend religiöser Menschen. Deswegen darf Gregory Baum auch in Berlin und darüberhinaus in Europa nicht vergessen werden.

copyright: Christian Modehn Berlin



Der 17. Juni 1953: Albert Camus deutet den Tag in Berlin als Revolte

16. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denkbar

Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 60 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost – Berlin am 17. Juni 1953 und 100 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913).

Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der taktischen Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen, darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.
Camus hat seit seiner „Übersiedlung“ nach Paris 1944 die sich links nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an Ost – Europa, glaubten.
Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die eher oberflächliche Meinung der Tageszeitung „Figaro“, die voller Beredsamkeit von einem revolutionären Volk in Berlin sprach wie gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung L Humanite, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch – die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus „einen Grand Meeting“ im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der Chef, der „Präsident“ der Veranstaltung, das Motto war „Les Ouvriers insurgés de Berlin-Est“, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT – FO) und CFTC (christliche Gewerkchaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der „Revolution prolétarienne“.
In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. „Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen“, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).
Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis für eher unbedarfte Camus – Leser, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als „ein konservativer Denker“ gezeigt. Er behielt sich als „linker, aber unabhängiger“ Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen…
copyright: Christian Modehn, Berlin



Walter Jens – Für die Freiheit im Katholizismus

11. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Walter Jens – Für die journalistische Freiheit im Katholizismus
Erinnerungen an den Berliner Katholikentag 1980
Von Christian Modehn

Die Erinnerungen an die Beiträge von Walter Jens auch für ein Neuverständnis des christlichen Glaubens und für eine Reform der Kirchen – im Sinne der Aufklärung und der Vernunft ! – sind vielfältig. Sie bleiben anregend, etwa sein Wort über den Prediger, das der „Tagesspiegel“ am 11. Juni 2013 noch einmal zitiert. Walter Jens sagt: “Ein Prediger, der von Gott sprechen will, muss von der Welt reden, von der Lebenswirklichkeit und dem Hier und Heute des Menschen: Hat Jesus von Nazareth anders geredet?“

Wenn der Religionsphilosophische Salon auch an den Religionskritiker Walter Jens (geboren am 8. Mai 1923, gestorben am 9. Juni 2013) erinnert, dann denken wir vor allem an einen – innerhalb des umfangreichen Lebenswerks gesehen – doch eher bescheidenen Artikel; dieser Beitrag sorgte aber im Jahr 1980 im katholischen Milieu Deutschlands für viel Beachtung. Auch an diesem Beispiel wird die Kraft des engagierten Aufklärers deutlich: Der Artikel, den Walter Jens unter seinem (schon damals bekannten) Pseudonym „Momos“ am 13. Juni 1980 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte, ist also im Rückblick dann doch alles andere als marginal.

Zur Erinnerung: West – Berlin, in der ersten Juniwoche 1980: Der 86. Deutsche Katholikentag (vom 4. bis 8. Juni) ist ein außergewöhnliches Ereignis: Zum ersten Mal laden kritische Katholiken, vor allem junge Menschen von der Basis, zu einem „Katholikentag von unten“ ein. Die Veranstaltungen dürfen nicht in den Räumen des offiziellen Katholikentages stattfinden, so wollen es die Bischöfe und das Zentralkomitee „der“ deutschen Katholiken. Die „Basis – Katholiken“ finden Zuflucht bei einigen protestantischen Gemeinden. Für den Sender Freies Berlin (SFB) realisiere ich zusammen mit den beiden anderen Filmemachern Wolfgang Fietkau und Wolfgang Tumler einen Film von 30 Minuten Länge: er wird gleich am Sonntag, den 8. Juni, um 17.30 Uhr ausgestrahlt. In dem Film wird aus dem Blickwinkel von Teilnehmern einer Gemeinde (Eschborn bei Frankfurt a.M.) berichtet. Dabei wird selbstverständlich auch über den auch sonst von den Medien stark beachteten „Katholikentag von unten“ berichtet. Vor allem dieser journalistische Respekt in der ARD vor dieser neuen Initiative löst eine wahre Welle der Empörung im offiziellen deutschen Katholizismus aus. Heute würde man das bösartig – polemische Phänomen wohl „shitstorm“ nennen, unter dem besonders der verantwortliche Redakteur Johannes Huthmann zu leiden hatte. Bei ihm sammelten sich hunderte von üblen Beschimpfungen streng konservativer Katholiken. Dies war wohl auch eine Form der Zurückweisung der Pressefreiheit im Katholizismus, sie wurde offensichtlich angefeuert durch den für das Bistum Berlin verantwortlichen Bischof Joachim Meisner und seine Umgebung; Meisner war erst am 17. Mai 1980 offiziell als Bischof von Berlin eingeführt worden, ernannt von Papst Johannes Paul II, arbeitete er zuvor im DDR Bistum Erfurt. Er „residierte“ nun in Ost- Berlin.

