Berlin-Babylon-Bagdad: Ein Festival in Berlin (bis 4. Juni 2016)

Ein Hinweis von Christian Modehn

In Berlin findet noch bis zum 4. Juni 2016 ein Festival, Kunst und Wissenschaft, zum Thema Babylon in thematischer Verbindung mit Berlin und Bagdad statt. Für weitere Informationen zu diesem internationalen Festival klicken Sie bitte hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat auf ein wichtiges, sehr umfassendes und inspirierendes Buch zum Thema Babylon von Frank Kürschner Pelkmann schon vor einigen Monaten aufmerksam gemacht.

Allen, die sich für das weite Umfeld des Symbols wie der Realität “Babylon” interessieren, wird dieses Buch dringend empfohlen. Zur Vertiefung: In einem Interview erläutert der Autor einige Hauptthemen, klicken Sie bitte hier.

An Michel Foucault erinnern: Von der Zerstörung der üblichen Evidenzen.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Anläßlich von Michel Foucaults Todestag am 25.6.1984.

Michel Foucault (gestorben am 25.6. 1984in Paris , geboren am 15.10.1926 in Poitiers) ist einer der besonders anregenden Denker der Gegenwart. Er war und ist umstritten. Seine Thesen und grundlegenden Einsichten, etwa zum Humanismus und zur Frage nach dem „Wesen DES Menschen“, wurden heftig kritisiert. Oft hat man in der Polemik nicht genau hingeschaut, was er eigentlich meinte.

Foucault bleibt also ein Anreger, einer der aufweckt aus Selbstverständlichkeiten; er unterstützt subversive Formen des Lebens und Denkens. Er selbst sah sich als „Zerstörer der (üblich gewordenen) Evidenzen“, er suchte Formen der Lebenskunst in der „Nach-Moderne“. Dabei hat er sich als umfassend (historisch, psychologisch, philosophisch) gebildeter Denker selbst gewandelt, entwickelt, korrigiert.

Seine erste größere Arbeit erschien 1961. Sie bezog sich auf die Ausgegrenzten, Kranken, Unvernünftigen, für wahnsinnig gehaltenen Menschen:Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ , „Folie et déraison“.

Die dort aufgeworfenen Fragen bleiben aktuell: Wer definiert den Wahnsinn, das Aus-dem-Rahmen-Fallen? Wer lässt es zu, dass diese Menschen eingesperrt werden? In Fez z.B gab es, so Foucault, schon im 7. Jahrhundert Hospize für Wahnsinnige. Ist die Mehrheit vernünftig und als „nichtwahnsinnige“ Mehrheit etwa auch gesund? Woher kommt dieser Anspruch? Ist die Mehrheit, etwa in der Politik, die heute wieder die Nation als absoluten Wert hochspielt, ist diese Mehrheit etwa gesund, d.h. rational auf der Höhe der Menschlichkeit? Angesichts der Kriege, die Nationalismus IMMER erzeugt, kann man da “im Ernst” noch von gesunden und vernünftigen Politikern und Bürgern sprechen? Sind Politiker, die Kriege führen, etwa Assad in Syrien, die Mörderbanden in der arabischen Welt usw., sind die alle gesund, also nicht-wahnsinnig? Warum werden diese Kategorien in dem Zusammenhag nicht angewendet? Wer verbietet diese Anwendung? Ist die Ausgrenzung bestimmter, tatsächlich schwer belasteter seelisch Kranker, auch ein Alibi für die Mehrheit, sich selbst für vernünftig zu halten? In diesen störenden Fragen sah auch Michel Foucault die Notwendigkeit neuer Philosophie: “Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, anders zu machen und anders zu werden als man ist“ (zit. in „Metzler Philosophen Lexikon“, Beitrag Foucault, Michel, von Thomas Schäfer, Seite 224). Und noch einmal zur Bedeutung der Philosophie: „Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt und nach anderen Spielregeln sucht“ (ebd. 228).

Foucault stellt die Frage nach der Ausgrenzung und Abschiebung der anderen, der Minderheiten, der Schwachen und Kranken aus dem großen Rahmen der sich vernünftig wähnenden Gesellschaften und Staaten. Die Frage der Ausgrenzung der Armen stellte er meines Wissens leider nicht. Dabei ist diese Ausgrenzung, Degradierung, Verachtung, Abschiebung der Armen auch in den reichen Gesellschaften des Westens und der Demo-kratien”, wo die Armen eben nicht herrschen, ein Skandal, an den sich die Mehrheit gewöhnt hat. Wahrscheinlich sind westliche “Demo-Kratien” auf dem Weg zu Pluto-Kratien”… Die “Säuberung” der Städte  in Deutschland von den Armen, besonders in den touristisch attraktiven und Geld bringenden Innenstädten, ist längst leider selbstverständlich. In Paris wohnt im Zentrum kein Armer mehr, in London nicht, in Manhattan nicht, in München nicht und in Berlin, wenn diese Politik sich fortsetzt, bald auch nicht mehr. Es sind längst Gettos entstanden. Zu diesen Hinweisen inspiriert die Lektüre von Michel Foucault.

Er stellt die Frage: Ist Vernunft vielleicht immer ausgrenzend und repressiv? Ist etwa die oft nur vorgebliche sorgende Haltung der Staaten für die Bürger nichts als eine pastorale Attitude? Bezogen auf die christliche Gemeinde hat er sich 1979 zur „pastoralen Macht“ geäußert, wo die selbst ernannten, nicht von den Gläubigen gewählten Führer und Herrscher sich als Hirten ausgeben und die Gläubigen eben zu Schäfchen machen, die sich unterdrücken lassen. Diese Arbeit Foucaults sollte theologisch endlich bearbeitet werden, zur Lektüre dieses Foucault Beitrages klicken Sie hier.

Foucault war ein Denker, der mit allem Nachdruck das Interesse auf den einzelnen, den singulären Menschen lenkte. Er wollte den einzelnen förmlich retten vor der Gewalt der (Denk) Systeme. “Das einzige was für ihn, Foucault, existiert, sind Singularitäten“, so Paul Veyne, Historiker und (explizit heterosexueller) Freund von Michel Foucault in dem Buch „Foucault. Der Philosoph als Samurai“ (Reclam, 2009, Seite 50). Auch wenn Foucault die metaphysischen und letzten und endgültigen Wahrheiten als Skeptiker entschieden zurückwies, so hat sicher Paul Veyne recht, wenn er Foucaults letztlich immer offene Haltung dann auf den Punkt bringt und damit meines Erachtens zugleich eine gültige Aussage zur Skepsis „insgesamt“ macht: “Ein Skeptiker hält es nicht für unmöglich, dass die Welt sehr anders ist, als wir sie wahrnehmen“(ebd. 51).

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Katholikentag in Leipzig: „Ich bin normal“. Es gibt (fast) keine „Atheisten“ in den „neuen Bundesländern“.

Von Christian Modehn, zum ersten Mal veröffentlicht am 24. 5. 2016. Auf das Buch “Forcierte Säkularität” wird am Ende des Beitrags hingewiesen (2.6.2016)

Etliche LeserInnen haben gefragt, ob man diesen Beitrag in drei Thesen zusammenfassen kann:

1.”Angesichts der religiösen Gleichgültigkeit derer, die sich (im Osten wie im Westen) in ihrer Lebensphilosophie als `normal` definieren und angesichts der Unkenntnis in Fragen des Christlichen bei den normalen Christen, ist weiterführend: Sich miteinander über die vielfältigen Dimensionen des “normalen Lebens” austauschen und selbstkritische Fragen stellen. Wie man hört, ist es auch auf dem 100. Katholikentag in Leipzig nicht gelungen, Nähe, Freundschaft, Dialog mit den so genannten Nicht-Religiösen zu bewirken. Die Gründe dafür finden Sie weiter unten in dem Beitrag”.

2. “Und im Blick auf die katholische Hierarchie, die sich selbstherrlich immer noch als Meisterin “der” Lehre betrachtet: Sie soll nur dazu ermuntern, dass jeder selbst die Anwesenheit des Göttlichen, des persönlich “absolut Wichtigen” usw. in sich selbst entdeckt und Kirche als Ort des Austauschs darüber erlebt. Die dicken und angestaubten Handbücher der Dogmatik und Moral sollten beiseite gelegt werden. Denn “Glauben ist einfach” mit einem einfachen, für alle nachvollziehbaren Inhalt. Siehe etwa die Gleichnisreden Jesu”.

3. Wenn die Kirchenführer und die mit ihnen verbundenen, also gehorsamen Laien den Dialog mit Nichtglaubenden, Atheisten, “Normalen” wirklich und im Ernst, und nicht als Spiel bzw. Propaganda, wollen: Dann muss das ein Dialog auf Augenhöhe sein, bei dem alle, selbstverständlich auch die Bischöfe und die Laienfunktionäre, etwas lernen von den Gesprächspartnern. Wie diese von den Theologen natürlich auch. Dialog heißt von einander lernen. Wer das nicht will, sollte sich in seiner Gruppe (Sekte?) einschließen und viel Geld sparen und dies den Armen in Afrika geben …und seinem eigenen, geistigen Ende entgegensehen. Leben ist voneinander Lernen…   CM.

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Wer in diesen Tagen spontan unterschiedliche Menschen unterschiedlichen Alters anspricht, etwa in Leipzig oder in den östlich gelegenen Stadtbezirken Berlins, und sie nach ihrer weltanschaulichen oder religiösen Bindung/Orientierung befragt, erhält oft das stillschweigende und manchmal peinliche „Schulterzucken“ als körperlichen Ausdruck für das „Ich weiß es (selbst) nicht“. Oder er/sie hört die knappe Antwort: „Ich bin normal“. Dieses „Ich bin normal“ als Antwort auf die Frage nach der persönlichen Religion habe ich schon vor 15 Jahren oft gehört, als ich für die ARD Filmaufnahmen zum Thema „Glauben in der EX-DDR“ machte, etwa in Berlin-Lichtenberg, Treptow, Pankow oder Rostock, Leipzig, Dresden…

Ich finde das Bekenntnis „Ich bin normal“ hoch interessant und bedenkenswert. Es ist das Bekenntnis zur bislang wenig erforschten „Religion der Normalen“. Und dies sind natürlich nicht die Christen, nicht die Juden, nicht die Muslime, nicht die Buddhisten: Denn diese Religionen sind kleine Minderheiten in den neuen Bundesländern. Können denn Minderheiten „normal“, also auch „üblich“, gar gewöhnlich sein? Wer dort sagt, „ich bin normal“, fühlt sich ganz selbstverständlich als Mehrheit der angeblich an keine Ideologie Gebundenen. Er schließt also auch die aktive Mitgliedschaft in humanistischen oder freidenkerischen oder atheistischen Gruppen und Verbänden aus. Man will sich also nicht festlegen, weder für Gott noch gegen Gott. Man lebt sein Leben offenbar einfach so dahin, “ganz üblich”, ganz normal, meint man, mit allem Kummer, allem Alltag, allen kleinen und großen Freuden. Es ist deswegen meines Erachtens Unsinn, “die” Menschen in der ehemaligen DDR pauschal “Atheisten” zu nennen. Atheisten sind Menschen, die sich mit der Frage nach einem letzten, tragenden Lebenssinn auseinandergesetzt haben, die gefragt haben, die gezweifelt haben. Und dann eben Nein sagen, Nein sagen zu einer göttlichen Wirklichkeit. Die “Normalen” tun das überhaupt nicht. Sie leben in der als Frage gar nicht auftauchenden Überzeugung: Es lohnt sich nicht, tiefer auf das eigene Leben zu schauen, es lohnt sich nicht grundsätzlicher, vielleicht sogar philosophisch, weiter zu fragen. Auf diese Fragen wird meines Erachtens auch gar nicht ausdrücklich verzichtet, man lehnt diese Fragen ja gar nicht explizit ab: Sie kommen im Alltag einfach nicht vor. Das eben ist normal. Es ist letztlich eine Welt ohne Transzendenz. Es ist ein Leben, das einfach von tiefer Müdigkeit geprägt ist, von einer Abweisung tieferer Neugier. Man ist offenbar satt und zufrieden, obwohl sozial eher auf der unteren Stufe steht oder sich dort fühlt. Darum sagt man sich: Sollen doch die verrückten Minderheiten tiefer fragen, die Gothics oder die Astrologen, die Zeugen Jehovas oder die Christen. Die Mehrheit der Normalen schließt sich in sich selbst ein.

Also heißt das Motto: “Bleiben wir in der Welt”. Das Wort Immanenz (anstelle von “Welt”) wird vermieden. Denn es ist nur in dialektischer Abhängigkeit von Transzendenz sinnvoll zu verwenden. Man bleibt als Normaler sozusagen in der flachen Ebene des Vertrauten und Gewöhnlichen. Bloß nichts Spinöses, bloß nichts Religiöses, das reimt sich. Man interessiert sich dafür nicht, aus purer gepflegter Unkenntnis, aus Müdigkeit: “Der Alltag ist schwierig genug”. Der Himmel ist darum auch kein tiefgründiges Symbol, sondern eben nur die riesige, oft blau erscheinende Wölbung über uns, wo die Wolken so hübsch dahin ziehen usw. Und wenn Tote zu beklagen sind, tröstet man sich mit der umgebenden Pflanzenwelt, der Natur, die blüht, verwelkt und eben auch vergeht: „So geht es uns eben auch. Basta“. Gott sei Dank, möchte man sagen, wird das eigene Menschenleben nicht am Beispiel der anderen Natur, also der Tierwelt, durchbuchstabiert, da geht es ja bekanntlich, in der Wildnis, fast nur ums Fressen und Gefressenwerden.

Diese knappen Interpretationen des „Ich bin normal“ sind keineswegs zynisch gemeint. Es sind Hinweise auf einen überwältigend mehrheitlichen Lebensstil, der sozusagen in der Welt aufgeht. Und der auch das vitale Interesse hat, möglichst viel von dieser Welt zu Lebzeiten noch (“wann denn sonst?”) “mitzubekommen”.

Diese Haltung (sich mit der Welt zu begnügen) ist ja auch in der tatsächlichen Lebenspraxis normal für sehr viele, die auch Mitglieder der Kirchen sind und sich gläubig oder eben humanistisch/atheistisch nennen. Insofern ist der Wunsch nach einem gewissen Welt-Genuss für alle oder die meisten eben „normal“. Für die oben genannten „Normalen“ ist nur die überirdische, religiöse oder atheistische Lehre nicht normal.

Warum aber lehnen diese mehrheitlich Normalen dann aus Unkenntnis die Religionen, Philosophien, Atheismen ab? Wenn sie diese religiöse Welt einmal von außen betrachten, was ja manchmal vorkommt, erscheint sie den Normalen als aufgesetzt, befremdlich, “gewollt”. Das heißt ja nicht, dass diese Normalen nicht auch gern allerhand Mysteriöses mögen, etwa Science-Fiction oder ähnliche Verzauberungen im Fernsehen und im Computer-Spiel. Und man liebt die Musik, nicht unbedingt die h-moll-Messe, sondern eher die Songs und Lieder, ja auch dies: die deutschen Schlager. Aber das ist nun einmal das entspannende Tralala am Abend beim Glas Bier. Das ist die schlichte, die normale Lebenswelt. „Ich bin normal“ – diesem Bekenntnis ist – nun doch bewertend – eine gewisse Biederkeit, “Kleinbürgerlichkeit” nicht abzusprechen. Zu dieser Mehrheit der Menschen gehören in den neuen Bundesländern etwa um die 75 Prozent (15 Prozent der Menschen dort sollen evangelisch sein, 5 Prozent katholisch). Damit ist nicht gesagt, dass es viele Nicht-Religiöse gibt, die durchaus Interesse an Formen der etablierter erscheinenden “Hoch-Kultur” haben, also Oper, Konzert, Theater usw. Aber der “Osten” Deutschlands, sicher auch bald der “Westen”  ist religiös äußerst verstummt, verschwiegen, nicht anspruchsvoll, nicht metaphysisch interessiert. Nur eben politisch oft ausrastend, weil man die Selbst-Reflexion, die Selbstkritik ja nicht so mag. Als Normaler hat man das ja auch nicht nötig, glaubt man. Gefährlich werden etliche “Normale” im Hass gegen jene, die nicht so sind, wie man selber ist, also die Fremden, die Flüchtlinge. Darin zeigt sich die Begrenztheit des Normalen als eine schandhafte Borniertheit. Die Normalen sind also nicht so normal, wenn denn zum Menschsein immer (!) elementar Respekt, Nicht-Totschlagen, Nicht die Häuser der Armen/Flüchtlinge anzünden, Nicht-Pöbeln und Diffamieren usw. usw. gehört. Die guten Normalen (die all das nicht tun in ihrem biederen Alltag) befinden sich also auch in schlechter Gesellschaft der gewalttätigen Leute, die sich normal (“Deutsch”, “Nationalist”) verstehen.

Aber täuschen wir uns nicht: Hinsichtlich der möglichst genießenden, möglichst immer lustvollen Lebensgestaltung, sind sich „Normale“ wie auch kirchliche Gebundene Menschen sicher einig, und dies gilt auch für etliche Christen in „Westdeutschland“. Es gibt also doch eine gemeinsame Basis sehr vieler, die hier in Deutschland leben, egal ob im Osten oder im Westen, egal ob sie eine Transzendenz, einen Gott, für wichtig halten oder nicht. Es ist dann doch das allgemeine Aufgehen im Alltag, mit gelegentlichen Unterbrechungen, die man Event, Fest usw. nennt, also Urlaub, Wochenende, Sport,  Schlagerfestival. Und vor allem Fußball, dies ist der absolute Gott, dem man alles opfert: Zeit, Geld, intellektuelle (Gedächtnis) Anstrengung (“wer hat von Bayern München im Jahr 2012 Tore geschossen?”) usw. Mögen die obersten Fußball Manager noch so korrupt sein, am Gott Fußball wird festgehalten. Wenn in den Kirchen Korruption frei gelegt wird, bekommen diese normalen Herrschaften -zurecht- Tobsuchtsanfälle. Bei korrupten Fußball-Millionäre (Managern) nicht so sehr; dem Fußball bleibt man treu. Sonst hat man ja nichts. Fußball bietet offenbar mehr als der religiöse Gott. Meint man. Das Fernsehen (auch ARD und ZDF) fördert heute diesen Fußball-Gott maßlos, zum Schaden des öffentlichen Bildungsauftrags der beiden Sender, aber das nur nebenbei.

Sind eigentlich also die meisten Menschen „normal“ im beschriebenen Profil? Das scheint mir so zu sein. Denn die metaphysischen Aufschwünge, die glühenden Glaubensgespräche, sind auch unter Christen eher selten. Man geht vielleicht noch zur Messe, hört etwas vom armen Jesus von Nazareth, “all das war ja früher so” und ist danach wieder “normal”. Wie sollte man auch die Bergpredigt heute leben können, leben wollen? Selbst diese Frage wird kaum gestellt. Selbstverständlich gibt es viele solidarische Christen, solidarisch mit Armen, Flüchtlingen, aber es ist die Minderheit.

Der Unterschied ist: Viele westliche christliche Normale (oder eben die wenigen Christen im Osten) sind zwar auch die das Leben-normal-Genießenden;  aber sie haben oft noch einen spirituellen (man könnte auch sagen ideologischen) Überbau, den sie noch etwas fragmentarisch kennen: Etwa die Grundlehren des Christentums, das Vater Unser, das klassische Glaubensbekenntnis. Aber selbst dieses ganz elementare ideologische Gerüst der Christlich-Normalen gerät bekanntermaßen immer mehr ins Wanken. Fragen Sie mal einen katholischen Rheinländer, was Fronleichnam bedeutet. Oder einen Protestanten in Hamburg, “wer” denn zur Trinität gehört. Sonst eigentlich gebildete Menschen meinen im Ernst, mit ihrem Wissen in religiösen und theologischen Fragen auf infantilem Kinderniveau bleiben zu dürfen. Und sie schämen sich dafür nicht einmal. Und verbreiten ihre Weisheiten leidenschaftlich -dumm in Diskussionen: “Gott ist doch bärtig”…

Damit will ich sagen: Diese religiösen Lehren, die noch bei den “christlich Normalen” vorhanden sind, haben tatsächlich schon etwas Künstliches. Denn diese Lehren sind aufgesetzt und angelernt und deswegen eben schnell wieder vergessen. Sie haben die Seele und den Geist nicht in Bewegung gebracht. Im Blick auf den Tod sagen viele christliche Normale oft dieselben Sprüche wie die weltlich Normalen: „So geht es halt in der Natur“. Von der Freude, gemäß der einst gelernten Auferstehungs-Lehre, dann bei Gott zu sein, habe ich in letzter Zeit wenig gehört.

Der einzige Unterschied noch zwischen christlichen Normalen und weltlichen Normalen ist: Die christlichen Normalen haben oft noch einen Bezug zu einer größeren und großen Gruppe, Gemeinde genannt. Das ist von größter Bedeutung für die Kommunikation gerade in der Anonymität der Städte. Aber die katholische Kirche in Deutschland (und ganz Europa) unternimmt alles, diese Kommunikation in einer wunderbar bunt zusammengewürfelten Gemeinde stark einzuschränken, indem die Gemeinden zu administrativen Großräumen „zusammengelegt“ werden. Denn die Priester (die wenigen, die bald kaum noch vorhanden sind, also de facto “aussterben”, das sagen Religionssoziologen) sind für die Hierarchie wichtiger, als die Orte der Kommunikation zu pflegen: Nur ein Priester darf Gemeinden leiten, und seien es 10 Gemeinden gleichzeitig. Ein Skandal ist diese “Herrschafts-Theologie” auch für alle, die an sozialer Kommunikation interessiert sind.

So wird also, soziologisch betrachtet, ganz Deutschland allmählich „normal“, sehr weltlich, sehr “flach”, nicht “metaphysisch”. Und das heißt: Die Traditionen der überlieferten Transzendenz von einst verschwinden. Und sie sind oft schon verschwunden. Und darin sind die Kirchen selbst schuld: Sie halten in blinder Sturheit an den Jahrhunderte alten Formeln und Floskeln der alten Transzendenz-Deutung in Gebet, Theologie und Gottesdienst auch heute fest. Man stelle sich vor: Die Sprache der römischen Messe, bis heute weltweit zwanghaft von Rom vorgeschrieben, stammt aus dem 11. Jahrhundert in Rom: Das offizielle Glaubensbekenntnis kommt aus dem 4. Jahrhundert und wird immer noch so gesprochen wie zu Zeiten des heiligen Augustinus. Einige Prälaten sind sogar noch stolz darauf auf diese musealen Begriffe. Man muss schon Neoplatoniker werden, um diese mysteriösen Worte ohne lange Bedenkzeit zu verstehen, etwa: „Gezeugt, nicht geschaffen“ sei der Logos…Die übliche religiöse Lehre ist keine Auslegung unseres Lebens mehr. Deswegen ist sie so langweilig, so irrelevant.

Hinzu kommt bei den nicht religiösen wie christlichen Normalen eben auch die Abwehr der Institution Kirche, darüber sind tausendfach kluge Bücher geschrieben, Reformvorschläge unterbreitet worden: Nichts hat sich geändert.

Nicht nur eine neue Sprache ist wichtig, sondern vor allem eine neue,  inhaltlich neue Theologie! Das heißt: Die Kirchen sollten endlich vieles beiseitelassen. Sollten sich endlich von unverständlichen Traditionen befreien. Und der Mut ist wichtig, der Mut zum experimentellen, neuen poetischen Sprechen in der Gottesrede. Die katholischen Theologieprofessoren, bestens bezahlt als Beamte, erstarren heute vor Angst, die Inhalte des Christlichen neu und sebstverständlich auch anders zu sagen. Aber sie haben Angst vor der Hierarchie. Sie repetieren und paraphrasieren weitgehend den alten Formelkram und betreiben kaum interdiszipliär Theologie als immer neue Rede von Gott. Und das erzeugt dann eben die desinteressierte Normalität derer, die von Transzendenz nichts mehr wissen wollen.

Die beiden großen Kirchen, Protestanten und Katholiken, haben sich noch nicht versöhnt und als gleichberechtigt anerkannt. Sonst würde man ja etwa beim Katholikentag in Leipzig (4 Prozent Katholiken dort, also 26.000 Katholiken, oft aus dem Westen zugezogen) den vernünftigen Vorschlag einer neuen Ökumene hören: Lasst uns, Protestanten und Katholiken, von nun an und ab sofort (worauf warten wir eigentlich?) möglichst alles gemeinsam machen. Also: Besuchen wir sonntags wechselseitig unsere Gottesdienste, pflegen wir den Kanzeltausch, laden wir einander ständig zum gemeinsamen Abendmahl, der Kommunion, ein. Lassen wir den Schrott (das sind bekanntlich unbrauchbar gewordene, verfallene Gegenstände) der Traditionen beiseite.

Es könnte sein, dass sich dann die nichtreligiösen Normalen (in Leipzig z.B. fast alle, nämlich 480.000 der Einwohner) wundern und staunen, dass dieser alte Kirchenclub doch noch etwas Vitalität und Mut hat. Gerade im (bevorstehenden) Reformationsgedenken. Vielleicht würden diese “normalen” Kreise ihre von Fragen befreite Müdigkeit überwinden.

Und alle Normalen, ob religiös oder nicht, könnten sich sagen: Wenn wir schon diesen Titel „normal“ gemeinsam als Basis der Menschen beanspruchen, dann wollen wir uns eben, normalerweise, gemeinsam für die Menschenrechte einsetzen, für die Flüchtlinge, die Fremden, die Armen und gegen die dummen Sprüche der so harmlos genannten Populisten und ihrer Parteien argumentieren und kämpfen. Lasst uns also gemeinsam Menschen werden. Eben endlich wahrhaft Normale, könnte man ja sagen.

Monika Wohlrab-Sahr, Prof. für Soziologie an der Universität Leipzig, hat mit anderen Soziologen 2009 das hoch interessante, leider kaum beachtete Buch “Forcierte Säkularität” veröffentlicht (Campus Verlag). Darin werden ausführliche Interviews mit Menschen in den neuen Bundesländern dokumentiert und auch bewertet. Interessant ist, dass zum Schluß des Buches von “eigenen Transzendenzen” der Menschen in dem Gebiet der ehemaligen DDR gesprochen wird. Die Säkularität ist also soziologisch gesehen nicht als total zu bewerten, geht ja auch nicht, philosophisch gesehen. In dem Buch werden explizit “mittlere Transzendenzen”, also  “Gemeinschaft und Ehrlichkeit, aber auch “Arbeit als idealisierter Bezug” (S. 351) genannt. Ausdrücklich wird von Bezogenheit auf Werte gesprochen, aber auch von der Schwierigkeit, emotional und intellektuell die seit 1989 neue ökonomische (!) und politische Situation zu verarbeiten. Warum haben die Kirchen im Osten Deutschlands also so wenig Anklang gefunden, trotz der demokratischen Leistungen in der Wendezeit? “Die Kirchen des Ostens leiden unseres Erachtens an dem Gestaltwandel, den sie im Zuge der Einbindung in die kirchlichen Strukturen der Bundesrepublik Deutschland mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durchgemacht haben. Die Kirchen im Osten bekommen zu spüren, dass dieser Prozess von vielen ehemals Aktiven als Abkehr von einer kirchlichen Gemeinschaft (!) hinzu einer Organisation (!) erfahren wird, von der sich die an gemeinschaftliche Strukturen Gewöhnten entfremdet fühlen … In gewisser Weise sind die Kirchen die Leidtragenden einer gesellschaftlichen Transformation, zu der sie als Kirchen selbst beigetragen haben” (S. 352). Darüber sollte man sprechen und sich deutlich fragen, ob Kirche als Gemeinschaft, selbstverständlich als offene, undogmatische Gemeinschaft, und nicht moralisierende, sondern solidarische, wie in den Jahren der Wende, wiederzugewinnen ist. Und ob nicht im Westen seit Jahren bereits diese Gemeinschaftserfahrung von der Hierarchie selbst bereits gestört und zerstört wird (siehe “Gemeindezuzsammenlegungen” etc.)

Einige Zitate aus einem Interview mit Prof. Monika Wohlrab-Sahr, das ich im März 2010 mit ihr in Leipzig führte, die Aussagen sind immer nich treffend:

1.”In einem Teil dieser Gespräche haben wir eine Frage gestellt an die Familien, was glauben Sie, kommt nach dem Tod. Und in diesem Zusammenhang fällt eben diese Äußerung: Ich würde mir das offen lassen. Das ist gewissermaßen so eine Zwischenstellung zwischen einer klar entweder atheistischen oder christlichen Positionierung und in der Mitte eben diese Haltung: ich lass mir das offen. Man sagt klar nicht mehr dezidiert: Da kommt gar nichts. Also man ist nicht mehr klar atheistisch positioniert. Eine Tür steht offen im Hinblick auf das, was da vielleicht kommen könnte. Aber es deutlich eine Grenze da gegenüber einer klar inhaltlichen Füllung”.

2. “Es gibt aber natürlich auch Umfrageergebnisse, die sich auf 19 bis 29 beziehen. Da ist deutlich, dass sich eine spirituelle Öffnung andeutet. Oder eine Öffnung gegenüber religiösen Denkräumen. Das zeigt sich auf statistischer Ebene insbesondere daran, dass diese Altersgruppen wieder stärker von sich sagen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Also die Zahlen sind stark angestiegen. Und interessant ist, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder der Glaube dass da was könnte, um es mal vorsichtig auszudrücken, nicht unbedingt was zu tun hat mit christlicher Orientierung oder hinduistischer Orientierung, also mit einer inhaltlichen rel. Orientierung! Sondern eher einen Denkhorizont aufstößt”.

3. “Dieses Spekulieren über das Leben hat etwas mit Transzendenz zu tun. Das Leben ist nicht begrenzt auf das, was hier und jetzt erfahrbar ist. Ob da was Göttliches mitspielt, da wäre ich vorsichtig. Ich hab den Eindruck, dass eher gedacht wird in Vorstellungen, es gibt vielleicht eine höhere Macht, aber dass diese höhere Macht doch in der Abstraktion belassen wird und nicht personlaisiert im Sinne einer christlichen Gottesvorstellung etwa gedacht wird”.

4. “Die SED hat es doch geschafft, einen Gegensatz zu erzeugen zwischen Religion und Wissenschaft insbesondere, den man bis in die Gegenwart spürt. Das man sehr viel stärker, glaube ich, als es im Westen der Fall ist, hier auf ein Selbstverständnis stößt der ostdeutschen Bevölkerung: Wer ein klar denkender, rationaler Mensch ist, dass der eigentlich mit Religion nichts zu tun haben kann, in den mittleren und älteren Generationen fühlt man das nach wie vor sehr stark”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Humanistin predigt in protestantischem Gottesdienst in Amsterdam

Ein Hinweis und ein Impuls von Christian Modehn

Am Sonntag, den 29. Mai 2016, predigt die neue Direktorin des Humanistischen Verbandes der Niederlande, Christa Compas, im Sonntagsgottesdienst der protestantischen Gemeinde der Remonstranten in Amsterdam, die Kirche heißt “de Vriburg”. “Gebt mir Brot und auch Rosen” ist das Thema. Christa Compas ist Politologin und in vielfältiger Weise auch für die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft aktiv. Der “Humanistische Verband Hollands” ist eine bekannte Organisation, in der sich agnostische und atheistische Menschen zusammenfinden; sie haben z.B. eine eigene Universität in Utrecht. Uns freut es sehr, dass die Remonstranten eine prominente Humanistin zur Predigt im Sonntagsgottesdienst einladen. Und fragen uns natürlich, ob solches in Deutschland, etwa in Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD), möglich wäre. Vonseiten des HVD bestimmt… Übrigens: Eine führende Mitarbeit des theologischen Instituts der Remonstranten in Amsterdam, Christa Anbeek, war als Theologin auch Dozentin an der genannten humanistischen Universität in Utrecht. Sicher kommen sich auf diese Weise, durch gemeinsame christlich-humanistische Veranstaltungen, Glaubende und Skeptiker (Agnostiker, Atheisten…) näher und entdecken: Was uns verbindet ist größer als das,was uns trennt: Uns verbindet die Sorge um die Menschen, etwa, dass sie alle  “Brot und Rosen” haben und diese teilen und sich daran erfreuen, um den Titel der Predigt von Christa Compas in der Amsterdamer Kirche noch einmal aufzugreifen.

Ich möchte hoffen, dass der universale humanistische Geist (der ja nie ein explizit antireligiöser und atheistischer war und ist) allmählich als gemeinsame menschliche Basis wieder entdeckt und gepflegt wird. Die entscheidende Erkenntnis: Zuerst kommt der allen gemeinsame Humanismus. Und erst dann die speziellere Interpretation des Menschen, die religiöse oder eher agnostische.  Aber dies ist die zweite Ebene! Und sie sollte auch als solche (eben nicht so dringende Dimension) gelebt und gelehrt werden, gerade jetzt.

Weitere Informationen zur Predigt von Christa Compas und der protestantischen Kirche de Vrijburg in Amsterdam finden Sie hier.

Christian Modehn, re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er salon berlin

“Meine Verantwortung” … und MEXIKO. Zum “Philosophie Magazin”, Ausgabe Juni 2016

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27. Mai 2016

Das „Philosophie Magazin“ wurde vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin schon mehrfach empfohlen. Auch die Ausgabe Juni/Juli 2016 bietet wieder Impulse zum Weiterdenken und Weiterlesen.

Vor allem das Schwerpunktthema Verantwortung bringt mehr Klarheit in die jetzt heftigen, zum Teil politisch-polemischen Debatten. Wolfram Eilenberger, Chefredakteur der Zeitschrift, erinnert daran, dass Verantwortung als expliziter Begriff in der Ethik erst recht spät, vor 200 Jahren, ausführlicher dargestellt wurde. Eilenberger meint: Genaue Umgrenzungen von persönlicher Schuld und Mitschuld, Zuständigkeit für Fehler usw. sind in der komplexen Lage von Handlungszusammenhängen oft gar nicht zu definieren. Wenn keine absolut festen Grenzen gezogen werden können für die eigene Verantwortlichkeit oder auch Mitschuld, so ist das „nicht etwa als hemmende Einschränkung, sondern als bedingende Möglichkeit der eigenen Moralität zu sehen“ (S. 47). Zur Verantwortungs-Ethik (als Gegenbegriff zur “Gesinnungsethik”) gehören die drei, wohl nicht immer gleichzeitig zu realisierende Haltungen, die Max Weber formulierte: “Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß“.

Sehr wichtig ist das Interview, das Svenja Flaßpöhler mit dem Berliner Philosophen Stefan Gosepath (FU) führte unter dem treffenden Titel „Es gibt eine globale Hilfspflicht“ (S. 55 ff.) Stefan Gosepath widerlegt die immer wieder propagierte Behauptung, die Distanz zu Leidenden in weiter Ferne erzeuge hier für uns keine Verantwortung zu helfen. „Alle, die in der Lage sind, humanitäre Strukturen aufzubauen, haben die Pflicht dazu“. Ein Beispiel: „Egal , wie weit weg Sie von der Kreuzung wohnen, bei der z.B. ständig Unfälle passieren“. „Wir bräuchten eine Weltorganisation, die dafür sorgt, dass diese Hilfspflicht befolgt wird. Diese Organisation müsste besser aufgebaut sein als die UN. Wir haben eine globale Armut und einen globalen Reichtum. Der Ausgleich ist am besten durch Steuern zu realisieren“. „Wir bräuchten z.B. eine Flüchtlingssteuer als Teil dieser allgemeinen Hilfssteuer“ (S. 56). Das sind neue Vorschläge zu dem, was man auch „Fernsten-Liebe (Verantwortung) und nicht Nächsten-Liebe“ einst nannte, von philosophischer Seite; darüber sollte eine breite Diskussion beginnen. Stefan Gosepath weist am Beispiel der überschaubaren Hilfe hierzulande auf die weiterreichende Verantwortung hin: Kann eine arme Familie für ihre Kinder nicht mehr selber sorgen, dann ist hier die Gesellschaft – selbstverständlich – gefordert. Daraus folgt: „Wenn diese Selbstsorge bei den Armen dieser Welt nicht mehr funktioniert, und zwar im eklatanten Sinne nicht funktioniert, wenn Menschenleben gefährdet sind und Menschenrechte verletzt werden, dann ist die Weltgemeinschaft gefordert“ (57). Gegenüber den sehr rechtslastigen Populisten, die egozentrisch auf sich selbst und nur die eigene Nation starren und nicht den fernen Leidenden als Menschen anerkennen und umfassend helfen wollen, sagt Gosepath: „Was ist, wenn du selbst Pech haben wirst in Zukunft? Morgen stürzt du von der Leiter und hast dir das Bein gebrochen. Darf ich dann sagen: Pech gehabt, du bleibst da liegen?“ (ebd.)

Spannend ist auch das Gespräch des Schriftstellers und emerit. Rechtsphilosophen Bernhard Schlink mit dem Philosophen Ludger Heidbrink (Kiel) zum Thema „Macht uns das System verantwortungslos?“ Dabei wird an die zunehmende Übergabe aller Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung auf den einzelnen durch den Staat heute gedacht. Der einzelne muss sich absolut, man möchte sagen total, um sich selbst kümmern. Warum soll er sich dann bei so vielen Belastungen noch um den Staat kümmern, der doch die Verantwortung auf ihn übertragen hat“, fragt Schlink (S. 62). „Der entfesselte Kapitalismus hat dazu geführt, dass das Interesse dafür, was über den eigenen Horizont hinausgeht, drastisch abnimmt“ (ebd.). Schlink meint weiter, der Staat und die Gesellschaft seien nur zum Respekt der Gerechtigkeit und der Einhaltung von Verträgen und Gesetzen verpflichtet. Barmherzigkeit sei Sache des einzelnen, etwa des religiösen Menschen. “Aber das (gemeint ist Barmherzigkeit CM) geht über das, wozu Staat und Gerechtigkeit verpflichtet sind, hinaus“ (S. 65). Die Frage ist, ob ein Leben gemäß den Menschenrechten nicht auch den Aspekt der Barmherzigkeit (als über alle gesetzlichen Vorschriften hinausgehende Zuwendung zu den Armen etwa) kennt.

Das „Philosophie Magazin“ hat, in Kooperation mit der französischen Ausgabe, keinen sehr engen Philosophie-Begriff! Das zeigt sich erfreulicherweise diesmal wieder in einer ausführlichen kritischen Reportage über die verheerenden politischen und moralischen Zustände in dem mehrheitlich katholischen Mexiko: Wofür kämpften die verschwundenen 43 Studenten, die Ende 2014 entführt und hingerichtet wurden von Verbrechern aus dem Umfeld der Drogenmafia in Zusammenarbeit mit der ebenso korrupten Polizei im Bundesstaat Guerrero? Dieser Frage geht der Reporter Michel Eltchaninoff nach und zeigt dabei die desolaten und verheerenden Zustände in Mexiko selbst. Der grausige Mord an den 43 jungen Rebellen bzw. Revolutionären alter kommunistischer Prägung „hat das Land Mexiko letztlich nicht verändert“, sagt der Soziologe und Anthropologe Roger Barta von der Uni UNAM, Mexiko-Stadt. „Er bedauert, dass bislang noch keine glaubhafte Alternative zu diesem politisch-mafiösen System des Staates Mexiko zutage getreten ist“ (S. 40).

Was ist also in Mexiko heute bestimmend? Vor allem „Gewalt (22.000 Menschen sind mindestens seit 2006 `verschwunden`, also wohl umgebracht worden, S. 35) und „Migration von Massen in die USA, Ressourcenplünderung, korrupter Staat und zuckersüßer TV Eskapismus“ (S. 41). Man möchte hinzufügen: Und eine katholische Kirche prägt Mexiko, die in ihren Bischöfen weithin aufseiten der Mächtigen steht. Und die nach wie vor behauptet, mit volkstümlichen Festen (dia de los muertos, Prozessionen und Heiligenkulte sowie ausufernde Marien-Verehrung usw.) das moralische Gewissen der Bevölkerung UND der Herrschenden zu formen. Volksreligion ist aber doch oft Folklore und Tralala und, sagen wir, Saufgelage; das sollte man doch endlich auch theologisch zugeben, selbst wenn Papst Franziskus anstelle der kritischen Befreiungstheologie die alte Volksreligion so liebt. Oder es ist bei den Ingenas, etwa in Peru, der Bezug zur alten, vor-kolonialen Volks-Religion, eine Art Flucht ins Uralte (in die katholische Messe gehen sie trotzdem, parallel zu den Quetschua-Kulten).

Dass dieses Projekt einer die Gewissen bildenden Volksreligion offenbar gescheitert ist, sollte einmal dargestellt werden. Die der Volksreligion nahe stehenden Mörderbanden in Staat, Polizei, Gesellschaft und vor allem in den Verbrecher-Banden (Drogen) haben sich – als selbstverständliche Teilnehmer volksreligiöser Zeremonien – durch diese Religion jedenfalls nicht moralisch prägen lassen. Ich meine: Anstelle dieser ganzen Kulte sollte die Kirche bei ihren immer noch gut besuchten Veranstaltungen die Menschenrechte lehren und „einpauken“ und als Kirche selbst vorbildlich leben.

Man wünscht sich, bei diesen sehr sinnvollen politisch-soziologischen Reportagen im “Philosophie Magazin”, dass  auch gezeigt wird: Was ist eigentlich philosophisch in Mexiko los? Lesen die Philosophen (an der Uni) dort auch nur Platon und Kant, oder gibt es eigenständiges mexikanisches Philosophieren? Immerhin hätte doch der weltbekannte, in Mexiko lebende argentinische Philosoph Enrique Dussel vorgestellt werden können. Aber da kann ja in einer nächsten Ausgabe noch geschehen zum Thema Enrique Dussels: “Philosophie der Befreiung”.

Für weitere Informationen zum neuen Heft des Philosophie Magazin klicken Sie bitte hier.

Wir empfehlen dringend zur Vertiefung das Heft „Mittelamerika“ der Edition „Le Monde Díplomatique“, (auf Deutsch erschienen 2016), besonders zu Mexiko: Seiten 84 bis 112. Im Zeitschriftenhandel ist das wertvolle Heft für 8,50 zu haben!!

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Cioran: Stören und verstören.

CIORAN: Stören und verstören. Zum religionsphilosophischen Salon am 20.5. 2016 über Emile Cioran.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 21. 5. 2016

Der Berliner Philosoph Dr. habil Jürgen Große (Autor, u.a. auch der neuen umfangreichen Cioran-Studie „Erlaubte Zweifel“, 2015) hat uns am 20.5. in das Denken Ciorans, besonders unter der Perspektive der Skepsis, eingeführt. Dafür noch einmal besten Dank.

Ergänzend erlaube ich mir einige Hinweise aus meiner, zweifellos eher fragmentarischen Beschäftigung mit Cioran. Es sind Hinweise, die schon früher einmal entwickelt wurden; um die Veröffentlichung haben mich einige TeilnehmerInnen des Salons gebeten.

1. Emil Cioran (1911-1995) ist ein ungewöhnlicher Autor. Er nannte sich „Denker“, lehnte den eher üblichen Titel „Philosoph“ ab. Dabei kannte er viele Philosophen sehr gut, wie Nietzsche oder Schopenhauer. Cioran wusste, dass er eine Ausnahmeerscheinung ist. Und so wird er auch wahrgenommen in seinen verstörenden Aussagen. Er wusste, dass er aus einer tiefen inneren (persönlich grundierten) Ablehnung dieser Welt schreiben muss. Sie ist in seiner Sicht zutiefst von Leiden und Unerträglichkeiten geprägt. Er lebte in einer weitest gehenden und möglichst allumfassenden schonungslosen Frage-Bewegung; er dachte und schrieb im ständigen Zweifel und in der Skepsis. Darin sind seine Beiträge, Aufsätze und Aphorismen vor allem, für die LeserInnen durchaus Übungen zur Selbst-Infragestellung, es sind Exerzitien, Übungen, den bisherigen Boden unter den Füßen schwankend zu sehen. Und auch Übungen der Geduld, mit diesem Denker des Nichts „es“ auszuhalten.

Cioran rüttelt an Sicherheiten, und er will das auch bewusst tun, sonst würde er nicht ja schreiben und publizieren. Ob er immer dabei der intensiv „Leidende“ war, ist eine offene Frage, vielleicht war sein Leiden auch „erschrieben“.

Jedenfalls: Er hält alle unserer existentiellen Sicherheiten und Wahrheiten für vorübergehende und zu überwindende Sicherheiten und Wahrheiten, oft für Illusionen. Die offene Frage ist: Seine eigenen tiefen, also sein Über-Leben tragenden Überzeugungen, die er ja zweifelsfrei als ausgesprochenen oder unausgesprochenen Hintergrund hat: Bezweifelt er diese auch? Schaut er noch einmal über seine eigene „absolute“ Skepsis hinaus. Ist er skeptisch zu seiner eigenen Skepsis? Diese Frage lasse ich hier offen.

Es lohnt sich, Ciorans Aufsatz mit dem Titel: „Der böse Demiurg“ (Suhrkamp Taschenbuch unter dem Titel: „Die verfehlte Schöpfung“, dort S. 7 bis 37) etwas genauer anzusehen.

Dabei fällt auf: Ciorans Denken und Schreiben ist meines Erachtens bewusst nicht-systematisch. Und auch bewusst nicht widerspruchsfrei. Sein Denken ist geprägt von der subjektiven Daseinserfahrung in unterschiedlicher Intensität, in unterschiedlichen seelischen Schmerzen und physischen Leiden. Selbst dieser etwas längere Text ähnelt doch eher den Aphorismen, den kurzen Sprüchen, die sprachlich oft ausgefeilt sind und deswegen schon stilistisch bedenkenswert sind. In dem genannten Aufsatz scheint mir als ausgesprochener Hintergrund seines Denkens deutlich zu sein: Die Basis für Ciorans Denken ist eine Art Abweisung des Lebens, so, wie es in dieser Welt von ihm erfahren wurde. Das Leben ist für ihn ein

Fehlschlag, und ein Fehlschlag ist auch die Welt (16). Dennoch schreibt er wenige Zeilen später widersprüchlich weiter „Das Leben selbst ist hinreichend geheimnisvoll und erschöpfend“ (15). Trotzdem fordert er praktisch: „Bitte weniger Geburten“. Er möchte eher die Unfruchtbarkeit – so wörtlich – „bejubeln“. (15). Sehr polemisch und sogar böse spricht er davon, dass „es immer genug Blöde geben wird, die nichts Besseres wünschen, als sich fortzusetzen… es wird sich auch immer irgendein widerliches Paar finden, dass sich dafür (d.h. für Zeugung und Geburt, CM) opfert“ (14). „Wachset und mehret euch“, diese Aufforderung Gottes in der Bibel nennt Cioran, so wörtlich, „kriminell“. „Jedes Gebären ist verdächtig“ (13). Diese seine Überzeugungen hält Cioran für „Klarsicht“ (17). Cioran ist also meines Erachtens durchaus ein Verkünder einer Botschaft!

Es wird also deutlich, dass Cioran seine festen Überzeugungen hat, und diese auch, deutlich schockierend für viele, veröffentlicht. Er will stören und verstören. Dies ist seine Aufgabe als Denker sozusagen aus der kühlen, klar sehenden Distanz alles voller Degout betrachtend und beurteilend. Er will uns lehren, den fröhlichen Optimismus, den er sicher treffend für naiv hält, zu überwinden. Herauszutreten aus der hübsch gemachten Gewöhnlichkeit des gut eingerichteten Alltags. Er meint: Überleben kann ein Mensch auf Dauer nur in und mit Ignoranz, (16), also mit dem Willen, nicht zu tief zu schauen, nicht zu konsequent ewig weiterfragen. Cioran tut sich hingegen die schwere Last und Lust an, immer weiter zu fragen. „Vom Nachteil geboren zu sein“, ist der treffende Titel seines wohl wichtigsten Buches von 1979. Wenn denn diese erlebte Welt (eine Last, nichts Erfreuliches) von einem Gott stammt, dann hat Cioran doch diese explizite Idee, diese Gedanken-Konstruktion möchte man sagen: Es gibt eine Art zweiten (kleineren) Gott, den Demiurgen, der diese verrückte Welt geschaffen hat. Der absolute Gott habe sozusagen einen Hilfsgott geschaffen, der diese blöde Welt gemacht hat, so Ciorans Vorschlag, der sich damit an alte Traditionen der Gnosis anschließt. Der Demiurg ist die Ursache aller Übel in der Welt, also nicht der absolute Gott, die Gottheit, er wird damit nicht belästigt. Und auch nicht der Mensch, sondern eben die Hilfskonstruktion Ciorans und anderer schon im Mittelalter, dies ist der Demiurg. Bloß was ist damit an Einsicht gewonnen? Denn dieser schreckliche Demiurg, der Schöpfer dieser verrückten Welt, ist doch auch ein Werk des absoluten Gottes. Also ist dieser oberste Gott sekundär dann doch für den Schrecken der Welt verantwortlich? Diese Themen schneidet Cioran jedenfalls in dem Aufsatz nicht an, diese entscheidende Frage bleibt offen. Leider, muss ich sagen, sie würde ganz neue Dimensionen erschließen.

Im Zusammenhang des Demiurgen und des – in meiner Sprache- absoluten Gottes, also der Gottheit im Hintergrund von allem, taucht dann ziemlich unvermittelt die Mystik auf. (Seite 11f). Die Mystik bezieht sich auf diese Gottheit hinter dem Demiurgen. Der Mensch kann in diese Gottheit, so wörtlich „eintauchen,“ jedoch: „So ist man dennoch jenseits aller Form der Göttlichkeit“. Was das bedeutet, wird nicht gesagt. Und Cioran fährt leider viel zu knapp, nur andeutend, fort: „Das ist die letzte Etappe, der Ankunftsort der Mystik, während ihr Ausgangspunkt (der Mystik) der Bruch mit dem Demiurgen ist, die Weigerung, noch mit ihm umzugehen und seinem Werk Beifall zu klatschen. Niemand kniet vor ihm (dem Demiurgen), niemand verehr ihn“ (S. 12.

Ist also Mystik doch die Zuwendung zu der – in meinen Worten – absoluten Gottheit? Cioran spricht dabei von „göttlicher Wesenheit“ (11). Wenn die Mystik diese seltsame Hilfskonstruktion des Demiurgen zurückweist, ist sie dann nicht auch gesellschaftskritisch, denn der Demiurgen-Wahn hat ja auch soziale Wirkungen…Das wird in dem knappen Text von Cioran nicht besprochen. Der systematisch-philosophische Übergang von der Skepsis zur Mystik – hoch interessant und wichtig – fehlt mir bei Cioran an dieser Stelle.

2. Ich möchte noch auf eines der vielen interessanten Interviews eingehen, die Cioran immer wieder gern gegeben hat. Ich verweise auf das Interview, das Michael Jakob in dem Buch „Aussichten des Denkens“ (Wilhelm Fink Verlag, München 1994 auf den Seiten 9 bis 38) publiziert hat.

Es handelt sich um knappe Zitate, die hier zur weiteren Lektüre ermuntern können und sollen. Eine entscheidende biographische Auskunft: „Als ich ungefähr 20 Jahre alt war, verlor ich meinen Schlaf“. „Die Nächte von Sibiu wurden so zum Ursprung meiner Sicht der Welt“ (11). Sein Buch „Von Tränen und Heiligen“ (1937 auf Rumänisch) ist „das Ergebnis von 7 Jahren Schlaflosigkeit“ (14). „In der Schlaflosigkeit gibt es keine Diskontinuität, es gibt keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht“. „Der Schlaflose bleibt mitten in der Nach luzide“ (14).

„Das Geheimnis des Lebens ist der Schlaf, er ist das, was das Leben möglich macht“ (15)

Die Schlaflosigkeit hat den Glauben an die Philosophie, Cioran spricht von Aberglauben an die Philosophie, weggewischt. (15)

Philosophie, so entdeckte er, ist zu nichts nutze (15). Ist Schlaflosigkeit also ein Maßstab, um die Qualität der Philosophie beurteilen zu können? Cioran würde wohl dem zustimmen.

Er schätzt den russischen jüdischen Leo Schestow, also Jehuda Leib Schwarzmann. Auch er ist, schnell gesagt, ein Philosoph der Verzweiflung, seine Werke sind bei „Matthes und Seitz“ erschienen. Ein hierzulande eher unbekannter Autor.

Für Cioran ist Geborensein, also „auf Erden sein“, „das Ergebnis des Zufalls und nicht der Notwendigkeit zu sein. Dies bedeutet eine gewisse Befreiung, und dieses Gefühl hat bis heute fortgewirkt“ (12).

