Monatsarchiv



Weihnachten – ein Fest der Menschenrechte

22. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Das Weihnachtsfest hat einen einzigen Vorschlag den Menschen zu machen: Es ist das Fest der Menschenrechte. Nicht der ständig beschworenen, mißbrauchten Rede, dem Geschwätz, von Menschenrechten; mißbraucht gerade auch durch Demokratien.

Weihnachten ist das Fest der Menschenrechte, weil Gott bzw. das Göttliche, bzw. das absolut Wertvolle und das Unzerstörbare, an das selbst „Atheisten“ glauben, also anders gesagt: das bleibend Heilige in jedem Menschen lebt. Nur in dieser Hinsicht kann man sagen: Der Mensch ist – auch – göttlich, d.h. er hat einen göttlichen Funken, wie Meister Eckart sagte. Diese Erkenntnis könnte heilsam, inspirierend sein für die Menschen, nicht nur für religiöse; aber diese Erkenntnis wird erstickt und banalisiert in dem kommerziellen Weihnachts-Trubel der totalen Besinnungslosigkeit.

Weitere Überlegungen finden Sie in dem Interview mit dem prot. Theologen Wilhelm Gräb von der Humboldt-Universität Berlin. zur Lektüre klicken Sie bitte hier.



Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: Nach den Wahlen im Dezember 2015

21. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich

Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: Nach den Wahlen im Dezember 2015

Hinweise von Christian Modehn

Diese Hinweise werden am 21. 12. 2015 geschrieben, also 8 Tage nach der Zweiten, der entscheidenden Runde der Regionalwahlen in Frankreich. Es ist trotz ausführlicher Recherche bis jetzt nicht möglich, auf Untersuchungen („sondages“) zu stoßen, die das Wahlverhalten der Katholiken am 13.12. 2015 untersuchen. Die Sondages, etwa durch IFOP, wurden bislang immer im Verbindung mit katholischen Zeitschriften in Frankreich, wie „La Vie“, „Pèlerin“ oder „La Croix“ unternommen und in diesen Medien auch publiziert. Zum 2. Wahlgang fehlen unseres Wissens bisher diese Untersuchungen zum Wahl-Verhalten der Katholiken. Wir hoffen, diese Situation wird sich sehr bald ändern.

Es ist nicht auszuschließen, dass die genannten katholischen Zeitschriften kein Interesse haben und kein Geld mehr zur Verfügung stellen, um diese repräsentativen Wahlanalysen mit zu finanzieren. Das vermute ich bis jetzt, lasse mich gern eines besseren belehren durch Belege.

Meine Vermutung: Die nach dem 1. Wahlgang vom 6. Dezember 2015 ausführlich dokumentierte Nähe der Katholiken zur rechtsextremen Partei FN ist den katholischen Zeitschriften selbst und den im Hintergrund dieser treu-katholisch-offiziellen Blätter agierenden Bischöfen hoch peinlich.

Was sind die Tatsachen zum 1. Wahlgang am 6.12.2015?

54 % der Katholiken haben sich als Wähler an dieser Wahl beteiligt (hingegen nur 50 % der gesamten „Wählerschaft“). Von den praktizierenden Katholiken haben sogar 90 % gewählt. Als praktizierend gilt in der Religionssoziologie inzwischen eine Person, die wenigstens einmal im Monat (!) am Sonntagsgottesdienst teilnimmt. Vorbei also sind die Zeiten, wo als praktizierend nur jener galt, der wöchentlich an der Liturgie teilnimmt.

Zur Wahl am 6. 12.2015 selbst: 33 % der Katholiken wählen die so genannte gemäßigte Rechte (Les Republicains, UDI oder MoDem), im Landesdurchschnitt sind es nur 27 % für die so genannte gemäßigte Rechte.

32 % der Katholiken hingegen wählten sehr deutlich die rechtsradikale Partei Front National (FN), im Landesdurchschnitt sind es „nur“ 28,40 %!

Innerhalb der Katholiken, die sich als „praktizierend“, also als betend, das Evangelium hörend, die Worte von Papst Franziskus beachtend, bezeichnen, haben 24 % die rechtsradikale Partei FN gewählt, also fast jeder 4 so genannte betende und das Evangelium regelmäßig hörende Katholik wählt rechtsradikal. Das ist erstaunlich. Hängt das mit der Altersttruktur der Kirchgänger zusammen?

Im Falle der extrem hohen Anteile des FN, die im 1. Wahlgang zur Partei Nr 1 avanzierte, spricht man in demokratischen Kreisen von einer „Zerrüttung der französischen Gesellschaft“, die nicht nur sozialpolitisch, sondern wohl auch irgendwie geistig, im Sinne von orientierungslos, gemeint ist. Wenn jeder Vierte betende und fromme Lieder sonntags singende Katholik rechtsextrem wählt, ist dies eine Blamage für die Erfolglosigkeit der Verkündigung, der Predigt, der Belehrung zur unmenschlichen und unchristlichen Ausländerfeindlichkeit. Hinzukommt: Jeder vierte praktizierende Katholik lehnt auch die Regierungspolitik ab. Offenbar haben die katholisch-praktizierenden Frommen FN gewählt, weil sie die Lösung der Probleme der Einwanderung (auch der Flüchtlinge) und des Terrorismus eher bei dem FN erwarten. Jedenfalls sprechen Beobachter von einer Art Dammbruch im französischen Katholizismus. Man glaubt offenbar, dass die neue Führerin des FN, Marine Le Pen, ein bisschen seriöser sei als ihr ewig polterder antisemitischer Vater. Und man freut sich, dass die junge Marion Maréchal Le Pen (die Nichte von Marine L.P.) sich als ultra-brave, ultra-konservative Katholikin darstellt, die gern mal Wallfahrten nach Chartres macht.

Das Verhalten der französischen Bischöfe vor dem und nach dem 1. Wahlgang erstaunt um so mehr: Natürlich erwartet kein Katholik mehr bischöfliche Ermahnungen, welche Partei er denn zu wählen habe. Schon gar nicht in einer Republik, die auf die angeblich strikte Trennung von Kirche und Staat allen Wert legt. Dennoch wäre bei den gravierenden Ereignissen eines „FN-Durchbruchs“ und möglichen Sieges doch ein Wort der Bischöfe angebracht gewesen. Bei den großen Demonstrationen gegen die Homo-Ehe waren etliche katholische Bischöfe Frankreichs sozusagen an vorderster Front aktiv, als Propagandisten, Prediger, Mahner, sogar als Teilnehmer an den Demonstrationen. Die rechte, d.h. im bischöflichen Sinne richtige Sexualität ist den Herren der Kirche wichtiger als die Gefahr von Rechtsaußen. Wichtiger offenbar, als das Wohlergehen der Republik, könnte man beinahe denken. Denn nach dem 1. Wahlgang, also am 6. Dezember 2015, mit den enormen Erfolgen des Front National, fiel den Bischöfen nichts anderes ein, als in allgemeinen Worten für die Brüderlichkeit zu werben. Es gab keine einstimmige explizite Warnung vor dem FN. Natürlich, die meisten Wähler sind wohl nicht dumm, sie brauchen keine Wahlempfehlungen. Aber eine offizielle kritische Klarstellung hätte in dem Falle auch als Zeichen für die ganze Gesellschaft gut getan! Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass die französische Bischofskonferenz theologisch und religions-politisch tief gespalten ist, wobei die Fraktionen sich eigentlich nur zwischen konservativ und sehr konservativ aufteilen. Der Bischof von Fréjus-Toulon, Bischof Dominique Rey, Mitglied der Charismatischen Gemeinschaft „Emmanuel“, hatte es sich erlaubt, die Nichte der FN Führerin, also Marion Maréchal Le Pen, zur Sommerakademie 2015 in seinem Bistum als Referentin einzuladen. Dadurch wurde die FN unter Katholiken in Südfrankreich erneut „als normale Politikerin“ dargestellt. Gegen diese Einladung der FN Politikerin durch einen – bekanntermaßen theologisch reaktionären Bischof – hat sich kein anderer Bischof ausgesprochen. Bischof Rey ist u.a. dafür bekannt, dass er die merkwürdigsten neuen charismatischen oder fundamentalistischen Ordensgemeinschaften, selbst aus Brasilien, in seinem Bistum gern aufnimmt, etwa die „Missionare vom Meister Christus“, die „Bruderschaft des heiligen Josef, des Wächters“, die Salvisten usw…. Diese Priester predigen dann z.B., in Mönchskutten, so wird berichtet, an den Nacktstränden der Cote d Azur…

Aber zurück zur Wahl: Es ist nun ein Tatsache, dass die rechtsextreme Partei FN auch im Innern des Katholizismus „angekommen“ ist. Sie hat nach wie vor mehr als 6 Millionen Wähler. Auch wenn sie jetzt durch die Wahlen im 2. Durchgang eher repräsentativ geschwächt wurde, ihre „Stärke“ im „Volk“ ist nach wie vor eine Tatsache. Es sei denn, die PS und die anderen Parteien haben Erfolg, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren, die Gewalt in den Vorstädten zu besiegen, den Fremdenhass aus den Köpfen zu vertreiben, die Ressentiments auszulöschen, neuen Respekt vor den Fremden zu fördern, bessere und menschenwürdigere Wohnungen in der Banlieue zu schaffen usw. Diese not wendigen (!) Projekte werden in zwei Jahren nicht gelingen. Schließlich führt man hauptsächlich Krieg in Syrien und kümmert sich um die Notstandsgesetze.. Viele Jahrzehnte wurde eine Politik von den bürgerlichen Parteien betrieben, die zur Spaltung der Gesellschaft führte, die Fremdenhass als „geringes Übel“ zu ließ usw. So wird man sich also leider auf die FN als politische „Kraft“ einstellen müssen; es wäre viel gewonnen, wenn wenigstens die praktizierenden Katholiken nicht mehr FN wählen würden. Ein frommer Wunsch ist das.

 

Copyright: Christian Modehn



Gott wird Mensch: Wird der Mensch Gott? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

15. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Weiter Denken

Drei Fragen zu Weihnachten 2015 an Professor Wilhelm Gräb:  Gott wird Mensch – Wird der Mensch Gott?

Die Fragen stellte Christian Modehn

Eine Deutung der Weihnachtsgeschichte heißt im Anschluss an das Johannes-Evangelium: „Gott wird Mensch in Jesus von Nazareth“. Wenn in dem Menschen Jesus aber Gott selbst lebt, dann betont das Johannes-Evangelium auch: Grundsätzlich lebt Gott in jedem Menschen, zum Beispiel „in jedem, der liebt“, wie der Autor sagt. Von dieser Deutung ist heute selten die Rede. Aber wäre sie nicht eine aktuelle Konsequenz der Weihnachtsgeschichte?

Für das Verständnis von Weihnachten wie überhaupt für die religiöse Gedankenwelt des Christentums ist die Auffassung von der Menschwerdung Gottes zentral. Die Theologie spricht zu Recht von einer vollständigen Revolutionierung des Gottesgedankens zu der es im Christentum gekommen ist. Sie besteht darin, dass Gott nicht mehr für eine alles beherrschende Macht steht, sondern für die subversive Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Diese Revolutionierung des Gottesgedankens stellt die Symbolik des Weihnachtsfestes plastisch vor Augen: Das göttliche Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Dieses schwache, der Liebe bedürftige wie auch Liebe erweckende Kind ist der Gott, in dessen Anblick die Engel vom Frieden auf Erden singen.

Es ist wichtig, diese Rede von der Menschwerdung Gottes in ihrem symbolischen Sinn zu verstehen, nicht sie wörtlich zu nehmen. Dann legt sie die Rede von der Geburt Gottes auf dem Grunde der eigenen Seele nahe. Wir begegnen ihr zudem in der Ermahnung des Dichters Angelus Silesius (1624-1667): „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

Dieses Wort des Mystikers nimmt dem Gedanken von der Menschwerdung Gottes das Äußerliche der Vorstellung. Es befreit von dem Missverständnis, als handele es sich dabei um eine historisches Geschehen, möglicherweise sogar datierbar als die Stunde null in der christlichen Zeitrechnung. Es geht an Weihnachten nicht um die Erinnerung an ein längst vergangenes Geschehen, sondern um dessen permanente Wiederholung – in jedem einzelnen Menschen.

Was wir an Weihnachten feiern, das ist der Einstieg in diese Verwandlung, die mit einem Menschen vorgeht, wenn er seiner Angewiesenheit auf Liebe und Zuwendung bewusst wird. Im Grunde unseres Daseins sind wir Menschen doch alle Empfangende, die, denen das Leben und alles, was sie zum Leben brauchen, geschenkt wurde. Letztlich ist es ganz und gar Gnade, leben zu dürfen, geliebt zu werden – und lieben zu können.

Im Grunde sind wir alle aus Gott geboren. Dann jedenfalls, sofern wir nur hoch genug von uns und der Bestimmung unseres Daseins denken. Wer einiger Selbstachtung fähig ist, wird sich schließlich nicht als ein peripheres Zufallsprodukt rein biologischer Evolutionsprozesse verstehen wollen.

