Theologisch denken mit Marx. Über die lebendige Befreiungstheologie

Hinweise zu unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017

Von Christian Modehn

Ein Vorwort: In unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017 haben wir anlässlich des gleichzeitig stattfindenden Kirchentages in Berlin einige zentrale Aussagen des (jungen) Marx zur Religion diskutiert. Vor allem die bekannte Aussage von Marx: „Religion ist Opium des Volkes“. Uns leitet dabei die ganz normale philosophische Überzeugung, dass natürlich etliche philosophische Fragen und Provokationen von Marx auch heute unser Denken anregen und möglicherweise korrigieren können. So etwa die Frage: Wie ist auch theologische Denken und auch kirchliche Handeln von der nun einmal zweifelsfrei vorhandenen Situation der Klassengegensätze in den Staaten und Kulturen Europas z.B. bestimmt? Gibt es überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Theologie und kirchliches Handeln etwa in Europa und den USA nicht nur Weiterlesen ⇘

„Die Liebe ist bedroht“: Zum Philosophie Magazin Juni/Juli 2017.

Hinweise von Christian Modehn am 28. 5. 2017

Philosophie bezieht sich immer in gewisser Hinsicht auf das ganze Leben, die ganze Wirklichkeit. Alles kann – unter bestimmter Rücksicht – Thema der Philosophie sein. Das ist Chance und Problem für eine Zeitschrift, die alle zwei Monate als Magazin – lesefreundlich und mit Fotos ausgestattet – auf 98 Seiten Philosophie unters Volks bringen will und die Praxis der Philosophie, eben das Philosophieren (grundsätzliches Reflektieren), als Lebensform möglicherweise, vorschlägt.

Die Herausforderung für explizit an Philosophie Interessierte ist immer die: Sind die Beiträge dicht dran an „den“ Philosophien oder könnten sie genauso gut in einem explizit sozialwissenschaftlichen oder psychologischen Magazin stehen?

Diesmal also, bei aller Sympathie für das „Philosophie Magazin“, der Hinweis angesichts der Ausgabe Juni-Juli 2017. Ich habe z.B. nichts gegen Reportagen, die auf die schwierige (auch dramatische gesundheitspolitische) Situation privater und öffentlicher Toiletten in Indien hinweisen. Aber muss der „Kampf um den stillen Ort“ in Indien wirklich auf 7 Seiten in einem der Philosophie verpflichteten Magazin ausgebreitet werden? Das kann sich der französische Kooperationspartner „Philosophie Magazine“ (Paris) vielleicht leisten, weil dieses Blatt monatlich erscheint. Aus diesem französischen Heft stammt der Beitrag in der deutschen Ausgabe. Wenn schon die Kooperation mit Paris besteht: Warum bietet PHILO MAG keinen Beitrag über den doch philosophisch sehr Interessierten französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron: Warum keinen Bericht über die sehr angesehene Kulturzeitschrift ESPRIT (gegründet von Emmanuel Mounier, bekanntlich ein Philosoph)? Bei ESPRIT  arbeitete Macron mit! Oder: Warum nicht auch ein Text, förmlich zur Begleitung des Beuys Films, der jetzt im Juni 2017 gezeigt wird? Ein Philosophie Magazin sollte meines Erachtens aktuelle (Kultur)-Ereignisse unmittelbar vertiefen. Habe ich schon Beiträge zu einer Philosophie der Musik oder einen religionsphilosophischen Beitrag zur Säkularisierungsthese gelesen, gerade jetzt hört man angesichts des Kirchentages in Berlin: Diese Stadt sei gottlos? Was heißt das? Welche Götter verehren denn die angeblich Gottlosen? Sind die Gläubigen nicht auch in gewisser Hinsicht gottlos?

Trotz dieser Hinweise: Auch das Juni-Juli Heft 2017 verdient wieder Aufmerksamkeit: Dass der eher kommunistisch orientierte Philosoph Alain Badiou sehr viel Philosophisches, also aus der Liebe zur Weisheit gesprochen, zur LIEBE im allgemeinen sagen kann, mag einige überraschen. Mich überrascht nicht, dass Badiou sagt, dass “die Liebe im Kapitalismus bedroht ist”. Erstaunlicher ist seine Aussage, dass wir „durch die Liebe zum Absoluten gelangen“. Dann aber muss er als – braver Marxist ? – sofort gleich betonen: „Es geht nicht um ein Absolutes im christlichen Sinn“. Was wäre denn das Absolute im offenbar für ihn nur einförmig denkbaren „christlichen Sinn“? Ist denn die Weisheitserkenntnis der Bibel: „Gott ist die Liebe“, für Philosophen so undenkbar oder gar so peinlich in einer „kritischen Umgebung“, dass man sich philosophisch dieses Themas nicht annehmen kann?

Es sind wie schon oft vor allem die Interviews, die das Philosophie Magazin lesenswert machen. Hervorragend das Gespräch mit der Schriftstellerin Silvia Bovenschen und dem Philosophen Alexander García Düttmann, wo man spürt: Da sprechen Menschen ehrlich, reflektiert wie persönlich. Wahrhaftig. Das bewegt, nicht nur zum weiteren Nachdenken! Auch zur Debatte über das Werk des Ethnologen Claude Lévi-Strauss lädt das Heft ein, und zwar im Umfeld der aktuellen Debatte über die „Barbaren“ und damit über den Kulturrelativismus. Wolfram Eilenberger berichtet über das – schon oft  – dargestellte Liebesverhältnis von Hannah Arendt und Martin Heidegger. Ich würde mir wünschen, dass in einem zweiten Teil das – wieder einmal heftige – Buch von Emmanuel Faye diskutiert wird, das kürzlich in Paris erschien: „Extermination Nazi und Déstruction de la pensée“. Darin wird behauptet, Hannah Arendts Denken habe sich, noch nach 1945 von ihrem alten Liebhaber (und dann sehr bekannten NSDAP-Mitglied) Martin Heidegger philosophisch beeinflussen und bestimmen lassen. Das so jetzt wieder allseits so hoch gelobte Werk von Hannah Arendt käme dann ein bisschen sehr ins Wanken. Da wären Diskussionen „spannend“.

 

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Walter Benjamins 125. Geburtstag: Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er SALONABEND

Bitte beachten Sie die aktualisierten Hinweise zu Benjamin, besonders zu seinen Geschichtsphilosophischen Thesen von 1940. Publiziert hier am 16.7.2017.

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Am 15. Juli 2017 wird des 125. Geburtstages von Walter Benjamin gedacht, er ist vor allem Philosoph! Er ist auch Kritiker, Übersetzer, Journalist/Autor. Wir wollen in einem Salon-Gespräch einige Annäherungen an sein vielschichtiges Werk suchen und dadurch zur Benjamin-Lektüre ermuntern. Wir werden uns mit einigen Kapiteln seines Buches “Einbahnstraße”  auseinandersetzen, die Lektüre empfehle ich zumal für “Einsteiger” in Benjamins Arbeiten. Wir werde an Benjamins Paris-Aufenthalte denken (und an Schriften von ihm zu Paris) und ermuntern, seine Geschichtsphilosophie und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie zu studieren. Im Zentrum unseres Gespräches wird der wichtige, durchaus knappe, aber schwierige und viel besprochene Text “Über den Begriff der Geschichte stehen” (in: Illuminationen, S. 251 – 262). Dies versteht sich als Einführung und Einladung zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Text!

Ein Benjamin-Abend also, diesmal an einem anderen Ort: In der neuen Kunstgalerie am Benjamin Platz in Berlin, nahe dem Kurfürsten Damm, Eingang über die Leibnizstr. Wir treffen uns also in der Galerie “Kunst und Grün” am Freitag, den 14. Juli, passend zum französischen Feiertag (Beginn der Revolution 1789), um 19 Uhr. Anmeldungen erforderlich an: christian.modehn@berlin.de

PS: Walter Benjamin, von den Nazis als Jude verfolgt, lebte ab 1933 überwiegend in Paris; am 27.9. 1940 hat er in der Nähe von Port Bou Suizid begangen.

Wer sich mit einigen wichtigen Studien und Essays von Benjamin schon vertraut machen will: Dem empfehle ich “Illuminationen”, Ausgewählte Schriften, Band 1. Suhrkamp Verlag 410 Seiten, nur 15 Euro. Das oben empfohlene Buch Benjamins “Einbahnstraße” (mit dem Text “Berliner Kindheit um 1900”) ist im Fischer – Taschenbuch Verlag erschienen, es kostet 8 Euro.

Blaise Pascal – Menschenkenner, vom Augustinismus verdorben. Hinweise zu seinem Geburtstag

Am 19. Juni 1623 wurde Blaise Pascal in Clermont – Ferrand geboren, der Hochbegabte und Vielseitige, der Mathematiker und Erfinder, Städteplaner und Mystiker mit philosophischen Interessen. Seine “Pensées” werden noch immer gelesen. Einige “Gedanken” auch heute oft zitiert von Menschen, die von der Abgründigkeit der menschlichen Seele gern in kurzen Formeln sprechen. In dem Zusammenhang sollten wir uns vor allem an Pascals im ganzen gesehen verheerenden geistigen, religiösen Bindungen an den Augustinismus erinnern, auch an seine Bindung an den Jansenismus, der auf das absolute, willkürliche Gnadenhandeln Gottes setzte. Und so bescheidene Ansätze eines humanistischen Christentums störte und zerstörte. Der fromme Pascal hat auf diese Weise für die Stärkung eines vernunftfeindlichen Glaubens beigetragen. Man wird sich fragen: Welche Macht können tatsächlich noch die zentralen augustinischen Ideen, Ideologien, haben, etwa die Vorstellung von der “Erbsünde”. Welche (nicht explizit religiösen) Ideologien beherrschen heute das Bewusstsein der Menschen. Und dann gilt es zu verstehen: Welche Bedeutung hatte der Jansenismus in Frankreich damals möglicherweise als verstecke protestantische Haltung im Katholizismus? In welcher Weise war der Jansenismus auch ein Protest gegen die absolute Herrschaft der Könige? Gestorben ist Pascal am 19.8.1662 in Paris.

“Wir sind zuerst Menschen. Danach Untertanen”: Zum 200. Geburtstag des Philosophen Henry D.Thoreau

Am 12. Juli 1817 wurde der ungewöhnliche Philosoph und Autor, der Amerikaner Henry David Thoreau (in Concord, Massachussetts) geboren. In seiner Heimat, den USA, gibt es bis heute eine breite Thoreau-Forschung und durchaus eine Thoreau-Begeisterung. Sein Buch “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat” sollte Pflichtlektüre in allen Schulen aller Staaten werden. Aber auch die anderen Texte verdienen unsere Aufmerksamkeit, einiges Neue, wie die Tagebücher, erscheint u.a. im Verlag Matthes und Seitz, Berlin. Wir werden weitere Hinweise publizieren, besonders zu der religionsphilosophischen Bewegung der “Transzendentalisten”, der Thoreau nahe stand…

Thoreau wurde in der Pop – und Hippiebewegung zu einer Symbolfigur des “Aussteigers” aus dem kommerziell beherrschten Alltag. Tatsächlich sind seine Essays “Walden” sicher besonders inspirierend für die Suche nach einem alternativen, von Gleichberechtigung der Menschen geprägten Leben. In “Walden” teilt Thoreau seine Lebens – “Experimente” (er liebte dieses Wort) am “Walden” – Teich mitteilt: Selbstgenügsamkeit und Entschiedenheit für das wirklich Wichtige im Leben, das Sein als harmonisches, friedliches Leben, sind zentrale Themen von “Walden”. Ohne das Buch “Walden” und ohne sein (sehr umfangreiches) Tagebuch ist es wohl schwer, ein tieferes Verstehen der Natur zu erwerben: Die Texte Thoreaus sind von einer poetischen Dimension; sie sind bestimmt von der eher kontemplativen Naturbetrachtung und der gleichzeitigen Bemühung um wissenschaftliche Natur – Erkenntnis. Die Bewahrung der Natur ist für ihn untrennbar mit der umfassenden Emanzipation der Menschen verbunden. Der Kampf etwa um die reine Qualität des Wassers ist für Thoreau genau so wichtig wie der Widerstand gegen einen Staat, der im Krieg die Steuergelder ausgibt oder an der Sklaverei festhält.

Besonders aktuell ist heute, angesichts des Trump – Regimes zum Beispiel, sein knapper Text “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat”. Ungehorsam ist für Thoreau immer dann entscheidend, wenn das Gewissen den Gehorsam gegenüber staatlichen Gesetzen und Verfügungen verbietet. Es ist das individuelle Bewusstsein von Moral, das im gesellschaftlichen Leben ausschlaggebend ist. Damit wird nicht jeglicher egoistischer Willkür die Tür geöffnet. Es geht um die Prüfung: Was ist gut für die Menschheit, was ist gut und menschlich fördernd für den Staat. Wie kann ich ethisch gut als Mensch bestehen… Gandhi hat Thoreau gelesen, seine Gedanken inspirierten ihn im gewaltfreien Widerstand. “Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein, und der das Individuum achtungsvoll als Nachbarn behandelt… ” schreibt Thoreau am Ende seines Essays “Über die Pflich zum Ungehorsam gegen den Staat”.

Eine neue Thoreau- Biographie: Frank Schäfer, “Henry David Thoreau, Waldgänger und Rebell”. Suhrkamp Verlag, 2017.  Die Thoreau-Gesellschaft in den USA.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Marx und die Religionskritik: Wie (noch) von Gott sprechen?

Hinweise von Christian Modehn am 26.5.2017

1. Die zentrale These:

Gott ist ein Produkt, ein von Menschen Gemachtes. Gott hat also keine eigene, selbständige Wirklichkeit und Lebendigkeit. Gott ist als Menschengeschöpf also manipulierbar. Der Glaube an diesen Gott führt den Menschen in himmlische, illusorische Welten; der Glaube an Gott ist also für die Emanzipation der Menschen verwerflich. Und eben auch von Menschen abzuschaffen. Ein Leben ohne Gott ist möglich und sogar wünschenswert. Dies ist der Kern der bis heute in weiten Kreisen geglaubten (!) atheistischen Haltung im Sinne von Marx. Und Marx geht über Feuerbach hinaus, indem er die inhaltliche Gestalt der Religion (auch Moral, Theorien) in Verflochtenheit, Gebundenheit und Abhängigkeit von der gegebenen Gesellschaft und ihrer Praxis sieht. Diese Position (sie geht über Feuerbach bereits hinaus) erreicht Marx in der Schrift: „Die Deutsche Ideologie“, verfasst 1845-46. „Das Bewusstsein kann nie etwas Anderes sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess“. Im „Kapital“ Von Marx gehört Religion in die Logik der verkehrten kapitalistischen Welt.

2. Zur Kritik:

Die Beziehung zu Gott als Religion, als gelebte Frömmigkeit, ist tatsächlich immer zwiespältig. Religion kann von den einzelnen gebraucht werden als Beruhigung, Opium, als Flucht aus der Wirklichkeit. Als Phantasterei, in der man sich selbst gefällt („mein persönliches Wundererlebnis“, „mein Heiliger“ usw.) Religion kann krank machen.

Religion wird von den Herrschenden in Politik, Ökonomie und religiösen Institutionen gebraucht und mißbraucht, um die eigene (klerikale) Herrschaft zu stabilisieren, indem sie den Untertanen sagen: Diese Gesellschaftsordnung usw. ist von Gott gewollt: „Ihr schuldet uns, den Herrschenden, von Gott selbst befohlen (in Bibel, Koran usw.), absoluten Gehorsam. Religion stabilisiert Unrechtssysteme. Das sind unleugbare Tatsachen. Insofern verdanken „wir“ Marx viel, dass er auf diese Zusammenhänge leidenschaftlich aufmerksam machte.

3. ABER: Religion als Beziehung zu Gott, verstanden im Bild des Unendendlichen, alles Gründenden, als schöpferische Kraft des Lebendigen, des aus Resignation Befreienden, Unterwürfigkeit Überwindenden, letztlich als kaum zuberührenden Geheimnisses, ist ebenso eine (eher selten vorkommende, aber reale) Möglichkeit des religiösen Menschen. Diese doppelte Gestalt der (christlichen, katholischen) Religion hat der kritische Marxist Antonio Gramsci (1891 – 1937) herausgearbeitet. Gramsci entdeckte die utopischen Momente IN der konkreten Religion. Marx denkt Religion noch zu wenig differenziert.

4. Man kann für eine vernünftig begründete Religion angesichts von Marx und Feierbach auf zwei Ebenen argumentieren:  Indem man für eine nicht—parteigebundene, also selbstkritische Philosophie des Geistes rekurriert. Sie ist trotz aller zweifelsfrei vorhandenen Klassenkämpfe gestern und heute gültig! Denn auch Marx selbst kann auf die Formulierung von Idealen der künftigen Gesellschaft nicht verzichten, also dann doch nicht auf Philosophie verzichten. Die Reflexion auf das selbstbewusste geistige Leben des Menschen findet also offenbar immer statt. Die Implikationen dieses selbstbewussten geistigen Lebens freizulegen ist dann Thema der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie.

Es geht also um die Frage: Ist die befreiende Religion als ausdrückliche Gestaltung der Beziehung zu einer selbständigen, von Menschen nicht manipulierbaren göttlichen Wirklichkeit, etwas, das sich im menschlichen Leben, im menschlichen Geist, der Vernunft, selbst zeigt? Nur wenn dies der Fall ist, wenn das Göttliche also eine unabwerfbare Wirklichkeit im Menschen ist, hat Religion Sinn, verstanden als nicht schädliche, negativ wirkende, bloß beruhigende und deswegen antiemanzipatorische, nicht-opiumhafte Wirklichkeit.

5. Zur Begründung eines religiösen Glaubens “trotz” Marx/Feuerbach:

Die in 4. angedeutete Möglichkeit einer vernünftig vertretbaren und lebbaren Beziehung zu Gott (Glauben) hat Argumente, zum Beispiel:

Im ethischen Bereich: Die im Gewissen (bei gesunden Menschen) sich zeigende Aufforderung, gut zu sein, ist etwas vom Menschen selbst Unabwerfbares. Es kann durch lange Praxis des Negativen (Verbrechen) zwar fast still gelegt werden. Wobei der Verbrecher selbst noch meint, zumindest für sich selbst egoistisch Gutes zu tun.

Im Umgang mit Wahrheit: Wahrhaftig zu sein ist eine vom Menschen nicht manipulierbare Forderung des ebenfalls niemals total „abzustellenden“ Gewissens, auch wenn dieser sich selbst zeigende Gewissensspruch oft ignoriert wird. Selbst der größte Lügner behauptet für sich und für andere, nach außen, die Wahrheit zu sagen.

Im Umgang mit Schönheit: Selbst der größte Kitsch wird von Kitsch-Gebrauchern noch als schön erlebt, das Massenprodukt „Der röhrende Hirsch“ wird von vielen als schön erlebt…

Mit anderen Worten: In unserem Geist sind wir verwiesen auf apriorische, d.h. schon vor aller Praxis vorgegebene Strukturen, die auf etwas Absolutes verweisen. Diese nicht abzuwerfenden Bindungen an Gutsein, Wahrhaftigsein und den Sinn für Schönes sind formale Bestimmungen, sie sind konkret – historisch aber immer wieder neu inhaltlich gefüllt. Darin zeigt sich eine inhaltliche Relativität bei einer formalen Unbedingtheit. Im menschlichen Geist spielt sich mehr ab als banale manipulierbare Alltäglichkeit. Der menschliche Geist als solcher hat dann offenbar bei allen Menschen, die Geist haben, Dimensionen von etwas Absolutem. Das zeigt nur: Der Geist des Menschen ist mehr als das manipulierbare Etwas eines klugen Tiers.

Im alltäglichen Leben setzen wir immer wieder in der Lebenspraxis Sinn, wir gehen davon aus, dass die nächsten Aktionen unseres Lebens sinnvoll sind, in diesen einzelnen Sinn-Schritten und einzelnen Sinn-Bejahungen wird immer ein größer, letzter Sinn mit-bejaht.

In der Frage nach der „letzten“ Herkunft des Menschen und der Welt werden wir auf etwas Gründendes, Alles Gründendes verwiesen: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts? Diese Frage kann kein Physiker und kein Neurowissenschaftler, auch kein Richard Dowkins beantworten.

6. Diese Beispiele aus der Existenz-Erfahrung zum Absoluten sind Spuren, die unsere Verbindung mit etwas über den endlichen Menschen Hinausweisendes deutlich machen. Sie sind, weil es sich eben um nicht-alltägliche, banale Strukturen handelt, eben nur in einer über das banale Denken (der Zweckrationalität etwa) hinausgehenden meditativen Denkhaltung wahr-zunehmen. Diese über das Alltägliche hinausgehende Wirklichkeit wird in verschiedenen Kulturen selbstverständlich verschieden benannt. Es kommt nur darauf an, in der endlichen Welt Spuren zu entdecken, die das Verschlossensein in Endliches sprengen.

Dieses Transzendieren ist die elementare Form religiösen Lebens, es äußert sich auch im künstlerischen Erleben und etwa in der erotischen und sich anderen hingebenden, solidarischen Praxis.

7. Aber diese hier angedeutete Spur zum Absoluten IN uns ist als religiöse Haltung etwas Einfaches, Elementares, in wenigen Worten, oft in Poesie, oft in Musik und Kunst und Eros, Aussagbares. Alle aufgeblähte Dogmatik ist dieser Erfahrung zuwider. Diese aufgeblähte Dogmatik lieben aufgeblähte Kleriker als religiöse Herrscher.

Im Transzendieren kann sich eine Lebendigkeit und eigene Kreativität zeigen, also alles andere ist als beruhigendes und letztlich tötendes Opium.

Diese elementare Form der Beziehung zu einer göttlichen Wirklichkeit gilt es zu bedenken. Die vielen Dogmen der vielen großen Kirchen stören eher diese elementare religiöse Beziehung.

8. Die existentiell tragende religiöse Beziehung zu einem gründenden absoluten Geheimnis, das die hilflose Sprache nun Gott nennt, kann der einzelne meditativ erschließen und für sich als Höhepunkt „feiern“.

Besser aber ist der Austausch mit anderen über diese Lebenserfahrungen in kleinen Gruppen, manchmal auch Gemeinden. Aber für viele religiöse Mensche vernichten die großen Kirchen mit ihren vielen Liedern (banaler Art oft) und ihrem liturgischen Pomp und ihrer klerikalen Machtstruktur diese Erfahrungen, die sich in der vernünftigen Reflexion erschließen. Es gibt leider nur wenige christliche Kirchen, die diese beschriebene Haltung der Offenheit, auch im Dogmatischen und Moralischen, selbstverständlich leben. Dazu gehört die niederländische Kirche der Remonstranten.

Wenn es darum geht: An welche religiösen Traditionen kann ich mich halten, ist die Vernunft das Kriterium. Nicht etwa eine andere religiöse Tradition.

9. Wenn Marx zurecht die Verwirklichung des menschlichen Lebens in der Praxis sieht, vor allem in der gesellschaftlichen Praxis, die die Entfremdungen überwindet und den unterdrückten Massen Lebenschancen und Gleichberechtigung erwirkt, dann ist dies eine politische Form der Nächstenliebe.

In dieser Praxis der Nächstenliebe kommen religiöse und nichtreligiöse Menschen zusammen. Sie finden im gemeinsamen Tun eine humane Basis der Praxis und finden eine neue Nähe der bisher nur ideologisch getrennt Lebenden. Für diese gemeinsame Praxis Glaubender und Nicht – Religöser gibt es im Alltag zahlreiche Beispiele.

10. Marx, der Religion abschaffen wollte, erlebte bei jenen, die den Marxismus in der Sowjetunion und den Ostblock-Staaten angeblich verwirklichten, neue Formen des Religiösen: Die angeblich heilige, d.h. immer Recht habende Partei (KP), die Parteifeste, die Lieder, die kommunistischen Liturgien (Parteitage und die Floskeln…). D.h. auch der Kommunismus, der religionslos sein wollte, wurde wie von selbst auch (säkular) religiös. D.h. die religiöse Dimension im Menschen wurde umgeleitet, sie ist eben nicht klein zu kriegen. Die Idee des Kommunismus ist damit nicht obsolet geworden! So wie auch die Bergpredigt Jesu von Nazareth nicht deswegen obsolet und ungültig ist, weil die Kirchen(führungen) diese Weisungen niemals ins praktische Leben einbezogen haben.

 

Copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Das Kreuz auf dem Berliner “Schloss” ist schon längst da!

Ein Hinweis von Christian Modehn

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Dieser Beitrag erscheint in der Rubrik „Philosophische Satire“, darin wurde kürzlich die TRUMP-Hymne veröffentlicht, der Titel: „Ich bete an die Macht der Lüge“…

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Bevor der kleine, aber nicht lächerliche Kulturkampf um das Kreuz auf dem neu errichteten Berliner Schloss bzw. dem Humboldt-Forum weiter eskaliert: Ein Vorschlag der Güte und der allgemeinen Beruhigung im Sinne einer Beendigung der Debatte: Denn diese raubt geistige Energien für dringendere Fragen: Etwa, was denn nun in diesem Schloß – ähnlichen Gebäude tatsächlich Wichtiges und für die Menschheit Weiterführendes passieren soll. Darüber sollte man entscheiden im Sinne des weit und liberal denkenden Humboldt und nicht der einstigen, weithin verkalkten Schlossherren.

Also: Die Erkenntnis heißt:

Liebe Verehrer des Kreuzes auf dem so genannten nachgebauten Berliner Schloss: Erhebt nur euren frommen und rückwärtsgewandten Blick ein bisschen nach oben, wenn ihr vor eurem Gebäude steht und Richtung Alexanderplatz schaut. Denn da seht ihr mindestens meist nachmittags – so Gott und das Wetter wollen – doch immer schon ein Kreuz. Ein wirklich tolles, strahlendes Kreuz, das förmlich die ganze Stadt und auch euer Schloss segnet: Dieses prächtige, nicht zu beseitigende, nicht abzubauende christliche Kreuz ist auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz sichtbar. Es erscheint mit nicht manipulierbarer Regelmäßigkeit, seit Genosse Walter Ulbricht 1969 diesen monumentalen Turm einweihte. Dieses Kreuz ist ein kleines Wunder aus Technik und Wetterlage: Es ist nämlich der kapitalistische Krupp-Stahl (tatsächlich, kein Witz), den Genosse Ulbricht für die Kugel am Turm in ca. 200 m Höhe verwenden ließ; die Luftwirbelung sollte vermindert werden, deswegen wurden ca. 1000 kleine „Pyramiden“ angebracht, sie verringern die Aggressivität der Winde und beschenken ganz Berlin, weithin sichtbar, auch für die Schloss-Herren, mit einem Kreuz, das sich zeigt, wenn die Sonne auf diese kleinen Pyramiden fällt… (Pyramiden erzeugen ein Kreuz: Das wäre fast ein Thema für Religionswissenschaftler oder für eine Meditation von Eugen Drewermann…)

Also: Liebe Schlossherren, ihr habt doch schon seit langem euer Kreuz! Schaut nur nach oben. Sehr genau etwas weiter! Oder blickt auch manchmal selbstverständlich kurz links zur Seite, denn seht ihr, dass der sehr benachbarte Berliner Dom ja auch noch nicht mit einem Halbmond oder einem Judenstern geschmückt ist, sondern immer noch mit einem euch so teuren und so kulturell prägenden Kreuz. Noch ein Kreuz auf dem so genannten neuen Schloss ist doch ein bisschen zu viel für Stadt, in der zwei Drittel der Bewohner vom christlichen Kreuz gar nicht soviel halten. Sonst fällt bald das Stichwort Kreuzzüge und ihr werdet bald Kreuzritter genannt, auch nicht so sympathisch, oder vielleicht doch, wenn man an „die“ Muslime denkt…

Ein weiter führender Vorschlag der Güte, den sicher die katholische Kirche Berlins auf der Suche nach Attraktionen sofort realisieren wird: Dadurch, dass das Kreuz auf Genosse Ulbrichts Fernsehturm tapfer nach wie vor erscheint sollte man unten, neben dem Turm, ein Wallfahrtszentrum einrichten: „Zum heiligen Kreuz am atheistischen Alex“ wäre der Titel. Denn letztlich besehen, bei einer nun einmal fromm argumentierenden Theologie, ist das Kreuz auf Genosse Ulbrichts Fernsehturm doch wirklich ein Wunder: Ein Geschenk des lieben Gottes an die damals (auch heute noch sozial) gespaltene Stadt. Ich kenne Leute, die Wunder bezeugen würden als Bestätigung dieses Kreuzeswunders. Einer sagte mir: Das größte Wunder ist, dass die Berliner noch nicht das Rote Rathaus gestürmt haben, um die Politiker zu vertreiben, die etwa den Neubau des Flughafens Schönefeld vermasseln und dabei Milliarden Euro verschleudern…

Für dieses Gottesgeschenk am Alex sollte man sich als schleunigst bedanken und eben ein Wallfahrtszentrum einrichten, dort könnte für die Einsicht der Politiker nebenan im Rathaus gebetet werden. Falls es diese gibt, wäre ein zweites Wunder passiert. Vielleicht könnte der Marien-Wallfahrstort Fatima logistisch am Alex behilflich sein. Vielleicht war eines der Fatima-Geheimnisse gar auf das Kreuz an Walters Fernsehtrum bezogen, war das Kreuz eine stille Voraussage der Wende? Fatima weiß es… In jedem Fall sollte der Wallfahrtsort am Alex dem tatsächlich vorhandenen „Kreuzorden“ zur Leitung übergeben werden. Dieser reaktionäre römisch katholische Orden, weltweit 130 Mitglieder, ist ja bekanntlich (auch dies ist für Nicht-Insider gesagt, kein Witz) mit dem katholisch-sektiererischen „Engelwerk“ (Opus Angelorum) verbunden, also jener immer noch bestehenden römisch-katholischen Organisation, die die fromme Frau Garbriele Bitterlich begründete. Ein Engelorden in den luftigen Himmels-Höhen des Fernsehturms, das wäre doch großartig. Und die vielen Pilger könnten dann gleich weiter pilgern zum Humboldt Forum., falls da noch interessante Programme zustande kommen.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest

PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest… und ein politisches Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.5. 2017

Kein Fest der Christen ist vielen so unbekannt wie Pfingsten. Das sagen hingegen nicht (klassische, „idealistische“) Philosophen. Denn Pfingsten ist auch ihr Fest, das Fest des sich selbst reflektierenden Geistes, also der Vernunft. Wir feiern, auch trotz der Linkshegelianer und Marxisten, naturgemäß eben auch, moderat, Hegel, den Meister des absoluten Geistes … zu Pfingsten. Dass diese philosophische Haltung politisch-kritisch ist, habe ich 2016 in einem eigenen Beitrag darzustellen versucht, siehe weiter unten….

Pfingsten und Himmelfahrt und Ostern: Diese drei christlichen Feste, beziehen sich auf eine und dieselbe Einsicht der frühen Christen: Ihnen kam nach der Ermordung Jesu am Kreuz  die Erleuchtung, um es mal buddhistisch angehaucht, aber heutzutage verständlich zu sagen, als die gemeinsam geteilte Einsicht: Der verstorbene Jesus von Nazareth,  dieser wunderbare Mensch, lebt auf ungeahnte Weise über den Tod hinaus in ewiger Gegenwart. Diese Einsicht, diese Erleuchtung, wird zu Pfingsten explizit gefeiert. D.h.: Das Ewige ist im Menschen. Es hat auch Jesus ins weite Leben geführt – wie es alle anderen Menschen auch, weil alle mit dem Ewigen „begabt“. Pfingsten also ein Fest dieser fundamentalen Einsicht. Und der Versuch, all die unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft, Gemeinde, genannt, zu versammeln.

Nun zum Zusammenhang von Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten…

Warum werden eigentlich in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Haben diese Gedenktage und Feste denn alle einen grundlegend verschiedenen Inhalt? Die Antwort vorweggenommen, siehe Weiteres unten, heißt: Nein. Es ist vielmehr der gleiche Inhalt, der an den drei verschiedenen Gedenktagen bzw. Feiertagen bedacht wird.

Dass die Kirchen dreimal in kurzem zeitlichen Abstand Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten feiern, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, Feste eben „feste“ zu feiern und vor allem: Es hängt vor allem mit dem so genannten Kirchenjahr zusammen, das sich auf das säkulare Jahr „legt“, allerdings mit anderen Neujahrstagen und anderen Silvestertagen: Neujahr im Kirchenjahr ist nicht der 1.Januar, sondern jeweils der erste Sonntag im Advent. Und Silvester als der letzte Tag des (weltlichen) Jahres ist im Kirchenjahr förmlich der Sonntag vor dem 1. Adventssonntag, der in evangelischen Kreisen „Ewigkeitssonntag“ genannt wird. Das Kirchenjahr mit einem eigenen Anfang und eigenen Ende folgt den Lehren der Kirche, also von der Erwartung Jesu Christi (Advent) bis zum Ende der Welt…Und darin sind Ostern, Himmelfahrt Jesu Christi und Pfingsten platziert.

Mit diesem Sonder-Kalender wollen die Kirchen signalisieren, dass sie doch nicht ganz den Rhythmen der weltlichen Zeit und der Welt folgen wollen. Darum wurde auch früher, als die Menschen noch stärker christlich und vor allem deutlicher katholisch geprägt waren, der Namenstag (bezogen auf einen Heiligen im Kirchenjahr !) viel besser gefeiert als der (natürliche) Geburtstag, der sozusagen zur weltlichen Zeit gehört. Ein Christ feiert den christlichen Namenstag, hieß und heißt die Devise. Damit wurde zugleich dem Menschen ein leibhaftiges Vorbild vor Augen gestellt… wenn es denn eines war: Einen heiligen Georg soll es als historische Person nicht gegeben haben….

1. Ostern bedeutet als das Fest und als Form des Gedenkens: Nach dem historisch stattgefundenen Tod (der Kreuzigung) Jesu von Nazareth kommen die Jünger nach einer Zeit der Trauer und Depression zu der gemeinsam geteilten, aber in unterschiedlichen Sprachformen übermittelten Überzeugung: Dieser Jesus von Nazareth, dieser vorbildliche Mensch, den wir liebten, der uns liebte, kann nicht im Nichts verschwunden sein. Er lebt auf neue Art; er wird als auf neue Art Lebendiger von der Gemeinde erlebt. Dies ist – kurz gesagt – Ostern als das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist eine begründbare Überzeugung für die Gemeinde, weil sie wissen: Das Ewige und in dem Sinne Göttliche ist bereits eine unabwerfbare, freilich in einer oberflächlich-kapitalistischen Welt übersehbare Wirklichkeit im Menschen. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann nicht untergehen im Tod. Deswegen sagt auch der Apostel Paulus: Jesus Christus zeigt sich nur als der Erste, der vom Tod Auferweckten. Ein historisches, greifbares datierbares Ereignis (für Historiker) ist die Auferstehung Jesu von Nazareth selbstverständlich nicht. Die Rede vom leeren Grab ist ein Bild, mehr nicht. Der Tod ist überwunden, auch wenn der Körper im Grab liegt. Das letzte historisch – fixierbare Datum aus Jesu Leben ist der Prozess, die Kreuzigung und der Tod am Kreuz. Historisch greifbar als Ereignis ist hingegen die Überzeugung der ersten Christengemeinde: Dieser Jesus lebt für uns in der göttlichen Wirklichkeit. Und dahin gelangen auch wir – wie auch immer – nach dem Tod unseres Körpers.

2. Und damit sind wir bei dem, was Christi Himmelfahrt meint: Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung, die schon zu Ostern deutlich wurde: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise für den Ort des Göttlichen hält, im „Himmel“. Das Fest Christi Himmelfahrt ist also ein Variante des Osterfestes.

3. Und Pfingsten? An dem Gedenk- und Feiertag wird klar: Die erste Gemeinde hat die innere Voraussetzung für ihre Überzeugung bezüglich Ostern und Christi Himmelfahrt reflektiert: Und sie weiß dann im gemeinsamen Sprechen, fragen und Nachdenken: Dass wir erste Christen überzeugt sind, dass Jesus von Nazareth auf eine unvorstellbare Weise lebt, ist förmlich ein Geschenk, ein Geistes-Blitz, ein Widerfahrnis, womit eigentlich niemand gerechnet hat.

Insofern ist Pfingsten das Fest der Einsicht, der überwältigenden Erkenntnis, des Geistesgeschenks. Und dies führt die Menschen zusammen, etwa in Gemeinden und Kirchen. Dass später dann in charismatischen und pfingstlerischen Gemeinden der emotionale Überschwung begann, das Trallala, die Zungenrede, die merkwürdig (abstoßenden) Geistes-Heilungen usw., ist, geistvoll betrachtet, ein Irrweg. Pfingsten ist vielmehr das Fest des kritischen Nachdenkens über das Leben in dieser Welt, selbstverständlich sollte sich diese Überzeugung auch körperlich ausdrücken, im Tanz, der Bewegung, dem gemeinsamen Unterwegssein.

Die Kirche als vom Geist gegründete ist eigentlich der Ort, wo die Vernunft ihren Ehrenplatz hat. Aber leider de facto selten hat. Siehe die Ablehnung der Philosophie durch Luther, die Ablehnung des modernen Humanismus usw. Da haben dann philosophische Salons ihre Aufgabe!

Natürlich lässt sich Pfingsten auch säkular feiern: Indem man reflektiert und die Frage stellt: Ist denn alles erlebte Geschehen des Geistes (Liebe, Eros, Kunst usw.) in mir und in anderen nicht auch ein Geschenk, eine Gabe, ein geistvoller Zu-Fall? Pfingsten befreit also von der Banalität des angeblich bloß grauen Alltags.

Christen feiern Pfingsten zudem als Fest der Gleichberechtigung aller Menschen: Denn alle haben den heiligen Geist. Der Geist wird nun heilig! Bekanntlich konnten die vielen Christen aus vielen Kulturen und Sprachen – laut Bericht der Apostelgeschichte – einander nicht nur verstehen, sie respektierten auch einander. Insofern ist Pfingsten dann doch auch ein Fest der absolut, also göttlich gewollten Pluralität der Menschen und ihrer vielfältigen Kulturen; selbstverständlich haben alle Kulturen und alle Menschen das gleiche Lebensrecht! Insofern ist Pfingsten auch das Fest der universalen Menschenrechte. Die Kirchen sollten eigentlich Modelle sein für dieses multikulturelle Zusammenleben, sind sie aber leider eher selten. Im Ausgrenzen von „anderen“ sind auch die Kirchen sehr erfahren und immer noch fixiert. Man denke nur an die aktuellen furchtbaren Hasstiraden des Patriarchen Kirill von Moskau gegen Homosexuelle. Solche Leute wie Kirill als mächtige, stinkend reiche Staatstheologen Putins sind (noch) nicht vom Geist berührt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mein Beitrag zu Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Das Wissen ist: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere. Sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden… zum Besseren.

Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein zeigt in Umrissen eine neue Welt, dieses Nein ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden.

In der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten usw. hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst Franziskus doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grund stürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen, nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher; sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher, abgesehen von Events, wie den Kirchentagen. Danach tritt wieder die erstarrung ein, im römischen Katholizismus herrscht ohnehin Erstarrrung, trotz des munteren Papstes… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: Eher nicht, es ist schon zu spät, zu belastend sind die versteinerten Traditionen.

Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 

 

Piusbrüder und Traditionalisten bald mit Rom versöhnt?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14. 5. 2017

Interne Entwicklungen der Kirchen haben immer auch eine religions-politische Bedeutung. Sie zeigen zudem, auf welchem selbstkritischen Niveau sich Kirchen und Konfessionen befinden, wie sehr ihnen also die Werte der Moderne, etwa Menschenrechte und Demokratie, wichtig sind.

Wer die Piusbrüder und mit ihnen die vielen tausend sich katholsich nennenden Traditionalisten weltweit wieder zum festen Bestandteil der römischen Kirche machen will, der holt sich Leute vom politischen Rechtsaußen (Marine Le Pen ist Mitglied der Piusbrüder-Gemeinde Saint Nicolas du Chardonnet, Paris) und fromme Seelen auf einem theologischen Niveau von 1910 wieder in Scharen in die Kirche. Der traditionalistische Wahlspruch heißt „Omnia instaurare in Christo“ – also „alles in Christus gestalten“, also alles, auch die Welt in Christus gestalten! Religiöse Gebote haben Vorrang vor demokratischen,staatlichen Gesetzen, heißt das konkret. Dies ist das fundamentalistisch klingende theologische Motto und Leitprinzip der Piusbrüder, es stammt vom hoch verehrten Papst Pius X. (Papst von 1903 bis 1914).

Nun also will auch Papst Franziskus alles tun, dass diese Herrschaften wieder volle Mitglieder der römischen Kirche werden.

Auf dem Rückflug von Fatima nach Rom sagte der Papst am 13.5. 2017: „Unsere aktuellen Beziehungen zu den Piusbrüdern sind brüderlich, aber es ist noch nicht die Zeit für einen Akkord, eine Übereinstimmung, gegeben. Man studiert weiter dieses Thema. Mit einem der vier (vom Traditionalistenführer Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 unrechtmäßig geweihten Bischöfen) Traditionalistenbischöfe, also mit Bischof Fellay habe ich als Papst gute Beziehungen. Wir haben einige Male zusammen gesprochen, ich will die Sache nicht schnell erledigen, wir müssen gemeinsam gehen, dann sieht man weiter. Dabei geht es nicht um Sieger und Besiegte, nicht um Triumphalismus (seitens Roms“). Es geht dem Papst darum, dass „ Brüder gemeinsam unterwegs sind und dabei gemeinsam die Formel suchen, Schritte nach vorne zu gehen“.

Wenn das nicht für die Kirche ein weiterer Schritt nach hinten, ins Konservative – Reaktionäre wird…

Warum um Himmels willen lässt man in Rom die Piusbrüder nicht machen, was sie wollen? Als eigene Kirche, die sich katholisch nennt? Wenn den Papst dieser Titel „katholisch“ bei den rechtsextremen Traditionalisten stört, warum bemüht er sich dann nicht auch um die Versöhnung , d.h. Übernahme der Alt-Katholiken in die römische Kirche. Diese eher progressiven, die Unfehlbarkeit des Papstes ablehnenden Alt-Katholiken, sollen nicht heim zur Mutterkirche Rom. Und diese wollen dies wohl jetzt auch nicht. Warum also diese beinahe versessen wirkenden Anstrengungen Roms, den Traditionalistenclub der Piusbrüder wieder richtig römisch und papstergeben zu machen? Denken viele Kardinäle und Bischöfe allmählich so, wie die Piusbrüder, lieben sie wie diese so sehr die lateinische still vom Priester gelesen Messe im Ritus von 1550? Kann Rom konfessionelle Vielfalt nicht ertragen, auch nicht die Vielfalt derer, die sich eben auch katholisch nennen? Wir meinen, es zu wissen: es geht um Vor-Herrschaft.

Quelle zu Äußerungen des Papstes im Flugzeug am 13.5. 2017: http://www.la-croix.com/Religion/Catholicisme/Pape/Le-pape-lavion-Fraternite-Saint-Pie-X-Medjugorje-abus-sexuels-2017-05-13-1200846902

Zu weiteren Hinweisen zum Thema Piusbrüder im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon siehe:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sollten nicht alle Menschen zuerst Humanisten sein? Fragen zum Kirchentag 2017 an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken:  Prof. Wilhelm Gräb im Gespräch

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Wer das Programm des Kirchentages in Berlin (vom 24. bis 27.Mai 2017) liest, findet in der Liste „Programm im Überblick“ auf Seite 24 tatsächlich nur zwei Veranstaltungen zum „Dialog mit humanistischen Gemeinschaften“. Man glaubt zu träumen, wenn man bedenkt, dass in Berlin mindestens jeder zweite Einwohner sich konfessionslos nennt. Unter dem Oberbegriff „konfessionslos“ finden sich Menschen wieder, die aus der Kirche ausgetreten sind, Skeptiker, Atheisten oder organisierte Humanisten. Man kann also sagen, dass mindestens die Hälfte der Einwohner Berlins (und Ostdeutschlands sowieso) nicht ins direkte Gespräch des Kirchentages einbezogen ist. Warum haben offenbar die Kirchen und die meisten Theologen Angst, mit Atheisten und Humanisten ins Gespräch zu kommen, der als expliziter Dialog selbstverständlich immer wechselseitige Lernbereitschaft voraussetzt?

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Präsident Macron: Seine Spiritualität und Religion sowie seine Philosophie.

Präsident Emmanuel Macron – über seine Spiritualität und Religion und die Verbundenheit mit der Philosophie

Hinweise von Christian Modehn am 8.5.2017

1. Glaube und Spiritualität

Präsident Emmanuel Macron, geboren am 21. Dezemeber 1977 in Amiens, hat dort die katholische Privatschule „La Providence“ („Die Vorsehung“) unter Leitung des Jesuitenordens besucht. Macron kann sich also wie etliche andere bekannte Politiker durchaus Jesuitenschüler nennen. Im Alter von 12 Jahren ließ er sich, beim Eintritt in die Jesuitenschule, (katholisch) taufen. „Das war eine persönliche Wahl, meine Familie (die Eltern sind Ärzte) war eher mit der „laizistischen Tradition“ verbunden. Die Jesuitenschule hat mich die Disziplin des Geistes und einen Willen zur Öffnung gegenüber der Welt gelehrt. Aber danach, (offenbar beim Verlassen der Schule, CM) habe ich weniger (den Glauben) praktiziert (was in Frankreich bedeutet: die Messe besucht, CM). Heute habe ich eine dauernde Reflexion über die Natur meines eigenen Glaubens. Meine Beziehung zur Spiritualität nährt weiterhin mein Denken, aber ich mache daraus kein Element, irgendetwas (politisch? CM) zu beanspruchen (élément de révendication)“, so Macron im Interview mit der katholischen Wochenzeitung La Vie, Paris, am 15. 12. 2016. Macron betont also, dass für ihn (schon damals) die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben wichtiger war als der spirituelle Aspekt. Das gilt bis heute. Macron lobt ausdrücklich die Werte, die die Caritas (Secours catholique) in ihrem Engagement verteidigt, etwa in der Unterstützung der Wohnungslosen.

Der Kirchenhistoriker Jean-Domique Durand (Lyon) sieht in den politischen Äußerungen Macrons Elemente einer christlichen Kultur, etwa wenn er vom „Wohlwollen gegenüber dem Nächsten“ spricht. Er hat die (frühe) von Offenheit geprägte Flüchtlingspolitik von Angela Merkel gelobt. Zu dem lange diskutierten Thema der „christlichen Wurzeln Europas“ meint Durand bezogen auf Macron: Er würde die „christlichen Wurzeln Europas“ nicht offiziell anerkannt sehen wollen.

Zu Papst Franziskus hat sich Macron in „La Vie“ geäußert: „Im Unterschied zu den Präsidentschaftskandidaten Fillon oder Hamon werde ich nicht eine Nähe oder eine enge Verbindung mit dem Papst fordern und suchen. Aber als politisch entscheidender Akteur hat der Papst mutige Entscheidungen getroffen, die auch mit meinen Werten verbunden sind. Besonders in der Frage der Migranten hat der Papst an die Pflicht Europas erinnert und – aus einem geopolitischen, moralischen und philosophischen Gesichtspunkt – an den Unterschied zwischen einem Migranten und einem Flüchtling“. Quelle:

http://www.lavie.fr/dossiers/invites-politique-de-la-redaction/foi-laicite-europe-emmanuel-macron-en-7-extraits-15-12-2016-78648_807.php

Sehr konservative Katholiken lehnen Macron ab, weil er für die Homoehe ist und auch über aktive Sterbehilfe diskutieren will, siehe dazu die einschlägige Zeitschrift “France Catholique”: https://www.france-catholique.fr/Macron-Evangile.html: „Emmanuel Macron a des propositions économiques qui peuvent inquiéter les Français : augmentation de la CSG qui ponctionne déjà les revenus des retraités et des autres, suppression de la Taxe d’habitation pour 80 % des foyers : il faudra bien payer autrement et ce sont les classes moyennes qui devront le faire une fois de plus. En matière de valeurs morales censées être chères aux chrétiens : la faveur pour le mariage homosexuel et la volonté de généraliser la PMA (procréation médicalement assistée) à toutes les femmes qui la demandent sont deux prises de position totalement contraires à la morale de l’Eglise catholique. Les « Chrétiens démocrates » déclarent que Jésus n’était pas attaché à la famille et en concluent sans doute que les positions relativistes ne posent aucun problème ! Or elles sont parfaitement inadmissibles au nom même d’une philosophe politique dans la ligne de Léo Strauss et au nom de la théologie morale catholique“.

2.Zur Philosophie

Interessant ist, dass Macron vor seiner Ausbildung zum Ökonom in den Jahren zwischen 1995 und 2001 Philosophie studierte und das Diplom DEA , also das „diplôme d’études approfondies“, ein Hochschuldiplom, in der Universität „Paris –X. Nanterre“, erlangte, das oft als das erste Jahr eines Promotionsstudiums angesehen wurde. Einige Philosophen, wie der zur Polemik neigende Michel Onfray, aber auch Mitglieder des Fonds Ricoeur haben sich kritisch zu der Annahme geäußert, Macron könne als Philosoph gelten und als solcher auftreten: Sie halten den Titel Macrons als eines Assistenten von Paul Ricoer für überbewertet. Es geht dabei vor allem um die Frage, in welcher konkreten philosophischen Weise Macron als Assistent des protestantischen Philosophen Paul Ricoeur arbeitete. Auch die Philosophie Professorin Myriam Revault de Allonnes hat ihre Bedenken, Macron zu deutlich als Philosophen zu bezeichnen.  Sie sagte, dass Macron wohl nur die Korrekturbögen des Buch „La Memoire, l histoire, l oubli“ von Ricoeur (als Buch 2000 erschienen) korrigiert habe. Macron behauptet auch, von dem marxistischen bzw. kommunistischen Philosophen Etienne Balibar inspiriert zu sein, auch über die intellektuelle Beziehung Macron – Balibar wird unter Philosophen gestritten. Immerhin hat sich Balibar kurz vor der Wahl am 7.5. für Macron eingesetzt. Tatsache ist, dass Macron auch für die eher linke (einst explizit christliche, personalistische Zeitschrift) ESPRIT arbeitete und zum Redaktionskomitee gehörte: Dort wird die „zweifelsfreie philosophische Zuverlässigkeit“ Macrons gelobt, so etwa vom ehemaligen Chefredakteur von ESPRIT, Olivier Mongin. Fünf Beiträge hat Macron (darunter auch Buchbesprechungen) in ESPRIT publiziert, der letzte Artikel erschien 2011. Siehe: http://www.esprit.presse.fr/article/macron-emmanuel/francois-dosse-l-histoire-9396

Als philosophisch gebildeter Politiker hat Macron auch den Philosophen Jürgen Habermas in Berlin am 16. März 2017 getroffen, die Initiative dafür ging von der „Hertie School of Governance“ aus. Habermas lobte in höchsten Töne Macron, weil er entschlossen sei, Europa neu zu gestalten. Auch Sigmar Gabriel (SPD), er kennt Macron aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister, war bei dem Treffen dabei. Die ZEIT berichtete ONLINE am 17.3.2017 über diese Tagung: „Die Europäische Union habe seit der Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon vor knapp zehn Jahren keine gemeinsame Erzählung mehr, so Macron. Ihr fehle ein gemeinsamer Wille, der sich auf ein klares Ziel richte. Europa vertrage aber keinen Stillstand. “Wenn Sie ein zaghafter Europäer sind, sind Sie bereits ein besiegter Europäer”… Auch den Deutschen ruft Macron damit sein “En Marche” entgegen: Vorwärts! “Man kann Wahlen gewinnen, wenn man eine Idee von Europa hat und diese verteidigt”, sagt er. Es sei das deutsch-französische Verhältnis, von dem “das europäische Momentum” ausgehen müsse. Da Misstrauen und uneingelöste Versprechen das Verhältnis der Nachbarn zerrüttet hätten, wirbt Macron dafür, zuallererst diese Beziehung zu erneuern. Dafür will er bei sich selbst anfangen und in Frankreich überfällige Reformen anstoßen”. Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/emmanuel-macron-berlin-sigmar-gabriel-juergen-habermas-frankreich-wahlkampf

3. Die Trennung von Religion und Staat verteidigen

 Macron ist leidenschaftlicher Verteidiger der Laicité, also der seit 1905 gesetzlich verankerten Trennung von Religionen und Staat in Frankreich. Er sagt: „Ich will nicht, dass die Gesellschaft den hegemonialen (Macht orientierten) Versuchungen einer Religion unterworfen ist…Die Laicité erlaubt es, im öffentlichen Raum respektvoll miteinander zu leben, im Respekt der Werte der Republik. … Im öffentlichen Dienst des Staates (service public) ist es sehr wichtig, die Neutralität dieses öffentlichen Dienstes des Staates zu respektieren. Aber die Laicité hat nicht die Berufung, eine republikanische Religion zu fördern“… „Die Republik ist der magische und einzigartige Ort ,der es erlaubt, dass Menschen in der Intensität ihrer Religion leben können. Man verlangt in der Republik, dass die Leute mit ihrer Religion für sich selbst (privat) umgehen, wie sie es wollen und dass sie dabei aber in einem absoluten Respekt vor den Regeln der Republik leben. Im öffentlichen Raum verlange ich von religiösen Menschen nur eine Sache: Dass sie die Regeln (les règles), also auch die Gesetze, absolut respektieren. In seinem eigenen, tiefen Gewissen, denke ich, kann ein praktizierender Katholik meinen, dass die Gesetze seiner Religion die Gesetze der Republik übersteigen. Aber ganz einfach: In jedem Augenblick, wo sich der Katholik im öffentlichen Raum bewegt, sind die Gesetze der Republik größer und wichtiger als die religiösen Gesetze… Die Menschen können das Bedürfnis nach einer Transzendenz haben. Die Republik hat nicht gegen die Transzendenz zu kämpfen. Die Republik hat zu kämpfen, wenn ihre Werte nicht respektiert werden“. (Interview mit dem politischen Magazin Marianne, 2016)

Siehe auch: https://www.franceculture.fr/politique/aux-sources-des-idees-demmanuel-macron

 

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Macron gewählt: Frankreichs Katholiken bleiben sehr rechtslastig. Zur Wahl am 7. 5. 2017

Zur Wahl in Frankreich am 7.5. 2017: Hohe Zustimmung unter Katholiken für Le Pen.

Ein Hinweis von Christian Modehn (Weitere aktuelle Informationen, auch zur Ideologie von Marine Le Pen, warum Papst Franziskus nicht explizit vor Le Pen warnte und zur Rechtslastigkeit französischer Katholiken: klicken Sie hier)

38 Prozent der so genannten praktizierenden Katholiken haben Marine Le Pen von der rechtsradikalen Partei Front National gewählt, so eine Umfrage von IFOP im Auftrag von „La Croix“ und „Le Pélerin“ am 7.5. 2017. Also: Um 4 Prozent höher ist der Anteil der praktizierenden Katholiken für Le Pen gegenüber dem Landes-Durchschnitt von 33,9 für Le Pen.

Ein Detail:

Die bloß gelegentlich die Sonntagsmesse besuchenden Katholiken haben sogar zu 46 Prozent für Marine Le Pen gestimmt. Die regelmäßig praktizierenden Katholiken hingegen „nur“ zu 29 Prozent! Damit haben viele Katholiken, die im ersten Wahlgang noch den bürgerlichen Rechten Fillon wählten, dann am 7. Mai 2017 für Le Pen gestimmt. Und von explizit warnenden Worten der Bischofskonferenz und des Papstes vor Le Pen war ja, wie wir dokumentiert haben, nichts zu vernehmen. Autoritätshörige Katholiken konnten also förmlich mit gutem Gewissen Le Pen wählen….

Für Macron haben 67 Prozent der Protestanten gestimmt, die Muslime haben zu 92 Prozent für Macron gestimmt.

Was die Wahlbeteiligung angeht:
80 % der regelmäßig praktizierenden Katholiken haben an der Wahl am 7. Mai teilgenommen; 76 % der Protestanten haben gewähltund 62 % der Muslime.

Ein Hinweis von La Croix: Cette enquête Ifop a été réalisée en ligne dimanche 7 mai, et à partir d’un cumul d’interviews du 4 au 7 mai, auprès de 4 330 personnes inscrites sur les listes électorales, extraites d’un échantillon de 4 572 personnes dont la représentativité a été assurée par la méthode des quotas. Marge d’erreur de 0,7 à 1,6 point.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wahlen in Frankreich 2017: Rechtslastige Katholiken…

Zur Wahl in Frankreich am 7.Mai 2017 haben wir fünf  interessante Beiträge veröffentlicht. Das besondere Interesse des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin für Frankreich (wie für die Niederlande) ist bekannt. Die genannten Beiträge beziehen sich vor allem auf die Zeiten vor dem 2. Wahlgang am 7. Mai 2017.

  1. Am 4. Mai: “Es ist eine Schande katholisch zu sein”. Frankreichs Katholiken sind über die Bischofskonferenz entsetzt. Klicken Sie hier.
  2. Papst Franziskus warnt NICHT vor Le Pen. Ein Skandal. Klicken Sie hier.
  3. Zu einem neuen Dokument der französischen Bischöfe, die sich nicht entschieden gegen Le Pen aussprechen, hier: klicken Sie 
  4. Zum Wahlverhalten der Katholiken und anderer Religionen im 1. Wahlgang am 23.4.2017, bitte hier klicken.
  5. Zum ideologisch “philosophischen Hintergrund” des Front National und von Madame Le Pen (und der Nouvelle Droite) bitte hier klicken.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der erste Lutheraner in den Niederlanden: Der Augustiner Hendrik van Zutphen

Der erste Lutheraner in den Niederlanden: Der Augustiner Hendrik van Zutphen, später der „Bremer Reformator“ genannt.

Von Christian Modehn am 4.5.2017. (Dieser Beitrag erschien am 28. April 2017 in kürzerer Form in der Zeitschrift Publik – Forum).

Über die Bedeutung und Wirkung des Augustinermönches Martin Luther für seine usprüngliche spirituelle “Familie”, also die Mitglieder seines Ordens (O.E.S.A. ist die damalige lateinische Abkürzung, also Augustiner-Eremiten, wie der Orden mit dem Zusatz „Eremiten“ bis ca. 1970 noch hieß) ist meines Wissens insgesamt, auch in diesem Jahr des Reformations – und Luther-Gedenkens sehr wenig publiziert worden. Dabei macht schon diese sehr kleine Studie zu den Niederlanden und den dortigen Augustinern deutlich, dass der Einfluss des Reformators und Augustiners Luther schon sehr früh sehr für den AugustinerOrden bedeutend war.

In den Niederlanden hatten sich die Lehren Martin Luthers schon 1518 herumgesprochen. Seine Schriften wurden 1519 in Antwerpen und Leiden veröffentlicht. Schon im gleichen Jahr befahl Kaiser Karl V., „alle lutherischen Bücher in den Niederlanden zu verbrennen“. Es waren vor allem Augustiner, die sich nicht einschüchtern ließen und sehr früh, von ihrem Mitbruder in Wittenberg inspiriert, mit der Reform kirchlichen Lebens begannen. Ein Zentrum war das Kloster in Dordrecht (bei Rotterdam) mit ihrem Prior Hendrik van Zutphen, der den Ordensnamen Pater Johannes hatte. 1489 in Zutphen geboren, wurde er schon 1516 Leiter des Klosters. Er setzte sich sofort für die Wiederherstellung der strengen Ordenszucht ein. Der katholischen Stadtverwaltung missfielen seine „evangelischen“ Predigten, sie vertrieb ihn und vier weitere Mönche. Sie fanden 1519 Zuflucht in Antwerpen: Aber selbst dort, der eher liberalen Stadt, wurden große Gruppen reformgesinnter Augustiner verhaftet. Hendrik van Zutphen konnte nach Wittenberg fliehen, in eine Stadt, die er schon kannte: Er hatte dort schon von 1508 bis 1512 studiert und Luther kennen gelernt.

Hendrik erlebte nun, wie sich Luther der päpstlichen Androhung des Bannes widersetzte und das päpstliche Schreiben, die „Bulle“, öffentlich verbrannte: So kam es zum definitiven Bruch mit Rom. Hendrik studierte in dieser turbulenten Zeit vor allem die Theologie des Römerbriefes, sein Studium schloss er mit dem Lizenziat ab. In „73 Thesen“ entwickelte er 1521 seine eigene Theologie: Er wandte sich etwa gegen die „stille Privatmesse“, die man für Geld zum Heil der Seelen bestellen konnte. Für ihn galt: „Die Eucharistiefeier kann niemals als ein neues unblutiges Opfer Christi verstanden werden. Die Messe ist vielmehr eine zeichenhafte Mahlzeit von Glaube und Liebe“.

Luther müssen diese Thesen gefallen haben: Er ließ Hendrik von der Wartburg aus grüßen. Als Hendrik hörte, dass in den Niederlanden immer mehr Evangelische verfolgt werden, kehrte er zur Unterstützung nach Antwerpen zurück. Dort wurde er als Prediger vom Volk gefeiert: Aber die katholische Obrigkeit wollte keine religiöse Vielfalt dulden: Sie ließ die Augustiner verhaften. Hendrik wurde allerdings in höchster Not vom empörten Volk befreit. Seine Mitbrüder Johannes van Esschen und Hendrik Vos werden 1523 auf dem Scheiterhaufen in Brüssel verbrannt. Hendrik gelangte über Enkhuizen und seine Heimatstadt Zutphen nach Bremen: Dort traf er Bekannte aus Studienzeiten in Wittenberg. Seine Predigten in der St. Ansgarii Kapelle fanden viel Zuspruch, sogar die Zustimmung des Stadtrates, aber den Widerspruch des Klerus. Hendrik wurde „zum Bremer Reformator“. Dort setzte er sich für Jacobus Probst ein, den Prior des Antwerpener Augustiner Klosters: Er hatte geheiratet und suchte nun in Bremen eine neue Stelle.

Unter allen Orden waren die Augustiner am deutlichsten von der Reformbewegung Luthers betroffen. Allein in Deutschland sind 69 von 160 Augustinerklöstern aufgelöst worden. (Weitere aktuelle Hinweise zu dem Aspekt, am Ende des Beitrags).

Hendrik van Zutphen war im Oktober 1524 aus dem Orden ausgetreten. Aber „er wolle niemals vom Evangelium schweigen… solange, bis ich den Lauf dieses Lebens vollendet habe.“ Darum folgte er im November 1524 einer Einladung, in Meldorf, Dithmarschen, zu predigen. Das Volk war wiederum begeistert, aber der dortige Klerus, vor allem der Dominikaner Pater Augustinus Torneborch, sorgte schon im Dezember 1524 für seine Verhaftung: Hendrik wurde nach Heide geschleppt, dort erst halb totgeschlagen, dann ins Feuer geworfen: Weil der Körper aber nur etwas verkohlte, wurden Kopf, Hände, Füße abgeschnitten und der Rumpf unter Spottgesängen verscharrt. Am 10.Dezember 1524 wurde das Leben des ersten niederländischen Lutheraners und „Bremer Reformators“ beendet.

Luther war entsetzt, als er davon hörte. Er verfasste die Erinnerungsschrift „Historie von Bruder Heinrich von Zutphens Märtyrtode“.

Im ganzen gesehen konnte sich die lutherische Reformation in Holland nicht durchsetzen. Luther selbst hatte 1530 den Evangelischen dort empfohlen, entweder in aller Stille außerhalb der Öffentlichkeit Gottesdienste zu feiern oder zu jenen Fürsten auszuwandern, die reformfreundlich sind. „Dieser Standpunkt schließt ganz an seine Neigung an, Unterstützung bei der Obrigkeit zu suchen. Das niederländische Volk mochte das nicht. Es wandte sich eher der radikalen Bewegung der Wiedertäufer zu und dann dem militanten Calvinismus“, so der Historiker Johan Decavele.

In den Niederlanden selbst gilt als der erste, also dort getötete, lutherische Märtyrer Jan de Bakker, am 15.9.1525 wurde er verbrannt. Und, interessanterweise möchte man fast sagen, gab es eine lutherische Märtyrerin, Wendelmoet Claesdochter, sie wurde am 20. November 1527 von Katholiken verbrannt.

Nebenbei: Wer diese Geschichte konfessionell bedingter Grausamkeit, etwa im 16. Jahrhundert, bedenkt, kommt schnell zu Vergleichen der Brutalität und des Sich – Abschlachtens, die sich heute Sunniten und Schiiten antun. Man bedenke nur: Noch vor 70 Jahren haben sich Katholiken und Protestanten in Deutschland verachtet und ignoriert und bekämpft. Die ökumenische Bewegung unter den Christen gilt es auch als Friedensbewegung zu interpretieren. Gibt es eigentlich eine ökumenische Bewegung unter den verfeindeten muslimischen Konfessionen?

Ein aktueller Hinweis:

Wie stark die Mentalität des Augustinerordens davon bestimmt ist, dass in katholischer Sicht der Ketzer und Kirchengründer und Kritiker des Mönchswesens Martin Luther einmal zum Orden gehörte, ist eine offene Frage. Tatsache ist, dass der Augustinerorden seitdem nicht gerade besonders theologisch Mutige hervorgebracht hat, von den Augustinern in den Niederlanden vielleicht abgesehen. Offenbar wollte der Orden nicht beim Papst „auffallen“, mutig war hingegen der Augustiner Gregory Baum (geboren 1923 in Berlin): Er hat als Theologe das Zweite Vatikanische Konzil geprägt. Aber Gregory Baum hat später den Augustinerorden verlassen und das Priesteramt aufgegeben. Im französischen Augustinerorden, den Assumptionisten, gab es in den achtziger Jahren Professor Daniel Olivier, er war ein großer Luther-Spezialist, in meiner Erinnerung an persönliche Begegnungen war er förmlich ein Lutheraner geworden. Entsprechend groß war die Rezeption seines Denkens in der katholischen Kirche. Solche intimen Luther-Kenner wie Pater Olivier hat der Augustinerorden (OSA) nie hervorgebracht. Wie überhaupt alle Orden im Reformationsgedenken 2017 schweigen zu der Frage: Wie kann man heute trotz Luther noch Mönch und Nonne sein. Da ist absolut nichts zu vernehmen.

 

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„Es ist eine Schande, katholisch zu sein“: Frankreichs Katholiken sind jetzt über die Bischofskonferenz entsetzt.

„Es ist eine Schande, katholisch zu sein“. Frankreichs Katholiken sind jetzt über die Bischofskonferenz entsetzt

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4. Mai 2017

Zwei prominente französische Katholiken sagen es offen: „Es ist heute eine Schande katholisch zu sein – bei dieser verängstigten Bischofskonferenz gegenüber dem Front National und Marine Le Pen“. Der Theologe Christian Delahaye und der Journalist Henri Tincq haben ihr Entsetzen öffentlich gemacht: Denn selbst nach der Fernsehdebatte Macron – Le Pen am Mittwoch, dem 3. Mai, ist die Bischofskonferenz nicht bereit und wohl auch nicht in der Lage, ausdrücklich vor der Wahl von Marine Le Pen zu warnen. Die Front National Führerin Madame Le Pen hatte sich tatsächlich widerwärtig in der so genannten Debatte verhalten, das ist auch bis nach Deutschland gedrungen.

Die Bischofskonferenz, also das oberste Gremium der französischen Kirche, weigert sich also immer noch, vor Le Pen zu warnen. Einzelne Bischöfe sind da etwas mutiger, das haben wir berichtet. Aber das oberste Gremium gibt sich verlogen und tut theologisch progressiv, und sagt: Dass doch die guten und braven Laien selbst entscheiden können, wen man wählen kann. Das ist prinzipiell nett und richtig. Aber dieses im übrigen so äußerst seltene bischöfliche Plädoyer fürs eigene Nachdenken und Verantwortung gilt nur in halbwegs normalen demokratischen Zeiten, wo halbwegs normale demokratische Parteien einander gegenüberstehen. Jetzt aber ist größte Not, weil Le Pen und der FN tatsächlich auf dem Sprung in die höchste Macht sind. Über diese Ignoranz der Bischofskonferenz sind etliche demokratische Katholiken empört. Sie ärgert, dass von den Bischöfen noch nicht einmal die Namen der beiden Kandidaten genannt werden. Ist das etwa vornehme Diskretion, diplomatische Verschlagenheit oder Dummheit? Wahrscheinlich gelten alle drei Haltungen. Die Bischöfe sind die einzigen, die sich mutlos zeigen, der oberste Rat der Protestanten, der Großrabbiner von Frankreich und die „nationale Föderation der Muslime in Frankreich“ empfehlen direkt und namentlich Macron zu wählen. Während die Bischofskonferenz offenbar Rücksicht auf die treuen reaktionären Katholiken nimmt, die offen für Le Pen eintreten, wie die allseits bekannte Erz-Katholikin und Pro-Life-Kämpferin und „homophobistischste“ Christine Boutin, sie predigt jetzt „die revolutionäre Stimmabgabe für Marine Le Pen“. Auch die reaktionären Kreise, die die Massen-Demonstrationen gegen die Homo-Ehe organisier(t)en, wie „Sens commun“, plädieren für Le Pen. Die „Christlich demokratische Partei“ des Monsieur Frédéric Poisson unterstützt le Pen. Es gibt also wieder ein starkes reaktionäres, nationalistisches Milieu im französischen Katholizismus, bis hin zu einzelnen rechtsextrem engagierten Bischöfen, wie die Bischöf Rey, Cattenoz oder Aillet…

Die französische Kirche ist de facto gespalten. Pluralismus ist ja für katholische Verhältnisse etwas Wunderbares. Wenn er nur vernünftig gestaltet wird, wenn also die ängstliche Bischofskonferenz nicht die einzig maßgebliche Stimme in dieser Pluralität ist. Man sieht einmal mehr: Die streng hierarchische, ausschließlich vom Klerus bestimmte katholische Kirche ist ein Hindernis für die Demokratie. Sie ist ein „Unding“, um es mal krass zu sagen. Auch deswegen laufen ja die intelligenteren Leute in Scharen aus dieser Kirche. In Frankreich sind noch 4 % praktizierende Katholiken, vor 30 Jahren waren 26 %… bald macht man in den meisten Kirchen dort das Licht aus. Nicht weil die Katholiken Atheisten geworden sind, von wegen! Es sind Leute, die diese Klerusmacht nicht mehr ertragen. Das muss man im Reformationsgedenken 2017 immer wieder sagen. Damit keine falschen Illusionen oder euphorische Stimmungen aufkommen gegenüber dem so lernbereiten Katholizismus….

Und warum plädieren die Bischöfe nicht explizit für Macron? Weil er die heiligsten Gebote dieser Kirche nicht respektiert, das ist nicht etwa der Glaube an Gott. Oberste Gebote sind: Anti-Homo-Ehe und absolutester Schutz des ungeborenen Lebens. Und diese Dogmen findet Macron nicht so dringend in dieser Welt mit ihren Problemen. Deswegen lehnen ihn die Bischöfe ab. Die Bischöfe in Spanien, Italien, in Lateinamerika denken genauso. Und in Deutschland? Vielleicht auch…

Copyright: Christian Modehn

Der grundlegende Artikel aus der katholischen (!) Tageszeitung La Croix (3.5.2017) zum Schweigen der Bischofskonferenz (!) gegenüber Marine Le Pen und dem FN: http://www.la-croix.com/Religion/Catholicisme/France/Dans-lentre-deux-tours-eveques-sous-pression-2017-05-03-1200844338

Zu Henri Tincq: http://www.slate.fr/story/144646/aujourdhui-jai-honte-detre-catholique

Zu Christian Delahaye: http://www.cathobel.be/2017/04/27/france-theologien-christian-delahaye-fustige-certains-eveques/