Philosophie als Lebenshilfe in turbulenten Zeiten

Hinweise von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24.2.2015

Wir haben uns heute wieder ein aktuelles Thema vorgenommen. Die Einsicht heißt: Angesichts des Rechtspopulismus und Nationalismus fast überall in Europa und in den USA erleben sehr viele, dass Idee und Realität der Demokratie immer mehr bedroht sind. Dadurch sehen viele Menschen auch den Sinn ihres eigenen Daseins bedroht.

Welchen Beitrag kann Philosophie leisten für die Rettung und Neugestaltung einer Kultur der Demokratie? Ein weiteres Beispiel: Das Elend so vieler Millionen Menschen im Süden, also in Afrika Asien und Lateinamerika, ist objektiv erschreckend, es berührt aber so wenige. Die Gleichgültigkeit der reichen Welt, vor allem der schamlosen Super-Reichen, gegenüber dem Hungersterben, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Oder will man mit ein paar Spenden tatsächlich eine gerechte Welt aufbauen? Gleichzeitig werden immer mehr Waffen in Europa verkauft, immer mehr Kriege geführt. Das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer wird von den angeblich christlichen Europäern eher distanziert als bürokratisch-politisches Problem behandelt. Diese Welt, so könnte man meinen, ist strukturell „ver-rückt“. Und in dieser Welt sollen wir als Menschen uns als Menschen entwickeln … wie kann das noch gelingen?

Bei all diesen Herausforderungen kann Philosophie nicht unmittelbar, schon gar nicht technisch-praktisch, eingreifen.

Philosophie und damit deren lebendiger Vollzug, das Philosophieren, kann nur grundlegend und sozusagen an der Basis von Geist und Vernunft dem einzelnen und den Gruppen Aufklärung bieten. Philosophie kann prinzipiell von falschem Denken befreien, sofern sich die Menschen noch vom Denken und Korrekturen des eigenen Denkens leiten lassen. Ist die Unkultur massenhafter Verdummung, sorry, noch zu stoppen?

Philosophie ist eine akademische Disziplin an den Universitäten. Philosophie ist aber vom Ursprung in Griechenland her immer auch eine Reflexion auf Lebensformen. Philosophieren selbst ist dann für den einzelnen eine Lebensform. Vielleicht bietet die Reflexion auf diese Lebensform eine Möglichkeit, sich dann deutlicher auch politisch einzusetzen. Darauf hat eindringlich der Philosoph Pierre Hadot in zahlreichen Studien hingewiesen.

Eine Hinweis zu Sokrates (469 bis 399 vor Christus).

Von ihm selbst verfasste Schriften sind nicht überliefert, sein Denken, auch seine Biographie, können wir vor allem aus den Büchern Platons entnehmen. Die Dialoge unter dem Titel Apologie, Kriton und Phaidon sind sicher die bekanntesten Texte, die sein lebendiges Denken mitteilen. Die frühesten Dialoge sind Ion, Laches, Charmides und Euthypron, sie zeichnen in etwa ein Bild des historischen Sokrates….

Für unseren Zusammenhang ist wichtig: Sokrates war philosophisch aktiv in der Öffentlichkeit Athens, vor allem in der Zeit des Peleponnesischen Krieges (431 bis 404). Sokrates lebte in einer Zeit, als die Seemacht Athen gegen die Landmacht Sparta kämpfte. Die demokratische Verfassung Athens blieb zwar weithin erhalten, aber es gab kurze Intermezzi von oligarchischen Regierungen.

Wichtig ist: Sokrates glaubte an einige wenige allgemeine und allgemein gültige und verbindliche Erkenntnisse als Lebenswahrheiten. Er war von einer unbedingten Gültigkeit einer ethischen Praxis überzeugt: „Besser ist es Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun“.

Sokrates wehrte sich gegen populäre philosophische Lehrer, die man Sophisten nannte, spitzfindige, eher gerissene Denker, die den Leuten eher zu Munde redeten und eher mit Wortspielen Verwirrung stifteten. Sie behaupteten: Ethik ist nichts als ein Produkt von Menschen, die sich einfach wegen gemeinsam geteilter Überzeugungen durchsetzen. Neue Studien zur populären Bewegung der Sophisten zeigen zum Teil ein eher positives Bild der Sophisten. Bezeichnend vielleicht, dass Nietzsche die Sophisten lobte, Sokrates hingegen ablehnte.

In dieser Situation von Krieg und Unsicherheit entwickelte Sokrates seine Philosophie: Er setzt ganz auf den öffentlichen Austausch von Argumenten; er befragt die üblichen Überzeugungen und Traditionen seiner Gesprächspartner, sucht mit ihnen eine gültige Wahrheit zu entdecken. „Er ist überzeugt, seine Untersuchungen müssen eine lebenspraktische Relevanz haben“, betont der Züricher Michael Hampe. Dies gelingt nur, indem Sokrates seine Gesprächspartner existentiell und im Denken aufscheuchen will.

Sokrates fragt also: Kennst du dich aus in deinem Sprechen, weißt du, was du denkst? Im Dialog selbst zeigt sich, dass du unreflektiert bist. Sokrates will etwas in Bewegung bringen. Und dies ist die Seele. Denn die Seele selbst ist Bewegung, Lebendigkeit, sie sucht nach dem lebenswerten Leben. Darin wird der Logos entdeckt.

Im Zerfall und der Krise des Staates könnten eigentlich allgemein-vernünftige Argumente im Dialog helfen. Sokrates will nicht überreden, er will nicht die Massen manipulieren mit Sprüchen. Darin sieht er nur eine Form der Gewaltherrschaft.

Sokrates wendet sich in seinen Dialogen an den einzelnen. Er will im Gespräch beim anderen hervorbringen, was an Wahrheit in ihm steckt. Er nennt dies Maieutik, eine Art geistiger Entbindung.

Hanna Arendt sagt: „Sokrates will der Wahrheit des Bürgers auf die Welt helfen… Die Rolle des Philosophen besteht also darin, die Bürger permanent zu irritieren, in dem von Sokrates gebrauchten Bild: Wie eine lästige summende Bremse zu sein, also wie ein lästiges Insekt“ (63).

Dabei ist für Sokrates klar: Einzig das Wissen vom eigenen Nicht-Wissen ist der Schlüssel, um sich der Weisheit anzunähern. Die Weisheit im Sinne Platon ist ja das Göttliche selbst, also eigentlich ist vollkommene Weisheit für den Menschen, besonders für den Philo-Sophen, also den Freund der Weisheit, nicht erreichbar. Es geht auch in der Philosophie immer nur um Annäherung an die Weisheit.

Ich zitiere aus der Apologie, da lässt Platon Sokrates sagen (in einer Übersetzung von Friedrich Schleiermacher):

„Bester Mann, als ein Athener aus der größten und für Weisheit und Macht berühmtesten Stadt, schämst du dich nicht, für Geld zwar zu sorgen, wie du dessen aufs meiste erlangst, und für Ruhm und Ehre, für Einsicht aber und Wahrheit und für deine Seele, dass sie sich aufs beste befinde, sorgst du nicht und hieran willst du nicht denken? Und wenn jemand unter euch dies leugnet und behauptet, er denke wohl daran, werde ich ihn nicht gleich loslassen und fortgehen, sondern ihn fragen und prüfen und ausforschen. Und wenn mich dünkt, er besitze keine Tugend, behaupte es aber: so werde ich es ihm verweisen, dass er das Wichtigste geringer achtet und das Schlechtere höher“.

Was bedeutet das für uns heute?

In Zeiten der Krise gilt es, die Seele im Dialog zu heilen, also umfassend und offen miteinander sprechen. Der Dialog ist eine geistige Übung. Auch mit der Bereitschaft, dass wir und die Menschen um uns herum tatsächlich (noch) unreflektiert leben. In diesem Eingeständnis allein liegt geistiges und seelisches Wachstum.

Das Sich Orientieren beginnt mit dem Eingeständnis des Nicht-Wissens.

Ein Hinweis zu Marc Aurel

Marc Aurel (l21 bis 180 n.Chr.), er war römischer Kaiser seit 161 nach Chr. Er ist der bekannteste (Stoa) Philosoph als Herrscher.

Er regierte zu einer Zeit, als Kriege im ganzen Reich ausbrachen, zuvor hatten schon Überschwemmungen, Erdbeben, verheerend Feuer, Epidemien die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.

In dieser verworrenen und gefährlichen Situation auf der ganzen Erde war nur ein Philosoph aus der Schule der Stoa geeignet, die Nerven zu behalten.

Die Stoa ist eine anspruchsvolle philosophische Schule, sie lehrt zum Beispiel: Das einzige, was der Mensch verändern kann, wofür er also verantwortlich ist, dies ist die eigene Moral, also das Leben nach den Prinzipien des Guten. Alles andere, etwa die biologische Verfassung, den Zustand der Erde usw. kann der Mensch nicht verändern. Darum sollte er sich also keine Sorgen machen. Wir sollen nur erreichen wollen, was wir erreichen können. Wir sollen vermeiden, was man vermeiden kann. Übel ist nur das, was von uns selbst abhängt. Diese Haltung ist zugleich eine Therapie.

Wer dem Guten entsprechend lebt, kann dabei durchaus Auswirkungen in der Politik erzielen. Aber politisches Handeln ist niemals Ausdruck von Aktionismus. Der Philosoph handelt aus reflektierter Überzeugung, er weiß von den Möglichkeiten und Grenzen öffentlichen Handelns. Er kann sozusagen eine philosophisch-spirituelle Haltung ausbilden.

Die innere Sammlung, die möglichst angstfreie Reaktion auf die Vorkommnisse: Darauf kommt es an. Und daran hat Marc Aurel gearbeitet als Stoiker. Er ist ein Philosoph der tiefen Krise, der Verwirrung.

Inmitten der Kriege schrieb er für sich selbst als Stärkung und Klärung die „Selbstbetrachtungen“, es sind Kommentare zur eigenen seelischen Entwicklung, es sind Hinweise auf eigene Schwächen. Diese Sätze, so sagen Philosophen wie Pierre Hadot, kann jeder sich auch heute kritisch vergegenwärtigen, die grundlegenden Erkenntnisse und Maximen kann man täglich sprechen, mit anderen besprechen. Diese Aufmerksamkeit für sich selbst, diese Sorge um die eigene Seele, ist entscheidend in Zeiten der Erschütterungen.

In der höchsten Gefahr hilft die reflektierte Ruhe. Hilft das Selbstgespräch, die Selbstkritik. Die Erkenntnis, dass der einzelne Mensch in einem großen göttlich zu nennenden Zusammenhang steht. Dass der Mensch schon immer in einem oft übersehenen großen Sinnzusammenhag steht, den keine Politik verderben kann. Dann kann man auch dem eigenen Tod gelassen begegnen. Lebe so, dass du dich in der Allnatur, wie die Stoa sagt, also dem Göttlichen, gegründet und geborgen weißt.

Dabei werden in einigen Sätzen der „Selbstbetrachtungen“ durchaus explizit Verbindungen zum politischen Handeln angesprochen:

Im Siebenten Buch der Selbstbetrachtungen heißt es etwa unter Nr. 54: „Überall und jederzeit steht es bei dir, gegen deine Zeitgenossen Gerechtigkeit zu beweisen“.

Im Neunten Buch, Nr. 5: „Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut. Wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er es kann, der befiehlt es“.

Im Achten Buch, Nr. 7 „Einem vernünftigen Wesen geht es wohl, wenn es seine Triebe nur auf gemeinnützige Handlungen richtet“.

Im 10. Buch, Nr. 16: „Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes dich zu besprechen – vielmehr ein solcher zu sein“.

Nur so kann das Ziel erreicht werden, das Ziel, das die Stoa vorschlägt: Zur Seelenruhe finden. In der höchsten Krisenzeit kommt es darauf an, die Seelenruhe zu finden. Durch Üben. Durch Üben des Vernünftigen, der Philosophie, nicht der Sophisterei, nicht der Esoterik in den verschiedenen Formen…

Das ist entscheidend für die hellenistische Philosophie:

Der Diskurs über Philosophie ist noch nicht eine philosophische Lebensweise. Nur reden über Philosophie ist kein philosophisches Leben. Oder ein anderes Beispiel für alle, die als Beamte des Glaubens tätig sind: Nur reden von Gott ist noch kein gelebter Glaube an Gott.

Philosophischer Widerstand in Zeiten globaler Verwirrung:

Diese philosophische Arbeit beginnt z.B. mit der Begriffsanalyse und dem kritischen Hinsehen auf den Gebrauch der Alltagssprache. Philosophie ist überzeugt: Sprechen ist Ausdruck meines Lebens. Ändere ich mein Sprechen, kann ich mein Leben ändern. Ändert sich mein Leben, ändert sich mein Sprechen. Was tun etwa gegen die unflätige Rede etwa der Pegida-Leute, wenn sie von „Lügenpresse“ sprechen. Meinen sie dabei auch ihre eigenen Äußerungen? Kann man zeigen, dass ihr Sprechen eine vergiftete Gesinnung offenbart? Wollen sie sich als solche so in der Öffentlichkeit blamieren? Was soll der Spruch: „Wir sind das Volk“. Das ist eine totalitäre Anmaßung. Richtig ist nur und fürs Debattieren geeignet: Wir sind auch das Volk. Es gibt Pluralität. In der DDR-Opposition hatte der Spruch „Wir sind das Volk“ alle Berechtigung und Wahrheit: Die DDR Oppositon wehrte sich gegen die Anmaßungen einer SED Clique.

Wir müssen also elementare philosophische Sprachkritik betreibe, um eine Kritik unserer Lebensverhältnisse zu formulieren. Georg Christoph Lichtenberg sagt: „Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprachgebrauchs, also, die Berichtigung einer Philosophie, und zwar der allgemeinsten“.

Zum Beispiel Ludwig Wittgenstein

„Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache. (Philos. Untersuchungen, §109). „Die Philosophie verändert die Sehweise von uns, und die Einstellung zu unseren Sehweisen. (Rolf Wiggershaus, S. 52)

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen“ (Philos. Untersuchungen, § 309)

„Von allem Beiwerk gereinigt, könnten Wittgensteins Worte übrig bleiben, die von dem Wunder reden, nicht bloß so dahin lebend existiert zu haben, sondern reflektierend gelebt zu haben“ (Rolf Wiggershaus, S. 86).

Man kann in der Reflexion einige Slogans philosophisch „auseinander nehmen“ und deren Widersinn erkennen. Etwa angesichts dieser populären Sprüche:

„Ich (bzw. meine Gruppe, Partei, Kirche) habe den gesunden Menschenverstand“. „Es gibt keine Alternative: „There ist no Alternative“, das Dogma von Madame Thatcher und co. Nebenbei: Die AFD ist selbstverständlich auch keine Alternative…. „Die Wirtschaft folgt nur ihren eigenen Regeln“. „Die Armen sind selbst schuld, dass sie arm sind“. „Darf man im Umgang mit Menschen von „Obergrenzen“ sprechen?“ „Die „anderen“ sind für uns eine Gefahr“. „Gegner sind eigentlich Feinde“. „Die da“ und „wir“.

Die Arbeiten von Elisabeth Wehling, der Sprachforscherin in den USA, sind von großer Aktualität:

Ihr Thema ist „Framing“, also Einrahmung und Umrahmung eines Begriffes, der in einen bestimmten Kontext gestellt wird und schon einen Sinn des Wortes mit-vermittelt. Dadurch wird eine bestimmte und oft einseitige Richtung im Inhalt eines Begriffes gesetzt. Elisabeth Wehling sagt: „Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein Frame aktiviert“. Zum Beispiel das Wort Flüchtling: „Das ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet. Weil die Endung “-ling” macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an “Schreiberling” oder “Schönling”. Ein eigentlich positiv besetzter Begriff wie “schön” wird durch die Endung „ling“ ins Negative verkehrt. Außerdem ist “der” Flüchtling männlich – und damit transportiert dieses Wort sehr viele männliche Merkmale: “Der” Flüchtling ist eher stark als hilfsbedürftig, eher aggressiv als umgänglich. Besser wäre es, neutraler, von den Flüchtenden zu sprechen, also dem flüchtenden Mann, der flüchtenden Frau, dem flüchtenden Kind. Das wäre eindeutiger. Und nicht abwertend.

Ein Frame ist ein Deutungsrahmen, in unserem Gehirn gibt es etliche; sie sind durch unsere Erfahrung mit der Welt entstanden, und sie helfen, Tatsachen zu bewerten und einzuordnen. Aktiviert werden sie durch Wörter. Denken wir an den Begriff “Euro-Rettungsschirm”: Elisabeth Wehling meint: Automatisch denkt jeder an den Regenschirm, der einen vor dem Nasswerden schützt. Hier wird auf ein natürliches Phänomen – den Regen – angespielt, vor dem die Bürger geschützt werden müssen. Verursacher und Verantwortung werden ausgeblendet. Kein Hinweis auf die Banken, die die Finanzkrise ursprünglich ausgelöst hatten. Oder auf die Regierungen. Mir geht es vor allem darum, dass wir Bürger uns im Alltag ab und an die Zeit nehmen, bei den wichtigen politischen Themen ganz gezielt darüber nachzudenken, welche Begriffe in aktuellen Debatten genutzt werden – zum Beispiel nach einer Talkshow oder nach der Lektüre eines Zeitungsartikels. Dann entwickelt man ein Gespür dafür, welche Haltung gerade dominiert, etwa wenn es um den Staat oder Steuern geht. Oder um geflüchtete Menschen.“

An der Sprache und dem Sprachrahmen wird heftig von Firmen manipuliert: „Heute stecken konservative Thinktanks wie die Heritage Foundation Millionen von Dollar in die Entwicklung von Frames“ (Wehlig).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer: Der Jahresreport 2016 von Amnesty International. Eine Pflichtlektüre!

Welche Geltung haben Menschenwürde und Menschenrechte heute? Amnesty International (A.I.) veröffentlicht dieser Tage einen Jahresrückblick 2016 zu dem Thema. Und dieser ist nicht nur Erinnerung; die widerwärtigen Fakten von 2016, aus weitesten Kreisen der Politik so vieler (sich oft noch demokratisch nennender) Staaten bestimmen noch das Leben im Februar 2017 und danach. Amnesty International lenkt die Aufmerksamkeit auf die wirklich dringenden Themen der Gegenwart. Wer sie verstehen will, sollte diesen Beitrag lesen. “Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer”, betont Amnesty International. Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Bitte besuchen auch die A.I. Website, bitte hier klicken.

Von Salil Shetty, internationaler Generalsekretär von Amnesty International

Die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, wurde 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Für Millionen Menschen war 2016 ein Jahr anhaltenden Elends und unablässiger Angst, weil Regierungen und bewaffnete Gruppen Menschenrechte auf vielfältige Art verletzten. Syriens einst bevölkerungsreichste Stadt Aleppo wurde durch Luftangriffe und Straßenkämpfe in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht, im Jemen gingen die grausamen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung weiter. In Myanmar spitzte sich die Misere der Rohingya immer weiter zu, in Burundi und im Südsudan kam es zu massenhaften rechtswidrigen Tötungen. In der Türkei und in Bahrain gingen die Behörden brutal gegen Andersdenkende vor, während in weiten Teilen Europas und der USA Hassreden zunahmen – die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer.

Es herrschte eine enorme Kluft zwischen Rhetorik und Realität, zwischen dem, was notwendig gewesen wäre, und dem was tatsächlich getan wurde, die einen immer wieder fassungslos machte. Nirgends zeigte sich dies deutlicher als beim UN-Gipfel zu Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im September 2016, als die teilnehmenden Staaten nicht in der Lage waren, eine angemessene Antwort auf die globale Flüchtlingskrise zu finden, die im Laufe des Jahres größer und dringlicher wurde. Während die Regierenden angesichts dieser Herausforderung versagten, saßen 75.000 Flüchtlinge in der Wüste im Niemandsland zwischen Syrien und Jordanien fest.

Die Afrikanische Union hatte für 2016 ein Jahr der Menschenrechte ausgerufen. Doch in diesem Zeitraum kündigten drei Mitgliedstaaten ihren Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof an und torpedierten damit die Hoffnung auf eine Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen. Der sudanesische Staatspräsident Omar al-Bashir konnte ungehindert und straflos durch Afrika reisen, während seine Regierung in Darfur mit Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Diskurs der Furcht und Uneinigkeit
Das möglicherweise größte der vielen politischen Erdbeben im Jahr 2016 war die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie folgte auf einen Wahlkampf, in dem Trump sich vielfach mit hetzerischen Äußerungen hervorgetan hatte, die von Frauen- und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren. Er versprach, etablierte bürgerliche Freiheiten rückgängig zu machen und eine Politik zu betreiben, die der Wahrung der Menschenrechte in höchstem Maße zuwiderläuft.

Trumps vergiftete Wahlkampfrhetorik war nur ein Beispiel eines weltweiten Trend hin zu einer Politik, die auf Wut und Spaltung setzt. In vielen Ländern stützten sich Machthaber und Politiker zum Erhalt ihrer Macht auf einen Diskurs der Furcht und der Uneinigkeit und wiesen die Schuld für die tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme ihrer Wählerschaft “den Anderen” zu.

Trumps Vorgänger, Präsident Barack Obama, hinterließ in Bezug auf den Menschenrechtsschutz ein Erbe, das auch viele Fälle schweren Versagens umfasst. Dazu zählen die Ausweitung der geheimen CIA-Drohnenangriffe und die gigantische Massenüberwachungsmaschinerie, die der Whistleblower Edward Snowden öffentlich machte. Doch die Ankündigungen des neuen US-Präsidenten Trump lassen eine Außenpolitik befürchten, die sich über multilaterale Kooperationen hinwegsetzt und eine Ära vermehrter Instabilität und gegenseitigen Misstrauens einleitet.

Noch mangelt es an einem übergreifenden Diskurs, der die aufwühlenden Ereignisse des vergangenen Jahres einordnen könnte. Tatsache ist jedoch, dass die Weltlage zu Beginn des Jahres 2017 höchst instabil ist und wir voller Sorge und Unsicherheit in die Zukunft blicken.

Suche nach Sündenböcken
Vor diesem Hintergrund droht die Sicherheit der Werte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck gebracht wurden, zu schwinden. Die Erklärung, die nach einem der blutigsten Kapitel der menschlichen Geschichte geschrieben wurde, beginnt mit den Worten: “Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet (…)”.

Doch trotz der Lehren aus der Vergangenheit wurde die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Die Verachtung dieser Ideale war offenkundig in einem Jahr, in dem die gezielte Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien und im Jemen zur Routine wurde, in dem Flüchtlinge in Konfliktgebiete zurückgeschickt wurden, in dem die nahezu vollständige Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft in Bezug auf Aleppo an das Versagen in Ruanda 1994 und in Srebrenica 1995 erinnerte und in dem Regierungen in unzähligen Ländern weltweit massiv gegen Andersdenkende vorgingen.

Angesichts all dessen ist es alarmierend einfach, eine Schreckensvision der Welt und unserer Zukunft zu zeichnen. Die dringende und zunehmend schwierigere Aufgabe besteht jedoch darin, die globale Verpflichtung zu diesen grundlegenden Werten wiederzubeleben, von denen die Menschheit abhängt.

Zu den extrem beunruhigenden Entwicklungen 2016 zählen auch die Folgen eines neuen Handels, den Regierungen ihren Bürgern anbieten – sie versprechen ihnen Sicherheit und Wohlstand, wenn sie im Gegenzug dazu bereit sind, auf politische Teilhabe und bürgerliche Freiheiten zu verzichten.

Auf allen Kontinenten gingen Regierungen 2016 in drastischer Weise gegen Andersdenkende vor – manchmal offen und gewaltsam, manchmal subtiler und vermeintlich seriöser. Das Bestreben, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, nahm weltweit zu, sowohl was den Umfang als auch die Intensität betraf.

Drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle
Die Ermordung der indigenen Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres in Honduras im März 2016 machte exemplarisch deutlich, welche Gefahr Menschen droht, die sich mutig gegen mächtige staatliche und privatwirtschaftliche Interessen stellen. Nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch andernorts werden couragierte Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, die auf die Konsequenzen von Ressourcenabbau und Infrastrukturprojekten für Mensch und Umwelt hinweisen wollen, von Regierungen häufig als Bedrohung der wirtschaftlichen Entwicklung abgetan. Berta Cáceres, die sich für die lokale Bevölkerung und deren Land eingesetzt und zuletzt gegen ein Staudammprojekt gekämpft hatte, erhielt für ihr Engagement weltweit Anerkennung. Von den Mördern, die sie zuhause töteten, geht ein furchteinflößendes Signal an andere Aktivisten aus, insbesondere an diejenigen, die international nicht so bekannt sind wie Berta Cáceres.

In vielen Teilen der Welt zogen Regierungen Sicherheitsgründe heran, um ihr drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle zu rechtfertigen. In Äthiopien töteten Sicherheitskräfte Hunderte Protestierende und nahmen Tausende Menschen willkürlich fest, die überwiegend friedlich gegen rechtswidrige Landenteignungen in der Region Oromia demonstriert hatten. Die äthiopische Regierung nutzte das Antiterrorgesetz, um radikal gegen Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Oppositionspolitiker vorzugehen.

In der Türkei verschärfte die Regierung im Zuge des Ausnahmezustands nach dem Putschversuch im Juli 2016 ihr hartes Vorgehen gegen regierungskritische Stimmen. Sie entließ mehr als 110.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aufgrund angeblicher “Verbindungen zu terroristischen Organisationen oder Bedrohung der nationalen Sicherheit”, hielt 118 Journalisten in Untersuchungshaft und verfügte willkürlich die endgültige Schließung von 184 Medienunternehmen.

Im Nahen Osten und in Nordafrika war die Unterdrückung von Andersdenkenden endemisch. In Ägypten inhaftierten die Sicherheitskräfte willkürlich mutmaßliche Unterstützer der verbotenen Muslimbruderschaft sowie andere Regierungskritiker und Oppositionelle, folterten sie und ließen sie “verschwinden”. Die Behörden Bahrains gingen massiv gegen Regierungskritiker vor, indem sie diese mit zahlreichen Anklagen wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit überzogen. Im Iran warfen die Behörden Kritiker ins Gefängnis, zensierten alle Medien und verabschiedeten ein neues Gesetz, das praktisch jede Kritik an der Regierung und ihrer Politik unter Strafe stellt.

In Nordkorea intensivierte die Regierung ihre bereits extreme Unterdrückung der Bevölkerung durch die verschärfte Kontrolle der Kommunikationstechnologie. Häufig waren die strengen Maßnahmen ein Versuch, Regierungsversagen zu kaschieren, so zum Beispiel in Venezuela, wo die Regierung lieber Kritiker zum Schweigen brachte als die humanitäre Krise zu bekämpfen, die weiter eskalierte.

Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt
Außer direkten Bedrohungen und Angriffen war zu beobachten, wie etablierte bürgerliche und politische Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt wurden. So wurde zum Beispiel in Großbritannien ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet, das die Befugnisse der Behörden erheblich ausweitet. Sie können künftig die digitale Kommunikation und Daten abfangen, einsehen, zurückhalten oder in anderer Weise manipulieren, ohne dass ein stichhaltiger Verdacht gegen eine Person vorliegt. Indem Großbritannien eines der weltweit umfangreichsten Massenüberwachungssysteme einführte, näherte sich das Land einer Realität an, in der das Recht auf Privatsphäre schlicht nicht mehr anerkannt wird.

Der möglicherweise bösartigste Angriff auf die Menschenrechte bestand jedoch darin, dass Machthaber und Politiker zur Rechtfertigung ihrer repressiven Maßnahmen “die Anderen” für tatsächliche oder vermeintliche soziale Probleme verantwortlich machten. Mit hasserfüllter, spaltender und hetzerischer Rhetorik bedienten sie die finstersten Instinkte der menschlichen Natur. Indem sie bestimmte Gruppen, häufig ethnische oder religiöse Minderheiten, kollektiv für soziale und wirtschaftliche Missstände verantwortlich machten, bereiteten sie den Weg für Diskriminierung und Hassverbrechen, insbesondere in Europa und den USA.

Eine Variante dessen stellte der eskalierende “Antidrogenkrieg” des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte dar, der unzähligen Menschen das Leben kostete. Staatlich angeordnete Gewalt und Massentötungen durch Bürgerwehren forderten mehr als 5000 Tote, nachdem der Präsident mehrmals öffentlich erklärt hatte, dass Personen, die mutmaßlich in Drogenverbrechen verwickelt seien, getötet werden sollten.

Selbsternannte “Anti-Establishment”-Vertreter, die behaupteten, an sozialen und wirtschaftlichen Missständen seien sogenannte Eliten, internationale Organisationen und “die Anderen” schuld, boten die falschen Rezepte an. Das Gefühl der Unsicherheit und Entrechtung, das sich aufgrund von Arbeitslosigkeit, unsicheren Arbeitsverträgen, wachsender sozialer Ungleichheit und dem Verlust staatlicher Versorgungsleistungen bei vielen Menschen einstellte, erfordert ein entschlossenes Handeln, Ressourcen und einen Politikwechsel der Regierungen, anstatt einfach nach Sündenböcke zu suchen.

Es war offensichtlich, dass viele desillusionierte Menschen weltweit die Antworten nicht in den Menschenrechten suchten. Doch die Ungleichheit und Vernachlässigung, die der Wut und Frustration zugrunde lag, war zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass Staaten die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ihrer Bürger nicht schützten.

Ganz normale Heldinnen und Helden
Doch 2016 war in mancherlei Hinsicht auch die Geschichte von Menschen voller Mut, Widerstandskraft, Kreativität und Entschlossenheit angesichts immenser Herausforderungen und Bedrohungen.

Auf allen Kontinenten gab es Beispiele dafür, dass Menschen auch immer Mittel und Wege finden, sich zu widersetzen und sich Gehör zu verschaffen, auch wenn staatliche Machtapparate sie unterdrücken. So gelang es Aktivisten in China trotz systematischer Drangsalierung und Einschüchterung, online an den Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 in Peking zu erinnern. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro machte der äthiopische Marathonläufer und Silbermedaillengewinner Feyisa Lilesa weltweit Schlagzeilen, als er an der Ziellinie mit einer Geste die staatliche Verfolgung der Oromo in Äthiopien anprangerte. An den Mittelmeerküsten Europas reagierten Freiwillige auf das Versagen der Regierungen beim Flüchtlingsschutz, indem sie Ertrinkende eigenhändig retteten. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent entstanden Bewegungen der Zivilgesellschaft, von denen einige vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären. Sie griffen Forderungen der Bevölkerung nach Rechten und Gerechtigkeit auf und verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Der Vorwurf, Menschenrechte seien ein Projekt der Eliten, ist nicht haltbar. Der menschliche Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit löst sich nicht einfach in Luft auf. In einem Jahr voller Spaltung und Entmenschlichung leuchteten Aktionen für die Menschlichkeit und die grundlegende Würde des Menschen heller als je zuvor. Diese leidenschaftliche Reaktion verkörperte auch der 24-jährige Anas al-Basha, bekannt als Clown von Aleppo, der sich entschloss, trotz der furchtbaren Bombenangriffe der Regierungstruppen in der Stadt zu bleiben, um Kinder zu trösten und ihnen eine Freude zu bereiten. Als er am 29. November 2016 bei einem Luftangriff getötet wurde, würdigte sein Bruder ihn mit den Worten, er habe Kinder “am dunkelsten und gefährlichsten Ort der Welt” glücklich gemacht.

Zu Beginn des Jahres 2017 fühlt sich die Welt instabil an und die Angst vor der Zukunft nimmt zu. Doch gerade in solchen Zeiten werden couragierte Stimmen gebraucht, ganz normale Heldinnen und Helden, die sich gegen Unrecht und Unterdrückung erheben. Niemand kann es mit der ganzen Welt aufnehmen, aber jeder kann seine eigene Welt verändern. Jeder kann aufstehen gegen Entmenschlichung, indem er sich auf lokaler Ebene für die Wahrung der Würde und der gleichen und unteilbaren Rechte aller einsetzt und damit das Fundament für Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt legt. 2017 werden Menschenrechtsheldinnen und Menschenrechtshelden gebraucht.

 

Geert Wilders, Populist in Holland – warum ist er gefährlich?

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 14. 2. 2017

Am 15. März 2017 finden in den Niederlanden die wichtigen, auch Europa betreffenden Parlamentswahlen statt. Gewählt werden die 150 Abgeordneten der „Zweiten Kammer“ in Den Haag. Der sehr heftig umstrittene, rechtslastige und explizit Islam-feindliche Politiker Geert Wilders und seine Partei PVV(Partei für die Freiheit) haben laut Umfragen gute Chancen, als die zahlenmäßig stärkste Partei aus dieser Wahl hervorzugehen. Etliche Medien sprechen davon, dass die PVV mehr 30 Sitze als stärkste Partei der „Zweiten Kammer“ erhalten könnte.

SPIEGEL Online spricht bereits von einer Chaos-Wahl, weil auch die demokratischen Parteien sich der Hetz-Propaganda von Wilders anpassen… Zu biographischen Hinweisen über Wilders: Siehe einige Notizen am Ende dieses Artikels…

Inzwischen hat in einer Studie Jan Werner Müller, Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University (USA), auf WILDERS hingewiesen, der Titel seines Buches: “Was ist Populismus?”, 2016 bei Suhrkamp erschienen.

Wilders spricht zwar, so Jan Werner Müller, von Freiheit und Toleranz. Aber es ist er allein, der definiert, was diese Werte bedeuten und wer zum „wahren niederländischen Volk gehört“ (S. 27). Wilders propagiert die Ideologie, das Volk sei durch die gegenwärtige Regierung und ihre internationalen Verbindungen „beraubt“ worden: “Wir wollen unser Land zurück“( S. 34). Wilders redet dem Volk ein, er selbst gehöre zum (unterlegenen) Volk, dabei ist er seit 1990 ein Karrierepolitiker (S. 51). Wilders bestimmt mit seinen islamfeindlichen Vorgaben bis heute die Richtung der niederländischen Politik, obwohl er nie offiziell Regierungsverantwortung übernahm“ (S. 97). Wie ist mit den Populisten, also auch mit Wilders,  umzugehen? Der Autor hält es für falsch, die Ausgrenzung der Ausgrenzenden (Populisten) zu betreiben; er ist gegen das Motto „Mit denen reden wir nicht“ (S.96). Statt moralisch Populisten zu diskreditieren, sollen Demokraten mit Populisten diskutieren, „um die Fakten zurecht zu rücken. Bei Volksverhetzungen durch Populisten hilft das Strafrecht“ (S. 131).

Auch die Kirchen der Niederlande äußern sich kritisch zu Wilders und seiner Partei. Nach Marloes Keller von der  Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN) sind aber auch in der Kirche Menschen, die für die PVV stimmen: “Auch haben wir Anhänger von dieser Partei in unserer Kirche. Ich denke aber, dass der größte Teil (der Kirchenmitglieder ?) auch denkt: Bis hier und nicht weiter, da müssen wir etwas etwas dagegen tun”, klicken Sie hier. Es wird oft in kirchlichen Kreisen argumentiert: “Die Leute wollen keine Wahlempfehlungen bzw. Warnungen vor bestimmten Parteien von der Kirchenführung mehr hören”. Dieser Satz ist richtig, solange es sich um demokratische Parteien handelte. In der BRD waren etwa die Wahlempfehlungen (bis ca. 1970) der katholischen Kirche eindeutig zugunsten der CDU. Heute sind die Programmpunkte der PVV etwa eindeutig gegen die Religionsfreiheit, wie sie das Grundgesetz verteidigt. Die PVV fördert den Hass gegen eine bestimmte Gruppe, gegen die Muslime, die Bürgerrechte der Muslime sollen aberkannt werden usw. Da ist es treffend, wenn die Kirchenführung sagt: Diese Partei ist für Menschen, die Christen sein wollen und der Demokratie verpflichtend sind, nicht wählbar. Es müssen Grenzen gezogen werden, was alles in einer liberalen Demokratie sagbar und machbar ist. Immerhin fand im März 2014 schon einmal ein Gottesdienst gegen den Rassismus in der Klosterkerk von Den Haag statt, aber die PKN sagte eher kleinmütig: Dies sei ein Gottesdienst bloss gegen den Rassismus, nicht aber gegen Wilders….

In der viel beachteten Recherche-Zeitschrift „de correspondent“ (Online, 50.000 Abonnenten, Redaktion in Amsterdam, verantwortlich ist der Philosoph und Journalist Rob Wijnberg) hat die Journalistin Greta Riemersma einige wesentliche Fakten zu Wilders und der PVV dokumentiert. In dem Beitrag mit dem Titel „Plädoyer für den Widerstand gegen Wilders“ werden einige Tatsachen den deutschen LeserInnen von mir übersetzt zugänglich gemacht:

-Geert Wilders ist ein Fan von Mister Trump. Der PVV Chef jubilierte, als Trump ein Einreiseverbot für Menschen aus 7 islamischen Ländern anordnete.

-Die Position von Wilders gegenüber Muslimen wurde im Laufe seiner politischen Karriere immer radikaler: 2010 sagte er: „Menschen, die sich an Regeln halten, sind von Herzen willkommen“. Jetzt sagt Wilders sehr „rabiat“, wie Greta Riemersma schreibt: Die Niederlande „gehören uns“, Wilders will „das (niederländische) Schiff wieder schön machen“ und abrechnen mit den „Liebhabern des Islam“ (Islamknuffelaars)

Wilders spricht von einem „Mega-Problem mit den Marokkanern“ in Holland. Er hält „den“ Islam für „barbarisch“, er differenziert nicht, urteilt falsch und pauschal. „Es gibt nur einen Islam“ sagte Wilders einem Journalisten aus Australien, die Belege finden sich dafür im Beitrag für “de correspondent”.

-„Wilders generalisiert und wiederholt sein Geschrei endlos“ (G. Riemersma) „Die fortdauernde Wiederholung von stets extremeren Standpunkten hölt das das Denkvermögen aus, so wie das tropfende Wsser es auf dem Stein tut…. Wilders und Trumps Taktik haben ein Kennzeichen: Die Steuern das Chaos an… Wenn das so weitergeht, laden wir in der Dunkelheit, daran liegt doch Steve Bannon sehr”.

-„Man lese das Wahlprogramm der PVV: Auch Wilders will die Grenzen schließen für Asylsuchende und Immigranten aus islamischen Ländern. Moscheen und islamische Schulen sollen schließen. Der Koran wird verboten; der zeitlich begrenzte Aufenthaltsstatus von Flüchtlingen wird aufgegeben. Wilders will aus den Niederlanden einen Polizeistaat machen, anders lassen sich seine Pläne nicht ausführen“, so Greta Riemersa in der Online-Zeitung „de correspondent“, Amsterdam.

-„Wilders weiß nichts von Menschen, die er noch stets Türken und Marokkaner nennt. Er weiß nicht, dass diese Menschen ganz normale niederländische Bürger sind – oder er will dies nicht wahrnehmen. Die Fehler, die einige von ihnen begehen, bezieht er auf „den“ Islam. Wilders kennt nur einen Islam, den der so genannten „Haß-Imame“…

-„Mit Muslimen spricht Wilders nicht, der Amsterdamer Imam Yassin El Forkani hatte ihn eingeladen, Wilders reagierte nicht“.  “Die linken Parteien müssen aufhören, den Denk-Mustern der rechten Parteien zu folgen”. “Man muss aufhören damit, dass PVV Anhänger, die Viertel, wo Muslime wohnen, „besetzte Gebiete“ nennen….”

Geert Wilders. Biographische Hinweise

Wilders (geboren am 6.9.63) ist in der sehr katholisch geprägten Region von Venlo im Südosten der Niederlande aufgewachsen, er erhielt eine katholisch geprägte Ausbildung im katholischen St. Thomas College unter Leitung der Augustiner-Patres. Im Alter von 18 Jahren ist er aus der katholischen Kirche ausgetreten, er nennt sich Atheist, will aber niederländische Christen für seine Partei gewinnen. Und das scheint ihm auch in seiner katholischen Heimat-Provinz zu gelingen: In Venlo und der Provinz Limburg erhielt die PVV zwischen 25 und 39 % der Stimmen.

Seine politische Karriere begann Wilders 1997 in Utrecht im Gemeinderat dort, 1998 wurde er als Mitglied der rechtsliberalen Partei VVD Abgeordneter der „Zweiten Kammer“, 2004 verließt er die VVD und gründete die „Einmann-Fraktion“ „Groep Wilders“, Gruppe Wilders. Daraus entstand die Partei PVV.

Nebenbei: Wie aufgehetzt die Stimmung in den Niederlanden ist, zeigt die geradezu lächerliche und kindische, aber überaus breit getretene Debatte um den „Zwarten Piet“, den „Neger“, den „Mohren“, der als Assistent vom Heiligen Nikolaus die Kinder mit Geschenken traditionellerweise am 6. Dezember beglückt. Zurecht wird wohl heute darauf verwiesen, dass dieser aus der Phantasie stammende Assistent des heiligen Nikolaus nicht länger als „Neger“ und Schwarzer auftreten sollte.  Die Leute aus dem Umfeld der PVV und anderer rechter Parteien verteidigen den Schwarzen Piet als Teil der niederländischen Identität. Mit Polizeischutz müssen die Umzüge dies Schwarzen Peters gefeiert werden…

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Katholisch heißt immer noch (oft) fundamentalistisch denken: Eine vernünftige Nonne wird verteufelt.

Wie die katholische Dominikaner-Nonne Lucia Caram Hass und Morddrohungen auf sich zieht

Ein Hinweis von Christian Modehn

Was hat die Nonne Schwester Luzia Caram aus dem Dominikaner-Orden Furchtbares gesagt in einem Fernsehinterview in Barcelona Ende Januar 2017? „Ich glaube, dass Maria in Josef verliebt war. Dass sie ein normales Paar waren und aller Wahrscheinlichkeit entsprechend: Hatten sie auch sexuelle Beziehungen. Der Sex ist eine schöne Form, Gefühle auszudrücken und die Liebe. Aber für die Kirche ist dies ein schmutziges Thema und es wird versteckt. Ich aber glaube, Sex ist ein Segen. Ich glaube auch, dass wir uns getäuscht haben in unserer Art diese Dinge zu lehren: Wir wollten die Botschaft des Evangeliums in irgendeine bloß spirituelle Sache umwidmen (convertir). Und wir wollten die absurde Idee einschärfen, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist. (übersetzt nach Libération, Paris, vom 14. 2. 2017, übers.von Chr. Modehn).

Die Tageszeitung Libération zitiert den Erzbischof von Barcelona: «Il s’agit d’un grave scandale. C’est un affront intolérable contre un point fondamental de la doctrine catholique“.“ Es handelt sich um einen schweren Skandal. Es ist ein nicht hinzunehmender Affront gegen einen fundamentalen Punkt der katholischen Doktrin (sic!)“.

Der Wortführer der spanischen Bischofskonferenz, Jose Maria Gil Tamayo, kündigte an, dass die Kirche diesen „problematischen Fall“ studieren wird, diese Äußerungen einer Frau, „die die Reinheit der Botschaft Christi mit ihren Äußerungen beschmutzt“. Der Bischof der spanischen Diözese VIC sagte in Bezug auf die nicht – vollzogene Ehe von Maria und Josef: “Esta verdad de la fe fue recogida y proclamada de manera definitiva por el Concilio II de Constantinopla, siendo el primer dogma mariano y compartido por los cristianos católicos y ortodoxos”. “Diese Glaubenswahrheit wurde erkannt und proklamiert auf definitive Weise vom 2. Konzil zu Konstantinopel (es fand vor kurzem, im Jahr 553, statt, C.M:);  es ist das erste Marien-Dogma und es wird geglaubt (geteilt) von katholischen und orthodoxen Christen”, so El Mundo, 1.2.2017.

Inzwischen erhält die mutige und vernünftig denkende Nonne Morddrohungen von fundamentalistischen, d.h. dummen Katholiken. Diese Leute können Glauben und Vernunft nicht verbinden. Und können nur glauben, wenn überall Wunder passieren (im Falle der Ehe Marias mit Josef) und Sex nur verheimlicht wird.

Schwester Luzia, 51 Jahre, stammt aus Argentinien, sie lebt in der Nähe von Barcelona, in einem kontemplativen Kloster, das sich um ca. 1400 arme Familien helfend und beratend kümmert. Sie ist im ganzen Land bekannt und beliebt, weil sie auch eine eigene Koch-Sendung im “Canal Cocina”, Kanal Küche, hat, dieses Programm mit der kochenden und manchmal vor berechtiger theologischer Wut “kochenden” Nonne wird auch in Lateinamerika viel gesehen. Ihr sehr altes, sehr ehrwürdiges und doch von einer modernen Nonne bewohnte Kloster in Manresa, bei Barcelona, hat den Namen “Convento Santa Clara”. Dies für alle, die unterstützenden Kontakt mit der Dominikanerin aufnehmen wollen.

Wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon freuen uns natürlich bei allen Problemen, die sich die Nonne durch ihre treffenden Worte eingehandelt hat: Dass Schwester Luzia aus Barcelona das selbe sagt, was wir zum Thema Heilige Familie veröffentlicht haben, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Gleichzeitig ist es interessant zu sehen, wie stark der Katholizismus immer, noch bis in die höchsten Kreise, vom Fundamentalismus bestimmt ist, also etwa in der Ablehnung einer historisch-kritischen Bibelforschung.

Das Schlimmste ist wohl, dass ein freies und umfassend freies Wort in der römischen Kirche nicht möglich ist. Dies zu sagen ist im Reformationsjubiläum 2017 wohl besonders wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Gott ist nicht tot, vielleicht hat er nur neue Kleider? Ein Katechismus des Mitgefühls.

Gottes „neue Kleider“. Der niederländische “Katechismus des Mitgefühls”.

Ein neuer Katechismus – eine Einladung, selber zu denken und den eigenen Glauben zu entwickeln.

In meiner Ra­dio­sen­dung im NDR (in der Reihe “Glaubenssachen” am 19.2. 2016) mit dem Titel “Glauben ist einfach” (klicken Sie hier) wurde der niederländische Katechismus des Mitgefühls kurz erwähnt. Einige HörerInnen waren daran so interessiert und fragten, ob es diesen menschenfreundlichen und un-dogmatischen Katechismus auch auf Deutsch gibt. “Leider nicht”, heißt meine Antwort. Ich habe aber 2010 einige ausführlichere Hinweise zu diesem bemerkenswerten Buch geschrieben, Hinweise, die ich hier noch einmal, am 21.2.2017, vorstelle:

Die 150 Abgeordneten des Niederländischen Parlaments (Tweede Kamer) erhalten dieser Tage (also 2010) einen Katechismus geschenkt. Ungewöhnlich, in einem säkularisierten Land wie Holland. Dabei handelt es sich nicht um den Versuch, klerikale Machtansprüche in der Politik durchzusetzen, das liegt den Autoren des ungewöhnlichen Katechismus auch völlig fern. Denn sie treten als “freisinnige, liberale Christen” entschieden für die Trennung von Kirche und Staat ein. Aber ihnen liegt daran, mit allen Menschen, auch mit Politikern, in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten, nicht über Dogmen, wohl aber auch ethische Orientierungs  – Vorschläge!

Es ist schon komisch: Ausgerechnet in Holland erscheint dieser Tage ein neuer Katechismus. Ist das Wort „Katechismus“ nicht völlig out, völlig verbraucht, gerade in den Niederlanden, wo nur noch etwa 35 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche sind und die wenigsten Menschen von dogmatischen Lehren unterwiesen werden wollen? In dieser Situation muss man schon etwas Außergewöhnliches vorweisen: Der neue holländische Katechismus  konnte entstehen, weil die vier freisinnigen christlichen Kirchen Hollands angesichts des zunehmenden Einflusses konservativer und reaktionärer Kirchen deutlich ihre eigene Stimme erheben, die Stimme der Freiheit, die dem Nachdenken allen Raum lässt und eben keine fertigen „ewigen“ Wahrheiten präsentiert. Es sind keine Leitungsgremien, keine Bischöfe und keine Päpste, die diesen Katechismus verfasst haben, sondern zwei Pfarrer, die im ständigen Austausch mit der Kultur der Gegenwart stehen: Christiane Berckvens – Stevelinck, Theologin der Remonstranten Kirche, und Ad Ablass, Theologe der freisinnigen Strömung innerhalb der Protestantischen Kirche (PKN) legen ein Buch vor, das in 12 Kapiteln Grundworte der menschlichen Kultur erläutert, Grundworte, die ihre Wurzeln in den biblischen Traditionen haben.  Am Anfang steht die „Compassie“, das Mitleid, am Ende die dem Mitgefühl und der Empathie verwandte Liebe. Andere Themen sind Gleichheit, Verbundenheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, Freiheit, Berufung, Glaube und Gott. Das neue Buch nennt sich ausdrücklich „Katechismus des Mitleids“, ein zweifellos ungewöhnlicher, wenn nicht gar provozierender Titel. Aber er deutet das Ziel an: Die LeserInnen werden eingeladen, angesichts der humanen, ökologischen und politischen Katastrophen der Gegenwart das Mitleiden zu entwickeln, nicht nur als spirituelle Haltung, sondern vor allem als aufgeklärtes Handeln zugunsten der Leidenden. Aber dieser Appell zum Handeln ist nicht dick aufgetragen, vielmehr bieten die einzelnen Kapitel Informationen und meditative Impulse zu diesen Grundworten humaner Existenz. So ist ein Buch entstanden, das sich wohl am besten in einer eher „meditativen und behutsamen Lektüre“ erschließt. Nebenbei: Das Buch verdankt wesentliche Anregungen der britischen Philosophin und ehemaligen katholischen Nonne Karen Armstrong, die sich ausdrücklich für eine „Charta des Mitgefühls“ einsetzt. So gehört dieses Buch zu dem weltweit entstehenden Netwerk „Compassion“! Alle Kapitel des Katechismus werden „eingeleitet“ mit schönen Nachdrucken von Gemälden, Chagall ist genauso vertreten wie Rembrandt, Claudio Taddei genauso wie Caravaggio oder Ferdinand Hodler. Die eigens für das Buch gefertigten Gemälde der Künstlerin Brigida Almeida aus Utrecht beschließen jedes Kapitel. Im Text werden die Leser mit einer Fülle an Informationen aus der Literatur, dem Film, dem Theater konfrontiert, Informationen, die gleichermaßen die Schwierigkeiten wie die Chancen einer Lebenshaltung vorstellen, die sich von den 12 „Katechismus – Grundworten“ inspirieren lassen will, biblische Perspektiven sind jeweils ein Kapitel unter den anderen. Das ist der typische freisinnige Geist, dass keinem „Bibel – Fanatismus“ gehuldigt wird, sondern spirituelle Inspirationen auch im „weiten Feld“ der Religionen und Kulturen präsentiert werden. Sympathisch werden es Berliner finden, dass zum Thema Freiheit schon im Titel auf den berühmten Ausspruch John F. Kennedys verwiesen wird: „Ich bin ein Berliner“, ein Ausspruch, der heute als Bekenntnis gegen alle Formen des Totalitarismus verstanden wird. Äußerst sympathisch ist auch, dass das Kapitel über die Liebe mit einem Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld eröffnet wird, das die beiden Liebhaber David und Jonathan zeigt., sicher ist auch die Entscheidung für dieses Bild typisch für Freisinnige in Holland: Die Remonstranten waren ja die erste Kirche weltweit, die schon 1986 homosexuelle Paare –gleich welcher Konfession- in ihren Kirchen segnete. Sympathisch ist auch, dass der ungewöhnliche, progressive katholische Theologe Karl Rahner als Verteidiger der Mystik erwähnt wird.

Dies ist wohl der entscheidende Eindruck: Dieser auch vom Layout so schöne und freundliche Katechismus der freisinnigen Christen plädiert für die Mystik, sicher für eine moderne, eine durch die Aufklärung „hindurchgegangene” Mystik: Aber doch wird aller Nachdruck gelegt auf das innere Erleben des Göttlichen, das sich im Handeln ausdrückt. In der Mystik sehen die Autoren ohnehin die Zukunft des Religiösen. Interessant könnte es sein, wie sich die freisinnigen Kirchen selbst zu Orten (multi-religiöser) Mystik entwickeln. Vielleicht ist diese Mystik das neue Profil der Freisinnigen und ihrer Gemeinden? Vielleicht können sie mit diesem Profil weitere undogmatische, aber mystisch Interessierte einladen? Die niederländischen Autoren sind jedenfalls überzeugt: Gott ist nicht tot, er zeigt heute nur neue, ungewöhnliche „Gesichter“. Er hat vielleicht neue Kleider angelegt, wie die Autoren schreiben.

“Catechismus van de compassie”. Erschienen im Verlag Skandalon, in Vught, Holland. ISBN 978-90-76564-94-4.

 

Glauben und Wissen: Getrennt und doch verbunden? Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon am 31. März 2017

Unser nächstes Salon-Gespräch findet am Freitag, den 31. 3. 2017, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf, statt. Dazu herzliche Einladung.

Unser Thema klingt abstrakt, die Sache aber ist spannend: “Glauben und Wissen”.

Das Thema bezieht sich unmittelbar auf elementare Fragen der eigenen Lebensgestaltung:

Wo und wann und wem soll ich glauben, Glauben schenken, vertrauen? Soll ich die Inhalte eines religiösen Glaubens mir wissend aneignen?

Andererseits:  Wo und wann soll ich die Form des forschenden Wissens (absolut ?) hochschätzen? Soll ich persönlich in meinem Leben auf Glauben ganz verzichten und nur dem Wissen, der Wissenschaft, der Naturwissenschaft, ja was denn dann: glauben? Bekanntlich ist der Jetzt-Zustand einer Wissenschaft nur ein vorübergehender, ich glaube eben notwendigerweise, dass die Wissenschaft weiter und besser forscht usw…

Das zeigt schon, dass Wissen und Glauben keineswegs (die feindlichen) Alternativen im Lebensvollzug sind, die förmlich parallel nebeneinander stehen. Und wo man sich für die eine oder die andere entscheiden kann.

Die Frage also ist:  Welche Formen des im Alltag nun einmal immer schon gelebten Glaubens und Vertrauens gibt es? Weisen einige dieser alltäglichen Glaubensformen sogar in philosophisch vertretbare Fomen religiösen Glaubens? Ist die Ablehnung des reflektierten religiösen Glaubens zugleich eine maßlose Überschätzung “der” Wissenschaften?

Mit diesen Fragen werden sich gewiss alle an dem Salon Interessierten TeilnehmerInnen vorweg schon befassen, so dass sich ein weiter führendes Gespräch ergibt. Ich weise noch einmal auf die kleine Studie des Berliner Philosophen Volker Gerhard hin: “Glauben und Wissen”, Reclam 2016. Wer auch nur die Schlußkapitel liest, kommt mit eigenem Denken in Schwung.

Ich bitte wegen der begrenzten Anzahl der Plätze um eine Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

 

 

 

Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16. Februar 2017

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: “Nennt euch nicht Meister”. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel “Meine Lebensgeschichte” zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem “Freidenkertum” (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) “Versöhung von Christentum und Moderne” ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: “Petri Stuhl-Feier”. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch “Der Papst. Sendung und Auftrag” ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Was ist Populismus? In der Politik … und in den Kirchen.

Ein Hinweis auf das Buch „Was ist Populismus?“ von Jan-Werner Müller

Von Christian Modehn

Jan-Werner Müller arbeitet als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University (im Bundesstaat New Jersey, USA). Er nennt seine Studie zum Populismus (2016 bei Suhrkamp erschienen) ein Essay. Dabei handelt es sich weit mehr als um einen Versuch: Das Buch, 160 Seiten, ist eine grundlegende Einführung in ein nicht nur politisches, sondern im weiteren Sinne kulturelles Phänomen, den neuen Populismus. Die zahlreichen Belege und Literaturhinweise machen diese Studie noch wichtiger.

Um zur Lektüre und zur Debatte zu ermuntern, nur einige grundlegende Erkenntnisse, die Jan-Werner Müller vorstellt:

Das erste sehr ernste Problem ist: „Demokraten müssen schlicht akzeptieren, dass das Volk als solches sich nie fassen lässt“ (60). Denn wo zeigt sich „der wahre Wille des wahren Volkes“

Im Populismus wird eine Vorstellung von einem angeblich guten und reinen Volk propagiert, dieses Volk steht den angeblich nur korrupten und angeblich nur unmoralischen Eliten gegenüber (42). Das gewöhnliche Volk (mit dem vorausgesetzten angeblich gesunden Menschenverstand) ist das „eigentliche Volk“ (42).

„Populistische Regime“ (Müller nennt in dem Zusammenhang Putin und Orban) halten noch an einigen demokratischen Institutionen fest. Aber es handelt sich nicht um „funktionierende Demokratien“, sondern um „defekte Demokratien“ (75 f.)

Tendenziell ist Populismus immer antidemokratisch (91).

Populisten glauben und schreien es raus: “Wir sind das Volk“ im Sinne von „Nur wir allein sind das Volk“. Demokratisch und vernünftig akzeptabel wäre allein der Slogan: “Wir sind AUCH das Volk“ (63), vielleicht mit der Ergänzung:“ „Und Ihr habt uns vergessen“ (ebd.)

Nebenbei: Kurz vor dem Untergang der DDR Diktatur übernahm tatsächlich das Volk den Spruch „Wir sind das Volk“, um der Clique der SED Herrscher den Machtanspruch abzusprechen. Die DDR Opposition wehrte sich also zurecht gegen eine Diktatur. Heutige Populisten, etwa Wilders, Le Pen, FPÖ und Trump usw. wehren sich mit ihren totalisierenden Sprüchen gegen demokratische Regierungen… Sie reden dem Volk ein zu glauben: „Er, (der Führer), will, was wir wollen“ (47), so ein Slogan von Herrn Strache FPÖ. Warum also noch debattieren…der Volkswille ist doch im Führer repräsentiert (48).

Im Ganzen gesehen ist der Populismus anti-pluralistisch (44). Diese Abwehr der Pluralität in einer Gesellschaft und einem Staat (und einer Kirche könnte man hinzufügen) ist in der Sicht des politischen Philosophen Jan-Werner Müller am verheerendsten. Denn die anti-pluralistische (jegliche legitime Vielfalt abweisende) Haltung führt politisch zu „Alleinvertretungs-Ansprüchen“ (70), also zur Diktatur. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus; Unterdrückung der Zivilgesellschaft und wenn möglich der Medien“ (70). Typisch für diese Haltung ist das Trump Regime, es entspricht den drei genannten Taktiken des Populisten. Beamte werden ausgetauscht, der gesamte Staatsapparat wird in Besitz genommen usw.

Zum niederländischen Populisten Geert Wilders und seine Partei PVV nennt der Autor etliche Details: Wilders spricht von Freiheit und Toleranz, aber es ist er allein, der definiert, was diese Werte sind und wer zum „wahren niederländischen Volk gehört“ (27). Wilders propagiert die Ideologie, das Volk sei durch die gegenwärtige Regierung und ihre internationalen Verbindungen „beraubt“ worden: “Wir wollen unser Land zurück“( 34). Wilders redet dem Volk ein, selbst zum (unterlegenen) Volk zu gehören, dabei ist er seit 1990 ein Karrierepolitiker (51). Wilders bestimmt mit seinen islamfeindlichen Vorgaben bis heute die Richtung der niederländischen Politik, obwohl er nie offiziell Regierungsverantwortung übernahm“ (97)

Wie mit den Populisten umgehen? Der Autor hält es für falsch, die Ausgrenzung der Ausgrenzenden (Populisten) zu betreiben, er ist gegen das Motto „Mit denen reden wir nicht“ (96).

Statt moralisch Populisten zu diskreditieren, sollen Demokraten mit Populisten diskutieren, „um die Fakten zurecht zu rücken. Bei Volksverhetzungen durch Populisten hilft das Strafrecht“ (131).

Für unsere religionsphilosophischen Interessen ist es wichtig, sehr bald die Nähe der Kirchen zu populistischen Strömungen zu untersuchen. Die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, schätzt ja den Pluralismus in ihrer eigenen Organisation nur sehr bedingt und sehr begrenzt. Von daher gab (Nähe zum Faschismus Hitlers und Mussolinis) und gibt es immer wieder Unterstützung für populistische Regime: Siehe die Kirchen heute in ihrer Unterstützung für Orban in Ungarn oder für die polnische PIS Partei oder die Rolle der orthodoxen Staats-Kirche in Russland, gerade dazu hat der Religionsphilosophische Salon Berlin etliches publiziert.

Es wäre weiter zu untersuchen: Wie bestimmte zentrale moralische Positionen der Kirchen, etwa die ungebrochene heftige dogmatische Verteidigung „des“ ungeborenen Lebens und die Zurückweisung jeglichen gesetzlichen Schwangerschaftsabbruches (etwa in katholisch dominierten Ländern Lateinamerikas, wie in der Dominikanischen Republik oder in Nicaragua…) zur Unterstützung populistischer Systeme führen. Es wird in diesen kirchlichen Kreisen nicht gefragt, wann personales Leben beginnt, das Selbstbestimmungsrecht der Frauen soll mit Gewalt verhindert werden…

Die Liebe zu den Menschenrechten ist in den Kirchen sehr partiell, die Menschenrechte werden oft dann beschworen, wenn die Kirchenführer darin für sich selbst oder die Kirchen im ganzen einen Vorteil sehen.

Es wäre weiter zu untersuchen, was angesichts des Populismus die viel besprochene katholische „Theologie des Volkes“ und der „Volksreligion“ bedeuten kann. Und vor allem: Was bedeutet die Rede vom „neuen Volk Gottes“ als Definition der katholischen Kirche im 2. Vatikanischen Konzil (gegenüber dem üblichen, aber starren Leib-Christi-Begriff) heute. Welches Volk meinten eigentlich die Bischöfe beim Konzil? War es das Volk der gleichberechtigten Katholiken? Sicher nicht. Die nach wie vor undemokratisch regierende Kirchenführung, angeblich göttliches Recht und die Rolle des dominierenden und unkontrollierbaren KLERUS blieb im Volk-Gottes-Denken unangetastet. Und es ist bis heute so. War das eine Kichenreform im Konzil? Eher wohl nicht.

Die internationale kritische katholische Basis – Bewegung nannte sich meines Wissens zu Beginn: „AUCH wir sind Kirche“. Jetzt nennt sie sich durchaus „etwas“ absoluter gemeint: „Wir sind Kirche“. Wir sind die “Kirchenvolksbewegung”. Dieses sehr anspruchsvolle Motto „Wir sind Kirche“ ähnelt doch durchaus dem Motto der DDR-Opposition „Wir sind das Volk“. Von da aus weiter gedacht: Sieht sich also die kritische Kirchenvolksbewegung auch im Gegenüber zu einer Diktatur, wie einst die DDR-Opposition zur SED Führung?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

The­sen­an­schlag heute: Kurz und störend. Ein Projekt zum 31. Oktober 2017!

Neun Komma fünf (9,5) Thesen zur Gesellschaft und zu den Kirchen. Als neuer Thesen – Anschlag.

Anstelle der heute schon wieder üblichen, in Büchern usw. veröffentlichten 95 Thesen:

Also: Neuneinhalb Thesen! Sie sind überschaubarer und vielleicht “heftiger”…

Von Christian Modehn. Zuerst veröffentlicht am 15. 2. 2017.

Vorweg:

Thesen sind Einladungen zum Weiterfragen. Sie haben nichts Abgeschlossenes. Sie können selbstverständlich nicht „alles“ sagen zum Thema „Reformation 2017“.

Diese Thesen sind vor dem Hintergrund der Bedrohung der Demokratien durch das Lügen-Regime von Mister Trump formuliert sowie angesichts der Macht der Rechtsradikalen in ganz Europa; angesichts des Mauerbauens  rund um Europa; angesichts des vom reichen Europa zugelassenen massenhaften Krepierens von Afrikanern auf dem Mittelmeer; angesichts der zugelassenen “neuen KZs, die sich heute Flüchtlingslager nennen” (Zitat von Papst Franziskus, April 2017). Diese Thesen zum Reformationstag sind formuiert vor dem Hintergrund der Bedrohung der Menschheit durch (von Menschen gemachte) ökologische Katastrophen und durch die von Menschen gemachten bzw. gewollten Kriege. Diese sind intendiert von der Gier der Waffenproduzenten in Europas und Amerika. Gegenüber diesen Herren sind offenbar alle machtlos, nur die üblichen mahnenden Worte werden gesprochen…

Unsere leitende Erkenntnis ist also: Angesichts dieser Welt heute kann man nicht mehr „wie immer schon üblich“ von Reformation oder gar von Luther, Kirche, Spiritualität usw. reden und entsprechende Kirchen-Veranstaltungen planen. Haben wir das alles nicht schin 100 mal erlebt? Neues muss gesagt werden. Neue Thesen sollten gewagt werden. Die Erinnerung an einst ist wissenschaftlich wichtig, existentiell im Augenblick aber nicht so wichtig.

Lassen wir also Luther einmal beiseite und seine ewig wiederholten Prinzipien. Diese sind altbekannt, in schätzungsweise 50 neuen Lutherbüchern 2016/17 dargestellt: All das hat aber politisch bis jetzt wenig bewirkt. Widerstand gegen Unrecht, Unrechtssysteme und Lügensysteme ist bekanntlich alles andere als eine Kategorie im Denken Luthers und der meisten Lutheraner.

Es gilt heute den humanen Kern der biblischen Botschaft als menschlicher Weisheit freizulegen. Es gilt aber vor allem, einen alle Menschen verbindenden Humanismus der Vernunft zu entdecken und zu fördern. Dies ist die aktuelle Aufgabe der christlichen Kirche.

Die neuneinhalb Thesen:

  1. Kirchen und Glauben, Religionen und Atheismen sind nicht primär wichtig. Was heute für den einzelnen und die Gesellschaft im Mittelpunkt steht ist das ethisch verantwortete und reflektierte Leben.
  2. Die eigene Urteilsbildung und die seelische Reife der Menschen (und Christen) zu fördern ist wichtiger als konfessionelle Dogmen – etwa im Unterricht – zu vermitteln und zu verbreiten. Philosophieren muss im Mittelpunkt stehen. Ideologien werden entlarvt und dringende humane Projekte (Ökologie, atomare Abrüstung, Kritik der totalitären und “halbtotalitären” Herrschaft  usw.) besprochen.
  3.  Eine konfessionell geprägte, so genannte christliche Ethik, ist niemals primär und maßgeblich. Sie kann lediglich die allgemeine humane, die vernünftige Ethik verstärken. Jesus von Nazareth kann „inspirierendes Vorbild“ genannt werden. „Jesuanischer Geist“ findet sich außerhalb der Gruppen, die sich ständig und oft scheinheilig auf Jesus Christus berufen. Sein Geist ist z.B. in einigen NGOs (Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International) anwesend und lebendig, vielleicht sogar lebendiger als in den müden, um Dogmen und andere Themen ewig ringenden und streitenden Kirchen.
  4. Die Menschen sollten sich in neuen offenen und reifen Gruppen und Gemeinden treffen; auch, um gemeinsam für mehr Gerechtigkeit hier und weltweit einzutreten. Das Ziel: Es darf keine Mauern zwischen den unterschiedlichen, aber gleichberechtigten Menschen und Kulturen geben. Wer als Politiker Mauern baut, auch in Europa gegenüber Flüchtlingen, muss zurückgewiesen und „in Pension“ geschickt werden.
  5. Das Hungersterben, das weltweite Elend, muss als absolute Schande der Menschheit wahrgenommen werden. Es muss alles Denken und Handeln begleiten. Es kann nur durch eine neue, gerechte Welt-Gesellschaft überwunden werden. Dazu müssen Umverteilungen des Reichtums, auch durch Enteignungen von Milliardären etwa, stattfinden. Es gilt, endlich eine „Obergrenze“ ethisch vertretbarer Einkünfte zu debattieren.
  6. Die getrennten Kirchen erkennen an: Wir wollen nur noch das eine Wesentliche, das eine Zentrum, des christlichen Glaubens lehren und leben: Die Liebe unter den Menschen und die Liebe zu einer Wirklichkeit, die viele Gott nennen. Die immer wieder und endlos besprochenen dogmatischen Differenzen werden als überflüssige Hobbys klerikaler Herrscher entlarvt. Gottesdienste werden aus der rituellen Erstarrung und Langeweile befreit. Sie werden zu Lebensfeiern.
  7. Der biblische Gott wird nicht länger als immer zur Verfügung stehende (Herrschafts-)Formel und Floskel verwendet. Gott wird vielmehr als Geheimnis eher schweigend und liebend und in einer allgemeinen Mystik verehrt. So finden unterschiedliche Religionen zueinander. Die neuen Götter in ihrer ganzen Vielfalt werden entlarvt (Fußball, Sport, Leistung, Körperkult usw.) sowie owie der oberste Gott, über allem, das Geld bzw. das Bestreben, „immer mehr“ das „Haben“ als absoluten Wert zu verehren.
  8. Das göttliche Geheimnis kann selbstverständlich auch in Kunst, Literatur, Musik, in der Erotik, in der Natur, im solidarischen Engagement entdeckt werden. Diese Gotteserfahrung ist dann authentisch, wenn sie die Menschen zu einer personalen Befreiung und Reifung führt.
  9. Die Befreiung der Frauen, besonders der leidenden und unterdrückten Frauen in den arm gemachten Weltregionen, hat oberste politische und kirchliche Priorität. Solange die römische Kirche (von den orthodoxen Staats- bzw. Regime-Kirchen ganz zu schweigen) Frauen nicht als völlig gleichberechtigt akzeptiert, kann sie nicht ernst genommen werden. Auch die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen muss weltweit erkämpft werden. Homosexualität ist normal, Homosexualität ist eine normale Variante in der sexuellen Orientierung. Alles andere zu behaupten ist Unsinn, ist kontra-faktisch, widerspricht den Wissenschaften. Offenbar sind viele Christen und Kirchen immer noch gern gegen Wissenschaften eingestellt.

      9,5. Weiter denken: Und die eigenen neuneinhalb Thesen schreiben.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Karl Jaspers: Plädoyer für den philosophischen Glauben.

Am 26.2 1969 ist der Philosoph Karl Jaspers in Basel gestorben (geboren wurde er am 23.2. 1883 in Oldenburg). Der Religionsphilosophische Salon Berlin erinnert an Jaspers als einen kritischen politischen Denker in der BRD und einen entschiedenen Kritiker der politischen Verblendung von Martin Heidegger und: Vor allem als einen Denker, der die Vernunft so reflektierte, dass er für einen “philosophischen Glauben” (so der Buchtitel von 1948) eintreten konnte und für den “philosophischen Glaube angesichts der Offenbarung” (1962) sich stark machte. Die Konzeption und Weiterentwicklung eines vernünftigen philosophischen Glaubens bleibt ein Thema unser Diskussionen. Der “philosophische Glaube” bietet nicht nur Denk-Möglichkeiten, gerade in Zeiten, in denen der konfessionelle dogmatische Glaube der Kirchen nicht mehr als geistig-bewegende Lebendigkeit erfahren wird. Der philosophische Glaube im Sinne von Jaspers kennt nur Grundsätze, keine Dogmen. Gewalt gegen Andersdenkende wird selbstverstädnlich abgelehnt, er ist offen für Einwände, hält nicht wunderbare Behauptungen für selbstverständlich, er gibt keine Ruhe im Denken und Fragen. Aber der philosophisch Glaubende interessiert sich für die “Chiffren”, für vieldeutige Zeichen, die aber auch auf Transzendenz weisen können.

Es wäre interessant, den philosophischen Glauben im Sinne von Jaspers mit den Thesen des südafrikanischen Theologen und Bischofs Desmond Tutu zu konfrontieren, Thesen, die er in dem Buch “Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit” (2012) mitgeteilt hat. Tutu weist die Vorstellung zurück, dass Christen im Besitz einer alleinigen Wahrheit sind, er sucht das Gemeinsame in den Religionen…; jeder Mensch lebt in enger Verbindung mit dem Göttlichen, die Vernunft in allen Menchen ist das wahrhaft Religiöse…

Ein Hinweis: Es erscheint eine kommentierte Karl-Jaspers-Gesamtausgabe (KJG), in Kooperation mit der Karl Jaspers-Stiftung (Basel) erfolgt diese Gesamtausgabe durch die am Philosophischen Seminar und am Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg angesiedelte Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Spinoza und die kritische Bibelforschung

Ein Hinweis auf einen Gedenktag, also einen Tag zum Denken….an Spinozas Bibelkritik und seine Verteidigung der Philosophie….

Von Christian Modehn

Am 21. 2.1677 ist in Den Haag der Philosoph Baruch de Spinoza gestorben (geboren wurde er am 24.11. 1632 in Amsterdam). Auch als Verteidiger und Förderer der historisch-kritischen Bibelexegese muss er für weite Kreise (besonders der unbegildeten heutigen Bibel-Fundamentalisten)  noch entdeckt werden. Genau so wichtig ist Spinozas Forderung: Die Theologie (also auch die Leitung der Religionsgemeinschaften) darf der Philosophie nicht das Recht auf eigenständige Erkenntnis, auch Gotteserkenntnis, streitig machen. Der wahre Gottesdienst für Spinoza ist die lebendige Gestaltung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Wichtig ist hier das Buch Spinozas “Tractatus Theologico-Politicus“, (1670 anonym erschienen).Darin wendet sich Spinoza auch gegen den schlichten Wunderglauben, der da meint: Gott wirke im Ungewohnten und Außergwöhnlichen. Man solle Gott vielmehr suchen in der durchgängigen Gültigkeit der Gesetze der Natur. Jeder Mensch hat das Recht, frei seine eigenen religiösen Überzeugungen zu sagen, diese Freiheit sei die Bedingung für eine staatliche Ordnung.

….Goethe sagte über Spinoza: “Ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige”.

Der Text des Tractatus von Spinoza ist erreichbar unter: http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf

Steve Bannon exkommunizieren ?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.2.2017.

Der stärkste und militanteste Mann im Trump – Regime, den sehr viele einen Rassisten und faschistoiden Typen nennen, Steve Bannon, ist, bisher eher selten wahrgenommen, ein Katholik. Der Vorschlag des “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin” heißt: Der Vatikan könnte und sollte Steve Bannon exkommunizieren. Als juristischen Beitrag kirchlicherseits gegen Bannon, um dadurch auf dessen völlig inakzeptable ethische und politische Positionen aufmerksam zu machen, Meinungen und Positionen, die den Weltfrieden bedrohen. Im Canon 1369 des offiziellen “Codex Iuris Canonici” heißt es innerhalb der Ausführungen zu den “Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche” u.a. “Wer eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt oder Hass und Verachtung hervoruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden”. Diesen “Tabestand” vor Augen hatte Papst Franziskus im Juni 2014 Mitglieder der süditalienischen Mafia exkommuniziert. Dieses Ereignis kommentierte Roberto Saviano mit Blick auf Italien in “Die Zeit” vom 26. Juni 2014, Seite 5: “Die Exkommunikation ist als eine Geste von größtmöglicher Symbolkraft geeignet, die oftmals engen Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen”… Welche politischen Verbindungen würden “gekappt” werden, wenn Bannon exkommuniziert wäre?

Diese Forderung einer öffentlichen Ausgrenzung, Exkommunikation, Bannons sollte ausgesprochen werden, auch wenn sie wenig Chancen auf eine Realisierung hat. Denn Steve Bannon hat zu viele mächtige Fürsprecher im Vatikan, auch unter zahlreichen reaktionären Kardinälen dort, siehe unsere Hinweise auf das Institut”Dignitatis Humanae” in Rom und Brüssel. Man wundert sich dabei nur, mit wie vielen sekundären Themen sich der Vatikan befasst, wie dieses “ewige” Thema der “Wiederverheiratet Geschiedenen”…

Die „New York Times“ hat dazu ein ausführliches Dossier veröffentlicht, wie sich Bannon im Vatikan beliebt machte. Klicken Sie hier.

Und die konservative katholische Wochenzeitung „National Catholic Register“ berichtete über Bannons Verbindungen zu einem reaktionären katholischen Studienzentrum in Rom und Brüssel, mit dem hübschen Namen „Dignitatis Humanae Institut“, der Titel erinnert an einen Text zur Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Zu weiteren Informationen über dieses “Forschungszentrum” mit dem Namen “Institut der menschlichen Würde” (vor allem für die Würde des Mister Bannon) klicken Sie hier. Wer die website dieses Instituts aufschlägt, ist sofort mit dem Katholiken Bannon konfrontiert. Zu den “Patrons” des Instituts gehörte u.a Otto von Habsburg, sehr konservative Kardinäle, wie die Herren Kardinäle Brandmüller, BURKE oder Sarah, gehören zur Leitung; offizieller “Hausgeistlicher” ist der umstrittene englische Franziskaner Michael Seed. Informationen auch über ihn, der für die Konversion von Tony Blair zuständig war… Klicken Sie hier.

Wir fragen uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin:

Die Richter und Juristen im allgemeinen sind wohl noch eine starke Kraft in den USA, um gegen die totalitären Ansprüche des Trump-Regimes vorzugehen. Warum nicht auch die katholischen Kirchen-Juristen? Warum sollte also nicht die Frage diskutiert werden: Wann wird Steve Bannon, der mit universal geltenden Menschenrechten überhaupt nichts zu tun hat, siehe seine Beiträge in “Breitbart”, wann also wird dieser katholische Ober-Hetzer und katholische Feind des Demokratie nicht von Papst und US-Bischöfen EXKOMMUNIZIERT? Wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon sind überhaupt keine Freunde von Exkommunikationen. (Es wurden allzu oft die falschen, nämlich die theologischen Abweichler und theologisch kreativen Ketzer exkommuniziert…).  Aber in größter Not haben Exkommunikationen auch heute einen symbolischen und vielleicht auch politischen Wert: Den Amis sollte der Papst also sagen: Dieser Typ Steve Bannon ist ab sofort nicht mehr katholisch. Bei den großen Mafia-Bossen in Italien hat Papst Franziskus diesen symbolischen Akt auch vollzogen. Die Mafiosi morden trotzdem weiter, aber die Öffentlichkeit weiß: Diese Typen gelten selbst im Vatikan nicht als katholisch. Sie sind Verbrecher. Beichten reicht dann für sie nicht mehr: Diese Typen müssen sich politisch-ethisch verwandeln d.h. zum Respekt vor der universal (!) geltenden Menschlichkeit und den Menschenrechten zurückkehren.

Aber vielleicht stehen viele führende Katholiken und Bischöfe in den USA insgeheim und offen auf Steve Bannons Seite? Das wäre eine Katastrophe, die kritischer Recherche-Journalismus natürlich dokumentieren müßte.

Thomas Assheuer bietet in “Die Zeit” vom 9.Februar 2017, Seite 35, den wichtigen Hinweis auf eine Connection zwischen Steve Bannon und Alexander Dugin, Russland, der dort als Neo-Faschist betrachtet wird.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Ein anderer Kirchentag 2017. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Man muss kein Zukunftsforscher sein, erst recht kein Prophet, um zu sehen: Wenn der Kirchentag vom 24. bis 28. Mai 2017 in Berlin und Wittenberg stattfindet, wird es noch mehr irritierende politische Turbulenzen geben: Die Wahlen in Holland und Frankreich sowie die Landtagswahlen in Deutschland werden leider wohl starke rechts(extrem)lastige Ergebnisse zeigen. Und die Zustände in den USA unter Trump werden sich gewiss noch nicht gebessert haben. Diese Themen werden das Miteinander in der Demokratie auch hier weiter belasten. Und genau damit sollten sich die TeilnehmerInnen des Kirchentages befassen.  Also: Kann unter diesen aktuellen Umständen ein Kirchentag einfach so, wie vorgesehen, sein Programm „durchziehen“? Mit all den nun schon vertrauten eher üblichen Themen? Oder muss ein „Ruck“ durch den Kirchentag jetzt noch gehen? Sollte nicht das eine zentrale dringende Thema, nämlich die Verteidigung der Demokratie und des Friedens, das ganze Programm bestimmen?

Das Elend ist eben, dass man sich nicht mehr traut, vom protestantischen Prinzip zu reden, das durch die Reformation zur bestimmenden Kraft im Christentum geworden ist. Mit historischen Ausstellungen, finanziert von Auswärtigen Amt, wird die Reformation als historisches Ereignis, das keineswegs nur kirchliche, sondern enorme gesellschaftliche, politische und kulturelle Auswirkungen hatte, gefeiert. Wenn es um die theologische und kirchliche Gegenwartsbedeutung der Reformation geht, und erst recht, wenn es darum geht, zu sagen, wofür ein sich an der Reformation orientierendes Christentum in den atemberaubenden Konflikten und politischen Verwirrungen unserer Tage einzutreten hat, dann bleiben Theologie und Kirche jedoch merkwürdig stumm.

Man wiederholt formelhaft die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und dass die Kirche sich an Christus allein zu orientieren habe. Das erregt natürlich auch nirgendwo Widerspruch, auch in der Katholischen Kirche nicht. So begannen die höchsten Repräsentanten der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland das Reformationsjubiläumsjahr damit, dass sie gemeinsam eine Reise nach Jerusalem unternommen haben. So pilgert der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm am 6. Februar 2017 mit einer Delegation der EKD nach Rom, um mit dem Papst zusammen das Reformationsfest als „Christusfest“ zu begehen.

Man ergeht sich in innerkirchlicher Selbstbeweihräucherung, indem man die Überwindung theologischer Gegensätze feiert, die schon längst niemand mehr versteht, geschweige denn interessiert. Die kirchlichen Würdenträger auf evangelischer wie katholischer Seite zelebrieren ökumenische Verbundenheit in dem irrigen Glauben, gemeinsam könnten sie im Kampf gegen die säkulare Welt besser bestehen. Die Evangelischen sind dabei so sehr von der Angst ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung getrieben, dass sie sogar vor Unterwerfungsgesten der nach wie vor machtvoll auftretenden Katholischen Kirche nicht zurückschrecken. Sie fahren nach Rom, nachdem der Papst sich geweigert hatte, nach Wittenberg zu kommen. Wie soll angesichts so viel theologischer Selbstverleugnung der evangelischen Kirchenführer das protestantische Prinzip noch zur Geltung kommen können? Es wird auch auf dem Kirchentag dem innerkirchlich motivierten ökumenischen Einheitswahn zum Opfer fallen.

Natürlich wird man sich auf dem Wittenberger Kirchentag auch mit den gesellschaftlichen und politischen Konflikten und Herausforderungen der zerrissenen Weltgesellschaft beschäftigen. Es wird den ganzen Sommer über unzählige Foren in Berlin und Wittenberg auch zu Demokratie und Menschenrechten geben. Es werden der Trumpismus und die AFD wichtige Themen sein. Das steht alles außer Frage. Aber man wird nichts darüber hören, was das spezifisch Protestantische in der Stellungnahme ist, die angesichts der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation von Christen gefordert ist. Von einer protestantischen Identität will man um des lieben ökumenischen Friedens willen in den Leitungsgremien der EKD ebenso wenig etwas wissen wie unter den Cheforganisatoren des Evangelischen Kirchentages. Man übersieht dabei jedoch, dass es viele Menschen in der Evangelischen Kirche und vielleicht noch mehr in der Katholischen Kirche gibt, die sehnlichst darauf warten, dass das durch die Reformation ins Christentum eingeführte protestantische Prinzip sich in der Kirche wie dann erst recht in Politik und Gesellschaft heute erneut energisch Geltung verschafft.

Was es mit dem Protestantismus als Prinzip auf sich hat, hat als erster Paul Tillich in den 1920er Jahren ausgesprochen. Er meinte damit, dass die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangene Kirchenreform sich gegen alle ideologische Überhöhung menschlicher und weltlicher Macht ins Göttliche gerichtet hat. Protestantisch ist der Protest gegen eine Arroganz der Macht, die sich auf höhere Rechtfertigungen beruft als die, auf Zeit und nach demokratischen Regeln vergeben worden zu sein. Absolute, göttliche Rechtfertigung steht nur Gott zu. Kein Mensch darf sich auf sie berufen, um damit am vernünftigen Diskurs vorbei seine Entscheidungen zu legitimieren. Das protestantische Prinzip ist der permanente Einspruch gegen die ideologische, sich auf höhere Gewalt berufende Rechtfertigung der Macht. Es lässt, wie Tillich sagte, Priester zu Laien, Sakramente zu bloßen Worten, Heiliges zu Profanem werden. Es begründet das Priestertum aller Gläubigen. Es ist, in seinem politischen Konsequenzen, das demokratische Prinzip, die theologische Begründung des Rechts auf vernunftgeleitete, diskursiv ausgehandelte Selbst- und Mitbestimmung.

Es ist schon so: das protestantische Prinzip verbindet sich eng mit der reformatorischen Einsicht in die Rechtfertigung allein aus Glauben, damit, dass diese in letzter Instanz Gottes und nicht des Menschen Sache ist. Aber es greift über das Kirchliche ins Politische und Gesellschaftliche hinein. Es beschreibt, was es heißt, in Politik und Gesellschaft aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ zu leben. Aus der theologischen Lehre vom Priestertum aller Gläubigen folgen dann der demokratische Grundgedanke der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und ihr Recht auf Mitbestimmung in allen das Gemeinwesen bestimmenden Angelegenheiten.

Dieses protestantische Prinzip ist zu Zeiten der Reformation weder kirchlich noch staatlich verwirklicht worden. Anpassung an obrigkeitsstaatliches Denken und Demokratieverachtung waren in der ganzen Geschichte auch des Protestantismus ganz überwiegend seine mehrheitskirchlichen Kennzeichen.

Dennoch scheint mir dieses protestantische Prinzip, das jeden Menschen vor Gott gleichstellt, jedem Menschen einen unendlichen Wert zuspricht, die Arbeit für mehr Gerechtigkeit zur moralischen Pflicht zu machen und den Frieden zum Endzweck allen politischen Handelns zu erklären. Allein deshalb schon sollte es auch theologisch ins Zentrum des Reformationsgedenkens treten.

Dann müsste es auch auf dem Wittenberger Kirchentag darum gehen, theologisch Farbe zu bekennen und an der protestantischen Identität des Christentums zu arbeiten. Wir brauchen keinen ökumenischen Versöhnungsschleim. Die politischen, sozialen und ideologischen Gegensätze, die unsere Welt zerreißen, gehen auch durch die Kirchen. Wo diese meinen, ihnen enthoben zu sein, betreiben sie die ganz und gar unprotestantische Vergöttlichung und Immunisierung ihrer Macht.

Der Pluralismus ist auch im Christentum eine Realität. Und er kann auch etwas Gutes haben, nämlich, dass Christen sich darüber Klarheit verschaffen, wofür sie selbst stehen und einzustehen bereit sind, religiös und politisch. Und beides hat eben sehr viel miteinander zu tun.

Was nützt es auch angesichts unserer Welt, wenn die TeilnehmerInnen des Kirchentags noch einmal etwas mehr von der „Rechtfertigung aus Glauben allein“ erfahren? Was nützt, wenn sie abermals hören, wie nahe sich Protestanten und Katholiken schon (angeblich) gekommen sind? Wenn die Zivil- Gesellschaft und der demokratische Staat an so vielen Orten bedroht ist? Würde Luther heute nicht 95 Thesen zur Rettung der Menschenrechte veröffentlichen?

Ja, davon bin ich überzeugt, Luther würde heute seine Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben als die Botschaft einer Rechtfertigung des Existenz- und Lebensrechtes eines jeden Menschen, allein deshalb, weil er ein Mensch ist, von den Kanzeln predigen! Er würde seine Überzeugung auf die Marktplätze bringen, in TV-Debatten verteidigen und über unzählige Tweets allen, die ihm folgen, weltweit bekannt machen.

Selbstverständlich wollte er auch, dass der zum Gedenken der Reformation in Wittenberg gefeierte Kirchentag sich nicht wieder in die Lehrstreitigkeiten des 16. Jahrhunderts hineinbegibt. Die innerkirchlichen Auseinandersetzung, aber auch die ökumenischen Verständigungsbemühungen hätten ihn vermutlich überhaupt nicht interessiert. Für ihn war die Wiederentdeckung des Evangeliums von einer über Leben und Tod, ewiges Heil oder ewige Verdammnis entscheidenden Wahrheit von alleiniger Bedeutung. Entsprechend entscheidet heute die Anerkennung oder Verleugnung der Menschenrechte täglich über Leben und Tod, offene Zukunft oder endgültiges Verderben von Tausenden von Menschen. Sie bleiben an den Grenzzäunen wie sie überall, auch in Europa, errichtet werden, hängen, ersaufen im Mittelmeer – oder aber sie finden Aufnahme in Ländern, die ihnen das Überleben sichern, oder, noch besser, sie erhalten durch den Aufbau einer gerechteren Welt- und Friedensordnung die Chance, zum wirtschaftlichen Aufbau ihrer eigenen Länder beizutragen.

Ein Kirchentag, der die Entdeckung des protestantischen Prinzips der Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott und damit die unhintergehbare Bestätigung des unendlichen Wertes jedes Wesens, das Menschenantlitz trägt – unabhängig von dessen religiösen, politischen nationalen oder ethnischen Zugehörigkeiten – feiert und in seinen weltweiten politischen Konsequenzen diskutiert, wäre ein Kirchentag im Sinne Luthers.

Allerdings, keiner von uns hätte dabei die Chance, sich aufs hohe Ross eigener moralischer Rechtschaffenheit zu setzen. Wir sind auch da durch Luthers 95 Thesen gewarnt. Die erste seiner 95 Thesen lautete bekanntlich, dass unser ganzes Leben ein in der Buße, d.h. in kritischer Selbstbesinnung zu führendes Leben sei.

Wenn der Glaube also im Zusammenhang von Demokratie und Menschenrechten eine Rolle spielt: Welche Gestalt des Glaubens ist es dann? Vielleicht ein elementarer Glaube an die Gründung allen Lebens in einem Sinn? Mit anderen Worten: Sollte der protestantische Glaube heute nicht elementar einfach sein? Und wenig dogmatisch, dafür aber sinnstiftend?

Vom protestantischen Prinzip zu sprechen und nicht von einer „reformatorischen Theologie“ oder einem „reformatorischen Rechtfertigungsglauben“, zielt genau darauf, das Protestantische als eine bestimmte, sich von anderen unterscheidende, die protestantische Identität ausmachende Lebenshaltung und Sinneinstellung aufzufassen. Sie kann genauso gut in der katholischen Kirche lebendig sein und ist es unter katholischen Christen de facto auch. Ja, diese vom protestantischen Prinzip bestimmte Lebenshaltung ist an gar kein kirchliches Mitgliedschaftsverhältnis gebunden.

Das Protestantische als Lebenshaltung überschreitet das Kirchliche. Sie geht ins Gesellschaftliche und Politische, ist aber doch religiös grundiert. Sie kommt von einem religiös bestimmten Grundsinnvertrauen her. Das Protestantische ist eine Lebenshaltung, die sich darum bemüht, jeden Menschen in seinem unbedingten Lebensrecht anzuerkennen. Sie schöpft ihre Kraft aus der Gewissheit eigenen Getragen- und Gehaltenseins, eines Gottvertrauens, wie es freilich in den Erfahrungen des Lebens auch immer wieder brüchig werden kann.

Aber, um es noch einmal ins Theologische zu wenden. Das eben heißt Glauben: Glauben meint nicht das Für-wahr-halten von überlieferten Glaubensbekenntnissen und kirchlichen Dogmen. Glauben bedeutet, darauf sich zu verlassen, dass die eigene Existenz bedingungslos gerechtfertigt ist, von Gott gerechtfertigt ist, nicht durch eigene Leistungen und Machtbeweise behauptet werden muss. Anerkannt, akzeptiert bin ich, so wie ich bin. Mein Leben hat einen Sinn. Es ist für mich gesorgt!

Wer aus solchem Glauben lebt, wie kann der anders, als sich zu fragen, wie die Welt aussehen müsste, damit jeder Mensch aus solcher Sinnerfahrung leben kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.