Thomas Bernhard zum 25. Todestag.

Den 25. Todestag des großen Dichters und Kritikers Thomas Bernhard können wir, vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, aus unserer Perspektive der Religionskritik, einem der wichtigen Themen der Philosophie, “naturgemäß” nicht übersehen. Im Gegenteil, wir wollen gern an sein Werk erinnern und betonen: Thomas Bernhard ist angesichts – auch seiner religionskritischen Perspektiven – nicht tot.
Wir weisen noch einmal auf einen kleinen Beitrag hin, den wir anläßlich seines 80. Geburtstages 2011 publiziert haben.
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Glauben ist “einfach”: Was ist das Wesen des Christentums?

Glauben ist “einfach”: Was ist das Wesen des Christentums?
Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin
Die Fragen stellte Christian Modehn

Papst Franziskus spricht oft von der armen Kirche als dem Ideal christlichen Lebens, also Bescheidenheit und Solidarität sind oberste Tugenden. Aber sollten sich die Kirchen, wenn sie denn arm werden wollen, nicht auch auf eine “arme” Theologie besinnen, also auf eine ganz dem Wesentlichen verpflichtete Lehre? Was wäre in Ihrer Sicht heute, etwa für Westeuropa gesprochen, das Wesen des christlichen Glaubens?

Wie kommt es denn, dass Papst Franziskus vom christlichen Leben spricht, dann von Tugenden wie Bescheidenheit und Solidarität, die das christliche Leben auszeichnen? Deshalb doch hat er sich nach dem hl. Franziskus benannt, als erster in der Geschichte des Papsttums: Weil es ihm wie Franz, dem Begründer des Ordens der „Minderen Brüder“, um die „Imitatio Christi“, um ein Leben in der Nachahmung Christi geht. Das ist nicht allein moralisch, sondern auch religiös gemeint. Der Papst appelliert nicht, bescheidener zu leben. Er ermahnt nicht nur zu mehr Solidarität, indem er die zerstörerischen Auswüchse eines um soziale Gerechtigkeit unbekümmerten Kapitalismus brandmarkt. Es geht diesem Papst tatsächlich um das, was für den christlichen Glauben wesentlich ist: Dass dieser ein bedingungsloses Vertrauensverhältnis zu Gott ist.
Gott ist dem christlichen Glauben die unerschöpfliche Quelle allen Lebens. Aus ihr strömen allem Leben unaufhörlich Mut und Tatkraft, vor allem aber die Hoffnung zu, wenn die Kräfte schwinden und wir ganz und gar am Ende scheinen. Dieses Vertrauensverhältnis zu Gott als dem unergründlichen Geheimnis des Lebens hat Jesus gelebt. Aus ihm heraus war er fähig zu liebender Hingabe an die Kranken, die Armen, die in ihrer Schuld Gefangenen. Aus diesem unbedingten Vertrauensverhältnis zu Gott als der unerschöpflichen Kraftquelle des Lebens hat Jesus Gewalt nicht mit Gegengewalt beantwortet, sondern sich in den Tod am Kreuz dahingegeben. In das unbedingte Vertrauensverhältnis zu Gott, das Jesus gelebt hat, ist insofern auch die Hoffnung auf Auferstehung, d.h. die unendliche Lebensenergie, die aus Gott kommt, einbezogen.
Im biblischen Weltbild ist der Glaube als unbedingtes Vertrauen auf die göttliche Liebe als das Geheimnis des Lebens in Vorstellungen ausgedrückt, die wir Heutigen als Mythen auffassen: Dass Christus von den Toten auferstanden ist, erhöht wurde zur Rechten Gottes des Vaters. Das sind Vorstellungen, die eine jenseitige Parallelwelt voraussetzen, wenn man sie nachvollziehen will. Der Glaube an diese jenseitige Parallelwelt existiert aber nur noch in den kirchlichen Liturgien und in einer komplizierten, den Mythos in eine spekulatives Gott-Denken überführenden, mit metaphysischen Setzungen operierenden Theologie. Aber diese Theologie versteht nur, wer zugleich in der neuplatonischen Philosophie der frühen christlichen Jahrhunderte bewandert ist.
Einfach wird die Theologie erst dann wieder, wenn sie die mythischen Vorstellungen von dem auferstandenen und zur Rechten des Vaters erhöhten Christus als Symbole und Metaphern liest, als bildliche Vorstellungen, mit denen wir die unendliche Liebe zum Leben, die Jesus gelebt hat, in ihrer göttlichen Tiefendimension zum Ausdruck bringen. Wenn wir den Mythos nicht einfach beiseite schaffen, sondern als Mythos, als Bild vom unsagbaren, göttlichen Geheimnis des Leben deuten, dann bleibt der Glaube einfach, aber gewinnt an religiöser Tiefe, wird somit vor einem Abgleiten in trivialmoralische Appelle geschützt.

Wenn man sich theologisch stark konzentriert auf Gott als Geheimnis des menschlichen Lebens: Wie lässt sich dieses Geheimnis heute den Menschen vermitteln, wie kann es Hinweise darauf geben?


Auch da setzt der Papst im Grunde die richtigen Zeichen. Dass Gott das Geheimnis des Lebens ist, das lässt sich niemanden andemonstrieren. Davon kann man Menschen nur überzeugen, wenn man darauf zeigt, zu welcher Lebenshaltung solcher Glaube befähigt. Der Gott, der das Geheimnis des Lebens ist, ist ja gerade kein Gegenstand, nichts, was in dieser Welt auf beobachtbare Weise vorhanden wäre. Gott ist der, der alle Welt und unser Leben in ihr trägt, die Quelle unseres Lebensmutes und unserer auch noch den Tod übersteigenden Lebenszuversicht. Zu einem solchen Gott gehört der Glaube als das bedingungs-, ja grundlose Vertrauen auf ihn. Ohne den Glauben ist auch der Gott nicht. Der „Beweis“ seiner Existenz ist der Glaube. Der Glaube, der grundloses Vertrauen ist, erbringt den Gottesbeweis.
Für jeden, der einiger Selbstbeobachtung und dann auch Selbstachtung fähig ist, zeigt sich in den Erfahrungen des Lebens alltäglich, wie sehr wir angewiesen sind auf Liebe, Zuwendung und Anerkennung. Wir können ohne Anerkennung gar nicht leben und sehnen uns nach der vollkommenen, unaufhörlichen Liebe, solange wir sind. Solange die Liebe nicht aufhört, sind auch wir, eine jeder und eine jede von uns, unendlich. Gottes Liebe hört nimmer auf. Darauf verlässt sich der christliche Glaube. Das Zeichen seiner Wahrheit hat er in dem unserem Lebensvollzug eingeschriebenen, unendlichen Liebesverlangen.

Wenn Gott als Geheimnis verehrt wird, entsteht dann ein völlig bildloser Glaube? Welche Rolle spielen dann noch Kunst und Literatur etwa?