So zeigt das göttliche Kind in der Krippe auf das, was mit uns allen vorgeht, wenn wir nur erkennen, wie sehr wir auf Liebe angewiesen sind und anderen, die darauf ebenso warten wie wir, Liebe geben können.

Wenn eine „göttliche Struktur“ in jedem Menschen angelegt ist, dann wird keine totale Gott-Mensch-Identität angedacht. Denn bei einer völligen Identität von Gott und Mensch würden beide als solche aufgelöst und verschwinden. Was könnte dann aber eine gewisse Vergöttlichung des Menschen als Menschen bedeuten? Könnte der absolute, der heilige Wert des Menschen gemeint sein?

Schauen wir auf das Kind in der Krippe, diesem Zeichen für die Menschwerdung Gottes, dann ist das Göttliche, das in jedem Menschen angelegt ist, gerade keine Struktur von Macht und Herrschaft. Dann ist „das Göttliche in uns allen“ vielmehr unsere Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, unsere abgrundtiefe Bedürftigkeit, dass wir Nahrung, Kleidung, ein Zuhause, dass wir Liebe und Zuwendung brauchen.

Dann aber auch, dass jeder Mensch auf die Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse einen Anspruch hat. Und das unabhängig von seinen nationalen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten. Jeder Mensch hat allein aufgrund seines Menschseins, dem diese göttliche Struktur des Angewiesenseins eingezeichnet ist, ein Recht auf die Inanspruchnahme der elementaren Menschenrechte.

Insofern könnte man auch sagen, Weihnachten ist als der Tag der Menschwerdung Gottes zugleich der Tag der Menschenrechte. Deshalb feiern wir Weihachten, weil Gott in jedem Wesen, das Menschenantlitz trägt, zur Welt kommt, alle Menschenkinder damit aber auch einen Anspruch auf Anerkennung ihrer unantastbaren Würde haben sowie auf Einhaltung der Rechte, die daraus folgen.

Können wir diese göttliche Dimension in einem jeden Menschen weiter konkretisieren und betonen: Darin ist eine Befähigung des Menschen ausgesagt, umfassend-friedlich zu leben. Der von Gottes Geist bewegte Mensch ist fähig, Gott als dem Friedensfürsten zu entsprechen. „Friedensfürst“ ist ja einer der Titel Gottes in der Weihnachtsgeschichte. Was bedeutet dieser „Titel“ Gottes gerade heute, praktisch und auch politisch?

Die weihnachtliche Revolutionierung des Gottesgedankens legt zugleich eine Basis dafür, dass Menschen zur friedlichen Lösung von Konflikten fähig sind. Denn sie verlangt, die Vorstellung aufzugeben, es käme es in erster Linie auf die an, die die Macht haben, es sei schließlich der Einsatz von Gewalt oder gar des Militärs eine Möglichkeit, Frieden zu schaffen. Wenn die göttliche Dimension im Menschen in seiner unendlichen Bedürftigkeit und seiner Angewiesenheit auf Liebe besteht, dann eröffnet sie ihm auch den Weg, den gehend er zum Frieden beitragen kann.

Das hat Konsequenzen, ganz konkret, aktuell auch in Gestalt des Protests gegen die Syrien-Politik Deutschlands und Europas. Es bedeutet, laut zu sagen, dass ein militärisches Eingreifen in Syrien der garantiert falsche Weg ist.

Ich wundere mich, dass die höchsten Repräsentanten der beiden großen Kirchen bislang zu diesem eklatanten politischen Fehlverhalten schweigen. Hoffentlich finden sie in ihren Weihnachtspredigten zu einem energisch mahnenden Wort. Wenn sie die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes auch nur ansatzweise ernst nehmen, müssen sie es tun.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge: Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

14. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge

Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

Von Christian Modehn

Diese Hinweise bieten einige zentrale Aspekte meines Vortrags und der Diskussion. Das Thema „Leben wir in einer sich totalisierenden Schein-Welt“ bedarf noch weiterer Überlegungen.

Kürzlich sprachen Herr Baumeister, Leiter des schönen und empfehlenswerten Weingeschäftes „Sinnesfreude“ (Jonasstr. 32) und ich über ein neues gemeinsames Salon-Projekt. Und da fiel uns das Thema „Der reine Wein“ ein. Im Mittelalter schon galt die Forderung „Wir wollen uns reinen, d.h. unverfälschten Wein einschenken“, d.h. wir wollen uns nicht permanent belügen und etwas vorgaukeln. „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit“, sagte in diesem Sinne der im Mittelalter noch geschätzte Apostel, genannt Paulus, im Epheserbrief des NT. Aber das nur am Rande.

Es gibt jetzt immer mehr Winzer, die, wie sie sagen, authentischen Wein produzieren, also nicht nur ökologisch sauberen, sondern auch nach alten Gebräuchen hinsichtlich der Platzierung der Weinstöcke, der handverlesenen Ernte usw.; sie produzieren reinen Wein von außergewöhnlichem Geschmack. Herr Baumeister ließ uns probieren, diesen reinen Wein aus dem Friaul.

Beginnen wir also mit der Frage nach dem „echten“ Wein: Was ist mit den Leuten, die im Supermarkt eine Flasche mit der Etikette „Chablis“ oder „Chateau Neuf du Pape“ für etwa 4 oder 5 Euro kaufen. Wir wissen, dass die genannten französischen Weinregionen als die besten gelten. Und im Ernst kann man eigentlich keine dort produzierte Flasche unter 18 Euro kaufen. Natürlich muss man auch dort den „großen Namen“ mitbezahlen…

Was ist aber los, wenn diese Leute mit ihrem 5 Euro-Chablis glücklich sind? Wenn sie glauben, es wäre tatsächlich ein Wein aus Chablis, es würde also kein Etikettenschwindel vorliegen? Diese Konsumenten, so werden Menschen in der Konsum/Geschäftswelt fixiert, werden wohl so lange Chablis für 5 Euro weiter trinken, als er ihnen schmeckt, vielleicht können sie gar keinen Vergleich mit echtem Chablis herstellen bzw. ihn sich finanziell nicht leisten. Und vor allem: So lange sie morgens, nach einer Flasche Supermarktwein, nicht mit Kopfschmerzen aufwachen, werden sie bei ihrem preiswerten Komsum, Genuss (?), bleiben.

Wenn sie aber erfahren, dass der billige „Chablis“ ein Verschnitt von anderen sauren Landweinen ist, werden sie sich betrogen fühlen und sich vielleicht anderem Wein zuwenden. Und den Betrüger des sauren „Chablis“ am liebsten bestrafen. Aber die Mixer und Panscher kennt fast niemand. Vielleicht der Großhändler? Also: Der Wein kam aus anderen Regionen, hatte bestenfalls Landwein Niveau, und wurde nur in der Nähe von Chablis abgefüllt… Den Täter, moralisch gesprochen: den Lügner, kann man also kaum greifen, zumindest nicht als kleiner und dumm gemachter Konsument…

Erst die Krise führt uns aus einer Scheinwelt heraus, lässt uns ahnen, dass es eine andere, wahre Welt eigentlich geben sollte.

Diese Art von Betrug und Erzeugung von Scheinwelten durch die Manipulation der großen Unternehmen ist nahezu uferlos. Solange der Konsum billig sein soll und als Wegwerfware produziert wird, werden wir dem Echten nicht mehr begegnen. Aber der Zweifel ist da: Die schöne Hose soll also „made in Italy“ sein? Das glaubt keiner mehr! Tatsächlich wurde sie z.B. in Bangladesh auf ausbeuterische Art unter kriminellen Methoden mit der miesesten Bezahlung zusammen geschneidert und in Italien mit dem Gütesiegel versehen. Jeder und jede kann da weitere Beispiele aus seinem Erleben finden.

Interessant ist ja, dass der Schein des Authentischen, des Echten, von den lügnerischen Produzenten unbedingt gewahrt werden soll. „Chablis“ muss auf der billigen Fusel-Flasche verstehen. Eine Flasche mit dem Etikett „Eine Mixtur von Landweinen aus Böhmen, Ungarn und Rumänien“ (nichts gegen diese Länder!) würde wohl niemand kaufen. Oder doch? Und eine Hose, eine Bluse, was auch immer, mit dem Vermerk „Made in Bangladesh“ würde man auch so schnell kein Mensch kaufen. Da steckt zudem ein gewisser Rassismus dahinter: Kann aus diesem „armen“ Land des Elends Gutes kommen? Oder ein ethisches Bewusstsein meldet sich zaghaft, aber folgenlos: „Mein Gott, da werden ja Frauen ausgebeutet….“ Das heißt: Die Authentizität, das Wahre, wird als Bezugspunkt von Produzenten und Konsumenten als Ideal vorausgesetzt. Sie, die Betrüger, und wir, die Konsumenten, wollen eigentlich das Wahre und Echte, heißt die philosophische Erkenntnis. Wir können uns nur nicht an das Wahre und Echte in der Lebenspraxis halten, weil wir alles möglichst billig wollen, bequem, vielleicht wollen wir sogar belogen werden? In jedem Fall ist Authentizität, wenn man das schwierige Wort verwenden will, nicht der oberste und erste absolut zu respektierende „Wert“ für die meisten. Sondern Sparsamkeit und Bequemlichkeit….

Philosophisch könnte man ja die gesamte uns begegnende Wirklichkeit als Erscheinung, als Phänomen, ansprechen. Da zeigen sich die Dinge, die Phänomene nun genannt, von sich aus, so wie sie sind. Und wir können mit kritischer Reflexion diese echte Erscheinung als solche auch annähernd erkennen, zumindest den schön genannten Schein als Lüge entlarven.

Aus den Phänomen, den Erscheinungen, kann schnell der Schein werden, der so genannte  schöne Schein, der von Menschen in Gang gesetzte manipulative Eingriff in die Gestalt der Erscheinungen, der „Dinge“. Dann wird daraus der Schein, die Lüge. Diese aber erkennt man nicht sofort, weil man ja ohne eine elementare Form von Glauben nicht leben kann, etwa, indem man sich sagt: „So wird es schon sein, was der oder die da sagt“. Oder: „Diese Flasche wird schon Chablis sein“ usw. Wenn wir prinzipiell jede Äußerung, jede „Erscheinung“, exakt auf die Echtheit hin überprüfen würden, dann könnten wir gar nicht mehr leben, wir hätten nur noch damit zu tun, unsere Skepsis zu falsifizieren usw. Wir müssen also förmlich auch in der Konsumwelt an die Konsumwelt „glauben“, d.h. ihr vertrauen.

Dieses Verhalten prägt uns aber auf Dauer,verdirbt förmlich den Charakter, man macht es sich in der Scheinwelt bequem: Ich will hier an Thomas Bernhard erinnern:, an seinen großen Roman „Holzfällen“ von 1984. Der Ich-Erzähler schildert darin seine Eindrücke von einem Abendessen in Wien, bei einem Ehepaar, mit dem er einst befreundet war, den „Auersperger“. Er beschreibt, wie verlogen, wie nicht-authentisch, die Gastgeber sind: „Den Anschein von allem haben sich diese Leute immer gegeben, wirklich gewesen sind sie nichts. Diese Leute haben keine Existenz, sondern nur eine nachempfundene Existenz“. Aber die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Gastgeber. Der Icherzähler ist selbstkritisch genug, er sagt von sich selbst: „Ich habe allen alles immer nur vorgespielt, ich habe mein ganzes Leben nur gespielt und vorgespielt, sagte ich mir auf dem Ohrensessel, ich lebe kein tatsächliches, kein wirkliches, ich lebe und existiere nur ein vorgespieltes Leben, ich habe immer nur ein vorgespieltes Leben gehabt, niemals ein tatsächliches, wirkliches, sagte ich mir, und ich trieb diese Vorstellung soweit, dass ich schließlich an diese Vorstellung glaubte“ (zit. aus „Thomas Bernhard, Eine Biografie. Von Manfred Mittermayer, Wien-Salzburg 2015, Seite 372 f.). Einen Menschen erwähnt Thomas Bernhard als einen authentischen, wahrhaftigen Menschen, die Dichterin Ingeborg Bachmann: „In jeder Zeile, die sie schreibt, ist sie ganz, ist alles aus ihr“ (ebd. S. 409).

Das ist wieder die Sehnsucht: Ein authentischer Mensch möchte ich eigentlich sein…Kann ich aber in dieser mich selbst schon völlig umfassenden Scheinwelt selbst noch ein echter Mensch sein? Wo udn wer ist eigentlich mein Selbst? Wer bin ich eigentlich bei der Vielzahl der Funktionen und Rollen, die ich im Laufe eines Tages spiele und wohl auch spielen muss. Ist meine eigene Mitte nur noch das Bewusstsein, dass ich viele Rollen spiele und diese jeweiligen Rollen transzendiere? Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn jeder dem anderen seinen subjektiven Eindruck von der Wahrheit des anderen direkt sagen würde? Könnten wir das ertragen? Gäbe es dann Gewalt-Exzesse als Ausdruck des Beleidigtseins oder wäre man einander dankbar, dass die Lügerei mit Notlügen und das Schöngetue und die Ausreden usw. ein Ende haben? Andererseits: Kann meine Meinung über eine Person ja auch nach einem Monat wieder eine andere Meinung sein? Wie geht man dann gesprächsweise mit der neuen „Wahrheit“ um? Ist, anders gesagt, nicht auch die Lügerei, das Schöngetue, die Ausrede, eine Rettung vor allzu viel Verwirrung?

Philosophen waren da anderer Meinung. Im Christentum, etwa durch Augustinus, galt die Überzeugung: Lüge ist in jedem Fall böse. Die Begründung ist metaphysisch: Denn Gott hat bekanntlich die Welt allein durch sein Wort geschaffen. So schafft die Lüge als Wort auch eine gewisse neue Welt, die Welt der Lüge. Da werden plötzlich neue Zusammenhänge gestiftet, alte Überzeugungen geraten in Unordnung usw. Bekanntlich wird der Teufel der Fürst der Lüge genannt. In der Lüge findet also eine Art neue Weltschöpfung durch Menschen statt. Und das ist eine Lästerung Gottes.

Erst bei dem mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gab es dann eine größere Toleranz für die Lüge: Es wurden Abstufungen der Lüge eingeführt.

Selbst die Notlüge wollte Kant in seiner Ethik nicht zulassen. Er konnte die Lüge auch als Ausnahme nicht gelten lassen. Denn wenn sie möglicherweise üblich wird, dann gerät alles Wirkliche ins Wanken. Denn es kann ja sein, dass ich mit meiner Notlüge einen anderen Menschen schütze, der es nicht verdient hat und der selbst mich noch belügt. Allerdings sah Kant nicht, dass es wirklich schützenswerte Personen gibt, die nur durch Notlügen gerettet werden. Aber Kant bleibt dabei: Nur die absolute Abwehr der Lüge schafft ein menschliches Klima der Wahrhaftigkeit und des Echten.

Anders dachte der Philosoph Friedrich Nietzsche, auch das kann hier wieder angedeutet werden: Er neigte dazu, die gesamte Wirklichkeitserfahrung als Schein und als Lüge zu interpretieren. Nietzsche hat gegen die übliche Wahrheitserkenntnis (=Phänomene als solche erkennen) gekämpft, er sagte: „Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, dass Wahrheit mehr ist als Schein“ (Nietzsche Handbuch S. 258). Alle unsere Erkenntnisse sind für ihn auf Schein bezogen. Schein ist das Lebendige überhaupt. (Aber er behauptet diesen Satz dann doch als Wahrheit und gerät damit in einen Selbstwiderspruch).

Nietzsches Philosophie ist der Versuch, die umfassende Kritik als Zweifel auch auf die Vernunft anzuwenden. Was die Vernunft zeigt, das Gute und das Wahre etwa, ist für ihn nur eine Form der Lüge, des Falschen. Es gibt eigentlich nur Irrtümer, nur Lügen, „die Irrtümlichkeit der Welt ist das Sicherste und Festeste“ (in Nietzsche Handbuch S. 258). Man handelt moralisch, sagt also die übliche Wahrheit, nicht etwa, weil es die Vernunft gebietet, sondern weil es bequemer ist, sich dieser Wahrheit als der allgemein vorherrschenden Lüge anzuschließen. Der grundlegende Impuls alles Menschlichen ist für Nietzsche die eigene Machterweiterung. Jede moralische Handlung folgt entweder der Gewohnheit oder der Berechnung, „davon selbst etwas in Besitz zu nehmen“. Eine private Lüge auf Dauer zu verteidigen, erfordert zu viel Aufwand. „Wir lieben die Wahrheit also nur, weil wir für die Lüge zu träge sind“. Wer eine Lüge erfindet, muss zu ihrer Plausibilität 20 andere dazu erfinden). (vgl. Volker Gerhardt, Friedrich Nietzsche, 1992, S. 125, und Nietzshce, „Menschliches Allzumenschliches, Nr. 54)..

Aber indem Nietzsche doch noch von Schein als solchem sprechen konnte, wurde doch deutlich, dass auch er in seiner Vernunft über die angeblich absolute Scheinwelt hinausgelangt war. Eine totale Bindung in einer Schein-Welt gibt es also nicht.

Das ist auch politisch von höchster Bedeutung. Wir leben in einer Welt, selbst in den so genannten Demokratien des Westens, in denen der schöne Schein uns von allen Seiten, durch die Medien, eingeredet wird. Das ist eine Tatsache, die evident ist, auch wenn sie jetzt von rechtsextremen Kreisen aus ganz anderen Motiven hoch gepuscht wird. Wenn die US-Amerikaner etwa Libyen von der Diktatur befreien wollten, sagten sie das nach außen, zum Schein: Der Diktator muss weg. Entscheidend war die (falsche) Erwartung, danach ganz leicht an das libysche Erdöl „heranzukommen“. Warum hat denn der George W. Bush den Irak-Krieg gegen alle Vernunft und gegen alle internationalen Verabredungen angefangen? Weil er …. ja weil er das Öl und den Einfluss in der Nachbarschaft vom Iran haben wollte. Dies alles ist tausendfach von den seriösesten Politologen beschrieben worden: In jedem Fall: Auch die „Demokratien“ erzeugen allzu oft und aus diplomatischen Gründen immer mehr den schönen Schein und versuchen die Bürger für blöd zu erklären. Was ihnen sehr oft ja gelingt.

Aber immer wieder passiert es or allem unter extremen Bedingungen, dass die Bürger genug vom lügenhaften Verhalten der Herrscher haben. Sie wollten „In der Wahrheit leben“, wie ein Buch des großen Intellektuellen, des tschechischen Politikers Vaclav Havel, heißt. Diese Menschen in Prag hatten genug von den staatlichen Lügen der Kommunisten, von dem Gerede vom Sieg und vom Glanz des Sozialismus. Sie durchschauten diese perfide Welt des Scheins. Die Lügner-Politiker, die sich Sozialisten nannten, mussten also entfernt werden, durch die samtene Revolution in Prag gelang es. Havel wurde zu einem der Initiatoren der „Charta 77“: Und „Havel wurde zu einem ihrer Sprecher. Das Dokument forderte die Einhaltung der Menschenrechte und der bürgerlichen Grundfreiheiten. Die Charta 77 pochte dabei lediglich darauf, die geltenden Gesetze zu respektieren. Die Unterzeichner nahmen die Regierenden beim Wort und entlarvten so das formale Rechtssystem als bloßen Schein. Sie demaskierten den Unrechtsstaat. Sie zeigten mit dem ausgestreckten Finger auf des Kaisers neue Kleider und riefen: „Der Kaiser ist nackt.“ (So ein Radiobeitrag des Tschechischen Maria Hammerich-Maier. http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/des-kaisers-neue-kleider-vaclav-havel-und-das-leben-in-wahrheit)

Wer gegen den schönen falschen Schein politisch kämpft, macht sich das Leben schwer: „Hunderte Bürger unterzeichneten die „Charta 77“. Sie nahmen dafür den Verlust des Arbeitsplatzes in Kauf, wurden schikaniert, ihre Familien verfolgt. Václav Havel verbrachte über vier Jahre hinter Gittern. Ein greifbarer Erfolg der Charta 77 war nicht in Sicht, doch die Bürgerrechtler gaben sich nicht geschlagen“. (ebd.)

So bleibt in jedem Fall die Sehnsucht nach der wahren Erscheinung, der Befreiung von falschem Schein, diese Sehnsucht ist nicht klein zu kriegen.

Alle politischen, ökonomischen und aus Verbraucherkreisen stammenden Widerstandsbewegungen leben von der Erkenntnis: Der Schein beherrscht uns, er ist Lüge. „Wir wollen die wahre Erscheinung. Das Echte“. Man analysiere unter dieser Rücksicht die Reden von Politikern, etwa die Reden der rechtsextremen Marine Le Pen, wie sie von Frankreich, Nation, von Wiederherstellung der Identität, von Republik usw. spricht. Ich will hier auf den ungewöhnlich großen Wahlerfolg der Partei Front National in diesen Tagen hinweisen. In der Pariser Tageszeitung Le Monde, Ausgabe vom 9. Dezember 2015, Seite 16, heißt es: „Von einer Wahl zur anderen hatte die Partei Front National Erfolg mit ihrer „Aktion Verschleierung, Tarnung“, camouflage“ heißt es im Text. Diese Strategie hat das Ziel, sich als normalisierte Partei darzustellen, verjüngt lächelnd… als Partei mit einem extremistischen Programm“. Die meisten Menschen können diesen schönen Schein nicht ertragen.

Man könnte auch von Religionen und kirchlichen Institutionen sprechen, die auch den schönen Schein erzeugen, etwa heilige Menschen als Vorbilder hinstellen, wie etwa im Falle des angeblich stigmatisierten Paters Pio in Italien. Oder denken wir daran, wie noch Papst Johannes Paul II. den pädophilen Verbrecher und Erbschleicher und Drogenkonsumenten, den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, als Vorbild der Jugend öffentlich lobte und pries. Oder man denke an den Luxus so vieler Kardinäle im Vatikan, die so gern über Bescheidenheit predigen und sogar noch um Spenden bitten für den Vatikan („Peterspfennig), man denke also all diese religiösen Scheinwelten, an die sich Gott sei Dank immer weniger halten, sie wurden jetzt wieder von dem großartigen Journalisten Gianluigi Nuzzi dokumentiert: Nur mit Skepsis und mit kritischem Bewusstsein kann ein frommer Mensch heute noch den falschen Schein in den Religionen und großen machtvollen Kirchen-Bürokratien von den wenigen echten Lehren unterscheiden! Und sich seine eigene, einfache Spiritualität förmlich zusammenfügen.

Das Thema wird noch brisanter: Es geht um den immer stärkeren Trend, echte Erscheinung und falschen Schein zu verwischen, frisierte Fiktion und Realität ins Schwimmen zu bringen, Nebel zu erzeugen. Wir wissen alle, dass für Kinder und Jugendliche die brutalen Computer-Spiele eine enorme Attraktivität haben. In dem Computerspiel „Gran Theft Auto“ kann der imaginäre Beifahrer eines Autos, also das Kind, „einfach so“ reihenweise die Leute am Straßenrand abknallen. Das ist eine imaginäre Welt, in der es Spaß macht, von einem gemütlichen Stuhl aus per Computer die halbe Welt zu erschießen. Nach diesen beliebten Spiele-Vorlagen inszeniert der Islamische Staat seine technisch gutgemachten Terror-Videos, die per Internet verbreitet sind. Wer diese realen IS-Videos anschaut, so versichern uns kompetente Medienwissenschaftler, der glaubt sich in der Spielwelt, der Scheinwelt, von „Grand Theft Auto“ zu befinden. Tatsächlich aber sieht er Bilder aus der realen Welt, der echten Erscheinungen, Phänomene, in Syrien und anderswo. Man betrachtet Enthauptungen, und weiß nicht: Ist das jetzt spielerische Scheinwelt oder ist es der raffiniert technisch gemachte IS-Werbe-Film. Die Exekutionen des IS aus diesen Propaganda-Filmen sehen nicht real aus, heißt es in einem Bericht des „Tagesspiegel“ vom 8. Dez. 2015, Seite 3, sondern man glaubt in einem spielerischen Film zu sein. Wer das spielerische Töten mag, ist wohl auch motiviert, die Seite zu wechseln, und das reale Töten aufseiten des IS zu praktizieren. Das sind die grausamen Konsequenzen, wenn Scheinbares und Erscheinung, also Realität, in einander fließend übergehen. Wie durch Gewöhnung an den schönen spielerischen Schein auch die Bereitschaft wächst, die Tötungen real zu vollziehen. Denn die Werbefilme des IS zeigen etwa Mörder, die sich eine kleine Kamera vor den Bauch schallen und ihr Abschlachten life drehen und dann ins Netz stellen, zum Nachspielen förmlich. Die gängige Qualifizierung dieser widerwärtigen Mordfilme, ob spielerisch oder real, ist COOL.

Die Klarheit wiederzugewinnen, was ist Erscheinung, also Realität, und was ist Schein, was ist Machwerk, also Lüge: Das ist der Sinn unserer Veranstaltung. Objektiv gesehen, ist der angeblich schöne Schein nicht wahr, auch wenn er sich schön frisiert. Wir müssen zur skeptischen Haltung finden und uns untereinander in der Skepsis, jeder von anderen Einsichten aus, bestärken, nicht auf die Lügen reinzufallen und selbst das Schönreden und Lügen zu beenden.

Aber aus dieser Doppelstruktur von Erscheinung und Schein werden wir uns als einzelne nie ganz befreien können. Ich deutete an, dass wir manchmal förmlich gezwungen sind, im Schein zu leben oder scheinbar zu leben. Retten und helfen kann dann nur allein das Wissen, dass wir im Scheinbaren uns aufhalten … um dann zur Erscheinung, als der Realität, wieder zurückzukommen.

Andererseits: Wir können nie total „ganz“ und eindeutig leben. Aber wir sollten danach streben, da ist ja unsere tiefe Sehnsucht nach einem echten Leben. Aber es gilt, diese existentiale Doppelbödigkeit anzuerkennen, dies ist auch eine Form, gegen den Wahrheitswahn vorzugehen als Form des Fundamentalismus. Der da meint, immer und überall richtig zu handeln, voll in „der“ Wahrheit zu sein.

Darum ist der Spruch von Adorno auch problematisch, ich möchte sagen, falsch, wenn er sagt: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“. Es gibt so viele wahre Menschen, die in einem falschen System doch wahr geblieben sind, etwa Vaclav Havel. Und es gibt so viele Menschen, die lieber reinen Wein trinken als gepanschten, weil sie die kritische Unterscheidungsgabe bewahrt haben und lieber weniger echten Wein trinken als oft den preiswerten schlechten Wein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Gespräche über eine heute wieder propagierte Alternative.

12. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Der nächste Salon, Termine

Bitte die Terminveränderung beachten: Nicht am 29., sondern schon am 22. 1. 2016 findet der nächste Salon statt.

Am Freitag, den 22. Januar 2016 findet der nächste Religionsphilosophische Salon statt, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, in Wilmersdorf. Dazu herzliche Einladung.

Das Thema: Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Gespräche über eine heute wieder propagierte Alternative.

Es geht nicht nur um die Frage der Vorrangstellung von Freiheit oder Sicherheit im aktuellen politischen Zusammenleben. Es geht auch um die philosophische Frage: Welchen Stellenwert sollten Sicherheit und Freiheit im eigenen Leben haben? Sind wir „Sicherheitsttypen“? Kann Sicherheit die eigene Angst überwinden? Wo zeigt sich Sicherheit als Grundwert in religiösen Institutionen. Gibt es Religionen, die vor allem Sicherheit predigen und solche, die individuelle Freiheit über alles stellen? Könnte eine umfassende Ordnung von Freiheit für alle das Sicherheitsbedürfnis hinfällig machen?

Dazu philosophische und theologische Texte.

Anmeldungen wegen der begrenzten Anzahl vom Plätzen bitte an: christian.modehn@berlin.de

Unkosten für die Raummiete: 5 Euro.

 

 

 



Edith Piaf zum 100. Geburtstag – Ein Hinweis auf ihre Spiritualität

10. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich, Termine

Edith Piaf – ein Hinweis auf ihre Spiritualität.  Jetzt ist sie kirchlich „rehabilitiert“.
Anlässlich ihres 100. Geburtstages am 19. Dezember 2015 veröffentlichen wir noch einmal unseren Beitrag anläßlich ihres 50. Todestages am 10. Oktober 2013.
Von Christian Modehn

Das Leben der Edith Piaf erscheint zerrissen und widersprüchlich, verloren in der Sucht, voller Begehren und Suche nach Anerkennung und Liebe. In dieser Spannung entstanden ihre Lieder. Singen war sozusagen ihr Lebenselixier. Und – sicher – ihr Gottesdienst!
Und wie sich die römische Kirche wandelt in ihrem Verhältnis zu der bedeutenden und immer noch äußerst populären Künstlerin: Als sie verstorben war, weigerte sich die Kirche, Edith Piaf kirchlich zu bestatten; sie galt als öffentliche Sünderin, wie damals die Papst-Zeitung „Osservatore Romano“ schrieb. Denn sie führte eine „vie tumulteuse“, wie man sagte, also ein tobendes, lärmendes, also ein wenig kirchlich-„seriöses“ Leben. Zudem kam eine kirchliche Bestattung nicht in Frage, weil sie doch als Geschiedene noch einmal geheiratet hatte. Mit dem immer noch ungelösten römischen Problem der „Wiederverheiratet Geschiedenen“ hatte also „la Mome“, wie man sie liebevoll nannte, also die Göre, Edith Piaf, schon zu tun.
Edith Piaf wurde in der katholischen Gemeinde Saint Jean Baptiste im populären Pariser Bezirk Belleville (19. Arrondissement) getauft. Heute besinnt sich die Gemeinde auf ihr prominentes Gemeindemitglied und veranstaltet zu Ehren von Edith Piaf – zusammen mit anderen kulturellen Associations (auch Pfarreien sind in Frankreich rechtlich gesehen „Vereine“!) ein großes Spektakel vor der Kirche, sogar ein Bischof kam 2013, um für Edith Piaf eine Totenmesse, ein Requiem, zu feiern. Und man organisierte eine Art Prozession zum Friedhof „Père Lachaise“. Zu einem Bericht in der Tageszeitung La Croix 2013 klicken Sie hier. Man stelle sich einmal vor, die Kirche hätte sich schon zu Lebzeiten etwas freundlicher zu Edith Piaf verhalten, ihre Lieder geschätzt; Die Kirche hätte entdeckt, wie viel Spiritualität eine so genannte „weltliche Sängerin“ bezeugen und „verbreiten“ kann. So aber zeigte sie sich damals dogmatisch verbissen, stur und borniert….
Unbekannt – zumindest in Deutschland – ist Edith Piafs tiefe Verbundenheit mit einer volkstümlichen Form des katholischen Glaubens, vor allem ihre Verehrung der Jungfrau Maria sowie der hl. Bernadette Soubirous (dem sogen. Seherkind in Lourdes) und der heiligen Theresia von Lisieux. Nach Lourdes und Lisieux unternahm Edith Piaf  (diskret) regelmäßig Wallfahrten. Wer sie verstehen will, sollte auch diese – für aufgeklärte Geister – merkwürdige Form der Spiritualität kennen…Aber sie lebte eine selbstverständlich zu respektierende, individuelle Spiritualität!
Viele weitere Details bietet das Buch von Hugues Vassal, „Dans les pas de Edith Piaf“, im Verlag „Les Trois Orangers“. Vassal hat 7 Jahre als Fotograph in ständiger Verbundenheit mit Edith Piaf gelebt. Er kennt ihre Spiritualität aus unmittelbarem Erleben und berichtet, wie die Sängerin tägliche Gebetszeiten hatte, wie sie oft auf Knien das Abendgebet sprach. Vasal nennt Piaf „sehr gläubig“, aber auch naiv, vielleicht von kindlicher Schlichtheit. Nach dem Tod von Marcel Cerdan, einem ihrer Geliebten, wandte sie sich auch – kurzfristig – esoterischen Geheimlehren zu, in der Hoffnung, auf diese Weise mit dem Verstorbenen wieder in Kontakt zu kommen. So zeigt sich, wie eine traditionell Fromme sich doch aus „auswählend“ anderen Lehren zuwendet. Die heute viel besprochene „Mischreligion“ in EINER Person gab es schon vor etlichen Jahren…
Ihr religiöses Interesse ist sicher fundiert in der eigenen „Heilungserfahrung“, die sie als Kind in Lisieux erlebte: Sie wurde dort von der Blindheit befreit. Ihre Großmutter, eine „Puffmutter“ in der Normandie, hatte sie an nach Lisieux begleitet! Vasal berichtet weiter, dass Edith Piaf auch großes Interesse an den Arbeiten des Jesuiten und Naturforschers Teilhard de Chardin hatte. Als Anthropologe hatte er versucht, die klassischen Kirchenlehren mit den Konzepten der Evolution zu versöhnen (und war dabei auf den erbitterten Widerstand des Papstes gestoßen).
Edith Piaf, so Vasal, fühlte sich vom christlichen Glauben getragen; er war ihre inspirierende Quelle, auch für ihren Umgang mit dem eigenen Tod: Den sie nicht fürchtete, sondern als „Befreiung zum wahren Leben“ im Himmel deutete. Piafs Spiritualität, so Vasal, war eine des Herzens, des Gemüts, nicht der (analysierenden, kritischen) Vernunft.
In ihrem eher freizügigen Lebensstil war Edith Piaf sicher nicht das Urbild einer Heiligen. Dennoch bezieht sich die katholische Kirche Frankreichs heute deutlicher als früher auf sie. Das kirchliche Fernsehprogramm „Jour du Seigneur“ (Antenne 2) hat jetzt einen Film zum Thema „Edith Piaf und die Spiritualität“ realisiert. Die Autorin des Films, Marie – Christine Gambart, erwähnt, wie ihr bei der Recherche Piaf Fans erklärten: Piafs Musik sei für sie wie eine Messe; ein Pfarrer lobte die spirituelle Aura dieser beliebten Sängerin.
Vielleicht wäre es einmal ein Thema: Man sollte einmal ihre Lieder spirituell untersuchen, etwa „Mon Dieu“.
Und das „Heiligtum“ der heiligen Thérèse von Lisieux weist jetzt auf seiner Website auf die Pilgerin Edith Piaf hin.

Copyright: Christian Modehn

Noch ein Literaturhinweis:
Auch Jacqueline CARTIER hat ein Buch zum Thema veröffentlicht, „ Édith et Thérèse“. Editions Anne Carrière, 1999, 652 Seiten.



Ethik oder Religion? Was den Frieden fördert. Eine Radiosendung im Saarländ. Rundfunk SR2

9. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine

Ethik oder Religion?

Was den Frieden fördert  

Eine Radiosendung auf  SR2 KulturRadio am Sonntag, 3.1.2016 um  9.04 – 9.30 Uhr. Eine Übernahme der Sendung vom RBB.          

Von Christian Modehn

In Zeiten von Krieg und Terror muss die gemeinsame geistige Basis der Menschheit gesucht werden, die Ethik, die alle verbindet und das friedliche Miteinander fördert. Auch die Religionen haben dabei ihren Beitrag zu leisten. Sie müssen nur die eigenen, die Frieden stiftenden Lehren mehr betonen als Ausgrenzung oder Abwertung von Andersdenkenden. Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide (Münster) wagt es, von dem „humanistischen Gott im Islam“ zu sprechen“. Religionen bezeugen den „absoluten Wert“ eines jeden Menschen. „Diese Ethik ist Terrorprophylaxe“ sagt der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel.

 



Babylon-Mythos und Wirklichkeit. Zu dem neuen Buch von Frank Kürschner-Pelkmann

8. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

„BABYLON – Mythos und Wirklichkeit“

Herr Kürschner-Pelkmann, Sie haben gerade jetzt wieder ein Buch veröffentlicht, das der kritischen Information, der Aufklärung, dient. Diesmal wollen Sie die LeserInnen mit den wahren Verhältnissen in der so vielfach gescholtenen Groß-Stadt BABYLON konfrontieren und Vorurteile in Frage stellen. Darum hat Ihr Buch BABYLON den treffenden Untertitel: „Mythos und Wirklichkeit“. Beginnen wir beim Mythos: Was ist denn der wichtigste, der extrem falsche, möchte ich sagen, Mythos unter den vielen Mythen, bezogen auf Babylon?

Viele Menschen glauben immer noch, dass die biblischen Geschichten vom sündigen Babylon und seiner Zerstörung einen historischen Hintergrund haben. Das ist problematisch, denn ein solches Verständnis dieser biblischen Geschichten verbaut den Zugang zu dem, worum es in der biblischen Botschaft geht.

Die Geschichten über Babylon können als Glaubensgeschichten verstanden werden, die gläubige Menschen vor Jahrtausenden aufgeschrieben haben, um ihren israelitischen Mitmenschen das Wunderbare der Existenz des einen Gottes nahe zu bringen. Im babylonischen Exil mussten sie mit den traumatisierenden Erfahrungen der Verschleppung und des Exils fertig werden. Wen kann es da wundern, dass sie auf göttliche Rache und die Vernichtung der Feinde hofften und dies auch aufschrieben? Aber wir sollten heute unsere Hoffnungen nicht auf einen brutalen und rachsüchtigen Gott setzen, sondern können diese biblischen Texte historisch einordnen und in ihrer Zeitgebundenheit verstehen.

Der „Turmbau zu Babel“ ist ein weit verbreiteter Mythos, möchte man meinen. Was ist Ihrer Meinung die Wahrheit über den Mythos Turmbau zu Babel?

Wir müssen uns dafür die Situation der aus Jerusalem verschleppten Israeliten bewusst machen. Als sich ihr Zug der Stadt Babylon näherte, erblickten sie gewaltige Stadtmauern und einen riesigen Turm, der alles überragte. Dann kamen sie in eine fremde Stadt, in der ein verwirrend buntes Leben herrschte und viele Sprachen zu hören waren. Das musste die Neuankömmlinge zutiefst verunsichern. Bald waren sie selbst Teil dieser multikulturellen Gesellschaft, und viele von ihnen fürchteten, ihre Identität als Volk und als religiöse Gemeinschaft zu verlieren. Die Geschichte vom unvollendeten Turmbau sollte der realen Macht der Babylonier die Glaubensüberzeugung entgegenstellen, dass diese Großmacht nicht von Dauer sein würde und ihre Machtsymbole nicht in den Himmel reichten.

Das Gegenüber bzw. Gegeneinander von Jerusalem und Babylon, also von der gottesfürchtigen und der heidnischen, gewalttätigen Stadt, hat ja auch in der christlichen Theologie und Predigt eine lange anhaltende Beliebtheit. Wie erklären Sie sich die gedankenlose Gegenüberstellung?

Es ist in Predigten immer effektvoll, Gut und Böse einander schroff gegenüberzustellen. Und die Rolle des Bösen übernimmt dabei allzu häufig das „sündige“ Babel mit dem „Bösewicht“ König Nebukadnezar. Nicht nur Archäologie und Altorientalistik haben längst nachgewiesen, dass dies ein Zerrbild der Stadt am Euphrat und seines bedeutenden Herrschers ist, sondern auch die theologische Wissenschaft hat dieses Bild korrigiert. Aber leider ist die Versuchung weiterhin groß, in Predigten bei Schwarz-Weiß-Gegenüberstellungen stehen zu bleiben.

Sie zeigen in Ihrem Buch ausführlich, dass Babylon zwar keine Musterstadt war, welche Stadt ist das schon, sondern eine lebendige multikulturelle, durchaus kreative Kultur-Stadt, was verdanken wir heute denn noch Babylon?

Auch andere Völker beobachteten Naturphänomene wie den Lauf der Gestirne. Aber die Babylonier haben dank ihrer Jahrhunderte langen systematischen Beobachtungen und deren Notierung auf Keilschrifttafeln erkannt, wie die Sterne sich auf berechenbaren Bahnen bewegen. Sie waren auf dieser Grundlage zum Beispiel in der Lage, eine Sonnenfinsternis lange vorher anzukündigen. Die heutige Astronomie und Astrologie haben ganz eindeutig babylonische Wurzeln.

Die griechische Wissenschaft hat sehr stark von den Erkenntnissen babylonischer Gelehrter profitiert. So beruht zum Beispiel der Satz des Pythagoras auf mathematischen Berechnungen, die schon Schulkinder in Babylon gebüffelt haben. Übrigens geht auch unsere Aufteilung der Stunde in 60 Minuten mit je 60 Sekunden auf babylonischen Festlegungen zurück. In der babylonischen Rechenkunst hatte die Zahl 60 eine zentrale Stellung.

Offenbar ist die Unkenntnis über das wahre, frühere Babylon immens. Sie berichten in Ihrem Buch, dass westliche Soldaten jetzt achtlos mit den Resten des alten Babylon umgehen. Was ist da passiert?

Als amerikanische Truppen im Irakkrieg das Land eroberten, richteten sie ausgerechnet in den Ruinen von Babylon eines ihrer Hauptquartiere ein. Rücksichtslos fuhren sie mit gepanzerten Fahrzeugen kreuz und quer zwischen den antiken Ruinen herum. Auch legten sie auf archäologisch noch gar nicht untersuchtem Gelände Schützengräben an. UNESCO-Experten waren entsetzt, als sie die Spuren dieses Zerstörungswerkes zu Gesicht bekamen. Das amerikanische Vorgehen war Ausdruck einer völligen Missachtung fremder Kulturen und Religionen.

Und die Keilschrifttafeln, können die noch gerettet werden?

Viele Keilschrifttafeln befinden sich heute in europäischen oder irakischen Museen. Aber es gibt einen florierenden illegalen Markt für solche Tontafeln, und Raubgräber nutzen die Bürgerkriegssituation, um ihre Funde an ausländische Sammler zu verkaufen. Auch der „Islamische Staat“ mischt hier mit. Dadurch gehen der Wissenschaft viele Informationen verloren, die es ermöglichen würden, das Leben in Babylon noch besser zu verstehen.

Wer die Reste des alten Babylon heute zerstört, etwa die IS, der will das Bild, wenn nicht das Vorbild, einer uralten (!) multikulturellen Stadt zerstören?

Babylon selbst ist noch nicht durch den Bürgerkrieg zerstört worden, wohl aber Ruinen in anderen irakischen und syrischen Ausgrabungsstätten. Für den IS spielt dabei eine wichtige Rolle, dass Kulturen wie die in Babylon dadurch geprägt waren, dass Menschen aus unterschiedlichsten Völkern und Religionsgemeinschaften friedlich zusammenlebten. Vielfalt war geradezu das „Erfolgsgeheimnis“ Babylons. Genau eine solche Vielfalt wollen Gruppierungen wie der IS bekämpfen und vernichten.

Sollten sich religiöse Menschen, auch Christen, heute zu Babylon bekennen und sagen: Die uralte Kulturstadt wollen wir ehren und respektieren?

Viele Christinnen und Christen haben inzwischen gelernt, anderen Weltreligionen mit Respekt zu begegnen. Das ist schon deshalb wichtig, weil wir mit Menschen dieser Glaubensgemeinschaften heute Tür an Tür leben. Aber es ist auch für die Menschen im Irak von Bedeutung, wenn wichtige historische Persönlichkeiten wie Nebukadnezar immer wieder diffamiert oder die babylonische Kultur und Religion herabgewürdigt werden. Babylonien und Assyrien sind von immens großer Bedeutung für ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein und eine gemeinsame Identität des zerrissenen und zerstörten Landes. Für uns alle gilt: Von Babylon lernen heißt, Vielfalt zu schätzen und als Reichtum zu begreifen.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ empfiehlt sehr für private Lektüre und Studium, aber auch für die Gruppenarbeit das neue, spannend zu lesende, vielseitige und aktuelle Buch von Frank Kürschner-Pelkmann:

„Babylon. Mythos und Wirklichkeit“. Steinmann Verlag, Rosengarten bei Hamburg. 2015, 239 Seiten, 24,80 Euro.

ISBN: 978-3-927043-65-7

 



Zu Immanuel Kant: Vom Geschmack der Vernunft: Tischgespräche im Hause des Philosophen

2. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Immanuel Kant verstehen lernen: Etliche Hörerinnen und Hörer meiner Sendungen wollen noch einmal den Text einer Radiosenung über Immanuel Kant lesen. Dieser Beitrag ist der Versuch, einige Aspekte im Denken Kants eher unterhaltsam und leicht nachvollziehbar darzustellen – in einer fiktiven Runde, am Mittagstisch in Königsberg, mit einigen prominenten Philosophen und Theologen der Gegenwart. Diese Sendung hat 2010 sehr viel Interesse gefunden, wie auch die anderen, ähnlich gebauten philosophischen „Salon-Radio-Sendungen“ im RBB. Angesichts der Aktualität Kants ist dieser Beitrag vielleicht immer noch eine Inspiration, weiter das Philosophieren Kants kennenzulernen. CM.   Die Sendung „Vom Geschmack der Vernunft“ kann im RBB Archiv noch gehört werden, klicken Sie hier:

RBB Kulturradio: Gott und die Welt am 18.7. 2010:

Vom Geschmack der Vernunft

Tischgespräche im Hause Immanuel Kants

Eine Sendung von Christian Modehn

1.SPR.: Berichterstatter

2.SPR.: Zitator

……………………..

1.SPR.:

Fast ein Idyll, dieses kleine Haus in Königsberg, Ostpreußen, zentral gelegen und doch ruhig inmitten schöner Gärten. Im kleinen Salon, dem „Besucherzimmer“, haben die Gäste Platz genommen.

musikal. Zusp. Geminiani.

1.SPR.:

Im Königsberger Schlosspark, gleich gegenüber, geben gerade italienische Musiker ein Konzert.

musikal. Zusp. 0 03“ freistehend

1.SPR.

Über Musik wird der Hausherr wohl nicht sprechen. Seine Leidenschaft ist die Philosophie.

musikal. Zusp. Noch einmal 0 03“ freistehend

O TON, 0 13“, Bongardt

Für Kant heißt Kritik nicht irgendwie ein mies machendes Auseinanderpflücken, sondern kritisch zu schauen, was kann die menschliche Vernunft und was kann sie nicht.

musikal. Zusp.

O TON, 0 07“, Schnädelbach

Bei Kant ist es ja so: Ich kann religiös sein, wenn ich moralisch bin. Aber ich muss nicht religiös sein, um moralisch zu sein.

musikal. Zusp. 0 03“ freistehend

O TON, 0 10“, Greisch

Es gibt nicht nur ein Recht zu denken, sondern vor dem Recht kommt auch die Freude, die Lebensfreude.

TITELSPRECHERIN:

Vom Geschmack der Vernunft

Tischgespräche im Hause Immanuel Kants

Eine Sendung von Christian Modehn

1.SPR.:

Der Gastgeber betritt den Raum. Er ist klein von Gestalt und fein gekleidet wie immer. Trotz seiner 70 Jahre ist er gesundheitlich noch auf der Höhe, seine zuvorkommende Herzlichkeit hat er sich bewahrt. Immanuel Kant begrüßt seine heutigen Gäste, die Philosophen Michael Bongardt, Jean Greisch und Herbert Schnädelbach sowie die Theologen Friedrich Wilhelm Graf und Dietmar Mieth. Mehrmals in der Woche gönnt sich Kant das Vergnügen, eine kleine Gesellschaft zu bewirten, hier auf der ersten Etage seines Hauses in der Prinzessinstraße. Für seine Gäste will er nicht der „berühmte Philosophieprofessor“ sein. Er möchte sich schon gar nicht als die weltweit geachtete Autorität mit einem umfangreichen, aber schwer verständlichen Werk verehren lassen. Kant will sich vielmehr von seiner besten Seite zeigen, als ein Freund geistvoller Gespräche.

2.SPR.:

Beim Essen gebe ich dem Körper seine Ehre. Es lohnt sich, ein Vergnügen zu kultivieren, das täglich genossen werden kann.

1.SPR.

Nach diesen Worten bittet Kant seine Gäste zu Tisch. An der Bibliothek und dem Schlafzimmer vorbei, folgen sie ihm zum Speiseraum.

In der Küche, unten im Erdgeschoß, werden noch die letzten Vorbereitungen getroffen.

1.SPR.:

Die Köchin hat Kants Lieblingsgericht zubereitet: Kabeljau in Senfsauce, mit Möhren und Teltower Rübchen als Beigabe. Im Speisezimmer hat der Diener Martin Lampe den Tisch schön gedeckt. Wie alle anderen Räume im Hause Kant ist aber auch der Speisesaal von schlichter Einfachheit, weiß gestrichene Wände, keine Tapeten, kein wertvolles Mobiliar. Ein großer Spiegel ist die einzige Zierde. Der Gastgeber hat als erster Platz genommen.

2.SPR.:

Natürlich ist das Essen auch eine Pflicht. Nur so können wir leben und überleben. Unsere Lust der Sinne wird beim Essen angesprochen. Immer wieder interessiere ich mich für neue Rezepte, meinen geliebten Senf rühre ich ja bekanntlich selbst an. Doch gibt es einen Unterschied, und damit sind wir bei meinem Lieblingsthema: Philosophie kann niemals Rezepte verteilen. Sie kann nur Orientierung bieten, als eine Anstrengung von Verstand und Vernunft, die jeder einzelne leisten soll.

1.SPR.:

Aber diese Leistung des Denkens muss doch wohl nicht ständig erbracht werden, meint der Philosoph Jean Greisch von der Berliner Humboldt Universität:

O TON, 0 14“, Greisch

Für mich ist das Denken keine Zwangsarbeit, es ist auch eine Lust zu denken. Und insofern hat das Denken etwas mit der Lebenslust zu tun.

1.SPR.:

Genau deswegen sind wir zusammen, sagt Kant mit einem ironischen Lächeln und fährt dann fort:

 2.SPR.:

Natürlich ist das sinnliche Gefühl, zum Beispiel die fein zubereiteten Speisen zu genießen, unsere schöne Empfindung für das Leben. Lust und auch Unlust machen das Leben aus. Aber ohne kritisches Nachdenken lassen wir uns von Lust und Unlust hinreißen und verwirren. Wir finden ohne Nachdenken keine Harmonie im Leben.

1.SPR.:

Herbert Schnädelbach, Philosoph aus Hamburg, greift den Gedanken auf und wendet sich an die anderen Gäste:

O TON, 0 11“, Schnädelbach

Ich verstehe die Philosophie immer als eine Kultur der Nachdenklichkeit und was das eigentlich heißt, so nachdenken, seinen Gedanken nachdenken. Das kann man bei Kant wirklich lernen, ja.

ATMO,

1.SPR.:

Nach dem ersten Schluck Sylvaner wendet sich die Tischgesellschaft erst einmal dem Essen zu. Die Gäste schweigen. Weil es ihnen so gut schmeckt oder philosophieren sie schon wieder still für sich? Wahrscheinlich beides, vermutet Kant, aber er überbrückt die Stille und kommt etwas ins Plaudern. Dabei spricht er eher selten über sich selbst. Aber auf die immer wieder gestellte Frage will er doch lieber gleich eingehen: Warum er denn Junggeselle geblieben sei?

2.SPR.:

Als ich eine Frau habe brauchen können, habe ich als junger Mann keine Frau ernähren können. Und als ich sie ernähren konnte, habe ich keine Frau mehr gebraucht. Denn mein ganzes Leben dient der Philosophie. Selbstdenken heißt für mich der oberste Prüfstein der Wahrheit. Das Kriterium für gut und böse liegt in unserer Vernunft selbst. Was wahr und falsch ist, darf uns niemand einreden.

ATMO,

1.SPR.:

Hilft Philosophie also sexuelle Lust zu kompensieren? Die Gäste schauen sich verständnisvoll an, als hätten sie in dem Moment dasselbe gedacht. Aber da ist Kant schon wieder ganz bei seiner Sache:

2.SPR.:

Ein Mensch ist erst dann erwachsen, wenn er einer wahren Maxime, einer wahren Lebenseinstellung, folgt. Sie heißt: Bemühe dich jederzeit selbst zu denken. Das ist der Sinn philosophischer Aufklärung. Luther und die Reformatoren haben das Selber – Lesen propagiert, nämlich das Selber – Lesen der Bibel. Ich sehe im Selber Denken die Voraussetzung für menschliches Leben. Jeder soll selber denken.

1.SPR.:

Die Gäste haben es geahnt: Das gemeinsame Essen ist nur die Einleitung für ausgiebiges Diskutieren. Nach dem Dessert, dem obligaten Pflaumenkompott, öffnet Kant das Fenster. Vom nahen Schloss klingt immer noch Musik herüber.

musikal. Zusp., Geminiani,

1.SPR.:

Kant bittet seine Gäste, das Gespräch im Speisezimmer fortzusetzen. Der Philosoph Herbert Schnädelbach aus Hamburg eröffnet die Debatte:

O TON. 0 12“, Schnädelbach

Wie verteidigt man die Moral gegen die Zyniker, gegen die Skeptiker, gegen die Nihilisten. Gibt es da vernünftige Gründe, das ist die Aufgabe der Moralphilosophie und nicht Moral beizubringen.

1.SPR.:

Darin sieht Kant seine Lebensaufgabe: Er will vernünftige, also widerspruchsfreie und allgemeingültige Gründe nennen für ein menschenwürdiges Leben. Er greift zu seinem Buch „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ und liest eine Zeile vor:

2.SPR.:

Es soll nicht sein, dass Menschen ihre Ziele nach eigener Laune auf Kosten anderer durchsetzen. Ethische Regeln sollen etwas allgemeines sein, also für alle Menschen als vernünftig gelten.

1.SPR.:

Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, will dieses Thema gleich weiterzuspitzen:

O TON, 0 38“, Bongardt.

Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es ist von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.

1.SPR.:

Kant blickt in die Runde, seine Augen strahlen:

2.SPR.:

Treffender hätte ich es auch nicht sagen können. Die Anweisungen zu einem guten Leben sollen niemals von politischen oder religiösen Herrschern stammen. Jeder einzelne weiß selbst, was gut ist und was es bedeutet, frei zu handeln.

1.SPR.:

Michael Bongardt greift diesen Gedanken auf:

O TON, 0 40“. Bongardt

Wir alle kennen so etwas wie das Gewissen, wie einen Anspruch, der in unserem Inneren steckt, etwas zu sollen. Es wäre widersprüchlich zu sagen, wir empfinden ein Sollen, und gleichzeitig zu sagen, diesem Sollen entspricht kein Können. Das wäre absurd. Von daher ist es ein Indiz für die Freiheit, dass wir das Sollen in uns spüren. Wenn wir von Ethik reden, müssen wir davon ausgehen, dass es sinnvoll möglich ist, von menschlicher Freiheit zu sprechen.

1.SPR.:

Jetzt wird Kant sogar etwas laut:

2.SPR.:
Dieses Gewissen ist ja bekanntlich nicht zu sehen und nicht zu greifen. Aber es existiert dennoch. Das ist erstaunlich: Unsere Freiheit hat im Geistigen, im Übersinnlichen ihren Ursprung.

1.SPR.:

Aber wie gehen Menschen mit ihrer Freiheit um? Haben sie in ihrer Vernunft ein Kriterium für das, was gut oder böse ist? Herbert Schnädelbach erinnert an die wohl berühmteste Formulierung Kants, den „Kategorischen“, den unbedingt geltenden, „Imperativ“. Der Gastgeber fasst noch mal kurz zusammen:

2.SPR.:

Handle so, dass die Maxime deines Willens, also dein persönlicher Lebensentwurf, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Das bedeutet auch: Niemals darf ein anderer Mensch für mich bloß ein Mittel, bloß ein Gegenstand meiner Interessen sein. Jeder Mensch ist absolut wertvoll, er ist „Selbstzweck“.

1.SPR.:

Die Runde nickt zustimmend. Wer seinen Lebensstil und seine persönliche Lebenshaltung immer wieder mit dem Kategorischen Imperativ konfrontiert, gewinnt Klarheit. Was auf den ersten Blick so abstrakt klingt, enthält eine hilfreiche, eine wegweisende Erkenntnis, meint Herbert Schnädelbach.

O TON, 0 28“, Schnädelbach

Der kategorische Imperativ bezieht sich auf Maxime, auf subjektive Grundsätze. Wenn du einen Grundsatz hast, z.B. ich will fremdes Eigentum nicht respektieren. Dann überlege dir, was passierte, wenn das allgemeines Gesetz wäre. Wenn ich sage: Verhaltet euch locker in der Eigentumsfragen, fremdes Eigentum soll mir wurscht sein…Dann widerspreche ich mir, weil ich ja selber für mich Eigentum in Anspruch nehme. Also ich zerstöre meine eigene Zielsetzung dadurch, dass ich diese Maxime nicht befolge.

1.SPR.:

Der kategorische Imperativ kann also von eher destruktiven Einstellungen befreien; er hilft, möglichst widerspruchsfrei zu handeln, bekräftigt Kant.

2.SPR.:

Wer der Vernunft in seinem Denken und Handeln folgt, muss sich auch auf rigoros erscheinende Einsichten einlassen. Er muss die Frage klären: Kann es zum Beispiel moralisch erlaubt sein, gelegentlich zu lügen? Ich denke: Wenn das so wäre, dann zerstörte man letztlich die menschliche Gesellschaft. Niemand weiß dann noch, was grundsätzlich für alle gilt. Die Lüge vergiftet das Miteinander.

1.SPR.:

Aber kann das ethische Gebot, nicht zu lügen, wirklich immer und überall gelten, wirft Herbert Schnädelbach in die Runde.

O TON, 0 27“, Schnädelbach

Also wenn man sich die Situation vorstellt: Ich verstecke jemanden vor der Geheimpolizei und ich werde gefragt: Ist der bei dir. Und dann darf ich nach Kant nicht lügen. Man hat ja nur die Möglichkeit, es falsch zu machen, also man kann entweder lügen oder die Wahrheit sagen. Und dann ist die Verantwortung noch größer. Also es bleibt gar nichts übrig, dass ich in diesem Dilemma Urteilskraft brauche und muss dann sagen, was ist der höhere Wert, was ist die größere Schuld. Das muss man abwägen. Und dafür gibt es keine Regeln.

1.SPR.:

Der kategorische Imperativ soll also nie mechanisch und gedankenlos angewendet werden…Gelegentlich sollte man doch dem kleineren Übel folgen, räumt der Gastgeber ein:

2.SPR.:

Eine Notlüge kann ich im Einzelfall entschuldigen, weil sie Leben retten kann. Aber die Notlüge sollte nicht grundsätzlich gerechtfertigt werden.

1.SPR.:
Prinzipiell muss also der Kategorische Imperativ den Vorrang haben. Denn er macht deutlich, was für alle Menschen gilt. Michael Bongardt verweist auf ein besonders heikles Thema, die aktive Sterbehilfe:

O TON, 0 58“ BONGARDT

Ist es eine sinnvolle Maxime, also eine Grundregel menschlichen Handelns, zu sagen: ich setze meinem Leben ein Ende, wenn das Unerträgliche in diesem Leben stärker ist als das Erträgliche. Um es gleich vorweg zu sagen: Kant sagt, das geht nicht. Das darf ich nicht als allgemeine Regel stellen. Weil, so sein Hauptargument, die Grundrichtung unserer Vernunft ist die Lebenserhaltung. Unsere Vernunft zielt darauf, unsere Vernunft und Freiheit zu erhalten. Wenn sie jetzt dafür benützt wird, genau das Gegenteil zu tun, nämlich, den Ast abzusägen, auf dem sie selber sitzt, dann ist das eine Widersprüchlichkeit, die es unmöglich macht, diese Regel zum allgemeinen Gesetz zu machen.

1.SPR.:

Aber was will Kant schwerstkranken Patienten sagen, die von unerträglichen Schmerzen gequält sind und deshalb freiwillig aus dem Leben scheiden möchten? Die beiden Theologen in der Runde werfen sich einen wissenden Blick zu: Darauf hat die Philosophie Kants keine Antwort, das ist ihre Grenze. Der Diener Lampe unterbricht diese Überlegungen, er bringt eine weitere Flasche Sylvaner:

ATMO,

1.SPR.:

EIN Philosoph kann niemals auf alle Fragen eine schlüssige Antwort geben – das ist allen Gästen klar. Auch Kants Denken bleibt begrenzt, selbst wenn seine „Entdeckung“ des Kategorischen Imperativs eine immer gültige Erkenntnis für alle Menschen bleibt. Gerade weil er in problematischen Situationen des Alltags keine inhaltlichen Weisungen vorgibt, dieses oder jenes zu tun, betont Michael Bongardt:

O TON, 0 46“, Bongardt

Wir brauchen im Konfliktfall gar nicht in erster Linie Lösungen für den konkreten Konflikt, sondern wir brauchen Regeln, wie wir mit Konflikten umgehen. Damit sind wir auf einer Ebene, die natürlich abstrakter ist, als die Frage: was soll ich denn jetzt gerade machen: A oder B wählen? Es geht darum, wie gehen wir mit ethisch relevanten Konflikten um, wo verschiedene Meinungen gegeneinander stehen. Für diesen Umgang brauchen wir Regeln. Und genau an diesem Punkt ist meines Erachtens Kant nach wie vor eine ausgesprochen große Hilfestellung, weil er uns gerade solche Regeln an die Hand gibt.

musikal. Zusp. Ca. 0 05“ freistehend

1.SPR.:

Die Gäste wissen, dass Kant auch an politischen Fragen leidenschaftlich interessiert ist – schließlich fühlt er sich als einzelner Bürger und Anhänger des republikanischen, demokratischen Gedankens auch der universalen Menschheit zugehörig und verpflichtet, wie Jean Greisch den anderen begeistert erklärt – zumal er Kant’s Sichtweise teilt:

O TON, 0 28“, Greisch

Ich bin nicht nur ein Philosophie Professor, ich bin auch ein Weltbürger. Und als Weltbürger bin ich Mitspieler im großen Spiel des Lebens. Ich bin kein Zuschauer, ich bin kein Schiedsrichter. Ich bin, ob ich will oder nicht, an diesem Spiel beteiligt. Und in diesem Spiel wird mir manchmal auch sehr böse mitgespielt.

1.SPR.:

Denn selbst in Demokratien werden die Bürger betrogen und belogen. Viele Menschen sind zudem dem Spiel politischer Gewaltherrscher hilflos ausgesetzt, nur selten können sie sich gegen Hass und Unfrieden wehren. Die Philosophie Kants bietet auch in diesem Fall die richtige Orientierung, meint Herbert Schnädelbach:

O TON, 0 15“, Schnädelbach

Der kategorische Imperativ verpflichtet nur dazu, in den Rechtszustand einzutreten! Und das Recht ist dann nichts anderes als die Regulierung der Verträglichkeit der Freiheit eines jeden mit der Freiheit eines jeden anderen.

1.SPR.:

Meine Freiheit sollte die Freiheit des anderen also nicht beschädigen,

2.SPR.:

Und ich muss denjenigen Menschen in seiner Freiheit behindern, wenn er seine eigene Freiheit nur dazu benutzt, die Freiheit anderer einzuschränken.

1.SPR.:

Für den Königsberger Philosophen gilt der Kategorische Imperativ nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in den internationalen Beziehungen der Staaten untereinander. Diese Erkenntnis will Michael Bongardt unbedingt festhalten:

O TON, 0 19“, Bongard,

Kants Grundfrage ist: Gibt es für uns irgendwelche Regeln, an die wir uns halten müssen, weil sie für alle Menschen gelten und zwar deshalb für alle Menschen gelten, weil sie unserer Vernunft einleuchten.

1.SPR.:

Trotz aller Unterschiedlichkeit der Kulturen mit ihren individuellen Ausprägungen gibt es doch eine gemeinsame Überzeugung der ganzen Menschheitsfamilie, ruft Herbert Schnädelbach in die Runde:

O TON, 0 22“, SCHNÄDELBACH

Wenn es eine moralische Pflicht gibt, in den Rechtszustand einzutreten, dann muss das auch global gelten. Wenn wir wirklich universalistische Vorstellungen haben von Moral und von Menschrechten, da folgt wirklich auch die moralische Forderung daraus, auf den Frieden hin zu arbeiten.

1.Spr:

Kant hat sich erhoben. Er greift zu einem Buch, auf das er besonders stolz ist. Früher hatte er grundlegende Bücher zu erkenntnistheoretischen und ethischen Fragen publiziert. Aber in letzter Zeit will er noch deutlicher zeigen, wie seine Erkenntnisse im praktischen Leben hilfreich sein können.

2.SPR.:

Ich habe einen politischen Text veröffentlicht mit dem Titel „Zum ewigen Frieden“. Darin schreibe ich: In unserer politischen Arbeit sollen wir den universalen Frieden, den Weltfrieden, als Projekt anstreben. Was nützt es, wenn ein friedlicher Staat von lauter Kriegstreibern umgeben ist. Es ist ein langer Weg zum Weltfrieden, aber er ist ethisch geboten. Ich kritisiere die räuberische Außenpolitik, früher sprach man von Kolonialpolitik. Es gibt Staaten, die herrschsüchtig und für den Frieden verderblich sind. Niemals darf ein Mensch nur als Mittel, als Kanonenfutter sagt man ja, benutzt werden. Es darf z.B. kein stehendes Heer mehr geben, denn das führt nur zum Wettrüsten.

1.SPR.:

An dieser Stelle möchte der katholische Moraltheologe Dietmar Mieth aus Tübingen das Wort ergreifen. Er weiß genau, dass Kant in seiner politischen Philosophie auf die ethischen Weisungen Jesu von Nazareth und anderer religiöser Führer gern verzichtet. Aber ist nicht die Botschaft Jesu gerade in der Diskussion über Krieg und Frieden auch philosophisch hilfreich, fragt Dietmar Mieth:

O TON, 0 38“, Mieth

Wenn wir von Jesus etwas Zentrales lernen können, ist es Gewaltkritik. Da geht es nach meiner Ansicht im wesentlichen um ein kritisches Bewusstsein gegenüber Gewalt, um eine Unterbrechung. Dies ist eben die Unterbrechung der Spirale. Das tut er nicht, sich diesen Gesetzen Gewalt gegen Gewalt zu beugen.

Das kann man philosophisch erkennen und anerkennen, indem man sagt, wenn wir den Terrorismus mit terroristischen Mitteln bekämpfen, dann zeugen wir ihn fort. D.H. Wir müssen also in unserer eigenen Haltung antiterroristisch gegen den Terrroismus kämpfen und das ist offensichtlich in der Politik schwierig.

1.SPR.:

Die Diskussion hat noch einmal eine Wendung genommen: Wenn die Vorstellung, Frieden für alle zu schaffen, auch von der Bibel unterstützt wird, sollte man dann nicht auch ausführlicher über die göttliche Wirklichkeit sprechen? Jean Greisch wendet sich Kant zu:

 16.O TON, 0 19“, Greisch

Ein Begriff des Göttlichen, in dem die Idee der Liebe, der Gerechtigkeit, des Friedens keine zentrale Rolle würde, wäre für mich mit dem Göttlichen überhaupt unverträglich. Ich würde sagen: das ist das Ungöttliche.

1. SPR.:

Kant kann dem nur zustimmen. Es sei einfach falsch, wenn so viele Dummköpfe behaupten, er sei ein „Zerstörer des Glaubens“.

2.SPR.:

Ich finde es von meiner Moralphilosophie her sogar notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen. Gottes Existenz können wir zwar nicht wissenschaftlich demonstrieren, weil ja Gott nicht als ein greifbarer Gegenstand erfahren werden kann.

1.SPR.:
Jean Greisch, der zugleich Philosoph und Theologe ist, will diese Aussage noch vertiefen:

O TON, 0 31“. GREISCH

Gott ist für Kant kein Erfahrungsgegenstand. Aber das bedeutet keinesfalls, dass der Begriff, der Gottesbegriff, selbst sinnlos wäre. Also insofern kann man sagen: Das Unbedingte ist unbegreiflich, aber das ist eine Idee, die nicht nur Kant vertritt, die finden Sie bereits bei Augustinus. Er sagt: Wenn du ihn begreifen könntest, dann kannst du sicher sein, das kann nicht der Gott sein.

1.SPR.:

Die Runde ist von einer Stimmung erfasst, die man im Hause Kants schon „philosophische Begeisterung“ oder „kritischen Enthusiasmus“ genannt hat. Der Gastgeber ruft dazwischen:

2.SPR.:

Wer sagt, dass Gott sicher existiere, der sagt mehr, als er weiß. Und wer das Gegenteil sagt, Gott existiere sicher nicht, der sagt ebenso mehr als er weiß. Niemand weiß genau und exakt, dass Gott existiert. Sondern wir glauben es. Dabei bedeutet Glauben als menschliche Haltung keine Abwertung gegenüber dem Wissen.

1.SPR.:

Die Gäste, allen voran die Theologen, fühlen sich bestätigt. Aber Herbert Schnädelbach warnt davor, nun sofort zu meinen: Kant sei auch ein Verteidiger kirchlicher Institutionen:

O TON, 0 22“, Schnädelbach

Was jetzt die Religion betrifft, also die gelebte Religion, da hat er ja in der Religionsschrift gesagt, alles, was daran zu retten ist, können wir nur verstehen als Anhang zur Moralphilosophie. Er sagt eben, alles, was wir glauben tun zu können, um gottgefällig zu sein, außer dass wir moralisch leben, das ist alles Abgötterei und Aberglaube.

1.SPR.:

Kant pflichtet dem bei:

2.SPR.:

Religiöse Praxis bedeutet für den einzelnen nichts anderes als die Anerkennung vernünftiger moralischer Pflichten, und diese sind göttliche Gebote! Unsere Vernunft ist der Maßstab und das Kriterium für alles, was in einer Religion lebt. So werden dogmatische Ansprüche begrenzt. Darum habe ich kein Verständnis für Konfessionen und Kirchen, wenn sie die Menschenrechte nicht respektieren und nur halbherzig die Demokratie unterstützen….

O TON, 0 38“. Graf.

Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist.

1.SPR.:

Unterbricht der Theologe Friedrich Wilhelm Graf aus München. Er will Kants Erkenntnis auf den Katholizismus unmittelbar anwenden.

 O TON, Graf.

Es heißt immer die wahre Demokratie, die rechte Demokratie. nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird.

2.SPR.:

Ich habe das ja so oft schon gesagt: Es gibt Kirchen, die sich nicht weiterentwickeln und wie leblos erscheinen, z.B. wenn sie in ihren eigenen Strukturen vernünftigen oder demokratischen Prinzipien nicht folgen wollen und etwa Frauen keine Gleichberechtigung bewähren…

1.SPR.:

Friedrich Wilhelm Graf will gleich noch etwas ergänzen:

O TON, 0 40“, Graf

Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begeleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum, das ist durchaus stimmig.

1.SPR.:

Und zu den spezifischen Merkmalen gehören eben auch die breiten Traditionen eines volkstümlichen Katholizismus oder einer populären Orthodoxie. Sie haben etwa „heilige Orte“ geschaffen mit Wunderquellen und empfehlen „Heilige als himmlische Schutzpatrone“ in allen Lebenslagen anzurufen. Da schaltet sich Jean Greisch ein:

O TON, 0 28“. Greisch

Aberglaube, Fanatismus, Wundergläubigkeit und so weiter: die muss man tatsächlich unter Kontrolle halten. Das ist das Problem Kants. Und ich glaube, er hat recht. Und ich glaube, in dieser Beziehung müssen wir auch als Philosophen einen kritischen Blick für die institutionellen Organisationsformen der einzelnen Religionsgemeinschaften haben.

1.SPR.:

Kant freut sich, dass seine Gäste die Grundidee seiner Religionsphilosophie verstanden haben, und mit einem Seufzer fügt er hinzu: Viel wichtiger als die Kirche sei doch etwas ganz anderes:

2. SPR.:

Das Reich Gottes auf Erden ist die letzte Bestimmung des Menschen. Christus hat das Reich Gottes verkündet. Aber man hat ihn nicht verstanden und statt dessen das Reich der Priester und der Kirche errichtet und nicht das Reich Gottes, das in uns selbst, in Seele und Vernunft, zu finden ist.

Musikal. Zusp., 

1.SPR.:

Die Gäste wollen nicht auseinander gehen, ohne auch die Grenzen der Religionsphilosophie Kants zu besprechen. Schließlich sei religiöse Praxis doch immer auch Gottesdienst und Liturgie, Gesang und Gebet, Mystik und Ekstase, gibt Jean Greisch zu bedenken:

O TON, 0 35“. Greisch.

Jetzt kann man sich allerdings fragen, ob Kant nicht dazu neigt, Religion und Ethik total miteinander zu identifizieren. Dass man sagt, eine Religion, die noch andere Komponenten enthält als die rein ethische Komponente, das ist eine suspekte Religion.nAlso mit dieser These der totalen Identität von Ethik und Religion habe ich meine Schwierigkeiten, also die Religion ist eine eigenständige Provinz im menschlichen Gemüt.

1.SPR.:

Herbert Schnädelbach kann dem nur zustimmen. Religion ist mehr als Moral! Er erinnert an den Theologen Friedrich Schleiermacher in Berlin: Der Zeitgenosse Kants plädiert dafür, das Gefühl für das Unendliche und das ganzheitliche Ergriffensein von Gott als besten Ausdruck von Religion zu fördern: Vielleicht will Herbert Schnädelbach mit diesem Hinweis schon das nächste Salongespräch ankündigen?

25. O TON, 0 28“. Schnädelbach

Ich würde schon sagen, da ist Schleiermacher doch wirklich sehr wichtig, weil Schleiermacher ganz entschlossen die Religion aus der  Gefangenschaft der Moral befreit hat. Und das ist eigentlich für mich eine der wichtigsten Einsichten, dass Religion nicht eben ein Anhängsel der Moral ist, und dass sie auch keine Metaphysik ist, also keine Welterklärung. Und diese Befreiung der Religion von den moralischen Aufgaben, das hat sich eben bis heute immer noch nicht rumgesprochen, weil viele Leute immer noch erwarten, dass die Kirchen die moralischen Oberinstanzen sind.

1.SPR.:

Kant ist nicht gerade glücklich über diese kritischen Bemerkungen. Kann EIN Denker denn alle Aspekte berücksichtigen? Aber es wird Zeit, die Gäste zu verabschieden. Denn sein üblicher Nachmittagsspaziergang steht jetzt auf dem Programm… Im Namen der Runde bedankt sich Herbert Schnädelbach beim Hausherrn für das köstliche Mittagsmahl und das insgesamt anregende Gespräch

O TON, 010“, Schnädelbach.

Das ist ein inständiges Nachforschen mit dem Versuch, alle möglichen Argumente, die da mit im Spiel sind, zu berücksichtigen, das ist irgendwie doch faszinierend, muss ich sagen.

1.SPR.:

Auch der Gastgeber ist zufrieden…Wieder einmal hat eine Tischgesellschaft für das „Aufblitzen der Vernunft“ gesorgt. Zum Abschied sagt er:

2.SPR.:

Auch wenn wir hier gut gegessen und ordentlich getrunken haben: Vergessen wir nicht: Der Wert des Lebens besteht nicht im Genuss und im Genießen. Vielmehr erinnert uns die Vernunft daran, dem Leben durch unsere ethischen Handlungen einen Wert zu geben. Das ist der wahre Geschmack der Vernunft.

1.SPR.:

Und mit einem leichten Seufzer fügt er hinzu:

2.SPR.:

Nur mit kleinen Schritten folgt die Menschheit den Weisungen der Vernunft. Schließlich leben wir noch nicht in einer vernünftigen Welt…

Musikal. Zusp. 

1.SPR.:

Immanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren. In seinem Haus trafen sich Menschen aus ganz Europa. Der Meisterdenker hat seine Heimatstadt bis zu seinem Tod 1804 nie verlassen.

Musikal. Zusp. 

Titelsprecherin::

Vom Geschmack der Vernunft – Tischgespräche im Hause Immanuel Kants

Sie hörten eine Sendung von Christian Modehn

Buchempfehlungen

-Herbert Schnädelbach, Kant. Grundwissen Philosophie. Reclam Leipzig, 2005, 160 Seiten, 9.90 Euro.

-Terence James Reed, Mehr Licht in Deutschland. Eine kleine Geschichte der Aufklärung. Becksche Reihe, München, 2009, 234 Seiten, 14, 95 Euro.

-Manfred Kühn, Kant. Eine Biographie. C H Beck Verlag München, 2004, 640 Seiten, 29, 90 Euro.

-Immanuel Kant, Köche ohne Zunge. Notizen aus dem Nachlaß. Auswahl und Vorwort von Jens Kulenkampf. Steidl Verlag, Göttingen, 1997. 96 Seiten. Gebraucht ab 4 Euro.

 

 

 

 

 

 

 



Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

2. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Legionäre Christi - Kritische Studien, Theologische Bücher

Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

Hinweise von Christian Modehn am 2.12.2015

Der Religionsphilosophische Salon arbeitet von seinem philosophischen Anspruch der Aufklärung und der Religionskritik seit einigen Jahren auch kritisch über die katholische Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“ und über die mit ihm verbundene Bewegung für Laien „Regnum Christi“. Einige wichtige neue Entwicklungen haben in der deutschen Öffentlichkeit bisher (2.12.2015) wenig Aufmerksamkeit gefunden. CM.

1.

Der katholische Orden „Legionäre Christi“ wird erneut – diesmal aber noch gründlicher und umfassender recherchiert – „ein Finanzimperium“ genannt. Sein Gesamtvermögen beträgt jetzt 43.600 Millionen Dollar. Die Ordensgemeinschaft (1941 gegründet, von dem mexikanischen Marcial Maciel, damals im jugendlichen Alter von 21 Jahren) zählt heute 950 Priester als Mitglieder, hinzukommen ca. 700 junge Männer in der Ausbildung, die man nicht als „vollständige Mitglieder“, also in „ewigen Gelübden“, bezeichnen kann. Mit anderen Worten: 950 Männer, die als Ordensleute wie alle anderen katholischen Ordensleute sonst auch „Armut“ als Gelübde gelobt haben, sind Multi-Milliardäre. Diese Fakten werden reich belegt von dem mehrfach ausgezeichneten mexikanischen Recherche-Journalisten Raul Olmos in seinem neuesten Buch (erschienen am 13. November 2015) „ Una mafia empresarial disfrazada de congregación“, „Ein Mafia-Unternehmen, das sich als religiöse Kongregation verkleidet“. Das Buch ist im Verlag Grijalbo (Madrid und Barcelona) erschienen. Es zeigt das weite Netz der Verbindungen des Ordens zu den Zentren politischer, ökonomischer und kultureller (Medien-) Macht. Hunderte von „Gesellschaften“, „Stiftungen“, „Vereinen“ und Privaten – Hochschulen gehören den Legionären Christi. Zur Ersparnis von Steuern halten sich die Ordensbrüder auch gern in so genannten Steuer-Paradiesen auf. Diese Fakten werden von Raúl Olmos ausführlich beschrieben.

Die schon populär „Milliardäre Christi“ genannten Priester können also hübsche Feierlichkeiten ausrichten zum 75. Geburtstag ihres Ordens bzw. Finanzimperiums im Jahr 2016 und können wie üblich ihre zahlreichen Gönner, auch im Vatikan, reich beschenken. Der Orden wie auch das Finanzimperium wurden aufgebaut von dem Mexikaner, Pater Marcial Maciel, der 2006 (als 86 Jähriger) von allen seinen Funktionen der seit 1941 dauernden (!) Ordensleitung befreit wurde, und zwar auf Druck von Papst Benedikt XVI. Papst Benedikt hatte zudem 2010 das Leben des Ordensgründers von einer katholischen Priestergruppe untersuchen lassen, und kam zu dem Schluss:“ „Es ist ein Leben, das jenseits des Moralischen liegt, ein abenteuerliches, vertanes, verdrehtes Leben“. Mit anderen Worten: Der notorische pädophile (vornehm ausgedrückt) Täter Pater Maciel ist in der Sprache der Justiz ein Verbrecher. Er hat zudem viele Millionärswitwen um deren Vermögen erleichtert, weil er sich als charmanter Liebhaber ausgab usw… Aber den (staatlichen) Gerichten wurde der Verbrecher vom Vatikan, wie üblich, nicht übergegeben. Papst Benedikt bat den Ordensgründer im Jahr 2006 nur, Maciel möge sich zur Buße still und schweigend dort zurückziehen… Gestorben ist Maciel nicht als stiller Büßer in seinem römischen Kloster, sondern wie auf der Flucht, im warmen Florida. All das wurde auch von uns dokumentiert, ebenso die vatikanischen „Untersuchungen“ über den Orden insgesamt, nach dem Tod Maciels. Eigentlich hätten die „Untersuchungen“ von 2010 zur Auflösung des Ordens führen müssen. Das forderten viele prominente Katholiken. Denn welcher Orden soll in alle Zukunft einen Verbrecher als Gründer haben, der zudem einst, überall sichtbar, wie ein Heiliger verehrt wurde, obwohl dessen weit reichende finanziellen, sexuellen und drogenabhängigen Aktivitäten allen Mitglieder und vielen Prälaten in Rom bekannt waren. Nur die zahlreichen ehemaligen Mitglieder, die Missbrauchs-Opfer, meldeten sich im Vatikan seit 1989, (!), aber man hörte sie nicht. NICHTS wurde von amtlicher vatikanischer Seite gegen Maciel unternommen, auch nicht von Kardinal Ratzinger damals als Chef der Glaubenskongregation. Maciel hatte tatsächlich zu viele Freunde unter den Kardinälen, und selbst der polnische Papst pries den Verbrecher offiziell und lautstark explizit „als Vorbild der Jugend….“ Die Reisen von Papst Johannes Paul II. wurden immer von dem kundigen Mexikaner Pater Maciel begleitet. Ob die Reise von Papst Franziskus nach Mexiko in 2016 auch wieder von den Legionären betreut wird?  Aber der Orden wurde eben nicht aufgelöst. Er besteht weiter, wenn auch die Begeisterung junger Männer für diesen Orden etwas gebremst ist: Seit 2008 ist die Zahl der Mitglieder in Ausbildung befindlichen Mitglieder von 1.081 auf 693 zurückgegangen, berichtet El Pais. Aber die Geldquellen scheinen trotzdem bestens zu fließen, siehe oben.

2.

Diese Mitglieder dieses Milliardärsordens haben jetzt von Papst Franziskus die Zusage erhalten, in dem nun begonnen Jahr der Gnade den vollkommenen Ablass zu gewinnen. Damit entspricht Papst Franziskus dem Wunsch von Pater Eduardo Robles Gil, dem gegenwärtigen Ordensoberen, der sich, wie für ein Imperium eben passend, wie auch schon sein Vorgänger Pater Maciel, „Generaldirektor“ nennt. Der vollkommene Ablass wird den Mitgliedern der Milliardäre Christi gewährt, „wenn sie ihre Gelübde erneuern, also auch das Armutsgelübde, wenn sie beten, wenn sie sich den Werken der Spiritualität widmen und die christliche Lehre verbreiten“, heißt es in dem päpstlichen Indulgenz – (Ablass) – Schreiben.

Erstaunt ist man abermals, dass der Ablass, DAS Thema Martin Luthers, 2 Jahre vor dem Reformationsgedenken 2017, wieder und wieder selbst von apst Franziskus aufgewärmt wird. Kann man angesichts dieser Vorlieben diesen Papst im Ernst „progressiv“ nennen? Wohl kaum, meinen wir. Will man so für eine neue Ökumene mit den Protestanten sorgen? Warum spricht kein prominenter Protestant von dem aufgewärmten Ablass-Wahn des Katholizismus? Das Heilige Jahr mit Pilger/Touristen-„Strömen“ nach Rom hat gerade begonnen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die sexuellen Missbrauchsopfer des vom Papst Benedikt so genannten Verbrechers Pater Maciel sehen in dieser überflüssigen Ablass- Gewähr eine Art Anerkennung und Reinwaschung des Ordens. Denn im Jahr der Gnade kann doch eigentlich jeder Katholik, eben auch ein Legionär, sowieso bei Respekt der Vorschriften den Ablass gewinnen. Warum also diese Sonder-Gewähr eines Ablasses für diesen Orden? Besteht ein Grund für den Papst, sich mit dem Orden gut zu stellen?

3.

Viele Beobachter fragen sich erneut bei dieser Entscheidung, wie widersprüchlich eigentlich die theologische Linie des so vielfach gerühmten Papstes Franziskus ist. Wie sehr steht er offenbar unter Druck einer vatikanischen Mafia, dass er diesem „Club“, den Legionären, diese außergewöhnliche Gnade explizit gewähren muss? Kann Papst Franziskus nur noch im Vatikan wohl auch physisch überleben, wenn er auch den umstrittensten Orden, theologisch zudem extrem konservativ, also den Legionären Christi, sein Wohlwollen zeigt? Die Indulgenz-Ablass-Entscheidung des Papstes von Ende Oktober 2015 wirft auch ein Licht auf die dunklen Verhältnisse in den Palästen des Vatikans. Herrschen dort, wieder einmal, vor-reformatorische Zustände? In jedem Fall sind die neuesten Entwicklungen/Erkenntnisse ein interessanter Beitrag zu dem offiziell propagierten „Jahr der Orden 2015“.

4.

Eine Einschätzung des Ordens „Legionäre Christi“, der bekanntermaßen in Mexiko besonders mächtig ist, von dem mexikanischen Religionswissenschafter Elio Masferrer, mitgeteilt in der spanischen Tageszeitung El Pais vom29. Oktober 2015, siehe: http://internacional.elpais.com/internacional/2015/10/28/mexico/1446071736_323939.html

Zu Elio Masferrer: http://www.revistaacademica.com/consejo.asp

Zuerst der spanische Text aus El Pais: „Elio Masferrer, presidente de la Asociación Latinoamericana para el Estudio de las Religiones y profesor e investigador emérito de la Escuela Nacional de Antropología e Historia. “[La Orden] es uno de los problemas más graves del catolicismo. Maciel fue un impresentable, un criminal, y es el paradigma de una Iglesia corrupta, alejada de los feligreses”.

Die Übersetzung ins Deutsche: „Elio Masferrer, Präsident der lateinamerikanischen Vereinigung zum Studium der Religionen und Professor (und Forscher emeritus) de „Nationalen Schule der Anthropologie und Geschichte, sagt in der spanischen tageszeitung El Pais vom 29. Okrober 2015: „ Der Orden der Legionäre Christi ist eines der schwersten Probleme des Katholizismus. Maciel (der Gründer) ist ein „nicht gesellschafäftsfähiger“, d.h : eigentlich ein öffentlich gar nicht vorzeigbarer Mensch gewesen, er war ein krimineller und er ist das Modell einer korrupten Kirche, weit entfernt von den treuen Gläubigen (eigentlich: Pfarrkindern)“.

5.

Die Millionärsfamilie Oriol (Madrid) will ihr Landgut von den Legionären Christi zurückhaben.

Die einflussreiche Unternehmer-Familie Oriol fordert vor Gericht die Rückgabe einer Millionenerbschaft an die Legionäre Christi von diesem Orden zurück. Es handelt sich um die Rückgabe des Landsitzes Cerro del Coto, eines Landgut (9,7 Hektar groß), am Rande von Madrid, im reichsten Viertel der Stadt, in Majadahonda. Besonders interessant ist, dass dieser Prozess der Rückgabe eines Geschenks an den Orden von drei ehemaligen Priestern der Legionäre Christi und einer Frau, die als „geweihte Frau“ dieser Gemeinschaft angehörte, verlangt wird, gerade jetzt, nach den bekannt gewordenen Skandalen des Gründers, Pater Maciel. Diese 4 Personen sind Geschwister, sie gehören zur Familie Oriol, die als eine der besonders begüterten Familien Spaniens gilt. 4 Kinder aus ein und der selben Familie bei den Legionären, und alle 4 treten aus dem Orden aus! Dabei hatte die ultrareiche Familie Oriol dem jungen Pater Marcial Maciel geholfen, als er von Mexiko aus in Spanien Fuß fasste … Daran wird deutlich, dass schon um 1945, als Maciel von Spanien aus nach Rom zog, die reichsten Leute auf ihn „hereinfielen“. Maciel ist von Anfang an planmäßig vorgegangen und sich nur um die Reichsten gekümmert. Sozialarbeit war ein Alibi, sagen Beobachter.

Ob es rechtlich möglich ist, eine Schenkung wieder rückgängig zu machen, ist sehr die Frage. Das Beispiel zeigt nur, in welchen höchsten Finanzkreisen sich die Legionäre Christi immer schon bewegen und wie es ihnen gelingt, z.B. prächtige Ländereien als Erbschaften zu „übernehmen“…

Ein Zitat aus der angesehenen Tageszeitung El Pais, Madrid:

„Promotores de Iberdrola y del tren Talgo, los Oriol encarnan a una de las principales riquezas latifundistas españolas. La fortuna de los cinco hermanos Oriol Muñoz superaría los 30 millones de euros, según el periodista de EL PAÍS Jesús Rodríguez, autor de La Confesión (Debate, 2011). De ese dinero, la familia habría entregado 16 millones al movimiento de Maciel durante tres décadas. Su patrimonio se completa con la finca de 957 hectáreas Los Peñones en Hornachuelos (Córdoba) valorada en 14 millones que gestiona la Fundación San Miguel. Y las inversiones inmobiliarias administradas por Javier Oriol, uno de los cinco hijos de Íñigo María de Oriol que no perteneció a la legión. Según el libro de Rodríguez, la orden urdió una campaña “de acoso y derribo” en 2004 para que los Oriol entregaran a Maciel el resto de una fortuna que suma 25 millones. Esta donación se habría frustrado tras destaparse que Maciel (1920-2008) fue un depredador sexual de seminaristas“.

Eine Zusammenfassung auf Deutsch: Die Familie Oriol ist in Iberdrola und im Unternehmen des Express-Zuges Talgo finanziell beteiligt; die 5 Geschwister haben ein Vermögen größer als 30 Millionen Euro; während drei Jahrzehnten hat die Familie Oriol dem Pater Maciel 16 Millionen Euro geschenkt; nach einer journalistischen Recherche zettelten die Legionäre Christi 2004 sogar eine Kampagne voller Belästigungen an, mit dem Ziel, dass die Familie Oriol noch mal eine Summe von 25 Millionen Euro den Legionären übergab…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.