Monatsarchiv



„Die Katholische Kirche ist gespalten“: Aktuelle Analysen aus dem Vatikan und den USA

21. Juli 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn am 21. 7. 2017

Heutige Religionsphilosophie bezieht sich als Nachdenken über Religionen und weltanschauliche Ideologien, also auch auf den „atheistischen Glauben“, immer auch, als ein Thema neben anderen !,  auf die faktisch bestehenden Religionen und beobachtet kritisch deren Entwicklung. Ein Hinweis zur Kirchenspaltung in der römischen Kirche.

Die neusten Studien zu der de facto bestehenden Spaltung der römischen Kirche heute kommen aktuell von dem us – amerikanischen Religions-Spezialisten Mark Silk. Er publiziert seine Studien regelmäßig auch auf der website religionnews.com. Mark Silk ist nach meinem Eindruck heute leider in Deutschland weithin unbekannt! Silk ist auch Professor am berühmten „Trinity College“ in Hartford, Connecticut. Er zeigt, dass die Spaltung der katholischen Kirche noch nie so groß war wie heute. Die letzte, meint er sicher treffend, war die Spaltung zwischen Jansenisten und Jesuiten vor allem im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts. Damals ging es bekanntlich um die Bedeutung der Gnade, ein „ewiges“ und heute absurd erscheinendes Thema, das von Augustinus (4. Jahrhundert) vorgebracht wurde.

Wenn man also unvoreingenommen wahrnimmt, wie sich im Vatikan jetzt Anti- Papst – Franziskus – Gruppen unter den Kardinälen und Bischöfen bilden; wie der EX – Papst Joseph Ratzinger sich immer noch als Papst titulieren lässt und in aktuelle Ereignisse mit seinen päpstlichen Wortmeldungen präsent ist, etwa bei der Bestattung seines Intimus Kardinal Joachim Meisner; wenn man bedenkt, wie Herr Gänswein, seit langem Intimus von Ex – Papst Ratzinger, diesen immer als Papst Benedikt öffentlich anspricht: Dann ist eigentlich jedem nur an den wenigen Beispielen schon klar: Diese Kirche ist de facto an der Spitze gespalten, schon durch die zwei so unterschiedlichen Päpste, die in engster Nachbarschaft, aber auch getrennt wohnen. Diese Kirche ist innerhalb der Ordensgemeinschaften gespalten, sie ist an der Basis der Laien schon seit langem gespalten, weil sich viele noch „praktizierende“ Katholiken nicht an die Kirchengebote halten; andere, Konservative, diese natürlich revidierbaren Kirchengebote wie Gottes Gebote brutal verteidigen: Dann wird auch die Frage selbstverständlich: Wie lange hält diese Kirche noch die innere unversöhnte Pluralität als Zerrissenheit aus? Dabei bedenke man auch die meist konservativ – theologische Haltung der afrikanischen Katholiken usw…. Und man überlege, wenn eines Tages Papst Franziskus ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen sein Papstamt niederlegen muss und Ratzinger immer noch lebt und dann auch noch ein jüngerer dritter Papst gewählt wird: Dann wird durch die Ereignisse vielleicht selbst deutlich: Die Zeiten des einen und einzigen Papstes für 1,6 Milliarden Katholiken sind tatsächlich vorbei. Man braucht ganz offensichtlich mehrere Päpste, in einer demokratischen Kirche. Aber das ist Zukunftsmusik.

Zurück zu den Fakten:  Die us – amerikanische katholische Kirche ist sogar auch in offizieller vatikanischer Sicht gespalten: Darauf hat jetzt der Chefredakteur der Wochen-Zeitschrift „La Civilità Cattolica“ hingewiesen; die Artikel dieser Zeitschrift werden, wie es sich für die katholische Vorstellung von „Pressefreiheit“ gehört, vom „Staatssekretariat des Vatikans“ geprüft und dann für gut (oder eben nicht gut) befunden. Chefredakteur ist der italienische Jesuit Antonio Spadaro, er gilt als engster Vertrauter des Jesuiten-Papstes Franziskus. Pater Spadaro hat sich jetzt zusammen mit dem presbyterianischen Pastor Marcelo Figueroa über die gefährliche theologische Spaltung unter US – amerikanischen Christen, vor allem auch der Katholiken, geäußert. Pastor Figueroa ist – bemerkenswerterweise – Chefredakteur der für Argentinien bestimmten Ausgabe der international verbreiteten, ebenfalls offiziellen katholischen, vatikanischen Tageszeitung „Osservatore Romano“. Pastor Figueroa ist ebenfalls ein („alter“) Freund von Bergoglio, von Papst Franziskus. Eine erfreuliche Form der ökumenischen Zusammenarbeit, sind doch einige Kreise der Presbyterianischen Kirche (also letztlich der Reformierten, einst Calvinisten genannt) eher progressiv und links. Dies gilt offenbar auch für den argentinischen Pastor.

Was sagen die beiden Autoren in der offiziellen Papst – Wochenzeitung „La Civilità Cattolica“, Ausgabe vom 13. Juli 2017? Es gibt theokratische Versuchungen unter den Kirchen und Christen in den USA. Das heißt: Christen, die eine sich aus Bibelsprüchen ihre Politik zusammenbasteln. Genannt wird ausdrücklich der reaktionär – katholische Berater von Mister Trump, Steve Bannon. Er und seine Kreise ( die ja auch im Vatikan Freund und Unterstützer haben, CM) „rechtfertigen jegliche kriegerische Aktion auf theologische Weise“, schreiben Spadaro und Figueroa. In der gegenwärtigen US – Regierung würden die politischen und die religiösen Bereiche verwischt, heißt es in vatikanischer Sicht weiter. Dabei ist Politik ein „weltlich Ding“, möchte man diese treffende Sicht im Vatikan von heute interpretieren. Hingegen: Diese theokratische Sicht (d.h.: Gott, also der Gott dieser erzkonservativen Herren in den USA, solle politisch herrschen) werde allerdings nicht nur von konservativen, fundamentalistisch denkenden Katholiken verteidigt, sondern in gutem Einvernehmen mit weiten Kreisen der die Bibel ebenfalls fundamentalistisch verstehenden bzw. nicht – verstehenden Evangelikalen. Es gibt also einen neuen ökumenischen Block von fundamentalistischen (theokratischen) Katholiken und fundamentalistischen Evangelischen. Sie wollen ein christliches reaktionär – theologisches Amerika; sie bedrohen also elementar die Religionsfreiheit. Und sie lesen die Mythen der so genannten Johannes „Apokalypse“ im Neuen Testament als historisch und politisch relevante Texte!

Diese Herrschaften deuten jegliche Kritik an ihnen sofort als Krieg gegen die „wahren Glaubenden“.

Es geht also ein Bruch, ein Kommunikationsabbruch, durch die US – Kirche(n). „Diese fundamentalistische US – Ökumene schafft nur Angst unter den Menschen“, schreiben beide Autoren aus dem Vatikan. Und sie erwähnen dabei Papst Franziskus, der „unaufhörlich dagegen kämpft, gegen diese Erzählungen der Angst. Man muss nun „diese Manipulation (also die gemeinsame fundamantalistische Lektüre von konservativen Katholiken und evangelikalen Evangelischen) bekämpfen“.

Es ist klar, dass gegen diese sehr deutliche Abgrenzung des Papstes (durch die beiden offiziellen Autoren Spadaro und Figueroa ausgesprochen) unter konservativen US Katholiken ein Aufschrei durch das Land geht; unter den zahlreichen militanten reaktionär – katholischen Gruppen vor allem, die stramm hinter Mister Trump stehen, man denke an die Gruppe „church militant“ der die website Crux.

Der Jesuit Spadaro hat der ebenfalls angesehenen US amerikanischen Jesuitenzeitschrift AMERICA sofort seine und damit des Papstes Position verteidigt: „Diese von uns integralistisch (also theokratisch orientierten, CM) genanten Katholiken und die fundamentalistischen Evangelischen sind gemeinsam auf dem politischen Feld tätig, das bereitet Probleme“.

Damit wird deutlich: Selbst der Vatikan, selbst der Papst, kann eine reale Kirchenspaltung des Katholizismus nicht mehr ignorieren. Es gibt also de facto eine Spaltung unter den US – Katholiken: Sie haben ihre eigenen Medien, Universiutäten und TV Stationen, ihre eigenen Netzwerke und jeweils, je nach Lager, ihre besonders geliebten Bischöfe und Kardinäle: Die Konservativen (Trump Freunde) halten sich etwa an den konservativen Kardinal vom New York, Timothy Dolan. Die eher Progressiven, pro Papst Franziskus gestimmten, halten sich an den sehr aufgeschlossenen, auch für gay-rigts! Bemerkenswert deutlich engagierten Kardinal von Newark, Joseph Tobin, aus dem Orden der Redemptoristen. Dass dieser Pater noch Kardinal werden konnte, verwundert selbst die Progressiven. Tatsache ist nämlich auch, dass Papst Franziskus immer auch gern sehr konservative Kleriker zu Bischöfen ernennt, wie den im politischen und theologischen Rechtsaußen angesiedelten Luc Ravel, den neuen Erzbischof von Straßburg. Offenbar will Franziskus, „jesuitisch schlau“, jonglieren und doch noch auf diese diplomatische Weise die auseinander strebenden Tendenzen beruhigen. Ob das auf Dauer gelingt, ist mehr als fraglich!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

20. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Leserbriefe in Publik Forum, Heft 14/2017. Die LeserInnen sind meist positiv angetan von meinem Vorschlag, sich von der Erbsündenlehre zu befreien. Das hatte ich in aller Kürze in Heft 11/2017 begründet.

Das Thema berührt viele glaubende, suchende und spirituelle Menschen, weil sie spüren: Mit dieser alten Erbsündenlehre wird ihnen eine Art sich religiös/fromm nennende Ideologie aufgedrückt, die objektiv überflüssig ist für ihr eigenes spirituelles und christliches Leben. Selbst wenn viele Christen an die Erbsünde schon gar nicht mehr denken: Es geht an diesem Beispiel auch um die Frage, wie sich Christen und Kirchen von alten, jetzt aber als veraltet empfundenen Dogmen, lösen und befreien können. Nicht aus subjektivistischer Willkür, sondern um einen freien, humanen Glauben erleben zu können. Um dieses große Projekt geht es, also gegen das versteinerte Festhalten an angeblich ewigen, tatsächlich aber sehr zeitgebundenen Lehren, wie der Erbsünde z.B. Es geht also wirklich um eine moderne Kirche, um einen modernen, je eigenen Glauben, „meinen Glauben“und diese Bezeichnung ist kein Schimpfwort, wie viele alte, versteinert Denkende Römer vielleicht meinen. „Glauben beginnt immer bei mir“ heißt eine große, auch in der Öffentlichkeit verbreitete treffende und richtige Empfehlung der protestantischen Remonstranten – Kirche in Holland.

Diese alte Erbsündenlehre ist, in einer gründlichen historischen Studie selbstverständlich nachweisbar und längst nachgewiesen, ein Konstrukt, also ein „Machwerk“, das in der zentralen Botschaft des Evangeliums Jesu Christi keinen Anhalt hat.

Die Erbsündenlehre wurde vor allem von Augustinus aber vorangetrieben und von ihm mit allerhand Tricks dogmatisch durchgesetzt. Sein hoch intelligenter Gegenspieler, der katholische Bischof Julian von Eclanum, wurde dabei auch von ihm unterdrückt. Das ist historisch nachweisbar und sollte von Dogmatikern nicht ignoriert werden, selbst wenn die kritischen Studien zur Erbsünde von Wissenschaftlern stammen, die von Theologen nicht so hoch geschätzt werden, wie etwa von Prof. Kurt Flasch oder dem katholischen Theologen Prof. Thomas Pröpper.

Die zentrale Angst der Dogmatiker und aller an die alten Dogmen gebundenen Christen ist: Fällt die Erbsündenlehre, dann ist die Notwendigkeit der Erlösung in Jesus Christus nicht mehr vermittelbar. Das wird auch im katholischen Katechismus so gesehen. Diese Behauptung gilt aber nur, wenn man das, was Erlösung in Jesus Christus bedeutet, aufs aller engste mit der alten Erbsündenlehre verbindet. Ohne Erbsünde keine Erlösung, heißt es. Oder anders gesagt: „Macht die Menschen, und zwar alle (!), erst mal richtig schlecht, dann könnt ihr mit eurer Erlösungslehre kommen“. Oder man behauptet gar wie Eugen Drewermann – in einer Stellungnahme zu meinem Beitrag in PUBLIK FORUM „Von der Erbsünde befreien“ – „Der Mensch ist nicht frei“, so der Titel des Drewermann Beitrags in Heft 13/2017, Seite 35. „Der Mensch ist also nicht frei“…So viel gelinde gesagt Seltsames und für ein vernünftiges und humanes Menschenbild eigentlich Furchtbares habe ich lange von einem Theologen und Therapeuten (!) nicht mehr gelesen. Immerhin war Drewermann noch so frei, diesen Beitrag offenbar im Gefühl der Freiheit noch zu schreiben…

Und dann folgt Drewermann dieser klassischen katholischen Katechismus – Lehre, wenn er behauptet: Wer diese alte Bindung von Gnade und Erbsünde leugnet, „ist auf dem Weg zum Nihilismus oder zum Atheismus oder zum sozialpolitischen Aktionismus“ (Publik Forum, Heft 13/2017, Seite 35) Eigentlich ist dies eine beleidigende Aussage, wenn nicht eine persönliche Verurteilung, wie man sie eher aus der Glaubenskongregation im Vatikan gewöhnt ist. Im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“ (veröffentlicht in allen großen Sprachen 1993) heißt es im § 389: „Die Kirche, die den Sinn Christi hat (d.h.: also wie Christus selbst denkt, so das „bescheidene“ Selbstverständnis der Herren im Vatikan, C.M.) ist sich klar bewusst, dass man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten“. Da wird also allen Ernstes behauptet, dass die Erbsünde eine Offenbarung Gottes ist! Ein von Augustin mit allerlei Tricks durchgesetztes Dogma und wider besseren Wissens noch mit einer falschen Übersetzung im Römerbrief begründet, diese Lehre soll also göttliche Offenbarung sein, also etwa denselben Rang haben wie die Offenbarung von der Trinität usw…

Noch einmal: Augustins Erbsündenlehre brauchte als zentrale Struktur eine Anthropologie, die den Menschen als Menschen erst einmal von Grund auf schlecht und böse hinstellt. In Augustins und der anderen Dogmatiker Sicht bedeutet das: Nur wenn der Mensch als Mensch, also auch als Geschöpf Gottes, vom Wesen her böse ist und zu keiner positiven Leistung der Vernunft in der Lage ist (wie Luther, der Feind der menschlichen Vernunft, sagte), also von der Erbsünde belastet ist, dann wird die absolute Dringlichkeit der Erlösung in Jesus Christus einsichtig. Dass heute selbstverständlich ein christlicher Glaube ohne die Erbsündenlehre möglich ist, wird unten gezeigt.

Zunächst aber: Die Erlösung wird dem alten Denken folgend zentral vermittelt in der Taufe, möglichst schon der gerade geborenen Kleinkinder.

Taufe und Erbsünden-Befreiung sind also in diesem Denken aufs engste verbunden. Taufe ist dabei ein sakramentales Geschehen, das einzig dem Klerus vorbehalten ist, also den Herren der Kirchenordnung. Sie haben als Täufer letztlich die Gewalt, Erbsünde zu nehmen oder zu belassen (für den Fall, dass nicht getauft wird).

Die Erbsündenlehre ist also eine zentrale klerikale Theologie als Macht-Theologie. Sie redet den Menschen ein: Ohne die (klerikal bediente) Taufe sind Menschen eigentlich nichts. Die Botschaft ist klar: Ihr Menschen müsst euch ängstigen, als Nicht-Getaufte in die ewige Verdammnis zu gelangen. Dies wurde historisch gesehen unzweifelhaft kirchlicherseits behauptet, dies kann hier nicht weiter ausgebreitet werden. Man lese nur die Studien von Jean Delumeau und anderen Historikern… Dogmatiker alter Art sollten also die Geschichte eines Dogmas wahrnehmen, um auch dessen inneren Gehalt zu spüren und diesen Gehalt dann wenigstens als Last zu empfinden und nicht weiter zu verbreiten.

Der Drang zu taufen und zu missionieren und alle Völker mit dem abendländischen Christentum zu beglücken, ist also von der Erbsündenlehre auch mit – bedingt. Weil Missionsgeschichte bis 1960 immer auch Kolonialgeschichte war und ist, kann man also sagen: Auch die Kolonialgeschichte als rassistische Geschichte gegenüber anderen Kulturen hat letztlich im Erbsünden- Denken der alten Dogmatiker eine gewisse Verstärkung erhalte. Über den grauenhaften Zusammenhang von allgemeiner Erbsünden – Verbreitung durch den „Geschlechtsverkehr“ und in der Zeugung, wie es der heilige Augustinus ohne rot zu werden lehrte und dogmatisch durchsetzte, wurde schon mehrfach, auch von mir, hingewiesen.

Es ist für dieses alte Denken aber doch eigentlich konsequent, wenn es heißt: Alle Menschen sind als Menschen sofort bei der Geburt, also auch als Kleinstkinder, eben Erbsünder. Darum war der Gedanke, einen Limbus Pueroum zu schaffen in dieser verqueren Theologie, gar nicht so falsch. Um so merkwürdiger ist, dass Benedikt XVI. diesen Limbus Puerorum – ein bisschen – als Lehre aufgab. Dachte er offenbar: So total kann die Verderbtheit der Menschen als Menschen und schon als Kleinstkinder also doch nicht sein! Deswegen verfügen wir nun als Herren der Lehre: Kein Katholik muss an den Limbus Pueroum noch glauben. Kann er aber, wenn er möchte. So viel Freiheit, mit Ängsten umzugehen, ließ Benedikt XVI. seinen Getreuen.

Mit der Relativierung bzw. der Abschaffung der Limbus Puerorum Lehre aber fällt nun auch, ein bisschen, die übliche Erbsünden- Lehre: Der Mensch als Kleinstes Kind sei eben a priori doch nicht schon Erbsünder. Erbsünde habe dann doch etwas mit der dann doch angenommen Freiheit zu tun, sich für das Böse frei zu entscheiden. Das heißt. Mit der Abschaffung des Glaubenszwanges an den Limbus Puerorum „wackelt“ auch der Kern der total wirksamen Erbsünde.

Es wäre weiter darauf hinzuweisen, dass die Erbsünde als Erbsünde sich jeglicher innerer Erfahrung im glaubenden Menschen entzieht. Und kaum ein Erwachsener, der sich taufen lässt und unter das Wasser dabei getaucht wird, erinnert sich: Nun ist die Erbsünde weg! Wozu also die Erbsünde als Erklärungsmodell? Furchtbar negative Ereignisse, etwa die KZs damals oder die Brutalität des Westens heute im Umgang mit Armen in Afrika oder im unmenschlichen Sterbenlassen der Flüchtlinge im Mittelmeer usw. sind doch nicht durch die Erbsünde zu erklären oder zu begründen. Mit solchen Argumenten macht sich die Theologie heute auch lächerlich, als esoterische Geheimlehre vielleicht brauchbar…

Diese vielen Untaten der Menschen, und der Herrschenden vor allem, sind doch bedingt durch den Egoismus der Menschen, durch das Versagen, humanistischen und ethischen Impulsen zu folgen, bloß um des eigenen Vorteils willen. Wer da von Erbsünde redet, meint ein diffuses, eben mythisches Bild, weil er den Ursprung bösen Tuns in der Freiheit der Menschen nicht erkennen kann. Und nicht argumentativ, durch eine bessere Politik, bekämpfen will.

Im übrigen: Alle getauften Christen und auch die getauften Allchristlichen Herrscher haben sich im Laufe ihres Lebens oft, obwohl von der Erbsünde ja durch die Taufe befreit, höchst unmenschlich verhalten. Das heißt: Die Kraft der Taufe als Befreiung von der Erbsünde ist offensichtlich total irrelevant. DieTtaufe macht die Menschen, also die Christen, nicht besser. Das heißt einmal mehr: Die Erbsündenlehre ist nichts als Behauptung, als Ideologie sogar. Man könnte als alter Metaphysiker sagen: Die Erbsünde sei eine unsichtbare ontologische Struktur. Verstehe dies, wer will.

Es gilt meiner Meinung nach: Böses tun die Menschen, weil sie endliche Wesen sind, denen die Einsicht fehlt, dass das Gutes Tun tatsächlich auch für sie selbst (wie für die anderen) gut ist. Je mehr tatsächlich die Einsicht, die Vernunft, die seelische Reife, das Mitgefühl gefördert würden unter allen Menschen, je mehr auch eine wirkliche Demokratie erfahrbar würde, um so mehr würde auch das Böse in der Welt eingeschränkt werden. Wer sagt, das Böse sei doch immer herrschend und bestimmend da, der will nur die bestehenden Herrschaftsverhältnisse als ungerechte belassen. Und man sage mir jetzt nicht, meine Sicht sei „hoffnungslos optimistisch“: Das sagen nur die, die an dem „bösen Menschen“ – aus Faulheit, aus Pessimismus ? – festhalten wollen…

Sind die Menschen also in meiner Sicht bloß noch Sünder und nicht mehr Erbsünder? Sie sind tatsächlich nur noch Sünder, sofern man sich religiös versteht und die ethischen Gebote als Gottes Gebote interpretiert. Nur unter diesen Bedingungen hat die Rede von Sünde Sinn. Aber nicht alle religiösen Gebote (in der Bibel, im Koran) können ohne weiteres heute noch als gute und hilfreiche Gebote Gottes verstanden werden. Die Prüfung, welches Gebot Gottes eben noch aktuell gültiges Gebot ist und welches nicht, leistet allein die sich stets weiter entwickelnde kritische und selbstkritische Vernunft. Die Vernunft ist das Kriterium, nicht eine Glaubenslehre bei der Entscheidung, was als Glaubenslehre gilt und was nicht. Den selbst wenn eine Glaubenslehre eine andere kritisiert, tut sie dies kraft der Vernunft!

Sünde ist also in einer modernen Theologie ein Sich – Verfehlen des Menschen, eine freiwillig geleistete Abkehr des einzelnen von den guten Möglichkeiten, die eigentlich in ihm „stecken“. Sünde ist also eine Art Blockade humaner Möglichkeiten. Wer ein Sündenbekenntnis spricht, meint eigentlich: Ich habe die guten Seiten des Menschseins ignoriert. Dieses Eingeständnis hat nichts mit Leistungsdenken zu tun. Es kann in Gelassenheit gesprochen werden: Weil sich der absolute Lebenssinn, Gott, ja nicht entzieht und ich zu meiner Begrenzung und Endlichkeit stehen kann.

Gott wird selbstverständlich nicht durch unsere Sünden beleidigt. Wer an einen personalen Gott in dem Zusammenhang glaubt, könnte sagen: Dieser Gott als Schöpfer ist traurig, dass sich Menschen verirren. Aber sie können prinzipiell wieder auf den Weg des Humanen zurück, wenn sie ihre eigene Vernunft, ihr reflektiertes Ethos und ihr Mitgefühl zur Geltung bringen…und die Menschenrechte, die sich immer weiter entwickeln, als tatsächliche Orientierung anerkennen.

Die zentrale Frage ist: Welche Bedeutung hat Jesus Christus als Erlöser? Jesus ist nicht das Opferlamm, das auf den zornigen Gott Vater reagiert und sich blutig hinschlachten lässt, weil Jesus meint: Dieser Kreuzestod würde das Gott-Mensch-Verhältnis wieder in die richtige göttliche Ordnung bringen. Von diesem Sühne und Opfergedanken befreien sich Christen. Diesen zornigen Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, halten sie für eine Erzählung, ein Mythos, den man hin und her drehen kann in langatmigen mythenfreundlichen Studien. Besser ist es: Man sollte etwa den Sündenfall Mythos lesen, aber dann als interessantes historisches Stück beiseite legen. Entmythologisierung verstand Bultmann so: Entdecken des Sinns im Mythos. Wenn aber ein Mythos beim besten Willen keinen aktuellen hilfreichen Sinn mehr hergibt, wie der Opfermythos des Sohnes Gottes, dann lasse man eben den Mythos beiseite. Die Bibel ist ein Buch voller hübscher und meist dramatischer Geschichten, da gibt es wichtige und unwichtige. Das müsste heute klar sein.

Welche Bedeutung hat also Jesus Christus heute?

Er ist tatsächlich das entscheidende oder für viele ein Vorbild, das tröstet, das man durchaus ehren und verehren kann. Das Vorbild ermuntert, seinen Weg auf eigene Weise nachzugehen, dies ist der Weg der Liebe und des Mitgefühls, des Friedenstiftens und des Verzeihens. Dies ist theologisch gesprochen, eine Wirkung des Geistes, des heiligen Geistes. Der Geist als der heilige ist tatsächlich die Gabe Jesu Christi an die Menschen. Wenn man also fragt, was ist die Erlösung, könnte die Antwort heißen: die Gabe des heiligen Geistes.

Jetzt sage man nicht: Jesus wird dann bloß zum Meister eines wahren humanen Ethos! Natürlich wird er das. Und das wahre ethische Leben hat ja Jesus selbst als den Kern der Religion dargestellt. Man lese seine Lehre zur Liebe, Nächstenliebe, seine Lehre zu den Werken der Barmherzigkeit.

Christlicher Glaube ist wesentlich Ethos, weil gerade im ethischen Leben, der entscheidenden PRAXIS, Gottes Spuren erfahren werden. Gott wird, wie Jesus sagt, nicht in den Tempeln, also in den Kirchen primär erfahren; schon gar nicht in der gehorsamen Verehrung so hoch gestellter Kleriker und Kardinäle oder Päpste, nicht in Wallfahrtsorten, wo man als sündiger Mensch auf Knien leidend auf den Treppen herumrutscht, um seine Sünden dadurch loszuwerden. Natürlich gibt es die Freude an Transzendenz – Erfahrungen in der Natur, auch in der Kunst, auch in der Musik, auch im Eros: Aber dies sind Erfahrungen, die ja keineswegs eine l art pour l art Haltung fördern, sondern Wege weisen in ein gutes (d.h. auch ethisch gutes) Leben.

Der christliche Glaube ist also kein Angst machendes System, kein Lehrgebäude, keine gehorsame Haltung gegenüber alten Dogmen, christlicher Glaube ist das Ernstnehmen der eigenen subjektiven Erfahrung jetzt. Von der aus man mit der Vernunft und der reifenden Seele eben ethisch gut lebt. Dieses ethisch – gute Leben, die „Arbeit“ daran, ist der wahre Gottesdienst, das sagte Jesus Christus, das Vorbild für uns, schon.

Christlicher Glaube ist also zuerst Praxis, ethische Praxis, auch mit der Lust an entsprechenden kulturellen Erfahrungen. Aber vor allem in der Praxis zeigt sich Gott, darin zeigt sich Transzendenz, darin entsteht Poesie, die den Namen Gebet verdient.

Der christliche Gaube wird also wieder „einfach“, selbstverständlich nicht im Sinne von „schlicht“, sondern im Sinne von elementar und überschaubar und kritisch und deswegen auch eine Einladung zum guten Leben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 



Rechtsextreme Ideen werden vom Straßburger Erzbischof Luc Ravel propagiert

19. Juli 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.7. 2017

Luc Ravel (geb. 1957) ist seit einigen Wochen der neue Erzbischof von Straßburg im Elsass. Dort gelten – im Unterschied zum übrigen Frankreich – die Bestimmungen des Konkordates aus napoleonischen Zeiten; dementsprechend hat noch Staatspräsident Hollande entscheidend zu Ravels Anstellung beigetragen.

Ravel war zuvor Militärbischof. Er ist seit der Zeit als äußerst konservativer Theologe bekannt. Nun hat er vor einigen Tagen in der Tageszeitung „Dernières Nouvelles d Alsace“ erklärt: Frankreichs Bevölkerung (d.h. die weiße und irgendwie noch christliche) werde wohl bald von der kinderreichen muslimischen Bevölkerung ERSETZT. Das Wort „remplacement“ ist dabei entscheidend: Es finde also ein Austausch, ein „Ersetztwerden“, der Bevölkerung durch eine andere, ja man muss wohl sagen, Rasse, statt. Die diffusen Ängste von Michel Houellebecq (Roman „Unterwerfung“) und die Ideologie rechtsextremer Parteien hat sich also der Erzbischof zu eigen gemacht.

Zum Hintergrund:

„Frankreich verschwindet bald, weil die muslimischen Familien immer mehr Kinder bekommen“: Der rechtsextreme Ideologe Renaud Camus verbreitet diese Behauptung ziemlich erfolgreich. Bei der rechtsextremen Partei Front National finden seine Ideen Zustimmung sowie bei anderen entsprechenden Bewegungen, wie den „Identitären“. Aber selbst Nicolas Sarkozy hat sich am 5. August 2016 der populären Behauptung angeschlossen, als er sagte: „l’axe du monde étant clairement passé vers l’Afrique et l’Asie …Il nous faut réagir, ou on disparaîtra“. D.h.: Die Achse der Demographie dreht sich klar Richtung Afrika und Asien, wir Franzosen müssen reagieren oder wir werden verschwinden“. Mit dem „Wir“ sind die gebürtigen Franzosen gemeint, jene weißen Herrschaften, die allerdings oft vergessen, selbst ungarische (wie Sarkozy), italienische, spanische, polnische, russische, deutsche Großeltern zu haben. „Reinrassige Vollblut Franzosen, Gallier? “ gibt es „leider“ nicht! Nun aber haben diese weißen (katholischen) Herrschaften Angst zu verschwinden. Warum? Weil die muslimischen Familien, also die Leute aus Nordafrika oder aus den südlicheren afrikanischen Staaten, so kinderreich sind in Frankreich.

Es geht also ganz klar um einen Kampf der Rassen: Hier die ansässigen guten Franzosen (obwohl sie auch alle Mischlinge sind aufgrund der Einwanderungen seit 1800) und dort, auf der anderen Seite, die bedrohlichen Typen, die „wie wild“ Kinder zeugen und dadurch faktisch Frankreich erobern. Diese rassistische Idee wird in Frankreich viel diskutiert, auch in literarischen Kreisen. Sie wurde einerseits empirisch widerlegt und auf der anderen Seite klar gestellt: Dass in Frankreich immer schon „Mischungen“ von Menschen unterschiedlicher Herkunft besteht und dass es doch falsch sei zu behaupten, alle Muslime in Frankreich wollten sozusagen die Macht übernehmen und die Republik abschaffen.

Erzbischof Ravel jedenfalls übernimmt jetzt öffentlich (!) die rechtsextreme Ideologie und lobt sich deswegen selbst als mutigen Franzosen, „weil ich Frankreich liebe“. Er liebt aber nur das katholische, das alte Frankreich, nicht das offene, das dialogbereite republikanische Frankreich.

Das hat Erzbischof Luc Ravel schon beweisen, als er noch Bischof des Militär-Bistums war, auch dies gibt es in Frankreich, es sei all denen gesagt, die ewig und ungebildet von der totalen Trennung von Kirchen und Staat in Frankreich plaudern und diese laicité dann als Deutsche bedauern…

Also, Bischof Ravel hat als Militärbischof nach den Terroranschlägen in Paris behauptet: Man solle die 17 Opfer dieser Terroranschläge mit den 200.000 Opfern vergleichen, die durch die Abtreibung in Frankreich nicht geboren werden. Diese Abtreibungs – „Morde“ seien wohl schlimmer als die 17 Opfer der Terroranschläge. Die Behörden des Verteidigungsministeriums haben gegen diese Aussagen protestiert.

Trotzdem wurde dieser absolute pro-life-Fan noch auf den Posten des Erzbischofs von Straßburg gesetzt, weil seine Tätigkeit als Militärbischof nicht verlängert wurde. Das ist die vatikanische Personalpolitik: Irgendwo muss man einen Kleriker, einen Bischof, eben unterbringen. So viele geeignete Kleriker fürs Bischofsamt gibt es ja ohnehin nicht mehr. Und zu allem Unglück war Ravel auch noch Mitglied der Glaubenskommission der französischen Bischofskonferenz. Die Politiker im Elsass haben den neuen Bischof voller Überschwang willkommen geheißen, selbst der sozialistische Bürgermeister war wohl begeistert.

Für den neuen Erzbischof von Strassburg, der Stadt Europas und der Menschenrechte, ist jedenfalls der französische Laizismus, wie er sagt, also die Trennung der Kirchen vom Staat. genauso gefährlich wie der Islamismus. das betont er deutlich mit Unschuldsmiene des Naiven, der er nicht ist. Und er ist felsenfest als Fundamentalist überzeugt: Dass „Jesus Christus der Meister des Kosmos und der Geschichte ist“, das heißt: Jesus Christus soll alles bestimmend sein in der Gesellschaft und im Staat. Was ist da der Unterschied zum alles bestimmenden Koran?

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Mit Walter Benjamin denken

16. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher, Termine

Am Freitag, den 14. Juli 2017, hatten wir wieder einen religionsphilosophischen Salon veranstaltet, diesmal über einige Aspekte im Denken Walter Benjamins. Äußerer Anlaß war der 125. Geburtstag Benjamins am 15. 7. Wir sagten uns: Ein solchermaßen inspirierender Philosoph sollte wenigstens eine ganze Woche er- innert werden. Darum verlängern wir den Hinweis auf Walter Benjamin bis zum 22. Juli.

In diesem Beitrag finden Sie:

Einige einführende und inspirierende Hinweise von Christian Modehn zu den Geschichtsphilosophischen Thesen von 1940.

Einen Hinweis auf eine Radiosendung aus der Reihe „Lange Nacht“ des Deutschlandfunks über Benjamin.

Einen Hinweis von Christian Modehn zu einigen noch weiter zu diskutierenden Aspekten im Denken Benjamins.

Sowie einen Hinweis zur Namensgebung und architektonischen Gestaltung des Walter Benjamin Platzes in Berln.

…………

Zu einigen Aspekten im Denken Benjamins: Anlässlich des Abends über Walter Benjamin am 14. 7. 2017

Von Christian Modehn

1.

Es gilt die Einladung, die Denkbilder Benjamins mit-nach-zudenken und selbst eigene Denkbilder zu schaffen, d.h. zu notieren.

Beachtlich seine Aphorismen:

– Der Ernährer aller Menschen ist Gott. Und der Staat ihr Unterernährer.

-Menschen suchen das ewige Reisen. Sie sind Melancholiker, da sie die Berührung mit der Muttererde (zu Hause) scheuen….

-Oder man lese das „Kaiserpanorama“, etwa:

Die Leute haben ihre Privatinteressen an erster Stelle, folgen aber dem Massentrend. Oder:„Die Freiheit des Gespäches geht verloren….unabwendbar drängt sich in jede gesellige Unterhaltung das Thema… des Geldes“

Im ganzen sieht Benjamin: Die Menschen wollen das alte, längst verlorene Leben starr erhalten, sehen nicht die Gefahren; es gibt eine Ohnmacht, einen Verfall des Intellekts.

2.

Zu den Thesen Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ (1940!) :

Es gilt Benjamins Ablehnung der Fortschritts-Ideologie zu sehen.

Die Ablehnung der gleichwertig dahin laufenden historischen Ereignisse.

Es gilt sein Plädoyer für den kairos, das „Jetzt“, wahrzunehmen als den Augenblick in der Not der Geschichte. Dann werden Momente aus der Geschichte „herausgebrochen“, die jetzt hilfreich sind.

Es gilt, die messianischen (d.h. die erlösenden) Momente in der Geschichte wahrzunehmen: „Die Elemente des Endzustands liegen nicht als gestaltlose Fortschrittstendenz zutage, sondern sind als gefährdetste Schöpfungen und Gedanken tief in jeder Gegenwart eingebettet.“ (Benjamin)

Es gilt, das „Eingedenken“ wieder einzuüben. Das ist mehr als Erinnern. Im Ein-gedenken wird die Vergangenheit nicht als Fernes erlebt, sondern es werden „hilfreiche Momente“ wahrgenommen.

PS: Diese Thesen gelten auch im Blick auf die eigene Lebensgeschichte?

3.

Zum Begriff der „Aura“ aus dem Aufsatz : „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936):

Aura ist eine intensive und auf das jeweilige Objekt bezogene einmalige Qualität. In der Aura zeigt sich ein Gegenstand unnahbar, nicht besitzbar, einmalig, beinahe heilig. Ein solcher gegenstand kann nicht in Massen technisch reproduziert werden.

Ein Beispiel, Benjamin nennt auch die späteren Arbeiten van Goghs: In dem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit sagt Benjamin: „An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.“ Das Gedicht Spaziergang von Rilke für dieses lyrisch wirkende Beispiel, dort lautet der erste Vers:

„Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an —“….Rainer Maria Rilke: Spaziergang, 1925

Sehr interessant der Unterschied zwischen einer Spur (etwa auf einem Weg) und der Aura einer Sache: In dem unvollendendetem Passagenwerk stellt Benjamin Aura und Spur gegeneinander: „Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft; in der Aura bemächtigt sie sich unser.“

Durch seinen besten Freund Gershom Scholem lernte Walter Benjamin die jüdische Mystik der Kabbala kennen:

Astrid Nettling sagt in einer Sendung für den Deutschlandfunk (http://www.deutschlandfunk.de/walter-benjamins-engel-der-geschichte-ein-sturm-weht-vom.2540.de.html?dram:article_id=345151)

4.

=Von „heiligen Funken“ spricht die jüdische Mystik, die Kabbala. Es sind dies kleinste Spuren göttlichen Lichts, die bei jener Urkatastrophe, dem „Bruch der Gefäße“, zusammen mit den Scherben über die ganze Welt zerstreut wurden. Diese „heiligen Funken“ befinden sich überall, in belebten und unbelebten Dingen, selbst in härtestem Trümmergestein und warten nur darauf, aufgehoben und erlöst zu werden. So lautet es in einem kabbalistischen Text=:

Es gibt nichts, was keine Funken enthielte. Darum muss sich der Fromme all dessen erbarmen, nämlich wegen der darin befindlichen Funken, damit er sich seiner heiligen Funken erbarmt.“

……………………………….

Zur Architektur des Walter Benjamin Platzes und zur Namensgebung:

Der Walter Benjamin Platz

Gebaut von Hans Kollhoff 1999 – 2001.

Hinweis auf eine Studie von Verena Hartbaum: Der Walter-Benjamin-Platz.  Materialien zur Decodierung

Darin wird der Vorwurf an den Architekten Hans Kollhoff bearbeitet, er zitiere in seiner Bauweise faschistische Architektur, entsprechende Bild- Dokumente aus dem Italien Mussolinis sind der Studie, die im Internet verfügbar ist, beigegeben.

Hier nur so viel:

Der Platz jetzt wirkt für viele zu einheitlich, fast monoton, alles aus Granit, Marmor, Sandstein… bietet 109 Wohnungen.

Ein wichtiger Hinweis: Als Kontrast zu dem linken Philosophen Walter Benjamin: Das in den Boden eingelassene Zitat von Ezra Pound, dem Dichter, der eher auch Mussolini nahe stand. Dazu am Ende dieses Beitrags.

Die Autorin Verena Hartbaum schreibt in ihrer oben genannten Studie:

„Mit der fiktiven Gegenüberstellung von Walter Benjamin und Ezra Pound vor der Kulisse einer dem italienischen Faschismus nahe stehenden Bebauung treffen denkbar krasse Gegensätze aufeinander. Es ist zu bezweifeln, dass die beiden Schriftsteller sich gemocht hätten. Pound wandte sich schon in den 20er Jahren einem nationalen Denken zu, woraus später sein Einsatz für den italienischen Faschismus resultierte. Der deutsch-jüdische Schriftsteller Benjamin wandte sich gegen die Ästhetisierung des Politischen durch den Faschismus, 1940 nahm er sich auf der Flucht an der spanisch-französischen Grenze das Leben. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, ob Pound und Benjamin vom Werk des jeweils anderen Notiz genommen haben. Hans Kollhoff schreibt dazu: “Das ist ja das Schöne an der Konfrontation von Walter Benjamin und Ezra Pound, die persönlich ja nicht stattgefunden hat, dass man daran hypothetische Behauptungen knüpfen kann, die nicht selten ein grelles Licht werfen auf die fatale Geschichte des vergangenen Jahrhunderts“

Zur Namensgebung des Platzes: „Während sich für den beidseitigen Bautypus schon während der Bauzeit die Bezeichnung „Leibniz-Kolonnaden“ allgemein durchgesetzt hat, geschieht die Benennung des zuvor namenlosen Areals in „Walter-Benjamin-Platz“ auf einen Antrag der Fraktionsmitglieder der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf Marc Schultes und Gisela Meunier innerhalb der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf. Zur Alternative stehen der Name „Alexander-Mendelssohn-Platz“ als Favoriten der Charlottenburger CDU, sowie die Bezeichnung „Leibniz-Kolonnaden“ im Interesse des Investors 15. Die SPD setzt sich im April 2000 16 durch, den Platz nach dem Philosophen

und Schriftsteller Walter Benjamin zu benennen. Der Architekt Kollhoff hätte statt des Zusatzes „Platz“ lieber den Zusatz „Kolonnaden“17 gehabt“.

Fußnoten 15

Vgl. „Ladenpassage heißt nach Walter Benjamin“, Berliner Zeitung Online

, 01.04.2000

(gesehen: Mai 2012)   aus dem Text der Berliner Zeitung, gelesen am 13. 7. 2017: Der Investor hätte den Namen Leibniz-Kolonnaden auch für den Platz bevorzugt. SPD und Grüne setzten sich durch, den Platz nach Walter Benjamin zu benennen. Der Berliner Schriftsteller und Essayist lebte jahrelang an der Carmerstraße und machte sein Abitur in einer Schule am Savignyplatz. (mp.) – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/16228976 ©2017

Fußnote 16

Drucksache der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg von Berlin, X V.

Wahlperiode, Antrag bzgl. Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg vom 15.02.1999 (von der Autroin gesehen im Dezember 2011)

Fußnote 17

Vgl. „Italienisches Flair in den Kolonnaden“, Berliner Zeitung Online

, 12.05.2001 (von der Autorin gesehen: Mai 2012)

Quelle: Verena Hartbaum. Der Walter-Benjamin-Platz. Materialien zur Decodierung

http://a42.org/fileadmin/_img/download/Stud_arbeiten_oeff/Disko_26_-_Der_Walter-Benjamin-Platz.pdf

Zu dem SPRUCH von Ezra Pound: Berliner Zeitung, Beitrag von H D Kittsteiner, am 8.1. 2003: Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/bei-usura–kleine-erkundungen-auf-dem-grossen–walter-benjamin-platz–hauptsache-geruehmt-16715358

Aus dem Beitrag von Kittseiner in der Berliner Zeitung:

….Ein Vers also von Ezra Pound ist in das gequaderte Gepflaster eingelassen. Man findet ihn nicht leicht; er ist nicht auffällig. Es ist auch nicht vermerkt, dass es sich um einen Vers von Pound handelt. Hat man den Stein einmal gefunden, so stutzt man und liest: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“ ….. Usura . lat. „Wucher“. Es handelt sich um die Anfangszeilen des berühmten Usura-Canto Nr. XLV von Ezra Pound, also des „Gesangs vom Wucher, Nr. 45“, veröffentlicht 1936. Und dieser Stein mit dem Vers darauf besagt: Wanderer, schau her! Hier sind die Häuser von gutem Werkstein, hier sind die Quadern wohl behauen und fugenrecht, hier gliedert sich die Stirnfläche zum Muster. Hier war Hans Kollhoff am Werke. Oder ist alles ein Eingeständnis des Scheiterns? Wollte der Architekt uns sagen: Unter der Vorherrschaft des „Wuchers“ (mit diesem Begriff bezeichnete Ezra Pound den Kapitalismus) konnte ich nur dieses Machwerk zu Stande bringen; hier war es nicht möglich, mit gutem Werkstein eine Fassade zu gliedern. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/16715358 ©2017

 

 

 



Über den Begriff der Geschichte. Von Walter Benjamin.

15. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Eine kleine „Verstehenshilfe“ zu einem manchmal schwierigen Text von Christian Modehn

Diese Hinweise waren eine Grundlage für ein Gespräch im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 14. 7. 2017

Der Text Benjamins gehört in das weite Umfeld der Geschichtsphilosophie:

Es ist eine ungeheure Herausforderung für die Philosophie, sich dem Ganzen der menschlichen Geschichte, der Weltgeschichte, zu stellen. Und dies ist eine – gegenüber der Naturphilosophie etwa – durchaus neue Frage in der Philosophie, die in der Weise wohl nur in Europa lebendig ist.

Es geht um die Fragen: Was ist Geschichte? Noch grundlegender: Was ist Zeit? Was ist unsere Erfahrung mit den Zeitstrukturen? Wie entsteht Geschichte unter den Menschen? Ist sie eigentlich als solche ein letztlich unsichtbares Objekt? Nur in den Produktionen der Menschheit im Laufe der Zeit wird Geschichte also sichtbar? Was ist unser inneres Erleben von Geschichte, auch von meiner Lebensgeschichte? Wer macht Geschichte, wer liest und interpretiert die Geschichte? Was ist mit dem Opfern in der Geschichte, die keine Chance zum menschenwürdigen Leben hatten? Was zählt der einzelne in einer Geschichte, die als Fortschritt, technischer Fortschritt zu immer Mehr und vielleicht immer Besserem und vielleicht immer Gerechterem wird? Und: Wenn ein Gott die Welt geschaffen hat, also auch die Menschen, die Geschichte gestalten in ihrer Freiheit, ist dann Gott anwesend auch in der Geschichte? Wie ist Gott mit der Geschichte unterschiedlich verbunden im Judentum und im Christentum?

Benjamins Thesen sind im Kern eine Kritik der herrschenden Fortschritts-Philosophie (- Ideologie), sie plädieren für einen neuen „Zugriff“ auf die Geschichte in der Stunde höchster Not, im Falle Benjamins: Bei dem machtvollen gewalttätigen Faschismus und der Zerstörung einer letzten Hoffnung, dass irgendetwas Humanes von der Sowjetunion noch zu erwarten ist, wo doch der Hitler – Stalin – Pakt alle letzten positiven Erwartungen zerschlagen hat! Für Benjamin gab es fast keine Hoffnung mehr auf Rettung in der weltgeschichtlichen Lage 1940.

Walter Benjamin stellt sich der Universalgeschichte. Weil er den Begriff der Erlösung denkt, den er die künftige Gegenwart des Messianischen, nennt.

Benjamin will die Vorstellung überwinden, Geschichte sei ein bloß ins Unendliche dahin laufender, eher montoner Entwicklungsverlauf. Er will sich der Herausforderung stellen: Was ist der Sinn des Daseins im Jetzt, in der Ausweglosigkeit des Faschismus. Das war seine persönliche Leidenssituation 1940! Er hatte zudem schon in früheren Jahren geahnt und deutlich gesagt, dass eine neue Katastrophe, auch ein weiterer Weltkrieg bevorsteht.

Die 18 kurzen Kapitel wirken zwar sehr in sich gekehrt; tatsächlich aber sind sie eng mit einander verflochten. Im 1. Kapitel tritt der schon aus der „Berliner Kindheit“ bekannte „bucklige Zwerg“ auf, diesmal in einer positiv erlebten Rolle: Er lenkt nämlich – ungeahnt für die Sozialisten – ihr Tun. Wie er diesen Einfluss hat und haben kann, wird von Benjamin nicht gesagt!

Höhepunkt ist das berühmte und viel besprochene 9. Kapitel zum „Engel der Geschichte“. Ganz am Ende, eher versteckt im Anhang B, stehen die ungewöhnlichen, letzte Hoffnungen weckenden Sätze: Es gebe in jeder „Sekunde, eine kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte“.

Was uns vor allem ins Nachdenken bring, ist die Behauptung einer geheimen Steuerung des Sozialismus/ Marxismus (trotz Stalin ?) durch die Theologie, Kapitel I. Wenn denn der „historische Materialismus“, also der Marxismus im Sinne Benjamins, die Theologie „in ihren Dienst nimmt, dann könne der Marxismus es „ohne weiteres mit jedem aufnehmen“. Auch wenn die Theologie im Augenblick „klein und hässlich ist“. Sie ist wohl un–ansehnlich, sie hat gerade in der jüdischen Tradition keine Bilder, sie hat keine Macht. Aber stimmt das für die an kirchliche Institutionen gebundene Theologie? Sicher nicht!

Aber: Haben diese Sätze auch eine Bedeutung nach dem Zusammenbruch des „realen Sozialismus“? Sollte ein von Partei – Dogmen gereinigter Marxismus mit Hilfe der Theologie (welcher ?) „es mit jedem wieder aufnehmen können“ ? Diese Frage müsste aktuell diskutiert werden.

Die Lektüre dieses knappen Textes der 18 Thesen erschließt sich, wie alles in der Philosophie, nicht im Tempo einer Zeitungslektüre. Die Gedanken sind „schwere Kost“, wie man einmal sagte, aber sie sind eine Kost, die nicht nur den Magen reinigt.

I.Kapitel

Es geht hier grundlegend um den Zusammenhang von historischem Materialismus (so nennt Benjamin seine Philosophie, das Bezogensein auf den Marxismus) und Theologie (im jüdischen Sinne der Erwartung des Messias).

Versteckt ist, im Bild gesprochen, unter dem Tisch, im Zusammenhang des „Spiels“, der Geschichte also, die Theologie, also der theologische Gedanke, der unsichtbar die sichtbare Puppe, den historischen Materialismus als Täter der Geschichte und des Geschehens, mit – bestimmt und zum Sieg führt. Die Theologie wird erwähnt, nicht etwa die institutionelle Religion, also eher der „freie theologische Gedake“. Er wird von Benjamin als klein und hässlich beschrieben, in seinem unsichtbaren Untergrund. Aber der Marxismus soll die Theologie „in ihren Dienst nehmen“, wie Benjamin sagt.

ALSO: Ohne Theologie als Erwartung der Erlösung gibt es keine erfolgreiche Geschichtsgestaltung im Sinne des Marxismus. Dies muss wohl so verstanden werden: im Sinne der Befreiung der Armen. Denn das ist das Wesentliche und Befreiende im Marxismus – Begriff von Benjamin. Er will ja bekanntlich Hoffnung artikulieren, „für die, die keine Hoffnung haben“. Nur das Mitspielen der Theologie ermöglicht eine Durchsetzung des historischen Materialismus, des Marxismus. Durch die Präsenz des Theologischen IN der Geschichte wird schon auf das später genannte Spirituelle hingedeutet.

II.Kapitel

Gemeint ist im Zitat am Anfang Herman Lotze. (1817 – 1881, einer der bedeutenden und viel zitierten Philosophen zur Zeit Benjamins)

Das Zitat geht weiter, es wird von Benjamin abgebrochen. Lotze sagt: „Wir opfern uns auf für die Herstellung eines Besseren in der Zukunft, eines Besseren, das wir nicht genießen können, darin zeigt sich entweder eine Liebe für die Zukunft oder ein unbewusster Trieb“. (Quelle:

https://books.google.de/books?id=Wi-Li69Mqi4C&pg=PA273&lpg=PA273&dq=wer+ist+Lotze+bei+Benjamin&source=bl&ots=zQ8BurOYTB&sig=Ut28AEnlsdc1o1P5CWwN2ZJWNh0&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi0iafXnv7UAhVHK1AKHYbKCtcQ6AEIRDAE#v=onepage&q=wer%20ist%20Lotze%20bei%20Benjamin&f=false) Im Buch von Reinhardt Pester, Hermann Lotze, Wege seines Denkens und Forschens. 1997.

Das Wort „tingiert“ bedeutet gefärbt. Unser Denken, so Benjamin, ist also von der Zeitstruktur gefärbt. Alles Denken ist von der Zeit geprägt.

Die Grundaussage ist: Wir Menschen wollen das Gute für die Zukunft der Menschen. Wir wollen das Glück. Es geht Benjamin wirklich darum, das Glück zu fördern. Wir wollen das Glück der Zukunft der anderen. Das wollen wir ohne Neid, ohne neidisch zu werden. Neid (im Sinne von schlechte, schuldhafte Stimmung) hingegen entsteht nur, wenn wir an unsere Versäumnisse in der Vergangenheit denken (etwa mit Menschen, mit denen wir hätten reden können).

Was zeigt sich da: Wir leiden zwar unter den Versäumnissen unseres eigenen Lebens, sind aber bereit, das Gute für die Zukunft zu wollen. Darin zeigt sich eine Art Sehnsucht, darin zeigt sich ein Sehnen nach Erlösung im Sinne der vollständigen und glücklichen Existenz in der Zukunft.

Wir sind verbunden mit der Geschichte, mit der Geschichte unserer Verwandten und Vorfahren. Wir hören in den Stimmen heute auch die Stimmen von einst.

Wir sind also mit der Vergangenheit verbunden. Es gibt eine „geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem Geschlecht“. Das heißt: Wir sind mit der Vergangenheit verbunden, wir sind keine isolierte Existenz. „Wir wurden auf der Erde erwartet“, sagt Benjamin dann: Erwartet von wem? Von einem Vorgänger, von einem früheren Menschen. Dieses Erwartetwerden gilt für alle Menschen. Alle wurden erwartet … von anderen. Das ist wohl eine zurückhaltende Aussage für die Erkenntnis: Alle Menschen wurden gewünscht, alle wurden gewollt, alle haben einen Sinn. Dies anzuerkennen bedeutet: Den Menschen ist eine schwache messianische Kraft eigen, das heißt eine Kraft, die auf den Messias hindeutet, also auf eine umfassende Erlösung hin. Auch die Vergangenheit (das vergangene Leben der Menschen früher) hat an dieser messianischen Kraft Anteil. Diese messianische Kraft kann kein historischer Materialist, also ein Marxist im Sinne Benjamins leugnen: „Der historische Materialist“ (also der Marxist) weiß darum“.

III. Kapitel

Jetzt steuert Benjamin seine Kritik an der herrschenden Geschichtsforschung und Geschichtsphilosophie an. Hier zeigt er zunächst ein partielles berechtigtes Verständnis für den Chronisten, also für den Historiker, der fein und säuberlich alle Ereignisse, auch die unbedeutend erscheinenden, aufzeichnet und bewahrt. Nichts darf für die Geschichte verloren gehen, schreibt Benjamin.

Aber der Gesamt – Überblick über die gesamte (Welt) Geschichte und damit über die Menschenwelt im ganzen ist erst der erlösten Menschen, in der messianischen Zeit also, am Ende der Geschichte, möglich. Benjamin spricht von dem „jüngsten Tag“, an dem alle Ereignisse zitierbar, also klar vor Augen eines jeden, treten. Das ist die große Übersicht der Erlösten über die Geschichte.

IV.Kapitel

Der völlig irritierende, nach Marx klingende Vorspruch, also das Hegelzitat von 1807 „Trachtet am ersten nach Nahrung und Kleidung, so wird euch das Reich Gottes von selbst zufallen“ ist tatsächlich von Hegel. Das Zitat wirkt wie ein materialistischer Ausrutscher des Idealisten Hegel möchte man sagen.

Dieses Zitat hat Benjamin von Ernst Blochs Hegel Studien entnommen: Bloch schreibt: ….ein unbewachter Satz des großen Idealisten Hegel gehört hierher, und nicht nur der junge, auch der entschieden materialistische MARX hätte ihm wohl zugestimmt. Denn 1807 schrieb HEGEL aus Bamberg, wo er als Redakteur sich durchschlug, an seinen Jenenser Freund, den Major KNEBEL: «Ich habe mich durch Erfahrung von der Wahrheit des Spruches in der Bibel überzeugt und ihn zu meinem Leitstern gemacht: Trachtet am ersten nach Nahrung und Kleidung, so wird euch das Reich Gottes von selbst zufallen» (XVII, S. 629 f). Der Spruch lautet in der Bibel (Matth. 6, 33) bekanntlich genau umgekehrt. Quelle: aus dem Beitrag von Bloch, Marx und die idealistische Dialektik: http://www.trend.infopartisan.net/trd0411/t290411.html.

Der Text wurde entnommen aus:
Bloch, Ernst, Karl Marx und die Menschlichkeit, Reinbek 1969, S. 139-149.

Zum Kapitel IV selbst:

Benjamin steht als Marxist, trotz der Distanz zu Moskau, der marxistischen Grundidee vom Klassenkampf positiv gegenüber. Die Weltgesellschaft ist ein Kampf der Klassen.

Und dieser Klassenkampf ist ein „Kampf um die rohen Dinge, Nahrung und Kleidung“, siehe das Hegelzitat.

Dann aber folgen hoch interessante Einsichten:  Aber „ohne diese rohen Dinge gibt es keine feinen und spirituellen“.D.h. ohne den Kassenkampf um materielle Güter gibt es keine spirituellen Güter. Es gibt also im Sinne des Marxisten Benjamin durchaus spirituelle Dinge!! Die Klischee – Vorstellung des „Materialisten“ stimmt also nicht, es gibt im Klassenkampf spirituelle Dinge! Das verweist wieder auf die erste These mit dem Schachspiel.

Benjamin sagt: Diese spirituellen Dinge dürfen nicht dem Herrscher als Beute zufallen, das heißt: Die Herrschenden dürfen nicht die spirituellen Dinge missbrauchen und sie sich aneignen. Was sind spirituelle Dinge? Sehr lehrreich noch heute für uns: „Zuversicht, Mut, Humor, List, Unentwegtheit im Kampf“. Diese Haltungen und Tugenden sind menschliche, humane Tugenden, es sind keineswegs explizit religiöse. In einem christlichen Sinne könnte man ja denken: Gebet, Meditation, Gottesverehrung sind die typisch spirituellen Dinge. Nein, für Benjamin sind im Sinne der AT – Botschaft der Propheten, eben weltliche Dinge spirituelle Dinge!

Dann die merkwürdige Formulierung Benjamins: „Diese spirituellen Dinge wirken in die Ferne der Zeit zurück“. Sie sind rück – wirkend. Was heißt denn rück wirkend sein: Sie gelten auch in der Vergangenheit, und sie verändern unser Bild der Vergangenheit. Spirituelle Dinge sind also auch in der Vergangenheit anwesend, in jeder Vergangenheit, also in der Geschichte. Die Geschichte ist geprägt von spirituellen Dingen, Zuversicht usw.. Mit diesen weltlichen spirituellen Werten ( also der Unentwegtheit im Kampf der Klassen zugunsten der Leidenden) wird jeder Sieg der Herrschenden, wie er schreibt, „in Frage gestellt“. Weil jeder Sieg gemessen wird an den Werten der weltlichen Spiritualität.

Jetzt wird es „mystisch“ bei Benjamin: Er glaubt an eine Sonne, die aufgeht und den Leidenden im Klassenkampf Licht und Hoffnung bringt. Das Gewesene (in der Geschichte im Klassenkampf) strebt der Sonne zu, „die am Himmel der Geschichte am Aufgehen ist“, so wörtlich ein eher hoffnungsvoll stimmendes Zitat aus Benjamins Thesen. Auf dieses Hin-Streben zu der letztlich siegreichen Sonne muss der historische Materialist, so wörtlich, „sich verstehen“. D.h.: Er muss diese geheime spirituelle Kraft sehen lernen!

V. Kapitel

Wer die Vergangenheit sucht und darin eben das wahre Bild (!), wie Benjamin sagt, erlebt, also das Bild von einst, das die damalige Wahrheit des Klassenkampfes zeigt: Der nimmt wahr: Dass dieses wahre Bild von einst (gerade als hilfreich für heute) nur „vorbeihuscht“. Es ist „ein Aufblitzen“ (im Sinne einer plötzlichen geschenkten Erkenntnis, einer Einsicht), in diesem Aufblitzen ist jedoch ist „die Vergangenheit festzuhalten“.

Ganz anders denkt die bürgerliche Geschichtsforschung, die meint über alles Vergangene fixierend ständig verfügen zu können. „Die Vergangenheit läuft ja nicht davon“, sagen die bürgerlichen Historiker, als Historismus, verstanden. Die Vergangenheit steht uns als gleichförmig fließende Zeit mit ihren vielen tausend „interessanten“ Ereignissen immer zur Verfügung, meinen diese Historiker.

Für Benjamin hingegen gilt: Jede Gegenwart muss erkennen, ob ein Bild der Vergangenheit zu meiner Gegenwart (immer im Sinne des Klassenkampfes als des Kampfes der Unterdrückten um Gerechtigkeit) „passt“. Die Gegenwart muss erkennen: Ich bin „gemeint“, wie Benjamin sagt, in dem Bild der Vergangenheit.

Jeder wird Beispiele etwa der jüngeren Geschichte, etwa der Befreiungskämpfe in Lateinamerika. finden: man wird sich des Mordes an dem Menschenrechtler Bischof Oscar Romero El Salvador erinnern, mit seinem Einsatz zugunsten der Armen. Und man wird denken, vielleicht: „Da bin ich gemeint“ als Teil der ausbeuterischen Welt….

VI. Kapitel

Diese These macht noch einmal deutlich, dass Benjamin diesen für ihn selbst so ungemein wichtigen Text schreibt „im Augenblick einer Gefahr“ (eben des Faschismus, des Krieges). Die Gefahr ist für ihn und so viele Juden, Kommunisten, Freidenker, Homosexuelle, total. Sie bedroht den Bestand der Tradition, also die Kultur. Und bedroht ist die Qualität der Religionen, und bedroht sind die Empfänger dieser Tradition, also die jetzt lebenden Menschen. Die Gefahr ist auch, dass sich Kultur und Menschen heute „zum Werkzeug der herrschenden Klasse hergeben“. Diese Haltung ist der auch heute bekannte „Konformismus“ mit den Herrschenden. Der dumme Konformismus überwältigt, zerstört die gute Tradition. Dieser Konformismus mit den Herrschenden ist für den Juden Benjamin interessanterweise das Anti-Christliche: Diesen Antichrist, so wörtlich, gilt es zu überwinden durch die Gestalt des Messias, der kommen wird. Es gilt zu beachten, dass für jüdisches Verständnis der Messias immer der kommende ist. Die reale Weltgeschichte ist total – versteckt, wie der Zwerg in Kapitel I andeutet – bezogen auf den künftigen Messias.

Nebenbei: Im Christentum ist der Messias (Jesus Christus) schon als Mensch da gewesen, hat seinen heiligen Geist in der Welt hinterlassen, so dass die Weltgeschichte immer schon prinzipiell und wesentlich Heilsgeschichte ist. Der kommende Messias ist für die Christen nur die Vollendung der schon begonnenen Heilsgeschichte.

Zu Benjamin: Es gilt, für den Historiker in seinem Sinne, so wörtlich: Funken der HOFFNUNG (!) anzufache. Sie gelten auch den Verstorbenen, zumal sich der Feind, also die Herrschenden, selbst der Verstorbenen noch bemächtigt (das Gedächtnis auslöscht, etwa die Friedhöfe schändet…)

„Dieser Feind (der Faschismus) hat zu siegen nicht aufgehört“, so die letzten Worte dieses Kapitels VI.

VII. Kapitel

„Wir leben im Dunkel“, darauf weist das Mooto am Anfang hin, von dem engen Benjamin Freund Bert Brecht.

Hier geht es noch einmal um die Geschichtsphilosophie Benjamins in seinem marxistischen Sinne. Es geht für ihn der Geschichtsforschung nicht darum, die Herrschergeschichte möglichst total zu re-konstruieren, wie sie selbst einmal als Herrschergeschichte war. Benjamin nennt diese Methode die Methode der Einfühlung, das hat nichts mit der psychologischen Compassion zu tun. Sondern Einfühlung ist für Benjamin nur ein anderer Begriff für das bürgerliche, hermeneutische Verfahren des Sich Hineinversetzens, des mitdenkenden Verstehens mit allen und jeden in der Vergangenheit. Benjamin vermutet, es gehe dieser Geschichtsforschung nur darum, “sich nur in den Sieger“ einzufühlen.

Diese herrschende Haltung nennt Benjamin eine träge und traurige Haltung. Wer sich dieser Geschichtsdeutung anschließt, „marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die Menschen hinwegführt, die heute am Boden liegen“. Das heißt, es kommt auf etwas ganz Anderes an: Auf eine Geschichtsdeutung, die die heute am Boden Liegenden respektiert!

Die Herrschenden haben im Kampf Beute gemacht und diese Beute schleppen sie mit sich herum. Diese Beute sind die Kulturgüter. Es sind die offiziellen, großen Kulturgüter der Mächtigen. Diese Kulturgüter werden, so Benjamin, von den historischen Materialisten, distanziert, also kritisch betrachtet. Denn diese angeblich große Kultur entstammt für Benjamin aus der Fron der Menschen, Benjamin muss mit Grauen an den Werdeprozess der Kulturgüter denken. Kulturzeugnisse sind immer auch Zeugnisse der Barbarei. (Man denke vielleicht an das Schloss in Versailles, an andere Luxus bauten heute, an die Paläste eines Mister Trump, an Kaufhäuser und Konsumtempel, an die gängige, hoch erfolgreiche Massen – Musik, Theater, Oper…

Der historische Materialist muss die Geschichte gegen den Strich bürsten. So Benjamin!

VIII. Kapitel

Wer die Geschichte betrachtet und dabei an die Unterdrückten in den Focus der Betrachtung nimmt, muss feststellen: Angesichts der permanenten Unterdrückung ist immer „Ausnahmezustand“ (die Menschenrechte werden eigentlich immer und fast überall unterdrückt). Unser Begriff der Geschichte muss zum Begriff des Ausnahmezustandes kommen (d.h. aber auch: Es sollte diesen aktuellen Zustand eigentlich nicht geben, das meint ja die „Ausnahme“). Wir müssen, fordert Benjamin, einen wirklichen Ausnahmezustand anstreben, der den Faschismus (hier wird Faschismus von Benjamin explizit eingeführt) überwindet.

Die Gegner Benjamins betrachten den Faschismus gar als Fortschritt und Norm der Geschichte…

Dann spielt Benjamin noch auf den alten Definitions-Begriff des philosophischen Staunens an, in der klassischen Philosophie ist ja bekanntlich Staunen, to taumazein, der Beginn der Philosophie. Nicht Staunen über den Faschismus heute also ist angesagt, da gibt es gar nichts zu bestaunen, da gibt es nur etwas zu verstehen und zu bekämpfen;. Mit der Erkenntnis: Der Faschismus und die Unterdrückung gehören zur Geschichte (der Herrschenden).

IX. Kapitel

Dieses Kapitel ist das berühmteste und am häufigsten zitierte aus Benjamins Werken. Und es ist das am schwierigsten, in seiner offenen Aussage zu deutende Kapitel.

Nur einige Hinweise auf das Bild vom Engel „Angelus Novus“ von Paul Klee aus dem Jahr 1920. Das Aquarell hat Benjamin als begeisterter Sammler und Kunstkenner 1921 gekauft und ist nie mehr von diesem Bild denkend und fragend losgekommen. Benjamin bietet keine kunsthistorischen Erläuterungen zu dem Bild!

Ein Engel guckt entsetzt beim Fliegen den Betrachter an.

Für Benjamin ist dies der Engel der Geschichte. Der Engel hat den Überblick über die Geschichte. Er ist sozusagen in der Rolle des Philosophen. Die haben in der Reflexion, dem „Raufschauen“ auf das Denken, den Überblick.

Der Engel/Philosoph blickt auf die Geschichte als einer Abfolge von Katastrophen. Er möchte wohl heilen und verweilen, aber der Wind aus dem Paradies, also aus dem Ursprung der Welt, treibt den Engel in die ferne Zukunft, dies ist ja das messianische Reich. Diese ferne Zukunft sieht der Engel nicht, weil er auf die Vergangenheit starrt. Und er sieht nur die Trümmer in der Geschichte.

Der Sturm vom Paradiese her, der den Engel in die ferne Zukunft treibt, also für Benjamins ins messianische Reich des Endgültigen, „dieser Sturm ist das, was wir Fortschritt nennen“. D.h.: Fortschritt ist ein vom Urzustand, dem Paradies, ausgehende Bewegung, der selbst ein Engel nicht widerstehen kann.

Im Fortschritt werden viele Trümmer erzeugt. Ist das Paradies für die Trümmer mitverantwortlich, also der Gott, der das Paradies geschaffen Hat? Fortschritt ist dann nicht mehr Tat des Menschen, wir sind dem Fortschritt als Erzeugung von Trümmern und Elend sozusagen ausgesetzt (diesem Wind ausgesetzt) und werden aber in den Endzustand getrieben. Da erwartet uns der Messias. Ein anderer, besserer Gott?

X. Kapitel

Der Gedankengang ist: „Das politische Weltkind“, also die politisch bewussten Bürger, gilt es aus der Verklammerung, aus den „Netzen“ zu lösen, in die die Faschisten das Weltkind hinein verflochten haben.

Diese Politiker folgen einem blinden Fortschrittsdenken, sprechen von Massenbasis. Alles das ist Lüge, meint Benjamin. Mit diesem herrschenden Denken der Herrschenden darf man nicht gemeinsame Sache machen, darf man nicht Komplize werden. Diese Haltung kommt dem Oppositionellen aber „teuer zu stehen“. Sie gefährdet sein Leben und das der anderen. Widerstand ist gefährlich.

Diese Denkhaltung des Marxisten nennt Benjamin Weltabgewandtheit in den ersten Sätzen des Kapitels X. D.h.: Wir müssen dieser Welt der Herrschenden entziehen und ihrem Treiben ,wie die Mönche einst, „abhold“ werden.

XI. Kapitel

Dies ist sicher eines der politisch besonders problematischen Kapitel; sicher auch von pauschaler Ungerechtigkeit Benjamins gegenüber der SPD bestimmt.

Die SPD sei konformistisch mit den Herrschenden, sagt Benjamin pauschal. Als Marxist lässt Benjamin auch 1940 nichts Gutes an der SPD. Die Kommunistische Partei, zu der er als Mitglied nie gehörte, erwähnt er nicht in ihrer taktischen Haltung; die KP Frankreichs hatte ja 1939 den Hitler Stalin Pakt unterstützt.

Jedenfalls meint Benjamin: Die SPD – Arbeiterklasse glaubt, es sei richtig, mit dem großen Strom der Herrschenden zu schwimmen, also mit den Strukturen der Herrschenden mitzutun. Durch die Fabrikarbeit würden die SPD Proletarier zum Fortschritt gelangen. Durch die Arbeit der SPD Proletarier würden Reichtum und Kultur auch für die SPD Arbeiter entstehen. Dabei wird, so behauptet Benjamin, nicht gesehen, dass diese Arbeiter keinen Anteil haben an den Produktionsmitteln. Verbesserung der Arbeit (nicht etwa Neuorganisation der Eigentumsverhältnisse) bringe ERLÖSUNG, meint für Benjamin irrtümlich Josef Dietzgen, ein SPD Philosoph (1828 bis 1888 im Exil in Chicago!).

Die DDR feierte übrigens Dietzgen! Der SPD gehe es um Ausbeutung der Natur, sie sei technokratisch, so der Marxist Benjamin.

XII. Kapitel

Noch einmal wird von Benjamin eine Abgrenzung von der SPD betrieben: Die SPD will nicht die Befreiung der unterdrückten Klassen. Benjamin behauptet, die SPD will den Arbeitern nur die Erlösung künftiger Generationen versprechen… nebenbei: Als würde die KP diese Erlösung jetzt schon realisieren. Blanqui (Louis Auguste B., 18195 – 1881 gestorben) wird von Benjamin lobend erwähnt, er war einer der ersten Theoretiker des Sozialismus in Frankreich…

Benjamin meint: In der SPD verlernte die Arbeiterklasse den Hass wie den Opferwillen, sie beziehen ihre Kraft aus dem geknechteten Vorfahren. Die SPD verspreche nur eine Erlösung künftiger Generationen, meint Benjamin. Meine Frage: machen es denn die KPs anders? Und ist das messianische Reich nicht auch nur eine Erlösung in der fernen Zukunft? Der letzte Satz in Anhang B deutet jedoch auf etwas anderes hin.

XIII. Kapitel

Noch einmal kritisiert Benjamin die Haltung der SPD zum Fortschritt. Zu pauschal, zu dogmatisch sei dieses SPD Fortschrittsdenken. Darin zeigt sich der Gedanke einer ständig ganz nach vorn dringenden Kraft, einer Geschichte als einer Linie nach vorn. Dies ist für Benjamin eine homogene, das heißt gleichmäßig gemachte Zeit und Geschichte, die keine Höhepunkte kennt, und deswegen „leer“ ist, also bedeutungslos für ihn ist.

Diese Deutung muss die materialistische Geschichtsdeutung überwinden!

XIV. Kapitel

Jetzt kommt Benjamin zu seiner eigenen Sache, zu seiner Deutung der Geschichte!

Für ihn wird Geschichte heute KONSTRUIERT, diese Geschuchtsdeutung geht aus von dem JETZT. Da wird aus dem Kontinuum der Geschichte, vom Jetzt ausgehend, Wichtiges und Hilfreiches, für das JETZT „HERAUSGESPRENGT“, so wörtlich.

(Robespierre sprengte für sein Revolutionsverständnis das Bild vom antiken Rom heraus, meint Benjamin).

Man muss das Aktuell – Hilfreiche in der Geschichte „wittern“. Man muss in die Geschichte wie mit einem Tigersprung reinspringen und sich das Wichtige entreißen. Solch ein Sprung ist die Revolution.

XV. Kapitel

Es gilt das von den Herrschern suggerierte gleichmäßig dahin strömende „Kontinuum der Geschichte aufzusprengen. Wenn das geschieht, dann geschieht die revolutionäre Aktion.

Dann werden neue Zeitrechnungen eingeführt. In der Juli Revolution in Frankreich 1830 wurde auf die Uhren geschossen, um das Erlebnis großer Zeit deutlich zu machen, einer Zeit, die man festhalten will.

XVI. Kapitel

Stillstand ist ein merkwürdiges, aber das entscheidende Wort:

Benjamin meint, die Geschichte komme im JETZT, dem Kairos, zu einem Stillstand, nur so kann das messianische Element gesehen werden. Gegenwart ist eine neue Dimension, man möchte sagen eine Dimension der Heils-Zeit. Darauf kann der historische Materialist, also der Marxist, nicht verzichten.

Es geht Benjamin um den in seinem Sinne positiven und notwendigen Stillstand der Zeit. Der Stillstand der Zeit ist Gegenwart. Das so beliebige und immer wieder zitierbare „Es war einmal“ als allgemeine Erinnerung gilt nicht mehr. Das Kontinuum der Geschichte wird aufgesprengt, es wird die wesentliche Vergangenheit sozusagen vor Augen gehalten.

XVII. Kapitel

Ich sprenge das in der Not Wichtige für mich heraus aus der Geschichte. Darin ist alles „aufbewahrt und aufgehoben“….

Noch einmal setzt sich Benjamin von der bürgerlichen Geschichtsforschung, Historismus genannt, ab. In dieser fließt alles in die ewige Zukunft dahin und alles ist gleich – gültig, alles ist gleich viel wert. Der historische Materialist wählt aus, er wählt aus der Geschichte Wesentliches aus. Er legt die Elemente, die für ihn wichtig sind, dann förmlich still. Da wird im Sinne Benjamins dann Wichtiges aus „dem homogenen Geschichtsverlauf heraus gesprengt“, ein bestimmtes Leben wird aus dem Geschichtsverlauf herausgesprengt. Darin kann sich dann das Wesentliche eines Geschichtsverlaufes sammeln.

XVIII. Kapitel

In der Jetzt-Zeit kann die Geschichte der ganzen Menschheit versammelt werden. Es gibt eine Gesamtfigur der Geschichte, die die ganze Geschichte der Menschheit zusammenfasst. Dies aber in der Endzeit, der Messianischen Zeit.

Im Anhang A wird nochmals die historistische Geschichtsdeutung abgelehnt; da werden, so meint Benjamin, alle Begebenheiten gleichförmig. Daran sieht man, wie wichtig für Benjamin der neue Umgang mit Geschichte ist!

 Im Anhang B wird unterstrichen, dass die authentische jüdische Haltung nicht die Zukunft in allen Details wissen will. Also nichts Genaues über die Zukunft, messianische Zeit usw., wissen will. Da braucht man keine detaillierten Kenntnisse des absolut endgültig Zukünftigen

Dann folgt eine schöne, trostreiche Einsicht für alle: Keine Zeit ist eine total messiasferne Zeit! „Vielmehr ist jede Sekunde der Jetztzeit „eine kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte“. D.h. immer kann der Messias kommen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Simone Weil: Auf der Schwelle leben…

13. Juli 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Termine

Auf der Schwelle, wartend verharren. Die Philosophin Simone Weil ist am 24. August 1943 in Ashford/Kent gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sie ist eine der „besonders“ ungewöhnlichen (wenn ich das „so“ sagen darf) Philosophinnen: Simone Weil, am 3.2.1909 in Paris geboren, vor 74 Jahren gestorben.

„Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit klar zu erfassen, sie dann zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten“ (Simone Weil). Eine herausragende Philosophin, eine ungewöhnliche spirituelle Frau, radikal nicht nur im Denken, vor allem auch in der eigenen Lebenspraxis. Eine Frau, die heute vielen zu denken (und zu leben ?) gibt. Sie interessierte sich für die Kirche, ist aber nie (als Mitglied) eingetreten, wollte auf der Schwelle bleiben.

Auf der Schwelle, im Zwischen leben: eine Lebensweise, der sich heute viele spirituelle Menschen anschließen.



Ohne Erbsünde glauben!

11. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Von Christian Modehn. (Inzwischen fanden auch Gespräche und Dispute zum Thema „Abschied von der Erbsünde“ statt: Dazu weitere Informationen.

Der Beitrag vom 11.7. 2017:

Ein Hinweis vorweg: Dieser Beitrag ist das, leider vom Zeitschriftenformat her bedingte viel zu kurze Plädoyer, an einem „Punkt“  theologisch „aufzuräumen“! Mit der Bereitschaft, seelisch und spirituell belastende Lehren des Christentums beiseite zu legen und frei, also befreiend, mit den alten, veralteten, d.h. uns heute nichts mehr sagenden Dogmen und Weisungen, umzugehen. Auch Dogmen „veralten“, d.h. haben keinen Bezug mehr zur Lebenswirklichkeit der (spirituellen) Menschen. Nur die Herrscher der Dogmen wollen ihre Herrschaft durch die „Ewigkeit der Dogmen“ zementieren. Die Erbsündenlehre wurde und wird als Ideologie zugunsten der Kirchen/Klerus Herrschaft gewollt:  Wenn z. B. nur die Taufe Erlösung bringt und nur der Klerus letztlich taufen darf, wird die Sache klarer. Mit dieser Erkenntnis steht und fällt alle Auseinandersetzung mit der durch allerhand Tricks durchgesetzten Erbsünden – Lehre aus dem 4. und 5. Jahrhundert. Dass der Mythos von den sündigen Menschen im Paradies auch ohne die Erbsündenlehre gedeutet werden kann, zeigt das Judentum: Da gibt es keine Erbsündenlehre.

Der kurze Beitrag wurde veröffentlicht PUBLIK FORUM am 9.Juni 2017:

Papst Benedikt XVI. nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er am 20. April 2007 die Lehre vom »Limbus puerorum« abschaffte. Diese Lehre, die ein heutiger Christ kaum kennt, geschweige denn nachvollziehen kann, reicht zurück bis in die Anfänge des Christentums. Für den Kirchenlehrer Augustinus war klar, dass ungetauft sterbende Kinder aufgrund der »Erbsünde« in die Hölle kommen, auch wenn sie als Babys überhaupt keine Gelegenheit hatten, zu sündigen. Gegen diese Strenge entwickelten Theologen der Frühscholastik im Mittelalter die abgemilderte Version des »limbus puerorum« (von Limbus: Saum, Rand). Nach dieser Vorstellung kamen ungetauft sterbende Kinder nicht mehr in dieselbe Hölle wie die auf ewig Verdammten, sondern an den „Rand“, in eine Art »Vorhölle« also. Diese schloss zwar ebenfalls die selig machende Schau Gottes aus, war aber immerhin ein etwas angenehmerer Ort. Durch die Aufhebung der Lehre vom Limbus wollte Benedikt XVI. das Bild eines grausamen Gottes korrigieren. »Die Logik des Schreckens«, wie der Philosoph Kurt Flasch die klassische Erbsündentheologie nennt, sollte nicht länger die Glaubenden bestimmen. Aber dann bekam der Papst doch Angst vor seiner eigenen Courage und ließ die Internationale Theologische Kommission erklären: „Die Theorie des Limbus bleibt weiterhin eine mögliche theologische Meinung“. Angesichts dieser Unentschiedenheit ist die Diskussion über Sinn und Unsinn der Erbsünde eher noch dringender geworden.

Die Erbsündenlehre ist eine »Erfindung« (so der katholische Theologe Wilhelm Geerlings) des heiligen Augustinus (354-430). Als alt gewordenem Bischof im nordafrikanischen Hippo verdunkelte sich sein Bild vom Menschen. Überall sah er Böses, Sündhaftes, Häretisches. Die Vertreibung aus dem Paradies deutete er als Schrecken für die Menschheit. Augustin wollte nicht anerkennen, dass die »ersten Menschen« beim Essen vom »Baum der Erkenntnis« ihre individuelle Freiheit entdecken. »Dadurch, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, kam er in die Lage, nun seine Geschichte selbst zu gestalten und sich als Individuum zu entwickeln«, meint treffend Erich Fromm.

Aber Augustinus wollte den Glanz der Gnade Gottes dadurch herausstreichen, dass er behauptete: Die Menschheit sei total der Sünde verfallen! Nur unter dieser Bedingung kann es die Pflicht zur Kindertaufe geben. Nur so kann sich die Kirche als notwendige und einzige Vermittlerin der Gnaden etablieren und zur universalen Mission aller Heiden aufrufen. Aber selbst wer getauft ist, kann nicht sicher sein, dass er wirklich gerettet wird. Denn Gottes Güte hat ihre Grenzen: In seinem Zorn über den Ungehorsam von Adam und Eva errettet Gott in seiner ewigen Vorherbestimmung nur einige Erwählte vor der ewigen Verdammnis. Der Mensch muss vor diesem wütenden Gott-»Vater« Angst haben. Aber kann Angst zum Glauben bewegen?

Anfragen der Vernunft ließ Augustin nicht gelten: Wider besseren Wissens übersetzte er einen Vers aus dem Römerbrief (5, 12) falsch und schrieb, darin dem Kirchenlehrer Hilarius folgend, dem griechischen Text zuwider: »In ihm«, also in Adam, »haben alle Menschen gesündigt«, er meinte damit: Förmlich alle Menschen seien in Adam schon enthalten gewesen. Davon ist in der korrekten Übersetzung keine Rede. Paulus spricht nur davon, dass durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und alle Sünder sind. Paulus sagt nicht, dass in Adam förmlich alle Menschen schon enthalten sind. Aber »Augustin brauchte diese Lesart«, betont der Augustin-Spezialist Kurt Flasch, um seine Erbsündenlehre als biblisch hinzustellen. Der Historiker Peter Brown ergänzt: »Der Gott des Augustinus war ein Gott, der eine Kollektivstrafe für die Sünde des einen Mannes, Adam, verhängt hatte«.

Diese Erbsündenlehre entzieht sich dem Erleben des einzelnen: Eine Person kann sich in ihrem freien Tun als individueller Sünder wahrnehmen. Sie kann sich aber nie als »Erbsünder« direkt fühlen und erleben: Die Erbsünde ist ein Konstrukt, eine bloße Theorie. Trotzdem gehört sie bis heute zum Kernbestand der christlichen Lehre aller Kirchen. Aber was ist gewonnen, wenn man den Krieg in Syrien als Resultat der Erbsünde deutet? Oder den Holocaust und die Tyrannei Stalins als Beispiele für eine erbsündliche Prägung der Menschheit? Augustinus hat nur allgemeine Sprüche zu bieten: Der Mensch sei zum Tun des Guten gar nicht in der Lage, er sei von Grund auf verdorben und zum klaren Denken unfähig. Deswegen sei auch die Philosophie vom Teufel. Die Konsequenzen sind katastrophal: Entweder fühlen sich die Menschen angesichts ihrer totalen Verderbtheit wie gelähmt, können sich nicht mehr frei entscheiden, gut zu handeln. Oder sie wollen in maßloser Begeisterung für Arbeit und Erfolg beweisen, dass sie doch von Gott »angenommen« sind. Die Erbsündenlehre ist ein unermesslicher Komplex verstörender Überzeugungen, die mit der menschenfreundlichen jesuanischen Botschaft nichts zu tun haben. Bekanntlich hat Jesus nie von »Erbsünde« gesprochen.

Zu allem Unglück aber hat Augustin seine Lehre auf das Feld der Sexualität ausgedehnt: Im Moment der Zeugung, lehrt er, werde die Erbsünde übertragen. Augustin duldete bekanntlich die sexuell bestimmte Liebe nur als »Instrument«, um Kinder zu zeugen. Auch die Ideologie vom »verführerischen Weib« hat hier ihren Ursprung genauso wie auch der Glaube an den Teufel: Schließlich wird die Schlange als ein gefallener Engel, als Teufel, gedeutet.

Früher galten weise Frauen als »teuflisch besessen«, sie wurden als Hexen verfolgt und verbrannt. Exorzisten »heilen« immer noch »Besessene«. Die Erbsündenlehre ist also eine Art »Schlussstein«, mit dem das ganze Gebäude klassischer Dogmatik steht oder fällt. Im offiziellen katholischen Katechismus (Vatikanstadt 1993) wird dem Mythos vom Sündenfall sogar die Qualität einer »Offenbarung« zugesprochen. »Wer an der Erbsünde rührt, tastet das Mysterium Christi an«. Denn Jesus ließ sich ans Kreuz schlagen, um die (Erb-) Sünde der Welt zu überwinden. Sein Opfer wird vom gütigen himmlischen Vater angenommen.

Nach Meinung vieler Theologen hat die Erbsündenlehre den christlichen Glauben verdorben. Sie ist eine esoterische Lehre des vierten Jahrhunderts, von der sich Christen endlich befreien müssen. Gibt es einen Ausweg? Augustins heftigster Gegner war Bischof Julian von Eclanum. Schon er war überzeugt: Kein Mensch ist so verdorben und so sündhaft, dass er nicht aus seiner eigenen freien Tat Gutes schaffen kann. Die menschliche Sexualität, auch die Lust, ist ein von Gott gewolltes Gut. Wenn der Mensch in seiner Freiheit Gutes tut, dann ist es seine gute menschliche Leistung. Gott ist wie ein unterstützender Helfer dabei. Er ermuntert dazu, dass der Mensch das Gute noch besser und umfassender tut. Doch Augustin setzte seine Überzeugung durch, auch mit Hilfe politischer Gewalt. Längst ist erwiesen: Die Mitglieder von Synoden, die damals über verschiedene Modelle zur Erbsündenlehre zu befinden hatten, konnte er durch Bestechung gewinnen: »Die siegreiche Partei galt dann als die rechtgläubige Partei«, so der Augustinusspezialist Kurt Flasch.

Doch um zu verstehen, warum Menschen in ihrer Freiheit böse handeln, braucht man nicht die Erbsündenlehre. Der italienische Theologe Giovanni Franzoni gibt die Richtung an: »Das Böse in der Welt ist voll und ganz innerhalb des Horizonts der Welt und des Menschen erklärbar«. Darin folgt er den grundlegenden Erkenntnissen Immanuel Kants: Das Böse kann schrittweise eingeschränkt werden, wenn die Menschen dem Spruch ihres Gewissens folgen. In ihm äußert sich das universale Sittengesetz, es kann selbst vom Verbrecher nicht ganz ausgeschaltet werden. Inmitten der Turbulenzen freier Entscheidungen hat die böse Tat ihren Ort. Aber die Freiheit als solche ist nicht deswegen böse, weil Menschen in freier Entscheidung auch Böses bewirken können. Diese Erkenntnis ist elementar, nicht nur für Kant, der betonte: Wenn ich mich von egoistischen Maximen leiten lasse und dem universalen Sittengesetz zuwider handle, entsteht Böses in der Welt. Böse ist ein egoistischer Lebensentwurf, weil er niemals allgemeines Gesetz für alle werden kann. Die Philosophin Hannah Arendt folgt in gewisser Weise Kant: Derjenige ist böse, der nicht selbst denken kann und denken will, sondern als »Mitläufer« den Autoritäten blind ergeben ist. Auch Hannah Arendt meint: Um Böses in der Welt zu verstehen, brauchen wir analytische Kritik, vernünftige Argumente, nicht Behauptungen einer Mythen nacherzählenden Erbsündenlehre.

Das Böse kann durch kritische Erziehung, durch Bildung und Gesellschaftskritik eingeschränkt werden. Woher der immer wieder erlebbare »Hang zum Bösen« (Kant) stammt, wird sich nicht restlos aufklären lassen. Aber dass der Mensch vorrangig gut ist, bleibt die wesentliche Erkenntnis Kants. Theologische Konsequenzen deuten sich an: Beim Abschied von der Erbsündenlehre befreit sich die Kirche von einem belastenden Menschenbild sowie vom Teufel und der Lehre von der allein selig machenden Kirche. Jesus ist nicht länger das »Opferlamm«, sondern das erlösende Vorbild, das zum Guten ermuntert. Ohne die Erbsündenlehre wird der christliche Glaube wieder elementar – einfach und vernünftig. Er nähert sich den guten Traditionen eines christlichen Humanismus, dem Ja zu Gottes guter Schöpfung. Wenn schon der Limbus (fast) abgeschafft wurde, dann wird auch eine Befreiung von der Angst machenden Erbsünden-Lehre möglich sein.

…..copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Also sprach Nietzsche: Über das „schräge Denken“ des „Propheten“.

9. Juli 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Zu einer neuen Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“ (Berlin)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Immer wieder Nietzsche also. Die Einführungen in sein Denken sind heute kaum noch zu überschauen. Liegt es daran, dass Nietzsche sehr oft erstaunlich gut und „eingängig“ schreiben konnte, aber dabei selten doch klar verständlich war? Dass man also bei jedem Nietzsche Zitat oder Aphorismus mit größter Vorsicht umgehen muss, ob denn der „tolle Satz“ im Ganzen des Denkens von Nietzsche noch „stimmt“?

Das Interesse an Nietzsche hat heute sicherlich mit der expliziten oder der verschwiegenen Verbindung seines Denkens mit der alten rechtsextremen Ideologie und der „neuen Rechten“ (la nouvelle Droite) zu tun und auch mit der postmodernen Ideologie, die da den philosophisch kaschierten Glauben verkündet, „alles sei relativ … und Wahrheit gebe es nicht“.

Darum ist es wohl am wichtigsten, in dem neuen Sonderheft über Nietzsche aus der Reihe des „Philosophie Magazins“ die Interviews zu dem politisch aktuellen Thema zuerst zu lesen.

So sagt gleich am Anfang des Heftes Rüdiger Safranski: „Nietzsche war sehr dezidiert kein Demokrat … Mehrheiten sind für ihn immer töricht“ (S. 18). Dann folgt ein Hinweis Safranskis, dass Mehrheiten (in Demokratien) eben auch irren können, er nennt das Beispiel im Nationalsozialismus, woraus Safranskis schließt: „Es schadet durchaus nicht, auch die radikale Alternative zum demokratischen Denken kennen zu lernen“ (ebd.) Dass es dumm gemachte Mehrheiten in Demokratien gibt, sieht Safranski nicht. Hätte er sehen können, wenn er die Trump – Wahl studiert hätte. Diese durch idiotische Propaganda dumm gemachten Mehrheiten sind aber meines Erachtens kein Grund, prinzipiell gegen Mehrheitsentscheidungen in einer Demokratie zu sein. Aber das nur am Rande. Befremdlich auch, dass Safranski meint, es habe, so wörtlich, „intelligente nationalsozialistische Philosophen“ (S. 20), wie etwa Alfred Baeumler, gegeben. Heidegger nennt Safranski nicht. Meint Safranski solche Philosophen, die mit der formalen philosophischen Logik, dem „Einmaleins“, gut klar kamen? Dann mag es zu Zeiten der Juden – Vernichtung durch die Nationalsozialisten vielleicht logisch korrekt denkende Nazi – Philosophen gegeben haben. Aber wenn Intelligenz auch Ethik umfasst, dann kann es definitiv keinen „intelligenten nationalsozialistischen Philosophen“ gegeben haben. Sie waren verirrte Ideologen, mehr nicht. Schade, dass solche Auslassungen Safranskis einfach im Interview (geführt wie die meisten Interviews im Heft von der Philosophin Catherine Newmark) unkorrigiert so stehen bleiben.

Deutlich ist die Aussage des Philosophen Bernhard H.F. Taureck: „Die Mehrheit der Italo – und Germanofaschisten stand eindeutig auf der Seite Nietzsches“ (S. 105). Es faszinierte die Nazis, „das Nein Nietzsches zur Demokratie, seine Verachtung der Frauen, sein Ja zum Krieg und sein Votum für die Überschreitung des bisher bekannten Menschentypus… (S. 105). Nietzsche war einerseits gegen das Judentum als Träger universalistischer Werte. „Aber er bejahte die jüdische Bevölkerung Deutschlands, um aus ihr und den Germanen eine höhere Menschheit zu züchten“ (S. 107). Kann man sagen, diese Haltung sei nicht antisemitisch? Sie ist es, denke ich. Interessant ist der Hinweis Taurecks, dass etwa 150.000 deutsche Soldaten im 1. Weltkrieg Nietzsches „Zarathustra“ im Gepäck bei sich hatten, als eine Art Religionsersatz.

Wie die Philosophie des Transhumanismus (d.i. kurz gesagt: sehr langes Leben – 150 Jahre – für einige reiche Herrschaften als Lebensziel) mit Nietzsche zurecht kommt, kann man in dem Interview mit dem Transhumanismus – Philosophen Stefan Lorenz Sorgner nachlesen, Sorgner ist auch Mitbegründer des „Beyound Humanism“ – Netzwerkes! Er plädiert für einen „liberalen (was ist das?, CM) Umgang mit Technologie in der Hoffnung, durch den Schritt zum Trans- oder vielleicht Posthumanen die Wahrscheinlichkeit des guten Lebens zu erhöhen“ (S. 115). Es ist für mich unverständlich, dass solche Auslassungen vom Interviewer Sven Ortoli nicht unterbrochen werden, nicht nachgefragt wird, so wird ein Interview zur Propaganda, die mit Philosophie nichts mehr zu tun hat.

Der Nietzsche Spezialist Andreas Urs Sommer ist da kritischer: Nietzsche habe einen Hang zum Autoritären, betont er, ein konkretes politisches Programm habe er nicht vorgelegt, insgesamt nennt Sommer Nietzsches Denken wohl sehr treffend „schräg“ (S. 30). Er bezeichnet dann die Provokationen Nietzsches „in hohem Maße verdächtig – verdächtig im positiven Sinne“. Was im positiven Sinn „verdächtig“ denn bedeuten könnte, wird nicht mehr erklärt.

Sehr interessant für mich ist das Interview mit dem Philosophen und Theologen Christoph Türcke über die „Tiefen – Psychologie“, die Nietzsche in seinem Werk ausbreitet: Ausgangspunkt sei, so Türcke, dass Nietzsche „den menschlichen Verstand bloß eine Art Wurmfortsatz der menschlichen Triebnatur auffasst, nicht als eigenständige Kraft“( S. 82). Sind solche Wurmfortsatz – Denker wie Nietzsche noch Philosophen?

Das Nietzsche Heft ist für solche, die bisher wenig von dem Propheten wissen, doch empfehlenswert, zumal auch einige treffende Nietzsche Zitate versammelt sind. Und auch wird die Rolle von Nietzsches Schwester Elisabeth für die Philosophie durch Kerstin Decker sehr schön dargestellt und neu interpretiert. Auch Stefan Zweig kommt zu Wort und Thomas Mann, so wird zusammen mit der Daten – Übersicht eine inspirierende, Fragen weckende Broschüre veröffentlicht. Schade nur, dass die internationale Relevanz Nietzsches etwa in Italien oder Frankreich nicht dargestellt wird. Wird er etwa in Indien wahrgenommen oder im buddhistischen Kontext? Was denken Menschen in arm gemachten Regionen über ihn, der die Kleinen und Kranken und Armen verachtete? Ohne internationale Bezüge kann heute kein Philosophie – Heft mehr auskommen, denke ich.

Leider fehlt auch der für Nietzsche entscheidende Hass aufs Christentum als eigenes Thema. Es hätte die Rede sein müssen, wie sich dieser blinde Hass des Pfarrerssohnes mit seiner ganz offenen, lyrisch bewegten Zuneigung zu Jesus verträgt.

Es fehlt leider völlig die Auseinandersetzung zu der Frage, in welcher Weise denn Nietzsche nun wirklich und im ernst als Philosoph angesprochen werden kann. Ist er nicht eher ein Prophet, etwa in seiner philosophisch wie auch empirisch völlig unbegründeten Verkündigung „Gott ist tot“. Dieses Bonmot geistert durch die Köpfe der Menschen, alle glauben es und keiner weiß, was dieses Predigt – Wort Nietzsches eigentlich bedeutet und ob es wahr ist: Welcher Gott ist denn tot???

Am schwerwiegendsten wohl: Es hätte meines Erachtens dem Heft sehr gut getan, auch Vittorio Hösle zu Wort kommen zu lassen, der ja bekanntlich in seiner Studie „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (Beck Verlag 2013) gezeigt hat: Nietzsche war philosophisch gesehen ein „Dilettant“, es gibt keine „Konsistenz“ seiner Aussagen (S. 185), Nietzsche „verdeckt in seinem einzigartigen Stil von verführerischer Schönheit den Mangel an Argumenten und Evidenzen“ (S. 186). „Schopenhauer war der einzige Philosoph, den Nietzsche neben den Vor – Sokratikern wirklich kannte“, sagt Hösle. (S. 188). Auch Hösle weist darauf hin, dass Nietzsche tatsächlich neue „Werttafeln“ aufstellte, als „Verkünder“ (S. 201). Zurecht sagt Hösle, „dass Nietzsche sich selbst mit seiner allgemeinen Leugnung der Wahrheitsfähigkeit der Menschen schädigt“ und sich „die eigenen Beine wegsprengt und geistig am Verbluten ist“ (S. 202 f.) Über den Übermenschen wäre zu sprechen, diese maßlose Behauptung, die sich Philosophie nennt. Der Philosoph und Nietzsche Spezialist Volker Gerhardt hat recht, wenn er den bloßen Behauptungscharakter der Nietzsche Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen dadurch beiseite schiebt, wenn er sagt, dass wir uns heute ja nicht an frühere Leben in dieser ewigen Wiederkehr erinnern können. Wichtig dann die Schlußfolgerung: „Aus meiner Sicht liegt der größere Ernst im Bewusstsein der Einzigartigkeit der jetzt gegebenen Situation“. Man kann also sagen: Nietzsche Lehre von der ewigen Wiederkehr ist Predigt, ist Ideologie.

www.philomag.de

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Jesuitisches Fragwürdiges: Wem gehorcht ein Jesuit, wenn er Papst ist?

6. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Perspektiven und Probleme

Hinweise von Christian Modehn

Drei interessante Fragen wurden in unserem Religionsphilosophischen Salon Berlin diskutiert, die ich gern in eine etwas breitere Öffentlichkeit stelle. Die Fragen mögen – auf Weltebene – eher etwas marginal erscheinen, aber sie sind kirchenpolitisch (im Sinne einer römisch – katholischen Kirchenpolitik heute) durchaus relevant, auch religionskritisch natürlich. Denn eine selbstverständlich konfessionsunabhängige Religionskritik ist ja bekanntlich eine wichtige Dimension jeder Religionsphilosophie.

Also: Eine erste Frage: Was bedeutet es, wenn jetzt ein Jesuit, Pater Luis Ladaria Ferrer, Chef der obersten Glaubensbehörde im Vatikan wird, wo doch Jesuiten durch ihr zusätzliches viertes Gelübde sich zu besonderem Gehorsam gegenüber dem Papst verpflichten? Dieses vierte Gelübde (neben den üblichen Gelübden der Armut, des Gehorsam und der Keuschheit) wird ja bekanntlich auch Papstgelübde genannt. Im Falle von Kardinal Müller, dem kürzlich entlassenen Glaubenschef, konnte man ja eine gewisse eigenständige, papstunabhängige und papstkritische Theologie sehen. Damit soll nun Schluss sein. Oberste katholische Theologie ist Papst – Theologie.

Unser Hinweis also: Durch die intensive Bindung an den Papst wird also der Chef der Glaubensbehörde ganz eng an die Weisungen des Papstes Franziskus gebunden. Man könnte, etwas journalistisch zugespitzt, sagen: Pater Ladaria Ferrer darf aufgrund dieser jesuitischen speziellen Gelübde – Bindung eigentlich nur das Sprachrohr von Papst Franziskus sein. Damit hat Papst Franziskus wohl einen kleinen Sieg errungen hinsichtlich der Durchsetzung seiner offenbar eigenen und manchmal etwas progressiv wirkenden Theologie.

Eine zweite noch etwas schwierigere Frage: Jesuiten sind zu besonderem Gehorsam dem jeweiligen Papst gegenüber verpflichtet. Welchem Papst gehorcht aber ein Papst, wie Franziskus, der selbst Jesuit ist und bleibt? Im Falle von Papst Franziskus doch sicher nicht dem emeritierten Papst Benedikt XVI.! Ein Jesuit als Papst gehorcht natürlich auch nicht dem obersten Chef im Jesuitenorden in Rom. Gehorcht also Franziskus einem abstrakten Papst- Amt? Ist dann die Person des Papstes von der des Jesuiten – in einer und derselben Person – verschieden? Wohl kaum. Wem gehorcht also ein Jesuit, der selbst Papst ist? Diese Frage wurde meines Wissens noch nicht öffentlich erörtert. Mein theologischer Vorschlag: Er gehorcht – ganz einfach – seinem Gewissen. Päpste, die im letzten auch in dogmatischen Fragen ihrem Gewissen folgen und nicht der Wiederholung angeblich ewiger Dogmen: Das wäre doch ein Gewinn. Im Falle Johannes XXIII. war dies in der Einberufung des Konzils offensichtlich. Bei anderen, wie Pius IX. hatte die eigene Meinung verheerende Folgen, als er gegen den Widerstand vieler Bischöfe sein Lieblings – Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (in so genannten Glaubens – und Sittenfragen) durchsetzte. Darin werden die Grenzen eines selbstherrlichen Papstamtes sichtbar. Die Abwehr der Demokratie und des Synodalen in der römischen Kirche ist zutiefst begründet im absoluten Festhalten an dem Amt der einen Person, die Papst ist. Man kann das Papstamt nur verteidigen, wenn man Demokratie für die Kirche rigoros ablehnt.

Eine dritte Frage, die noch viel schwieriger ist und keine Antwort finden wird bei der üblichen Geheimhaltung in allen Orden: Was bedeutet konkret eigentlich das Gelübde der Armut, das die Jesuiten wie alle anderen Ordensleute versprechen (fast hätte ich ironisch das doppeldeutige Wort „Das Gelübde der Armut ab – legen“ verwendet). Geloben die Jesuiten z.B. nur individuelle Armut? Oder ist der Orden als Ordensinstitution auch arm? Das mag für Haiti ein bisschen zutreffen, gilt aber kaum für die reichen Länder Europas und Amerikas. Also: Wie reich ist der Orden als Orden wirklich, was z. B. nur die hübschen Immobilien – Eigentümer betrifft, von den Fonds etc. ganz zu schweigen. Dazu geben weder die Jesuiten noch die anderen Orden auch nur im entferntesten erste Ansätze von Antworten, die überzeugen. Über den Reichtum der Orden, etwa auch der Benediktinerklöster, etwa Münsterschwarzach usw., herrscht eine totale Informations – Sperre. Und kaum jemand unter Journalisten oder Wissenschaftlern fragt nach. Hat man Angst? Da sind selbst die deutschen Bistümer etwas demokratischer und legen ihre Etats ein bisschen frei. Das Thema „Reichtum der angeblich armen Orden(sleute) ist eines der letzten religionspolitischen Tabuthemen.

Ein letzter Hinweis: Das Schwierige ist nur: Alle diese Orden betteln um Spenden bei zweifellos ärmeren gut – gläubigen Leuten. Skandalös ist etwa, wenn der mit vielen vielen Millionen ausgestattete Orden der Legionäre Christi (in Spanien und Lateinamerika treffend „Millionäre Christi“ genannt) auch noch um Spenden bei den sprichwörtlich armen katholischen Mütterchen bettelt.

Man sollte fordern: Solange die Orden nicht zeigen, wie reich sie als Mitglieder und als Institutionen wirklich sind und was sie mit dem Reichtum so alles machen, sollte die Spendenbereitschaft für die Orden sehr sehr reduziert werden.

Nebenbei: Wenn große Klöster in Hotels umgewandelt werden, wie es in Rom oder Prag die Augustiner z. B. tun, dann werden nicht etwa Wohnungen für Familien gebaut, wo man doch katholischerseits so heftig die Hetero – Familien liebt! Nein, die Klöster werden zu Luxushotels umgestaltet. Die armen Orden brauchen viel Geld für sich selbst! Und betteln weiter um Spenden. Was für eine Schande.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.



Kardinal Meisner gestorben: Ein Kirchenfürst ist tot!

5. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben

Einige wenige Hinweise von Christian Modehn am 5. Juli 2017

Zum Tod eines Kirchenfürsten passt sehr gut ein lateinisches Zitat: „De mortuis nil nisi bene“ (Über Verstorbene darf nur gut gesprochen werden).

Aber bei diesem verstorbenen Kardinal Joachim Meisner kann dieser Grundsatz nicht gelten, wenn denn auch nur im Ansatz historische Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit eine Geltung haben sollen in einer demokratischen Öffentlichkeit.

Meisner war – milde gesagt – ein Kirchenfürst, der autoritär „durchregierte“, wie man heute so sagt. Meisner wähnte sich auf der Seite der absoluten göttlichen Wahrheit, weil er ja auch mit den unfehlbaren Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. aufs engste, aller engste, verbunden war.

Ich erinnere mich an die Berliner Jahre Meisners, wo etliche West – Berliner Katholiken ihn, ebenfalls wahrhaftig gesprochen, nur „den Diktator“ nannten. Er machte als Hirte Angst, er setzte sich totalitär durch, ging gegen alle ihm progressiv erscheinenden theologischen Perspektiven vor. Darin zeigte er sich als treuer anti – pluralistischer DDR – Bürger. Wer nicht den Rosenkranz betete und sich als Fatima –Freund oder als „Marienkind“ verstand, hatte keine Chance in seiner Kirche. Er tobte zum Beispiel, als ich 1980 einen Film fürs Erste (ARD) machte über den Katholikentag in Berlin. Er tobte und pöbelte, weil der journalistischen Pflicht zur umfassenden Berichterstattung auch über die „eher etwas linke Kirche von unten“ entsprochen wurde. Meisner konnte sehr unangenehm sein. Das wissen die Priester, die er aus den Gemeinden drängte, das wissen die ökumenisch Gesinnten, das wissen die Homosexuellen, die Wiederverheiratet Geschiedenen usw. Nur über sich selbst, sein privates Leben, seine reichen Kunstsammlungen etwa, sprach er eher selten. Er kritisierte die CDU, nicht etwa, weil sie zu wenig für die Gerechtigkeit tut, sondern weil sie nicht entschieden pro life war. Die pro life Bewegung war ihm alles. Kritische Frauen mussten unter seiner Herrschaft den unabhängigen Verein Donum Vitae gründen. Widerlich, wie der Fürst zu Köln dem katholischen Bischof Jacques Gaillot (Evreux/Partenia) das Verbot erteilte, auf seinem Meisner – Territorium, etwa in Bonn, einen Vortrag – in Zusammenarbeit mit Publik – Forum – zu halten! Die Liste der Herrschsucht Meisners ist sehr lang. Aber, schon wieder werden jetzt Lobeshymnen auf ihn angestimmt. Wie verlogen.

Man sollte näher die Beziehungen Meisners mit der DDR – Regierung und Stasi studieren. Er wurde 1975 zum Weihbischof von Erfurt (DDR) ernannt, 1980 zum Bischof von Berlin, er wohnte in Ost – Berlin, konnte aber an mehreren Tagen West-Berlin besuchen. Jetzt wird Meisner vollmundig und unkritisch von vielen (wie dem Berliner OB Müller) als eine Art Widerständler gegen das DDR System gelobt. Es gibt hingegen detaillierte historische Studien zu einzelnen kleinen, der DDR gegenüber eher oppositionellen katholischen Gruppen, wie dem „Aktionskreis Halle“ (AKH). In einem umfangreichen Buch über den AKH zeigt Sebastian Holzbrecher: „Aufgrund gezielt verweigerter Schutzzusagen für den Arbeitskreis Halle haben Bischof Braun (Magdeburg) und Kardinal Meisner den staatlichen (DDR) Terror (gegen den AKH) nicht nur nicht verhindert. Sie haben ihn mit ihren offiziellen Aussagen erst ermöglicht und tragen insofern eine Mitverantwortung am staatlichen Terror gegen den Aktionskreis Halle und seine Mitglieder.“ (S. 412).

Tatsache ist auch: Kein Bischof und Kardinal hat wohl so viele Katholiken aus der katholischen Kirche getrieben wie Meisner. Von daher ist das Wort Kirchenfürst noch milde formuliert. Meisner ist das klassische Beispiel für die Tatsache, dass der Klerus kritische Menschen aus der römischen Kirche vertreibt! Meisner galt bei vielen zurecht als ein frommer Sprüchemacher, er war ein Feind der kritischen und selbständig reflektierenden Theologie. Kontrolle etwa über „seine“ Laientheologen war ihm oberste Tugend.

Über Meisners OPUS DEI Verbundenheit (Mitgliedschaft ?) wäre zu sprechen, über seine Lobenhymnen über das Opus Dei, seine enorme Machtpolitik in der Ernennung von Bischöfen nicht nur in Deutschland (die Liste ist lang, Kardinal Rainer M. Woelki ist ja einer seiner Protegés, auch Erzbischof Koch, Berlin, gehört dazu. Woelki durfte an der Opus – Dei- Universität in Rom promovieren, obwohl um die Ecke seiner damaligen Wohnung in Bonn eine katholisch – theologische Fakultät existiert…. Über Meisners gut dokumentierte Ablehnung der Theologie von Papst Franziskus, seine öffentlichen arroganten Attacken gegen Papst Franziskus, wäre zu sprechen. Meisner hat die reaktionären katholischen Bewegungen in Köln und anderswo immer wieder gestärkt, wie die Neokatechumenalen, die Legionäre Christi, die Charismatiker usw…Je reaktionärer, um so katholischer, dachte der Fürst.

Man frage die Kölner Katholiken, die noch in dieser Meisner Kirche „durchhielten“, wie er mit kritischen Gläubigen umging. Manche Klöster waren froh, wenn bei fälligen Priesterweihen nicht Meisner erschien! Er war weithin unbeliebt, um es milde zu formulieren!

Ein Kirchen – Fürst ist also tot. Alleluja sagen manche!

Aber es gibt noch viele andere katholische Kirchenfürsten… Denn Demokratie, Mitbestimmung, Menschenrechte IN der Kirche, sind für diese Kirche etwas „Unangebrachtes“, wenn nicht „Falsches“. Das wird wohl auch kein Papst Franziskus verändern…

Coypright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Das CDU Wahlprogramm 2017 heißt „Germany first“

5. Juli 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.7.2017

Zwei Wörter sagen alles über das begrenzte, man möchte sagen „nationale“ Denken der beiden sich christlich nennenden Parteien in Deutschland: „Sicherheit und Wohlstand“. Diese werden im Wahlprogramm 2017 als große Verheißungen angepriesen. Wer beide Worte und Werte philosophisch reflektiert, über deren relative Gültigkeit ja keine Zweifel bestehen, kommt zu der Erkenntnis: Da wird den Deutschen die Ausbesserung des Status Quo versprochen, mit der Hoffnung: Mehr Sicherheit für uns Deutsche in diesem, so wird unterstellt, so erfolgreichen und prächtigen Land durch mehr Polizei, durch mehr Verteidigungsausgaben. Das aber heißt auch: durch mehr Waffenproduktion. Und auch das ist mit-gemeint: Hoffentlich gelingt weiterhin ein erfolgreicher Verkauf von tötendem Gerät in alle Welt und vor allem: Hoffentlich gelingt auch die umfassende Abwehr der Flüchtlinge im Mittelmeer und die offenen bzw. jetzt versteckte Abschiebung.

Diese beiden C – Parteien wollen den Deutschen förmlich einreden: Wir mauern euch ein in eine total beschützte „Insel der Seligen“. Darin dem österreichischen Vorbild folgend. Dieses Einmauern wird dann als Garantie des Wohlstands gedeutet: Das ist ein denkbar schlichtes, aber populistisches Motto: Uns geht es gut und uns soll es materiell selbstverständlich immer besser gehen. Denn wir bleiben unter uns, die störenden Flüchtlinge (Muslime?) wird man schon zur Raison bringen.

Wer dieses platte und eindimensionale Bild eines CDU/CSU – Deutschland vor Augen hat, muss denken: Da wird dem Trump – Slogan „America first“ entsprochen. Und nun heißt es hier unter christlichen Politikern: „Germany first“. Da spricht also ein dummer Nationalismus, und Nationalismus ist nicht nur dumm, sondern gefährlich. Was denken diese beiden Parteien vom Volk: Es will eigentlich und zuerst den dicken guten Bauch des Wohlstands und die zahlreiche Polizei aktiv im Hintergrund: So soll dann das Leben in Deutschland richtig schön demokratisch sein.

Aber es wird problematisch: Weil den Bürgern förmlich empfohlen wird: Steckt eure dumm gemachten Köpfe in den Sand. Denn Madame Merkel wird schon für euch sorgen und aufpassen! Katastrophal ist dieses Denken, weil mit diesen beiden Leitlinien, Wohlstand und Sicherheit, jede Dimension einer Weltverantwortung ausgeblendet wird. Jede Dimension größerer und besser gestalteter Gerechtigkeit zwischen den armen und den fetten Völkern wird unterdrückt. Warum kann eine Partei nicht die Bürger zur Aufklärung und Kritik ermuntern und sagen: Wir als christliche Parteien wollen die Verantwortung Deutschlands in und für Europa neu, also gerechter, gestalten. Wir wollen endlich eine wirkliche und damit schnelle Integration der Flüchtlinge. Wir tun alles, auch als CDU Ministerpräsidenten, um gegen den zunehmenden Rassismus und Antisemitismus vorzugehen. Wir dulden als CDU keine „national – befreiten Zonen“ usw.

Es ist zudem eine Schande zu behaupten, „DEN“ Deutschen ginge es gut. Allein in Berlin lebt jeder dritte Mitbürger an der Armutsgrenze. Eine Schande auch, wenn ein CDU Wahlprogramm nicht wenigstens in Ansätzen für eine gerechtere neue Form der Erbschafts-, Reichen- und Vermögenssteuer eintritt, damit der gefährliche und stets wachsende ökonomische Zwiespalt in der deutschen Gesellschaft endlich aufgelöst wird. Aber nein, all das sehen die wohl situierten Politiker aus CDU und CSU nicht: Sie wollen sich die Option einer Koalition mit der FDP offen halten.

Wer also dieses eher banale, intellektuell und ethisch so armselige Wahlprogramm der sich christlich nennenden Parteien bedenkt, ahnt, auf welchem tiefen Niveau des puren Machterhalts sich diese Politiker bewegen. Sie halten die Bürger für geistige Zwerge, die nur an ihren Bauch und die Stärke der Polizei glauben und nicht weiter denken.

Nebenbei: Es gibt ja doch wohl in diesen Parteien spezielle theologische Referenten beider Kirchen, die der CDU doch eigentlich etwas auf die Sprünge helfen sollten: Petra Bahr arbeitete doch früher mal als evangelische Theologin in der Adenauer – Stiftung; auch die jetzige Vatikan – Botschafterin, die Katholikin Annette Schavan hat doch da auch mal wirken können. Aber was haben diese Theologen tatsächlich zugunsten des C in diesen Parteien errreicht? Denn das C heißt ja nicht Dogmatismus oder Sexualmoral von vorgestern. Sondern C heißt zuerst: soziale Gerechtigkeit für alle!

Offenbar haben die CDU TheologInnen und Jesuiten in den CDU Zentralen nicht viel bewirkt, sonst wäre nicht dieses so armselige Wahlprogramm entstanden.

Die sich christlich nennenden Parteien zeigen nun: Sie haben jede Dimension internationaler christlicher Ethik, also das Teilen und die Gerechtigkeit, ausgeblendet.

Und die SPD? Wird sie den Mut haben, dieses begrenzte, dieses egozentrisch – schlichte Denken zu kritisieren und bloß- zu stellen? Oder hat die SPD ebenfalls Angst hat, bei grundsätzlicher und dann tatsächlich auch vollzogener Neuordnung zugunsten gerechter Verhältnisse, auch auf Weltebene, Stimmen zu verlieren.

Sicherheit und Wohlstand in Deutschland sollen sein, das ist keine Frage. Aber Sicherheit und Wohlstand eben in neu gestalteten Koordinaten, in internationalen und europäischen Zusammenhängen, die die Menschenrechte, vor allem die Gerechtigkeit, respektieren. Deutschland als Insel der Seligen mit viel Wohlstand und viel Militär und Polizei kann es in dieser zerbrochenen, friedlosen Welt nicht mehr geben. Die Zeit ist vorbei, wo Bürger sich gern ihren Kopf in den Sand stecken lassen, um die ewige Taktiererin walten zu lassen. Gefordert sind Politiker, die im Weltmaßstab ein anderes, ein gerechteres Deutschland gestalten wollen und dies nach den Wahlen, unter ständiger kritischer Beobachtung der mündigen Bürger, auch tun.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon



Der Glaube kommt vom Hören. Oder von der goldenen Gottesmutter? Beobachtungen in Spanien.

3. Juli 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Forschungsprojekte

Philosophisch – theologische Eindrücke in Spaniens Kirchenwelt heute

Hinweise von Christian Modehn

Wer einige Barockkirchen in Spanien besucht und besichtigt, wird von der Fülle der Bilder, des Bunten, des Vergoldeten als Zierde der Heiligen, der Madonnen, der Kreuze und Himmelfahrten und Trinitäten förmlich erschlagen. Dabei soll die formale Leistung der Künstler damals keineswegs schlecht gemacht werden. Sie haben Auftragsarbeiten abgeliefert, die von Herrschern, politischen wie klerikalen, für hoffentlich gutes Geld bestellt wurden. Aber, dies ist die Erfahrung heute: Das Erstaunen und gelegentliche Entzücken über die pralle farbige Welt des Ibero – Katholischen stellt sich nur am ersten Tag ein, wenn der Reisende, etwa aus dem nüchternen, barockfernen Norden, in den einst und heute noch eher wohl pro forma etwas katholisch geprägten Süden, nach Spanien, kommt.

Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo hat in seinem immer noch lesenswerten Buch „Spanien und die Spanier“ (1982 bei Suhrkamp) auf diese erdrückende Bilderwelt der Kirchengebäude, selbst für einen Spanier, sehr treffend hingewiesen: „Eben der Überfluss und die Wirrnis von so viel Gold und Glanz, die man da im Dämmer gewahrt, erregen und blenden die Seele. Der Besucher wird nicht eingeladen, zu schauen und zu begreifen. Er wird aufgefordert, sich passiv und nur aufnehmend zu verhalten. Er wird in einen hypnotischen Zustand versetzt“ (S. 247). Dieses Gezwungenwerden in einen Dämmerzustand angesichts der Bilderflut und der vielen Hauptaltäre und Nebenaltäre und Heiligenstatuen ist damals, von den Herrschern und Geldgebern, so gewollt worden. Sie wollten das anwesende so genannte gläubige Volk, oft unwissend und Analphabeten, eben mit dem Schauen beschäftigen, während der Priester am Altar die Messe still vor sich hin las. Das war ja die übliche Form des „Messe – Lesens“ im Katholizismus bis zum Jahr 1964. Also: Beim passiv sitzenden Volk: Ablenkung, Phantasie-Spielereien, Erstaunen über die bunte, golden gefärbte religiöse Welt. Dies waren, und sind wohl immer noch, die Reaktion des Betrachters. Wer konnte schon einen heiligen Simon von einem heiligen Philippus unterscheiden? Welche Freude hatten die Leute, wenn sie zum tausendsten Mal eine neue, aber altvertraute Marien Statue mit dem Jesuskind betrachteten?

Diese thematische Einfalt und Monotonie in Bezug auf Maria wäre ein eigenes Thema, ebenso die Erkenntnis: Durch diese wahnhafte Überfülle der Mariendarstellungen kann man sich einfach nicht gegen die Erkenntnis wehren, dass Maria eine Muttergottheit darstellt. Maria als Göttin mit dem Kind, für diese künstlerisch – theologische Aussage gibt es tausende von Belegen!! In der Basilika hoch oben auf dem Berg von Bilbao z. B. sitzt sie stolz in der absoluten Mitte des Hochaltars. Ihr gilt die Messe. Das ist einfach unübersehbar. Die Göttin Maria sollte den strengen Vater – Gott und den immer leidenden Jesus am Kreuz sozusagen „neutralisieren“ und in bessere, heilsamere Dimensionen führen. Und dies wurde auch so gemeint, wenn Maria sogar auf den Hochaltären die absolute Dominanz hat. In bittersten Zeiten der Kriege und Hungersnöte war die Muttergottheit Maria tatsächlich eine Art Rettung und eben ein „Schutzmantel“. Erfreulich nur, wenn manchmal, wie in Madrid, zur Abwechslung, ein heiliger Sebastian, hübsch und fast nackt, der absolute Mittepunkt des Hochaltares ist, zur Freude der Frauen und der Schwulen.

Aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus: Sondern:

In diesem barocken überladenen Bilderkirchen wird diese Theologie faktisch verbreitet: Der Glaube kommt vom Sehen, vom Schauen, von meinen Gefühlen, die ich angesichts der Bilderflut habe. Ich denke mir meinen Teil und sehe plötzlich (in einer Vision?) den heiligen Josef als Teil der Trinität. Warum auch nicht? Der Schauende bastelt sich in seiner Phantasie seine Theologie. Diese Kirchen und mit ihren goldigen Heiligenfiguren etc. wollen geradezu den subjektiv zusammen gebastelten Glauben fördern. Diese Kirchen sind also letztlich anti – orthodox im Sinne des Vatikans. Vielleicht ist der Glaube an die Muttergottheit mit dem Namen Maria auch auf „schauende Weise“ gefördert worden? Es wäre jedenfalls ein tolles Thema kritischer Theologie: Maria als katholische Muttergottheit zu thematisieren. Bisher ist in der katholischen orthodoxen, d.h. kirchenamtlich abhängigen Theologie dieses Thema verdrängt worden. Es durfte nicht sein, was da faktisch in der Kunst zu Tage tritt. Prinzipiell, im Rahmen einer liberalen Theologie, könnte man sagen: Jeder religiöse Mensch möge und sollte sich seinen eigenen, ureigenen, hoffentlich dann auch befreienden Glauben entwickeln! Aber der Glaube sollte vor dem Abrutschen bewahrt bleiben, also befreiend sein, vernunftgeleitet, Jesus als erlösendes Vorbild vor Augen.

Trotz allem: Es gibt einen anderen Weg: Der Glaube kommt vom Hören, sagt Paulus im 10. Kapitel des Römerbriefes. Das ist für eine anthropologisch interessierte Theologie sehr wichtig: Wer hört, der hört immer mindestens einen anderen Menschen. Dieser muss ja nicht der autoritäre Lehre/Prediger sein. Sondern ein Suchender, wie alle anderen. Im Einanderzuhören entsteht aber immer eine Gemeinschaft, denn der Hörende muss selbstverständlich dem Redenden antworten, beide müssen miteinander in einen Dialog treten und selbstverständlich streiten. Der bloß entzückt schauende Glaubende hingegen ist allein. Wer hört, sucht die Gespräche, den kritischen Dialog. Dies wäre eine Chance für die eher bildfeindlichen Kirchen aus dem Geist der Reformation Calvins. Die hörende Theologie pflegt auch die kritische Vernunft mit ihrer Sorge um begriffliche Klarheit.

Noch eine Beobachtung: Heute sind viele große Kirchen und Kathedralen in Spanien während der Woche, außerhalb der Gottesdienste,  nur gegen Gebühr (mindestens 5 Euro) zu betreten. Die Kirchenbeamten verstehen also ihre eigenen Kirchengebäude selbst längst als Museen! Wer etwa in der Kathedrale von Malaga noch individuell beten will, muss dies dem Wachpersonal ausdrücklich mitteilen. Dann wird er (gratis) in eine kleine Gebetskapelle verwiesen. Mit anderen Worten: Die Kirchenbeamten wissen, dass barocke Kirchenkunst immer noch die Schaulust der Touristen befriedigt; aber sie wissen auch, dass dies nur im Rahmen eines Museumsbesuches gewünscht wird. Beten und meditieren – das kann man vor dieser verwirrenden Farben- und Puttenfülle sicher nicht. Beten heißt Worte finden für die eigene Poesie, diese gelingt nur in der Stille, ohne Ablenkung durch goldene Putten usw. Und es ist interessant, dass diese Poesie, die das Gebet ist, in diesem Prachttempeln nicht gelehrt wird und nicht gelehrt werden kann!

Noch eine Bemerkung: Die „voll gestopfteste“ Kathedrale, Entschuldigung für diesen Ausdruck, die ich je gesehen habe in ihrer ganzen verwirrenden Überfülle: Ist die Kathedrale von Toledo. Eigentlich ein frommer Irr – Garten. Aber selbst kleinere Kirchen, wie die Klosterkirche Santa Maria la Real in Najera, Rioja, bedrückt durch eine maßlose Pracht des Hauptaltares. Der offizielle Kirchen“führer“ in Najera spricht selbst davon: „Üppigkeit und Selbstherrlichkeit sind die Hauptmerkmale des Altar – Rentabels aus dem Jahre 1690 von Francico de la Cueva und Mateo de Rubalcaba“. Das massivste Gold –Ensemble über dem Hochaltar wird dann typischerweise gekrönt an oberster Spitze, wirklich, vom Wappen des Kaisers Karl V. Er, der Kaiser und König, wird dann als aller oberster Himmelsherr verehrt! Vor Gold trieft förmlich auch auch die Sakristei der Klosterkirche von Yuso, in La Rioja: Die Priester, die sich dort zur Messe verkleideten, sahen förmlich alles Gold, das ihnen die Eroberer Lateinamerikas in die Heimat brachten. So konnte man des armen Jesus von Nazareth gedenken bzw. ihn vergessen.

Eine weitere Bemerkung, die kirchenpolitisch vielleicht am wichtigsten ist: Die Messen, an denen ich teilnahm, waren wie die meisten in Deutschland, Frankreich oder Holland, tatsächlich Seniorenmessen. Niemals habe ich auch einen Ministranten gesehen, ganz selten Jugendliche oder junge Leute. Mein Eindruck, der soziologisch bewiesen werden kann: Auch die spanische Kirche stirbt vor Müdigkeit und Routine. Ich erinnere mich etwa an eine Samstagabend Messe in der großen Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada: Da spulte der Priester die Samstagabendmesse in einer unangenehmen brüllenden Stimme die Messe förmlich im Eiltempo herunter. Aufstehen, Knieen, Setzen, Aufstehen, Antworten usw… ständig ging das hin und her. Ein Horror. In Onati, Baskenland, verteilten interessanterweise einige Frauen die Oblaten der Kommunion, aber dies in einem Tempo, als würden den Leute Zweieuro-Münzen schnell in die Hand geschoben. Eine Orgel gibt es in vielen Kirchen, aber offenbar verstehen nur wenige, sie zu spielen. Die Orgeln sind reine Zierde.

Die Routine, die Erstarrung, sind nach meinem Eindruck in Spaniens Katholizismus groß. Die alten Kirchengebäude, immer in grauem Stein, aus dem 15. Jahrhundert, wirken museal, es sind Orte eines musealen Glaubens. Nur noch Traditionsbegeisterte setzen sich da rein zur schnell absolvierten Messe. Kein Wunder also, wenn sich heute, 40 Jahre nach dem Ende der „all katholischen“, aber faschistoiden Franco-Diktatur, höchstens noch 70 Prozent (die Alten) der Spanier katholisch nennen. Diese Kirche(ngebäude) der barocken Pracht, ausgestattet mit dem Gold der Conquistadores, vertreiben schlicht und einfach jüngere und gebildete Menschen. Das ist eine Tatsache! Für diese erstarrte, aber noch üppige reiche Kirche als Institution, will sich kaum noch einer oder eine engagieren. Diese Kirche ist Folklore (siehe etwa die „semana santa“) und barocke Schau (Show) Kultur geworden.

Diese Kirche, da muss man kein Prophet sein, hat keine Zukunft, weil sie auch theologisch an den dogmatischen Erstarrungen und den routinierten Floskeln festhält. Die vielen verfallenen Dorfkirchen, die vielen verlassenen Klöster und Konvente in den kleinen Städten, die heute oft zu Luxus Hotels umgestaltet sind, sprechen eine deutliche Sprache. Kein Orden kommt offenbar auf die Idee, das große alte Kloster als Begegnungszentrum für alle religiös suchenden Menschen umzugestalten. Lieber überlässt man diese Klöster reaktionären neu gegründeten Ordensgemeinschaften. Diese jungen Nonnen (etwa im Städtchen Lerma) ziehen sich total zurück und tun für die Menschen nichts anderes, als Kekse zu backen, zumal für die Touristen. Aber diese Nonnen teilen nicht mit den Menschen die eigenen, hoffentlich interessanten spirituellen Einsichten. Wahrscheinlich haben sie auch nichts Neues zu sagen.

Hingegen hat diese Kirche noch Freude, ihren eigenen religiösen Aberglauben sichtbar zu feiern: Inmitten der Kathedrale von Domingo de la Calzada, Rioja, sitzen ständig ein Hahn und ein Henne in einem eigens gebauten Glaskästchen. Alle Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela pilgern zu diesem Hühnerstall in der Katedrale. Die Geschichte ist albern und dumm und lang, sie wird im offiziellen Prospekt dieser Kirche erzählt: Nur so viel: Ein zum Tode Verurteilter (ausgerechnet ein Deutscher) wird im Mittelalter durch die Fürsprache des heiligen Domingo vom Strang gerettet. Der Richter glaubt nicht an das Überleben des angeblichen Missetäters: Aber da fliegen ihm beim Mittagessen die Hühner vom Teller. Und, was passiert: Der Richter glaubt durch dieses Hühnerwunder nun an die Unschuld des Gehängten, der ja lebt. Hühner retten Leben, könnte ein Werbeslogan heißen. Aber: Solchem Blödsinn gibt die Kathedrale tatsächlich sichtbar Raum. Die Kathedral – Hühner werden alle 14 Tage ausgewechselt, wer sie dann verspeisen darf, wird nicht verraten. In jedem Fall nehmen diese Tiere an den Messen teilen. Das  Kikiriki ist kaum hörbar wegen der dicken Glasscheiben. Ob das Huhn bei der Messe Eier legt, wird nicht berichtet… Nirgendwo kann man die Melange von Glauben und Aberglauben so deutlich studieren wie an dem eleganten Hühnerstall inmitten der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada. Fehlt bloß noch, dass ein Vegetarier auf die Idee kommt, die Hühner zu taufen, damit sie nicht geschlachtet werden…

Im ganzen also kein Eindruck, der einen spirituellen und vernünftigen Enthusiasmus erzeugt: Viele große alte Kirchen und vor allem diese riesigen Klöster in Spanien wirken wie Gefängnisse, unnahbar, hässlich, vergittert, gewaltig. Da gibt es keinen Einlass, bestenfalls, um bei den Nonnen Kekse zu kaufen.

Welchen musealen Eindruck macht die christliche Religion längst? Was für eine Schande ist dieses Tote und Museale in spirituellem Zusammenhang. Einige Millionen Spanier haben sich von dieser erstarrten Religion befreit. Aber: Welche Spiritualität kommt danach? Und welche Ideologie herrscht schon längst? Hat Pasolini recht, wenn er sagt: Die neue Religion ist der Konsumismus? Der ist weder theistisch noch atheistisch. Der ist einfach platt und dumm.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin.

 

 

 



Philosophie in Lateinamerika: Das umfassende Kompendium liegt vollständig vor.

1. Juli 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Forschungsprojekte, Interkultureller Dialog

Dies ist eine kleine Sensation, die in Deutschland endlich Aufmerksamkeit – auch bei den Verlagen – finden sollte: Nach 30 Jahre dauernder Arbeit liegt die 34 Bände umfassende Enzyklopädie zur iberoamerikanischen Philosophie jetzt (Anfang Juli 2017) vollständig vor! Mehr als 500 Autoren haben an diesem umfassenden und von nun an wohl maßgebenden Werk mitgearbeitet. Die Enzyklopädie bietet Darstellungen zu den klassischen philosophischen Disziplinen, aber auch zur Philosophie etwa der Indigenas sowie zur „Philosophie der Philosophie“. Der Philosoph Reyes Mate hat das Projekt von Anfang an inspiriert und betreut. Wir werden auf dieses grundlegende Buch später ausführlicher zurückkommen. Zunächst also nur der Hinweis, dass der Blick europäischer Philosophie sich immer mehr weitet in die Philosophien außerhalb Europas, selbst wenn diese, wie im Falle Lateinamerikas,  europäische Impulse stark in sich bergen. Auf die wichtige und durchaus eigenständige lateinamerikanische Philosophie der Befreiung (inspiriert von Prof. Enrique Dussel, Mexiko) wurde schon früher empfehlend hingewiesen!

Enciclopedia Iberoamericana de Filosofia. Editorial Trotta y Consejo Superior de Inverstigationes Cientificas. 34 Bände, sie kosten zusammen 657,40 Euro.