Das Urbild des Glaubens an Gott als Geheimnis des Lebens, der der christliche Glaube ist, bleibt ganz ohne Frage der Mensch Jesus. Er hat diesen grundlosen Glauben gelebt, bis in seine Selbsthingabe in den Tod am Kreuz. Jesus war aus seinem Gottvertrauen heraus fähig zum Tun der Liebe, zu vorbehaltloser Solidarität mit den Verachteten, Armen und Elenden. Damit wurde er zum Christus, zu dem Menschen, der alle anderen zum grundlosen Gottvertrauen ermutigt und dazu, das Leben in Bescheidenheit und Solidarität zu führen.
Wichtig ist, dass wir nicht meinen, wir müssten Jesus als das Urbild des Glaubens in eine himmlische Parallelwelt erhöhen und zum Gegenstand unserer Anbetung machen. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir uns von Jesu Glaubenszuversicht und Lebensmut anregen lassen und ihm darin nacheifern. Das freilich fällt oft entsetzlich schwer, angesichts der Ströme von Blut, die nach wie vor die Menschheitsgeschichte durchziehen, angesichts all der Gräuel und Ungeheuerlichkeiten, die Menschen einander angetan haben und fortwährend antun. Denken wir gegenwärtig nur an die Syrien, eines der Länder, in denen das Christentum seinen Ursprung hatte.
Der Glaube ist nicht bildlos. Er hat und behält sein Bild in dem gekreuzigten Christus. Und dessen Darstellung endet eben nicht mit der sog. christlichen Kunst, in dem mit Goldglanz bestückten „Christus Imperator“. Wir finden das Bild des Christus, der sein grundloses Grundvertrauen bis hinein in die Verzweiflung der Gottverlassenheit am Kreuz festhält, in Picassos Guernica ebenso wie in Anrulf Rainers Bildübermalungen. Ganz zu schweigen von der Literatur, die nicht nur voll ist von Erzählungen über die „Liebe in Zeiten der Cholera“, sondern überhaupt davon zeugt, dass das unfassliche Geheimnis des Lebens unaufhörlich danach strebt, in eine Form gebracht zu werden, die es uns möglich macht, dass wir ihm , wenn auch nur mit „Furcht und Zittern“ doch nahe kommen können.

Wenn Gott als Geheimnis ganz im Mittelpunkt des Glaubens steht, ergeben sich dann auch Verbindungen zur Gesellschaft, zur Solidarität? Oder wäre dieser Glaube eher “mystisch” zu nennen?


Dieser Glaube ist ein mystischer Glaube, wenn ein mystischer Glaube meint, dass das, woran der Glaube glaubt, nicht in gegenständlicher Distanz zum Glaubenden verbleibt, sondern der Glaubende auf die Verschmelzung mit seinem Glaubensinhalt aus ist. Mystischer Glaube, so könnte man auch sagen, ist ein in der Lebensgemeinschaft mit Jesus gelebter Glaube, ein mit dem grundlosen Gottvertrauen Jesu eins werdender Glaube. Darin liegt dann aber auch, dass die Lebenshaltung, die aus dem Glauben Jesu folgt, demjenigen, der glaubt, auch zu seiner eigenen wird. Dieser Glaube wird in den Glaubenden zu einem solchen, der zu Liebe und Solidarität, zur Hinwendung zu den Armen und Schwachen befähigt.
Schon der „Altmeister“ der Mystik, Meister Eckhart (1260 – 1328) hat die christologische Dogmatik entgrenzt. Was die Schultheologie Christus alleine vorbehält, spricht er jedem Menschen zu: „Alles, was die Heilige Schrift über Christus sagt, das bewahrheitet sich völlig an jedem guten und göttlichen Menschen.“ Und: „Alles, was Gott Vater seinem eingeborenen Sohn in der menschlichen Natur gegeben hat, das hat er alles auch mir gegeben: hiervon nehme ich nichts aus, weder Einigung noch Heiligkeit, sonder er hat mir alles ebenso gegeben wir ihm.“ (Predigt 5 und Bulle Johannes XXII., Nr. 12 und 11)


Offenbar liegt in Ihrem Vorschlag, Gott als Lebensgeheimnis im Zentrum des christlichen Glaubens zu sehen, auch eine starke Bedeutung im Blick auf andere Religionen, etwa in Richtung Frieden, mit Blick auf Muslime usw. 


Die entscheidende Frage in der Verständigung über Religion, gerade auch wenn wir mit Angehörigen anderer Religionskulturen sprechen, ist nicht mehr primär die nach den Gegenständen des Glaubens. Nicht mehr die Frage, was glaubt ihr, weil es euch die Bibel oder der Koran, die Kirche oder der Imam gelehrt hat, ist dann wichtig. Die entscheidende Frage im Gespräch der Religionen ist jetzt: Wie lebt ihr? Wie lebt ihr, weil das euer Glaube ist, weil ihr darauf euer Vertrauen setzt, weil das für euch die Wahrheit ist. Wenn wir anfangen, uns über unsere Lebenseinstellungen zu verständigen, dann kommt heraus, was an unserem jeweiligen Glauben wesentlich ist. Und möglicherweise merken wir dann auch, dass unter der Decke so verschieden auftretender Religionslehren ein Gemeinsames liegt, nämlich, dass sie uns alle Aufschluss geben über Gott als das Geheimnis des Lebens. Freilich, sie tun es dann eben doch auf sehr verschiedene Weise.
Worauf es also ankäme im Gespräch der Religionen: In dieser Vielfalt sollte die unendliche Fülle der Perspektiven auf das unerschöpfliche Geheimnis des Lebens gesehen werden. Diese Vielfalt würde dann zur Bereicherung. Wir würden sie also gar nicht mehr überwinden wollen, sondern uns an ihr erfreuen. Das würde dann auch für den innerchristlichen Pluralismus gelten. Die Vielfalt der Konfessionen wäre ebenso wenig auf eine Einheitskirche hin zu überwinden. Es braucht die Vielfalt der Konfessionen unabdingbar auf dem unendlichen Weg zu Gott als dem unerschöpflichen Geheimnis des Lebens – selbst wenn dieses Lob des Pluralismus auch dem jetzigen Papst vermutlich nicht gefallen dürfte.


Copyright: Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gelassenheit: Erkennen und üben, damit wir menschlich leben können

Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon am Freitag, den 14. Februar 2014, um 19 Uhr, in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf.
Das Thema: “Gelassenheit: Erkennen und üben” meint nicht nur eine von vielen “Tugenden”, Haltungen in turbulenten Zeiten. Gelassenheit ist eine Art “Grundoption” für ein reifes Leben im Miteinander, aber auch in der Pflege der je eigenen Spiritualität, der “Sorge um sich selbst”. Nur in einer gelassenen Haltung werden wir überhaupt die Möglichkeiten sehen, an einem Punkt dieser Welt für eine gerechtere Welt einzutreten. Gelassenheit ist kein Selbstzweck, auch darüber werden wir diskutieren. Als Fortsetzung unserer letzten Runde über “Nutzen und Nachteil der Philosopie für das Leben” (im Januar 2014)
Wir wollen auch auf Meister Eckart zu sprechen kommen, auf seine Forderung “Gott lassen” und uns fragen, welcher Gott denn da erfahrbar werden kann, wenn wir (unseren) “Gott” lassen. Aber es soll nicht nur hoch spekulativ zugehen, sondern erste Schritte können besprochen werden, aus den Verklammerungen des Alltags herauszufinden, um ein Stück größere innere wie “äußere” Freiheit zu gewinnen.

Herzliche Einladung.Für die Raummiete erbitten wir -wenn möglich- 5 Euro.
Anmeldungen erbitten wir genauso, wegen der begrenzten Anzahl von Plätzen an: christian.modehn@berlin.de

Johann Gottlieb Fichte: Vor 200 Jahren gestorben

Wir erinnern gern an Johann Gottlieb Fichte, anläßlich seines 200. Todestages. Und wir haben den Eindruck, dass Fichtes Denken noch längst nicht “angekommen” ist in der Gegenwart. Darum zwei Hinweise:

Dabei interessieren uns von der religionsphilosophischen Fragestellung Hinweise, die der Philosoph Kurt Flasch in seinem wichtigen Buch “Meister Eckart, Philosoph des Christentums” (2010) gegeben hat. Im 13. Kapitel seines Buches erinnert Kurt Flasch an die Bedeutung des Johannes-Evangeliums im Denken Fichtes (S. 199f), vor allem in dem Buch “Anweisung zum seligen Leben” (1806). Fichte sieht im Johannes-Evangelium einen fundamentalen Text, der neue Horizonte eröffnet für ein Selbstverständnis des Menschen. Fichte sieht – darin eins mit dem Autor des Johannes-Evangeliums – den Menschen als Wesen, das sich vor jedem verdinglichenden Selbstverständnis bewahren muss. Und da gibt es die Brücke zu Meister Eckart. Kurt Flasch schreibt:”Ich behaupte nicht, Fichte biete den Schlüssel zu Meister Eckart, aber es ist kein Nachteil, über sein Konzept von Mensch und Geist nachzudenken, bevor man über Eckart zu sprechen beginnt” (S. 200). Ausdrücklich warnt Kurt Flasch davor, den Menschen, das Ich, als eine Art “Seelending” zu denken, “dem Denken und Wollen anhaften”(ebd.). Gerade davor warnt aber auch Fichte in seinem Buch.

Dringend empfehlen wir auch die Lektüre des Buches “Der ganze Fichte” von Peter L. Oesterreich und Hartmut Traub. Das Buch ist (2007) im Kohlhammer Verlag in Stuttgart erschienen,es hat 366 Seiten.
Schon früher hatten wir im “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin” auf Fichte aufmerksam gemacht. Zur Lektüre dieses “Impulses” klicken Sie bitte hier.

Das Buch “Der ganze Fichte” ist wichtig, weil
– es versucht, die transzendentalphilosophischen Wissenschaftslehren mit den “populären” Philosophischen Schriften Fichtes zu vermitteln.
– es darauf hinweist, dass Fichte an einer “Philosophie der Philosophie” interessiert war und dabei auch die “Person des Gelehrten” als Ort dieses Philosophierens einführte.
– auch bislang eher unbekannte Eigenheiten Fichtes deutlich macht, etwa sein Interesse an Rhetorik,ja selbst an Predigt.
– weil es zeigt, wie sich Fichte gegen – konfessionalistische – Dogmatismen und Ideologien wehrte.
– weil es zeigt, dass die Wissenschaftslehre von 1804 wohl als der Mittelpunkt des Fichteschen Denkens anzusehen ist.
– weil es an die enge, kritische Verbindung mit Friedrich Heinrich Jacobi erinnert.
– weil es daran erinnert, dass Fichte leider eine Gesamtidee seiner Philosophie nicht mehr selbst darstellen konnte…
Diese Beispiele zeigen, dass auch für anfänglich Interessierte das Buch lesenswert ist.

Eine Philosophie der Philosophie. Rücklick auf einen Salonabend am 16.1.2014 als Vorblick

Eine Philosophie der Philosophie:
Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben
Ein „Religionsphilosophischer Salon“ am 16.1.2014.
Ein Rückblick als Vorblick
Von Christian Modehn

Das Thema unseres Salons ist: „Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben“. Dabei sind im Titel die Beziehungen zu einem Text Friedrich Nietzsches nicht zu übersehen: Er sprach von „Historie“ anstatt von Philosophie. Diese Nietzsche „Inspiration“ im Titel haben wir (noch) nicht weiter vertieft.
Besonders wichtig erscheinen uns dabei die Beiträge des „praktischen Philosophen“ Michael Braun, Berlin, der wieder einmal bei uns war. Seine Fragen, Ideen, Vorschläge wurden wieder als inspirierend wahrgenommen!
Einige Aspekte (eher aus der Sicht des Autors dieser Hinweise) wollen wir „festhalten“ für weiteres Nachdenken und Debatieren:
Das Thema „Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben“ gehört zu einer Frage nach der „Philosophie der Philosophie“. Sie wird nicht allzu oft erörtert, bestenfalls in eher populären Büchern „Was ist Philosophie?“ Es geht um ein philosophisches Begreifen des Philosophierens und der vom Philosophieren her geprägten (akademischen, universitären) Philosophie. Sie findet ihren Ausdruck in philosophischen Publikationen.
Es gab schon ein philosophisches Verstehen der Philosophiegeschichte, etwa Hegel ist da an prominenter Stelle zu nennen. Seine „Geschichte der Philosophie“ berücksichtigt das damals zugängliche „Material“. In der Auseinandersetzung mit den Schriften vergangener und lebender Philosophen entsteht dann für Hegel eine Philosophie der Philosophiegeschichte. Entscheidendes Stichwort ist dabei die Interpretationslinie: In der Geschichte des philosophischen Denkens drückt sich das zunehmend immer deutlicher verstehende Bewusstsein der Freiheit aus.
Deutlich wurde in unseren Gesprächen: Nur philosophisch lässt sich angemessen verstehen, was Philosophie ist. Wenn etwa ein Historiker von außen auf das philosophische Geschehen schaut, etwa auf die Institutionen, Publikationen, Biographien usw., sieht er die Außenseite des Philosophierens. Sobald man aber inhaltlich „einsteigt“ und kritisiert und debattiert, ist das bereits eine philosophische Leistung, und keine Sache mehr des außen betrachtenden Historikers.
Wichtig ist, sich beim Einstige in das Thema auf die vier Begriffe des Titels zu besinnen:
Philosophie sollte man in die beiden sprachlichen Elemente auflösen, um mehr zu sehen: „Philia“ meint eine freundschaftliche Haltung, vielleicht sogar eine liebende Faszination gegenüber der „Sophia,“ der Weisheit. Es geht also in der Philo-sophia um die sich selbst klar werdende, auch kritische Liebesbeziehung zur Sophia. Weisheit ist nicht mit Wissenschaft identisch, Weisheit ist umfassender auf das ganze Leben bezogen, hat einen stark praktischen Akzent, im Sinne von Lebensgestaltung und Lebensklugheit. Sophia im griechischen Philosophieren steht oft auch dem Logos nahe. Philosophie ist dann eine Liebe zum Logos, zum Sinn, zur Sprache, zum Dialog, zur Vernunft. Logos ist ein weiter Begriff, der auch ins Religiöse hineinreicht: Der Logos wird Mensch, noch schärfer im Johannes Evangelium formuliert: Er wird sinnliches (erotisches, sterbliches) Fleisch, greifbar als einzelne Person. In unserer „philosophischen Weihnachtsfeier“ am 27. 12. 2013 sprachen wir darüber.
Diese Liebe zur Weisheit, das wurde in Salon deutlich herausgestellt, ist jedem Menschen als Menschen möglich. D.h. Philosophieren ist grundsätzlich Sache aller Menschen. Auch wenn nicht jeder den Schritt (den Sprung?) wagt und vollzieht, sich auf das eigene Nach-Denken einzulassen. Vielleicht sind es Krisen und Erschütterungen, die den einzelnen ins eigene kritische grundsätzliche Nachdenken als Liebe zur (Lebens) Weisheit führen.
Zum Begriff Leben in unserem Titel: Wir sind überzeugt: Es gibt eine Gestalt des alltäglichen Daseinsvollzugs, in der in einer gewissen Selbstverständlichkeit gelebt („vor sich hin gelebt“) wird in einer scheinbar unerschütterlichen Selbstverständlichkeit, wo bestimmte Normen und Gebräuche selbstverständlich angenommen und oft auch praktisch respektiert werden. Viele Menschen haben schlicht keine Zeit, aus diesem alltäglichen Leben ohne große Erschütterungen im Denken herauszutreten.
Obwohl, philosophisch betrachtet, gerade in diesem alltäglichen Leben immer schon das Philosophieren lebendig ist und also Philosophie geschieht: Etwa in den banalen oder wichtigeren Entscheidungen wird angesichts mehrerer Möglichkeit eine Möglichkeit für das eigene Leben gewählt, etwa, weil diese eine Möglichkeit dem noch unbewussten eigenen Lebensentwurf am meisten entspricht.
D.h. auch in dem noch nicht vollständig selbst bewussten Leben des Alltags findet bereits Philosophie statt. Nur weil das so ist, kann dann überhaupt eine intensivere, kritisch fragende selbstbewusste Philosophie im eigenen Leben sich ereignen.
Vor diesem Übergang aus dem nur bewussten in ein selbstbewusstes Leben haben viele Menschen Angst. Sie weigern sich, in diese (offene) „Bewegung“ des Nachdenkens einzutreten, denn er stört, wenn nicht zerstört manche alltäglichen Gewissheiten. Etwa die Überzeugungen: „Mein Leben ist vollkommen richtig. So bin ich, so bleib ich“.

Diese Angst vor der Unsicherheit kann dann mit dem Begriff des Nachteils der Philosophie umschrieben werden. Dieser Nachteil, dieser dunkle, störende Schatten, wird nur in der Position ausgesprochen der Verklammerung an einen alltäglichen, noch nicht voll ausgebildeten selbst-bewussten Lebensentwurf. Wer einmal in die Philosophie eingetreten ist, kann in ihr keinen störenden Nachteil sehen, er wird sich mit der Ungewissheit denkerisch auseinandersetzen, mit der Frage: Warum hat jeder Mensch seine eigene Wahrheit und wie verhalten sich die vielen subjektiven Wahrheiten zu der Frage: Gibt es eine für alle jetzt lebenden Menschen gültige Wahrheit? Gibt es allen gemeinsame Überzeugungen (etwa „Gewalt und Grausamkeit soll unter keinen Umständen sein“, „dauerhafter Schmerz sollte nicht sein“, das „Hungersterben so vieler Ausgebeuteter“ sollte nicht sein usw.).
Als „Nachteil“ kann Philosophie erlebt werden, wenn sich der einzelne Denker ganz an einen bestimmten Philosophen klammert, von ihm nicht los kommt, ihn verehrt usw. Doch dies liegt dann wohl nicht an „der“ Philosophie, sondern an dem einzelnen, sich fixierenden Denker.
Auch die Vielfalt der Philosophien (es gibt ja nie „die“ Philosophie, wenn, dann nur in Diktaturen, die eine einzige Philosophie staatstragend wollen, dann aber handelt es sich um Ideologie).
Alle die vielen Philosophien haben aber doch wiederum gemeinsam, dass sie eben „Liebe zur Weisheit“ sein wollen, deswegen nennen sie sich ja „Philosophie“. Zur Philosophie der Philosophie in dem Sinne gehört also die Erkenntnis, dass es viele Philosophien „wesensmäßig“ geben muss: Denn jeder hat etwa seine eigene, subjektive Ausgangssituation im Denken. Philosophie als notwendig im Plural ist also kein Nachteil.

Damit sind wir schon beim Nutzen der Philosophie:
Philosophie ist tatsächlich nützlich im Sinne der praktischen Hilfe, sagen wir ruhig der Lebenshilfe. Philosophieren ist keine Spielerei, sie ist kein Luxus gelangweilter Seelen, keine hoch bezahlte Beschäftigung von Universitätsprofessoren, kein Hobby von Leuten, die schon mal alles probiert haben usw… Philosophie ist eminent mit dem Dasein und den Lebensfragen selbst verbunden. Und man sollte philosophische Texte immer in dieser praktischen Herkunft aus der Fraglichkeit des Daseins lesen, auch wenn sie manchmal unnötigerweise hoch kompliziert geschrieben sind, weil Philosophen offenbar nicht unbedingt gute Stilisten sein wollen/können.
Daraus wird aber nicht geschlossen: dass Philosophierende solche Menschen verachten, die den Sprung ins eigene Denken nicht (noch nicht) konsequent gewagt haben.
Philosophie nützt insofern, als sie den Menschen in einen wachen Zustand führt. Philosophie ist waches Leben, ein Leben im Licht der Vernunft, die es – ein anderes Thema – trotz aller möglichen Verbundenheiten des Denkens im Naturgeschehen gibt… Erwachen zur Philosophie als dem selbstbewussten Leben wäre eigentlich ein schöner Titel. Da ist dann Philosophie nicht mehr eine bloße formale Klärung der Exaktheit von Begriffsverwendungen, keine bloße Logik, sondern eine Lebensform. Philosophie als Lebensform, als „Schule“, das ist ein Projekt, an dem alle Interesse haben, die etwa auf der Linie von Pierre Hadot im Geiste antiker Philosophie weiter denken und weiter leben wollen. Von Hadot sind Philosophen wie Michel Foucault oder Wilhelm Schmid grundlegende inspiriert.

Copyright:
Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Salonabend: Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben

Salonabend: Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben. Am DONNERSTAG, 16. Januar 2014
Wegen zahlreicher Anmeldungen ist der Salon leider ausgebucht.

Einige Hinweise zum Thema “Philosophie der Philosophie” finden Sie hier.

In Abwandlung eines berühmten Nietzsche Zitates wollen wir unsere Salonabende im Jahr 2014 starten mit dem Thema: “Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben”. Wir wollen ein Stück Bilanz dabei auch ziehen, schließlich sind es jetzt 7 Jahre her, dass wir mit diesen freundschaftlichen und kritischen, mehr Fragen provozierenden als Antworten bietenden Salon – Gesprächen begonnen haben, mit etwa 70 Veranstaltungen. Dabei wollen wir auch gemeinsam überlegen, wie unsere Gesprächskreise noch intensiver und anregender werden. Im Unterschied zu “großen Kulturveranstaltungen” ist unser Salon keine aufs bloße geistge Konsumieren orientierte Initiative. Jeder und jede soll sich einbringen, vielleicht mit dem Ziel, weiterer auch persönlicher Kontakte. Auch das ist “alte Salontradition”.

Also: Es geht um die Fragen: Hat Philosophieren etwas mit meinem Leben zu tun? Mit der Gesellschaft? Mit dem Elend dieser Welt? Nützt mir Philosophie etwas? Ist die Nützlichkeitsfrage bezogen auf die Philosophie angemessen? Verwirrt Philosophie, sind Fragen, sind Zweifel hilfreich? Wird Philosophie nicht längst abgelöst durch Psychotherapie oder Neurowissenschaften? Usw…

Am Donnerstag, den 16. Januar diesmal an einem Donnerstag, wegen Terminproblemen in der Galerie Fantom, wollen wir ab 19 Uhr diskutieren: Als Eröfnung ein Dialog zwischen Michael Braun (praktischer Philosoph, Berlin) und Christian Modehn (journalistischer Philosoph), der Dialog soll sich dann vernünftig streitend und kritisch denkend fortsetzen mit allen TeilnehmerInnen. Persönliche Statements erwünscht.

Es verspricht ein interessanter Abend zu werden.
HERZLICHE EINLADUNG. Mit der Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Der Ort: Galerie Fantom, Hektorstr. 9, Berlin, nahe Kurfürsten Damm. Eintritt (für die FRaummiete) 5 Euro. Studenten usw. gratis.

Die “Legionäre Christi” halten ihr “Generalkapitel” in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.

Die “Legionäre Christi” halten ihr “Generalkapitel” in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.
Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine aktuelle Ergänzung, veröffentlicht am 28.6.2014:

Ende Juni 2014 wurde in der Presse dokumentiert, dass die Krise im Orden der Legionäre Christi keineswegs überwunden ist, wie manche Beobachter nach dem „Generalkapitel“ im Januar 2014 vermuteten. Es wurde von der Katholischen Presseagentur Wien mitgeteilt: „Der Vatikan begleitet den Erneuerungsprozess der “Legionäre Christi” mit einem so genannten externen Assistenten. Der (neu gewählte) Generaldirektor (so nennt sich dieser Ordensobere immer noch offiziell! CM) der Ordensgemeinschaft, Eduardo Robles Gil, teilte am Montag, 23.6. 2014, auf der Website der “Legionäre” mit, ein noch nicht näher benannter Beauftragter des Vatikan werde den Neuaufbau der Gemeinschaft “unterstützen”.

Das heißt wohl im Klartext: Der Vatikan, allen voran vielleicht Papst Franziskus selbst, betrachtet den Orden mit dem Milliardenvermögen, den vielen jungen Priestern und den einflussreichen Bildungszentren immer noch voller Skepsis.

Interessant und bedeutend ist, dass der mexikanische Kardinal Juan Sandoval Iniguez Anfang Januar 2014 den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, so wörtlich, einen Psychopathen und Schizophren öffentlich nannte (KNA 11. 1. 2014): Sandoval sagte, er habe bereits als Student in den späten 50er Jahren in Rom von Eskapaden Maciels erfahren. (Aber offenbar nichts dagegen getan, CM) Der Kardinal sagt: «Kann jemand (also Pater Marcial Maciel) 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert lang, ein Doppel- oder Dreifachleben führen? Nein», so Sandoval. Nur mit einer gespaltenen Persönlichkeit könne man «ein Leben als Heiliger, ein anderes als Ehemann, ein weiteres als Homosexueller, als großer Macher und als stiller Mensch führen». Der 80-jährige Kardinal äußerte sich anlässlich einer Vorstellung seiner Autobiografie.

Indem man nun von relativ hoher Seite Pater Maciel in die Ecke der Psychopathen schieben will, bleibt die Frage offen: Warum haben seine vielen engen Mitarbeiter im Orden und im Regnum Christi diese Pathologie nicht über alle die Jahre erkannt? Warum haben sie treu gehorcht, ließen sich (sexuell) benutzen und dienten ihm? Warum wagten sie nicht, diese Geisteskrankheit ihres Hochverehrten öffentlich zu machen, um ihren allseits geliebten, heilig mäßig genanten Vater zu heilen? Warum haben sich Kardinäle und selbst Papst Johannes Paul II. Jahre lang mit diesem Psychopathen und Schizophrenen gern umgeben? Ließen sich von ihm beraten und auf Reisen auf engstem gemeinsamen Raum begleiten (wie bei den Mexikoreisen des polnischen Papstes)? Warum war der Psychopath gern gesehenes Mitglied der Bischofssynoden in Rrom? Warum wurde dieser Psychopath von Papst Johannes Paul noch offiziell in Rom als “Vorbild der Jugend” gepriesen? Warum wurde offenbar die Heiligsprechung der lieben Maciel Mutter vorbereitet? Haben sie diese psychische Krankheit Maciel gern übersehen, weil sie wussten: In diesem Orden des Psychopathen gibt es viele so dringend gebrauchte, stramme, gut aussehende dogmatisch-saubere junge Priester? Welche Rolle spielte dabei das große Geld der Legionäre, die ja gern Kardinäle im Vatikan großzügig beschenkten und in ihren römischen Instituten Priester aus aller Welt streng dogmatisch korrekt ausbilde(te)n? Erst kürzlich fand in der Legionäre-Christi-Universität zu Rom ein Kongreß wieder über den Exorzismus statt. Selbstverständlich wurde die Teufelsaustreibung anno Domini 2014 verteidigt und für korrekt befinden…. Drückte man also, noch einmal, alle kritischen Augen zu angesichts dieses machtvollen Ordens des Psychopathen? Darf man fragen, ob ein solches ignorantes Verhalten der kardinäel etc. sehr weit entfernt ist vom Verhalten der Mafia, die jetzt Papst Franziskus exkommuniziert?

………Jetzt folgt der ursprüngliche Beitrag………

Wir weisen darauf hin, dass Pater Klaus Mertes SJ in seinem neuesten, sehr empfehlenswerten Buch “Verlorenes Vertrauen” (Herder Verlag) kurz auf den besonderen “Fall” des Gründers der Legionäre Christi wenigstens kurz eingeht. Weitere Hinweise dazu am Ende dieses Beitrags.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich seit 2007 mit dem römisch-katholischen Orden der „Legionäre Christi“ befasst und seitdem einige Texte dazu publiziert. (Zur Lektüre klicken Sie hier) Religionskritik ist zentrales Thema von Philosophie und Theologie. Der machtvolle und einflussreiche Orden „Legionäre Christi“ hat uns interessiert, um die Machtverhältnisse in der Kirche zu untersuchen; um zu fragen, wie es gelingt, dass ein einzelner Mann, der Legionärs-Gründer, also der aus Mexiko stammende Pater Marcial Maciel, zu einem der einflussreichsten, mächtigsten und finanzstärksten Mitglieder der römischen-vatikanischen Bürokratie emporsteigen konnte. Und warum er von Papst Johannes Paul II. sehr hoch geschätzt, wenn nicht verehrt wurde: „Pater Maciel ist ein Vorbild der Jugend“, sagte der Papst… Er ignorierte dabei, dass Pater Maciel über Jahrzehnte Jungen und junge Männer, vor allem innerhalb seines Ordens, sexuell missbrauchte; die Opfer hatten dies dem Papst geschrieben, wurden aber nicht ernst genommen. Zudem war Pater Maciel mit einigen sehr wohlhabenden Frauen liiert, auch aus finanziellen Interessen; mit seinen Geliebten hatte er Kinder, die er seinerseits wieder missbrauchte, so berichten die eigenen Söhne. Von seinem Jahre langen Drogenkonsum als Ordensoberer wollten die Päpste seit Pius XII. nichts mehr wissen. Mitte der neunzehnhundertfünziger Jahre war er deswegen als Ordensoberer kurzzeitig suspendiert… Kehrte dann aber an die oberste Leitung seines Ordens zurück .. bis zum Jahr 2006. Er war also Ordensoberer seit der Gründung der Legionäre 1941, als 65 Jahre, das ist schon kirchenrechtlich gesehen ein außergewöhnliches Privileg, das nur durch heftige Kumpanei in den vatikanischen Behörden zu erklären ist, so kompetente Kritiker.
Über die Absetzung Marcial Maciels als Chef des Ordens durch Papst Benedikt XVI. und seinen Tod 2008 sowie über die päpstliche Untersuchung dieses Ordens durch eine päpstliche Kommission ist auf dieser website berichtet worden.
Diese Informationen wurden von sehr vielen LeserInnen als Information genutzt und geschätzt, zumal im deutschsprachigen Raum sonst fast keine kritischen und umfassenden Informationen zu dem Thema vorliegen, und wenn, dann haben sich die Autoren bei uns heftig bedient, um es milde auszudrücken. Offenbar wagt es auch niemand unter den Theologieprofessoren und Historikern, dieses Thema umfassend aufzugreifen. Selbst Filmemachern ist das Thema wohl zu heiß und zu gefährlich.
Natürlich kann man fragen: Gibt es (religions-) philosophisch gesehen nicht dringendere Themen? Sicher, die gibt es in großer Zahl. Etwa die Frage nach dem guten Leben, und, philosophisch gesehen, nach den Möglichkeiten der Erkenntnis, auch des Geheimnisses, das wir Leben nennen, ist für die meisten sehr viel dringender. Auch die Frage: Wie wir als Menschen der westlichen Welt moralisch bestehen können angesichts des Hungersterbens von vielen Millionen Menschen jährlich usw., und wir alle das ganz genau wissen, um nur von dieser einen Katastrophe der Menschheit zu sprechen. Diese Fragen wagt kein Kirchenfürst als das allerdringlichste aller dringlichen Themen auf die Tagesordnung der Kirchen sagen wir für ein Jahr zu setzen, und dabei alle theologisch-feinsinnigen Debatten auf Eis zu legen. Andererseits: Sehr viele Menschen haben unter Marcial Maciel und seinen ebenfalls pädophilen Mitbrüdern gelitten und wurden seelisch zerstört. Das darf auf keinen Fall vergessen werden. Darum muss von den Legionären gesprochen werden.
Der Orden der „Legionäre Christi“ hält seit dem 8. Januar 2014 in Rom sein „Generalkapitel“ ab mit 61 Delegierten des Ordens. Die spanische Tageszeitung El Mundo schreibt dieser Tage, 50 % der Delegierten dieser außerordentlichen Ordensversammlung gehören zur „alten Garde“, also den Getreuen des Gründers. (Quelle: http://www.elmundo.es/internacional/2014/01/08/52cd808e268e3e672e8b457f.html).
Die Ordensversammlung in Rom, so die offizielle Prognose, wird mindestens bis Mitte Februar 2014 dauern. Es soll eine neue Leitung gewählt werden, vor allem soll der Orden eine neue Konstitution, also eine neue Ordensregel, erhalten, die alte Ordensregel (obwohl erst von Papst Johannes Paul II. im November 2004 approbiert) sei viel zu diffus und den Weisungen für die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil nicht angepasst, sagte der provisorische, von Papst Benedikt XVI. eingesetzte Interim – Ordensobere Kardinal de Paolis (78) jetzt in einem Interview mit Radio – Vatikan. Wie konnte dieser Fehler passieren? War Papst Johannes Paul II. über dieses von ihm genannte „Vorbild der Jugend“ total falsch informiert? Wer im Vatikan hatte Interesse an er Verbreitung von „Falschinformationen“? In kritischen Kreisen fällt in dem Zusammenhang immer der Name Kardinal Sodano, einem alten Freund Maciels…
Der jetzige päpstliche Delegat, Kardinal de Paolis,, wurde vor kurzem von keinem Geringeren als Pater Federico Lombardi SJ, dem Pressesprecher des Papstes, für Radio Vatikan befragt. Ein auch journalistisch bemerkenswerter Vorgang…
In diesem Interview vom 8. Januar 2014, das nicht auf Deutsch vorliegt, ist u.a., kurz gefasst, interessant:
Der Name des Ordensgründers Pater Marcial Maciel wird überhaupt nicht mehr genannt. Dies entspricht dem Befehl des Papstes (Benedikt), auch alle Bilder des zuvor noch hoch verehrten Paters Maciel aus den Legionärs Häusern zu entfernen. Beobachter vergleichen diese faktische „Ausradierung“ des Ordensgründers mit einer Art Entstalinisierung. Aber insgeheim lebt der Geist des „Ausradierten“ natürlich fort. So sollen manche Legionärs Kreise noch voller Verehrung das Grab ihres „Vaters“ in seiner mexikanischen Heimat besuchen und entsprechende Fotos ehrfurchtsvoll verbreiten, sie glauben, es hätte ein ungerechter Krieg gegen Maciel stattgefunden, so berichtet die angesehene Wochenzeitung National Catholic Reporter Anfang Januar 2014, Quelle: Quelle: http://ncronline.org/news/accountability/former-legion-followers-criticize-oversight-order
Es wird jetzt vonseiten des päpstlichen Sonderbeauftraften für den Orden, Kardinal de Paolis, nicht vom „Charisma“ des Ordens gesprochen. Denn ein Charisma eines Ordens (etwa bei den Franziskanern das Vorbild des heiligen Franziskus von Assisi) bezieht sich immer auf die hervorragende Spiritualität des Gründers. Der aber hat im Fall der Legionäre „Untaten“ vollbracht, war also ein Verbrecher, wie Benedikt XVI. deutlich genug öffentlich sagte. Wenn also kein positives Charisma da ist, dann schlägt Kardinal de Paolis vor: Man spreche von Patrimonio, von Erbe, des Ordens. Patrimonio meint ja auf Spanisch auch Besitzstand. Und da hat der Orden ja wirklich sehr viel zu bieten, wir berichteten darüber. Die mexikanische kritische Presse hat erst im Januar 2014 erneut das weltweit verzweigte Milliardenvermögen des Ordens (in US Dollar) aufgelistet. Quelle: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Wenn also der Orden der Legionäre keine, vom Gründer her stammende besondere und religiös herausragende Spiritualität hat, sollte er dann nicht besser aufgelöst werden? Auch dazu melden sich einige zu Wort, es sind vor allem prominente ehemalige Legionäre, die das fordern, wie der Ex – Legionär, der jetzige Diözesanpriester Felix Alarcon (Madrid), der viele Jahre ein engster Mitarbeiter Maciels in der Ordenszentrale in Rom war. (Quelle: http://sociedad.elpais.com/sociedad/2014/01/08/actualidad/1389214965_028153.html)
Felix Alarcon, einer der besten kritischen Kenner des Ordens, er tritt übrigens für die Aufösung des Ordens der Legionäre Christi ein, er verwendet dafür den spanischen Begriff „eliminicaion“, also „Auslöschung“. Die EX – Mitglieder des Ordens sollten sich in den Bistümern melden und dort nach entsprechender Prüfung arbeiten… Quelle:http://www.periodistadigital.com/religion/mundo/2013/12/20/felix-alarcon-la-legion-tal-como-la-entendiamos-deberia-ser-eliminada-religion-iglesia-maciel-abusos-sacerdote-papa-vaticano.shtml
Besonders bemerkenswert ist es, dass Kardinal de Paolis in dem Interview kein Wort über die Opfer der Verbrechen Pater Maciels sagt. Er redet nur im ganz allgemeinen von Schuld und von Gewissenserforschung, aber ohne jeden Anhalt auf die Tatsachen der Verbrechen und das Leiden der Opfer. Verschwiegen wird auch, dass auch etliche andere Priester dieses Ordens in pädophile Aktivitäten verwickelt sind und waren; das hat sogar der Sprecher des Ordens, Benjamin Clariond, im Dezember 2013 öffentlich zugegeben. Er sprach von 35 betroffenen Priestern. Quelle: http://www.informador.com.mx/internacional/2013/501164/6/legionarios-de-cristo-aclaran-denuncias-por-abusos.htm
In dem Interview für Radio Vatikan ist von diesem weit verbreiteten pädophilen Treiben in einem Orden mit insgesamt nur ca 900 Priestern (!) keine Rede.
Insgesamt zeigen die jüngsten offiziellen Interviews und Texte: Die Opfer stehen überhaupt nicht im Mittelpunkt des Interesses. Es geht dem Orden und dem Vatikan jetzt einzig darum, möglichst weißgewaschen, weiterzumachen. Von Wiedergutmachungen für die Opfer ist bis jetzt keine Rede.
Am 3. November 2013 hat der zweite Mann im Orden, der Generalvikar Pater Sylvester Heeremann, in einem Interview mit Radio Vatikan davon gesprochen, dass inzwischen – durch die Gespräche mit dem vatikanischen Delegaten und seinen Mitarbeitern – ein „echter Kulturwandel“ im Orden stattfinde. Dabei ist interessant, dass Pater Heeremann die bisherige „Kultur“ des Ordens in einem übertriebenem Aktivismus sieht, geprägt von einem Denken in Effizienz, d.h. (materieller) Erfolg galt als höchste Tugend. Tatsächlich ist die Anzahl der Schulen, Universitäten und Seminare des Ordens beträchtlich. Und tatsächlich haben sie viele hervorragende Kenner der Wirtschaft und ihrer Konzerne in ihrem Orden, wie etwa den Mexikaner Pater Luiz Garza Medina, einst war er viele Jahre Finanzspezialist in der Ordensleitung in Rom, jetzt ist er Ordensoberer in den USA. Die Legionäre, so der Gesamteindruck vieler Beobachter, haben offiziell die Armut gelobt, sie setzen alles daran, sehr viele Spenden zu sammeln, auch bei den Armen, um Stiftungen und Banken weltweit zu gründen…Dazu siehe: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Um noch einmal auf die bisherige (?) „Kultur“ der Legionäre zurück zu kommen: Sie waren also Effizienz – Fanatiker, sie waren sozusagen die Spitze der Technokratie innerhalb der Kirche, ein Club, der ganz dem Zeitgeist erlegen war (und ist ?). Darüber hat bisher noch niemand ausführlicher geschrieben: Technokraten in der Kirche, wäre ein hübsches Thema auch für Papst Franziskus. Er hat sich übrigens vorbehalten, die neue Ordensregel dann irgendwann im Februar 2014 zu lesen. Es gibt keinen Zweifel bis jetzt, dass der Orden irgendwie fortbesteht.
Nicht nur deswegen ist die Frage dringend: Warum hat der Papst, warum hat der Vatikan, solch ein großes Interesse, dass der Orden der Legionäre Christi (bezeichnenderweise mit einem offiziell so auch genannten „Generaldirektor“ an der Spitze) in der Kirche weiter besteht? Denn daran lässt auch der päpstliche Delegat Kardinal de Paolis keinen Zweifel! Es ist – so vermuten einige – , vor allem eben doch das massenhafte Geld, über das der Orden verfügt, das so viel vatikanisches Wohlwollen heute vorherrscht. Und es sind auch die vielen jungen Priester, die der Orden immer noch für die eigenen Institutionen zur Verfügung stellt. In einer Kirche, die äußerst klerikal orientiert ist und vor allem Interesse hat, viele junge Priester zu haben, hat solch ein Orden eben große offizielle Sympathien; mag sein Ordensgründer auch über kein religiöses Charisma verfügen … und, wie Benedikt XVI. klar öffentlich sagte, eigentlich verbrecherisch gelebt haben.

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Zur Stellungnahme von Pater Klaus Mertes SJ in seinem empfehlenswerten Buch “Verlorenes Vertrauen” zu Marcial Maciel, Seite 89 ff. einige zusammenfassende Hinweise:
Pater Mertes nennt Marcial Maciel einen “Missbrauchstäter besonders großen Ausmaßes” (S 89).
Er erwähnt, dass Papst Benedikt XVI. das im Legionärs Orden übliche Zusatzgelübde der so genannten “Nächstenliebe” abschaffte, weil dieses Gelübde nichts anderes bedeutete, als dass die Mitglieder über alle Zustände und Mißstände im Orden (also auch über die Verbrechen Maciels) zum Schweigen verpflichtet waren, nichts sollte nach außen dringen. Pater Mertes schreibt treffend: “Dies ist ein eklatanter Missbrauch von Macht und ein zynischer Umgang mit dem Wort =Nächstenliebe=”. (S. 90). Die Nächstenliebe bestand also darin, alle Aktionen des viel geliebten “Vaters”, also des – so der offizielle kirchliche Titel: “Generaldirektors” Maciel – zu verstehen und zu verzeihen.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon auch früher schon diese Frage aufgeworfen: Wie konnte die römische Bürokratie (in Sachen Lehre und Dogma) dieses Gelübde überhaupt “genehmigen”? Pater Mertes nennt dieses Phänomen, dass die Kirchenleitung gar nicht mehr das Mißbräuchliche in geistlichen Gemeinschaften und Orden erkennt, “eine Versektung der Kirche” (S 90), d.h. die Kirche im ganzen nimmt sektiererische Züge an. Pater Mertes weist wieder treffend darauf hin, dass sich diese Gruppen, wie die Legionäre Christi, als Elite und Avantgarde verstanden haben und verstehen, sie würden sich “als künftige Führungselite sehen. Inzwischen sind viele von ihnen schon in kirchlichen Führungspositionen angekommen” (S. 90).
Tatsächlich hat am 15. November 2013 Papst Franziskus einen Legionär Christi, Pater Fernando Vergez Alzaga, zum Bischof geweiht und ihn anschliend zum Generalsekretär des Vatikanstaats ernannt. Quelle: http://katholisch-informiert.ch/2013/11/papst-weiht-generalsekretaer-des-vatikanstaats-zum-bischof/
Ob der Vatikan für diese hohe Aufgabe tatsächlich unbedingt einen “Legionär Christi” braucht, (wer hat möglicherweise den Papst dazu gedrängt?), ist naturgemäß völlig unbekannt. Ausgerechnet ein Legionär ist nun “für die Seelsorge unter den dort tätigen Mitarbeitern zuständig”, so die Pressemeldung.

Inzwischen ist in Paris ein Bericht eines EX Legionärs (Christi) erschienen, in dem angesehenen Verlag Flammarion: Der Titel:
“Moi, ancien légionnaire du Christ, 7 ans dans une secte au cœur de l’Eglise” (“Ich, ehemaliger Legionär Christi, 7 Jahre in einer Sekte im Herzen der Kirche”) Der Autor: Xavier Léger, en collaboration avec Bernard Nicolas, Editions Flammarion, 352 pages ; 21 euros

Zum Schluß weisen wir auf die unseres Erachtens erste (freie) literarische Auseinandersetzung mit Marcial Maciel hin (einen großen Spielfilm oder Krimi gibt es bis jetzt noch nicht): José Manuel Ruiz Marcos, “La Orden maldita” (2007).

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Jahr ohne Gott. Das spirituelle-philosophische Experiment eines amerikanischen Pastors

Ein Jahr ohne Gott
Das spirituelle Experiment des us-amerikanischen Pastors Ryan Bell
Von Christian Modehn

Er hat sich als Pastor in der eher konservativen Kirche der „Siebenten-Tages-Adventisten“ (in Los Angeles) für Kirchenreformen eingesetzt (das Übliche: Frauenordination, Gleichberechtigung von Homosexuellen in der Gemeinde) und wurde – auch wiederum schon üblicherweise – aus dem Pfarramt geworfen; weitere Degradierungen folgten – wiederum üblicherweise für diese dogmatischen Kreise: Er verlor auch seinen zusätzlichen Job an der Universität und seine Beratertätigkeit: Ryan Bell (42 Jahre) nützte diesen „Bruch“, diese Krise, zum Nachdenken: Er hat sich nun entschlossen, ein Jahr lang wie und als ein Atheist zu leben. Er möchte auf diese Weise „herausfinden, was ich eigentlich will“. Konkret möchte er von nun an keine Gebete mehr sprechen, keine Bibel mehr lesen, auf explizit religiös-christlichen Übungen verzichten. Hingegen sind Kontakte zu explizit atheistischen Kreisen vorgesehen, das Eintauchen, die Inkulturation in deren Milieu.
Einmal die „andere, oft als gegnerisch bezeichnete Seite“ kennen lernen: Das haben Christen bisher immer der anderen Seite, also den Atheisten, vorgeschlagen. „Komm und sieh, wie schön die Kirchen und ihr Glaube sind“, heißt die Einladung an Nichtreligiöse und „Heiden“. Sie sollen den religiösen Weg ausprobieren, der dann vielleicht in der Taufe seinen Höhepunkt findet.
Nun entschließt sich ein ehemaliger Pastor für den umgekehrten Weg, er will einmal probieren, wie es ist, als Atheist zu leben. Dagegen ist selbstverständlich gar nichts einzuwenden. Es ist sogar ein Zeichen spirituellen Mutes, wenn einmal dieses Experiment gestartet wird. Und man erfährt dabei, welche neuen Einsichten sich dabei ergeben, wie viel menschliche Herzlichkeit in den anderen Kreisen zu finden ist (hoffentlich), wie viel Wärme und Toleranz (hoffentlich). Ob man dabei intellektuell oder gesprächsweise entdeckt und Sicherheit gewinnt, dass Gott nun gerade doch NICHT ist, sei dahingestellt.
Möglicherweise kehrt der Theologe Ryan Bell nach einem Jahr um etliche neue Einsichten verwandelt in eine christliche Gemeinde zurück, oder er wird bekennender Atheist oder als bekennender Skeptiker auftreten: Warum nicht?
Das Experiment, ein Jahr lang als Atheist zu leben, könnte man eigentlich vielen Glaubenden empfehlen, warum nicht auch einmal den Kardinälen der römischen Kurie, die den Vatikan verlassen und in einer Pariser Vorstadt unter Atheisten Unterschlupf finden …Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn Glaubende es wenigstens mal eine Woche lang versuchen würden zu leben, „als ob es Gott nicht gäbe“, wie Dietrich Bonhoeffer einmal sagte. Es wäre doch lehrreich und hilfreich, wenn die Frommen sich fragten: Welchen Gott verehre ich wirklich? Folge ich einem netten Phantom? Einem geradezu lächerlichen Gottes-Monstum, der mir zu Diensten ist. Ist Fraglichkeit nicht eine oberste Tugend religiöser Menschen?
Philosophisch bleibt natürlich bei dem Experiment von Ryan Bell das Problem der Hermeneutik: Wie kann er als christlich geprägter Theologe überhaupt adäquat die innere Welt des Atheismus oder besser des Atheisten verstehen? Kann er seine mit-gebrachten Urteile und Vorurteilen so umwandeln, dass ein adäquates Verstehen gelingt? Aber wenn christliche Theologen behaupten, auch ein Heide könne das offizielle „Nizäno- konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“ aus dem Jahre 383 (sic) verstehen, warum dann nicht auch ein Christ die Texte atheistischer Meisterdenker?
Ob ein Mensch jemals Gott los wirklich wird, also grundsätzlich gottlos werden kann und keinen Gott mehr verehrt, wenn er sich zum Atheismus bekennt, ist eine ganz andere Frage. Über die wollen wir auch weiter diskutieren.

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Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.