Diese etwas ausführliche Vorrede ist nötig, um die Bedeutung des Beitrags von Walter Jens in „Die Zeit“ vom 13. Juni 1980 richtig einschätzen zu können. Jens lobte ausdrücklich, dass die ARD (SFB) die Bilanz des Katholikentages nicht „von den Kardinälen und Funktionären des Zentralkomitees, den großen Meistern jener zugleich ein- und vieldeutigen Kommuniqués, sondern von Teilnehmern ohne großen Rang und glanzvolle Namen gezogen wurde. Eine Bilanz von unten, ein Bilanz im Zeichen der Religion Christi, nicht der christlichen Religion“. Dann weist Walter Jens auf einen Zwiespalt im Katholikentag hin: „Wurde auf der einen Seite (im Film, CM) die Praktik der Oberen getadelt, sich nach außen hin offen zu geben, um nach innen rigoros abzuschotten- nur nicht zu viel Ökumene usw. – so sah sich auf der anderen Seite der gemachte, geplante professionell inszenierte Jugend Rummel attackiert…“. Walter Jens weist außerdem eindringlich darauf hin, wie vom offiziellen Katholikentag jegliches Gespräch mit Homosexuellen zurückgewiesen wurde, während es entsprechende Gespräche und Veranstaltungen auf dem „Katholikentag von unten“ selbstverständlich gab; Dank der evangelischen Freiheit protestantischer Gemeinden.

Der Beitrag von Walter Jens in „Die Zeit“ hat die Herren der offiziellen Kirche zwar nicht zu einer Meinungsänderung bewegen können in Richtung Pressefreiheit. Aber Walter Jens hat mit seiem Beitrag auch mit dafür gesorgt, dass eine von den Kirchenoberen nicht allzu sehr kontrollierte journalistische Arbeit – etwa in der ARD – weiter gestärkt wurde und kritische Journalisten und Redakteure ihre Arbeit weiter machen konnten. Walter Jens hat vor allem den Christen an der Basis zweifellos Mut gemacht, den Weg „von unten“ weiterzugehen. Und es hat lange gedauert, bis zur Jahrtausendwende, als sich die offiziellen Katholikentagsveranstalter mit den Organisatoren des Katholikentags von unten zu einem friedlichen Nebeneinander und gelegentlichen Miteinander durchringen konnten. Heute haben sogar Homosexuelle einen offiziellen Platz auf dem offiziellen Katholikentag, „aber nur, wenn sie für ihre Lebensform keine Reklame machen“, wie mir der ZDK Pressesprecher Theodor Bolzenius im Interview im Jahr 2006 sagte.
Der Versuch, vor allem durch das konservative Umfeld von Bischof Meisner (seit 1989 Erzbischof von Köln), die Pressefreiheit in der Kirche einzuschränken, hat sich nicht ausgezahlt, wenn man nur auf die Attraktivität der Katholikentage schaut. Gab es 1980 in Berlin ca. 75.000 Dauerteilnehmer, so waren es im Jahr 2000 nur noch 40. 000, im Jahr 2006 nur noch ca. 23. 000. (Quelle: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Katholikentage_1968_2008.pdf, gelesen am 11. Juni 2013, 12. 15 Uhr). Was kann daraus geschlossen werden: Ohne umfassende Meinungsfreiheit, ohne gelebte Pluralität, ohne den Mut, dogmatische Fixierungen zu überschreiten, haben Katholikentage wohl keine große Zukunft mehr. Sie werden zu marginalen Ereignissen in der Provinz.

Man muss sich im Rahmen unseres Forschungsprojekts „Philosophische Religionskritik“ an solche Ereignisse erinnern, vor allem an solche Menschen von den Dimensionen eines Lessing, also an Walter Jens, um den Wandel des Religionen und Konfessionen in den letzten 30 Jahren in Deutschland tiefer verstehen zu können und um einige der vielfältigen Ursachen zu begreifen, die zur (Selbst-) Marginalisierung des Katholizismus führen.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



Einsamkeit – Chance und Last

7. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denkbar

Unsere Einsamkeit – Last und Chance
Einige Hinweise aus dem Religionsphilosophischen Salon:
Sitzung am 31. Mai 2013 in der Galerie Fantom
Von Christian Modehn

Wir hatten im April – Salon mit Peter Bieri über das Thema seines Buches „Wie wollen wir leben?“ gesprochen. Darin plädiert er für eine Kultur der Stille; dazu gehört aber auch der Rückzug in die Einsamkeit. Ich kann nicht in der Stille sein, wenn um mich herum nur hektisches Getöse ist. Da kann ich zwar alleine sein, aber nicht einsam.
Dies ist schon ein Hinweis auf die inhaltliche Verschiedenheit von Alleinsein und Einsamkeit. Wobei es in der Alltagssprache durchaus vorkommt, dass einsam und allein austauschbar verwendet werden. Wer als Single sagt „Ich bin einsam“ weckt eher Gefühle des Bedauerns. Wer sagt „Ich bin allein“ beschreibt eher einen neutral erlebten Zustand.
Andererseits sagen wir und hören wir oft: „Wir sind allein“. „Wir haben niemanden“. „Wir sind auf uns allein gestellt“. „Ich bin allein und fühle mich verlassen“.
Ich kann mitten unter vielen anderen allein sein, im Sinne von: Sich verloren fühlen, ausgegrenzt sein, abgeschoben sein, ignoriert sein inmitten vieler anderer, die mich übersehen, die sich nicht um mich kümmern, selbst wenn ich in Not bin. In solchen Situationen des reinen auf sich selbst Gestelltseins sprechen wir von „Alleinsein“, auch im Sinne von Hilflos sein oder gar Hoffnungslossein.
Wir sind allein, wenn sich soziale Bindungen auflösen, weil es die tragende und manchmal auch bergende Großfamilie nicht gibt. Sozialbeziehungen lösen sich auf, Kirchengemeinden spielen für die allermeisten keine relevante Rolle mehr, ebenso wenig Gemeinschaften, die in Parteien erlebet werden; Stammkneipen verschwinden. Sportvereine helfen noch, das Alleinsein zu überwinden und die lange Freizeit wenigstens körperlich zu gestalten.

Unserer Meinung nach ist Alleinsein nicht identisch mit Einsamsein. Der sprachliche Unterschied kommt auch in anderen europäischen Sprachen vor. Zur Einsamkeit gehört der bewusste Wille sich zurückzuziehen. „Ich gehe in die Einsamkeit“. Zur Einsamkeit gehört als äußere Voraussetzung oft Stille und eine gewisse Ferne von Hektik.
Ich gehe in die Einsamkeit, um in mich zu schauen. Einsamkeit hat den Anspruch, das eigene Leben gerade im Rückzug zu vertiefen, heller, transparenter, das Leben zu sehen, Achtsamkeit zu üben: Welche Kraft steckt in mir, welche Aufgaben kann ich in dieser Welt haben?

