Der phantastische Jesus: Weihnachten bei den apokryphen Autoren

Der phantastische Jesus: Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Der Text einer Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn (RBB 2012)

In der frühen Kirche, bis ins 6. Jh., gab es eine leidenschaftliche und phantasievolle Begeisterung frommer Autoren, die Weihnachtsgeschichte nachzudichten. Das Manuskript dieser Ra­dio­sen­dung bietet dazu einige auch unterhaltsame Hinweise.

 

  1. SPR.: Berichterstatter
  2. SPR.: Zitator und Übersetzer
  3. SPRECHERIN: Zitate

21 O TÖNE

5 Musikal. Zuspielungen

 

1.musikal. Zusp., (Schaffrath, Adagio) bleibt frei 0 08“ stehen, dann leise im Hintergrund.

 

  1. O TON, Plisch, 0 13“.

Die Evangelien im Neuen Testament schweigen über Jesu Kindheit komplett. Matthäus und Lukas berichten zwar über die Geburt. Lukas hat dann noch eine Geschichte vom 12 jährigen Jesus im Tempel. Und damit hat es sich aber auch schon. Da gibt es also eine große Lücke.

 

1.musikal. Zusp., 0 04“ wieder freistehend

 

  1. O TON, Schröter, 0 18“

Man kann sehen, dass sehr bald das Bedürfnis entsteht, genau über diese Phase des Lebens Jesu, seine Geburt und seine Kindheit, mehr zu wissen. Und bereits im 2. Jahrhundert setzt das ein, was wir heute so apokryphe Überlieferung nennen, dass das eben legendarisch ausgemalt wird.

 

1.musikal. Zusp., 0 04“ wieder freistehend

 

  1. O TON, Kaiser, 0 15“

Als Kind ist er Gott, hat göttliche Kraft, Wunderkraft vor allem. Und ist aber zugleich eben dieses Kind, was damit noch nicht so ganz vernünftig umgehen kann, gerade, was eben diese Emotionalität angeht. Und dann werden Geschichten erzählt, die ganz typisch sind für Kinder.

 

  1. musikal. Zusp., leise im Hintergrund, bei „Eine Sendung von… „ausblenden, um dann in die 2. Musik schon einzublenden.

 

Titelsprecherin:

Der phantastische Jesus

Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Eine Sendung von Christian Modehn

 

 

  1. Musikal. Zuspielung, ca. 0 08“ freistehend, Gesang steht frei: „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär“…freistehend, dann leise im Hintergrund.

 

  1. SPR.:

Unbekannte Erzählungen und wohltuende Geschichten, eben eine gute, neue Mär bringt der Engel den Menschen zum Weihnachtsfest. Martin Luther will mit seinem Lied andeuten: Die Evangelisten Lukas und Matthäus melden nicht objektive oder gar historisch überprüfbare Nachrichten. Darin sind sich heute inzwischen die allermeisten Bibelwissenschaftler einig, betont der Berliner Theologe Jens Schröter:

 

  1. O TON, 0 57“, Prof. Schröter

Zusammenfassend könnte man von diesen Geschichten, die wir im Neuen Testament haben, sagen, dass da gewisse Aspekte legendarischer Erzählungen aufgenommen werden und die zur Grundlage einer bestimmten Erzählung vom Leben Jesu gemacht werden. Das sind mit Sicherheit keine historischen Dokumente, also historisch kann man über die Geburt Jesu fast nichts wissen, also dass die Mutter Maria hieß und der Vater Josef, das ist historisch wahrscheinlich,

aber wo das passiert ist, das ist nicht sicher. Ansonsten: Über die näheren Umstände der Geburt und der Jugend Jesu kann man historisch praktisch nichts wissen.

 

  1. musikal. Zuspielung, Jordi Saval, bleibt ca. 0 09“ freistehen, dann leise runterlegen:

 

  1. SPR.:

Die frühe Christenheit wollte ihrer frommen Phantasie keine Grenzen setzen. Den Gläubigen erschienen die knappen Hinweise der Evangelisten Matthäus und Lukas zur Geburt Jesu viel zu dürftig, um nicht zu sagen: armselig: Wenn schon ein Gottessohn geboren wird, dann müssen alle Möglichkeiten von Poesie und Imagination zur Entfaltung kommen. Darum wurden schon im 2. Jahrhundert in allen Ländern und allen Sprachen der damaligen Welt Texte geschrieben, die dann apokryphe, geheime Evangelien genannt wurden. Sie schildern mit vielen Details auch die Geburt und Kindheit Jesu. Die theologisch gebildeten Bischöfe hielten nicht viel von diesen wundersamen Geschichten; aber sie konnten die Begeisterung des einfachen Volkes nicht bremsen: Endlich kam die Neugier auf ihre Kosten, und es war es ein Vergnügen, von Jesus und seiner Familie zu lesen. Ein Lieblingsautor war ein gewisser Jacobus aus Ägypten: Er berichtet, dass Unvorstellbares auf Erden geschieht und eine neue Zeit anbricht: Gott selbst wird auf Erden geboren! Jacobus lebte in Ägypten im 2. Jahrhundert, als er seine Erzählung schrieb. Sie wurde nach griechischem Vorbild das „Prot“ – Evangelium, also das „erste Evangelium“ nach Jacobus, genannt.

 

  1. Musikal. Zuspielung, noch mal 0 04“ freistehend.

 

  1. SPR.:

Maria, die schwangere Jungfrau und Josef, der besorgte Pflegevater, sind unterwegs nach Bethlehem zur Volkszählung. Schon vor den Toren der Stadt, berichtet Jacobus, setzen bei Maria die Wehen ein. Josef, der hoch betagte Zimmermann, ist völlig fassungslos; hilflos irrt er umher, findet aber durch Zufall eine Hebamme. Zusammen eilen sie zu Maria. Sie hat sich in eine bergende Höhle zurückgezogen. Im apokryphen Text „Protevangelium“ heißt es dann:

 

  1. SPR.:

Als Josef und die Hebamme zu Maria kamen, bedeckte eine dunkle Wolke die Höhle. Die Hebamme aber sprach: Erhoben ist meine Seele, heute, da meine Augen Wunderbares geschaut haben, heute, da für Israel das Heil geboren ist. Und in diesem Moment verzog sich die Wolke von der Höhle und es zeigte sich dort ein großes Licht, so dass es für die Augen nicht zu ertragen war. Kurz darauf verlor sich aber dieses Licht, und das Neugeborene war zu sehen. Es kam und nahm die Brust von seiner Mutter Maria.

 

1.SPR.:

Die Geburt eines Gottessohnes entzieht sich menschlichen Blicken. Undurchdringlich sind die geheimnisvollen dunklen Wolken, unter denen Gott sein Wunder wirkt: Eine Frau bringt ihr Kind zur Welt und bleibt dabei auch biologisch gesehen eine Jungfrau. Die Hebamme ist von dieser einmaligen Geburt Jesu Christi so erschüttert, dass sie wie in einer Ekstase spricht:

 

  1. SPR:

Wie groß ist der heutige Tag für mich, da ich dieses wunderbare Schauspiel gesehen habe. Eine Jungfrau hat geboren, obwohl das doch ihre Natur nicht zulässt.

  1. SPR.:

Eine zweite Hebamme, Salome mit Namen, tritt hinzu; sie hält das Ganze für frommen Wahn. Sie fühlt sich betrogen und belogen und fordert fest entschlossen:

 

  1. SPR.:

Wenn ich nicht meinen Finger hineinlege und ihre geschlechtliche Eigenart untersuche, werde ich nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat.

 

1.SPR.:

Tatsächlich prüft Salome „die geschlechtliche Eigenart“, wie Jacobus so diskret schreibt: Aber ihre Zweifel werden schon bei der ersten Berührung bestraft: Ihre frevelhafte Hand fällt von ihr ab und wird wie von einem Feuer verzehrt… Für den frommen Autor Jacobus aber ist es selbstverständlich, dass Salome sogleich ihren Unglauben bereut … und – schon wieder ein Wunder – geheilt wird.

 

  1. musikal. Zusp., 0 06“ freistehen lassen.

 

  1. SPR::

Während in der Bibel lediglich von der göttlichen Zeugung Jesu in der Jungfrau Maria berichtet wird, gehen die Autoren der apokryphen Evangelien in ihrer frommen Phantasie viel weiter, betont die katholische Theologin Katharina Ceming:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 54“

Die Hebamme, die hier im Protevangelium des Jakobus auftaucht, hat letztendlich keine andere Funktion, als noch einmal zu bestätigen, dass die Geburt tatsächlich jungfräulich abgelaufen ist. Das ist ja etwas, was in der Antike ein sehr allgemein verbreiteter Gedanke war: Große Männer und bedeutende Menschen sind also in antiken Kulturen fast immer jungfräulich geboren worden, ob es die ägyptischen Pharaonen waren, von Alexander dem Große wird ähnliches berichtet, da hat man eben angeknüpft. Mitte des 2. Jahrhunderts sind von nicht christlicher Seite doch diverse Zweifel an der göttlichen Abstammung Jesu geäußert worden. Einer der klassischen Vorwürfe lautete immer wieder, dass Jesus das Kind eines römischen Soldaten sei, also ein illegitimes Kind, diesem Vorwurf musste man entgegen treten.

 

  1. SPR.:

Wenn Jesus Christus wie ein auf Erden wandelnder Gott verehrt wird, dann muss alles Menschliche fern bleiben, alles Sexuelle sowieso. Die offizielle kirchliche Lehre hat hingegen immer auch die Menschlichkeit Jesu betont und darum die Kompromissformel „Jesus ist Gott und Mensch zugleich“ gefunden. Aber das fromme christliche Volk schätzte diese Spitzfindigkeiten nicht sonderlich und hielt sich eher an die phantastischen apokryphen Geschichten:

 

  1. O TON, Schröter, 0 28“

Die haben sich in der Antike schon großer Beliebtheit erfreut, also gerade dieses so genannte Protevangelium des Jakobus ist in sehr viele Sprachen übersetzt worden, hat große Verbreitung gehabt.

 

  1. SPR.:

berichtet der Bibelwissenschaftler Jens Schröter. Und er weist auf das apokryphe Evangelium eines gewissen Matthäus aus dem Jahre 600 hin:

 

FORTSETZUNG 6. O TON:

Und dann gab es daneben immer noch so einzelne Episoden, wie zum Beispiel die Geschichte von der Flucht nach Ägypten, etwa, dass eine Palme sich neigt und dem Jesuskind und Maria seine Früchte gibt.

 

1.SPR.:

Zuvor hatte sich Maria, von dem langen Marsch durch die Wüste völlig erschöpft, bei Josef beklagt: Er solle doch endlich für Wasser sorgen! Aber der alte Mann weiß auch keinen Rat; er sieht nur die hohen, unbezwingbaren Palmen am Rande stehen. Was können die schon helfen? Aber der kleine göttliche Jesusknabe hat eine wunderbare Idee, erzählt der Autor Matthäus:

 

2.SPR.:

Da sagte das Jesuskind, das mit fröhlicher Miene auf dem Schoß seiner Mutter saß, zu der Palme: Neige dich, Baum, und erfreue meine Mutter mit deinen Früchten. Und sogleich neigte die Palme ihre Krone bis zu den Füßen Marias. Und man sammelte von ihr die Früchte, an denen sich alle gütlich taten…Dann sagte Jesus: Öffne unter deinen Wurzeln auch eine Wasserader, aus ihr sollen Wasser fließen, um unseren Durst zu stillen. Und sogleich begannen frische, ganz süße Wasserquellen zu sprudeln.

 

  1. SPR.:

Wer das göttliche Kind bewundert, möchte natürlich auch Genaueres von seiner Familie wissen. So lassen die Autoren der apokryphen Evangelien wiederum ihrer Phantasie alle Freiheit, wenn sie von ausführlich von Maria erzählen, wie etwa das „Protevangelium des Jacobus“, betont die Theologin Katharina Ceming:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 24“

Es ist die Geschichte von Maria! Und das hängt damit zusammen, dass in der frühchristlichen Tradition sehr bald die Frage nach der Gottesmutter aufgetaucht ist. Also wer war diese Frau, die Jesus geboren hat. Aus den Evangelien, die wir im Neuen Testament überliefert haben, ist uns relativ wenig bekannt von Maria. Das Bedürfnis der Gläubigen war aber, viel mehr über diese Frau zu erfahren.

 

  1. SPR.:

Und die Neugier wird umfassend befriedigt: Jacobus kann sogar die Namen von Marias Eltern nennen, als in gewisser Weise Oma und Opa von Jesus. So wird seine phantastische Geschichte noch glaubwürdiger:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 30“.

Anna und Joachim sind die Eltern Mariens. Das ist aus katholischer Sicht im volksreligiösen Bewusstsein bis heute immer noch sehr präsent. Wenn man natürlich die neutestamentlichen Schriften anguckt, stellt man fest: Über die Eltern von Maria steht da eigentlich gar nichts. Und ganz interessant ist, wenn man anschaut, wie Joachim und Anna hier gezeichnet werden, kann man sehr starke Parallelen zu anderen bedeutenden biblischen Paaren finden. (rausgehen)

 

  1. SPR.:

Anna, die Mutter Marias, alt und ergraut und zudem unfruchtbar, hat alle Hoffnungen auf ein eigenes Kind aufgegeben, so will es der fromme Autor Jacobus: Nur Gott selbst hat die Macht, in ihr ein Kind zu zeugen, und das geschieht tatsächlich:

 

  1. SPR.:

Und siehe, da trat ein Engel des Herrn zu Anna, er sprach: Anna, Anna, Gott der Herr hat deine Bitte um ein Kind erhört. Du wirst empfangen und gebären und deine Nachkommenschaft wird auf der ganzen Welt bekannt sein.

 

  1. SPR.:

So wird also auch Maria, die Mutter Jesu, bereits „unbefleckt empfangen“ und von einer Jungfrau geboren! Und das Kind entwickelt sich schnell zu einem ganz einmaligen Mädchen, schwärmt der Autor:

 

  1. SPR.:

Als Maria sechs Monate alt war, stellte es seine Mutter auf den Boden, um zu prüfen, ob es schon stehen könne. Und es machte sieben Schritte und kam bis zum Schoß seiner Mutter. Und seine Mutter hob es auf und sprach: So wahr Gott, der Herr, lebt: Du sollst nicht mehr auf diesem Boden laufen…Sie richtete ein Heiligtum in ihrem Schlafgemach ein und ließ nicht zu, dass Maria etwas Profanes und Unreines zu sich nähme.

 

  1. SPR.:

Im Alter von 2 Jahren wird Maria der Obhut der hohen Priester im Tempel übergeben: 10 Jahre später beschließen sie, ein reifer alter Mann sollte sich um sie kümmern, freilich ohne erotisch –sexuelle Neigungen, wie es ausdrücklich heißt. So rufen die Priester alle Witwer zusammen: Ein alter Herr wird durch ein wunderbares Zeichen Gottes auserwählt: Es ist Josef, aber der hat bereits aus Kinder aus erster Ehe. Erst nach langem Zureden der Priester lässt sich der alte Mann breitschlagen: Er nimmt das junge Mädchen Maria zu sich…Und Jesus wächst dann später in seiner Familie sozusagen im Kreis von Stiefgeschwistern auf…

 

  1. musikal. Zusp., ca. 0 07“ noch mal freistehend, dann ausblenden.

 

  1. SPR.:

Von den Eltern Josefs wissent die apokryphen Geschichten nichts zu berichten! Hingegen hat der fromme Autor Thomas, Verfasser des „Kindheitsevangeliums“, Näheres zum Beruf des Pflegevaters Jesu erfunden:

 

  1. O TON, Plisch 0 31“

Er ist nicht einfach nur Handwerker, Zimmermann, sondern der ist richtig Bau – Unternehmer, d.h. er ist eben auch lange unterwegs, seine verschiedenen Bauten zu betrachten.

 

  1. SPR.:

berichtet der Bibelwissenschaftler Uwe Karsten Plisch:

 

Fortsetzung 9. O TON

Das heißt: Das ist ganz klar die Absicht: Jesus kommt aus gutem Hause. Das ist nicht ein einfacher Handwerkersohn, sondern Papa ist eben richtig Bauunternehmer, wohlhabende Familie, ja also, das richtet sich schon gegen so ein christliches Armutsideal. Für die Akzeptanz in der heidnischen Umwelt: da ist so ein Erlöser aus gutem Hause sicherlich attraktiver als jemand aus der galiläischen Provinz.

 

  1. SPR.:

Aber Jesus, das Kind einer mittelständischen Unternehmerfamilie, ist alles andere als bürgerlich – brav, auch das weiß der Autor. Jesus hat einen dermaßen impulsiv – aufbrausenden Charakter, dass er sogar die gute Stimmung in der ganz Nazareth verdirbt.

 

  1. O TON, Frau Kaiser, 0 51“.

Er läuft mit Josef durch den Ort Nazareth, und ein anderes Kind kommt vorbei gerannt und rempelt ihn an. Und Jesus wird wütend; das stört ihn, und er sagt zu dem anderen Kind: Du sollst deinen Weg nicht weitergehen. Und darauf hin fällt dieses Kind um und ist tot.

 

  1. SPR.:

berichtet die Theologin Ursula Ulrike Kaiser.

 

  1. O TON Fortsetzung.

Und da haben wir beides zusammen, wir haben diese Unausgeglichenheit vielleicht noch, die für das Kind typisch ist, denke ich; und das ganz Besondere an Jesus, dass das natürlich sofort passiert, was er sagt, weil er ja zugleich Gott ist. Und dann natürlich die Reaktionen der Leute, die entsetzt sind, die aber zugleich auch anfangen zu fragen: Was ist das eigentlich für ein Kind, was steckt da dahinter, wieso kann er das, wieso kann er das sagen und das passiert sofort? Und das zieht sich durch die Geschichten hindurch, dass das immer wieder betont wird: Da ist schon etwas sichtbar von diesem Späteren, Göttlichen, von dieser Wundermacht. Und es ist aber zugleich das Kind, das da agiert.

 

  1. SPR.:

Die Leser fanden enormen Spaß an diesem „Kindheitsevangeliums nach Thomas“: Endlich einmal zeigten sich religiöse Texte von einer unterhaltsamen Seite, und auch so manch ein Vater damals konnte sich trösten, dass schon der heilige Josef seine liebe Not mit der Kindeserziehung hatte, meint Ursula Ulrike Kaiser:

 

  1. O TON, 0 26“, Frau Kaiser,

Josef ist der, der für die Erziehung zuständig ist. Und das ist er als Vater in dieser antiken Gesellschaft, und insofern spielt er natürlicherweise eine Rolle, weil die Erziehung des Jesuskindes eine Rolle spielt. Das heißt, immer, wenn was Schlimmes passiert in dieser Erzählung, gehen die Leute zu Josef und sagen: So geht’s nicht, du musst was tun. Josef, du kannst mit diesem Kind nicht bei uns wohnen, wenn du den nicht ordentlich erziehst. Die Mutter tritt nicht ganz so stark in Erscheinung in diesen negativen Geschichten.

 

  1. SPR.:

Aber das göttliche Kind ist für den Autor des Kindheitsevangeliums nicht nur ein Frechdachs, er hat auch seine lieben und netten Seiten:

 

12.O TON, Frau Kaiser, 0 23“.

Ganz hübsch ist z. B., dass Jesus losgeht, um für Maria Wasser zu holen und dann mit einem Krug durch die Menge geht und der Krug zerbricht, weil das Gedränge zu groß ist. Und dann breitet er sein Gewand aus und holt dann mit diesem ausgebreiteten Gewand dann Wasser. Oder er hilft dem Josef in der Werkstatt, der ein Bett herstellen soll, und die beiden Balken – Bretter sind offensichtlich unterschiedlich lang und er weiß nicht, was er machen soll. Und dann kommt Jesus und zieht das genauso lang, dass es genauso lang wie das andere ist.

 

  1. SPR.:

Diese fromme Unterhaltung wurde genauso wichtig genommen wie die Evangelien des Matthäus oder Lukas. Und so musste die Kirchenleitungen anerkennen, dass allzu viel Phantasie und Erzählfreude dem dogmatisch – korrekten Glauben nicht gut tut. Deswegen haben sie die apokryphen Schriften nicht in den maßgeblichen und bindende Korpus des Neuen Testaments aufgenommen, betont Uwe Karsten Plisch:

 

  1. O TON, Plisch, 0 47“

Was man sicher sagen kann, ist, dass es nicht einfach mal eine zentralistische Entscheidung gegeben hat, die fest gelegt hat, so und so, das gehört dazu und das nicht, sondern es scheint sich über mehrere Jahrhunderte über lokale Konsense entwickelt zu haben. Und gerade bei dem Protoevangelium des Jakobus, einem Kindheitsevangelium, ist es so, dass es gerade in der Ostkirche sich sehr großen Beliebtheit erfreut hat, wurde auch im Gottesdienst gelesen, speziell bei Marienfesten. Und wird im Westen, im 12. Jahrhundert, aussortiert, also sehr spät, weil es mit bestimmten dogmatischen Entscheidungen dann zusammenstößt und nicht kompatibel ist. Kriterium der Beurteilung könnte sein könnte sein, inwieweit die theologische Reflexion im Vordergrund steht oder ob es die reine Neugier ist, die befriedigt werden will. Da wird es theologisch uninteressant und dient einfach nur zur Unterhaltung. Als solche kann man es auch behandeln, als frühchristliche Unterhaltungsliteratur.

 

  1. SPR.:

Das Interesse am dem wunderbaren, dem göttlichen, geheimnisvoll – mysteriösen Jesus ist bis heute lebendig. Leidenschaftlich wird auch in der weiten esoterischen Szene debattiert: War nun Jesus eigentlich auch verheiratet? Hatte der was „mit Frauen“? Darf ein Gottmensch erotische Lust empfinden? Gibt es darauf eine eindeutige Antwort?

 

  1. O TON, Plisch, 0 34“.

„Die ältesten christlichen Zeugnisse schweigen darüber, allerdings in beide Richtungen, also es gibt weder Aussagen, dass Jesus nicht verheiratet war noch gibt es Aussagen, dass er verheiratet war. Andererseits ist in der Zeit, in der Jesus lebt, der Normalfall, dass Rabbis verheiratet sind. Und, wo sie es nicht sind, geraten sie auch leicht unter Rechtfertigungsdruck.

Das Gebot Seid fruchtbar und mehret euch, ist das erste Gebot, was Gott überhaupt an die Menschheit erlässt und deswegen hat das einen ganz hohen Stellenwert im Judentum. Und wer dieses Gebot nicht erfüllt, macht sich unter Schriftkundigen verdächtig.

 

  1. SPR.:

Aber vielleicht haben die apokryphen Evangelisten – wieder einmal –ein besseres geheimes Wissen? Vor wenigen Monaten meinten einige Wissenschaftler eine Antwort zu haben: Ein winziges Papyrusstück wurde gefunden, in dem von einer Gattin Jesu die Rede ist. Zu den wenigen lesbaren Wörtern in diesem Fragment gehört ein Spruch Jesu:

 

  1. SPR.:

Meine Frau wird mir Jüngerin sein können.

 

  1. SPR.:

Für ein paar Stunden schien die althergebrachte Lehre vom zölibatär lebenden Jesus wie ausgelöscht zu sein: Aber ist der angeblich koptische Text aus dem 4. Jahrhundert tatsächlich ernst zu nehmen? Uwe Karsten Plisch hat das als Spezialist für uralte Papyrus – Texte das angeblich so umstürzlerische Fragment untersucht:

 

  1. O TON, Plisch, 0 34“

Nach der ersten Aufregung und nach der Präsentation des Textes ist doch relativ schnell klar geworden, dass es sich hier um eine moderne Fälschung handelt. Das kann man sowohl papyrologisch ganz gut nachweisen: Die Schrift ist keine Buchschrift des 4. Jahrhunderts! Es gibt eine obere Schnittkante, die zeigt, dass dieser Papyrus irgendwo abgeschnitten wurde, offenbar zu dem Zweck, ein unbeschriebenes Stück haben, das man beschreiben kann nachträglich. Die Rückseite ist nicht ? beschrieben, das ist für Buchtexte aus der Antike extrem ungewöhnlich. Alle Indizien machen es höchst unwahrscheinlich, dass das ganze ein wirklicher antiker Text ist

 

1.SPR.:

Das heißt ja nicht, dass irgendwann im ägyptischen Wüstensand oder in den staubigen Archiven europäischer Museen doch noch einmal echte Schriftstücke gefunden werden, die Näheres vom Liebesleben Jesu berichten. Die Apokryphen – Forschung ist keineswegs abgeschlossen. Ungeachtet immer neuer Funde: Auch heute ist die Lust ungebrochen, neue apokyrphe Evangeliengeschichten zu erfinden. Im kanadischen Montréal zum Beispiel befindet sich die riesige neoromanische Basilika, die dem heiligen Josef geweiht ist: In diesem „Oratoire Saint Joseph“ schreiben die Gläubigen ihre ganz persönliche Josefs – Geschichte, berichtet der katholische Theologe Daniel Picot, er nennt sich selbst „Josefologe“:

 

  1. O TON, Picot, 0 59“. (zusammenfassend übersetzt)
  2. SPR.:

Jetzt erleben wir seit einiger Zeit eine Entwicklung, dass man Josef als jungen Mann sieht, stark, voller Vitalität, verliebt in seine sehr schöne junge Frau, wie er liebevoll besorgt ist um sein Kind. Wir erleben heute eine ganz ungewöhnliche Aneignung dieser Josefs – Gestalt! Es sind normale Christen, die solche Texte schreiben über Josef als Vater. Es sind psychologische Texte, sehr emotional, voller Sensibilität, aber sehr realistisch. Josef gilt fast als ein Modell: Er ist ein Mann, der auch praktische Schwierigkeiten im Leben hatte. Darin ist er uns so ähnlich! Auch war er politisch bedroht, durch die Allmacht des Herrschers Herodes. Josef musste ums Überleben kämpfen, gerade so wird er zum Vorbild in diesen Zeiten ökonomischer Erschütterungen. Josef hat da viel Stärke und Mut gezeigt in diesen verwirrenden Situationen.

 

  1. musikal. Zusp., Lateinam. Musik, bleibt ca 0 08“ freistehen.

 

  1. SPR.:

Wer heute apokryphe Geschichten über die Heilige Familie erdichtet oder speziell zur Gestalt Jesu Christi Geheimnisvolles weiß, möchte die Ereignisse von damals in seine eigene Gegenwart holen. In Lateinamerika schätzen die Gläubigen den armen Jesus Christus über alles; er lebte für sie nicht nur in Nazareth, sondern er lebt heute, zum Beispiel in den Favelhas von Rio de Janeiro. Inmitten von Wellblechhütten und stinkenden Abwässern, geplagt von Terror und Gewalt, hat auch der brasilianische Priester Paulo Süß sein eigenes Bild vom jugendlichen Jesus entdeckt:

 

  1. O TON, Suess, 0 19“

Ich sag immer: Das war ein Handwerker. Das ist ja das Schöne, er war kein Maurer, er hat keine Mauern gemacht, er hat Türen gemacht, die aufgehen! Also: Jesus hat gelernt, Türen zu machen, Fenster zu machen, aufzumachen, und keine Mauern zu setzen. Und das als Gegenspiel zur institutionellen Kirche, die immer Mauern baut.

 

  1. Musikal. Zuspielung, Lateinamerika, noch mal 0 05“ freistehend:

 

  1. SPR.:

Christus wird in Lateinamerika geboren: Mit Inbrunst singen die Frommen in Peru dieses Lied: Überall in Südamerika nehmen sie sich auch die Christen aus „indianischen“ Völkern die Freiheit, Weihnachten auf ihre eigene Weise zu deuten. Gäste aus aller Welt sind willkommen, wenn zum Beispiel die Mayas in Mexiko ihr ureigenes Evangelium in Krippenspielen darstellen, berichtet Paulo Süß:

 

  1. O TON, Suess, 0 37“

Also was ganz Schönes muss ich noch erzählen von der Krippe da in Mexiko. Bei einem Indiostamm kommt es also vor: die Krippe wird da aufgebaut. Und dann wird ein Kind hineingelegt, und einmal legen sie einen Jungen hinein, und einmal ein Mädchen. Und dann kommen die Leute so, wie man halt in das Geburtshaus da ankommt und sagt: Ist es ein Junge, ist es ein Mädchen. Heute ist es ein Mädchen, und einmal ist es ein Junge, das ist interessant, dass sie also gar nicht auf das Geschlecht Jesu achten. Sondern dieser Gott, der geboren wird, muss also einfach einmal als Junge und einmal als Mädchen auf die Welt kommen.

 

  1. musikal. Zusp. möglicherweise noch mal 0 04“ frestehend.

 

1.SPR.:

Sind heutige Jesus – Romane in Europa auch moderne apokryphe Evangelien? Viele Theologen sind davon überzeugt. Manchmal sind sie auch selbst Schriftsteller und lassen in ihren Romanen ihrer gebildeten Phantasie freien Lauf, wenn sie uns den jugendlichen Jesus von Nazareth nahe bringen wollen. Der protestantische Theologe Klaas Huizing (sprich Häuzing) hat vor wenigen Wochen seinen Roman veröffentlicht mit dem Titel „Mein Süßkind“, gemeint ist der so viel geliebte, so „süße“ Jesus. Klaas Huizing erklärt den Leuten sogar mitten auf dem Weihnachtsmarkt seine persönliche Sicht von dem jugendlichen Jesus von Nazareth.

 

  1. O TON, Klaas Huizing, 0 24“.

Es ist ein spannendes Leben, aber es ist in der Unterströmung auch sehr humorvoll, das ist erst sehr spät entdeckt worden, dass die Bibel sehr viel humoreske Situationen bietet, obwohl es auch eine ernste Lebensgeschichte ist, es sollte immer auch humorvoll gebrochen sein. Deshalb ist es seriös, die Romanform zu wählen, damit die Leser wissen, es könnte so gewesen sein, könnte aber auch ganz anders gewesen sein.

 

  1. SPR.:

Apokryphe Schriften weiten das Denken, sie wecken die Lust am frommen Spektakel. Und, das ist wichtig, manchmal inspirieren diese Schriften sogar Bischöfe der katholischen wie der orthodoxen Kirche zur Vertiefung der rechten Glaubenslehre. Offizielle Konzilien haben zum Beispiel die apokryphe Lehre von der jungfräulichen Geburt Jesu zum allgemein gültigen Dogma erhoben. Genauso haben sie die jungfräuliche Geburt Mariens als zu glaubendes Dogma festgelegt. Auch Anna, Marias Mutter, fand als apokryphe Gestalt universale Verehrung, bis hin zu Wallfahrten, etwa in der Bretagne. Anna und ihr angeblicher Gatte Joachim werden bis heute als heilige Vorbilder verehrt, obwohl man eigentlich von ihnen nichts weiß. Und die Künstler haben sich stets apokrypher Motive bedient, etwas wenn sie die geheime Legende von der „Entschlafung Marias“ malten oder ihre leibliche Aufnahme in den Himmel priesen. Der Theologe Jens Schröter:

 

  1. O TON, Schröter,

Diese Schriften haben von früher Zeit an für die Volksüberlieferung und den Volksglauben, das meine ich gar nicht abwertend, sondern das hat für den christlichen Glauben immer eine große Rolle gespielt, dass man sich auch verankert so im religiösen Leben der Menschen. Und dafür haben diese Schriften von früher Zeit an eine große Rolle gespielt. Schnitt. Wieder rein: Und sind in die darstellende Kunst etwa vielfältig eingegangen. Und sie auch bis heute in Krippenspiele usw. eingegangen. Also die Geschichte von Ochs und Esel an der Krippe etwa, die findet sich auch nicht im Neuen Testament, es ist auch eine, die apokryph ist, wenn Sie so wollen.

 

1.SPR.:

Die apokryphen Schriften prägen das Bewusstsein vieler Christen bis heute geprägt. Aber bei aller Begeisterung fürs fromme Fabulieren gilt doch ein gewisser Vorbehalt: Denn diese Texte fördern die Vorstellung, Jesus sei eigentlich kein Mensch, sondern ein Gott. Das ist theologisch gesehen natürlich falsch. Insofern kann die Fülle apokrypher christlicher Texte für einen kritischen, einen modernen Glauben eher abträglich sein, weil das Vorurteil gestärkt wird: Gott erscheint auf Erden als Gott, als ein mysteriöses willkürlich handelndes Wunderwesen. Glauben wird so zum puren Wunderglauben.

Trotzdem: Theologen wollen auch einen bleibenden Wert dieser Literatur anerkennen: Sie befreit von der Vorstellung, das Christentum sei eine einförmige, fest strukturierte und völlig übersichtliche Organisation, in der alles uniform und kontrolliert „abläuft“. Die katholische Theologin Katharina Ceming:

 

  1. O TON, Frau Ceming, 0 40“.

Ich finde die gesamte Apokryphen Forschung deswegen so spannend, weil die einfach auch ein völlig anderes Bild noch zeigt dieser christlichen Tradition, als die, die wir traditionell kennen. Diese ganzen Texte zeigen eigentlich, wie ungemein vielschichtig das Christentum in den ersten Jahrhunderten war, und dass es also auch zu einer bestimmten Zeit noch gar keine wirklich definitiven Regeln, Vorgaben gab, was denn die christliche Lehre an sich ist. Also ich glaube, wenn wir uns bewusst machen, wie vielfältig auch die christliche Tradition am Anfang auch war, dann wird es uns etwas leichter fallen, die Vielfalt des Christentums heute auch besser auszuhalten.

 

  1. musikal.Zusp. noch einmal einspielen, mindestens 10 Sek. freistehen lassen, dann herunterziehen für den

 

Abspann:

 

 

 

Buchhinweise: wird noch vollständiger nachgeliefert….

Katharina Ceming und Jürgen Werlitz, Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften. Marix Verlag, Wiesbaden, 2010, 264 Seiten.

 

Uwe Karsten Plisch, Was nicht in der Bibel steht. Apokryphe Schriften des frühen Christentums. Verlag Deutsche Bibelgesellschaft, 176 Seiten, 2006.

 

Ursula Ulrike Kaiser,

Jesus als Kind. Neuere Forschungen zur Jesus Überlieferung in den apokryphen ‚Kindheitsevangelien‘. In J. FREY – J. SCHRÖTER (Hg.), Jesus in apokryphen Evangelienüberlieferungen, Tübingen, 2010, dort S. 253–269.

 

 

 

 

 

 

 

Das Heilige ist umgezogen: Zur Situation der Kirchen und des Glaubens in den Niederlanden heute

Zur Situation der Kirchen und des Glaubens in den Niederlanden heute

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich denke manchmal, die religiöse Situation in Holland entspricht auch der dortigen Landschaft, den weiten, flachen Ebenen, auf denen sich Erde, Wolken und Himmel berühren und manchmal verschmelzen, wenn denn der Blick freigegeben ist und nicht – wie in der Randstad heute so oft – von Häusern und Fabriken, Autobahnen und Schnellzügen verstellt wird  Es gibt aber, von alters her möchte ich sagen, in den Niederlanden eine besondere Transzendenz, die man die horizontale Transzendenz nennen könnte. Und das macht die Religionsgeschichte der Niederlande auch für religionsphilosophisch Interessierte so wichtig: In Holland ist der religiöse Blick nicht zuerst nach oben, in die Höhen möglicher Hierarchien gerichtet, sondern in die Weite der Erde, in der es um den Menschen geht und die individuell so vielfältigen Formen des Transzendierens mitten im Leben, in der Menschlichkeit, der Kunst, der Stille. Es ist damit das klare Licht, das die Niederländer (und ihre Freundelieben), die hellen Fenster in den Kathedralen und Kirchen, da ist nichts schummrig, vom Weihrauch verdüstert…

Dieses Transzendieren in die Weite kann eine geistige Bewegung sein, die eher selten bei einem transzendenten Ziel, etwa beim Göttlichen oder bei Gott, ankommt. Wer wird diese Perspektiven nicht entdecken, schon in den vielen wunderbaren Gemälden aus dem 17. und 18. Jahrhundert? Sie präsentieren leibhaftige Individuen (!)  mit einer eigenen Geschichte, aber normale Menschen, sehr selten Heilige. Es ist die Freude am Menschen, am Mitmenschen, die diese Transzendenz auszeichnet.

Daran muss ich denken, wenn ich die neueste Statistik zur Kirchenbindung der Niederländer lese: Da zeigt sich wieder ein Abschied von der vertikalen Transzendenz: Konkret: Im Jahre 2015 waren noch 11,7 Prozent aller Holländer Mitglieder der römisch –katholischen Kirche. Zum Vergleich: Im Jahre 1960 waren es 35 Prozent, im Jahr 2006 noch 16 Prozent.

Heute sind noch 8,6 Prozent Mitglieder der Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN genannt, ein Zusammenschluss großer reformierter, calvinistischer Kirchen und der Lutheraner). Zum Vergleich: 1966 waren es 25 Prozent und 2006 noch 14 Prozent. Gewachsen bzw. zahlenmäßig stabil geblieben sind sehr kleine evangelische Kirchen, streng calvinistische und evangelikal – pfingstlerische Gemeinden. Dieser Exodus aus den Kirchen hat mindestens auch soziale Nachteile: Orte der Kommunikation verschwinden, gerade die Gezelligheid ist Niederländern so wichtig.  Gemeinden sind, das sagte doch der Theologe Schleiermacher, sollten Orte des geselligen Miteinanders sein, in aller Vielfalt natürlich, nicht nur als Treffpunkte biederer Kleinbürgerlichkeit, wie in Deutschland jetzt….

Der Philosoph Taede A. Smedes hat in seinem neuesten Buch „God iets of niets“ („Gott etwas oder nichts“) diesen Weg der einst großen Kirchen in die Minderheiten-Positionen bewertet: „Besonders junge Menschen haben nichts mehr mit der Römisch – katholischen und der PKN Kirche zu tun. Die Kirchen haben damit auch definitiv keine Bedeutung mehr in unserem Zusammenleben“ (S. 49). Aber das heißt ja nicht, dass damit jegliches spirituelle Interesse verloren gegangen ist. Aber die dogmatisch starren Kirchen mit ihrer gewissen amtlichen Bürokratie wirken auf heutige Niederländer einfach befremdlich, man erwartet von diesen Kirchen offenbar eher sehr selten noch Orientierung im Leben. Beim Katholizismus spielt die konservative Wende (vom polnischen Papst immer unterstützt) durch reaktionäre Bischöfe (Gijsen und co) seit 1971 sicher eine große Rolle, dass so viele Holländer der römischen Kirche den Rücken gekehrt haben. Soziologen sprechen also bereits von einem „nach – christlichen Land“, Taede A. Smedes nennt diese Bewertung „revolutionär“ (S. 50). Auch die Leiter der neuesten Untersuchung „God in Nederland“ nennen diese Situation neu, als „ohne histroisches Vorbild“ („zonder precedent“).

Unter allen europäischen Ländern werden die Kirchen in den Niederlanden sicherlich am gründlichsten (und schon am längsten) von Religionssoziologen erforscht. Die umfassenden Studien „God in Nederland“ begannen 1966, seit der Zeit wird alle 10 Jahre ein ausführliches Ergebnis der repräsentativen Umfragen veröffentlicht, 2016 erschien wieder im Verlag Ten Have ( Utrecht) die neueste Studie, sozusagen zum 50 jährigen Jubiläum, diesmal auch mit Interviews mit Vertretern der unterschiedlichen Glaubensorientierungen. Es ist schade, dass dieser Band nicht ins Deutsche übersetzt wurde. So wie es ein ziemlicher Skandal ist, dass sich keine Akademie der Kirchen in Deutschland mit der Entwicklung in Holland befasst: Was da passiert, passiert bald auch hier…

Der Trend hat sich fortgesetzt: Die Mitglieder der Kirchen verlassen sozusagen scharenweise ihre Kirchengemeinden, indem sie einfach den jährlich geforderten freiwilligen Kirchenbeitrag nicht mehr zahlen. Sie gelten damit in der Sprache der Religionssoziologen als „außerkirchlich“, und diese Beschreibung der spirituellen Befindlichkeit bedeutet in Holland eben nicht automatisch „atheistisch“ oder ungläubig. Zur Gruppe der „Außerkirchlichen“ gehören „ungebunden gläubige“ und auch „ungebunden spirituelle“. Allerdings verstehen sich 41 % der „Außerkirchlichen“ als „säkular“, was einer atheistischen Orientierung schon nahe kommt. Aber der Kirchenferne ist in Holland eben anders als in der ehemaligen DDR oder in Tschechien!

Bemerkenswert ist auch, wenn man die Glaubensinhalte der Kirchenmitglieder betrachtet: Als Theisten, also als Gläubige an einen persönlichen Gott, bezeichnen sich 51 Prozent der Mitglieder der vereinigten protestantischen Kirche PKN, 34 % sagen, sie würden an „etwas Höheres“ glauben. Allerdings nennen sich nur 17 Prozent der Katholiken theistisch, hingegen sagen 46 %, sie würden nur an eine höhere Macht oder „etwas über uns“ glauben, 30 Prozent der Katholiken nennen sich Agnostiker. Es ist überraschend, dass sogar 7 Prozent der Katholiken, also der zahlenden Mitglieder der römischen Kirche in Holland, sich „Atheisten“ nennen (vgl. dazu Smedes, S. 51). Der Kommentar von Taede Smedes, (ein angesehener Religionsphilosoph übrigens, der auch lange Zeit im Studienzentrum des Dominikanerordens in Holland mitarbeitete) ist sehr klar:“ Heute scheint in den Niederlanden der theistische Gottesglaube seine längste Zeit schon hinter sich zu haben. In 50 Jahren ist der Theismus immer marginaler geworden, auch unter Gläubigen“ (S. 62).

Zu den Teilnehmern am Sonntagsgottesdienst unter Katholiken: 2003 nahmen bei 4,5 Millionen Katholiken 385.000 Gläubige an der Sonntagsmesse teil; 2015 sind es bei 3,88 Millionen Katholiken noch 186.000, also etwa 5 Prozent sind regelmäßige Teilnehmer der Messe. Diese sehr geringe Anzahl so genannter „praktizierender“ Katholiken hat sicher einen Grund: Die Zahl der Pfarrgemeinden wird – wie in Deutschland und überall in Europa – immer mehr reduziert, aus dem einfachen Grund einer klerikalen Kiche: es fehlen die Priester, ohne die in römischer Sicht einfach „nichts Wesentliche“ geht. Also: 2003 gab es in Holland noch 1.525 Pfarreien, 2015 waren nur noch 726, also nur noch die Hälfte. (Quelle: http://www.ru.nl/kaski/onderzoek/cijfers-rooms/virtuele_map/kerkgebouwen_en/ ). Meine These ist: Der absolute Klerikalismus der römischen Kirche verursacht den Exodus der  -nachdenklichen – Gläubigen aus dieser Kirche. Ein Ende dieses Exodus ist in Holland und in Europa nicht absehbar, trotz aller aus Indien oder Nigeria eingeflogener Priester nach Holland oder Deutschland…Diese sind wie im Mittelalter die Leutpriester, die Herren, die die Messe lesen können, jetzt auf Holländisch, was kaum ein Holländer versteht…

Die Abwendung der Holländer von den klassischen Gottesbildern, sehr persönlicher Art und oft in einer schlichten Lehre verbreitet, ist ja auch theologisch und religionsphilosophisch gesehen von Vorteil. Die Menschen in den Kirchen haben sich spirituell weiterentwickelt, nur die kirchlichen Lehren und Dogmen sind in der Entwicklung nicht mit gegangen, so kam es zur unüberbrückbaren Differenz von persönlichem Glauben und offizieller Lehre. Nebenbei: Nur die protestantische Kirche der Remonstranten ist mit der religiösen Entwicklung der Menschen mit gegangen, sie sagt ausdrücklich „Der Glaube beginnt bei dir“ und sie respektiert diese persönliche Glaubensentwicklung … bis dahin, dass sie als Kirche selbst die Bindung an offizielle Dogmen eher gering schätzt und auf das wesentliche reduziert hat.

Viele “Außer-Kirchliche” haben auch keine esoterische Überzeugungen wie Astrologie oder new-age, das war noch vor 20 Jahren stärker. Heute verstehen sich diese Menschen vor allem als Fragende und Zweifler, Suchende, unterwegs zu einem tragenden Lebenssinn. Aber immer unter der Voraussetzung: Spiritualität und Religion bestimme ich! Religion ist absolut Privatsache. Die religiöse Orientierung ist zudem fließend geworden. Es gibt Katholiken, die sich gleichzeitig als Buddhisten verstehen…

Aufgeschlossene christliche Theologen können den Abschied von einer oberflächlichen Kirchen – Bindung sogar gut verstehen. Sie wissen: Nur die freie persönliche Entscheidung für Gott und eine Kirchengemeinde ist wertvoll. Vor allem evangelischen Gemeinden lassen sich nicht entmutigen und gestalten in neuer Form und mit neuen Inhalten kirchliches Leben. So wird die protestantische Kirche der Remonstranten in den kommenden Wochen einige Gemeinden ausdrücklich als offener Ort präsentieren und Menschen einladen, die am Zustand dieser Welt zweifeln und verzweifeln und gemeinsam, in kleinen Gruppen, nach einem Sinn im Leben fragen. Typisch für den religiösen Umbruch in Holland ist auch, dass regelmäßig ein Monat der Spiritualität und auch ein Monat der Philosophie veranstaltet werden. Ein großer einflussreicher Fernsehsender nennt sich Evangelischer Rundfunk. Fernsehbeiträge etwa zur Leidensgeschichte Jesu erleben am Gründonnerstag einen absoluten Rekord der Einschaltquoten. Pilgerfahrten werden immer beliebter, die Gastfreundschaft in den wenigen verbliebenen Klöstern wird gern angenommen. Das Verschwinden der Klöster ist schon vom Kommunikativen und Spirituellen her betrachtet ein großer Verlust: In 20 Jahren wird es vielleicht noch fünf Klöster geben. Die Orden sterben aus, nur wenige sind in der Lage, interessierte Laien mit der Fortführung der einst (klerikal bestimmten) Traditionen zu beauftragen. Auch diese Entwicklung wird in Holland genau studiert und auch veröffentlicht, etwa in dem religionssoziologischen Studienzentrum KASKI an der Radbout Universität in Nijmegen: http://www.ru.nl/kaski/onderzoek/cijfers-rooms/

Man könnte sagen: Das Heilige ist heute in Holland sozusagen umgezogen. Gott wird auch in der Kultur, in der Kunst, der Musik, der Natur gesucht. Ein Benediktinerpater sagte mir: „Wer sich Atheist nennt, stellt oft die besten religiösen Fragen“.

Wichtige Literaturhinweise:

„God in Nederland“. Herausgegeben von Ton Bernts und Joantine Berghuijs. Ten Have Uitgeverij, Utrecht, 2016, 222 Seiten, 20 Euro.

Taede A. Smedes, „God iets of Niets“. (Gott – Etwas oder Nichts). De postseculiere maatschappij tussen Geloof en ongeloof. 2. Auflage 2016, Amsterdam University Press, 312 Seiten, 19,95 Euro.

Copyright: Christian Modehn Berlin

Wo bleiben die Emotionen in den Kirchen Deutschlands? Zugleich ein Hinweis auf Weihnachten!

Ein neuer Beitrag der Reihe “Weiterdenken”: Drei Fragen an den Theologen Prof.  Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Sie haben sich kürzlich zu Studien in Ghana aufgehalten und dort auch die zahlreichen und lebendigen Pfingstgemeinen kennen gelernt und deren Profil untersucht. Emotionen, Gefühle, körperlicher Ausdruck im Gottesdienst sind dort selbstverständlich. Ohne ein Klischee zu verbreiten: Liegt das daran, dass die Menschen in Ghana ohnehin kulturell immer viel mehr Wert auf emotionalen Ausdruck legen? Oder ist es auch der christliche Glaube selbst, der sich bei diesen Christen in Afrika eben nicht auf „karge“ Worte und begrifflich feine Predigten begrenzen lässt?

Ja, die Emotionen spielen in der afrikanischen Kultur und ganz besonders in afrikanischen Pfingstgemeinden, wie ich sie besucht habe, ein große Rolle. Das ist auch schon vielfach beschrieben worden. Pfingstgemeinden, auch hierzulande, zeigen eine stärkere emotionale Beteiligung, mit Zwischenrufen, erhobenen Händen, spontanen Gebeten und einer mitreißenden Musik.

Ich frage mich jedoch, ob die Unterscheidung emotional/rational die Sache trifft. Die Predigten, die ich in den Gottesdiensten einiger Pfingstkirchen in Ghana gehört habe, waren weniger durch Emotionalität als vielmehr durch eine sehr direkte Ansprache und ein sehr konkretes Eingehen auf praktische Probleme des täglichen Lebens gekennzeichnet. Gewiss, ich habe auch exaltierte Lobpreisgesänge erlebt, unverständliches Zungenreden und redundante Beschwörungen des Jesus-Namens. Wenn ich anschließend mit den Predigern sprach, dann konnten sie jedoch ganz nüchtern davon reden, dass ihre Gottesdienste auf genau diese Weise innere Beteiligung schaffen und ein intensives Gemeinschaftserleben hervorrufen.

In diesen Gottesdienste geschieht, dass sich den einzelnen mitteilt: Du bist gemeint, die göttliche Botschaft gilt dir, du gehörst mit allen anderen, die jetzt hier sind, zu einer großen christlichen Gemeinschaft. Ihr seid untereinander und mit dem Herrn Jesus verbundenen. Dies alles kraft des Heiligen Geistes, der jeden einzelnen von euch und die ganze Gemeinde mit seiner Energie erfüllt und antreibt. So auch die theologische Erklärung, die die charismatischen Prediger mir für die uns fremd erscheinende Art, Gottesdienst zu feiern, gaben.

Es gilt der Vorrang der Erfahrung vor der Reflexion, vielleicht muss man auch sagen, des Emotionalen vor dem Rationalen. Aber, was bedeutet das?

Inzwischen gibt es auch bei uns Anstrengungen, die Emotionen als ein Vermögen zur Erkenntnis und Bewältigung von Wirklichkeit neu in den Blick zu nehmen. In der Psychologie betreibt man Emotionsforschung. Es werden neue Wege zu einer Philosophie und auch einer Theologie der Gefühle beschritten. Es wird zwar bestritten, dass es besondere religiöse Gefühle gibt. Dennoch hat auch ein energisches Nachdenken über den Zusammenhang von Religion und Emotion begonnen – unter dem Vorzeichen allerdings der Rationalität der Emotionen. Die Emotion wird nicht gegen die Rationalität gestellt, sondern als eine eigene Form der Rationalität ausgewiesen. Sie gilt als eine spezifische und unverzichtbare Weise unseres Zugangs zur Wirklichkeit.

Unsere Emotionen machen es, dass wir uns bestimmten Gegenständen gegenüber auf präreflexive Weise angemessen verhalten, etwa, indem wir besonders vorsichtig werden, sobald wir eine Schlange sich im Gestrüpp bewegen sehen. Gefühle erschließen uns unmittelbar die Zustände unseres Daseins, obwohl diese durch wechselnde innere und äußere Umstände vermittelt sind. Gefühle machen es, dass wir vor Angst erstarren oder von Freude erfüllt sind, dass wir unser Glück kaum fassen können oder der Schmerz uns zu Boden drückt.

Unsere Emotionen sind es, die uns ganz bei einer Sache und zugleich ganz bei uns selbst sein lassen. Deshalb lebt in ihnen auch die Religion. Sie kommen in uns auf, dort wo wir vom Göttlichen ergriffen und zugleich in uns selbst vertieft werden.

Die vernünftige Rechenschaftsgabe folgt nach. Das ist dann die Reflexion auf solche Erfahrung des Ergriffenseins. Sie wird in den Pfingstkirchen im Anschluss an die Erzählung des ersten Pfingsten in Apostelgeschichte 2 eine Geisterfahrung genannt und auf diese Weise auch biblisch-theologisch begründet.

Entscheidend für mich war jedoch, zu sehen, welche Begeisterung der Gottesdienst in Menschen wecken kann. Das ist das eine. Das andere, was mich noch stärker beeindruckt hat, war, dass sich die religiöse Begeisterung in diesen Menschen in ein Engagement umsetzt, aus dem heraus sie unter den schwierigsten ökonomischen und politischen Bedingungen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, sie als einzelne den beruflichen Erfolg suchen und als Gemeinde ein soziales Netz zur gegenseitigen Unterstützung knüpfen. Der christliche Glaube wirkt hier als energische Lebenskraft.

2. Das führt uns zu der Frage: Warum sind eigentlich die meisten Gottesdienste in Deutschland, ja in Europa vielleicht insgesamt, so verkopft und damit oft so wenig bewegend, also langweilig? Das Kloster Taizé wird ja als einzige Ausnahme ständig zitiert… Ist der christliche Glaube also hier mehr Doktrin als eine emotionale Lebenshaltung? Könnte man hier also einiges von Ghana “lernen”?

Ich weiß gar nicht, ob unsere Gottesdienste so verkopft sind. Sie pflegen einen anderen Stil der Kommunikation und der ästhetischen Darstellung. Das muss auch so sein, wollen sie die Menschen in unserem kulturellen Kontext erreichen und emotional einbeziehen. Die Emotionen spielen aber auch in unseren Gottesdiensten eine ganz entscheidende Rolle, weil es nur so zu innerer Beteiligung, zu eigenem Dabeisein und zum Erleben von Gemeinschaft kommt.

Eine Predigt, die einen biblischen Text so auslegt, so, dass deutlich wird, was er uns über die Gegenwart Gottes in der Welt und in unserem eigenen Leben zu verstehen gibt, wird ihre Hörer doch nur dann erreichen, wenn sie sich zugleich innerlich angesprochen fühlen. Der gedankliche Nachvollzug der Rede muss begleitet sein davon, dass ich auch emotional ergriffen werde. Deshalb sind auch ästhetische Kategorien zur Beurteilung einer Predigt ganz angemessen. Dass eine Predigt schön war und sie mir gut getan hat, ist zugleich ihr höchstes Lob.

Was so von der Predigt gilt, gilt natürlich erst recht für die übrigen Elemente des Gottesdienstes, dass sie uns emotional ansprechen müssen, wenn wir uns durch sie zum Leben ermutigt und zu neuer Hoffnung angestiftet finden wollen.

In erster Linie schafft das natürlich die Musik, in unseren Kulturzusammenhängen am ehesten die Musik Johann Sebastian Bachs. Gerade jetzt wieder in der Advents- und Weihnachtszeit. Was wäre diese Zeit ohne die Musik Bachs oder Händels? Es ist diese Musik, die die Botschaft von der Geburt des göttlichen Kindes auch heute vielen, der Kirche ansonsten entfremdeten Menschen in die Seele schreibt, sodass sie etwas vom Glück der Gotteskindschaft empfinden.

Weihnachten überhaupt, dass dies ein solch mächtiges Fest ist, erklärt sich nicht aus Kommerz und Konsum allein, auch nicht daraus, dass die Familie zusammenkommt – was oft ja auch viele Probleme schafft. Die ungebrochene Attraktivität von Weihnachten, so meine ich, besteht darin, etwas von dem Wunder spüren, fühlen, erahnen zu können, dass es einen vollkommenen Neuanfang, doch noch ein Glücken der Menschheitsgeschichte geben könnte: Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen. Wie das sollte wirklich werden können, wird kein Verstand erfassen. Aber kaum jemand kann sich dem Gefühl entziehen, dass genau dahin doch aller Menschen Sehnsucht geht.

3.Der von Ihnen sehr erforschte Theologe Friedrich Schleiermacher sprach vom Gefühl, wenn er die Bindung des Menschen an die göttliche Wirklichkeit ansprach. Was meinte er eigentlich mit Gefühl, und warum ist dieses Gefühl im Sinne Schleiermachers offenbar so unbeachtet und im Allgemeinen als Kirchenpraxis verloren gegangen?

Schleiermacher war der Theologe, der die Bedeutung des Gefühls für die Religion erkannt hat. Dies aber genau deshalb, weil er als Theologe auf die grundlegende anthropo-theologische Bedeutung des Gefühls gestoßen ist. Er hat zunächst das Gefühl im Singular von den Gefühlen bzw. Emotionen im Plural unterschieden. Das Gefühl im Singular war für ihn gleichbedeutend der prä-reflexiven, also unmittelbaren Selbstbeziehung. Er konnte statt vom Gefühl auch vom „unmittelbaren Selbstbewusstsein“ sprechen. Was er damit meinte, war die Erfahrung von Präsenz, dessen, dass mir mein Dasein in der Welt gegenwärtig ist, erschlossen in seinem unbedingten Sinn.

Das, so Schleiermachers Theologie, ist zugleich die Gegenwart Gottes in der Welt. Gott ist da, sobald ich den ersten Atemzug tue und die Augen aufschlage. Er ist mir näher als ich mir selbst nahe kommen kann. Er ist das Licht, in dem ich sehe und die Luft, in der ich atme. Nicht zu sehen, nicht gegenständlich vorzubringen, aber da, als die Kraft, die mich überhaupt erst zu mir selbst und in die Welt bringt.

Suchen wir nach der Erfahrung, in der uns diese Präsenz Gottes in der Welt aufgeht, dann, so Schleiermacher, finden wir sie in unserem Selbstgefühl. Jeder Mensch, davon war er überzeugt, kann diese Erfahrung machen, aus einer nicht reflexiv erzeugten, sondern unmittelbar aufkommenden Selbstvertrautheit zu leben. Sie ist die Quelle unseres Lebensmutes. Benennen wir ihr „Woher“, so Schleiermacher, dann ist es angemessen, von Gott zu reden. An ihn wenden wir uns besonders dann, wenn der Lebensmut auf brüchigem Lebensgelände zu schwinden droht. Er ist das „Woher“ dessen, dass wir die uns zur Präsenz kommende Lebensenergie dennoch fühlen, dann aber auch auf den Höhen des Glücks und in den ganz alltäglichen Dingen.

Beweisen lässt sich diese Gottespräsenz nicht, auch niemandem mit noch so guten Argumenten andemonstrieren. Aber jeder, der einiger Selbstbeobachtung fähig ist, kennt doch dieses Selbstgefühl, eine jeden Selbstreflexion immer schon vorauslaufende Vertrautheit mit sich. Mit ihr ist Gott da, im Leben eines jeden Menschen, da als Kraft, die jeden und jede zu sich und zur Welt bringt.

Kinder leben diese Selbstvertrautheit und den Lebensmut, der aus ihr erwächst, ohne sie reflexiv zu brechen. Später müssen wir sie mühsam immer wieder zu erneuern versuchen, um angesichts all des Absurden und Schrecklichen, das diese Welt durchzieht und uns zerreißt, nicht ins Elend zu fallen.

Doch wiederum, deshalb ist Weihnachten ein so mächtiges Fest: Im Anblick des göttlichen Kindes und im Hören auf die Botschaft der Engel über den Feldern Bethlehems kann sich uns das Gefühl der Selbstvertrautheit und des aus ihr erwachsenden Lebens- und Hoffnungsmutes immer wieder erneuern. Dieses Gefühl entspringt unserer Geborgenheit im Göttlichen. Und es streckt sich aus, hinein in unsere Sehnsucht nach Frieden auf Erden und einem allen Menschen verheißenen Wohlgefallen.

Ob dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem Göttlichen in der allgemeinen Kirchenpraxis zu wenig angesprochen wird, vermag ich gar nicht recht zu beurteilen. Ich jedenfalls kann mir eine pastorale kirchliche Praxis, vor allem die der Gottesdienste und Predigten, ohne die Absicht, genau dieses Gefühl anzusprechen, überhaupt nicht vorstellen. Ich setzte dieses Gefühl in jedem voraus und für mich hat alle religiöse Mitteilung nur dann einen Sinn, wenn es in ihr darum geht, Menschen tiefer über dieses Gefühl, das in ihnen ist, zu verständigen.

Darum jedenfalls sollte es m.E. in jedem Gottesdienst gehen, und ganz besonders an Weihnachten, darum, dass wir – alle Jahre wieder – die Geburt des Gottes auf dem Grund der eigenen Seele fühlen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eine kleine Philosophie der Sehnsucht.

Thesen und Hinweise von Christian Modehn. Vorgestellt im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 15.12. 2017.

Es handelt sich um einige Elemente für eine kleine Phänomenologie der Sehnsucht:

Zuerst möchte ich den Gebrüdern Grimm widersprechen. Sie definierten Sehnsucht, im Rückgang auf mittelhochdeutschen Gebrauch, als „sensuht“, das heißt dann bei Ihnen: Als „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“[, so in ihrem „Deutschen Wörterbuch“.

Für mich ist Sehnsucht nicht immer, eher selten, eine Krankheit. Sondern der Grundvollzug geistiger, seelischer und vernünftig-kritischer Lebendigkeit.

Sehnsucht ist ein ständiges Verlangen nach einem „Mehr im Leben“, als Überwindung alles Banalen und Flachen, des jeweiligen persönlichen wie gesellschaftlichen Status Quo. Diese Überwindung gelingt nicht immer. Aber diese Sehnsuchts – Bewegung und Suche ist unverzichtbar. Darin steckt auch Hoffnung, die freilich nie eine Garantie des Gelingens ist.

Unser geistiges Leben ist von einer ständigen Unzufriedenheit bestimmt: Alles, was wir erreichen, ist nicht das Endziel. Alles, was wir meinen verstanden zu haben, enthüllt weitere Probleme. Kein Mensch ist zu durchschauen. Jeder bleibt (Gott sei Dank) geheimnisvoll, um jeden und jede muss man sich weiter bemühen…Das Gelingen ist so selten. Aber es soll gelingen, obwohl man weiß, dass es nicht jetzt „ganz“ gelingen wird. Das ist Sehnsucht.

Einmal im Jahr gibt es ein Fest, etwas rundum Schönes und gute Stimmung Förderndes: Weihnachten. Aber wie oft erlebt man oft auch eine Enttäuschung, und das große Fest ist wieder vorbei. Ist es nur der Kommerz, der uns dazu treibt, irgendwie uns doch weiterhin auf Weihnachten (oder einen Geburtstag etc.) zu beziehen und da obligatorisch zu feiern? Warum feiern nicht unser Leben an einem jeden beliebigen Tag im Regen oder bei Sonnenschein?

Es ist normal angesichts der unerfüllten Sehnsucht zu wissen: Wir Menschen sind gebrochene, zerrissene Wesen. Wir finden kaum zur Einheit. Ganzheit ist ein Traum. Sehnsucht nach dem Schlaraffenland ist idiotisch. Also: Immer stellt sich das Gefühl ein: „Etwas fehlt“. Das ist gut so, es ist dies die Offenbarung unseres Wesens. Die Suche geht weiter, das Hoffen als tätiges Suchen geht weiter. Beim nächsten Mal wird vieles besser, hoffen wir. Letzter Hintergrund ist die Suche nach dem Friedensreich. Bloch nennt das „Heimat“. Ein „Land“, wo noch niemand war, nach dem wir aber verlangen, wenn wir nicht ganz abgestumpft sind. Diese Spannung ist bester Ausdruck des Menschen.

Ernst Bloch sagt in dem Ergänzungsband zur Gesamtausgabe, S. 367, aus einem Gespräch mit Adorno, moderiert von dem bekannten Horst Krüger: „Jede Kritik an Unvollkommenheit, an Unvollendetem, Unerträglichen, nicht zu Duldenden, setzt zweifellos schon die Vorstellung von einer möglichen Vollkommenheit und die SEHNSUCHT nach einer möglichen Vollkommenheit voraus. Es gäbe sonst gar keine Unvollkommenheit, wenn in dem Prozess nicht etwas wäre, das nicht sein sollte – wenn in dem Prozess die Vollkommenheit nicht umginge (also anwesend wäre, CM), und zwar als kritisches Moment. Aber diese Hoffnung ist das Gegenteil von Sicherheit und naivem Optimismus…“

Die Romantik als eine vielschichtige geistige Bewegung von ca. 1790 bis ca. 1840 hat die Sehnsucht energisch als Zentrum geistigen Lebens thematisiert, vor allem als Sehnsucht nach dem Unendlichen, dieses Unendliche muss nicht immer Gott oder das Göttliche sein, dieses ist eher das Nicht-Endliche oder „Über-Endliche“. Diese Sehnsucht findet für die Romantiker Ausdruck im Gefühl, das sie oft stark abgrenzen von der (bei ihnen) eher verachteten Vernunft und Aufklärung.

Da setzt die Romantik bzw. Sehnsuchts-Kritik an, etwa bei HEGEL, in seiner Kritik an Novalis etwa, in Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, III, Werkausgabe, S. 418. Diese Sehnsucht bei ihm habe keine „Substanz, sie verglimmt in sich und hält sich auf diesem Standpunkt fest“. Hegel spricht von der Extravaganz der Subjektivität, die „häufig zum Verrücktsein führt“ (ebd.) Diese Kritik Hegels ist sicher aus den polemischen Zusammenhängen damals zu erklären.

Die Sehnsucht nach Gott ist offenbar bei allen Menschen vorhanden, wird selbstverständlich je verschieden artikuliert. Aber wenn sich im Erleben des einzelnen diese Sehnsucht nicht erfüllt, kommt dies zur Ablehnung des Göttlichen. In jedem Fall: Auch der Atheismus hat seine Basis in der Sehnsucht nach dem Unendlichen oder auch Nicht-Endlichen.

Weil Sehnsucht als geistiges und auch körperliches Unterwegssein gilt, als unaufhörliches Fragen nach dem Gründenden und Tragenden, wird das erreichte Ziel eigentlich eher wie Stillstand wahrgenommen. Stillstand will die Sehnsucht nicht. Kann sie meditieren?

In jedem Fall: Sehnsucht ist der Widerstand gegen das Erlahmen. Leben wir aber schon in einer Welt, die das Erlahmen bereits fördert und die Sehnsucht gar nicht mehr aufkommen lässt? Andererseits: Ist das Planen und Vollziehen des Bösen auch eine Form von „umgelenkter Sehnsucht“?

Wird Gott als Ziel erreicht, „hat“ man „ihn“ in Formeln und Dogmen, ist eher der Abgott. Die Suche nach dem göttlichen Gott ist wichtiger, als Verlangen, Gott zu haben, zu besitzen etc…Dies ist heute noch in vielen Religionen Realität. Religionen fördern nicht das Fragen, nicht das Suchen, nicht die ständige Sehnsucht. Sie wollen Gehorsam und Stillstand. Darum ist aller Fundamentalismus und Dogmatismus ein Irrtum und eine Schaden für die Seele, weil die geistige Lebendigkeit gestört wird. Stille stehen kann nur sinnvoll sein als Unterbrechung einer Sehnsuchts/Frage-Bewegung.

Im Verlangen der Sehnsucht nach Gott, dem “tragenden Sinn” etc., ist das Gesuchte unthematisch schon (fragmentarisch) anwesend. Sehnsucht nach Gott lebt vom Vorverständnis des Göttlichen, das in uns ist. Der katholische Theologe und Philosoph Karl Rahner spricht von der Offenheit des Geistes für Gott. Also förmlich vom Vorverständnis „des“ Menschen von Gott. Es gibt dieses Ahnen, diese Vermutung: “Das muss doch etwas sein, das mehr ist als der banale Alltag. Weil wir dieses Darüber hinaus über den Alltag in uns haben, sind wir Wesen des Transzendierens“….

Thomas von Aquin, 14. Jahrhundert, sprach vom desiderium naturale, der natürlichen, also der allgemein menschlichen Sehnsucht nach Gott. Ist dies ein fremder Gedanke heute? Er will sagen: Der Mensch ist ständige Sehnsucht nach Sinn. So als, würden sich alle unterschiedlichen Sehnsüchte in einer großen zentrale Sehnsucht bündeln.

Der Begriff Vorverständnis ist die zentrale Kategorie in der Hermeneutik, in der Lehre vom verstehen, wie sie etwa Hans Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) entwickelt hat. Wir können uns nur fragend auf die vielen Phänomene der Welt einlassen, wenn wir immer schon eine Ahnung, ein noch unthematisches Verstehen der gesuchten Sache haben. Alles was wir kennen und lieben und wissen, das hat sich schon in einem Vorverständnis in uns vorgefunden. Die Frage: Gibt es noch das Neue, das „total Überraschende“? Sofern wir dieses „umwerfend Plötzliche“ verstehen und aussagen, ist es doch nicht total neu. Total Neues gibt es nicht, es gibt nur die Korrektur des Vorverständnisses….

Der kanadische Philosoph Carles Taylor, Montréal, sagt: „Man verkürzt heute das Nachdenken über den Menschen um den metaphysischen Hunger (ich sage: Sehnsucht). Dieser Hunger, diese Sehnsucht, nach etwas Größerem, Höherem, kurz nach Transzendenz kann die Ausrichtung eines Lebens gänzlich verändern. Es gibt das tiefe Unbehagen zu artikulieren gegen eine Welt, die sich selbst abschließt. Die tiefste Aufgabe der Philosophie ist, gegen die Verflachung der Welt vorzugehen“. (Interview in: Herder Korrespondenz, 20014, Seite 397.

Es ist interessant, dass Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, von den Leuten, die in den Orden aufgenommen werden wollte, vor allem verlangte: Ob sie eine Sehnsucht nach der Sehnsucht haben, sich auf Jesus Christus zu beziehen. Abgesehen davon: Sehr schön wird von der Sehnsucht nach der Sehnsucht gesprochen.

Im Stundenbuch von Rilke, Bd I, 1975, S. 294 lässt Rilke Gott zum Menschen sagen:

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinaus gesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand. (geschrieben am 4.10.1899 in Berlin-Schmargendorf !)

Ein Kommentar: Der Mensch soll Gott ein Gewand geben, das heißt der Mensch soll Gott sichtbar machen in der Welt. Aber Gott will, dass wir bis an den Rand unserer Sehnsucht gehen.

Heinrich Böll denkt an die Gebrochenheit des Menschen in der Welt und die Sehnsucht, dass der einzelne wahr – genommen wird und sagt: : „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise, klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe. Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht, erkannt zu werden, (also grundsätzlich bejaht zu werden CM) führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Zu Erich FROMM:

Der Mensch sucht danach, Machtlosigkeit, Verlorenheit, Isoliertsein zu überwinden. Er will sich zu Hause fühlen. Dies ist das Bedürfnis nach Bezogenheit und nach Transzendenz. Dies sind existentielle, psychische Bedürfnisse. Sie können sich als Sehnsucht äußern. Der Mensch hat physiologische Bedürfnisse und existentielle Bedürfnisse. Es gibt menschliche und unmenschliche Bedürfnisse.

Das Problem ist: Gibt es außer dem angeborenen Wunsch nach Freiheit auch eine instinktive Sehnsucht nach Unterwerfung? Und wenn es diese nicht gibt, wie ist dann die Anziehungskraft zu erklären, welche die Unterwerfung unter einen Führer heute auf so viele ausübt? Unterwirft man sich nur einer offenen Autorität, oder gibt es auch eine Unterwerfung unter internalisierte Autoritäten, wie die Pflicht oder das Gewissen, unter innere Zwänge oder anonyme Autoritäten wie die öffentliche Meinung?

Die politische Sehnsucht: Niemals darf die politische Dimension der Sehnsucht vergessen werden. Sie ist wohl die Basis aller Reflexionen zur Sehnsucht. Auch die Frühromantik hatte explizit progressive politische Ziele! Die Sehnsucht nach der besseren und gerechteren Gesellschaft (siehe Bloch) lebt immer auch von religiösen Motiven. Ohne die Sehnsucht nach einem besseren Leben würden die Verarmten in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas kaum überleben. Religionen, Kirchen, können diese revolutionäre Sehnsucht beruhigen und stilllegen! Stichwort: “Opium des Volkes“.

Die 300.000 Menschen etwa in den riesigen Slums von Nairobi, Kenia, die dort vom Land hin geflüchtet waren, haben die Sehnsucht nach der Heimat, ihrer Heimat, der Natur, bewahrt. Sie sehnen sich nach einem Leben außerhalb der Müllberge und der Krankheiten. Aber wahrscheinlich verhungern sie vorher schon im Dreck.

Diese total inhumanen Zustände weltweit, mit dem Schrei der Sehnsucht nach Menschenwürde und Menschenrechten, darf niemand vergessen, der sich hier im reichen Europa der schönen Sehnsucht in gemütlichen Weihnachtsstuben und dem Sing Sang von „Stille Nacht“ hingibt, und eben auch singt: „Alles schläft“… Aufwachen kann nur, wer Weihnachten aus dem eher regressiven und theologisch dumm machenden Sing Sang der Weihnachtssongs befreit und Weihnachten als Fest der Menschenrechte feiert. „Gott wird Mensch“, heißt es klassisch theologisch zu Weihnachten. Das heißt: Jeder Mensch ist von göttlichem, absoluten Wert! Daran müssen wir … politisch arbeiten. Die innere Kraft dazu, um es mal pathetisch zu sagen, finden Menschen, die sich an den vernünftigen Kern der Weihnachtserzählung halten, im Glauben, im Glauben daran, dass eine gerechte Welt möglich ist. Und dies kann man je mal denkend feiern, etwa am 25. 12. , ohne Regression, ohne das vom Konsumrausch verdorbene Trallala der banalen “Weihnachten”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwierigkeiten mit Weihnachten … und wie sie überwunden werden.

Hinweise von Christian Modehn am 18.12.2017

Meine schon früher, am 6.12.2017,  veröffentlichten Hinweise zu den theologischen und religiösen Schwierigkeiten mit Weihnachten haben einiges Interesse und einige Nachfragen gefunden.

Weihnachten wird ja auch heute von vielen, aufgrund von früherer Indoktination und volkstümlicher Frömmigkeit, gefördert durch die üblichen Weihnachtslieder, als „Kommen Gottes in die Welt“ verstanden: Also etwa so: Gott greift punktuell mal in die Welt ein und sendet seinen göttlichen Sohn in der Gestalt des Kindes in der Krippe usw. Ich nenne nur zwei Beispiele:

Im Gemeindebrief (Dezember 2017) einer katholischen Gemeinde in Berlin-Schöneberg schreibt der Pfarrer, ein Dr. theol.: „An einem Punkt in Raum und Zeit trat Gott selber als Kind in unsere Welt“. Die Frage ist: War er, Gott, vorher etwa nicht da? Eine angesehene ökumenische Zeitschrift stellt Ende 2017 die merkwürdige (ich meine: falsche) Frage: „Wie kommt Gott in die Welt?“ Und ein von mir eigentlich geschätzter Theologe gibt dann darauf eine knappe Antwort: „Durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes kommt Gott in die Welt“. Wieder dieses mysteriöse Geschehen, Gott kommt mal plötzlich in die Welt…

Ich möchte hingegen vorschlagen: Wer Weihnachten verstehen will als die Geburt des Jesus von Nazareth, muss nicht vom punktuellen Eingreifen Gottes in der Geschichte sprechen und nicht von einem datierbaren Wunder (etwa so: „unter Kaiser Augustus kommt Gott auf die Erde“). Vielmehr: Jesus von Nazareth ist deswegen ein bedeutender Mensch, weil er zur Menschheit und damit zur Welt gehört, die von Gott geschaffen ist. Das heißt: In der von Gott geschaffenen Welt und Menschheit ist Gott von Anbeginn anwesend. Darin hat der Philosoph Hegel recht und mit ihm ein breiter Strom der mystischen Philosophie wie Meister Eckart: Wenn die Welt von Gott her „stammt“, dann bleibt sie auch als Welt mit Gott eng verbunden, ist eins mit ihm. Eine völlig eigenständige Welt neben Gott wäre aber eine Art zweiter Gott. Das würde die Sache noch komplizierter machen…

Nur weil die Welt und die Menschheit mit Gott immer schon verbunden sind und mit ihm eins sind, also Gott selbst in Welt und Menschheit anwesend ist, kann es die bedeutende Gestalt Jesu von Nazareth geben, dem manche so hohe Qualitäten zusprechen, dass sie ihn „wunderbar“, „Retter“ nennen, sogar metaphorisch „göttlich“ finden. Göttlich wie gesagt in Anführungszeichen, denn Jesus von Nazareth IST nicht Gott. Seine Gestalt ist für viele so berührend, dass sie seinem Lebensentwurf folgen und in diesem Nachfolgen ihre persönliche Rettung, ihr Heil, sehen. Jesus von Nazareth ist also erlösendes Vorbild. Weihnachten ist dann nichts anderes als eine festliche Erinnerung an dieses Vorbild, dem man in der Praxis entsprechen kann und sollte. Tolle Lieder alter Art, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ oder „Stille Nacht“ usw. erscheinen dann bestenfalls als hübsche Unterhaltung, als kurze Flucht in angeblich heile Kinderwelten, diese Flucht mag ja verständlich sein bei der Frustration über diese Welt.

Der religiöse Zauber rund um Weihnachten hat nur Sinn, wenn er an das eine und das einzige Wunder erinnert: Dies ist die Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott. Und damit ist jeder und jede schon immer von Göttlichem berührt. Jesus von Nazareth erinnert nur uns nur an diese allgemeine spirituelle „Struktur“ von Welt und Menschheit. Dass es in der Welt de facto immer noch so trostlos aussieht, geht einzig zu Lasten der Menschen, die sich egoistisch verkrampfen und nicht in der Weite des Geistes leben, die etwa in der authentischen Lehre der Menschenrechte ausgesprochen wird.

Wenn man das klassische Bild von Weihnachten noch verwenden will, das da heißt „Gott wird Mensch“, dann bedeutet das in vernünftiger Sicht konkret: Gott „will“, dass wir die Menschenrechte respektieren und von egoistischer, nationalistischer Enge befreit leben. Insofern ist Weihnachten kein Fest der frömmelnden, aber eigentlich nicht mehr nachvollziehbaren Songs, sondern ein Fest der Menschenrechte und der „göttlichen“ Würde eines jeden Menschen. Das haben die Kirchen sehr sehr selten deutlich so gesagt. Und die Konsumwelt erstickt diese Erkenntnis, so dass sie beinahe verschwunden ist.

Zusammenfassend: Die Regression, das Absinken in kindliche Vorstellungen, dominiert zu Weihnachten also. Und daran sind die Kirchen selbst schuld, weil sie kein vernünftig nachvollziehbares Verstehen von Weihnachten anbieten, sondern, sorry, auf dummen Wiederholungen von seit Jahrzehnten bekannten mythologisch wirkenden Sprüchen und Liedchen verharren. Wer Weihnachten feiert, möge bitte das Denken abschalten, könnte die kirchliche Maxime heißen.

Welch ein Jammer, welch eine theologische Schande, wenn man bedenkt, wie viel Energie etwa der einst noch weltweit geschätzte katholische Theologe Karl Rahner SJ darauf verwendete um zu zeigen: Die Schöpfung, also das, was Theologen „Natur“ nennen, ist „immer schon“ von göttlicher Gnade umfangen. „Gott“ ist also auch für Rahner immer schon „in der Welt“. So auch der Titel der berühmten Rahner Festschrift. Und da zeigen sich universale Perspektiven: Gott ist immer schon lebendig in allen Menschen aller Religionen. Jesus von Nazareth offenbart „nur“ diese allgemeine und universale Struktur von Welt und Menschen. Das ist eine andere Perspektive, als diese dummen Songs „Leise reiselt der Schnee“ oder „O Tannenbaum“ uns vorgaukeln. Mit anderen Worten: Die Kirchen sind aufgrund ihrer Abwehr von vernünftiger, allgemein verständlicher Theologie schuld, dass Weihnachten total unter Niveau gefeiert wird. Das ließe sich ändern, wenn endlich Pfarrer und Prediger auf dem Niveau der Theologie predigen würden und nicht bequemer weise alte Sprüche wiederholen.

Was aber wäre gewonnen bei einer vernünftigen, geistvollen Deutung von Weihnachten? Die Menschen bräuchten nur noch an das eine und einzige (!) Wunder ihrer Existenz zu glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und in ihnen lebt. Dies wäre die Antwort auf die radikale philosophische Frage: „Warum ist überhaupt etwas und nicht viel mehr nichts?“

Das Ewige ist immer schon in uns und unter uns. Wir sollten der „göttlichen Bedeutung“ des Menschseins entsprechen, also die Menschenrechte realisieren. Das ist Weihnachten. Und das ist sehr politisch, man denke an die Abweisung der Flüchtlinge aus nationalistischem und egoistischem Wahn der reichen Europäer, die sich einmauern. Das ist allerdings schwieriger, als Stille Nacht zu singen.

Meditative Momente der Schönheit und Ruhe ergeben sich allerdings in der neuen Deutung von Weihnachten wie selbst. Es sind Augenblicke der Herzlichkeit, des Verstehens, des Zuhörens, des gemeinsamen Speisens in Ruhe, der Runde der Freundschaft mit Fremden und Flüchtlingen, des reifen Umgangs mit sich und anderen. Das wäre Gottesdienst. Es ist das Erlebnis von Kunst, die diesen Namen verdient und vielleicht auch das leise Summen von Liedern, die schön und ohne Banalität den Widerschein des Ewigen spürbar machen. Vielleicht ist es Schubert, Vielleicht Leonhard Cohen? Vielleicht Jazz? Jeder hat seine Musik der Stille zur Weihnacht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auf der Suche nach dem verlorenen Gott: Religiöse Fragen französischer SchriftstellerINNen von heute

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2017.

Am Ende dieses Beitrags befindet sich ein wichtiger Hinweis auf die Arbeiten des Theologen Jean – Pierre Jossua, Paris, zur religiösen Bedeutung der Poesie.

Der weltanschauliche Pluralismus in Frankreich ist „bunter“ als in anderen Ländern. In jeder Religion gibt es zudem noch eine große innere Vielfalt. Das gilt auch für den Katholizismus, zu dem sich heute nicht einmal mehr die Hälfte aller Franzosen bekennt. Diese Pluralität gilt für den Islam und die ebenfalls zahlenmäßig starken Religionen Judentum und Buddhismus. Jeder zweite Franzose nennt sich „agnostisch“, unentschieden im Ja oder Nein zu Gott. Das gilt für viele Schriftsteller. Die Gottesfrage ist für sie zwar nicht ganz tot, aber entscheidend ist die Freiheit, das Passende aus religiösen Traditionen auszuwählen. Religionssoziologen urteilen: Franzosen „basteln“ ihre eigene Spiritualität. Die Übersichtlichkeit von einst ist vorbei.

Bis 1960 standen „die“ katholischen Autoren, Mauriac, Bernanos, Mounier, Marcel, „den“ atheistischen Schriftstellern Sartre, de Beauvoir, Gide, Génet gegenüber.

Dabei waren katholischen Autoren nicht immer, wie Léon Bloy, treue Verteidiger der Kirchenlehre: Der ursprünglich extrem konservative George Bernanos entwickelte sich zum heftigen Kritiker der spanischen Kirche wegen ihrer Verquickung mit dem Franco-Regime. Es gab weltanschauliche Polemik, aber es wurden auch Brücken gebaut: Die katholische Kulturzeitschrift ESPRIT förderte in den dreißiger Jahren Debatten mit Atheisten. Katholische Autoren wie Paul Claudel wurden (und werden!) auf den großen Bühnen gespielt. Claudel trat in die Öffentlichkeit, als er von seiner plötzlichen Bekehrung in der Kathedrale Notre Dame berichtete.

Auch heute sind öffentliche Bekenntnisse zur eigenen Spiritualität unter Frankreichs Autoren beliebt. Sie sorgen dafür, dass religiöses Fragen und Suchen die Gesellschaft beleben. Jetzt bekennt der umstrittene Autor Michel Houellebecq: Seit jungen Jahren sei für ihn die Philosophie Schopenhauers maßgeblich, diese buddhistisch inspirierte Zustimmung zum leidvollen Leben. Dabei freut sich Houellebecq aber doch, dass sein „Meister“ „die kleinen Momente unvorhergesehenen Glücks, die kleinen Wunder, schätzte“. An Wunderbares glaubt Houellebecq ohnehin: „Ich habe eine Vorstellung von Religion, die der Magie nahe steht. Das Wunder beeindruckt mich“, sagte er 2015 der katholischen Zeitung „La Vie“. Anläßlich seines Romans „Unterwerfung“ habe er den Koran gelesen: Er bekennt: „Nur die Djihadisten sind es, die eine Islamphobie provozieren“.Houellebecq lehnt ausdrücklich den Atheismus ab und bekennt sich zum Agnostizismus. Das schließt sein Interesse für den Katholizismus wiederum nicht aus: Im Dezember 2013 lebte er für ein paar Tage als Gast im Benediktiner – Kloster in Ligugé bei Poitiers: Und freute sich, dass die Mönche ihn gern aufnahmen! In der Tageszeitung „Le Monde“ betonten sie sogar, mit welcher Begeisterung sie die Romane Houellbecqs lesen. Denn dieses spiegeln die Suchbewegungen der französischen Gesellschaft.

Im Kloster Ligugé lebt ein Mönch, der als Schriftsteller und Poet einen guten Ruf hat: Dabei ist Pater Francois Cassingena – Trévedy auch Historiker, Theologe und Komponist. Seine Gedichtssammlungen haben den Titel „Etincelles“ (Funken): „Ich bin überzeugt: In jedem Menschen gibt es etwas Hervorragendes, das man dringend bewahren muss. Der Poet berührt das Mysterium. Er bringt es zur Sprache, er gibt der Sprache die wahre Größe wieder“. Aber im Unterschied zu Houellebecq ist der Dichter- Mönch nicht an der „Unterwerfung“, sondern am Ungehorsam interessiert: „Der wahre Aufstand ist der fundamentale Widerstand gegen Lügen, Idole, Moden… Der Widerstand gegen alles, was in uns verhindert, das Wehen des Geistes, das Licht, den Blick in die Weite zuzulassen.“.

In eine neue Weite des Denkens gelangen, bei der auch christliche Spiritualität Orientierung bietet: Daran arbeitet jetzt der Schriftsteller Emmanuel Carrère: Er hat den viel beachteten Rom „Das Reich Gottes“ verfasst, eine Auseinandersetzung mit dem frühen Christentum als aktuelle Frage, was die damals propagierten Werte heute bedeuten können: „Einst war ich gläubig“, bekennt Carrère, „ich habe aber ein Verkümmern des Glaubens erlebt. An die Auferstehung kann ich heute nicht mehr glauben. Aber allein, dass es Jesus gibt, ist mir jetzt wichtig. In seinem Sinne erhalten die Armen und Schwachen einen privilegierten Zugang zum Reich Gottes“. Entscheidend ist für ihn: „Das Buch Reich Gottes ist vielleicht noch nicht beendet, die Suchbewegung geht weiter“.

An dem Menschen Jesus ist auch der in Deutschland bekannte Poet Yves Bonnefoy interessiert. Für ihn hat Jesus völlig Anteil an der Endlichkeit des Menschen, die Auferstehung kann Bonnefoy nur abweisen. Denn jede Vorstellung einer Verzauberung der Welt oder von einem Jenseits ist eine Art Entfremdung. Bonnefoy will das einfache Leben ohne Illusionen zu Wort bringen. Religiöse Dogmen dürfen nicht im öffentlichen Leben bestimmend sein. Darin ist er ein typischer Verteidiger der französischen laicité, der Trennung von Religionen und Staat.

Einige Schriftsteller beziehen sich noch auf christliche Traditionen, übertragen sie aber in eine weltliche Lebenspraxis: Zum Beispiel: Jean Christoph Rufin. Er ist ein viel gelesener Autor, Mitglied der berühmten Académie Francaise, er arbeitete als Arzt und Menschenrechtsaktivist. Nun hat er sich als überzeugter Agnostiker aufs Pilgern eingelassen, bis nach Santiago de Compostela war er unterwegs: Darüber hat er ein bewegendes, persönliches Buch geschrieben: „Der Jacobsweg entfernte mich spirituell von unwichtigen Dingen, um zum Wesentlichen zu kommen. Ich wollte dem Leben, nicht den beruflichen Verpflichtungen die Priorität geben. Aber mit meinem Buch will ich kein konfessionelles Bekenntnis abgeben.“ Trotzdem muss er eingestehen, dass Spiritualität sein Thema als Schriftsteller wohl werden könnte. Ein schwacher Hinweis für einen möglichen, neuen Glauben.

Heftiger Antiklerikalismus hingegen ist im heutigen Frankreich eher unter Philosophen zu finden, etwa bei Michel Onfray. Aber auch für die viel gelesene Schriftstellerin Virginie Despentes ist heftige Kirchenkritikerin üblich, ihr Eintreten für weitestgehende sexuelle Freizügigkeit ist mit kirchlicher Moral schwer vereinbar. Man denke etwa an ihre Romane „Baise moi“ oder „Das Leben des Vernon Subutex“.

Einen ganz anderen Schwerpunkt hat sich die auch in Deutschland bekannte Theater – Autorin Veronique Olmi in ihrem neuesten Roman vorgenommen: Sie erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Nonne: In ihrem Roman „Bakhita“ schildert sie das Leben einer, um 1860 geborenen, Sklavin aus dem Sudan: Gequält, vergewaltigt, wie ein Stück Vieh behandelt, hat Bakhita ihre inneren Widerstandsreserven entwickelt: Sie landet noch als Sklavin in Italien, wird befeit und tritt in Venedig in ein Kloster ein: Die Güte und Freundlichkeit der „schwarzen Nonne“ war so überwältigend, dass Bakhita im Jahr 2000 heilig gesprochen wurde. Veronique Olmi bekennt, in einer „sehr katholischen und bürgerlichen Familie groß geworden zu sein. Als junge Frau hat sie sich von der Kirche getrennt. Dann aber begegnet sie dieser ungewöhnlichen Bakhita: „Wo kommt bei der Frau dieses Licht her? Wie kann sie soviel Güte entwickeln bei all dem Leiden. Ihr innerer Widerstand bleibt ein Mysterium

Was mich beim Schreiben des Romans nicht verlassen hat: Ich fühle mich förmlich von dieser Frau beschützt…Diese meine Erfahrung ist noch zerbrechlich…“, bekennt Veronique Olmi. Der Roman hat im September 2017 den Preis des weltweiten Kulturkaufhauses FNAC erhalten.

Die Bindungen muslimischer SchriftstellerInnen in Frankreich (sie stammen oft aus Algerien oder Marokko) an „den“ Islam sind immer kritisch und gebrochen. Leíla Slimani, geboren 1981 in Marokko, hat schon als junge Autorin den hoch angesehenen Goncourt – Preis erhalten. Ihre Stimme wird gehört, zumal sie jetzt über die vielfachen Gründe der sexuellen Unterdrückung, vor allem der Frauen in Marokko, publiziert: Seit 21 Jahren lebt Slimani in Paris. Sie weiß von dem Problem, dass Islam – Kritik von rechtsextremer Seite missbraucht werden könnte. Dennoch fordert sie lautstark die Befreiung der Frauen im Sinne der universalen Menschenrechte, betont allerdings: Die Übermacht der Männer in Marokko sei nicht allein nur dem Islam zuzuschreiben, vielmehr hätte die europäische Kolonialherrschaft diese Macho – Tendenzen verstärkt.

Herrschaft und Brutalität in menschlichen Beziehungen legt unermüdlich Yasmina Reza frei, auch in ihrem neuen Roman mit dem durchaus bezeichnenden Titel „Babylon“: Die „gut“-bürgerlichen Ehen erscheinen als Beziehungen der Lüge. Bei den geringsten Anlässen kann das Wertegefüge zerbrechen. Diese Menschen erscheinen bei Reza als abgründige Wesen, sie entsprechen der üblichen Vorstellung von Babylon, dem Symbol für Verwirrung und Sittenlosigkeit. Mit der Erinnerung an Babylon als dem Nein zu einer göttlich gewollten menschlichen Welt werden letzte Reste einer biblisch geprägten Kultur noch von Ferne beschworen. Aber Religion, Gott, Glaube sind nur als beinahe unerreichbare „Hoffnungsfunken“ zu ahnen.

 

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Poesie als Weg zu Gott

Die ungewöhnlichen Studien des katholischen Theologen Jean-Pierre Jossua, Paris

 Ein französischer Theologe hat sich sein ganzes Leben mit der Suche nach dem Unendlichen, Sinnvollen, vielleicht auch Göttlichen in der modernen Literatur befasst: Das machen viele Theologen. Der Dominikaner Pater Jean – Pierre Jossua (Jahrgang 1930) ist ein ganz besonderer Theologe, der leider in Deutschland weithin unbekannt ist: Pater Jossua ist Dialogpartner für Dichter und Schriftsteller, etwa Yves Bonnefoy. Er will sie nicht belehren, sondern das Gesagte verstehen und das Ungesagte entziffern.

Zahlreiche große Studien sind Ausdruck dieser Haltung. Pater Jossua betont: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“.

Von den zahlreichen Studien Jossuas soll hier nur erwähnt werden: „La passion de l infini: Littérature et théologie“. Nouvelles recherches. Paris 2011, Editions du Cerf.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Dieser Beitrag wurde im Oktober 2017 in leicht verkürzter Form in “PUBLIK FORUM” veröffentlicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Wahre Meisterwerte”: Ein Salonabend mit Wolfgang Ullrich

Am Freitag, den 26. Januar 2018, wird Dr. Wolfgang Ullrich in unserem Salon sein und mit uns vor allem über sein neuestes Buch “Wahre Meisterwerte” zu sprechen. Diese Veranstaltung ist ausgebucht, das heißt: Es stehen keine Plätze mehr zur Verfügung. Wer sich schriftlich angemeldet hat, ist selbstverständlich willkommen…

Das neue Buch von Wolfgang Ullrich hat den Untertitel “Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur”, es ist im Wagenbach Verlag erschienen. Wolfgang Ullrich (Leipzig) ist einer der bedeutendsten Kunsthistoriker, auch Kritiker zeitgenössischer Kunst, er ist Philosoph. Seine zahlreichen Bücher zu den Themen finden weithin viel Beachtung. Wir treffen uns um 19 Uhr in der Kunstgalerie Fantom, Hektorstr. 9. Einige Hinweise zum Buch lesen Sie hier.

Zu der Veranstaltung ist – wegen der begrenzten Anzahl der Plätze  – eine schriftliche Anmeldung NOTWENDIG, mail an: christian.modehn@berlin.de   Der “Eintrittspreis” beträgt für diese Veranstaltung 8 Euro. Übliche Ermäßigungen möglich.

 

Weihnachtliche Leerformeln: Erlösung, Heil und Rettung…

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Weihnachten hat doch irgendetwas mit dem Christentum zu tun“: Mit diesem Satz formulieren die meisten Menschen in Europa, so Umfrageergebnisse, ihre Antwort auf die Frage: „Was denn nun eigentlich am 24. Dezember oder 25. Dezember gefeiert wird?“. Man gestaltet also ein Fest, dessen Anlass und Inhalt man nicht kennt. Kann man den Menschen, oft noch Kirchenmitgliedern, Vorwürfe machen, dass sie so wenig wissen von Weihnachten? Dass sie zwar manchmal noch an Heiligabend in den Kirchen die uralten Lieder singen mit dem Inhalt „Christ, der Retter ist da“ usw.. Aber es bleibt wohl nur eine ferne diffuse Sehnsucht nach einem Retter, der möglicherweise – wie ein anderes Lied bekennt – aus Himmelshöhen herab auf Erden gekommen ist. Dabei hat das Weihnachts-Fest mehr zu bieten als diffuse Gefühle, wenn man denn die Geburt dieses Jesus von Nazareth als Geburt eines “erlösenden Vorbilds” betrachtet.

Die Frage darf philosophisch und theologisch nicht verdrängt werden : Bricht mit Weihnachten die Erlösung an und das endgültige Heil? Hat das „Heils“ – Versprechen des christlichen Glaubens irgendetwas mit der Erfahrung der Menschen in der Welt zu tun?

Blicken wir um uns und in die Welt: Wo bitte ist da Erlösung sichtbar und spürbar? Herrscht nicht allgemeine Unvernunft? Sind denn nicht so viele Politiker und Wirtschaftsbosse kaum noch zurechnungsfähig?

Dass so viele, selbst ursprünglich noch kirchlich gebildete Menschen dann nicht wissen und vor allem nicht innerlich erfahren, was Weihnachten heißt, ist meines Erachtens Schuld der Kirchen. Sie haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte die Bilder der alten Weihnachtslieder und Weihnachtsmythen in den Evangelien einfach so stehen lassen und sie in den Predigten dann nur nacherzählt, ohne diese Mythen zu entmythologisieren. Entmythologisieren bedeutet ja bekanntlich: Den (kleinen) wahren und gültigen Kern der Weihnachtsmythen in nachvollziehbarer, allgemeiner und deswegen vernünftiger Sprache auszusagen.

Was wäre ein allgemeiner, vernünftiger Kern des Weihnachtsfest: Jesus von Nazareth ist als Mensch Inspiration und Vorbild für die eigene Lebensgestaltung. Seine Botschaft: Lebe selbst dein Leben, lass es nicht von anderen gelebt werden. Überprüfe Gesetze und Vorschriften, ob sie dem sinnvollen Lebensentwurf in Freiheit entsprechen. Und vor allem: Lebe die Liebe, zu dir, deinen Nächsten, liebe die Welt, sie ist erhaltenswert und liebe den Sinn deines Lebens. Darin kann sich das Göttliche zeigen. Dann werden Momente der Befreiung, der “Rettung”, erfahrbar, dann ist Weihnachten nicht mehr eine leere Behauptung von Erlösung.

Jesus von Nazareth nahm für diesen Lebensentwurf in Freiheit und Gehorsam nur dem eigenen Gewissen gegenüber (darin hörte er die Sprache des Unendlichen, Gottes) sogar in Kauf, zu scheitern, also getötet zu werden von Menschen, die absolut an unsinnige Gesetze und Vorschriften gebunden waren. Darin ist sein qualvoller Tod doch irgendwie noch ähnlich zum gesammelten, eher friedvollen Tod des Sokrates.

Diesen Jesus als inspirierendes Vorbild gilt es Weihnachten zu feiern.

Vergessen sind die mittelalterlichen hoch komplizierten, von Theologen konstruierten Lehren, Jesus sei gekommen, um Gott Vater mit der heillos sündigen Menschheit zu versöhnen, indem er sich am Kreuz abschlachten lässt. Wenn diese Idee stimmt und die Versöhnung durch den Tod Jesu tatsächlich objektiv stattgefunden hat, dann „müssten die Christen mindestens erlöster aussehen“, wie Nietzsche sagte. Diese Versöhnungs-Theorie ist graue Theorie, die niemanden bewegt. Denn angeblich, so diese „ontologische These“, ist ja das Entscheidende objektiv, sozusagen göttlich, geschehen. Was muss da der Mensch noch tun?

Ist hingegen Jesus ein Vorbild von humanen und gerechten Lebensentwürfen, dann sind der einzelne und die Gemeinschaft in der tätigen Praxis gefordert. Dies ist keine Last. Sondern ein freier Lebensvollzug! Da wird es in dem Sinne absolut wichtig, sozusagen vom Göttlichen (im Gewissensspruch) so gewollt, dass die Menschenrechte respektiert werden, dass eine Kultur des Respektes entsteht, der Achtsamkeit für die eigene Seele und die Seele der anderen. Und natürlich für den “Leib”, also für die menschenwürdige Existenz in einer Gesellschaft, die den Namen Demokratie tatsächlich verdient. Mit Jesus von Nazareth wird förmlich der Blick in eine humane Gegenkultur eröffnet, jenseits von Gier, Effektivitäts – Zwängen, Unruhe und blinder Herrschaft. Diese moderne Gesellschaft nannte Hegel den „Atheismus der sittlichen Welt“, also den Atheismus, der in Gesetz und Brauchtum sich verfestigt hat und keine Öffnung auf Transzendenz mehr zulässt….

Das wäre im richtigen Sinne Weihnachten bzw. eine religiöse und kirchliche Weihnachtsfeier: Menschen aller denkbaren humanen Weltanschauungen im Sinne der Menschenrechte, kommen zu einer Feier zusammen und sprechen über ihr Leben. Sie feiern, tanzen, singen, speisen, trinken. Hören Musik und Poesie, eben auch Geschichten aus der Bibel. Und verpflichten sich, bei einer späteren Feier Weiteres zu bedenken, auch auf einen politischen Weg zu kommen im Sinne einer ökologisch lebensfähigen fairen Welt…In jedem Fall wäre zu bedenken: Dass Jesus von Nazareth aus einem grenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Lebens lebte, dass er die Erfahrung machen konnte und weitergeben wollte: Bedenkt, dass wir Menschen „immer schon“ in einem alles gründenden, nicht zu umgreifenden Sinn-Horizont leben. Man könnte dies eine Form von metaphysischer Geborgenheit nennen. Sie hat nichts mit Weltflucht zu tun. Diese Sinnerfahrung sich selbst und anderen zu erschließen, ist wohl das, was Weihnachten unter Erlösung und Rettung verstehen sollte.

Aber diese neue “Weihnachts – Praxis” wird auch in diesem Jahr zu Weihnachten nicht stattfinden. Die Kirchen und ihre Pfarrer können sich zu keiner Unterbrechung der üblichen Weihnachtsfestivitäten, mysteriösen Liedern und Gottesdiensten entscheiden. Ein Freund sagte mir treffend: “Das ist alles theatralisches Trallala. Das ist gepflegte Regression”. Die Kirchen fürchten halt, die Leute treten bei radikalen Neuansätzen aus der Kirche aus und zahlen nicht mehr für die Fortsetzung des üblichen Kirchenbetriebes.

Also weiter so, selbst wenn sogar viele Gottesdienstteilnehmer dann immer noch nicht wissen, wo denn nun diese verheißene Erlösung spürbar ist. Da komme mir keiner mit dem Hinweis, zu Weihnachten werde die Befreiung von der Erbsünde als Tat der Erlösung gefeiert. Diese Erbsündenlehre ist, das sagen Religionswissenschaftler und Historiker, eine kirchliche Ideologie, sie wurde von Augustinus mit Macht durchgesetzt, um den Menschen Angst und Schrecken einzujagen und um den Zwang zu untermauern, dass alle Menschen getauft, d.h. missioniert bzw. kolonisiert werden müssen. An die Befreiung von der Erbsünde glaubt Gott sei Dank fast niemand mehr, auch nicht zu Weihnachten. Das Böse in dieser Welt muss allein durch den Egoismus der Menschen erklärt werden, nicht mit Adam und Eva… Da heißt ja auch, dass sich jeder Mensch auch als fehlerhafter und schuldhafter Mensch begreift. Aber dazu braucht man keine Ideologie der Erbsünde…

Zurück zum Weihnachtsfest bzw. jetzt wohl nur noch Weihnachts – Kommerz -Trubel: Die Menschen brauchen offenbar die Regression in naive kindliche Welten, sie brauchen das Lametta, das „O du fröhliche“ (wer kann da fröhlich sein angesichts von Trump und Co ?), „Leise rieselt der Schnee“ und „Still und starr liegt der See“ (könnte auch eine Horrormeldung sein, man denke an den sehr stillen und starren ökologisch vernichteten Aral-See). Aber wo sind die Grenzen der Regression? Wann wird religiöse Regression zum betäubenden Opium? Brauchen wir Opium, um diese Welt zu ertragen? Warum vertrauen wir der Vernunft nichts mehr zu?

Aber, wie gesagt, Weihnachten hätte Sinn, wenn man sich auf die elementare Erfahrung allein und gemeinsam bezieht: Jesus von Nazareth als inspirierendes Vorbild kann wie ein Gottesgeschenk gelten. Er öffnet den Weg in ein Leben, das zum Sein führt und das Haben verhindert, um einmal die bekannten Begriffe von Erich Fromm zu gebrauchen. Nebenbei: Es gibt freilich noch andere inspirierende Vorbilder in der Religionsgeschichte und Kulturgeschichte. Aber zu Weihnachten denken wir nun einmal an den Menschen Jesus von Nazareth.

PS: Es wäre zynisch zu meinen, dass sich Rettung und Erlösung an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen sozusagen in der übertriebenen und kaum zu bremsenden bürgerlichen Festtagsfreude abspielen. Weihnachten wäre dann ein Fest, das die Begüterten an drei Tagen besonders glücklich macht und die vielen anderen leer ausgehen lässt. Das ist zwar die Situation unserer Welt heute. Aber so muss es ja nicht bleiben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Über den Fortschritt: Vieles muss besser werden

Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn. NDR Kultur. Reihe “Glaubenssachen”. Am Sonntag, den 21. 1. 2018, um 8.40 Uhr.

Um diesen Beitrag zu lesen oder zu hören, klicken Sie hier.

Keine Errungenschaft der Neuzeit wird so heftig kritisiert wie der Fortschritt. Er wird, als totale Herrschaft von Technik und Bürokratie einseitig verstanden, von einigen Philosophen als Niedergang umfassender Menschlichkeit gedeutet. Tatsächlich aber ist entscheidend die Frage: In welcher Hinsicht ist denn etwas besser geworden? Die medizinische Versorgung der Menschheit z.B. ist zwar nicht pauschal besser geworden, wohl aber in vielen einzelnen Bereichen. Und wer fände den Einsatz für einen Fortschritt in der Friedenspolitik abwegig? Religiöse Menschen wünschen sich weitere Reformen, also Fortschritt, in der theologischen Forschung und kirchlichen Organisation.

 

Wir gehören “zu den besten Berliner Salons”

Darf man sich auch mal freuen? Das bekannte und bewährte Berliner Stadtmagazin Tip zählt in seinem Beitrag von Eva Apraku auch unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon zu den “besten Berliner Salons”: Unsere  10 jährige Arbeit hat bisher noch kein philosophisches “Medium” gewürdigt, ein theologisches schon gar nicht, wegen unserer Religionskritik. Und dabei sind wir der Meinung: Lieber 10 philosophische Salons in der Stadt als überschaubare Treffunkte und DIALOG Räume intellektuellen Austauschs zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen …. in völliger Gleichberechtigung als… drei große kirchliche Akademien, diese machtvollen, offiziellen Institutionen… Zur Lektüre des ganzen Beitrags im TIP klicken Sie hier.

Wir brauchen mehr Gesprächs-Salons. Nicht riesige zentrale Kulturzentren!

Im Zusammenhang unserer Plädoyers für mehr Gesprächs-Salons in den großen Städten muss an ein Wort des Kulturwissenschaftlers und Museum – “Machers” Martin Roth (kürzlich leider verstorben) erinnert werden. In “DIE ZEIT” vom 6. Oktober 2016, Seite 44, “träumte” Roth von einem “populären intellektuellen Schwergewicht” des 21. Jahrhunderts. Und dieser Wunsch, diese Idee, dieser Traum von Martin Roth führte zu einer Kritik an den heute immer üblicher werdenden, fast nur der Repräsentation geltenden kulturellen Großprojekten in der City der Metropolen. Roth fordert mehr kleine, überschaubare Gesprächszentren in den Stadtteilen, man könnte sie Salons nennen. Roth schreibt 2016: “Anstatt das Humboldt Forum in Berlin zum Schönefeld der Kultur (gemeint ist der völlig gescheiterte Flughafen Schönefeld in Berlin) werden zu lassen, könnte man mit den dort bisher weitgehend konzeptlos verbauten Betonmillionen überall in Deutschland ZENTREN FÜR EINE OFFENE und DEMOKRATISCHE KULTUR unterstützen – das wäre zugegeben etwas weniger im Sinne der Gebrüder Humboldt, dafür mehr im Sinne von Popper und Habermas”. Ist dies nicht das Vermächtnis von Martin Roth???

Kultur ist heute zum “Kulturbetrieb” geworden, zur Show, zum gut bürgerlichen Pflichtprogramm in riesigen teuren Sälen etc. Zum tausendsten Mal also Don Giovanni und Wagner …. und eben nicht regelmäßige Debatten in 100 kleinen philosophischen Salons, Gespräche der Bürger über Demokratie, über Ethik, Korruption, Religion usw. Dieses Basis-  Kultur ist marginal, auch in Deutschland… Wenn wenigstens noch jemand auf die Idee käme, ein “Haus der Philosophie” in den Metropolen zu errichten. Literaturhäuser gibt es ja schon….Ein Haus der Philosophie muss ja nicht riesig groß sein. Vielleicht ein Zelt?

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vanitas, Eitelkeit, Nichtigkeit, Sterblichkeit, Tod.

Vanitas – Vorschläge für eine Orinetierung im Leben und Sterben.

Von Christian Modehn. Diese Thesen wurden im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24.11.2017 diskutiert.

 

  1. Unter Vanitas verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit, Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens, auch Endlichkeit, dem Tod ausgesetzt sein.

 

  1. Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

 

  1. Die Totenköpfe sind eine Mahnung, an den Tod zu denken. Uns geht es philosophisch um dieses, auf die Existenz des Menschen bezogene Thema.

 

  1. Vanitas wird in der Literatur bedeutungsvoll Thema im alttestamentlichen Buch Kohelet („Der Prediger Salomos). Dies ist kein nihilistisches Buch.

 

  1. Vanitas hat nichts mit dem epikuräischen „Carpe Diem“ (Horaz) zu tun: „Genießen wir heute, denn morgen könnte alles vorbei sein“. Epikur selbst wehrte sich gegen maßloses Genießen!

 

  1. Vanitas zeigt: Wir leben heute in einer Zeit der totalen Banalisierung des Todes in der Öffentlichkeit, in den Medien, siehe das Unberührtsein angesichts des massenhaften Mordens weltweit.

 

  1. Vanitas sagt: Ich werde sterben. Es geht um meinen Tod. Siehe das Bild „Die Gatten Burgkmeier“…

 

  1. Vanitas hat es mit dem totalen Verfall der Leiblichkeit zu tun. Bleiben nur die Knochen? Was bleibt nach dem Tod, nach meinem Tod? Such der gepflegte Leib der Reichen vermodert.

 

  1. Vanitas ist eine Herausforderung: Wie gestalte ich mein Leben? Und will keine Verdrängung des Todes, meines Todes

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Der will –angesichts der Skelette und Totenschädel- nur noch den Frieden..

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, will mit dem Verklammertsein an die vielen Dingen („Haben“ im Sinne von Erich Fromm) aufhören.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, stellt sich der schweren, niemals „wissenschaftlich“ zu „lösenden“ Frage: Was ist nach dem Tod, nach meinem Tod. Dies ist wahrscheinlich eine europäische Frage, Buddhisten fragen anders. Aber wir sind nun einmal in den europäischen Kulturen verwurzelt.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Kann natürlich sagen und sich daran halten: „Ich komme als Mensch aus dem Nichts. Und ich gehe ins Nichts. Ich versinke und verschwinde“ Manche sagen: „Ende aus, basta“. Siehe etwa die seriöse vorgetragene Position von Norberto Bobbio, „Vom Alter“. Diese Position ist eine Haltung, die Respekt verdient und durchaus mit Argumenten auskommt, letztlich aber auf der zentralen These beruht: Es gibt keine Schöpfung. Alles ist Zufall…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann philosophisch auch erkennen: Ich bin als Mensch ein geschaffenes Wesen. Es gibt so etwas wie eine Schöpfung der Welt und damit der Menschen. Schöpfung ist ein Bild, kein umfassendes naturrechtliches Konzept wie in der Kathol. Kirche, sondern ein Bild, um das Gegebensein der Welt philosophisch zu verstehen. Eine Antwort auf:“Warum ist überhaupt etwas, und nicht viel mehr Nichts?“

 

  1. Wenn Schöpfung, dann gibt es also auch die Vorstellung von „Gott“. Wenn diese Welt von Gott gewollt ist, dann ist diese Welt eine ENDLICHE (und das heißt immer eine unvollkommene !) Welt. Dann hat aber jeder Mensch an der göttlichen Schöpfung Anteil. Diese Haltung kann egozentrisch missverstanden werden, ist sie aber nicht: Weil alle Detailbehauptungen über das „Wie“ eines postmortalen Lebens völlig offen bleiben. Philosophische Metaphysik ist in der Hinsicht bescheiden. Aber sie lehnt die Position des „Ende, Aus und basta“ mit Gründen ab.

 

  1. Ein Ausweg wäre die Bindung an die Natur und den Naturkreislauf: Wie die Blätter auf die Erde fallen, so werde auch ich einst fallen und auch zertreten werden und kehre in Erdreich zurück…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann natürlich alle denkbaren, auch spinösen Positionen vertreten. Philosophisch gesehen hat die Vanitas Debatte nur Sinn, wenn es im Leben selbst (!) Anhaltspunkte gibt für eine kritisch reflektierte Vanitas – Position. Also auch im Leben selbst Anhaltspunkte für ein Leben über den Tod hinaus. Alles andere wäre aufgesetzte Behauptung. Hier zeigt Philosophie ihre spekulative Stärke. Philosophie ist Geistphilosophie.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, könnte etwa mit dem Dichter Heinrich Böll sagen: „Ich als Mensch gehöre nicht ganz der Welt“, bin also woanderes „zu Hause“.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, sucht zur Frage: Ein „Leben“ nach dem Tode, eher die poetische Sprache für seine Argumente. Siehe Albert Camus.

 

  1. Siehe auch Ludwig Wittgenstein in seiner Erkenntnis, dass wir im Erleben der qualifizierten Gegenwart in die Ewigkeit eintreten. So ähnlich auch Meister Eckart.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt als Philosoph, übernimmt die Haltung des Philosophen Hegel in der Hinsicht (!): Der Geist des Menschen hat sich „abzuarbeiten“ an der Endlichkeit, am „Nichts“, aber der Geist zeigt sich dabei als der stärkere gegenüber dem Negativen. Der menschliche Geist hat Anteil am unendlichen (göttlichen, absoluten) Geist (siehe Eckart usw.).

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, weiß, dass der Tod, der Tod eines jeden, „prinzipiell“von Gott als dem Schöpfer dieser Welt, gewollt ist. Der Tod ist kein Übel, etwas zu Bekämpfendes, sondern ein Übergang.

 

  1. Wer diese Vanitas Vorstellung ernst nimmt, weiß: Die meisten Menschen haben keine Chancen auf einen selbst bestimmten Tod. Dies ist die Schuld anderer Menschen, der Strukturen, der Kriege, der Gesetze gegen das frei gewählte Sterben. Diese frustrierende Erfahrung kann nicht einem Gott angelastet werden. Sie ist Ausdruck des Egoismus der Menschen. Dass die Natur oft Unglück erzeugt (Erdbeben), ist Ausdruck dafür, dass auch die Natur zur endlichen und begrenztenWelt gehört. Wie der Mensch eben auch endlich ist.

 

  1. Vanitas ist eine Einübung in die reflektierte Annahme der Endlichkeit. Und die Aufforderung, das Sterben der Menschen menschlich und selbstbestimmt zu gestalten.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

“Alles ist vergänglich, sterblich”: “Vanitas” – ein aktuelles Thema

Von Christian Modehn. Diese Hinweise waren bestimmt für den Dialog im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24.11.2017

Unter „Vanitas“ verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit von allem; also Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens. Leiden an der Endlichkeit, absolut sicher dem eigenen Tod-Ausgesetzt sein.

Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

Meine zentrale These: Die Auseinandersetzung mit den Vanitas-Darstellungen könnte uns von der heute üblichen Trivialisierung des Todes befreien und zum Bedenken des eigenen Todes führen.

Ich will jetzt keine langen Zahlenreihen und Statistiken präsentieren über die Toten, die uns aktuell oder im ganzen 20. Jahrhundert umgeben: 34.000 Ertrunkene oder Verdurstete Flüchtlinge auf der Flucht über das Mittelmeer. Berge von Leichen in Bosnien Herzegowina. 7 Millionen Tote im Bürgerkrieg im Osten Kongos. 6 Millionen ermordete Juden. Völkermord größten Umfangs unter Stalin, Völkermord unter Mao, Völkermord in Kambodscha, Völkermord an den indianischen Völkern durch brasilianische und internationale Konzerne usw.

Die Reaktionen der meisten Menschen hierzulande ist: Abgestumpft leben gegenüber dem Tod. Wer noch lebt und in Europa meistens relativ gut lebt, sagt: „Hurra, ich lebe noch“… Tot sind immer die anderen. Die Verdrängung scheint absolut zu sein.

Zur ständig zunehmenden Überflutung als Abstumpfung durch Darstellungen von Mord und Totschlag durch die Fernsehsender Deutschlands, siehe den Beitrag von Christian Schüle im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/ueber-mord-und-tod-im-fernsehen-all-die-schoenen-toten.1184.de.html?dram:article_id=364111

Nur eine Statistik: Allein das ZDF ca. 430 Krimis pro Jahr. Über den Tatort – Kult wäre zu sprechen… Psychologen warnen vor der zunehmend aggressiveren Darstellung von Gewalt im Fernsehen. Aber das ist nicht unser Thema. Über die Verdrängung des Todes durch das massenhafte mediale Erleben des Todes anderer zu sprechen, wäre ein eigenes Vorhaben. Jedenfalls ist klar: Das massenhafte Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer, das Krepieren der Afrikaner in den von Europa bezahlten Lagern Libyens, hat europäische Politiker nicht zu einer großzügigen und humanen und klugen Flüchtlingspolitik geführt. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Das Stichwort ist: Abstumpfung des Humanen zugunsten nationalistischer Ideologien oder Angst um die Vorherrschaft der eigenen Parteien….

Wir sollten einen persönlichen, uns betreffenden Umgang mit dem Tod, mit unserem Tod, wiedergewinnen. Ich werde nicht nur sterben, also dies ist noch ein „Lebensprozess“, sondern ich werde tot sein und alle, die wir hier sitzen haben mindestens eines gemeinsam: Wir gehen dem Tod entgegen. Es ist interessant: Die meisten Menschen sprechen heute angesichts der Probleme rund ums Sterben bevorzugt vom Sterben und nicht so sehr vom Tod. Beim Sterben kann man noch etwas machen, mit meinem Tod ist von meiner Seite her und der der Hinterbliebenen nichts mehr zu „machen“ im Sinne von heilendem Eingreifen… Dabei ist diese behutsame, manchmal lange dauernde persönliche, philosophische Auseinandersetzung mit „meinem Sterben“ selbstverständlich auch ein Privileg der so genannten besseren Kreise. Ein sterbender Obdachloser in Berlin oder New York oder Bombay stellt sich diese Frage nach dem je meinigen Sterben oder gar nach „dem süßen Tod“ nicht.

Was können wir angesichts der Vanitas Darstellungen an Fragen entdecken: Man könnte sich fragen: Warum entsteht angesichts dieser allgemeinen menschlichen Verfassung, der absoluten Todesgewissheit, keine allgemein menschliche Solidarität? Es liegt wohl an der Verdrängung des eigenen Todes.

Und es wird hoffentlich unser eigener Tod sein, nicht ein Tod, andere über uns verfügen, etwa in Kliniken oder in Kriegshandlungen.

Wir sollten uns dem Vanitas Thema in der Kunst und Literatur stellen.  Vanitas deute ich also nicht als ein Angst machendes Thema. Das war sicher in der Vergangenheit der Fall. Vanitas erinnert uns heute – wie damals – an die unabwerfbare Grundverfassung unseres Daseins: Dies ist unsere – auch zeitliche – Endlichkeit. Der muss sich jeder stellen ohne Angst. Ich erinnere nur an das Gemälde von von Lucas Furtenagel, mit dem Titel „Die Gatten Burgkmaier“ von 1529, im Kunsthistorischen Museum Wien (S. 208). Es zeigt ein Ehepaar in einen Spiegel blickend: Und sehen sich darin als Totenköpfe. Ich denke solche Spiegelbilder sollte sich jeder Mensch öfter mal gönnen. Wir wissen von unserem Tod, aber wir wissen nicht, wann er eintritt. Es ist also ein gespaltenes Wissen. Wir werden nie unseren eigenen Tod erleben, das Sterben vielleicht, aber auch dann wissen wir im Sterben nicht, ob dieser Vorgang tatsächlich unser Ende sein wird. Das heißt: Unser Tod als gewusstes Ende entzieht sich unser genauen Kenntnis. Wir kennen den Tod als Tod als das nicht mehr leiblich Lebendigsein nur von außen, von anderen…

Wir werden so durch die Vanitas Thematik zur Frage geführt werden: Was ist eigentlich unser Leben? Wie gestalten wir unsere Lebenszeit? Wie gehen wir mit der Zeit um, die uns bleibt, deren Dauer aber ungewiss ist. Aus dem Faktum des Todes wird eine ethische Frage. Das ist eher selten in der Philosophie, wo dieser Übergang von Sein zum Sollen eintritt.

Wir sind also wesentlich konkrete einzelne Menschen, die durch die ständige und je eigene und einmalige Art mit unserer Lebenszeit umzugehen, d.h. sie zu gestalten, eben konkrete einmalige Menschen mit einem eigenen Profil geworden sind. Wir sind also diejenigen konkret, die wir uns in unserer Zeit „gemacht“ haben. Damit ist unser eigenes Leben uns selbst zur Aufgabe, wir entkommen nicht der Aufgabe, etwas mit uns selbst zu tun, zu machen. Unser eigenes Leben ist dann unser Werk, wobei auch Zufälle und unabsehbare Schicksalsschläge (Naturkatastrophen) eine prägende Rolle für mein Leben (als mein doch auch wieder manchmal entzogenes) Werk spielen.

Die Vanitas Darstellungen sind wichtig als Kontrapunkt gegen die Verdrängung des Todes:

Jedes menschliche Leben ist begrenzt. Selbst wenn in 50 Jahren einige Millionäre, durch den Transhumanismus bestimmt, vielleicht 150 Jahre lang leben können. Dies ist die neueste Form der Todes – Verdrängung… Menschliches Leben bleibt trotzdem endlich. Nur weil wir sterblich sind, entsteht unser Gedanke: Es ist wichtig, dass wir unser Leben jetzt und immer wieder gestalten. Wir haben nicht ewig Zeit, auf dieser Erde unser Leben zu gestalten.

Über die Verdrängung des Todes wäre zu sprechen, etwa auch in Seniorenresidenzen: Dort wird nicht öffentlich mitgeteilt, etwa in den Runden des gemeinsamen Essens, welcher Mitbewohner gestorben ist. Plötzlich sitzen andere Leute an dem Platz.

Der Trend zum Beschönigen als Verschwindenlassen des Todes in den USA: Siehe das klassische Werk „Tod in Hollywood“ von Evelyn Waugh.

Gründe für die Verdrängung des Todes:

Entscheidend ist die Orientierung am Haben. „Die Angst vor dem Sterben ist die Befindlichkeit des dominant am Haben orientierten Menschen“ (Rainer Funk, Mut zum Menschen, S. 319). Je mehr deshalb jemand im Modus des Seins lebt, desto weniger werden ihn Altern, Sterben und Tod ängstigen, weil er auch im Nachlassen der physischen, emotionalen und geistig – intellektuellen Kräfte eine bejahende Einstellung zu dieser Wirklichkeit menschlicher Existenz hat“ (ebd.) Erich Fromm sagt: „Die Angst vor dem Sterben ist die Angst davor, das, was ich habe zu verlieren, mein Ich, meinen Besitz, meine Identität, die Angst vor dem Abgrund der Nichtidentität zu stehen, die Angst verloren zu sein“, (ebd. S. 320, Zit. Fromm, aus „Haben oder Sein“). Die Angst vor dem Sterben lässt nach, „da es dabei nichts zu verlieren gibt“ für einen Menschen, der nicht primär am Haben interessiert ist. Diese Menschen im Habensmodus sind primär an die Vergangenheit gebunden, Nostalgie, Archiv, Veraltetes Aufheben, Vergangenes pflegen, vgl. Rainer Funk, S. 320.)

Ich bin gemeint: Die Vanitas Bilder zeigen auch: Mein Tod steht mir bevor: Ich bin als einmaliger sterblich und sollte auch meinen eigenen Tod haben. Das hat zur Folge: Ich darf mich z.B. nicht (unfreiwillig) im Krieg töten lassen und ich darf nicht andere töten. Der Betrachter eines Totenkopfes sieht: Der Tod ist zwar das alle Menschen Verbindende und insofern absolut allgemeine, aber immer ist der Tod der Tod eines Individuums, einer Person, die als einzelne Person das Menschenrecht hat, auf je eigene Art zu sterben. Insofern gilt: Für den Betrachter des Totenkopfes: Ich darf nicht töten.

Die klassische Vanitasvorstellung bezieht sich auf das alttestamentliche Buch Kohelet, auch „Der Prediger Salomo“ genannt.

Im „Alten Testament“ wird Kohelet zu den Weisheitsbüchern gezählt. Eitelkeit hatte einst die Bedeutung von Vergänglichkeit. Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um sich selbst., um Schönheit, Glanz.

Kohelet meint „Sammler von Sprüchen“ und Kohelet wird in dem Buch auch als Eigenname verwendet. Es ist entstanden im 3. Jh vor Christus.

Tiefer Pessimismus gegenüber den alltäglichen, unreflektierten Überzeugungen der Menschen ist bestimmend. ABER: Es geht um eine sinnvolle Lebensgestaltung.

Dies ist kein Text des Nihilismus. Es ist ein philosophischer Text in der Bibel. Anders als andere AT Texte, in denen Gott selbst autoritativ zu den Menschen spricht. Es geht um das Erreichen eines glücklichen Lebens. Etwa in Kapitel 11: „Freue dich in deiner Jugend, und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt. ABER wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird“.

Die entscheidende Erkenntnis wird am Schluss des TEXTES noch mal gesagt: „Fürchte Gott und halte seine Gebote“, im Kapitel 12.

Die Vanitas Idee als Warnung vor der Eitelkeit (noch einmal Erinnerung an ein Gemälde aus der späten Renaissance Zeit, mit dem Spruch: „Vive. memor. leti. fugit. Hora: Lebe, eingedenk des Todes, es flieht die Zeit (Stunde)

Ein Gemälde von Barthel Bruyn d.Ä., (1493 – 1555): „Der Ordensritter“, 1531. Im Kunsthistorischen Museum Wien) steht meiner Meinung nach gegen das vulgär – epikuräische „Carpe Diem“, denke nur an den heutigen Tag. Die Maxime „carpe diem“ , ist ein Wort des Dichters Horaz (65 bis 8 vor Chr): Genießen wir heute und jetzt! Und nichts auf den nächsten Tag verschieben. (Man weiß ja nicht, ob man dann noch lebt). Dies ist ein hedonistischer Vorschlag, aber nicht im Sinne des Philosophen Epikur. Er legte Wert auf das rechte Maßhalten…Mit Maßen und Bedacht die Lust genießen. Den Schmerz vermeiden, um zur Ataraxia, der Ruhe und Ungestörtheit zu kommen.

Die biblische Vanitas Vorstellung steht also auch gegen Epikurs Lehre vom Tod, wenn er behauptet: „Der Tod geht uns nichts an. Solange wir existieren, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr“. („Von der Überwindung der Furcht“) Das könnte man eine verhaltenstherapeutische Lehre (der Oberflächlichkeit) nennen.

Ist es nicht so: Dass der Gedanke an meinen Tod eigentlich ständig aufblitzen kann? Ich kann mir also den Gedanken an den Tod nicht selbst abgewöhnen oder verbieten.

Die AUFKLÄRUNG wandte sich gegen das “barocke Grausen”. Der Mensch soll sich entwickeln und angstfrei gestalten. Aufklärung ist Glaube an die Möglichkeiten des Menschen.

Der Tod erscheint jetzt nicht mehr als Knochenmann, sondern als schöner Jüngling, klassisch griechisch, etwa bei Lessing, (1729 bis 1781), siehe die Schrift: „Wie die alten den Tod gebildet“, 1769. Es geht Lessing dabei um die Erkenntnis, dass in Griechenland und im alten Rom der Tod nie als hässliches Gerippe, als Knochenmann, erschien. Der Tod als Strafe Gottes konnte für vernünftige Menschen nicht in den Sinn kommen. Lessing meint, die Heilige Schrift rede auch von einem Engel des Todes, er wehrt sich gegen die biblische, von Paulus stammende Vorstellung: „Der Tod ist der Sünde Sold“, das heißt eine Strafe für die Sünde, die Adam und Eva im Paradies in ihrem Ungehorsam gegangen haben

Es gibt selbstverständlich mehrere philosophische Möglichkeiten mit dem Tod umzugehen. Diese Vielfalt ist Ausdruck dafür, dass es angesichts des Todes keine gedankliche Klarheit, kein wirkliches Wissen (wie in den Naturwissenschaften) geben kann. Alles Denken steht hier vor einer großen Fraglichkeit, die man auch Geheimnis nennen sollte. Also der Tod ist kein irgendwann lösbares Rätsel, sondern der Tod als Erkenntnis bleibt uns wesentlich verschlossen, er ist „da“ als Realität, aber nicht im Wissen zu umgreifen. .

Es gibt also vielfache Antworten, die letztlich sich alle jeweils auf eine These beziehen, die man sich im Glauben aneignet. Diese Basis – These wird als Ausgangspunkt gewählt, weil man darin auch eine Orientierung für sich selbst sieht. Die Wahl dieser Basisthese (etwa: „Nach meinem Tod ist alles aus“) enthält auch Implikationen zum jeweiligen Selbstbild, zur Bedeutung, die man der eigenen Person zuweist.

Es gibt etwa die heute sehr weit propagierte (Glaubens) These: Der Tod, mein Tod, ist ein definitives Verschwinden ins Nichts. “. So etwa der italienische Philosoph Norberto Bobbio, in „Vom Alter“. „Das Nichts, das ich einmal war, wusste nichts von meiner Geburt, von dem was ich werden sollte. Das Nichts, das ich einmal sein werde, wird nichts von dem wissen, was ich gewesen bin…

Diese Aussage arbeitet mit einem zum Objekt gemachten Begriff des Nichts als einer Realität, die behauptet wird und an die geglaubt werden muss. Es ist die Rede vom Nichts wie von einem Zustand. Ist es denn so klar, dass der einzelne geborene Mensch aus dem Nichts kommt? Hatte er nicht zumindest Eltern? Woher kamen die her? Will man die ganze Evolution entlang zurück gehen und dann landet man bei der Frage: Woher stammt eigentlich die Welt im ganzen und damit die Menschheit? Und dann kann die Frage entstehen, ohne in eine naive Bibel-Deutung zu geraten: Gibt es so etwas wie eine Schöpfung? Und wenn es so etwas wie eine Schöpfung gibt, davon sind viele, nicht nur fromme Leute überzeugt, wie George Steiner, dann gibt es auch die Vorstellung von einem Schöpfer, der diese Welt als Evolution (!) auf den Weg gebracht hat. Dazu später noch ein Hinweis.

Albert Camus hat die Sterblichkeit eines jeden Menschen wie unaufhebbares Verurteiltsein zum Tode bestimmt. Wir sind alle zum Tode verurteilt. Dieses Urteil müssen wir wie Sisyphus förmlich abarbeiten. Und darin unseren Sinn finden. Aber das führt bei Camus zu einer eher heiteren Stimmung.

Camus schreibt aber immer wieder in vorsichtiger, poetischer Sprache, dass der sterbende Mensch angesichts seines bevorstehenden Todes nicht doch Hoffnungen hat auf etwas Besseres, als was dieses irdische Leben für ihn war….

Camus sieht im Erleben der Schönheit der Natur vor allem eine Dimension des Heiligen. Für ihn ist dies kein Rückfall in romantische Gefühle, sondern eine moderne Weltsicht, die den Menschen aus der Verkapselung in Individualismus und Egoismus befreien kann. Diese sinnstiftende Gabe der Natur kann nur wahrnehmen, wer sich der Welt geradezu andächtig zuwendet und die Natur nicht dem technischen Zugriff unterwirft. In der Profitgier entstehen nur verwüstete Landschaften. In seinem Buch „Licht und Schatten“ schreibt er – beinahe mystisch bewegt – von einem Besuch in Palma de Mallorca: „Wenn ich dort in den Höfen voller grüner Pflanzen und runder grauer Säulen stehen blieb, verschmolz ich mit diesem Geruch des Schweigens. Ich verlor meine Grenzen und war nichts anderes mehr als der Klang meiner Schritte oder jener Vogelschwarm, dessen Schatten ich in der Höhe auf den sonnigen Mauern wahrnahm. Im Schweigen dort fand ich eine neue und doch vertraute Köstlichkeit“. Nur die Gegenwart ist im Naturerleben „da“. Wer dies achtsam erlebt, wird in die Zeitdimension der langen Dauer gehoben, in einen gedehnten, sozusagen stehenden Augenblick. Der fließende Zeitstrom ist überwunden und die Ahnung wird geweckt, was Ewigkeit meinen könnte. Von der Schönheit der Natur unterstützt, wird dabei das Geheimnis allen Lebens berührt. Die Gegenwart ist kein Element der üblichen physikalischen Zeitstrecke Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Vielmehr ist Gegenwart der erfüllte, lange währende, zeitlich nicht messbare Augenblick, der aus der Verfallenheit in die Zeit für eine Dauer befreit. Bei Camus: Selbst noch der Mörder Mersault, der Protagonist in dem Roman „Der Fremde“, kann sich in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung durch den Anblick der Natur geborgen, wenn nicht gerettet fühlen. „Ich bin mit den Sternen über dem Gesicht wach geworden. Geräusche vom Lande stiegen zu mir herauf. Gerüche von Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich ein wie eine Flut“.

Mir kommt es entschieden darauf an, die heute beliebte These vom Sturz des Menschen ins Nichts beim Tod ein wenig philosophisch in Zweifel zu ziehen. Camus ist ein Denker, der, obwohl nicht-kirchlich und Agnostiker, doch eine sanfte Sprache für die „ewige Gegenwart“ als Gegenwart des Ewigen gefunden hat.

Es kommt auf die Erfahrung der Gegenwart an: Gegenwart ist kein Punkt in der unendlich langen Zeitreihe in die Zukunft hin, wonach dann jede Gegenwart wieder verlischt und Vergangenheit ist…

Gegenwart ist die Dauer als das Heraustreten aus dem Zeitstrom. Das ist die Grunderfahrung von Ludwig WITTGENSTEIN: 1889-1951. „Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich”.

Für das Leben in der Gegenwart gibt es keinen Tod“. Ähnlich auch im  Tractatus Logico Philosophicus: 6.4311:
„ Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt“.

Wenn immer wieder, auch in Europa, philosophische und religiöse Überlegungen vorgeschlagen werden, die für eine mögliche Form des „Weiterlebens nach dem Tod“ eintreten, dann nur unter der Voraussetzung: Die gegebene Welt (und sie ist für uns alle immer eine zum Staunen führende „Gegebenheit“: „Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts) kann als „Schöpfung“ verstanden werden. Wobei die dann verwendeten Begriffe wie Schöpfung und Schöpfer nicht banal aus der endlichen Welt her verstanden werden, sondern eben analog, als Bilder, etwas Gegebenes, aber nicht zu Greifendes, auszusagen! Dies führt dann beim Bedenken der Welt als Schöpfung zu der Frage: Zeigt sich im Leben selbst ein Hinweis auf die Frage, was ist nach dem Tod? Oder anders gefragt: Gibt es im reflektierten Leben selbst Hinweise auf eine Form des „Weiter Lebens“ nach dem Tod. Damit wird nicht die Frage nach den Nahtod Erlebnissen gestellt, sondern es gilt die allgemeine und viel grundsätzlichere Frage: Gibt es mitten im geistvollen im Leben Hinweise auf ein selbstverständlich immer analog zu verstehenendes „Weiterleben“, die angesichts einer kritischen Reflexion Bestand haben.

Ein erster Hinweis kann ein: Wir sterben in gewisser Hinsicht als ständiges Abschiednehmen von eigenen Lebensentwürfen. Und wir leben ständig in einer Situation des Abschieds, des Loslassens, auch physisch verändert sich unser Körper. Aber dies wäre nur ein Beleg für die allgemeine Verfallenheit zum Tode hin. Gibt es nun auch für Hinweise auf das Ewige im Menschen?

Wenn die Welt und die Menschen also Schöpfungen eines Gottes sind, dann kann die Welt als das andere dieses Gottes nicht völlig außerhalb Gottes stehen. Denn dann hätte sich Gott mit der total von diesem Gott losgelösten Welt eine Art endlichen Gegengott geschaffen. Und wenn es zwei Götter gäbe, müsste die Frage diskutiert, welcher dieser beiden Götter ist der Vor-Herrschende. Also: Diese Konzeption führt nicht weiter. Es ist spekulativ nur denkbar, dass Gott als Schöpfer IN der Welt und damit im Menschen anwesend ist, ohne dabei die Endlichkeit des Menschen aufzuheben.

Wenn also ein Gott auch die Welt in seinen „Bereich“ einbezogen hat, wie die klassische Philosophie etwa Hegel lehrt, dann muss der Gott in der evolutiven endlichen Welt selbst anwesend sein als ein Element der Ewigkeit in der endlichen Welt. Diese Erkenntnis verändert alle Einschätzungen des Todes und der Endlichkeit. Der Tod als Ausdruck der Endlichkeit ist dann sogar von Gott gewollt. Dass der Tod und das Sterben auf dieser Welt so miserabel zugeht, ist dem Menschen anzulasten, seinem Egoismus, seinem Nationalismus, seiner Kriegslust und Zerstörungslust.

Noch einmal zu dem oben erwähnten Norberto Bobbio. Er behauptet: „Alles, was einen Anfang hatte, hat ein Ende“ (S. 54). Das gilt für die Dinge INNERHALB der Welt selbstverständlich. Dann aber folgt der entscheidende Satz: „Nur das, was keinen Anfang hatte, hat kein Ende. Was jedoch weder Anfang noch Ende hat, ist die Ewigkeit“ (ebd).

Damit führt Bobbio selbst genau auf unsere Philosophie der Schöpfung und der Ewigkeit von Gott und Welt und der nicht greifbaren und nicht „abzuschaffenden“ Anwesenheit Gottes in der Seele des Menschen: Denn wenn die Welt als Schöpfung von Gott stammt als dem Ewigen und der Gott in der Welt als der dann ewigen Welt selbst anwesend ist, dann hat der Mensch, jeder Mensch, bleibend Ewiges in sich. Das heißt: Dieses Ewige als Teil des Göttlichen (was wir Seele nennen) wird mit dem Tod des irdischen Menschen nicht vernichtet.

Meister Eckart (1260 – 1328) hat das so ausgesagt, indem er auf den göttlichen Gott Bezug nahm: „Ich bin ungeboren (damit meint er: ich bin eine Schöfung Gottes) und nach der Weise meiner Ungeborenheit (mein Sein durch Gott und In Gott) kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ewiglich bleiben. Was ich meiner Geborenheit (also meiner weltlichen und endlichen Herkunft nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich“. (Deutsche Predigten, „Beati pauperes“, in: Meister Eckart, „Einheit mit Gott“, hg Dietmar Mieth, 2002, S. 154). Noch einmal: Ungeborensein heißt: Aus Gott stammen und das Wesentliche (die Seele) eben nicht von den irdischen Eltern und der irdischen Mutter empfangen, Menschen als Menschen können das Ewige nicht vermitteln. Es geht also auch um Eckarts Lehre vom Seelenfunken. Dieser drückt eine Gleichheit mit Gott aus, die für den Menschen schon vor seinem Leben auf der Welt, dann mitten im irdischen Leben und dann wieder nach dem Tod Wirklichkeit ist, (Alois M. Haas, Meister Eckart als normative Gestalt….Einsiedeln 1979, S. 126) Dies ist für Eckart die höchste Vorstellung vom Glück. …“Eigentlich spricht Eckart von nichts anderem als der Einheit zwischen Mensch und Gott“ (130).

Ich möchte zum Schluss auch auf HEGEL hinweisen, auf die Phänomenologie des Geistes“. Darin geht es Hegel auch um die Anerkenntnis der absoluten Kraft des Geistes, der Vernunft, die sich gerade im geistigen „Abarbeiten“ an der Endlichkeit und dem Tod zeigt: „Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt“ , In Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke in 20 Bänden, hier Band 3, Phänomenologie des Geistes, Vorrede, Suhrkamp, 1970, S 36.

Die Welt ist nicht der eigentliche „Aufenthaltsort“ des Menschen, wir gehören in eine göttliche Welt. Diese Überzeugung hat Heinrich Böll einmal formuliert: „Der Mensch ist für mich ein Gottesbeweis“, sagt er in einem Interview: „Wie meinen Sie das?“, fragt Karl-Josef Kuschel.  Bölls Antwort: „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht erkannt zu werden, führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Dies ist für mich die entscheidende Erkenntnis in meiner Sicht: Der Tod, unser Tod, ist, wenn man den Unendlichen mit dem üblichen Symbolwort benennen soll, also von „Gott“ als der Instanz, die die endliche Welt geschaffen hat, sozusagen „gewollt“.   In der Hinsicht ist der Tod grundsätzlich kein Übel. Er ist in dieser Philosophie gottgewollt. Das konkrete Sterben ist leider für viele ein Übel. Aber dies wäre prinzipiell zu verbessern.

 Die Welt als Naturgegebenheit selbst ist endlich, begrenzt, unüberschaubar, das zeigen die Naturkatastrophen, etwa Erdbeben. Klimakatastrophen sind vom Menschen gemacht, siehe den Egoismus der Industrie-Nationen.

Die Menschen sind endlich. Sie neigen zum Egoismus, also zum Tun des Bösen. Das Böse kommt durch das Tun der Menschen in die Welt, das Böse wäre also eigentlich zu reduzieren in einer von Vernunft und Empathie und Respekt bestimmten Welt.

Wie gesagt: Das Böses-Tun der Menschen kann aus Verzweiflung über die eigene Endlichkeit geschehen: „Ich will für immer herrschen, will nicht meine Endlichkeit, meinen Tod, akzeptieren“. Siehe die Studien von Erich Fromm. Die Herrschenden, die nach Besitz und Haben Greifenden verhindern als den je eigenen humanen Tod. Daran wäre zu „arbeiten“…

Der je eigene Tod bleibt durchaus ein leider wohl noch fernes Ziel einer humanen Welt.

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

Kirchengemeinden in Berlin – Warum sie bedeutungslos geworden sind

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Berlin boomt“, um den gängigen Werbeslogan zu verwenden. So ganz falsch ist er ja nicht. Überall wird gebaut, jede Ecke gefüllt, mit Eigentumswohnungen meist. „Berlin ist eine ziemliche Pleite“, um treffend vom Verkehr, von Schulen, Wohnungen, der Sorge um Arme und Obdachlose etc. zu sprechen. Noch nie war eine Stadtregierung so unbeliebt und offenbar unfähig. Aber die CDU würde es auch nicht besser machen…„In Berlin mal leben, das wollen so viele“, um einen ungebrochenen Trend anzusprechen, von den 14 Millionen Touristen jährlich ganz zu schweigen. Berlin, diese so zwiespältige und so beliebte und so gestresste Metropole für die Menschen, die da ständig leben. Spricht jemand in den Medien z.B. noch von Religionen, Kirchen, Theologien in Berlin?? Das passiert eher sehr selten. Und die Kirchen sorgen mit ihrem administrativen Sparprogrammen ohnehin selbst für ihr langsames Verschwinden. In Berlin wird das kaum kommentiert. Selbst die betroffenen Gemeinden schweigen, nehmen fast alles hin, was die Hierarchie durchsetzt. Im Katholizismus werden Gemeinden gestaltet, zusammengelegt, vergrößert einzig nach dem einen klerikalen Gesichtspunkt: Welches Mitglied der allmählich aussterbenden Priesterschaft können wir noch in die Gemeinden setzen. Niemand denkt daran, ernsthaft katholischen Laien volle und umfassende Verantwortung für die Gemeinden zu übergeben. Allgemeines Priestertum ist ein schönes Wort und nur eine Ideologie. Man denke etwa den Millionen Euro kostenden und überflüssigen Umbau der inneren Gestalt der Hedwigskathedrale … Das Geld sollte man sinnvoller für Wohnprojekte für Obdachlose ausgeben und für offene Gesprächsräume, “Salons”, in allen Stadtteilen. Als Galerien, Krypten, Etagen etc…

Berlin ist für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon immer schon ein Thema gewesen, nicht zuletzt durch die Interviews mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb.

Wir sammeln Elemente für eine neue Berliner liberale Theologie. Diese zeichnet sich z.B. durch dogmatische Offenheit und Bejahung von Innovation und Experiment aus.

Zur kirchlichen Situation in Berlin: Etwa 33 Prozent der Menschen in Berlin sind Mitglieder der großen christlichen Kirchen. Die anderen, von den Muslimen einmal abgesehen, bilden die Mehrheit: Sie nennen sich selbst konfessionsfrei. Und wenn sie sich Atheisten nennen, sind sie wahrscheinlich eher selten absolute Feinde einer religiösen Haltung, aber das ist ein anderes Thema.

Die Gemeinden der evangelischen und katholischen Kirche sind trotz ihrer Sichtbarkeit durch große Kirchengebäude de facto sehr schwach. Die Kirchenchöre spielen noch eine Rolle (Matthäuspassionen !) und die Kindergärten und die Seniorentreffs. Wenn man die Teilnahme an den Sonntags – Gottesdiensten betrachtet: Etwa 3 Prozent der Protestanten gehen sonntags zur Kirche. Bei den Katholiken sind es etwa 8 Prozent. Also ca. 20.000 Protestanten nehmen sonntags an den Gottesdiensten teil, bei den Katholiken etwa 30.000. Heiligabend sieht es anders aus. Natürlich hat jeder die Freiheit, auf seine Art seine Spiritualität zu pflegen. Hier geht es um Fakten. Wenn man die Altersstruktur der TeilnehmerInnen an den Gottesdiensten betrachtet, sieht es im Blick auf Zukunft für die Kirchen eher betrüblich aus. Man sollte halt nicht die gut besuchten Gottesdienste im Berliner Dom (ev) oder der Marienkirche (ev) anschauen, sondern eben auch die eher leeren Kirchen sonntags in Wedding oder Neukölln ansehen. Diese klotzigen Gebäude stehen förmlich fast immer, wähernd der ganzen Woche  leer und meist verschlossen herum. Junge Leute amüsieren sich auf den Stufen der verschlossenen Kirchen.

Tatsache ist: Die Sonntagsgottesdienste sind in Berlin (ist es in Köln, Hamburg oder München anders?) kein Teil der Stadtkultur. Und das ist der kritische und bedenkenswerte Punkt. Kirchen werden wegen bestenfalls der Kirchenmusik wegen beachtet und besucht, diese schöne Musik ist allerdings nur mit hohen Eintrittsgebühren erreichbar… Kirchen werden nicht mehr wegen der Predigten oder der Prediger besucht. Wer kennt einen interessanten und kritischen Berliner Prediger? Ist da jemand stadtbekannt, auffällig, umstritten, ständig Gast in den Talkshows? Einen, der mal heftig und deutlich zum schwierigen Leben in dieser sozial gespaltenen Stadt Stellung nimmt? Niemand ist da. Armselige Kirche ohne wirklichen Geist.

Wer kennt noch einen Ordensprediger, einen, den man einst wort –gewaltig und prophetisch nennen konnte? Nichts da, die Orden verschwinden in Berlin. Die wenigen verbliebenen Ordensleute in Deutschland halten sich dann scharenweise und bequemerweise lieber im schönen München auf…

Zum Desinteresse so vieler Kirchenmitglieder an der Teilnahme in der Gemeinde hat schon 1965 der damals sehr bekannte anglikanische Bischof John A. Robinson in seinem Buch „Eine neue Reformation“ Stellung genommen. Ich finde seine Hinweise zum Desinteresse so vieler an „ihren“ Gemeinden nach wie vor wichtig und der Diskussion wert. Denn das Abstandnehmen von den Gemeinden ist ja nicht nur ein philosophisches und theologisches Problem. Es ist auch aus sozialen Gründen noch viel mehr problematischer, weil dann Kommunikationsmöglichkeiten unterschiedlicher Menschen nicht mehr gelingen.Erstaunliche Kommunikation über alle Grenzen hinweg könnte ja prinzipiell in offenen (!) Gemeinden gelingen…Aber die gibt es kaum. Man stelle sich etwa die katholische St. Matthias Gemeinde in Berlin Schöneberg vor: Wunderbar auf einem großen MARKT – Platz gelegen UND mitten in einem der großen Berliner Schwulen Viertel. Was tut die Gemeinde in Zusammenarbeit mit den schätzungsweise 40.000 Homosexuellen, die in der näheren und weiteren Nachbarschaft wohnen? Gar nichts unternimmt die Gemeinde. Rosenkranzandachten zu gestalten ist so viel einfacher und Messe lesen sowie so, als mit Schwulen und deren Familien über die Vielfalt der Lebensformen zu sprechen etc. Das hei0t: Diese Gemeinde – wie viele andere – lebt förmlich in einer anderen Welt, auf einem anderen Planeten. Aber das regt keinen mehr auf, die betroffenen Homosexuellen schon gar nicht. Die erwarten absolut nichts mehr von der römischen Kirche. Dabei sind viele Schwule sehr spirituell interessiert…Eine ganze große kulturelle Szene hat die Kirche also „verloren“, um es einmal klassisch theologisch zu sagen. Die Intellektuellen hat sie längst verloren, die Arbeiter, die Armen, die Frauen, die Jugendlichen und jungen Menschen, die am Wochenende lieber scharenweise in die vielen „Clubs“ gehen und dort vielleicht sehr persönliche Transzendenz – Erfahrungen (bei der Musik, beim Sex) erleben. Alle diese Gruppen und Klassen hat die Kirche verloren. Wen hat sie noch? Die Angestellten der Kirchenverwaltungen möchte man sagen.

Also: Bischof Robinson spricht von Menschen aus seiner Umgebung und in seiner Erfahrung, von Menschen, die zwar durchaus bereit wären, sich „irgendein christliches Anliegen zu eigen zu machen oder mit ihrem Leben etwas Sinnvolles zu beginnen. Denen aber im Traume nicht einfallen würde, sich deswegen einer örtlichen Pfarrgemeinde anzuschließen und in ihrem Rahmen zu arbeiten. Und zwar nicht notwendig deswegen, weil ihre Bindung an Christus nicht zuverlässig wäre, sondern weil die Pfarrgemeinde ihnen als ein Gebilde erscheint, das zu den wirklichen Brennpunkten des menschlichen Lebens und den Stellen, an denen die Entscheidungen getroffen werden, keinerlei Beziehung hat“. (S. 90).

Die „neue Reformation“ – so der Buchtitel – sollte für Bischof Robinson dringend kommen, sie müsste aber von einer Kirche ausgehen mit neuen Formen (er meint sicherlich im Blick auf frühere Bücher auch neue Inhalte), „die von den durch weltliche Bedürfnisse geschaffenen Strukturen herum wachsen“…

„Die Kirche muss eine offene Gesellschaft, eine Aufnahme bereite Gemeinschaft sein, deren Wesen darin besteht, den Menschen zu begegnen , wo sie sind und sie anzunehmen als das, was sie sind“ ( S. 46).

1965 schrieb der anglikanische Bischof und Theologe John A. Robinson diese Worte. Damals glaubten viele noch, dass seine Worte Gehör finden, also zu neuen Initiativen inspirieren. Hat die „neue Reformation“ stattgefunden, ist sie unterwegs? In der Sicht der liberalen Theologie eher nicht.

Ein Blick nach Nord-Rhein-Westfalen: Dort sind “1.500 von insgesamt 6.000 Kirchen beider Konfessionen von der Schließung bedroht” (Berliner Zeitung, Beitrag von Franziska Knupper, am 23./ 24. September 2017).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Sehnsucht – diese gesunde “Sucht” nach einem besseren Leben: Ein philosophischer Salon

Am Freitag, den 15. Dezember 2017, veranstalten wir um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, einen (religions-) philosophischen Salon über die Sehnsucht: Ohne Sehnsucht nach den anderen Menschen, nach Schönheit, nach Frieden, vielleicht auch (ich würde sagen hoffentlich) nach der Nähe des Göttlichen, können wir “eigentlich” nicht leben. Sehnsucht ist ein Thema, das viel zu selten philosophisch gewürdigt wird. Wir versuchen es an diesem Abend vor Weihnachten, wo manche eine starke (kindliche ?) Sehnsucht haben nach einem anderen, einem nicht-kommerziellen Fest.

In einer Welt, die das meiste, was für den Menschen wichtig ist, technokratisch “löst” und eindimensional “beantwortet”, ist Sehnsucht eine seelische Kraft des Widerstands. Erich Fromm hat Sehnsucht und die immer vorhandenen psychischen Bedürfnisse eng verbunden. Ist Sehnsucht dann das Leiden an den unerfüllten seelischen Bedürfnissen, wie “Verwurzeltsein”, “Identität erleben”, “Bezogensein auf Transzendenz”, wie Erich Fromm schreibt?

Vielleicht bietet unser persönlich – reflektiertes Sprechen im Salon einige Anregungen. Vielleicht auch Reflexionen über die belebende Kraft der Sehnsucht, auch Gedanken zur unerfüllten Sehnsucht. Und Gedanken, dass Sehnsucht so etwas wie ein “leises” Erscheinen einer anderen Welt ist, die eigentlich ihr gutes Recht haben sollte in dieser realen Welt? Sehnsucht kann auch politisch werden und sich als Empörung äußern. Oft aber bestimmt uns angesichts der politischen Krisen der Gegenwart, d.h. des Zerfalls demokratischer Ordnungen, nur noch “ein Überrest nostalgischer Sehnsucht nach den Gewissheiten des (einst) anti-totaliären und liberalen Westens” (so der Autor Pankaj Mishra,  “Die grosse Regression”, 191). Werden wir zur befreienden Sehnsucht finden anstelle nostagischer Schwärmereien?

Herzliche Einladung also mit der dringenden Bitte, um nicht Verpflichtung zu sagen, sich anzumelden, angesichts der für einen Salon nun einmal begrenzten Teilnehmer Zahl. Wir sind keine “Akademie” mit ihren großen Vorträgen, sondern uns liegt am Austausch, am Gespräch, am Dialog. Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Teilnehmergebühr, nur für die Raummiete: 5 Euro, Studenten haben freien Eintritt.

Bitte schon vormerken: Am Freitag, den 26. Janar 2018 ist Wolfgang Ullrich (Leipzig) bei uns, sehr vielen als Autor zu Kunstgeschichte und Philosophie bekannt ist. Wir sprechen mit ihm über sein neues Buch über Werte. Für diese außergewöhnliche Veranstaltung gelten nur schriftliche Anmeldungen.