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Papst und Marine Le Pen: Papst Franziskus sagt kein klares Nein! Ein Skandal.

30. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Gott in Frankreich

Keine Warnung vor Marine Le Pen: Papst Franziskus gibt sich unwissend oder diplomatisch

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.4. 2017. (Zum ideologisch-philosophischen Hintergrund vom Front National klicken Sie hier. Zur unentschiedenen Position der französischen Bischöfe zu Le Pen und dem FN, klicken Sie hier. )

Dass sich die Führerin des FN, Marine Le Pen, und andere Anhänger der rechtsextremen Partei über die milden Worte des Papstes zu Le Pen freuen, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags.

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Papst Franziskus kann nicht alles wissen. Das sagt er selbst in anderen Zusammenhängen. Das ist ja auch vernünftig. Unvernünftig und gefährlich ist hingegen sein scheinbares Unwissen über Marine Le Pen, sein Ausweichen bei diesem Thema.

Während seines Rückfluges aus Ägypten sagte er zur Wahl in Frankreich am 7. Mai 2017: „Ich verstehe (begreife) nicht gut die Innenpolitik Frankreichs, wörtlich: „Je ne saisis pas bien la politique intérieure française“.

Das glaubt dem Papst keiner. Der Papst ist durch die ständigen Kontakte mit den französischen Bischöfen bestens auf dem Laufenden. Zumal Franziskus gleich danach sagt:„Er habe versucht, mit Präsident Hollande gute Beziehungen zu haben“.  Also weiß der Papst durch die Begegnungen mit Hollande „etwas“ von Frankreich, um es gelinde auszudrücken. Aber er gibt dann gleich zu: Es habe mit Hollande Konflikte gegeben…

Bekanntermaßen hat Rom extreme Probleme mit Hollande wegen der Homo-Ehe und des schwulen Botschafters aus Frankreich im Staat Vatikan…

Trotzdem behauptet der Papst also: Er kenne nicht die Geschichte der beiden jetzigen Präsidentschaftskandidaten.

Auf Madame Le Pen bezogen spricht er, ohne ihren Namen zu nennen !, von“ la droite forte“, so ganz allgemein, also von einer „starken Rechten“. Das ist maßlos untertrieben. Madame Le Pen ist alles andere als eine „starke Rechte“, sie ist eine Extrem-Rechte, wie alle ernstzunehmenden Kenner und Beobachter sagen.  Sie muss unter allen Umständen als Präsidentin verhindert werden.

Dann sagt der Papst: „Mais l’autre,  je ne sais pas qui il est, alors je ne peux pas donner une opinion“. Also: Von Macron habe er keine Ahnung. Er nennt wieder nicht den Namen. Was soll diese Anonymisierung? Jedenfalls könne der Papst über ihn keine Meinung äußern.

Wenn der Papst Emmanuel Macron wirklich Ende April 2017 immer noch nicht kennt: Ist dies natürlich eine Blamage. „Kennen“ bedeutet ja nicht, stundenlang mit ihm argentinischen Mate-Tee getrunken zu haben…

Kennt der Papst Macron hingegen (aus der Zeitungslektüre und den Gesprächen mit den vatikanischen Dilopmaten), was der Fall sein wird, dann ist dieser Satz eine taktische Lüge.

Macron ist bei aller vernünftigen Kritik an demokratischen Politikern ein Demokrat im Unterschied zu Madame Le Pen. Auch der Linke Politiker Melenchon warnt nun ausdrücklich vor jeglicher Sympathie mit Le Pen.

Der Hintergrund für diese ausweichende  Antwort des Papstes ist klar: Emmanuel Macron erfüllt nicht die rigiden Moral-Vorstellungen der offiziellen Kirche. Le Pen ist dann schon die bessere Kämpferin gegen die Homoehe, für das ungeborene Leben usw…Diese katholischen Moralvorstellungen (gegen Homo-ehe, für das ungeborene Leben) stehen wie oberste Dogmen so sehr im Mittelpunkt offiziellen katholischen Denkens, dass sie als Moral Prinzipien fast zum einzigen Maßstab für eine politische Beurteilung und Entscheidung werden. Das ist eine intellektuelle Einseitigkeit und schlimme Begrenztheit. Heute geht es um den Frieden, den Abbau von Gewalt, von Rassismus, von Neo-Kolonialismus, es geht um die gerechte Welt, nicht um „La France d abord“ oder „America first“. Mit solchen nationalistischen Parolen wird das Krepieren von Millionen Menschen in den Hungerregionen Afrikas kein Ende haben. Das Eintreten des Papstes für die Flüchtlinge verdient allen Respekt. Aber wieder nennt er nicht Marine Le Pen und ihre rechtsextreme Partei beim Namen, die ja bekanntlich die rigideste aller denkbaren Verhaltensweisen gegenüber Flüchtlingen propagieren.

Noch einmal, rein spekulativ: Was wäre, wenn der 2. Kandidat, also Le Pen, nicht rechtsextrem, sondern links-extrem oder gar kommunistisch wäre? Da würde im Vatikan ein lautes Brausen und Toben beginnen. Es würden Nächte des Gebets und der Fürbitte (Fatima lässt grüßen) veranstaltet. Nicht so bei der rechtsextremen Präsidentschaftskandidatin! Und das ist ein Skandal, weil die Gefährlichkeit der Partei Front National (und der FPÖ und der PVV in Holland und der AFD in Deutschland) nicht gesehen wird.

Dieses Rechtsextreme ist im klassischen katholischen Verständnis eben halb so schlimm, siehe die Politik von Papst Pius XII. mit den Nazis und Papst Pius XI mit Mussolini.

Wir zitieren einen Freund aus Paris: „Die offenkundige Ahnungslosigkeit des Papstes Franziskus gegenüber Madame Le Pen ist ein Skandal“.

Nach dem 7. Mai 2017 wird man wissen, was diese nun auch päpstliche Rücksichtnahme gegenüber dem Feind der Demokratie bedeutet. Selbst wenn Madame Le Pen nicht Präsidentin wird: Wer sie wählte, und das werden ca. 10 Millionen Franzosen sein, kann sich sagen: Na ja, der Papst und die französischen Bischöfen waren ja auch nicht direkt und explizit gegen Le Pen und den FN.

Tatsache ist: Es gibt im Vatikan ohnehin nicht viel Verständnis für Demokratie, weil der Papst-Staat selbst kein demokratischer, sondern ein autokratischer Staat ist. Und dies bleiben will. Das wagt kaum jemand zu sagen, die katholischen Theologen sagen es schon gar nicht… aus Angst … Auch das zeigt schon: Der Vatikan ist eben keine Demokratie, in der grundlegende Debatten selbstverständlich sind.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

(Siehe auch: http://www.lemonde.fr/europe/article/2017/04/29/sur-la-presidentielle-francaise-le-pape-francois-botte-en-touche_5120144_3214.html)

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Die Reaktion des FN und Le Pens auf die Worte des Papstes:

«Le pape ne nous a pas diabolisés» (Le Temps, Schweiz)  https://www.letemps.ch/monde/2017/05/01/entre-pen-macron-vote-crucial-catholiques

Le souverain pontife a qualifié Marine Le Pen de représentante de la «droite forte». Une déclaration qui réjouit les militants frontistes à quelques jours du second tour de la présidentielle

C’est une voix qui compte dans la présidentielle, celle du pape François. Pour sa première déclaration sur le sujet, le souverain pontife est resté particulièrement évasif. Mais une petite phrase a retenu l’attention du Front national. «Je sais qu’un des candidats est un représentant de la droite forte mais l’autre, vraiment, je ne sais pas d’où il vient et c’est pour cela que je ne peux pas donner une opinion tranchée sur la France», a-t-il déclaré samedi 29 avril à son retour d’Egypte.

La candidate d’extrême droite Marine Le Pen s’est réjoui dès lundi de cette prise de parole lors de son meeting à Villepinte, dans la banlieue nord de Paris. «Emmanuel Macron est un candidat tellement embrumé que même le pape n’arrive pas à percevoir son message», a-t-elle ironisé devant ses supporters. Le pape François a toutefois précisé ne pas connaître «l’histoire» des deux candidats à la présidentielle. Qu’importe, les militants frontistes veulent y voir un signe. «Si le pape nous donne sa bénédiction, ça ne fait pas de mal. Il ne nous a pas diabolisés. Ça peut encourager certains électeurs à faire un pas vers Marine Le Pen, qui défend aussi des idées de gauche», sourit Jean-Luc Faisant, 49 ans. Ce technicien dans l’audiovisuel participe au rassemblement du 1er mai en compagnie de Jean-Marie Le Pen. «Mon sentiment patriote s’est réveillé», assure-t-il.

«Les catholiques sont derrière nous»

Le souverain pontife a qualifié Marine Le Pen de représentante de la «droite forte». Un label qui semble conforter l’entreprise de dédiabolisation qu’elle a enclenchée depuis son arrivée à la tête du parti en 2011. «Nous sommes la droite forte comparé à 2002, le front républicain a explosé. Les catholiques sont derrière nous», assure Franck Picard, 53 ans. Même discours du côté de la jeunesse frontiste. «Je ne me considère pas comme un extrémiste, je soutiens une droite forte comme le dit le pape», confirme Killian Rebillon, un pompier volontaire de 19 ans.

A quelques jours du second tour, les catholiques seraient de plus en plus perméables aux sirènes frontistes. Contrairement à 2002, la Conférence des évêques de France n’a pas donné de consigne de vote. Et l’ancienne présidente du Parti Chrétien-Démocrate, Christine Boutin, a appelé à voter pour Marine Le Pen. Cet appel d’air pourrait ne pas avoir un réel impact, regrettent plusieurs militants frontistes. «Les chrétiens n’ont aucun poids dans cette élection. Le pape peut dire ce qu’il veut, il a seulement une autorité spirituelle et non pas politique», estime Loup Mautin, devant le parc des expositions de Villepinte. «La France n’est plus du tout un pays religieux. La première religion, c’est l’islam. La déclaration du pape ne devrait donc pas avoir une portée énorme», souffle Alain Breuil, conseiller municipal à Grenoble. (Florian Delafoi)

Quelle: https://www.letemps.ch/monde/2017/05/01/entre-pen-macron-vote-crucial-catholiques

 



Kein Nein zu Marine Le Pen: Frankreichs Bischöfe sind neutral vor dem 2.Wahlgang

29. April 2017 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Religionskritik, Termine, Theologische Bücher

Kein Nein zu Marine Le Pen: Frankreichs Bischöfe sind neutral vor dem 2. Wahlgang am 7.5.2017.

Aktualisierung dieses Beitrags am 2. 5. 2017:  Die katholische Tageszeitung „La Croix“ meldet am 1.5. 2017, dass etwa 10 französische Bischöfe als Individuen ihre Meinung zum 2.Wahlgang am 7. Mai veröffentlicht haben. Damit wird das allgemeine neutrale Verhalten der Bischofskonferenz, weiter unten beschrieben, individuell überwunden. Der Hintergrund ist sicher, dass die eher neutrale, um nicht zu sagen angstbesetzte Stellungnahme der Bischofskonferenz doch einigen Bischöfen nicht ausreichte. Eigentlich mutig in diesem Kreis, der wenig Respekt hat vor individuellen Positionen.“La Croix“ weist ausdrücklich darauf hin, dass ein einziger Bischof den Namen Macron zitiert. Sonst sind die meisten Stellungnahmen ohne namentlichen Bezug, nur 2 nennen Madame Le Pen.  Auch dies ist typisch für Bischöfe im Umgang mit Politikern… Die denken wohl, sollen die Leser doch ein bisschen rätseln oder so was. Man stelle sich nur vor, Politiker würden die Bischöfe nicht beim Namen nennen, sondern mysteriös sagen: „Ein Ober-Hirte im Burgundischen, der bekannt ist für seinen Luxus oder ein anderer Oberhirte an der Cote d Azur, der so stark gegen Homosexuellen eingenommen ist…“ Aber lassen wir diese doch sehr bezeichnenden Spekulationen. Lediglich Bischof Wintzer von Poitiers nennt Madame Le Pen beim Namen, auch Bischof Moutel von Saint Brieuc hat keine Angst, die rechtsextreme Kandidatin beim Namen zu nenne. Nur Bischof Blanquart von Orléans nennt Macron beim Namen.

Da sind einzelne Laien-Organisationen mutiger: Dreißig katholische Organisationen, darunter Secours Catholique, als die Caritas, weisen Le Pen ausdrücklich zurück! Das Sozialforschungszentrum der Jesuiten in Paris (CERAS) sagt sogar treffend, „die Partei Front National macht ein Abgleiten ins Totalitäre möglich…“

Hingegen machen sich jetzt auch vermehrt katholische Le Pen Sympathisanten öffentlich bemerkbar, sie nennen sich etwa diskret-versteckt „Collectif Antioche“; auf dem schon bekannten rechtslastigen Blog „Salon beige“ sprechen sie sich anonym für Madame Le Pen aus. Immerhin noch ein gutes Zeichen, dass sich katholische Priester, denn die sind auch im „Collectif Antioche“ vertreten, noch schämen, für die rechtsradikale Partei öffentlich einzutreten und besser ihren Namen – dann doch angstvoll – zu verschweigen. Nach dem 7. Mai outen sie sich vielleicht, je nach dem…

Copyright: Christian Modehn

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Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.4.2017.    (Zum Wahlverhalten der Katholiken und der anderen Religionen im 1. Wahlgang, klicken Sie hier.)

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Die französische Bischofskonferenz hat am 23. April 2017 eine Erklärung veröffentlicht. Sie soll der Unterscheidung der (katholischen) Geister vor dem 2. Wahlgang am 7. Mai 2017 dienen.

Mehrere Aspekte des insgesamt recht kurzen Textes, er umfasst bloß 4.400 Zeichen (incl. Leerzeichen), müssen eigens hervorgehoben werden.

1. Die Bischöfe geben keine direkte (namentliche) Empfehlung für einen der beiden Präsidentschaftskandidaten. Weder Macron noch Le Pen werden überhaupt genannt. So wirkt der Text abgehoben und überzeitlich.

Mein Kommentar: Ist dies Ausdruck für bischöfliche Diplomatie? Sind etwa die Bischöfe gleich mit beiden Kandidaten unzufrieden? Weil ihr geliebter konservativer Katholik Francois Fillon (und Betrüger) nicht in die Zweier-Auswahl kam? So wird es sein. Die französischen Katholiken haben sozusagen ihren „Übervater“ verloren und sind ohne Orientierung.

2. Die Bischöfe wollen auch in diesem Text (angesichts der möglichem Wahl einer rechtsextremen Präsidenten) die modern wirkende Position vertreten: Möge jeder Katholik doch selbst entscheiden.

Mein Kommentar: Diese Haltung gilt, wenn zwei demokratische Kandidaten zur Auswahl stehen, nicht aber in Zeiten rechtsextremer Bedrohung. Denn es ist nicht garantiert, dass Macron gewählt wird. Man stelle sich vor, einer der beiden Kandidaten wäre nicht vom Front National, sondern explizit von der Kommunistischen Partei: Was würden die Bischöfe warnen und toben vor diesem widerwärtigen Atheisten und Extremisten. Nicht so bei einer rechtsradikalen Kandidatin Le Pen, die sich ja bekanntlich nach außen oft so moderat und so modern gibt. Fallen die Bischöfe auf dieses Schauspiel von Le Pen rein? Sie wissen ja, dass Madame Le Pen die Gemeinde der katholischen Traditionalisten und Pius-Brüder St. Nicolas de Chardonnet, Paris, als ihre Pfarrgemeinde ansieht. Trotzdem sind die Bischöfe nicht entschieden gegen Le Pen. Denn sie wissen, dass so viele Katholiken in den „normalen“ Gemeinden längst FN Anhänger sind. Die will man doch nicht verprellen…Denn die Schar der so genannten praktizierenden Katholiken tendiert systematisch und beweisbar gegen Null.

3. Die Bischöfe nennen dennoch ein paar Begriffe, die den Katholiken bei der Wahl zu denken geben sollen, ohne dabei eine explizite Wahlempfehlung zu sein:

Sie nennen, wie so oft bei bischöflichen Stellungnahmen weltweit, ganz allgemein und abstrakt den „Respekt des Gemeinwohls, auch die Realisierung der Brüderlichkeit, die Aufmerksamkeit für die ganz Schwachen, die Würde der menschlichen Person und die Subsidiarität“ (welcher (junge) Franzose kennt diesen Begriff ?, das als Kommentar am Rande).

Mein Kommentar: Mit diesen Begriffen als Wahlkriterium ist tatsächlich jede Partei wählbar. Welche wäre schon gegen die Hilfe für Schwache? Ich vermute, dass selbst der Diktator in Nordkorea vom Respekt dieser Prinzipien schwadronieren könnte.

4. Deutlicher und damit schon implizit parteilicher werden die Bischöfe, wenn sie als Kriterium auch den Respekt für die Schwachen und eigentlich für alle Menschen eintreten und zwar „von Beginn ihres Lebens bis zum natürlichen Ende ihres Lebens“.

Mein Kommentar: Mit dieser Position ist keiner der beiden Kandidaten wählbar, denn selbst Madame Le Pen will die Abtreibung nicht ganz verbieten. Sie ist hingegen gegen aktive Sterbehilfe, darüber wird in Frankreich heftig diskutiert. Dies abwägend, läuft der Bischofstext auf eine Wahlempfehlung für Madame Le Pen hinaus. Nebenbei: Wo bitte gibt es in Frankreich noch das „natürliche Ende des Lebens“? Vielleicht auf einigen Dörfern oder in einigen Klöstern. Aber: Wird etwa in den Kliniken nicht längst „passive Sterbehilfe“ geleistet?

5.Die nicht ausgesprochene, aber indirekt dennoch mitgeteilte Wahlempfehlung der Bischöfe gilt Madame Le Pen. Das muss gesagt werden! Dies wird besonders in der Abwehr der so genannten Homo-Ehe durch die Bischöfe sichtbar. Sie sprechen verschwommen von „liens de filiation“, einem Begriff, den der FN und Madame Le Pen häufig verwenden. Sie wollen, wörtlich übersetzt, die „Verbindungen der Abstammung“, also die „Kindes-Verhältnisse“, also ganz auf die heterosexuelle Beziehung setzen. Also eine Adoption von Kindern in Homo-Ehen usw. ausschließen.

Ausdrücklich sagen die Bischöfe wieder die allseits bekannten Sprüche: „Es gilt die Familie zu unterstützen“. Und danach folgt die Beschreibung von „der“ Familie als dem „tissu nourricier“, also etwa: als dem „Züchtungs – Ernährungs – Netz“,wörtlich übersetzt, was für ein Wort! Mit dieser umständlichen Formulierung wollen die Bischöfe vermeiden, explizit von Homo-Ehe zu sprechen und sogar von der in katholischen Kreisen doch nennbaren Hetero-Ehe. Aber: Auch in dem Punkt bleiben die Bischöfe nebulös, um nicht zu sagen verlogen. Sie haben Angst, Klartext zu sprechen!

6. Als eine weitere versteckte, aber sehr deutliche Werbung für Madame Le Pen kann die Äußerung der Bischöfe angesehen werden, wenn sie vom europäischen Projekt sprechen. „Diese Anhänglichkeit an das europäische Projekt setzt voraus, mehr die historische und kulturelle Tatsache der Nationen (sic!) zu respektieren, die den europäischen Kontinent bilden“. Franzosen und Europäer sollen also wieder mehr die Nationen und dann doch wohl den Nationalismus pflegen. Was für ein Wahnsinn, wenn man weiß, dass Nationalismus IMMER zu Kriegen führt. Die Bischöfe drehen an dem Punkt also durch, oder sie biedern sich inndirekt Madame Le Pen an. Diesen Satz zur Nation hätten sie nicht sagen sollen, in einer Situation, wo wir eher den Kosmopolitismus pflegen und fördern.

7. Dieser bischöfliche Text de facto ist also eine Schande. Er ist Ausdruck von Mutlosigkeit, hinter der sich aber – aufgrund der immer so absolut wichtig genommenen sexualmoralischen und individual-ethischen Fragen (Sterben!) – eine Sympathie für Le Pen verbirgt. Wenn das so ist, wäre dies eine Katastrophe, über die man nach der Wahl weiter sprechen muss. Aber die französischen Bischöfe waren ja bekanntlich schon im 2. Weltkrieg begeisterte Anhänger von Marschall Pétain und nur ganz wenige Bischöfe waren im Widerstand aktiv.

Es würde zu weit führen, die unglaubliche Arroganz der Bischöfe theologisch ausführlicher zu betrachten: Sie nennen ihr bischöfliches Papier als Lehre „der Kirche“. Bischöfe nennen sich wieder „die Kirche“. Diese uralte Theologie glaubte man – vielleicht zu naiv – längst überwunden… Dann meinen die Bischöfe, „die Kirche“ sei „dépositaire du message de l Evangile“, also „Verwalter und Mitwisser der Botschaft des Evangeliums“. Das Evangelium als „Depot“, aus dem die Bischöfe satzweise je nah Bedarf ein paar Stückchen herausschneiden: Das ist Tätigkeit der Bischofskonferenz. Benedikt XVI. sprach übrigens immer von Glaubensgütern wie in einem Depot…

8. Dieser bischöfliche Text ist Ausdruck der völligen Ermattung und Müdigkeit der französischen Kirche. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war noch nie so schlecht. Kardinal Barbarin, Lyon, hat pädophile Verbrechen von Priestern verschleiert, „um der klerikalen (Amts-) Kirche keinen Schaden zuzufügen“, wie es heißt. Das hat zu recht für Empörung gesorgt. Kardinal Barbarin ist trotzdem nicht zurückgetreten. Bischof Gaschignard (Aire et Dax) ist kürzlich zurückgetreten, weil von ihm sexuelle Übergriffe an Minderjährigen schon in Toulouse bekannt wurden. Die Bischöfe von Bayonne und Fréjus (eine Hochburg des FN!) stehen ideologisch dem FN nahe, theologisch würde man sie ultra-reaktionär nennen, wenn es dieses Prädikat gibt. Die Bischofskonferenz ist in sich selbst (politisch) gespalten, auch ein bisschen FN darf dort sein…

Hinzukommt natürlich, dass die französische Kirche personell, von der Anzahl der Priester her gesehen, de facto am Ende ist. In vielen Bistümern kann man die Zahl der französischen Priester, die noch nicht 65 Jahre alt sind, an einer Hand abzählen, etwa in Moulins, Sens, Cahors, Verdun usw…. Einer von zehn noch arbeitsfähigen Priestern kommt inzwischen aus dem Ausland, sehr oft aus Afrika. So wird das klerikale System aufrechterhalten. Auf die Idee, dass Laien Gemeinden leiten und Eucharistie feiern, kommt niemand. Das Magazin „Le Point“ berichtet: „Selon le Guide 2014 de l’Eglise catholique de France, elle compte 1.620 prêtres „venus d’ailleurs“, dont 916 Africains et 314 Européens (dont une moitié de Polonais)“: Nach dem Buch „Führer der katholischen Kirche von Frankreich im Jahr 2014“ gibt es in dieser französischen Kirche 1.620 Priester, die von aus dem Ausland stammen, darunter 916 Afrikaner und 314 Europäer, von denen die Hälfte aus Polen stammt“.

9. Etwas Kritik gibt es auch in Frankreich am diesem Bischofs-Papier: „In Stunden großer Gefahr für die Demokratie muss Klartext gesprochen werden“, meint der katholische Schriftsteller und Journalist Jean- Francois Bouthors. Er hat in „Le Monde“ (vom 28. April) die Bischöfe angeklagt: Sie seien feige, sie sehen nicht die große Gefahr, die eine Wahl von Madame Le Pen zur Präsidentin bedeutet. „Es ist jetzt Zeit für die Bischöfe, klar zu reden, laut und stark. Man muss also sagen: Alles, was auf irgendeine Weise Marine Le Pen stärken kann und damit das Lager der Verteidiger der Demokratie und des europäischen Projekts schwächen kann, ist nicht akzeptabel“. Solche Stimmen sind öffentlich selten zu vernehmen.

10. Man erinnert sich jetzt an einen merkwürdigen Vorgang, dass der zweifellos nette alte Priester, Père Hamel, von Saint Etienne de Rouvray (Rouen), wie in einem Schnellverfahren selig gesprochen werden soll. Der 85 Jahre alte Priester wurde am 26. 7. 2016, bei einer Messfeier von radikalen Islamisten am Altar gelyncht. So entsetzlich und widerwärtig diese Tat ist: Wird mit der Seligsprechung dieses freundlichen uralten Pfarrers nicht ein polemischer Akzent gegen „die“ Muslime gesetzt? Und ist irgendwie jeder Priester, der ermordet wird, ein Seliger oder ein Heiliger? Warum aber sind dann die großartigen Jesuiten und Befreiungstheologen (unter ihnen Pater Ellacuria SJ) aus El Salvador dann nicht längst heilig gesprochen worden? Sie wurden am 16. November 1989 von rechtsextremen Mörderbanden hingeschlachtet, die Mörder wurden in den USA ausgebildet und von einigen Bischöfen in El Salvador unterstützt. Soll etwa der selige Priester Märtyrer, Père Hamel, ein Zeuge sein für die Sanftheit „der“ Christen gegen die Brutalität „der“ Muslime? Ein problematischer Gedanke. Mit erscheint diese so forcierte französische Seligsprechung sehr auf die religionspolitische Situation in Frankreich bezogen zu sein.

11. Die heftige Abwehr von Madame Le Pen und ihres FN bedeutet ja nicht, dass ich absolut für Macron einstehe. Aber er ist ein Demokrat, auch wenn er vielleicht problematische ökonomische Vorstellungen hat. Aber er ist kein versteckter Rassist. Mit Macron kann die Demokratie grundsätzlich noch erneuert werden. Mit Madame Le Pen ist es aus mit der Demokratie. Und mit Europa. Dann beginnt die Nostalgie des alten und veralteten autoritären Frankreich Realität zu werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Text der Bischofskonferenz: http://www.eglise.catholique.fr/espace-presse/communiques-de-presse/438036-elections-presidentielles-leglise-redit-son-role-et-rappelle-ses-fondamentaux/ Gelesen am 29.4. 2017

 

 



Der § 175 in der römisch-katholischen Kirche.

28. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.4.2017

1. Zum Anlass dieser Überlegungen:

Am Freitag, den 28. April 2017, soll nun, man glaubt es kaum, ein Gesetz im Deutschen Bundestag verhandelt werden, das einer damals in der Bundesrepublik Deutschland verfemten und vergessenen Minderheit etwas Gerechtigkeit und bescheidene finanzielle „Wiedergutmachung“ bringen soll: Dem SPD Minister Heiko Maas sei Dank, aber auch den politisch Aktiven (Schwulen), die dieses Thema vor dem Vergessen bewahrten.

Es geht um Männer, die in der Nazi-Zeit als Untermenschen in KZs gesteckt wurden. Sie haben dann aber unter den nach wie vor weiter bestehenden Nazi-Gesetzen (von 1935) noch in der Bundesrepublik leiden müssen. Ca. 64.000 homosexuelle Männer wurden zwischen 1949 und 1994 noch verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt, als Untermenschen angesehen… Erst 1969 begann die demokratisch-freiheitliche Regierung, sich vom unsäglichen Nazi- § 175 zu befreien. Solange war Nazi-Gesetzgebung eben normal!

Als normale Menschen mit allen Rechten werden homosexuelle Männer (und Frauen) bis heute selbst in Deutschland noch nicht angesehen: Sie haben etwa, im Unterschied zu den Niederlanden oder Spanien, kein Recht, eine Ehe zu schließen und Kinder zu adoptieren, also Familie zu sein. Und so viele Bürger regen sich auch hier nicht auf, wenn Homosexuelle auf den Straßen Gewaltattacken ausgesetzt sind. Das ist längst Alltag, so groß ist die Toleranz gegenüber Rechtsextremen längst!

Also: Nazi – Gesetze haben in der BRD fortbestanden … und die Opfer haben bis heute keine öffentliche Aufmerksamkeit gefunden oder gar Entschädigung erhalten. Warum? Weil in einem autoritären BRD Staat auch die BRD Richter fast immer ehemalige Nazis waren.

Nun also soll es eine gewisse Form der Gerechtigkeit für die Männer, die in der frühen Bundesrepublik verfolgt wurden. Ihre bewegende Geschichte sollte man etwa im Tagesspiegel vom 27. 4. 2017, Seite 3, nachlesen…

2.

Was uns im Religionsphilosophischen Salon viel mehr noch interessiert ist: Dieser Anti-Homo-Wahn besteht jetzt, besteht heute; diese Ausgrenzung, dieser Zwang, die anderen, die homosexuellen Menschen, zu verfolgen und zu töten. Dies gilt für fundamentalistisch-muslimisch geprägte Staaten, die noch nicht erkannt haben, dass der Koran eine zeitgebundene und historisch relative, also poetische Aussage frommer Leute ist. Die Liste der Staaten, die Homosexuelle verfolgen und ermorden, ist auch heute lang. Die Solidarität mit diesen Menschen hält sich nach meinem Eindruck in der westlichen Welt sehr in Grenzen. Die lieben Tanten und Onkels am Straßenrand deutscher Städte winken dem bunten und schrillen CSD – Festival im Sommer zu, kommen aber nicht auf den Gedanken, bei Amnesty International für krepierende Homosexuelle in Iran, Saudi-Arabien usw.usw. einzutreten…Man nennt dieses ignorante Verhalten heute die „feucht-fröhliche Form der repressiven Toleranz“.

3.

Der religionsphilosophische Salon interessiert sich auch aufgrund verschiedener biografischer Erfahrungen des Gründers dieser Basis- Initiative besonders für die Verfolgung bzw. Verachtung und Ausgrenzung homosexueller Menschen in den Kirchen, vor allem der römischen Kirche.

Die evidente Tatsache ist: Die römische Kirche ist eine homofeindliche Welt-Organisation. Noch heute. Sie spricht von der Akzeptanz „des anderen“ in zahllosen Dokumenten und theologischen Dissertationen, aber dies ist nur Theorie, nichts Ernstgemeintes, man könnte sagen: Ideologie.

Das ist ein evidentes Faktum, um es zugespitzt zu sagen. Und mir tun alle leid, die innerhalb der römischen Kirche gegen dieses Faktum anrennen und treuherzig „Reformen“ erwarten. Das ist Masochismus, den man aufgeben sollte – etwa zugunsten dringender Forschung und vor allem: eines befreiten Lebens.

Die Verfolgung homosexueller Männer in der römischen Kirche gilt für alle Männer die als Priester und Ordensleute in dieser Welt-Organisation mitarbeiten möchten. (Ich freue mich, dass offenbar die vielen lesbischen katholischen Nonnen in Ruhe gelassen werden, der Vatikan braucht ja auch Frauen nicht so dringend, da ist es ihm egal, ob da viele Lesben in den Klöstern sind, man möchte fast zynisch sagen: Gott sei Dank lässt die Inquisition die Lesben in Ruhe.)

Zu den Männern: Sie dürfen nur Priester oder hauptberufliche Laientheologen (etwa Pastoralreferenten) werden, wenn sie sich selbst als Homosexuelle verstecken und verleugnen und als Zeichen der Treue zur Hierarchie laut gegen Homosexuelle öffentlich sprechen.

Dieses Sich Verstecken ist eine Form systematischen geistigen Selbstmordes. Können solche geschädigten Männer Seelsorger sein?

Viele begehen aus Karrieregründen diesen geistigen Selbstmord und verstecken sich, gelegentliche Sex-Abenteuer, die bitte niemand sieht, eingeschlossen.

Die eher kranken Typen, möchte man beschreibend sagen, die man im Klerus allenthalben findet und fand, sind eben seelisch irritiert und, sorry,  kaputt, weil sie auf Dauer, lebenslänglich, zur absoluten Verlogenheit verpflichtet sind. So wird das klerikale System, und das römisch- katholische System ist absolut klerikal, zum Lügensystem. Lüge wird zur Angewohnheit, auch in finanziellen Belangen, man denke an den zerrütteten Zustand der Vatikan-Finanzen, an die Paläste, in denen die Diener des Herrn (oder der Herren), Kardinäle genannt, leben. Lüge bestimmt förmlich den vatikanischen Alltag. Man denke an den Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, den man den Großmeister der Lüge nennen kann. Wir haben im Religionsphilosophischen Salon über ihn berichtet, den selbst Papst Benedikt XVI. wegen der pädophilen Untaten einen Verbrecher nannte. Mit diesem Gründer vor Augen besteht der Orden der Legionäre Christi nach wie vor.

Wer dieses Lügen-System mit dem Verlust des Selbst nicht mitmachen will und noch jung genug ist, andere berufliche Perspektiven sich zu erarbeiten, der verlässt diesen verlogenen Club. Dieser Schritt ermöglicht Freiheit und Selbstsein.

4.

Ich habe in einem früheren Beitrag, klicken Sie hier, ansatzweise einige wenige Elemente genannt, wie stark sich Homosexuelle dann doch in der römischen Hierarchie festsetzten und Karriere machten. Ich habe einige Namen Verstorbenen genannt. Sie lebten unter der einen Bedingung: Immer gegen Homosexuelle predigen … und sie möglicherweise schädigen.

5.

Es wird oft gesagt, Papst Franziskus sei ein bisschen aufgeschlossener in der Akzeptanz von Homosexuellen im allgemeinen und homosexuellen Klerikern im Besonderen. Man sagt dann: Papst Franziskus könne sich nur nicht durchsetzen, weil die afrikanischen Katholiken (und ihre Bischöfe) und viele in Asien eben homo-feindlich seien. Diese Katholiken folgen dabei auch den Missionspredigten der Europäer, die ihnen im 19. Und 20. Jahrhundert der Lehre getreu einredeten: Homosexualität ist Sünde. Diese Lehre wird ja noch im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche (1993) verbreitet. Man sagt also dann: Papst Franziskus will doch die angebliche Einheit der einen römischen Kirche nicht aufs Spiel setzen.

Tatsache ist: Dieses Argument ist eine Ausrede. Wenn ein Papst wirklich etwas als für ihn richtig erkannt hat, setzt er dies auch durch. Und selbst wenn sich eine afrikanisch-katholische-antihomo Kirche von Rom abspaltet: Was wäre dann so schlimm? Die viel beschworene Einheit der römischen Kirche ist ja ohnehin nur eine Behauptung und, schon wieder, eine Lüge. Sollen die katholischen Afrikaner doch antihomo bleiben und sehen, wie sie damit zurecht kommen. Für Europa wäre diese Spaltung ein Signal für einen progressiven, vernünftigen Aufbruch. Die viel beschworene Einheit in der ganzen Weltkirche (1,3 Milliarden Mitglieder) besteht ohnehin nicht.

Natürlich kann man das Insistieren auf der Normalität der Homosexualität durch Europäer gleich wieder als europäische Überheblichkeit (als neuen Kolonialismus) kritisieren. Aber es ist eine Tatsache: Bestimmte Erkenntnisse zur Menschenwürde aller Menschen haben nichts mit regionalen, europäischen Herkünften zu tun. Die Gleichberechtigung homosexueller Menschen ist ein Fakt, ebenso die Tatsache: Homosexualität ist eine normale Variante des sexuellen Lebens. Da ist es egal, ob diese Erkenntnis einmal in Frankreich oder in Sri Lanka oder Burundi entstanden ist. Sie ist wahr, unabhängig von der Herkunft und sie ist trotzdem universal gültig.

Wenn also der § 175 heute noch fortbesteht in Europa, dann in der weltweiten römischen Kirche. Wer spricht noch darüber? Wer klagt die Kirche wegen der Verletzung der Menschenrechte an? Diese Kirche zwingt zum Verleugnen und verhängt Berufsverbote für Männer, die sich outen und bestraft immer noch jene, die oft als Priester oder Bischöfe sich outen, dann bestraft werden und ins oft ärmliche bürgerliche Leben zurückkehren.

6.

Ein großer Skandal ist, dass die deutsche Rechtssprechung den absurden Sondergesetzen der römischen Kirche folgt, und eben Entlassungen von homosexuellen Priestern und Laien-Theologen normal und rechtlich in Ordnung findet, wenn diese die „Sünde“ begehen, sich zu outen oder mit dem Partner eine feste Verbindung einzugehen.

7.

Nebenbei: Mich persönlich freut es, dass es eine undogmatische und freisinnige protestantische Kirche gibt, die sozusagen völlig normal homosexuelle Menschen als solche, aber eben als normale Menschen wie alle anderen, als Mitglieder oder als Pastoren willkommen heißt, und die, wenn gewünscht, nun schon seit 1987 auch eine Ehe-Segnung vollzieht. Es sind die Remonstranten in Holland.

Zur Lektüre wird empfohlen: Krzysztof Charamsa, Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche. Bertelsmann Verlag, 2017.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

 



Fatima 100 Jahre: Braucht der Glaube Wunder? Zu den Marien – Erscheinungen in Fatima..

26. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis zum Jubiläum der Marien – Erscheinungen in Fatima und und zum Kult um die „Gottesmutter“.

Von Christian Modehn

Das Motto:
„Löschen Sie das Licht, ich will etwas sehen“. (Dies ist erste Satz aus dem empfehlenswerten Fatima – Roman von Jürgen Alberts).

Warum hat unser religionsphilosophischer Salon Interesse für Fatima in Portugal, für den Ort, wo Maria selbst erschien: Zum ersten Mal am 13. Mai 1917, also vor 100 Jahren genau, und dann an jedem weiteren 13. bis einschließlich zum 13. Oktober 1917. Maria zeigte sich den Hirtenkindern Lucia, 10 Jahre alt; Francisco, 9, Jahre alt und Jacinta, 7 Jahre. Und sprach zu ihnen! Maria, die „Muttergottes“ erschien selbst wie eine Statue, manchmal begleitet von Engeln, dem heiligen Joseph und sogar Jesus. Eine heilige Schar ist aus dem Himmel herabgeschwebt und ist den Kindern erschienen, förmlich eine Idylle, beinahe etwas für Hollywood. Einzig und allein die Kinder haben diese himmlischen Gestalten, vor allem die Jungfrau Maria, gesehen und gehört. Die Besuche aus dem Himmel wurden schließlich aber doch allgemein geglaubt. Am 13. Oktober 1917 versammelten sich ca. 70.000 Portugiesen auf der Erscheinungswiese. Sie sahen überhaupt nicht die Mutter Gottes! Nur die Kinder berichteten wieder, Maria zu sehen. Alle anderen sahen, so sagen sie, nur ein so genanntes Sonnen-Wunder: Die Sonne in allen denkbaren Farben begann zu kreisen und wie auf die Erde zuzustürzen.

Seit der Zeit ist Fatima ein beliebter Wallfahrtsort: Aber erst 1930 entschied der Bischof, die Geschichten der Kinder seien glaubwürdig. Es gab also einmal eine skeptische Phase in der Hierarchie. Aber sie konnte sich nicht durchsetzen gegenüber dem dringenden Wunder – Bedürfnis der Gläubigen. So vielen inbrünstigen Wunder – Glauben darf doch kein Bischof enttäuschen oder gar zur Vernunft auffordern.

Nun werden die drei Kinder von Papst Franziskus am 13. Mai 2017 in Fatima heilig gesprochen. Weltweit können sich also alle Katholiken um himmlische Fürsprache an die drei Hirtenkinder wenden. Vielleicht beten sie um die Gabe des kritischen Verstandes? Eher wohl nicht. Fatima boomt und auch der Wunderglaube ist kaum zu bremsen. Da wäre Beten um Vernunft und Skepsis purer Wahnsinn. Allerdings: Kein Katholik muss an Fatima glauben. Man darf durchaus von Halluzinationen der Kinder ausgehen. Und von Lügen beim Sonnenwunder. Aber das wird nie gesagt von Kirchenführern. Mehr als vier Millionen Besucher kommen jährlich nach Fatima. Was wäre der Norden von Lissabon ohne diese Boom-Town Fatima mit der riesigsten aller riesigen Basiliken und dem, schon wieder, riesigen Aufmarschplatz der Pilger usw…

Mysteriös und geheimnisvoll und undurchsichtig sind die Worte Marias an die Kinder, die gern als „Geheimnisse von Fatima“ propagiert werden: Dort geht es um drohende Schlachten zwischen Gläubigen und Ungläubigen, es geht um die Verehrung des Unbefleckten Herzens Marias, ein bekanntlich ganz dringendes Thema! Es geht um die Abwehr des großen Feindes, des Kommunismus, der ja bekanntlich in Russland 1917 startete. Der gesamte antikommunistische Wahn der Katholischen Kirche, die jeden Unangepassten (Theologen) als Kommunisten kaltstellen konnte, hat in Fatima sozusagen sein Hauptquartier. Indem die Kirche, vor allem die Päpste, den Kommunismus viel schlimmer fanden als den Faschismus und den Rassenwahn eines Hitlers, hat sie es zumindest indirekt zugelassen, dass Millionen Juden im 2. Weltkrieg vergast wurden. Auch an diese Zusammenhänge muss man denken, wenn man die mysteriösen und esoterischen Geheimnisse von Fatima bedenkt…

Der Kult um die Erscheinungen der Jungfrau an mehreren Monaten des Jahres 1917, immer pünktlich am Dreizehnten, scheint letztlich von damaligen Kirchenführern und Politikern gemacht und bewusst forciert worden zu sein. In den Wirren der ersten Jahre der laizistischen portugiesischen Republik hatte die Kirche einen schlechten Stand; sie brauchte Rückhalt im Volk; was ist dann nahe liegender, als ein Wunder herbeizureden, einen Marienkult zu inszenieren, um der Öffentlichkeit zu zeigen: Seht da, so fromm ist das portugiesische Volk. In Erstaunen versetzt nicht nur die Tatsache, dass Maria drei zehnjährigen Kindern ihre Botschaft übermittelte, und zwar ihnen ausschließlich; die Kinder konnten weder lesen noch schreiben. Problematischer ist, dass die heilige Jungfrau zur Bekehrung Russlands aufrief, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die kommunistische Oktober-Revolution noch nicht stattgefunden hatte. Der Eindruck, dass die Wunder und der Wunderort auf die Schnelle inszeniert wurden, verstärkt sich, wenn man sich mit dem Sonnenwunder befasst, das sich am 13. Oktober 1917 ereignete: Solche bemerkenswerten Sonnenkonstellationen, in denen das Planetensystem zu glühen scheint, ereignen sich immer wieder, betonen die Wissenschaftler. Optische Täuschung ist wahrscheinlicher als ein Veränderung der Naturgesetze. Der in Bremen lebende Schriftsteller Jürgen Alberts hat einen sehr lesenswerten Schelmen-Roman über den Wallfahrtsort mit dem Titel „Fatima“ geschrieben; erschienen ist das Buch im Rowohlt Verlag: Wenn die Menschen ein Wunder erwarten, sehen sie sogar die Sonne tanzen, heißt eine seiner Thesen.

Natürlich kann jeder und jede privat glauben, was er oder sie will. Solange dabei kein anderer Mensch in seiner Freiheit und in seinem Lebensrecht eingeschränkt wird und die Gesellschaft bzw. der Staat nicht in Unfrieden gerät. Papst Johannes Paul II.glaubte jedenfalls persönlich, dass Maria aus dem Himmel herab nach Fatima stieg und dort den Wunderort gründen wollte: Er verehrte die Madonna von Fatima so sehr, dass er seine Rettung aus der Mordattacke durch Ali Agca (ausgerechnet am 13. Mai, also am Fatima-Tag, 1981) der Fatima-Madonna zuschrieb. Es ist dem Geschmack eines jeden überlassen zu beurteilen, wenn später Papst Johannes Paul II. die Kugel, die Ali Agca auf ihn feuerte, in die Krone der Marien-Königin-Statue aus Fatima einarbeiten ließ…So verehren die Frommen also Maria mit der beinahe tödlichen Kugel…

Dennoch hat die Religionsphilosophie die Aufgabe, religiöse Phänomene philosophisch zu befragen und zu kritisieren. Denn die Überzeugung ist dabei leitend: Religionen können sich aus eigener Kraft, mit den Mitteln eigener religiöser Lehren, kaum selbst kritisieren und von Irrwegen befreien. Bei Martin Luther führte die innertheologische Kritik zum Bruch in der Kirche. Viele problematische Traditionen hat Luther aber weiter geführt, weil er der allgemeinen philosophischen Vernunft Kritik und dem Humanismus gegenüber total ablehnend sich verhielt. Deswegen konnte er sich auch nicht vom Antisemitismus befreien oder von der Erbsünden und Höllen-Lehre usw. Ketzer wurden in protestantischen Regionen genauso verfolgt wie in der römischen Kirche. Also: Theologische Kritik ist befangen und zu schwach, um wirklich eine menschenfreundliche und vernünftige Religion zu befördern…Solches kann nur die freie und übergreifende philosophische Vernunft! Das ist wahrscheinlich das Hauptproblem aller Theologie: Sie ist zu „intern“-gebunden argumentierend, ihr fehlt der Abstand, das umfassend – kritische Raufschauen auf ihr Thema, eben den Glauben. Das gilt zumal, wenn in der katholischen Kirche die Kirchenführer bestimmen, wer Theologe sein kann und wer was lehrt. Das gilt auch für islamische Religionen. Hilfreich und weiterführend kann auch in der Analyse der religiösen Wunderphänomene die sich kritisch reflektierende allgemeine Vernunft sein. Darum muss immer wieder auf den Sammelband „Wunder“ aus dem Suhrkamp-Verag (2011) verwiesen werden!

Es muss natürlich damit gerechnet werden, dass viele Menschen den esoterischen Glauben an heilige Orte, an angeblich heilige Wässerchen, Quellen, Haine, Erscheinungen himmlischer Wesen usw. einfach nett und unterhaltsam finden und damit auch Gesprächsstoff entdecken. Sie wollen die Welt verzaubert erleben, etwas märchenhaft, von wunderbaren Kräften da und dort bestimmt, und so kommen sie aus dem Staunen nicht raus, was es doch so alles Sonderbare gibt in dieser Welt.

Für philosophisch-religiöse Menschen gibt es nach meinem Eindruck eine einzige erstaunliche Frage: Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts? Wo ist also der Sinn meines Lebens, des Lebens? Diese Frage berührt tatsächlich das einzig Wunderbare, das Leben, das religiöse Menschen als wunderbare Gabe eines geheimnisvollen Gottes deuten…Mehr Wunderbares brauchen wir nicht. Natürlich gibt es gute Zufälle, aber sind sie immer Wunder?

Dies ist das Problem:

Ist das Erscheinen der „Gottesmutter“, wie die Katholiken Maria, die Mutter Jesu von Nazareth nennen, also, etwas weltlich salopp gesagt, das Erscheinen der weiblichen Gestalt (Gottes-„Mutter“) des Göttlichen, sozusagen als dessen Vertreterin? Warum erscheint dann eigentlich nicht Gott als Gott? Da würde selbst das frommste Gemüt zögern… Warum werden bei wunderbaren Heilungen immer nur psychisch bedingte Leiden geheilt, warum wird kein Bein, das eine Bombe wegriss, wieder mit einem neuen Bein ausgestattet?

Vor allem: Wer will, dass solche Marien – Erscheinungen gelten? Wer propagiert diese Wunder – Erscheinungen und warum werden diese propagiert? Wer hat Angst vor dem einfachen, „armen“ existentiellen Glaubens des Geborgenseins und Gegründetseins in einer göttliche, ewige Wirklichkeit? Wer will wirklich den Jubel und Trubel in all den wunderbaren Kommerz-Marienorten? Haben diese Menschen das Gefühl, dass Maria sozusagen die bessere, mehr Nähe gewährende „Göttin“ ist als der Ewige und Unsichtbare? Ist die starke Propaganda, etwa bei Papst Franziskus und vor allem in aufgeklärten muslimischen Kreisen, für die These: „Gott ist der Barmherzige“ nichts anderes als die Propaganda für das mütterliche (Marien) – Gesicht des eigentlich strengen Richter-Gottes? Aber das ist schon ein anderes Thema.

Tatsache ist in diesem Jahr 2017:

Eine so genannte Jubiläums – Madonna, aus Gips offenbar, macht ihre Rundreise. Kürzlich hielt sie sich in Berlin auf: Am 1. April 2017 wurde sie sogar durch Berlin – Spandau im Rahmen einer Lichterprozession getragen: Der Berliner Erzbischof Koch, ein Dr. der Theologie, war dabei.

In den Vatikan wurde jedenfalls die so genannte Original Statue des Bildhauers José Ferreira Thedim aus dem Jahr 1920 transportiert, zuerst zum EX-Papst, danach zu Papst Franziskus. Der Künstler hatte diese Statue nach Anweisungen des „Hirtenkindes“ Lucia dos Santos (1907-2005) geschaffen. „ Der Transport der Statue von Fatima nach Rom erfolgte mit einer Sondermaschine der portugiesischen Fluglinie TAP“, berichtet die katholische Presseagentur Wien.

Interessant ist, nebenbei, dass in Berlin einen Tag vor der Fatima-Prozession durch Berlins Straßen, der katholische Theologe Bischof Dr. Koch einen ökumenischen Versöhnungsgottesdienst und Bußgottesdienst mit dem protestantischen Bischof Dr. Markus Dröge, Berlin, gefeiert hat. Haben sich die beiden Bischöfe auch zum nach wie vor lebendigen und blühenden Wunderkult und vor allem zu den Marien –Erscheinungen versöhnt? Passt also ins Reformationsgedenken und der sonst so oft beschworenen neuen theologischen Eintracht zwischen Lutheranern und Katholiken also auch der Fatima – Glaube? Offenbar. Jedenfalls macht die katholische Kirche mit ihrer alten Wunder –Traditionen ungeniert weiter und feiert gleichzeitig Versöhnungs – und Bußgottesdienste mit Protestanten. Sollte die katholische Kirche nicht büßen für den Wunder – Wahn, der so viel Aberglauben erzeugt? Nein, die katholische Kirche tut das nicht.

Der Katholizismus verhält sich ist in diesem Reformationsgedenken doppeldeutig: Nach außen hin :ökumenisch und lernbereit (auch von Luther); im inneren, dem katholischen System, macht man pastoral und spirituell und damit auch theologisch abergläubig weiter wie immer. Auf diese Weise wird im Katholizismus Glauben ins total Irrational – Willkürliche geschoben. Und kein katholischer Theologe ruft laut: Hört auf mit dem Wunder Glauben, dem Fatima Kult, dem Wallfahrtskommerz usw. Dies würde sowieso kein Bischof befehlen, weil der ökonomische Gewinn durch Wallfahrtsorte absolut entscheidend ist. Das Dorf Fatima boomt genauso wegen der Wundergläubigen wie das Dörfchen San Giovanni Rotendo, in das sich der Scharlatan, der angeblich stigmatisierte Pater Pio zurückzog und dort Pilgermassen anzog. Wallfahrtsorte sind Boomtowns. Man untersuche einmal den Zusammenhang vom bewusst zugelassenen ökonomischen Boom der Wallfahrtsorte und der Kritik Luthers an den Geldern, die wegen des Ablasses nach Rom flossen…

Fatima sollte, religions-philosophisch betrachtet, als ein Ort religiöser Entfremdung verstanden werden: Am 13. Mai 1942 wurde das 2. so genannte „Geheimnis  von Fatima“ veröffentlicht. Diese Geheimnisse Marias wurden bekanntlich den Kindern, Analphabeten, mitgeteilt. Abgesehen davon: Im 2. Geheimnis drohte Maria mit einer schlimmen Strafe für die Menschheit, denn die Russen würden „Irrlehren über die Welt verbreiten“ und „Kriege und Kirchenverfolgungen“ heraufbeschwören. Vom Faschismus sprach Maria offenbar nicht. Abgesehen davon: Welche Therapie empfiehlt Maria, also letztlich die Kirche und ihre Führer, die diese „Himmelsbotschaft“ redigierte?  „Es sei der Wille Gottes, die Andacht zu dem Unbefleckten Herzen Mariens zu begründen“. Also: Angesichts des Kommunismus und des bereits heftigsten 2. Weltkrieges und der Judenvernichtung und des Faschismus und den Bombardements usw. wird ausgerechnet die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens von Maria selbst und damit durch die Kirche empfohlen. Es wird zum spirituellen, man darf sagen mysteriösen Gebets-Kampf aufgerufen. Nicht etwa politische Analyse, nicht etwa Hilfe für die bedrohten Juden, nicht etwa Widerstand gegen die Faschisten in Italien, Deutschland, Spanien, Portugal usw. wird empfohlen. Nein, noch einmal: Ein spiritueller Kampf mit dem Unbefleckten Herzen Marias zur Seite. Was ist eigentlich ein unbeflecktes HERZ? Bis heute werden diese nebulösen, sich spirituell nennenden Theorien in Fatima und den weltweiten Fatima-Kreisen verbreitet. Esoterik, d.h.vor der Vernunft unbegründbares Gerede,  hat sich in der Kirche breiter gemacht. Warum sagt niemand diesen frommen Leuten: „Studiert gemeinsam die Menschenrechte, analysiert die Sozialpolitik eure Länder, helft einander aus der zunehmenden Armut“. Nein, nichts passiert. Die krititischen katholischen Theologen an den Universitäten schweigen. „Diese spirituell Frommen in Fatima sollen dumm bleiben“, sagt mir ein theologischer Freund aus Portugal. Religion bleibt auf diese Weise eben Opium, den Massen gereicht.

Nebenbei: Die Fatima-Zeitschriften („Fatima ruft“, Kisslegg usw.) und die Fatima-Prozessionen erfreuen sich heute größter Beliebtheit. Es gibt den internationalen spirituell-militanten Beter-Club „Die blaue Armee Mariens“ usw.

Ein Zitat vom Fatima-Weltapostolat, sozusagen die Nachfolge-Organisation der „Blauen Armee“: „Persönliches Mitglied der Blauen Armee Mariens war Konrad Adenauer. Das Fatima-Weltapostolat wurde vom Vatikan am 7. Oktober 2005 als öffentlicher Verein päpstlichen Rechtes anerkannt. Erzbischof Stanislaw Rylko, Präsident des Pontificium Consilium Pro Laicis, übergab, am 3. Februar 2006, in Rom, Professor Americo Pablo Lopez-Ortiz, Internationaler Präsident des Fatima-Weltapostolates, das Dekret der Errichtung und Anerkennung des Fatima-Weltapostolates als eine öffentliche Vereinigung von Gläubigen für die Universelle Kirche“.(Quelle: http://www.fwa-wuerzburg.de/fatima-001/fatima-international-001, gelesen am 27.4.2017)

Zu den Hinweisen zum 2. Geheimnis von Fatima:  Siehe das empfehlenswerte Buch „Wunder“, Hg. von Alexander C.T.Geppert und Till Kössler, 2011, Suhrkamp Verlag, S. 136, dort auch zum „Tränenwunder in Syrakus“, der treffende Titel: „Tränen aus Gips“.

Zum vorläufigen Schluss:

„Wenn der Katholizismus die gleiche Energie für die allgemeine Geltung der Vernunft in der Religion eingesetzt hätte wie für den Wunderwahn und die Marien-Erscheinungen, hätten sehr viele Menschen heute eine Sinnerfahrung, die orientiert“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

PS.: Es wäre noch eine eigene Untersuchung wert, den Namen des Dorfes und der Stadt FATIMA in Portugal in den islamischen Kontext zu stellen. Es ist nämlich der Tradition nach ein Ort, der nach einem muslimischen Mädchen Fatima benannt ist, die sich aber taufen ließ! Ich kann hier nur auf den wikipedia Artikel zu Fatima fürs weitere Studium auch zum Zusammenhang mit muslimischen Traditionen verweisen: „Den arabischen Namen „Fatima“ soll der Ort einer Legende zufolge von Fatima, der schönen Tochter eines maurischen Fürsten – ihrerseits benannt nach der Tochter des Propheten Mohammed – erhalten haben. Im Jahr 1158 soll sie, nachdem sie von christlichen Eroberern entführt und an den Grafen von Ourém verkauft worden war, sich aus Liebe zu diesem taufen lassen und mit ihm vermählt haben. In dem Ort, den ihre gräflichen Nachkommen nach ihr benannt haben, soll sie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Jene Fatima ist nur eines von mehreren Beispielen einer Moura encantanda der portugiesischen Folklore, die Geschichte taucht in ähnlichen Versionen in verschiedenen Orten Portugals auf“. (Gelesen am 26.4.2017).Werden Muslime 2017 bei den Festen und Feiern im portugiesischen Fatima dabei sein?



Die Stichwahl am 7. Mai: Katholiken in Frankreich. Bisher haben sie überwiegend rechts(extrem) gewählt.

25. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich, Termine

Katholiken in Frankreich wählen wieder überwiegend rechts(extrem)

Ergebnisse nach dem 1. Wahlgang am 23. 4. 2017

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 25. 4. 2017. Ein aktueller Beitrag vom 29.4. zu einer Erklärung der französischen Bischöfe klicken Sie hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin interessiert sich für das Wahlverhalten der Katholiken in Frankreich, bis jetzt noch – vor den „Atheisten“ – die zahlenmäßig stärkste Religion dort. Nach dem ersten Wahlgang am 23. 4. sind die Katholiken desorientiert: Ihr viel geliebter, jetzt aber wegen der Affären durchaus kritisch betrachteter konservativer FILLON kommt nicht in die Stichwahl. Katholiken haben zu 68 % keinen der beiden Kandidaten des Zweiten Wahlgangs gewählt, also Macron und Le Pen. Macron halten viele sehr konservative praktizierende Katholiken für einen liberalen, unmoralische Prinzipien (HOMOEHE!) vertretenden Politiker. Katholiken entscheiden sich nach moralischen, besonders sexual-moralischen Kriterien, um einen Politiker gut oder weniger gut zu finden. Macron entfällt also für viele Katholiken als zu wählender Präsident. Und Madame Le Pen? Die ist sexual-moralisch in der Sicht vieler konservativer Katholiken doch recht OK. Viele Katholiken werden also, und sei es bloß aus Trotz und Frustration, Le Pen wählen. Oder eben gar nicht wählen. So geht es, wenn fromme Katholiken zu enge Maßstäbe haben, um Politik mitzugestalten…Erstaunlich aber bleibt: Melenchon von den Linken haben diesmal im ersten Wahlgang 9 % der praktizierenden Katholiken gewählt; 2012 waren es nur 3 %. Insgesamt haben von allen Katholiken, also auch den Nichtpraktizierenden, 14 % Melenchon gewählt.

……………………………… Zum ersten Wahlgang————————–

Wenn man alle Stimmen von Katholiken für die Präsidentschaftskandidaten Fillon, Le Pen und Dupont-Aignan beim 1. Wahlgang addiert, kommt man leicht auf 54 Prozent. Die drei genannten Kandidaten vertreten entschieden rechte bzw. rechtsextreme Positionen. Das haben Umfragen des Instituts Harris für die Tageszeitung La Croix ergeben.

Wenn man die katholischen Wähler noch einmal unterteilt in „regelmäßig praktizierende Katholiken“ (das sind solche für die französischen Befragungen, die wenigstens einmal im Monat (!) an der Messe teilnehmen; das nennt man üblicherweise dort religiöse Praxis, aber das am Rande) und „gelegentlich praktizierende“ und „nicht – praktizierende“ Katholiken, dann zeigt sich dieses Ergebnis für die Wahl der rechten bzw. rechtsextremen Kandidaten:

Von den regelmäßig praktizierenden Katholiken haben 67 % rechts bzw. rechtsextrem gewählt.

Von den gelegentlich praktizierendenKatholiken 55 %

und von den nicht-praktizierenden Katholiken 42 %.

Das heißt: Je enger die Kirchenbindung, um so enger die Bindung an rechte und rechtsextreme Politiker.

Dabei muss wissen: Fillon vertritt zwar Europa-freundliche Positionen, er ist deswegen auch der CDU-CSU nahe; seine Ausländer/Flüchtlingspolitik und seine Innenpolitik (Beispiel: Zurücknahme des Gesetzes zur so genannten Homoehe) sind praktisch mit den Positionen von Le Pen identisch. Die Politiker, die heute von der Partei „Les Républicains, also von Fillons Partei, an der Cote d Azur herrschen, vertreten weithin identische Positionen wie der Front National.

Was aber am meisten erstaunt: Fillon wird bekanntermaßen nach wie vor heftiger Betrug und Fälschung vorgeworfen. Aber dies macht den praktizierenden Katholiken nichts aus. Sie wählen ihn trotzdem mit großer Mehrheit, mit einem Anteil von 46 Prozent (landesweit hatte Fillon 19 %!), selbst 25 % der nicht – praktizierenden Katholiken haben Fillon gewählt.

Das heißt: Einem relativ bedeutenden Teil der Katholiken waren die Betrugsaffären von Fillon egal. Sie wählten einen Mann, der sich als praktizierender Katholik nach außen hin darstellte und eben für die klassische kirchliche Moral eintrat.

Hingegen haben nur 19 % der praktizierenden Katholiken Macron gewählt, im ganzen Land erzielt er 23 %!

Wenn alle „Gruppen“ von Katholiken zusammensieht, ergibt sich dieses Bild:

Katholiken insges. haben für Macron gestimmt: 22 %

Für Marine Le Pen 22 %

Für Fillon 28 %

Für Melenchon 14 %

Für Hamon 4 %

Für Dupont-Aignan 6 %

Das heißt: Ca. 18 Prozent aller verschiedenen Gruppen unter den Katholiken haben links gewählt.

Immerhin haben 30 % der Protestanten Macron gewählt. Unter allen religiös gebundenen Franzosen haben die Protestanten am deutlichsten für Macron gestimmt.

Für Le Pen haben 20 % der Protestanten gestimmt.

Für Fillon 20 %

Für Melechon 16 %

Für Hamon 4 %

Für Dupont Aignan 7 %

Zusammenfassend: 47 % der französischen Protestanten haben rechts bzw. rechtsextrem gewählt.

Wie haben die muslimischen Franzosen gewählt?

Für Macron: 24 %

Für Le Pen: 5 % (komisch, Muslime, die Le Pen wählen…es gibt auch Juden, die FN wählen)

Für Fillon:     10 %

Für Melechon: 37 %

Für Hamon:   16 %

Für Dupont Aignan: 3 % (auch das gibt es)

Muslime haben wieder, wie bei früheren Wahlen, über 50% links gewählt, dazu noch einmal 24 % für Macron!

Siehe auch:  http://www.pelerin.com/A-la-une/Sondage-exclusif-Vote-et-religions

COPYRIGHT: Christian Modehn am 25.4. 2017, 12.15 Uhr.



Die Ohnmacht der Lüge und die Macht der Wahrhaftigkeit. Ein philosophischer Salon in Berlin.

23. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar, Philosophische Bücher

Die Ohnmacht der Lüge und die Macht der Wahrhaftigkeit.   (Philosophisch ist dieser Titel wahr,  aber politisch nur sehr selten gültig).

Einige Perspektiven im Religionsphilosophischen Salon Berlin am Freitag, den 21. 4. 2017

Von Christian Modehn. Gleichzeitig habe ich eine kleine philosophische Satire veröffentlicht mit dem Titel „Ich bete an die Macht der Lüge“… Klicken Sie hier.

Unser Thema im Salon ist aktuell: Wir sind in der vernetzten Welt umgeben und bestimmt von Politikern, die ständig lügen. Die „Washington Post“ berichtet: 133 Lügen wurden Mister Trump allein im ersten Monat seiner Amtszeit nachgewiesen. Das sind durchschnittlich etwa 4 Lügen pro Tag. Man kann Trump also einen Fake-Selfmade-Man nennen. Fakes, gemachte Wahrheiten sind „en vogue“. Aber die treffende Qualifizierung als Lügner stört Trump eigentlich nicht. Er lügt ungebremst weiter. Wie so viele andere Männer, die sich als gewählte Politiker ständig der Lüge bedienen: Putin, Erdogan, Orban, polnische Führer usw.

Für sie und alle bewusst lügenden Menschen, vor allem die Machthaber in Politik und Religionen,  gilt der Satz von Bertold Brecht („Leben des Galilei“): „Wer die Wahrheit nicht kennt, ist ein Dummkopf. Wer sie aber kennt und eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher“.

Tatsache ist, eine evidente Tatsache, wenn man die Zuspitzung will: Lügner zerstören das Grundvertrauen in Staaten und Gesellschaften. Lügen haben verheerende Wirkungen.

Lügen sind alles andere als „Nebenthemen“ oder, theologisch klassisch gesehen, sie sind keine „lässlichen Sünden“, wie etwa die relativ harmlose Unpünktlichkeit.

Die Lüge ist eine Realität, seitdem Menschen bewusst mit sich selbst und anderen umgehen, also Entscheidungen treffen, an einem Selbstbild arbeiten, Erfolg haben wollen, Leben gestalten.

Eine fundamentale Einsicht, alles andere als banal:

Das Lügen ist die bewusste Praxis von Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Diese sind Tugenden. Lügen ist eine Untugend. Sie zerstört den Menschen, wie alle absolut gelebten Untugenden.

Die Lüge, als Satz etwa formuliert, ist das Gegenteil von einer satzhaften Wahrheit. Je plausibler und detaillierter Lügen satzhaft vorgetragen werden, um so eher werden sie geglaubt. Glauben und wechselseitiges Vertrauen in dieser allgemeinen menschlichen Form ist eine Basis des Zusammenlebens und der geistigen Identität.

Tatsache ist, Fakt ist: Es gibt satzhafte, objektive Wahrheiten, auch wenn diese ständig weiter diskutiert werden, wie etwa in den Naturwissenschaften. Die Erde dreht sich um die Sonne, ist Fakt. Die Menschen sind für den Klimawandel verantwortlich, ist Fakt. Die Evolution der Menschheit ist Fakt. Aber auch in der Philosophie: Der Spruch des Gewissens in einem jedem (Gesunden) ist Fakt. Der Spruch des Gewissens in einem jeden kann nur mit Gewalt (Gehirnwäsche) getötet werden.

In der Wissenschaft werden „alte“ und natürlich damals gültige Wahrheiten stets ergänzt, revidiert und neu formuliert werden, dann werden diesen neuen Erkenntnisse eben auch wieder als (vorläufige) Wahrheiten verbreitet und wahrgenommen. Aber an diese tatsächlich relativen Wahrheiten gilt es, sich zu halten und sich mit anderen Menschen auszutauschen über deren relative Wahrheiten. Wahrheit und Relativität ist kein Widerspruch. Aber alle relativen Wahrheiten können nur korrigiert werden, weil es eben ein übergreifendes Wahrheitsbewusstsein gibt. Weil wir eben doch „der“ Wahrheit nachstreben und ihr verpflichtet sind. Also noch einmal: Selbst im historischen Verlauf relativ erscheinende Wahrheiten haben im Moment des Lebens, meines Lebens, absolute Gültigkeit … mit der Perspektive der möglichen Verbesserung durch das Gespräch mit anderen etwa.

Diese Dialektik von relativer, aber für mich und andere im Moment absolut geltender Wahrheit ist entscheidend. Aber es muss jede relative Wahrheit eben Wahrheit sein, kein Fake, keine Propaganda, kein Dogma.

Einige Erkenntnisse, die vertieft werden können:

Wer lügt, der glaubt: Meine für mich erkannte Wahrheit ist zu schwach. Ich muss wider besseren Wissens Gegenteiliges und Falsches behaupten. Vielleicht ist das für mich erfolgreicher.

Wer sich selbst und den anderen belügt, will sich das eigene Leben zunächst einfach machen. Lügen spart Zeit. Eigene Wahrheiten aussprechen und mit den wahren Erkenntnissen der anderen konfrontieren und besprechen, erfordert viel Zeit und Geduld und gute Nerven. All das haben wir meist nicht. Wir leben in einer Hektik-Kultur, die das Lügen fördert. Das heißt nicht, dass im Mittelalter, etwa in ruhigen und beschaulichen Klöstern etwa, weniger gelogen wurde.

Lügen entspricht aber auch einer Kultur, in der verbaler Streit keinen humanen Wert hat. Wer etwa als Kind nie für die Wahrheit streiten durfte, kann dies auch später nur mit Mühe.

Es wird aus ökonomischen Gründen und um Erfolg zu haben und angepasst zu sein gelogen … wie verrückt.

Das Wort Lüge kennt viele Begriffe, die unterschiedlichen Inhalts sind, aber doch zusammen gehören (Lügen ist natürlich vom unbewusst/unreflektierten Irrtum zu unterscheiden):

Eine Maske tragen.

Sich verstellen.

Etwas Wesentliches verschweigen. Aber jeder Mensch hat auch sein Recht auf „sein“ Geheimnis.

Nach außen hin anders tun als man innerlich selbst ist. Dies ist die bis heute übliche Empfehlung aller Machthaber in diktatorischen Systemen gegenüber Minderheiten (etwa: Homosexuelle sollen in der römischen Kirche „bloß nichts Wahres über sich selbst sagen, sie dürfen aber alles verschwieign, alles heimlich machen“. So wird ein Lügensystem stabilisiert. Die Erfolge dieses Systems sieht man am Zustand der römischen Kurie und der Vatikan-Banken usw.)

Nur die Hälfte der Wahrheit sagen.

Mit vollem Bewusstsein schweigen und angeblich nichts wissen, nichts gesehen haben.

Meineid leisten.

Insgesamt: Lügen, auf Dauer praktiziert, zerstört die Person.

Wer lügt, der unterstellt, dass Wahrheit und Auseinandersetzungen zur vielfältig erfahrenen Wahrheit verletzend sind. Das Gegenteil ist der Fall. Reifen kann der Mensch, kann die Gruppe, die Gesellschaft, wenn man miteinander Lügen und Sich Verstellen überwindet.

Ist es bloß eine Floskel, wenn viele Menschen sagen und schreiben: “Ehrlich gesagt, würde ich meinen“…

Lügen stiftet keinen Frieden. Die Lügen-Welt schaukelt sich hoch.

Gibt es eine Anti-Lügen-Therapie?

Einige Hinweise aus der Geschichte der Philosophie:

Von einer „organischen Verlogenheit“ spricht Max Scheler, in: „Vom Umsturz der Werte“. „Diese organische Verlogenheit ist immer dann gegeben, wenn Menschen nur das sehen wollen, was ihrem Interesse oder ihrer triebhaften Aufmerksamkeit dient. Wer in dieser Weise völlig verlogen ist, braucht nicht mehr (im einzelnen) zu lügen“. Bei der organischen Verlogenheit ist die Selbsttäuschung in Fleisch und Blut übergegangen, wie der evangelische Theologe Jochen Schmidt, („Wahrgenommene Individualität. Eine Theologie der Lebensführung“) schreibt. Es geht in dem Fall nicht mehr um die einzelne Lüge, wie es bei einem einfachen Lügner gilt: Er sieht eine Wirklichkeit und verfälscht diese Wirklichkeit in seiner Aussage ganz bewusst. Bei einem „organisch Verlogenen“ ist aber alles von Lüge durchsetzt; die eigene Lüge wird gar nicht mehr im Bewusstsein wahrgenommen, Lüge ist eine Art Automatismus, der systematisch Verlogene weiß gar nichts von seiner Verlogenheit.

Das setzt sich politisch durch: Nach dem Motto: Wir bestimmen, wen wir wann töten können und wollen. Das gilt etwa für die Mafia, das gilt für politische Organisationen, die sich über alle absolut geltenden Grundsätze hinwegsetzen. Man denke an die Faschisten, die bestimmen, wer ein wertvoller Mensch ist und wer nicht. Indem die Nazis propagandistisch und extrem der Lüge verpflichtet waren und den Deutschen einredeten: Juden sind keine Menschen, glaubten autoritätshörige Deutsche diese Lügen und taten alles, um Juden zu vernichten.

Gehirnwäsche ist die extreme Form der Annahme einer Lügenwirklichkeit. Die totale Neuorientierung des menschlichen Gehirns ist eine Möglichkeit der technischen Zukunft.

Man denke auch an die Mitarbeiter des Stalinismus, die das Lügen-System aufrecht erhalten wollten und dann sagten: Dieser oder jener Mensch vertritt nicht den Klassenstandpunkt der Partei, er stört das Volk, das System, er kann also eliminiert werden, weil er dem Fortschritt nichts nützt. Lügensysteme gehen normalerweise unter, aber nicht alle.

Eine Philosophie der Lüge interessiert sich für die Literatur. Dort ist das Stichwort Lebenslüge wichtig:

 Die Lebenslüge als organische Verlogenheit: Die Lebenslüge ist ein Begriff, den wir etwa aus dem Theaterstück „Die Wildente“ von Ibsen kennen. Lebenslüge ist das krampfhafte Festhalten am schönen Schein. Nur ganz kurz zur Erinnerung: Ein Mann, Greger, besucht seinen alten Freund Ekdal, er stellt fest, wie dieser sich in einem Wirrwar von Lügen bewegt. Greger will ihn daraus befreien, aber dies gelingt nicht. Aus Lebenslügen kann nicht befeit werden…

Thomas Bernhard hat in seinem großartigen Roman „Holzfällen“ bezeichnenderweise auf die „Wildente“ Bezug genommen: Da wartet eine Abendgesellschaft auf den Burgschauspieler der „Wildente“ bei dem durch und durch verlogenen Ehepaar Auersberger (alias Lampersberg). Das Buch von Bernhard ist auch eine Aufdeckung der Lebenslügen und der Schwieirgkeit sich zu befreien. Man lese die letzten Seiten von „Holzfällen“…

Aus der Geschichte der Philosophie:

Denken wir an den klassischen Satz: „Epimenides, der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner!“

Zumindest behauptet Epimenides kein Lügner zu sein, weil er ja eine Wahrheit behauptet.

Zudem: Lügner behaupten für sich selbst und gegenüber anderen mit ihren Aussagen, die Wahrheit zu sagen. Die Bindung an die Wahrheit oder die Wahrhaftigkeit ist also im Moment der Lüge da, und zwar unabwerfbar.

Nebenbei: Die gleiche Erfahrung gilt auch für die absolute formale Bindung eines jeden Selbstbewusstseins ans Gute und Schöne: Selbst der Mörder glaubt noch, im Morden für sich selbst (möglicherweise auch für andere) Gutes zu tun. Und jeder noch so laienhafte Künstler findet die unbeholfenen Pinselstriche für sich schön. Den transzendentalen Bedingungen (im Sinne Kants) für Wahres, Gutes und Schönes entkommt kein Selbstbewusstsein, also kein denkender Mensch.

Aber, wie gesagt: Das sind formale, aber unabwerfbare Bindungen des Geistes in der Lebens-Praxis; diese Bindungen sind evident. Sie haben keine inhaltliche Füllung, etwa: Nur die romantische Kunst ist schön.

Aber dann beginnt bereits der Streit um die richtige Interpretation der Fakten:

Es gibt zweifellos Fakten, an die sich alle halten sollen, wenn sie reflektierende Menschen sein wollen. Etwa auch im ethischen Bereich: Es ist verboten zu morden. Man denke an das fünfte Gebot der zehn Gebote: „Du sollst nicht töten“. Aber auch dieses evidente, von allen Menschen geteilte Faktum findet eine Ausnahme im Fall des Tyrannenmordes: Einen Tyrann, der nachweislich von sehr vielen kritischen Beobachtern als Tyrann erkannt wird, kann getötet werden, um schlimmstes Unrecht zu verhindern.

Aber dies ist die Ausnahme. Faktum ist und bleibt: Du sollst nicht einen anderen Menschen töten. Die Ausnahme kann niemals zur Regel werden und die Ausnahme kann niemals zum göttlichen Gebot werden: Etwa in der Art: Du kannst töten, wen und wann du willst…Damit hätte der so Sprechende seinen eigenen alsbaldigen gewaltsamen Tod vor Augen.

Es gibt Lügen in den Religionen, eingesetzt von den Herrschern in den jeweiligen religiösen Institutionen. Theologisch längst überwundene und zurückgewiesene Thesen werden von den Kirchen-Führungen noch weiter verbreitet, und dies wider besseren theologischen Wissens. Die Lüge dient auch hier dem Machterhalt. Etwa zu behaupten, dass Jesus keine Priesterinnen für die katholische Kirche wollte. Oder beim Wunderglauben: Dass Gott mal hier und mal da eingreift, den einen heilt, den anderen nicht; der willkürlich handelnde Gott im immer noch propagierten Wunderglauben ist insofern eine Lüge. Die Wunderorte werden aus kommerziellen Gründen beibehalten. Wer würde sonst im Ernst ins einstige Dörfchen Fatima, in die jetzt florierende Wallfahrer-Stadt in Portugal fahren? Oder ins abgelegene Lourdes oder Santiago de Compostela: Da geben die Leute ihr Geld aus, wohl wissend, dass der heilige Jacobus der Ältere dort garantiert nicht ruht. Man macht also das religiöse Wunderspiel mit. Man denke an die Verehrung des „heiligen Rocks“ (ein paar gut erhaltene Lumpen, die angeblich Jesus von Nazareth getragen hat) in Trier. Dieser Kult wurde im 19. Jahrhundert kritisiert von dem katholischen Priester Johannes Ronge, der nach seiner öffentlichen Kritik „selbstverständlich“ sofort exkommuniziert wurde..

Oder man denke an den Wahn der „Blutwunder in Neapel“ und so weiter und so weiter. Zum Blutwunder nur ein Zitat aus dem Wikipedia Beitrag zum Blutwunder in Neapel: „Das „Blut“ in den Kapseln von Neapel wurde bisher nicht chemisch oder biochemisch untersucht. Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat allerdings im April 2004 das Blutwunder aus nächster Nähe beobachtet und festgestellt, es sei sehr einfach, ein solches Wunder mit thixotropen Stoffen, die auch zum Zeitpunkt des ersten Auftretens im Mittelalter schon bekannt gewesen seien, im Labor zu reproduzieren. Solche Stoffe sind im Ruhezustand geleeartig, verflüssigen sich aber, wenn sie genügend bewegt werden. Demnach könnte das „Blut“ eine einfache chemische Reaktion aus FeCl3 mit Eierschalenkalk und Wasser sein“. Gelesen am 23.4.2017.

Also noch einmal: Wer wider besseren Wissens an einem Wahn, auch einem religiös gefärbten Wahn, festhält und diesen den armen frommen Seelen verkauft, ist ein Lügner.

Manche Kirchenführer meinen, ihren Glauben nur dann aufrechterhalten zu können, wenn man eben solchen Spuk als Wunder propagiert…

Lügen und Philosophie

Auch dieses Thema kann hier nur kurz vorgestellt werden für weitere persönliche Studien!

Hier wäre über postmodernen Relativismus zu sprechen.

Die postmoderne Philosophie ist vor allem mit dem Namen Jean Francois Lyotard verbunden, 1979 erschien sein grundlegendes Buch: La condition postmoderne. Die These: Es gibt eine kaum zu überbrückende Pluralität der Denkformen. Es herrscht also eine Kritik der einen Vernunft und Rationalität vor. Es ist die Kritik der Vernunftbegriffe. Logik sei repressiv und totalisierend. (so in: Heidegger-Handbuch, S. 453) Es ist die postmoderne Liebe zum Nicht-Darstellbaren, auch zu dem, was Martin Heidegger das Ereignis nannte.

Es wäre hier der Ort, über Heideggers a-letheia (in dieser ! Schreibweise bitte) – Lehre zu sprechen und über diese a- letheia Lehre als bewusst eingesetzte falsche Übersetzung für Wahrheit im Sinne der Unverborgenheit im Ringen mit der Verborgenheit zu sprechen. Wenn Heidegger diese esoterische a-letheia-Lehre bewusst eingesetzt und nach eigenem Gusto ausgebaut hat, wäre dies eine Verfälschung, eben eine Lüge.

Heidegger selbst spricht im Zusammenhang von Verborgenheit und Entbergung auch treffend von bleibender Irre. Weiß er zum Schluss noch, ob und wie lange er sich in der Irre bewegt? Wohl kaum. Ein Freund sagte mir zynisch: “Ist doch irre mit Heideggers Irre“, aber das am Rande…

Der Philosoph Ernst Tugendhat hat in seiner großen Studie zum „Wahrheitsbegriff bei Heidegger“ nachgewiesen, dass der spezifische Wahrheitsbegriff bei Heidegger wirklich verloren ist; dass Heideggers außergewöhnliche, konstruiert esoterische, „gewollte“ Wahrheitskonzeption, als Lichtung, Entbergung und Verbergung dazu dienen konnte, die eigene politische Irre, also das doch wohl bewusste Fehlgeleitetsein, (Nazi-Partei-Mitgliedschaft bis 1945!, Antisemitismus usw.) zu entschuldigen. Dieses Lichtungs- und Entbergungsgeschehen als passiv erlebtes Ereignis kann dann von einer umgreifenden Vernunft gar nicht mehr kritisiert werden (Tugendhat, S. 364).

Heidegger lebt und denkt also in der Irre aufgrund der bewusst eingesetzen falschen Wahrheits-Interpretation: Er sieht sich als passiver Empfänger der Seyns (sic ! )-Sprüche, natürlich völlig schuldlos…“Wer groß denkt, muss groß irren“, mit diesen Worten zieht sich Heidegger aus der Affäre… „Aber der Irrende ist ohne Schuld“, so Peter Trawny in „Irrnisfuge“, S. 68. „Es ist eine Entmächtigung des Subjekts“, so Trawny, S 37. „Es gibt keine Verantwortung , es gibt keine Erwartungen zu Verantwortung und Schuld“, Trawny, S. 69.

Die Frage ist: Kann man Heidegger, der einiges Kluge ja sagte sagte, insgesamt ernst nehmen? Darüber geht die Debatte auch angesichts der „Schwarzen Hefte“…

Kurz zu Voltaires hübsch klingenden, aber oberflächlichen Satz: „Die Lüge ist ein Laster, wenn sie Böses tut. Sie ist eine sehr große Tugend, wenn sie Gutes tut. Seien wir also tugendhafter denn je“, sagt Voltaire, Brief an A.M.Thieriot, 21. Okt. 1736. Woher weiß ich aber im voraus, wenn ich denn lüge, dass ich letztlich beim anderen Gutes bewirke? Dieser Satz von Voltaire ist also philosophischer Populismus…

Das führt zur Frage Kann es ein Recht auf Lügen geben?

Kant war strikt dagegen: „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ ist sein kurzer Aufsatz (1797), in dem er die Auffassung vertritt, dass es selbst bei Gefahr für Leib und Leben kein Recht auf Lügen („Notlüge“) gibt. (Der Kant Text selbst im Internet: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/%C3%9Cber+ein+vermeintes+Recht+aus+Menschenliebe+zu+l%C3%BCgen)

Kants Erkenntnis: Es kann niemals einen Rechtsgrund auf Lüge geben. Es gibt sonst die Ungereimtheit: Ich lüge also und beziehe mich dabei auf ein Recht, lügen zu dürfen. Vielleicht aber ist dieses Recht aber selbst eine Lüge. So dass ich letztlich im Unrecht bin und mit Strafen rechnen muss. Andere beanspruchen auch das Recht aufs Lügen mir gegenüber, ich weiss dann auch nicht mehr, woran ich mich halten soll…

Aber es gibt Momente, wo wir lügen müssen?  Da sind die Meinungen verschieden:

Wenn es um die Rettung anderer geht: Ich verstecke einen verfolgten Juden und sage bei einer Überprüfung durch die Gestapo nicht, dass ich jemandem verstecke. Das ist keine Lüge. Denn ich habe ja in meiner Praxis, eben in dem Verstecken selbst, schon gezeigt, dass ich Leben retten will und auch bereit bin, mich selbst dabei zu gefährden. Ich habe also mein Lügen einem höheren und vor allem einem guten Zweck untergeordnet. Und dieser Zweck ist ein guter Zweck, weil er Leben rettet.

Kant zeigt in seiner oben genannten Schrift, dass auch diese Position ethisch nicht haltbar ist (siehe oben).

Lügen als Notlügen müssen also überprüft werden auf ihre ethische Qualität hin. Welche Not will ich lügend überwinden? Will ich mich egoistisch als Held zeigen oder primär den anderen retten? Distaniere ich mich nah vollzogener Notlüge wieder vom Lügen? Oder wird Lügen meine Lebens-Tradition?

Werden wir eines Tages in einer lügenfreien Welt leben?

Wohl kaum, weil die (geglaubte) Bequemlichkeit der Lüge die Strapaze der Wahrhaftigkeit überwiegt. Weil derjenige, der oft wahrhaftig ist (bzw. war) in einer verlogenen Umgebung nur leiden muss unter seiner Wahrhaftigkeit. Schließlich wird der Wahrhaftige in einem allgemeinen Lügen-System als Lügner bezeichnet und ausgegrenzt. Man denke an das Schicksal der so genannten Ketzer unter den Theologen… Schließlich hat die Mehrheit recht, auch dies ein Satz, der eine Lüge sein kann…

Nur in einer Welt, die entschieden und gebildet Wahrhaftigkeit ganz hoch hält und schätzt, kann das Lügen-System überwunden werden. Von einer solchen Welt sind wir angesichts der Lügen-Barone, die sich Politiker nennen, Lichtjahre entfernt. Aber eine kritische Philosophie kann niemals darauf verzichten, das Thema weiter zu bedenken und für die vorrangige, wenn nicht absolute Geltung der Wahrhaftigkeit und Wahrheit einzutreten. Sonst siegen die Lügner. Nicht ohne Grund nennt die Bibel den Teufel als den Herrn der Lüge. Dieses Bild ist richtig, auch wenn man den Teufel bloß für ein Symbol hält.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literatur:

Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden und andere Schriften. Fischer Taschenbuch für nur 8 Euro. Dieser Band gehört in jedes Haus, enthält viele leicht lesbare Kant – Texte, auch den kleinen Text „Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen“ S 225 bis 231.

André Comte-Sponville (Philosoph in Paris, ein Jankélévitch- Schüler), Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tiugenden und Werte. Darin: Kapietl 16: Die Aufrichtigkeit. S 229 – 246. Rowohlt Tachenbuch 8, 90 Euro. Viele Bücher von Comte-Sponville sind sehr lesenswert und leicht nachvollziehbar.

Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, Piper Verlag 2016, 10 Euro.

Wer sich mit Heideggers IRRE etwas befassen will, kann als Hinführung, allerdings Heidegger verteidigend, die kleine, aber für Nicht-Heideggerianer schwierige Studie von Peter Trawny lesen: „IRRNISFUGE“. Verlag Matthes und Seitz, 2014, 89 Seiten, 10 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

 



„Ich bete an die Macht der Lüge“: Die neue internationale Hymne in Zeiten ohne Wahrhaftigkeit.

22. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Satire, Religionskritik, Termine

Eine ernst zu nehmende philosophische Satire von Christian Modehn.

In unserem religionsphilosophischen Salon in Berlin, am 21. 4. 2017, sprachen wir über die zunehmende Macht der Lügen in der Politik, der Gesellschaft, im „privaten“ Leben. Mister Trump hat allein in den ersten 100 Tagen seiner Regierung mehr als 130 Lügen ausgesprochen, hat die „Washington Post“ dokumentiert…Dass er ständig lügt, ist inzwischen erwiesen.

Aus Anlass des weit verbreiteten Lügen-Wahns könnte es von Interesse sein, im Rahmen philosophischer Kritik als Satire sich auf die neue Internationale, möchte ich fast sagen, einzustimmen, nämlich auf die neue internationale Lügen-Hymne, die bitte jeder Bürger und Wähler als Mitläufer und Mit-Sänger schmettern sollte. So wollen es die Herrscher.  Als „Bekenntnis“, dass eben niemandem mehr geglaubt werden kann. Vielleicht kann durch die Satire noch die Wahrhaftigkeit gerettet werden.

Die Strophe aus dem „geistlichen Lied“ des Gerhard Tersteegen (1750) spielte schon im 18. Jahrhundert eine grandiose Rolle beim militärischen Zapfenstreich. Dies gilt bis heute. Ohne diesen theologischen Schmarren, in einer Satire ist dieses treffende Wort erlaubt,  kommt auch heute kein großer Zapfenstreich der Bundeswehr aus! Eigentlich eine Schande. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass in diesem frommen Erguss von Herrn Tersteegen (von 1750) der „Mensch als Wurm“ bezeichnet wird. Wahrscheinlich fühlen sich viele Soldaten als „arme Würmer“ angesichts bevorstehender, oft tödlicher Kämpfe gegen „den Feind“.

Dies also ist der vertraute mystisch-militärische Song:

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesus offenbart;
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Nebenbei: Dieses Lied ist noch immer im Evangelischen Gesangbuch, Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe als Nr. 661 vertreten. Arme Würmer, kann man dann nur sagen, die solches singen…

JEDOCH: Angesichts der enormen Zunahme der Lügenpropaganda durch zahlreiche Politiker wie Putin., Erdogan usw. empfiehlt sich meine Neudichtung bezogen auf den Lügenbaron Mister Trump, USA.

Dies ist die neue internationale Lügen-Hymne, inspiriert von Tersteegen, neu bearbeitet und aktualisiert von Christian Modehn am 22. 4. 2017:

Ich bete an die Macht der Lüge,

die sich in Trump und andren zeigt;

Ich geb mich hin den Lügenworten,

wodurch ich Wurm verblödet werd;

ich will, anstatt an mich zu denken,

im Meer der Lügen mich versenken…

PS: Auch diese Neu-Dichtung kann selbstverständlich in der Melodie gesungen werden, die der in St. Petersburg wirkende ukrainische Komponist Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825) ursprünglich für Tersteegens Text verfasst hat. Auch dieser Tipp noch: Unsere neue internationale Lügen-Hymne zu Ehren von Mister Trump könnte bei Staatsbesuchen der genannten und noch nicht genannten PolitikerInnen gesungen bzw. geschmettert werden. Übersetzungen ins Türkische, Russische, Englische usw. willkommen!

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium? Ein religionsphilosophischer Salon im Umfeld des Kirchentages

21. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Termine, Warum Salon-Gespräche wichtig sind?

Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium?

Ein religionsphilosophischer Salon am FREITAG, den 26. Mai 2017 (im Umfeld des Kirchentages in Berlin)

Wir treffen uns um 19 Uhr in der Kunst-Galerie Fantom, Hektorstr. 9. Wir wollen das Wort von Karl Marx (geboren kurz vor Beginn des Kirchentages, am 5. Mai, vor 199 Jahren) interpretieren  „Religion ist Opium des Volkes“, aber auch neue Perspektiven eröffnen:

Inwieweit stimmt diese Analyse von Marx noch heute? Wo ist heute Religion Opium? Warum wünschen viele Menschen religiöses (oder atheistisches) Opium? Brauchen (religiöse Menschen) immer (eine Prise) Opium? Wollen religiöse Menschen in der Hinsicht überhaupt clean werden und clean leben?Warum brauchen auch etliche Atheisten ihr „atheistisches Opium“?

Entscheidend ist für uns: Welche christliche Gestalt der Religion kann auf Opium verzichten?

Wir vertreten die These, dies schon vorweg: Entweder: Die der Theologie der Befreiung entsprechende (Basis)-Kirche kann auf Opium verzichten. Oder: Die humanistisch geprägte, neue liberale Theologie und ihre weithin dogmenfreien christlichen Kirchen, die aus Reformation hervorgegangen sind…(Sie spielen beim Kirchentag keine Rolle).

Dies könnte ein spannender Abend der offenen Diskussion werden. Vielleicht kommt ein Mystiker vorbei und erklärt uns, warum Mystik (Meister Eckart) auch ohne Opium auskommt…

Herzliche Einladung mit der Bitte um schriftliche Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de  Die Anzahl der Plätze ist begrenzt und soll auf 20 TeilnehmerInnen begrenzt sein, um eine Gesprächsmöglichkeit für alle zu geben.

christian modehn am 21.4.2017



„Die Religion als Opium des Volkes“. Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

20. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

„Die Religion als Opium des Volkes“

Die aktuelle Diagnose auch im Reformationsgedenken 2017

Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sehr schön passend, kurz vor Beginn des Evangelischen Kirchentages in Berlin am 24.Mai (Das Motto: „Du (Gott) siehst mich“) werden einige philosophisch und religionsphilosophisch Interessierte erneut an Karl Marx denken: anlässlich seines 199. Geburtstages am 5. Mai. Und sie werden im religiösen Umfeld dieser frommen Kirchen-Tage an das viel zitierte (und historisch so oft bestätigte) Wort des Philosophen Karl Marx denken: „Die Religion ist das Opium des Volkes“ (1843 formuliert in der Einleitung der Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“).

Abgesehen von einer breiten und partei-ungebundenen Marx-Exegese, die trotz des Zusammenbruchs und Verschwindens der meisten sich kommunistisch nennenden Regime aktuell bleibt: Dieser Spruch „Religion ist Opium des Volkes“ verdient alle Aufmerksamkeit in einer Welt, die alles andere als säkular ist, sondern in der Religionen und Sekten und esoterische Bewegungen ständig ihr sichtbares, problematisches und auch politisch gefährliches Wesen zeigen. Man denke an den Boom der Evangelikalen in den Hunger-Staaten Afrikas, an die verschiedenen Formen des Islams, an die so vielfältigen, oft aber tyrannisch-geldgierigen Pfingstkirchen in Brasilien usw. Die Frage bleibt: Gibt es Religion, die kein Opium des Volkes sind, sondern wahre inspirierende Nahrung, um im Bild von Marx zu bleiben. Das es nicht-beruhigende Religion gibt, ist für uns klar.

Darüber später mehr, sonst siehe die Beiträge zur Theologie der Befreiung auf dieser website. Und auch dies: Die moderne „liberale Theologie“ (dies ist natürlich keine FDP-Theologie)  und auch die Theologie der freisinnigen protestantischen Kirche in Holland, der „Remonstranten“, (ebenfalls Infos auf der website), sind de facto eine Überwindung der These „Religion ist Opium des Volkes“, es sind freie und selbständig-kritische Theologien und Glaubensformen.

Mit anderen Worten: „Religion ist Opium des Volkes“ könnte als kritische Begleitmusik auch alle Veranstaltungen des Kirchentages beleben. Etwa mit der Frage: Verbreiten wir jetzt Opium, wollen wir beruhigen? Aber welchen Aufstand des Gewissens wollen wir? Welche grundlegende Veränderung auch der Kirchen wollen wir? Warum haben wir als ängstliche Lutheraner, staatsteu wie einst, Thomas Müntzer, dem Reformator und Kollegen Luthers, keinen Platz beim Kirchentag eingeräumt? Wer wird diese Frage nach der Abwesenheit Müntzers stellen?

Insofern ist es fast ein philosophisches Geschenk, dass wir am 5. Mai an Karl Marx, an den kritischen Philosophen, wieder einmal „besonders“ denken. Und uns hoffentlich befreien von der dogmatischen Starre, in der sein philosophisches Denken durch die Regime des Ostens eingesperrt und stillgelegt wurde. Nun haben die Kirchen allen Grund, nach dem Tod des Erzfeindes Kommunismus, sich erneut dem Denken von Marx zu stellen, dem Philosophen und auch dies: dem Ökonom.

Und es könnte eine Art philosophiehistorischen Aberglauben fördern, wenn wir nun auch noch bedenken: Ausgerechnet an einem 5. Mai wurde auch noch der Philosoph und dialektisch-lutherisch-Glaubende Sören Kierkegaard geboren (im Jahr 1813). Und man hätte Lust, Marx und Kierkegaard einmal in einen religionsphilosophischen Disput zu verwickeln. Solche philosophischen religionskritischen Salons wären doch ein schöner, geistvoller Gottesdienst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer salon Berlin

 



Wissenschaften sind stärker als Ideologien: Zum Marsch für die Wissenschaften am 22.4.2017

18. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denkbar, Termine

Der weltweit organisierte „Marsch für die Wissenschaft“ am 22.4.2017 ist eigentlich ein Skandal: Ein Skandal, dass solch eine Veranstaltung als öffentliches Eintreten zugunsten der Wissenschaften überhaupt stattfinden muss. Leben wir wieder im dunklen Zeitalter? Also vor dem siècle des lumières? Offenbar! Vor allem befördert, durch die unerträglichen Verdrehungen von Fakten, von Wahrheit und Mißbrauch der Wissenschaft durch Mister Trump. Schon in den ersten 100 Tagen seines Herrschens hat die „Washington Post“ ihm mehr als 100 Lügen nachgewiesen. Wird die Welt von einem politisch mächtigen Lügner bestimmt? Was kann man diesem Herrn und seinem System noch glauben?

Um so dringender, dass wir die Vernunft stärken und eben für die Wissenschaften öffentlich eintreten. Traurig ist es schon. Und traurig, dass mir bisher nicht bekannt ist, welche Katholisch-Theologische Fakultäten in Deutschland an diesem March for science teilnehmen. Denn diese Fakultäten kämpfen doch ständig um ihren Status als freie und unabhängige wissenschaftliche (zudem: staatlich anerkannte und vom Staat bezahlte)  Institutionen. Denn das letzte Wort in der Berufung von Professoren für diese katholisch-theologischen Fakultäten haben die Bischöfe, also die Kirchenleitungen. Das wäre vergleichsweise so, wie wenn der Justizminister die Professoren für Jura beruft oder der Außenminister die Professoren für Politologie. Der Status der katholisch-theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten ist nach wie wissenschaftlich prekär. Freie und unabhängige Forschung kann es da eigentlich nicht geben. Gesellschaftich Impulse von dort sind rar. Und: Wer zu kritisch ist, fliegt raus. Wer als Priester-Professor heiratet, fliegt raus. Die Bischöfe sagen, was erforscht wird und wer forscht. Man denke nur an den berühmten „Fall Küng“: 1979 wurde ihm von den katholischen Bischöfen (im Einvernehmen mit Rom selbstverständlich) die Lehrerlaubnis an der Katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen entzogen. Küng hatte es gewagt als Wissenschaftler, wie es sich gehört, eine neue Interpretation der immer umstrittenen päpstlichen Unfehlbarkeit vorzulegen und nicht wie alle anderen Theologen angstvoll das Alte nachzubeten. Das durfte nicht sein! Der Staat musste für den dann arbeitslosen katholischen Theologen Küng einen neuen Posten an der Uni Tübingen schaffen. Dass dann dort wiederum Hans Küng großartige Forschungen gelangen, ist klar. Ein zweites Beispiel: Der katholische Theologieprofessor und Priester Michael Bongardt durfte nicht mehr an dem winzigen Seminar für Katholische Theologie an der FU weiter arbeiten, weil er heirate. Auch für ihn musste der Staat eine neue Stelle schaffen. Ist das nun Ausdruck der Trennung der Kirche vom Staat oder ist dies ein devoter Gehorsam des Staates gegenüber den eigenen (von vielen unvernünftig genannten) Gesetzen der römischen Kirche? Das Komische ist: Niemand will diese staatliche Kirchen-Treue ändern…

Zum march for science:

1. Zum Selbstverständnis des March for science: 

Der „Marsch für die Wissenschaft“ will die Bedeutung von Erkenntnissen und überprüfbaren Ergebnissen der Forschung für unsere Gesellschaft stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Wissenschaft und Forschung sind Säulen von Freiheit und Wohlstand. Wir sind überparteilich und überinstitutionell. Wir wollen, dass Wissenschaft als gemeinsames Gut begriffen wird, das Politik und Gesellschaft hilft, Entscheidungen wissensbasiert und im öffentlichen Interesse zu treffen.

Wissenschaft und Forschung haben sich in den vergangenen Jahrhunderten zu einem zentralen Baustein unserer Zivilisation entwickelt. Unser Wohlstand verdankt sich den Ergebnissen der Arbeit von Forschenden, WissenschaftlerInnen und daraus erwachsenden Innovationen. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Zusammenhänge in Natur und den Gesellschaft fließen in Schule und Ausbildung ein, das stetig wachsende Wissen macht die Menschheit zukunftsfähig.

Wissenschaftlicher Fortschritt muss durch überprüfbare Arbeit erstritten werden. Derzeit wird die Basis unserer modernen Lebensweise durch populistische Forderungen und die Verbreitung von „Fake News“ gefährdet. Wissenschaftlich erwiesenen Tatsachen werden, nicht nur in den USA, unbelegte „alternative Fakten“ entgegengehalten. Einmal wird der Klimawandel als Erfindung abgetan, ein andermal die überwältigenden Beweise für die Evolution der Lebewesen auf Erden geleugnet und durch Kreationismus ersetzt, Impfen wird als Teufelszeug abgetan – die Beispiele werden zahlreicher, wo selbst unstrittige Erkenntnisse politisiert werden.

Wir sind nicht „gegen“, sondern „für“:  Anti-Trump ist uns zu kurzsichtig. Die Wissenschaftsfeindlichkeit eines bildungsfernen Präsidenten ist nur Ausdruck einer gesellschaftlichen Strömung, die wissenschaftliche Fakten und sicheres Wissen denunziert. Wir sind für die Wissenschaft und Forschung als zivilisatorische Errungenschaft, die für unsere offene Demokratie unabdingbar ist. Deutschland stellt nur ein Prozent der Weltbevölkerung, ist zugleich aber global die viertstärkste Wirtschaftsnation. Unser Wohlstand beruht auf Wissenschaft, Forschung, Technologie und Ausbildung. Es geht buchstäblich um unsere Zukunft.

Forschung und Wissenschaft sind die Kunst des Lösbaren, helfen Welten erbauen, die Menschen Freiheiten schenken. Wir appellieren an alle Bürger, die wissen, wie wichtig die Wissenschaft in der Demokratie ist. Engagieren Sie sich gegen rückschrittliche und populistische Sichtweisen. Glauben Sie keinen einfachen Erklärungen. Die Welt ist kompliziert, gerade deshalb ist sie schön.

Quelle: http://marchforscienceberlin.de/leitbild

2. Zum Marsch in BERLIN,  er findet selbstverständlich auch in anderen Städten statt.

Der March for Science startet am 22.04.2017 um 13:00 Uhr vor der Humboldt-Universität zu Berlin (Unter den Linden 6). Mach mit!

Von der Leugnung des Klimawandels bis hin zu absurden Verschwörungstheorien – immer häufiger werden wissenschaftlich belegte Tatsachen geleugnet oder sogar erwiesene Unwahrheiten als „alternative Fakten“ dargestellt.

Unser Land lebt von Wissenschaft, Forschung, Technologie und Ausbildung. Umso mehr muss uns die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit, vor allem in den westlichen Industrienationen, alarmieren.

Forschung und Wissenschaft sind zu wichtig um zuzulassen, dass sie als Spielball populistischer Interessen missbraucht werden.

Am 22. April 2017 werden daher anlässlich des „Earth Day“ wieder weltweit, auch in vielen Städten Deutschlands, Menschen auf die Straße gehen (Karte). Sie demonstrieren für den Wert von Wissenschaft und Forschung als eine Lebensgrundlage unserer offenen und demokratischen Gesellschaft.  In Deutschland findet der “March for Science” in Berlin, Bonn/Köln, Dresden, Frankfurt, Freiburg, Göttingen/Kassel, Greifswald, Hamburg, Heidelberg, Jena, Leipzig, München, Stuttgart und Tübingen statt.

Diese Demonstrationen sind überparteilich. Alle Bürgerinnen und Bürger, denen unsere Zukunft wichtig ist, sind eingeladen – nicht nur WissenschaftlerInnen.

Weiter führende Überlegungen:

Der „Marsch für die Wissenschaft“ ─ Vier Gedanken und ein Fazit

(Eine Ergänzung am 24.4.2017: Inzwischen melden sich kritische Stimmen zu diesem Marsch für die Wissenschaft, klicken Sie hier. )

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Viele Nationen. Aber keine Nationalisten. Ein neues kosmopolitisches Volk? Beim Betrachten des Petersplatzes zum „Urbi et Orbi“ am 16. 4. 2017

16. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16.4.2017

Wie oft haben wir die Bilder am Ostersonntag gesehen, wenn der Papst seinen Segen „Urbi et Orbi“ spricht.

Wie oft haben wir dort, in der Menge herausragend, die vielen Fahnen gesehen, auf die auch Pilger nicht verzichten können: Sie wollen stolz zeigen, wo sie herkommen und wo sie national hin gehören. Also: Deutsche Flaggen, polnische, brasilianische, argentinische, kroatische, sogar eine schwedische Flagge habe ich heute entdeckt und viele andere mehr. Man muss förmlich Flaggenkundler sein, also der eher noch marginalen Vexillologie verbunden sein, um alle die bunten nationalen „Tücher“ zu identifizieren. Aber der Eindruck ist prägend: Diese Gruppen wollen nicht dem Nationalismus frönen, sondern eher die bunte Vielfalt des Glaubens, in vielen Nationen zu Hause, ausdrücken.

Selbst wenn zu Beginn der TV Übertragung die Hymne des Staates Vatikanstadt und danach die italienische Hymne gespielt wird, also ein Hauch des Nationalen entsteht: Aber der ist nur der (eigentlich überflüssigen) musikalischen Tradition verpflichtet.

Diese internationale Versammlung auf dem Petersplatz ist keine Versammlung von Nationalisten. Wer sich da mit seiner Flagge hinstellt, neben die Flagge einer anderen nationalen Gruppe, überwindet gerade seine nationale Bindung. Kaum vorstellbar also, dass sich Madame Le Pen (sie nennt sich Katholikin) da mit der französischen Flagge hinstellt (und dem Papst zuhört) und in ihrer Nachbarschaft etwa ist sie der Flagge aus Eritrea oder einem anderen afrikanischen Staat ausgesetzt, aus Staaten also, wo die Flüchtlinge herkommen…Oder kann man sich den rechtsradikalen Holländer, Herrn Wilders, ehemals katholisches Kirchenmitglied, auf dieser Versammlung anlässlich des Urbi et Orbi vorstellen oder gar Frau Petry oder Frau von Storch (AFD), diesmal als ökumenische Gäste. Diese sich Politiker nennenden Leute schaffen noch nicht den Sprung, mit ihrer Flagge sozusagen den Nationalismus zu überwinden…Sie bleiben begrenzt und verschlossen.

Sind die anderen alle Kosmopoliten, wenn sie da auf dem Petersplatz bunt gemischt stehen und die Friedensworte hören? Hoffentlich. Wer kann schon ins Herz der 50.000 Katholiken dort schauen. Aber de facto setzen sie mit ihrer Flagge neben den vielen anderen Flaggen eben eine Relativierung des Nationalen. Bleibt zu hoffen, dass alle diese verschiedenen Menschen nach dem Segen dann, mit Geist und Courage gesegnet, das multikulturelle Gespräch suchen, in kleinen Gruppen auf den Plätzen, den hoffentlich offenen Kirchen und Klöster oder in den Cafes. Dann wäre Ostern gleichzeitig Pfingsten. Ohne einen geweiteten, neuen Geist, kann niemand Ostern verstehen. Insofern sind Ostern und Pfingsten sachlich –theologisch sowieso eins.

Ein Debatten – Thema sollte sein: Die Rückbesinnung auf die schöne Definition der Kirche: Sie nennt sich – ohne dabei antisemitisch zu sein – neues Volk Gottes: Es gibt also förmlich ein neues, ein universales, die Welt umfassendes kosmopolitisches Volk: Die eine neue über-nationale „Nation“, die keinen Krieg mehr duldet zwischen den dann relativen und kleinen „realen“ Nationen, heißen sie nun USA, Russland, Deutschland, usw. Diese Nationen sind eben begrenzt und zweitrangig. Gegenüber der einen großen Friedens-Nation derer, die sich zum Christentum bekennen. Und über die enge Konfessionalität dieses Glaubens hinauswachsen: Also in diesem Bekenntnis niemanden ausgrenzen, geschweige denn attackieren! Also keine neue/alte Rechthaberei! Sondern dieses neue Volk, das sich Volk Gottes nennt, ist einzig der Menschlichkeit verpflichtet, dem Frieden, den Menschenrechten. Aber dies ist ein Projekt, vielleicht ein Traum. Hat die Kirche schon realisiert, dass sie eigentlich eine große Friedensbewegung ist? Mit allen politischen Konsequenzen. Mit aller Parteinahme für den Frieden?

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin



Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis.

13. April 2017 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Philosophische Bücher, Religionskritik

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 12. 4. 2017

Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Front National (FN), will nach außen zeigen, dass ihre Partei, ganz normal ist. Sie lobt die Republik, nach außen, verteidigt die laicité, also die Trennung von Religionen und Staat, aber nur, um damit ein Argument zu haben, gegen „die“ angeblich insgesamt republikfeindlichen Muslime in Frankreich vorzugehen. Dabei vergisst sie, dass die laicité als Gesetz (von 1904) gerade die friedliche Pluralität aller in Frankreich vertretenen Religionen innerhalb der religiös-neutralen Republik ermöglicht. Diesen demokratischen, Frieden – stiftenden Charakter der laicité kennt Madame Le Pen nicht oder er passt nicht in ihre Ideologie.

Und das Schlimme ist: Die Wähler glauben Marine Le Pens Sprüche von der angeblichen Normalität ihrer Partei und bekennen sich jetzt offen als Front National Wähler. Dieser Bekennermut war früher nicht so üblich: Man wählte die rechtsextreme FN, schämte sich aber meist, dies offen zuzugeben. Zwischen Demokraten und Le Pen-Fans wird der Dialog immer schwieriger. Es gibt Gesprächsblockaden.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist, wie bekannt, auch der Religionskritik verbunden, der philosophisch reflektierten Kritik der Religionen. Dazu gehört, den wirklichen, oft verschwiegenen philosophischen und religiösen Hintergrund der politischen Parteien freizulegen.

Diese Hinweise sind nur eine Aufforderung, die tatsächliche Ideologie des Front National (FN) noch weiter und umfassender zu studieren, diese Ideologie wird eher selten in den aktuellen Berichten, zumal in Deutschland, ausführlich genug erwähnt. Diese Ideologie ist inzwischen international „angekommen“. Auch deswegen ist die Beschäftigung mit dieser stets – von den Wählerzahlen her gesehen – wachsenden Partei wichtig.

1.

Welche Ideologie steckt im Kopf der Marine Le Pen? Diese Frage stellt der Pariser Philosoph Michel Eltchaninoff in seinem neuen empfehlenswerten Buch (Januar 2017) mit dem Titel „Dans la tete de Marine Le Pen“, Edition Solin/Actes Sud, 19 €.

Ich beziehe mich auf einige zentrale Aussagen dieses Essays. Auf Seite 12 betont der Autor, Chefredakteur der angesehenen Pariser Monatszeitschrift „Philosophie Magazine“: „Marine Le Pen ist keine Intellektuelle“ (Übersetzungen von Christian Modehn).

Um die intellektuelle Hebung ihres Niveaus kümmert sich seit 2010 Paul-Marie Couteux (Seite 14), der Madame Le Pen eine ganze Liste von Büchern zur Lektüre nahe legte, darunter Michel Houellebecq, der „die Moderne als Form der Langeweile beschreibt und den Relativismus“; der Le Pen –Lehrer empfiehlt ihr „die Lektüre des rechtsextremen Theoretikers Denkens Renaud Camus“. Er behauptete – eine in FN Kreisen heute verbreitete These – die muslimischen Einwanderer würden Frankreich erobern…

Inzwischen kann Le Pen in ihren Reden mit kurzen Zitaten von zumeist französischen (!) Literaten, Künstlern und Philosophen glänzen (S. 59). Sie nennt sogar den Widerstandskämpfer René Char oder den Schriftsteller Jean Cocteau oder den eher linken Historiker Marc Bloch oder die Katholiken René Girard oder Charles Péguy. Alle diese Zitate und Sätzchen sollen Eindruck hinterlassen…Dann werden die Zitate zu einem „Eintopf“ verrührt, der nur einen Geschmack haben darf: Frankreich muss wieder an erster Stelle, natürlich nur für alle echten Franzosen stehen. Und die Rechte der Flüchtlinge und Muslime müssen weitestgehend eingeschränkt werden. Sie gehören, so sagt se ironisch-freundlich, in ihre Heimat, also nach Syrien, nach Afrika usw… Schließlich: Die EU muss überwunden werden und die Nationen müssen sich an Russland und Monsieur Putin halten, den – auch für den FN – „finanziell Großzügigen“ und den Nationalisten. Über allem steht die Behauptung: Frankreichs Wurzeln seien christlich. Und das kommt gut an in bestimmten katholischen Kreisen.

Interessant und wichtig ist, dass Michel Eltchaninoff in seinem Buch auf die Nähe Marine Le Pens nicht nur zu Putin, sondern auch zum Führer der russischen Rechts-Extremen und oft Faschisten genannten Alexander Dougin hinweist: „Man weiß, dass Alexander Dugin regelmäßig nach Frankreich kommt und dass er in Kontakt steht mit einigen Mitgliedern des Front National. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Schreiber der Reden von Marine Le Pen die französischen Übersetzungen von Dugins Werken kennen“ (S. 85 f.).

2.

Auf die – schon seit 1968 offiziell schon bestehende „philosophische Schule“ „La Nouvelle Droite“ – macht Eltchaninoff aufmerksam: Dort sammeln sich meist sehr rechtslastige Autoren, vor allem in der „Forschungsgruppe“ GRECE (d.h.; “Groupement de recherche et d études pour la civilisation européene). In ihren zahlreichen Publikationen treten die GRECE Leute für das Heidentum (Paganisme) ein, und damit gegen den Monotheismus und somit für die große Ungleichheit unter den Menschen. Diese Differenz verstehen sie als Unterschied zwischen wertvollen und weniger wertvollen Menschen usw. Leute aus dem Umfeld von GRECE haben Marine Le Pen „den Unterbau, den Sockel, ihrer Reden geliefert“, so Eltchaninoff (S. 89). „Wenn der FN eines Tages zur Macht kommt, „schuldet er den Sieg zum Teil auch der neuen rechten Philosophie im Verein GRECE“ (S.88).

Nebenbei: Ich habe schon im Mai und Juni 1982 in zwei Artikeln für die Züricher Kultur-Zeitschrift ORIENTIERUNG (herausgegeben von dortigen Jesuiten,) auf die vielfältigen Dimensionen der „neuen Rechte“ und GRECE aufmerksam gemacht, man kann die Beiträge noch nachzulesen:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2010_DATUM%2019820531.PDF

und:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2011_DATUM%2019820615.PDF

 

3.

Die ideologische Bindung an die „neue rechte Philosophie“ im Club GRECE hat Marine Le Pen von ihrem Vater förmlich übernommen. Ob sie sich, als Parteiführerin, von ihrem Vater, dem FN Parteigründer, jetzt nur aus taktischen Gründen, nur nach außen hin absetzt, wäre eine weitere Frage, die hier nicht weiter verfolgt werden kann.

Jedenfalls kannte Jean Marie Le Pen schon 1979 die Ideologie der Neuen Rechten. In einem Interview in dem Buch „La droite aujourd hui“ (erschienen 1979 bei Albin Michel) herausgegeben von Jean-Pierre Apparu, dort auf den Seiten 173-181, spielt er auf Thesen an, die aus diesen GRECE-Kreisen stammen: „Das Recht des Menschen stammt aus seiner Zugehörigkeit zu einer (biologischen) Gruppe, die fähig ist, ihn zu respektieren. Der Mensch kommt ganz überwiegend aus einer Kette, einer Abstammung, einer Generation, das zählt…“, sagte Jean Marie Le Pen. (S. 175). „Die Einwanderung erscheint uns als eine von beträchtlichen Gefahren, denen man begegnen muss, nicht nur in Frankreich, sondern in Europa… Wenn wir nicht eine mutige Politik der Geburtenförderung hier im Westen machen, werden die westlichen Völker überrollt von der sich ergießenden Woge des, so sagt le Pen, „Demographismus“ (also, übersetzt der Geburtenfreudigkeit, CM) aus Asien und Afrika“ (S. 178)… „Das ist nicht negativ gemeint, aber es ist mein Recht einer legitimen Verteidigung zu sagen, dass auch die Europäer und die Franzosen ein Recht haben zu existieren“ (ebd).

Man sieht: Diese ungeheuerliche Aufbauschung des angeblichen Untergangs der alten europäischen Kultur, verursacht durch so genannte Horden und Wellen von islamischen Immigranten, was für eine Sprache, gibt es seit den frühen Zeiten des FN…. und diese Reden haben sich als Kontinuum bis jetzt – leider sogar in manchen Kreisen auch in Deutschland – durchgehalten.

Diese Polemik wird heute von allen rechtsextremen und sogar bürgerlich-rechten, sich christlich nennenden Parteien (CSU etwa, schlimmer noch Orban, Ungarn und den meisten EU Politiker etwa im katholischen Polen) vorgebracht, als Argument gegen die Flüchtlinge und gegen die Ausländer und gegen die Muslime: Es ist dies eine extreme Form nationalen Egoismus der Regierungen, die damit nur auf den Egoismus der meisten Bürger antworten … Die jetzige Parteiführerin des FN, Marine Le Pen, ist in dieser Ideologie groß geworden. Sie denkt so wie ihr Vater, aber sie sagt es oft nicht so scharf. Sie will die Leute täuschen, indem sie sich als gute französische Patriotin, als Frau aus dem Volk, präsentiert.

4.

Auf die sich philosophisch nennende Bewegung „La Nouvelle Droite“, Neue Rechte ,und ihre Beziehung zu rechtsextremen Parteien wie dem FN hat auch schon 1983 der Politologe Jean-Christian Petitfils in seinem Buch „L extrème Droite en France“ (in der Buch Reihe „Que sais-je?), Presses Universitaires de France, aufmerksam gemacht (S. 113 ff). Petitfils nennt drei zentrale Themen der Neuen Rechten, also noch einmal

a) Die Verunglimpfung der Egalität, der Gleichheit der Menschen. Gegen die Egalité hat sich die Neue Rechte sehr früh ausgesprochen. Alain de Benoist sagte sogar 1979: „Es ist doch ungerecht, dass alle Menschen eine Seele haben“. Hat er, de Benoist, eine Seele, fragten manche Kritiker. De Benoist behauptete dies in seiner Liebe zur Biologie, die ja auch heute als Ideologie missbraucht wird: Weil doch „die“ Biologie zeige, wie unterschiedlich alle Menschen schon genetisch sind, deswegen sind sie auch sozial und politisch von verschiedenem Wert…Das nennt man Logik.

b) Die Zurückweisung der christlichen und marxistischen Utopien. Christlich und marxistisch wird von der Nouvelle Droite oft als ein und dasselbe Denken verstanden und selbstverständlich bekämpft.

c) Die Entdeckung der indo-europäischen Vergangenheit. Dabei wird die Christianisierung Europas als ein besonders unheilvolles Ereignis der Geschichte gedeutet…

5.

Die katholischen Traditionalisten haben stets eine enge Verbindung mit dem FN gehabt, also mit den Kreisen, die sich seit 1965 um Erzbischof Marcel Lefèbvre sammeln; sie spielen in Frankreich eine große Rolle mit Gemeinden im ganzen Land, Klöstern Schulen und eben auch offiziell römisch-katholischen Klöstern, die aber de facto die reaktionäre Theologie und Ideologie der von Rom abgetrennten Traditionalisten vertreten dürfen, man denke an das Benediktiner – Kloster Le Barroux bei Avignon. Und das ist das zentrale Problem, wenn nicht der Skandal für die römische Kirche: Mit diesen reaktionären, zum Teil faschistischen Kreisen hat sich Papst Benedikt XVI. unbedingt versöhnen wollen und auch die ersten Schritte der Versöhnung getan, das ist bekannt. Nur einige Hinweise:

Die Priester aus der traditionalistischen Bruderschaft Sankt Pius X. feiern mit dem FN selbstverständlich gemeinsam Gottesdienste, etwa zu Ehren von der Heiligen Jeanne d Arc. Die einzige Tageszeitung des FN, das Blättchen Présent, wird von katholischen FN Leuten herausgegeben. Marine Le Pen berichtet, ihre Kinder seien in der wichtigsten Kirche der Pius-Brüder in Paris, also in Saint Nicolas du Chardonnet im 5. Arrondissement, getauft worden, also ist diese Traditionalisten Kirche sozusagen Marine Le Pens „Pfarrkirche“.

Dabei muss daran erinnert werden, dass diese große Kirche seit Sonntag, dem 27. 2. 1977, von den Traditionalisten besetzt ist. D.h. diese reaktionären Priester haben an dem Sonntag diese Kirche einfach der römisch-katholischen Gemeinde weggenommen. Und die Justiz hat diesen „Raub“ zwar verurteilt, aber die Pariser Polizei hat sich niemals bemüht, die Kirche von den katholischen Rechts-Extremen zu räumen. So konnten die Traditionalisten kürzlich stolz den 40. Jahrestag ihrer Kirchenbesetzung feiern, also Leute, die sonst so auf Rechtmäßigkeit und Treue zu alten Gesetzen Wert legen, haben sich ungeniert als Revoluzzer verhalten.

Die Pariser Tageszeitung Libération hat schon 2012 diese verwickelten politischen Umstände dokumentiert, dabei spielt auch der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac und seine fromme Gattin Bernadette eine entscheidende Rolle… Siehe also: http://www.liberation.fr/societe/2012/05/11/saint-nicolas-du-chardonnet-avec-foi-mais-sans-loi_818169).

6.

Der Front National hat sich in Frankreich etabliert, er ist eine große Gefahr nicht für die Weiterentwicklung der Demokratie in Frankreich, sondern für Europa. Madame Le Pen hat sich, wie gesagt, mit Putin verbandelt, auch aus finanziellen Gründen….um die EU zu zerstören. Dass Nationalismus stets Krieg bedeutet, hat Madame Le Pen offenbar nie gehört…

Europa befindet sich in einem Zustand der Regression, wie der kluge Buchtitel jetzt aus dem Suhrkamp Verlag („Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“) heißt. Europa will durch die Zustimmung zu den dummen, reaktionären Parteien nicht erwachsen werden. Und breite Kreise des Katholizismus, direkt oder indirekt die Kreise um Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. unterstützen diesen Weg ins Verderben: Es ist an die 30 % der katholischen Franzosen zu denken, die laut Umfragen fest entschlossen sind, im April /und im Mai 2017/ zu wählen. Die Bischöfe nennen das Problem nicht beim Namen. Sie haben Angst. Ihr Ruf ist ohnehin sehr angeschlagen im Jahr 2017. Ernsthafte Menschen, darunter Katholiken, zweifeln an deren authentischer Rede, nach all den vielen Skandalen zum sexuellen Missbrauch, in dem auch französische Bischöfe sehr involviert sind, wie Kardinal Philippe Barbarin, Lyon, oder wohl auch Bischof Hervé Gaschignard, vom Bistum Aure et Dax… Die Katholische Kirche, so scheint es, ist jedenfalls keine starke Kraft gegen den FN. Und die Intellektuellen schweigen…

Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Außer den genannten Büchern ist noch empfehlenswert die sehr faktenreiche historische Studie von Valérie Igounet, „Le Front National. De 1972 (Gründung des FN) à nos jours. Le Parti. Les Hommes.Les Idées“. Erschienen bei Seuil, Paris, im Juni 2014, 496 Seiten. 24 Euro.



Die rechtsradikale Partei Front National und Marine Le Pen sprechen von „christlichen Wurzeln Europas“: Hinweise auf gefährliche Propaganda.

12. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Wenn Rechtsradikale ihre christlichen Wurzeln pflegen

Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Von Christian Modehn       Mskr. abgeschlossen am 29.3. 2017. Der Beitrag erschien in leicht veränderter Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (Oberursel). Ausführlicher werden die ideologischen Wurzeln von Le Pen in einem anderen aktuellen Beitrag vom 13. 4. 2017 dargestellt, klicken Sie hier.

Der Wahl-Kampf in Frankreich wird gern als Wahl-Krampf bezeichnet angesichts der Korruptionsfälle so genannter Spitzenpolitiker. Auch gegen Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin der Rechtsextremen, wird entsprechend ermittelt. Selbst ihre Bindung an den Freund und Gönner Vladimir Putin verzeihen die Fans noch gern. So liegt Le Pen in Umfragen unter allen Kandidaten mit 26 % ganz vorne für den ersten Wahlgang am 23. April. Noch erstaunlicher ist: So viele Katholiken wie nie zuvor, 26 %, wollen Le Pens „Front National“ (FN) wählen, andere Umfragen nennen sogar 29 %. Schon bei den Regionalwahlen 2015 hatten 25 % der „praktizierenden Katholiken“ FN gewählt. Diese hohe Zustimmung unter Katholiken für den FN ist erstaunlich: Die bisher übliche Bindung an die bürgerliche Rechte bröckelt bei ihnen, zumal ihr Kandidat Francois Fillon (Les Républicains) von zahlreichen Finanz-Affären sehr belastet ist; er redete seinen katholischen Wählern ein, wie ethisch und christlich er doch sei… „Die Verbindung mit dem Katholizismus verhindert nicht mehr wie einst die Option für den FN“, betont der Politologe Claude Dargent.

Politologen nennen den FN nach wie vor rechtsextrem, selbst wenn sich Marine, seit 2011 Parteichefin, manchmal moderater äußert als ihr Vater Jean-Marie Le Pen. Er fiel als Gründer des FN (1972) durch antisemitische Hetze auf, mehrfach wurde er deswegen verurteilt. Marine Le Pen will einen „normalen“ FN präsentieren. Sie selbst nennt sich sogar „pro-zionistisch“: Gleichzeitig warnt sie aber vor jüdischen Finanzexperten! Absolut nationalistisch ist ihre „abschreckende und Frankreich total abschottende Ausländer- und Flüchtlingspolitik“.

Unter Katholiken hat Marine Le Pen Zustimmung gefunden, weil sie ständig die „christlichen Wurzeln Frankreichs“ beschwört: Deswegen will sie die Kirchen nicht attackieren, auch wenn „der Klerus nur in die Sakristei gehört“. Marine Le Pen (geb. 1969) nennt sich zwar katholisch, bekennt aber, den Glauben nur sehr selten zu praktizieren. Sie lobt die selbst von Bischöfen hoch geschätzte laicité, die Trennung der Religion vom Staat, betont dann aber: Die Muslime könnten diese laicité wegen ihrer Bindung an den alles bestimmenden Koran überhaupt nicht anerkennen. Deswegen passe „der“ Islam nicht nach Frankreich. Dabei wird die laicité von le Pen missdeutet: Die Trennung von Religion und Staat bietet gerade allen Religionen die Möglichkeit, sich zu entwickeln und friedlich miteinander zu leben.

Le Pen ist nicht offen rassistisch, sie verbreitet aber eine strafrechtlich nicht so gefährliche Anti-Islam-Ideologie. Ihr Ziel: Moderate Muslime dürfen nur noch privat oder in schlichten Moscheen beten, der Islam soll aus der Öffentlichkeit verschwinden. Er ist in Krisenzeiten „der Feind“, der „eine Okkupation im Land vorbereitet“.

Katholiken stimmen für den FN, weil sie ihre alte Liebe zur Nation wieder pflegen und die angeblich guten alten Zeiten erträumen können, in denen es noch keine gesetzlich erlaubte Homo-Ehe und Abtreibung gab. Ausschlaggebend ist die Angst vor dem (islamistischen) Terror und die Sehnsucht nach mehr Kontrolle und Sicherheit.

Der „Normalität“ des FN folgen auch progressive katholische Kreise, wenn etwa die katholische Wochenzeitung „LA VIE“ (Auflage 99.000) Anfang März auf ihrem Titelblatt Marine Le Pen riesig präsentiert. Das Interview mir ihr umfasst vier Seiten. Die Macht der ausführlichen Behauptungen liegt eindeutig bei der FN Führerin! Die Sympathien der Katholiken fürs Rechtsextreme werden vor allem von Marion Marechal-Le Pen verstärkt, der Nichte von Marine. Die erst 27 Jährige ist FN-Abgeordnete in der Nationalversammlung. Im konservativen katholischen Milieu groß geworden, besuchte Marion ein Mädchen-Gymnasium der mit Rom versöhnten traditionalistischen „Dominikanerinnen vom Heiligen Geist“. An den ebenfalls von reaktionären Katholiken organisierten Wallfahrten nach Chartres nimmt sie gern teil. Sie war die treibende Kraft, als sich eine breite katholische Massenbewegung 2013 mit dem FN in den Demonstrationen gegen die „Homoehe“ verbündete.

Dem FN nicht abgeneigt ist neben anderen Bischöfen Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras. Gegen diese Annäherung von Katholiken und FN war der Widerspruch unter den anderen Bischöfen schwach: Deutlich wurde nur ein Laie: Der Koordinator der katholischen Menschenrechtsorganisation ACAT, Jean-Etienne de Linares: „Die Verbindung von FN und Rassismus ist evident. Der FN spricht dem anderen (dem Muslim) den Wert als Mensch ab. Ich bedauere es, dass die Kirche nun aus dem FN eine respektable Partei macht“. Etwas zaghaft sagte dann später Erzbischof Laurent Ulrich (Lille): „Man kann nicht Christ und fremdenfeindlich sein“, den FN nannte er nicht.

Die Bischofskonferenz hat im Oktober 2016 einen Text veröffentlicht, der sich an „alle Bewohner des Landes“ richtete: Tatsächlich aber wurde diese Mahnung nur als Buch (Auflage 10.000 Exemplare) verkauft. Darin ist vom allgemeinen Zerfall der politischen Kultur die Rede. Aber mit keinem Wort wird eine der Hauptschuldigen genannt: Marine Le Pen und ihre Partei. Mit dem Satz: „Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bischöfe sagten, wen man wählen soll“, hat sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier (Marseille), aus der Affäre gezogen. Er hat bei der Vollversammlung der Bischöfe im März 2017 erneut vor einer muslimfeindlichen Politik gewarnt, jedoch Le Pen wieder namentlich nicht erwähnt. Radikaler denkt Bischof Jacques Gaillot (Partenia): Er unterstützt den trotzkistischen Präsidentschaftskandidaten Philippe Poutou von der „Neuen Antikapitalistischen Partei“.

Wen werden die Protestanten wählen? Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt 2 %. Bisher wählten sie eher links, aber auch bei ihnen ist (im lutherisch geprägten Elsass) eine starke Nähe zu Rechtsextrem zu beobachten. Der Präsident der Vereinigten (reformierten und lutherischen) Kirchen Frankreichs, Pastor Francois Clavairoly, hat hingegen ausdrücklich vor dem FN gewarnt!

Den aussichtsreichsten Kandidaten Emmanuel Macron („En Marche“) im entscheidenden zweiten Wahlgang (am 7. Mai) erleben viele Katholiken als zu wenig spirituell…Er verweist nur auf seine Ausbildung in einer Jesuitenschule in Amiens …Selbst wenn Macron im 2. Wahlgang zum Präsidenten gewählt wird: Die etwa 10 Millionen FN Wähler werden sich vom Ungeist dieser Partei kaum distanzieren.

 

Copyright: christian Modehn



Christen im Dialog mit Buddhisten: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

9. April 2017 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Weiterdenken: Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Warum Christen am Dialog mit Buddhisten interessiert sind.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Das Programm des Evangelischen Kirchentags in Berlin (im Mai 2017) begrenzt sich nach meinem Eindruck sehr stark auf innerkirchliche, politische und soziale Themen. Philosophie spielt als Thema keine Rolle, dies hängt wohl mit der radikalen Abwehr des freien, philosophischen Denkens durch Luther zusammen. Bedauerlich ist genauso, dass dem Dialog der Religionen wenig Raum gegeben wird. Dialog der Christen gilt in der globalen Welt nicht nur dem Gespräch mit Juden und Muslimen, sondern auch dem Austausch mit Buddhisten. Ich habe den Eindruck, dass ein breiter Strom evangelischer Theologie insgesamt wenig Interesse hat, mit dem Buddhismus, der in Europa unter jüngeren Leuten viel Zuspruch findet, ins lernbereite Gespräch einzutreten. Ist diese Einschätzung treffend? Wenn Ja: Woran liegt dieses offenkundige evangelische Desinteresse am Buddhismus?

Ja, woran liegt das, dass der Dialog mit den Religionen und Weltanschauungen kaum eine Rolle spielt, allenfalls der Dialog mit dem Islam und dem Judentum – aber dies dann auch nur aus religions- und sicherheitspolitischen Gründen!? Warum findet der Buddhismus so wenig Beachtung, ebenso wenig wie philosophische Lebens- und Weltdeutungen, atheistische Positionen und humanistische Weltanschauungen? Mit dem allem wird auch auf dem nächsten Kirchentag Ende Mai in Berlin kein energischer Dialog geführt werden.

Warum ist das so? Ich denke, weil man in den Kirchen und zumeist auch in der Theologie den christlichen Glauben gar nicht als eine Position in den alle Menschen angehenden Fragen der Lebensdeutung und Weltorientierung versteht und zu verteidigen unternimmt. Man tritt leider nicht dafür ein, dass zunächst einmal „Glauben“ überhaupt zu uns Menschen gehört: Erstens, sofern wir uns zum Ganzen der Wirklichkeit, das unser Wissen immer übersteigt, verhalten. Und zweitens: Sofern wir über unsere eigene Stellung in diesem Ganzen und damit über die Bestimmung unseres Daseins nachdenken. Da können wir auf den Ausgriff ins Metaphysische, auf das unserem Wissen Transzendente, insofern auf das, was uns auf Glauben angewiesen sein lässt, nicht verzichten. Das gilt für alle, auch für Atheisten. Auch sie vertreten, indem sie sagen, dass kein Gott sei, eine auf metaphysische Setzungen ausgreifende Glaubensposition.

Statt sich auf solche Debatten um die religiöse bzw. weltanschauliche Dimension unseres bewussten Lebens einzulassen, dogmatisiert man in den Kirchen lieber die Säkularisierungsthese, wonach die „Gläubigen“, also jene, die nach wie vor ihren Kirchen und Religionen anhängen, der immer größer werdenden Schar der religiös Desinteressierten und Atheisten gegenüberstehen. Man redet sich ein, dass die meisten Menschen an Religion gar nicht mehr interessiert seien und beschränkt sich deshalb, die „Gläubigen“ betreffend, auf innerkirchliche Themen, und zur Gesellschaft hin darauf, dass man politische und sozialethische Themen favorisiert.

Im Grund demonstriert dieses Verhalten der Kirchen, dass man es aufgegeben hat, den christlichen Glauben selbst als Religion, d.h. als eine das Verhältnis von uns Menschen zum Ganzen der Wirklichkeit und die Sinnbestimmung unseres Daseins reflektierende Lebens- und Weltdeutung zu behaupten, plausibel zu machen und zu verteidigen – im protestantischen Raum ist dies in der Tat noch stärker als im katholischen. Man traut sich keine rationalen Argumente für den Glauben mehr zu, beschränkt seine Zuständigkeit auf die – aus welchen lebensgeschichtlichen Motiven heraus auch immer – „Gläubigen“. Man sucht diese „Gläubigen“ in ihrem Glauben durch die Einschwörung auf die traditionellen Glaubensartikel zu bestärken und zielt auf Eindeutigkeit in ethisch-moralischen Konsequenzen, die das „christliche“ Leben verlange.

Es wird nicht eingestanden, geschweige denn ergebnisoffen diskutiert, dass auch der „christliche Glaube“, wie alle Religionen, ein wagender Versuch von uns Menschen ist, uns deutend zur transzendenten, weil aufs Ganze gehenden Wirklichkeit unseres Lebens in der Unendlichkeit des Universums zu verhalten, indem wir auf biblische, kirchliche, theologische, philosophische, literarische, ästhetische, symbolische und rituelle Überlieferungen zurückgreifen. Solange die Kirchen die Religionsunfähigkeit des christlichen Glaubens demonstrieren, kann gar keine Motivation entstehen, sich mit den vielen anderen menschlichen Versuchen – den religiösen, weltanschaulichen, philosophischen Unternehmungen – deutend zur transzendenten Ganzheit unseres Daseins in der unendlichen Welt zu verhalten und damit zu beschäftigen. Das macht dann auch den sog. interreligiösen Dialog zumeist so geistesarm, dogmatisch beschränkt, moralisch eng geführt und religionspolitisch in seiner Absicht durchschaubar.

Nun ist gerade der Buddhismus in seinen vielen Spielarten so etwas wie eine philosophische, auf das Selbst-Denken setzende Religion. Er kommt ohne einen Schöpfer- und Erlösergott aus. Der Buddhismus spricht die Menschen auf das an, was sie selbst durch entsprechende meditative Praktiken, die man erlernen kann, tun können, damit sie frei oder zumindest freier werden, gegenüber dem, was sie bedrückt und belastet, worunter sie leiden und womit sie in dieser Welt nicht fertig werden. Er offeriert sich offensiv als eine bestimmte Lebens- und Weltdeutung und zeigt weite Wege, auf denen man so in diese hineinfinden kann, dann man effektiv die Erfahrung macht, wie gut es einem tut, sich zu teilen.

Man kann den Buddhismus durchaus als eine „Religion ohne Gott“ bezeichnen, eine Auffassung von der Religion als einer lebensführungspraktisch orientierenden Lebens- und Weltdeutung, die auch im Westen, also im kulturellen Einflussbereich des Christentums, immer wieder vertreten worden ist und vertreten wird. Aber solange man sich im Christentum theologisch nicht darauf einlässt, den christlichen Glauben überhaupt als eine Möglichkeit der Lebens- und Weltdeutung unter anderen zu verstehen und stattdessen Argumente dafür aufzubieten unternimmt, worin denn die Vorzüglichkeit des Christlichen im Vergleich mit dem Lebens- und Weltdeutungskonzept des Buddhismus besteht, wird das interreligiöse Gespräch keine Belebung erfahren, auch und schon gar nicht auf Kirchentagen.

Buddhistisch geprägte Meditationsformen (etwa Zen) sind weit über explizit – buddhistische Kreise hinaus beliebt, werden als Lebenshilfe entdeckt. Es ist doch wohl keine Blamage, wenn sich die Christen eingestehen: Diese Meditationsformen, auch diese Praxis der Stille und des Schweigens, haben wir nicht in unserer Tradition! Ist es tatsächlich so, dass Christen auf dem weiten Feld des Religiösen ohnehin nicht „alles“ bieten können?

Ob wir vieles von dem, was die Zen-buddhistische Meditationspraxis zu bieten hat, nicht auch in christlichen Traditionen finden können, bin ich mir gar nicht so sicher. In den monastischen Praktiken und Exerzitien finden sich auch zahlreiche Anleitungen und teilweise strenge Regel, die in die Stille und innere Einsamkeit des Weges zu Gott führen sollen. Aber es ist dort eben immer der auf diese Weise vorgezeichnete Weg zu dem Gott, der in Christus sein menschliches Antlitz gezeigt hat. Die Wendung nach innen ist zielgerichtet die Hinführung zu dem Gott, der unendlich größer ist als jedes Menschen Herz. Er ist der Gptt, der die Welt und alle Kreatur geschaffen hat und, wie christliche Spiritualität sagt, „treu sorgend in seinen liebenden Händen hält“.

Ganz anders ist die Meditationspraxis im Zen-Buddhismus. Nicht nur, dass sie in ihren, an die westliche Kultur adaptierten Formen von dogmatisch-lehrhaften Anteilen losgelöst wird. Sie ist im Unterschied zu christlichen Praktiken der Stille und inneren Versenkung gerade nicht zielgerichtet. Sie lebt von dem performativen Selbstwiderspruch, dass es ihr Ziel ist, kein Ziel zu haben, ja gerade von jeder Form der Zielsetzung, des Sich-Ziele-Setzen-Müssens und sogar des sich Ziele-Setzen-Wollens, befreit.

Damit kommt der andere lebens- und weltanschauliche Hintergrund des Buddhismus zum Vorschein. In ihm geht es nicht darum, durch die Wege nach Innen, zu einer, durch die Gründung im Göttlichen gefestigten, personalen Identität zu finden, zu gesteigerter Selbstbestimmung und Freiheit. Der Weg im Zen-Buddhismus führt vielmehr gerade zur Befreiung vom Selbst, zum Loslassenkönnen auch noch vom eigenen Selbst und dessen Wollen.

Der Buddhismus stellt eine zur Christentumskultur alternative und damit heute hochgradig attraktive Lebens- und Weltdeutung vor. Als solche gilt es, sich mit ihm aus christlicher Sicht dann auch zu befassen und die Argumente, die für das eine oder das andere sprechen könnten, auszutauschen. Das wäre ein auch intellektuell attraktiver Religionsdialog.

Ohne die Unterschiede der kulturellen Wurzeln von Christentum und Buddhismus zu verwischen: Den Christen und ihren Theologen könnte es doch gut tun, auch das buddhistisch gepflegte Nicht-Wissen gegenüber dem alles Gründenden, dem letzten Bergenden, dem Göttlichen, einzugestehen. Vielleicht treffen sich sogar christliche Mystiker (Meister Eckart) und zen-buddhistische Meister in der aktuell bedeutsamen Erkenntnis: Das Göttliche ist eigentlich Nichts, also nichts Greifbares, nichts Verfügbares?

Wenn Christen und Buddhisten in einen Religionsdialog eintreten, dass liegt es nahe, dass sie zunächst einmal darin übereinkommen: Wenn sich beide zum Ganzen der Wirklichkeit und damit zur Stellung von uns Menschen in der Unendlichkeit der Welt verhalten, dann machen sie Aussagen über etwas, vom dem wir kein wirkliches Wissen haben. Wir können uns aber gleichwohl darüber Gedanken machen und um einer bewussten Führung unseres Lebens willen sollten wir uns auch diese Gedanken machen. Es ist vernünftig, an diese Transzendenz zu denken, die unserem Wissen unzugänglich ist und immer bleiben wird, die aber dennoch in die Immanenz unseres In-der Welt-Seins gehört.

Die große Alternative im Begreifen unserer Stellung in der Welt, die sich zwischen fernöstlichem, buddhistischen Denken und dem christentumskulturellen, westlichen Denken auftut, liegt allerdings eben gerade in der Stellung, die der humanen Selbstbeziehung, der individuellen Subjektivität in unserem Selbst- und Weltumgang zukommt. Die Entgegenständlichung der Transzendenz des Göttlichen ist beiden religiösen Denkformationen gemeinsam. Sofern sie sich nur recht verstehen, wissen sie: Würden sie die Transzendenz gegenständlich denken, dann würden sie diese in die Immanenz der Welt und ihrer Erfahrungsdinge hineinziehen!

Die Differenz zum Buddhismus sehe ich darin, dass im Christlichen mein Weg in die Transzendenz, zum Göttlichen, letztlich wieder zu mir selbst zurückführt, mich mir näher bringt, als ich mir in der reflexiven Selbstbeziehung je kommen könnte. Denken wir an Augustins Confessiones, die „Bekenntnisse“. In der Besinnung auf sich selbst und sein Dasein in der Welt findet der große, von der platonischen Philosophie tief beeinflusste, christliche Theologe zu dem Spitzensatz: „Unruhig ist, Gott, mein Herz, bis dass es Ruhe findet in Dir!“. Oder denken wir auch an den Theologen im NAZI-Widerstand, Dietrich Bonhoeffer, mit seinem Gedicht, verfasst 1944 in der Gefängniszelle in Tegel. Es beginnt mit der Frage „Wer bin ich“ und endet nach langer Suche mit dem Bekenntnis: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott, wer ich auch bin, Du weißt es, oh Gott!“

Anders läuft es, wenn ich es recht verstehe, im Buddhismus. Dort geht es nicht um die Erfahrung, dass sich mir die unbegreifliche Einheit der Wirklichkeit – und damit der Sinn und die Bestimmung meines eigenen individuellen Daseins in ihr – auf dem Wege meditativer Selbstversenkung erschließt. Es geht im Buddhismus vielmehr darum, dass ich frei werde von mir selbst und damit auch all dem, worauf mein Begehren geht, was mich an diese Welt bindet, in Freude und Leid. Dass in all den weltlichen Dingen nicht die letzte, alles bestimme Wirklichkeit liegt, somit auch nicht das, was über meine Lebenserfüllung entscheidet; sondern diese alles bestimmende Wirklichkeit liegt in dem, das unendlich über mich selbst hinaus ist. Diese Erkenntnis ist es, so scheint mir, worauf der Buddhismus hinaus will. Selbstauslöschung ist es wohl, was der Buddhist von der „Erleuchtung“ im „Nirwana“ erwartet.

Was für die eine und was für die andere religiöse Lebensdeutung spricht, welche rationalen Argumente sich für den einen oder den anderen „Glauben“ aufbauen lassen, was lebensführungspraktisch aus dem einen oder dem anderen Konzept folgt: Ich vermute, an diesen Themen sind durchaus viele Menschen, auch Christen, interessiert, auch auf dem Kirchentag im Mai in Berlin!

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon



Benedikt der Sechszehnte wird neunzig: Der konservative „EX-Papst“ im Hintergrund.

4. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Termine, Theologische Bücher

Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., wird am 16. April 2017 90 Jahre alt

Hinweise von Christian Modehn

Der Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (München), der Jesuiten Theologe Andreas Batlogg, hat nach dem Erscheinen des Interviewbuches mit Joseph Ratzinger (Ex-Papst Benedikt XVI.) recht mutig im Deutschlandfunk (9.9.2016) gesagt: Das neue gemeinsame Buch mit Peter Seewald „Letzte Gespräche“ (erschienen im September 2016) „dürfte es eigentlich nicht geben“. Es sei stillos, wenn Ratzinger den gegenwärtigen wirklichen und wirkenden Papst Franziskus „in diesem Buch kommentiere“. So werde der Eindruck geweckt, Joseph Ratzinger sei doch noch irgendwie als Papst tätig… Dabei hatte er versprochen, nach seiner Abdankung (am 28.2.2013) zu schweigen. Aber wer einige Meter vom tatsächlichen Papst entfernt wohnt und nicht etwa im bayerischen „Gnaden“-Ort Altötting, der beobachtet alles, hört alles und redet auch mal wieder, um seine bekannten, mindestens sehr konservativ zu nennenden theologischen Meinungen zu verbreiten.

Pater Batlogg sagte in der Radiosendung: „Ich denke Benedikt ist sich treu geblieben. Er ist sich treu geblieben, ich bin da (in dem Buch, CM) Feindbildern und Klischees begegnet, die ich aus den 70er Jahren kenne… Ich merke, da hat er Feindbilder, die er über Jahrzehnte behalten hat, und jetzt, wo er wieder viel fitter ist als bei seinem Rücktritt im Februar 2013, da kommen diese Dinge wieder. Ich denke er schadet sich damit selbst“.

Wohl wahr… Aber diese Worte des EX – Papstes helfen auch all den vielen Prälaten, Kardinälen und reaktionären „neuen“ geistlichen Gemeinschaften usw., die ihm, dem Benedikt, verbunden sind und förmlich darauf warten, dass der „alte Geist, der Ratzinger- Geist“, wieder herrscht. Solches freut doch den munteren Ex-Papst. Noch nie wurde wohl von Konservativen bzw. reaktionären Katholiken das Verschwinden eines Papstes so ersehnt wie das Ende von Papst Franziskus. Es gibt bekanntlich Bücher katholischer Journalisten, die den Hass auf Papst Franziskus dokumentieren, wie etwa „Les ennemis du Pape“ (Bayard Presse, Paris, 2016. „Die Feinde des Papstes“. Mit dem tatsächlichen Untertitel: „Über jene, die seinen Tod wollen“; Autor ist der sehr katholische Journalist Nello Scavo. Es werden bald Studien erscheinen, warum wohl Papst Franziskus bei Begegnungen mit ihm Wohlgesinnten immer wieder diese förmlich anflehte: “Betet für mich“. Diese permanente Häufung von Gebets-Wünschen lässt auch Böses ahnen…

Nun wird Joseph Ratzinger am 16. April 2017 90 Jahre alt. Uns interessiert nicht so sehr, ob irgendwelche lieben Domspatzen oder Altöttinger Liebfrauen-Brüder ihn beehren werden und bayerische Schweine-Schmankerl mitbringen.

Wir entsprechen nur den Nachfragen einiger LeserInnen dieser Website: Sie baten darum, noch einmal einige zentrale Texte aus unseren Forschungen zu Ratzinger zugänglich zu machen. Dabei ist für mich keine Vollständigkeit erreichbar. Etwa die Themen „Unterdrückung der Kenntnis und der Bestrafung sexueller Täter in der Zeit von Ratzingers Tätigkeit als oberster Glaubenschef in Rom“ werden nicht erwähnt, das haben andere schon getan. Im Rahmen unserer Forschungen zu dem entsprechend belasteten Orden der „Legionäre Christi“ wurde hingegen oft von Ratzinger/Benedikt XVI. gesprochen.

Tatsache ist und die ist wichtig für die Geschichte der katholischen Religion: Unter Benedikt XVI. wurde die traditionelle Kirche, ganz auf den zölibatären Klerus fixiert, weiter gestärkt. Mit all den katastrophalen Folgen durch Priestermangel in den europäischen und nordamerikanischen Gemeinden. Tatsache ist weiter, dass dieser Papst die evangelischen Kirchen nie als Kirchen anerkannt hat. Hingegen schwadronierte Benedikt XVI. von einer Versöhnung mit den, Verzeihung, theologisch weithin verkalkten und oft korrupten orthodoxen Staatskirchen. Wer will mit Putin-Patriarchen und Bischöfen schon „eins“ werden und im uralten, dort üblichen Kirchenslawisch Gesänge schmettern?

Es werden hier also nur einige Beispiele, seit 1968, und einige Grundhaltungen des Theologen Ratzinger aufgezeigt, die er als Papst nicht aufgeben wollte und konnte. Ratzinger hatte ja bekanntlich seine private Theologie als DIE Theologie des Katholizismus vertreten und mit Gewalt verteidigt und durchgesetzt. Ihn inspirierte völlig der Kirchenvater Augustinus (gestorben 430) und eben nicht Karl Rahner oder Hans Küng.

Zu einem längeren biographischen Hinweis zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers seit 1968 klicken Sie hier.

Zum Widerspruch Benedikts gegen Formen des so genannten Relativismus klicken Sie hier.

Zu seiner Ehelehre und der Zurückweisung jeglicher Homo-Ehe klicken Sie hier.

Zu dem merkwürdigen Phänomen der ins Idolatrie abgleitenden Papsthymnen bei seinem Besuch in Mexiko klicken Sie hier.

Die Versöhnung mit den reaktionären Pius-Brüdern (gegründet von Erzbischof Marcel Lefèbvre) ist sicher eine der schwer wiegendsten Entscheidungen Benedikt XVI., sie zeigt wohl auch seine versteckten und unausgesprochenen Sympathien für diese angeblich so treu ergebenen katholischen Kreise… Über die so gütigen, verständnisvollen Bemühungen Ratzingers/Benedikt XVI., mit diesen auch politisch reaktionären, oft dem FN nahe stehenden traditionalistischen Kreisen (in Frankreich) zu einer Versöhnung zu kommen, wird in dem Bericht zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers gesprochen. Besonders die Affäre um den FN –Freund Abt Calvet von Le Barroux ist unvergessen: Dieses traditionalistische Benediktinerkloster versöhnte sich mit dem Papst, durfte aber die eigene reaktionäre Theologie und Politik ungebrochen fortsetzen. Calvet war ein Freund des Pétain Anhängers und Nazis Paul Touvier….Der Abt zeigte sich verständnisvoll für die Brandstifter, die das Kino „St. Michel“ in Paris 1988 anzündeten, als dort der Scorsese Film „La dernière tentation de Jésus“ gezeigt wurde. Die Brandstifter machten übrigens ihre Exerzitien in seinem Kloster. Diese Versöhnung mit Le Barroux und weiteren reaktionären Klöstern ist eine der ganz dunklen Seiten in der Theologie und Kirchenpolitik Ratzingers. Über sie wird kaum noch gesprochen. Die Versöhnung mit dem Papst wurde im Kloster „Le Barroux“ übrigens groß gefeiert, Kardinal Mayer OSB reiste aus Rom eigens an und feierte die Messe mit vielen rechtsextremen Frommen, wie etwa Bernard Anthony vom FN und dem Chefredakteur der FN Zeitung „Présent“ Jean Madiran. Ratzinger jedenfalls meinte unschuldig und nach außen naiv: „Die traditionalistische Messe auf Latein (d.h. der Priester spricht still seine Texte vor sich hin, mit dem Rücken zum schweigenden, bzw. den Rosenkranz betenden Volk,CM) ist ein Bollwerk für den Glauben“ (Viele Details sind nachzulesen in der wichtigen Studie „Des Intégristes très intégrés“ in: Les Dossiers du Canard, „Les Cathocrates“, Paris 1990, Seite 20 f.).

Zu Abt Dom Gérard einige Hinweise sogar auf Englisch vom Kloster selbst: https://www.barroux.org/en/nos-fondateurs-articles/dom-gerard-en.html

Ein eigenes Thema wäre: Wie betreibt Papst Franziskus die weitere Versöhnung mit den Pius-Brüdern? Manche kundigen Beobachter sagen: Die Versöhnung steht bevor. Warum wohl? Weil diese Piusbrüder eben viele junge Priester haben. Die sind ja absoluter Mittelpunkt im katholischen Denken! „Der Klerus muss herrschen“. Das ist die selten besprochene, aber tatsächlich wichtigste Botschaft des Vatikans im Reformationsgedenken 2017.

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