Monatsarchiv



„Land ohne Glauben ?“ Christentum im Osten Deutschlands. Ein Film im Rahmen der ARD Themenwoche „Woran glaubst du?“

13. Juni 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Der Film von Kai Voigtländer wurde gesendet im Ersten Programm am 12.6.2017 um 22.45 Uhr

Weiterführende Hinweise von Christian Modehn am 13. 6. 20171.

1. Wieder einmal wurden auch in diesem Film durch abstrakte Begriffe, unvermittelt, sich gegenüberstehende ideologische Gruppen im Osten Deutschlands beschworen: Die (wenigen) „Glaubenden“, die „Religiösen“, wurden als Kirchenmitglieder und gelegentliche Gottesdienstbesucher der Kirchengemeinden dargestellt. Und denen stehen, in dieser Sicht, unvermittelt die vielen „Nicht-Glaubenden“, auch Atheisten, gegenüber; als wären diese eine homogene Masse. Wiederum, wie üblich in einer gedankenlosen Sprache, wurde diese Masse  „konfessionslos“ genannt, also „bekenntnislos“. Als hätten diese Menschen nicht auch ein mindestens privates Bekenntnis, eine Art Lebensphilosophie für ihr eigenes Dasein. Sie sind nur dann „konfessionslos“, wenn man die Definitionsmacht fürs Konfessionelle den Kirchen überlässt. Das ist in einer philosophischen Sicht natürlich falsch: Da hat jeder Mensch seine eigene Konfession. Und jeder glaubt „etwas“.

Dieses gedankenlose Gegeneinander zweier doch nur dem Scheine nach fest fixierter ideologisch geprägter Gruppen in der Gesellschaft ist faktisch aber schon überwunden. Denn es gilt, das tatsächliche Bewusstsein und Selbstbewusstsein dieser Menschen und Gruppen zu wahrzunehmen und zu analysieren. Auch die so genannten Religiösen, also die so genannten kirchlich „Gebundenen“, haben in ihrem eigenen Bewusstsein Momente und Elemente des Unglaubens. Sie sind also gar nicht so kirchlich – dogmatisch „gebunden“, wie die gedankenlose Sprache suggeriert. Gott ist für auch kirchlich religiöse Menschen keineswegs eine feste, identische und zu fassende objektive Wirklichkeit. Gott ist selbstverständlich auch für religiöse Glaubende ein „Such-Begriff“. Dieses Suchen nach einem Lebenssinn verbindet sie aber gerade mit den kirchlich Nicht – Gebundenen, die oft allein wegen ihrer kirchlichen Nicht – Bindung, dann falsch, „Ungläubige“ genannt werden. Denn auch diese Menschen glauben an einen von ihnen selbst gesetzten letzten oder in einer bestimmten Lebensphase eben vor – letzten Sinn, der dann später nach neuen Lebenserfahrungen korrigiert wird usw. Sie alle haben einen oft unthematischen Lebens – Mittelpunkt, etwa den Sport, den Fußball, die Freizeit, den Sex usw. Dort sind die Götter der „Atheisten“ wie der Theisten zu suchen. Auch der Osten ist in der Hinsicht alles andere als gottlos. Wer das beachtet, könnte einen spannenden, überraschenden Film machen.

2.Alle Menschen, auch in dem angeblich atheistischen Osten Deutschlands, sind also miteinander als Menschen verbunden in ihrer vom Menschsein notwenigen Such-Bewegung. Selbst wer sagt, er suche nicht, hat irgendwann einmal aufgehört zu suchen, weil er sich in seiner jetzigen Position eben sicher und wohl fühlt. Jeder kennt also das Suchen nach Sinn. Suchen ist die Basis der verbindenden Menschlichkeit. Suchen ist der Schlüsselbegriff für einen allgemeinen Humanismus. Das wäre ein Thema für die organisierten Humanisten.Das wird deutlich an den gemeinsamen Projekten von kirchlichen und nicht-kirchlichen Leuten, etwa in der Neugestaltung eines alten Kirchengebäudes, im Film in Horburg, Sachsen – Anhalt. Das Kirchengebäude wird gemeinsam für ein Dorf neu genutzt, als Ort der Kommunikation. Kann es für eine Kirchengemeinde etwas Besseres geben, als wenn Menschen unterschiedlicher geistiger Orientierung gemeinsam (!) ein Projekt aufbauen, das der Kommunikation, damit letztlich dem Frieden dient?

3. Leider wurde es in dem genannten Film versäumt zu fragen: Wenn Glaubende und Nichtglaubende gemeinsam ein Kirchengebäude neu nutzen als Kommunikationsort: Dann verändern sich notwendigerweise beide Gruppen: Die Kirchlichen geben ihre bisher allein – bestimmende Macht über den Kirchen – Raum ab. Wenn sie das tun, muss sich die Art ihrer traditionellen Präsentation verändern: Das heißt: Nicht mehr geht der Blick der Menschen von den Bänken aus wie einst in Zeiten der Hierarchie nach vorn, fixiert auf einen Mittelpunkt, einen Pfarrer und eine Kanzel und einen Altar. Sondern: Es müsste eigentlich der KREIS, die Runde, das gleichberechtigte Sitzen (selbstverständlich auf beweglichen Stühlen) normal sein. Alle sind eins und verbunden in der Hinsicht des Suchens. Und die so genannten Ungläubigen überwinden ihren so oft beschworenen Vorbehalt, ein Kirchengebäude überhaupt für längere Zeit zu betreten. Denn nun können sie sich in dem von ihnen ja mitgestalteten Gebäude in einer demokratischen Runde als gleich berechtigte Gruppe wohl fühlen. Dieses Kirchengebäude wird dann „ihre“ Kirche als offener Ort der gemeinsamen (!) Suche nach dem Wohl der einzelnen Bürger dieses Dorfes, der Stadt usw.

