Religion ohne Gott. Hinweise zu dem neuen Buch von Ronald Dworkin

Religion ohne Gott. Ein Salongespräch am 25.7.2014

Hinweise von Christian Modehn

Das neue Buch von Ronald Dworkin „Religion ohne Gott“ ist in meiner Sicht ein kulturelles Ereignis. Man darf wohl einmal etwas vollmundig werden und sagen: Es gehört zusammen mit anderen philosophischen Veröffentlichungen der letzten Jahre zu den Büchern, die eine Korrektur, eine Wende, in den Debatten über Glauben und Nichtglauben, Theismus und Atheismus, signalisieren. Darin drückt sich etwas aus, was Hegel den „objektiven Geist“ (in Staat, Gesellschaft) nannte.

Ich nenne nur das viel zitierte Buch von Herbert Schnädelbach „Religion in der modernen Welt“. Schnädelbach drückt seine persönliche Trauer und den Schmerz aus, als Ungläubiger nicht glauben zu können.

Man denke an das äußerst inspirierende und sehr lebendig geschriebene Buch von Alain de Botton „Religion für Atheisten“, der in London die sehr bemerkenswerte School of life gegründet hat . Oder an Bruno Latour und sein Buch „Jubilieren. Über religiöse Rede“ wäre zu denken. Oder das für diese Thematik sicher bahnbrechende Buch von André Comte Sponville „Woran glaubt ein Atheist?“, französisch 2006.

Zu nennen wären auch die Studien von Thomas Nagel, der auf die geistigen Verbindungen hinweist, die zwischen der objektiven Natur und dem diese Natur erkennenden Menschen bestehen. (Vgl. das Buch Geist und Kosmos 2013) Es gibt also eine Verbindung geistiger Art zwischen Objekt und Subjektwelt. Das heißt, die rein materialistischen Erklärungen haben keine Gültigkeit mehr. Dabei versteht sich Nagel keineswegs als religiöser Metaphysiker. Aber er will das banale Denken des Materialismus und Naturalismus aufbrechen.

Die genannten Autoren bezeugen meines Erachtens eine bemerkenswerte „Synchronität“, es geht um ein tieferes Verstehen der Wirklichkeit in Richtung eines Erstaunlichen, Wunderbaren, vielleicht „Heiligen“.

Wenn man diese Titel und eben auch das Buch von Ronald Dworkin „Religion ohne Gott“ auf einen gemeinsamen Nenner bringen sollte: Da wird deutlich, dass es ausdrücklich Philosophen sind, die bekennen, nicht an eine göttliche Wirklichkeit, an Gott, glauben zu können! Diese Philosophen sind also, wenn man diese schlichte Etikette will, Atheisten; aber sie sind überzeugt: Es gibt eine Haltung im Denken und im Leben, die zwar ohne die Wirklichkeit Gottes auskommt, die aber doch tief spirituell ist, also geistvoll, menschlich im tiefen Sinne des vernünftigen Wesens. Diese Bücher sind sozusagen die andere Seite gegenüber dem polemischen, atheistisch – missionarischen Kampfbuch des Biologen Richard Dawkins, Der Gotteswahn, das 2006 erschien, und millionenfach verkauft wurde, weil die Werbung in den Medien entsprechend enthusiastisch war. Dieses Buch ist unter dem Schock des geistigen Erscheinungsbildes fundamentalistischer Kirchen und wahnhafter Lehren vor allem im amerikanischen Raum entstanden, so dass Dawkins ein aktuelles Interesse bediente. Aber sein Naturalismus ist einfach zu platt, zu grob, eben falsch.

Schnell wurden die Texte des Biologen Dawkins als vulgäratheistische Zeugnisse bewertet, wie der spirituelle Atheist Joachim Kahl sagt. Oder Dawkins wurde in die Gruppe der genannten Krawallatheisten eingereiht, wie der langjährige Leiter der Humanistischen Akademie Horst Groschopp sagte.

Vielleicht noch ein Hinweis zur Person des us – amerikanischen Philosophen ronald Dworkin: Geboren 1931, gestorben 2013. Er ist weltbekannt als Rechtsphilosoph und politischer Philosoph. Als solcher wehrte er sich gegen eine positivistische Rechtsphilosophie und trat ein für eine in der Menschenwürde und den Menschenrechten begründeten Rechtsordnung. Dworkin war ein Verteidiger der Gleichheit der Menschen, er kämpfte entschieden gegen alle Formen von Zensur, er verteidigte absolut die Meinungsfreiheit, trat für die religiöse Neutralität des demokratischen, liberalen Rechtsstaates ein.

Zum Buch „Religion ohne Gott“. Dabei muss man wohl von vornherein sehen: Dworkin hat den deutlichen Willen, praktisch zu wirken, er will als Philosoph sozusagen Mauern einreißen, ideologische Trennwände aufbrechen, ein unvermitteltes Gegeneinander von gläubig und atheistisch überwinden. Er will einen gemeinsamen philosophischen und spirituellen Boden bereiten, auf dem Gläubige und Atheisten gemeinsam friedlich und konstruktiv leben können. Das Buch will praktisch etwas bewegen.

Im Jahr 2011 hat Dworkin zu dem Thema an der Universität Bern Vorträge gehalten, sie sind in dem Buch Religion ohne Gott? Versammelt. Dworkin konnte die Vorträge nicht mehr bearbeiten, er ist am 14. Februar 2013 gestorben.

Für Dworkin ist“ Religion etwas Tieferes als Gott“ (S. 11). Gott ist sozusagen eine zweitrangige Vertiefung in der allen Menschen gemeinsamen religiösen Dimension.

Das Religiöse ist eine „grundlegende und umfassende Weltsicht, dass nämlich ein inhärenter, objektiver Wert alles durchdringt; dass das Universum und seine Geschöpfe Ehrfurcht gebieten; dass das menschliche Leben einen Sinn und das Universum eine Ordnung hat“ (S.11)

Es geht Dworkin um die absolute Hochachtung von Werten oder Idealen, die den Gläubigen wie den Atheisten gemeinsam sind. Sie sind verbunden in der Wertschätzung, ein (ethisch) gutes Leben zu gestalten, und zwar für sich selbst wie auch in Verantwortung für andere. Sie wollen fundamentale menschliche Entscheidungen für humane Werte in den Mittelpunkt stellen.

Dabei ist ausdrücklich die Frage nach Gott zurückgestellt. Nicht die Frage, ob ein Gott existiert, ist nach Dworkin zentral, sondern das Leben nach einem gemeinsamen humanen Ethos. Wer so lebt, kann „Religiöses“ erleben.

Dadurch, so Dworkin, könne die ideologische Zerrissenheit heutiger Gesellschaften ein Stückweit überwunden, wenn nicht geheilt werden. Man stelle sich ja tatsächlich einmal vor, die sich heute im Irak und anderswo totschlagenden Gott-Gläubigen würden auf den Begriff Gott/Allah verzichten, sie würden sich also Gottes und Allahs nicht mehr bedienen für die Begründung ihres Mordens: Sie würden vielmehr sich selbst „nur“ als spirituelle Menschen, also bloß als Menschen betrachten: Negative Power wäre damit sicher überwunden. „Wenn es gelingen sollte, Religion und Gott auseinanderzudividieren, könnten wir jenen Scharmützeln etwas von der Hitzigkeit nehmen, indem wir zwischen wissenschaftlichen Fragen und Wertfragen (an die alle Menschen gebunden sind CM) unterscheiden“ (S. 18).

Dworkin will zeigen: Es gilt, diese Einsicht unter allen Menschen zu pflegen, dass das Leben in der Welt nicht darauf verzichten kann, das grundlegende Geheimnis des Lebens wahrzunehmen.

Es gibt Lebenserfahrungen, die niemals angemessen mit der Begrifflichkeit der Naturwissenschaften erklärt und durchleuchtet werden können.

Das Buch von Dworkin „Religion ohne Gott“ wurde auch in Deutschland mit großem Interesse aufgenommen, d.h. es wurde in den Medien oft erwähnt. Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass das Buch manchmal für Nichtphilosophen nicht gerade eine „leichte Lektüre“ ist. Explizit wird der Titel des Buches auch vor allem (nur) im ersten Kapitel des Buches behandelt. Das dritte Kapitel etwa behandelt Fragen rund um die Religionsfreiheit, dabei spürt man, dass Dworkin ursprünglich ein sehr starkes Interesse an Rechtsphilosophie hat und als solcher vor allem auch international geschätzt wird!

Es wird also die These zur Diskussion gestellt: „Religion ist etwas Tieferes als Gott“. Offenbar ist gemeint: Gott meint immer historisch gewordenen Gottesbilder, während Religion sich auf absolut geltende Werte bezieht.

Wichtiger noch ist die philosophische Kritik, dass Dworkin in seiner Konzeption die Werte in einer sehr objektivistischen Weise versteht. So, als würden die Werte aus dem Umfeld eines moralisch guten Lebens uns wie feste Bilder vor Augen stehen, also objektiv und immer „vor uns“ gegeben sein. Wir müssen diese objektiven Werte nur betrachten und ihnen dann bitte schön folgen.

Mit anderen Worten: Wir haben den Eindruck, dass Dworkin einer allzu objektivistischen (alten) Wertelehre folgt. Dabei hat er unseres Erachtens kein Gespür dafür, dass „die Werte“ spätestens seit Nietzsche auch ein Werk des schöpferischen Subjekts sind. Von Werten kann nur noch gesprochen werden, wenn man allen Nachdruck auf den Werte erlebenden Menschen, „das Subjekt“, setzt. Und auch auf die schöpferische Kraft der Menschen, Werte zu setzen. Diese können ja auch unbedingte Geltung haben, selbst wenn sie in einer bestimmten Kultur entstanden sind. Arnim Regenbogen schreibt in dem Lexikonbeitrag „Wert/Werte“ in dem dreibändigen Lexikon „Enzyklopädie Philosophie“ Band 3, Seite 2974: “Werthaftigkeit ist keine objektive Eigenschaft von Dingen, sondern muss als Beziehung bewertender Subjekte auf Gegenstände betrachtet werden. Durch eine Wertung wird ein Gegenstand menschlichen Handelns selbst zum Wert“.

Religionsphilosophisch gesehen ist es fraglich, ob ein religiöser Mensch beim Erleben des Erhabenen sozusagen aufhört, weiter zu fragen und sich etwa bloß an diese weltliche Erfahrung eines (angeblich) wunderbaren Kosmos hält und damit „begnügt“. Die Fragebewegung geht weiter, nicht in dem Sinne, dass klassisch metaphysisch nach der „ersten Ursache“ in Form eines alten Gottesbeweises gefragt wird. Aber in der Reflexion auf die Fähigkeit des menschlichen Geistes, Erhabenes und Wunderbares in dieser Welt zu erleben, wird die (vom Menschen unabwerfbare, „gegebene“) Kraft des menschlichen Geistes in neuem Licht erscheinen, als eine ständige, ruhelose Fragebewegung. Mit dieser Erfahrung und der ihr entsprechenden Aussage erlebt sich der Mensch neu, als hineingestellt in eine ständige geistige Bewegtheit ohne Ende (und unbekannter Herkunft). Dabei wird sozusagen dann „das Wesen des Menschen“ (um diesen klassischen begriff einmal zu verwenden) ganz neu gesehen. Nämlich: Der Mensch kann sich nie ganz umfassen und begrifflich durchsichtig machen. Er ist sich selbst der Unbekannte, das Geheimnis, das etwas Gegebenes ist, manche sagen eine „Gabe“. Von daher tasten sich dann einige Philosophen doch weiter zu Frage: Wie kann eine umfassende Anwesenheit eines unabwerfbar „Gebenden“ in der Gabe (also dem Menschen!) gedacht werden?

Mit anderen Worten: Die Thesen von Dworkin sind insofern inspirierend, als sie auf ein dringendes Thema aufmerksam machen und so im Denken über seinen Text hinausführen – in eine größere Weite. Es gibt dann ein Denken, in dem Gott in der Schwebe sozusagen bleibt, zwischen personal und a-personal gedacht. Eine Überzeugung, für die der protestantische Theologe Paul Tillich eingetreten ist, auf ihn weist Dworkin ausdrücklich hin (Seite 41). „Vielleicht sollte man davon ausgehen, dass Tillich beides war, ein religiöser Theist und ein religiöser Atheist, der glaubte, dass die ´numinose` Beschaffenheit der religiösen Erfahrung den Unterschied zwischen beiden (Theisten und Atheisten) zum Verschwinden bringt“: (ebd.). Diese Einschätzung wird von Dworkin leider nicht weiter vertieft. Daran aber sollte man weiter „arbeiten“.

Deutlich ist jedenfalls: Wir stehen in einem tief greifenden religiösen Wandel, der theologisch und religionsphilosophisch von aufmerksamen Denkern Ausdruck findet.

Zu diskutieren wäre etwa das häufige und immer wieder kehrende Eingeständnis von Literaten, Künstlern und Philosophen, sie könnten nicht glauben. Das wird oft mit dem Ton des Bedauerns gesagt. Etwa auch von Herbert Schnädelbach, er könne sich vorstellen, was Glauben wäre, aber er kann nicht glauben (In: Religion in der modernen Welt, S. 85). Auch von dem spirituell sehr sensiblen, christlich interessierten Dichter Antoine de Saint Exupéry (am 31. Juli 1944 als Pilot im 2. Weltkrieg abgestürzt) wird berichtet: Er habe in einem Brief ein Jahr vor seinem Tod geschrieben: „Hätte ich den Glauben, stünde es fest, dass ich, sobald dieser Job (des Fliegers) vorüber ist, nur noch das Kloster Solesmes (und die dortigen gregorianischen Gesänge) ertragen könnte. …Man kann nicht mehr leben ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe“ .

Die Frage ist also: Ist die Sehnsucht nach dem Glauben, die Suche nach ihm, das Auslangen nach ihm, das Verzweifeln an ihm, kurz: das Leiden darunter, nicht glauben zu können, nicht bereits die entscheidende Form des Glaubens? Ist denn der „eigentliche Glaube“ die totale Sicherheit, das Eingeschlossensein in eine fixe Glaubenswelt? Wer solcher Defionition folgt, entspricht der Lehre der Herren der Kirche, die bestimmen und verfügen wollen und eigenmächtig definieren, was glauben ist und was nicht. Die Definition wird hingegen von allen, auch den Suchenden, Fragenden, usw. festgelegt.

Also: Glauben ist immer nur als Sehnsucht (nach Erfüllung, Frieden, dem Göttlichen) möglich, selbst, dann wenn man meint zu glauben, “hat” man doch Gott oder den Glauben niemals. Sind dann also diese Suchenden und Fragen nicht bereits wesentlich Glaubende? Und wenn man es theologisch will: Sind diese Menschen, die nicht glauben können, nicht bereits schon Teilnehmer der Gemeinde, auch wenn sie das selbst nicht so sehen oder auch gar nicht wünschen. Aber aus dem theologischen „Innenblick“ sind sie Glaubende.

Wenn sich das jene eingestehen würden, die meinen, „sicher“ und „zweifelsfrei“ zu glauben, wäre die Teilname all der anderen, der Fragenden, Zweifelnden usw. eine große „Bereicherung“ für das Miteinander derer, die nach dem Sinn des Lebens suchen, also versuchen, Gemeinde zu sein. Wir brauchen also eine philosophische Debatte darüber, was Nicht-Glauben (Können) eigentlich bedeutet!

Ronald Dworkin, Religion ohne Gott. Suhrkamp, 2014, 146 Seiten, 19.95€.

 

 

 

 

Das Göttliche, in allen und allem. Zur Gegenwart der Mystik. 3 Fragen an Wilhelm Gräb

Das Göttliche, in allen und allem
Zur Gegenwart der Mystik

3 Fragen an Wilhelm Gräb im Juli 2014, die Fragen stellte Christian Modehn

1.
Wer von den Veränderungen des religiösen Bewusstseins im heutigen Europa spricht, wird auch – für viele neu – erleben, dass die Mystik wichtige Anregungen bietet für eine Neuorientierung. Unter dem Titel Mystik sind unterschiedliche Texte versammelt; berühmt und (trotz aller Verdächtigungen durch die römische Kirche) immer noch weltweit geschätzt ist der Dominikanermönch Meister Eckart (1260 – 1318). In seinem umfangreichen Werk läuft alles auf die Einsicht hinaus: Jeder Mensch ist mit Gott verbunden. Sogar, wie Eckart radikal formuliert, jeder Mensch ist in gewisser Hinsicht Teil des Göttlichen.
Hat diese Erkenntnis Eckarts auch heute aktuelle Bedeutung für eine neue liberale Theologie und für Menschen, die sich von ihr inspirieren lassen?

Meister Eckhardt bewegte sich zwar in ganz anderen philosophisch-theologischen Denkzusammenhängen als sie der modernen, historisch- und erkenntniskritischen liberalen Theologie eigen sind. Schon Ernst Troeltsch freilich, der Meisterdenker der liberalen Theologie um 1900, hat auf die Nähe der Mystik zu einem modernen, undogmatischen Christentum hingewiesen. Was uns Heutige an der Mystik eines Meister Eckhardt fasziniert, ist in der Tat die Entgrenzung der personalen Gottesvorstellung in die universale Weite der Wirklichkeit des Göttlichen.

Die personale Gottesvorstellung verlangt den Glauben an einen Gott, der ins Weltgeschehen eingreift, anstelle von uns Menschen handelt – und das über unser menschliches Vermögen hinaus. Dieser Gott dient zur Entlastung des Menschen. Er handelt ohne dass wir Menschen handeln, vor allem dann und dort, wo wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind. Der Gott der Mystik hingegen ist über solche Personalisierungen, Verendlichungen und Vergegenständlichungen Gottes hinaus.

Der Gott der Mystik ist die Gottheit bzw. das Göttliche. Die Gottheit bzw. das Göttliche sitzt nicht droben im Himmel. Das Göttliche ist vielmehr die schöpferische Kraft, die uns Menschen die Wirklichkeit erkennen und zielorientiert gestalten lässt. Der Mensch hat das Göttliche bzw. die Gottheit nicht als das andere seiner selbst außer sich. Der Mensch steht der Gottheit auch nicht gegenüber, sondern er hat an ihr teil. Das Göttliche gehört zum Menschen. Es ist die Dimension der Tiefe im Sein des Menschen, dessen wahres Wesen.

Wahre Selbsterkenntnis führt zur Gotteserkenntnis und umgekehrt. Was dem Menschen fehlt, um zur Lebenserfüllung zu finden, ist nichts anders als die Besinnung auf sich selbst und den Ermöglichungsgrund seiner Freiheit. Der Wirklichkeit Gottes begegnet der Mystiker auf dem Grund der eigenen Seele. Er erkennt in ihr den grundlosen Grund seines Grundvertrauens.

Das Göttliche ist im Unterschied zu dem Gott, der droben im Himmel ist, kein Gegenstand des Glaubens. Das Göttliche ist nicht einigen Menschen, den Gläubigen, zugänglich, während es den anderen, den Ungläubigen, prinzipiell verschlossen bliebe. Das Göttliche ist vielmehr dasjenige in uns Menschen, was uns überhaupt fähig macht, der Wirklichkeit wirksam zu begegnen. Als von Gott erfüllte Wesen können wir ganz bei den Dingen dieser Welt sein und in Liebe einander zugewandt. Was jetzt „Glaube“ heißt, ist das Vertrauen in den göttlichen Seins- und Sinngrund allen Lebens. Wer religiös ist, investiert bewusst sein Vertrauen in diesen göttlichen Grund seines Lebensmutes, seiner Daseinszuversicht und seiner Liebesfähigkeit.

Das ist das Moderne an der Grundeinsicht in die Teilhabe der Menschen am göttlichen Lebensprinzip. Sie ermutigt uns dazu, statt von Gott vom Göttlichen zu reden und dieses in der Tiefe einer jeden Menschenseele zu finden. Wer im Menschen, in sich selbst und in anderen den göttlichen Grund alles Seins wie alles Sinns erkennt, der achtet den Wert des Lebens und liebt die Menschen.

2.
Wenn Nähe und Vertrautheit des Menschen mit Gott bzw. dem Göttlichen (Eckart spricht von „Gottheit“) erfahrungsmäßig gegeben sind: Könnte man darin auch den Kern des Glaubens erkennen, also das so viel besprochene „Wesen des Christentums“?

Das Göttliche im Menschen zu erkennen, wird Eckardt vom Gedanken der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus her möglich. Das christologische Dogma hat er so verstanden, dass es die christliche Sicht auf den Menschen nicht nur ausdrückt, sondern auch wirksam einer jeden Gegenwart mitteilt. Eckardt verstand die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gerade nicht exklusiv. Was die Bibel von Jesus Christus sagt, gilt von jedem Menschen. Jeder Mensch ist eins mit Gott, so er nur des göttlichen Grundes seiner Menschlichkeit sich bewusst wird.

Das ist zugleich das am Christentum religiös Wesentliche. Das Christentum hat diesen Blick auf den Menschen, der jedes Individuum in seiner Unverfügbarkeit und Unantastbarkeit sehen lässt, in die Menschengeschichte eingeführt. Die Mystiker praktizieren diese Grundeinsicht des Christentums, die aus dem Gedanken der Menschwerdung Gottes hervorgeht. In der Aufklärung gelangt sie dann mit der Erklärung der unverletzlichen Menschenwürde und den daraus abgeleiteten unverlierbaren Menschenrechten zur Durchsetzung in Gestalt einer universalen Ethik des Humanen. Was es noch braucht und wofür eine heutige liberale Theologie eintritt, das ist die Überführung der Ethik des Humanen in die politische Wirklichkeit. Deshalb auch die Nähe von liberaler Theologie und Befreiungstheologie.

3.
Eckart, der Mystiker, lobt in seiner Predigt über Maria und Martha, also über die fromm – zuhörende und die tätige – hilfsbereite Frau, ausdrücklich die Aktive, also Martha. Eckart sieht in Martha das wichtige Vorbild. Sollten wir dieser Spur folgend auch umdenken und nicht länger Mystik mit frommer Betrachtung verwechseln? Warum ist also der wahre Mystiker – im Sinne Eckarts – der tätige, der engagierte Mensch?

Das war genau der Grund, weshalb Dorothee Sölle, diese große Kämpferin für eine politische Theologie der Befreiung, sich zugleich zur Mystik hingezogen fand. Sie hat immer das Ineinander von Kontemplation und Aktion betont. Die Kontemplation führt in die gesteigerte Bewusstheit für die göttlichen Kraftquellen des Lebens. Sie macht dankbar für das wunderbare Geschenk des Lebens. Sie weckt die Liebe zu allen Geschöpfen. Sie gibt niemanden verloren. Denn sie nährt den Glauben, dass der göttliche Grund allen Seins und allen Sinns wirksam ist in allen und allem.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Pfarrer begleiten Patienten in der Euthanasie in Holland

Abschied nach dem Vaterunser
Kirchliche Begleitung für Menschen, die aktive Sterbehilfe wünschen
Ein Bericht aus Holland
Von Christian Modehn

Der folgende Beitrag erschien am 23. 3. 2001 in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM. Einige LeserInnen wollen diesen Text jetzt noch einmal lesen und diskutieren, offenbar angestoßen durch die mutigen und richtigen Beiträge des Ratsvorsitzenden der EKD Nikolaus Schneider Mitte Juli 2014 zum Thema aktive Sterbehilfe.

Wir weisen darauf hin, dass dieser folgende Beitrag zwar im Jahr 2001 erschienen ist, aber als Dokument von Interesse bleibt, weil deutlich ist: Es gibt durchaus Christen, Theologen und Pfarrer in Holland, die bereit sind, Menschen zu begleiten, die dort um die gesetzlich erlaubte Euthanasie bitten. Wir haben auf dieser website auch auf das entsprechende Plädoyer des hoch angesehenen Bestatters Fritz Roth, Bergisch Gladbach, hingewiesen. Wir haben auf dieser Website auch an unseren Freund, Herman Verbeek (Groningen NL) erinnert, der als katholischer Priester, Theologe, Poet und Politiker der Partei „Grün-Links“ durch die Hilfe der Euthanasie im Jahr 2013 sterben konnte. In ihrem Buch “Vrije Rituelen” (Freie Rituale), Meinema Verlag 2007, hat eine Theologin der Remonstranten Kirche in Holland, Christiane Berkvens-Stevelinck, ein eigenes Kapitel verfasst zum Thema Rituale angesichts von Euthanasie. Das Buch wurde nicht ins Deutsche übersetzt.

Der folgende Text aus Publik Forum wurde in kürzerer Fassung auch als Radiobeitrag für den Saarländischen Rundfunk gesendet (Red. Norbert Sommer). Für diese Sendung erhielt der Autor einen Preis der DGHS (Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben), Augsburg. Hätten die Herren der Kirche in Deutschland diesen Beitrag wenigstens gelesen, hätten sie sich bei den mutigen Pfarren in Holland bedankt und hätten einige Scheuklappen beiseite legen müssen. Ob sie das jetzt, im Juli 2014, tun, ist fraglich, aber in unserer Sicht wünschenswert.

Hier also der Beitrag aus PUBLIK FORUM, 2001:

Pieter B. wollte nicht qualvoll sterben und bat um den milden Tod. Beobachtungen in Holland

In den Niederlanden ist Euthanasie, die aktive Sterbehilfe, gesetzlich jetzt (2001) erlaubt. Unter genau beschriebenen Bedingungen können Ärzte auf ausdrücklichen Wunsch von schwer kranken Patienten das aussichtslose Leiden beenden. Damit geht die etwa 15 Jahre dauernde Phase der »Duldung« des »Todes auf Verlangen« zu Ende. Für deutsche Verhältnisse ein ungewöhnliches Ereignis! Hier findet in den Grauzonen medizinischen Handelns, verschleiert und unter anderem Titel, so etwas wie aktive Sterbehilfe statt, wobei der Patient jedoch nicht aktiver Mitgestalter dieses Prozesses ist wie nun in Holland. In Deutschland ist die Diskussion über das Thema Euthanasie auf Grund der Nazizeit besonders belastet. Dabei haben die Nazis hilflose Menschen getötet, die niemals den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert hätten. Dass nun in Holland Euthanasie gesetzlich erlaubt wurde, bezeichnen deutsche Beobachter als einen »gefährlichen ethischen Dammbruch«. Doch die meisten niederländischen Pfarrer aller Konfessionen sind bereit, Patienten auch im Fall von Euthanasie seelsorgerlich zu begleiten. Pfarrer Hans Günther aus Amsterdam: „Ich habe erlebt, wie dieser Mensch gelitten hat. Das war nicht mehr zum Ansehen. Der hatte einen Krebs, wo ihm vom Ohr bis in den Hals und die Speiseröhre und die Organe daneben alles unter großen Schmerzen wegfaulte. Der arme Mann konnte kaum noch reden und essen sowieso nicht. Das war so etwas Entsetzliches, sagen wir ruhig, so ein „viehisches Leiden“, menschenunwürdig, dass ich bei meinem Besuch dachte: Wenn ich das bloß verhindern könnte, wenn ich diesem Elend ein Ende machen könnte, dann würde ich das unmittelbar tun; am besten wäre es, den Menschen zu heilen, aber das war aussichtslos.«
Hans Günther berichtet von einem Krankenbesuch. Er ist lutherischer Pfarrer in der Rivierenbuurt von Amsterdam, einem bürgerlichen Wohnviertel im Südosten der niederländischen Hauptstadt. Ihm liegt an einer zeitgemäßen Theologie: Für die Predigt am Sonntagmorgen wendet er etliche Stunden auf. Darum ist ihm auch das Bibelgespräch so wichtig. Zusammen mit den Gemeindemitgliedern möchte er die uralte Botschaft des Glaubens für die heutige Zeit neu buchstabieren. Viele Stunden verbringt er damit, ältere oder kranke Gemeindemitglieder zu Hause zu besuchen. Vor einigen Monaten hatte ihn Anne B. angerufen: »Kommen Sie doch mal wieder zu meinem schwer kranken Mann«, hatte sie am Telefon gesagt. Da saß er nun am Bett des Sterbenskranken. Die Frau berichtete ihm: »Für meinen Mann gibt es überhaupt keine Aussicht auf Heilung: Das haben uns zahlreiche Ärzte vor Wochen schon gesagt. Und sie mussten uns auch die schreckliche Wahrheit mitteilen, dass die großen Schmerzen noch stärker werden. Am schlimmsten war es, als der Hausarzt sagte: Eines Tages werde der Tod durch qualvolles Ersticken eintreten.« Nach ausführlichen Beratungen hatte sich Pieter B. entschieden, um Euthanasie zu bitten. Schon einige Jahre zuvor hatte er eine Patientenverfügung unterschrieben: Dort bekundete er seinen Willen, unter keinen Umständen einem langsamen, qualvollen Sterben ausgeliefert zu werden. Über diese Zusammenhänge war Pfarrer Günther längst informiert: Bei seinem Besuch erfuhr er nun, dass der Termin bereits feststand, an dem die Medizin, das tödliche Euthanaticum, verabreicht werden sollte. Pieter B. hatte noch den dringenden Wunsch, die letzten Tage vor dem selbst gewählten Ende mit geistlichem Beistand zu verbringen: »Über einen Zeitraum von drei Wochen bin ich ziemlich oft dort gewesen. Und das Gespräch verlief so, dass ich versucht habe, deutlich zu machen: Was ihr tut, wenn ihr den Arzt um Euthanasie fragt, bedeutet nicht das Beenden des Lebens. Euer Arzt wird nicht zum Mörder. Sondern ihr nehmt die Möglichkeit wahr, um das Ende des Lebens, das deutlich ist, das logisch und absehbar ist, nicht zu einer menschenunwürdigen Qual werden zu lassen. Also das Ziel des Euthanasieprozesses, wenn man das so sagen will, ist nicht das Töten eines Menschen in dieser Situation! Sondern Sie gebrauchen die Möglichkeiten, die die Medizin uns bietet, um doch ein menschenwürdiges Sterben und einen menschlichen Abschied zu erreichen.«
Der Tag des Sterbens rückte näher. In einer Klinik sollte die Spritze gegeben werden: Die Eheleute hatten sich darauf verständigt, dass sie diesen Termin den »Tag der Operation« nannten: Während der Mann sehnsüchtig auf diesen Moment wartete, hatte die Frau doch viel Mühe, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: »Mein Mann wird in meinen Armen sterben; seine Qual wird auf eigenen Wunsch ein Ende haben.« In dieser spannungsreichen Situation von Erwartung und Angst besuchte Pfarrer Günther das Ehepaar ein paar Stunden vor dem endgültigen Abschied: »Ich war an dem Tag zuvor bei ihm. Und wir haben ein Gebet gesprochen. Das hat Pieter B. noch hören können, er war bei vollem Bewusstsein, reden konnte er nicht mehr. Ich sprach ein Gebet, was ich frei formuliert habe. Ich habe dann auch Gebetsformeln gebraucht, die der Frau bekannt waren; das Vaterunser haben wir miteinander gebetet, und danach, ja, da haben wir uns endgültig verabschiedet.«
Ein paar Stunden später wurde Pieter B. ins Krankenhaus gebracht: Nur seine Frau sollte dabei sein, wenn der Arzt zuerst das Schlafmittel, und dann, nach zehn Minuten, das Euthanaticum spritzt. Sanft und friedlich ist Pieter B. entschlafen. »Ein milder Tod«, sagte die Frau nachher, nicht ohne Erleichterung. Pfarrer Günther kümmerte sich um die Witwe in ihrer Trauer: »Ich bin ein paar Tage später wieder dort gewesen, und auch ein paar Wochen noch ab und zu vorbeigegangen bei der Frau. Ich habe den Eindruck, dass sie es ganz gut verkraftet hat; dass sie den Frieden damit hatte, würde ich mal sagen.«
Pfarrer Günther verteidigt nicht pauschal die Euthanasie; er meint, niemals dürfte der sanfte Tod als die beste Methode angepriesen werden. Euthanasie ist etwas für »Ausnahmefälle«. Der Amsterdamer Seelsorger ist aber auch überzeugt: Die palliative Therapie, die umfassend von Schmerzen befreit, sollte noch viel mehr praktiziert werden. Denn viele Patienten leben wieder auf, wenn sie trotz schwerer Krebserkrankung schmerzfrei auf den Tod warten können. Aber längst nicht in allen Fällen hilft die palliative Therapie. Und das ist eine entscheidende Erkenntnis, die oft unterschlagen wird: Für Pieter B. zum Beispiel war Euthanasie der einzige Ausweg, den grässlichsten Leiden, dem Verfaulen bei lebendigem Leib, zu entkommen. Darum verteidigt Pfarrer Günther die Euthanasie, so wie sie in Holland möglich und erlaubt ist: »Ich finde, sie ist ein Vorteil, auch für die Frau, die ihren Mann verliert. Wo es natürlich eine Rolle spielt, auf welche Weise sie ihn verliert. Sagen wir mal: Wenn er schreiend sterbend in seinem Bett zu Hause umkommt. Oder ob sie ihn im Krankenhaus einschlafen sieht und seine Hand dabei halten kann, und das geschieht in Ruhe. Das ist ganz wichtig für die Zukunft dieser Frau. Das, finde ich, ist ein Fortschritt. Aber ja!«
Bisher war der »milde Tod« nur »gedoogt«, wie man in Holland so gern sagt, »er wurde nur geduldet«. Ärzte, die auf dringenden Wunsch ihrer Patienten die Euthanasie anwendeten und dies den Behörden meldeten, wurden strafrechtlich nicht verfolgt. In einigen seltenen Fällen mussten sich die Gerichte mit der Frage befassen, ob tatsächlich alle strengen Vorschriften beachtet wurden. Aber noch nie ist ein Arzt sozusagen »wegen Tötung« verurteilt worden! (Stand 2001, CM) Jetzt ist aus der Duldung eine gesetzlich klar umschriebene Möglichkeit geworden. Mit überwältigender Mehrheit hat das Parlament in Den Haag für die gesetzliche Regelung der Euthanasie gestimmt, und manche Beobachter in Deutschland und anderswo meinen, dass diese Politiker allesamt dem Morden Tür und Tor öffneten. Doch sie wollten den Tod möglichst aus den »Grauzonen« medizinischen Handelns herausholen und dem Patienten selbst das letzte Wort über sein Schicksal zugestehen. Die wichtigste Vorschrift der neuen Gesetze heißt: Einzig und allein der Patient darf die Bitte um Euthanasie äußern; also Verwandte oder Freunde des Betreffenden haben in diesem Fall nichts zu bestimmen. Mehrfach und über einen längeren Zeitraum muss der Euthanasie-Wunsch besprochen werden, alle anderen Möglichkeiten ärztlichen Handelns müssen erwogen werden. Schließlich beraten mehrere Ärzte über jeden einzelnen Fall. Wie bei jeder gesetzlichen Regelung gibt es auch die Möglichkeit des Missbrauchs. Aber die meisten Holländer sehen in der gesetzlich erlaubten Euthanasie eher einen Vorteil für die Patienten als einen Nachteil. Die zum Tode führenden Euthanatica verabreichen meist die Hausärzte; Euthanasie ist sozusagen der Tod in einem stillen, privaten Rahmen. Viele Beobachter sehen auch darin durchaus eine positive Entwicklung: Das bewusst gesetzte Ende kann im Alltag erlebt werden kann. »Manchmal haben diese Abschiede zugleich eine stoische Ruhe und eine gläubige Geborgenheit«, so ist immer wieder zu hören. Aber auch in den Kliniken ist Euthanasie schon fast eine gewisse Alltäglichkeit geworden“, sagt Rob Mascini, er ist katholischer Klinikpastor in Haarlem: Ihn rufen vor allem Patienten, die noch mit der katholischen Kirche verbunden sind. Und auch sie wünschen immer wieder »den milden Tod«. »Die meisten Patienten haben Gott befragt. Und das sagen sie dann auch mir: Ich kann nicht glauben, dass der liebe Gott mir diese Schmerzen gibt. Und er möchte nicht, dass ich so leide. Und er ruft mich schon so lange, sagt man meistens. Aber die Menschen wollen nicht, dass ich in den Himmel gehe. Die Menschen, die Ärzte, halten mich hier fest. Warum muss ich noch bleiben, wenn Gott mich ruft? Ich will freiwillig aus dem Leiden heraustreten.« Niederländische Katholiken haben keine Schwierigkeit, ihre Bitte um Euthanasie mit dem eigenen Glauben zu verbinden. Deswegen hat Pastor Mascini auch keine Vorbehalte, diesen Patienten in der letzten Stunde beizustehen: »Wenn ein Mensch zu einer solchen Entscheidung kommt in einer Lage, die so schmerzvoll ist, dann muss ich als Seelsorger bei diesem Menschen bleiben und Respekt haben, Ehrfurcht haben vor der Überzeugung, dass es gut ist, Euthanasie anzuwenden. Dann bitten die Patienten um die heilige Kommunion, oder sie fragen nach der Krankensalbung. Oder sie bitten um ein Gebet oder einen Segen. Dann denke ich: Wer bin ich, um diesen Menschen das Gebet zu enthalten und den Segen von Gott zu enthalten in solch einer entscheidenden Angelegenheit?«
Pastor Mascini und die meisten holländischen Klinikseelsorger orientieren ihre Hilfe und Begleitung am konkreten Bedürfnis der Patienten. Der leidende Mensch steht im Mittelpunkt, nicht ein theologisches Prinzip oder eine kirchenrechtliche Vorschrift. Auch der katholische Krankenhauspastor André Zandbelt in Haarlem wird immer wieder gerufen, wenn Patienten auf die Euthanasie warten: »Wenn Euthanasie beispielsweise mittags stattfinden soll, dann gehe ich schon morgens zum Gespräch mit dem Patienten; ich rede auch mit dessen Angehörigen. Wenn der Patient gläubig ist, bete ich auch mit ihm und feiere kleine Rituale, damit er sich gut Gott anheim geben kann. Aber wenn dann mittags wirklich das Euthanaticum gespritzt wird, dann bin ich zwar dabei, aber dann tue ich von meiner Seite aus nichts mehr.« Manchmal können Klinikpfarrer noch in den letzten Minuten den Menschen nahe sein, die auf die Euthanasie warten. Pastor Mascini erinnert sich: »Da gab es eine Frau, sie war in der Vergangenheit katholisch, aber sie ging nicht mehr zur Kirche und wollte auch nichts mehr mit Gott zu tun haben. Und doch habe ich sie immer wieder auf ihren eigenen Wunsch hin besucht. Einmal komme ich ins Zimmer und frage sie: „Wie geht’s“ Da sagt sie: „Sehr gut, um drei wird es passieren.“ „Was wird passieren“. Ja, dann gehe ich weg. Dann sagte ich: Euthanasie „Ja“. Dann bin ich weg. „Kann ich noch etwas für sie tun, habe ich nach einer Weile gefragt. „Nein, war die Antwort. Sie können nichts mehr für mich tun. „Kann ich um Drei zur Kapelle gehen und eine Kerze anzünden und beten?“ Und da fängt die Frau schrecklich an zu weinen, in diesem Moment kommen alle Emotionen hoch. Und ich konnte dieser Frau noch ein bisschen helfen, in ihren letzten Stunden auch diese Seite von ihrer Emotion zu bearbeiten.«
Die offizielle katholische Glaubenslehre verurteilt Euthanasie aufs Schärfste. Im »Katechismus der Katholischen Kirche« wird Euthanasie als »unannehmbar« bezeichnet. Von prinzipieller Strenge sind auch die Dokumente der niederländischen Bischofskonferenz; sie hat mehrfach in öffentlichen Erklärungen betont: „Euthanasie kann niemals geduldet werden. Sie widerspricht dem grundlegenden Schutz des Lebens. Es kommt zu einem Bruch in unserer Kultur, wenn Euthanasie sogar noch legalisiert wird.“ Diese Position sei ethisch rigoros, aus der Distanz formuliert, zu prinzipiell und zu allgemein, sie sei sozusagen am grünen Tisch geschrieben, sagen die meisten niederländischen Christen, die für Euthanasie Verständnis haben: Sie wollen ja in keiner Weise den Suizid fördern; sie wollen einzig und allein unerträgliches Leiden beenden helfen. Laut Umfrage bejahen 70 Prozent der Katholiken die Möglichkeit, Euthanasie in Ausnahmefällen anzuwenden. Bei den Protestanten findet Euthanasie eine ähnlich hohe Zustimmung. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern denken die Pfarrer Hollands genauso wie die Laien in den Gemeinden: So auch Pastor Mascini: »Nichts ist heiliger in unserer Kirche als unser eigenes Gewissen. Natürlich müssen wir unser Gewissen auch orientieren an dem, was uns vorgegeben wird. Aber wenn ein Mensch vor dem Angesicht von Gott zur Entscheidung kommt, Euthanasie sei gut für ihn, dann müssen wir das respektieren und diesem Menschen nicht unser Gebet und unseren Segen enthalten!« Über die Erfahrungen mit der Euthanasie wird in den Kirchen Hollands immer wieder öffentlich diskutiert: In Utrecht zum Beispiel wurde anlässlich des »Forums für Kirchenreform« von der kritischen »8. Mai-Bewegung« eine Großveranstaltung über Euthanasie und Seelsorge angeboten. Jetzt hat die 8. Mai-Bewegung sogar ein eigenes Papier zur Euthanasie publiziert: »In Notfällen sinnvoll und möglich«, ist der Grundton dieses Textes. Auch in den Pfarrgemeinden ist die freie Entscheidung für den eigenen Tod ein Thema der Bildungsveranstaltungen. In einigen protestantischen Kirchenkreisen gibt es Pfarrer, die sozusagen als Spezialisten für Euthanasie gelten und sogar eigene Abschiedsriten entwickeln, wie der Amsterdamer Pfarrer Wim van der Sluis. Immer ist in Holland Euthanasie mit dem Begriff »freiwillig« verbunden.
Sozusagen als Lobbyisten in dieser Sache arbeitet in Holland nun schon seit 17 Jahren der »Verein für freiwillige Euthanasie« mit dem Kürzel NVVE. Der Verein vermittelt allerdings nicht Ärzte, die zur Euthanasie bereit sind, und auch der Versand von »Sterbepillen« ist ausgeschlossen. Er versteht sich lediglich als Informationszentrum über alle Fragen von Sterben und Tod. Der NVVE verschickt auch die so genannten Lebenstestamente: Dort können Menschen bei klarem Verstand, sozusagen noch jung an Jahren und bei guter Gesundheit, festlegen, welche medizinischen Eingriffe sie noch im Falle von schwerster Erkrankung wünschen. Die Mitgliederzahlen steigen, momentan gehören 100 000 Niederländer dazu, nichtreligiöse Menschen wie auch Kirchenmitglieder. Auch Anhänger der Christlich Demokratischen Partei (CDA) sind dabei.
Die Autonomie – die Selbstbestimmung – der Patienten steht im Mittelpunkt der »Philosophie des NVVE«: Menschen, die ihr ganzes Leben in eigener Freiheit und Verantwortlichkeit gestaltet haben, wollen nicht die letzten Tage und Wochen ihres Lebens dem Reglement der Ärzte (und der Power von Maschinen) überlassen bleiben. Pastor Zandbelt kann sich als Holländer mit dem Prinzip der Autonomie, diesem grundlegenden philosophischen Ideal der Patienten, durchaus anfreunden. Im praktischen Alltag spielen für ihn noch andere Motive eine Rolle: »Ich kann mich an meine Erfahrungen in der Klinik gut erinnern, dass Euthanasie wie eine Erlösung wirkt für die Patienten. Dabei spielt natürlich Selbstbestimmung immer eine Rolle. Ich muss sagen, der Gedanke der freien Selbstbestimmung tritt doch oft zurück vor der viel wichtigeren Erkenntnis: Euthanasie ist eine medizinische Tat, die dem Erbarmen entspringt, dem Mitleid, wenn alle anderen Auswege blockiert sind.« Im Umgang mit der Euthanasie entdecken niederländische Christen auch ein neues Gottesbild: Das aussichtslose Leiden unter starken Schmerzen wurde einst als eine Art mystischer Weg zu Gott gedeutet. »Wen Gott liebt, den züchtigt er«, heißt eine alte Glaubensweisheit, die man noch heute im ganzen deutschsprachigen Raum hören kann. Holländer denken da anders: Für sie ist Gott kein Sadist, der Freude hat am Leiden seiner Geschöpfe. Pastor Mascini: »Ich bin überzeugt: Gott kann das schwere Leiden unter grässlichen Schmerzen nicht ertragen. Das will Gott nicht! Und wenn dann ein Mensch in seinem Gespräch mit Gott in Freiheit entscheidet, dass Euthanasie ein Ausweg ist, dann glauben diese Menschen, dieser menschenfreundliche Gott wird mich in Barmherzigkeit empfangen. Bei solchen Gedanken müssen wir Pastoren und Theologen schweigen.« Der neue, der freie Umgang mit dem eigenen Tod verändert das religiöse Denken: Früher hatten die niederländischen Christen noch in ihre Glaubensbücher geschrieben: »Gott hat dem Menschen das Leben als Geschenk gegeben, deswegen darf der Mensch nicht von sich aus das Leben beenden und damit des Geschenks unwürdig werden.« Mit diesem Bild können sich holländische Theologen und christliche Ethiker heute nicht mehr so recht anfreunden. Darf denn der Beschenkte nicht eigentlich mit dem Geschenk machen, was er will? Darf der Schenkende denn bestimmen, was mit dem Geschenk passiert? Der protestantische Ethiker Evert van Leeuwen aus Amsterdam sagt dazu: »Es gibt in der Theologie eine sehr schwierige Debatte über das Leben, die immer noch nicht zu Ende geführt wurde. Kann man das Leben zurückgeben, dürfen wir das? Und ich glaube: das Leben ist nicht so etwas wie Objekt, das man geben und zurückgeben darf. Gott hat uns vielmehr die Freiheit gegeben: So können wir in einem bestimmten Moment uns zu Gott bekennen und sagen: Es ist genug, es reicht jetzt aus. Dann dürfen wir unser Leiden beenden.« Im Dialog mit Gott dürfe sich der Mensch die Freiheit nehmen, sein Leben Gott zurückzugeben. Die Rückgabe des Lebens an Gott entspreche genau der Freiheit, die Gott ihm gegeben habe. Von allen Theologen hat sich der protestantische Theologe, Professor Harry Kuitert, seit den siebziger Jahren am nachdrücklichsten mit dieser Frage befasst, er ist sozusagen ein theologischer Vordenker: »Ich glaube, dass das Leben das Ziel des Schöpfers ist. Und dass wir dem Schöpfer folgen, wenn wir einander das Leben geben und schützen. Und doch gehört der Tod so sicher zum Leben, dass wir auch mit dem Tod fertig werden sollten mitten im Leben. Wir können meines Erachtens unsere persönliche Freiheit auch dem Tod gegenüber gestalten. Wir dürfen unter den Bedingungen großen Leidens selbst bestimmen, wenn es so weit ist, aus dem Leben zu scheiden. Das kann man vor Gott verantworten, glaube ich.«

 

copyright: christian modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Über das Wesen des Christentums. Eine Ra­dio­sen­dung am 24. August 2014: Verschoben auf 12. Okt. 2014

Eine Ra­dio­sen­dung im RBB Kulturradio:

Gott und die Welt am Sonntag, den 24. 8. 2014 um 9. 04 Uhr

“Der Glaube auf den Punkt gebracht”. Über das Wesen des Christentums

Dieser Beitrag wurde aufgrund aktueller Planungen zur Entwicklung in der “islamischen Welt” von der RBB Redaktion auf Sonntag, den 12. Oktober 2014, verschoben. 

Von Christian Modehn

Wenn die Kirchen an der Seite der Armen und Ausgegrenzten stehen wollen, dann wirkt ein umfassendes System von Dogmen und komplizierten Moralprinzipien eher unpassend. Diese Überzeugung vertritt Papst Franziskus. Dabei wiederholt er die alte theologische Weisheit: Der christliche Glaube ist einfach. „Man muss nicht Theologie studieren, um glauben zu können“, betont auch der protestantische Theologe Christoph Markschies von der Humboldt Universität, „das Wesen des Glaubens lässt sich in wenigen Worten aussagen“. Die „Kurzformeln des Glaubens“, die der katholische Theologe Karl Rahner entwickelt hat, werden wieder aktuell.  So werden Menschen ermuntert, auch persönliche „Glaubensformeln“ zu formulieren, die das aussprechen, worauf es wirklich ankommt.

Ein Hinweis zur Theologie Karl Rahners SJ: Rahner hat um 1970 mehrere Entwürfe von “Kurzformeln des Glaubens” vorgelegt, und andere Menschen auch ermuntert, ähnliche Versuche zu wagen, in wenigen Worten das auszusprechen, was wirklich im Leben wichtig ist, was vom Evagelium her Hoffnung gibt, wichtig auch in der Beziehung zur göttlichen Wirklichkeit wie im Miteinander der Menschen. Er war der Überzeugung, dass der christliche Glaube kein kompliziertes Lehrsystem ist, sondern eine Lebenshaltung, die sich auch in wenigen reflektierten Worten aussagen lässt.  Karl Rahner, 1984  im Alter von 80 Jahren verstorben, legte in einem seiner letzten Vorträge wiederum allen Nachdruck auf  den einen, entscheidenden Mittelpunkt des Glaubens: Er sagte wenige Wochen vor seinem Tod:

“Weil wir alle Religionsunterricht gehabt haben, kann es vielleicht so aussehen, als ob das Christentum, gerade das katholisch- kirchliche Christentum eine ungeheure Menge von Dingen sagt, einen indoktriniert und zu glauben befiehlt. In Wirklichkeit sagt das Christentum das Selbstverständlichste, das gleichzeitig unbegreiflich ist: In deinem Leben ist immer schweigend,  umfassend bergend, liebend das namenlose Geheimnis am Werk, ein Christentum, das eigentlich sehr einfach ist”.

 

“Religion ohne Gott”. Ein neues Buch von Ronald Dworkin

Religion ohne Gott. Ein Buch des Philosophen Ronald Dworkin.

Hinweise von Christian Modehn

Das Thema bewegt viele Menschen: Gibt es eine Religion ohne Gott, kann man also religiös sein ohne die Annahme einer personalen göttlichen Wirklichkeit? Dass sich die Identitäten in der breiten Bewegung, die sich atheistisch nennt, verändern, wurde ja schon mehrmals in letzter Zeit betont, man denke etwa an die Arbeiten von Herbert Schnädelbach oder Alain de Botton.

Der us – amerikanische Philosoph Ronald Dworkin hat also auch gespürt, dass sich für diese Frage viele Menschen in Europa und Amerika aus tiefer persönlicher „Betroffenheit“ interessieren: Einen personalen Gott können sie vor ihrem  intellektuellen Gewissen nicht rechtfertigen, und die totale Ablehnung religiöser (Erhabenheits-) Gefühle finden doch auch Atheisten zu banal. Im Jahr 2011 hat Dworkin zu dem Thema an der Universität Bern Vorträge gehalten, sie liegen nun als Buch vor. Dworkin konnte die Vorträge nicht mehr bearbeiten, er ist am 14. Februar 2013 gestorben.

Das Buch ist im wesentlichen ein Plädoyer für die religiöse Verbundenheit von unterschiedlichen Menschen, die sich gläubig bzw. ungläubig, „atheistisch“ nennen. Sie sind nach Dworkin verbunden in der absoluten Wertschätzung, ein (ethisch) gutes Leben zu gestalten, und zwar für sich selbst wie auch in Verantwortung für andere. Es gilt, fundamentale menschliche Entscheidungen für humane Werte in den Mittelpunkt zu stellen, an diese Werte fühlen sich Gläubige wie auch Atheisten gebunden. Nicht die Frage, ob ein Gott existiert, ist nach Dworkin zentral, sondern das Leben nach einem gemeinsamen humanen Ethos. Darin kann sich „Religiöses“ zeigen. Entscheidend auch: Dadurch, so Dworkin, könne die ideologische Zerrissenheit heutiger Gesellschaften ein Stückweit überwunden, wenn nicht geheilt werden. Man stelle sich ja tatsächlich einmal vor, die sich heute im Irak und anderswo totschlagenden Gott-Gläubigen würden auf den Begriff Gott/Allah verzichten, sie würden sich also Gottes und Allahs nicht mehr bedienen für die Begründung ihres Mordens: Sie würden vielmehr sich selbst „nur“ als spirituelle Menschen betrachten: Ein bisschen negative Power wäre damit sicher überwunden. „Wenn es gelingen sollte, Religion und Gott auseinanderzudividieren, könnten wir jenen Scharmützeln etwas von der Hitzigkeit nehmen, indem wir zwischen wissenschaftlichen Fragen und Wertfragen (an die alle Menschen gebunden sind CM) unterscheiden“ (S. 18).

Aber bleiben wir bei einem Beispiel aus dem europäisch- amerikanischen Bereich, den Dworkin vor Augen hat:  Fromme Christen kümmern sich zum Beispiel vermehrt um die Erfahrungen des Wunderbaren und Erhabenen, lassen dabei Gott Gott sein; Atheisten ebenso und lassen dabei ihre Ablehnung eines himmlischen, göttlichen „Herrn“ beiseite.

Dworkin will zeigen: Es gilt, diese Einsicht unter allen Menschen zu pflegen, dass das Leben in der Welt nicht darauf verzichten kann, den Begriff Geheimnis zu verwenden.

Es gibt Lebenserfahrungen, die niemals angemessen mit der Begrifflichkeit der Naturwissenschaften erklärt und durchleuchtet werden können. Von daher wendet sich Dworkin entschieden gegen die – als philosophische Mode schon längst wieder eingeschränkte – Überzeugung der so genannten (philosophischen) Naturalisten (man denke an Richard Dawkins).

Das Buch von Dworkin „Religion ohne Gott“ wurde auch in Deutschland mit großem Interesse aufgenommen, d.h. es wurde in den Medien oft erwähnt. Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass das Buch manchmal für Nichtphilosophen nicht gerade eine „leichte Lektüre“ ist. Explizit wird der Titel des Buches auch vor allem (nur) im ersten Kapitel des Buches behandelt. Das dritte Kapitel etwa behandelt Fragen rund um die Religionsfreiheit, dabei spürt man, dass Dworkin ursprünglich ein sehr starkes Interesse an Rechtsphilosophie hat und als solcher vor allem auch international geschätzt wird!

Es wird also die These zur Diskussion gestellt: „Religion ist etwas Tieferes als Gott“. Offenbar ist gemeint: Gott meint immer historisch gewordenen Gottesbilder, während Religion sich auf absolut geltende Werte bezieht.

Wichtiger noch ist die philosophische Kritik, dass Dworkin in seiner Konzeption die Werte in einer sehr objektivistischen Weise versteht. So, als würden die Werte aus dem Umfeld eines moralisch guten Lebens uns so zusagen wie feste Bilder vor Augen stehen, also objektiv und immer „vor uns“  gegeben sein. Wir müssen diese objektiven Werte nur betrachten und ihnen dann bitte schön folgen. Mit anderen Worten: Wir haben den Eindruck, dass Dworkin einer allzu objektivistischen (alten) Wertelehre folg. Dabei hat er unseres Erachtens kein Gespür dafür, dass „die Werte“ spätestens seit Nietzsche auch ein Werk des schöpferischen Subjekts sind. Von Werten kann nur noch gesprochen werden, wenn man allen Nachdruck auf den Werte erlebenden Menschen, „das Subjekt“, setzt. Und auch auf die schöpferische Kraft der Menschen, Werte zu setzen. Diese können ja auch unbedingte Geltung haben, auch wenn sie in einer bestimmten Kultur entstanden sind. Arnim Regenbogen schreibt in dem Lexikonbeitrag „Wert/Werte“ in dem dreibändigen Lexikon „Enzyklopädie Philosophie“ Band 3, Seite 2974: “Werthaftigkeit ist keine objektive Eigenschaft von Dingen, sondern muss als Beziehung bewertender Subjekte auf Gegenstände betrachtet werden. Durch eine Wertung wird ein Gegenstand menschlichen Handelns selbst zum Wert“.

Religionsphilosophisch gesehen ist es fraglich, ob ein religiöser Mensch beim Erleben des Erhabenen sozusagen aufhört weiter zu fragen und sich etwa bloß an diese weltliche Erfahrung eines (angeblich) wunderbaren Kosmos hält. Die Fragebewegung geht weiter, nicht in dem Sinne, dass klassisch metaphysisch nach der „ersten Ursache“ in Form eines alten Gottesbeweises gefragt wird. Aber in der Reflexion auf die Fähigkeit des menschlichen Geistes, Erhabenes und Wunderbares in dieser Welt zu erleben, wird die (vom Menschen unabwerfbare, „gegebene“)  Kraft des menschlichen Geistes in neuem Licht erscheinen, als eine ständige, ruhelose Fragebewegung. Mit dieser Erfahrung und der ihr entsprechenden Aussage erlebt sich der Mensch neu, als hineingestellt in eine ständige geistige Bewegtheit ohne Ende (und unbekannter Herunft). Dabei wird sozusagen dann „das Wesen des Menschen“  (um diesen klassischen begriff einmal zu verwenden) ganz neu gesehen. Nämlich: Der Mensch kann sich nie ganz umfassen und begrifflich durchsichtig machen. Er ist sich selbst der Unbekannte, das Geheimnis, das etwas Gegebenes ist, manche sagen eine „Gabe“. Von daher tasten sich dann einige Philosophen doch weiter zu Frage: Wie kann eine umfassende Anwesenheit eines unabwerfbar „Gebenden“ in der Gabe (also dem Menschen!) gedacht werden?

Mit anderen Worten: Die Thesen von Dworkin sind insofern inspirierend, als sie auf ein dringendes Thema aufmerksam machen und so im Denken über seinen Text hinausführen – in eine größere Weite. Vielleicht könnte dann auch Gott neu ins Denken kommen, indem er nicht mehr naiv personal gedacht wird und nicht mehr naiv als absolut inexistent zurückgewiesen wird. Sondern es gibt dann ein Denken, in dem Gott in der Schwebe sozusagen bleibt, zwischen personal und a-personal gedacht. Eine Überzeugung, für die der protestantische Theologe Paul Tillich  eingetreten ist, auf ihn weist Dworkin ausdrücklich hin (Seite 41). „Vielleicht sollte man davon ausgehen, dass Tillich beides war, ein religiöser Theist und ein religiöser Atheist, der glaubte, dass die ´numinose` Beschaffenheit der religiösen Erfahrung den Unterschied zwischen beiden zum Verschwinden bringt“: (ebd.). Diese Einschätzung wird von Dworkin leider nicht weiter vertieft. Daran aber sollte man weiter „arbeiten“.

Ronald Dworkin, Religion ohne Gott. Suhrkamp, 2014, 146 Seiten, 19.95€

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin