Ungehorsam ist eine Tugend. Zum Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 24. Juli 2015

Ungehorsam ist eine Tugend: Zum Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24. 7. 2015.

Einige Hinweise von Christian Modehn. Einen ergänzenden Kommentar von Bianca Weihrauch (Berlin) finden Sie am Ende dieses Beitrags, publiziert am 11.8.2015.

Philosophie kann auch die Bedingungen schaffen für die sichere Erkenntnis, dass Ungehorsam eine Tugend ist; eine Tugend des (privaten) Individuums und eine Tugend des Bürgers, gerade heute in Deutschland und innerhalb der Macht der „Trias“, die von schwachen Mitgliedsstaaten, wie Griechenland, Unterwerfung und Gehorsam verlangen. Zur recht spricht der Philosoph Jürgen Habermas vom Verlust der Demokratie dort durch die Vorschriften der Trias; der Publizist und Ökonomie-Spezialist Harald Schumann, Der Tagesspiegel, spricht überzeugend von der Herrschaft des Stärkeren, die sich in einer Art “Protektorat Griechenland” ausdrückt.

Und die Deutschen finden sich nun ungewollt und ungefragt, durch die Verfügungen dieser Regierung (mit Herrn Schäuble), auf der Seite der „Stärkeren“ wieder, auf der Seite derer, die eben in der Sicht prominenter Wissenschaftler und Philosophen bereits post-demokratisch agieren. Was für eine Schande für ein Land, das sich selbst erst seit 45 Jahren in halbwegs demokratisches Leben eingewöhnt. Da hilft vielleicht die Einübung in das Verständnis des Ungehorsams. Deutsche müssen sich insgesamt noch von der tief sitzenden Unkultur des Gehorsams (man lese etwa „Der Untertan“ von Heinrich Mann) befreien. Erst inmitten dieser reflektierten und (selbst-)kritischen Kultur des Ungehorsams kann dann politische Praxis möglich werden. Damit ist von Anfang an deutlich, dass auch über die Tugend des Ungehorsams differenziert gesprochen muss: Wer meint, in seinem Ungehorsam die Menscherechte verletzen zu dürfen und etwa blutige Attacken auf Ausländer und Flüchtlingsheime verübt, ist nicht “ungehorsam”, sondern ein Verbrecher.

Die zentrale Einsicht ist: Es gibt eine enge und ständige Verbundenheit von Gehorsam und Ungehorsam. Das eine gibt es nie ohne das andere. Der Gehorsame kann sich nur frei und autonom zum eigenständigen Individuum entwickeln, wenn er ungehorsam wird. Und der Ungehorsame, wenn er denn nicht in totaler egoistischer Willkür leben will, wird auf seine Art auch gehorsam sein müssen. Aber wem gegenüber? Die Antwort ist klar: Dem Gewissen oder den Weisungen dessen, was Kant den Kategorischen Imperativ nennt oder auch den Menschenrechten gegenüber. Darum ist erst der diesen Menschenrechten „gehorsame Ungehorsam“ vernünftig. Aber der Ungehorsam ist sozusagen eine Bewegung, kein Stillstand. Immer neu gilt es im Dasein, ungehorsam neu einzuüben, gerade in Gesellschaften und Verhältnissen, die Resultat eines Ungehorsams (vielleicht einer Revolution sind). Der „etablierte Revolutionär“ ist ein Widerspruch.

Für eine weitere Reflexion zum Thema ist wichtig:

Ohne Gehorsam lernt kein Mensch – als Kind – den Umgang mit der Welt. Lernen heißt auch gehorchen. Gehorsam ist eine notwendige Voraussetzung für die Anpassung des Kindes an die Welt. Aber die Ablösung von der Gehorsamshaltung muss später erreicht werden, das ist auch Aufgabe der Eltern und der Erzieher.

Der reifer werdende Mensch auf dem Weg zur Autonomie muss die Vorgaben der Autoritäten prüfen: Blinder Gehorsam darf von einem vernünftigen Menschen NICHT und niemals geleistet werden. Er muss sich von den von außen vorgegebenen Formen der Anpassung und des Befehlens lösen.

Blinder Gehorsam folgt den irrationalen Ansprüchen bestimmter Macht-Autoritäten. Wer dem folgt, „will regiert werden“ (Erich Fromm). So bildet sich der autoritäre Charakter. In der gehorsamen Anpassung an den fremden Willen muss an die alte gefährliche Regel erinnert werden: „Wer einmal selbst befehlen will, muss zuerst gehorchen können. Gehorche heute, so wirst du morgen befehlen“.

Wer blinden Gehorsam leistet, kann diese Abhängigkeit sogar allmählich normal und beglückend finden. Manès Sperber spricht davon, dass den totalitären Systemen Menschen zustimmen, „willenlos Sklave zu sein und, wenn es die Führung verlangt, zu beschwören, dass die Sonne um Mitternacht auf geht“. Die Tyrannei lebt davon, dass die Untertanen die Tyrannei bejahen und ermöglichen. Auch in den „(post-) demokratischen Bürokratien“ werden die Menschen zum Gehorsam angehalten, den sie gern leisten, ohne dabei zu bemerken, wie fremdbestimmt sie sind. Dafür gibt es viele Beispiele: Wir gehorchen (= folgen) oft unreflektiert den Propaganda- und Werbesprüchen. Wir folgen schon wie selbstverständlich und oft unkritisch den Weisungen, Wegbeschreibungen usw. der Smartphones, die wir nie aus der Hand geben und permanent gläubig-gehorsam-harrend geradezu verehrend anstarren. Wir werden zum Konformismus erzogen und merken es oft nicht einmal. Wir sollen der Mode heute folgen, die morgen schon wieder eine andere ist. Modetrends leben vom Gehorsam. Wer ständig neue Moden schafft, will unser Geld…

Die Gesellschaften und Staaten wollen den gehorsamen, d.h. den folgsamen und bitte möglichst kritikfreien „stummen“ „Bürger“. Er soll dem System zustimmen und glauben, wenn Politiker als verlängerte Stimmen der internationalen Konzerne behaupten: „Es gibt keine Alternative“ zu dem, was die Konzerne und Weltbank usw. behaupten. Das System hat Interesse daran, die Bewohner eines Staates zu vereinzeln, jeder wird in vielen Bereichen zu einer Nummer. Jeder lebt für sich allein. Da kann dann Ungehorsam als gemeinschaftliche Aktion nur schwer entstehen. „Damit eine Herrschaft total sein kann, müssen alle Menschen einander entfremdet, ja einander Feind werden“, so Manès Sperber.

Eine Erinnerung an Kants Schrift von 1784, „Was ist Aufklärung?“: „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es andern so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein“.

Ohne Mut gibt es keinen Ungehorsam. Mut ist die Tugend, die Ungehorsam möglich macht. „Ohne den Mut kann man eben bei sich und bei anderen dem Schlimmsten nicht wehren“ (André Comte- Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, 2001, S. 66). „Mut ist nicht Wissen, sondern Entscheidung, nicht Meinen, sondern Handeln“, so zitiert Comte-Sponville den Philosophen Jankélévitch (67) „Mut ist die Weigerung, beim Denken der Angst nachzugeben“ (S. 68). Comte- Sponville erinnert an den Aufstand des Warschauer Gettos: „Warum in solcher Lage kämpfen? Weil man kämpfen MUSS. Weil alles andere unwürdig wäre. Aristoteles schreibt: Der mutige Mann handelt aus dem Beweggrund der Sittlichkeit, aus Liebe zum Guten“ (73).

Mutig kann nur sein, wer sein Leben im ganzen sinnvoll getragen weiß von einem „Grund“, der umfassender ist als das Alltagsgeschehen. Von diesem Grund wissen wir uns immer schon getragen in unseren alltäglichen Entscheidungen. Wir leben dann von der Überzeugung, diese Entscheidung, dieses Nein, so bescheiden auch immer, ist im ganzen meines Lebens sinnvoll. Ist sinnvoller, als zu schweigen, als wegzusehen, Mitläufer zu sein. Voraussetzung für wirksamen Ungehorsam ist darum die Gruppenbildung. Und das lebt heute, auch politisch, man denke an „Podemos“ in Spanien, an Attac, an Syriza, an neue Formen des Konsumierens, des Verkehrs usw.

Erich Fromm nennt den Ungehorsam eine revolutionäre Einstellung, damit meint er die Loslösung und Befreiung, von den Bindungen an Blut und Boden, von seiner Mutter und seinem Vater, von besonderer Treue zu Staat, Klasse, Rasse, Partei oder Religion“ (in Funk, „Mut zum Menschen“, S. 129). „Der revolutionäre Charakter ist fähig, NEIN zu sagen, er ist zum Ungehorsam fähig“ , Erich Fromm.

Der ungehorsame Mensch ist auf dem Weg zur Autonomie. Aber er bindet sich in der Lösung vom autoritären Gehorsam an Werte des Humanismus. „Das einzige, wozu sich der Ungehorsame bekennen kann, ist ein universaler Humanismus“ (ebd.)

Ich denke, man muss dieser Erkenntnis den exklusiven Charakter nehmen, so, als wären wir nur höchst selten mal ungehorsam. Ich meine, wir sind immer schon im Alltag ungehorsam, wenn wir uns schon in „bescheidenen“ Entscheidungen anders verhalten als die Mehrheit. Oder wenn wir Notlügen benutzen, einen inneren Vorbehalt haben und den auch ausleben usw. Nur wenn wir erkennen, dass wir immer schon ungehorsam waren und sind, entdecken ir die schon vorhandene Energie, bei wichtigen Themen ungehorsam sein. Der Geist als das Überschreitende, Transzendierende, ist wesentlich ungehorsam. Das hießt: Wir sind mit unserem Geist wesentlich immer schon ungehorsam.

Aber, noch einmal, nicht jeglicher Ungehorsamist in sich schon wertvoll. Auch der Terrorist glaubt in seiner irrigen Sicht ungehorsam sein zu dürfen. Maßstab des humanen und vernünftigen Ungehorsams sind humanistische Werte. Wir meinen konkreter: Die Menschenrechte, deren Respekt auch die individuelle Befreiung fördert.

Dieser Maßstab gilt selbstverständlich auch für die Religionen: Kadavergehorsam etwa darf es in keiner Religion, die den Naen verdient, geben, in keiner Kirche und Gemeinschaft. Im Jahr 1558, zwei Jahre nach dem Tod des Ordensgründers, des Ignatius von Loyola, wurde vom Papst die Ordensregel der Jesuiten approbiert, darin heißt es zum Thema Kadavergehorsam: „Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass ein jeder von denen, die im Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung mittels des Oberen führen und leiten lassen muss, als sei er ein toter Körper, Kadaver, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt, oder wie ein Stab eines alten Mannes, der dient, wo und wozu auch immer ihn der benutzen will.“ (Deutsche Übersetzung von Peter Knauer SJ).

Heute sind die Jesuiten offenbar weit entfernt, noch den Kadavergehorsam zu respektieren. Kritische Geister sind unter den Jesuiten heute zahlreich. Aber immer noch haben sie ein eigenes Gelübde, das den besonderen Gehorsam gegenüber dem Papst betont. Aber es gibt Gruppen in den Kirchen, vornehmlich der römischen, die den blinden Gehorsam immer noch praktizieren, da könnten genauere Studien etwa zu den „Legionären Christi“ oder dem „Opus Dei“ vieles deutlich machen.

Es wäre eigens über die biblischen Mythen zum Thema Gehorsam zu berichten, etwa über die Bereitschaft Abrahams, seinen viel geliebten Sohn Issac auf Gottes befehl hin zu töten, zu opfern. Es wäre vor allem darauf hinzuweisen, dass diese Kindestötung durch den Eingriff eines Engels verhindert wird. Beginnt damit in Israel eine Geschichte der Gewaltfreiheit und der Abwehr, die eigenen Kinder zu töten? Im Buch der Richter im AT wird im 11. Kapitel noch berichtet, wie der Richter Jiftach seine Tochter tötet, und diese sogar zustimmt, weil es sich um ein Gott wohlgefälliges Opfer handelt. Das Buch der Richter wurde in dieser Form etwa um 450 vor Chr. geschrieben bzw. zusammengestellt!

Ein weiteres Thema wäre: Ungehorsam als Quelle der Kreativität. Künstler können ohne Ungehorsam (gegen vorgebene Trends und Traditionen, man denke an die Sezessionen) gar nicht leben. Viele Künstler müssen heute hingegen „gehorsam“ sein und den Moden der Kunst entsprechen, um über-leben zu können. Und auch in der Wissenschaft ist das Nein zu dogmatischen Überzeugungen der Sprung in eine Qualität der Forschung. Selbst die Theologie hat das Nein und den Ungehorsam nicht ganz vergessen: Was wäre die Reformation ohne den Ungehorsam Martin Luthers zum römischen System? Werden die religiösen Menschen, auch die Christen, den Ungehorsam heute nicht nur theoretisch wieder entdecken, sondern auch praktisch leben, in der Ökumene etwa, und einfach bestehende Kirchen-Gesetze (wie das Verbot eines ökumenischen Abendmahls) überspringen und beiseite schieben? Es sieht aber nicht danach aus, dass dieser Mut und dieser Ungehorsam zumindest im ängstlichen und gehorsamen Deutschland eine Chance hat. Das Reformationsjubiläum 2017 könnte ja auch ein Jahr des reformatorischen Ungehorsams sein. Aber daran denken vielleicht einige, sie wollen sich als gut bezahlte Kirchenfunktionäre nur nicht ihre Karriere verderben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

BIANCA WEIHRAUCH sendet diesen Kommentar:

Beim Lesen Ihres Textes fiel mir immer wieder das bekannte kleine Essay

“Empört Euch!” von Stéphane Hessel ein, wegen des Aufrufs zum Ungehorsam

gegen jene Systeme, die unsere Menschenrechte gefährden und auch wegen

seines klarsichtigen Hinweis (der ja auch so in unserer Diskussion

betont wurde), dass man sich in unserem heutigen globalisierten und

digitalisierten Zeitalter nur noch in einem Bereich entschlossen

einsetzen muss und kann, da die Gesellschafts- und natürlich auch die

Herrschaftsstrukturen für etwaige “Pauschal-Revolutionen” viel zu

Komplex geworden sind.

Ich denke gerade dieses Büchlein ist eines der wenigen, das unsere

Generation dazu veranlasst hat, für grundlegende Werte einzutreten und

unsere Meinung zu vertreten. Deshalb wollte ich es hier gerne noch

einmal anmerken.

Auch den Gedanken, dass wir Deutschen den Ungehorsam erst einüben müssen

fand ich interessant. Ich hatte das Buch “Ungehorsam als Tugend” von

Peter Brückner gelesen, der sogar von einer “Pathologie des Gehorsams” als

endemische deutsche Krankheit gesprochen hatte (da ich Freunde in Irland

und Frankreich habe, die über die “preußische” Gehorsamsmentalität nur

lachen, kann ich diese Definition leider bestätigen).

Ich denke, dass unsere heutige Arbeitswelt im ach-so-reichen und

international herausragenden Deutschland, dazu beiträgt, diese

Mentalität zu verschärfen. Dazu der Hinweis auf den folgenden Artikel:

http://www.zeit.de/karriere/2015-05/generation-y-mythos-leiharbeit-befristetung-unbezahlt-praktika/komplettansicht?print=true

 

 

 

 

 

Ethik ist wichtiger als Religion. Zu den neuesten Vorschlägen des Dalai Lama. Der Salon am 28. August 2015

ETHIK IST WICHTIGER ALS RELIGION:  …..DER SALON AM 28.August 2015 ist ausgebucht. Wer sich per email angemeldet hat, hat auch eine Bestätigung und Zusage erhalten!

Im Religionsphilosophische Salon Berlin am 28. August 2015 um 19 Uhr in der Galerie Fantom Hektorstr.9 wollen wir die neuesten Thesen des Dalai Lama “Ethik ist wichtiger als Religion” kennenlernen und diskutieren. Das Thema ist von zentraler Bedeutung, nicht nur für die private spirituelle Lebensform, sondern auch für die Politik. Dieser “Appell des Dalai Lama an die Welt” ist gleichzeitig in mehreren Sprachen veröffentlicht wurden, er ist in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Franz Alt entstanden. Auf Deutsch ist die Broschüre (Umfang 56 Seiten) im Benevento Verlag Salzburg erschienen, Preis: 4, 99 EURO. Das Buch kann auch kostenlos heruntergeladen werden:

www.beneventobooks.com

Für unsere Zusammenkunft am 28. August sollte die Lektüre dieses Textes ein wünschenswerte Voraussetzung der Teilnahme sein. Für die Raummiete bitten wir wieder um 5 Euro.

Zur Einstimmung ein Zitat des Dalai Lama, veröffentlicht auf der Rückseite des Buches: “Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Dazu brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen”.

Und: “Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion, aber nicht ohne innere Werte, ohne Ethik auskommen”, sagt der Dalai Lama. Im Grunde fordert er eine neue Ethik über nationale, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg – eine säkulare Ethik, die zugleich für Atheisten und Agnostiker hilfreich und brauchbar ist”.

Die Fragen, die der Dalai Lama aufwirft, gehören zentral in die Arbeiten unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons. Sie werden uns vielleicht auch in den kommenden Monaten beschäftigen.

Herzliche Einladung also … von Christian Modehn mit der Bitte um Anmeldung. 20 Plätze stehen im Salon zur Verfügung.

Weiterdenken mit dem “Philosophie Magazin”.

Weiterdenken mit dem PHILOSOPHIE MAGAZIN

Ein Hinweis von Christian Modehn

Seit vier Jahren arbeiten auch JournalistInnen daran, Philosophie aus den kleinen Zirkeln der Universitäten zu befreien. Einige haben in Berlin, unterstützt von französischen philosophischen Journalisten, vor 4 Jahren das „PHILOSOPHIE Magazin“ gegründet. Es begleitet, inspiriert und provoziert eine bisher noch gar nicht umfassend wahrgenommene kulturelle Bewegung: Sie würde es verdienen, dass Kulturpolitiker sich auch mal darum kümmern. Zur förderungswürdigen Kultur gehören Menschen, die nichts anderes wollen, als sich in ruhigen Räumen mit guten Bibliotheken bei Tee oder Wein zu treffen – zum Nachdenken eben, zum Philosophieren, warum nicht auch mit einer guten philosophischen Zeitschrift. Nebenbei: Dass es  – wenigstens in Berlin – nicht ein “Haus der Philosophie” gibt _ angesichts so vieler anderer Kultur-Literatur-Kunsthäuser, finde ich skandalös.

Das alle zwei Monate erscheinende „PHILOSOPHIE Magazin“ ist eine Denkhilfe für einzelne, vielleicht auch eine Orientierungshilfe (wir wollen uns ja hoffentlich denkend im Leben orientieren) sowie auch eine Inspiration für die lebendigen philosophischen Gesprächskreise. Philosophie lebt vom Philosophieren in der Gruppe.

Das neue Heft (August/September 2015) ist in Buchhandlungen, aber auch in größeren Zeitungsläden, etwa in Hauptbahnhöfen, erhältlich zum Preis von 6,90 EURO bei einem Umfang von 100 Seiten wahrlich sehr erschwinglich. Zumal, wenn man bedenkt, dass in dem Heft jede Seite lesenswert ist … und man am besten die Hefte sammelt, um später noch einmal nachzulesen…zum Weiterdenken.

Es ist keine Frage: Philosophieren wird auch im “Philosophie Magazin” nicht immer als leichte Kost präsentiert. Vielleicht ist es auch Ausdruck einer allgemeinen philosophischen Entwöhnung –Philosophie ist ja leider kein relevantes Unterrichtsfach in den Schulen in Deutschland- dass wir etwa Technik und hoch komplizierte Gebrauchsanweisungen offenbar zugänglicher finden als grundsätzliche Reflexionen über Grundfragen des Daseins. Etwa die Frage: Was ist eigentlich ANERKENNUNG? Ein Thema, das viele Philosophen bewegt, nicht weil sie es zuerst für ein philosophisches Problem halten, sondern weil Anerkennung ein Thema mitten im Leben ist. Wenigstens vom Namen her bekannt ist die Anerkennungsproblematik, wie sie Hegel unter dem Stichwort „Herr und Knecht“ in seiner „Phänomenologie des Geistes“ entwickelt. Das neue Heft „Philosophie Magazin“ bietet in einer Beilage nicht nur den Text Hegels in der (sprachlich etwas antiquierten, aber sicher authentischen Fassung der Meiner Ausgabe von 2015), dazu auch ein einführendes Vorwort des Philosophen Martin Gessmann: „Womöglich hat das wahre Herr-und-Knecht-Kapitel in der Geschichte erst begonnen“, schreibt er mit Blick wohl nicht nur auf die ökonomische Ungleichheit/Ungerechigkeit innerhalb der Weltbevölkerung heute, sondern auch, wie denn die anderen bislang eher ignorierten Knechte, also die Automaten, Maschinen und Roboter als unsere „Assistenzsysteme“ eines Tages vielleicht die Rolle des bestimmenden „Herren“ übernehmen und möglicherweise die Menschen zu Knechten machen.

Der bekannte Frankfurter Philosoph Axel Honneth (er gilt als einer der brillanten Vertreter der „Frankfurter Schule“) bietet einen längeren Essay über „Hegel und die Anerkennung“, der Beitrag ist dem Thema gemäß höchst anspruchsvoll. Es ist wohl diese Melange aus sehr anspruchsvollen fachphilosophischen Beiträgen (wie diesem) und eher allgemein zugänglichen Texten und Interviews, die das Heft auszeichnet. Ob man die Herren Fachphilosophen bitten dürfte, immer die Nachvollziehbarkeit der “Bildungsbürger” im Blick zu haben, wäre eine interessante journalistische Frage.

Weil Philosophieren eben vorwiegend auch Dialog ist oder sein sollte, sind die Interviews, die manchmal auch Dialoge sind, im Heft besonders interessant. Francois Jullien, Experte in Paris für (alte) chinesisches Denken in Beziehung zum europäischen Denken/zur Philosophie,  zeigt im Interview, wie westliche Menschen von ihrer (begrenzenden) Fixierung auf Ziele befreit werden könnten – wenn sie denn wie die (alten) Chinesen „nicht nach dem Glück streben, sondern nach dem Im-Fluss-Sein“. „Das Wesentliche ist die Bewegung“… Auch der von vielen geschätzte Bestsellerautor und Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid (Berlin) kommt ausführlich zu Wort, auch mit Antworten zu seinem eigenen biographisch-philosophischen Weg. Wilhelm Schmid ist ein Mittler und Vermittler philosophischer Traditionen, ein Übersetzer, der durchaus den Mut hat, Philosophieren als kritische Form der Lebensbegleitung und Lebenshilfe darzustellen. Der Erfolg seiner Bücher, vor allem zur Gelassenheit, zeigen, dass Philosophen sich ins Gespräch der Öffentlichkeit nachvollziehbar für die meisten einschalten können bei der Diskussion zentraler Lebensfragen. Wahrscheinlich hat in dem Falle die Philosophie sogar die “Seelsorge” übernommen und tritt ein in die guten Traditionen, wie sie Pierre Hadot herausgearbeitet hat. Wilhelm Schmid ist ein freier Philosoph und Schriftsteller, er hat andere Verbindungen zur Alltagswelt als ein Professor für Philosophie an der Universität. Insofern erinnert er uns an den freien französischen Philosophen und Schriftsteller André Comte-Sponville. In Frankreich gibt es ohnehin die Tradition der „Populär-Philosophen“, man muss nicht gleich an Alain denken, aber selbst Albert Camus lebte und dachte bekanntlich außerhalb der Universitäten, und Emil Cioran arbeitete auch nicht an einer Universität usw.

In Deutschland werden wir es uns meines Erachtens abgewöhnen müssen, den Begriff und die Personen der Populärphilosophen gering zu schätzen. Waren die Stoiker und Epikuräer nicht etwa auch Populärphilosophen? Wahrscheinlich haben ja die Universitätsphilosophen ohnehin erst dann eine gewisse, über die engen Zirkel hinausgehende Wirkung, wenn sie selbst die Dimension des Populären pflegen und vor allem bitte endlich auch sprachlich darauf achten, auch schön zu schreiben, also lesbar für den gebildeten Bürger, ohne die fachspezifische Esoterik und Hermetik. Ich empfehle in dem Zusammenhang immer sehr gern die vorbildlichen Arbeiten von Prof. Martin Seel, Frankfurt am Main. Ein Beispiel: Sein Buch „111 Tugenden-111 Laster“ (Fischer Verlag)  sollte endlich als Taschenbuch zu einem erschwinglichen Preis erscheinen, damit es in Schulen, Volkshochschulen, Gesprächskreisen verbreitet und diskutiert wird.

Der Leser des neuesten Heftes des Philosophie Magazin wird sich besonders freuen, in einem Interview der Philosophin Chantal Mouffe zu begegnen, die als Denkerin des Politischen für eine neue Gestalt radikaler Politik eintritt. Der philosophische Einfluß etwa auf “Podemos” in Spanien wird unterstrichen.

Insgesamt möchten wir die Reihe “Philosophie Magazin” dringend empfehlen, vor allem., weil dieses Blatt das Potential hat, noch besser zu werden, noch deutlicher zu zeigen, wie Philosophieren immer und ständig stattfindet, auch in der Musik, der Literatur, dee Poesie, den Künsten, dem Alltag, den Religionen usw. usw. Und selbstredend eben in den immer neu zu entdeckenden Texten von PhilosophInnen.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Orte der Lebenskunst: Über die Zukunft christlicher Gemeinden

Gemeinden als Orte der Lebenskunst

Zur Zeitschrift ADREM der Remonstranten

Von Christian Modehn

Die Remonstranten in den Niederlanden, diese freisinnige christliche Kirche, nennt ihre Monatszeitschrift ADREM. Dieser Titel klingt lateinisch: „Zur Sache“, heißt die Übersetzung. Es geht um die „Sache“ spirituellen Lebens im Heute … auf der Basis einer vernünftigen, kritischen, „modernen“ Theologie. Aber der Titel ADREM unterstreicht auch, dass eben REMonstranten selbst zeigen, wie sie in der Gesellschaft, die säkular ist, pluralistisch, der Globalisierung ausgesetzt usw., ihr Leben gestalten.

Das neueste Heft, 26. Jahrgang, erschienen im Juli 2015, ist im besten Sinne ein vielstimmiges Plädoyer für eine Dimension der Lebenskunst: die Einübung der Stille, die Überwindung von Stress und Hektik.

Die Philosophin Joke H. Hermsen plädiert für das „langsame Leben“, die Unterbrechung, die Pause, die Stille. Nur dann können wir das menschliche Maß wieder finden, uns befreien aus Weiterlesen ⇘

Wenn der Atheist den Christen liebt. Zu einer aktuellen Novelle von Honoré de Balzac

Wenn der Atheist den frommen Christen liebt:

Zu einer kleinen, aber großen Novelle von Honoré de Balzac

Von Christian Modehn

„La Messe de l athée“ („Die Messe des Atheisten“) ist eine der kürzesten Erzählungen von Honoré de Balzac. Aber der Text, leider eher selten noch beachtet, kann auch heute, 180 Jahre nach seiner Veröffentlichung (1836), viele übliche ideologisch-religiöse Grenzziehungen fragwürdig werden lassen. Es ist ein Text, der die LeserInnen berührt, bewegt… und verunsichert. Etwa hinsichtlich des wohl noch nicht ganz verschwundenen Vorurteils, dass Atheisten nicht in der Lage seien, religiöse Menschen, selbst solche, denen „man“ einen naiven (Köhler-)Glauben zugesteht, zu schätzen, zu achten, zu verehren, ja, auch dies: zu lieben. Natürlich ist ein literarischer Text als solcher ein Kunstwerk, das in sich selbst lebt. Aber Balzacs Romane und Erzählungen sind ja niemals „l art pour l art“, sind niemals schöngeistige Spielerei aus Freude am Nur-Ästhetischen. Von daher die Aktualität des Textes!

Ein Hinweis zum Inhalt: Doktor Desplein ist ein angesehener, berühmter Chirurg im Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts; er ist zudem bekannt für seine radikale atheistische Überzeugung. Eines Tages entdeckt sein junger Kollege, Horace Bianchon, dass Doktor Desplein die Kirche St. Sulpice (im 6. Pariser Arrondissement) morgens um 9, zur Zeit der Messe, von einem Seiteneingang aus betritt. Beobachtungen und Nachforschungen führen den neugierigen Bianchon, zur Gewissheit: Der berühmte atheistische Arzt nimmt regelmäßig, viermal im Jahr, an einer Messe teil; er kniet beim Beten, wie es sich gehört, er gibt Spenden in die Kollekte, er führt sich auf wie ein Frommer. Der Sakristan verrät dem jungen Arzt, dass der berühmte Desplein, „der unerschrockene Spötter“, schon seit 20 Jahren, immer im Rhythmus von drei Monaten, an der Messe teilnimmt. Von Bianchon angesprochen, erklärt der berühmte Atheist: Er selbst habe diese Messen als Totengedenken bestellt, also auch den Messe lesenden Priester bezahlt. Und das alles nur, um einen der wertvollsten Menschen zu ehren, die er je gekannt hab: Den frommen, ja naiv-frommen Wasserträger de Bourgeat. Er stammt vom Land, aus der Auvergne; die beiden haben sich in Paris kennen gelernt, als Desplein in höchster Not war: Als Student konnte er sich kaum noch ernähren, fürs Studium fehlte ihm das Geld. Da hat ihm der arme Fromme de Bourgeat geholfen, das Ersparte dem Studenten gegeben, in der Überzeugung, dass der junge Mann einmal ein berühmter Arzt werde. „Ohne ihn hätte mich das Elend getötet“, gesteht Desplein. Von seinem Gehalt kauft der Arzt dann später dem armen Wasserträger ein Pferd und eine Tonne fürs Wasser; bei schwerer Krankheit kann ihn der junge Arzt (de Desplein) noch retten, wenig später stirbt der Freund, der Wohltäter, der fromme Wasserträger. Um der verstorbenen guten Seele schnell den Zugang in den Himmel zu ermöglichen, bezahlt Desplein alle drei Monate die Toten-Gedenk-Messe. „Er war mein zweiter Vater“, berichtet Desplein dem jungen Arzt Bianchon, „de Bougeat starb in meinen Armen, er hat mir in einem Testament alles hinterlassen, was er besaß. Er liebte die Jungfrau Maria wie er wohl seine Frau geliebt hätte. Aber er fürchtete noch, nicht heilig genug gelebt zu haben. Nach seinem Tod merkte ich, dass er niemand hatte. Aber er hatte eine religiöse Überzeugung. Habe ich das Recht, darüber zu diskutieren?“ Aus tiefer Zuneigung und Dankbarkeit lässt der Atheist die Messe lesen. „Und ich sage in dem guten Glauben des Zweiflers: Mein Gott, wenn es eine Sphäre gibt, wo du nach dem Tod diejenigen bewahrst, die vollkommen gelebt haben, dann denke auch an den guten Bourgeat. Und wenn er noch leiden muss (gemeint ist wohl die Läuterungszeit im Jenseits, CM), dann übergib du mir dessen Leiden, damit er schnell eintreten kann in das, was man Paradies nennt“.

Die Geschichte von Balzac ist alles andere als eine kitschige Erbauungsstory für fromme Gemüter. Sie ist sachlich, kühl geschrieben. Sie kann als Plädoyer verstanden werden, dass sich Atheisten und fromme Christen so fern eigentlich nicht sind, wenn sie sich zuerst als Menschen und nicht zuerst als Mitglieder/Vertreter einer Religion oder Ideologie betrachten. Dann kann der extrem fromme Katholik einem jungen Atheisten helfen; und der Atheist kann an Gottesdiensten und Messfeiern teilnehmen, ja diese sogar bestellen und bezahlen, weil er, gemäß der Glaubenswelt seines Freundes, diesem noch post mortem Gutes tun will.

Diese Vorstellungen im engeren Sinne haben heute sicher keine große Relevanz mehr. Wichtig aber bleibt der Kern der Aussage von Balzac: Menschlichkeit ist wichtiger als Religiosität. Und aus der noch so schlichten Frömmigkeit kann viel Menschlichkeit erweckt werden. Und Atheisten haben keine Grund arrogant zu sein und sich als etwas Besseres zu fühlen.

Man übersetze diese Geschichte ins Heute: Ein katholischer Priester etwa finanziert einem atheistischen Studenten das Studium. Oder ein Atheist unterstützt das spirituelle Wohlergehen eines frommen Christen…Gibt es solche Beispiele, etwa in Deutschland?

„La Messe de l Athée“ ist kürzlich als kleiner separater Druck (zum Preis von 5,10 EURO) in den Editions Manucius, 40, Rue de Montmorency, 75003 Paris, erschienen (im Jahr 2013). Das Heft umfasst 75 Seiten, incl. einer Einleitung und eines Kommentars und Hinweise auf die wenigen Studien zum Text. Wir empfehlen diese preiswerte, gute Ausgabe auch für Schulen und Volkshochschule und kirchliche Akademien…

Wichtig dürfte besonders die Studie von John H. Mahazeri sein: „Un Atheismus particulier: Une lecture de La Messe de l Athée“. In: Essais sur la religiosité d Honoré de Balzac. New York 2008.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sommerausflug nach Jüterbog am Donnerstag, 20. August 2015

Am Donnerstag, den 20. August 2015, machen wir wieder unseren „philosophischen Sommerausflug“: Im vergangenen Jahr waren wir in Chorin. Diesmal geht `s in die mittelalterlich geprägte (und oft noch unbekannte) kleine Stadt Jüterbog. Start ist im Hauptbahnhof Berlin– „Tief“ um 9.14, eine Stunde später sind wir in Jüterbog. Dort Spaziergänge, Besichtigungen von sehr sehenswerten historischen Kirchen, die für die Reformation wichtig wurden, dazu fachkundige Erläuterungen, auch zum „Revolutions“-Reformator Thomas Müntzer und dem Ablass Prediger Tetzel. Gemeinsames Essen, Erholung und dort Gespräche, etwa über „Gewalt und Religionen“, „Kann man Gott kaufen?“, “Wie lassen sich Religionen reformieren?”

Rückfahrt gegen 19 Uhr. Feste Anmeldungen sind notwendig, weil Gruppenfahrkarten besorgt werden. Feste schriftliche Anmeldungen bis 15. August an: christian.modehn@berlin.de

Die Gruppe soll wegen der Gesprächsmöglichkeiten nicht mehr als 15 Personen zählen. 6 Personen haben sich schon angemeldet.

 

Probleme mit der Vernunft: Ein Sonderheft über den Koran des Philosophie-Magazin

Probleme mit der Vernunft:

Das Sonderheft „Der Koran“ des „Philosophie Magazin“.

Von Christian Modehn

Der Koran und die Philosophen/die Philosophien: Anders gesagt: Der Koran und die Bedeutung des kritischen, systematischen Denkens und des menschlichen Verstehens: Ein Thema, das immer schon Bedeutung hatte, umstritten war und jetzt neu entdeckt wird, etwa auch in Veranstaltungen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ kürzlich. Das „Philosophie Magazin“ (Berlin/Paris) hat nun ein stattliches, 100 Seiten umfassendes Sonderheft zum Koran publiziert mit ca. 40 verschiedenen Beiträgen. Auf diese „bunte Mischung“ können wir nur partiell, aber wohl Wesentliches treffend, hier eingehen. Catherine Newmark ist die verantwortliche Redakteurin dieser Sonderausgabe. Sie bietet zahlreiche Informationen zum Thema, darunter auch Zitate aus Interpretationen des Korans von prominenten deutschen Philosophen, wie Herder, Lessing, Hegel, Nietzsche… Unter den zahlreichen Interviews ist interessant der Beitrag von Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik an der FU Berlin. Sie deutet das heute weit verbreitete Lektüreverhalten gegenüber dem Koran als „Nachschlagewerk für (aktuelle) Probleme“ als „Missbrauch“. Angelika Neuwirth folgend ist der Koran vielmehr in erster Linie „ein Inventar von Texten, die man im Gottesdienst braucht“ (S. 15.) Die Professorin für Arabistik erinnert auch daran, dass für die Muslime „Gott der alleinige Autor (des Koran) ist“. Kurz darauf schreibt Angelika Neuwirth: “Obwohl man die transzendente Herkunft (des Korans) nicht wissenschaftlich beweisen kann, hat man (!, CM) den muslimischen Geltungsanspruch, den der Koran ja auch selbst transportiert, zu respektieren“. Warum „man“, also auch Literaturwissenschaftler oder Philosophen, diesen von den Vertretern der Religion erhobenen „transzendenten Geltungsanspruch“ respektieren müssen, wird hier leider nur behauptet, aber nicht begründet. Kann „man“ unter Zustimmung zu dieser religiösen Weisung überhaupt Wissenschaft betreiben? ..Deutlich in dieser Sache wird der emeritierte Islamwissenschaftler Stefan Wild (Bonn). Er antwortet auf die Frage nach einer historisch-kritischen Lektüre des Korans, so, wie sich auch seit ca. 150 Jahren die historisch-kritische Bibelforschung durchgesetzt hat: „Generell kann man sagen, dass eine solche Lektüre im traditionellen Islam sehr wenig ausgeprägt ist“ (S. 45). Das wissen wir allmählich. Irritierend ist hingegen die weitere Einschätzung Von Herrn Wild: „Die meisten heutigen islamischen Theologen sehen, was in Mitteleuropa mit den offiziellen Religionen des Katholizismus und Protestantismus passiert ist. Sie sehen, oder glauben zu sehen, dass bestimmte Tendenzen der Exegese – etwa die Entmythologisierung – im Grund den Status dieser Religionen unterminieren. Und sie sagen: Das wollen wir nicht“.

Ich finde es als bedauerlich, nein: mangelhaft, dass solche Aussagen eines Professors ohne Widerspruch stehen bleiben und so den Eindruck erwecken, diese Aussagen seien richtig. Entmythologisierung der Bibel hat tatsächlich wie eine Befreiung gewirkt, hat Raum geschaffen für ein Verstehen der Bibel, bei dem der Leser nicht mehr auf seinen Verstand verzichten muss. Hat man denn noch nie gehört, dass Entmythologisierung im Sinne Rudolf Bultmanns nicht Vernichtung des Mythos, sondern dessen VERSTEHEN bedeutet! Vernunft hat im Christentum den Glauben gereinigt von Wahnvorstellungen usw. Vernunft im Christentum ist ein Gewinn! Wann wird man sagen können: Die menschliche Vernunft hat den Islam gereinigt?

Auch mit dem Kölner Islamwissenschaftler Stefan Weidner wird ein Interview geboten. Er erinnert – wie der Literaturwissenschaftler Nivid Kermani „Gott ist schön“, München 1999 – an die Schönheit, Heiligkeit und Unveränderlichkeit des Wortlautes des arabisch geschriebenen Koran. Die Schönheit, so wird immer wieder behauptet, erschließe sich eben nur in der arabischen Sprache….Diese Glaubensüberzeugung führt aber zu Problemen der Koran Übersetzungen in andere Sprachen. Stefan Weidner plädiert für Übersetzungen, weil er den Koran als Buch der allgemeinen Dichtung und Poesie versteht, weil er also den Koran ins „Menschliche“ hineinzieht und gern diesen poetischen Text (aus dem 7./ 8. Jahrhundert) den LeserInnen auch in europäischen Sprachen etwa zugänglich machen will. Stefan Weidner arbeitet selbst an einer „ersten poetischen Übersetzung des Korans seit Friedirch Rückert“, schreibt die Zeitschrift Philosophie Magazin, S. 25).

Der Kauf des Heftes lohnt sich auch wegen des leider knappen Interviews mit Souleymane Bachir Diagne, Professor an der Columbia University of New York (S. 61 f.) Zum Vers der Sure 2: 256 „Kein Zwang ist in der Religion“, sagt er: „Erst wenn (im Islam, CM) alle Zwänge, von den offensichtlichen (körperlichen, gesetzlichen, staatlichen) bis hin zu den hinterlistigsten, dem Konformismus geschuldeten Zwänge aufgehoben sind, wird die Wahl des Gottes (also mein Glaube, CM) ein authentisches Einwilligen in Gott sein“ (S. 62). Souleymane Bachir Diagne (er wurde in Senegal geboren) folgt den Sufis, für die es keine einzelne, absolut wahre Religion gibt: „In der Dichtung der Sufis besagen zahlreiche Verse, dass es zwischen Tempel, Synagoge, Moschee, Kirche und selbst den Götzenbildern letzten Endes keinen Unterschied gibt….“

Sehr lesenswert ist auch das Interview mit dem Journalisten und Islamwissenschaftler Thorsten Schneiders, er äußert sich zum Islamismus, der für ihn „ein politisches, kein religiöses Phänomen“ ist (S. 88 ff).

Ein weiterer Hinweis: In unserer philosophischen Sicht ist es außerordentlich betrüblich, wenn ein islamkritischer muslimischer Denker unter Pseudonym (Ibn Warraq) schreibt: „Das liberale (kritische) arabische Denken ist fragmentiert ..und es werden dessen Argumente nur von einem Bruchteil der arabischen Bevölkerung vernommen“ (S. 93).

Er soll das Schlusswort haben: “Ich glaube wirklich, dass in der islamischen Welt eine Aufklärung (etwa Trennung von Religion und Staat) nur mit einer kritischen Prüfung des Korans zustande kommen kann…“ Ob sich daran auch die muslimischen Islamwissenschaftler an deutschen Universitäten, auf ihren neu eingerichteten wissenschaftlichen Lehrstühlen, halten, wäre eine eigene Überprüfung wert.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Rassismus in der Dominikanischen Republik: Tausende Haitianer werden jetzt deportiert

Rassismus in der Dominikanischen Republik: Haitianer werden zu Tausenden vertrieben

Von Christian Modehn, am 6. 7. 2015

Nachtrag am 9.10. 2016: Es kommt eher selten vor, dass bedeutendere Medien in Europa auf die rechtliche Situation der Haitianer in der Dominikanischen Republik hinweisen, besonders der Haitianer, die in der Dominikanischen Republik geboren wurden, also aufgrund des “ius solis” dort dominikanische Staatsbürger sind. “Eigentlich” sind. Denn der oberste Gerichtshof dieses Landes hat Mehr erfahren

Von der Lust zu reisen: Über Orte der Sehnsucht. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Wo wollen wir hin? Über Orte der Sehnsucht und die Lust zu reisen.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die Reiselust ist in Europa und den reichen Ländern ungebrochen groß. Noch fehlt eine Theologie des Reisens. Befassen wir uns heute mit dem freiwilligen Reisen, also nicht mit dem erzwungenen Weggehen aus der Heimat, das Flüchtlinge erleben, sie „verreisen“ ja eigentlich nicht. Die Frage klingt einfach: Warum wollen so viele eigentlich so oft wie möglich weg von Zuhause? Warum halten wir es zu Hause nicht aus, wie der Mystiker Blaise Pascal einmal behauptete?

„Es ist ein Sehnen tief in uns…“, so beginnt eines der neueren Kirchentagslieder. „Es ist ein Sehnen tief in uns, nach Dir, o Gott“, so geht es weiter. Es mag übertrieben erscheinen, wenn ich behaupte, dass das stimmt. Aber wenn wir denken, dass Gott die Fülle des Lebens ist, das Vollkommene, der absolute Sinn, dann wird verständlich, dass dahin doch recht eigentlich all unser Verlangen geht.

Der Alltag bleibt immer dahinter zu zurück. Das ist es demnach, so denke ich, was uns von Zuhause wegzieht, dieses Gefühl, dass dies nicht schon das Ganze gewesen sein kann. Die Meisten sind mit so vielem beschäftigt, das sie zwar in Bewegung hält, immer schneller und schneller, aber die Stunden und Tage, die wie im Fluge vergehen, sind doch keine erfüllte Zeit. Die Resonanz bleibt aus. Es kommt zu wenig zurück. Es verstärkt sich der Eindruck, nicht gemeint zu sein, eigentlich gar nicht vorzukommen, letztlich belanglos.

Deshalb zieht uns unsere Sehnsucht nach einem intensiveren Erleben des Lebens in die Ferne. Und es ist ja auch so, schon das Zeiterleben verändert sich am fremden Ort. Die Zeit vergeht langsamer. Das nennt man dann heute Entschleunigung. Und wir meinen damit genau dies, dass im Ausstieg aus den Routinen des Alltags und den fremdgesteuerten Beanspruchungen, Resonanzräume entstehen. Dann reagieren die Dinge wieder ganz neu auf uns und wir auf sie.

Das ist es, was wir erwarten, wenn wir verreisen. Endlich wieder Resonanz zu erfahren: Zeit zu gewinnen, die mir gehört, Landschaften zu sehen, die mich ansprechen, in Kirchen oder Museen zu gehen, die meinen Horizont erweitern.

Wo wollen wir eigentlich hin? Selbst, wenn wir am (Ferien) Ziel angekommen sind? Sind wir dann (bei uns selbst) angekommen? Ist jede Reise vielleicht auch mehr, etwa das Verlangen nach einem anderen Leben?

Die Sehnsucht nach Sinn, die uns von zuhause forttreibt, sie hat im Grunde kein konkretes Ziel. Ein solches kann es gar nicht geben. Dennoch müssen wir uns vornehmen, an einen bestimmten Ort zu reisen. Diesen suchen wir danach aus, ob er das Versprechen bei sich hat, dort etwas von dem zu finden, worauf unsere Sehnsucht geht: Ruhe, Natur, Bewegung, Entspannung, Zeit für sich selbst und miteinander.

Ich denke nicht, dass es ein anderes Leben ist, das wir suchen, manchmal vielleicht auch das. Vor allem aber verlangt uns danach, das eigene Leben, das, das wir haben und das uns im Alltag doch zugleich immer wieder entgleitet, intensiver zu spüren, wieder zusammenzufinden, mit dem Partner, der Partnerin, den Kindern. Schlicht der Ortswechsel tut schon gut. Er hilft, die Welt neu wahrzunehmen und wieder neu ein Empfinden dafür zu gewinnen, dass in sie hineinpassen, ja, sie einem sogar entgegenkommt.

Deshalb dürfen die Enttäuschungen auch keinesfalls zu groß sein. So neigen wir dazu, unsere Ferien im Nachhinein eher zu verklären. Wir zehren zudem von der Erinnerung, wenn wir wieder zuhause sind und der Alltag mit seinem Stress wie mit seiner Leere erneut einkehrt. Diese Erinnerung ist zugleich das immer noch nicht ganz eingelöste Versprechen, dass alles viel schöner sein könnte. Dieses Versprechen legt sich über die Wirklichkeit. So kompensieren die Ferien übers Jahr vieles von dem, was unser Leben in ein fades Grau in Grau taucht.

In den biblischen Erzählungen ist oft von Aufbruch und Aufbrechen aus der Heimat die Rede, etwa schon im Mythos von Abraham. Was unterscheidet eigentlich den biblischen „Aufbruch“ vom modernen Reisen? Können, sollten wir heute mehr „Aufbrechen“ (radikale Veränderung), als die kurzfristige Form des Verreisens zu wählen?

Der Abraham-Mythos bringt die religiöse Idee, die auch noch hinter unseren Ferienträumen steht – davon, dass wir in die Ferien „aufbrechen“ reden wir ja auch – zu einer präzisen Vorstellung. Wie wir im 1. Buch Mose, zu Beginn des 12. Kapitels lesen, bekam Abraham von Gott den Auftrag, in ein Land aufzubrechen, das er, Gott, ihm zeigen werde. Das sollte ein Aufbruch ins völlig Ungewisse sein. Doch über dieser Aufforderung zum Aufbruch ins Ungewisse stand zugleich die Verheißung der Fülle, eines gesegneten Landes und einer reichen Nachkommenschaft.

Was den biblischen „Aufbruch“ vom modernen Reisen unterscheidet, ist somit die Ausdrücklichkeit der religiösen Idee, die dahinter steht. Sie motiviert im Grunde aber auch unser heutiges Reisen. Auch wir suchen die Fülle. Auch wir erwarten, dass etwas zu uns zurückkommt, von dem was wir selbst in unsere Arbeit, in unsere Partnerschaft, in unsere Kinder investiert haben. Nur ist uns die religiöse Transzendenz, in die unsere Sehnsucht hineinreicht, vielfach nicht mehr bewusst.

In den Besitz der Fülle des Lebens zu gelangen, das wird uns Menschen nie möglich sein. Genau deshalb sehen wir die „schönsten Wochen des Jahres“, in denen wir, wie wir ebenfalls sagen, „die Seele baumeln lassen können“ immer wieder herbei. Ein Vorgeschmack von der verheißenen Fülle zu erlangen, das zumindest soll es dann doch sein.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin