Monatsarchiv



Georg Lukács: Weites, umfassendes Denken

21. März 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Termine

Am 13. 4. 1885 wurde Georg Lukács in Budapest geboren (dort ist er am 4.6. 1971 gestorben), er war mehr als „nur“ Philosoph, seine Beiträge zur Literatur- und Kunsttheorie bleiben wichtig genauso wie seine Vorschläge zur Marx-Interpretation, etwa: vor allem den jungen Marx wieder neu zu würdigen und zu lesen. Am Ende seines Lebens betonte Lukács, dass sozialistische Demokratien nur möglich sind, wenn es umfassend freie Diskussionen gibt . Lukács war einer der wenigen marxistischen Theoretiker, die auch im (kapitalistischen) Westen respektiert und rezipiert wurden. Man sollte nicht nur sein Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“ wieder lesen, sondern auch die Debatten um seine ästhetischen Konzeptionen wieder aufnehmen. Auch über die Religion im Denken dieses Reformers marxistisch geprägter Philosophie wäre zu debattieren; während Lukács der Kunst die Möglichkeit einer Überwindung von Entfremdung zugesteht, sieht er Religion eher nur als Ausdruck von Entfremdung. Solange es also Entfremdung gibt, wird es für ihn Religionen geben.

Die Frage ist heute allerdings: Können bestimmte humane und soziale Elemente von Religion nicht ihrerseits Impulse bieten, Entfremdung aufzuheben, wobei konsequenterweise, in dem dann weniger entfremdeten Zustand, Religion eine ganz neue und bleibende (!) Rolle erhält und eben nicht verschwindet. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und die mit ihr eng verbundenen Basisgemeinden sind ein Beleg: Christliche Religion, kritisch reflektiert, ist ein Impuls, Entfremdung zu überwinden. Die „alte Religion“, etwa in der Gestalt des autoritären Vatikans, hat diese Entfremdung überwindende Befreiungs-Theologie weithin bekämpft und ausgeschaltet, weil diese herrschenden Institutionen selbst offenbar in die alte entfremdete Welt bewusst und unbewusst eingebunden waren und sind. Heute erleben wir weltweit wieder ein riesiges Come-back der entfremdeten und entfremdenden Religionen, man denke an gewisse große Trends unter Evangelikalen und Pfingstlern und Neokonservativen im römischen Katholizismus. Die von Lukács angestossene Debatte ist also aktuell. Erst eine zur Vernunft kommende Religion, Kirche usw., hat die Chance, sich nicht-entfremdend, also umfassend-human zu zeigen.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Das neue Buch von Jörg Lauster: „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“.

20. März 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Ein interessantes Exempel: Die „Liberale Theologie“ und Martin Luther:

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 20.3. 2017

Das Buch ist vom Format her klein, vom Inhalt her groß. Denn es bietet einige entscheidende und für viele sicher neue Anregungen, Luther und das Reformationsgedenken 2017, aus einer bisher kaum beachteten theologischen (nicht so sehr historischen) Perspektive zu sehen bzw. zu kritisieren. Jörg Lauster, Theologie – Professor an der Uni in München, ist der liberalen protestantischen Theologie explizit verpflichtet, einer Perspektive also, die auch für unseren Religionsphilosophischen Salon Berlin wichtig ist. Die zahlreichen regelmäßigen Interviews auf unserer website mit dem ebenfalls „liberalen Theologen“ Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Uni Berlin, sind dafür nur ein deutlicher Beleg, siehe etwa das Interview über die theologischen Grenzen des Kirchentages 2017, klicken Sie hier.

Jörg Lauster geht zurecht davon aus: „Luther war ein Kind einer uns sehr fernen und darum fremden Zeit…. Deswegen ist “Reformation Licht, aber auch Schatten“ (31).

Nur eine „denkende Frömmigkeit und Mut zum Gestaltwandel“ helfen weiter. Das sind keine frommen Sprüche, sondern sie führen zu konkreten Einsichten: Gültig ist der Impuls Luthers: Die Kirche als Institution darf niemals im Mittelpunkt des Glaubens des einzelnen stehen. „Christentum ist mehr als seine kirchlich sichtbaren Erscheinungsformen“ (35). Auch eine gewisse Deskralisierung der religiösen Welterfahrung kann als Folge der Reformation gedeutet werden. Das kritische Denken und die Errungenschaften der Philosophie der Aufklärung gehören wesentlich zum Leben liberal-protestantischen Glaubens. Nur kurz spricht Jörg Lauster ein Problem an, wenn er sagt: „Der Neuprotestantismus weiss sich ebenso der Aufklärung UND der Reomantik verpflichtet, um die Idee eines modernen Christentums realisieren zu können. Wie Aufklärung UND Romantik zusammengehen können, sollte in einer 2. Auflage näher erklärt werden.