Dazu muss ich mich entschließen, zur Einsamkeit gehört im Unterschied zum Alleinsein ein bewusster Wille. Der Schriftsteller und Aphoristiker Alfred Polgar (1873 – 1955) notierte: „Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit.“

In der Einsamkeit entdecke ich, dass ich nicht ad hoc fähig bin, die Einsamkeit als „innere Erfahrung meiner Tiefe“ zu gestalten. Ich erlebe dabei, dass ich zur Einsamkeit fähig werden muss. Ich muss Einsamkeit als ein Schauen auf mich ertragen können und ertragen wollen. Wir brauchen in den Städten leere Orte, wo wir Einsamkeit üben können. Vielleicht sollte man bald eine der vielen leer stehenden Kirche als „heilige Räume der Einsamkeit“ gestalten und für alle offen halten…

In der Einsamkeit geht es nicht nur um einen Ortswechsel, sondern auch um einen „Zeitwechsel“: Nicht mehr sorgenvoll auf die Zukunft schauen, sich nicht mehr von der Last der (eigenen) Vergangenheit erdrücken lassen. Sondern einmal ganz präsent sein: „Jetzt bin ich der, die hier ist. Ich will gegenwärtig sein, die lange Weile der Gegenwart erleben“.

Zur Vertiefung weisen wir nur auf einige Philosophen hin:

Meister Eckart (1260 – 1328): Einsamkeit ist auch eine Voraussetzung für die unio mystica, für die Einheit mit Gott. Darin ist der Begriff der Abgeschiedenheit entscheidend: Das heißt das Sich lösen von Vorstellungen, von Vorurteilen über Gott und das eigene Selbst.
Der Geist ist für Eckart immer der göttliche Geist. Einsamkeit ist die Verbundenheit mit dem göttlichen Geist in der Abgeschiedenheit: Sie schafft Raum für das Leben des Geistes, schafft Raum für das Leben Gottes in mir. Abgeschiedenheit ist Leerwerden, Vernichtung des „Eigenen“. Wir lösen uns vom „Haben“.
Gelassenheit ist die Konsequenz der Abgeschiedenheit. Einsiedler, also allein lebende Mönche, sind für Meister Eckart zu nichts nütze, man solle, so Eckart, immer beim Tun und Handeln bleiben, etwa beim Herdfeuer oder der Fürsorge für andere. Auch da geschieht die unio mystica, siehe etwa Meister Eckarts radikale Bevorzugung der Gestalt der tätigen Martha gegenüber der bloß passiv zuhörend – meditierenden Maria.

Montaignes Werk, vor allem die Essais, sind ohne die persönliche Erfahrung der Einsamkeit in seinem Turm gar nicht denkbar. Im 1. Buch der Essais befindet sich das 39. Kapitel, das „Über die Einsamkeit“ zum Titel hat.Darin finden sich die fast wie „philosophische Lebenshilfe“ klingenden Worte:“Wir müssen uns ein Hinterstübchen zurückbehalten, ganz für uns, ganz ungestört, um aus dieser Abgeschiedenheit (!) unseren wichtigsten Zufluchtsort zu machen, unsere wahre Freistatt. Hier gilt es, den alltäglichen Umgang mit uns selbst zu pflegen….indem wir mit uns Zwiesprache halten….“

Martin Heidegger kann als „Lehrer“ der Einsamkeit gelten; das beginnt schon in Sein und Zeit, § 40, zum Thema ANGST. Da zeigt Heidegger, wie dem Menschen sein eigenes Dasein und die Bezogenheit auf die Welt insgesamt entgleitet, das nennt Heidegger Angst. Darin wird der Mensch, das „Dasein“, vereinzelt, er wird auf sich zurückgeworfen, Bindungen zerbrechen. Der Mensch entdeckt: Jetzt bin nur ich allein gemeint, es kommt auf mich alleine an, ich bin jetzt frei, mich selbst zu wählen. Auf dem Hintergrund der Unheimlichkeit der Welt , dem Zusammenbruch der alltäglichen Vertrautheit mit der Welt, gibt es also die Chance, inmitten der Angst das eigene Leben, mein nur mir zugewiesenes Dasein, zu ergreifen und zu gestalten. D. h. ohne die Einsamkeit (der Angst) keine seelische Reifung und Entwicklung. Zentral ist dann die Erkenntnis: Mir kann mein eigenes Dasein niemand abnehmen. Ich muss es selbst leben.

Jean Jacques Rousseau muss hier genannt werden, vor allem sein Buch „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, das erst posthum erschien. Entstanden ist es zwischen 1776 und 1778. Rousseau spricht darin nur noch zu sich selbst, er beschreibt von Innen her das ungestörte Sich – Erleben, das Distanziertsein von den Geschäften der Welt, die Freiheit als Unabhängigkeit von anderen.
Es war der mehrfache Aufenthalt auf der Sankt Petersinsel im Bielersee in der Schweiz, der ihn zu den hier niedergeschriebenen Impressionen, Weisheiten, Bekenntnissen, führt.
Im Rückzug, nur von wenigen lieben Menschen umgeben auf der Insel, erlebt Rousseau die philosophische Gelassenheit; er setzt sich ab von den rational – einseitigen „Philosophes“, den Aufklärern im Umfeld von Diderot, er setzt sich aber auch ab von den dogmatisch geprägten kirchlichen Glaubensformen.

Auch Friedrich Nietzsche ist ein großer Philosoph der radikal erlebten Einsamkeit: In der Einsamkeit entwickelt er eine unglaubliche Produktivität.
In Sils Maria, Engadin, hat Nietzsche 7 mal den Sommer erlebt, von 1881 bis 1889; hier schrieb er auch den 2. Teil seines wohl anspruchsvollsten und alles umstürzenden Buches „Also sprach Zarathustra“. Hier formuliert er seine Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen.

Wie kann Einsamkeit für uns zu einem kreativen „Ort“ werden? Sind wir überhaupt noch einsamkeitsfähig? Oder haben wir uns längst an das – eher flache und traurige – Alleinsein gewöhnt?

Copyright: CHRISTIAN MODEHN. Religionsphilosophischer Salon.



Liberale Theologie – Theologische Sommerschule am 20. Juli 2013

6. Juni 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Am Samstag, den 20.Juli, starten wir die Erste Theologische Sommerschule mit dem Berliner Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität. Genauere inhaltliche Informationen folgen. Es geht um die Diskussion einiger grundlegender Themen der liberal – theologischen Orientierung. Wir beginnen und 14 Uhr, Ende gegen 18 Uhr in der Galerie FANTOM, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Als Beitrag denken wir an 10 Euro.

Zum ersten Mal gibt es nun auch für “theologische Laien”, die es in der liberal – theologischen Tradition eigentlich nicht gibt, die Chance, sich näher vertraut zu machen mit einer Lebenshaltung bzw. Theologie, die die Moderne voll respektiert, die das eigene Denken, die eigene religiöse Erfahrung hochschätzt und Gemeinde als Form des “geselligen Miteinanders unterschiedlicher religiöser Menschen” (Schleiermacher) begreift.

Diese Veranstaltung geschieht in Zusammenarbeit dem Forum der freisinnig – liberalen Remonstranten Kirche,
www.remonstranten-berlin.de

Wer sich ein Bild machen möchte über die Aktualität liberal – theologischen Denkens heute, den/die verweisen wir gern auf unsere website www.religionsphilosophischer-salon.de dort die Kategorie “Fundamental vernünftig”: Dabei handelt es sich um Interviews mit Wilhelm Gräb.

Eine Anmeldung ist Bedingung und erforderlich an, bitte an:christian.modehn@berlin.de, nach der Anmeldung werden weitere Infos zur Vorbereitung zugesandt.

Die liberale Theologie wird in Berlin durch Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, vertreten; er hat dazu zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, leicht zugänglich etwa in dem Buch „Liberales Christentum“, herausgegeben von Werner Zager, erschienen im Neukirchener Verlag 2009. Prof. Gräb hat auch über Friedrich Schleiermacher gearbeitet; der ist sozusagen der Gründervater der liberalen Theologie: Sie geht vom religiösen Subjekt aus und eben nicht von den vorgegeben Dogmen und kirchlichen Lehren. In der website „religionsphilosophischer-salon“ hat Prof. Gräb bis Anfang Juli 2014 14 Interviews gegeben, die das breite Spektrum liberal – theologischen Denkens deutlich machen, etwa auch Beziehungen zur Theologie der Befreiung. Wir sind überzeugt, dass diese Form des theologischen Denkens nicht nur der Philosophie nahe steht; vor allem: Sie kann dem modernen, dem mündigen Menschen Inspiration und Orientierung bieten … für ein freies religiöses Leben.