1937 machte er religiöse Krise durch (17). Damals „stellte sich für ihn heraus“, „dass es für mich keine Zukunft in der Religion geben würde“ (16). Damit meint Cioran wohl die christliche Religion, also das, was er später Glaube nennt. Aber schon damals wusste er, „dass ich den Glauben NIE besitzen würde“ (17). Darf man das seine Basis-Überzeugung nennen? Ich denke ja, auch Cioran hat notwendigerweise und logischerweise eben seine „Lehren“, seine Grundthesen, d.h. er stellt eben nicht alles total und immer in Frage.

Dann aber sagt Cioran: „Ich bin nicht gänzlich areligös. Doch weiß er von der Unmöglichkeit für ihn, glauben zu können (17). Er sagt in voller subjektiver, also gar nicht skeptischer Überzeugung :„Ich war einfach nicht für den Glauben geschaffen“. Wie ein guter dialektischer Theologe (Barth) sagt Cioran: „Glauben ist eine Gabe… Man kann nicht glauben wollen, das ist einfach lächerlich“ (17).

Über die Frage, ob man glauben wollen kann, wäre weiter zu diskutieren. Kann man etwa Kunst schätzen wollen, Musik hören lernen wollen? Sind das verwandte Beispiele? Ich denke ja. Man kann sich zumindest bemühen, an Gott, die Gottheit, glauben zu wollen. Wer das Gegenteil behauptet, macht Gott zu einem Tyrannen, der dem einen den Glauben schenkt, dem anderen eben nicht. Diese furchtbare, merkwürdige These etwa des Reformators Calvin wird Gott sei dank von einigen wenigen Christen (wie den Remonstranten) zurückgewiesen, aber das nur nebenbei.

3.THERESA VON AVILA

schätzt Cioran besonders:
Sie hat, so sagt er, einen „gewissen Ton“, der einen im Innern erschüttert. Sie hat mir viel beigebracht, ich bin von ihr im wahrsten Sinne erschüttert worden“ (18). Cioran hat die Mystik der Theresa von Avila aber nur, so scheint es, von außen kennen gelernt, „so hegte ich doch eine unendliche Bewunderung für die heilige Theresia, für das Persönliche und Fieberhafte an ihr, für das KRANKHAFTE. Es war eine ansteckende Krankheit (sie zu lesen)… Sie war einer der außerordentlichsten Geister“. „Ich sprach die ganze Welt überall und zu jedem nur von ihr“ (19).

In dem Zusammenhang ein Bekenntnis von Cioran: „Ich bin weniger ein leidenschaftlicher als eigentlich ein besessener Mensch…Ich muss in allen Dingen bis ans Ende der Möglichkeiten gehen, bis zur Erschöpfung… (19). „Ich habe Nähe zu Menschen, die gestört sind, (19), zu den Morbiden, den Versagern. (29).

Zu seiner spirituellen Vorliebe: BACH ist für mich ein Gott. (24) Und weiter: „Jemand, der Bach nicht versteht, ist verloren, es ist eigentlich etwas Unvorstellbares, aber es kommt vor“ (24). Cioran hat also doch spirituelle Interessen am Göttlichen = Bach. Andererseits sagt er dann unvermittelt: „Ich bin doch etwas buddhistisch eingestellt… Der Buddhismus verlangt keinerlei Bekenntnis“ (31). Zu seiner sozialen, vielleicht sogar etwas politischen Ambition sagt Cioran: „Ich habe mich stets bemüht, anderen behilflich zu sein, den Schmerz der anderen zu mildern“ (33). Sehr verhaltenstherapeutisch orientiert schreibt er: „In Sinnkrisen empfehle ich den Verzweifelten: Geht auf die Friedhöfe“. (34).

4.Zur Skepsis: Cioran plädiert für die Skepsis als Haltung, aber er hat keine Erwartung, dass Skepsis heilen kann. Das glaubte etwa noch Moses Mendelssohn: Skepsis weckt förmlich die Trägheit des Denkens, meinte er.   Hingegen sagt Cioran: In einem seiner Aphorismen: „Die Skepsis, die nicht zur Zerrüttung unserer Gesundheit beiträgt, ist nur ein intellektuelles Exerzitium“ (Syllogismen Nr. 43). So das Zitat aus Andreas Urs Sommer, „Die Kunst des Zweifelns“, (105).

Skepsis soll also im Sinne Ciorans gerade nicht im Leben „helfen“; soll nicht Gelassenheit erzeugen, wie einst in der Antike, da erzeugte Skepsis die Ataraxia. Andreas Urs Sommer schreibt: „Cioran liebäugelt mit einer Skepsis als beinharter Praxis der Selbstverschleißung und Selbstzerfleischung,denn er ist nicht, wie der Aphorismus vielleicht vermuten lässt, darauf aus, die Skepsis zu überwinden“. Cioran gilt für Andreas Urs Sommer „als skeptischer Entschlossenheits- und Selbstvernichtsungsfetischist, (105 in Sommer). Sommer vermutet da eine , so wörtlich, dekadente Haltung der Gesunden, die sich gern mit der Aura der Liebe zur Krankheit umgeben (ebd).

5.Ein Hinweis zur Mystik:   Mystik hat mit Wanderungen des religiösen Suchens, des Glaubens zu tun: Michel de Certeau SJ (1925-1986, Kulturanthropologe und Religionshistoriker der besonderen, der wichtigen Art, schreibt: „Ein Mystiker macht sich nicht zum Sachwalter institutioneller Interessen, er sucht nach Möglichkeiten, wie Religionen in ungeahnten Wirklichkeiten ungeahnt lebendig sind. Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu wandern und wer in der Gewissheit des Fehlens von jedem Ort und von jedem Objekt weiß: Das ist ist es nicht. Er kann nicht hier stehen bleiben und sich mit diesem da zufrieden geben. Das Verlangen drängt voran, weiter, anderswohin. Es wohnt nirgendwo“. (in: de Certeau, La fable mystique, Bd I, S.411.) Die Mystik liest religiöse Traditionen anders und „gegen den Strich. „Mysik ist weniger eine Häresie… als vielmehr ein Arbeitsinstrument, das darauf zielt, innerhalb der Religion eine Wahrheit zu enthüllen, die zuerst Randbemerkungen war, nun aber wieder ins Licht gehoben werden soll“. (Michel de Certeau, Mystique, Encycl. Univers. Bd II. s 526). Über den Zusammenhang von de Certeau und Cioran wäre näher nachzudenken.

6. Ob Cioran als der Grund-Erschütterer eine Zukunft hat auch in den Theologien, selbst wenn er solche Kreise eher gemieden hat, ist offen, aber wünschenswert. Cioran könnte den gegenwärtigen Verfall der christlichen Kirchen in charismatisches Trallala oder dogmatische und fundamentalistische Borniertheit in Frage stellen, wenigstens dies, einmal mehr. Wann also findet der erste Cioran-Kongress im Vatikan statt? Oder in den orthodoxen Kirchen Rumäniens und Moskaus? Grundlegende Zweifel und absolute Skepsis sich selbst gegenüber würden doch Herrn Putin sehr gut tun… Oder zweifelt jemand daran?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon, Christian Modehn.

In der Nacht sehen wir mehr: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken: 3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin.

„In der Nacht sehen wir mehr“

Mehr als eine Mode: Die langen Nächte der Kultur und Kirchen im Sommer

Die Fragen stellte Christian Modehn

In ganz Europa finden in den Sommermonaten zahlreiche besondere Kulturveranstaltungen statt. Die große Beliebtheit erlaubt sicher nicht das Urteil, dies sei bloß eine Modeerscheinung. Es handelt sich um die „langen Nächte…“ der Museen, der Poesie, der offenen Kirchen usw. Wenn wir uns auf den Zusammenhang von Nacht und Spiritualität bzw. Kirche konzentrieren: Hat denn die Stimmung der Nacht, der (relativen) Dunkelheit, eine besondere theologische Qualität? Werden denn sogar Transzendenz und Gott eher im Dunkel erfahrbar, wie die Mystiker behaupten?

Die Nacht hat eine spirituelle Qualität. Dem folgen die Kirchen seit jeher und das mit großem Erfolg. In besonderen Nächten, in der „Heiligen Nacht“, in der „Osternacht“, sind die Gottesdienste besonders gut besucht. Die Langen Nächte der Wissenschaft und der Museen, zu denen in Berlin und anderen großen Städten jetzt wieder eingeladen wird, folgen den religiösen Inszenierungen der Nacht lediglich nach. Dass die Kirchen an Pfingsten zur „Langen Nacht der Kirchen“ einladen – freilich ohne große Resonanz – zeigt, dass sie ihre eigene Erfindung vergessen haben und nun, wie so oft, lediglich einem kulturellen Trend hinterher laufen – ohne ihre spirituelle Kraft zur rituellen Gestaltung der Nacht auszuspielen.

Keine Nacht ist ohne den Tag, kein Dunkel ohne das Licht. Es sind dieser Kontrast, die Dramatik des Gegensatzes, die dialektische Beziehung zwischen Nacht und Tag, zwischen der Dunkelheit und dem Licht, wodurch spirituelle Qualitäten freigesetzt werden. Wir sind keine Nachtgestalten. Wir wollen nicht im Dunkeln bleiben. Wir sehnen uns nach dem Licht und je länger die Nacht dauert, desto mehr erwarten wir den anbrechenden Tag.

Insofern steigert die Nacht unsere Sehnsucht und unsere Erwartung. Sie lässt uns tiefer empfinden, was fehlt, klarer sehen, was nicht in Ordnung ist, intensiver den Schmerz über das Versäumte spüren. In der Dunkelheit, die sich um uns breitet, erliegen wir nicht mehr so leicht dem schönen Schein, verleugnen wir nicht mehr so schnell, was uns bedrückt und belastet. Deshalb steigert die Nacht die Erwartung nach dem Aufgang des Lichts. Deshalb empfinden wir in der Bedrängnis der Nacht umso tiefer unsere Sehnsucht nach Erlösung.

Die Widerspannung, die Gegenläufigkeit, die die Nacht in unser Zeiterleben einfügt, hat die Mystiker seit jeher fasziniert. Denn auf der einen Seite schafft die Nacht eine Zeit des Übergangs. Aus dem Dunkel führt sie hinüber ins Licht. Auf der anderen Seite lässt sie uns auch zur Ruhe kommen. Zur Nacht gehört der Schlaf, „schlafen geht die Welt“. Indem die Geschäfte des Tages von uns abfallen, wird innere Einkehr möglich. Der Nacht gehören zudem die Träume, in denen unsere abgrundtiefen Ängste, aber auch unsere Glückerwartungen ihre Sprache finden. So kann es gerade im Dunkel der Nacht geschehen, wovon die Mystiker letztlich ausgehen, dass wir Gott finden – auf dem abgründigen Grund der eigenen Seele.

Wer sich spirituell auf die Erfahrung der Nacht, der Dunkelheit und hoffentlich auch des Schweigens in der Dunkelheit einlässt: Welche neuen Einsichten melden sich dann? Vielleicht die Annahme der eigenen wie existentiellen Dunkelheit?

Schon das Johannes-Evangelium berichtet ausdrücklich davon, dass Nikodemus, ein gebildeter Pharisäer und einer der Obersten unter den Juden, „bei der Nacht“ zu Jesus kam. (Joh 3,1 ff.) Er war auf der Suche nach dem Sinn und einer neuen Ausrichtung seines Lebens. Die Nacht war für ihn die richtige Zeit, um das tief gehende Gespräch zu suchen. Er wollte von Jesus wissen, wie ein Mensch, obwohl alt geworden, doch in ein neues Leben finden kann.

Nikodemus fand zu Jesus „bei der Nacht“. Was ihn zu ihm trieb, waren zudem schmerzliche Nachtgedanken. Es war die Dunkelheit, die sich in seinem Inneren ausgebreitet hatte. Er hatte die Freude am Leben verloren. Von Jesus erhoffte er sich neue Ermutigung, einen neuen Anfang gar.

Wir haben alle schon solche Gespräche erlebt, bis tief in die Nacht. Froh, nicht allein zu sein, mit dem, was auf der Seele lastete. Ja, es ist so wichtig, dann jemanden zu haben, der mit aushält in der Dunkelheit, auch – oder vielleicht gerade dann – wenn dies im Schweigen geschieht.

Denn da ist letztlich ein undurchdringliches Dunkel, das unserem Selbstverhältnis innewohnt. Im Schweigen der Nacht erkennen wir oft erst unsere unaufhebbare Bedürftigkeit und Angewiesenheit. Wir werden dessen gewahr, dass wir abhängige, schlechthin abhängige Wesen sind. Doch der Gott der fehlt, ist der, der bei uns ist.

Könnte es sein, dass die bisherige herrschende Theologie zu sehr am strahlenden, man möchte sagen „scharfen“ Licht des Tages orientiert war? Wird deswegen das falsche Verlangen nach dogmatischer Exaktheit, Abweisung von Gefühlen, Trennung von gläubig und ungläubig, verständlich?

Wer die Nachtseiten des Lebens kennt, kann mit einer Theologie, die mit dogmatischen Setzungen arbeitet und biblische oder kirchliche Lehren verbreitet, nichts anfangen. Was wir in den Nächten unseres Lebens brauchen, ist eine Theologie, die die unauflöslichen Ambivalenzen und Widersprüche des Lebens kennt. Ihre Aufgabe sieht diese Theologie darin, unser Leben, das sich in seinem Von-Woher und Woraufhin letztlich selbst verborgen ist, in dieser seiner abgründigen Unbegreiflichkeit zu verstehen. Dazu gehört zunächst und vor allem, das Dunkel auszuhalten, das unserem Selbstverhältnis innewohnt, uns unsere unaufhebbare Angewiesenheit und Bedürftigkeit erkennen zu lassen.

Die Theologie, die uns so ins Dunkel des eigenen Innern führt, hat keine eindeutigen Antworten parat. Sie weiß, dass sie es mit genau denjenigen Fragen unseres menschlichen Daseins zu tun hat, auf die es überhaupt keine Antworten gibt. Dennoch kann sie zu der tröstlichen Einsicht führen, dass da, merkwürdig genug, doch eine Basis ist, von der wir uns getragen fühlen können.

Dieses Gefühl, das der Theologe Friedrich Schleiermacher, das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ genannt hat, führt uns nicht zu einem gegenständlichen Wissen von Gott. Es kann uns aber die Gewissheit geben, dass wir, trotz der dunklen Unbegreiflichkeit unsers merkwürdigen Daseins in dieser Welt, doch nicht im nirgendwo verloren gehen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon.

Michel Foucault: Was ist eigentlich “normal”? Erinnerungen zum Todestag 25. Juni 1984

Michel Foucault (geb. am 15. Oktober 1926, gestorben in Paris am 25. Juni 1984) ist aufgrund seiner vielseitigen Begabungen und Interessen zweifellos einer der inspirierenden Philosophen der Gegenwart, von dem so viele Lebenskunst-Philosophen heute “zehren”. Unser Religionsphilosophische Salon wird besonders der Frage nachgehen, die Foucault von Anfang an bewegte: “Was ist normal ?”

Lesen Sie bitte den ausführlichen Beitrag zu Foucault, klicken Sie hier.

Carl Sonnenschein: Ein Christentum speziell für Berlin.

Ein Christentum speziell für Berlin: Erinnerungen an Dr. Carl Sonnenschein.

Einige Freundinnen und Freunde haben mich gefragt, wo denn mein damals viel beachteter Beitrag über den Priester im Berlin der gar nicht für alle so “goldenen zwanziger Jahre” verblieben ist: Es handelt sich um Dr. Carl Sonnenschein! Erschienen ist der Beitrag 1979 in der angesehenen Jesuitenzeitschrift ORIENTIERUNG, Zürich 1979;  nachzulesen über das immer noch lebendige Archiv dieser leider inzwischen eingestellten kritischen theologischen Zeitschrift:

http://www.orientierung.ch/pdf/1979/JG%2043_HEFT%2002_DATUM%2019790131.PDF       dort die Seiten 24 ff.

Ich habe 1979 als einer der ersten wieder an den durchaus berühmten, duchaus einmaligen Priester und Theologen im Berlin der zwanziger Jahre erinnert, natürlich immer vor dem Hintergrund einer auch 1979 langweilig-dogmatisch-erstarrten katholischen Kirche in Berlin. Ist heute, 2016, vieles besser? Das sollte soziologisch und religionswissenschaftlich untersucht werden; die Gemeinden werden “zusammengelegt”, die Erreichbarkeit der Pfarrer (sind sie Seelsorger? ) nimmt ab. Katholische Theologie spielt auch heute in Berlin, der “boomenden Wissenschaftsstadt” und der “Metropole der start-ups”, eine äußerst minimale Rolle, und das wirdwohl auch offiziell so gewünscht. Es gibt eine Ausbildungsstätte für die ultrakonservativen neokatechumenalen Priester, aber diese klerikale Ausbildungsstätte in Biesdorf ist abgeschlossen von der Öffentlichkeit, wie ein Gefängnis? Muss man sich wegen des theologischen Niveaus dort verstecken? Vielleicht.

Carl Sonnenschein hat es immerhin geschafft, eine große Bibliothek zu Religion und Theologie, einen Lesesaal, einzurichten, natürlich in Berlin-Mitte, nahe der Friedrichstraße. Auf diese Idee kommt heute offenbar niemand mehr. Eine öffentliche theologische-religionswissenschaftliche, natürlich international orientierte Bibliothek gibt es nicht. Die Milliarden-reiche Kirche Deutschlands hat ja kein Geld. Sonnenschein hat zudem eine “Berlin-Spiritualität” entwickelt, siehe sein “Berliner Vaterunser”. Wo wird dieses Beispiel einer Berliner Spiritualität heute noch gelesen, gesprochen und neu formuliert?

Leider auch dies: Der Innenhof der Kirche, die eigentlich an ihn erinnern soll, die Carl Borromäus Kirche im nicht so ganz armen Stadtteil Grunewald, lässt den Innenhof ihrer Kirche explizit zu Ehren Carl Sonnenscheins seit Jahren ziemlich ungepflegt verkommen; der Sonnenschein-Gedenkstein dort ist seit Jahren verfallen, die Inschriften sind nicht mehr lesbar. Eine Blamage selbst für diese bettelarmen Katholiken in Grunewald. Aber dafür werden auf das schöne Gartengrundstück der Grunewalder Sonnenschein-Gemeinde arme Kinder und Flüchtlinge aus Neukölln und Wedding im Sommer zur Erholung eingeladen, habe ich gehört. Das entspricht ja dem Geist des Mannes, dem die Kirche in Grunewald gewidmet ist. Oder habe ich da etwas Utopisches gehört? In einer “Gedenkkirche” (Carl-Sonnenschein-Gedächtniskirche Grunewald) wird man wohl noch denken dürfen, denken auch in Form von Utopien…, in Bildern, dass wenigstens die christlichen Gemeinden in einer und derselben Stadt Berlin die Grenzen der Klassenbindung, die ungerechte Verteilung von Armut und Reichtum, überwinden.

copyright: christian modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Rave war meine Idee“. Jean-Michel Jarre über die Geschichte der elektronischen Musik. Ein Hinweis auf einen wichtigen Beitrag in: dasfilter.com

Jean Michel Jarre ist sicher einer der wichtigsten Komponisten heute. Die Website dasfilter.com  hat kürzlich ein ausführliches Interview mit Jarre veröffentlicht, protokolliert von den beiden Redakteuren Thaddeus HerrmannJi-Hun Kim.

Wir dokumentieren zwei Stellungnahmen Jarres, die vielleicht gerade im philosophischen Zusammenhang von Interesse sind und verweisen zur weiteren Lektüre auf http://dasfilter.com   Um das Interview in voller Länge zu lesen, klicken Sie bitte hier.

Die beiden hier ausgewählten Zitate von Jean Michel Jarre:

“Für mich hatte der Erstkontakt mit elektronischer Musik eine große emotionale Wirkung: Man muss sich das wie mit abstrakter Malerei vorstellen. Ich habe mich damals sehr intensiv mit abstrakter Kunst beschäftigt und dachte sogar daran, eine Karriere als Maler einzuschlagen. Ich mochte das Nonfigurative wie bei Jackson Pollock und Pierre Soulages. Mit 14 war ich auf einer Ausstellung der beiden in Paris. Das hat mein Leben nachhaltig verändert und beeinflusst. Wenn also Pierre Schaeffer von der Musique Concrète sprach, davon, Musik in einem organisch-sinnlichen Sinn zu mischen und zu schaffen, denke ich, dass er es analog zur abstrakten Malerei verstand. Vielleicht hätte man abstrakte Malerei besser konkrete Malerei, „Peinture concrète“ nennen sollen. Man arbeitet mit den Händen wie ein Koch. Während klassische Musik viel konzeptueller ist und ein klassischer Maler versucht, die Welt um sich herum zu visualisieren, setzt sich abstrakte Kunst und später auch Medienkunst mit Texturen, Farben und Pixeln im Allgemeinen auseinander. Und bei elektronischer Musik geht es um Wellenformen, Frequenzen und ebenfalls um Texturen. Ich finde beide Ansätze sehr ähnlich”.

“Ich mag Raves. Vielleicht habe ich sie sogar erfunden. Und die letzten Jahre über dachte ich mir: Endlich haben es die Leute verstanden, worum es geht. Einen Ort zu kidnappen und für eine Nacht eine ganz andere Umgebung zu schaffen. Früher hatte man die Wahl zwischen Theaterbühnen für klassische Musik, Jazzclubs und Rockclubs, wo es schon eine gute Akustik für verstärkte Musik gab, und schließlich großen Mehrzweckhallen, wo am Montag ein Kongress stattfindet, Donnerstag eine BMW-Mitgliederversammlung, Freitag ein Boxkampf und Samstag ein Konzert. Diese Arenen klangen schon immer schlecht. Elektronische Musik ist für mich immer„out of space“. Ich wollte schon von Beginn an Kontrolle über den Klang und die Größe des Aufführungsortes haben. Also habe ich mit unterschiedlichen Venues experimentiert. Damals war das noch Neuland. Heute sind Rockkonzerte durchformatiert und im Prinzip nichts anderes als klassische Konzerte für meine Elterngeneration. Es gibt viele Codes. In der elektronischen Musik gibt es die noch nicht”.

 

Copyright:dasfilter.com

Satt und übersättigt. 48 Stunden Neukölln. Ein philosophischer Salon in der “Sinnesfreude”

SATT ist das Thema des bekannten Kunst-Festivals “48 Stunden Neukölln 2016”. Der religionsphilosophische Salon Berlin ist am FREITAG, den 24. JUNI 2016, ab 19 Uhr wieder einmal von der Weinhandlung Sinnesfreude (Leitung: Wolfgang Baumeister) eingeladen, mit ihm und einigen seiner Gäste zusammen einen philosophischen Abend zu gestalten… und den dort immer wertvollen Wein zu probieren.

Natürlich geht auch unser Gespräch um das Thema SATTsein und Übersättigung und Hunger. Das Motto hat natürlich auch im materiellen (auch medizinischen) und politischen Sinne  seine Bedeutung. Aber es hat auch eine philosophische Dimension: Sind wir (in Europa) von Informationen bereits übersättigt? Können wir noch die Informationen auswählen, die ein selbstbestimmtes Leben und den Aufbau einer gerechteren Welt fördern? Sind wir wie so viele Hungrige im gastronomischen Bereich nur noch an die üblichen fast-food-Speisen gewöhnt? Also Talkshows, Schlagzeilen, Propaganda-Sprüche und versteckte Werbung? Wissen wir eigentlich noch, was gut – auch im geistigen Sinne – schmeckt, guttut, bekömmlich und schön ist? Was heißt eigentlich Diät im Sinne einer Philosophie der Lebenskunst? Was wäre Fasten im philosophischen Sinne?

Zur Fülle des Wissens, mit der die Menschen heute ihren intellektuellen Hunger befriedigen können: “Die Informationsexplosion hält unvermindert an (was nicht unbedingt heißt, dass auch das Wissen explodiert). Digitale Daten werden heute in Gigabytes, Terabytes,  Petabytes und Exabytes (Trillion Bytes) gemessen… Kein Wunder, dass Rufe nach einem `Wissensmanagement`laut werden”, so Peter Burke, in “Die Explosion des Wissens” , Berlin 2014, Seite 316. Peter Burke spricht von einer “Mcdonaldisierung des Wissens” oder kurz “McKnowledge”, gekennzeichnet durch Massenprodktion, Effizienzsteigerung durch Messung, Standardisierung, Ersetzung der Menschen durch Maschinen…

Ein philosophischer Salon im Weinladen könnte – nun schon zum 3. Mal – wieder spannend werden, und bei maßvollem Genuss des guten Weines dort sowieso inspirierend sein. Zumal noch die Arbeiten der Malerin Hannah Bischof in der “Sinnesfreude” zu sehen sind!

Weinhandlung Sinnesfreude in Neukölln, Jonasstr.32, Tel. 030 629 00 323 . Dicht am U Bahnhof Leinestraße. Beginn 19 Uhr. Teilnahmegebühr incl. eines Gläschens Wein: 5 EURO.

Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Informationen zum Kunstfestival: http://www.48-stunden-neukoelln.de/

 

 

Theologie der Befreiung: Neue Erkenntnisse zur Option für die Armen, zur Rolle des Hilfswerkes ADVENIAT usw. .

Neues zur lateinamerikanischen Theologie der Befreiung

Hinweise von Christian Modehn am 9.5.2016 anlässlich eines Buches von Kardinal Aloisio Lorscheider, Brasilien.

Theologen und Bischöfe, vor allem aus der katholischen Kirche, neigen bekanntermaßen dazu, ehrlich und ungeschützt erst dann bestimmte Wahrheiten auszusprechen, wenn sie pensioniert sind und im Ruhestand leben, zurückgezogen von allen offiziellen Ämtern. Also außerhalb der Schusslinie der römischen Glaubenskongregation leben…

Kardinal Aloisio Lorscheider aus dem Franziskaner-Orden hatte höchste amtliche Funktionen inne: Er nahm am 2. Vatikanischen Konzil teil, war Generalsekretär und Vorsitzender der bedeutenden brasilianischen Bischofskonferenz (bis 1978) und Vorsitzender der gesamt-lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM von 1976 bis 1979; er führte 1979 den Vorsitz der Generalversammlung in Puebla, Mexiko, und nahm auch an der späteren CELAM- Konferenz in Santo Domingo teil. Er war Theologiedozent in Rom, seit 1973 Erzbischof von Fortaleza, danach in Aparecida. 2004 wurde sein altersbedingter Rücktritt vom Papst angenommen. Er ist sozusagen ein Top-Kenner der kirchlichen Verhältnisse in Lateinamerika. Er ist schon und gerade als Bischof immer ein Freund der Befreiungstheologie gewesen, er lobte und unterstützte die Basisgemeinden. Einen solchen aufrechten, immer selbstkritischen, bescheiden lebenden lateinamerikanischen Bischof findet man nicht so oft…

Kurz vor seinem Tod im Jahr 2007 (geboren wurde Aloisio Lorscheider 1924 in Südbrasilien) gab der pensionierte Erzbischof noch 2006 ein längeres Interview für eine Gruppe von Christen in Fortaleza. Dieses wichtige theologische Zeugnis ist jetzt, 9 Jahre nach der brasilianischen Veröffentlichung, auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Lasst euer Licht leuchten“. Der Untertitel ist schon treffender bzw. provozierender und weniger lyrisch: „Rückblicke in die Zukunft der Kirche“. Erschienen in der edition ITP-Kompasse, Münster. Das Buch hat 184 Seiten, es wurde von Conrad Berning übersetzt. Es enthält auch wichtige kurze Stellungnahmen kompetenter Befreiungstheologen und Freunde des Kardinals.

Das Interview selbst ist in meiner Sicht sehr inspirierend, weiterführend, weil da von einem Insider in aller Deutlichkeit druchaus neue Fakten zur Theologie der Befreiung genannt werden, die sicher das weitere Interpretieren dieser nach wie vor lebendigen Theologie (obwohl von Rom oft genug kaputt geredet) bestimmen sollte.

Ich nenne in aller Kürze nur einige Tatsachen, die Kardinal Lorscheider in dem Buch mitteilt:

Zu seinem Umgang mit Basisgemeinden in Fortaleza, Nordostbrasilien: „Ich höre dort einfach nur hin. So gestaltet sich heute der Weg der Kirche. Dieses Miteinander ist uns abhanden gekommen“ (S. 28).

„Bischöfe und Priester müssten sich in der historisch-kritischen Methode der Bibelinterpretation weiterbilden. Dies geschieht in der Tat jedoch nicht“. (S. 42).

Rom will keine Diskussion zum Zölibat:
„Als ich als einer der Präsidenten des CELAM nach Puebla zur Generalversammlung der Bischöfe fuhr, erhielten wir die Order, nicht über den Zölibat zu diskutieren und über die Frage, ob die Theologie mehr spekulativen oder mehr einen praktischen Charakter besäße. Trotzdem sprach Bischof Hypólito aus Nova Iguacu das Problem des Zölibates in Puebla an“ (S. 46).

„Tatsache ist, dass wir 20 Jahrhunderte lang keine Frauen im Priesteramt hatten. Aber auch wenn es das in zwanzig Jahrhunderten nicht gab, ist es kein Grund, dass es heute nicht anders werden könnte“ (S. 49).

Zur Wahl des polnischen Kardinals Wojtyla zum Papst 1978: „Die Deutschen (Kardinäle) hatten dabei großen Einfluss. Auch wegen der damaligen Sorge um den Marxismus. Innerhalb Europas galt Karol Wojtyla als eine der Koryphäen im Kampf gegen den Marxismus….Es gab im Konklave eine gewisse fundamentalistische Tendenz. Man wollte Sicherheiten… Der Vorgänger, Papst Paul VI., wurde von einigen als ambivalent gesehen, weil er nicht genau wisse, was er wolle“ (S. 57). Überhaupt müsste man weiter untersuchen, wie die panische Angst des Klerus vor “dem” Sozialismus seit Pius XII. allbestimmend wurde, bis hin zur Rücksichtnahme gegenüber dem Faschismus (als dem angeblich gerungeren Übel). Diese panische Angst vor dem (angeblich atheistischen) Sozialismus bestimmte den Umgang mit Befreiungstheologen, diese Haltung war sicher auch von den Mächtigen in den USA erwünscht, siehe die Beziehungen Reagan-Papst Johannes Paul II. Leider wird das Thema in dem Buch nicht vertieft.

Der Beitrag des belgischen, in Brasilien lebenden Theologen José Comblin unterbricht das Interview mit Lorscheider. Comblin schreibt, dass Kardinal Lorscheider als Celam Chef den reaktionären kolumbianischen Generalsekretär des CELAM Bischof Lopez Trujillo „ertragen“ musste. „Lorscheider allein weiß, wie viele Demütigungen er von Trujillo hinnehmen musste und zu ertragen hatte“ (S. 59). Auch das gehört dazu: Lorscheider spricht in dem Buch davon, dass er seit langer Zeit schon schwer herzkrank ist: „Ich habe vier Bypässe und einen Herzschrittmacher“ (S. 31). Darf man vermuten, dass u.a. der Umgang mit reaktionären Kirchenfürsten wie Lopez Trujillo krank machen kann?

Ich meine: Lopez Trujillo, dem Opus Dei sehr nahe stehend und in etliche nie geklärte Finanzgeschäfte mit dem CIA und den Drogenbossen verwickelt, wurde durch römische Protektion dann sogar Chef des CELAM (1979-1983) und später Chef der obersten päpstlichen Familienbehörde im Vatikan. Dort verbreitete er viel Merkwürdig-Dummes, etwa, dass Kondome Löcher enthielten, deswegen kämen Kondome als Schutz gegen AIDS überhaupt nicht in Frage. Solch ein Mann war Chef des päpstlichen „Familienministeriums…“   Sein schädlicher Einfluss kann kaum überschätzt werden, dazu sollten endlich religionswissenschaftlich-politologische Studien über Herrn Lopez Trujillo verfasst werden, Theologen sind für diese Studien zu befangen und eben kirchen-abhängig….

Zurück zum Interview mit Kardinal Lorscheider: „Wir Bischöfe müssen auch Ankläger ungerechter Strukturen sein, nicht nur Verkünder der frohen Botschaft“ (S. 66).

Besonders wichtig sind die Hinweise Lorscheiders zur viel besprochenen Option für die Armen, die sozusagen ein Motto ist in weiten Kreisen der lateinamerikanischen Kirche: Die Frage wird gestellt: „Sie meinen also, diese Option sei weniger pastoral und evangeliengemäß als vielmehr strategisch-politisch motiviert?“ Die Antwort von Kardinal Lorscheider: „Ja, das glaube ich. Diese Option war mehr strategisch-politisch innerhalb des damaligen politischen Kontextes“ (S. 68). Zuvor weist Lorscheider auf die in kirchlichen Kreisen starke Angst vor dem Kommunismus und dem Marxismus hin. Mit der kirchlichen Option für die Armen wollte die Kirche also Marxismus und Kommunismus schwächen. Dass in den Evangelien die Armen selig gepriesen werden, war den Bischöfen also aus strategischen Gründen erst mal nicht so wichtig.

Interessant sind die Hinweise von Kardinal Lorscheider zum katholischen Hilfswerk ADVENIAT (auf Seite 69).

Es wurde ja immer von Adveniat heftig und polemisch bestritten, dass unter dem damaligen ADVENIAT Chef, Bischof bzw. dann Kardinal Franz Hengsbach aus Essen, (zudem dem Opus Dei nahe stehend, Ehrendoktor der Opus die Uni Navarrra in Pamplona, er erhielt auch einen Preis von Diktator Banzer in Bolivien usw.) eine entschiedene und finanzstarke Institution GEGEN die Befreiungstheologie gearbeitet hat. Also aus Spendengeldern der braven deutschen Katholiken finanziert. P.S.: Ich selbst habe als Journalist, Mitarbeiter im WDR Fernsehen,  die Wut von ADVENIAT Leuten zu spüren bekommen, als ich in einem Bericht dies nachwies (durch ein Interview mit dem damaligen Weihbischof und Opus Dei Mann Karl Josef Romer, Rio de Janeiro). Solche berufsschädigenden Attacken von Adveniat wurden selbstverständlich nie zurückgenommen, niemand hat sich für diese blödsinnige Kritik, durch KNA obendrein treu verbreitet, bei mir entschuldigt…

Nun also sagt einer, der es wissen muss, nämlich Kardinal Lorscheider: „Wir wussten, dass von Deutschland aus, vor allem von ADVENIAT, Druck gegen die Befreiungstheologie aufgebaut wurde. Das ging sogar so weit, dass der Erzbischof und spätere Kardinal Hengsbach aus Essen, dem Sitz Adveniats, eine ganze Studienreihe mit diversen Büchern und Publikationen gegen die Befreiungstheologie organisierte. Einige Bischöfe Lateinamerikas standen auf seiner Seite. Es gab dann in Deutschland eine REGELRECHTE VERSCHWÖRUNGSWELLE, ausgehend von der Gruppe um Hengsbach. Sie verfügten über viel Geld…“ Eines der anti-befreiungstheologischen Büchern von Hengsbach trägt den Titel: “Utopie der Befreiung”, Mitherausgeber ist der oben genannte Bischof Lopez Trujillo…

Die 4. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischof 1992 in Santo Domingo nennt Erzbischof Lorscheider – als Teilnehmer dort – „einen Reinfall“, “weil Rom begann, massiv zu dominieren“ (S. 69). „Reinfall“ auch noch einmal auf Seite 71. „Ich habe mich dort (in Santo Domingo) geschämt, ich sehe noch einen Theologen in unserer Gruppe, der wusste gar nichts. So waren auch die anderen, alle waren sehr schwach“ (71).

Was will Rom, d.h. der Vatikan eigentlich in der gesamten Kirche und der Welt erreichen? „Das Hauptinteresse Roms ist immer, die Kirche zu verteidigen“ (S. 70)

Welche Gruppen und Klassen spricht die Kirche heute noch an? „Es gibt viele in der Kirche, die fühlen sich am wohlsten in der High Society. Unsere Kirchgänger sind nicht die Armen“ (s. 72).

Kardinal Ratzinger hat in seinem zähen Kampf gegen die Befreiungstheologie immer den Begriff Heil (umfassend) gegen die Befreiung (nur politisch, wie er meint) ausgespielt. Dagegen betont Kardinal Lorscheider: „Aber wir wollen eine Befreiung, die zugleich Heil bedeutet, d.h. den Blick auf den Körper und die Seele richten. Wir wollen, dass es dem Menschen materiell gut geht und spirituell auch….Gnade zusammen mit menschlicher Leistung“ (S. 76).

Zur Theologie heute insgesamt: „Zur Zeit befinden wir uns theologisch in einem Stillstand. Unsere Theologen sind nicht müde, aber ziemlich verzweifelt und verängstigt“ (S. 78).

Mit einer philosophischen Weisheit sollen diese Hinweise beendet werden. Lorscheider sagt im Blick auf die Kirche und den Vatikan: „Das Sich-Hinterfragen ist eine der Voraussetzungen, um sich entwickeln zu können“ (S. 99).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Internationaler Tag der Museen: Sind die Kirchen schon Museen?

Sind die Kirchen schon Museen?

Eher zufällige, aber vielleicht gültige Impressionen in spanischen Städten

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am Sonntag, den 22. Mai 2016, wird wieder einmal weltweit, in Deutschland sicher mit besonderem Nachdruck, der Internationale Museumstag „gefeiert“, mit Führungen auch der besonderen Art: In Berlin werden – etwa im Deutschen Historischen Museum – auch Führungen in arabischer Sprache kostenlos angeboten, eine wichtige und schon gut „angenommene“ Initiative zugunsten der Flüchtlinge aus arabischen Ländern.

Der „Internationale Tag der Museen“ gibt natürlich auch allen religionsphilosophisch (und theologisch) Interessierten zu denken. Und es wäre sicher wert, mehrere kulturwissenschaftliche Studien zu verfassen, die sich mit der Frage befassen, auch durch repräsentative Umfragen: Was erleben und was sehen Besucher und Touristen, die Kirchen, Kathedralen, Klostergebäude usw. betreten und „besichtigen“, wie der treffende Ausdruck heißt.

Man sollte theologisch und religionsphilosophisch gesehen das offensichtliche Interesse, Kirchen zu betreten, im allgemeinen nicht pauschal schlecht machen. Vielleicht erleben die BesucherInnen, wenn sie etwa 10 Sekunden vor einer Pieta verweilen, ohne einmal zu „knipsen“, tatsächlich eine ultra-kurze Einsicht oder gar „Mini-Erleuchtung“.

Aber das „vielleicht“ muss wohl in dem Zusammenhang ganz dick unterstrichen werden.

Meine Beobachtungen im April 2016 in drei spanischen Metropolen, in Madrid, Cordoba und Malaga, sind gewiss nicht repräsentativ, dennoch können Sie eine gewisse Nachdenklichkeit wecken.

Es sind in den drei Stadtzentren ständig Touristen unterwegs, auf der Suche nach „Besichtigungs-Objekten“, die sich „lohnen“. Und da sind Kirchen nun einmal bevorzugte Gebäude. Ist es touristische Langeweile, die die Menschen in die Kirchen treibt? Wenn man denn mit den Öffnungszeiten Glück hat: In Spanien sind die katholischen Kirchen, nur um die geht es in Spanien, im Unterschied zu Frankreich, nicht durchgehend ganztägig geöffnet. Sondern von 13 bis 18 Uhr sind die alten spanischen Barock-Kirchen geschlossen. Die neuen, aus dem 20. Jahrhundert gibt es in den Vorstädten, die als Betonkirchen als nicht sehenswert gelten. Dorthin, wo die armen Menschen leben und die politische Realität zuhause ist, geht sowieso kein Tourist…

Wer sich in einer zentral gelegenen Kirche eine Stunde aufhält, etwa in San Sebastian im Zentrum von Madrid, erlebt: Die Leute laufen durch die Kirche, kreuz und quer, verweilen mal hier, mal dort, sie setzen sich auch nicht, bleiben nicht länger als 10 Sekunden irgendwo stehen, und sind nach einer Minute wieder auf der Straße. Auf den Gedanken, etliche Minuten still zu sitzen, kommen nach meinem Eindruck nur sehr wenige. Die meisten fühlen sich fremd in den Kirchen, so mein Eindruck. Etwas länger dauert der Aufenthalt, so meine Beobachtung, wenn man sich in der genannten Madrider Sebastians Kirche plötzlich wundert über die riesige Statue eines hübschen jungen Muskel-Mannes, der als der heilige Sebastian über dem gesamten Hochaltar „thront“, möchte man sagen. Und der Besucher fragt sich, ob durch diese fast nackte Männergestalt (einige tödlich Pfeile durchbohren seinen wohlgeformten Leib) damals mehr die frommen Frauen oder die sich notgedrungen versteckenden Schwulen religiös „bedient“ werden sollten. Ein anderes Gemälde, das die Heilige Anna zeigt mit Maria und dem Kind, erläuterte eine Frau ihrem Sohn als “Trinität”, Dreifaltigkeit.

Ähnliche Beobachtungen auch in Malaga, dort wird für die Kathedrale eine Eintrittsgebühr verlangt, genauso wie in der Kathedrale von Cordoba, die früher als Moschee genutzt wurde, also eigentlich „mezquita-catedral“ heißen müsste. Aber der Bischof dort will nicht, dass der Titel Moschee den Namen Kathedrale in den Schatten stellt, um es mal milde zu sagen. Die Kirche wird jedenfalls reich durch Eintrittsgebühren. Aber sie wird immer mehr geistig arm, weil durch diese Gebühren tatsächlich der Charakter des Museums unterstrichen wird: Für ein wertvolles altes Gemäuer muss man halt Eindruck zahlen, denken die Touristen. Was sich in einer Kirche zeigt, ist eben museal, wie ein el Greco Gemälde oder ein berühmter Goya. Das heißt: Die Kirche fördert geradezu den Gedanken: Lieber Tourist, wenn du die Kathedrale besuchst und ein bisschen knipst, dann bist du in einem Museum. Alles, was du siehst, ist vergangen, irgendwie wertvoll, aber so „hochaktuell“ wie ein Velazquez Gemälde. Das heißt: Die Kirche macht sich damit selbst zu einer musealen Anstalt, was ja so falsch nicht ist, wenn man die ewig selben Riten und die ewig selben alten Gebete und alten Floskeln hört, die eben seit Jahrtausenden in der Messe verwendet werden. Und die Gewänder, die Mitren, usw, all das unterstreicht den fatalen Eindruck: Religion und Bibel sind antik, sind von früher, passé, eben Museum.

Verweilen, stillewerden, meditieren, ja auch das: beten, ist völlig aus dem Blick geraten bei denen, die knipsend eine Kirche betreten. Sie haben schlicht keine Kenntnis der dargestellten Heiligen und Madonnen. Und sie sehen immer wieder einen Gekreuzigten, einen Blutenden, einen Gemarterten, diese Inflation der Kreuzesdarstellungen hat auch noch niemand besprochen: Da wird doch der Eindruck geweckt, Gott will Blut, Gott will Leiden, will Qual, selbst bei seinem Sohn. Von solch einem überall in den Barockkirchen propagierten Gottesbild (ER ist immer bärtig!) wenden sich die Menschen ab. Das ist nicht falsch. Aber ein neues Gottesbild, durchaus im Plural, kann bei diesen Ultra-Kurz-Aufenthalten nicht entstehen.

Die Summe: Die Kirche wird allein durch die Übermacht uralter Gebäude und alter Kunstwerke gerade in den fast ausschließlich einst katholisch geprägten Kulturen selbst immer mehr zum Museum. Und in Deutschland ist oft das Paradox zu beobachten: Es handelt sich um verschlossene und verriegelte Museen. Man schaue sich nur die vielen jungen Menschen an, die sich auf den Stufen vor den zugesperrten Kirchen aufhalten, dort in Gruppen sitzen, debattieren, Bier trinken, schlafen. Ich beobachte das etwa am Winterfeldt-Platz in Schöneberg (St. Matthias) oder an der alten St. Michaels Kirche am Engelbecken in Kreuzberg. Dieses Geschehen bewegt aber niemanden in der Kirchenbürokratie. Oder es suchen die vielen ärmeren, älteren Menschen Einlass in die verschlossenen Kirchen, die froh wären in einer Kirche (im Winter eher wärmend, im Sommer abkühlend) endlich einmal ohne Konsumzwang, ohne Eintrittsgebühr, in einem Raum der Öffentlichkeit auszuruhen und zu verweilen. So aber sind die Kirchen hierzulande verschlossene Museen, nur darauf bedacht, “unbefleckt” sauber zu bleiben, Schmutz durch Besucher zu vermeiden.Und sie haben auch keine Mitglieder mehr, die die Kirchen täglich ein paar Stunden offenhalten und mögliche Diebe abwehren können…Aber wer klaut schon im Ernst ein Gemälde von Pater Pio oder eine kitschige Fatima-Madonna?

So sind die zahllosen verschlossenen Kirchen hierzulande zugleich Ausdruck der personellen Schwundstufen der Kirchen, die viele Milliarden Kirchensteuern jährlich einnehmen, aber nicht in der Lage sind, ihre zentralen Gebäude, diese  Kirchen-Museen, diese Orte des Protestes gegen den totalen Kommerz, offenzuhalten und dort zum Gespräch, zur Meditation, zur Stille, ja auch: zum Gebet, einzuladen oder dieses vielleicht nachvollziehbar von Theologen erklären zu lassen. Wenn die meisten evangelischen Kirchen verschlossen bleiben und als monumentale Gebäude nur für eine Stunde, sonntags um 10, öffnen, vielleicht für 25 Gottesdienstbesucher, wie in Berlin so oft, dann ist das schlicht ein Skandal: Ein Skandal deswegen, weil man die Kritik der Reformatoren aus dem 16. Jahrhundert an den damals offenen katholischen Kirchen unbesehen fortführt, die Reformatoren meinten, damals würden in diesen katholischen Kirchen Exzesse der Heiligenverehrung geschehen usw. Diese Zeiten sind vorbei, trotzdem bleiben die meisten evangelischen Kirchen verschlossen; in Schleswig-Holstein habe ich anderes erlebt, es geht also. Das Merkwürdige ist: Über diese Themen findet keine öffentliche, auch keine halb-öffentliche, d.h. kirchliche Debatte mehr statt. So sind die verschlossenen Kirchen bester Ausdruck für die Verschlossenheit und Ferne der Kirchen und ihrer Dogmen, Moral, heute… Oder nicht?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

http://www.museumstag.de/museumstag/ueberuns/

 

Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Pfingsten 2016: Wie der heilige Geist heute zu politischer Kritik ermuntert

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum “Fest des Geistes” sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen  gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in den aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere; sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden. Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein im Umrissen sichtbare neue Welt ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden. In der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten, hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: “Das Elend der Welt”, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns “die Welt des Elends”, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grundstürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen,nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher;  sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: eher nicht, es ist zu spät. Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text “Veni creator spiritus” formulierte: “Komm heiliger Geist…” Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

Der Islam in Spanien heute. Ein aktueller Buchhinweis

Islam in Spanien heute: Ein neues Buch von Ignacio Cembrero

Hinweise von Christian Modehn. Siehe auch den Beitrag über die Mezquita, die “Moschee-Kathedrale” in Cordoba, klicken Sie hier.

Spanien: Das Land, in dem einige Jahrhunderte (von 711 bis 1492) Muslime, Christen und auch Juden halbwegs friedlich unter muslimischer Herrschaft zusammenlebten, bis die katholische „Rückeroberung“ definitiv erfolgreich war. Spanien: Das Land also mit etlichen Jahrzehnten durchaus auch multi-kultureller (und philosophischer !) Blüte unter islamischer Herrschaft („al andalus“). Das Land, das nur wenige Kilometer von der islamischen Welt (Marokko) entfernt ist; das Land, das zwei kleine Enklaven auf marokkanischem Boden besitzt, Melilla und Ceuta; Spanien, das Land, in dem es am 11. März 2004 („11-M“ als Symbol in Spanien) ein schreckliches islamistisches Attentat am Hauptbahnhof Atocha, Madrid, gab; das Land, in dem heute 2 Millionen Muslime leben (etwa 4 Prozent der Bevölkerung): Dieses nicht mehr nur katholische Land ist nicht nur von zunehmender Kirchendistanz und vom Atheismus geprägt, sondern eben auch vom Islam, diese Tatsache ist hierzulande relativ unbekannt. „Das Niveau der Islamophobie ist in der spanischen Gesellschaft eher schwach und die radikalen antiislamischen Parteien sind irrelevant“, sagt der Cembrero in seinem Buch, (S.18). Lediglich in Katalonien spielt die rechtsextreme Partei PxC („Plataforma per Catalunya“) eine gewisse Rolle auf lokaler Ebene (S. 97 und 99).

Allen, die Spanisch lesen können, empfehle ich das neue Buch des Journalisten und Islam-Spezialisten Ignacio Cembrero. „La Espana de Alà“, erschienen im April 2016 im Verlag „La esfera de los libros“, Madrid, 389 Seiten, 21,90 Euro. Ignacio Cembrero ist Journalist, hat in Paris Politikwissenschaften studiert, für „El Pais“ und „El Mundo“ gearbeitet, er wurde für seine Studien und Veröffentlichungen mehrfach ausgezeichnet.

Aus der Fülle der Informationen, die dieses im Reportage-Recherche-Stil geschriebene Buch enthält, nur einige Hinweise: Bei einer Pressekonferenz am 24. April 2016 hat Ignacio Cembrero festgestellt: „Die Ankunft von Immigranten (aus der islamischen Welt) ist eher eine Chance als eine Bedrohung für Spanien. Sie bringt Dynamik ins Land und ist eine Art Anregung für das Land, das sie aufnimmt, aber ein Verlust für die Länder, aus denen die Immigranten kommen“. „Sie sind bei uns willkommen nicht aus altruistischen Gründen, sondern weil wir sie brauchen“, sagt Cembrero im Vorwort seines Buches (S. 17). Die islamische Bevölkerung in Spanien ist zahlenmäßig viel schwächer als in anderen europäischen Ländern, und auch die Anzahl der Konflikte mit dieser Bevölkerung ist im ganzen gesehen geringer als etwa in Frankreich oder Belgien, so der Autor. Den höchsten Anteil an islamischen Bürgern Spaniens haben die Enklaven Ceuta und Melilla.

Zum ersten Mal wird aber auch eine bislang geheim gehaltene Karte veröffentlicht, die das Innenministerium erarbeitet hat. Diese Karte dokumentiert die Regionen, in denen es Konflikte mit islamischen Bevölkerung gibt, da steht Barcelona und Katalonien an der Spitze.

Wenn es nun eine gewisse Radikalisierung der jungen islamischen Bevölkerung gibt: Dann sieht der Autor die Gründe in der Schwierigkeit, eine Identität zu finden: Diese jungen Leute fühlen sich weder als Spanier noch als Algerier oder Marokkaner. Was ihnen eine eigene, von anderen abgegrenzte Identität gibt, ist die muslimische Religion. Dabei ist der – auch finanzielle – Einfluss islamischer Staaten auf das religiöse Leben der Muslime in Spanien beachtlich, wobei die verschiedenen theologischen Schulen miteinander konkurrieren. 20.000 SpanierInnen (christlicher Herkunft) gelten als Konvertiten zum Islam. „Früher wären diese Leute bei der politischen Linken gelandet, aber heute sind es junge Menschen mit einem Leben ohne bestimmte Strukturen, die nun die islamische Religion förmlich umarmen (einige in der radikalen Form), um auf diese Weise die Globalisierung zu bekämpfen….“

Langsam stellt sich Spanien auch in seinen Hotels und Restaurants auf die muslimische Bevölkerung und die muslimischen Touristen ein (immerhin ca. 2,6Milionen jährlich, S: 329); so gibt es etwa zwei HALAL Hotels (S. 320) und Imbisse (Burger King), die die Halal- Gesetze respektieren. (S.25).

Interessant sind auch die Hinweise, die der Autor zu Melilla und Ceuta bietet, dort sind mehr als die Hälfte der Bürger (also Spanier) islamischen Glaubens. Das Zusammenleben dort ist im ganzen von Respekt und Toleranz geprägt. Muslime haben dort ihre eigenen Parteien (S. 296), und bilden die zweitstärkste politische Kraft (als Opposition) noch vor den Sozialisten PSOE ( S. 296). Die (auch ökonomische) Zusammenarbeit mit Marokko ist alles andere als zufriedenstellend; die Abwehr von Flüchtlingen durch den monströsen Grenzzaun bekannt. „Die Wirtschaftsleistung in beiden Enklaven geht immer mehr zugrunde“ (S. 316). „Aber es werden von spanischer Seite keine hilfreichen Verhandlungen mit der EU geführt“, meint der Autor, um die Zukunft der Enklaven auch wirtschaftlich zu retten. „Die beiden Enklaven werden eines Tages ganz von der muslimischen Bevölkerung bestimmt sein, aber die beiden Städte könnten dann schon (wirtschaftlich) ruiniert sein“ (ebd.).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin