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Über das Spielen: Spielerisch leben, spielerisch glauben. Hinweise zum Salon am 27. 6. 2014

28. Juni 2014 | Von | Kategorie: Denkbar

Spielerisch leben – spielerisch glauben

Hinweise von Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon am 27. 6. 2014

Nur aus dem äußeren Anlass der „Fußball Weltmeisterschaften“  wollen wir uns mit dem Thema Spielen befassen. Nebenbei: In Brasilien selbst gibt es heftige Kritik an den nationalen Fußball – Organisationen, ich zitiere den bekannten kritischen brasilianischen Sportjournalisten Juca Kfouri (in Jens Glüsing, „Brasilien“, Chr. Links Verlag, Berlin, 2013,  S. 161) „So, wie der Fußball in Brasilien organisiert ist, hat er keine Zukunft. Eine korrupte Mafia beherrscht den Fußballverband“. Es ist bezeichnend, dass, nach meinem Eindruck, jetzt von den Weltmeisterschaften nur in der Formel „WM“ gesprochen wird, sehr selten fällt überhaupt noch das Wort Spiele. An die WM als „Spiel“ glauben vielleicht nur noch die Akteure selbst im Moment des Kampfes auf dem Rasen und einige enthusiastische Fans im Stadium. Für viele Zuschauer geht es ohnehin darum, den eigenen Nationalstolz pflegen zu dürfen und mögliche Gegner „kaputt zu machen“ oder „niederzuwalzen“ o.ä., wie die Presse schreibt. Über den Nationalismus bei den WMs zu sprechen, wäre ein eigenes Thema. Man hat den Eindruck: Das Sprechen von „Siegen“ und „Niederlagen“ ist offensichtlich auch die Sprache des Krieges (ohne tötende Waffen). Was sich als Spiel ausgibt und sich als Spiel verkauft, ist in Wirklichkeit mindestens ein beinhartes, ernstes Millionen – Geschäft. Und wer vor dem Fernseher dieses Spiel verfolgt, spielt er selbst dann auch als Zuschauer? Oder ist er passiv-konsumierend-sitzend-manchmal grölend auf das Ereignis “seiner“  Nationalmannschaft fixiert? Kann man passiv betrachtend spielen? Diese Frage führt schon etwas weiter: Wir wollen uns philosophisch, ausgehend von phänomenologischen Beobachtungen, dem Spiel und dem Spielen nähern: Dies nicht als Flucht vor der Realität, sondern um uns selbst tiefer zu verstehen. Denn wir erfahren uns immer schon in dieser doppelten Rolle als Spielende und ernsthafte Menschen. Diesen Zusammenhang tiefer zu verstehen, ist Sache der Philosophie, die sich als Existenzdeutung versteht.

1. Spielen ist überhaupt nichts Kindliches  oder Kindisches. Im Spiel entdecken die Kinder ihre eigene Welt, wecken ihre Phantasie, geben sich selbst Regeln und verfügen über die Dinge ihrer Umgebung: Ich erinnere mich, wie ich als kleines Kind in Ostberlin mit großen und kleinen Blättern Wechselstube spielte, kleine Blätter bedeuteten die DDR Mark, große die D Mark. So spiegelte sich schon der Ost – West Gegensatz, vermittelt im Elternhaus, eine Rolle im Spiel, spielerisch wurde sozusagen die Bedeutung der Währungen eingeübt. Damals war das gemeinsame Spielen in der Familie, am Tisch, manchmal ganz schlicht als Brettspiel selbstverständlich.

2. Ich erinnere nur daran, dass Spielen wichtiges Element der Freizeitgestaltung ist. So wird auch die Langeweile gestaltet; Spielen ist auch Zeitvertreib und Entspannung, man denke an Skat, den Menschen spielen, wenn sie auf den nächsten Zug warten und in der Kneipe einander besser nichts sagen, sondern spielen.

Grundsätzlich gilt, so einer der großen Theoretiker des Spielens, der Holländer Johan Huizinga: „Spiel ist freiwillige Handlung innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum; diese Spielhandlung wird freiwillig aufgenommen, aber gemäß unbedingt bindenden Regeln verrichtet. Spiel hat sein Ziel in sich selbst… und wird begleitet von einem Gefühl des Andersseins als das gewöhnliche Leben“ (S. 37). Das ist entscheidend: Im Spiel treten wir heraus aus der starr wirkenden Welt und Gesellschaft, die uns die (oft uns befremdlichen) Gesetze vorschreibt, und wenden uns einer eigenen, gesonderten Welt zu, in der andere Regeln herrschen, oft solche, die wir uns selbst gegeben haben. In den meisten Fällen ist das spielerische Spiel zweckfrei. Dadurch wird unser Geist frei, die Phantasie wird geweckt, wir kommen in geistige und körperliche Bewegung. Darum kann Huizinga sagen: „Spiel ist eines der aller fundamentalsten geistigen Elemente des Lebens“ (S. 37). Es gibt natürlich Spiele, wo dieses spielerische, freie Element fast verschwindet anstelle etwa des Gewinnstrebens (Geldspiele usw.) Also: Spiele selbst sind schon ambivalent. Nebenbei: Es gibt also auch das hässliche Spiel, ich würde sagen das unmoralische Spielen. Wenn man sich an der Börse aufhält und nur den eigenen Gewinn berücksichtigt, also an der Börse mit Milliarden (anderer Menschen) spielt, um des eigenen Gewinns willen, ist das zutiefst verwerflich.

3. Aus dieser Freiheit des authentischen, des spielerischen Spiels, entsteht letztlich das anspruchsvolle Spiel im Theater oder in der Oper usw. Im anthropologischen Spielen-Können, wenn nicht Spielen-Müssen im Menschen hat die anspruchsvollere Kultur (des Spielens) ihre geistige Basis. Man könnte den Umkehrschluss wagen: Wenn nicht mehr gespielt wird, verstanden als das spielerische Spiel als Selbstzweck ohne Finanzinteressen, dann geht auch das kulturelle Niveau ins Abseits. Man denke an die so genannten Spiel-Shows im Fernsehen, die zu best platzierten Sendezeiten das anspruchsvolle politisch-kulturelle Programm längst verdrängt haben. Anspruchsvoller Geist ist in der Sicht der „Macher“-Herren des Fernsehens dann nur etwas für Minderheiten. Der Verblödungsprozess wird so offiziell gefördert.

4. Noch einmal: Spielen ist geistig–körperliche Gestaltung von Freiheit, eine Form des Ausstiegs aus dem bedrängenden Lebensrhythmus mit seinen Geboten und Verboten, man spricht auch von „Unterbrechungen“. Der Alltag wird dann bloß noch zu dem Vorletzten, die Welt der rechnenden Verhalten wird sozusagen kraftvoll überspielt. Ohne spielerisches Spiel keine Menschlichkeit, könnte man zugespitzt sagen. Der Philosoph Martin Seel schreibt in seinem sehr empfehlenswerten Buch „111 Tugenden-111 Laster“ (Fischer Verlag, 2011, Seite 223 im Kapitel Spielfreude): „Wir wollen uns in der Situation des Spielens auf eine besondere Weise gegenwärtig sein…Wir wollen in den Möglichkeiten einer außergewöhnlichen Gegenwart verweilen“.

5. Das alltägliche Leben der Arbeit und der organisierten Freizeit wird oft der Ernst des Lebens genannt. Menschen beginnen nach der Schule, in das erwachsene Leben, in den Ernst des Lebens einzutreten. Damit ist das entscheidende Stichwort gefallen: Wir müssen den Begriff „Ernst“, immer in der Form „Ernst des Lebens“ mit seinen von uns nicht gemachten Gesetzen mit- bedenken, wenn wir das Spielen bedenken. Aber an Kant sollte man sich auch hier erinnern: In seiner „Anthropologie“ plädiert er fürs Spielen inmitten des Ernstes des Lebens. Im Spielen können wir uns distanzieren von den anstrengenden Verpflichtungen des Alltags. Von daher ist das Spielen um seiner selbst willen sinnvoll, weil wir in eine Form der Bewegtheit geraten zwischen positiven und negativen Stimmungen und Erwartungen mitten im Spielen. Wir fürchten uns (etwa vor einer Niederlage im Spiel) und wir sind guter Zuversicht (auf einen „Sieg“, Gewinn usw.) inmitten des Spielens. Ist diese Ambivalenz nicht Ausdruck des menschlichen Lebens?

6. Aber Spiele selbst sind ja nun wiederum selbst keineswegs das völlig Freischwebende, sozusagen phantastisch Gesetzlose. Es gibt im Spielen Auseinandersetzungen und Streit, zumal, wenn sich ein Teilnehmer nicht an die gemachten oder übernommenen Spiel–Regeln hält. Aber diese Spielverderber werden nach den Spielregeln bestraft und nach dem allgemeinen, „ernsten“ Gefühl, dass da Unrecht geschehen ist.

Also: Auch der Ernst spielt in die Welt der Spiele hinein.

Zentral ist die Erkenntnis: Wir können Spiele und Ernst nicht streng trennen und so tun, als ständen sie völlig unabhängig voneinander sich bloß abstrakt gegenüber. Auch Spiele haben in sich selbst Ernst. Aber spielerische Spiele sind doch eine andere Form zu leben als jene Daseinsvollzüge, die vorherrschend vom Ernst bestimmt sind.

7. Es ist auffällig, wie der Begriff Spielen Geltung hat in vielen alltäglichen Vollzügen: Wir sprechen vom Durchspielen verschiedener Möglichkeiten; von Anspielungen machen; Vertrauen verspielen, wir sagen „das spielt keine Rolle“. Ausstellungsräume werden bespielt; ich spiele Orgel, das direkte Verb „Orgeln“ ist verpönt; wir spielen beim Benutzen des Instruments, Spielen genannt, die  Orgel, die wohl auch spielerisch-freie Stimmungen erzeugt.

Offenbar wird das Wort spielen für Alltagsvollzüge verwendet, die etwas Offenes in sich haben und nicht den Zwang unterstreichen, unbedingt etwas so tun zu müssen, sozusagen in vollem Ernst. Selbst das Orchester, das eine Symphonie spielt, sollte doch die künstlerische Leichtigkeit, den Tanz, die Melancholie, was auch immer, ausdrücken. Bloß korrektes, die Noten Herunterspielen ist keine Kunst. Die Kunst muss spielerisch sein. Dazu die Beispiele „Das neue Arcadien–Projekt“ mi dem künstlerischen Botschafter Arcadiens. Der Künstler Peter Kees hat dieses “spielerische Projekt“ initiiert: http://www.embassy-of-arcadia.eu/Embassy_of_Arcadia/Home.html

8. Dabei gibt es durchaus auch fast absolut ernste Lebensvollzüge, in denen der Ernst mit seiner Korrektheit der Gesetze und Bestimmungen fast ausschließlich gelten muss. Der Ernst hat absolute Gültigkeit bei einer chirurgischen Operation; oder bei einer Gerichtsverhandlung. Auch in personalen Beziehungen gilt der Ernst: Ich vertraue einem anderen, weil ich annehme, er meint es ernst mit mir und seiner Liebe. Der Handschlag als Siegel einer Abmachung muss ernst gemeint sein, so muss das Vertrauen in dieses Ernstgemeintsein auch ernst wiederum ernst sein dürfen.

9. Aber ich vermute, dass es auch in den strengen Situation des Ernstes immer auch noch spielerische Elemente gelten, wenn sozusagen doch die ernsten Regeln durchbrochen werden, weil nur so eine Situation gerettet werden kann. Piloten könnten davon berichten, wie sie in Ausnahmesituationen gegen alle ernsten Regeln verstoßen müssen, um einen Absturz zu verhindern, ähnliches gilt wohl auch für Ärzte, gelegentlich.

10. Damit sind wir bei einer wichtigen Perspektive: Unsere Lebenskunst besteht darin, mit dieser ständigen Verbindung und Verschränkung von Spielen und Ernst treffend umzugehen, sozusagen die richtige Melange von Spiel und Ernst zu finden. Dabei hat natürlich die Entdeckung des spielerischen Spiels für uns selbst den großen Vorrang.

11. Spielerisch leben ist ein Element im Titels dieses Salons. Dabei meint „spielerisch leben“ zunächst: Das Lockere und Freie und Selbstbestimmte ins eigene Leben integrieren. Phantasie entwickeln, auch neue Rollen annehmen und für sich mit anderen durchspielen. Wir spielen ja ohnehin immer in unserem so ernsten Leben: Die volle Wahrheit sagen wir dem anderen ja doch nie oder selte; wir jonglieren so oft mit unseren Worten, um ihn nicht zu beleidigen, um des lieben Friedens willen wird gespielt, also gelogen? Außerdem wissen wir ja nicht, ob unser hartes Urteil, unsere Wahrheit über ihn, vielleicht morgen in anderem Licht erscheint. Darum lügen wir lieber, spielerisch sagen wir: Dein Lieblingswein ist OK, obwohl er sauer schmeckt, um nur ein ganz einfaches Beispiel aus unserem alltäglichen Lügenspiel zu nennen.

Wir tragen, anders gesagt, meistens Masken, oft mehrere Masken hintereinander an einem Tag, je nachdem, wo wir uns mit wem befinden. Wir sind, anders gesagt, meistens selbst Schau–Spieler für uns und für andere. Ohne Maske zu leben wäre der Ernst, manche können das gar nicht und wollen noch im Sterben belogen werden…

Aber das Spielerische und Leichte kann ja durchaus auch mal ins Surreale gehen: Ich kann doch mich hinsetzen und spontan Gedichte schreiben, oder mich ans Klavier setzen und einfach den Mut haben, freie Phantasien zu spielen. Spielerisch leben heißt: Wie finden wir die Leichtigkeit wieder, wie können wir den Ernst des Lebens zurückdrängen und so verwandelt wieder neu ernst leben. Eben mit dem Ernst spielerisch umgehen, das beginnt bei dem Lachenkönnen, bei der Pflege des Humors.

12. Ich möchte noch weitergehen: Das Leben, unser ganzes Leben, könnten wir als Spiel begreifen. Das Leben enthält naturgemäß ernste Momente,  aber insgesamt könnte man sich doch vorstellen, dass Existenz ein freies Schweben im Dasein bedeuten könnte. Ein solcher Gedanke fällt uns schwer, weil das Leben oft/meist als Last/Ernst erlebt wird.

Aber das Leben als Spiel zu entdecken setzt nur eine Erkenntnis voraus: Wir wissen gar nicht genau, woher wir kommen. Damit ist jetzt nicht gemeint, dass wir nicht genau unseren Vater oder unsere Mutter bestimmen können. Sondern viel tiefer gilt: Wir wissen nicht, woher wir aus dem Prozess des Lebendigen, der Welt, der Natur, der Schöpfung, herstammen.

Religiöse Menschen sagen „Wir stammen aus Gottes Schöpfung und kehren zu ihm zurück“. Atheisten, die behaupten, wir kommen aus dem Nichts und gehen ins Nichts  formulieren damit ein Glaubensbekenntnis und keine Wissenschaft, wie oft behauptet wird.

Das heißt: Unser Leben bewegt sich zwischen zwei definitiv unbekannten Größen! Wir wissen weder das Woher noch das Wohin, das Danach, wir sind sozusagen als ein Seil gespannt in eine uns unbekannte Zeit auf uns unbekannten Pfählen, an denen dieses unser Seil, also wir,  gebunden ist/sind. Wir hängen sozusagen zwischen unbekannten Größen.

13. Wie kann man darauf reagieren? Bitter ernst, das ist eine sehr häufige Möglichkeit, sich das Leben schwer zu machen. Diese Bitternis entsteht wohl, weil wir vergessen, dass wir zwischen zwei unbekannten Größen hängen. Oder eben lächelnd, vielleicht manchmal lachend, immer aber zuversichtlich, dass wir diese Situation schon richtig und sinnvoll durchspielen werden. Wir müssen vielleicht unser Leben durch-spielen, d.h. es annehmen, und nach unseren Regeln gestalten – mit anderen.

14. Noch ein Wort zum zweiten Teil unseres Titels, da wird die Frage gestellt: Können wir spirituell interessiert auch spielerisch zu glauben, also spielerisch die eigene Spiritualität und Frömmigkeit gestalten, können wir uns möglicherweise spielerisch auf die göttliche Wirklichkeit zu beziehen?  Die Frage ist gar nicht befremdlich, weil wir tatsächlich immer schon spielerisch glauben. Wir vergessen das nur oft und sehen das nicht. Z.B: Wir gehen frei mit den religiösen Fragen um: Wir glauben an bestimmte Erscheinungen Mariens und stellen sie in den Mittelpunkt unseres Lebens. Oder wir sind strenge Atheisten und glauben sozusagen dieses Nichts, diese Leere. Oder wir glauben, dass die innere Stimme des Gewissens der wahre Ort der Gotteserfahrung ist usw. Oder wir „basteln“ unsere Spiritualität zusammen aus Elementen verschiedener Religionen mit einer Melange einer Rosentherapie und einer täglichen Massage: Da wird streng gehandelt, also ernst „gebastelt“ an einer für mich schmackhaften „Melange“. Die Frage ist, ob dieser „new-age-Kult“ spielerisch ist, er ist nur Spiel ohne Leichtigkeit? Der spielerische Glaube hat die Leichtigkeit und auch das Element einer tiefen Reflexion auf die Bedingungen des Daseins.

15. Wenn wir spielerisch glauben, beziehen wir uns durchaus auf rational vermittelbare, also philosophische Erkenntnisse: in diesem Sinne kommt immer das eigene Wollen und Denken zum Zuge. Wer denn an eine göttliche Wirklichkeit glaubt: Der weiß sich in diese Welt von Gott gesetzt – von einem Unendlichen und Ewigen, der als Unendlicher und Ewiger nur Liebe sein kann, also aus Liebe auch die Welt und die Menschen setzt/schafft. Und mit diesem liebenden Unendlichen kann das Liebesspiel beginnen. Wir müssen lernen, den philosophisch reflektierten Glauben, die Spiritualität, also unsere eigene Religiosität, als Liebesspiel mit Gott zu verstehen. Ausgangspunkt wäre: Spielen ist ein freier Vollzug, in dem man aufleben kann, jenseits von Stress und Gesetz. Diese Situation gilt für die Beziehung Gottes zu den Menschen. Es ist ein Spiel des Auf und Ab, der Eifersucht, des Zorns, der Nähe usw.

Wenn ich in einer religiösen Deutung von Liebes-Spiel zwischen Gott und dem Menschen spreche, dann sicher in der Bedeutung, dass das Wort „Liebesspiel“ analoge Bedeutung hat zu dem Liebesspiel unter Menschen. Die Voraussetzung, um überhaupt zu einer solchen analogen Aussage zu kommen, ist die Erkenntnis und die Erfahrung zuvor: dass wir Menschen uns letztlich in einem bergenden Sinnhorizont bewegen, oder auf einer unerschütterlichen Basis stehen, die wir nicht gemacht haben, die uns aber immer wieder Sinn erleben erlässt. In allem alltäglichen Tun und Sprechen setzen wir ja (unbewußt) immmer schon voraus, dass es sinnvoll ist, dies und das zu tun oder zu lassen. Das wäre philosophisch sozusagen der „Ansatz“, wir bewegen uns und sind immer schon in einem Sinnhorizont.

Es ist vielleicht interessant, dass der Choral „Wie bin ich doch so herzlich froh“ (Bachwerke Verzeichnis 1 (!) ) ausdrücklich von Jesus als dem SCHATZ, also dem Geliebten spricht, dies nur am Rande für alle, die explizit religiös oder christlich interessiert sind. „Wie bin ich doch so herzlich froh, dass mein SCHATZ ist das A und O, der Anfang und das Ende“  und zum Schluß, wieder in der Sprache der Liebe, des Liebesspieles: „Deiner wart ich mit Verlangen“.

Das alles klingt jetzt arg allgemein, vielleicht mystisch, ist aber sozusagen eine Erkenntnis der klassischen Religionsphilosophie. Nur wenn man in diesem von uns nicht mehr greifbaren aber anwesenden Horizont denkt und lebt, hat das Wort Liebesspiel zwischen Gott und Mensch einen Sinn, das dann auch noch gilt, wenn Leiden den Menschen irritieren und zu vernichten drohen.

Spielend glauben wäre dann eine Daseins-Möglichkeit, sich ganz frei auf dem Boden, bildlich gesprochen, dem Boden des göttlichen Grundes zu bewegen. Sozusagen angstfrei zu tanzen und zu spielen und zu leben, weil man vertraut: Dieser göttliche Boden ist unverwüstlich, da werde ich nicht einbrechen oder durchbrechen, selbst wenn es, das ist jetzt nicht zynisch gemeint, zum „End-Spiel“ meines Lebens ´kommt.

16. Das Spielerische im Glauben hat auch der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal gesehen: Er hat seinen atheistischen Freunden eine Art Spiel empfohlen, als er sagte: Glaube doch ruhig in deinem Leben an Gott, selbst wenn du zweifelst. Nach dem Tod wirst du entweder im Himmel sein und sagen: O Gott, prima, dass ich geglaubt habe. Bist du aber im Nichts, weil es Gott nicht gibt, dann hast du ja so viel auch nicht verloren, wenn du auf Erden geglaubt hast. Ich weiß, diese Pascalsche Wette ist sehr problematisch. Aber es ist der Versuch, das Spielerische im Glauben zu realisieren.

Alain de Botton, der atheistische Philosoph in London, geht den ähnlichen Weg. Er rät förmlich in seinem Buch „Religion für Atheisten“, dass doch die Atheisten ruhig mal beten sollen. Sie werden eventuell danach spüren, ob sie irgendwie getröstet werden. Also spielerisch nicht glauben, auch bei Alain de Botton. (Religion für Atheisten, Fischer Verlag 2013)

17. Eine weitere Provokation kommt allerdings von dem sehr seriösen katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini, er hat 1918 ein Buch veröffentlich: „Vom Geist der Liturgie“. Darin gibt es ein Kapitel, das sich ausdrücklich mit der Liturgie als Spiel befasst. Man stelle sich vor: Die katholische Messe, das ist ja die Liturgie, als Spiel verstanden! Welche Welten liegen da zwischen Faktum und Idee. Spielerische Liturgie: Als freies Dasein des religiösen Menschen in einem religiösen Raum als Teilnehmer an einer Messe, die so meinte Guardini, die spielerische Leichtigkeit haben soll. Dies ist wohl angesichts der real existierenden Liturgie im Katholizismus und noch mehr im Protestantismus nicht mehr als ein schöner (Guardini) Traum. So viel spielerische Freiheit (niveauvoll, bitte nicht immer nur Kindergarten-Tralala) lässt die Kirchenleitung kaum zu. Selbst die zeitgenössische Kunst, die ja vom Wesen her spielerisch ist, hat einen schweren Stand INNERHALB der Kirchengebäude. Freiheit stört, Spiele stören, das ist die gängige Meinung vieler Kirchenherren. Leider. Mentalitätsänderungen sind kaum in Sicht.

18. Und die Philosophie? Ist sie auch ein (ernstes) Spiel? Das kann hier nur angedeutet werden: Wittgenstein sprach von den Sprachspielen, Fichte davon, dass jeder Mensch sich seine Philosophie frei wählt, je nach dem, was er für einen Charakter hat. Dass Philosophie nicht bitter ernst sein muss, hat ja Michel de Montaigne in seinen immer wieder zu empfehlenden Essais bewiesen.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer-Salon

Zur Vertiefung:

Jürgen Moltmann, Die ersten Freigelassenen der Schöpfung

Harvey Cox, Das Fest der Narren

Wilhelm Gräb, „Von der Wunderkraft des Spielens“ auf www. religionsphilosophischer-salon.de

Zu Pascals „Pensées“: Dort vor allem die Nr. 246, auch auf Deutsch „Gedanken“.



Von der Wunderkraft des Spielens. Drei Fragen an Wilhelm Gräb

22. Juni 2014 | Von | Kategorie: Der nächste Salon

Von der Wunderkraft des Spielens

Drei Fragen an Wilhelm Gräb (veröffentlicht am 2. Juni 2014)

Bei den Fußballweltmeisterschaften, wie nun in Brasilien, ist von Spiel und Spielen nur dann die Rede, wenn das Aufeinandertreffen zweier Mannschaften im Stadion gemeint ist. Ansonsten dominieren bei der WM Begriffe wie Stars und Geld, reibungsloses Funktionieren und Kampf, Stärke und Nationen. Warum macht es angesichts dieser offensichtlichen „Eindimensionalität“ dennoch Sinn, unbedingt den Begriff Spiel in seiner ganzen Breite zu bedenken und das Spielen zu pflegen? Handelt es sich beim Spielen, im ursprünglichen Verständnis, doch um mehr als um eine nette Kinderei?

Wenn Kinder spielen ist das ja keine Kinderei. Wenn Kinder spielen, entdecken sie sich selbst als die Subjekte ihres Handelns. Ja, mehr noch, sie erleben, dass sie selbst entscheidend an der Errichtung ihrer Welt beteiligt sind, dass es auf sie selbst ankommt und auf das, was sie aus den ihnen ebenso vorgegebenen wie zugleich von ihnen selbst gesetzten Möglichkeiten machen. Das Spiel ist im Grunde die reine Form des Erlebens des Lebens. Spielregeln und Spielfiguren sind vorgeben, doch gerade nicht uns unzugänglich vorgegeben. Die Spieler kennen die Regeln und können sie je nach Vereinbarung auch selbst verändern. Die Spielregeln schaffen die Bedingungen, unter denen das Spiel überhaupt gespielt werden kann. Das Spiel zu spielen heißt dann, sich frei in ihrem Rahmen zu bewegen und, auf Sieg setzend, das Beste aus den Möglichkeiten zu machen, die die Spielregeln eröffnen. Wenn wir spielen, tun wir im Grunde nichts anders als uns unter selbst gesetzten wiewohl nicht beliebig veränderbaren Bedingungen im Raum der Freiheit zu bewegen.

Das Spiel ist der Erprobungsraum der Freiheit, auch das Fußballspiel. Davon hat es seine Faszinationskraft. Die Spielregeln müssen eingehalten werden. Aber welche vielfältigen Möglichkeiten, das Spiel aufzuziehen, setzen sie in Gang!  Für den Erfolg ist die kluge Strategie ebenso entscheidend wie der persönliche Einsatz und das Können jedes Spielers. Bringt wiederum der einzelne seinen Ehrgeiz und sein Talent nicht auf mannschaftsdienliche Weise ein, wird keiner gewinnen, der einzelne ebenso wenig wie das gesamte Team.

So ist es auch im wirklichen Leben. Nur dass wir im wirklichen Leben das Spiel des Lebens nie um seiner selbst willen spielen können. Im wirklichen Leben können wir die Möglichkeiten unserer Freiheit nicht erproben, weil die Folgen unseres Handelns nicht auf den Rahmen beschränkt bleiben, die dem Spiel mit seinen Spielregeln gesetzt sind. „Das Runde muss ins Eckige.“ „Das Spiel dauert 90 Minuten.“ Diese Fußballweisheiten halten auch die Folgen der Freiheit in den Grenzen des Spiels. Das wirkliche Leben hingegen ist kein Spiel. Wir überschauen die Bedingungen, unter denen wir es zu führen haben, nie vollständig. Genauso wenig können wir seine Folgen letztlich verantworten, eben weil wir das „Insgesamt“ der Bedingungen unseres Handelns nicht kennen.

Im Spiel erleben wir das Leben wie es sein könnte, wenn es nach den Regeln gespielt würde, die wir kennen, die wir akzeptieren, auf die wir uns verständigt haben. Weil wir solche Spiele bei der bevorstehen Fußballweltmeisterschaft wieder erleben werden, wird der Funke erneut überspringen. Wir werden unser Leben gesteigert erleben. Wir werden mit unser Mannschaft mit fiebern, aber nicht nur das, uns überhaupt an schönen Fußballspielen erfreuen, an gelungenen Spielzügen, dann, wenn der Kampf ins Spiel führt, er aber dennoch den Sieg nicht zu garantieren vermag. Die WM wird das ganze Land in einen Ausnahmezustand versetzen, auch wenn wir alle wissen, dass es zugleich um Geld und Profit, um Macht und nationale Überheblichkeiten geht. Es sind eben Spiele mitten im wirklichen Leben.

Beim Spielen der Erwachsenen, etwa den „Gesellschaftsspielen“, entstehen auch Welten jenseits der Wirklichkeit. Und Utopien werden für einige Stunden spielerisch Realität. Wenn aber inmitten des Spiels Neues entdeckt und Unbekanntes respektiert wird, kann man dann nicht meinen: Im Spielen werden wir in die Transzendenz, vielleicht sogar ins Religiöse, gewiesen?

Man kann das Spiel durchaus mit heiligen Liturgien vergleichen. Denn in den Ritualen der Religion wird ebenso nach selbst gesetzten Regeln eine dem wirklichen Leben enthobene Vorstellungs- und Glaubenswelt errichtet. Die kirchlichen Gottesdienste haben heute jedoch das Problem bei sich, dass sie nicht mehr als ein gesteigertes Erleben des Lebens empfunden werden. Es kommt zumeist nicht zur leibhaften Erfahrung, dass es die uns Menschen verheißenen Möglichkeiten eines gelingenden Lebens sind, in die einzutreten die Religion uns in Aussicht stellt. In Wahrheit ist der religiöse Vollzug jedoch ein Akt der Selbsttranszendierung, der uns aber auf unsere alltägliche Wirklichkeit zurückkommen lässt – mit einem veränderten Blick auf die Dinge des Lebens.

Die Veränderung des Blicks auf die Wirklichkeit geschieht dadurch, dass die Religion uns nicht in die Bewältigung des Lebens einbindet, sondern unseren Sinn öffnet für den Sinn, dem es insgesamt folgt und von dem es sich mit jedem Atemzug getragen wissen kann. Und das ist es, was im gesteigerten Erleben des Lebens geschieht. Wir bekommen ein Gespür dafür, was es heißt, zu leben. Wir merken, wie sich das Leben, das wir haben und, ja, zielorientiert führen müssen, anfühlt. Wir bekommen einen Geschmack für das Leben. Der ist immer ambivalent, schwankend zwischen Lust und Unlust, Freude und Schmerz, Liebe und Hass, Sieg und Niederlage. All diese Ambivalenzen versuchen wir z.B. im Gebet, dem exemplarischen Akt religiöser Selbsttranszendierung, zum Ausdruck zu bringen. In all diese Ambivalenzen werden wir aber auch fühlbar, uns emotional emphatisch ergreifend, durch das Spielen hineingezogen – wenn wir selbst mitspielen, aber auch wenn wir bei der Weltmeisterschaft wieder mit unserer Mannschaft mit fiebern.

Wie in der Religion verfolgen wir im Spiel nicht die Zwecke und Notwendigkeiten des wirklichen Lebens. Und doch ist es uns ganz ernst mit ihm. „Es geht nicht um Leben und Tod, es ist viel schlimmer…“ soll Bill Shankly vom FC Liverpool einst gesagt haben. Recht hat er. Denn im Spiel erleben wir in einer Unmittelbarkeit und Direktheit die Geschicke des Lebens wie dies im wirklichen Leben nie der Fall ist, eben weil das Leben dort in seiner Ganzheit gar nicht vor uns kommt, weder sein Anfang noch sein Ende von uns bewusst erlebt werden. Nur dort, wo das Leben aus seinen Daseinsnotwendigkeiten heraustritt und zwecklos mit sich selbst ins Spiel kommt, kommt uns in unserem Gefühlsbewusstsein auf ergreifende Weise zur Präsenz, was es heißt zu leben.

So sehr auch das Spielen Kreativität und Phantasie freisetzt, so gelten doch immer – auch beim Fußball und den Spielen der WM – feste Spiel-Regeln. Die werden im Stadion von den Mannschaften oft streng respektiert. Es ist aber paradox, dass dieser Respekt vor diesen Spielregeln nicht zu einem umfassenden Fair Play im Alltag, in der Gesellschaft, führt. Macht dieser Bruch zwischen Fair Play im Stadion und unfaires, ungerechtes Handeln im Alltag, diese Form der hochgepushten WM Spiele nicht doch letztlich bedeutungslos für die Gesellschaft?

Wir wissen alle, dass die FIFA korrupt ist, das Bestechungsgelder bei der Vergabe der Spiele in Strömen fließen, dass jetzt in Brasilien die Leute auf die Straße gehen, weil – wie schon vor 4 Jahren in Südafrika – Unsummen für den Bau der Stadien ausgegeben werden, an Orten, an denen die Spielstätten nachher überhaupt nicht mehr gebraucht werden, Geld, das für infrastrukturelle Maßnahmen gerade in den schwach entwickelten Gebieten des Landes dringend gebraucht würde. Dennoch werden in Brasilien wohl alle die Spiele mit größter Spannung verfolgen. Bei uns werden sich auf der Fan-Meile vor dem Brandenburger Tor wieder Hundertausende versammeln. Die anderen werden vor dem Fernseher sitzen und ihre Freunde zur Grillparty einladen. Ich bin mir ziemlich sicher, es wird wieder ein Fußballfest werden, vielleicht kein Sommermärchen wie vor 8 Jahren, als die WM in Deutschland stattfand, aber dennoch werden wir alle – wenn nur unsere Mannschaft weit genug kommt – in eine erhöhte Form des Daseins gelangen.

Das schaffen die Spiele aus der dem Spiel eigenen Kraft – trotz unseres Wissens um die völlig überzogenen Gehälter, die die Spieler kassieren, das finanzielle Fiaskos, in das die WM die gastgebenden Länder schickt, die ausschließlich kommerziellen Interessen, die seine Veranstalter verfolgen. Gerade weil im Spiel das Leben in seiner ganzen Ambivalenz als ein Geschehen erfahren wird, in das wir selbst auf subjekthafte Weise einbezogen sind, dessen Regeln wir aus freier Einsicht zustimmen können und das in seinem Ausgang dennoch auf spannungsvolle Weise offen bleibt, bringt es uns tiefer in Kontakt mit uns selbst. Wir erleben unser Leben und werden dabei dessen gewahr, dass wir aller eigenen Anstrengung und auch allem Fair Play zum Trotz sein Gelingen nicht in der eigenen Hand haben. Dessen aber bewusst zu sein, genau das ist Religion.

Die Fragen stellte Christian Modehn. Wilhelm Gräb ist protestantischer Theologe und Professor an der Humboldt Universität zu Berlin. Sein besonderes Interesse gilt einer aktuellen „liberalen Theologie“

Copyright: Wilhelm Gräb und „Religionsphilosophischer Salon Berlin“



Eine rassistische Flüchtlingspolitik überwinden. Zum Welttag der Flüchtlinge

20. Juni 2014 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

 

Eine rassistische Flüchtingspolitik der deutschen Bundesregierung überwinden.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ versteht Religionsphilosophie immer auch als Kritik bestehender Religionen, Weltanschauungen und ideologisch/politischer Überzeugungen. Das sich angstvolle Einkapseln Europas in eine Welt der Reichen gegen eine Welt der Armen und Entrechteten hat durchaus Charakteristika einer Glaubensoption, einer Ideologie, eines Götzen, zu dem es angeblich keine Alternative geben soll, wie die hieisigen herrschenden PolitikerInnen gern behaupten.

Heute, am Welttag der Flüchtlinge, weisen wir darauf hin, wie die Bundesregierung, zu der  zwei sich christlich nennende Parteien gehören  sowie eine Partei, die das Wort sozial im Titel führt,  eher rassistisch anmutende Positionen vertritt.

Wir publizieren gern eine Stellungnahme der international hoch angesehenen Organisation „Jesuiten – Flüchtlingsdienst“ (JRS).

Am Montag, den 23. Juni 2014, wird im Bundestag mit Fachleuten die Absicht diskutiert, Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zu sicheren Herkunftsländern zu erklären. Etwa 20.000 Asylsuchende kamen 2013 aus diesen Ländern. „Müssen wir dafür Grundrechte beschneiden?“, kristiert der Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, Pater Frido Pflüger SJ. In Verbindung mit einem weiteren Gesetzesvorhaben erhalten diese Pläne zusätzliche Brisanz zu Lasten von Schutzsuchenden.

Asylanträge aus „sicheren Herkunftsländern“ können als „offensichtlich unbegründet“ noch schneller abgelehnt werden. Für Asylsuchende wird es dadurch schwieriger, ihren Schutzanspruch zu beweisen. Von der scharfen Kritik zahlreicher Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen zeigt sich die Regierungskoalition bisher unbeirrt.  „Das deutsche Asylrecht beruht auf der Erfahrung: Menschen, die in ihrer Heimat rassistischer Verfolgung ausgesetzt sind, brauchen internationalen Schutz“, so Pater Pflüger SJ. „Obwohl alle genau wissen, dass viele Roma schwerer rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind, werden sie bei uns als ‚Armutsflüchtlinge‘ verleumdet. Mich beunruhigt es, wenn die Anerkennungsquote von Asylanträgen aus diesen Ländern gegen Null geht, während sich die Berichte über Gewalttaten und lebensgefährliche Ausgrenzung dort häufen.“

Zusätzliche Brisanz erhält das am Montag diskutierte Vorhaben durch einen zweiten Entwurf, der dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst und anderen Verbänden zur Stellungnahme vorliegt. Wessen Asylantrag als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt wird – was für „sichere Herkunftsländer“ automatisch der Fall wäre –, soll per Gesetz als Sozialbetrüger gelten und mit einem Aufenthalts- und Wiedereinreiseverbot belegt werden. Das dürfte nicht nur schwerwiegende Folgen für die direkt Betroffenen haben. „Damit würden gängige feindselige Vorurteile gegenüber Asylsuchenden und Roma per Gesetz verfestigt. Auch unter diesem Aspekt sind die Pläne verantwortungslos“, urteilt Pater Pflüger SJ.

Schon jetzt stellt Serbien Roma unter Strafe, die im Ausland Asyl suchen. Wenn die Bundesregierung ihre Pläne verwirklicht, würden Serbien und Deutschland das Menschenrecht in die Zange nehmen, das eigene Land zu verlassen, um Schutz vor Verfolgung zu suchen. „Ich hoffe, dass die Abgeordneten der Regierungskoalition diese beiden unseligen Vorhaben letztlich ablehnen“, so Pater Pflüger.

Zur Vertiefung: JRS-Stellungnahme vom 14.4.2014 zum Gesetzesvorhaben: http://tinyurl.com/l38qzfn Gemeinsamer Appell für die Rechte von Roma-Flüchtlingen vom 30.4.14: http://tinyurl.com/n3nap9l

Zwei wichtige Hinweise:

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980 angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge und für Menschen ohne Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst Jesuit Refugee Service Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland ist ein Werk der Deutschen Provinz der Jesuiten K.d.ö.R. Dr. Dorothee Haßkamp Öffentlichkeitsarbeit Witzlebenstr. 30a, D-14057 Berlin Spendenkonto: 6000 401 020 Pax-Bank Berlin BLZ 370 601 93 Telefon (030) 3260-2590 Telefax (030) 3260-2592 E-Mail dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de Internet www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de

Christian Modehn für den Religionsphilosophischen Salon Berlin



Religion vor der Herausforderung der Vernunft. Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas

15. Juni 2014 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher, Termine

Religiöser Glaube vor der Herausforderung der Vernunft

Hinweise zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas am 18. Juni 2014

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 15. Juni 2014

Der Religionsphilosophische Salon will bekanntermaßen das persönliche Interesse fürs philosophische Fragen wecken. Philosophie ist niemals eine elitäre Veranstaltung von wenigen (arroganten) Wissenden, sondern eben Sache aller. Als Menschen (etwa: „animal rationale“) sind wir „immer schon“ philosophierend unterwegs …

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Zum 80. Geburtstag (2009) wurden schon einige Hinweise zu den Auseinandersetzungen von Jürgen Habermas mit Religionen und Glauben publiziert. Wir weisen noch einmal auf diesen Text hin. Klicken Sie zur Lektüre hier.

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Aus dem umfassenden und grundlegenden Denken des Philosophen Jürgen Habermas möchte der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ erneut nur auf einen Aspekt seiner neuen Arbeiten hinweisen, auf die Rolle, die Religionen in den postsäkularen Gesellschaften Europas spielen können sowie auf die Frage, welche Form des Umgangs mit fundamentalistischen, also demokratiefeindlichen Religionen gelten sollte. „Postsäkular“ meint ja nicht, dass die europäischen Gesellschaften jemals total säkular waren; der Begriff sagt eher, dass die von vielen (Soziologen) erwartete totale Säkularität nicht eingetreten ist. Religionen sind heute öffentlich sichtbar und auf vielfache Weise lebendig (und gefährlich).

Dabei beziehen wir uns auf einen eher kurzen Aufsatz von Jürgen Habermas mit dem Titel „Politik und Religion“. Er ist in dem – insgesamt empfehlenswerten – Buch „Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart“ erschienen, Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier haben es im C.H. Beck Verlag 2013 herausgegeben.

Wir können die Lektüre und die Diskussion dieses nur 12 Seiten umfassenden Aufsatzes/Vortrags nur empfehlen.

Ausgangspunkt für Habermas ist die Gesellschaft, die er postsäkular nennt, also eine Gesellschaft, die sich entgegen vielfacher Erwartungen nicht zu einer totalen Säkularität (oder bis hin zur umfassenden Gottlosigkeit) entwickelt, sondern in der das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften und religiösen Lebens offenkundig ist. Seit mehr als 15 Jahren bietet Habermas Interpretationshilfen, um diese postsäkulare Gesellschaft zu verstehen. Einerseits ist für ihn unbestreitbar, dass der auf Vernunftgründen gebaute, also keiner bestimmten religiösen Tradition verpflichtete Staat, den man immer noch „säkular“ nennen muss (die Gesellschaft ist aufgrund der vorhandenen religiösen Vielfalt post – säkular, nicht der Staat!), gestärkt und verteidigt werden muss. Religiösen Fundamentalismus kann der liberale Rechtstaat nicht zulassen. Er würde sich aufgeben, wenn eine bestimmte Religion ihre aus Offenbarungen entnommenen Weisungen unmittelbar ins politische und staatliche Leben übertragen würde. Das wäre das Ende eines auf Toleranz und Respekt vor den anderen Überzeugungen gegründeten liberalen Staates.

Allerdings drängt Habermas auch in dem genannten Aufsatz/Vortrag auf eine differenzierende Haltung: In einem liberalen Staat müssen alle Bürger sich öffentlich und vernünftig äußern können, eben auch religiöse Bürger. „Religionsgemeinschaften dürfen, solange sie in der Bürgergesellschaft eine vitale Rolle spielen, nicht aus der politischen Öffentlichkeit in die Privatsphäre verbannt werden“ (S. 289 in dem genannten Buch von Graf/Meier). Das heißt konkret: Zu den in Staat und Gesellschaft heftig diskutierten Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe usw. dürfen sich selbstverständlich religiöse Bürger auch mit ihrer, aus der Religion stammenden Sicht zu diesen Themen eben religiös äußern. Allerdings, und das ist für Habermas entscheidend: Wenn diese religiösen Beiträge von religiösen Bürgern auch in die „Agenden staatlicher Entscheidungsorgane Eingang finden“ (S. 290), dann müssen diese religiösen Beiträge, so Habermas wörtlich, ÜBERSETZT werden  in einen „allgemein zugänglichen (von Glaubensautoritäten unabhängigen) Diskurs“ (ebd.) Das heißt: Religiöse Inhalte, die politisch relevant werden sollten, müssen in die allgemeine Sprache aller Bürger und ihrer Gesetze übersetzt werden. Mit anderen Worten: Die esoterische Sprache der Religiösen muss ins allgemeine, vernünftige Exoterische übersetzt werden, um einmal mit den beiden Begriffen esoterisch und exoterisch zu spielen.

Jürgen Habermas betont abermals in aller Deutlichkeit: „Wenn die liberale Verfassungsordnung …Legitimität beanspruchen können soll, dann müssen sich grundsätzlich ALLE Bürger, auch die religiösen, von der Vernünftigkeit der Verfassungsprinzipien überzeugen können“ (ebd.) Das heißt: Den religiösen Bürgern wird in einer liberalen Demokratie zugemutet, dass sie die „allein auf Vernunft gestützten Grundsätze von Demokratie und Rechtsstaat jeweils auch aus ihrem Glauben heraus begründen“. (S. 291).

Jürgen Habermas ist alles andere als fromm geworden, wie manche Beobachter etwa nach dem Münchner Gespräch mit Kardinal Ratzinger behaupteten und sich freuten, dass nun ein entschiedener Vertreter der (in kirchlicher Sicht) „bösen“ Aufklärungsphilosophie den Religionen und ihren Lehren entgegen kommt. Er kommt den religiösen Menschen allerdings entgegen.  Und er wirbt sogar bei den säkularen Bürgern für ein Verstehen, dass sich die religiösen Bürger um ihre eigenen Offenbarungstraditionen kümmern und sorgen und diese Inhalte auch irgendwie staatlich geltend zu machen suchen. Aber religiöse Inhalte müssen für ihn, um staatlich wirksam zu sein, durch einen „Filter“ (S. 290), der religiöse Esoterik in allgemein nachvollziehbare vernünftige Sprachlichkeit führt.

Es gibt für Habermas keinen Zweifel, dass die Idee von Demokratie und Menschenrechten über jeden Relativismus erhaben ist (S. 292). „Nicht zufällig bedienen sich heute Dissidenten in aller Welt der Sprache von Demokratie und Menschenrechten“ (ebd.). Habermas plädiert erneut für eine „selbstbewusste Verteidigung dieser universalistischen Ansprüche“ (S. 293), auch wenn er wohl weiß, wie diese humanen Prinzipien schnell missbraucht werden können und noch heute missbraucht werden in Gestalt etwa us-amerikanischer imperialer Politik oder einer euorpäischen Entwicklungspolitik, die arme Länder eher abhängig macht als zur Eigenständigkeit führt. Dabei weiß Habermas: Es gab falsche eurozentrische Verallgemeinerungen in Gestalt „imperialistischer Eroberungen und kolonialer Greuel“ (S. 292). Erst die Säkularisierung der Staatsgewalt hat für mehr Frieden gesorgt angesichts der religiösen Gewalt der Konfessionskriege.

Aber an den Prinzipen der Menschenrechte müssen die Menschen festhalten, trotz des offensichtlichen Missbrauchs im Namen dieser Menschenrechte. Was bliebe der Menschheit, wenn man die Menschenrechte fallenlassen und „verabschieden“ würde? Wohl nur das absolute Recht des Stärkeren ohne jegliche Perspektive des Besseren, ohne jegliche Chance, die Mörder usw. zu bestrafen.

Dabei schärft Habermas immer wieder ein: Religiöse Bürger nicht nur als einzelne Bürger zu respektieren, „sondern als Teilnehmer an der gemeinsamen Praxis des öffentlichen Vernunftgebrauches von Staatsbürgern ernst zu nehmen“ (293). Vielleicht finden säkulare Bürger sogar in der religiösen Sprache „Resonanzen eigener verdrängter Intuitionen wieder“ (ebd.). Dadurch ist die Fremdheit zwischen Religiosität und Säkularität nicht so groß!

Zum Schluss empfiehlt Habermas der Philosophie, „den Faden einer dialogischen Beziehung zur Religion nicht abreißen zu lassen“ (299). Dabei führt er zwei pragmatische – politische Argumente ins Spiel: Habermas sieht eine gewisse Schwäche der Vernunftmoral; er fragt, ob sie heute (allein) in der Lage ist, für die Integration vielfältiger Kräfte in der Gesellschaft zu sorgen. Er sieht zudem eine Schwäche der aufgeklärten, philosophisch vermittelten Moral, zu solidarischem Handeln umfassend zu verpflichten. Habermas fragt zudem, durchaus pessimistisch in unserer Sicht, ob die aufklärerische Philosophie nicht einen gewissen Defätismus verbreitet und deswegen als solche kaum in der Lage ist, dem, so wörtlich,  gefährlichen Kapitalismus Widerstand zu leisten, „der die Politik entwaffnet und die Kultur einebnet“ (300).

Dieser Pessimismus, geäußert am Ende des genannten Beitrags, darf wohl nicht so verstanden werden, als sehne sich Habermas nun doch wieder nach der ethischen Macht der Kirchen und Religionen mit ihren aus den Offenbarungen stammenden Weisungen zurück, bloß weil die Kirchen möglicherweise 1000 Mutter Theresas anbieten könnten. Er will wohl nur ermuntern, die Vernunftmoral selbst stärker zu besprechen, zu hüten und zu pflegen. Kurz, die immer bedrohte Sache der Vernunft zur eigenen zu machen. Was haben wir denn sonst als Ordnungsprinzip in einer zunehmend „verrückt“ werdenden Welt?

PS: Wir empfehlen in dem genannten Buch aus dem C. H. Beck Verlag den Beitrag des Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf, der die „Einleitung“ zu den Beiträgen dieses Buches verfasste. Er plädiert für eine starke moderne liberale Theologie als Form des intellektuellen Widerstandes gegen alle Formen harter, verknöcherter, versteinerter Formen des Religiösen. „Die Bürgergesellschaft braucht argumentativ ausgetragenen Glaubensstreit“ (43). „Wer den dogmatisch Starren, Harten … nicht das religiöse Feld überlassen will, muss mit ihnen streiten, auch über Glaubensfragen“. Schließlich darf man die Deutung der  Religion nicht den antidemokratischen Kräften überlassen. (s. S 44). Die liberale, die vernünftige Religion ist der beste Gesprächspartner und Vermittler in der säkularen Kultur, von der Habermas spricht. Aber diese liberale, vernünftige christliche Gestalt der Religion hat es schwer, etwa angesichts des esoterischen, in sich geschlossenen charismatischen Glaubens. In der allgemeinen Verwirrung der Gegenwart, verursacht durch das Zerbrechen einer vernünftigen Ökonomie bei einem schwachen demokratischen Staat, wird Religion doch wieder eher als rauschhaftes Opium gesucht (und teuer angeboten, siehe die meisten Pfingstgemeinden in Lateinamerika) denn als Form vernünftigen Glaubens, der das Leben im Horizont des Ewigen vorsichtig und nachvollziehbar interpretiert und von Gott eben nicht alles weiß, wie einst und heute die Dogmatik. Sehr lesenswert ist ebenfalls der „Epilog“ des anderen Herausgebers Heinrich Meier, er arbeittet als Professor für Philosophie an der Universität München und auch in Chicago. Er erinnert u.a. daran, wie die Philosophie seit dem Mittelalter von der dominanten Theologie und Kirche „domestiziert“ und „neutralisiert“ wurde, und als „selbständige Lebensweise“ (S. 311) verloren ging. Aber das ist ein weiteres Thema, auf das der Religionsphilosophische Salon zurückkommen wird.

Zur weiteren Lektüre:  Wer noch einmal grundlegende, eher kürzere Texte zum Thema „Habermas und die Religionen im Zusammenhang der Vernunft“ lesen möchte: Die Rede von Jürgen Habermas anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001 mit dem Titel „Glauben und Wissen“ ist im Suhrkamp erschienen und kostet nur 5 Euro! Fast eine Pflichtlektüre!

In dem Buch „Über Habermas“ (hg. von Michael Funken) aus dem Primus Verlag (2008) ist ein schönes Interview mit Jürgen Habermas unter dem Titel „Ich bin alt, aber nicht fromm geworden“ (Seite 181-190) veröffentlicht. Diesen Titel sollte man im Kopf haben, wenn man an den Disput von Habermas in der Philosophischen Hochschule der Jesuiten in München (Februar 2007) denkt, der unter dem Titel „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“ erschienen ist; ebenfalls in der edition suhrkamp.  In dem Buch „Über Habermas“ versucht übrigens der evangelische Theologe (und ehem. Ratsvorsitzende der EKD) Wolfgang Huber eine gewisse Nähe von Habermas zur „evangelischen Form“ (S. 134) des Glaubens herzustellen. Huber schreibt: „Ich bin auch skeptisch, ob das Max-Weber-Zitat vom -religiös Unmusikalischen-, das Habermas in seiner Friedenspreisrede aufgegriffen hat, so umstandslos auf ihn selbst passt“ (S. 133). Habermas dürfte dieser Behauptung von Wolfgang Huber wohl widersprechen.

Copyyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Manifest für ein Europa der Bürger. Ein Gastbeitrag von Solange Wydmusch

15. Juni 2014 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Wir freuen uns, in unserem Religionsphilosophischen Salon Berlin, einmal mehr einen „Gastbeitrag“ veröffentlichen zu können. Die Französin, aber in erster Linie Europäerin Solange Wydmusch, Soziologin und Mitglied der Evangelischen Kirchenleitung Berlin-Brandenburg-Oberlausitz (EKBO),  hat anläßlich der Europawahlen 2014 und vor allem angesichts der Ergebnisse in Frankreich (mit dem erschreckenden Gewinn des rechtsextremen Front National) einen Text, ein Manifest, für ein humanes Europa pubiziert, auf Deutsch, Französisch und Englisch. Es ist ein persönliches Bekenntnis zu Europa!

Wir empfehlen das „Manifest“ zur Lektüre.

MANIFEST FÜR EIN EUROPA DER BÜRGER: EIN EUROPA DER ZUKUNFT UND NICHT DER ABSCHOTTUNG

Von Solange Wymusch, Berlin

Angesichts des Aufstiegs von Europagegnern, Europaskeptikern und Rechtsextremen beteuere ich mutig meinen Glauben an die Zukunft Europas, erfüllt von der Hoffnung, dass Gottes Reich im Werden ist.

Ich weigere mich, die demokratische Tragödie der Europawahl vom 25. Mai 2014, die Europa ins Herz getroffen hat, zu akzeptieren.

Ich weigere mich zu glauben, dass die europäischen Bürger es zulassen werden, dass der Rückzug auf eine abschottende Identität und auf falsch verstandene nationale Interessen Boden gewinnt. Ich glaube stattdessen, dass die Bürger, die dem gemeinsamen europäischen Projekt in aller Meinungsverschiedenheit verbunden sind, zusammen Widerstand leisten und dieses Projekt weiterverfolgen werden.

Ich weigere mich zu glauben, dass die Ablehnung und Missachtung der Politiker eine zunehmende Zahl von Nichtwählern hervorruft, die dadurch den Erfolg der extremen herbeiführen und dass unser Kontinent vom kalten Wind der Rückwärtsgewandtheit erfasst wird.

Ich weigere mich zu glauben, dass ein Europa, das durch einen Mangel an Transparenz, durch Unverständnis, durch Ablehnung einer bestimmten Technokratie und der politischen Parteien gekennzeichnet ist, seine Bürger geradezu unfähig macht, ihr großartiges Projekt weiter zu verfolgen: ein Projekt des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Solidarität unter den Ländern, der Freizügigkeit von Personen und Ideen, kurz für einen friedlichen, europäischen Kontinent, in dem es sich gut leben lässt.

Die Verwirrung vieler Bürger ist verständlich angesichts eines undurchschaubaren Zusammenwachsens Europas, verschiedenster Ausgrenzung, der Herausbildung eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten sowie der Angst vor falschen Vorstellungen über die Europäische Union.

Ich glaube dennoch, dass Transparenz und die ständige Betonung der europäischen Errungenschaften dazu verhelfen werden, das Feuer dieses Projektes, welches von visionären Politikern entzündet wurde, erneut zu entfachen. Und dass – nur vereint – die Europäer die Herausforderungen meistern werden, die alle mit gleicher Schärfe spüren.

Unser Glaube hilft uns, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern die Bedrückten aufzurichten und dazu beizutragen, dass Gottes Reich in unserer Welt sichtbar wird.

Ja, ich möchte bekräftigen, dass aus unserem christlichen Glauben Vorhaben entspringen und keine Verwerfung.

Ja, die Liebe, die Gott uns bezeugt, und die Gewissheit vom Sieg des Lebens über den Tod sowie das Beispiel Christi, der die Vernachlässigten in den Mittelpunkt des Evangeliums stellt, verändern unseren Blick auf unsere Nächsten. Der Ostermorgen verwandelt unser Leben: Wie die Frauen, die von Enttäuschung bedrückt waren, sind auch wir dazu berufen aufzuerstehen, uns aufzurichten und unseren Weg wieder aufzunehmen.

Gottes Geist macht nicht alle Menschen gleich. Im Gegenteil: an Pfingsten offenbart er die Verschiedenartigkeit. Da schuf Gott die Kirche; eine Gemeinschaft, in der jeder in seiner Sprache spricht und in der die Vielfalt siegt.

Protestanten, Katholiken, Anglikaner, Orthodoxe, Christen Europas: Lasst den Kopf nicht hängen! Wagen wir es, uns in die europäische Debatte einzumischen! Lasst uns wagen, die Politiker und die Beamten direkt anzugehen! Lasst uns die europäische Bürgerschaft, welche die nationalen Grenzen überwindet, voll und ganz leben und lasst uns laut und deutlich für die Würde jedes Menschen eintreten! Lasst uns ein Wort des Willkommens, nicht der Abschottung verbreiten und jeden Angriff auf die Menschenwürde zurückweisen!

Lasst uns auf diesem Kontinent gemeinsam beten für dieses besondere Friedensprojekt, für die Aufnahme von Fremden und für die Achtung der Menschenwürde!

 

Berlin, 28. Mai 2014

 

Solange Wydmusch
, Protestantin, europäische Bürgerin

(Übersetzung aus dem Französischen)

 

 

En Francais:

Manifeste pour une Europe citoyenne : une Europe de projet et non de rejet

Aujourd’hui, dans une Europe marquée par la montée des europhobes, des eurosceptiques et de l’extrême droite et dans l’espérance du royaume de Dieu en devenir, j’affirme avec audace ma foi en l’avenir de l’Europe.

Je refuse d’accepter la tragédie démocratique des élections européennes du 25 mai 2014 qui a blessé l’Europe au cœur.

Je refuse de croire que les citoyens européens accepteront que les replis identitaires et des intérêts nationaux mal compris gagnent du terrain et je crois au contraire que, unis par le projet dans la diversité de leurs opinions, ils résisteront ensemble et poursuivront leur projet.

Je refuse de croire que le rejet et le mépris de la classe politique formeront de plus en plus d’abstentionnistes qui cautionneront le vote des extrêmes en ne se déplaçant pas et qu’un vent de régression soufflera sur notre continent.

Je refuse de croire qu’une Europe marquée par un manque de transparence, par des incompréhensions, par le rejet d’une certaine technocratie et des partis politiques, rende les citoyens européens incapables de poursuivre leur formidable projet : un projet de paix, de justice sociale, de solidarité entre les nations, de libre circulation des personnes et des idées pour un continent européen pacifié qui nous offre un extraordinaire espace de vie.

Le désarroi des citoyens devant une construction européenne illisible, devant une société à exclusions multiples et la crainte fondée de voir émerger sur le continent une société à plusieurs vitesses, ainsi que la peur suscitée par des idées fausses sur l’Union européenne, sont compréhensibles.

Je crois cependant que la transparence et la mise en avant des acquis européens aideront à raviver la flamme de ce formidable projet initié par des hommes politiques visionnaires. Et qu’unis, les Européens parviendront à relever les défis qu’ils ressentent tous avec la même acuité.

Notre foi nous aide à ne pas baisser les bras, à remettre debout les accablés, à contribuer à la visibilité du royaume de Dieu dans notre monde.

Oui, je veux réaffirmer que notre foi chrétienne est source de projet et non pas de rejet.

Oui, l’amour que Dieu nous témoigne, la certitude de la victoire de la vie sur la mort, l’exemple du Christ mettant les laissés pour compte au cœur de l’Évangile, changent notre regard sur nos prochains. Le matin de Pâques transforme notre vie : comme les femmes accablées par un discours négatif, nous sommes appelés à ressusciter, à nous relever, à reprendre la route.

L’Esprit de Dieu ne nivelle pas les humains, au contraire il manifeste à Pentecôte la diversité. Dieu crée alors l’Église, une communauté où chacun s’exprime dans sa langue, où la diversité triomphe.

Protestants, catholiques, anglicans, orthodoxes, chrétiens européens : ne baissons pas les bras, osons nous engager dans le débat européen, osons interpeller les politiques et les grands fonctionnaires, vivons pleinement notre citoyenneté européenne qui transcende les frontières et affirmons haut et fort la dignité de tout humain, propageons une parole d’accueil et non pas de rejet, dénonçons toute atteinte à la dignité de l’Homme.

Prions ensemble sur tout le continent pour ce formidable projet de paix, d’accueil de l’étranger et de respect de la dignité humaine.

Solange Wydmusch
Protestante, citoyenne européenne.

Berlin, 28 Mai 2014

 

In English:

Manifesto for a Citizens’Europe: a Project Europe not a Europe of Rejection

Today, in a Europe marked by the rise of europhobes, eurosceptics, and the extreme right, and in anticipation of the coming Kingdom of God, I boldly affirm my faith in the future of Europe.

I refuse to accept the democratic tragedy of the European elections of 25 May 2014, which have pierced the heart of Europe.

I refuse to believe that the citizens of Europe will accept that isolationism and misunderstood national interests are gaining ground; on the contrary, I believe that, united in the diversity of their opinions, they will together resist and pursue their European project.

I refuse to believe that rejection and disdain of the political class will produce more and more abstainers who lend support to the extreme vote by not going to the urns, and that a wind of regression will sweep across our continent.

I refuse to believe that a Europe marked by a lack of transparency, by incomprehension, by the rejection of a certain technocracy and the political parties will make European citizens incapable of pursuing their immense project: a project of peace, of social justice, of solidarity among nations, of freedom of movement for people and ideas for a European continent at peace that offers us an extraordinary place to live.

The consternation of citizens is understandable in the face of an illegible European construction, of a society of multiple exclusion, and of well-founded fears of seeing a multi-speed society emerge on the continent, and of fears provoked by mistaken ideas about the European Union.

I nevertheless understand that transparency and focusing attention on what has been achieved in Europe will help revive the fires of this tremendous project initiated by visionary politicians. And that, united, Europeans will succeed in taking up the challenges they all feel with the same urgency.

Our faith helps us not to give up, helps us to put those in distress back on their feet, to contribute to the visibility of the Kingdom of God in our world.

Yes, I wish to affirm that our Christian faith is a source of project and not of rejection.

Yes, the love that God gives us, the certitude that life will be victorious over death, the example of Christ who put those left behind at the heart of the Gospel changes how we see our neighbours. The morning of Easter transforms our lives: like the women distressed by a negative discourse, we are called upon to resuscitate, to rally, to set out once again.

The Spirit of God does not make all human beings the same; on the contrary, at Whitsun it manifests diversity. God thus created the Church, a community where all express themselves in their own languages, where diversity triumphs.

Protestants, Catholics, Anglicans, Orthodox, European Christians: do not give up the struggle; let us engage in the European debate; let us question the politicians and the high officials; let us live to the full our European citizenship, which transcends borders; and let us affirm with a loud and strong voice the dignity of all human beings; let us proclaim a message of welcome and not of rejection; let us denounce all violation of the dignity of humanity.

Let us pray together throughout the continent for this immense project of peace, of welcome for others, and for the respect of human dignity.

Solange Wydmusch 
Protestant, European Citizen.

Berlin, 28 May 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Philosophisches Wandern… nach Chorin am 8. August 2014

11. Juni 2014 | Von | Kategorie: Der nächste Salon, Termine

Meditatives Wandern .. nach Chorin am 8. August 2014.

Der Religionsphilosophische Salon veranstaltet einmal im Jahr eine Art „Ausflug“: Diesmal hat sich Frau Dr. Angelika B. Hirsch, Autorin und Religionswissenschaftlerin, bereit erklärt, mit einer kleineren Gruppe eine meditative Wanderung im Umfeld des ehem. Klosters CHORIN mit uns zu gestalten. Dafür sind wir sehr dankbar, zumal Frau Hirsch viele Erfahrungen im meditativen Wandern hat und dazu auch etliche Publikationen vorgelegt hat.

Wir machen eine moderate, nicht beschwerliche Wanderung, mit Erfahrungen der Stille, des Vortrags, des Gesprächs, der Besichtigung im Kloster Chorin,  des gemeinsamen Essens etc.

Wir starten am Freitag, den 8. August 2014, um 9. 33 Uhr am Hauptbahnhof, fahren mit dem Zug bis ins nahegelegene Britz, wandern in aller Ruhe nach Chorin… Wir würden dann die Gruppenkarten der DB nützen.

Es kann eine intensive Erfahrung eines „anderen“ Ausflugs werden, ein Weg ins Freie, der den eigenen Geist neu öffnet für das Überraschende und „Zu-fällige“.

Wir bitten um feste Anmeldung bis zum 3. August 2014 per email mit der festen Zusage der Teilnahme, weil wir doch eine überschaubare, d.h. gesprächsfähige Gruppe bleiben wollen. Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Frau Hirsch bietet ihr Engagement an diesem Tag uns als ihr Geschenk an! Das nur nebenbei.

Bitte beachten Sie auch die website von Angelika B. Hirsch mit weiteren Vorhaben und Publikationen, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Zu Chorin:  Da gibt es eine interessante website, klicken Sie hier.

 

 

 



Fromme Millionäre, radikale Priester: Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

9. Juni 2014 | Von | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Befreiung

Fromme Millionäre, radikale Priester

Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

Von Christian Modehn

Anlässlich der Fußball WM in Brasilien interessiert sich der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ naturgemäß für Philosophien und Religionen (und für das Spielen als Spielen) in Brasilien; zur Philosophie in Brasilien heute mit einem aktuellen Hinweis auf die Befreiungsphilosophie in Brasilien und zur Philosophie des Spielens haben wir schon Hinweise und Anregungen publiziert.

Wir wundern uns, dass unseres Wissens kein Buch aktuell erschienen ist (in deutscher Sprache) zu dem überaus spannenden Thema Religionen in Brasilien. Wir haben früher auf dieser website auf die Camdomble Religion mit ihrem beachtlichen Kulturzentrum in Berlin hingewiesen (klicken Sie hier) und auf den durchaus weltbekannten Erzbischof Dom Helder Camara, Recife, (klicken Sie hier), der als der große Bischof der Armen, als Aktivist für Menschenrechte und Demokratie und selbstverständlich für eine offene römische Kirche von Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger letztlich kaltgestellt wurde; sein befreiungstheologisches – pastorales Werk in Recife wurde de facto auf Befehl der Herren in Rom vernichtet. Jetzt klagen die Bischöfe über den Vertrauensschwund, den der römisch-katholische Glaube auch in Brasilien durchmacht… Aber das nur am Rande.

Es gibt also keine aktuellen kritischen Studien über die Religionen in Brasilien. Druckerzeugnisse über Brasilien von „kirchlichen Hilfswerken“ sind naturgemäß eher Werbebroschüren…

Wer sich für Protestgruppen in Brasilien gegen das ganze Ausmaß von Verschwendung und Korruption der FIFA interessiert, gegen die sinnlose Bauwut und die Repression der Polizei usw… sollte sich mit der Protestbewegung „Comite Popular da Copa“ befassen. „Das Comite repräsentiert soziale Bewegungen, Favelabewohner, Studenten, Professoren usw.“, berichtet Pedro Costa, Rio,  in einem Interview mit Philipp Lichterbeck in „Der Tagesspiegel“ vom 10. Juni 2014, Seite 2. „Es geht uns um Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat. Alle drei wurden im Namen der WM in Brasilien schwer verletzt, unser Dossier dazu umfasst 170 Seiten“. Wer Portugieisch lesen kann, sollte diese website dieser Basisbewegung studieren:

http://www.portalpopulardacopa.org.br/

Erste kritische Hinweise zum Thema Kirchen in Brasilien bietet das sehr lesenswerte Buch „Brasilien. Ein Länderporträt“ von Jens Glüsing, das im Ch. Links Verlag 2013 erschienen ist. Wir empfehlen das Buch insgesamt.

Es bietet interessante Reportagen zum Thema, etwa in dem Kapitel „Brennende Wälder und streitbare Priester“ vor allem über den schon  weltweit bekannten katholischen Bischof Erwin Kräutler in der Stadt Altamira am Rio Xingu. Kräutler und einige Pfarrer und Nonnen sind entschiedene Verteidiger nicht nur der Rechte der indigenen Völker; sie klagen Brasiliens und die mit ihnen verbandelten europäischen und us-amerikanischen Kapitalisten an und die mit ihnen kooperierenden Regierungen Brasiliens, den Regenwald zu verschachern und damit auch ökologische Katstrophen großen Ausmaßes zu befördern.  „Holzhändler und Rinderzüchter machen sich die Abwesenheit des Staates hier zunutze. Sie teilen die Waldgebiete in Parzellen auf, fälschen Eintragungen ins Grundbuch und vertreiben die Kleinbauern dort mit Waffengewalt… Von der Regierung ist keine Hilfe zu erwarten…“ (. 112 f).  Hilfe kommt für die Armen (und für den Regenwald) von dem mutigen Priestern und Nonnen, eben auch von Bischof Kräutler, der wegen seines Engagements mehrfach Attentaten der Verbrecherbanden ausgesetzt war;  jetzt kann er sich nur noch mit Body-Guards auf die Straße wagen. Bischof Kräutler ist einer der letzten entschiedenen Bischöfe für die Befreiungstheologie. Man hat nicht den Eindruck, dass vom Papst Franziskus bis zu allen Bischöfen Brasiliens laut und vernehmlich gesagt wird: „Bischof Kräutler, wir unterstützen dich mit ganzem Herzen und mit allen politischen Konsequenzen; dein Kampf ist unser Kampf“.

Inzwischen ist der junge brasilianische Klerus weitgehend und mehr an klerikalen Aufgaben in gut betuchten Stellungen interessiert als am politischen Dienst an den Armen: „Heute achten die kirchlichen Ausbilder vor allem darauf, dass die Nachwuchspriester schön das Halleluja singen“, klagt Padre Amaro de Souza, ein Mitstreiter der ermordeten Nonne Dorothy Stang, auch sie hat die Rechte der Armen dort verteidigt. (s.S. 119). Aber lesen sie selbst in dem empfehlenswerten Buch…Die Nonne Dorothy Stang, 78 Jahre alt, wurde von Auftragskillern der Rinderzüchter umgelegt, sie hatte die vertriebenen Kleinbauern verteidigt. „Der Mörder lauerte ihr im Urwald auf, sie las ihm noch ein Gleichnis aus der Bibel vor, bevor er sie in den Hinterkopf schoss. Bischof Kräutler predigte auf ihrer Beerdigung“ (so Jens Glüsing, Seite 117).

Ein anderes Kapitel verdient genau so viel Aufmerksamkeit. Es ist überschrieben „Von Göttern, Entertainern und Wunderheilern. Brasiliens Supermarkt der Religionen“, auf den Seiten 145 bis 160.  Darin breitet Jens Glüsing das Spektrum der so genannten Pfingstkirchen aus, berichtet von jenen Pastoren, die glauben, vom heiligen Geist berufen zu sein, glanzvolle Kirchen zu bauen und den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. In einer gründlichen Recherche zeigt Glüsing, wie die Pfingstgemeinden schnell Millionen Mitglieder gewinnen, weil der Katholizismus einfach zu klerikal ist und keinen „direkten Zugang zu Gott“ bietet, „während im Katholizismus der Glaube über den Pfarrer vermittelt wird“ (S. 149).  Glüsing zeigt den Konkurrenzkampf dieser verschiedenen Pfingstkirchen auf, er nennt etwa Pastor Silas Malafaia, der ein „Imperium von 120 Gotteshäusern leitet, in einem Vorort von Rio baut er gerade eine neue Halle für 10.000 Leute“ (S. 150). „Sein Kirchenimperium leitet Malafaia von einem riesigen Neubaukomplex im Westen Rios. Es geht zu wie in einem multinationalen  Unternehmen, die Zufahrt wird von einem privaten Sicherheitsdienst kontrolliert usw…“ ( s. 151). Veranstaltet wird auch der „Marsch für Jesus“ mit einer halben Million Teilnehmern in Sao Paulo, propagiert wird dort die Heilung von der Homosexualität. Im Kongress setzen sich die frommen geldgierigen Pfingstler – Politiker gegen jegliche Abtreibung ein, sie wollen liberale Gesetze kippen… Das Fazit von Jens Glüsing: “Kirchen sind ein lukratives Geschäft“ (S. 152). Hingegen: „Zahlreiche Gangsterbosse und Auftragskiller sind zu Predigern geworden. Pfingstkirchen und Kokainmafia leben in Rios Favelas oft in Symbiose“, schreibt Jens Glüsing (S. 153).

Das Buch „Brasilien. Ein Länderporträt“ (Ch. Links Verlag Berlin) weckt das Interesse, mehr Informationen über Religionen in Brasilien zu erhalten, etwa über den dort sehr starken Spiritismus, über die stetig wachsende Zahl (junger) Menschen dort, die sich Atheisten nennen, die Basisgemeinden, den Islam dort oder den Buddhismus usw. Interessant ist, dass offenbar theologische – liberale Kirchen dort äußerst schwach vertreten sind. Sie könnten aber zeigen, dass zur Religiosität bzw. Spiritualität immer auch das kritische, auch das religionskritische Bewusstsein gehört.

Copyright: Christian Modehn Berlin, RPS.



Brasilien: Nicht nur Fußball, sondern auch Philosophie!

4. Juni 2014 | Von | Kategorie: Termine

In Brasilien startet die Fußball WM. Ein Grund mehr, sich für die vielfältigen Kulturen Brasiliens zu interessieren, für die Religionen natürlich auch.

Aber auch für die Philosophie dort. Zur Lektüre eines einführenden Beitrags (2013 verfasst, aber immer noch aktuell) klicken Sie hier.

Zur Vielfalt der Religionen, vor allem der Kirchen dort, klicken Sie hier.

Die „Philosophie der Befreiung“, zuerst wohl vorgeschlagen von Enrique Dussel, Argentinien/Mexiko, hat unseres Wissens in Brasilien bislang keine relevante Rolle gespielt. Nun findet ab 16. September 2014 in Porto Alegre die 2. Tagung über Befreiungsphilosophie für Brasilien statt. Für weitere Hinweise klicken Sie hier.

Wer sich für einige wichtige (allgemeine) Anregungen zur Philosophie und Theologie des Spiels und des Spielens interessiert, sollte das Interview mit Prof. Wilhelm Gräb lesen. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.



Brasilien heute: Kritische Bürger und die Philosophien

4. Juni 2014 | Von | Kategorie: Denkbar

Brasilien heute: Kritische Bürger und die Philosophien

Von Christian Modehn

Anläßlich der Fußball WM 2014 in Brasilien machen wir noch einmal auf ein nahezu unbekanntes Thema (in Deutschland !) aufmerksam. Es ist zweifellos wichtig,  um Brasilien und die BrasilianerInnen zu verstehen, es geht um die dort auch an der Basis lebendige Philosophie. Zur Lektüre des Beitrags klicken Sie bitte hier.



Mehr Licht, mehr Aufklärung: Zur aktuellen Diskussion in Frankreich

3. Juni 2014 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Philosophische Bücher

Lumières, Aufklärung, heißt die Antwort: Zur Diskussion über den Wahl-Erfolg des FN (Le Pen) in Frankreich

Von Christian Modehn

„Ich meine, durch die Konzeption einer auf sich selbst bezogenen und in sich verschlossenen Nation und ihres Kultes einer starken Macht, steht die Partei Front National mehr Vichy nahe als den Ideen der Demokratie, die von der Philosophie der Aufklärung begründet sind. Denn Demokratie bedeutet zuerst: Humanistische und universale Prinzipien, die die Partei FN zurückweist. Wenn die Partei FN in Frankreich die Macht ergreifen würde, dann handelte es sich um ein anderes Frankreich!“ So der (heute in Tel Aviv lebende, in Przemysl geborene) Historiker Zeev Sternhell. Er erinnert in seinem neuen Buch „Histoire et Lumières. Changer le Monde par la Raison“ („Geschichte und  Aufklärung. Die Welt verändern durch die Vernunft“), erschienen bei Albin Michel, Paris, 2014, einmal mehr an die Wurzeln rechtsradikalen Denkens in Frankreich.  Sternhell ist ein Spezialist für die Geschichte Frankreich im 20. Jahrhunderts: Er betont, dass sich das Vichy Regime nur deswegen so schnell etablieren konnte und sich dann so erfolgreich durchsetzte, weil der Geist, l ésprit, vieler Franzosen schon längst antisemitisch verdorben war, vor allem auch vieler so genannter Intellektueller. „Sie waren auch vergiftet vom Hass auf die Demokratie“, so Julie Clarini in „Le Monde“ vom 30.Mai 2014. Es gab in Frankreich immer schon einen lang dauernden Kampf gegen die Ideen der Aufklärung und der Philosophie Kants, gegen alles, was das Allgemeine des Menschen, aller Menschen betont, wie die Toleranz usw. Im Katholizismus Frankreichs denke man etwa an die immer noch starke Bewegung der Traditionalisten und die in allen größeren Städten vorhandenen Gemeinden der Piusbrüder. Sternhell meint: Diesen Kampf zugunsten der Aufklärung gelte es jetzt, angesichts der Erfolge des Front National bei den Europawahlen 2014,  neu zu beleben. Es geht um die Demokratie, so gebrechlich sie auch erscheint, so tief reformbedürftig sie auch ist…

Wir haben vor kurzem auf die äußerst einseitigen, eher pro-FN wirkenden Äußerungen des Philosophen Alain Finkielkraut hingewiesen.

Jetzt schlägt der Soziologe, Politologe und Historiker der „französischen Ideen“ Pierre-André Taguieff  in seinem neuesten Buch „ Du diable en politique. Réflexions sur l’antilepénisme ordinaire“  (Über den Tuefel in der Politik. Reflexionen über den  gewöhnlichen Anti – Lepenismus), erschienen 2014 in Paris, bei den CNRS Éditions, eine ungewöhnliche Variante vor, den FN und die Ideen der Familie Le Pen zu „bekämpfen“. Pierre André Taguieff meint, die Verteufelung dieser rechtsextremen Partei in der Öffentlichkeit, in den Medien usw., sollte endlich aufhören zugunsten einer gründlichen Auseinandersetzung. Dass die kritische Auseinandersetzung verstärkt werden muss, ist keine Frage. Aber für Taguieff soll sie die Voraussetzung haben, diese rechtsextreme Partei als eine Partei wie alle anderen, als eine normale Partei, zu verstehen, zu deuten, zu behandeln!  In einem Interview mit der (rechten) Tageszeitung „Le Figaro“ weist Taguieff auf die eher schlichte Erkenntnis hin, dass derjenige, der einen Verteufelnden (also die FN) seinerseits wieder verteufelt, also „die“  Medien, sich auf derselben Ebene wie der Verteufelnde bewegt. Aber haben denn „die“ Le Pen Kritiker die Partei FN immer nur verteufelt, diabolisiert, wie er sagt? Gab es und gibt es nicht gründliche Analysen zu all den Themen, die der FN propagiert, wie Ausländer-„Reduzierung“,  möglichst wenige Muslime in Frankreich, Ausstieg aus dem Euro, gegen die Technokraten, für die gute alte Familie, gegen die Homorechts usw. Wurde da vonseiten der Vernunft wirklich nur ihrerseits wieder „verteufelt“? Was soll überhaupt dieses Wort „verteufeln“ in einer laizistischen Gesellschaft wie in Frankreich, wo selbst die Katholiken kaum noch an den Teufel glauben? Ist es nicht ein gefährliches Spiel, den FN jetzt wie eine Partei neben vielen anderen Parteien betrachten zu wollen? „Völlig ent-diabolisiert, könnte der FN einen großen Teil seiner Attraktivität verlieren“, schreibt hoffend und erwartungsvoll der Politologe. Man stelle sich nur einmal vor, in der Öffentlichkeit würde Antisemitismus nicht mehr als Schande und Verbrechen bewertet, also in gewisser Weise diabolisiert, was wäre da gewonnen? Würden die Antisemiten sich eines besseren besinnen und dann hübsche Humanisten werden?

Uns scheint der Vorschlag des gelehrten Herrn Taguieff doch etwas zu kurz gedacht. Es klingt fast, wie Jean Birnbaum in Le Monde vom 30. Mai 2014 schreibt, als wolle Taguieff „den FN (und die Le Pen Clique) reinwaschen von der schlechten Reputation“.

Wir halten uns lieber an seriösere Studien zu dem durchaus bedrohlichen Phänomen FN und des Le Pen Clan, etwa an das Buch der Historikerin Valérie Igounet, „Le Front National de 1972 a nos jours“. Erschienen bei Seuil, im Juni 2014. Auf dieses Buch werden wir noch zurückkommen. Die Schlussfolgerung der Autorin nach einer Studie von 448 Seiten: „Die Partei Front National ist eine Partei der extremen Rechten, die niemals ihr Wesen verändert hat“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



Religion als Rauschmittel der Erfolgreichen. Zu einem Beitrag der panafrikanischen Zeitschrift „Chimurenga Chronic“

1. Juni 2014 | Von | Kategorie: Religionskritik

Nigerias geldgierige Prediger und die christliche Religion als Opium

Die Zeitschrift „Chimurenga Chronic“ aus Kapstadt bietet vieles, auch Religionskritik

Von Christian Modehn

„Chimurenga Chronic“ – den Namen werden wir uns merken müssen, wenn wir an den Kulturen Afrikas Interesse haben. Und das sollten wir, weil die meisten Europäer sicher einen enormen Nachholbedarf haben an Kenntnis und Verständnis. Afrika ist der nahe liegende Nachbar Europas; ein bis jetzt meist unbeliebter, weil unbekannter Nachbar, das muss sich ändern! Bis jetzt vertreiben wir schändlicherweise, gar nicht humanistisch und schon gar nicht christlich, diese unsere Nachbarn, siehe Mittelmeer, siehe Lampedusa usw.

„Chimurenga Chronic“ bietet monatlich ausführliche Informationen online; alle drei Monate auch als Printausgabe. Die „Chronic“ ist eine großartige Kulturzeitschrift, die seit 2010 in englischer Sprache in Kapstadt erscheint, von afrikanischen Autoren ausschließlich gestaltet. Beiträge kommen aus Kamerun, Mozambique, Benin, Nigeria usw. Ein tolles Panorama! Zur website dieser Zeitschrift klicken Sie bitte hier.

Die „Chronic“ belehrt schon beim ersten Hinblick, dass es „die“ afrikanische Kultur, „den“ afrikanischen Autor usw. selbstverständlich NICHT gibt. In Afrika gibt es, wie auch sonst und überall, alles Kulturelle nur im Plural, bezogen auf ein jeweiliges Land und eine jeweilige Kultur. Es ist der „Kulturstiftung des Bundes“ (Franckeplatz 2, 06110 Halle an der Saale) sehr zu danken, dass der Nr. 22 der  (gratis zu beziehenden!) Hauszeitschrift eine deutschsprachige Ausgabe dieser „panafrikanischen Gazette“ „Chimurenga Chronic“ beigelegt ist.

Aus der Fülle der Beiträge können wir von unseren religionsphilosophischen und damit immer auch religionskritischen Interessen nur auf einen Beitrag hinweisen: Yemisi Ogbe bietet eine gründliche und kritische Reportage über die bei uns schon etwas bekannte schrille Szene der Prediger und Kirchengründer im Umfeld von Lagos,Nigeria, die alle mit einer charismatischen und pfingstlerischen Spiritualität verbunden sind. Sie erreichen vor allem Menschen des aufstrebenden Mittelstandes in ihren riesigen Kirchengebäuden, auch viele Studenten; nur etwa 15 Prozent, so Yemisi Ogbe, seien arme Leute, „die jedes Wort als bare Münze nehmen, das der Prediger von sich gibt“. Auch die anderen glauben an das Wort der feingekleideten, „diamantbesetzte Uhren tragenden“ Predigern: Sie glauben daran, wenn ihnen Wohlstand und Luxus als Gottesgeschenk verheißen wird, wenn denn die Glaubenden selbst erst mal ordentlich spenden… für den Prediger und seine Familien. „Die (theologisch kaschierte) Wohlstandsdoktrin erweist sich für die Prediger selbst als äußerst profitable Ware“, so Yemisi Ogbe.

In der „Chronic“ von April 2014, in der deutschen Ausgabe auf Seite 11, wird nur ein Ausschnitt von dem Reichtum führender Prediger in Nigeria aufgelistet. Wir erwähnen Bischof David Oyedepo, von der Kirche Living Faith World Outreach Ministry, auch Winners Chapel genannt. Dieser Herr Bischof hat ein Vermögen von 150 Millionen US Dollar „erpredigt“. Seine Kirche, The Faith Tabernacle, bietet 50.000 Frommen Betern und damit immer auch Spendern Platz. Der „Pfingst-Bischof“ besitzt eine Universität, er hat Anwesen in London und den USA, einen Verlag, eine Druckerei, vier Privatjets usw. Das Vermögen des Predigers Chris Oyakhilome wird auf 50 Millionen US Dollar geschätzt; das des Predigers Temitope Balogun Joshua auf 15 Millionen US Dollar. Er beansprucht, schwerste Krankheiten heilen zu können. Das Vermögen des Predigers und Kirchengründers Matthew Ashimolowo wird mit 10 Millionen, das Vermögen des Predigers Chris Okotie mit 10 Millionen US Dollar angegeben. Wie gesagt, das alles in einem land, in dem Menschen vor Hunger sterben. In der letztgenannten Kirche sind besonders Mitglieder der high society aus Lagos Mitglieder, auch viele Prominente aus der äußerst aktiven „Nollywood“ Filmszene. All dies ist keine Phantasie: Andere religionssoziologische Studien haben ähnliches aus Nigeria berichtet.

Diese und weitere Fakten können hübsch detailliert nachgelesen werden auf Seite 11 der deutschen Ausgabe von „Chronic“ aus Kapstadt.

Bei der Lektüre dieses Beitrags von Yemisi Ogbe mit dem Titel „Nigerias Superstar-Gottesmänner  (mit dem englischen Obertitel „Gospel Christian Porn Rap“) wird deutlich, wie tief die Religionskritik hierzulande noch auf Europa fixiert ist; wie gering offenbar die reale Bedeutung der klassischen christlichen Kirchen (Katholiken, Lutheraner, Reformierte usw.) in manchen Teilen Afrikas ist. Und wie offenbar in Lagos und Umgebung in deutlichster Form Religion als Aufputschmittel für Erfolgreiche und als Goldquelle für die Prediger verwendet und mißbraucht wird. Vom Gott der Bibel, das sei am Rande bemerkt, ist da nicht mehr die Rede. Diese Christen nehmen es offenbar hin, dass Nigeria „zu den religiösesten Ländern der Welt“ (auch innerhalb des Islam?) gehört,so religionssiologische Studien;  gleichzeitig aber steht Nigeria an zweiter Stelle aller korrupten Staaten,  so „Transparency International“. Korruption und reicher Glaube der Sehr-Reichen sind hier also in einem „vorbildlichen“ Gemisch verbunden. Und Nigeria steht an 153. Stelle (von 186 Staaten) des Human Development Index. Das reiche „Erdöl-Land“ ist bettelarm, wenn man die Mehrheit der Bevölkerung betrachtet.

Wir meinen: Weniger fromme Scharlatane, weniger Religion in dem beschriebenen Sinne, mehr Aufklärung, mehr Bildung, mehr Gerechtigkeit und weniger verlogene Kirchen dieser Art würden den allermeisten bitterarmen Menschen in Nigeria sehr gut tun, all das wäre wichtiger. Wir sind gespannt, ob einmal über Religionskritik in Nigeria und anderen afrikanischen Ländern berichtet wird. Vielleicht auch in der guten Zeitschrift „Chronic“ aus Kapstadt.

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