Mit sich selbst befreundet sein

Mit sich selbst befreundet sein

Von Elisabeth Hoffmann, am 30.12.2014 (dem 101. Geburtstag meines Vaters)

Wer wird da sein, wenn niemand da ist? Wer kann mich wirklich im Innersten verstehen? Wer kann immer da sein und segnend die geistigen Hände über mich halten, wenn ich falle? Wer kann spüren, was ich spüre? Den großen Schmerz ermessen, der mein Sein zum Werden zwingt? Wer ist da, wenn niemand mehr da ist? Wer kann mich ernst nehmen, wenn ich an Grenzen komme, wenn ich am Ende bin mit meiner Zuversicht, den nächsten Tag, das nächste Jahr so zu durchschreiten, daß ich mich ehren kann? Wenn ich keinen Ort mehr habe, der Geborgenheit spendet, wer wird mir als Brücke dienen, bis ich wieder festen Grund habe? Wer kann meine ureigenen Bedürfnisse ernst nehmen, fördern, Gelegenheiten schaffen, sie zu erfüllen? Wer weiß von meinen tiefsten Sehnsüchten nach einem anderen, eigentlicheren Leben? Wer ist Zeuge meines Ichs durch all die verschiedenen Identitäten im Laufe meines Lebens hindurch vom Kind, über die Jugendliche, junge Erwachsene, bis zur Alten und irgendwann Sterbenden? Wer weiß am Besten von all meiner inneren Wahrheit? Wer kann weitergehen, wenn ich nichts erkennen kann? Wer will aus meiner Enttäuschung lernen? Wer möchte den Unterschied machen vom So-Sein wie die Anderen zum Selbst-Sein des Eigenen? Immer ich selbst. Mit meine inneren Aufmerksamkeit mir selbst gegenüber kann ich mich sehen, spüren, verstehen, so lassen und Hoffnung spenden – von innen her kann ich mich erfahren, mit meiner Präsenz mich so-sein-lassen, mich mit allem was ist einverstanden erklären, in mir, mit mir. Weil ich so bin, wie ich bin, weil ich erlebe was ich erlebe, weil ich empfinde, wie ich empfinde, wäre es wirklich ein kleiner Segen, wenn ich mir freundschaftlich zugewandt leben könnte.

Selbst wenn ich nicht alles von mir verstehe, kann ich mir mit Wohlwollen gewogen sein. Ich kann mich grundsätzlich lieben, radikal lieben, egal, ob ich Erfolg habe oder scheitere, egal, ob ich mich dumm anstelle oder inspirierend für mich und andere bin, egal, ob ich hilflos verunsichert ohnmächtig oder voller Selbstgewissheit bin. Selbst wenn ich in Angst bin oder in Zuständen bzw. Ablenkungen, um die Angst nicht zu fühlen, könnte ich im Wohlwollen mir gegenüber bleiben ohne mich zu entlassen aus dem nächsten Wachstumsschritt, der hinter der Angst auf mich wartet. Meine freundschaftliche Haltung könnte mir Mut zusprechen und die Ermutigung, noch ein wenig mit dem nächsten Schritt zuwarten oder mir klar zu werden, wessen es noch bedarf, damit ich ihn gehen kann.

Meine Liebe zu mir, meine Freundschaft mit mir selbst könnte der Beginn eines Lebens werden im Einverständnis mit mir und meinem Schicksal, meinen Grenzen, meinem Geworfen-Sein in die Umstände, die ich erfahre – vom ersten bis zum letzten Atemzug den ich mache. Leider ist unsere innere Aufmerksam, unser Merk-Sinn dem Lebendigsein in uns gegenüber, mit Maßstäben, Urteilen, Ängsten und Scham verunsichert worden. So verstecken wir uns oft hinter Masken und Rollen, und betäuben unsere Gefühle von Angst und Ohnmacht mit ungesunden Gewohnheiten, mit falschen Tröstern statt uns selbst ein bester Freund zu sein, der uns hält und auch herausfordert, in den Spiegel zu sehen und die Grenzen anzuerkennen, um sie endlich zu überwinden. „Wir sind. Aber wir haben uns nicht. Darum werden wir erst“ schrieb Ernst Bloch – und Werden kann man mit Freunden, echten Freunden viel besser als mit Idealen (und der Strenge, die sie oft implizieren) und So-tun-als-ob (einhergehend mit Überheblichkeit anderen gegenüber).

Ist die Freundschaft zu sich selbst ein Ersatz für nicht gelebte Freundschaft zu anderen?

Wer so in einem inneren liebevollen verstehenden Dialog mit sich ist, ist derjenige nicht egoistisch, zu sehr auf sich selbst bezogen in narzistischer Abkehr von der Welt? Wie wäre eine Welt voller selbst liebenden Menschen, selig versunken in ihren Selbstbezug? Das kann es doch nicht sein, denken sicher viele. Und sie haben Recht und auch nicht. Aber probieren Sie es doch aus? Leben Sie eine Woche diese radikale Art der Selbstfreundschaft, Lächeln Sie ihrem eigenen Herzen zu (Thitch Nhat Than), dem inneren Kind, dem verkrampften Erwachsenen und schauen Sie sich die Wirkung nach einer Woche an.

Lieben Sie sich, wenn Ihnen die innere kritische Stimme wieder einmal die Leviten liest, was sie wieder falsch gemacht haben oder sich dumm angestellt, ein Vorhaben vergessen oder nicht geschafft haben. Solidarisieren Sie sich mit dem Beschimpften und weisen sie die Kritik bestimmt zurück. Bitten Sie mal den inneren Kritiker etwas freundlicher mit Ihnen zu reden und schauen Sie welche Wirkung das hat. Und wenn die Orientierung gebende Stimme des Gewissens Sie merken lässt, dass Sie nicht einverstanden sein können, mit dem, wie Sie sich verhalten, dann stehen sie sich als FreundIn bei und stützen sich, um zu dem als richtig Erkannten wieder zurückzukommen ohne sich schämen zu müssen, sondern aufrichtig zu seiner Unachtsamkeit stehen, erst vor sich, dann vor anderen. Wie schön könnte die Welt sein, mit solchen ehrlichen menschlichen Menschen.

Nur wer eine freundschaftliche Haltung zu sich eingeübt hat, braucht sich mit Schuld- und Schamgefühlen nicht mehr zu verstecken, sondern kann zu sich stehen, ohne zu verleugnen, was geschehen ist. Wir geißeln uns nicht länger, wir wissen von unseren Grenzen und Schatten, wir kennen unseren unachtsamen Modus und unsere eigene familiäre Prägung, die nicht immer zu unserem Umfeld passt, die Andere befremden kann, unsere Nächsten oder unsere Kollegen. Wir lernen von unserem Gewissen, wir öffnen uns dafür und spüren, dass auch im Gewissen ein innerer Freund mit uns spricht, einer der uns liebevoll die Richtung immer wieder geduldig weist.

Aber die Praxis, die Stimme des Gewissens von der des Über-Ichs (unsere anerzogenen Gebote durch Autoritäten der Kindheit) und von der des Kritikers (sozial eingeübte Gebote, oft Moden, oder Vergleiche mit anderen erfolgreicheren, schöneren Menschen, etc) nach und nach unterscheiden zu lernen, dafür brauchen wir unsere innere FreundIn. Wir brauchen eine Haltung und eine Stimme des unbedingten Zu-uns-Stehens – ähnlich wie die Stimme eines Anwalts vor Gericht – um die zarte Flamme der Würde des Mensch-Seins durch den Sturm des inneren Konfliktes zu schützen. Dann werden wir daraus mit gefestigter Position hervorgehen und ehrlicher zu uns und dann auch zu anderen uns verhalten können. Wir verlieren Angst so zu sein, wie wir jetzt sind. Wir entwickeln die Stärke des Zu-uns-stehen-Könnens während wir uns fehlbar und unsicher fühlen. Das nenne ich radikale Selbstfreundschaft. Und wenn wir so differenziert, milde stark zu sein lernen, dann werden wir diese milde Stärke verkörpern und so sichtbar werden – außerhalb des Verstecks der Scham. Wir werden wie wir sind und sind Zugewandte zu uns und anderen und keine Abgegrenzten oder gar Richter uns bzw. anderen gegenüber mehr. Wir leben entspannter mit uns und anderen, weil wir da sind, wo wir sind.

Schritte zur Freundschaft mit sich selbst

Beginnen könnten wir mit einem Entschluss: ich will mir selbst FreundIn sein. Ein Entschluß setzt eine Markierung in unser Leben, auf die wir immer wieder zurückkommen können, auch wenn wir x-mal diese neue Karawane der Selbstfreundschaft verlassen werden, kehren wir, wenn möglich, wieder zurück, ohne uns zu verurteilen, sie verlassen zu haben. Wir kehren einfach wieder zurück und fühlen uns freundlich empfangen von unserer Seele, die immer geduldig auf uns wartet und nichts übelnimmt. Wir kommen wieder zurück zu uns. Immer wieder. Besonders in schlechten Zeiten. Aber in den Guten üben wir, die Freundschafts-Seile zu halten, damit dieser innere Halt hält, wenn es härtere Winde gibt für unsere kleine Nussschale auf dem Ozean des Lebens.

Es gibt so viele schöne Liebeslieder. Es kann eine Ahnung für die Qualität der Selbstfreundschaft vermitteln, wenn wir ein Liebeslied so hören, als ob wir es uns selbst widmeten. Es gibt vom gerade erst verstobenen Sänger Joe Cocker ein wunderschönes Lied „You are so beautiful“, was sich eignet, es mal in einer Haltung zu hören, als sängen wir es uns selbst vor. „You are so beautiful“. Wir üben beide „Rollen“ oder Gemütszustände gleichzeitig oder abwechselnd einzunehmen: mal als Hymne der Freundin unserer selbst an uns selbst („you are so beautiful“) und ein anderes Mal als Gemeinte und Beschenkte, als Zuhörende eines für uns gemeinten Liebesliedes, das wir tief in uns hineinlassen „I am so beautiful“. Meine freundschaftliche Haltung mir selbst gegenüber bezeugt mir ihre unbedingte Liebe. Das öffnet mich für diese emotionale Tiefe der Selbstfreundschaft.

Im Alltag sind gerade die Situationen wichtig, Freundschaft mit uns zu pflegen, wenn wir in schwierigen emotionalen Gewässern segeln, oder wenn wir unsere Ziele nicht erreicht haben, wenn uns etwas umgehauen hat und wir aus der Balance geraten sind, dann wäre es hilfreich, sich der Selbstfreundschaft zu erinnern, statt uns allein und elend und gottverlassen zu fühlen. Es gibt schöne selbst bestärkende Sätze die uns Mut und Achtung uns selbst gegenüber wiedergeben können. Zu Beginn kommt uns diese Praxis sicher sehr merkwürdig vor …. jawohl: würdig, diese neue Haltung zu merken. Es lohnt sich.

Wenn wir dieses Zu-uns-stehen-und-lieben immer und immer wieder praktizieren, dann werden wir uns trauen, uns auch anderen zu öffnen und dieses Innere uns trauen anderen mitzuteilen. Wenn ich diesen Selbsthalt nicht habe, laufe ich Gefahr andere mit meinem Selbstbezeugungsdrang zu überfordern, und die weiteren Folgen können dann schmerzlich sein: Abgrenzung oder Ignoranz, belächelt werden, verdreht werden, gemobbt werden, etc….. Kränkungen, die wir alle zutiefst kennen und die das Gift in den zwischenmenschlichen Beziehungen (von der individuellen bis zur Staatsebene) emporsteigen lassen und die Fronten weiter verstärken.

Aber wir werden keine Anderen als Freunde gewinnen, wenn wir uns nicht öffnen können, wenn wir aus einmal erlittener Verwundung durch Nicht-Verstanden-Werden uns misstrauisch verschließen. Der Grat ist sehr schmal und ein großes Wagnis. Ich glaube, wenn wir mit uns innerlich befreundet sind, dann können wir uns trauen, uns zu zeigen, dann spüren wir, wann ein richtiger Moment für die Selbstbezeugung einem anderen Menschen gegenüber gekommen ist und wir können uns halten, wenn die Aufnahme unserer Öffnung im Anderen nicht so gelingt, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir trösten uns und bemühen uns um einen adäquateren Selbstausdruck, der annehmbar für mein Gegenüber ist. Selbstfreundschaft bietet so eine Voraussetzung für eine Freundschaft zu einem anderen Menschen. Ich erkenne meine Grenzen und respektiere die des Anderen. Die innere Ent-täuschung wiege ich freundschaftlich in meinem Herzen, statt sie als Enttäuschungswut gegen mich, den anderen oder im neuen Kontext an Schwächeren auszuleben.

Je mehr ich auch eine Art Selbst-Empathie mit meinen schwierigen emotionalen Zuständen einübe, um so besser kann ich einerseits Empathie anderen gegenüber praktizieren und auch nach und nach innerlich präsent bleiben, wenn ich durch ein äußeres Geschehen mit anderen Menschen aus der Fassung gerate. Ich kann mich freundschaftlich begleiten und erstmal wieder beruhigen, um dann freundlich meine Erfahrung und mein Bedürfnis auszudrücken, ohne den Anderen wiederum aus seiner Fassung mit meiner Reaktivität zu bringen. Freundschaft in mir verhilft mir sicher, nicht den Respekt für das Anders-Sein des Anderen aus den Augen zu verlieren – gerade bei den mir Nächsten aber auch bei den mir Wesens- bzw. Kulturfremden.

Das Nadelöhr des Allein-Seins

Die Praxis der Selbstfreundschaft führt uns direkt zur Erfahrung des Allein-Seins. Das ist eine sehr große Hürde bzw. Enge auf dem Weg der Selbstfreundschaft. Das ist ein heikler Ort in unserer Seele. Aber unser Schicksal, Mensch zu sein, birgt die Aufforderung, Bewusstsein über das Mensch-Sein zu erlangen. Niemand bewältigt sein Leben, ohne dieses Bewusstsein. Viele scheuen sich jedoch davor, weil diese existentielle Einsamkeit als horror vakui darin erlebt werden kann. Und gerade darum ist die innere Selbstfreundschaft so wichtig. Sie erscheint mir als der einzige Weg zur Entfaltung meines Mensch-Seins an sich, meines Individuum-Seins – hier, wo ich gerade bin unter anderen. Wir gehen durch dieses Nadelöhr hindurch, es gibt ein vorher und nachher und merken, wir kommen an im eigenen Leben, bei uns selbst und verlassen uns nicht mehr. Es wird ein anderer Wind wehen – ein Wind der uns näher zu uns bringt und neu und anders nah zu den Anderen. Erstmal fühlt sich das kühl und einsam an. Dann kann aber etwas erblühen, was auf der „Wiese“ der symbiotischen Nähe nie aufblühen wird – echte Nähe jenseits der Identifikation mit dem Anderen oder mit dem WIR der anderen.

Nur manchmal müssen Freunde mir meine ureigne Melodie selbst wieder vorsingen, wenn ich sie gerade nicht mehr hören kann, sie bestärken mich, wenn ich es selbst nicht mehr kann – aber so wie ich mich kennenlernen kann, so kann es niemand. So nah wird mir nie jemand sein. Ich werde mich brauchen, noch oft. Ich war nicht da als ich kam, aber ich werde da sein, wenn ich gehe. Und das wird ein weiteres Wunder werden. Wie alles was uns widerfährt. Leben – ein einziger heiliger Moment. Welch Geschenk. Beschenken wir uns mit einer exquisiten Freundschaft zu uns selbst. Möge es uns gelingen – zum Wohle aller.

Copyright: Elisabeth Hoffmann

Freundschaft – eine Tugend oder eine “Fügung des Himmels” (Montaigne) ?

Freundschaft – eine Tugend oder „eine Fügung des Himmels“ (Montaigne) (1)

Hinweise zu einer Lebensform

Von Christian Modehn

– Diese Überlegungen gehören zur Vorbereitung für einen privaten Gesprächskreis zum Thema Freundschaft im Dezember 2014. –

Es gibt auch heute, so hören wir und lesen wir, offenbar viele Beziehungen, die sich Freundschaft nennen. Wir leben also gar nicht in einer anonymen Gesellschaft der Einsamen, sondern in einer Welt der Freunde? Oder will man glänzen, wenn man eine halbwegs „berühmte“ Person öffentlich seinen Freund, seine Freundin, nennt. Viele eher flüchtige „Bekannte“ werden plötzlich, wenn es denn zu etwas nützt, Freunde genannt. „Amigo“ war und ist ja in gewissen politischen Kreisen, auch in Deutschland, ein gängiger Begriff. Der Amigo ist der Bundesgenosse in einem System wechselseitiger Bereicherung. Sind etwa bestimmte Lobbyisten die neuen Amigos? Also die charmanten und so furchtbar freundlichen versteckten Propagandisten und Betrüger? In der romanischen Sprachwelt wird man auch als Unbekannter schnell als „Cher ami“ angeschrieben. Auch die obersten Mafia-Bosse nennen sich nicht nur Brüder, sondern tatsächlich Freunde. Freunde im gemeinsamen Verbrechen.

Aber, wo sind die wahren Freunde? Gibt es sie, diese Menschen, denen ich mich vorbehaltlos anvertrauen kann, die mich stützen und die ich stütze, fraglos und selbstverständlich? Gibt es sie, diese Menschen, mit denen man das Leben teilt, die das ethische und spirituelle Wachstum für einander fördern? Menschen, mit denen man das Angenehme gern erlebt, Menschen, auf die man sich freut und die ich kritisiere und die mich kritisieren, allein, damit wir weiterkommen auf dem Weg menschlichen Reifens? Man lese einmal die Bücher 8 und 9 in der „Nikomachischen Ethik“ von Aristoteles (384-322 v.Chr.), also die Kapitel über die „wahren Freundschaft“. Da werden die genannten Aspekte von Freundschaft weiter differenziert entwickelt. Das gemeinsame Leben in der Nähe wird dabei als besonders wichtig beschrieben, in der nahen Verbundenheit mit dem Freund lernt man voneinander, man wird mit einander vertraug, ja: man wird einander ähnlich…

Gibt es heute noch (wahre) Freunde und Freundinnen? Nicht solche Personen, die als Freunde sozusagen aufoktroyiert werden in religiösen Gemeinden, Sekten oder politischen Gruppen, in denen die Führer das Sagen haben und aus allen Individuen mit deren eigenem Profil sozusagen „maßgeschneiderte“, flexibel agierende und gehorchende „Freunde“ (Objekte) machen?

Oder sind die so genannten „Bekannten“, wie wir jene 100 oder oft nur 10 Leute nennen, die wir irgendwie auf der Straße mal wieder- erkennen, deren Namen man vielleicht weiß oder ahnt, mit denen man den langweiligen small talk pflegt, sind diese Bekannten (manche sprechen gar von „befreundeten Bekannten“) gar die neuen Freunde? Wie tief ist das Verständnis von „wahrer“ Freundschaft gesunken, wenn man flüchtige Bekanntschaften nun wie Freunde einschätzt?

Die Beziehung zu Bekannten schließt aber auch die Möglichkeit ein, dass aus guten Bekannten mit viel Geduld und Sympathie auch gute Freunde werden können. Aber eben „können“, wenn der Aufbau einer Freundschaft „gelingt“, ist ein mühsamer Weg erst einmal abgeschlossen und der mühsame Weg gemeinsamer Freundschaft kann beginnen. Voraussetzung aller Freundschaft ist – auch unter Heterosexuellen –stets eine erotische Dimension, eine auch ästhetische Begeisterung für die individuelle Ausstrahlung des /der anderen. Ohne Erotik (Erotik wird hier von Sexualität – in der Liebesbeziehung – unterschieden) keine Freundschaft.

Philosophie und der lebendige Vollzug der Philosophie, also das eigene Philosophieren, enthält in der Selbstbeschreibung und dem Selbstverständnis, wie sonst kaum eine andere kulturelle Praxis, das Wort Philos, Freund. Insofern ist es nahe liegend, dass Philosophie das Thema Freundschaft zu einem Thema, wenn nicht zu einem Schwerpunkt machen sollte. Trotz etlicher, aber eher entlegener philosophischer Studien haben wir den Eindruck, dass Freundschaft heute leider nicht im Mittelpunkt der akademischen Philosophie an der Universität steht. Liegt das daran, dass akademische Philosophie sehr viel Angst hat, möglicherweise als „Lebenshilfe“ zu erscheinen? Aber ist nicht Philosophie als Philosophieren immer elementar Lebenserhellung und damit Lebenshilfe? Die dreibändige „Enzyklopädie Philosophie“, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2010, hat zum Beispiel keinen eigenen lexikalischen Beitrag zum Thema Freundschaft! Auch das von uns immer wieder sehr empfohlene Buch „111 Tugenden, 111 Laster“ von Martin Seel (Fischer Verlag, 2011) enthält leider kein Stichwort zur Tugend Freundschaft, sondern nur den (aber auch sehr lesenwerten Beitrag !) zum Thema „Freundlichkeit“ (S. 18 f.) Wobei die gelebte Freundlichkeit gegenüber oft unbekannten Menschen recht wenig Verbindung hat zu dem, was die klassische Philosophie (etwa Aristoteles) unter Freundschaft verstand. In einer bloß freundlichen Welt muss nicht unbedingt Freundschaft entstehen. Das „Keep Smiling“ ist eine trainierte Haltung des Kommerz, nicht der Innerlichkeit.

Pierre Hadot, der große französische Philosoph, hat in seinem Beitrag „La figure du sage dans L Antiquité gréco-latine“ (2) darauf eindringlich hingewiesen, dass die Freundschaft (Hadot spricht wie Aristoteles auch von amour!) des Philosophen gegenüber der Weisheit (Sophia) immer ein Streben, ein Suchen, ein „Trachten … nach“ ist., niemals aber ein Besitz oder ein Verfügen über die Sophia! (vgl. S. 179, le philosophe, „qui aspire à la sagesse). Den „Zustand der Weisheit” wird auch der Weise niemals ganz erlangen.

Ohne jetzt dieses Thema zu vertiefen: Deutlich wird: Freundschaft, Befreundet sein (auch mit der Sophia) ist ein Prozess, ein Lebensweg, ein ausdauerndes gemeinsames Gehen auf einem gemeinsamen Weg, oft voller Mühe. Freundschaft ist keineswegs (nur) gemeinsames Vergnügen, Lust am Gespräch, an der Freude aneinander. Freundschaft ist mühsam. Auch wenn sie vielleicht weniger anstrengend ist als die natürliche Bindung an Verwandte oder die berufliche Verbindung mit Kollegen….Jedenfalls: Den perfekten Weisen, also den Philo-Sophen, der die ganze Fülle der Weisheit kennt, gibt es, so Pierre Hadot im Anschluss an Seneca, „une fois tous les cinq cents ans“ („nur einmal alle 500 Jahre“) (3). Wird es also jemals den perfekten Freund, die perfekte Freundin geben? Sicher nicht. Das auszuhalten, gemeinsam auszuhalten, ist wohl die „Kunst der Freundschaft“.

Auch Michel de Montaigne (1533-1592) denkt ähnlich (natürlich inspiriert von den griechisch-römischen Philosophen): Seine Freundschaft mit Etienne de la Boethie (Sarlat) (1530-1563) war das Schönste, was er erleben konnte. Diese Freundschaft nennt Montaigne eine „Fügung des Himmels“ (4): „Bei der ersten Begegnung , die zufällig auf einer großen städtischen Feier und Geselligkeit erfolgte, fühlten wir uns so zueinander hingezogen, ja so miteinander bekannt und verbunden, dass wir von Stund an ein Herz und eine Seele waren“. (Nebenbei es wird dringend empfohlen die großartige Schrift de la Boethies zu lesen, „Discours de la servitude volontaire(Vortrag über die freiwillige Knechtschaft) (9).

Montaigne ist sicher einer der am meisten zum Thema Freundschaft beachteten Philosophen, wobei seine zeitbezogenen Fehlurteile wohl entschuldbar sind, etwa, wenn er meint, Frauen seien zur Freundschaft nicht in der Lage (5). Interessanter ist: Montaigne hält hat die wahre Freundschaft für wichtiger und menschlicher als die Zweckgemeinschaft Ehe (6), also eine Vereinigung zur Zeugung von Kindern. Die wahre Freundschaft ist für ihn das Verschmelzen zweier Seelen, das Einswerden von zwei Personen, die grundsätzliche Bejahung des Freundes, die Freude darüber, dass er eben „er“ ist und so ist, wie er ist.

Montaigne wehrt sich ausdrücklich, seine tiefe Liebe zu Etienne de la Boethie, sein Einswerden mit ihm, wie er sagt, habe etwas mit Homosexualität zu tun: Montaigne spricht in dem Zusammenhang diskret von unzüchtiger Freundesliebe der Griechen (7). Wie weit diese Aussage eine „Schutzaussage“ ist in einer Zeit, die Homosexualität als Begriff nicht kannte und auch als Lebensform nicht respektierte, bleibt offen. In seinem Bericht über seine Rom-Reise berichtet Montaigne hingegen nicht ohne Sympathie etwa von der Segnung homosexueller Paare dort.

In jedem Fall ist für Montaigne eine tiefe Freundschaft eher eine absolute Seltenheit.

Anders dachten da einige Intellektuelle, Literaten, Künstler, Juristen gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Sie trafen sich in dem Freundschaftstempel des Autors Johann Wilhelm Ludwig Gleim in Halberstadt (er lebte von 1719 bis 1803) (8)

Gleim wollte gegen die Kälte des bloßen Verstandes und gegen die kontrollierende, alles Individuelle vernichtende Macht der Fürsten die Freundschaft unbedingt pflegen. Freundschaft als Rettung in einer feindlichen Welt? Als Zuflucht? Warum nicht. Das ist etwas ganz Besonderes, auch wenn dieser Freundschaftskult in Halberstadt relativ unbekannt ist: es wird berichtet, dass sich die Freunde bei Begrüßung und Abschied sehr herzlich küssten! Und es ist wohl dem Zeitgeist geschuldet, wenn nur Männer im Freundschaftskreis willkommen waren. Gleim hat sogar für die verstorbenen Freunde kleine Gedenkstätten in seinem Garten geschaffen und in seinen Salons prachtvolle Porträts seiner Freunde gesammelt. Er war tief überzeugt, nach dem Tod wieder mit den verstorbenen Freunden vereint zu sein. Die waren alle niemals nur ein Herz und eine Seele, man stritt sich durchaus, man debattierte, suchte nach einer gemeinsamen Wahrheit, aber es kam nie zu einem Bruch. Und man schrieb einander und zwar sehr viel und sehr oft. Allein Gleim hat über 10.000 Briefe verfasst an über 500 verschiedene Korrespondenten. Diese Handschriften sind im Gleimhaus versammelt.

Insgesamt war seine geräumigen Wohnung mit mehreren Etagen für Gleim ein „Tempel der Freundschaft“ und er sah sich selbst als „Küster“ dieses Tempels.

Entscheidend und bleibend aktuell ist die Einsicht Gleims: Vertrauen ist Voraussetzung von gelingender Freundschaft! Über das Vertrauen zu sprechen und im Vertrauen zu leben, ist die Basis von Freundschaft. Die konkrete einzelne Freundschaft wird freilich nur gelingen, wenn die Freunde von einem Grundvertrauen in die Wirklichkeit des Lebens insgesamt geprägt sind.

Aktuell wird Freundschaft heute als eine Lebensform eingeschätzt, die wir herbeisehnen. Und zwar bezogen auf unsere Gesellschaft, in der die Menschen, die Arbeitskollegen, die Nachbarn usw. als Konkurrenten begegnen, als Wesen, die man eher übertreffen, wenn nicht auslöschen muss, will man selbst überleben und sich selbst als der Stärkere behaupten. Frank Schirrmacher, der verstorbene FAZ Redakteur, hat in seinem Buch EGO von einer Gesellschaft egoistischer Nutzenmaximierer gesprochen. Wenn von Beziehungen die Rede ist, dann spricht eher von Netzwerken, von Verbindungen also, die nach dem Gesetz ökonomischen Profits funktionieren. Man gibt etwas, schenkt etwas, berechnet aber, ob es sich lohnt und was man den „Einsatz“ mindestens auch zurückbekommt.

Vertrauen als Basis von Freundschaft meint: Es ist ein Risiko, Freundschaft einzugehen, Freundschaft zu pflegen. Vertrauen beginnt, wenn einer, eine, beginnt sich den anderen zu öffnen. Da ist nicht immer “Erfolg” garantiert. Man kann sich blamieren, man kann Widerstände und NEIN erleben. Freundschaft ist einen Tugend, die Stärke verlangt. Wer hat heute noch diese innnere Stärke?

Die entscheidende Frage könnte sein:  Wo können wir das Vertrauen grundsätzlicher Art finden, das so genannte Urvertrauen? Jenes Vertrauen, das uns leben lässt, immer weiter sinnvoll zum Leben ermuntert, auch wenn unsere (Suche nach)  Freundschaft scheitert?
Dabei kann man auf eine biblische Weisheit verweisen. Vielleicht sollten wir uns angewöhnen, wenn wir von Bibel sprechen, auch von biblischer Weisheit zu sprechen. Nicht alles in der Bibel ist Weisheit, vieles können wir beiseite legen. Aber manches bleibt Inspiration, bleibt Weisheit für alle Menschen. So heißt es etwa im Titus Brief im Neuen Testament: „Erschienen ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes“.

Noch wichtiger ist eine Aussage aus dem Johannes Evangelium, da werden Jesus von Nazareth, dem menschgewordenen Logos, treffende Worte in den Mund gelegt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.” (Joh 15,15).

Das ist entscheidend: Das Verhältnis des Menschen zu Gott ist das Verhältnis zu einem Freund. Das ist natürlich ein Bild, und alles schlichte Übertragen dieses Bildes vom menschlichen Freund auf das absolute Geheimnis Gottes wäre falsch. Aber es wird eine Richtung des Verstehens gewiesen: Gott ist nicht nur freundlich, sondern ähnlich wie ein „wahrer Freund“. Andere Titelfür die unendliche Wirklichkeit, wie Herrscher, sind dann eher abzulehnen. Da ist meines Erachtens ein  Angebot an Sinn  enthalten: Mensch und Gott sind befreundet. Das heißt: Es gibt eigentlich keinen willkürlichen Herrscher-Gott mehr! Dieser „Herr“-Gott ist durch Jesus entthront, sagt die Gemeinde, die das Johannes Evangelium wichtig findet. Das ist auch die Kernaussage vieler christlicher Mystiker wie Meister Eckart.

Die Basis von Freundschaft wird hier angesprochen: In einem Urvertrauen leben, um anderen vertrauen zu können. Freundschaft lebt ja vom Vertrauen, vom Risiko des Sich- Öffnens, vom Miteinanderlebenauf der gleichen Höhe. Bei Freunden gibt es keine Hierarchie. Das gilt auch für jene, die religiös sich an eine Gotteserfahrung haltenn.

Das war wohl auch so bei den ersten Christengemeinden, die Apostelgeschichte berichtet, wie die ersten Christen „ein Herz und Seele“ waren, wie sie alles teilten, wie sie wahre Freunde waren. Das nannten manche zu Recht eine Form des Urkommunismus. Aber auch der hat nicht lange gelebt, weil der menschliche Egoismus diese schöne Glaubenshaltung erdrückte.

Zum Schluss ein Thema, das hier nur kurz angesprochen wird: Es ist die Freundschaft mit sich selbst! Von ihr spricht bereits Aristoteles. Ohne diese Freundschaft mit sich selbst kann kein Mensch leben, reif leben und authentisch sein. Die Freundschaft mit sich selbst beginnt mit der vorbehaltlosen Annahme und Akzeptanz seiner selbst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Literaturverweise:

(1) Michel de Montaigne, Essais. Frankfurt M. 1998, übers. von Hans Stillett., Seite 101.

(2) zuerst erschienen 1991, jetzt erneut publiziert in seinem Buch (posthum) „Discours et Mode de vie Philosophique“ (Paris, 2014, S. 177 bis 198)

(3) ebd. S. 190.

(4) Michel de Montaigne, siehe (1), Seite 101.

(5) ebd. S. 100.

(6) ebd. 426

(7) ebd. S. 100.

(8) zum “Freundschaftstempel” in Halberstadt siehe etwa: „Das Jahrhundert der Freundschaft. Johann Wilhelm Ludwig Gleim und seine Zeitgenossen“. Wallstein Verlag, 2004.

(9) De la Boethie fragt die Menschen, die sich staatlichen Obereren oder religiösen Herrschern, heute: auch Gurus, so gern unterordnen und im Gehorsam sich ihr individuelles Leben freiwillig rauben lassen: „Diesmal möchte ich nur erklären, wie es geschehen kann, dass so viele Menschen, so viele Dörfer, Städte und Völker manchesmal einen einzigen Tyrannen erdulden, der nicht mehr Macht hat, als sie ihm verleihen, der ihnen nur insoweit zu schaden vermag, als sie es zu dulden bereit sind, der ihnen nichts Übles zufügen könnte, wenn sie es nicht lieber erlitten, als sich ihm zu widersetzen.“ Seine Erklärung der Tyrannenherrschaft kleidet de la Boethie in eine rhetorische Frage: „Wie kommt er zur Macht über euch, wenn nicht durch euch selbst? Wie würde er wagen, euch zu verfolgen, wenn ihr nicht einverstanden wäret?

 

“Die Kurie des Vatikans ist mental versteinert”. Die Weihnachtsansprache von Papst Franziskus vor Kardinälen und Prälaten am 22. 12. 2014

Die Kurie des Vatikans ist schwer krank: Papst Franziskus – auf dem Weg zum Reformator?

Hinweise zur Rede des Papstes am 22. 12. 2014 vor Mitarbeitern der römischen Kurie, also Kardinälen, Erzbischöfen, Prälaten usw.

Von Christian Modehn

Die hochrangigen geistlichen Mitarbeiter der päpstlichen „Kurie“, also des „Hofes“ und damit des religiösen Zentrums des römischen Katholizismus, sind schwer krank: Die noch harmloseren Krankheiten und Fehlverhalten (Sünden im klassischen katholischen Verständnis) sind: „Sich für unverzichtbar halten“ oder „exzessives Tätigsein“. Schwerwiegender und wahrscheinlich bei den genannten Krankheiten kaum noch heilbar sind hingegen: „Geistliche Alzheimer Krankheit“, „mentale und spirituelle Versteinerung“, „existentielle Schizophrenie“, „Gleichgültigkeit gegenüber anderen“, „Vergöttlichung der Oberen“, „Anhäufung materieller Güter“, „Sucht nach weltlichem Profit“: Insgesamt sind es 15 schwerwiegende, eigentlich tödliche Gebrechen, die da bei genauer Analyse unter den Mitarbeitern der Kurie diagnostiziert werden. Der Text  ist in deutscher Sprache  am schnellsten auffindbar in einer Publikation von Radio Vatikan, klicken Sie bitte hier.

Diesen in dieser Deutlichkeit niemals erwartbaren Befund hat Papst Franziskus in seiner üblichen Ansprache zu Weihnachten am 22. 12. 2014 im Vatikan vor der versammelten Mannschaft der Kardinäle und Prälaten gehalten. Sie alle leiden unter den genannten Gebrechen/Sünden. Das üppige Weihnachtsessen wird ihnen wohl erst einmal vergangen sein.

Über sofortige oder spätere Wutausbrüche der konservativen geistlichen Schar, die sich in ihrer Macht und in ihrem Luxus als die Nachfolger des armen Jesus von Nazareth immer noch fühlen, ist naturgemäß nichts bekannt. Aber die Wut muss maßlos sein auf einen „Fürsten“, also den Papst, der seinen Hof (die Kurie) für ein dermaßen korruptes “Volk” hält und dies zur allergrößten Schande auch noch öffentlich sagt. Eigentlich hat sich der Fürst damit selbst entthront. Und diese Karriere hat Papst Franziskus begonnen, als er nicht im monströsen Palast, sondern im schlichten Gästehaus seine Wohnung bezog.

Man greift wohl nicht zu hoch, wenn man diese Rede, die auch noch einen Tag danach in der deutschsprachigen Presse unseres Wissens nach nur in Auszügen vorliegt, also als eine historisch höchst relevante und höchst bedeutende Rede hält.

Und man kann nur hoffen, dass Papst Franziskus diese Rede überlebt, nicht nur im engeren Sinne physisch überlebt, sondern auch seelisch halbwegs stabil bleiben kann. Denn man ahnt, in welcher perfiden Umgebung von Feindseligkeiten und in welchem verlogenen System sich der Papst im Vatikan aufhält. Und man ahnt, wie er leidet, diese Rede ist Ausdruck eines tiefen Schmerzes.

Wo sind seine Freunde? Welche Kardinäle und Bischöfe werden in Weihnachtsansprache die Rede des Papstes explizit loben und werden sagen: Auch wir Millionenschwere Bistümer haben aufgeblähte und riesige Ordinariate mit arroganten Prälaten, machtgierigen Wesen usw. „Wir bitten um Entschuldigung“ und „Wir werden diese Herrschaften entmachten“.

Wird man solches hören aus dem Munde etwa eines deutschen Bischofs oder Kardinals in Köln oder München? Wir sind gespannt.

Diese Herren werden den Papst in dieser Sache (!) wohl eher allein lassen und werden kaum eingreifen, wenn die Reaktionären und ihre Presse schreien: „Der Papst spinnt, ist er normal?“

In einer solchen Situation ist es paradox, dass ausgerechnet religionskritische Institutionen, wie unser „Religionsphilosophische Salon Berlin“, auf einmal Papst Franziskus explizit verteidigen und ausdrücklich loben muss, wo wir doch sehr der kritischen Theologie und dem liberalen Protestantismus nahe stehen. Religionskritiker freuen sich also über Papst Franziskus: Das ist ein Novum! Das werden die Reaktionären gleich wieder ausschlachten und sagen: „Seht ihr, diese Leute erfreut der Papst“. Aber über „diese Leute“ wird sich Papst Franziskus seinerseits freuen und irgendwie spüren, dass die weite Kirche der menschenreundlichen Ökumene etwas wächst…

Bei allem Lob: Uns erscheint doch problematisch, dass Papst Franziskus nicht die strukturellen Ursachen dieser 15 Perversionen/Krankheiten/Sünden im Vatikan selbst nennt. Er spitzt die Kritik zu auf die Personen allein, soweit wir bisher den Text gelesen haben.

Diese Perversionen/unheilbaren Krankheiten/Sünden entstehen aber in einem System, das ausschließlich zölibatären Männern die Macht total überlässt; die keine interne demokratische Kontrolle kennt; keine Beteiligung der Gläubigen, etwa in der Bestimmung des Chefs der Glaubensbehörde usw. Es ist nicht nur das System aus uralten Renaissance-Zeiten, es ist vor allem auch die fundamentalistische Interpretation der Lehre (der Bibel) selbst, die solche Missstände fördert und verursacht: Wenn sich etwa Kardinäle als Mitarbeiter der göttlichen Wahrheit sehen, wenn sie und nur sie meinen, richtig die Ehemoral auslegen zu dürfen usw., wenn diese Herren und nur sie vorgeben zu wissen, was katholisch ist usw. Dieser wahnhafte und totalitäre Machtanspruch, der keine Widerrede duldet (man lese nur einmal die Äußerungen von Kardinal Müller, Rom) ist letztlich theologisch-ideologisch erzeugt. Er ist für die Gemeinschaft der Glaubenden verletzend, wenn nicht (seelisch) tödlich.

Wenn sich die Kirche zum Evangelium und zur Menschlichkeit hin entwickeln will, muss dieser krankhafte Machtwahn, diese geistliche Alzheimer Krankheit wie der Papst sagt, gebrochen/geheilt? werden.

Historiker können aus aktuellem Anlass noch einmal die Analyse Luthers studieren, als er sich über die Curie äußerte. Vermutlich werden da gleichlautende Analyse von Luther und Papst Franziskus auffallen. Oder man lese die Analyse über den Klerus, die der böhmische Reformator Jan Hus äußerte. Oder man lese das Buch des Theologen und Philosophen Antonio Rosmini über „Die 5 Wundmahle der heiligen Kirche“ (1849), ein Buch ähnlichen Inhalts wie die Rede des Papstes am 22. 12. 2014. Antonio Rosminis Buch (er ist einer der bedeutendsten Philosophen im Italien des 19. Jahrhunderts und Gründer von Ordensgemeinschaften) wurde selbstverständlich sofort auf den Index gesetzt. Gott sei Dank kann niemand die Rede des Papstes am 22. 12. 2014 auf den Index setzen.

Aber aufgrund dieser durchaus reformatorischen Kirchen-Kritik könnte Papst Franziskus doch definitiv Ehrengast und Redner sein bei den Feiern rund um das Reformationsjubiläum. Man muss ja nicht bis 2017 warten. Dann könnten sich auch die anderen Kirchen, die Russisch – und Griechisch-Orthodoxen Popen und Patriarchen, die Protestanten, Pfingstler usw.  fragen, wie es denn mit ihrer eigenen “Kurie” (Bürokratie) bestellt ist. Und wo auch sie “Versteinerungen” “spirituelles Alzheimer” usw. zeigen.

Die RP berichtet am 24. 12. 2014, dass sich der deutsche Kurienkardinal Cordes, er ist eng mit der Neokatechumenalen Bewegung des Kiko verbunden, öffentlich von Papst Franziskus distanziert hat. Die RP schreibt:

“Mit allen Würdenträgern und solchen, die sich dafür halten, pflegte Franziskus zum Abschiedsgruß (am 22. 12. 2014, CM) eine kurze herzliche Unterhaltung; nicht so mit dem emeritierten Kurienkardinal Paul Josef Cordes. Der hatte zum Entsetzen vieler seiner Mitbrüder neulich einem Besucher seine Abneigung gegen den Papst so offenbart: “Es hätte schlimmer kommen können.” Ein Vatikan-Intimus meinte dazu, Cordes sei wenigstens ehrlich, andere Traditionalisten in Purpur und Violett dächten genau abschätzig wie der Deutsche über den “Tango”-Theologen auf dem Stuhl Petri, sagten es jedoch nach vatikanischer Sitte nur hinter zwei vorgehaltenen Händen. (RP ONLINE am 26.Dez 2014 gelesen)

 

Publiziert: 24. Dezember 2014 | 07.13 Uhr

Franziskus’ riskante Gardinenpredigt

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosohischer Salon Berlin.

Die Erfindung des Landes Israel. Ein neues Buch von Shlomo Sand

Die Erfindung des Landes Israel: Ein neues Buch von Shlomo Sand

Erschienen im List Verlag Berlin. 396 Seiten. 11,99 €

Von Christian Modehn

Eine Rezension für die Zeitschrift PUBLIK FORUM, erschienen am 19. 12. 2104

Wer den Staat Israel verstehen will, sollte sich von Mythen und Märchen befreien, die über das „Land des jüdischen Volkes“ machtvoll verbreitet werden. Diese Position begründet ausführlich der weltweit angesehene Historiker der Universität von Tel Aviv. Jüdisch-polnischer Herkunft, will er mit seinem Buch anregen, den „entschwindenden Traum“ festzuhalten, dass Israel die Errichtung eines palästinensischen Nachbarstaates doch noch zulässt. Nur so kann Friede möglich werden auf einem Territorium, das, so Sand, im Rahmen eines maßlos agierenden Zionismus besetzt wurde. Die Schuld Europas und Amerikas an diesem Zustand wird nicht verschwiegen. Die Vorstellung, dass Juden ein fest strukturiertes „Volk“ sind, wird von dem Historiker zurückgewiesen. Judentum ist für Sand „nur“ eine Religion; das „verheißene Land“ ist wesentlich ein „religiöses Symbol“, aber kein politisches Projekt. Unter den heutigen politischen Bedingungen hält Sand an dem Existenzrecht eines allerdings umfassend friedfertigen (!) Staates Israel fest.

 

Glauben ohne Gott: Begegnungen mit Atheisten. Zu einem Film der ARD

Glauben ohne Gott: So der Titel eines Films von Christian Modehn im Ersten (ARD) 2007.

Es werden immer häufiger Zeitungs-Berichte und Bücher publiziert, die der Frage nachgehen: Wie sieht eigentlich ein Glaube ohne Gott aus, d.h. wie sieht eine Spiritualität aus bei Menschen, die konfessionell nicht gebunden sind und/oder an eine göttliche “Wirklichkeit” nicht glauben können/wollen. Es gibt jetzt auch Versuche von Atheisten, in “Sunday Assemblies” sozusagen “Gottesdienste”, Feierstunden ohne Gott zu gestalten. TIP Berlin berichtet z.B. darüber in seiner Ausgabe vom 18.12.2014. Clemens Niedenthal, der Autor des Beitrags “Nicht zu glauben” über die Suday Assembly in Berlin, schreibt am Ende seiner Reportage die sehr bedenkenswerten Worte: Nachdem er die Sonntagsversammlung der Atheisten verlassen hat, “beschleicht einen das Gefühl, dass ein Phänomen wie die Sunday Assembly vielleicht gar nicht mal nur von der Krise des Religiösen erzählt. Sondern umgekehrt auch eine Krise des Atheismus beschreibt. Offensichtlich ist es doch gar nicht so einfach, auf Gott zu verzichten. Dafür braucht es zumindest eine pseudoreligiöse Choreographie. Eben einen Gottes-, Verzeihungs-, Gutesdienst” (S. 33 TIP, 18.12. 2014).

Der religionsphilosophische Salon Berlin hat zu dem Thema “Atheistische Spiritualität” in den letzten Jahren etliche Beiträge publiziert. Auch einige Salonabende haben sich mit dem Thema befasst. Wir halten es für dringend wichtig und inspirierend, der Frage einer atheistischen Spiritualität nachzugehen, selbst wenn die Initiatoren des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons sich als religiös sehr interessiert und mit christlichen (z.B. liberal-theologischen) Traditionen verbunden wissen. Christen können aus der Begegnung mit Atheisten durchaus lernen;  jegliche feindliche Abwehr oder gar bloß Desinteresse sollte ausgeschlossen sein. Da gibt es unserer Meinung nach in kirchlichen Kreisen Berlins noch einen enormen Nachholbedarf.

In dem Zusammenhang fragen jetzt einige Leser unserer website, ob das Interview mit Christian Modehn (Autor des Films 2007) und der Protagonistin Gita Neumann vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) noch einmal zum Nachlesen zur Verfügung gestellt werden kann. Wir stellen das Interview, veröffentlicht im Humanistischen Pressedienst im Jahr 2007, noch einmal zur Lektüre bereit:

Humanisten im Fernsehen – was für eine Überraschung! Am kommenden Sonntag, am 25. Februar 2007 um 17.30 Uhr, zeigt die ARD in ihrem Ersten Programm die Reportage „Glauben ohne Gott”. Der RBB-Autor Christian Modehn begleitete dafür Gita Neumann, Referentin für Lebenshilfe beim HVD Berlin, über mehrere Monate zu verschiedenen Wirkungsstätten ihrer <Arbeit>.

Christian Modehn ist in dem Stoff, von dem der Film handelt, sehr umtriebig und unterhält dazu eine eigene <Homepage> als „Denkbar” mit Themen wie „Was hat Mystik mit Atheismus zu tun?” und „Was hat Philosophie mit Religion zu tun?” Gita Neumann ist wegen ihres Engagements für <Patientenverfügungen und humanes Sterben> bekannt.

Frau Neumann, Herr Modehn, herzlichen Dank für die Zeit, die Sie diesem Interview widmen. Herr Modehn, die erste Frage geht an Sie.

hpd: Was hat Sie bewogen, einen Film über ein Projekt des Humanistischen Verbandes hier in Berlin zu drehen?

Modehn: Am Anfang des TV-Projekts stand die Frage: Welche Lebensphilosophie haben Menschen, die sich atheistisch, agnostisch oder weltlich-humanistisch nennen? Den Begriff Lebensphilosophie könnte man auch in einer religionswissenschaftlich orientierten Sprache “Spiritualität” nennen. Ich bin als Journalist lebhaft interessiert, die Spiritualität(en) von Atheisten, Skeptikern, Agnostikern und Humanisten zu dokumentieren. Denn “Spiritualität” betrachten ja auch die Kirchen und die anderen Religionen nicht mehr als ihr Monopol.
JEDER Mensch hat seine eigene Spiritualität, seinen persönlichen Lebenssinn, seine persönlichen Werte und Normen. Bei dieser journalistischen Frage bin ich auch wieder an den Humanistischen Verband erinnert worden.
Vom Format des Halbstundenfilms wurde redaktionell im RBB die Konzentrierung auf eine Person, eine Protagonistin, vorgegeben. In einem Programm, das um 17.30 am Sonntagnachmittag gesendet wird, wollen die Zuschauer eher Menschen begegnen als einem Sachthema. Darum bin ich sehr dankbar, dass sich Gita Neumann vom Humanistischen Verband zur Mitarbeit bereit erklärt hat.
Frau Neumann kannte ich von Ihren aktuellen Aktivitäten wie von einem früheren Film für den SFB schon. Die Zusammenarbeit habe ich wieder als sehr angenehm empfunden.

hpd:Wie sind Sie auf den Titel gekommen?

Modehn: Ich denke, das war ein längeres gemeinsames Suchen. Entscheidend war die Frage: Wie kann ein Dokumentarfilm mit dem Thema möglichst weite Zuschauerkreise erreichen und konstruktive Diskussionen in Gang setzen.

hpd: Frau Neumann, was hat Sie bewogen, in diesem Film „mitzuwirken”? Einer Aussage in „diesseits” entnehme ich, dass Sie Wert darauf legen, sozusagen „dienstverpflichtet” worden zu sein?

Neumann: Nun ja, ich wollte erstens den Eindruck vermeiden, meine Person in den Mittelpunkt gerückt zu haben, wo es doch um weltanschauliche Fragen geht, die den Humanistischen Verband betreffen.
Zweitens war mir schon im Vorgespräch klar, wie viel Arbeit und Zeit da auf mich zukommen, auch organisatorischer Art. Es ging ja nicht nur um die neun Drehtage, dafür bestimmte Szenen aus einem schier unerschöpflichen humanistischen Umfeld auszuwählen und mit den Betroffenen abzustimmen. Sondern, nur ein winziges Beispiel, musste für alle Bewohnerinnen unserer Demenz-WG eine offizielle Einverständniserklärung der jeweiligen Betreuerin eingeholt werden – hätte eine einzige gefehlt, hätten wir nicht drehen können.

hpd: Nun liegt der Film vor, wird er Ihnen und den Kolleginnen (es kommen ja sehr viele Frauen vor) gerecht?

Neumann: Denen, die gezeigt werden, denke ich schon. Schade ist natürlich immer, wer und was alles fehlt. Ja, die Beratungs-, Sozial- und Betreuungsarbeit „direkt an den Menschen” wird natürlich auch im HVD im Wesentlichen von Frauen geleistet.

hpd: Wie war die Arbeit mit Herrn Modehn? Meinen Sie, er hat Sie zu sehr „gelenkt”?

Neumann: Das Verhältnis war gut und angenehm – sonst wäre das ja auch gar nicht auszuhalten gewesen. Es musste oft mehrfach derselbe Gang in ein Haus o. ä. gedreht, dann sehr oft die gleiche oder ähnliche Frage beantwortet werden – v. a. zu den „humanistisch-seelsorgerischen” und „spirituellen” Aspekten, die ihm besonders am Herzen lagen. Da muss man einfach Vertrauen haben und authentisch sein können – sich verstellen, aufpassen oder jedes Wort auf die Goldwaage legen, das geht da einfach auf die Dauer nicht. Weniger das “Lenken” als später die Auswahl, der Schnitt macht dann den Film aus.

hpd: In diesem Film wird viel über Spiritualität gesprochen. Meinen Sie, es gibt eine humanistische Spiritualität oder eine Spiritualität der Humanisten. Ist das Identisch und vor allem: Was ist das?

Modehn: Ich vermute, dass jeder Humanist seine eigene Lebensphilosophie, also Spiritualität hat. Da gibt es dann aber auch wieder vieles Gemeinsames. Also dann doch eine Spiritualität “der” weltlichen Humanisten. Das Thema ist ziemlich neu, darum ist es nicht einfach, Genaues zu beschreiben. Sicher wird humanistische Spiritualität eine große Liebe zu den Menschen haben, vor allem zu denen, die leiden, die Unrecht erfahren, die ausgegrenzt werden. Humanistische Spiritualität wird sich gegen allen Missbrauch des Wortes Gott in der Öffentlichkeit wehren: Etwa, wenn Gott benutzt wird, um Gewalt, Kriege, Ausgrenzung und Intoleranz zu verbreiten. Humanistische Spiritualität hat diesen kritischen Charakter, hat aber auch eine “innere”, meinetwegen seelische Dimension: die Liebe zur Stille, zur Meditation, zur Poesie, zur Musik, zum Miteinander, zur Erotik, zur inneren Freiheit ohne Tabus und Ängste.

hpd: Gab es einhellige Freude in ihrem Team bei dem Thema „Glauben ohne Gott”? Hatten Sie auf das Thema Einfluss?

Neumann: Mein direktes kleines Team von einem halben Dutzend Kolleginnen macht bei diesem Thema fantastisch mit. Es ist ja so, dass die Krankenkassen bei den Qualitätskriterien für die Finanzierung der ambulanten Hospizarbeit als vierte Säule die “spirituellen Bedürfnisse” sterbender Menschen – zusammen mit den körperlichen, sozialen und psychischen – von uns befriedigt sehen wollen. Deshalb haben wir uns zwangsläufig schon immer fragen müssen, was das – etwa im Sinne von Epikur – für konfessions- oder religionsfreie Menschen eigentlich ausmacht.
Der Kern der Antwort: Es ist die Sinnfrage. Was wir für gut und richtig halten, daran kann man eben nur glauben (das hat rein gar nichts mit Gottesglauben oder Frömmigkeit zu tun), das entzieht sich dem rationalen Zugang. Der Film wurde von manchen Kolleginnen als “zu todeslastig” angesehen. Dabei wird m.E. nicht verstanden, dass die Sinnfrage im humanistischen Sinn für die gilt, die mitten im Leben stehen. Vielleicht nach dem Motto: Lebe so, wie du, wenn du sterben musst, wünschen wirst, gelebt zu haben.

hpd: Was halten Sie von dem Motto: “Glaubst du noch oder denkst du schon”?

Modehn: Hinter dieser etwas saloppen Formulierung verbirgt sich ein wichtiges Problem. Ich hätte fast Lust, mit Gegenfragen zu antworten: “Kann man vom Denken her zu einer vernünftigen Form des Glaubens kommen?” “Wer nichts glaubt, denkt der das oder glaubt er das?” “Wie weit und wie tief will das Denken selbst verstanden werden, damit nicht schon der technische Verstand als Höchstform des Denkens gedacht wird?”
Aber zurück zu Ihrer Frage – Sofern diese Frage unterstellt: Religiöser Glaube ist etwas Magisches, Irrationales, Spinöses, Wundersames, Bigottes, Hinterweltlerisches, Autoritäres (z.B. Frauen und Homosexuelle Ausgrenzendes) und gar Gewalttätiges usw., dann hat dieses Motto recht: Dieser “Glaube” muss angesichts des kritischen Denkens überwunden werden. Er hat menschlich und philosophisch gesehen keinen Wert, so sehr sich ein einzelner darin subjektiv wohlfühlen mag. Aber objektiv verdient ein solcher “Glaube” alle Religionskritik!
So halte ich dieses Motto auf den ersten Blick für vernünftig, weil sich ja tatsächlich alles Tun der Menschen vor dem Denken (und damit vor dem Argument) rechtfertigen muss. Wir haben kein anderes Maß für ein vernünftiges Miteinander in einer pluralen Gesellschaft als die Vernunft – eben das Denken – die in Gesprächen immer mehr geklärt wird.

Dennoch meine ich: Das Denken selbst weist immer wieder in Bereiche, die mit naturwissenschaftlichem Verstand nicht erreicht werden. Im Denken selbst (!) zeigt sich, dass wir Menschen mehr sind als „Denken”: Wir haben Emotionen, Triebe, Gefühle usw., die vom Denken gesteuert werden (können, sollten). Aber diese Emotionen, z. B. Vertrauen, haben eben auch einen eigenen Stellenwert. Darauf wollen und sollen wir nicht verzichten.
Wir “glauben” dem anderen Menschen, dass er sein Wort hält. Wir glauben dem Partner, der Partnerin, dass wir gemeinsam durchs Leben gehen wollen usw. Wir können innerlich bewegt sein von Musik, Natur, Kunst und glauben dann: Da wurde in mir eine neue Stimmung wachgerufen.
In einer solchen Erfahrung, die ich bereits Glauben nenne, wird Tiefes berührt. Manche sagen, da werden Erfahrungen gemacht, die über das Alltägliche hinausgehen. Manche sprechen vom Erstaunlichen, vom Erhabenen. Manche nennen es Göttliches, manche nennen es Gott. In diesen Erfahrungen, über die man selbstverständlich reden und deswegen auch bedenken muss, sehe ich die eigentliche und wahre Basis all dessen, was ich Glauben nennen würde. Die Konfessionen und Religionen haben der Pflege dieser individuell je verschiedenen Erfahrung des Erstaunlichen und meinetwegen Göttlichen zu dienen.

Ich sehe den Begriff Glauben in dem beschriebenen Sinne also sehr tief verbunden mit den Vollzügen menschlichen, geistigen Lebens. Ich könnte also begründet sozusagen als Alternative sagen: “Ich glaube, weil ich denke. Aber ich lasse meinen Glauben immer vom Denken kritisieren”.

hpd: Kommt der Film zu richtigen Zeit, vom Thema her gesehen?

Neumann: Ja, aber in einem andern Sinn, als Sie vielleicht meinen. Es ist die richtige Zeit sich die Frage zu stellen: Kann und will auch eine humanistische Lebensphilosophie der Selbstbestimmung versuchen, Antworten zu finden auf das menschliche Bedürfnis nach Spiritualität und Halt, den z. B. ritualisierte Umgangsformen zu bieten vermögen? Dabei sind wir in der glücklichen Lage, auf ein Spezifikum unserer Tradition, nämlich die feierliche Gestaltung von Namens-, Jugend-. Hochzeits- und Trauerfeiern anknüpfen zu können.
Wollen wir schließlich einen neuen humanistischen Lebensstil entwickeln, der Anerkennungsstreben, Kritik, Vernunft und Realismus versöhnt mit Glauben, Hoffnung, Achtsamkeit und Liebe? Ohne letztere Dimension kann heute leicht die Gefahr bestehen, dass Unsentimentalität in Zynismus oder Gleichgültigkeit abgleitet.

Ich halte es gern mit Erich Fromm, der sich auf Marx, Freud und Buddha gleichzeitig beruft. Er spricht von „Transzendenz” im Sinne des Heraustretens „aus dem Gefängnis” des Egozentrismus und des „Haben-Wollens” im Sinne von Überwindung des Waren- und Konsumfetischismus. Das heißt natürlich, dass wir für unsere Überzeugungen eintreten, auch in den politischen Diskurs, dass wir uns nicht lieb und nett auf den „großen Dialog” mit allen Gutwilligen beschränken. Der Kampf um Selbstbestimmung, die schonungslose Kritik von entmündigenden Verhältnissen war immer unverzichtbarer Bestandteil unserer humanistisch-freigeistigen Tradition.

hpd: Entdecken nun auch die Humanistinnen und Humanisten den Glauben?

Modehn: Könnte ja sein, dass sie einen Glauben längst entdeckt haben: Immer wenn Vertrauen, Solidarität, Hilfsbereitschaft gelebt werden, spielt ja, denke ich, der Glaube eine Rolle: Der engagierte Atheist glaubt eben auch, dass es gut und richtig ist, gut zu sein, solidarisch zu sein. Dass Gutsein eben gut und vernünftig ist, lässt sich doch nicht mathematisch demonstrieren! Die traditionelle (und historisch gesehen sehr verständliche) Abwehr des kirchlichen Glaubens durch die Atheisten und weltlichen Humanisten darf ja nicht blind machen. Ich denke deswegen manchmal: Auch Atheisten “glauben” in dem beschriebenen menschlichen Sinne wie alle anderen Menschen auch. Dass sie sich aber einem konfessionellen Glauben, etwa einer Kirche, nicht anschließen, ist ohne jede Frage ihr gutes Recht. Glauben ist an keine bestimmte Institution gebunden!

hpd: Haben Sie hier Unterschiede zu Christen in Ihren früheren Filmen festgestellt? Worin sehen Sie die?

Modehn: Ich denke, alle Menschen, die ernsthaft und authentisch humanistisch sind, also auch glaubende Humanisten, etwa Christen, leben von diesem Impuls, dem leidenden Menschen beizustehen.
Ich möchte aber an das Beispiel von Gita Neumann erinnern, an ihre Fürsorge für Menschen, die am Leben leiden und nicht vor Schmerzen krepieren wollen. Dieses Verständnis und Einfühlen, das habe ich sicher auch unter Christen gefunden. Nur: Sind die Christen nicht oft ängstlicher, irgendwie bei den kirchlichen Autoritäten anzuecken: Etwa, wenn es darum geht, über konsequente Selbstbestimmung zu sprechen auch gegenüber meinem eigenen Tod? Ich finde auch, der Einsatz für eine konsequente Durchsetzung der Patientenrechte durch Gita Neumann ist natürlich sehr anerkennenswert.

hpd: Sind Sie Christ, wenn man so was fragen darf?

Modehn: Darf man gelegentlich mal fragen. Nur haben es Christen schwerer als Atheisten, mit einem klaren Ja oder klaren Nein zu antworten. Denn Christentum ist eine äußerst vielfältige Bewegung. Ich persönlich fühle mich mit den katholischen mystischen Traditionen (z.B. Meister Eckart oder dem Karmel) sowie mit der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung verbunden. Besonders nahe fühle ich mich als Theologe und Philosoph den Freisinnigen protestantischen Kirchen der Niederlande.
Sie sind übrigens gern gesehene Gesprächspartner der niederländischen Humanisten. Leider in Deutschland nahezu unbekannt!

hpd: Sie sind die „Bundesbeauftragte des HVD für Patientenverfügungen und humanes Sterben” und werden ganz persönlich, teilweise mit Ihrem Mann, dem Künstler Rudolf Valenta, porträtiert. Wo würden Sie, nachdem der Film fertig ist, wenigstens hier per Interview, Korrekturen, wenigstens leise, anmerken wollen?

Neumann: Das überlasse ich gern anderen, es gibt ja genug Kritiker/innen, die den Beitrag entweder als zu sentimental oder auch zu kulturell empfunden haben und sich mit ihrem Realismus hier gar nicht wiederfinden. Nun ja, Herr Modehn hat mir vielleicht ein wenig zuviel “Naturmystik” angedichtet – mir geht es eigentlich um das nicht erklärbare Wunder, wie überhaupt Leben entstanden ist – die Evolutionsgesetze können wir ja wissenschaftlich gut beschreiben.
Dann hätten einige Angaben bezüglich des Humanistischen Verbandes präziser sein können. Etwa, dass es sich bei der gezeigten Uraufführung der tschechischen Komponistin Sylvi Smejkalova um ein von einer unabhängigen Jury preisgekröntes Musikstück handelt, und zwar aus Anlass der 100jährigen Jubiläumsfeier des Humanistischen Verbandes (mit Eröffnungsrede des Berliner Regierenden Bürgermeisters). Also ein bisschen mehr (verbands-) politische Aspekte und ein Hinweis auf unsere bundesweiten Erfolge, z. B. mit der Patientenverfügung in den Verbrauchermagazinen an oberster Bewertungsstelle zu stehen, hätten dem Film gut getan. Auch fehlt auf meine Person bezogen vollständig das Aktivistische, z. B. im Bereich Patientenrechte, und das Intellektuelle, was mich eigentlich auch stark macht.

hpd: Nun handelt der Film viel von Sterbehilfe und Patientenverfügungen. Und Sie haben das Team (des HVD) beobachtet. Was würden Sie jetzt, rückblickend zu dem Thema sagen?

Modehn: In dem Film wird Sterbehilfe eigentlich nicht thematisiert! Frau Neumann begleitet einen schwerstkranken Menschen, der sich nach einem würdigen Abschied ohne Schmerzen sehnt. Humanistische Seelsorge, nicht Sterbehilfe, ist eines der Themen des Films!
Ich persönlich meine darüber hinaus und abgesehen von diesem Film, dass es doch viel Anerkennung verlangen sollte, wenn immer wieder laut Umfragen 80 Prozent der Bundesbürger aktive Sterbehilfe in Ausnahmesituationen richtig und ethisch akzeptabel finden. In den meisten “Fällen” sind Hospize das richtige Angebot.
Ich habe bisher leider nur in den Niederlanden Christen, Protestanten wie Katholiken, getroffen, die offen für eine aktive Sterbehilfe eintreten. Der neue Leiter des dortigen Verbandes NVVE (Verband für Freiwillige Euthanasie) in Amsterdam ist ein “praktizierender Katholik”. Diese Christen wissen von ihrem kirchlichen Glauben her: Der schwerstkranke leidende Mensch, der um aktive Sterbehilfe bittet und ein würdiges Ende im Kreise seiner Lieben will, der kehrt ja endlich – seinem Glauben gemäß – in seine himmlische Heimat, zu Gott, zurück. “Unsere wahre Heimat ist der Himmel”, sagt der Apostel Paulus. Was können kirchliche Instanzen eigentlich dagegen haben?

hpd: Bei dieser Gelegenheit eine Sachfrage: Wie viele Patientenverfügungen hat der HVD in den letzten Jahren abgeschlossen?

Neumann: Wir fassen in unserem interdisziplinären Team in Berlin täglich gut fünf individuelle Patientenverfügungen ab, im Jahr etwa 1250, und das seit Anfang der neunziger Jahre, allerdings waren es vor 1999 deutlich weniger. Dazu täglich unzählige Beratungen von Hilfesuchenden telefonischer, persönlicher oder auch elektronischer Art. Unsere Internetseite wird von über einer halben Millionen Menschen jährlich besucht und für Downloads genutzt. Darüber hinaus wurden im letzten Jahr etwa 35.000 Broschüren mit Vorsorgeformularen und Textbausteine für so genannte Standard-Patientenverfügungen postalisch bei uns bestellt oder abgeholt.

hpd: Was ist hier Ihre wichtigste Erfahrung?

Neumann: Selbstbestimmung und Fürsorge gehören eng zusammen, beides ist von Verantwortlichkeit getragen. Und: Aufklärung muss meist leider immer wieder bei Null anfangen.

hpd: Was würden Sie in der jetzigen Debatte um ein „Patientenverfügungsgesetz” Politikerinnen und Politikern unbedingt mit auf den Weg geben?

Neumann: Die Politik kann und soll kein generelles Misstrauen gegen die (Eigen-) Verantwortlichkeit der beteiligten Akteure, vor allem der Familien haben, diese nicht mit Überreglementierungen und überflüssigen amtsrichterlichen Kontrollverfahren drangsalieren. Lebensende, Sterben und die Einwilligung in körperinvasive Eingriffe müssen dem Bereich des Persönlichen überantwortet bleiben.
Die einfachste und praktikabelste Rahmenregelung ist die Beste. Und die lautet: Eine valide Patientenverfügung gilt – unabhängig von Krankheitsstadien oder gar Krankheitsarten – verbindlich, wenn sie nur hinreichend konkret auf die dann eingetretene Situation beziehbar ist. Alle anderen Detailüberlegungen schaden nur, weil sich der Einzelfall der gesetzlichen Normierung entzieht. Jeder Politiker und jede Politikerin sollte sich fragen: Wer bin ich denn, für einen anderen Menschen einen Katalog aufstellen zu wollen, ab wann dessen Leben nicht mehr oder immer noch lebenswert ist. Da ist die Tür zur aufgezwungenen Intensivmedizin oder auch zur Diskriminierung weit offen

hpd: Noch mal zur Eingangsfrage: Sie kennen den HVD seit einigen Jahren. Wie beurteilen Sie ihn gesellschaftspolitisch? Was würden Sie den Leuten im HVD unbedingt noch sagen wollen?

Modehn: Mir steht es nicht zu, als beobachtender Journalist als Lehrmeister aufzutreten. Aber, wenn die Frage schon gestellt wird: Ich denke, der HVD könnte noch mehr das Gespräch mit religiösen Humanisten suchen. Ich denke oft daran, dass der bekennende Atheist, der Publizist Alfred Grosser, Paris, seit vielen Jahren gern gesehener Kommentator der katholischen Tageszeitung LA CROIX (Paris) ist. Warum gibt es ähnliches nicht in Deutschland?
Der HVD könnte sich doch auch Menschen öffnen, die sich vom (fundamentalistischen Bereich) des Islam lösen. Warum gibt es kein Gespräch mit der philosophischen Tradition der Aleviten? Warum ist so wenig zu spüren von einem Gespräch mit Buddhisten, die ja eine gott-lose Religion praktizieren? Warum gibt es keine kleinen offenen Gesprächs- und Begegnungsorte der Humanisten mitten in der Stadt, wie diese “Zentren der Offenen Tür”, die etwa den Humanisten in Belgien so wichtig sind. Da könnten offene humanistische Seelsorge und philosophische Kurse angeboten werden und warum nicht auch humanistische Meditationen in Zusammenarbeit mit Buddhisten. Solche humanistischen Zentren könnten doch die Seelsorge der Kirche beleben.

Die Fragen stellte Gabriele Groschopp

 

 

 

Grenzen der Heidegger Forschung

Es gibt keine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers

Über die Grenzen der Heidegger Forschung

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 13. 11. 2014 (Nr. 47) veröffentlichte DIE ZEIT einen wichtigen Beitrag von Eggert Blum über neue Erkenntnisse einer kritischen Heidegger-Forschung. Der Titel „Die Marke Heidegger“. Der Untertitel „Wie die Familie des Philosophen jahrzehntelang versuchte, das Image des umstrittenen Denkers zu kontrollieren und kritische Studien klein zu halten“.

Eggert Blum arbeitet als Journalist vor allem für SWR 2.

Sein Beitrag für DIE ZEIT findet unseres Erachtens leider nicht eine breitere Rezeption in der Öffentlichkeit. Dabei bietet er einige wichtige Erkenntnisse aus neuester Forschung über den Philosophen Martin Heidegger. Um zu weiteren Recherchen – wenn möglich – zu ermuntern, nur einige zentrale Fakten aus dem Beitrag von Eggert Blum.

– Die Familie Heideggers, allen voran der Sohn Hermann Heidegger, „üben eine strikte Kontrolle über die Gesamtausgabe aus, sie beanspruchen Deutungshoheit über das Heideggerbild in der Öffentlichkeit und versuchen, kritische Stimmen klein zu halten“. Tatsache ist also, trotz der allmählich abgeschlossenen „Gesamtausgabe“: „Es gibt keine historisch-kritische Gesamtausgabe, die Änderungen des Autors kenntlich und so die Textgeschichte überprüfbar mache“. Damit sind vor allem die Äußerungen des NSDAP Mitglieds Martin Heideggers (Mitglied bis 1945) zur Rolle der Juden gemeint, etwa: „Über die Vorbestimmung der Judenschaft zum planetarischen Verbrechertum“ (so ein Zitat Heideggers in DIE ZEIT vom 13.11.2014).

– Die Philosophin Sidonie Kellerer hat sich große Verdienste erworben, im Detail nach zu weisen, wie Martin Heidegger nach 1945 höchst peinliche Äußerungen (um es mal moderat zu sagen) über Juden ausgelöscht hat. Der Beitrag zeigt diese sehr genaue Recherche am Beispiel des Aufsatzes “Zeit des Weltbildes”, den Heidegger 1938 in Freiburg gehalten hat. In der Veröffentlichung dieses Aufsatzes in dem Sammelband “Holzwege” 1950 streicht Heidegger Äußerungen dieses Vortrags, die er 1938 zugunsten der NSDAP Ideologie gemacht hatte.

– Nachschriften aus Universitätsseminaren, etwa aus dem Wintersemester 1933 /34, in denen Heidegger den Führerstaat, Nationalismus und Antisemitismus propagiert, fehlen in der Gesamtausgabe. Sie ist ja auch keine kritische Gesamtausgabe … und somit eigentlich nur sehr begrenzt für die Forschung verwendbar. Dies ist wohl die am meisten schockierende Erkenntnis, die der Artikel vermittelt.

– „Teile des Nachlasses befinden sich weiter in Familienhand“, also bei Hermann Heidegger und dessen Sohn.

– Hermann Heidegger, der Sohn,  publiziert seine Erinnerungen an die Kriegsgefangenschaft im Verlag ANTAIOS, wo sich vor allem Autoren der so genannten Neuen Rechten (Nouvelle Droite, etwa der Meisterdenker Alain de Benoist tummeln). Der ANTAIOS Verlag stellt Hermann Heidegger auf der Verlagswebsite – zweifellos mit dessen Einverständnis – vor: „Seit 1976 ist Hermann Heidegger verantwortlich für die Gesamtausgabe der Werke seines Vaters Martin Heideggers“.

– Der von Heidegger selbst geschätzte Interpret und Herausgeber einiger Werke der Gesamtausgabe, der Philosoph Friedrich Wilhelm von Herrmann, hat dem russischen Nationalisten Alexander Dugin (er gehört zu Putins Beraterkreis) ein zweistündiges Filminterview gegeben. Der Journalist und Philosoph Thomas Assheuer schreibt über Alexander Dugin in “Die Zeit” vom 17. Dezember 2014, Seite 4: “Von der inneren Unterwanderung des Westens träumt auch der russische Philosoph Alexander Dugin. Im Mai (2014) war Dugin in Wien Stargast eines =Geheimtreffens=, an dem neben dem FPÖ Chef Heinz Christian Strache auch die Ekelin Jean-Marie Le Pens teilnahm, also eine Abgeordnete des /französischen/ Front National… Dugin wird nicht beleidigt sein, wenn man ihn eine Neofaschisten nennt… Dugin entwirft  eine Blaupause für eine postliberale Gesellschaft, die auf den Ruinen des Westens errichtet werden soll…”

Uns ist nicht bekannt, ob sich der “hervorragende Heidegger Spezialist”, Prof. Friedrich Wilhelm von Herrmann, zur Bedeutung und zum Sinn seinwa ausführlichen Fernsehgesprächwa mit Dugin geäussert hat. Die Hauptfrage bleibt also: Welche philosophische Nähe zwischen Dugins explizitem Abweisen des demokratischen Liberalismus und der expliziten Kritik Heideggers an der “Macht des westlichen Imperalismus” gibt es? Ist es also purer Zufall, dass sich der Neofaschist Dugin für Heidegger interessiert und sich alles hübsch von Heideggers Sekretär und Oberinterpreten erläutern lässt?

– Eggert Blum stellt am  Ende seines Beitrags die Frage: „Man mag fragen, warum man sich heute noch mit Heidegger beschäftigen soll. Ist über den NS Philosophen nicht alles Entscheidende gesagt? Kann man den ernst zu nehmenden Teil seiner Philosophie nicht einfach den Spezialisten überlassen?“ Der Autor fährt fort: „Das könnte ein Irrtum sein. Denn für Nationalisten und radikale Rechte ist dieses Denken attraktiver denn je“.

Der Beitrag in DIE ZEIT: http://www.zeit.de/2014/47/philosoph-heidegger-antisemitismus

Zum Interview Friedrich W. von Herrmann mit dem russischen Nationalisten Alexander Dugin:

http://www.4pt.su/de/content/prof-alexandre-dugin-mit-prof-friedrich-wilhelm-von-herrmann

Die angesehene Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ veröffentlichte 2007 einen Beitrag über Dugin mit dem Titel „Faschismus a la Dugin“. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Von der Lust am Weihnachtsoratorium. Einige Fragen.

Die „Weihnachts-Spiritualität“ wird immer beliebter: Das Weihnachtsoratorium als Gottesdienst.

Ein Hinweis

Von Christian Modehn

„Der Tagesspiegel“ berichtet am 14. Dezember 2014 unter dem Titel „Herzen in die Höhe“ über die Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von J.S.Bach in Berlin zur Advents- und Weihnachtszeit. Der Artikel von Carsten Niemann nennt eine interessante Statistik: „Mit rund 50 Aufführungen pro Saison hat wohl keine andere Stadt der Welt eine solch hohe Dichte der Darbietungen der 1734 entstandenen sechs Kantaten aufzuweisen“ (S. 27). Und das Interesse des Publikums am Weihnachtsoratorium von Bach und die Bereitschaft der Sängerinnen und Sänger sowie der Orchestermitglieder (oft ebenfalls hoch qualifizierte „Laien“), das Werk immer wieder neu aufzuführen, sei ungebrochen groß. Wie viele Menschen hören in einem Jahr das Weihnachtsoratorium in der “gottlosen” Stadt Berlin? Einige tausend sind es gewiss.

Wer sich für Spiritualität in der Stadt und damit auch für die Relevanz der Kirchen und Gottesdienste in der Stadt Berlin interessiert, sollte sich auch soziologisch und religionswissenschaftlich mit der Beliebtheit des Weihnachtsoratoriums gründlich auseinandersetzen (und dann eben auch mit den sicher genauso beliebten Matthäus-Passion und Johannes Passion). Das Weihnachtsoratorium bestimmt das Bild von Weihnachten bei vielen tausend Menschen. Man bräuchte eine Statistik, die die Teilnehmerzahl an den Aufführungen deutlich macht, die Anzahl der Chormitglieder erforscht, deren Motive, alle Jahre wieder das Weihnachtsoratorium zu singen. Es wäre nach dem spirituellen Hintergrund der Hörer wie der Aufführenden zu fragen. Diese Informationen liegen nicht vor. Eine “Theologie für Berlin und über Berlin” hätte hier ein gutes Thema. Das bearbeitet bloß unseres Wissens niemand. Darum können nur Vermutungen und Fragen geäußert werden:

1.

Weihnachten ist und bleibt für viele Menschen immer noch ein „Grund“, eine christliche Kirche zu betreten und sei es wegen des Weihnachtsoratoriums. Musik berührt mehr die Herzen als das langatmige Wort?

2.

Auch wenn die Aufführungen in einem Konzertsaal geboten werden, haben sie doch keine säkulare, bloß ästhetisch interessante Bedeutung. Diese Aufführungen in weltlichen Räumen haben auch eine spirituelle Dimension. Sind die Gottesdienste in säkularen Räumen nicht auch Gottesdienste? Gewiss, wie die Weihnachtsoratorien, die in den Kirchen aufgeführt werden.

Wir meinen, Weihnachtsoratorien sind immer Gottesdienste, also meditative Stunden, wenn auch die sprachliche Gestalt des Oratoriums für viele befremdlich ist. Deswegen wird auch sozusagen der schönen Musik und der Gesamtstimmung wegen der Text oft „überhört“ (also ignoriert ?).

In jedem Fall sind es wohl viele tausend Berliner und ihre Gäste, die dem Weihnachtsoratorium still für sich hörend folgen, dabei in einer hörenden Gemeinschaft verweilend, und dabei auch bestimmte spirituelle Eindrücke „mit nach Hause“ nehmen. Dieser „Effekt“ entspricht genau der Wirkung einer guten Predigt. Nur kann man darüber leichter ins Gespräch kommen als etwa über das Lied „Vom Himmel hoch da, komm ich her, ich bring euch gute, neue Mär…“

3.

Wenn für viele Menschen im Laufe eines Jahres ganz zentral Weihnachten der spirituelle, auch musikalisch spirituelle Höhepunkt ist und vielleicht überhaupt das einzige spirituelle Ereignis im Jahr, dann könnte gefragt werden: Wird in dieser Präferenz von Weihnachten tatsächlich das Zentrum des christlichen Glaubens getroffen? Anders gefragt: Hat jemand das Christentum verstanden, wenn er beinahe nur Weihnachten kennt. Sicher nicht. Denn schon für die ersten Christen war die Geburt Jesu ein Randthema. Der erste christliche Schriftsteller, der Apostel Paulus, erwähnt Weihnachten gar nicht. Die Predigt Jesu, seine Bergpredigt, insgesamt das Leben Jesu, das zur Hinrichtung führt und zu einer Form der bleibenden Bedeutung (Auferstehung), ist  wichtiger als Weihnachten.

In unserer Sicht gibt es eine Bedingung, für ein adäquates Verstehen von Weihnachten, die der Berliner Theologe Prof. Wilhelm Gräb in verschiedenen Interviews für diese Website nennt: Die Menschen können zu Weihnachten erleben und begreifen, dass mit der Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth (das ist Weihnachten) die Gottesverbundenheit EINES JEDEN Menschen greifbar wird, offen gelegt werden soll. Weihnachten ist also als das Fest der innigen Gottesnähe in JEDEM Menschen ohne jeglichen Ausschluss. Jeder Mensch ist absolut wichtig. Jeder Mensch hat Anspruch auf elementare Rechte (und Pflichten). Das ist eine radikale Aussage mit entsprechenden ethischen und politischen Konsequenzen.

Von da aus wäre dann weiter über die „Sakralität der Person“ (Hans Joas) zu sprechen und den Menschenrechten usw. Weihnachten wird so zur spirituellen Ermöglichung, dass Menschen eine gerechtere Welt für alle mitgestalten… Weihnachten wäre ein Fest der Menschenrechte.

Aber kann das Weihnachtsoratorium vor dem Kitsch und dem Konsum des Weihnachtsrummels bewahren, bietet es Widerstandskräfte dagegen? Wir wagen es zu bezweifeln. Den blinden Kaufrausch in der reichen Welt hat kein Weihnachtsoratorium – bis jetzt – gestoppt

4.

Darum – so unser Vorschlag – sollte mit der gleichen Intensität, mit der immer wieder das Weihnachtsoratorium aufgeführt wird, auch neue, zeitgemäße spirituelle Chormusik, auf höchstem Niveau, gerade zu Weihnachten aufgeführt werden. Vielleicht als 2. Teil zu Bach, als Kontrast, als musikalisches Fragezeichen für die Hörer. Sicher aber auch als eigene Veranstaltung. Der Eindruck herrscht doch vor: Weihnachten sind nette Geschichtchen, nette musikalische Erbauung, viele Kindheitserinnungen usw., alles unterstützt durch Weihnachtslieder, deren Inhalt sich niemandem mehr spontan erschließt, man singt Liedchen und weiß nicht, was sie bedeuten. Hat die inflationäre Aufführung des Weihnachtsoratoriums daran Anteil?

Wer etwas anderes wünscht, dem können wir nur dringend die Lieder des Dichters und Theologen Huub Oosterhuis (Amsterdam) empfehlen. Sie sind musikalisch von hohem Niveau und vom Text her alles andere als fromme oder gar banale Sprüche, denen man sonst in so vielen modernen Kirchensongs begegnet. Mit anderen Worten: Etwas weniger Bach, etwas weniger Weihnachtsoratorium, wäre für die Entwicklung einer  spirituellen und auch theologischen Vertiefung sicher förderlich. Wer geht denn in die Oper, um immer nur „Die Entführung“ zu hören?

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Was ist wesentlich im Christentum? Eine Ra­dio­sen­dung am 4. Januar 2015 um 9.04 Uhr

Der Glaube auf den Punkt gebracht. Über das Wesen des Christentums

Eine Ra­dio­sen­dung im Saarländischen Rundfunk 2. Programm um 9.04 Uhr   Von Christian Modehn

Wenn die Kirchen an der Seite der Armen und Ausgegrenzten stehen wollen, dann wirkt ein umfassendes und „kluges“ System von Dogmen und komplizierten Moralprinzipien eher unpassend. Diese Überzeugung vertritt Papst Franziskus. Dabei wiederholt er die alte theologische Weisheit: Der christliche Glaube ist einfach, was nicht heißt, er sei „schlicht“. Aber: „Man muss nicht Theologie studieren, um glauben zu können“, betont auch der protestantische Theologe Christoph Markschies von der Humboldt Universität, „das Wesen des Glaubens lässt sich auch in wenigen Worten aussagen“. Dadurch werden auch die berühmten „Kurzformeln des Glaubens“ wieder aktuell, die der katholische Theologe Karl Rahner vorgeschlagen hat. Sie sind keineswegs kurze Sprüche, sondern Reflexionen in vernünftiger Sprache, die das Wesen des Glaubens aussagen. So werden Menschen ermuntert, auch persönliche „Glaubensformeln“ zu formulieren, die das aussprechen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Ein Beitrag, der anregt, weiter über das “alte Thema” Wesen des Christentums zu diskutieren.

 

Die erlösende Kraft von Weihnachten. Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Weiter Denken: Drei Fragen an Wilhelm Gräb:

Die erlösende Kraft von Weihnachten

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Jesus Christus wird zu Weihnachten in vielen Liedern und Gebeten als der Erlöser gepriesen. Was bedeutet das, Jesus Christus Erlöser zu nennen?

Ich muss gestehen, dass ich mir die ungeheure, weit über die Kirche und die Gemeinde der Frommen hinausreichende Leuchtkraft von Weihnachten gar nicht anders als aus seiner erlösenden Wirksamkeit verständlich machen kann.

Die Botschaft des Engels an die Hirten, die auf den Feldern rings um Bethlehem ihre Herden hüteten, wollte und konnte eine große Freude auslösen: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Retter (griechisch: Sotèr, von Luther mit „Heiland“ übersetzt) geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lukas 2, 10f.) Darauf geht zurück, dass an Weihnachten Jesus Christus als der Erlöser „gepriesen“ wird, wie Sie sagen. Und es ist doch auch so, mir jedenfalls geht es so, wenn ich im Gottesdienst an Heilig Abend diese Engelsbotschaft höre, dann spüre ich tatsächliche eine Freude in mir aufkommen. So ganz erklären kann ich mir das nicht, aber eine unwahrscheinliche Wärme breitet sich aus und umhüllt mich.

Allerdings, Sie haben dennoch recht, ich habe die allergrößten Schwierigkeiten, zu verstehen, was damit eigentlich gemeint sein könnte, dass Jesus Christus unser Erlöser ist. Dann jedenfalls, wenn mit dem Erlösungsgeschehen dieses heilsgeschichtliche Drama gemeint sein sollte, die Intervention eines Gottes, der, durch die Sendung seines geliebten Sohnes, die in ihrem verkehrten Wesen gefangene Menschheit vor den ewigen Sündenstrafen errettet.

Mit diesen messianischen Vorstellungen und dem ganzen mythologischen Szenarium, die hinter dieser Vorstellung von Christus als dem Erlöser stecken, komme ich nicht zurecht. Und eben auch nicht mit der Behauptung einer exklusiven, mit Geburt und Tod Jesu Christi verbundenen Heilstatsache. Was geht mich diese an? Warum sollte dieses Ereignis, wenn es denn eines war, für mich geschehen sein? Das verstehe ich nicht. Auch, weil ich mit der Vorstellung einer Heilsgeschichte überhaupt, einer Geschichte, die der wirklichen Geschichte parallel laufen, aber nur dem gläubigen Auge sichtbar sein soll, nichts anfangen kann. Für mich gibt es nur die eine wirkliche Geschichte, mit ihren vielen großen und kleinen, schönen und schrecklichen Geschichten, mit der Geschichte auch, in der damals, so erinnert sie das Lukas-Evangelium, die Hirten jene Engelsstimme hörten, die ihnen das Zeichen von der Geburt des Erlösers gab.

Diese schöne Geschichte erzählt der Evangelist Lukas. Aber Lukas erzählt diese Geschichte so, dass sie von jeder Gegenwart gehört werden kann als würde sie gerade jetzt geschehen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Euch – Heute! Nicht damals, nicht nur der Maria und dem Joseph, nicht nur den Hirten und schon gar nicht allein vor 2000 Jahren. Nein, Euch, also mir und dir, heute, gerade jetzt, jetzt da ihr von der großen Freude über die Geburt des göttlichen Kindes hört.

Klug, wie der Engel war, fährt er fort: „Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Ein Zeichen ist die Geburt dieses göttlichen Kindes. Ein Zeichen für die göttliche Lebenskraft in euch allen. Seht selbst, ihr erlebt es doch, mit jedem Atemzug, das Wunder des Lebens. Ihr seht, was euer Leben reich macht. Es ist die Liebe, die ihr erfahrt und anderen geben könnt. Es ist die Fürsorge, mit der ihr einander helfen könnt. Es ist der Sinn, der euch in eurem Handeln trägt. Es sind der Mut und die Hoffnung, mit denen ihr, täglich neu, an eure kleinen und großen Aufgaben geht.

In allem, was euer Leben reich macht, ist Gottes Liebe wirksam, heute und alle Tage. Dass das so ist, dafür ist dieses göttliche Kind das Zeichen, für die unscheinbare und doch so überwältigende, uns ins Lebens bringende und im Leben erhaltende Gegenwart Gottes.

Das Kind in der Krippe ist dafür ein Zeichen bloß, aber was heißt schon, ein Zeichen bloß – dann vor allem, wenn zugleich wir die Botschaft des Engels von der großen Freude hören, die, folgen wir nur diesem Zeichen, unser Herz erfüllen wird. Denn dann kommen wir zur Krippe und stehen vor dem Kind, das der Welt ihren Glanz zurückgibt. Von dem göttlichen Kind strahlt die Weihnachtsfreude aus, alle Jahre wieder. Denn es ist das Zeichen für die Unendlichkeit der göttlichen Liebe. Weil von ihr im Anblick des göttlichen Kindes – ja, vielleicht müssen wir sogar sagen, jedes neugeborenen Kindes – eine Ahnung aufkommt, deshalb können sich alle, auch die, die mühselig und beladen sind, im Anblick des neugeborenen Kindes frischen Lebensmut gewinnen, an allen Tagen des Jahres, und seien sie noch so dunkel

2. Jesus Christus wird zu Weihnachten der Retter genannt. Wie kann eine ferne Gestalt, gestorben vor 2000 Jahren, Retter sein? Sollten wir nicht Neues sagen und betonen: Wir Menschen heute sollen einander zu Rettern werden?

Wirklich und wirksam wird die Gegenwart Gottes immer nur in der eigenen Seele. Ein vergangenes Heilsgeschehen hilft mir in der Tat gar nichts. Die religiöse Bedeutung der Weihnachtsbotschaft erschließt sich in unserem Innern. Eine jede Zeit und jeder Mensch können mit ihr gleichzeitig werden. Dann, wenn wir die tiefe Kluft zwischen Jesus und uns überwinden. Dann bringt uns die Erzählung von der Geburt des Retters eine Wahrheit nahe, die im Grunde allen Menschen gilt. „Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen“, so endet die Botschaft des Engels an die Hirten. (Lk 2,14)

Das Zeichen, das auf das göttliche Kind im Stall von Bethlehem zeigt, verweist auf etwas, das für alle Menschen ein Grund zur Freude ist. Nicht nur das Jesuskind ist aus Gott geboren. Alle Menschen können und sollen erkennen, dass sie aus Gott geboren, göttlichen Ursprungs sind, mit göttlicher Lebenskraft begabt, zur Gestaltung einer Welt berufen wie Gott sie schon mit dem ersten Schöpfungstage gemeint hat: Eine Welt, die für alle die Fülle des Lebens bereit hält, in der alle als Gottes Kinder in der einen Menschheitsfamilie friedlich zusammenleben.

Das erscheint uns als eine allzu verwegene Hoffnung. Sie aber hatte der Engel über den Fluren Bethlehems im Sinn, als er das Versprechen des Friedens auf Erden und eines Wohlgefallens für alle Menschen gab. In der universellen Bedeutung des Zeichens, das auf das Kind in der Krippe zeigt, liegt dessen rettende und erlösende Kraft. Kein anderer hat das so gut zum Ausdruck gebracht wie Paul Gerhardt in seinem Lied, das uns, indem wir es mitsingen, selbst vor die Krippe treten lässt. Dabei geschieht die mystische Verschmelzung zwischen uns und dem göttlichen Kind, gipfelnd darin, dass ich selbst zur Krippe werde, in der Gott rettend, d.h. uns Menschen mit der Welt und untereinander, ja, mit allen Kreaturen in Frieden verbindend, zur Welt kommt: „So lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“

Weihnachten lebt nicht aus der Erinnerung an ein vermeintliches Heilsgeschehen, das sich vor 2000 Jahren ereignet haben soll. Solche Zeitrechnungen kennt die Religion gar nicht. Die Religion lebt von mythischen Bildern und deutungskräftigen Zeichen, die, wenn sie wahr sind, uns ganz gegenwärtig zur tieferen Verständigung über unser merkwürdiges Dasein führen. Wenn sie wahr sind, d.h. die Wirklichkeit erschließen, dann sind sie in jedem Heute wahr. Das Kind in der Krippe, auf das der Weihnachtsengel zeigt, ist ein solches deutungskräftiges Zeichen für Gottes unendliche Liebe zu seiner Schöpfung. Es zeigt darauf, dass alle Menschen Geschwister in der einen großen Menschheitsfamilie sind, geliebte Gotteskinder – aufeinander angewiesen, trotz aller Gegensätze und tödlichen Streits, zutiefst doch miteinander verbunden – in dem Gott, der die Welt und uns mit ihr in seinen Händen hält.

3. Jesus von Nazareth wurde, so der Mythos, offenbar in einem armen Stall geboren. Wenn man an diesem Bild festhält: Ist da nicht ein Wink, ein Hinweis, der ersten Christen: Nicht in der Idylle ist der Gottmensch zu suchen, sondern in der Armut? Ist das nicht ein Fingerzeig, dass der –engagierte- Blick der religiösen Menschen auch in die Hässlichkeit, in den Stall, die Obdachlosigkeit, ja auch zu den Tieren, gehen sollte? Ist in diesem Milieu nicht das Göttliche auch zu suchen?

Das Kind in der Krippe ist uns das unübersehbare Zeichen, dass Gott, der Grund und Sinn alles Seins, nicht droben über den Wolken und schon gar nicht jenseits der Welt zu finden ist, sondern mitten in ihr, ganz unten zudem, bei denen, die mühselig und beladen sind. Zu den Mühseligen und Beladenen gehören die Flüchtlinge aus unseren Tagen, die Menschen, die wegen Krieg, Naturkatastrophen und Hunger ihre Heimat verlassen müssen. Zu den Mühseligen und Beladenen gehören die Obdachlosen und Armen, jede bedrängte, leidende, gequälte Kreatur. Zu den Mühseligen und Beladenen gehören letztlich wir alle, die wir sterben müssen.

Doch nun ist über allen das Zeichen aufgerichtet, das auf das göttliche Kind zeigt: Dass alle Menschen, dem Augenschein und der Erfahrung zum Trotz, Gottes geliebte Kinder sind, dazu bestimmt, an der Fülle teilzuhaben. Alle sollen im Anblick dieses Kindes das Gefühl bekommen können, mit Wohlwollen beachtet, in ihrem Lebensrecht anerkannt, geliebt zu sein.

Damit das geschieht, und die Freude am Leben nicht erlischt, wird gerade in der Weihnachtszeit viel unternommen, nicht zuletzt mit Suppenküchen und Spendenaktionen. Zudem, in schönen Weihnachtsgottesdiensten kann es geschehen, dass wir spüren, wie der Glanz zurückkehrt in die Welt. Die meisten Weihnachtslieder sind Freudenlieder. Sie können uns mitreißen, Mut machen und neue Kraft zum Leben geben.

Copyright: Professor Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Film über Hannah Arendt im Ersten: Am 7.12. 2014

Im Ersten wird am Sonntag, den 7. 12. 2014, der sehenswerte Film über Hannah Arendt gezeigt, Beginn ist 21.45. Schon im Kino war der Spielfilm (Premiere am 11. 9. 2012, Regie: Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle) ein großer Erfolg; er macht vor allem mit einem Aspekt im Leben der Philosophin vertraut: Ihrer Auseinandersetzung mit dem Eichmannprozess in Jerusalem. Zu dem Thema hat der Religionsphilosophische Salon einige Hinweise veröffentlicht, auf die wir im Zusammenhang des Films noch einmal aumerksam machen. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.