Bedauerlich bleibt Luthers Abwehr des Humanismus (und der Philosophie, muss man ergänzen). So bleibt die lutherische Reformation „in ihrem Aufbruch auf halbem Wege stehen“ (29).

Leitend ist für Lauster die Erkenntnis: Die Reformation darf nicht (nur) als ein historisches Ereignis gedeutet werden. Reformation ist vielmehr „ein dem Christentum innewohnendes Prinzip eines ewigen Protests, der im 16. Jahrhundert zu seiner sichtbarsten Gestalt gelangte“ (34).

Von da aus ergibt sich eine Fülle von Vorschlägen für die Reformation der gegenwärtigen Kirchen. Bedauert wird ihr „Anstalts-Charakter“ (37), die Fixierung auf den Selbsterhalt der Kirchen. Der liberale Theologe weiß, dass es andere Formen des Christentums geben muss als die vertrauten und traditionellen (71), das dogmatische Katechismus – Christentum wird zurückgewiesen zugunsten der Achtsamkeit auf die je eigenen religiösen Erfahrungen. Lauster kritisiert eine gewisse Banalisierung des evangelischen Glaubens und der Kuschel-Gottesdienste; er bedauert den Mangel an umfassend kritischer theologischer Reflexion (78 f). Sehr richtig, aber leider wohl unrealistisch, ist sein Vorschlag: „Man könnte 2017 in einem feierlichen Akt den Namenstitel „lutherisch“ aus der Kirchenbezeichnung streichen. Es ist dies einer der wenigen Fälle, in denen eine christliche Kirche den Namen eines Menschen trägt. ein eklatanter Widerspruch in sich selbst“ (83).

Ich meine: Viel wäre schon gewonnnen, wenn wenigstens endlich die unsäglichen Namen evangelischer Kirchengebäude verschwinden würden, wir haben schon dringend gebeten, den Namen „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ oder „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche“ (beide in Berlin) abzuschaffen, selbst auf die Gefahr hin, dass dann eine Häufung von Bonhoeffer – oder Martin Luther King – Kirchen entstände, warum nicht auch einige Oscar – Romero – Kirchen? Die Katholiken in Deutschland wagen solch einen Titel doch nicht, sollen die Protestanten doch vorangehen. Jörg Lauster hat das richtige Gespür, dass irgendetwas Symbolisch – Spektakuläres doch am 31. 10. 2017 passieren müsste: Ein Verzicht auf Kaiser Namen für Kirchen wäre das allermindeste. Wird aber auch nicht passieren, weil die beharrenden bürokratischen Kräfte zu viel Macht und zu wenig Mut haben.

Das neue Buch von Jörg Lauster sollte schnellstens in vielen Gesprächskreisen diskutiert werden. Vielleicht bietet der Verlag Mengenrabatte an? Ich wollte nur etwas die Lust an der Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches wecken….

Bei einer zweiten Auflage würde ich mir noch die Auseinandersetzung mit der Frage wünschen: Wie kann eine liberal-theologische Deutung der Reformation auch das theologische Denken von Thomas Müntzer, dem Erzfeind Luthers, noch ausführlicher (als auf Seite 20 bzw. 28) einbeziehen? Wie also die Gott-Unmittelbarkeit des einzelnen mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit für die Ärmsten vermittelt werden kann; wie also „liberale Theologie“ und lateinamerikanische Befreiungstheologie möglicherweise nur zwei Seiten einer und derselben Thematik sind. Auch das Thema Menschenrechte könnte dann ausführlicher angesprochen werden.

Jörg Lauster, „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“. Claudius-Verlag, München, 2016, 142 Seiten, 12 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Karl-Otto Apel wird 95 Jahre. Gegen Skepsis und Relativismus.

6. März 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Einer der anregendsten Philosophen unserer Zeit wird am 15. März 95 Jahre alt: Karl-Otto Apel, geboren in Düsseldorf, der Begründer der Diskurs-Ethik, mit ihrer Darstellung universaler Ansprüche im vernünftigen Argumentieren. Apel scheute nicht die Auseinandersetzung mit der Postmoderne. Welcher Philosoph nennt sich – nach all den Debatten – heute noch ernsthaft „postmodern“? Hingegen ist das Denken Apels über die letztbegründeten Regeln im Argumentieren nach wie vor von drängender Aktualität: Mit unserer „Entscheidung zur Vernunft“, also in der reflektierten Bejahung, nicht in performative Widersprüche kommen zu wollen, folgen wir nur der für Vernunftwesen einzig möglichen Entscheidung. Karl-Otto Apels Denken ist aktueller denn je. Hat schon jemand versucht, die Debatten um den sich verkrampfenden, unvernünftigen, aggressiven Populismus in der Denkweise Apels auseinanderzunehmen? In einer vernünftigen Widerlegung natürlich. Was denn sonst? Denn indem Populisten die Öffentlichkeit bedrängen mit ihren Sprüchen, behaupten sie ja selbst, sich argumentativ in die allgemeine, sprachliche Debatte einzuschalten. Also müssen sie bei dieser von ihnen selbst gesetzten Behauptung der Vernunft es auch ertragen, dass andere, Demokraten, Freunde der allgemein gültigen Menschenrechte usw. vernünftig, argumentierend mit ihnen sprechen und ihnen vernünftig widersprechen…

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Geert Wilders, der Populist und der Populismus in anderen Parteien.

5. März 2017 | Von | Kategorie: Perspektiven und Probleme, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 5. 3. 2017.

Am 6. 3.: Zunächst eine, hoffentlich bis zum 15. 3. bleibende, erfreuliche Nachricht: Die jüngsten Umfragen zeigen, dass Wilders und seine PVV auf Platz zwei in der Wählergunst gerutscht sind. Und es ist zudem sowieso sehr wahrscheinlich, dass die PVV in der künftigen Koalition nicht (mit)regieren wird. Dennoch ist eine Auseinandersetzung mit dem zweifelsfrei etablierten Populismus auch in den Niederlanden wichtig. CM

In seinem neuen Buch „de populistische revolutie“ (2017) bietet Hans Wansink einen knappen Essay zum Populismus in Europa, den USA und auch in Deutschland (S. 91 ff). Wansink arbeitet als Redakteur der Tageszeitung „de Volkskrant“, er ist auch Autor einiger politischer Studien. In dem Buch bietet er auch einige interessante, hierzulande oft eher unbekannte Aspekte des politischen Lebens in den Niederlanden.

Auf Seite 40 erinnert er etwa an eine „Wähleruntersuchung“ aus dem Jahr 1998, also noch vor dem Auftreten des Populisten Fortuyn: Damals meinten 60 Prozent der niederländischen Wähler: Ethnische Minderheiten und Allochthone (= Ausländer, so werden sie vornehmer genannt in Holland) hätten sich an die Gebräuche und Gewohnheiten der Niederlande anzupassen. Diese Leute meinten also, die alte Form der Assimilierung sei für Allochthone am besten, also die Aufgabe des Eigenen, um so zu werden wie die Mehrheit im Lande. Assimilierung ist auch aus der deutsch-jüdischen Geschichte bekannt. Bekanntlich hat die Assimilierung der Juden in Deutschland die mörderischen Verbrechen der Nazis gegen die Juden gerade nicht verhindert.

Diesen 60 Prozent der Niederländer also standen 20 Prozent gegenüber, die meinten: Die Allochthonen könnten ihre eigene Kultur in Holland beibehalten. „Dieses Wahl-Verhalten ist stabil geblieben und es gilt auch für die Asylsuchenden“, schreibt Wansink. „Ungefähr die Hälfte der Wähler meint seit 1998, dass „so viele wie möglich sich in den Niederlanden aufhaltende Asylsuchende in ihr eigenes Herkunftsland zurückgebracht werden müssen“. Ungefähr 20 Prozent meinen, dass „die Niederlande gerade mehr Asylsuchende aufnehmen sollten“. Man sieht daraus: Eine gewisse abweisende Haltung gegen Ausländern ist viel größer als die Bereitschaft, PVV und Wilders zu wählen. Abweisung von Fremden reicht viel tiefer und weiter…

Auch zur moralischen Einstellung der Populisten bietet Wansink einige Hinweise, die er im Anschuss an den Politologen Cas Mudde darlegt:

Es geht den Populisten immer um das saubere Volk, die der korrupten Elite gegenübersteht. Politik sollte für Populisten ein Ausdruck des Volks-Willens sein, wobei als „das“ Volk sich die Populisten (autoritär) verstehen. Kompromisse sollte dieses (populistische) Volk nicht eingehen; denn Kompromisse könnten das saubere Volk korrumpieren. Nebenbei: Über den Begriff „sauber“ und „säubern“ sollte man alsbald eigene politologisch-philosophische Studien betreiben, im politischen Zusammenhang verwendet erinnert Säubern natürlich an die Nazi-Sprache, interessant ist und kaum beachtet, dass der konservative Theologen Ratzinger alias Benedikt XVI. permanent vom „Säubern“ in Theologie und Kirche sprach. Populisten behaupten also unentwegt: Wir sind das echte Volk.

Auch Wansink erinnert daran, dass das jetzige Parteiprogramm von Geert Wilders (PVV) noch „extremer ist als das frühere“ (S. 168). Heute soll, nach seinen antidemokratischen Vorstellungen, auch die Religionsfreiheit von einer Million niederländischer Muslime eingeschränkt werden. Wansink schreibt, noch moderat: „Das ist ein rabiater Standpunkt, dadurch wird ein großer Teil der niederländischen Bevölkerung zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Das Programm der PVV steht in Spannungen (so milde sagt es Wansink) zum niederländischen Grundgesetz“.

Tatsache ist auch: Die Wähler von Wilders können sich ihren Führer gar nicht als Premierminister vorstellen. Sie „wollen durch Wilders nur ihren Unmut zu Wort bringen, es geht ihnen nicht darum, politische Verantwortung zu übernehmen“ (S. 168)

Unsere Vermutung, die jetzt schon überall im demokratischen Europa zu beobachten ist: Dann entsprechen eben auf etwas moderatere und diplomatischere und etwas vornehmere Art die etablierten regierenden Parteien dem, was Wilders, Le Pen, AFD (Pegida), FPÖ usw. fordern. Das heißt: Die Populisten regieren leider indirekt längst mit, auch wenn sie noch nicht an der Macht sind. Im Verzicht auf den absoluten Respekt vor den Menschenrechten und natürlich auch Flüchtlingsrechten, im Verzicht auf die grundlegenden, oft als christlich beschworenen Grundsätze nähern sich die demokratischen Staaten immer mehr den Überzeugungen der Populisten an. Die Folgen sind: Grenzen und Mauern rings um Europa; Hinnahme des Sterbens von Menschen auf dem Mittelmeer; Verhandlungen mit absolut korrupten Staaten oder ähnlichen Gebilden wie Libyen oder Ägypten; das alles mit dem Ziel: Europa soll so wohlhabend bleiben, wie es ist. Ethisch leitende Begriffe wie „das Leben mit anderen, Fremden, teilen“ und „solidarisch sein“ sind aus dem Wortschatz der Regierenden weithin verschwunden. Und nur noch wenige finden das schlimm. Die Angst vor möglichen Terror lähmt Vernunft und Gewissen der Herrschenden. Insofern ist der Populismus sowohl in den sich populistisch nennenden Parteien und wie der Populismus in den sich nicht populistisch, also demokratisch nennenden Parteien ein philosophisches Thema.

Hans Wansink, de populistische revolutie. 2017, Prometheus Verlag Amsterdam.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Karl Rahner: „Jesus zeigt die göttlichen Dimensionen in jedem Menschen“.

1. März 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Eckige Gedenktage, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er hat der katholischen Theologie und der katholischen Variante der Religionsphilosophie die Weite und die Universalität geschenkt, die im dogmatischen Mief der Schultheologie vor dem 2. Vatikanischen Konzil erstorben war und nach dem Konzil wenigstens an einigen Orten überwunden wurde. Karl Rahner SJ, geboren am 5.3. 1904, gestorben am 30. März 1984, wollte für einen modernen Katholizismus sorgen, der den Herausforderungen durch Kant z.B. wenigstens ansatzweise gewachsen war. Rahner dachte niemals eng und kleinlich, auch wenn er als äußerst gefragter Theologieprofessor zu vielen konfessionell geprägten, also explizit katholischen Themen Stellung nehmen musste und manche seiner konfessionellen Schriften etwas Apologetisches haben, etwa seine Verteidigung der Unfehlbarkeit des Papstes. War dies dem Druck der kirchlichen Autoritäten geschuldet, die sich bekanntlich immer ins freie Denken der Theologen einmischen? Das wurde bisher noch nicht untersucht. Andererseits hat er schon in 1970 Jahren klar gesagt: Die Kircheneinheit mit den Protestanten ist jetzt möglich. Dieses Buch leider total verschwunden aus den Debatten, würde heute aber Mut machen, in gutem Ungehorsam einfach gemeinsam Abendmahl/Eucharistie zu feiern. gerade jetzt, im Reformationsgedenken. Karl Rahner war in dieser Frage niemals „brav“, heutige Katholiken und Theologen sind nach wie vor brav und verängstigt („Ungehorsam könnte die Karriere kosten“ usw…)

Karl Rahner hat aber vor allem bewiesen, dass Argumentieren und Fragen und philosophisches Debattieren einen festen Platz in der menschlichen Haltung, Glauben genannt, haben müssen. Entscheidend ist: Karl Rahner hat sich bemüht, die zentralen Lehren und Überzeugungen der christlichen Tradition (Dogmen genannt) mit den Erfahrungen der Menschen in Verbindung zu bringen, bis dahin, dass er die Dogmen als Ausdrucksformen der menschlichen religiösen Selbsterfahrungen deutete. So sollte die Fremdheit zwischen Glauben und Lebenserfahrung überwunden werden, ein großartiges Unternehmen, das heute schon wieder vergessen ist.

Dies ist wohl seine bleibende Bedeutung, darin bleibt er eine Provokation. Diese großartige Leistung bringt ihn in meiner Sicht und in dieser Perspektive (!) in die Nähe einer modernen liberalen Theologie bringt, klicken Sie hier. Bis heute hingegen werden von Theologen, nicht nur in der römischen Kirche, Dogmen etc. als hinzunehmende „Fremdkörper“ des Denkens hingestellt, so wird der Bruch zwischen Glauben und Vernunft vertieft, also der enorme Abstand zwischen geistvollem Leben und Glauben zementiert. „Credo quia absurdum“, dieser furchtbare Spruch geistert noch immer in den Köpfen der Kirchenleute und der Christen herum, vielleicht gerade jetzt, in den Erinnerungen an das Reformationsgeschehen. Luther war ja bekanntlich ein entschiedener Gegner philosophischer Debatten. Er hat die dialektische Theologie inspiriert und den unvernünftgen „Sprung in den Glauben“. Zurück zum Luther-Jahr: Ob darüber offen gesprochen wird? Ob das freie Nachdenken wieder eine Chance im Protestantismus und vor allem in den enthusiastischen evangelikalen Kreisen erhält? Ob es ein Ende gibt in dem bloßen Zitieren von Bibelsprüchen, um etwa katholische Sonderlehren zu begründen? Man denke etwa an die fundamentalistisch anmutende Begründung des Papsttums durch angebliche Sprüche Jesu von Nazareth (siehe etwa das neue Papstbuch von Kardinal Müller, Rom).

In jedem Fall: Karl Rahner bleibt von unerreichter Größe, wenn es um die Universalität der christlichen Grundüberzeugungen geht. Im Band 9 seiner „Schriften zur Theologie“ (1970, Seite 212) schreibt er zum Beispiel: „Wir setzen die Einmaligkeit Jesu falsch an, wenn wir ihn nur als den Sohn Gottes betrachten, der Menschen gegenüber tritt, die zunächst einmal mit Gott gar nichts zu tun haben; wenn wir Jesus bloß als Boten aus einem göttlichen Jenseits sehen hinüber zu einer Welt, die mit Gott noch gar nichts zu tun hat“. Diese Fremdheit zwischen Christus und den Menschen im allgemeinen ist für Rahner völlig unzutreffend! Er fährt fort: “In Wirklichkeit sind wir aber in der ganzen Geschichte der Menschheit Kinder Gottes“. Sind es „immer schon“, müsste man in Rahners eigenen Worten weiterformulieren. Das heißt: Jesus von Nazareth macht in seinem Leben und Sprechen und Handeln nur sichtbar und offenbar, dass die Menschheit im ganzen mit Gott selbst immer schon eins und verbunden ist…Jeglicher konfessionalistischer Wahn ist so zurückgewiesen. Welchen Sinn dann Predigt und Mission haben, hat Rahner klar gesagt. Auch dies wird heute gern und bewusst beiseite geschoben.

Copyright: Christian Modehn