Menschlichkeit zuerst: Der katholische Bischof Jacques Gaillot wird 80 Jahre alt

Zu Beginn ein Buchtipp: “Die Freiheit wird euch wahr machen”. Eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Bischof Jacques Gaillot. Herausgegeben von Roland Breitenbach, Katharina Haller und Christian Modehn. 2010. Reimund Maier Verlag, Schweinfurt, 223 Seiten mit vielen Beiträgen, die das theologische und politisch-praktische Profil Gaillots deutlich machen. Dies ist die neueste Studie zu Bischof Gaillot in deutscher Sprache.

„Menschlichkeit zuerst“: Jacques Gaillot, katholischer Bischof, wird 80 Jahre

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon muss sich gelegentlich auch mit Bischöfen befassen. Aber nur mit solchen, die außergewöhnlich sind. Bischof Jacques Gaillot (ehemals Evreux, Normandie, jetzt Paris) gehört dazu. Ich habe ihn als Journalist für die ARD in Deutschland bekannt gemacht, zuerst 1985 mit der Ra­dio­sen­dung und dem etwas ironischen Titel: “Ein Bischof auf dem Lande“ (SR), dann immer wieder mit regelmäßigen Berichten in meiner ca. 40 Halbstundensendungen umfassenden Sendereihe „Gott in Frankreich“ für den Saarländischen Rundfunk SR, Red. Norbert Sommer, auch zwei 30 Minutenfilme fürs Erste, 1989 und 2005 (WDR), gehören dazu usw…

Am 11. September 2015 wird Bischof Jacques Gaillot 80 Jahre alt.

An ihn zu erinnern ist geradezu Pflicht, wenn man Interesse hat an der Frage: Gab es und gibt es noch einen katholischen Bischof, der einen katholischen Glauben im Gespräch mit der Moderne und im Respekt vor den heutigen Kulturen gestalten will. Für den Menschen mehr zählen als Dogmen und Kirchentraditionen, der keine Angst hat vor deutlichen und wahrhaftigen Worten; der keine Angst hat, dadurch sich seine klerikale Karriere zu beschädigen. Gaillot ist ein Bischof, der Nein sagt zu kleinrarierter klerikaler Ambition, der Nein sagt zu einer kapitalistischen Welt und deren Religionen, die den Gott Geld als den größten Wert verehrt.

Jacques Gaillot wurde 1995 vom Papst als Bischof von Evreux abgesetzt, aus dem „einfachen“ Grund: Weil er zu progressiv war. Die Liste seiner außergewöhnlichen Aktivitäten ist lang und wurde an anderer Stelle dokumentiert, klicken Sie hier.

Nur so viel: Gaillot wollte im Sinne Jesu von Nazareth eine menschenfreundliche Kirche aufbauen, die über ihre eigenen veralteten Gesetze und Gebote hinweggeht. Er war politisch sehr system-kritisch, empfand z.B. mehr (praktisch gelebte !) Sympathien für Wehrdienstverweigerer als für konservative (oft rassistisch angehauchte) Politiker. Bischof Jacques Gaillot lebt seit Ende der 1990 Jahre im Kloster der Ordensgemeinschaft „Väter vom Heiligen Geist“ (Spiritaner) in Paris; bis vor 5 Jahren noch als weltweit aktiver Bischof von Partenia, mit einer immer noch bestehenden mehrsprachigen Archiv-website. Seit 5 Jahren lebt Jacques Gaillot etwas mehr zurückgezogen, sozusagen als „pensionierter Bischof“ von Partenia, einem Ort in der algerischen Wüste: Diesen Ort hatte Rom für ihn als Bischofssitz ausgesucht. Ein imaginärer Titel. Deutlicher Ausdruck dafür, dass da ein progressiver und in den 1980 Jahren sehr beliebter Bischof in die Wüste geschickt wurde. Bischof Gaillot verstand es wie kein anderer in Europa, den Glauben, auch in der katholischen Variante, mit den Denk- und Lebensformen der europäischen Moderne zu versöhnen, wobei die Moderne ernst genommen wird, als Welt, als Kultur, als Demokratie mancherorts, von der es auch katholisch-christlich zu lernen gilt! Die website des “Wüstenbischofs” Gaillot  und des “Wüstenbistums” Partenia (die website wurde vor 5 Jahren geschlossen) ist noch in mehreren Sprachen, auch auf deutsch, erreichbar, klicken Sie hier.

In Deutschland ist jetzt in den Medien von Jacques Gaillot nichts bzw. fast gar nichts mehr zu hören und zu lesen. Kardinal Meisner verfügte einst ein Redeverbot für Bischof Gaillot, seit der Zeit wird er von den Bischöfen Deutschlands und auch Frankreichs wie ein Paria behandelt. Auch in der französischen Bischofskonferenz spielte er und spielt er keine Rolle mehr. Die Macht in Rom hat sich durchgesetzt und einen kreativen Bischof, sozusagen einen Hoffnungsträger, ins Abseits gedrängt. Wie sehr sich die Kirchenführung dabei selbst schadet, scheint ihr gar nicht bewusst zu sein. Oder es ist ihr egal! Seit der Absetzung von Bischof Gaillot haben sich tausende progressiver Katholiken eben ihrerseits “abgesetzt”, also von der Kirche verabschiedet. Zur Zeit sollen noch 4 Prozent aller französischen Katholiken (noch ca. 60 Prozent der Bevölkerung) an den Sonntagsmessen teilnehmen. Tendenz: Sehr stark (altersbedingt) sinkend. Bald ist es vorbei mit dem französischen Katholizismus…

Nur in kleinen progressiven katholischen Kreisen ist Gaillot noch willkommen. Seine wahre spirituelle und politische Heimat sind hingegen Menschenrechtsbewegungen in Franreich.

Wir dokumentieren aus verschiedenen französischen Zeitschriften einige der jüngsten Aktivitäten und Statements Bischof Gaillots aus den letzten 5 Jahren

Bischof Gaillot besucht im August 2015 die von Ausweisung bedrohten Roma in Saint Ouen. „Sie sind Menschen wie wir. Wie kann man eine menschliche Gesellschaft aufbauen, wenn man nicht die Schwächsten respektiert?“

In der Tageszeitung „L Humanité“ (Organ des PCF, auch da kennt Gaillot keine Berührungsängste) äußert er sich im November 2014 kritisch zur Synode der Bischöfe in Rom. Die zölibatären Herren debattierten dort über Familien, Homosexuelle und Geschiedene, die noch einmal heiraten wollen! Gaillot sagte dem Blatt der französischen Kommunisten: “Die katholische Kirche soll Menschen so annehmen und aufnehmen wie sie sind und nicht wie sein sollten. Sie soll nicht von Prinzipien ausgehen. Sie soll wohlwollend die Liebe anerkennen, die unter den Paaren besteht, die außerhalb der alten katholischen Normen leben. Am Rande der Kirche (an der Basis) gibt es bereits ein Klima der Toleranz und des Respektes für jene, die von den kirchlichen Reglementierungen ausgeschlossen sind“. Weiteres lesen Sie hier.

Gegenüber der Tageszeitung „Le Parisien“ sagte er im Januar 2015: „Im Sommer habe ich selbst ein homosexuelles Paar gesegnet und später auch mit einem heterosexuellen Paar eine Trauungszeremonie in einem großen Garten gestaltet, diese Menschen konnten nirgendwo kirchlich heiraten, weil sie geschieden waren. Ich selbst lebe außerhalb der kirchlichen Institution („hors le murs“), darum finde ich es auch sehr gut, auch außerhalb der Kirchengebäude Gottesdienste zu feiern“.

Zur Kirche in Frankreich heute sagte Gaillot:
„Sie ist zu konservativ, da passiert nichts Besonders mehr. Ich habe anlässlich der großen Demonstrationen für die „Ehe für alle“ (also auch für Homosexuelle) demonstriert, die Kirche hat sich absolut dagegen gewendet. Ich meine: Wenn sich die Gesellschaft entwickelt, muss sich auch die Kirche entwickeln. Wenn sie diese Entwicklung nicht mit-vollzieht, wird sie verschwinden. Wenn die Kirche sich nur für sich selbst interessiert, wird sie verschwinden. Die Bischöfe verwenden viel Energie darauf, nur die Strukturen neu zu organisieren. Sie bleiben gegenüber der Moderne misstrauisch. Sie blicken nur in die Vergangenheit und lieben pompöse Zeremonien.

Während ich dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sehr reserviert gegenüber stehe, bewundere ich doch Papst Franziskus. Aber ist ein bisschen isoliert. Dennoch war die Leistung von Benedikt XVI. beachtlich, dass er zurückgetreten ist! Ich wünsche mir, dass die Päpste eine fest begrenzte Regierungszeit haben und das Ende eines Pontifikates nicht vom Willen des einzelnen Papstes abhängt. Der Papst ist kein Monarch. Er ist ein Diener. Man muss die Person des Papstes entsakralisieren“. Papst Franziskus hat er einen Brief geschrieben, auf den dieser sogar geantwortet hat, berichtet Gaillot. Manche Formulierungen/Sprüche  des Papstes erinnern unmittelbar an ältere Äußerungen Gaillots, auch an seine Buchtitel, etwa: “Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts” (sogar bei Herder erschienen)… Aber an eine Rehabilitierung, für eine Entschuldigung Roms für seine brutale Absetzung als Bischof, glaubt Gaillot nicht. Er will sich darum auch nicht selbst bemühen.

Weitere Berichte in der französischen Presse (auf die wir nur hinweisen, um die vielen Aktivitäten Bischof Gaillots wenigstes anzudeuten) beziehen sich auf seine Teilnahme an der großen Demonstration im Januar 2015 nach der Tötung der Redakteure von „Charlie Hebdo“ (weitere Informationen klicken Sie hier) und der Opfer aus der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem tritt Gaillot für eine gerechte Gesetzgebung für ein Sterben in Würde berichtet: Er fordert, dass – in Ausnahmefällen- schwerkranke Menschen die rechtliche Möglichkeit haben, um Sterbehilfe zu bitten. Es wird auch berichtet, dass Gaillot in der Kirche St. Sulpice in Paris im September 2013 eine Bestattungsfeier für seinen atheistischen Freund Prof. Albert Jacquard gehalten hat. Mit ihm zusammen hat Gaillot Jahre lang für die Rechte der Obdachlosen und Wohnungslosen gekämpft.

Zur christlichen Spiritualität im engeren Sinne wurde er auch befragt: „Seit meinem 76. Lebensjahr nehme ich etwas Abstand von allem. Ich spüre sehr stark die Anwesenheit Gottes in jedem Menschen. Die Messe feiere ich im Haus der Spiritaner-Patres hier. Aber hier in Paris ruft man mich ständig, lädt ich ein, man braucht meine Hilfe“. Menschlichkeit, Solidarität, Teilen des alltäglichen (armen) Lebens der absoluten Mehrheit der Bevölkerung: Das ist für Jacques Gaillot am wichtigsten. Das ist christlich. Spirituell. Religiös.

copyright: christian modehn, Berlin

 

 

Dialogpraxis Elisabeth Hoffmann

Wir weisen gern empfehlend auf die Dialogpraxis von Elisabeth Hoffmann in Berlin-Wilmersdorf hin. Sie ist unseres Erachtens deswegen wichtig, weil dort auch philosophische Reflexionen stark berücksichtigt werden und auch der gesellschaftskritische Aspekt viel Beachtung findet, bei aller Bereitschaft, individuell seelische Fragen und Probleme und Konflikte zu besprechen und Hilfen zu suchen. Der Titel Dialog, Gespräch, ist für uns eine Einladung,unsererseits den Dialog von Philosophieren und seelischer Therapie weiter zu pflegen.

Zur website: Klicken Sie hier.

DialogPraxis, Elisabeth Hoffmann, Uhlandstr. 129, 10717 Berlin

Tel. 030 -37 30 43 91, Mobil: 0179 – 94 35 94 6

Email: emhoffmann@gmail.com

“Ethik ist wichtiger als Religion”. Zu einer These des Dalai Lama

„Ethik ist wichtiger als Religion“: Hinweise zu einer These des Dalai Lama

Von Christian Modehn

Der Dalai Lama hat in Gespräch mit Franz Alt die These vertreten: „Ethik ist wichtiger als Religion“. Dieser neueste Beitrag des Dalai Lama vom April 2015 wird international verbreitet, der Text steht auch als pdf Datei gratis zum Herunterladen bereit.

In unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 28.8.2015 haben sich –im Gespräch mit 26 TeilnehmerInnen – einige Fragen und Perspektiven ergeben. Aus meiner Sicht der Hinweis:

Es ist außergewöhnlich, dass einer der prominentesten religiösen Führer/Meister, der immer noch als „Seine Heiligkeit“ angesprochen wird, behauptet: „Ethik ist wichtiger als Religion. Ethische Bildung ist wichtiger als religiöse Bildung. Religion ist tendenziell gewalttätig“.

Relativiert der Dalai Lama damit die Religion? Handelt es sich um eine Art Selbst-Herabstufung des Religiösen durch einen religiösen Meister? Diese Überzeugung wäre ja angesichts der vielen Krisen dieser Welt verständlich, wo die Religionen oft keine konstruktive Rolle spielen (Islam) und die Sehnsucht nach einer wirklichen allumfassenden Menschlichkeit enorm ist.

Die Frage bleibt: Ist die Lage der Welt, Krieg, Gewalt, Fundamentalismus, Wahn, Vertreibung usw. so zum Verzweifeln, dass schon gar nicht mehr damit gerechnet werden kann, Religionen könnten dabei behilflich sein? Haben die Religionen kein Potential der Hilfsbereitschaft mehr? Wer sich unbefangen umsieht, wird heute eher des gegenteiligen Eindrucks gewiss: Die Kirchen helfen diakonisch, auch muslimische Organisation sind caritativ tätig. Schwierig bzw. nicht hinzunehmen ist hingegen, wenn aus religiösen Offenbarungsprinzipien weltliche Gesetze abgeleitet werden! Das geschieht noch in vielen islamischen Ländern. Der Dalai Lama plädiert ausdrücklich mehrfach für eine säkulare Ethik, also eine solche, die sich der allgemeinen, der menschlichen Vernunft erschließt, also auch Atheisten und Agnostikern, wie ausdrücklich betont wird. Diese hat Gewissheiten, wenn nicht Evidenzen zu bieten, etwa der Kategorische Imperativ! Aber: Welche konkreten Vorschläge hat de Dalai Lama, um dieser säkularen Ethik als Realität entgegen zu gehen? Er schlägt das Übliche vor: Meditieren, meditieren, meditieren… Aber, eher nebenbei: Der Dalai Lama scheint Ethik und Moral zu verwechseln. Moral ist das gute Leben des einzelnen, Ethik die Reflexion auf die gelebte Moral. Er spricht dauernd nur von Ethik als der Lehre der Moral!

Gibt es auch „böse Ethiken“? Natürlich, aber das wird vom Dalai Lama nicht thematisiert. Die ideologischen Traktate der Nazis oder der Stalinisten gaben sich als so genannte „Ethiken“ aus.

Und nicht alle Religionen sind „unvernünftig“ und tendenziell bzw. faktisch gewalttätig. Mit der Reformation begann das Bemühen, den christlichen Glauben vernünftig zu betrachten, die Bibel vernünftig zu lesen, vielen Hokus Pokus aus dem Christentum zu vertreiben. Dabei haben Philosophen für eine Reinigung des obskuren christlichen Glaubens gesorgt. Es gibt bis heute kleine explizit theologisch-liberale protestantische Kirchen! Und auch die Mystiker, die von dem unsichtbaren Gott, dem göttlichen Geheimnis sprechen. Das sieht der Dalai Lama (in dieser Schrift) nicht.

Er sieht auch nicht, dass Religion selbst sich ALS Ethik versteht, etwa, wenn Jesus von Nazareth im Gleichnis des Barmherzigen Samariters diese gute Tat ALS den wahren Gottesdienst versteht.

Die abstrakte Trennung hier Ethik, da drüben „jenseits“, getrennt die Religion, gilt nicht, sie ist sogar falsch! Ein Beispiel: Heute sind (katholische) Basisgemeinden in ihrem Engagement für die Menschenrechte (auch für die Arm-Gemachten, Elenden) bester Ausdruck dafür: Religion ist selbst Ethik (als Eintreten für Menschenrechte).

Und hat Religion als (reflektiertes) religiöses Gefühl, das sich entwickelt auch in Auseinandersetzung und im Erleben von Kunst, Musik, Literatur, Poesie, nicht nur sehr gutes und manchmal – in seelischen Krisenzeiten etwa – ihr vorrangiges Recht?

So ist diese Broschüre des Dalai Lama mit Franz Alt interessant, inspirierend, durchaus, aber auch inspirierend zur Kritik und der Feststellung von Fehlern. Aber das will der Dalai Lama zweifellos!

Bei aller Kritik jedoch gilt: Die Broschüre des Dalai Lama bleibt wichtig. Sie zeigt den richtigen Weg: In dieser zerrissenen und chaotischer werdenden Welt kommt es zuallererst auf Kräfte an, die das Verbindende der Menschheit fördern willen. Die zuerst an den Menschen als Menschen denken, an sein „Glück“, wie der Dalai Lama sagt, und alle gewagten/neurotischen Konstruktionen und Ideologien, auch religiöse Ideologien, auf die zweite Stelle setzen.

Und diese Kräfte sollten, so bescheiden auch immer, diese säkular – ethische Haltung leben, in kleinen Gruppen oder allein. Die protestieren, wenn Religionen, Ideologien, esoterische Fantastereien wichtiger genommen werden als die allgemeine Vernunft, also die für alle (!) geltenden Menschenrechte, die absolut vorrangig bleiben, auch wenn unbegabte Politiker sie missbrauchen.

Es wird die Frage dringend angesichts dieser Schrift des „Anführers“ der Buddhisten:

Wann wird denn ein Papst – dem Dalai Lama folgend – sagen: Auch für uns Katholiken und für den Vatikan, alle Bistümer und den päpstlichen Hof (Kurie) ist die vernünftige Ethik wichtiger als die katholische Religion und ihre rigiden religiösen/klerikalen Gesetze? Und wir sprechen darüber IN den Gottesdiensten, gestalten „Feiern der Ethik“ am Sonntag anstelle der ewig selben Messen mit ewig denselben Worten etc…

Wann wird denn dies der Ökumenische Weltrat der Kirchen in Genf sagen? Wann die Verantwortlichen der Reformationsfeierlichkeiten 1517 in Wittenberg: Ethik ist wichtiger als eure Religion!

Wann die Putin ergebenen und verblendeten Popen und Patriarchen in Moskau? Gibt es Hoffnungen angesichts einer reaktionären orthodoxen Kirche, die nur als angepasste Staats-Ideologie existiert?

Wann all die vielen Islam-Organisationen: Wann werden sie mit einer Stimme bekennen und in allen Moscheen laut schreiend bei einem Freitagsgebet jeweils in den Landessprachen sagen: Vernünftige (!) Ethik ist wichtiger als Religion und religiöse Traditionen?

Wann werden dies militante Hindus und militante Buddhisten usw. sagen? Und die Anhänger jener Religion, die die eigene Nation bzw. den eigenen Staat und den Kurs der Börse heilig sprechen? Darf man das hoffen? Erwarten dürfen wir es nicht, weil die Macht der religiösen Verblendung auch heute enorm ist, weil Religion das eigene Nachdenken erspart und nicht fördert. Und viele Religion (als Ideologie)  wichtiger finden als pure Menschlichkeit.

ABER: Wir müssen hoffen und daran arbeiten, damit wir nicht völlig verzweifeln: Säkulare Ethik ist wichtiger als unvernünftige Religion, aber nicht jede Religion ist unvernünftig, siehe oben!

Der Dalai Lama hat jedenfalls einen klaren Schritt vollzogen und er hat einen radikalen SCHNITT vollzogen. Merken wir es uns: Ethik ist ab sofort wegen des Überlebens der Menschheit wichtiger als (unvernünftige) Religion.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Navid Kermani: “Ungläubiges Staunen”. Ein Religionsphilos. Salon am 25. September 2015

Der Religionsphilosophische Salon Berlin im September: Am Freitag, 25. September 2015, um 19 Uhr wollen wir uns mit einigen zentralen Erfahrungen und Erkenntnissen von Navid Kermani auseinandersetzen, dargestellt in seinem neuen Buch “Ungläubiges Staunen. Über das Christentum”, Beck-Verlag, München 2015, 303 Seiten. Was ist “schön” am Christentum in der Sicht eines Muslims? Was vermag ihn zu begeistern, was findet er problematisch im Christentum? Das Buch ist sozusagen ein Spiegel seines eigenen, “inneren” religiösen Dialogs. Im Zentrum steht jeweils, in jedem Kapitel, ein Gemälde oder ein Foto, die Kermani zu persönlichen Deutungen “verführen”. Interessant ist, dass der Muslim Kermani ausdrücklich den vorbildlichen Jesuitenpater Paolo dall`Oglio erwähnt, der sich in Syrien um den islamisch-christlichen Dialog bemüht; der ein entsprechendes Kloster in der Wüste bei Damaskus gegründet hat… nun aber, im Bürgerkrieg, spurlos verschwunden ist. Und niemand weiß, ob er noch am Leben ist… Das “Vatikan Magazin” (!) hat einen Beitrag Kermanis über Pater dall Oglio veröffentlicht, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Kermani liefert einen Beitrag zu den Lernschritten, die heute von jedem religiösen und nichtreligiösen Menschen geleistet werden sollten. Durch solche Dialogerfahrungen weitet sich unser Horizont … und unser Dasein im ganzen.

Wir treffen uns wieder in der Galerie Fantom (Hektorstr. 9) . Beitrag für die Raummiete: 5 Euro. StudentInnen haben wie immer freien Eintritt.

Herzliche Einladung, einem ungewöhnlichen und herausragenden Denker  –  durch sein neuestes Buch – zu begegnen, dem Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015.

Anmeldungen erforderlich wegen der begrenten Anzahl der Plätze. Kurz vor der Veranstaltung werden den “angemeldeten Personen”  weitere Infos zum Thema zugesandt per email.

Anmeldungen an: christian.modehn@berlin.de

Zur Einstimmung zwei Besprechungen:

Kölner Stadtanzeiger, klicken Sie hier.

FAZ, klicken Sie hier.

Flüchtlinge, die Philosophen und Theologen sind.

Philosophen und Theologen als Flüchtlinge

Ein Hinweis (und ein Projekt) von Christian Modehn. Der  Beitrag wurde im August 2015 verfasst, er ist nach wie vor interessant angesichts der aktuellen Diskussionen.

Am besten hilft „man“ den Flüchtlingen heute in Deutschland natürlich praktisch. Das heißt menschlich. Das heißt solidarisch. Und politisch, indem man die Politiker daran erinnert, dass die Fluchtursachen für sehr viele Flüchtlinge, die dann in Europa landen, von den europäischen Staaten und ihren Regierungen selbst mit-verursacht sind: Stichwort Kolonialismus, einst und heute; Schädigungen der landeseigenen Ökonomie etwa in Afrika durch multinationale Firmen, die dort nur Armut erzeugen. Verfehlte Politik im Irak, in Syrien und so weiter. Das Elend der Flüchtenden aus diesen Ländern wurde durch eine unfähige (nur aufs Heute schauende, engstirnige und dumme) europäische und amerikanische Politik verursacht. Jetzt ist es zu spät, diese schweren politischen Versäumnisse westlicher Politiker seit den 1990 Jahren noch zu korrigieren.

Nun haben zwei Historiker, Birte Förster und Moritz Hoffmann, Uni Darmstadt bzw. Heidelberg, eine website gestartet, die sich mit den geschichtlichen Dimensionen der Flucht und dem Schicksal der Flüchtlinge einst und bis vor kurzem befasst. Ein wirklich „uferloses“ Thema. Es ist aber dringend geboten, weil wir daran erinnert werden, dass so unglaublich viele Menschen Flüchtlinge waren und noch sind, Heimatlose, Staatenlose, Degradierte…

Die website ist erreichbar: www.gefluechtet.de

Sie bietet auch in Links Hinweise zu praktischen Möglichkeiten der Hilfe.

Uns führt diese Website zu einem weiteren (Forschungs-) Thema unseres Salons: Die Flüchtlinge, die Philosophen waren und sind, ebenso die Theologen, die flüchteten und noch heute fliehen, verdienen mehr intellektuelle Aufmerksamkeit!

Wer nur die Geschichte der Philosophie oberflächlich etwa für das 18. Jahrhundert anschaut: Rousseau war in gewisser Weise Dauerflüchtling, Voltaire war oft auf der Flucht; der „alte Fritz“ bot Zuflucht; an Descartes wäre zu erinnern, er starb (vergiftet ?) in Schweden. Im 20. Jahrhundert: Hanna Arendt und die vielen großen jüdischen Philosophen, Walter Benjamin, Emmanuel Lévinas, Adorno und Horkheimer und die vielen anderen. Bei der dann eines Tages halbwegs umfassenden Dokumentation darf es aber nicht bleiben. Es muss die Frage gestellt werden: In welcher Weise hat die Flucht das Denken der fliehenden Philosophen verwandelt? Wie wurde es erschüttert, vielleicht sogar perspektivenreicher? Und auch anders gefragt: Hätte nicht manchen etablierten Philosophen eine Flucht sogar gut getan, ich denke etwa an Heidegger: Wie hätte sich sein Schwarzwald-Denken und Sein-Sinnieren verwandelt, wenn er etwa mit Hanna Arendt in die USA hätte fliehen müssen? Spannende, selbstverständlich hoch „spekulative“ Fragen.

Und bei den Theologen: Man denke an den großen Paul Tillich, er musste schon 1933 vor den Nazis in die USA fliehen. Man denke an die Befreiungstheologen, die vor der faschistischen Diktatur in Chile nach Costa Rica fliehen mussten, etwa Pablo Richard oder Franz Hinkelammert. Oder heute, da fliehen ja auch, kaum bemerkt, so viele ursprünglich einmal katholische Theologen in protestantische Kirchen. Die Kirche der Remonstranten definiert sich sogar durch ihren „Allgemeinen Sekretär“ selbst als Zufluchtskirche, als freier Raum nach der Flucht in die Freiheit, mit möglichst wenigen Dogmen usw. Viele Katholiken haben bei den Remonstranten und anderen liberalen protestantischen Kirche Zuflucht gefunden, zumal solche, die sich selbstverständlich offen zu ihrer homosexuellen Liebe bekennen. Und in diesen Kirchen kein Versteckspiel betreiben müssen,  wie in der römischen Kirche immer noch üblich.

Das Thema Flucht und Flüchtlinge auch philosophisch und theologisch betrachtet, steht erst am Anfang. Das innere Bewegtsein, philosophisch und theologisch, des Fliehenden, des Vertriebenen, gilt es herauszuarbeiten. Wie sozusagen auch mitten im Leiden (in der Fremde) Neues entsteht. Jedoch die Voraussetzung dafür ist: Die umgebende neue Gesellschaft muss die ankommenden Flüchtlinge unterstützen, begleiten, schätzen, respektieren. Das gelingt nur, wenn die „Gastgeber“ erkennen: Auch wir „Daheimgebliebenen“ sind wie unsere neuen Bewohner SELBER auch Flüchtlinge: Warum können sich die Zuhausegebliebenen nicht eingestehen: Wir fliehen vor der Mühe der Solidarität, wir fliehen vor dem Respekt für den „anderen“. Wir fliehen vor den neuen Herausforderungen, weil wir uns nicht ändern wollen, weil wir so viel Angst haben.

Aber gemeinsam haben wir diese Angst überwunden und sind aus dem alten, engen, ja sagen wir auch spießigen Leben „geflohen“ und neu begonnen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Der verdinglichte und missbrauchte Gott. Der Ablass in der römischen Kirche, damals und heute

Der verdinglichte und missbrauchte Gott: Der Ablass in der römischen Kirche, damals und heute

Von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon lädt ein, vom Thema des Salons eine Verpflichtung, kritisch auch das Reformationsgedenken 2017 zu beobachten. Zur Aktualität des Reformationstheologen Thomas Müntzer und der offiziellen Ignoranz ihm gegenüber im „Jubliäumsjahr 2017“ haben wir bereits Hinweise publiziert, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Zum Ablass: Viele meinen heute, Luthers Streit um den Ablass (seit 1517) sei nur noch ein Stück Geschichte. Und viele Menschen vermuten, diese seltsame Vorstellung, sein ewiges Heil zu sichern, Ablass genannt, sei heute theologisch endlich durch die Arbeit der Vernunft überwunden und beiseite gelegt; die Vorstellung nämlich, wonach sich die Seelen der Sünder von halbwegs schweren Vergehen (= „lässliche Sünden“, nicht schwerste Todsünden!) im Fegefeuer aufhalten und (im Feuer schmorend ?) auf den von Gott selbst dereinst verfügten Eintritt in den Himmel warten. Dabei kann es aber gelegentlich, durch die mächtige Gnade der irdischen Päpste, also durch Eingriffe von außen ins interne Fegefeuer-Geschehen, schneller einen Ausweg aus dem Ort der „Reinigung“ (=Fegefeuer) geben …und dann geht es schnell und direkt in den Himmel. Und genau diese beschleunigte Reise der „armen Seele“, aus dem „Fegefeuer rein in den Himmel“, wird vom Ablass ermöglicht. Und dieses “himmlische Geschehen” wird katholischerseits zwar nicht so hübsch formuliert, aber inhaltlich so gelehrt! Bis heute!

Die Basis für diese theologische Überzeugung, die seit dem 11. Jahrhundert explizit formuliert wird: Die Kirche unterscheidet beim Sünder zwischen der Schuld (die etwa in der Beichte schon erlassen ist) und der zeitlichen Strafe für diese Schuld, die bei Verstorbenen dann im Fegfeuer (Purgatorium) “abgearbeitet” bzw. “ab-gewartet” wird. Um die Aufhebung dieser zeitlichen Strafe (die sich als “zeitliche” Strafe komischerweise in der eigentlich “zeit-enthobenen, d.h. ja wohl zeit-freien Ewigkeit abspielt) geht es im vollkommenen Ablass. Also einem solchen, der alle (vollkommen alle !) zeitlichen Sündenstrafen aufhebt. Früher gab es noch feine Nuancen zwischen dem vollkommenen, also allumfassenden Ablass und dem unvollkommenen, also nur auf einige Strafen bezogenen Ablass: Aber, darf man das so sagen, diese Nuancen wurden dann selbst den gewieften Ablass-Spezialisten zu speziell. Jedenfalls waren die Kreuzfahrer, also die kühnen Eroberer des Heiligen Landes im 10. Jahrhundert, die ersten, die für ihre Unternehmungen (und Abschlachtungen der “Heiden”) den “völligen Straferlass ihrer Sündestrafen erhielten (11). Wahrscheinlich haben sie sich in ihrem mittelalterlichen Angst-Glauben auch nur deswegen auf die Reise gemacht, bei der ja niemand wusste, ob eine Wiederkehr in die Heimat wahrscheinlich ist. So wurde also der Ablass als beruhigendes Kalkül direkt wirkungsvoll eingesetzt.

In jedem Fall gilt: Die römische Kiche hält nach wie vor an dem (vollkommenen) Ablass fest. Auch heute. Karl Rahners Vermutung, 1972 geäußert, das Interesse am Ablass nehme ab, trifft nicht zu (10). Alles Gerede von ökumenischen “Lernprozessen” durch den römischen Katholizismus wirkt eher wie ein Witz angesichts dieser Tatsache. Nebenbei: Schwerverbrecher, die ohne Reue, Schuldbekenntnis und Beichte sterben, können nicht auf die Wirksamkeit des Ablasses hoffen. Sie sind dann wohl verdammt ad aeternum? Dazu will kein Papst des 20. Jahrhunderts exakt Stellung nehmen.

Also: Der Ablass ist bis heute fester Bestandteil der katholischen Lehre und spirituellen Praxis. Im 16. Jahrhundert hat das Konzil von Trient zwar den blühenden Handel mit Ablasszettelchen à la Tetzel verboten. Immerhin war dies eine späte Reaktion auf die Kritik Luthers, zu einer Zeit, als die Kirchen schon gespalten waren! Der Ablass selbst aber blieb ungebrochen erhalten. Und auch das Geld spielt in dem Zusammenhang, mindestens indirekt, auch heute eine Rolle, wenn etwa offiziell betont wird im Blick auf die Ablässe, die ab 8. Dezember 2015 bis Ende 2016 gewährt werden: Ablass erhalten „Gläubige, die in dieser Zeit an einem der Gottesdienste in den vier römischen Papstbasiliken teilnehmen, sie erwartet ein vollkommener Ablass ihrer zeitlichen Sündenstrafen“ (2). So wird zumindest der Rom-Tourismus weiter angeregt, mehr als 20 Millionen gläubiger-abergläubiger Seelen, so die Schätzung im August 2015,  eilen nach Rom, und davon werden ja auch unzählige Klöster profitieren, die ständig aus Mangel an Mitgliedern ihre Klosterzellen in Hotel-Zimmer oder gar in 4 Stern-Suiten umwandeln (wie etwa die Augustiner in Rom, die direkten Nachbarn des Papstes) (3). Nebenbei: Im Heiligen Jahr 1600 (unter Papst Clemens VII.) wurde der weit blickende kluge Philosoph und Theologe, der Dominikaner Mönch, Giordano Bruno, in Rom verbrannt, nach unsäglichen Jahren der Haft und der Folter. Sein Vergehen: Er glaubte nicht an die Trinität. Seine Verbrennung bei lebendigem Leibe mitten in Rom wurde als volkstümlicher Beitrag zum Heiligen Jahr bewertet. Manche fragen heute, wie begrenzt eigentlich der Vatikan bis jetzt noch ist, an diesen Heiligen Jahren (inclusive massenweise Ablass) festzuhalten? Sieht man nicht, in welcher zweifelhaften Tradition man sich befindet?

Am 8. Dezember 2015 beginnt nach Verfügung des angeblich progressiven und ökumenischen Papstes Franziskus eben das „Heilige Jahr“, das normalerweise eher nur alle 100 oder 50 Jahre ausgerufen werden darf. Gestartet wurden die “heiligen Jahre” durch den allseits bekannten machtgierigen und hoch unsympathischen Papst Bonifaz VIII. im Jahr 1300. Über den üblichen Rhythmus hat sich Papst Franziskus hinweggesetzt und ein „außerordentliches“ heiliges Jahr angekündigt, er nennt es „Jahr der Barmherzigkeit“. Vielleicht will er damit schon die eher „dunklen“ Ergebnisse der Herbstsynode der Bischöfe in Rom 2015 kompensieren, wenn die Bischöfe wenig Gnade haben mit den Wiederverheiratet Geschiedenen und „selbstverständlich“ wenig Respekt zeigen für die umfassende (!) Gleichbehandlung Homosexueller. Diese Fortschreibung der alten, offiziellen römischen Moral ist ja nach der Bischofssynode 2015 sehr wahrscheinlich. Insofern können sich die Frommen wenigstens trösten mit der Gewährung des Ablasses. Er soll gnädigerweise jenen gewährt werden, die einer Predigt des Papstes lauschen, am besten natürlich als Touristen in Rom, aber auch die ärmeren Katholiken werden bedacht: Sie gewinnen auch den Ablass, man glaubt es kaum, wenn sie der Papstpredigt im Fernsehen oder im Internet folgen. Bei „angemessener Disposition“, wie es heißt (4).

Im Verstehen des Reformationsgeschehens und der Differenz zwischen Katholisch und Protestantisch darf man den Ablass nicht hoch genug einschätzen. Er ist alles andere als eine skurrile Nebensache!! Im Streit um den Ablass ging und geht es um die Machtansprüche des kirchlichen katholischen Amtes.

„Im Streit um den Ablass (Oktober/November 1517) hat Luther zeitlebens den BEGINN der Reformation gesehen“: So der international, auch noch im katholischen Raum hoch geschätzte Lutherforscher Otto Hermann Pesch (1). Dabei war es keineswegs in erster Linie der rege Geld-Handel mit dem Ablass durch den Dominikaner Mönch Tetzel, was Luther zur Reformation führte, sondern der Ablass selbst als theologische Ideologie! Denn im Ablass gewährt die Kirche, vertreten durch den Papst, den Erlass der zeitlichen Sündenstrafen. Der Papst zeigt sich als „Herr der Gnade“, auf einer Stufe sozusagen wie Gott selbst stehend, so sah es Luther.

Der Hintergrund für diese an die Vollmachten Gottes heranreichende Macht des katholischen Amtes, des Papstes, wird in dem grundlegenden Kompendium der katholischen Lehre, dem offiziellen römischen Katechismus, auch heute noch dargelegt: Der Ablass kommt als eigenes Stichwort im Katechismus natürlich vor, er wird in den Paragraphen 1471 bis 1479 auf zwei Buchseiten, klein gedruckt, behandelt (nebenbei: Das Thema „Demokratie“ kommt als Stichwort und als Beitrag im Katechismus überhaupt nicht vor, hat ja auch in römischer Sicht nichts mit dem wahren Glauben zu tun…).

Der Erlöser Jesus Christus, so die römsiche Vorstellung, hat durch seinen blutigen Tod am Kreuz einen „Schatz der Genugtuungen“ hinterlassen, sozusagen, populär verstanden, ein riesiges Gefäß voller Gnade, darin werden auch die erlösenden Leistungen der Heiligkeit von Heiligen, vor allem der Jungfrau Maria (siehe § 1477) aufbewahrt: „Die geistlichen Güter der Gemeinschaft der Heiligen nennen wir auch Kirchenschatz“ (§1476). Aber, so heißt es dann etwas verwirrend im Katechismus am Ende des § 1476: „Der Kirchenschatz ist Christus, der Erlöser selbst“. Christus also als Kirchenschatz…

Der entscheidende Punkt steht in verklausulierter, nicht gerade leicht zugänglicher Sprache in § 1478. Dort wird daran erinnert, dass die römische Kirche von Christus die Binde – und Lösegewalt von Christus selbst erhalten hat, also eben die Fähigkeit, von der Schuld der Sünde zu befreien. Dafür fehlt im Katechismus jeglicher Hinweis (von Beweis wollen wir gar nicht sprechen) auf das Neue Testament. Aber weil sich die Kirche diese Gnaden-Vollmacht selbst einmal zugesprochen hat, kann sie eben aus dem riesigen Gefäß der „Verdienste Christi und der Heiligen“ (§1478) dem einzelnen Katholiken von dort (dem „Gefäß“) „Schätze“ zuwenden. Und so wird durch päpstliche Hilfe sozusagen über die Gnaden Christi verfügt, dass „der Sünder vom Vater der Barmherzigkeit (also von Gott-Vater) den Erlass der für seine Sünden geschuldeten zeitlichen Strafen erlangt“. Dann wird in § 1479 freundlicherweise daran erinnert, dass “auch für verstorbene Gläubige” (! sic, also nicht für alle Menschen) Ablass erlangt werden kann.

Wie genau das Prozedere der Ablass-Zuwendungen dann von Irdisch (Kirchlich) zu Fegfeuerisch bis dann zu Himmlisch läuft, wird nicht näher erklärt. Kommt vielleicht noch, es ist ja möglich, dass der hoch begabte Theologe Kardinal Müller (ehemals Regensburg) in Rom daran feilt.

Wir meinen: Offenbar kann nur immer nur für einen einzelnen Verstorbenen, etwa im Moment der Papstpredigt, der Ablass gewonnen werden. Was aber ist, wenn mehrere Familienangehörige für dieselbe Tante Olga – ohne Absprache – den Ablass erwirken? Kann diesen individuellen Ablass-Überfluss Tante Olgas Seele dann im Purgatorium, dem Fegfeuer, sozusagen weiterreichen, etwa an arme Seelen ohne fromme Angehörige? Man sieht schon bei diesen Detail-Fragen, wie lächerlich eigentlich diese ganze Ablass-Lehre ist. Man könnte über sie lachen und sich den wirklich dringenden Themen zuwenden. Geht aber nicht, weil Ideologiekritik nun einmal zum Geschäft des Journalismus und auch der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gehört. Der Lutherforscher Otto Hermann Pesch sagt zu recht, wenn schon die Kirche gelegentlich die armen Seelen aus dem Fegefeuer heraus holen kann, via Ablass, warum schafft sie dann nicht gleich und endlich einmal das Fegefeuer und den Ablass selbst ganz und gar ab? Das wäre doch ein schönes Geschenk des progressiven Papstes Franziskus 2017 anlässlich seines Deutschlandbesuches. Wird aber wohl nichts, weil eben auch die jetzigen Formen des Ablasses noch viel Geld bringen (siehe oben) und viel Medienaufmerksamkeit mit Lifeschaltungen nach Rom usw. Die Hoffnung sollte man hingegen nicht ganz aufgeben, dass sich der Papst von dieser unhaltbar-verstaubten Lehre, die zudem in ihrer “Allwissenheit” Gott gegenüber höchst gottes-lästerlich ist, dass sich als der Papst (oder ein Papst einmal etwa im Jahr 2175)  von der Ablasslehre definitiv trennt und sie auf den Müllhaufen der Religionsgeschichte wirft. Papst Benedikt XVI. hatte ja immerhin den Mut, an der noch problematischeren, wenn nicht entsetzlichen Lehre von “limbus puerorum”, von der Vorhölle für ungetaufte Kinder (!) zu rütteln, so dass heute weithin Konsens besteht: Dieser limbus puerorum, eine Einrichtung eines grausamen Gottes und einer grausamen Kirche, ist irgendwie “verschwunden”.  Das Ganze passierte ziemlich sang- und klanglos, weil sich die Päpste immer genieren, wenn sie alte, bisher heftig verteidigte Lehren aufgeben (müssen). Das war so, als die Feuerbestattung für Katholiken erlaubt wurde oder einmal die Möglichkeit freigelassen wurde, dass Katholiken Mitglieder der bisher verhassten Freimaurer-Loge werden können.  Als die katholische Messe endlich, 450 Jahre nach Müntzer und Luther, seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1964) auf Deutsch (und in allen Landessprachen) gefeiert werden durfte, mussten sich Bischöfe und Päpste alle Mühen geben, sich in dem Zusammenhang nicht bei den Reformatoren zu bedanken.

Man muss sich also schon mal die Mühe machen und diese hoch-offizielle Lehre vom Ablass studieren, um sich nicht der Illusion hinzugeben, die darin besteht, die römische Kirche habe sich nach dem 2. Vatikanischen Reform-Konzil eine weithin Vernunft gesteuerte moderne Theologie zu eigen gemacht und mysteriöse Ruinen der mittelalterlichen Theologie beiseite gestellt. UND: Als würde etwa der Protestantismus heute, auch in Vorbereitung auf das Reformationsgedenken 2017, im entferntesten wissen und zugeben, dass die römischen Brüder und Schwestern immer noch und immer noch sehr heftig am Ablass festhalten.

ENTSCHEIDEND IST FÜR UNS: Darf man es philosophisch gesehen, einen Skandal nennen, in welcher Form der absoluten Verdinglichung im Fall des Ablasses von Gott, von Erlösung, von Strafe, von Purgatorium, von kirchlicher Macht usw. gesprochen wird. Man glaubt zu träumen, solche schon für Mystiker unsäglichen Gottesvorstellungen heute noch in einem offiziellen römischen Text von 1997 lesen zu müssen. Glaubt man im Ernst in Rom daran, dass sich ein auch nur halbwegs gebildeter religiöser Mensch daran erbaut? Oder vertreiben solche unsäglichen, Gott verdinglichenden Texte nicht die letzten nachdenklichen Menschen aus der römischen Kirche? Es wird so sein! Und so wird es noch eine Weile bleiben. Die Kirchenaustritte wird man dann in Rom und Bonn /ZK und Bischofskonferenz / durch die so furchtbare „Säkularisierung“ begründet sehen. Von eigener kirchenamtlicher Schuld daran, sicher keine Spur.

Wird es zum Jubiläumsjahr 2017 zu diesem (!) Thema eine Veranstaltung geben? Oder wird der offizielle ökumenische Jubel-Trubel alles Differente wieder zudecken und Einheit vorgaukeln, die nicht besteht? Wie sind gespannt, d.h. sehr pessimistisch. Jubel, Trubel, ökumenische Heiterkeit wird das oberste Gebot 2017 sein?

Noch einmal: Man muss klar sehen: Was die römische Kirche heute über den Ablass noch lehrt, war genau der Punkt, wo Martin Luther absolut NEIN sagen musste. Denn für Luther verfügt der Papst in der Ablass-Praxis (mit Geld- oder auch ohne Geldspenden !) „über das Wirksamwerden der Gnade Gottes, die Christus durch sein Heilswerk verdient hat“ (6). Der Papst, so Luther völlig richtig, kann nur von Kirchenstrafen befreien, also sie erlassen, niemals aber solche Strafen für Sünder, die Gott erlassen hat. Wir merken hier, dass auch Luther mittelalterliche Vorstellungen vom strafenden Gott Vater im Himmel usw. hatte!

Hier geht es nur darum zu zeigen, dass Luther die anmaßende Macht der Päpste nicht nur unerträglich, sondern biblisch unhaltbar fand! Otto Hermann Pesch betont: „Es ist ernst zu nehmen, wenn Luther später mehrfach beteuert, es hätte alles nicht soweit kommen müssen (in der Loslösung von Rom , CM), wenn der Papst statt seiner (Luthers) den Tetzel eben sofort verurteilt und den Ablasshandel verboten hätte“ (7).

Luther verlangte dann auch in der Auseinandersetzung mit Kardinal Cajetan in Augsburg im Oktober 1518 einen Beweis aus dem Neuen Testament, dass der Ablass irgendeine Begründung in der Bibel hat. Dieser Beweis aus dem Neuen Testament konnte nicht erbracht werden! Wie überhaupt auch heute, trotz aller Bibelforschung !, auch im genannten Beitrag des Katholischen Katechismus von 1993 kein direkt, unmittelbar zum Thema Ablass bezogenes Zitat aus dem NT den Autoren unter die Augen kam. Hingegen wird zu Begründung der Ablasslehre lang und breit Papst Paul VI. (er herrschte von 1963-78) und das Trienter Konzil (16. Jh.) zitiert. Rom wird auf diesen Hinweis sicher antworten, dass sich eben die Lehre der katholischen Kirche über die Texte des NT hinaus entwickeln kann. Nebenbei: Im Falle des Ablasses soll das gelten, nicht aber in der Frage des Priestertums der Frauen. Da ist evidenterweise Willkür in der Bibelauslegung am Werk.

Man sieht an diesem Beispiel, wie auswählend auch die offizielle römische Papst-Theologie mit biblischen Texten umgeht. Auswahl heißt auf Griechisch Haeresis, auf Deutsch Häresie, ein Stichwort, das nicht wir schlimm finden, denn alle religiösen Menschen sind, Gott sei Dank, und notgedrungen durch ihre Individualität, immer Häretiker. Nur Rom hat da eigentlich seine Probleme. Nur nicht in dem nachgewiesenen Fall…

Wie Luther die Verhandlungen mit Kardinal Cajetan aus Rom erlebte, fasst Otto Hermann Pesch treffend zusammen: „Jetzt erst reagiert Luther mit der Verwerfung der römischen Kirche im ganzen, soweit sie nicht auf die Schrift (NT) gegründet ist“ (8)

Ich möchte diesen kurzen, auf die Aktualität der Ablasslehre und der auch heute immer noch vielerlei Profit bringenden Ablasspraxis, beenden mit einem weiteren Zitat des von mir geschätzten Professors Otto Hermann Pesch. Ich lernte ihn als Journalist fürs Fernsehen und den Hörfunk der ARD Anfang der 1980 Jahre kennen und habe ihn danach auch mehrfach interviewen können. Dabei gewann ich persönlich den Eindruck eines authentischen Protestanten, ja „Lutheraners“! Pesch war Professor an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Hamburg, obwohl er, der ehemalige Dominikanermönch aus Walberberg bei Bonn, immer kritisches Mitglied der römischen Kirche blieb. Er schreibt in dem genannten Buch im Blick auf den Weg Luthers als Lösung von der Macht Roms: „Wovon lebt der Mensch vor Gott wirklich. Vom Gehorsam gegen die Kirche? Oder lebt der Mensch vom befreienden Zuspruch Gottes selbst, der gewiss in der Kirche, durch die Heilige Schrift hörbar wird, aber dadurch eben nicht Zuspruch der Kirche wird, sondern eben Zuspruch Gottes bleibt? (9)

Karl Rahner SJ, sicher einer der führenden katholischen Reformtheologen und ein führender Berater beim 2. Vatikanischen Konzil 1961-65, war sich nicht zu schade, einen hoch komplexen und sich am Rande der Unverständlichkeit bewegenden Beitrag zum Thema Ablass zu schreiben; ausgerechnet in einer Taschenbuch-Reihe, die eigentlich nicht nur alte Universitätsprofessoren als Lektüre dient. Immerhin kann sich Rahner gegen Ende seines auch historisch orientierten Beitrags aufraffen, sehr leise, aber deutlich katholische Kritik am Ablass (UN-) Wesen der römischen Kirche zu äußern, ab Seite 34 im ersten Band des Lexikons “Herders Theologisches Taschenlexikon”. Dass in dem ganzen Ablass-Beitrag der Name Luther nicht ein einziges Mal fällt, ist gelinde gesagt, schade. Aber Rahner meint immerhin: Über den Ablass sollte heute katholischerseits nur “in einem diskreten Umfang” gesprochen werden, “weil sonst zuviel pastorale Bemühung verbraucht wird, die heute andernorts notwendiger angewendet wird” (S. 34). Und auch die konkreten Formen der “Ablass-Verleihungen”, wie er sagt, also der Ablass Praxis,  “bedürfen einer mutigen, wenn auch diskreten Reform” (warum denn diskret, möchte man fragen. Sollte die Kirche doch Irrwege einmal offen eingestehen, das ist viel sympathischer als “diskret”). (ebd.) Ob der Jesuit Papst Franziskus die diskrete Ablass-Kritik seines Jesuiten-Mitbruders Karl Rahner kennt?

COPYRIGHT: Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin

Quellen:

  • (1)

Otto H. Pesch, Hinführung zu Luther, Mainz 1982, S. 100.

  • (2)

http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/zeichen-der-umkehr   Gelesen am 17.8.2015

(3)

Um nur einen Eindruck zu vermitteln, wie heute die fast leer stehenden Klöster selbstverständlich alle im schönen Zentrum von Rom nicht etwa in Sozialwohnungen für Familien oder Krankenhospize oder Jugendheime oder Flüchtlingsheime usw. umgewandelt werden, sondern eben, als Trend weltweit !, in Luxus- „Herbergen“. Etwa die Residenza Paolo VI in Rom.  Auch das Augustinerkloster in Prag wurde zu einem Luxushotel umgebaut usw.usw. Alle Orden machen da auf Ihre Weise mit. Wahrscheinlich eine Form, das Gelübde der Armut zu leben? Auf diese Weise sammeln die aussterbenden Orden in jedem Fall viel Geld für ihre uralten Mitglieder.

(4)

„Der Tagesspiegel“ berichtet am 14. 8. 2015 über eine Ablass-Tagung von Historikern im Vatikan. Die Hinweise auf den möglichen Ablass via TV und Internet stammen von dort.

(5) „Katechismus der katholischen Kirche“, weltweit millionenfach verbreitet, auf Deutsch: München 1993, Seite 401 f.

(6) Otto Hermann Pesch, siehe Fn. 1, dort S 96.

(7) ebd., S 101.

(8) ebd. S 112.

(9) ebd 110.

(10) Herders Theologisches Taschenlexikon, Freiburg 1972, Band I; Seite 34. Ein Beitrag von Karl Rahner SJ.

(11) Herders Theologisches Taschenlexikon, Freiburg  1972, Seite 31. Ein Beitrag von Karl Rahner SJ.

Später (im Jahr 1300) hat dann der machtversessene und äußerst autoritäre Papst Bonifaz VIII. (der Erfinder der “Heiligen Jahre” !)  ebenfalls den vollkommenen Ablass propagiert, ebd.

Keine Angst vor der Auswahl “heiliger Texte”. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken im August 2015: Drei Fragen von Christian Modehn an Prof. Wilhelm Gräb

Keine Angst vor der Auswahl „heiliger Texte“

Schon Martin Luther war überzeugt, dass es im Neues Testament Texte gibt, die Christus deutlicher „treiben“, also das Evangelium der Gnade, eines „geschenkten Lebens“, bezeugen, als andere Texte. Wenig bedeutend waren für Luther der Hebräerbrief und der Jakobusbrief. Von einer „Mitte“ des Glaubens ist auch die Rede in der lateinamerikanisch geprägten Befreiungstheologie mit ihrer Bevorzugung der Exoduserfahrung oder der prophetischen Kritik. Das sind nur zwei Hinweise dafür, dass spirituelle Menschen immer schon, von ihrer jeweiligen Lebenssituation ausgehend, sich eben auswählend gegenüber biblischen Texten verhalten. Ist diese Auswahl persönlich relevanter biblischer Texte für Sie theologisch gesehen ein Irrweg oder eine Normalität?

Es gelten für das Verhalten gegenüber biblischen Texten keine anderen Regeln als sonst auch. Wenn wir einen Text lesen, sei das ein Roman, eine wissenschaftliche Studie oder ein Zeitungsartikel, haben wir immer unsere eigene Brille auf. Es ist geradezu notwendig, dass ich das eigene Interesse, meine Fragen und mein Denken über die Sache, um die es in einem Text geht, mitbringe, wenn ich diesen verstehen will. Nur dann wird der Text sich mir öffnen, werde ich herausfinden, was er mir zu sagen hat.

Bei „heiligen“ Texten ist das genauso. Sie sind zu „heiligen“ Texten ja erst dadurch geworden, dass einzelne Menschen, dann eine religiöse Gemeinschaft, ihren Glauben, ja, sich selbst in ihnen gefunden haben. Die Bibel ist die Heilige Schrift der Christen durch den Gebrauch, der von ihr gemacht wurde und wird, in der Liturgie und Verkündigung der Kirche, in der häuslichen Andacht oder auch der persönlichen Gottsuche. Das religiöse Interesse, die Suche nach Gott, das Heilsverlangen, sie machen die Bibel zu Gottes Wort, dort, wo sie von Menschen als ein solches Wort gelesen, gehört und aufgenommen wird. Dann wird sie zu einem Wort, das Menschen gut tut, das sie tröstet in der Not, das ihrem Glück einen Ausdruck gibt, das für sie zur Segenzusage wird, das sie in ihrer Hoffnung bestärkt und ihnen hilft, mit Schicksalsschlägen und Leiderfahrungen besser zurecht zu kommen.

Nicht alle Texte der Bibel sind dazu zu jeder Zeit und in jeder Lebenslage gleichermaßen geeignet. Das hat man auch in der Theologie immer so gesehen – wie Sie das gerade an Luthers Urteil über bestimmte biblische Schriften gezeigt haben. Es waren für Luther nur diejenigen biblischen Texte Gottes heiliges Wort, in denen er die seine reformatorische Grundeinsicht tragende Botschaft von der göttlichen Rechtfertigung des Sünders erkennen konnte. Er suchte in der Bibel nach Heilsgewissheit, nach der verlässlichen Grundlage für ein unbedingtes Zutrauen zum (ewigen) Leben. Und dort, wo er diese Zusage fand, dort wurde ihm die Bibel zur Heiligen Schrift.

Dass spirituelle Menschen sich auswählend gegenüber biblischen Texten verhalten, ist in der Tat immer schon so gewesen und muss so auch sein. Damit sich die biblischen Texte dem spirituellen Interesse, der Suche nach Gott, der Sehnsucht nach Befreiung und ewigem Heil erschließen, müssen sie geradezu mit spirituellem Interesse gelesen werden. Sonst kommt es nicht zu einer spirituell lebendigen Begegnung ihnen.

Die moderne Bibelwissenschaft pflegt freilich längst noch einen ganz anderen Umgang mit der Bibel. Da wird sie zur historischen Quelle, um die Geschichte Israels oder der frühen Christenheit zu erforschen. Sie wird als ein historischer Quellentext in Gebrauch genommen und mit historischer Erkenntnisabsicht gelesen. Das religiöse Interesse, das danach fragt, was die biblischen Texte uns für unser Leben und unseren Glauben bedeuten, kann dabei ganz ausgeklammert bleiben. Mit Theologie bekommt diese historische Lesart biblischer Texte erst dann wieder zu tun, wenn die historische Dimension so weit ausgeleuchtet wird, dass die weitergehende Frage in den Blick kommt, warum wohl diese Texte als Altes und Neues Testament zur Heiligen Schrift der Christen bzw. als Tanach (der weitgehend dem AT entspricht) zur Heiligen Schrift der Juden geworden sind und bis heute im religiösen Gebrauch stehen.

Die Fragen, die im Christentum die Zuordnung oder gar Rangordnung von Altem und Neuem Testament betreffen – das Judentum hat dieses Problem nicht – sind theologische Fragen, bei denen ebenfalls persönlich spirituelle Interessen im Spiel sind. Auf sie müssen wir im Grunde immer zurück gehen, wenn wir verstehen wollen, warum die Bibel wichtig ist und weshalb es um sie Streit gibt.

Wenn die Bevorzugung bestimmter Texte als Quelle persönlicher Inspiration offenbar ein vernünftiges Verhalten ist und zum Kern eines „Glaubens aus freier Einsicht“ gehört: Wie können dann spirituell interessierte Christen mit schwierigen Texten aus dem Alten Testament umgehen, mit den Fluchpsalmen etwa oder mit den Texten, die uralte jüdische Gesetzgebungen in den Mittelpunkt stellen?

Mit dieser Frage, so würde ich zunächst sagen, tritt hervor, weshalb die historische Betrachtung und Erforschung der biblischen Texte auch spirituell interessant sein kann. Die historisch-kritische Textanalyse ermöglicht es, den Sitz im Leben solcher Texte, die uns als Texte der Bibel fremd und unzugänglich sind, zu rekonstruieren. Im Blick auf die Fluch-Psalmen oder auch andere Texte im Alten Testament, in denen Gott in seinem Zorn über die Bosheit der Menschen ganze Völker vernichtet, kann durch die Erforschung der Überlieferungsgeschichte dieser Texte gezeigt werden, dass sie sich auch als Klage und Protest und als Aufschrei gegen Erfahrung der Unterdrückung lesen lassen. Liest man die Fluch-Psalmen aus der Perspektive derer, über die die Geschichte gnadenlos hinweggegangen ist, die zu den Entrechteten und Namenlosen gehörten, dann kann man den Vernichtungswillen Gottes auch als Ausdruck der Hoffnung darauf lesen, dass Gott niemanden verloren gibt, er Recht und Gerechtigkeit wieder aufrichten wird. Dann kann auch in Gesetzes- und Rechtstexten ein Heilsversprechen erkannt werden. Freilich adressiert an die Ohnmächtigen, nicht an die, die die Herrschaft auf Erden ausüben, sondern an die, die unwiederbringlich verloren wären und für die es keine Erlösung gäbe, wenn nicht ein Gott ist, der letztendlich das Gute für alle Menschen will.

Es kommt bei allen biblischen Texten auf die Perspektive an, in der sie gelesen werden. Die Bibelwissenschaft ist dazu da und erfüllt so auch als historisch-kritisch arbeitende Wissenschaft einen spirituellen Zweck, wenn sie uns um andere Perspektiven und neue Lesarten bereichert. Sogar das zunächst Anstößige und Befremdliche in biblischen Texten wird dabei möglicherweise auf ein spirituelles Interesse hin durchsichtig. Fluch-Psalmen können, wie ich zu sagen versuchte, verstanden werden als Ausdruck des Aufstands der Erniedrigten und Gequälten gegen ihre Peiniger und Unterdrücker. Indem sie diese in Gottes Namen verfluchen, geben sie zugleich der unbändigen Hoffnung Ausdruck, dass Gott nicht auf der Seite der Mächtigen und Gewaltigen stehen möge, sondern er das Recht und die Gerechtigkeit endlich zur Durchsetzung bringen wird.

Befremdliche und anstößige Texte gibt es aber keineswegs nur im Alten Testament. Auch im Neuen Testament sind uns harte Jesus-Worte überliefert. Da sagt er, dass er nicht gekommen sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Matthäus 10, 34) oder er fordert diejenigen, die ihm nachfolgen, auf, ein für allemal Vater und Mutter zu verlassen Matthäus 19, 5) oder auch die Toten ihre Toten begraben zu lassen (Matthäus 8, 22). Dann wieder begegnen wir in der Offenbarung des Johannes schrecklichen Untergangsvisionen, und im Hebräerbrief muss viel Blut fließen, damit wenige gerettet werden.

Immer also kommt es auf die Perspektive an, auf die Situation, aus der heraus Menschen die Bibel lesen, um dort ihre religiösen Gefühle und Gedanken ausgedrückt oder auch eine Orientierung für ihr Handeln zu finden. Das ist nie ungefährlich, natürlich auch nicht der Umgang mit den Fluch- und Rache-Psalmen oder den harten Entscheidungsworten Jesu. Sie können ja auch dazu dienen, eigensüchtigen Rachegedanken und Gewaltphantasien freien Lauf zu lassen. Immer braucht deshalb der spirituell interessierte Umgang mit der Bibel selbst noch einmal ein ethisch-religiöses Kriterium.

Es läuft die Frage nach dem angemessenen Umgang mit „heiligen“ Texten, mit der Bibel, letztlich immer darauf hinaus, wie wir unser Leben verstehen, welche spirituellen Interessen wir verfolgen und was es aus uns macht, dass wir meinen, uns Christen nennen zu können. Letztlich ist es, gerade weil der persönlich-wählerische Umgang mit biblischen Texten sich gar nicht vermeiden lässt, nötig, ein Kriterium zu haben, das uns einen guten von einem schlechtem, einen akzeptablen vom einen inakzeptablen Umgang mit ihnen unterscheiden lässt.

Was ist heute das Wesentlich Christliche und dies so, dass wir dazu in freier Einsicht und mit begründeter Überzeugung stehen können? Ich meine, dass wir die Antwort auf diese Frage nicht in der Bibel finden, schon gar nicht, indem wir uns dabei vorrangig an das Neue Testament halten und das Alte Testament zurückstellen, auch nicht in einer theologische Grundsätze formulierenden und Verweisungszusammenhänge zwischen beiden Testamenten aufmachenden theologischen Dogmatik. Wir müssen nach einer für uns heute orientierungskräftigen religiösen Ethik Ausschau halten. Ich schlage eine Ethik vor, die sich im Wesentlichen an dem Gedanken der unverletzlichen Würde jedes Menschen und der universalen Geltung der Menschenrechte ausrichtet.

Dieser freie, durchaus subjektiv-wählerische Umgang mit religiösen Texten aus dem Neuen wie aus dem Alten Testament respektiert letztlich die Eigenständigkeit dieser literarisch so unterschiedlichen Bücher. Es gibt dann keine Unterordnung des Alten unter das Neue Testament mehr. Vielleicht wächst sogar der Respekt vor dem Alten Testament, wenn es nicht immer in christlich-arroganter Weise als Vorstufe zum Christentum und zur Kirche gelesen wird.

Alle diese Zuordnungen von Altem und Neuem Testament, um die sich die christliche Theologie seit ihren Anfängen immer wieder bemüht hat und die aktuell erneut zum Streit um die Gleichrangigkeit des Alten Testaments mit den Neuen geführt haben, entspringen einem dogmatisch-theologisch gesteuerten Ringen um die Identität des Christentum. Deshalb spielt dabei die Bestimmung des Verhältnisses zum Judentum eine wichtige Rolle. Das ist durchaus verständlich.

Dennoch muss man sich darüber im Klaren sein, dass es sich um ein Problem speziell des Christentums und keinesfalls des Judentums handelt, um eine innerchristliche Debatte gewissermaßen, aber mit interreligösen und interkulturellen Weiterungen. Diese müssten von der Theologie sehr viel energischer angegangen werden als dies bislang geschieht. Biblisch-theologische Konstruktionen oder dogmatische Aufstellungen zur Zu- oder Unterordnung der beiden Testamente helfen überhaupt nicht weiter, da sie selbst immer schon Ausdruck einer bestimmten spirituell-religiösen Position sind, dabei entweder auf die Abgrenzung des Christentums vom Judentum oder, was heute auch gar nicht selten ist, auf die Integration des Christentums ins Judentum abzielen.

Wir sollten den Tatbestand, dass sich die frühe Christenheit dafür entschieden hat, die neutestamentlichen Texte dem Alten Testament hinzuzufügen und aus beidem zusammen die christliche Bibel zu machen, wertschätzend anerkennen. Des Weiteren käme es darauf an, alle biblischen Texte, unabhängig davon, ob sie dem Alten oder dem Neuen Testament zugehören (fremd sind uns diese Texte im Grunde alle), dem spirituellen Selbstdeutungsinteresse der Menschen überlassen. Schließlich wäre dieser offene Umgang mit der Bibel dadurch vor Beliebigkeit oder auch gefährlichem Missbrauch zu schützen, dass wir ihn in ein Gespräch über die Lebensdienlichkeit der religiösen Orientierungen, die wir in der Bibel gewinnen oder die wir uns als die unsrigen zuschreiben, hineinziehen.

Dieses Gespräch wird eine interreligiöses und interkulturelles sein und von jedem Überlegenheitsgefühl, die eigene Religion betreffend, frei bleiben müssen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ohne Müntzer gäbe es keinen Luther? Ein Hinweis auf den heute (fast) vergessenen Reformator Thomas Müntzer

Ohne Müntzer gäbe es keinen Luther?

Ein Hinweis auf den heute (fast) vergessenen Reformator

Thomas Müntzer (1489 bis 27.5.1525)

Von Christian Modehn am 14.8.2015

Bei aller aktuellen Gedenkfeier-Begeisterung im Blick auf das „große“ Jahr 2017, also auf den öffentlichen Start der Reformationsbewegung vor 500 Jahren durch Martin Luther, fehlt immer ein Name: Thomas Müntzer. Selbst an Jan Hus wird jetzt zu recht in dem Zusammenhang manchmal (!) erinnert und es wird gefordert, den Reformator aus Böhmen, bei lebendigem Leibe als angeblicher Ketzer verbrannt zu Konstanz 1415, doch bitte etwas ins Gedenken 2017 einzubeziehen. Aber einer fehlt immer: Thomas Müntzer. Er hat am Ende seines kurzen, bewegten Lebens in aller Deutlichkeit gesehen: Die Reformation wird einseitig, wenn man nur eine evangeliums-gemäße, also reformierte Kirche anpeilt, und nicht auch für Gerechtigkeit, für sozialen Ausgleich und möglichst auch Herrschaftsfreiheit in der Welt (!) eintritt.

Offensichtlich sind in der jetzigen Gesellschaft die Vorurteile gegen Müntzer (wieder) auch in den Kirchen so dominant, dass zu einem unbefangenen und selbstverständlich auch kritischen Müntzer-Reformationsgedenken kein Wille zu spüren ist. Die Vereinnahmung Müntzers durch die DDR hat dem radikalen, auch die soziale Gerechtigkeit mit-bedenkenden und für die Armen kämpfenden Reformators („Beteiligung am Bauernkrieg“) sicher nicht gut getan, auch wenn nur so etwa bestimmte großartige Kunstwerke, wie das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen (geschaffen durch Werner Tübke) zustande kamen. In den neuen Bundesländern gibt es immer noch Thomas Müntzer Straßen, in Bad Frankenhausen trägt eine Neubausiedlung seinen Namen, wie lange diese Namensgebungen bleiben, weiß wohl keiner genau… Zutreffend ist sicher die Meinung, Müntzer sei sozusagen der Repräsentant des “linken Flügels der Reformation”, unzutreffend ist die Propaganda Behauptung der DDR, er hätte sich als (früher) “Sozialist” der ausgebeuteten (Bauern-) Klasse als “Führer” zur Verfügung gestellt.

Es wäre also jetzt Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen und den originellen Müntzer – bei aller Kritik, die ja auch für Luther gilt – herauszustellen.

Eine evangelische oder gar ökumenische Kirche ist nach ihm nicht (mehr) benannt. Und das Wissen über die vielen Verdienste Müntzers, etwa für die deutsche Liturgie, die er als erster feierte, seine Übersetzungen von Liedern usw., ist praktisch kaum verbreitet.Dabei hat Müntzer in Allstedt 1523 die erste deutschsprachige Messe gefeiert, sie rituell gereinigt und zu einem Erlebnis der verständlichen (!) Gottesbegegnung gemacht.

An dieser Stelle wäre die Verbundenheit Müntzers mit mystischen Traditionen aufzuarbeiten. Sein Insistieren auf die Unmittelbarkeit Gottes in der Seele des glaubenden Menschen, diese Erfahrung aber verlangt nach gesellschaftlichem, politischen  Ausdruck.

Das alles wird nicht gesehen, weil im Reformationsgedenken Luther so sehr im Mittelpunkt steht. Dabei hat der Luther-Spezialist, Prof. Bernhard Lohse, in seinem kompakten Lutherbuch (1982, München, Beck-Verlag) kurz und bündig (Seite 67 bis 69) daran erinnert: „Ist Müntzer im entscheidenden auch nicht von Luther geprägt, so hat doch die Kritik an Luther stärker als andere Faktoren zur Profilierung von Müntzers eigener Theologie beigetragen. Auch das Umgekehrte gilt, dass nämlich Luther an Müntzer exemplarisch zu sehen meinte, wohin das „Schwärmertum“ (also die spirituelle Haltung Müntzers in der Bewertung Luthers, CM) zwangsläufig führt, nämlich zur Verfälschung des Evangeliums, zur Aufhebung der reformatorischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, zu Aufruhr und Verleugnung des Auftrags der Obrigkeit und insofern zur Gefährdung jeglicher weltlicher Ordnung und damit auch des öffentlichen Friedens“… Damit beschreibt Lohse, wie durch Luther sozusagen eine biedere, jegliche Ordnung eher bejahende Theologie sich durchsetzte. Etwas später schreibt Lohse zusammenfassend: „Insofern hat Luthers Konflikt mit Müntzer zu einer Verfestigung und auch Verengung bei Luther geführt“ (S. 68). Das Recht auf Widerstand konnte es für Luther nur gegen den Papst geben, so Lohse auf Seite 197 und dann wörtlich: “Eine Revolution käme nach Luther nur dann in Frage, wenn ein Herrscher wahnsinnig ist. Die Pervertierung staatlicher Macht ist im ganzen außerhalb seines Gesichtskreises“ (S. 197). Eher als Entschuldigung für die brave und biedere und gehorsame Einschätzung des Politischen und deren fürstlichen Führer durch Luther wird immer wieder die großartige Gestalt Friedrichs des Weisen angeführt, dabei wird aber vergessen, dass diese eine mögliche Lichtgestalt keinen Anlass gibt, die Korrumpierung sonstiger vieler Fürsten usw. damals wie heute theologisch zu ignorieren. Es ist interessant, dass der ursprünglich katholische Lutherforscher und Lutherfreund Prof. Otto Hermann Pesch auch die offensichtliche “Staatsnähe” Luthers durch die positive Erfahrung mit Friedrich dem Weisen begründet sieht. Pesch deutet denn auch die sozialpolitische Radikalität Müntzers in „den schlimmen Erfahrungen begründet“, die dieser mit der Obrigkeit machte, so Pesch in seinem Buch „Hinführung zu Luther“, Mainz 1982, Seite 238, dies ist übrigens die einzige ultrakurze Erwähnung Müntzers durch Pesch in seinem Buch von 358 Seiten!

Und wenn man schon im Bereich des Spekulativen gelandet ist: Wie wäre die Reformation verlaufen, hätte sich Luther wie sein Kollege Thomas Müntzer auch explizit der sozialen Frage auch praktisch geöffnet? Dass das Luthertum (im Unterschied manchmal zu den Calvinisten) eigentlich fast immer zu den staatstragenden und von Staaten (siehe die extremen Kirche-Staat-Beziehungen einst in Schweden, Dänemark usw.) getragenen Kirchen gehörte,  ist allseits bekannt. Der lutherische Bischof und Befreiungstheologe Dr. Ernesto Medardo Gómez Soto in El Salvador ist wohl eine absolute Ausnahme. Es ist wohl bezeichnend, dass Gómez ursprünglich katholisch war, ehe er in Mexiko zum lutherischen Theologen ausgebildet wurde und als Freund des 1980 von katholischen Militärs ermordeten Erzbischof Oscar Romero gilt.

Thomas Müntzer wird heute in der Forschung eindeutig als selbständiger Theologe (nicht etwa bloß als Radikalinski, als „Führer im Bauernkrieg“) wahrgenommen. Das Profil Müntzers ist komplex, nur wenige Hinweise für das weitere Studium: Er hält sich an eine wort-wörtliche Interpretation der Bibel, auch die Weisungen des Alten Testaments versteht er im Wortsinne, als unmittelbare Ansprache und Aufforderung. Dabei wäre zu untersuchen, wie dieses unmittelbare Sich-Verpflichtetfühlen durch einzelne Bibelsprüche auch bei anderen Reformatoren, etwa auch Luther, üblich und fraglos war. Ohne jetzt moderne Begrifflichkeit diesen doch oft noch mittelalterlich denkenden Theologen überzustülpen: Kann man doch deren Bibel-Betroffenheit und dann Bibelinterpretation fundamentalistisch nennen! Um bei Müntzer zu bleiben: Wer etwa seine Fürstenpredigt zu Allstedt liest, wird sich heute wundern, wie diese Predigt voller ständiger Bibelzitate sozusagen gespickt ist, besonders solcher, die auf das Ende der Welt hindeuten, die Opferbereitschaft, den Endkampf, die Berufung der Auserwählten usw. Davon ist ja in der Bibel, AT und NT, so furchtbar oft die Rede. Auch vom Endkampf der Erwählten gegen die “Übeltäter”. In der Bibellektüre fand Müntzer – leider – einen Aufruf zu tötender Gewalt. Und die Überzeugung, dass er der Gerechte und Erwählte ist, der töten darf. Solcher Glaube ist selbstverständlich widerwärtig. Auch die sich christlichen nennenden Fürsten und die Päpste als Landesherren haben oft eine solche gewalttätige Bibelinterpretation respektiert…und praktisch umgesetzt. Also: Nicht Müntzer allein ist der große “Übeltäter”. Die allgemeine biblische Begründung von Gewalt und Mord und Totschlag ist eines der dunkelsten Kapitel der Christentums-Geschichte; der späte Müntzer (im Bauernkrieg) ist nur ein (!) Beispiel für viele andere irregeleitete Bibelinterpreten. Eines ist uns heute klar: In der Bibel, AT wie NT, sind äußerste Verwirrung stiftende Texte enthalten, die niemals ohne einen umfangreichen kritischen Kommentar gelesen werden sollten, wenn sie denn heute überhaupt noch spirituell Beachtung finden sollen. Warum kann eine Kirche solche Texte nicht beiseite legen? Und sich wichtigeren Aufgaben der Lebensdeutung zuwenden? Darüber könnte man doch “2017” debattieren.

Es wäre also eine wichtige Aufgabe im Reformationsgedenken, den Fundamentalismus und die entsprechende Bibelinterpretation bei Luther und Müntzer und den zeitgenössischen Katholiken usw. zu untersuchen. Damit nicht im populären Verständnis nicht allein bestimmte Leser des Koran als Fundamentalisten allein da stehen. Und die Frage wäre dann zu stellen: Wer hat eigentlich direkt oder indirekt für den Unfrieden gesorgt: Müntzer, am Ende seines kurzen Lebens aufseiten der Bauern? Oder sogar auch – indirekt – Luther in seinem Vertrauen, die “guten Fürsten” werden schon politisch alles recht machen? Tatsächlich aber konnten sie als protestantische Fürsten Kriege und Gewalt auch nicht verhindern, um es einmal moderat auszusagen. Luthers später so genannte Zwei Reiche Lehre überlässt zu schnell das Weltliche den „Herren“ und deren machtpolitischen(Un)-Vernunft…Luther glaubt an eine Art unverändliche Ordnung der Welt mit einer ziemlich unbeschränkten fürstlichen Gewalt. An dieser Stelle könnte heute der Dialog mit Müntzer neu aufgenommen und auch zu einer Kritik Luthers führen.

Noch einmal: Problematisch bzw. unerträglich bleibt bei Müntzer am Ende seines Lebens die Überzeugung, sozusagen Handlanger Gottes zu sein und um des Evangeliums willen die leidende Menschheit von den gewalttätigen Fürsten eben gewalttätig zu befreien, siehe etwa die letzten Verse der Fürstenpredigt. Aber der zentrale Gedanke Müntzers, dass zur Reformation eben auch eine grundlegende Veränderung der sozialen Verhältnisse gehört, ist nach wie vor gültig … und längst nicht eingelöst.

In jedem Fall ist das Ausblenden der umfassenden Gerechtigkeit, der christlichen Brüderlichkeit im Politischen durch Luther und durch Lutheraner später ein enormes Manko der Religionsgeschichte. Menschenrechte haben sich außerhalb der Kirchen durchgesetzt. Innerhalb der römischen Kirche sind sie bis heute ohne Geltung.

Die Erinnerung an Müntzer heute macht aus ihm selbstverständlich keinen Heiligen! Aber er ist und bleibt einer der ersten, die den reformierten Glauben nur im Zusammenhang sozialer Gerechtigkeit denken und leben wollten. Er ist an der Starrheit Luthers, an dem völligen Mangel an kompetenten Bündnispartnern, an seiner eigenen Fixierung auf seine besondere Erwählung gescheitert. Aber Müntzer hat eine Verbindung von Glauben und Gerechtigkeit gesucht in einer Radikalität, wie niemand vor ihm.

Müntzers Thema, seine Sache, bleibt grundsätzlich aktuell. Sie muss nur aus der fundamentalistischen Bibellektüre befreit werden. Gerechtigkeit ist jedenfalls auch dann eine Grundlinie der christlichen Botschaft! Und das sollte heute in einer Welt zunehmender Ungerechtigkeit diskutiert werden! In Lateinamerika war man da einmal weiter, etwa, als die katholischen Bischöfe in der Bischofsversammlung von Medellin 1968 von der “strukturellen Ungerechtigkeit” sprachen (später war die Rede auch von struktureller Sünde) und der selbstverständlichen Überwindung dieses himmelschreienden Skandals! Später wurde dieses Projekt durch Leute rund um das Opus Dei, wie Erzbischof Lopez Trujillo, Medellin, zurückgefahren und neutralisiert (als angeblich kommunistisch). Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. hat diesen Kurs fortgesetzt, so dass heute sozialkritisch und katholisch sich in Lateinamerika nicht mehr reimt. Dabei ist der Name Müntzers unter Lateinamerikas Befreiungstheologen nicht unbekannt. Ob ihn auch Camilo Torres kannte?

Ist die Erwartung illusorisch, dass im Rahmen der “Reformationsfeierlichkeiten” 2017 auch wenigstens ein Tag Thomas Müntzers und seiner Nachfahren (in Lateinamerika) gedacht wird? Wann werden Katholische und Evangelische Akademien Müntzer Tagungen gestalten?

Es gibt in eine sehr anregende Thomas Müntzer Gesellschaft, klicken Sie hier.  Sie veröffentlicht interessante Publikationen!!

Kürzlich erschien noch einmal, überarbeitet,  das Müntzerbuch von Hans Jürgen Goertz, klicken Sie zu weiteren Informationen hier.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

Einladung zum Denken: Ein Buch von Vittorio Hösle

Einladung zum Denken

Das Buch von Vittorio Hösle „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“

Eine Empfehlung von Christian Modehn

Ein Buch für freie Stunden und Tage, zum Beispiel im Urlaub, und nicht nur für philosophisch schon stark vor gebildete LeserInnen geeignet: Vittorio Hösle, weltweit geschätzter Philosoph, hat ein wichtiges Buch veröffentlicht: Er ist in Italien geboren, deswegen „Deutsch als Fremdsprache zuerst erlebt“ (S. 19), aber über den lutherischen Religionsunterricht mit Deutsch vertraut gemacht, lebt seit mehr als 10 Jahren in den USA. Er ist jetzt Professor an der University of Notre Dame. Nun präsentiert er die, neben der griechischen wichtige Tradition der Philosophie, eben die deutsche bzw. Deutsch sprechende Philosophie. Ein vielleicht gewagtes Unternehmen und ein gewagter Titel, beides wird aber von Hösle ausführlich und treffend erläutert.

Wer sich für zentrale Einsichten der Großen unter den deutschen Philosophen von Meister Eckart, 14. Jh. bis Hans Jonas 20. Jh. interessiert, wird hier nicht etwa schulbuchmäßig informiert und mit befremdlichen Fakten konfrontiert, sondern selbst zum Mitdenken eingeladen. Und das eigene Nachdenken wird inspiriert durch die Interpretationen und Kritiken, die Hösle jeweils vorschlägt. Er verschweigt nicht, dass er die Höhepunkte deutscher Philosophie bei Kant, Fichte, Schelling und Hegel findet, auch heute noch. Hösle bedauert, dass das Bemühen um eine aktuelle Weiterführung des Denkens dieser „Klassiker“ heute eher ausbleibt. Immer wieder wird der Leser mit der sehr berechtigten zentralen Einsicht des Autors konfrontiert, dass alles darauf ankommt, die apriorische GELTUNG eines Arguments zu erweisen. Auf diese Weise will er das Denken auf sicheren, unumstößlichen Boden stellen. Philosophie hat für ihn mit einigen Wahrheiten zu tun, bei aller Vielfalt der Perspektiven. Philosophie vermittelt also auch klare und umstößliche Erkenntnis, Kant ist dabei immer wieder Vorbild, siehe die Formen des Kategorischen Imperativs. Deutlich ist auch, dass Hösle starkes Interesse hat an einer vernünftig argumentierenden Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. „Aber die philosophische Form von Religiosität, die Deutschland so stark etwa von den USA unterschied, ist verflogen…“(S. 311). Stimmt das so ohne weiteres ? Vielleicht ist eine neue liberale Theologie, die dicht an eine rationale Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie anschießt, ein möglicher Neubeginn, aber davon spricht Hösle leider nicht. Ansätze für eine zeitgemäße, aber doch der Tradition verbundene Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie bietet Hösle in unterschiedlichen Kapiteln, wenn er immer wieder daran erinnert, dass der „Gott in uns“ von Meister Eckart über Nicolaus von Cues bis hin zu Fichte und Hegel und Schelling, ja in anderer Weise auch bei Feuerbach, eine „andere“, nicht autoritäre und insofern auch nicht institutionell-kirchlich vermittelte Gotteserfahrung des einzelnen/des Individuums darstellt. Diese Linie des „Gott in uns“ in der Philosophie (und nicht etwa nur in der Mystik) ist ein zentrales Thema – auch für die Zukunft- des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons in Berlin. Hösle ist nicht nur der Philosoph, der Positionen anderer Denker kurz skizzieren kann und damit Interesse weckt, diese Autoren selbst zu lesen. Er hält mit seiner eigenen Meinung nicht zurück, etwa in einem durchaus polemisch zugespitzten Kapitel über bzw. gegen Nietzsche. Gerade in dem Beitrag wünscht sich der Leser Quellenangaben und Hinweise auf andere Nietzsche Interpretationen, Eugen Fink oder Günter Figal wären nur zwei Beispiele anderer Interpretationen. Auch Heidegger wird von Hösle kritisiert, weil die Ethik z. B. bei ihm völlig ausfällt, auch die Unklarheit der Sprache wird zurückgewiesen. ( 263). „Vermutlich hat es kaum einen bedeutenden Geist gegeben, der so wenig zur Selbstkritik fähig war wie Heidegger – er produzierte Bedeutendes und Wirres nebeneinander und war selbst nicht in der Lage, zwischen beidem zu unterscheiden“ (S. 269). Zur Bindung Heideggers an die NSDAP und die Naziideologie bemerkt Hösle: “Moralische Feigheit, ja Niedertracht und selbst partielle intellektuelle Verblendung sind mit großen Leistungen kompatibel“ (S. 260), dies schreibt Hösle vor der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ Heideggers.

Im ganzen ist Vittorio Hösle nicht sehr optimistisch zum Fortbestehen der Philosophie in Deutschland bzw. expliziter der deutschen Philosophie, er spricht gar von einem „Niedergang der deutsche Philosophie“ (S. 309). Er hält die Bedeutung von Habermas eher für sehr begrenzt, Peter Solterdijk erwähnt er mit keinem Wort, Gadamer schätzt er auch mit Vorbehalten, dessen Ablehnung transzendentaler Geltungsreflexionen kritisiert er (S. 285). Das heute neu auflebende „populäre“ Interesse an Philosophie (etwa auch bei philosophisch “Suchenden”, Fragenden, „Laien“ meinetwegen), findet bei Hösle keine wirkliche Beachtung. Seine Einschätzung wirkt sehr apodiktisch und wird auch nicht begründet, wenn er die Hoffnung der Aufklärung für überholt findet, „die Philosophen würden Licht und Einigkeit dort bringen, wo die Religionen Finsternis und Zwist hinterlassen hatten“ (S. 308). Welchen Ausweg aus dem Niedergang der Religionen (Gewalt, Dogmatismus, Fundamentalismus usw.) haben denn die Menschen, wenn nicht in kritischen philosophischen Überlegungen. Da hätte eine Erinnerung an die Griechen,Platon, die Stoa usw. gut getan, die ja Philosophieren als Lebensform betrachteten, siehe etwa die großartigen Bücher von Pierre Hadot. Philosophie ist doch niemals nur Wissenschaft, niemals nur Universitätssache von gut bezahlten Beamten. Philosophie ist nie Spielerei, nie akademischer Schlagabtausch usw. Philosophie ist immer, wie der Name sagt, eine Liebe zur (Lebens) Weisheit, also eine kritische Hilfe, die Welt, die Menschen (und darin mitgemeint auch Gott) zu verstehen, um als Mensch leben zu können! Diese Leidenschaft für eine „praktische“ (Lebens)-Philosophie vermisse ich in dem kompakten Werk Hösles. Das Buch aber ist, davon abgesehen, durchaus wichtig, inspirierend, neue Fragen weckend, es verdient die Mühe der Lektüre, um dann selbst wieder weiter zu forschen, zu denken. Etwas Besseres kann man von einem philosophischen Buch kaum sagen.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie. C.H. Beck Verlag, München 2013, 320 Seiten.

Jan Hus – 600 Jahre danach: Anlass zu Selbstkritik und Dialog Von Pfarrer Manfred Richter, Berlin

Jan Hus – 600 Jahre danach: Anlass zu Selbstkritik und Dialog

Am Sonntag, den 9. August 2015, wird um 11.30 in der Ev. Gemeinde in Nikolassee eine Ausstellung über den tschechischen Reformator Jan Hus eröffnet. Weitere Hinweise siehe am Ende dieses Textes.

Von Pfarrer Manfred Richter, Berlin

Die Gedenkfeierlichkeiten 600 Jahre nach der Hinrichtung von Jan Hus, der seiner biblisch gegründeten Glaubensüberzeugung allen Überredungsversuchen zum Trotz nicht abschwören wollte, sind gerade vorbei: In Husinec, im südlichen Böhmen, wo der Sohn einer armen Familie geboren wurde, der bis zum Rektor der Prager Universität aufsteigen sollte; in Prag, wo nach bereits ökumenisch angelegten Studientagungen eine öffentliche Ehrung, nach großer Prozession, am Hus-Denkmal stattfand; in Konstanz, wo ausgerechnet das zur Kirchenreform angetretene Konzil den ernsthaftesten Reformer der Zeit schmählich hinrichten ließ. Und auch in Rom, wo Delegierte der Böhmischen Brüderkirche (derjenigen Hus-Nachfolge-Kirche, der auch Brüderbischof Jan Amos Comenius und viele der “Rixdorfer” Böhmen entstammten) und der „Tschechischen Hussitischen Kirche“ an den Apostelgräbern einen ökumenischen Versöhnungsgottesdienst feierten. Dabei wurden sie von Papst Franziskus empfangen. Dieser nahm Worte des Bedauerns seines Amts-Vorvorgängers, des polnischen  Papstes auf, der schon 1999 sein “tiefes Bedauern über den grausamen Tod” des böhmischen Reformators geäußert hatte. Dabei ging Ppst Franziskus darüber hinaus, indem er eine Neubewertung “ohne ideologische Vorurteile” verlangte als “Dienst an der historischen Wahrheit”, er warb für einen “Weg der Versöhnung und des Friedens”, in dem die  Auseinandersetzungen der Vergangenheit “endgültig” überwunden werden können.

Hier nicht hinreichend vorgearbeitet zu haben, ist erneut der EKD und dem Lutherischen Weltbund vorzuwerfen: Dieses Jahr 2015 in der Reformation-en-Dekade hätte vorrangig Jan Hus gewidmet werden müssen. Das hätte auch der Arbeit an den Anliegen von 2017 gedient. Zumindest versuchten Margot Kässmann und Ellen Überschär durch ihre Anwesenheit in Prag und auf der Ziegenburg bei Tabor ein Zeichen dieser nicht lösbaren Verkoppelung der Reformation-en zu setzen. Doch, wenn Martin Luther bald erkannte, “daß wir alle” (da denkt er auch an Paulus und Augustinus) ”Hussiten waren, ohne es gewusst zu haben” – so fragt es sich doch, wie wir heute – in allen Kirchentümern – vor Jan Hus bestehen könnten? Anlass zu Selbstkritik, zu Versöhnung und zu gemeinsamen Vorangehen in unabweislichen Reformanforderungen unserer Zeit sollte die Botschaft dieses Hus-Gedenkens sein. Dies brachte m. E. vorbildlich eine gemeinsame Erklärung der Mitgliedkirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Konstanz zum 6. Juli 2015 Ausdruck: “Wir sehen uns in der Nachfolge der Verantwortung der im 15. Jahrhundert noch ungeteilten west-römischen Kirche”.

Es gibt eine interessante Ausstellung in BERLIN:

Die Wanderausstellung aus dem Tabormuseum, die in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Kulturministerium erarbeitet wurde, gibt uns Gelegenheit zu  dieser Selbstbesinnung. In 14 Bild- und Text-Tafeln stellt sie den Lebensweg des Jan Hus dar. Dazu seine zumal aus den Evangelien geschöpfte Verkündigung, die Hauptkonflikte, in die er geraten ist und sein aufrechtes Bekenntnis zur “Wahrheit, die nicht in Flammen untergeht” noch nach der Verurteilung durch das Konzil. In Deutschland wird die Ausstellung, nach Bernau und Naumburg, nun gezeigt in Berlin

– ab 9. August im Jochen-Klepperhaus, Gemeinde Nikolassee in Zehlendorf, Kirchweg 6. Eröffnung 11.30 durch Steffen Reiche, Einführung Manfred Richter (bitte Öffnungszeiten erfragen)

– ab 25. August im Haus der Kirche, Amt Kirchlicher Dienste Goethestr. 26-30 in Charlottenburg, Eröffnung 2. September  18 h durch Matthias Spenn, Einführung Manfred Richter

– ab 13. September im Gemeindezentrum der Brüdergemeine, Kirchstr. 14 in Neukölln, Eröffnung Christoph Hartmann (genaue Zeitangabenbitte vor Ort erfahren).

Ein Hinweis des “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin”:

Pfarrer Manfred Richter hat kürzlich eine umfangreiche Studie über COMENIUS publiziert: Und zwar über „Das Colloquium Charitativum von Thorn 1645“, zu einem Hinweis klicken Sie bitte hier. Manfred Richter war Leiter des Hauses der Kirche in Charlottenburg und auch viele Jahre Leiter des „Kunstdienstes“ der evangelischen Kirche in Berlin.

Tomas Halik in Prag: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur “gay pride”

Tomas Halik: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur gay pride.

Von Christian Modehn

Tomas Halik, Pfarrer der „Studentengemeinde“ St. Salvator in Prag, an der Karlsbrücke, folgte wohl noch seinen ursprünglichen theologischen Überzeugungen, als er die Kirche, „seine“ inzwischen weltweit bekannte offene Kirche, für zwei Veranstaltungen anlässlich der Prager „gay pride“ (vom 10. bis 16. August 2015) öffnen wollte. Professor Halik hat ja in einigen seiner Bücher für eine dienende, eine bescheidende Kirche plädiert, für eine Kirche, die die Suchenden und Zweifelnden nicht nur duldet, sondern akzeptiert. Das hatte man ihm geglaubt….Er hatte etwa in seinem Buch „Geduld mit Gott“ (auf Deutsch 2010) sich gegen den „triumphalen Katholizismus“ ausgesprochen, er nennt diese Form machtvollen Katholizismus einen „verheerenden Sprengstoff und miefigen Schimmel“ (Seite 92). Er sprach immer wieder vom „Lob der scheuen Frömmigkeit“, er kritisierte die Selbstsicherheit des dogmatisch engen Glaubens und so weiter und so weiter

Darum lag es für ihn wohl sehr nahe, eben auch homosexuelle Christen in “seiner” katholischen St. Salvatorkirche willkommen zu heißen. Denn er spürte offenbar, dass diese Menschen, Schwule und Lesben, in der römischen Kirche keinen Respekt und keine Anerkennung finden; sie werden ja laut römischem Katechismus immer noch aufgefordert, nicht erotisch zu lieben und zu leben. Dass der sehr säkulare so oft von Katholiken „atheistisch“ genannte Staat in Tschechien die gays respektiert, die römische Kirche aber nicht, wird nun deutlich:

Es sind viele Menschen sicher entsetzt, dass dieser doch eigentlich oder angeblich so aufgeschlossene Theologe Halik dem Befehl des Prager Kardinals Dominik Duka (aus dem Dominikanerorden)  folgt: Er hat beide Veranstaltungen mit den christlichen gays in St. Salvator untersagt. So berichtet auch die Pariser katholische Tageszeitung „La Croix“ am 2.8.2015. Kardinal Duka sei nicht prinzipiell gegen die Diskussionen, heißt es, an denen auch die in diesen Fragen engagierte us-amerikanische Nonne Jeannine Garmick teilnehmen wollte und sollte. Aber im Zusammenhang der gay pride seien die Diskussionen in der Kirche falsch plaziert, so die Eminenz auf der Prager Burg. Aber: Wann sind solche Diskussionen besser platziert als zu Zeiten der gay pride, fragen sich kluge Leute nicht nur in Prag. Der Prager Kardinal verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Anliegen der gay pride ständen sehr im Widerspruch zu den Zielen der Kirche, so „La Croix“. Also: Emanzipation von Minderheiten steht nicht in Übereinstimmung mit den Zielen der römischen Kirche. Diese Überzeugung hört man aus Rom seit dem 18. Jahrhundert…

Und wie reagiert der doch sonst eher doch etwas mutige und so um die “Suchenden” besorgte Theologe Tomas Halik? Ich zitiere La Croix: « Nous respectons la décision et nous retournerons à une discussion académique nécessaire et à un dialogue ouvert sur ce sujet plus tard, dans des circonstances plus favorables », s’est incliné le P. Halik, vendredi 31 juillet. In der Übersetzung: „Wir respektieren die Entscheidung (des Kardinals) und wir werden zu einer notwendigen akademischen Diskussion und zu einem offenen Dialog zum Thema später zurückkommen, in Umständen, die günstiger sind (als heute), so hat sich P. Halik „geneigt“, incliné, also ergeben am Freitag, den 31. Juli“.

Zudem hat Halik noch ausführlicher zugegeben, dass er die Ansichten des Prager Kardinals teilt: Die Prager Gay Pride sei eigentlich nicht notwendig, vielleicht sei sie in Russland notwendig, wo Homosexuelle verfolgt würden. „Aber sie, die Gay Pride, hat weniger Sinn in Tschechien, wo es diese Verfolgung nicht gibt“, so Halik nach der katholischen Tageszeitung La Croix. Und um die Gunst des Papstes und des Kardinals zu gewinnen, musste Halik auch noch betonen, dass sich eine Ehe (als Sakrament) selbstverständlich exklusiv (!) nur zwischen Mann und Frau gestalten dürfe. So reden also „offene Theologen“…

Gott sei Dank hat sich die christliche GAY Gruppe LOGOS in Prag von dieser intoleranten Maßnahme des Kardinals und dem so gefälligen Gehorsam eines doch an sich recht klugen Theologen nicht einschüchtern lassen: Sie machen ihre Veranstaltungen eben außerhalb katholischer Räume. Einmal mehr wird deutlich, dass Homosexuelle innerhalb der römischen Kirche und selbst bei halbwegs offenen Theologen gar keine, also NULL !, Chancen haben. Das ist altbekannt, aber immer wieder lehrreich. Die römische Kirche vertreibt weiter auf diese Art und mit dieser verkalkten Theologie Millionen Menschen aus ihrer Kirche. „Soll die römische Kirche doch zum Club der Konservativen werden“, schreibt mir ein Freund aus Prag, „dann ist sie noch weiter auf dem Weg zur (noch) großen Sekte“.

“La Croix” aus Paris erlaubt sich noch darauf hinzuweisen, dass Hochwürden Msgr. Halik 2014 den mit ca.1, 3 Millionen Euro (sic !) dotierten TEMPLETON Preis erhalten hat. Er hat ihn erhalten, so wörtlich,  für seinen Einsatz für den Dialog, für den Dialog mit den Religionen! Er hat den Preis also für den Dialog erhalten!!  Zudem weist La Croix darauf hin, dass Halik im vergangenen Jahr zum erlesenen Schülerkreis von Joseph Ratzinger, pensionierter Papst Benedikt XVI., ins hübsche Castel Gandolfo gebeten wurde. Dort sprach Halik zum Thema: „Wie kann man von Gott sprechen in der heutigen Welt?“ Nach den jüngsten Ereignissen in Prag wohl so, dass man mit den Schwulen und Lesbe eben NICHT redet, wenn diese ihre gay pride wie überall in demokratischen Ländern im August feiern. Kardinäle und Rom sind halt wichtiger als eine freie, authentische Theologie. Freunde aus Prag schreiben von einer tiefen Enttäuschung über Haliks diplomatisches Taktieren. „Dessen Glaubwürdigkeit ist angekratzt“, heißt es. Ich kann das sehr gut verstehen. Beim absoluten Mangel an Theologen, die auch die Atheisten ernst nehmen, habe ich auch viel Inspirierendes von Halik berichtet. Nun also dies, ein Ereignis, das Halik in den mainstream der gehorsamen, der autoritätshörigen Theologen einreiht. Wie werden die Verlage darauf reagieren? Sicher voller Verständnis! Vielleicht erscheint als nächstes sein Buch “Mein Dialog mit dem Kardinal und den Schwulen”…

Wollen wir hoffen, dass protestantische Kirchen wieder einmal die richtige Freiheit der Christenmenschen leben und die Logos-Gruppe gern willkommen heißen in diesen Tagen der gay pride, die um so mehr Grund hat, stolz (pride) zu sein, gerade auch ohne den Segen Roms gay sein zu können… dank eines Staates, der in diesem Fall die Menschenrechte respektiert.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

 

Kirchenaustritte in Deutschland: Die Kirchen sind daran selbst schuld.

Kirchenaustritte in Deutschland: Die Kirchen selbst sind daran „schuld“

Ein Kommentar von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon beobachtet und kommentiert auch die faktische Entwicklung der Religionen in der Moderne. Darum dieser Beitrag.

So viele Mitglieder wie im Jahr 2014 hat die katholische Kirche in Deutschland noch nie durch Austritte, also durch bürokratisches Sich-Abmelden im Standesamt bzw. Amtsgericht, verloren: Es sind 217.716. Diese Zahl entspricht fast genau der Anzahl der Einwohner von Freiburg im Breisgau oder Oberhausen in NRW. Zum ersten Mal wurde damit die Marke “200.000 Austritte” überschritten. Seit 1992 bewegen sich die Austrittszahlen zwischen knapp 100.000 und 180.00 pro Jahr (klicken Sie hier). Zur evangelischen Kirche in Deutschland liegen für das Jahr 2014 noch keine exakten Austrittszahlen vor. Unser Kommentar bezieht sich auf die katholische Kirche.

Die Herren der Kirche bedauern selbstverständlich in offiziellen Stellungnahmen diese Austritte. Aber, so mein Eindruck, sie werden noch nicht richtig nervös, sind nicht eigentlich zutiefst verunsichert und verstört. Sie fragen sich nicht: Welche „Schuld“ haben eigentlich die Kirchenführung und ihre amtliche Theologie und Moral an diesem Exodus hinaus aus der Kirche in die spirituelle Privatheit oder in eine andere Kirche und Religion? Die Herren der Kirche könnten ja mit gutem Grund Angst bekommen: Wenn dieser Trend anhält (und er hält seit 1990 ungebrochen an!) und wenn also in jedem Jahr eine mittelgroße Stadt „austritt“, was ist denn dann in 20 Jahren mit der Kirche, zumal, wenn man an die natürlichen Sterbezahlen der immer älter werdenden Gemeindemitglieder und die geringer werdenden Taufzahlen denkt? Dann wird die Kirche in 20 Jahren mindestens 5 bis 6 Millionen Mitglieder weniger zählen. Für religionsphilosophisch Interessierte ist diese Entwicklung natürlich kein Weltuntergang oder gar eine „Gottesfinsternis“, weil ja philosophisch gesehen die Bindung des einzelnen an „seinen Gott“, sein Göttliches oder Transzendentes unabhängig von der Kirchenbindung wichtig und richtig ist. Vielleicht gelingt die persönliche Gottesbeziehung sogar intensiver und authentischer, wenn sie außerhalb einer dogmatisch fixierten und klerikalen Machtinstitution stattfindet. Bedauerlich sind die Kirchenaustritte wahrscheinlich aus sozialen und kommunikativen Gesichtspunkten: Kirchengemeinden könnten immerhin Treffpunkte sein für Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Kulturen usw., also Orte des Dialogs und der Solidarität, des Austauschs über die je eigene Spiritualität usw., Orte, die sonst in dieser geistigen Weite und Toleranz kaum noch bestehen. Andererseits ist eine zahlenmäßig schwach gewordene Kirche und damit sicher auch finanziell schwach gewordene Kirche durchaus theologisch gesehen ein wünschenswertes Ziel, weil nur so Abschied genommen wird, de facto, sozusagen „erzwungen“, von der klerikalen Allmacht, die trotz aller Gremien usw. immer noch Kennzeichen ist des Katholizismus.

Bedauerlich ist angesichts der Überfülle gut ausgestatteter theologischer Fakultäten das Schweigen dieser (von allen ! Steuerzahlern, also auch den “Ausgetretenen” und Atheisten bezahlten  staatlichen Institutionen) zum Thema: Eine detaillierte (und vor allem nicht der Kirchenführung verpflichtete) seriöse multidisziplinäre Forschung zu den Kirchenaustritten in Deutschland (oder Österreich) gibt es meines Wissens noch nicht. Falls dies der Fall ist, würde mich diese Forschung sehr interessieren, also bitte melden! Diese Forschung kann selbstverständlich nicht soziologisch allein orientiert sein, sondern müsste Psychologie, kritische Theologie, Bildungsforschung usw. einbeziehen.

Sie hätte etwa das Alter der Ausgetretenen, ihr Geschlecht, ihre Bildung, ihre frühere kirchliche Einbindung zu erforschen bis hin zu der spannenden Frage, wie viele studierte (Laien)-Theologen, jetzt in anderen Berufen, etwa aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. In manchen Städten könnte man mit solchen (oft “ausgetretenen”  oder protestantisch gewordenen katholischen Theologen einen ganzen Gemeindesaal füllen. Mit allen diesen „Ausgetretenen“ hat meines Wissens bisher kaum ein kirchlich-katholischer Austausch stattgefunden. Mit anderen Worten: Die “Ausgetretenen” werden amts-kirchlicherseits als Personen mit ihrer Geschichte nicht wahrgenommen, geschweige denn ernst genommen.

Es wäre weiter im Rahmen dieser Forschung zu untersuchen, ob sich die Ausgetretenen ein weiteres spirituelles Engagement wünschen, ob sie es vielleicht längst leben und wie stark Konversionen in andere christliche Kirchen sind oder andere Religionen. Die häufig zu hörende Behauptung, Ausgetretene seien Atheisten, wäre genau zu diskutieren und wahrscheinlich zu widerlegen usw. Ich kenne aus dem Berliner Umfeld keinen “Ausgetretenen”, der Atheist geworden ist. Im Gegenteil!

Dass die Kirchenführung relativ gelassen damit umgeht, dass sozusagen ganze Großstädte pro Jahr aus der katholischen Kirche austreten, hängt wohl vor allem damit zusammen, dass TROTZDEM das Geld weiterhin bestens in die Kirchenkassen fließt. Die Kirchen und ihre Festangestellten leben materiell von denen, die einst im Wörterbuch des Unmenschen „Karteileichen“ genannt wurden. Nur wachen eben viele dieser “Leichen” auf, springen aus dem büorkratischen Karteikasten und verlassen die Kirche…Und sind frei!

Die Kirche verliert viele tausend Mitgliedern und sie hat bis jetzt nach wie vor ihren üblichen 500 Millionen Euro Haushalt und kann Pfarrer und Prälaten, aber auch Laientheologen usw. bestens bezahlen. Die ca. 10.000 Euro Monatsgehalt für die Bischöfe zahlt meistens der Staat, also der Steuerzahler. Das alte Kirchensteuer-System läuft also (noch) wie geschmiert.

Interessant ist jedenfalls, dass mit der Zunahme der Kirchenaustritte sehr bezeichnend gleichzeitig und parallel der Rückgang in der Anzahl der Teilnehmer an der Sonntagsmesse ist: 1990 nahmen noch 5,2 Millionen Mitglieder der Kirche an der Sonntagsmesse teil. Im Jahr 2014 waren es genau die Hälfte, nämlich 2,6 Millionen in ganz Deutschland. In Berlin gehen 2014 sonntags 42.000 Katholiken zur Messe (von 332.000 Katholiken in Berlin). Diese Zahl 42.000 dürfte unter der Anzahl der Besucher von Discos und Musikclubs (und Sexclubs) am Wochenende in Berlin liegen, denn ein Drittel der zwei Millionen Berlin Touristen monatlich kommt wegen der genannten Orte in die Hauptstadt…Aber das nur nebenbei.

Dabei ist auch nicht klar, wie viele dieser Teilnehmer an der Sonntags-Messe regelmäßig dabei sind, ob jede Woche oder einmal im Monat. In Frankreich haben sich die Kirchenleute seit langem angewöhnt, einen „praktizierenden“ Katholiken jenen zu nennen, der wenigstens einmal im Monat an der Messe teilnimmt. Inzwischen wird die Anzahl der „Messbesucher“ (ein theologisch furchtbarer Begriff, der selbst in theologisch gebildeten Kreisen verwendet wird)  in Frankreich auf etwa 4 Prozent der Gesamtzahl der ohnehin immer mehr dahinschwindenden Katholikenzahl genannt. Dabei sind in der Statistik die Bistümer mit einem relativ hohem Anteil an “Messbesuchern” am Sonntag, wie Paris oder Versailles, genauso vertreten wie solche, wo nur noch eine tatsächliche „Handvoll“ Katholiken zur Sonntagsmesse geht, wie etwa in den Bistümern Moulins, Nevers oder Sens-Auxerre. Ich habe in Burgund Dorfkirchen erlebt, wo selbst zu Weihnachten niemand zur Messe erschien…Die uralten Pfarrer hatten sich umsonst auf den Weg in die eiskalten Kirchen gemacht…In diesen Bistümern liegt das Durchschnittsalter des so genannten „aktiven“ Klerus bei 75 Jahren. In zehn Jahren machen dort die letzten das Licht aus, und schuld daran sind die rigiden Gesetze aus Rom, die eben nur einem möglicherweise senilen Pfarrer die Leitung der Messe gestatten, nicht aber einem gut ausgebildeten jungen Laientheologen. „Wird die Kirche zum Grab Gottes ?“, hieß vor 50 Jahren das wichtige Buch des holländischen Augustiners Robert Adolfs; in den genannten Bistümern wird diese Frage von ehrlichen und mutigen Leuten selbstverständlich oft mit Ja beantwortet…. Aber das nur nebenbei.

Über die Bedeutung des Wortes “religiöse Praxis” (als Teilnahme an der Messe) wäre lang und breit zu debattieren, zumal, wenn man sich ein wenig am historischen Jesus doch noch orientiert. Er hielt ja bekanntlich die Menschlichkeit, das Helfen usw. für absolut vorrangig vor jedem Tempel-Besuch. Aber solche Jesus-Worte werden kirchenamtlich nicht wortwörtlich genommen, hingegen das Wort “Du bist Petrus der Fels….” wird selbstverständlich von den Herren der Kirche seit jeher wortwörtlich verstanden…Wahrscheinlich sind die wirklich und de facto praktizierenden Christen heute jene, die als Atheisten Flüchtlinge im Mittelmeer retten, Boote kaufen, ihr Leben riskieren bei einer grausamen Politik. Oder die der brutalen, menschenfeindlichen Griechenland Politik der beiden christlichen Politiker Schäuble und Merkel noch wirdersprechen.

Kardinal Reinhard Marx (München) sagte zu den neuesten Austrittszahlen, dieses Faktum „mache schmerzlich bewusst, dass wir (also die Kirchenführer und -mitarbeiter) die Menschen mit unserer Botschaft nicht erreichen“. Er setzt also voraus, dass er die Botschaft hat und dass diese Botschaft unverändlich ad aeternum dieselbe bleibt. Freundlicher Weise sagte er noch, dass „wir“ (also er) „die freie Entscheidung der Austretenden respektieren“.

Aber es geht nicht um freundlichen Respekt. Es geht um Dialog und Lernbereitschaft bei den Bischöfen und Kirchenmitabeitern: Solange die Bischöfe usw. ihre Botschaft als eine vorgegebene ewige und unveränderbare Botschaft betrachten, über die sie allein verfügen und die sie allein aus Gottes Gnaden authentisch interpretieren dürfen, solange werden tausende eben aus den Kirchen austreten. Soll man das bedauern? Denn diese Katholiken ertragen nicht mehr dieses autoritäre Gehabe; sie spüren den nicht mehr heilbaren Bruch zwischen dieser Kirchenwelt und ihrer Lebenswelt. Sie wollen sich selbst mit allem Recht als Mensch treu bleiben, deswegen verlassen sie eine Organisation, die sie als vorgestrig erleben, mit der sie sich, bei dieser Lehre, nicht mehr wiederfinden. Den Kirchenaustritt vollziehen die getauften Gläubigen ja nicht nur, um Kirchensteuern zu sparen, wie oft behauptet wird. Das tun sie, weil sie die Botschaft, diese festgelegte Lehre und Moral zumal in dieser alten Sprache nicht mehr berührt. Weil sie die immer selben Formen der Messe in der alten Sprache (das Lateinische wurde ja nur eins zu eins ins Deutsche übersetzt, etwa:  „Der Herr sei mit euch“, „… dass du eingehst unter mein Dach“ beim Empfang der Kommunion usw., wer spricht im Alltag noch so ???) einfach nicht mehr mit vollziehen können und nicht mehr als die Sprache ihrer Spiritualität akzeptieren wollen. Der Abstand zwischen Alltagssprache und so genannter Sakralsprache (was ist das eigentlich?) ist unüberwindbar groß geworden. Die Bischöfe könnten im Gespräch lernen, dass die Ausgetretenen möglicherweise spirituell sehr interessiert sind, Orientierung in Lebensfragen suchen, ja sogar eine Gemeinde in bunter toleranter Vielfalt wünschen, aber beim besten Willen diese in 45 Minuten sich abspulende so genannte Feier, Messe, nicht mehr ertragen. Und auch keine moralische Belehrung wünschen, weil sie etwa Homosexualität längst als eine ganz normale Variante der Sexualität sehen und die ausgetüftelten Debatten um die Zulassung zur Eucharistie bei Wiederverheiratet-Geschiedenen geradezu lächerlich, geradezu absurd und überflüssig finden. Wer interessiert sich wirklich noch brennend für diese Fragen? Abgesehen vielleicht von den weltweit anreisenden, d.h. anfliegenden Bischöfen zur Weltbischofssynode im Herbst 2015. Wer möchte nicht eher mit der gleichen Intensität über den Sinn des Lebens, das Ertragen großer Verelendung in der Welt, die Kriege, das Morden, die Vielfalt der Religionen, die Armut im eigenen Land, die Flüchtlinge, die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, die Suche nach einer eigenen Poesie, Gebet genannt, usw. sprechen, also Fragen, die dringend sind und uns mit allen anderen Menschen verbinden!

Was soll angesichts dieser zerrissenen Welt bitte noch das völlig selbstverständliche Thema wie Homo-Ehe oder Kommunion bei Wiederheiratet-Geschiedenen? Solche Themen noch lang und breit zu diskutieren sind aus unserer Sicht im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin unter dem Niveau eines freien und kritischen christlichen Glaubens.

Deutlich ist auch: Die meisten aktiven Pfarrer (also die Priester unter 75) sind so sehr mit Verwaltungsarbeiten in den so Groß-Pfarreien belastet, dass kein Mensch, auch kein Katholik im Ernst noch erwartet, sie seien kompetente Seelsorger, sie seien nachdenkliche und kritische Theologen, mit denen man auch einmal über Gott und den Sinn des Lebens sprechen könnte. Weil diese kirchliche Leistung ausfällt, die viele suchen, braucht man doch nicht länger sich an Orte zu begeben, die nur noch vorgeben, spirituell hilfreich zu sein.

Unseres Erachtens kann nur eine radikale (ein Grundwort des Neuen Testaments) Vereinfachung der Kirchenlehre weiterhelfen und eine neue Kirchenordnung ohne die klerikale Macht, die sich die Kleriker selbst gegeben haben ( das kirchliche Gesetzbuch ist ja keineswegs ein Gesetzbuch, das ein repräsentatives Gremium aus Laien und Priestern erarbeitet hat). Eine neue liberale Theologie mit einer liberaler gewordenen Kirche wäre hilfreich;  sie hat Sinn für das persönliche spirituelle Suchen des einzelnen, für die Reduzierung der alten Wahrheiten und Dogmen. Ohne das Abwerfen alten dogmatischen Ballast wird wohl keine tiefgreifende Reformation gelingen. Ein römischer Katechismus, der mehr als 800 Seiten umfasst, ist schlicht ein “Unding” oder ein philosophischer Witz: Kann “man” in Rom so viel über Gott wissen?

Aber die Aussichten auf eine solche Reformation des so genannten modernen Katholizismus sind praktisch null. Nicht im entferntesten wird ja über eine grundlegende Reform des Katholizismus im Blick auf das Lutherjahr 2017 diskutiert. Dass auch die Evangelische Kirche in Deutschland der Reformation bedarf, ist klar, aber ein anderes Thema.

Zum Schluss: Merkwürdig bleibt, dass von den hohen Austrittszahlen 2014 ausgerechnet zu Zeiten der Regierung von Papst Franziskus berichtet wird. Dies wäre ein eigenes Thema! Vielleicht liegt es daran, dass auch Papst Franziskus entschieden als dogmatisch präziser Papst auftritt, also nicht im entferntesten daran denkt, unglaubliche Traditionen, wie den Ablass, die Verehrung des Schweißtuches Jesu in Turin, den maßlosen Marienkult an manchen Orten, den Kult um den Scharlatan Pater Pio usw. usw. zurückzustellen. Eine etwas progressivere päpstliche Politik zugunsten der Ausländer oder radikale Appelle zur Ökologie binden also nicht unbedingt an die alte, unverändert autoritäre Kirche.

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