4. Es gilt also die theologisch – ideologischen Veränderungen wahrzunehmen, wenn denn tatsächlich Glaubende und Nichtglaubende gemeinsam einen alten oder neuen Kirchenraum nutzen. Für die Kirchen entstehen enorme Chancen: Sie müssen eine neue Sprache finden, den alten und uralten dogmatischen Formel – und Floskelkram beiseite legen und mutig experimentell – theologisch die gläubige Lebensphilosophie als Suchbewegung darstellen. Der christliche Glaube verändert sich mit einer Neugestaltung eines Kirchengebäudes. Das wissen wohl die wenigsten verängstigten Christen. Aber es ist eine Tatsache. Die Atheisten IN dem Kirchengebäude verändern dann den Glauben; so, wie sich die Atheisten durch den Glauben als Such – Bewegung sicher auch ein kleines Bißchen verändern und ihre eigene Spiritualität mitten im Alltag (etwa in der Fürsorge für andere Menschen) entdecken. Spiritualität ist ja bekanntlich nicht immer auf einen Gottesbegriff bezogen. Auch diese Spiritualität der Atheisten habe ich vermisst in dem Film.

5.Die Kirchen müssen sich ihre Schuld eingestehen, dass sie bisher sich selbst eben nicht als Suchbewegung dargestellt haben, sondern als oft spießbürgwerlicher Moral – Club,  und die Kirchen haben permanent eine Insider – Sprache verwendet, die selbst die Gemeindemitglieder nicht mehr verstehen. Kirchen müssen also aufhören, allein Orte der Traditionspflege zu bleiben. Sie könnten die „Transzendenz“ der Alltagssprache entdecken, als Poesie für heute und von heutigen Menschen. Wer versteht noch die ewigen Floskeln: „Der Herr sei mit euch“. „Und mit deinem Geiste“?? Es ist auch die Sprache, die Menschen aus der Kirche treibt und immer schon getrieben hat. Das wissen einige, aber nichts ändert sich in den großen Kirchen.

Ob dazu die Kirchen noch die theologische Kraft haben, muss nicht immer (!) bezweifelt werden. Wenn man bedenkt, dass etwa auch in Magdeburg (und nicht nur in Erfurt oder Halle) für junge „Ungläubige“ in schönen Gotteshäusern (sic) Feiern der Lebenswende stattfinden. Leider zeigte der Film nicht diese Feierstunde. In meinem ARD Film über die Lebenswende –Feiern in Erfurt (mit Pfarrer Hauke) wurden entsprechende berührende Bilder gezeigt, das am Rande. Dies sind Feierstunden für junge Menschen in Kirchengebäuden, in denen eben nicht die klassische Liturgie der alten Sprache und Sprüche „abgehalten“ wird. Da passiert etwas Neues, alle Teilnehmer Verbindendes, nicht Vereinnahmendes, sondern als Suchbewegung ins Freie der Eigenverantwortlichkeit Weisendes. Diese Lebenswende – Feiern sind eine sinnvolle und sicher geistvollere Alternative zu den, Verzeihung, Plattitüden der so genannten und immer noch auch so genannten „Jugendweihe“, wo kein Mensch mehr weiß, wem sich eigentlich die jungen Leute da, nun in der nun kapitalistischen Gesellschaft, „weihen“, wahrscheinlich direkt oder indirekt dem Konsum-Zwang. Aber das am Rande…

6. Wahrscheinlich brauchen die Kirchen überall solche Feierstunden der Lebenswende, an jedem Sonntag als Feier der Unterbrechung des Alltags in ihren Kirchen. Das würde den Gemeinden und den Pfarrern nur viel Arbeit machen… Gottesdienste als Lebensfeiern, was gäbe es Treffenderes?

7. Die so genannten Ungläubigen sollten anerkennen: Ihre tief sitzenden Urteile über „die Gläubigen“ oder „die Kirchen“ sind nicht immer mehr zutreffend. Es gibt einige Bewegungen, es gibt ein bißchen Offenheit in den Kirchen. Die alten antikirchlichen Klischees, aus DDR Zeiten wahrscheinlich eingeimpft, gelten nicht mehr immer. Die Ideologien der Gesellschaft sind in Bewegung geraten. Man muss nur die Bewegung sehen und als solche beschreiben. Und auf alte, versteinerte Begriffe, außerhalb jeder Dialektik, endlich verzichten.

8. Interessant wäre es, in einem Film über die „alten Bundesländer“ einmal eigens theologisch zu fragen: Welchen Glauben haben denn z.B. die rheinischen Kapitalisten, einst Fabrikbesitzer genannt? Oder die führenden Leute der Kölner Karnevalsvereine? Oder die Bierbrauer (Klöster) in Oberbayern? Oder die Banker in Frankfurt am Main? Welchen Glauben haben die deutschen Waffenproduzenten? Und Waffenlieferanten? Sicherlich sind einige von ihnen noch westdeutsche Kirchensteuer –Zahler, also gläubig, in der veralteten Denkweise… Darüber freuen sich die an Milliarden-reichen deutschen Kirchen und pflegen diese Mitglieder! Aber was haben diese genannten Herrschaften vom Evangelium verstanden? Sind in diesen Kreisen nicht auch „Atheisten“ zu suchen? Ist nicht auch die kapitalistische Welt atheistisch? Wer wagt es, solche rhetorischen Fragen zu stellen? Unter gut bezahlten Theologen an den deutschen Universitäten hört man von diesen theologischen Forschungen eher selten etwas. Sie haben Angst und beschäftigen sich vorsichtshalber etwa mit historischen Themen oder fragen zum tausendsten Mal, was denn die angebliche Jungfräulichkeit Marias bedeutet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



„Glauben oder Nichtglauben sind nicht so wichtig“: Aus Anlass der ARD Themenwoche: „Woran glaubst du?“

9. Juni 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Religionskritik, Termine

Aus Anlass der ARD Themenwoche: „Woran glaubst du?“ (vom 11. bis 17. Juni 2017)

Hinweise von Christian Modehn am 9. Juni 2017. Siehe auch den aktuellen Beitrag über einen MDR Film am 12. 6. 2017 über den „Unglauben im Osten Deutschlands“

Ist Glauben oder Unglauben (Atheismus) das größte Problem der Menschheit heute? Also die in eine Theorie, Lehre, verpackte Bejahung oder die Verneinung eines theoretischen und meist dogmatischen Konzepts zur Frage nach dem Letzten, Gründenden, Göttlichen? Die IS- Verbrecher berufen sich zwar auf ihren religiösen Glauben. Aber jeder weiß, dass dieses religiöse Bekenntnis tatsächlich vor allem politische Ansprüche verdeckt.

Sind Glauben oder Nichtglauben (Unglaube) heute die besonders dringlichen Probleme ? Wenn man Glauben oder Atheismus als Form einer Theorie begreift, sicher nicht. Es gehört nur irgendwie zur (modischen ?) Kultur unserer Zeit, nach dem theoretischen Bekenntnis der Menschen zu fragen.

Diese Frage sollte nicht zu hoch gespielt werden. Vor allem auch deswegen, weil es so klare Grenzziehungen zwischen religiösem Glauben und atheistischem Glauben (auch Atheismus ist selbstverständlich eine Form des Glaubens) nicht gibt. D.h.: Jeder Atheist hat irgendwo und irgendwie seinen „Gott“, also den höchsten verehrten Wert usw. Auch religiös Glaubende haben andere Götter als den theoretisch bekannten einen Gott, etwa der Bibel. De facto verehren Glaubende, einfache genauso wie Bischöfe und Kardinäle, die heilige, möglichst ständige Geldvermehrung … oder den Fußball oder sonst etwas Weltliches als ihren wahren Gott, dem sie alles opfern: Zeit, Finanzgewinne, seelische Energie usw. Darin sind Glaubende den Atheisten sehr verwandt, auch die verehren dieselben weltlichen Götter.

Wenn Glauben und Unglauben also erst in zweiter Hinsicht wichtig sind, was ist dann tatsächlich entscheidend? Es ist die faktische Bindung (oder eben NICHT-BINDUNG) des einzelnen und der Gesellschaft und der Staaten an das, was wir Menschenrechte nennen.

Die Frage, ob denn Menschenrechte nicht so oft missbraucht werden und ob sie nicht bloß regionale, also bloß westliche absolute Werte sind, wurde schon mehrfach beantwortet: Noch einmal: Natürlich, Menschenrechte werden auch heute ignoriert und missbraucht, gerade von Regierungen, die sich demokratisch (etwa die USA) oder gar christlich nennen oder muslimisch; sie werden auch missbraucht von machtvollen religiösen Systemen, wie dem Katholizismus oder den Evangelikalen und den Millionärs – Pastoren der pfingstlerischen Mega-Churches. Aber Missbrauch der Menschenrechte spricht nicht gegen ihre absolute Geltung. Wo kämen wir denn dahin, wenn jeder Missbrauch die tatsächliche Geltung, etwa schon eines Gesetzes, schon hinfällig machen würde? Und natürlich auch dies: Die Menschenrechte sind doch vor allem in Europa im Rahmen des Humanismus und sicher auch einer vernünftig argumentierenden christlichen Theologie entstanden. Aber trotz der regionalen Herkunft muss anerkannt werden, dass aus den nun einmal begrenzten europäisch geprägten humanistischen Kulturen tatsächlich universale Werte, die sich weiterentwickeln, stammen. Nur ein weiteres Beispiel: Die Meditationspraxis, etwa im Stile des Zen, ist in China und Japan entstanden, aber sie hat heute universale Gültigkeit und Bedeutung.

Also, worum geht es angesichts der Frage nach Glauben und Unglauben? Es geht um die Anerkennung der Menschenrechte. Da versteckt sich förmlich die Frage nach dem Atheismus! Die Menschenrechte sind die absolut geltende geistige Ebene, auf der sich alle Menschen, die vernünftige, selber denkende Menschen sein wollen, treffen. Diese Ebene der Menschenrechte ist wichtiger als die Frage: Bist du gott-gläubig oder atheistisch? Das sind interessante Fragen, gerade für Philosophen, aber sie sind aufs Ganze der Gesellschaft gesehen, erst mal zweitrangig.

Reden wir also von Menschenrechten, analysieren wir die Geltung der Menschenrechte in dieser Welt heute, wobei wir immer im Blick haben: Die Menschenrechte sind das Höchste und Wichtigste, dem die Menschheit Respekt zeigen muss. ABER: Dieses Höchste, also die Menschenrechte, befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Menschenrechte als das Höchste werden verachtet und ignoriert. Insofern ist unsere Welt trotz aller theoretischen Bekenntnisse zu einem religiösen Glauben, man denke wie christlich – fromm die USA sich geben, wie scheinheilig die arabischen Herrscher sind usw.: In der Hinsicht leben wir also in einer atheistischen Welt voller Bekenner und Glaubender. Der Philosoph Hegel dachte auch den Gedanken, als er „vom Atheismus der sittlichen Welt (der Gesellschaft) sprach (in der Vorrede der Grundlinien der Philosophie des Rechts).

Das ist die wichtige Erkenntnis: Atheistisch ist unsere Welt weithin deswegen, weil die Menschenrechte als das Wertvollste, was der Menschheit Frieden und Gerechtigkeit verheißt, fast keine Geltung haben.

Jeder denke also einmal an die Gültigkeit der Menschenrechte und überprüfe mit diesem Maßstab seine politische Umgebung, in der Nähe oder der Ferne. Er lese nur einmal unter dieser Hinsicht wichtige Zeitungen: Man nehme etwa die ZEIT vom 8. Juni 2017. Und lese auf Seite 12: „Die neue CIA Vize-Chefin Gina Haspel war federführend an der Folterung von Terror-Verdächtigen (!) beteiligt“. Jetzt ist diese Frau, die man eine Verbrecherin nennen könnte, in führender Position in den so furchtbar christlichen USA. In der ZEIT heißt es: „Im Wahlkampf sagte Trump, dass Folter wirke. Und sein neuer CIA Chef Mike Pompeo sagte jüngst, dass Waterboarding überhaupt keine Folter sein“. (Man möchte fast wünschen, dass Mister Pompeo dies mal vor laufender Kamera für uns demonstriert, CM) „Alle, die diese Methode im Kampf gegen den Terror angewandt hätten, seien echte Patrioten“(so in DIE ZEIT, S 12. Unten). Also: Wer den Atheismus studieren und erleben will, gehe bitte in die USA, in die Machtzentralen des Trump-Regimes. Diese totale Ignoranz gegenüber Menschenrechten ist de facto Atheismus in der nihilistischen Variante!

In der gleichen Ausgabe von DIE Zeit befindet sich auf Seite 3 ein Bericht über den Einfluss von zwei superreichen Milliardärs-Familien auf die us-amerikanischen Politik. Sie bestimmen mit, dass die Reichen nicht besteuert werden, dass die Armen immer mehr leiden, etwa durch den Abbau der Krankenversicherung, und dass die Kohlindustrie weiterhin das Klima in eine Katastrophe führen kann. Die Herrschaften stiften also Unfrieden mit Unterstützung des Präsidenten! Mit anderen Worten: Wer Atheismus treffen will, wer Atheisten sehen will, wende sich bitte an diese Kreise aus der Millionärs-Organisation „Americans for Prosperty“ (zur Beziehung evangelikaler Christen zu den Mlilionären / Milliardären siehe etwa: https://newrepublic.com/article/121564/gods-and-profits-how-capitalism-and-christianity-aligned-america)

Zu den auch in der ZEIT genannten berühmtesten Milliardären gehören die beiden so genannten ultra-neo-liberalen Koch-Brüder (David und Charles), sie haben 2015 z.B. eine Millionen Spende der „Catholic University of America“ gegeben, diese Spende wurde angenommen, trotz zahlreicher Proteste einiger Theologen, sie wollten sich nicht abhängig machen von neoliberalen Milliardären… (http://www.huffingtonpost.com/2015/02/02/koch-brothers-catholic-university_n_6594834.html). Ein anderer Milliardär, Robert l. Mercer, hat den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner aus der „christlichen (d.h. evangelikalen, etwa Southern Baptist) Ecke, Ted Cruz, unterstützt (http://forward.com/opinion/335661/meet-the-evangelical-christians-behind-ted-cruz-theyre-super-jewy). Diese Zusammenhänge sind leider in Deutschland viel zu wenig aufgearbeitet.

Hier nur noch unsere zentrale These, die eine gültige Erkenntnis ist:

Atheismus ist heute der menschenverachtende Luxus der Reichen, ist der Egoismus der Milliardäre, die mit ihrer Politik Unheil stiften. Aber diesen Zusammenbruch der „alten Welt“ (im Krieg) ist ja das erklärte Ziel des absolut herrschenden Trump-Beraters Stephen Bannon.

In God we trust? Von wegen! Dies ist ein dummer Spruch auf den Dollarscheinen. Treffend ist einzig heute und schon früher: „In our money only we trust“, sagen die Atheisten heute, denen das Wohl der Menschheit, ich sage es jetzt so, scheißegal ist. Darum sollten sie mit Steve Bannon sagen: „In the perdition we trust“.

Dies ist das Bekenntnis des absoluten Nihilismus. Mit anderen Worten: Alle Atheismus Forschung wird heute vorrangig zur Menschenrechtsforschung. Das sollten sich Kirchentage und Katholikentage und Themenwochen merken. Philosophie bleibt selbstverständlich Religionsphilosophie. Sie nimmt nur wahr, dass die faktischen Götter die Waren Götter sind. Sie blickt tiefer in die Gesellschaft. Um so auch die klassischen philosophischen Texte eben klassenbezogen zu lesen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



„Ohne Erbsünde glauben“. 10 Fragen und Antworten anlässlich einer theologischen Diskussion

9. Juni 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Termine

Von Christian Modehn,  am 8. Juni 2017

1.Frage

Die Lehre von der Erbsünde ist, etwa in der katholischen Kirche, ein Dogma, also eine definierte Glaubenslehre. Kann man sich denn heute von einem Dogma mit dieser umfassenden Lehre befreien?

Ja, kann man und sollte man. Das kann nicht nur der einzelne, aufgeklärt denkende Glaubende, indem er dieses Dogma in dieser Form eben für sich beiseite lässt. Und das tun sehr viele. Die Befreiung von diesem Dogma kann aber prinzipiell auch das katholische Lehramt heute vollziehen. Wenn es denn so viel Vernunft walten lässt und erkennt: Dieses Dogma zur Erbsünde ist nicht nur Ausdruck einer bestimmten, also begrenzten Theologie, in dem Fall des 4. Jahrhunderts. Dieses Dogma zur Erbsünde ist zudem vor allem Ausdruck einer damaligen politischen Haltung, es ist historisch nachweislich entstanden unter Bestechung, Betrug und dem Einsatz materieller Mittel. Die Erbsündenlehre ist also eine zähe sich haltende Ideologie.

2. Frage

Warum hat denn, etwa die katholische Kirche, so lange an diesem Dogma festgehalten?

Weil das katholische Lehramt die geschichtliche Entwicklung, den Wandel und die Veränderung (und dazu gehört eben auch die Abschaffung alter Lehren) des eigenen Lehrsystems

absolut verachtet und ausschließt. Das Lehramt hasst die Entwicklung, die Geschichtlichkeit, die Evolution, also auch die Entdeckung von neuen Einsichten und damit die Befreiung von alten, weil das Lehramt in seiner Angst weiß: Diese Befreiung könnte auch zu einer Neudefinition des Lehramtes selbst führen, also zum Machtverlust des Klerus.

3. Frage

Ist denn die Formulierung eines Dogmas, auch des Dogmas der Erbsünde, nicht eine ewig gültige Lehre?

Natürlich nicht! Das wird nur vom Lehramt behauptet und den Glaubenden eingeredet. Evident ist: Jede Glaubensaussage ist eine Aussage bestimmter, notwendigerweise geschichtlich geprägter Menschen. Jeder Glaubende später hat die Aufgabe, diese alte überlieferte Lehre zu studieren, zu kritisieren, neu zu formulieren in seiner eigenen Sprache und möglicherweise in gravierenden Fällen als großen Unsinn eben als nicht-relevant für sich selbst und seine Gegenwart beiseite zu tun. Dann beginnt das große Aufatmen, als hätte man eine schwere Last abgeworfen. Genau das soll mit der Erbsünden – Ideologie geschehen. Ich sage Ideologie, weil diese Lehre keinerlei Anhalt im Erfahrungsbereich des einzelnen hat. Hat jemand schon mal die Erbsünde ALS Erbsünde erlebt?

4. Frage

Blamiert sich das Lehramt nicht, wenn es eine alte dogmatische Lehre beiseite legt und sich von ihr befreit?

Nein, gar nicht. In der heutigen Welt werden eher Menschen hochgeschätzt, die Fehler von einst erkennen und bearbeiten, auch in den Wissenschaften ist dies so, auch in den individuellen Lebenserfahrungen ist das so. In den Evangelien und etwa in den Briefen des Paulus und der so genannten paulinischen Schriften wird je weiter die Erkenntnisse der ersten Gemeinden voranschreiten, auch Neues und anderes gesagt im Vergleich etwa zu der sehr alten Logienquelle Q oder dem Markus Evangelium. Es gab einmal Entwicklung und Evolution in der Kirchenlehre. Aber siewurde gestoppt im 2. Jahrhundert.

5. Frage

Sind denn dann die Erzählungen vom Sündenfall im Buch Genesis hinfällig?

Nein, sie behalten als Mythen ein historisches Interesse. Sie sind ein uralter mythischer Beitrag zur Frage nach dem Bösen. Mehr nicht. Aber sie können die Phantasie anregen, aber mehr nicht! Sie müssen historisch und kritisch gelesen werden, nicht mit einem schon vorweg „mystisch“ geformten Sinn, der etwa die Schlange so toll findet oder sich an der Nacktheit irgendwie tiefenpsychologisch abarbeitet. Das kann man ja nebenbei als Hobby machen. Evident ist: Das Essen vom Baum der Erkenntnis als Bild ist eine große und gute Tat der Menschen: Denn dieses Essen vom Baum der Erkenntnis macht Adam und Eva zu Menschen, zu freien, nachdenkenden Menschen.

6. Frage

Wenn wir uns von der alten Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert befreien: Dann wird doch die Fragen nach dem Bösen in der Welt nicht hinfällig?

Diese Frage bleibt, und über das Böse in der Welt der Menschen muss nach wie vor nachgedacht werden. Auch über Sünden, Nicht aber über die sexuell übertragbare Erbsünde, wie es der Erbsünden-Freund Augustinus sich ausdachte.

Definitive, formelhafte Antworten auf das Böse, etwa mit einem Begriff (wie einst „Erbsünde“), kann es sachlich nicht mehr geben. Es ist das Suchen nach Erklärungen, über die man vernünftig diskutieren kann. Eine Denk-Möglichkeit ist, die Macht des Egoismus als Ursprung des Bösen anzusehen. Und damit die Überwindung des Bösen in der Welt gerade in der ständigen Überwindung des Egoismus, auch in der Politik, auch in der Ökonomie, auch in den Kirchen, zu fördern, zu lernen, zu leben.

7. Frage

Hat denn die Erbsündenlehre tatsächlich so viel Schaden angerichtet?

Das ist evident. Man lese nur die Arbeiten großer Historiker, wie Jean Delumeau und anderer. Die Erbsündenlehre ist eine von der Kirchenführung eingesetzte Ideologie der Angst, der Kleinmachung des Menschen, des permanenten Schuldgefühls. Die Erbsündenlehre ist eine Motivation, die Heiden unter Zwang zu bekehren, d.h. zu taufen. Die Erbsündenlehre ist die ideologische Voraussetzung des von den Kirchen gestützten Kolonialismus. Und die Stütze für die „Judenmission“ usw.

8. Frage

Wenn die alte Erbsündenlehre beiseite gelegt wird, muss die Bedeutung der Erlösung durch Jesus Christus auch neu verstanden und neu gedacht werden?

Selbstverständlich! Die Idee, Jesus opfert sich mit seinem Blut für den Versöhnung fordernden Gott -„Vater“ auf usw, diese Vorstellung wird auch überwunden. Diese Wiedergutmachungslehre wird endlich beiseite gelegt, in gutem ökumenischen Einverständnis, denn bekanntlich lehren die Lutheraner auch diese Wiedergutmachungs-Erlösungslehre durch das Blut Jesu. Kaum noch nachvollziehbare, mythische Karfreitagslieder wie „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ werden nur noch Historiker interessieren, sie verschwinden aus den Gesangbüchern. Das alte, beliebte katholische Kirchenlied zum „unblutigen Opfer“ ( das ist die katholische Messe !) ist ja auch aus den Gesangbüchern verschwunden, das Lied begann so: “Nun ist das Lamm geschlachtet“ (geschlachtet, unblutig, vom katholsichen Priester, auf seinem Altar…). An was für absonderliche Welten sollen die Menschen nur glauben…Kein Wunder, dass es so viele nachdenkliche „Atheisten“ gibt.

9. Frage

Wer ist Jesus dann im Rahmen einer neuen Sündentheologie, die auf die alte Erbsündenideologie verzichtet?

Ein weites Feld für kreative Theologie öffnet sich da. Etwa: Jesus zeigt in seiner Person, dass Liebe das Höchste ist, was unbedingt gelebt werden muss, auch als politische Gestaltungskraft. Jesus zeigt in dem Sinne als „erlösendes Vorbild“, dass das, was wir Gott nennen, ein Geheimnis ist, das nie der Mensch, auch kein Papst etc., dogmatisch in den Griff bekommt. Aber Jesus bezeugt: Dieser Gott ist liebend den Menschen zugewandt. Und das zu wissen, reicht.

10. Frage

Sollten, diejenigen, die die Erbsündenlehre beiseite legen, nicht Angst haben, nicht mehr als katholisch zu gelten?

Überhaupt nicht. Sie sollten sich freuen über die Tat der Befreiung. Und sie sollten die modernen Theologen fragen: Warum habt ihr uns von dieser Ideologie bisher nicht befreit? Warum gerade jetzt, im Jahr des Reformationsgedenkens? Warum habt ihr diese alten Erbsünden Lehren so ewig repetiert, gedreht, gewendet, voller Angst, gegenüber der Glaubensbehörde, etwas falsch zu machen? Zudem werden wir uns eingestehen, dass die meisten Glaubenden diese alte Erbsündenlehre sowieso nicht mehr glauben. Und vor allem: Niemand kann einem Christen absprechen, nicht mehr Christ oder Katholisch zu sein, bloß weil er sich von einer verfehlten Ideologie, der alten Erbsündenlehre, absetzt. Die Gegenfrage an die Hüter der Lehre etwa in der Glaubensbehörde des Kardinal Müller: Schämt ihr euch eigentlich nicht, die den Glaubenden Suchenden heute noch mit dieser theologischen Ideologie, und das ist die alte Erbsündenlehre, zu belasten.

Nebenbei für alle, die gern noch ein Zitat aus dem Neuen Testament mögen: Im Lukas Evangelium Kapitel 11, Vers 46, sind von Jesus Sätze überliefert, die aus dem Bewusstsein der Dogmenhüter heute offenbar verschwunden sind und deswegen kaum aktuell zitiert werden. Da soll also Jesus zu den Schriftgelehrten (als den Glaubenswächtern damals) gesagt haben: „Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer: Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können. Und selbst rührt ihr die Lasten nicht mit einem eurer Finger an.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.



Kunst im Kapitalismus: Sie „beschenkt“ Milliardäre mit Transzendenzerfahrungen

7. Juni 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher, Religionskritik

Ein religionsphilosophisches Projekt: Ein Hinweis von Christian Modehn

Kapitalismus ist viel mehr als eine Wirtschaftsform. Kapitalismus ist die umfassende Welt, die alles bestimmende totale Lebensform, egal, ob diese Welt der einzelne nun bejaht oder nicht. Er muss darin (über)leben. Noch. Das ist eine Art von Terror: Kapitalismus macht auch alles Wahre zur Ware. Alle Werte zum Berechenbaren und Verfügbaren. Das ist bekannt und hinlänglich oft beschrieben und kritisiert worden. Leider haben alle diese Kritiken fast keine Wirkungen.

Auch Kunst, die heute so genannte groß gemachte Kunst der vom Kunst – Markt groß gemachten Künstler, ist Ware. Die dreistelligen Dollar – Millionen Erlöse aus Auktionen in London, New York oder Hong Kong sind bekannt.

Weniger bekannt ist, warum eigentlich Dollar Milliardäre, „deren Anzahl im Jahr 2015 von 1.645 auf 1.826 stieg, (so in der wunderbaren Zeitschrift „Lettre“, Winter 2016, Seite 78, ein Bericht von Steffen W. Gross), diese Millionen für Kunstwerke ausgeben, von denen einige nach der Auktion dann in einem Schweizer „Zollfreilager“ gut verpackt und unsichtbar gehütet werden, ohne dass die Millionäre sich ihr neues „Schmuckstück“ auch nur ansehen…

Interessant ist also, wenn man nach den Motiven des Kunstkaufes der Millionäre fragt, der Hinweis des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich: Diese Leute (Ullrich nennt sie auch – ökonomische – „Sieger“) erleben die Situation einer Auktion und den Kauf selbst als „daseinssteigernde Erfahrung“. Das heißt, die Kunst-Käufer erleben sich in der Auktion und im Kauf in ihrem Dasein noch einmal erhoben und bedeutend gemacht. Ihr Ego steigert sich noch einmal ins Unermessliche. Ein Kunstwerk zu kaufen, ist eine existentielle Erfahrung ganz eigener Art. Vielleicht spielt auch der Gedanke eines gewissen Risikos eine Rolle beim Kauf eines Gemäldes: Wird sich der Wert steigern? Aber es ist eben selbst für Milliardäre wohl eine eher seltene Erfahrung, einen van Gogh für 25 Millionen zu kaufen, eigentlich dieses kleine Stück Farbe, wenn man so will; in gewisser Weise zerbrechlich und verwundbar. Das ist etwas ganz anders, als wenn man eine Villa für 25 Millionen Dollar kauft. Lieben die Millionäre/Milliardäre vielleicht doch noch das Zerbrechliche, das Zarte?

Für die Religionsphilosophie ist es interessant und sicher ein Thema für weiteres Nachdenken: Wo und wie erleben Milliardäre „daseinssteigernde Erfahrungen“? Man hat doch diese Ärmsten oft für schnöde, eher flach gesinnte, antimetaphysische Typen gehalten. Wenn sich aber auch deren Dasein wirklich steigert, wächst es ja aus dem alltäglichen Zustand hinaus. Philosophisch gesehen, weitet sich das Dasein, es transzendiert, klassisch gesprochen. Es berührt Wirklichkeiten, die eher traumhaft sind, oder überirdisch, wie auch immer man das ausdrücken will. Man könnte auch sagen, in der Daseinssteigerung wird von diesen Kaufrauch-Frommen etwas Göttliches berührt. Im Kaufrausch eines Millionen schweren Gemäldes wird also irgendetwas Absolutes berührt.

Es ist dies wohl der auf vielfache Art verehrte Gott des Erfolges, der Gott des Geldes. Insofern haben Auktionen der Millionäre, von der Form her, eine liturgische Strenge, mit einem hohen Priester und einer spirituell – gierigen Gemeinde.. Diese Auktionen – Liturgien verweisen auf etwas Kapital – Göttliches, weil sie das Dasein dieser Herrschaften steigern, und sei es nur für kostbare, unbezahlbare Sekunden, wenn der Auktionator an den Meistbietenden mit den Worten „Zum Dritten“ und einem Glockenzeichen den Zuschlag erteilt.

Dieser Kaufrausch als über die Kunst- Waren (-Werke) vermittelte Transzendenz berührt wohl nicht den christlichen Gott. Denn dann würden die Millionen, die für einen „echten van Gogh“ ausgegeben werden, im Andenken an die tiefe Frömmigkeit dieses Malers, eher für den Bau von Krankenstationen in Afrika ausgegeben werden. Dann würde die Daseins Steigerung in der Solidarität und damit in der Kommunikation, im Friedenstiften, erlebt. Aber diese Überwindung des Egoismus können sich diese Herrschaften einfach nicht „leisten“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

Das empfehlenswerte Buch von Wolfgang Ullrich: Siegerkunst, Neuer Adel, teure Lust. Sachbuch. 2016. 160 Seiten. Broschiert. 16,90 €

 

 



Widerstand der Vernunft:Eine Philosophin sagt Nein zu Trump

6. Juni 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Philosophische Bücher

Eine neue Publikation von Susan Neiman

Ein Hinweis von Christian Modehn

„PhilosophInnen schweigen zur Niederlage der Vernunft, die mit dem Beginn der Herrschaft von Donald Trump noch offenkundiger wird“. Dieser Vorwurf ist nicht mehr ganz berechtigt. Denn die US – amerikanische Philosophin Prof. Susan Neiman hat gerade jetzt, Anfang Juni 2017, ihr Manifest „Widerstand der Vernunft“   veröffentlicht. Darin zeigt sie, sehr deutlich auf tatsächliche Fakten bezogen (solche ein Wort „tatsächliche Fakten“ muss man jetzt bilden angesichts der von Herrschern gewünschten post-faktischen Fakten!): Die Vernunft, die philosophische, die es ebenso tatsächlich faktisch gibt gegen alle Einwürfe postmoderner Beliebigkeiten, vermag die Gefahren des permanenten politischen Geschwätzes freizulegen und vernünftig an demokratische Werte zu erinnern. Die demokratischen Bürger sollen dann nicht bloß weiter diskutieren, sondern tatsächlich und praktisch für eine neue demokratische Politik eintreten, ja kämpfen.

Susan Neiman ist vielen LeserInnen in Deutschland bestens bekannt, nicht nur als Direktorin des Potsdamer Einstein – Forums, sondern auch wegen ihrer wichtigen Bücher wie „Das Böse denken“ oder „Warum erwachsen werden?“

Nun also ruft Susan Neiman zum Widerstand der Vernunft auf. Sie spricht nicht abgehoben, nicht allgemein. Sie scheut sich nicht, als US –Amerikanerin Mister Trump, den Präsidenten, einen permanenten „Lügner“ oder einen „verwöhnten Pubertierenden“ (S. 38) zu nennen, einen Mann, „dem es völlig an Schamgefühlt fehlt“ (15).

Diese Broschüre hat (leider) nur 79 Seiten. Aber sie bietet eine Fülle wesentlicher Erkenntnisse. Sie müssen in Gruppen weiter diskutiert werden, in Schulen und Volkshochschulen, in Gemeinden und philosophischen Clubs.

Eine zentrale These des Buches: Es ist eine Katastrophe für die Menschheit, wenn sich die von höchster politischer Seite unterstützte und betriebene Lügen Propaganda weiter durchsetzt. Durch dauernde Lügen – Verbreitung wird jeglicher Sinn für Wirklichkeit und Wahrheit zerstört. Es entsteht die allgemeine Verwirrung, alle leben im Nebel der Unklarheit. Gutes und Böses können kaum noch unterschieden werden. Susan Neiman nennt bekannte Beispiele der irregeleiteten, von Lügen bestimmten Politik schon der früheren US – Präsidenten, etwa die bewusst eingesetzte Lüge von George W. Bush: Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Der Irak – Krieg hat so das Entstehen des IS mit befördert. Mit anderen Worten: Die US – amerikanische Politik ist mitschuldig an dem Terror – Wahn, an den vielen Toten, die jetzt überall, auch in Europa, zu beklagen sind. Aber diese Schuld – Zusammenhänge werden von den Politikern heute nicht genannt. Zudem: Die europäische und amerikanische (Wirtschafts-)Politik ist mitverantwortlich dafür, dass so viele tausend Menschen aus Afrika nach Europa zu fliehen versuchen. Europas und Amerikas Politik und Wirtschaft hat enorm dazu beigetragen, die Welt zu verwüsten! Und den Gedanken an Frieden zu zerstören. Es sind „unsere“ „demokratischen“ Politiker, die so viel Schaden angerichtet haben. Wer wagt das zu sagen?

Die Philosophin Neiman will mit Nachdruck auf die Niederlage der Vernunft aufmerksam machen, sie weiß, dass nur eine umfassende Analyse weiterhilft. Dies zu tun, ist dringend: Denn für die Philosophin, eine gute Kennerin von Immanuel Kant, gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren: Werden doch im Trump Regime “faschistische Tendenzen im deutlicher“ (S. 23). „Als amerikanische Jüdin, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt, gehe ich nie leichtfertig mit derartigen Vergleichen um. Dass sie in diesem Fall (auf Trump bezogen) gerechtfertigt sind, zeigen nicht nur die Hakenkreuze, die nach dem Wahlsieg in verschiedenen amerikanischen Orten erschienen. Sondern auch die Arbeiten des umstrittenen Chefstrategen im Weißen Haus: Ich nenne Steve Bannon Goebbels digital…“ (S 25 f). Goebbels digital, weil sich (der bekennende Katholik und Freund reaktionärer Kardinäle im Vatikan, das erwähnt Susan Neiman leider nicht) als „Breitbart-Direktor“ auf das Produzieren von Lügen rechtsradikalen Inhalts spezialisierte.

Welchen Widerstand kann also die Vernunft, die allgemeine Vernunft im Sinne der universal geltenden Menschenrechte, leisten: Nur einige entscheidende Stichworte, die Susan Neiman bietet: Die allgemeine Geschichtsvergessenheit überwinden.

Auf die Feinheiten der Sprache der Mächtigen achten. Genau hinsehen, wenn etwa Präsident Reagan jetzt förmlich als „normaler“ Präsident hingestellt wird.

Niemals den Sprüchen glauben, „es gibt keine Alternativen“. Wissen: Der Sozialismus ist nicht tot, auch wenn so genannte sozialistische Staaten – Gott sei Dank – verschwunden sind. Das sagt Susan Neiman, die sich ausdrücklich als „Nicht-Marxistin“ darstellt… Niemals nachplappern, die wesentlichen Werte der Menschheit heute seien ökonomische Werte. Und das ist entscheidend: Entschieden den Behauptungen widersprechen, „die Vernunft“, also auch die Philosophie der Aufklärung, sie kalt und zynisch, und genauso falsch ist: Vernunft sei nur als Zweckrationalität noch brauchbar (S. 63). Und vor allem wissen: Die Welt wird verändert (im Sinne von verbessert), wenn bestimmte Ideen, wie die Menschenrechte, „als normal durchgesetzt werden“ (S. 68). Die Ideen der Menschenrechte setzen sich durch, wenn nur viele Demokraten dafür kämpfen!

Man wünscht sich förmlich ein weiteres Buch von Susan Neiman etwa mit dem Arbeitstitel: Warum ist die allgemeine (also allen – gemeinsame) Vernunft der Aufklärung ein bleibender Gewinn für die Menschlichkeit des Menschen?

Eine weitere Frage: Soll man einer zuversichtlich gestimmten Aussagen von Susan Neiman folgen, wenn sie – durchaus erfreut – etwa von einer „Wahlniederlage“ des rechtsextremen Populisten Gert Wilders bei den Wahlen in Holland – im März 2017 – spricht? Tatsächlich aber hat ja Wilders Partei PVV als zweitstärkste (!) Partei Stimmen gewonnen (von 10% auf 13 % der Stimmen). Und der ebenfalls rechtslastige Premierminister Rutte von der rechtsliberalen Partei VVD ist ideologisch, etwa in der Flüchtlingspolitik, so weit von Wilders auch gar nicht entfernt. Ähnliches ließe sich für Deutschland (etwa die de facto (!) Annäherung, einiger Positionen zur Flüchtlingsfrage, der CSU an die AFD), Österreich und Frankreich sagen: Langfristig ist eben nicht entschieden, ob der permanente (!) Stimmenzuwachs für die rechtsradikale Partei Front National wirklich gebrochen ist. Immerhin erhielt doch Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich 2017 33 % der Stimmen. Noch ist nicht entschieden, ob Europa ein demokratischer Kontinent wird (oder „bleibt“, wenn man als Optimist die jetzige Lage einschätzt).

Susan Neiman, Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. 79 Seiten, Juni 2017, Benevento, Verlag Salzburg, 8 EURO.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin