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	<title>Religionsphilosophischer Salon</title>
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	<description>... eine Einladung zum Mitdenken und Mitdiskutieren</description>
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		<title>Vernünftig beten und meditieren: Spiritualität in der Sicht liberaler Theologie</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Jun 2013 18:55:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fundamental vernünftig: Religiös aus freier Einsicht. Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Alltagsriten]]></category>
		<category><![CDATA[Beten]]></category>
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		<category><![CDATA[Spiritualität der liberalen Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[welche Spiritualität hat liberale Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Fragen an Prof. Wilhelm Gräb im Rahmen der Reihe: „Fundamental vernünftig“.
Die liberale Theologie hat auch eigene Vorschläge zur Spiritualität, also zu einer Form geistvollen Lebens  im Miteinander und in der Erfahrung des „Unendlichen“.
Ja, aus eigener Einsicht und freier Überzeugung glauben zu können und ohne kirchliche Bevormundung religiös lebendig zu sein – das ist das [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Fragen an Prof. Wilhelm Gräb im Rahmen der Reihe: „Fundamental vernünftig“.</p>
<p>Die liberale Theologie hat auch eigene Vorschläge zur Spiritualität, also zu einer Form geistvollen Lebens  im Miteinander und in der Erfahrung des „Unendlichen“.</p>
<p>Ja, aus eigener Einsicht und freier Überzeugung glauben zu können und ohne kirchliche Bevormundung religiös lebendig zu sein – das ist das Angebot liberaler Theologie. Der Vorschlag zur Spiritualität, den die liberale Theologie macht, zeigt auf die Lebensform religiöser Freiheit. Diese war einst gemeint, indem die liberale Theologie von liberaler Frömmigkeit sprach. Uns daran zu erinnern und die Rede von Frömmigkeit im Geist liberaler Theologie wieder aufzunehmen, haben wir heute allen Anlass. Freilich reden wir heute statt von Frömmigkeit lieber von Spiritualität. Denn mit Frömmigkeit verbinden wir noch zu viel dogmatische und kirchentümliche Enge.<br />
Es geht liberaler Theologie darum, wie die „Freiheit eines Christenmenschen“ konkret werden kann: dass es im christlichen Leben nicht auf theologische Rechtgläubigkeit ankommt, nicht auf Übereinstimmung mit kirchlichen Lehren und alten Bekenntnisformulierungen. Spiritualiltät im Geist liberaler Theologie, das ist ein Leben aus dem Evangelium, aus vorbehaltloser göttlicher Ankerkennung und dem Wohl des Nächsten zugewandt. Kriterium im Umgang mit der Glaubenstradition ist die eigene, vernünftige Einsicht und das Wohlwollen gegenüber jedem und jeder, nicht die Einhaltung kirchlicher Glaubensnormen und zwanghafter Moralvorstellungen.<br />
Deshalb stehen liberale Theologen auch der Moderne mit ihrem Pluralismus und ihrer Individualitätskultur offen gegenüber. Der Glaube muss ihnen vereinbar sein mit der Wissenschaft, mit Kritik und humaner Bildung. Liberale Theologie fördert eine spirituelle Lebenshaltung, die weiß, dass wir uns selbst transzendent sind, unendlich angewiesen auf einen Gott, der im  Evangelium aber auch die göttliche Rechtfertigung unseres Daseins zusagt. </p>
<p>- Welchen Sinn hat dann für religiöse Menschen, die sich in der liberalen Theologie verstanden fühlen, das Beten?</p>
<p>Beten ist in der liberalen Theologie ein Akt der Selbstbesinnung, bei dem wir allerdings gerade nicht bei uns stehen bleiben, nicht um uns selbst kreisen. Wir besinnen uns, indem wir beten, auf unser Leben als ein solches, das wir vor Gott führen. Gott ist dem, der betet, der Grund allen Lebens, der Sinn des eigenen Daseins, die alles umfassende Einheit der Wirklichkeit. Indem wir uns betend auf unser Leben als ein Leben vor Gott besinnen, finden wir in den Dank für das Geschenk des Lebens sowie in die Bitte um alles, was fehlt zu seinem Gelingen.</p>
<p>- Kann Poesie die Form des Betens sein? </p>
<p>Da das Beten einen Form gesteigerter Selbstbesinnung und damit der Ausdrücklichkeit in der Bewusstheit unseres Lebens ist, kann es sich besonders gut in metaphorischer Sprache artikulieren. Metaphern bereichern unser Leben. Sie schreiben der Wirklichkeit einen Mehrwert zu. Sie drücken unsere Ängste und Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte aus. Insofern ist die Metaphorik religiöser Sprache gut geeignet, unsere tieferen Empfindungen und unser Wirklichkeitserleben auf dichte Weise zur Sprache zu bringen. Sie holt den Überschuss an Sinn ein. Die vom Reichtum der Metaphern lebende Poesie der Sprache öffnet die Dimension der Tiefe, aus der heraus unser Leben in einen letzten Deutungszusammenhang einrückt. So kann gerade die poetische, dichte Sprache zur Sprache des Gebets werden.</p>
<p>- Ist die Voraussetzung für das sinnvolle Beten vielleicht das Innehalten, das Meditieren? Ist dieses Zur Stille Kommen und sich selber sehen genauso wichtig wie das „Sich Aussprechen“ vor Gott? </p>
<p>Das Beten, das ein Sich-Aussprechen vor Gott ist, kann der Aufschrei in der Not sein oder der spontane Dank in der überraschenden Erfahrung des Glücks. Das Beten kann sich aber auch in stiller Selbstbeziehung vollziehen. Das ist dann das, was Martin Heidegger die „Frömmigkeit des Denkens“ genannt hat. Dann macht, wer betet, sein Leben für sich selbst durchsichtiger, durchsichtig auf seine Gründung in Gott. Wer sein Leben vor Gott durchdenkt, dem fügt es sich ein in das Ganze eines Sinnzusammenhanges, der auch noch die negativen Erfahrungen mit einem positiven Vorzeichen versehen lässt. Das ist oft ein Ringen, eine Durchdenken von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, aber vor Gott immer in der Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge. Beten ist ein getröstetes Denken.</p>
<p>- Kann liberale Theologie auch die buddhistisch geprägten Meditationsformen und auch das Yoga unterstützen und als Hilfe empfehlen? Schließlich hat das Christentum ja nicht auf „alles“ eine passende Antwort.</p>
<p> Es ist durchaus möglich, Meditationsformen aus anderen religionskulturellen Traditionen zu übernehmen. Da gibt es auch Beispiele aus der Praxis, insbesondere was die Einstellung Zen-Buddhistischer Meditationsformen in christlich-religiöse Vorstellunginhalte anbetrifft. Man sollte das nicht eng sehen. Wenn wir das Beten so verstehen, dass es uns in Kontakt bringt mit Gott auf dem Grunde der eigenen Seele, dann sind ihm alle Wege angemessen, die dem Menschen Wege zu sich selbst öffnen und ebnen.</p>
<p>- Angesichts der von vielen als oberflächlich erlebten Welt &#8211; und auch der eigenen Fraglichkeit des Daseins: Bräuchten wir nicht neue kleine, bescheidene, von jedem nachvollziehbare Riten? Etwa eine Begrüßung des Tages nach der Nacht? Den Dank für den Tag am Abend? Der selbstkritische Rückblick am Ende einer Woche? Wie ließe sich das gestalten, Spiritualität ist ja nicht nur Kopfarbeit&#8230;. Sollte da nicht auch liberale Theologie kreativer werden?</p>
<p>Ja, das wäre schön, wenn wir solche Riten erneuern könnten, den Morgensegen (Luthers Morgensegen, zu finden im Evangelischen Gesangbuch, ist immer noch wunderschön), das Abendgebet, das Tischgebet, das Tagebuch, den Wochenrückblick. Das Problem ist nur, Rituale lassen sich nicht am Schreibtisch erfinden. Sie lassen sich überhaupt nicht erfinden. Rituale entstehen, aus den Regeln, die sich eine Gemeinschaft gibt oder in denen diese sich immer schon vorfindet. Es können auch neue Rituale entstehen, aber dann müssen einzelne oder Gruppen sich auf sie verständigen und sie in ihrer Verbindlichkeit anerkennen. Liberale Theologie kann keine Rituale hervorbringen. Keine Theologie kann das, denn Theologie ist ein Nachdenken über die Praxis der Religion, nicht diese selbst. Aber liberale Theologie tut gut daran, sich gegen die Unterstellung zu wehren, ihr seien Rituale nicht wichtig. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings empfiehlt liberale Theologie die Pflege von Ritualen nicht um der Aufrechterhaltung einer religiösen Ordnung willen, sondern aus der anthropologisch begründeten Einsicht in ihre Lebensdienlichkeit.</p>
<p>copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer-salon Berlin</p>
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		<title>Die Neokatechumenalen oder: Wenn man den Katechismus als Theologie betrachtet</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Jun 2013 17:02:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Religionskritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ansgar Puff]]></category>
		<category><![CDATA[Hubert Gindert]]></category>
		<category><![CDATA[Katechismus als Theologie]]></category>
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		<category><![CDATA[Neokatechumenale]]></category>
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		<category><![CDATA[Sekten in Katholischer Kirche]]></category>
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		<description><![CDATA[Wir wurden in den letzten Tagen mehrfach aufgefordert, unsere früheren Informationen und Dokumentationen über eine Gruppe der sogenannten &#8220;Neuen Geistlichen Gemeinschaften&#8221; innerhalb der römischen Kirche wieder zugänglich machen, schließlich machen sich, so wurde uns berichtet, nicht nur das Opus Dei und die Legionäre Christi, sondern auch die sogenannten Neokatechumenalen Gemeinschaften &#8220;immer mehr breit&#8221;, so wörtlich [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir wurden in den letzten Tagen mehrfach aufgefordert, unsere früheren Informationen und Dokumentationen über eine Gruppe der sogenannten &#8220;Neuen Geistlichen Gemeinschaften&#8221; innerhalb der römischen Kirche wieder zugänglich machen, schließlich machen sich, so wurde uns berichtet, nicht nur das Opus Dei und die Legionäre Christi, sondern auch die sogenannten Neokatechumenalen Gemeinschaften &#8220;immer mehr breit&#8221;, so wörtlich ein Freund aus Köln; der berichtet, dass ein neokatechumenaler Priester alsbald (Weih) Bischof in Köln werden wird; er wurde von Papst Franziskus, dem armen und angeblich progressiven, ernannt.<br />
Wir kommen dieser Anfrage nach, obwohl wir klarstellen: Wir sind ein philosophischer Salon, aber aufgrund der &#8211; in unserer Sicht oft unvernünftigen &#8211; Zustände in den Religionen heute immer wieder verpflichtet, Religions &#8211; Kritik zu betreiben, als eine Form kritischer Bildung. Unter diesem Blickwinkel sind auch die folgenden drei Beiträge zu verstehen; sie wurden im Jahr 2000, 2006 und 2011 veröffentlicht. Das meiste des dort Gesagten ist nach wie vor gültig, wenn auch die weltweite Integration der Neokatechumenaen weltweit auch als offiziell römische, also offiziell anerkannte &#8220;Bewegung&#8221; inzwischen viel weiter fortgeschritten ist, etwa: In manchen Bistümern sind junge (oder mittel-alterliche) Priester fast ausschließlich Mitglieder des Neokatechumenats. Die Neokatechumenalen im allgemeinen sind theologisch so unglaublich &#8220;bescheiden&#8221; zu sagen: &#8220;Unsere Theologie ist der römische Katechismus&#8221;. Da ahnt der Beobachter, wohin sich der römische Katholizismus entwickelt, wenn alsbald fast nur noch Neokatechumenale oder Legionäre Christi und Leute von &#8220;Das Werk&#8221; oder die Priester vom &#8220;Inkarnierten Wort&#8221; oder die &#8220;Kleinen Grauen&#8221; (das sind die Brüder vom Heiligen Johannes) usw. usw. die Gemeinden leiten und die Bistümer führen&#8230;Man muss kein Prophet sein: Diese finanziell äußerst starken und im Machtanspruch &#8211; auch gegenüber Journalisten &#8211; nicht zimperlichen Bewegungen werden &#8220;das Gesicht der römischen Kirche&#8221; weiter ganz wesentlich verändern bzw., je nach Blickwinkel, entstellen in Richtung: &#8220;Der Katechismus ist unsere Theologie und wer ihm nicht folgt, ist nicht katholisch&#8221;. Zu einem Beitrag für den WDR <a href="http://religionsphilosophischer-salon.de/52_die-neokatechumenalen_religionskritik">klicken Sie bitte hier.</a> </p>
<p>&#8230;.. Es folgen nun die drei Beiträge, in der ursprünglichen (Sende-) Form des Radios bzw. der Zeitschrift. Noch einmal: Das copyright liegt beim Religionsphilosophischen Salon.<br />
Wer glaubt, fragt nicht (2000)<br />
Die neokatechumalen Gemeinschaften<br />
Von Christian Modehn </p>
<p>24 O TÖNE, insgesamt ca. 13 30“ lang.<br />
EIN SPRECHER</p>
<p>Sie haben exotisch klingende Namen: Focolarini oder Communione e liberazione, Opus Dei oder neokatechumenale Gemeinschaften: Gruppen, die seit mehr als 30 Jahren das Leben der Katholischen Kirche bestimmen. Weltweit haben sie mehrere Millionen Mitglieder und Sympathisanten. Es sind vor allem Laien, Frauen und Männer, die in diesen Gruppen ein intensives religiöses Leben suchen. Auch in Norddeutschland machen diese Kreise von sich reden,  zum Beispiel die Neokatechumenalen Gemeinschaften. Christian Modehn hat Anhänger und Kritiker dieser Gruppen getroffen, seiner Sendung gab er den Titel „Wer glaubt, fragt nicht“. </p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>
<p>1.O TON. Bruno Caldana.  0 18“<br />
„Ich war ein Ehebrecher. Und ich hab gesehen,  wie Gott mich geliebt hat. Fand die Möglichkeit, eines Tages der Versuchung zu widerstehen“. </p>
<p>Hundertmal hat Bruno Caldana schon diese Geschichte erzählt. Bei religiösen Vorträgen und Katechesen, in Beratungsgesprächen und Interviews. Bruno Caldana berichtet gern von seiner gottlosen Vergangenheit, das gehört nun einmal zu seinem Amt als katholischer Laien-Prediger. Seit 13 Jahren lebt der gebürtige Römer mit seiner Familie in Hannover. Wenn er nachmittags seine Arbeit als Buchhalter beim Malteser Hilfsdienst beendet hat, kümmert er sich um den Aufbau der neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese „geistliche Bewegung“ will er in Deutschland fördern und verbreiten; aus Dankbarkeit, wie er sagt; denn im Neokatechumenat wurde er ein neuer  Mensch.  </p>
<p>2.O TON, Bruno Caldana    0 22“<br />
„Gott, durch die Kirche und durch das Neokatechumenat, Gott  hat uns gerettet, verhindert, daß wir uns trennten, Familie wiederaufgebaut. Haben gesehen, wie Gott uns geholfen hat, uns gegenseitig zu vergeben“. . </p>
<p>Rita und Bruno Caldana gehören heute im Bistum Hildesheim zum Leiterkreis des Neokatechumenats. Der erste Wortteil, das „neo“,  bedeutet neu; und katechumenal bezeichnet die Glaubensunterweisung: Neokatechumenale Gruppen wollen also neu den Glauben lehren, nicht den Heiden, sondern, wie sie sagen, den lau und lax gewordenen Katholiken. Vor 35 Jahren wurde das Neokatechumenat von Kiko Arguello, einem Künstler aus Madrid, und der ehemaligen Nonne Carmen Hernandez gegründet. Heute sind die Neokatechumenalen nach eigenen Angaben in 105 Nationen, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden vertreten. Eine Million Katholiken sollen mit dieser Gemeinschaft verbunden sein. Sie alle haben ein Ziel: Jeder Katholik soll sozusagen wieder hundertprozentig glauben und bekennen, was der Papst und die Kirchenlehre vorschreibt. Darum bieten sie Kurse an, bei denen sogenannte Sonntagschristen zu eifrigen Missionaren ausgebildet werden. Hartmut Berkowsky nimmt seit 12 Jahren an diesen Unterweisungen teil. </p>
<p>3. O TON, Hartmut Berkowsky 0 37“<br />
„Auf der einen Seite bin ich Geschäftsführer bei Maltesern, wo ich humanitäre Aufgabe wahrgenommen. Humanitär helfen. Aber ich denke, nicht das, was eigentlich wichtig ist. Erfahren, daß ich den Menschen, denen ich begegne, daß ich da Gott begegne. Was ihr den geringsten getan hat, das habt ihr mir getan. Wahlspruch für mein Leben geworden, wo ich draufzugehe“. </p>
<p>Wer sich einer neokatechumenalen Gruppen anschließt, möchte seinen ganzen Alltag  christlich gestalten. Arbeit, Kunst, Politik, alles soll kirchlichen Grundsätzen entsprechen. Bruno Caldana kommt ein wenig ins Schwärmen, wenn er an die neokatechumenalen Jugendgruppen in seiner Heimatstadt Rom denkt. Sie verbringen die Freizeit mit gottesdienstlichen Feiern:  </p>
<p>4. O Ton, Bruno Caldana    0 38“<br />
„Dadurch werden viele Jugendliche von falschen Wegen abgehalten. Hunderte, die warten, Eucharistie zu feiern. Anstatt ins Kino zu gehen, zu Disco&#8230; viele Jugendliche werden durch Disco auch abgelenkt“. </p>
<p>„Es gibt kein Glück auf dieser Welt“, schreibt der Gründer Kiko Arguello seinen Getreuen, „alles in dieser Welt sei nun einmal eitler Wahn“.<br />
Gottesdienst und Glaubensunterweisung gelten als Ausweg gegenüber den Verlockungen der Konsumgesellschaft. Auch Propst Klaus Funke, der katholische Stadtdekan für Hannover, bietet Jugendlichen am Samstag abends ins Gemeindehaus von Sankt Clemens eine Alternative zu den Vergnügungen des Wochenendes. Propst Funke: </p>
<p>5. O TON, Propst Funke  0 19“ (Glocke im Hintergrund)<br />
„Die neokatechumenale Idee ist wie so ein Zeichen, ja, man könnte sagen des Himmels, daß Gott selber Menschen stößt  auf Realitäten, die wir so in unseren Gemeinden gar nicht mehr wahrnehmen und  erleben“. </p>
<p>Propst Funke ist seit etwa 10 Jahren ein enger Freund und Vertrauter der Neokatechumenalen: Ihn beeindruckt, wie sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft vorbehaltlos in den Dienst des Papstes stellen: </p>
<p>6. O TON, Propst Funke 0 30“<br />
„Das Neokatechumenat lebt von Itineranten, das sind Laien, die sich bereit erklären, für die Sache Jesu vom Papst in alle Welt schicken zu lassen vom Papst. Per Los gezogen am Tag der Heiligen Familie. Da stehen Familien. Du kannst uns hinschicken, es ist vorbereitet; es gibt eine Menge Anfragen, und  sie gehen dahin“. HIER RAUSGEHEN IM O TON!!! </p>
<p>Missionare, die per Los-Entscheid in alle Welt gesandt werden: Seit 1986 ist dies gängige Praxis; der Papst ist immer dabei, er hat daran sein Wohlgefallen! Auch das Ehepaar Caldana aus Rom wurde zusammen mit ihren vier Kindern im Rahmen einer Verlosung als Itineranten-Paar, also wie Wandermissionare, nach Hannover entsandt. Es hätte genauso gut Wladywostok, Tokyo oder Lima sein können; in Deutschland mußten die Caldanas selber sehen, wie sie mit der neuen Kultur und Sprache zurecht kommen. Inzwischen haben sie in ihren neo-katechumenalen Unterweisungen einen Schwerpunkt entdeckt: Rita Caldana: </p>
<p>7. 0 TON, Rita Caldana  0 19“<br />
 „Europa neu evangelisieren: Das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagte, gegen das Böse kämpfen müssen, nicht gegen kleine Sachen, das heißt es ist ein grosser Kampf“.</p>
<p>Die Frommen kämpfen gegen den Teufel, die Guten gegen das Böse: Auf welcher Seite die Neokatechumenalen stehen, ist klar. Propst Funke meint bei den Neokatechumenalen sozusagen positives, heilsames Dynamit gefunden zu haben: </p>
<p>8. O TON, Propst Funke  0 39“<br />
„Was  mich an dieser Idee eben so fasziniert, ist: echte Alternative zu dem Alltag, den ich sonst in den Gemeinden erlebe. Ich will diesen  Alltag nicht diskriminieren; er ist die eine Seite der Volkskirche. Aber daneben, kann man sagen, ist das wie so ein bißchen Dynamit. In diesem Alltag. Manchmal krachend aufflackert. Macht deutlich, daß sich  Dynamit in der Botschaft Jesu verbirgt, was wir eigentlich  verschweigen oder unentdeckt lassen“. </p>
<p>Um im Bild zu bleiben: Nicht immer sind die Veranstaltungen des Neokatechumenates Dynamit; manchmal sind sie sehr langweilig, davon konnte sich Pfarrer Albrecht Przyrembel aus dem Bistum Hildesheim überzeugen; er hat an neokatechumenalen Unterweisungen teilgenommen; dabei fühlte er sich an die schlichte Theologie des 16. Jahrhunderts, an die Zeiten des Konzils von Trient, erinnert: </p>
<p>9. O TON, Przyrembel  0 41“<br />
„Das ist der Katechismus von Trient. Bei dieser Gemeindekatechese war ich dabei, um Erfahrungen zu sammeln. Da waren Tafelbilder wie ich sie in der Grundschule gebrauche. Aber eben mit Erwachsenen Menschen nicht.. das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten. Wie im Katechismus: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um in den Himmel zu kommen. Was für Menschen eine Hilfe ist. Es gibt ja eine Neuauflage der alten Katechismen. </p>
<p>Die neokatechumenalen Missionare rühmen sich selbst,  keine eigene Theologie zu entwickeln für das Gespräch mit den angeblich lauen und abständigen Katholiken; sie wollen sich keiner neuen, modernen Sprache bedienen. Bruno Caldana:</p>
<p>10. O TON, Caldana  0 15“<br />
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Weil Gott ist derjenige, der uns lehrt, Gott gibt uns Antworten. Ich bin der Meinung, daß Gott da ist, um uns Antworten zu geben“. </p>
<p>Wenn sich einmal Protestanten in die neokatechumenalen Kurse verirren, wird ihnen deutlich gemacht: die volle christliche Wahrheit gibt es nur im römischen Katholizismus. Einen jungen Protestanten haben die Caldanas einmal nach Rom begleitet:</p>
<p>11. O TON, Caldana,   0 12“<br />
„Bei der Pilgerfahrt hat er direkt erfahren, diese Figur des Papstes hat ihn so stark beeindruckt, daß er zur katholischen Kirche konvertiert hat“: </p>
<p>Konvertieren, also sich bekehren, das ist nicht nur Pflicht der Protestanten. Vor allem Katholiken werden aufgefordert, sich als Sünder zu bekennen und von einem unmoralischen Lebenswandel Abstand zu nehmen. Randgruppen und Minderheiten sollen die offizielle katholische Morallehre respektieren. Propst Funke:</p>
<p>12. O TON Funke     0 58“<br />
„Homosexualität kommt in der Natur vor, ist aber nicht natürlich. Entspricht nicht der eigentlich Veranlagung des Menschen. Will nicht von Schuld erst einmal reden. In der Bibel gibt es keine positive Stellungnahme. Immer kritisch und sündhaft. Erst recht, wenn sie praktiziert wird. Jeder der darunter leidet, wie der Geldgierige, der Sture und kommt: Tut mir leid, ich komm davon nicht weg. der findet immer den barmherzigen  Gott. Nur wer eben versucht aus einer Unvollkommenheit eine Vollkommenheit zu machen, der scheitert“. </p>
<p>Die Neokatechumenalen fühlen sich gedrängt, diese Wahrheiten den katholischen Pfarr-Gemeinden Deutschlands mitzuteilen. An der amtlichen, römischen Kirchenlehre wollen sie kein I Tüpfelchen verändert sehen. Sie bieten sich den Seelsorgern an, um in der Glaubensunterweisung zu helfen, wie sie das nennen.  Pfarrer Hans-Joachim Osseforth aus der Diözese Hildesheim hatte vor einigen Jahren dieses Angebot aufgegriffen:</p>
<p>13. O TON Osseforth  0 32“<br />
„Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde.  Ich muß mich bekehren, dann auch die Gemeinde. Ich wurde als Unbekehrter als nicht richtig Glaubender angesprochen, kommt diskriminierend immer rüber“. </p>
<p>Erfahrungen, die keineswegs nur in Niedersachsen gemacht werden. Ein Berliner, der katholische Dekan Pfarrer Bernhard Obst erinnert sich an seine Begegnungen mit neokatechumenalen Missionaren:</p>
<p>14. O TON, Obst<br />
„Ich wurde dann nur noch indoktriniert.. bis zur Beleidigungen. Ich sollte mich erst bekehren. Das war peinlich Bat sie dann, die Wohnung zu verlassen. Ich hätte doch rechte als Hausherr und müßte mich von ihnen nicht beleidigen lassen“.  </p>
<p>Eine Frauengruppe der Gemeinde Bruder Klaus in Berlin-Neukölln hatte sich auf die Neo-Katechumenalen eingelassen, in aller Offenheit und guten Glaubens. Wie hätte es auch anders sein können: Über diese neuen Missionare gibt es keine allgemein zugänglichen Broschüren, Bücher oder Zeitschriften. Die Neokatechumenalen sind sozusagen öffentlich nicht greifbar; sie lieben die Verschwiegenheit. In der Gruppe gab es schon bald erhebliche Spannungen; zwei Frauen, die lieber ungenannt bleiben wollen, erläutern die Probleme:</p>
<p>15. O TON, zwei Frauen hintereinander.    1 23“<br />
„Wenn man mit ihnen spricht, daß ist DER Weg, man bedrängt auch, geht bis zur Beschimpfung, Teufel spricht aus einem. Tut weh! Wir haben sie im Frauenkreis gehabt, Unruhe, sie sind das Salz der Erde, und sie haben die Kinder besser im Griff. Da wird morgens schon Schriftlesung. Also es war sehr schwer. Ich persönlich halte das nicht aus, ich geh nicht mehr hin“. </p>
<p>Die neokatechumenalen Missionare lassen sich nicht beirren; sie ziehen weiter. Haben sie sich aber einmal in einer Pfarrei niedergelassen, gibt es oft Unruhe und Irritationen: Denn die Neokatechumenalen feiern am Samstagabend separat ihre eigene Gruppen Messe im Saal,  manchmal hinter verschlossenen Türen; auch die Osternacht zelebriert der neokatechumenale Kreis für sich allein, ohne die Teilnahme der Ortsgemeinde. Kein Wunder, daß solche Abgrenzung von „den anderen“, den „gewöhnlichen Katholiken“,  wenig Symapthie findet. Pfarrer Osseforth erinnert sich an einen neokatechumenalen Glaubenskurs:</p>
<p>16.O TON, Osseforth   0 38“<br />
 „Wir haben in der Gemeinde mit über 25 Leuten angefangen, am Schluß nach 4 Monaten waren nur noch 4 dabei; das Ende ist Wochenende, wo man sich entschließt, ob man weitermachen will.. Alle wollten nicht mehr mitmachen, zu einengend. Man muß Bußgottesdienste machen, man wird gezwungen zu beichten. Es floß dann mit ein, daß Gott nur auf dem Weg des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt. Das ist zu eng. Das geht nicht“.</p>
<p>In Hannover wird jetzt seit 12 Jahren für den neokatechumenalen Weg geworben: Bisher haben sich trotz intensiver Bemühungen erst 11 Erwachsene der Gemeinschaft angeschlossen. Die Kategorie „Erfolg“ haben die Neokatechumenalen in Deutschland jedenfalls aus ihrem Vokabular gestrichen, und sie fühlen sich dabei sogar sehr wohl. Rita Caldana: </p>
<p>17. O TON, Rita Caldana  0 10“<br />
„Erfolg existiert nicht im Christentum. Weil Jesus Christus auch kein Erfolg gehabt hat. Oder: nur das Kreuz. Und wir sind in die richtige Platz“. </p>
<p>Die Neokatechumenalen stehen sozusagen auf der Seite Jesu, nehmen an seinem Leiden am Kreuz teil, und trösten sich damit, daß wenigstens der  Zusammenhalt in der eigenen Gruppe gut funktioniert: Propst Funke: </p>
<p>18. O TON, Funke     0 34“<br />
„Innerhalb der Gemeinschaften gibt es ein unwahrscheinlich intensives Anteilnehmen am Schicksal jedes einzelnen. Was ich erlebt habe, Güterteilung, Autos, Wohnungstausch. Kinderbetreuung, Vertretungen, bei Nöten, grossem geldlichen  Einsatz, das ist erstaunlich“. </p>
<p>Das Neokatechumenat zählt nach eigenen Angaben weltweit mehr als 15. 000 solcher offenbar vorbildlichen Gruppen, Lebensgemeinschaften und Freundeskreise. Aber, sie alle sind untereinander vernetzt, betont Pfarrer Osseforth:  </p>
<p>19. O TON Osseforth,   0 41“<br />
„Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Sehr zentral gesteuert. Gut durchstrukturiert. Der oberste Chef ist Kiko, das ist der Jesus des Neokatechumenates. Alles, was Kiko gemacht hat, ist gut. Seine Bilder sind wie Ikonen. Nur diese zählen etwas auf unserem Weg. Das halte ich auch für eine Engführung“. </p>
<p>Der feste Zusammenhalt in einer von Befehlen und Gehorchen geprägten Gemeinschaft übt für viele junge Menschen immer noch eine faszinierende Wirkung aus. Aus den neokatechumenalen Familien, die oftmals 8 oder 10 Kinder zählen, entschliessen sich immer wieder junge Männer,  Priester zu werden. Propst Funke:   </p>
<p>20. O TON Funke   0 32“.<br />
„Das Neokatechumenat hat in aller Welt jetzt vierzig Priesterseminare. Weil aus den Gemeinschaften so viele Priester werden wollen, daß man nur neidisch werden. So was habe ich in meinem Seminar nicht erlebt, an Freude am Glauben, grundsätzlich positiven Haltung zur Kirche“.  </p>
<p>Bei dem zunehmendem Mangel an Priestern freuen sich zahlreiche Bischöfe vor allem im Osten Europas über den geistlichen Nachwuchs, den die Neokatechumenalen bereit stellen. In Berlin gibt es seit mehr als 10 Jahren ein neokatechumenales Priesterseminar mit 30 Studenten. Einige dieser Theologen arbeiten inzwischen als Kapläne in Berliner Gemeinden; aber länger als ein Jahr erträgt kaum eine Gemeinde diese jungen, aber extrem konservativ denkenden Priester. Vielleicht ist dies ein Grund,  daß der sonst eher wohlwollende Berliner Kardinal Georg Sterzinsky vorsichtig Distanz andeutet:      </p>
<p>21. O TON, Sterzinsky, 0 35“<br />
„Ich mach da nur mit, damit ich auch eingreifen kann oder mitsprechen kann; daß es nicht einen Wildwuchs gibt. Kaderschulung in der Missionierung. Wir bleiben bei 30 Studenten. Weil ich nicht meine, daß man mit Klerikern in den Osten starten sollten. </p>
<p>Prominente katholische Kirchenführer haben sich deutlich vom Neokatechumenat distanziert: Der englische Kardinal Hume nannte diese Gemeinschaft schlicht und einfach fundamentalistisch; Kardinal Martini von Mailand warnt ausdrücklich vor den Neokatechumenalen, in manchen Bistümern der Vereinigten Staaten sind sie offiziell unerwünscht. Kiko Arguello, der Gründer der Neokatechumenalen, macht aus Kritikern einfach nur „Verfolger“. Für ihn und seine Gemeinschaft ist die ganze Kirche in Gute und weniger gute Mitglieder aufgespalten. Das konnte Pfarrer Osseforth beobachten: </p>
<p>22. O TON, Osseforth, 0 29“<br />
„Sie sondieren auch ganz klar. Sie sagen sofort, der Bischof uns nicht so liebt, wie wir das wollen, der ist nicht katholisch. Wird diskriminiert. Immer: der Papst unterstützt uns doch.  Viele Bischöfe tun das auch.Viele Bischöfe, die kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten“.</p>
<p>Die neokatechumenalen Gemeinschaften haben in fast allen Bistümern Deutschlands Fuß gefaßt, auch in der Diözese Hildesheim. Aber allzu großer Beliebtheit erfreuen sie sich nicht, betont Pfarrer Osseforth:</p>
<p>23. O TON, Osseforth, 1 00“<br />
„Es gibt kritische Interessiertheit, haben einzelnen geholfen, die versaut waren, aber es ist nicht die Erneuerungsbewegung“.   </p>
<p>Der Papst sieht das anders: Er ist begeistert von dem Eifer dieser aufdringlich für die römische Kirchenlehre werbenden Missionare; er freut sich über die Bereitschaft der neokatechumenalen Jugendlichen, geradezu massenhaft päpstliche Veranstaltungen zu besuchen. Allein beim katholischen Weltjugendtreffen in Paris im Jahre 1998 waren 50.000 neokatechumenale Jugendliche hilfreich in der Organisation; sie waren vor allem die öffentlich sichtbaren Papst-Fans und Jubel-Rufer in den überfüllten Veranstaltungen. Auch in diesem Jahr, dem Heiligen Jahr in Rom,  wird man die Neokatechumenalen nicht übersehen können. Sie gelten längst – neben dem Geheimbund Opus Deials die Stoßtruppen des Vatikans. Sie verändern das Gesicht der katholischen Kirche. Viele Beobachter haben den Eindruck: Sie machen aus der Kirche, der vielfältig lebendigen Gemeinschaft der Glaubenden, ein starre Institution der Indoktrination und Besserwisserei.<br />
&#8212;&#8211;HIER eventuell schon Schluß der Sendung, falls noch Zeit&#8212;-:</p>
<p>Wie kommen Katholiken dazu, sich dieser kämpferischen, zentralistischen und dogmatisch erstarrten Gemeinschaft anzuschließen? Pater Karl Hermann Lenz aus dem Pallottiner Orden hat sich mit dieser fundamentalistisch genannten Gemeinschaft befaßt:   </p>
<p>23. O TON Pater Lenz.  0 55“<br />
„Daß sie bei Teilen der Kirchenleitung eine Beliebtheit haben, in Zeiten der Unsicherheit, Johannes Paul der zweite wir stehen an deiner Seite. Mensch da haben wir noch Leute, die wirklich kirchentreu sind-<br />
zulauf wegen Gruppe, Verbindlichkeit, klare Antworten bekommt, ist ja was Grosses. Spirituelles Wachstum, da gibt es ja auch viel zu wenig in den Gemeinden“.  </p>
<p>Copyright:Christian Modehn </p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;.</p>
<p>Deutschlandfunk 2011<br />
Studiozeit: Aus Religion und Gesellschaft<br />
&#8220;Das Vertrauen ist erschüttert &#8211; die neuen geistlichen Gemeinschaften in der Krise&#8221;<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>1. Spr.:  Berichterstatter<br />
2. SPR.: Zitator und Übersetzer<br />
O TÖNE, zus. ca. 10 00“. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Die katholische Kirche liebt die Einheitlichkeit. Weltweit wird das gleiche Glaubensbekenntnis gesprochen, überall werden die Messen nach den gleichen liturgischen Vorschriften gefeiert. Der Pluralismus zeigt sich vor allem in der Vielfalt der Lebensformen. Mönche und Arbeiterpriester in Fabriken sind sehr verschieden, auch Missionare und Einsiedler haben wenig gemein. Pluralität der Lebensformen war viele Jahrhunderte auf Kleriker und Ordensleute begrenzt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit 50 Jahren, gestalten vor allem Laien, Frauen wie Männer, „neue religiösen Gemeinschaften“. Allein in Deutschland sind 70 unterschiedliche Gruppen vertreten; weltweit sollen mindestens 500.000 Katholiken dazu gehören. Der katholische Theologe und Religionssoziologe Professor Michael Ebertz aus Freiburg im Breisgau hat diesen Trend untersucht:</p>
<p>7. O TON, Ebertz, 0 26“.<br />
Im Grunde könnte man sagen: Diese so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften sind Nachfolger eigentlich so dieser Ordensleute und sie steigern, sie erhöhen  die Vielfalt, die Komplexität, innerhalb der Kirche, weil wir in diesen geistlichen Gemeinschaften auch sehr gegensätzliche Positionen finden. Man könnte sagen, von der fundamentalistischen bis hin zu  einer sehr ökumenisch, also auch  den evangelischen Christen gegenüber sehr aufgeschlossenen Gemeinschaften. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Dazu gehört etwa die „Gemeinschaft Sant Egidio“, die sich für den Dialog der Weltreligionen einsetzt; auch die Gruppen der „Focolarini“ nehmen Protestanten als Mitglieder auf. Konservativ und auf die traditionelle katholische Identität bedacht sind die Gemeinschaften der „Neokatechumenalen“ und der  „Charismatiker“, des „Opus Dei“ und der „Legionäre Christi“. Sie haben jeweils mehr als 50.000 Mitglieder.  KÜRZUNG ANFANG: Viele von ihnen leben in eigenen Häusern zusammen, also wie in einem Kloster; die meisten aber wohnen „inmitten der Welt“, wie sie gern sagen. Bei den Gruppentreffen mindestens einmal in der Woche pflegen sie die Verbundenheit untereinander. KÜRZUNG ENDE.<br />
Zur Theologie dieser so unterschiedlichen Kreise meint Professor Ebertz:  </p>
<p>6. O TON, Michael Ebertz,  0 26“.<br />
Sie unterwerfen sich dem hierarchischen Anspruch der Bischofs &#8211; und der Papstkirche. Sie setzen ganz auf die religiöse Karte und interpretieren das Evangelium und die christliche Tradition in einem sehr entschiedenen Sinne. Man könnte auch sagen, sie sprechen damit die religiösen Virtuosen unter den Katholikinnen und Katholiken an. Also alle, die etwas mehr wollen als das Übliche, was in den Pfarrgemeinden abläuft. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Darum bietet ihnen die Messe am Sonntag noch nicht „ausreichend geistliche Nahrung“, wie sie sagen, und die üblichen Bibelkreise am Abend erscheinen ihnen zu oberflächlich. Sie wollen ihren Glauben in eigenen Veranstaltungen intensiv pflegen. Und dabei entstehen dann Konflikte: </p>
<p>1. O TON, Pater Gerhard Pöter, 0 08“<br />
Die Charismatiker in der Gemeinde, die machten, was sie wollten. Also in der Gemeinde hatte ich überhaupt nichts zu melden. Die haben das Ganze dirigiert. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Pater Gerhard Pöter aus dem Dominikaner Orden berichtet über seine Erfahrungen mit katholischen Charismatikern. Sie glauben, besondere Gnadengaben des Heiligen Geistes empfangen zu haben. In der Gemeinde, die Pater Gerhard Pöter leitet, fühlten sie sich darum als die „besseren Christen“. </p>
<p>2. O TON, Pater G. Pöter, Fortsetzung von 1.OTON,   0 20“<br />
Wenn die ein Studium machten, natürlich nicht mit mir oder mit einem anderen von unserem Orden, ein Studium mit irgendeinem Führer der charismatischen Bewegung, die also ganz oben gesteuert werden, dann kamen diese Leute in die Gemeinde, die grüßten noch nicht einmal den Priester. Nein! Die machten das völlig parallel. Wenn der Priester nicht charismatisch ist, dann machen die eben ihre Sache alleine. HIER RAUSGEHEN </p>
<p>1. SPR.:<br />
Pater Pöter arbeitet seit 30 Jahren als Pfarrer im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Er hat dort erlebt, wie sich in dieser Zeit das Profil der katholischen Kirche grundlegend veränderte. Anstelle der sozial &#8211; kritischen „Basisgemeinden“ wollen sich nun konservativ geprägte Laien und die mit ihnen verbundenen Priester für die klassischen Glaubenslehren einsetzen. Sie sprechen von „totaler Übereignung an Gott und die Kirche“.<br />
So denken auch die Gruppen des Neo – Katechumenats; sie möchten unbedingt  allen Katholiken noch einmal „neu“ die gesamte Kirchenlehre ausführlich erklären. Der katholische Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover hat die Neokatechumenalen persönlich kennen gelernt: </p>
<p>3. O TON, Pfr. Hans Jochim Osseforth, 0 15”.<br />
Man musste einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden, man wird fast gezwungen zu beichten. Das floss dann also doch sehr stark mit ein, dass Gott eigentlich weitgehend nur auf dem Weg des Neokatechumenates die Menschen in die Freiheit führt. Und dann merkte ich: Das ist einfach zu eng, das geht nicht. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Genauso wichtig wie die radikal gelebte Frömmigkeit ist die enge Bindung an den Gründer des Neokatechumenats, den Spanier „Kiko“ Argüello, betont Pfarrer Osseforth: </p>
<p>4. O TON, 0 20“.<br />
Erst reingehen bei:<br />
Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, der ideelle Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, das halte ich dann auch für eine Engführung. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Gegen diese „Engführung“ eines  autoritär geprägten Glaubens gab es schon häufig Widerspruch innerhalb der Kirche. Jetzt melden sich auch Katholiken in Japan Wort. In dem buddhistisch geprägten Land nähmen die neokatechumenalen Missionare keine Rücksicht auf die Eigenheiten der dortigen Kirche, heißt es. In der katholischen Zeitung „Katorikku Shimbun“ hat Leo Ikenaga, der Erzbischof von Osaka, kürzlich geschrieben: </p>
<p>2. SPR.:<br />
Wo diese geistliche Gemeinschaft der  neokatechumenalen Missionare aktiv ist, beobachten wir Verwirrung, Konflikte, Spaltung und Chaos in unserer japanischen Kirche. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Vier japanische Bischöfe reisten im Dezember vergangenen Jahres nach Rom. Sie wollten den Papst bitten, mit einem Machtwort die Aktivitäten der aufdringlich werbenden neokatechumenalen Missionare wenigstens für die nächsten fünf Jahre zu unterbinden. Benedikt XVI. hörte sich zwar die Klagen an. Aber ein Ende dieser Missionstätigkeit wollte er nicht verfügen. Schließlich kann er die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ nicht verprellen, betont Professor Ebertz: </p>
<p>20. O TON, 0 22“,<br />
Das sind sozusagen innerkirchliche Bio &#8211; oder Soziotope, die fruchtbar sind im Blick auf die Rekrutierung, die Gewinnung, von Priesternachwuchs. Und das sind natürlich der Kirche liebste Kinder, die nicht so kompromißlerisch sind, nicht so im Grunde eine Religion light, ein Katholischsein light, pflegen, sondern auch ein Bekenntnis ablegen und dazu stehen. Und Sünde Sünde nennen. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Darum ist es nicht erstaunlich, dass die neuen geistlichen Gemeinschaften auch die offizielle kirchliche Approbation erhalten haben. Aber gelegentlich müssen sie doch ermahnt werden, treu „zur Kirche zu stehen“. Benedikt XVI. erklärte Mitte Januar dieses Jahres im „Saal Paul VI.“: </p>
<p>5. O TON, Benedikt XVI. , auf Italienisch 0 47“.  (Zusammenfassend kürzer übersetzt).<br />
2. SPRECHER:<br />
Die Kirche hat im Neokatechumenalen Weg ein besonderes Geschenk des heiligen Geistes erkannt. Deswegen muss sich diese Gemeinschaft in großer Harmonie mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft befinden. So gesehen, muss sie sich auch in tiefer Gemeinschaft mit den Bischöfen und allen Mitgliedern der Ortskirchen befinden. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Benedikt XVI. will unbedingt diese „intensiv“ Frommen unter die Aufsicht der Hierarchie stellen. Schon als Leiter der römischen Glaubensbehörde hatte er sich dafür eingesetzt, abwegig erscheinende Lehren aus den Kreisen neuer geistlicher Gemeinschaften zu korrigieren:  </p>
<p>9. O TON  Ratzinger, 0 39“.  in Aigen.1991<br />
So sind wir verfahren bei einer Ordensgemeinschaft, die in Mallorca sich gebildet hatte unter dem Namen Identes. </p>
<p>1. SPR.:<br />
&#8230;berichtete Kardinal Ratzinger 1991 bei einem Vortrag im österreichischen Aigen – Schlägl: </p>
<p>(FORTSETZUNG des 9. O TONS)<br />
Der Gründer war ein etwas geistig verworrener und theologisch schwärmerisch und träumerischer Mann, so dass seine Gründung absolut unmöglich erschien und unakzeptabel auch mit Disziplin und Lehre der Kirche unvereinbare Elemente enthielt. Aber wir dann einen Weg gefunden haben, der dahin ging, dass der Gründer selbst den Großmut fand, sich ganz von seiner Gründung zu trennen, die dann neu konstruiert werden konnte. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Die neuen geistlichen Führer und Gründergestalten lassen sich von ihren Anhängern „Vater“ oder „Hirte“ nennen; sie verstehen sich als „Wegweiser zum wahren Glauben“. Der Züricher Philosoph Gonsalv Mainberger hat einen dieser „von Gott begnadeten Meister“, den Pater Marie – Dominique Philippe, etliche Monate unmittelbar an der Universität Fribourg erlebt.</p>
<p>8. O TON, Gonsalv Mainberger, 0 35“.<br />
Philippe habe ich erfahren in seiner Art Messe zu lesen, das war jedes Mal eine ekstatische oder pseudomystische Angelegenheit. Er zitterte und hat jedes Mal ein Gotteserlebnis konstruiert. Pathetisch! Ausdruck seiner inneren Ergriffenheit, mit der er dann auf die Menschen losging. Und dann merkte ich, er verlangt Unterwerfung. Das wollte ich nicht. Es wird Gefolgschaft abverlangt, und ich wollte das nicht.</p>
<p>1. SPR.:<br />
Unterwerfung und Gefolgschaft: Diese Stichworte kehren immer wieder, wenn man die Geschichte der von Pater Philippe gegründeten geistlichen Gemeinschaften studiert. Die Nonnen seines französischen Ordens, die  „Soeurs de la compassion“,  hielten junge Schwestern aus Rumänien und der Slowakei Monate lang wie Gefangene in ihren Klöstern. Alle persönlichen Gegenstände, selbst die Ausweise wurden ihnen abgenommen. Erst als die Gerichte einschritten, besserte sich die Lage. Auch der internationale Orden der „Brüder vom heiligen Johannes“ ist eine Gründung Pater Philippes. Die Brüder wurden wegen ihres autoritären und politisch äußerst rechtslastigen Verhaltens selbst dem konservativen Kardinal Lustiger suspekt; er hat diese Mönche aus Paris vertrieben. Die Nachrichten Agentur KIPA aus der Schweiz schrieb im Juni 2006: </p>
<p>2. SPR.:<br />
Papst Benedikt XVI hat die kirchlich umstrittene „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, eine Gründung Pater Philippes mit 500 Mitgliedern, zu mehr Sorgfalt bei der Aufnahme neuer Mitglieder ermahnt. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Die Kirchenführung hat heute kein ungebrochen positives Verhältnis mehr zu den sich machtvoll gebärdenden geistlichen Gemeinschaften. Offenbar haben Papst und Bischöfe aus früheren Fehlern gelernt. Der größte Irrtum war wohl die mehr als 50 Jahre dauernde Unterstützung für den mexikanischen Pater Marcial Maciel, den Gründer der Ordensgemeinschaft der „Legionäre Christi“ und der Laien – Gemeinschaft „Regnum Christi“. Maciel hatte schon als 20 Jähriger in Mexiko sein eigenes Kloster gegründet, in dem er als Oberhaupt mit 12 &#8211; bis 14 jährigen Knaben zusammen lebte. Als Leiter seiner Gemeinschaften in Rom verpflichtete er schon in den fünfziger Jahren seine Mitglieder zum Stillschweigen über alle internen Vorgänge. Und das mit gutem Grund: Pater Maciel neigte ständig zu sexuellen Übergriffen an Knaben und Seminaristen. Erst im Jahr 1997 fanden sieben mexikanische Opfer den Mut, von den Schandtaten Maciels öffentlich zu sprechen. Sie sind inzwischen Priester und Professoren;  sie zeigten Maciel bei Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger an. Aber die Beschwerde wurde in Rom völlig ignoriert. Über die Gründe äußert sich der in Mexiko lebende katholische Theologe Alfons Vietmeier: </p>
<p>14. O TON, Vietmeier, 0 36“.<br />
Das hing damit zusammen, dass das Angebot des Ordens war: Wir haben stramm Rom treue, gehorsame Priester, und aus einer rechtskatholischen Oberschicht, die politisch dann auch wiederum antikommunistisch und antisozialistisch war und ist. Und insofern gewisse Stimmungslagen eines aus Polen stammenden Papstes traf, der genau das suchte, in einer Welt, die laut offizieller Logik in Rom und einschließlich unseres jetzigen Papstes in den Wirren der Zeit unterzugehen droht. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Die „Legionäre Christi“ und die Laiengemeinschaft „Regnum Christi“ haben zusammen etwa 65.000 Mitglieder weltweit. Während der Vatikan die Vorwürfe ignorierte, berichteten in Spanien, den USA und vor allem in Mexiko alle großen Medien ausführlich über die Verbrechen Maciels. Der in Mexiko Stadt lehrende Historiker Professor Enrique Dussel kennt die Legionäre Christi sehr gut: </p>
<p>11.  O TON, Prof. Henrique Dussel. 0 26“.<br />
2.SPR..<br />
Ihr Gründer ist ein Päderast, er ist obendrein korrupt und bestechlich. Das stimmt absolut. Es gibt mehr als 10 Zeugnisse von Leuten aus den letzten 15 Jahren, die bestätigen, dass er korrupt ist. Aber Papst Johannes Paul II. wollte diese Frage nicht erörtern. Dabei handelt sich um die Korruption in der Kirche, das ist ein sehr, sehr großes Problem. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Und der ebenfalls in Mexiko – Stadt lebende kolumbianische Schriftsteller Fernando Vallejo betont:  </p>
<p>10. O TON, Fernando Vallejo. 0 21“.<br />
2.SPR.:<br />
Natürlich, die Legionäre Christi kenne ich sehr gut. Der Orden ist sicher eine der machtvollsten Organisationen der Katholische Kirche. Was ich zuallererst kritisiere ist die Verlogenheit seiner Kirche  und vor allem auch, dass der Papst keinen Prozess gegen Maciel führt. Ich würde Pater Maciel den Prozess machen vor allem wegen seiner Lügen und seiner Scheinheiligkeit. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Die Legionäre Christi haben über viele Jahrzehnte alle Vorwürfe gegen ihren geliebten „Vater“ pauschal zurückgewiesen. Pater Klaus Einsle von der Düsseldorfer Legionärs &#8211; Zentrale betonte noch im Jahr 2005:  </p>
<p>12. O Ton Einsle, 0 15“.<br />
Unser Ordensgründer hat nie wirklich Zeit damit verloren, sich zu verteidigen. Warum, weil er innerlich ein ganz reines Gewissen hat. Das war für uns eine große Lehre, dass man nicht so viel Zeit damit verbringen muss, sich zu rechtfertigen.</p>
<p>1.SPR.:<br />
So konnten sie verschwiegen mit ihrem pädophilen Ordensvater unter einem Dach leben; im Vatikan hatte er viele Freunde: </p>
<p>18. O TON, P. Einsle 0 22“.<br />
Schon seit 10 oder 12 Jahren gewährte uns der damalige Kardinal Ratzinger jeweils eine kleine Gesprächszeit mit ihm persönlich. Das war eine sehr, sehr  herzliche, verbundene  Atmosphäre. Er hat auch öfters unser Haus besucht, er kennt uns sehr gut. Und bin sicher, dass er uns auch sehr schätzt, dass da eine große Verbundenheit da ist.  </p>
<p>1. SPR.:<br />
Auch mit Papst Johannes Paul II. und prominenen Kardinälen war Pater Marcial Maciel eng befreundet. Die angesehene Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ aus den USA hat nachgewiesen, wie Maciel seine vatikanischen Freunde zu Weihnachten mit großzügigen Geldgeschenken bedachte. Besonders eng verbunden war der „geistliche Meister“ mit dem damaligen Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano.  Alfons Vietmaier aus Mexiko betont:  </p>
<p>17. O TON, Vietmeier, 0 24“.<br />
Es haben unzählige Bischöfe Flugscheine bezahlt bekommen, Stipendien für Priesterstudien bezahlt bekommen, die Synoden in Rom sind erheblich mitfinanziert worden von den Legionarios. Es gibt also dort eine Vernetzung, die ganz klar bis zu Papst Johannes Paul II geht, der ganz eindeutig das favorisiert hat. </p>
<p>Kürzungsmöglichkeit Anfang:<br />
1.SPR.:<br />
Wie konnten so viele Kirchenführer das wahre Gesicht Pater Maciels Jahrzehnte lang ignorieren? Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der vor einem Jahr die pädophilen Verbrechen im Berliner Canisius Kolleg offen benannt hat, meint: </p>
<p>19. O TON, Pater Klaus Mertes, 0 27“<br />
Es gibt einen Typ von Pädophilen, der andere Menschen verzaubern kann. Es ist ganz schwierig, sich diesem Zauber zu entziehen. Und in dem Moment, wo man in dem Beziehungszauber drin ist, wird auch das Hinüberreichen und Herüberreichen von Geld und Bestochenwerden schon gar nicht mehr als solches erlebt. Das ist sozusagen Teil des Beziehungszaubers, der von einem ausgeht.<br />
Kürzungsmöglichkeit Ende.  </p>
<p>1.SPR.:<br />
Pater Maciel hat bis zum Jahr 2004 zahlreiche Päpste, Bischöfe und Kardinäle „bezaubert“. Erst vor 7 Jahren trat er als Ordensoberer mit dem gar nicht so geistlichen Titel „Generaldirektor“ zurück. 2006 ist er in den USA im Alter von 86 Jahren gestorben.<br />
Seit einem Jahr ist die neue Führung der Legionäre Christi und des Regnum Christi entmachtet. Der Papst hat an die Spitze beider Gemeinschaften einen päpstlichen Delegaten gesetzt, den Kirchenrechtler Kardinal Velasio de Paolis. Er soll diese Gemeinschaften „reinigen“ , wie es heißt, also grundlegend reformieren. Neun Monate lang wurde die beiden geistlichen Gemeinschaften Pater Maciels in päpstlichem Auftrag untersucht, es wurde geprüft, wie weit  z.B. pädophile Tendenzen bei Mitgliedern des ganzen Ordens zu finden sind. Benedikt XVI. nannte zum Abschluss der Untersuchungen allerdings nur einen Hauptschuldigen. Er erklärte am 1. Mai 2010:  </p>
<p>2. SPR.:<br />
Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung</p>
<p>1. SPR.:<br />
Aber wegen dieser Straftaten kann Marcial Maciel nicht mehr gerichtlich belangt werden, bis zu seinem Tod hat der Vatikan ihn gedeckt und geschützt&#8230;Neben den zahlreichen pädophilen Verbrechen ist nun auch noch erwiesen: Der Pater ist auch Vater von mindestens 5 Kindern. Seine Freundinnen waren Angehörige der so genannten „obersten Oberschicht“ in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Sie beschenkten ihren Liebhaber überaus reichlich. Das Vermögen des Ordens wird heute auf 25 Milliarden US Dollar geschätzt. Der Theologe Alfons Vietmeier in Mexiko über diesen pädophilen Frauenheld, der selbst noch seine eigenen Söhne sexuell missbrauchte:  </p>
<p>13. O TON, Alfons Vietmeier, 0 27“.<br />
Eine solche deutlich als Heiliger herausgestellte Figur bricht zusammen, und damit bricht auch eine kirchliche Glaubwürdigkeit zusammen. Und das erschüttert die Grundfesten einer Kirche, die immer stramm auf Moral hin gearbeitet hat, die immer die Werte der Familie, der Enthaltsamkeit hoch gehalten hat, und das bricht wie ein Kartenhaus zusammen.</p>
<p>1.SPR.:<br />
In Deutschland reagieren die Legionäre Christi gelassen auf diese Enthüllungen, sie haben sich mit ein paar Worten die Untaten Maciels bedauert!  Der Orden hat bisher nur zwei deutsche  Niederlassungen:  In Düsseldorf ist die Zentrale, in Bad Münstereifel befindet sich das Noviziat und ein „Knabenseminar“, eine  „Apostolische Schule“ für 12 bis 14 jährige Jungs. Als Kardinal Joachim Meisner am 26. Oktober 2010 dieses Knabenseminar besuchte, erklärte er abschließend auch gegenüber den Legionären:</p>
<p>2. SPR.:<br />
Ich sage nicht: Werdet gut . Sondern BLEIBT gut. . </p>
<p>KÜRZUNGSMÖGL. ANFANG:<br />
1. SPR.:<br />
Die Laiengemeinschaft Regnum Christi hat prominente Mitglieder, berichtet einer ihrer Freunde, der Journalist Hubert Gindert:</p>
<p>20. O TON, Hubert Gindert, 0 19“,<br />
Fürst Löwenstein, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Lothringen, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch sehr eng verbunden mit Regnum Christi. Ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnismäßig stark repräsentiert ist<br />
KÜRZUNGSMÖGL. ENDE. </p>
<p>1. SPR.:<br />
Inzwischen wurden aus allen Häusern der Legionäre Christi die Fotos des „geliebten Vaters Maciel“ entfernt. Auch die Aufnahmen, die ihn zusammen mit seinem „lieben Förderer“  Papst Johannes Paul II. zeigen, mussten verschwinden. Maciels Bücher dürfen nicht mehr vertrieben werden. Ist das die große „Reinigung“ innerhalb einer Ordensgemeinschaft? Das Ziel hat der Papst schon vorgegeben: : Einzig der Ordensgründer soll schuldig gesprochen werden, alle anderen werden entlastet. Nur so kann die Kirche weiter auf eine finanziell starke wie missionarisch aktive Organisation setzen. Der Papst braucht die neuen geistlichen Gemeinschaften, meint Professor Ebertz: </p>
<p>16. O TON: Michael Ebertz, 0 46“.<br />
Wenn wir auf dieses Rechts – oder auch fundamentalistische Spektrum auch dieser Gemeinschaften schauen, dann ist es natürlich auch hier die Idee einer Religion totale. Also eines christlichen Staates, eines christlichen Gottesstaates. Die Idee einer Verchristlichung der Gesellschaft mit der Grundidee, dass für jeden Daseinsbereich, ob das nun die Familie ist, die Schule, die Wirtschaft ist, der Staat ist, dass christlich – katholische Vorzeichen entstehen. Das ist schon Stoßrichtung. Einige dieser fundamentalistischen Kreise der geistlichen Gemeinschaften, die sitzen z.T. auch an wichtigen Stellen in Kirche und Gesellschaft, die sind z.B. Massenmedien, die sind da präsent, und machen ihr Ding. Und die sitzen natürlich auch in Schaltstellen der Hierarchie unter Bischöfen oder sie sind in Rom, in der Kurie.</p>
<p>1. SPR.:<br />
Die neuen geistlichen Gemeinschaften werden nicht zu unrecht die immer einsatzbereiten „Stoßtrupps“ des Papstes genannt; sie sind personell und finanziell in der Lage, Priesterseminare zu bauen oder kirchliche Fernsehsender zu bezahlen. Sie organisieren zusammen mit konservativen Parteien Massenveranstaltungen, etwa in Madrid die Proteste gegen die „staatliche Liberalisierung der Sexualmoral“. Sie sind auch in Scharen dabei, wenn der Papst zu katholischen Weltjugendtagen einlädt. Professor Ebertz: </p>
<p>21. O TON, Michael Ebertz. 0 43“.<br />
Je stärker sich das Top – Management der katholischen Kirche mit diesen fundamentalistischen Gemeinschaften sich verbündet, um so stärker tendiert letztlich das Ergebnis eines solchen Managements in die Mitte und der reformorientierte Katholizismus hat das Nachsehen. Das ist eine Strategie, glaube ich, die langfristig dahinter steht. Von daher muss mal also überhaupt sagen, dass die römisch – katholische Kirche im Feld des Religiösen übrigens weltweit eher versucht, das Konservative Spektrum zu besetzen und sich gar nicht auf eine Konkurrenz mit dem linken oder liberalen religiösen Spektrum einlässt. </p>
<p>Copyright: Christian Modehn</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.</p>
<p>Eine Gruppe mit Sonderstatus, PUBLIK FORUM<br />
Die Neokatechumenalen<br />
Von  Christian Modehn</p>
<p>Seit fast 5 Jahren ist der &#8220;Neokatechumenale Weg&#8221;, eine äußerst umstrittene &#8220;geistliche Gemeinschaft&#8221;, offiziell päpstlich anerkannt: Nach zuverlässigen Schätzungen sind heute mehr als eine Million Katholiken mit dieser Gruppierung verbunden, vor allem Laien, die als Missionare von Tür zu Tür gehen und für ihre Glaubensunterweisungen werben. Sie unterstellen, die getauften Katholiken seien noch gar nicht richtig katholisch und auf neuen Katechismus Unterricht angewiesen, darum &#8220;das Neo&#8221;  in ihrem Titel. Immer wenn es päpstliche Massenkundgebungen gibt, sind diese Kreise dabei, mit ihren Fähnchen jubelnd und winkend, vor allem aber organisatorisch im Hintergrund. Sie kennen keine Mühe und haben genug Geld, 100.000 Getreue und mehr aus aller Welt z.B. nach Köln (zum Weltjugendtag) oder Rom (zu diversen Heiligsprechungen) oder Valencia (zum Welt &#8211; Familienkongress) zu transportieren. Am 29. Juni 2002 wurde der Eifer für die Kirche honoriert: Diese weltweit missionierende Gemeinschaft wurde offiziell approbiert, fand das Wohlgefallen durch den Päpstlichen Rat für die Laien . Die &#8220;Neos&#8221;, wie sie mit kritischem Unterton weltweit genannt werden, haben ihr Ziel erreicht: Sie gelten von nun an als authentisch römisch &#8211; katholisch. Damit ging der &#8220;inbrünstige Wunsch des Heiligen Vaters&#8221;, Johannes Paul II.,  in Erfüllung. Er liebte diese offensiv für den römischen Katechismus werbenden Katholiken &#8220;ganz inniglich&#8221;, wie es viele seiner Aussagen belegen.<br />
Diese und viele weitere Informationen zum &#8220;Neokatechumenalen Weg&#8221;, so der offizielle Titel, sind dem Theologen Bernhard Sven Anuth zu verdanken: Er hat in einer umfangreichen Studie auch den neuen Rechtscharakter dieser Gruppierung untersucht und dabei festgestellt: Für die offizielle päpstliche Anerkennung wurde eine neue, eine eigene kirchliche Rechtsform geschaffen, die sich umständlich &#8220;Itinerarium katholischer Ausbildung&#8221; nennt. Unter diesem Titel ist die neokatechumenale Gruppierung keiner bestehenden katholischen Gemeinschafts &#8211; und Rechtsform zugeordnet. Sie ist ein &#8220;Novum&#8221;. Und genau das wollten die Leiter, die sich in schlicht &#8220;Initiatoren&#8221; nennen, also der Maler Francisco &#8220;Kiko&#8221; Argüello und die Theologin Carmen Hernandez. Sie regieren seit der Gründung diese Gruppierung im Jahre 1962 unumschränkt. In dem neuen päpstlichen Statut gibt es für römische Verhältnisse ungewöhnliche Bestimmungen. Z.B.: &#8220;Eine Absetzung des Internationalen Teams des Neokatechumenalen Weges oder eines seiner Mitglieder durch den Päpstlichen Rat für die Laien ist im neuen päpstlichen Statut nicht vorgesehen&#8221; (B.S. Anuth). Das heißt: Die Leitung der eine Million umfassenden Bewegung kann unkontrolliert agieren. Papst Benedikt XVI. hat vor einem Jahr verfügt, dass diese Kreise auf ihre eigenen stundenlangen Messfeiern als Konkurrenz zu den Pfarrgemeinden verzichten sollen, dass sie sich überhaupt stärker in die Gemeinden einfügen: Prompt betonte der Verantwortliche der &#8220;Neos&#8221;  in den USA das Gegenteil: &#8220;Der Brief akzeptiert das Prinzip, dass wir besondere Feiern am Samstagabend abhalten&#8221;, so Giuseppe Gennarini. Dabei werden diese Kreise nicht müde zu betonen, Benedikt XVI. sei ein sehr guter Freund: Tatsächlich hatte er schon als Erzbischof von München die &#8220;Neos&#8221;  zugelassen. Und bei einem großen Treffen der neuen geistlichen Bewegungen zu Pfingsten 2006 waren diese Gruppen ausdrücklich beteiligt. So könnte man meinen, die sanfte Kritik Benedikt XVI. an allzu eigenmächtigem Verhalten der Neos diene vor allem der Beruhigung der weiten Kreise der Kritiker.<br />
In zahllosen Dokumenten, Publikationen und persönlichen Zeugnissen werden die Neos nicht nur kritisiert, sondern als Irrweg beschrieben: Von einer &#8220;Parallelkirche&#8221; sprechen die Kritiker und ehemaligen Mitglieder, weil die Neokatechumenalen die eigene Gruppe über alles stellen. Von sozialer Abstinenz ist die Rede, weil sich alles um die Lehren des römischen Katechismus, nicht aber auch um sozial-politisch wirksame Projekte dreht. Von Spaltung der Gemeinden wird berichtet, weil sich die neokatechumenalen Missionare gern als besserwisserische Elite aufführen. Sie wollen den getauften Katholiken einreden, sie würden nur über den tatsächlich 12 bis 15 Jahre dauernden Katechismus Kurs ihr Heil erlangen. Etliche Mitglieder, meist Ehepaare, werden bewusst unvorbetreitet und &#8220;arm&#8221; in völlig entlegene Regionen der Welt als Missionare entsandt: Italiener nach Kasachtan, Spanier nach Finnland usw.  Seminaristen aus diesen Kreisen werden über die 60 eigenen Priesterseminare weltweit willkürlich verteilt, bei dieser &#8220;Auswahl&#8221; gehe es zu, &#8220;wie auf dem Viehmarkt&#8221;, berichtet einer der es wissen muss, der Kölner Neo-Priester Ansgar Puff. ( Anuth, S. 195, Fußnote 799).<br />
Finanzielle Interessen der Leitungsebenen können selbst für einen seriösen Forscher nur erahnt werden, bei dem Thema werden keinerlei Auskünfte erteilt. Nur vereinzelt berichten Ehemalige: &#8220;Die meisten Mitglieder geben das Geld ihrer Gruppe gern und merken gar nicht, dass zum Bespiel der Gründer Kiko immer mit einem riesengroßen BMW durch die Gegend fährt&#8221;. Fraglos ist, dass z.B. nach der finanziellen Pleite des Erzbistums Berlin das Priesterseminar der Neokatechumenalen in der Hauptstadt von Spenden der Anhänger finanziert wird. Da muss ganz ordentlich &#8220;geopfert&#8221; werden&#8230;Zahlreiche Stiftungen finanzieren das Werk, genaue Informationen wurden B.S. Anuth verweigert, wie er mehrfach betont. Die Stiftungen gelten in Deutschland als gemeinnützig.  So können Spender Steuer sparen und der Staat meint, die Neos seien nützlich für die Allgemeinheit der Gesellschaft und des Staates.<br />
Auch die kostspieligen Treffen mit Bischöfen aus Europa im Wiener Hotel Interconti (1993) oder aus Amerika im New Yorker Sheraton (1997) wurden von Mitgliedern bezahlt, und sicher auch das äußerst aufwendig gestaltete neue Zentrum am See Genetareth. Ein pompöses Bauwerk, das u.a. auch dem Dialog mit den Juden dienen soll: Wobei die Neokatechumenalen ausdrücklich die ultra-orthodoxe Lubawitsch-Bewegung als Gesprächspartner rühmen, weil &#8220;sie messianische Juden sind&#8221;.<br />
Wird das Neokatechumenat kritisiert, werden die Überbringer der Botschaft normalerweise diffamiert. Eine Auseinandersetzung über die Neos findet in kirchlichen Kreisen, etwa in Katholischen Akademien, nicht statt. Weil diese Kreise viele junge Priester &#8220;liefern&#8221;, wird über alles &#8220;Neokatechumenale&#8221; offiziell geschwiegen. Selbst Gemeindemitglieder aus Pfarreien mit noekatechumenalen Priestern wagen nur anonym Auskunft zu erteilen. Die Neos verbreiten Angst.<br />
Sie haben gewagte Ansprüche, wollen etwa das säkulare Europa bekehren. In den Texten der Führer dieser Gruppierung wird die moderne Gesellschaft aber abgelehnt , wenn nicht verteufelt. Keine gute Ausgangsbasis für einen Dialog. In der weiten Ökumene haben bisher sehr wenige begriffen, wie die Gruppen der Neos das Angesicht der Katholischen Kirche insgesamt bereits verändert haben. </p>
<p>Copyright: Christian Modehn</p>
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		<title>Ein katholischer Bischof für Homoehe und Adoption: Bischof Jacques Gaillot, Paris</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Jun 2013 11:07:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Für die Homoehe und die Adoption
Stellungnahme des katholischen Bischofs Jacques Gaillot, Paris
Von Christian Modehn 
Der Religionsphilosophische Salon hat schon mehrfach auf  den französischen Bischof Jacques Gaillot hingewiesen, auch auf Buchpublikationen, wie den – relativ &#8211; neuen Titel: “Die Freiheit wird euch wahr machen“, Reimund Meier Verlag 2010. Diese Aufmerksamkeit für Bischof Jacques Gaillot geschieht [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Für die Homoehe und die Adoption<br />
Stellungnahme des katholischen Bischofs Jacques Gaillot, Paris<br />
Von Christian Modehn </p>
<p>Der Religionsphilosophische Salon hat schon mehrfach auf  den französischen Bischof Jacques Gaillot hingewiesen, auch auf Buchpublikationen, wie den – relativ &#8211; neuen Titel: “<a href="http://religionsphilosophischer-salon.de/1333_jacques-gaillo…den-nein-sagen_denken-und-glauben">Die Freiheit wird euch wahr machen</a>“, Reimund Meier Verlag 2010. Diese Aufmerksamkeit für Bischof Jacques Gaillot geschieht nicht nur aus theologischen Gründen, weil er als eine absolute Ausnahmegestalt unter katholischen Bischöfen ungeschützt und öffentlich (!) vernünftige und moderne Positionen vertritt. Vor allem auch, weil er im Rahmen unseres Interesses an Religionskritik deutlich macht, wie sich etwa die römische Kirche von der Last uralter, vernünftig nicht mehr nachvollziehbarer Lehren und Vorurteilen befreien könnte. Die Betonung liegt auf dem „Konditionalen“&#8230;<br />
Bischof Jacques Gaillot, geboren am 11. 9. 1935, war von 1982 bis 1995 Bischof von Evreux in der Normandie. Dann wurde er auf Druck (ultra-) konservativer Kreise in Politik und Kirche vom Papst abgesetzt; er wurde mit dem Titel des imaginären Wüstenbistums Partenia ausgestattet. Seit 1995  lebt Bischof Jacques Gaillot in einem Zimmer des Hauses der Ordensleute „Väter vom Heiligen Geist“, auch „Spiritaner“ genannt, in Paris, 5. Arrondissement.  Er ist immer noch aktiv, vor allem als Referent bei internationalen Konferenzen und als engagiertes Mitglied von Vereinen, die Obdachlose und Flüchtlinge („Les Sans-Papiers&#8221;) unterstützen.<br />
Wir haben auf unserer website mehrfach darauf hingewiesen, dass Bischof Gaillot öffentlich und angstfrei als katholischer Bischof für den Respekt gegenüber homosexuellen Menschen eintritt.  So hat er als Bischof von Evreux der damals viel gelesenen Schwulen Zeitung „gai pied“ im Jahr 1989 ein Interview gegeben und die völlige Gleichberechtigung der Schwulen und Lesben auch in der Kirche eingefordert. Neben vielen entsprechenden Äußerungen in seinen zahlreichen Büchern hat Bischof Gaillot auf seiner website www.partenia.org  auf die Dringlichkeit des Welttages gegen die Homophobie hingewiesen: Er schrieb am 17. Mai 2009: „In mehr als 80 Ländern (oft in solchen, wo der Islam die offizielle Religion ist) geht die Repression gegen Homosexuelle weiter. Auf Homosexualität steht die Todesstrafe in Saudi Arabien, im Iran, in Mauretanien, Nigeria…In dieser Beziehung ist auch die abendländische Geschichte nicht minder niederschmetternd. Homosexuelle wurden als Sünder betrachtet, als Kranke, als Verbrecher. Während der Inquisition mussten sie einen hohen Tribut zahlen. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurden Zehntausende von Homosexuellen deportiert. In der heutigen französischen Gesetzgebung bleibt vor allem noch die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Eltern und die Nichtzulassung der Ehe unter Personen desselben Geschlechtes bestehen.<br />
Der Kampf um Freiheit und Gleichheit wird noch lange dauern“.<br />
Inzwischen hat Bischof Gaillot erneut eindeutig Stellung bezogen in dem „Kampf um Freiheit und Gleichheit“: Am 18. April 2013, also in der Zeit, als es in ganz Frankreich Massen &#8211; Proteste und Randale gegen die gesetztliche Einführung der Homoehe gab und katholische Kreise an vorderster Front für die ausschließliche Ehe von Heterosexuellen kämpften, genau in diesen Tagen erklärte Bischof Jacques Gaillot: „Die französische Gesellschaft bereitet sich darauf vor, mit der Annahme des Gesetzes über die Ehe von Homosexuellen eine Schwelle zu überschreiten. Wenn das der Fall wird (inzwischen ist es der „Fall“, CM), wird es ein Ereignis sein, das eine große Rolle spielt in der Geschichte unseres Landes, es handelt sich um einen beträchtlichen demokratischen Fortschritt, und der ist vergleichbar mit der Abschaffung der Todesstrafe im vergangenen Jahrhundert. Die Anerkennung der Ehe zwischen Personen des gleichen Geschlechts sowie auch ihr Recht, eine Familie mit Kindern zu gründen, wird immer mehr in Frankreich wie anderswo eine Realität. Man wird erleben: Diese Ehe, sooft diffamiert, lässt niemand (also die Heterosexuellen, CM) sein Recht verlieren; diese Ehe ist in keiner Weise eine Bedrohung für die so genannten normalen Familien; sie ist auch kein Rückschritt für die Gesellschaft und noch viel weniger stellt diese Ehe das Ende der Kultur und Zivilisation dar“.<br />
Damit nimmt Bischof Gaillot Bezug auf die heftige verbale Unterstützung der oppositionellen, konservativen Kreise durch die katholischen Bischöfe Frankreichs. Gaillot ist wieder einmal der einzige katholische Bischof, der öffentlich den Mut hat, für die Sache der Vernunft und das ist die Sache des Respektes  einzutreten. Angesichts der heftigen, von offizieller katholischer Seite sicher indirekt mit befeuerten Auseinandersetzungen, die zu  Gewalttätigkeiten gegenüber Schwulen führten, erklärt Bischof Gaillot: „Aber man kann diese Entwicklung nicht mehr stoppen. Die Anerkennung der Homo – Ehe gehört fest zu einer mächtigen Bewegung der Moderne, die im Laufe der Jahre, die unantastbaren Rechte des Individuums und seiner Autonomie für wertvoll und wichtig erachtet. Das Individuum steht für uns im Mittelpunkt. Von daher auch die Bedeutung, die den Liebes &#8211; Beziehungen zwischen Individuen zuerkannt werden. Das Recht des Staates folgt endlich der Entwicklung unserer moralischen Vorstellungen. Die Liebe zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts ist ein fundamentales Menschenrecht!&#8230; Was die Adoption von Kindern angeht: Das neue Recht öffnet sicher einen Weg in die Zukunft. Denn die Adoption von Kindern ist eine freie Wahl, sie geschieht aus Liebe. Endlich kommen wir raus aus bloß biologischen Vorstellungen der Ehe&#8230; Wir alle sind von diesen positiven Entwicklungen betroffen. Besteht unsere Verantwortung (als Bischöfe) nicht darin, die Freiheit wieder zum  Leben zu erwecken? Dies ist die Freiheit zu lieben“.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.</p>
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		<title>Theologe im Widerspruch: Der Berliner Theologe Gregory Baum wird 90 Jahre</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Jun 2013 11:35:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Theologische Bücher]]></category>
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		<description><![CDATA[Der ökumenische Theologe Gregory Baum wird 90 Jahre 
Von Christian Modehn
Er ist einer der letzten noch lebenden Theologen, die das 2. Vatikanische Konzil mit geprägt haben und dort die Debatten und Entscheidungen beeinflussen konnten: Gregory Baum feiert am 20. Juni 2013 seinen 90. Geburtstag in Montréal, Kanada.
Für den Religionsphilosophischen Salon gibt es viele Gründe an [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der ökumenische Theologe Gregory Baum wird 90 Jahre </p>
<p>Von Christian Modehn</p>
<p>Er ist einer der letzten noch lebenden Theologen, die das 2. Vatikanische Konzil mit geprägt haben und dort die Debatten und Entscheidungen beeinflussen konnten: Gregory Baum feiert am <strong>20. Juni 2013 seinen 90. Geburtstag</strong> in Montréal, Kanada.<br />
Für den Religionsphilosophischen Salon gibt es viele Gründe an den vielseitig gebildeten Theologen und Soziologen zu erinnern. Seine Leistungen hinsichtlich der Verständigung zwischen katholischer Kirche und Judentum wurden früher schon auf dieser website dokumentiert, in der Form eines Interviews, das er dem Autor dieses Berichtes in Montréal gab, zur Lektüre klicken Sie <a href="http://religionsphilosophischer-salon.de/2848_das-2-vatikani…n-gregory-baum_denken-und-glauben">hier.</a><br />
Dabei wird schon deutlich: Gregory Baum ist stets ein Theologe und Soziologe, der für die Öffentlichkeit spricht, der die Sache der Religionen in verständlicher Weise darstellen kann. Man möchte ihn auch einen „journalistisch begabten Theologen“ nennen.<br />
Gregory Baum hat sich seit dem 2. Vatikanischen Konzil als kritische Stimme, wenn nicht gar als „Dissident“ verstanden. Das wird deutlich in seiner umfassenden Vortragstätigkeit (mit entsprechenden Publikationen) etwa zu den Rechten der Frauen in der katholischen Kirche oder zum Thema Respekt und Anerkennung für homosexuelle Katholiken.<br />
Nicht weniger interessant empfinden wir es – als Berliner -, dass Gregory Baum in Berlin am 20. Juni 1923 geboren wurde, am Schiffbauer Damm, wie er berichtete, als Kind einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters. Es gehört zur Kultur, auch der religiösen, in Berlin, auch an die großen Theologen zu erinnern, die hier ihre erste Heimat hatten&#8230;.Von den Nazis vertrieben, fand er zuerst Zuflucht in England, dann landete er 1940 in Kanada; dort konvertierte er zum Katholizismus und trat später in den Augustiner Orden ein. Später heiratete er &#8230;.Viele weitere biographische Details und eine Liste seiner zahlreichen Bücher kann man anderweitig lesen. Viele Jahre arbeitete er an der Mc Gill University in Montréal, als Religionssoziologe und Theologe. Er spielt in der Stadt und darüber hinaus in ganz Kanada immer noch eine inspirierende Rolle, etwa durch seine Mitarbeit an der Zeitschrift der Jesuiten dort mit dem Titel „Relations“.<br />
Er ist, wie er mir berichtete, auch mit der Gemeinde Saint Pierre Apotre in Montréal verbunden; dies ist eine der wenigen „offiziellen“ Pfarrgemeinden im Katholizismus, in der homosexuelle Menschen die absolute Mehrheit unter den Gottesdienstteilnehmern stellen; die Gemeinde befindet sich im so genannten „Schwulen Dorf“ von Montréal (Metro „Berry – UCAM“).<br />
Gregory Baum hat den Glauben immer als politische Dimension verstanden, immer bezogen auf die sozialen und politischen Umstände. Die befreiungstheologische Option für die Armen hat er sich zueigen gemacht. Um der Befreiung der Menschen, auch der Katholiken, aus autoritären Strukturen geht es ihm, deswegen kritisiert er den Vatikan, weil, so wörtlich, der keinen Respekt hat vor den evidenten Lebens &#8211; Erfahrungen der Menschen von heute, eine Ignoranz, die sich in der fixierten und finsteren Moral – Rigidität vor allem zeigt. „Rom lässt die Katholiken leiden“, hat er einmal geschrieben. Gregory Baum hat vielen Menschen – gerade in seiner Beharrlichkeit als Dissident – doch Inspiration und Lebensmut gegeben, das ist ja in unserer Sicht auch eine Tugend religiöser Menschen. Deswegen darf Gregory Baum auch in Berlin und darüberhinaus in Europa nicht vergessen werden.  </p>
<p>copyright: Christian Modehn Berlin</p>
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		<title>Der 17. Juni 1953: Albert Camus deutet den Tag in Berlin als Revolte</title>
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		<pubDate>Sun, 16 Jun 2013 18:03:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn
Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 60 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost &#8211; Berlin am 17. Juni 1953 und 100 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913). [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte<br />
Ein Hinweis von Christian Modehn</p>
<p>Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 60 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost &#8211; Berlin am 17. Juni 1953 und 100 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913). </p>
<p>Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der taktischen Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen, darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.<br />
Camus hat seit seiner &#8220;Übersiedlung&#8221; nach Paris 1944 die sich links nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris  „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an Ost – Europa, glaubten.<br />
Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:<br />
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die eher oberflächliche Meinung der Tageszeitung „Figaro“, die voller Beredsamkeit von einem revolutionären Volk in Berlin sprach wie gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung L Humanite, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.<br />
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch &#8211; die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus &#8220;einen Grand Meeting&#8221; im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der Chef, der &#8220;Präsident&#8221; der Veranstaltung, das Motto war &#8220;Les Ouvriers insurgés de Berlin-Est&#8221;, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT &#8211; FO) und CFTC (christliche Gewerkchaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der &#8220;Revolution prolétarienne&#8221;.<br />
In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. &#8220;Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen&#8221;, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).<br />
Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis für eher unbedarfte Camus &#8211; Leser, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als &#8220;ein konservativer Denker&#8221; gezeigt. Er behielt sich als &#8220;linker, aber unabhängiger&#8221; Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen&#8230;<br />
copyright: Christian Modehn, Berlin</p>
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		<title>Walter Jens &#8211; Für die Freiheit im Katholizismus</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Jun 2013 10:55:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Religionskritik]]></category>
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		<category><![CDATA[Jens in Die Zeit ´vom 13. juni 1980]]></category>
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		<category><![CDATA[Jens verteidigt Homosexuelle]]></category>
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		<category><![CDATA[Walter Jens als Momos]]></category>
		<category><![CDATA[Walter jens und Katholizismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Walter Jens – Für die journalistische Freiheit im Katholizismus
Erinnerungen an den Berliner Katholikentag 1980
Von Christian Modehn
Die Erinnerungen an die Beiträge von Walter Jens auch für ein Neuverständnis des christlichen Glaubens und für eine Reform der Kirchen – im Sinne der Aufklärung und der Vernunft ! – sind vielfältig. Sie bleiben anregend, etwa sein Wort über [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Walter Jens – Für die journalistische Freiheit im Katholizismus<br />
Erinnerungen an den Berliner Katholikentag 1980<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>Die Erinnerungen an die Beiträge von Walter Jens auch für ein Neuverständnis des christlichen Glaubens und für eine Reform der Kirchen – im Sinne der Aufklärung und der Vernunft ! – sind vielfältig. Sie bleiben anregend, etwa sein Wort über den Prediger, das der „Tagesspiegel“ am 11. Juni 2013 noch einmal zitiert. Walter Jens sagt: “Ein Prediger, der von Gott sprechen will, muss von der Welt reden, von der Lebenswirklichkeit und dem Hier und Heute des Menschen: Hat Jesus von Nazareth anders geredet?“</p>
<p>Wenn der Religionsphilosophische Salon auch an den Religionskritiker Walter Jens (geboren am 8. Mai 1923, gestorben am 9. Juni 2013) erinnert, dann denken wir vor allem an einen – innerhalb des umfangreichen Lebenswerks gesehen – doch eher bescheidenen Artikel; dieser Beitrag sorgte aber im Jahr 1980 im katholischen Milieu Deutschlands für viel Beachtung. Auch an diesem Beispiel wird die Kraft des engagierten Aufklärers deutlich: Der Artikel, den Walter Jens unter seinem (schon damals bekannten) Pseudonym „Momos“ am 13. Juni 1980 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte, ist also im Rückblick dann doch alles andere als marginal. </p>
<p>Zur Erinnerung: West – Berlin, in der ersten Juniwoche 1980: Der 86. Deutsche Katholikentag (vom 4. bis 8. Juni) ist ein außergewöhnliches Ereignis: Zum ersten Mal laden kritische Katholiken, vor allem junge Menschen von der Basis, zu einem „Katholikentag von unten“ ein.  Die Veranstaltungen dürfen nicht in den Räumen des offiziellen Katholikentages stattfinden, so wollen es die Bischöfe und das Zentralkomitee „der“ deutschen Katholiken. Die &#8220;Basis &#8211; Katholiken&#8221; finden Zuflucht bei einigen protestantischen Gemeinden. Für den Sender Freies Berlin (SFB) realisiere ich zusammen mit den beiden anderen Filmemachern Wolfgang Fietkau und Wolfgang Tumler einen Film von 30 Minuten Länge: er wird gleich am Sonntag, den 8. Juni, um 17.30 Uhr ausgestrahlt. In dem Film wird aus dem Blickwinkel von Teilnehmern einer Gemeinde (Eschborn bei Frankfurt a.M.) berichtet. Dabei wird selbstverständlich auch über den auch sonst von den Medien stark beachteten &#8220;Katholikentag von unten&#8221; berichtet. Vor allem dieser journalistische  Respekt in der ARD vor dieser neuen Initiative löst eine wahre Welle der Empörung im offiziellen deutschen Katholizismus aus. Heute würde man das bösartig – polemische Phänomen wohl „shitstorm“ nennen, unter dem besonders der verantwortliche Redakteur Johannes Huthmann zu leiden hatte. Bei ihm sammelten sich hunderte von üblen Beschimpfungen streng konservativer Katholiken. Dies war wohl auch eine Form der Zurückweisung der Pressefreiheit im Katholizismus, sie wurde offensichtlich angefeuert durch den für das Bistum Berlin verantwortlichen Bischof Joachim Meisner und seine Umgebung; Meisner war erst am 17. Mai 1980 offiziell als Bischof von Berlin eingeführt worden, ernannt von Papst Johannes Paul II, arbeitete er zuvor im DDR Bistum Erfurt. Er &#8220;residierte&#8221; nun in Ost- Berlin. </p>
<p>Diese etwas ausführliche Vorrede ist nötig, um die Bedeutung des Beitrags von Walter Jens in „Die Zeit“ vom 13. Juni 1980 richtig einschätzen zu können. Jens lobte ausdrücklich, dass die ARD (SFB) die Bilanz des Katholikentages nicht „von den Kardinälen und Funktionären des Zentralkomitees, den großen Meistern jener zugleich ein- und vieldeutigen Kommuniqués, sondern von Teilnehmern ohne großen Rang und glanzvolle Namen gezogen wurde. Eine Bilanz von unten, ein Bilanz im Zeichen der Religion Christi, nicht der christlichen Religion“. Dann weist Walter Jens auf einen  Zwiespalt im Katholikentag hin: „Wurde auf der einen Seite (im Film, CM) die Praktik der Oberen getadelt, sich nach außen hin offen zu geben, um nach innen rigoros abzuschotten- nur nicht zu viel Ökumene usw. – so sah sich auf der anderen Seite der gemachte, geplante professionell inszenierte Jugend Rummel attackiert&#8230;“. Walter Jens weist außerdem eindringlich darauf hin, wie vom offiziellen Katholikentag jegliches Gespräch mit Homosexuellen zurückgewiesen wurde, während es entsprechende Gespräche und Veranstaltungen auf dem &#8220;Katholikentag von unten&#8221; selbstverständlich gab; Dank der evangelischen Freiheit protestantischer Gemeinden.</p>
<p>Der Beitrag von Walter Jens in „Die Zeit“ hat die Herren der offiziellen Kirche zwar nicht zu einer Meinungsänderung bewegen können in Richtung Pressefreiheit. Aber Walter Jens hat mit seiem Beitrag auch mit dafür gesorgt, dass eine von den Kirchenoberen nicht allzu sehr kontrollierte journalistische Arbeit – etwa in der ARD &#8211; weiter gestärkt wurde und kritische Journalisten und Redakteure ihre Arbeit weiter machen konnten. Walter Jens hat vor allem den Christen an der Basis zweifellos Mut gemacht, den Weg „von unten“ weiterzugehen. Und es hat lange gedauert, bis zur Jahrtausendwende, als sich die offiziellen Katholikentagsveranstalter mit den Organisatoren des Katholikentags von unten zu einem friedlichen Nebeneinander und gelegentlichen Miteinander durchringen konnten. Heute haben sogar Homosexuelle einen offiziellen Platz auf dem offiziellen Katholikentag, „aber nur, wenn sie für ihre Lebensform keine Reklame machen“, wie mir der ZDK Pressesprecher Theodor Bolzenius im Interview im Jahr 2006 sagte.<br />
Der Versuch, vor allem durch das konservative Umfeld von Bischof Meisner (seit 1989 Erzbischof von Köln), die Pressefreiheit in der Kirche einzuschränken, hat sich nicht ausgezahlt, wenn man nur auf die Attraktivität der Katholikentage schaut. Gab es 1980 in Berlin ca. 75.000 Dauerteilnehmer, so waren es im Jahr 2000 nur noch 40. 000, im Jahr 2006 nur noch ca. 23. 000. (Quelle: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Katholikentage_1968_2008.pdf, gelesen am 11. Juni 2013, 12. 15 Uhr). Was kann daraus geschlossen werden: Ohne umfassende Meinungsfreiheit, ohne gelebte Pluralität, ohne den Mut, dogmatische Fixierungen zu überschreiten, haben Katholikentage wohl keine große Zukunft mehr. Sie werden zu marginalen Ereignissen in der Provinz. </p>
<p>Man muss sich im Rahmen unseres Forschungsprojekts „Philosophische Religionskritik“ an solche Ereignisse erinnern, vor allem an solche Menschen von den Dimensionen eines Lessing, also an Walter Jens, um den Wandel des Religionen und Konfessionen in den letzten 30 Jahren in Deutschland tiefer verstehen zu können und um einige der vielfältigen Ursachen zu begreifen, die zur (Selbst-) Marginalisierung des Katholizismus führen. </p>
<p>Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
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		<title>Einsamkeit &#8211; Chance und Last</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Jun 2013 07:04:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
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		<description><![CDATA[Unsere Einsamkeit – Last und Chance
Einige Hinweise aus dem Religionsphilosophischen Salon:
Sitzung am 31. Mai 2013 in der Galerie Fantom
Von Christian Modehn
Wir hatten im April &#8211; Salon mit Peter Bieri über das Thema seines Buches „Wie wollen wir leben?“ gesprochen.  Darin plädiert er für eine Kultur der Stille; dazu gehört aber auch der Rückzug in [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Unsere Einsamkeit – Last und Chance<br />
Einige Hinweise aus dem Religionsphilosophischen Salon:<br />
Sitzung am 31. Mai 2013 in der Galerie Fantom<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>Wir hatten im April &#8211; Salon mit Peter Bieri über das Thema seines Buches „Wie wollen wir leben?“ gesprochen.  Darin plädiert er für eine Kultur der Stille; dazu gehört aber auch der Rückzug in die Einsamkeit. Ich kann nicht in der Stille sein, wenn um mich herum nur hektisches Getöse ist. Da kann ich zwar alleine sein, aber nicht einsam.<br />
Dies ist schon ein Hinweis auf die inhaltliche Verschiedenheit von Alleinsein und Einsamkeit. Wobei es in der Alltagssprache durchaus vorkommt, dass einsam und allein austauschbar verwendet werden. Wer als Single sagt „Ich bin einsam“ weckt eher Gefühle des Bedauerns. Wer sagt „Ich bin allein“ beschreibt eher einen neutral erlebten Zustand.<br />
Andererseits sagen wir und hören wir oft: „Wir sind allein“. „Wir haben niemanden“. „Wir sind auf uns allein gestellt“. „Ich bin allein und fühle mich verlassen“.<br />
Ich kann mitten unter vielen anderen allein sein, im Sinne von: Sich verloren fühlen, ausgegrenzt sein, abgeschoben sein, ignoriert sein inmitten vieler anderer, die mich übersehen, die sich nicht um mich kümmern, selbst wenn ich in Not bin. In solchen Situationen des reinen auf sich selbst Gestelltseins sprechen wir von „Alleinsein“, auch im Sinne von Hilflos sein oder gar Hoffnungslossein.<br />
Wir sind allein, wenn sich soziale Bindungen auflösen, weil es die tragende und manchmal auch bergende Großfamilie nicht gibt. Sozialbeziehungen lösen sich auf, Kirchengemeinden spielen für die allermeisten keine relevante Rolle mehr, ebenso wenig Gemeinschaften, die in Parteien erlebet werden;  Stammkneipen verschwinden. Sportvereine helfen noch, das Alleinsein zu überwinden und die lange Freizeit wenigstens körperlich zu gestalten. </p>
<p>Unserer Meinung nach ist Alleinsein nicht identisch mit Einsamsein. Der sprachliche Unterschied kommt auch in anderen europäischen Sprachen vor. Zur Einsamkeit gehört der bewusste Wille sich zurückzuziehen. „Ich gehe in die Einsamkeit“. Zur Einsamkeit gehört als äußere Voraussetzung oft Stille und eine gewisse Ferne von Hektik.<br />
Ich gehe in die Einsamkeit, um in mich zu schauen. Einsamkeit hat den Anspruch, das eigene Leben gerade im Rückzug zu vertiefen, heller, transparenter,  das Leben zu sehen, Achtsamkeit zu üben: Welche Kraft steckt in mir, welche Aufgaben kann ich in dieser Welt haben? </p>
<p>Dazu muss ich mich entschließen, zur Einsamkeit gehört im Unterschied zum Alleinsein ein bewusster Wille. Der Schriftsteller und Aphoristiker Alfred Polgar (1873 – 1955) notierte: &#8220;Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit.&#8221; </p>
<p>In der Einsamkeit entdecke ich, dass ich nicht ad hoc fähig bin, die Einsamkeit als „innere Erfahrung meiner Tiefe“ zu gestalten. Ich erlebe dabei, dass ich zur Einsamkeit fähig werden muss. Ich muss Einsamkeit als ein Schauen auf mich ertragen können und ertragen wollen.  Wir brauchen in den Städten leere Orte, wo wir Einsamkeit üben können. Vielleicht sollte man bald eine der vielen leer stehenden Kirche als „heilige Räume der Einsamkeit“ gestalten und für alle offen halten&#8230; </p>
<p>In der Einsamkeit geht es nicht nur um einen Ortswechsel, sondern auch um einen „Zeitwechsel“: Nicht mehr sorgenvoll auf die Zukunft schauen, sich nicht mehr von der Last der (eigenen) Vergangenheit erdrücken lassen. Sondern einmal ganz präsent sein: „Jetzt bin ich der, die hier ist. Ich will gegenwärtig sein, die lange Weile der Gegenwart erleben“.  </p>
<p>Zur Vertiefung weisen wir nur auf einige Philosophen hin: </p>
<p><strong>Meister Eckart </strong>(1260 – 1328): Einsamkeit ist auch eine Voraussetzung für die unio mystica, für die Einheit mit Gott. Darin ist der Begriff der Abgeschiedenheit entscheidend: Das heißt das Sich lösen von Vorstellungen, von Vorurteilen über Gott und das eigene Selbst.<br />
Der Geist ist für Eckart immer der göttliche Geist. Einsamkeit ist die Verbundenheit mit dem göttlichen Geist  in der Abgeschiedenheit: Sie schafft Raum für das Leben des Geistes, schafft Raum für das Leben Gottes in mir. Abgeschiedenheit ist Leerwerden, Vernichtung des „Eigenen“. Wir lösen uns vom „Haben“.<br />
Gelassenheit ist die Konsequenz der Abgeschiedenheit. Einsiedler, also allein lebende Mönche, sind für Meister Eckart zu nichts nütze, man solle, so Eckart, immer beim Tun und Handeln bleiben, etwa beim Herdfeuer oder der Fürsorge für andere. Auch da geschieht die unio mystica, siehe etwa Meister Eckarts radikale Bevorzugung der Gestalt der tätigen Martha gegenüber der bloß passiv zuhörend – meditierenden Maria. </p>
<p><strong>Montaignes </strong>Werk, vor allem die Essais, sind ohne die persönliche Erfahrung der Einsamkeit in seinem Turm gar nicht denkbar. Im 1. Buch der Essais befindet sich das 39. Kapitel, das &#8220;Über die Einsamkeit&#8221; zum Titel hat.Darin finden sich die fast wie &#8220;philosophische Lebenshilfe&#8221; klingenden Worte:&#8221;Wir müssen uns ein Hinterstübchen zurückbehalten, ganz für uns, ganz ungestört, um aus dieser Abgeschiedenheit (!) unseren wichtigsten Zufluchtsort zu machen, unsere wahre Freistatt. Hier gilt es, den alltäglichen Umgang mit uns selbst zu pflegen&#8230;.indem wir mit uns Zwiesprache halten&#8230;.&#8221;</p>
<p><strong>Martin Heidegger</strong> kann als „Lehrer“ der Einsamkeit gelten; das beginnt schon in Sein und Zeit, § 40, zum Thema ANGST. Da zeigt Heidegger, wie dem Menschen sein eigenes Dasein und die Bezogenheit auf die Welt insgesamt entgleitet, das nennt Heidegger Angst. Darin wird der Mensch, das „Dasein“, vereinzelt, er wird auf sich zurückgeworfen, Bindungen zerbrechen. Der Mensch entdeckt: Jetzt bin nur ich allein gemeint, es kommt auf mich alleine an, ich bin jetzt frei, mich selbst zu wählen. Auf dem Hintergrund der Unheimlichkeit der Welt , dem Zusammenbruch der alltäglichen Vertrautheit mit der Welt, gibt es also die Chance, inmitten der Angst das eigene Leben, mein nur mir zugewiesenes Dasein, zu ergreifen und zu gestalten. D. h. ohne die Einsamkeit (der Angst) keine seelische Reifung und Entwicklung. Zentral ist dann die Erkenntnis: Mir kann mein eigenes Dasein niemand abnehmen. Ich muss es selbst leben. </p>
<p><strong>Jean Jacques Rousseau </strong>muss hier genannt werden, vor allem sein Buch „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, das erst posthum erschien. Entstanden ist es zwischen 1776 und 1778.  Rousseau spricht darin nur noch zu sich selbst, er beschreibt von Innen her das ungestörte Sich – Erleben, das Distanziertsein von den Geschäften der Welt, die Freiheit als Unabhängigkeit von anderen.<br />
Es war der mehrfache Aufenthalt auf der Sankt Petersinsel im Bielersee in der Schweiz, der ihn zu den hier niedergeschriebenen Impressionen, Weisheiten, Bekenntnissen, führt.<br />
Im Rückzug, nur von wenigen lieben Menschen umgeben auf der Insel, erlebt Rousseau die philosophische Gelassenheit; er setzt sich ab von den rational – einseitigen „Philosophes“, den Aufklärern im Umfeld von Diderot, er setzt sich aber auch ab von den dogmatisch geprägten kirchlichen Glaubensformen. </p>
<p>Auch Friedrich Nietzsche ist ein großer Philosoph der radikal erlebten Einsamkeit: In der Einsamkeit entwickelt er eine unglaubliche Produktivität.<br />
In Sils Maria, Engadin, hat Nietzsche 7 mal den Sommer erlebt, von 1881 bis 1889; hier schrieb er auch den 2. Teil seines wohl anspruchsvollsten und alles umstürzenden Buches „Also sprach  Zarathustra“. Hier formuliert er seine Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen. </p>
<p>Wie kann Einsamkeit für uns zu einem kreativen „Ort“ werden? Sind wir überhaupt noch einsamkeitsfähig? Oder haben wir uns längst an das – eher flache und traurige – Alleinsein gewöhnt? </p>
<p>Copyright: CHRISTIAN MODEHN. Religionsphilosophischer Salon. </p>
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		<title>Liberale Theologie &#8211; Theologische Sommerschule am 20. Juli 2013</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Jun 2013 16:59:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[20. Juli 2013 Kurs in theologie]]></category>
		<category><![CDATA[liberale Theologie Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Modehn theologische Sommerschule]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie in Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Theologische Kurse in berlin im Sommer]]></category>
		<category><![CDATA[Theologische Sommerschule in Berlin]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Samstag, den 20.Juli, starten wir die Erste Theologische Sommerschule mit dem Berliner Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität. Genauere inhaltliche Informationen folgen. Es geht um die Diskussion einiger grundlegender Themen der liberal – theologischen Orientierung. Wir beginnen und 14 Uhr, Ende gegen 18 Uhr in der Galerie FANTOM, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Als Beitrag [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Am Samstag, den 20.Juli, starten wir die Erste Theologische Sommerschule mit dem Berliner Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität. Genauere inhaltliche Informationen folgen. Es geht um die Diskussion einiger grundlegender Themen der liberal – theologischen Orientierung. Wir beginnen und 14 Uhr, Ende gegen 18 Uhr in der Galerie FANTOM, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Als Beitrag denken wir an 10 Euro.</p>
<p>Zum ersten Mal gibt es nun auch für “theologische Laien”, die es in der liberal – theologischen Tradition eigentlich nicht gibt, die Chance, sich näher vertraut zu machen mit einer Lebenshaltung bzw. Theologie, die die Moderne voll respektiert, die das eigene Denken, die eigene religiöse Erfahrung hochschätzt und Gemeinde als Form des “geselligen Miteinanders unterschiedlicher religiöser Menschen” (Schleiermacher) begreift.</p>
<p>Diese Veranstaltung geschieht in Zusammenarbeit dem Forum der freisinnig – liberalen Remonstranten Kirche,<br />
www.remonstranten-berlin.de</p>
<p>Wer sich ein Bild machen möchte über die Aktualität liberal – theologischen Denkens heute, den/die verweisen wir gern auf unsere website www.religionsphilosophischer-salon.de dort die Kategorie “Fundamental vernünftig”: Dabei handelt es sich um Interviews mit Wilhelm Gräb.</p>
<p>Eine Anmeldung ist Bedingung und erforderlich an: christian.modehn@berlin.de, dann werden weitere Infos zur Vorbereitung zugesandt</p>
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		<title>Langeweile &#8211; Eine Chance, sich selbst wahrzunehmen</title>
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		<pubDate>Thu, 30 May 2013 14:41:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
		<category><![CDATA[Forschungsprojekte]]></category>
		<category><![CDATA[die Zeit totschagen]]></category>
		<category><![CDATA[Heidegger und Langeweile]]></category>
		<category><![CDATA[Hopper und Langeweile]]></category>
		<category><![CDATA[Kazim Erdogan]]></category>
		<category><![CDATA[Kazim Erdogan und Langeweile]]></category>
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		<category><![CDATA[Langeweile als Chance]]></category>
		<category><![CDATA[Langeweile führt zum Selbst]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie der Langeweile]]></category>
		<category><![CDATA[Umgang mit meiner Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[wer die Zeit totschlägt:schlägt tot]]></category>

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		<description><![CDATA[Langeweile &#8211; Eine Chance, sich selbst wahrzunehmen
von Christian Modehn
Der folgende Beitrag wurde Mitte Mai 2013 in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM veröffentlicht. Für den &#8220;Religionsphilosophischen Salon Berlin&#8221; gehört dieser philosophische Essay  auch in unsere Kategorie &#8220;Forschungsprojekte&#8221;; es ist also ein Thema, das wir regelmäßig weiterentwickeln wollen&#8230;
Siehe am Ende dieses Beitrags einen Hinweis auf das [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Langeweile &#8211; Eine Chance, sich selbst wahrzunehmen<br />
von Christian Modehn</p>
<p>Der folgende Beitrag wurde Mitte Mai 2013 in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM veröffentlicht. Für den &#8220;Religionsphilosophischen Salon Berlin&#8221; gehört dieser philosophische Essay  auch in unsere Kategorie &#8220;Forschungsprojekte&#8221;; es ist also ein Thema, das wir regelmäßig weiterentwickeln wollen&#8230;<br />
Siehe am Ende dieses Beitrags einen Hinweis auf das künstlerische Werk von Edward Hopper. </p>
<p>Ich habe den Zug verpasst. Der nächste wird erst in zwei Stunden fahren. Die Bahnhofskneipe ist geschlossen, lohnt sich nicht mehr an der Strecke der »Regionalbahn«. Weit und breit kein Mensch. Die Sonne bringt die Wälder und Wiesen fast zum Glühen. Was kann ich bloß machen, wo ich meine Zeitung schon längst »ausgelesen« habe. Ich gehe auf dem Bahnsteig hin und her, betrachte immer wieder den Fahrplan, als könnte er plötzlich Änderungen verheißen. Dann beginne ich die Kiefern vor mir zu zählen, schaue auf die Gleise, blicke in die Ferne: Wann kommt endlich der Zug? Die Minuten dehnen sich, sie werden zur Qual: Was versäume ich bloß alles zu Hause? Ich fühle mich wie aus dem Leben geschleudert.</p>
<p>Als ich dann endlich im Zug sitze, habe ich schon nach einigen Minuten die beiden Stunden verdrängt; mich interessieren nur noch die nächsten Verabredungen, die Familie, die Arbeit. Das Erlebnis der Langeweile wird schnell aus dem Bewusstsein vertrieben. Denn eine leere Zeit ohne jegliche Aktivität sei nicht lebenswert, das haben wir verinnerlicht. So wird dann sofort die Routine des Alltags fortgesetzt. Die Frage wird nur selten gestellt: Kann Langeweile nicht vielleicht auch ein Segen für uns sein?</p>
<p>Aber wir gehorchen offenbar unerschütterlich den »Dogmen« der Moderne, die da heißen: »Es muss etwas geschehen!« Oder: »Du hast nur Bedeutung, wenn du Beschäftigungen hast.« Langeweile darf kaum besprochen werden, sie gilt in unserer Kultur nicht nur als peinlich, sondern von vornherein als schändlich.</p>
<p>Wenn sich mehrere Menschen, vor allem Männer, auch noch als Gruppe langweilen, kann es gefährlich werden. Kriminologen wissen: Gewalttätigkeiten, Überfälle, Einbrüche und Ähnliches entstehen auch aus dem Gefühl der Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit, mit der eigenen freien Zeit etwas Sinnvolles anfangen zu können. Davon ist der Psychologe und Sozialarbeiter Kazim Erdogan überzeugt. Er ist als »türkischstämmiger« Berliner seit etlichen Jahren bemüht, sinnvolle Freizeitaktivitäten besonders für Jugendliche und junge Männer im »Problembezirk« Berlin-Neukölln anzubieten: »Ich höre immer wieder von den jungen Leuten, wenn sie negativ auffallen und gewalttätig werden: Das hat mit meiner Langeweile zu tun. Sie hätten halt nicht gewusst, was sie am Samstag machen, und haben sich dann mit anderen auf der Straße getroffen. Und dann sind wir auf ›komische Ideen‹ gekommen, haben dies und jenes angestellt.«<br />
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<p>Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub</p>
<p>Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr</p>
<p>Kazim Erdogan bietet Alternativen: Er gründet Gruppen und Gesprächskreise, die sich bemühen, die eigenen Lebensfragen einmal in Ruhe zu besprechen, auch die Erfahrung der Langeweile. Wer mit einer leeren Zeit ohne »Action« und »Betrieb« nicht umgehen kann, fragt sich dann notgedrungen, wie man die freie Zeit totschlagen kann: Aber wer die eigene Lebenszeit totschlagen, auslöschen möchte, der verhält sich, wie die Sprache verrät, aggressiv zum Leben, zu seinem eigenen wie dem Leben der anderen.</p>
<p>Schon die Mönche im frühen Mittelalter wussten, dass Langeweile gefährlich werden kann: Wenn die Ordensbrüder ihre Arbeit in den Klostergärten getan hatten und die Zeit des Studiums beendet war, beteten sie zur Mittagszeit nicht ohne Grund den Psalm 91. Einen Vers sangen sie mit besonderer Inbrunst: »Des Herrn Wahrheit ist Schirm und Schild vor der Pest, die im Finstern schleicht und die am Mittag Verderben bringt.« Diese Pest »am Mittag« nannten Mönche den »Mittagsdämon«. Und den hielten sie für den großen Verführer, der den braven Mönchen einredet: »Gönn dir doch mal die Langeweile, sie ist doch nicht so schlimm, du musst nicht immer nur beten und arbeiten.« Aber nein! Das passte wenig in die Klosterordnung, die auf ständige spirituelle Konzentration fixiert war. Zeigte sich Langeweile, musste der Mönch tätig werden. Abt Cassian hatte schon im fünften Jahrhundert eine Empfehlung parat: »In solcher Anfechtung von Langeweile durch den Mittagsdämon besucht der Mönch die anderen Klosterbrüder. Er besucht die Kranken in der Ferne; er legt sich religiöse Pflichten auf; er beschließt, Verwandte wieder zu sehen und die Menschen in der Umgebung zu begrüßen.«</p>
<p>Das weithin unbefragte Motto heißt: Langeweile gilt es zu verdrängen. Auch viele christliche Philosophen halten sich daran, etwa Blaise Pascal (1623-1662). Er hat in seinem noch heute viel zitierten Hauptwerk, den fragmentarisch hinterlassenen »Pensées«, gelehrt: Nichts sei für den Menschen unerträglicher, als ohne Aufgaben zu leben. Dann stelle sich das Gefühl der Verlassenheit ein, Düsternis und Trauer machten sich breit. Es entstehe die Langeweile, und dies sei eine elende Situation, die nur in einem mutigen Sprung in den Glauben überwunden werden kann, meinte der fromme Pascal. Nur Gott befreie von der »furchtbaren« Langeweile. Gleichzeitig kritisiert Pascal aber alle, die nicht glauben wollen, sondern sich im Amüsement »zerstreuen« (Pensée Nr. 131).<br />
Auch die gläubigen Schriftsteller der Romantik verbreiten dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre tiefe Verachtung der Langeweile. Der Dichter Ludwig Tieck (1773-1853) schreibt in seinem Roman »William Lovell«: »Langeweile ist gewiss die Qual der Hölle. Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme: So wie ich dasitzen und im Zimmer die Nägel betrachten, auf- und niedergehen, aus dem Fenster sehen, um sich wieder hin zu setzen, um sich auf etwas zu besinnen … und man weiß nicht worauf: Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme. Der nach und nach die Zeit verzehrt, wo die Tage so lang und der Stunden so viele sind.«</p>
<p>Aber weder Abt Cassian noch Pascal oder Tieck kamen auf den Gedanken, die Erfahrung der Langeweile als solche erst einmal anzunehmen und in Ruhe anzuschauen. Und dann zu fragen: Könnte es nicht eine sinnvolle Aufgabe sein, dieses Lebensphänomen Langeweile auch einmal ohne Vorurteile gedanklich auszuhalten?</p>
<p>Mit Nachdruck weist die Psychotherapeutin Verena Kast (Zürich) heute darauf hin: »Wir können von der Langeweile ›profitieren‹, also Nutzen ziehen für unser weiteres Leben, wenn es uns gelingt, uns darauf zu konzentrieren und zu sagen: Ja, es spricht uns jetzt gar nichts mehr an, wir erleben die Langeweile. Wenn man das aushält, dann kann auch eine neue Idee auftauchen. Dann merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen wären, was uns von innen her wirklich ansprechen würde. Aber dazu braucht man eben einen Mut zur Langeweile, sie aushalten zu wollen. Und das wissen Menschen verhältnismäßig gut, die kreativ sind. Sie haben vorher etwas geschaffen, haben eine Idee ausgearbeitet. Und dann fällt ihnen zunächst mal nichts ein. Eine Leere entsteht, sie langweilen sich. Aber sie wissen aus Erfahrung: Wenn ich mich auf diese Langeweile konzentriere, sie aushalte, dann wird wieder etwas Neues entstehen.«<br />
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<p>Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub</p>
<p>Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr</p>
<p>Philosophen unterstützen diese Empfehlung. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) machte da einen Anfang, betont der Theologe Professor Michael Bongard: »Kierkegaard nennt Langeweile ausdrücklich eine Kunst, nämlich die Kunst, sich selbst zu langweilen! Und das ist schon wieder ein bewusster Akt. Die Langeweile ist dann eine Form des Menschseins, die für sich selbst wertvoll ist. Und wenn sie dann auch nur damit gefüllt wird, dass einem spontan Bilder, Ideen, Gedanken kommen, die man für nichts brauchen kann, die einfach aber auch ihre Qualität darin haben, dass sie für mich bereichernd sind.«</p>
<p>Im 20. Jahrhundert ist dann der Philosoph Martin Heidegger noch viel weiter gegangen. Er ist da ganz radikal: Ohne die ausgehaltene und dann auch reflektierte Langeweile kann es kein wahres menschliches Leben geben. Er hat die Langeweile von der so tief sitzenden negativen, unheilvollen Färbung befreit. Vor allem sein Buch »Die Grundbegriffe der Metaphysik« ist in dem Zusammenhang wichtig. In diesem Text wird deutlich, dass Philosophie durchaus helfen kann, das eigene Leben sinnvoller zu gestalten, wenn wir nur nicht die Langeweile verdrängen! Um den schwierigen Text allgemein zugänglich zu »übersetzen«, könnte man sagen, Heidegger legte den Menschen nahe: Nimm die Langeweile als eine wichtige Grundstimmung an. Dabei ist die Achtsamkeit auf die so genannte »tiefe Langeweile« entscheidend, wo du sozusagen tief erschüttert »den Boden unter den Füßen« verlierst. Die tiefe Langeweile findet ihren sprachlichen Ausdruck in der Alltagssprache, etwa in der Formel »Es ist einem langweilig geworden«. Wer so spricht, nimmt sich in der Langeweile gar nicht mehr als »Ich« oder als Person wahr. Der Mensch ist dann nur noch »einer«, also ein anonymes Wesen, dem es da langweilig wird. Der Mensch erlebt, wie die ganze bisherige vertraute Welt »einem entgleitet«, wie sich das bedrängende Gefühl der Sinnlosigkeit breitmacht. Aber gerade an dem Punkt gilt es, die Widerstandsreserven des Denkens zu aktivieren, meint Heidegger. Gerade im tiefsten Moment der Leere und Langeweile, so hat es der Philosoph selbst erlebt, kann der Mensch noch so viel Energie wecken, dass er diese tiefe Langeweile überwinden kann. Der Mensch muss nur in der tiefsten Not der Langeweile die »Wachheit« des Fühlens und Denkens weiter pflegen. »Höre auf das, was die Langeweile zu sagen hat«, heißt Heideggers Aufforderung. Langeweile ist dann nichts »Schlimmes«, im Gegenteil: Im Sinne Heideggers »spricht« die Langeweile, sie sagt, wieder in freier Übersetzung aus dem Buch »Die Grundlagen der Metaphysik«: »Du bist jetzt mit dem Grund deines Lebens, deines Daseins, konfrontiert. Du siehst, wie du in die stetig weiter laufende Zeit hineingestellt bist. Du kannst der Zeit nicht entkommen. Aber du bist ihr nicht hilflos ausgeliefert: Wenn du Langeweile erlebst, mach daraus eine lange Weile, also eine lange Gegenwart. Erfreue dich der Dinge um dich herum. Etwa auf dem Bahnhof: Zähle nicht die Bäume, sondern bedenke das Geschenk der Natur. So kannst du deine Lebenszeit selbst gestalten. Du merkst: Auch meine Zukunft kann ich mir formen, ich bin nicht der Sklave meines Terminkalenders. Du musst nicht ein Leben führen, das andere dir vorschreiben.<br />
ür Heidegger wird die akzeptierte und bedachte Langeweile zur Chance im Leben, wenn er betont: »Es geht um die äußerste Zumutung an den Menschen. Was ist das? Es ist dieses, dass dem Menschen das Dasein (sein eigenes Leben) als solches zugemutet wird, dass ihm aufgegeben ist – da zu sein.« Mit anderen Worten: In der eigentlich belastenden Langeweile wird mir augenblicklich klar, mir ist mein eigenes Leben übergeben, ich habe es selbst zu leben, nur ich sollte der Gestalter meines Lebens sein. Oder wie Heidegger sagt: »Ich habe mein Dasein auf meine Schultern zu werfen«, muss also mein eigenes Leben wie eine Gabe tragen und manchmal auch ertragen, aber immer bin ich es, der mein Leben selbst gestaltet.</p>
<p>Aber der immer weiter fragende Philosoph Heidegger bleibt auch da noch nicht stehen: Wenn ich mein Leben in der tiefsten Not der Langeweile ergreife, dann nehme ich auch den unergründlichen Grund meines Lebens wahr und sehe: Ich bin in diese Welt hineingesetzt, bin aber getragen und umfangen von einem gar nicht greifbaren Geheimnis allen Seins. Der Weg in eine philosophisch zu denkende Welt der Transzendenz eröffnet sich hier, dank einer neuen, radikal positiven Deutung der Langeweile.</p>
<p>copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon 2013</p>
<p>&#8230;&#8230;.<br />
Zu Edward Hopper: Viele Interpreten der Arbeiten des us &#8211; amerikanischen Künstlers Edward Hopper (1882 &#8211; 1967) weisen darauf hin, dass seine Gemälde zur us &#8211; amerikanischen Lebenswelt (und damit wohl auch der westeuropäischen des 20. Jahrhunderts) das herrschende Lebensgefühl kritisch bearbeiten. Langeweile ist dabei ein häufiges Thema der dargestellten Lebenswelt, etwa die Arbeit &#8220;Room in New York&#8221; von 1932. Es &#8220;liefert einen voyeuristischen Einblick durch ein Fenster. Im Zimmer sitzt ein Mann auf einem Polstersessel, über eine Zeitung gebeugt. Im rechten Bidrand schlägt eine Frau auf einem Klavier eine Taste an&#8230;Hopper hat offensichtlich Degas`Bild &#8220;Bouderie&#8221; zum Vorbild genommen, dieses aber umgedeutet. Niht Mißstimmung ist nunmehr der Tenor des Bildes, sondern Langeweile, =ennui=&#8221;, so Ivo Kranzfelder in &#8220;Edward Hopper&#8221;, Taschen Verlag 206, S. 129. Die beiden Personen, nebeneinander und ohne jegliche Verbundenheit, langweilen sich, weil sie ihren eigenen &#8220;ennui&#8221; nicht als solchen wahrnehmen, sich also ihrer Langeweile nicht bewußt stellen, sondern im Dämmerzustand des &#8220;Zeitvertreibens&#8221; nebeneinander hockend verharren. </p>
<p>&#8230;&#8230;  </p>
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		<title>Esoterische Unvernunft. Anläßlich eines neuen Buches von Bernd Kramer</title>
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		<pubDate>Tue, 28 May 2013 16:23:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenn die Vernunft nichts mehr gilt
Ein Hinweis auf ein Buch von Bernd Kramer
Von Christian Modehn 
Die spirituellen Angebote unter dem weiten Dach der Esoterik sind kaum noch zu überblicken: Wer von „Fremdenergien, etwa von astralen Wesen besetzt“ ist,findet genauso Hilfe wie jemand, der das Hula – Training sucht „nach alten  Prinzipien aus Hawaii“. Das [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Vernunft nichts mehr gilt<br />
Ein Hinweis auf ein Buch von Bernd Kramer<br />
Von Christian Modehn </p>
<p>Die spirituellen Angebote unter dem weiten Dach der Esoterik sind kaum noch zu überblicken: Wer von „Fremdenergien, etwa von astralen Wesen besetzt“ ist,findet genauso Hilfe wie jemand, der das Hula – Training sucht „nach alten  Prinzipien aus Hawaii“. Das „Kartenlegen mit Zukunftsdeutung“  wirkt da schon wie ein leicht angestaubter Klassiker. Die Esoterik – Szene boomt weltweit: 25 Milliarden Euro, so der Trendforscher Eike Wenzel, bezahlen viele tausend Menschen jährlich allein in Deutschland, um geheimes Wissen zu erlangen. Sie wollen in ihre eigene Zukunft schauen oder ihr vorgeburtliches Leben vor etlichen Jahrhunderten erkunden. Diese befremdlich wirkenden, von vielen irrational genannte Welt der Esoterik ist heute selbstverständlicher Teil des  Alltags, meint der Journalist Bernd Kramer. Die Welt ist offenbar so so öde, so hoffnungslos, dass man sich in abstruse Sonderwelten flüchtet. Um so dringender sei es, genauer hinzuschauen und sich in diese Welt zu begeben, um sozusagen den Blick von Innen zu gewinnen. Deswegen hat sich Bernd Kramer &#8220;under cover&#8221;, wie ein Spion, in die Welt der Aura -Vitalisierung und Hellseherei begeben. Seine Erfahrungen hat er jetzt unter dem Titel „Erleuchtung gefällig?“ publiziert. </p>
<p>Mit künstlichen Tannenzapfen, diesem preiswerten Weihnachtsschmuck, wolle er die Energie bündeln und weitervermitteln, so redete er seinen erstaunten Klienten ein, während er sie auch mit einem schlichten Kamm von negativen Kräften befreite. Bernd Kramer hat sich als Heiler in die bunte Welt der Esoterik –Helfer und Berater begeben: Bei einer so genannten Fachmesse bot er an seinem Stand die von ihm erfundene &#8220;Aura – Revitalisierung&#8221; an. Die Veranstalter hatten bei der Anmeldung gar nicht genau wissen wollen, was damit eigentlich gemeint sei, Gott sei Dank: Er selbst wußte es auch nicht. Die Klienten waren froh, neben all den Schamanen und Reinkarnationstherapeuten auch noch dieses Angebot im Programm zu haben. Und die Leute kamen tatsächlich, suchten Hilfe von Stress und seelischer Qual und erzählten einem fremden Mann ihr Leid. Als Teilnehmer einer Aura – Revitalisierung glaubten sie, sich selbst aufzuwerten und dadurch zur himmlischen Welt des Wunderbaren zu gehören. Es war so toll für sie, dass jemand sie ansprach und ernst nahm. Wie auf sich allein gestellt sind diese Menschen, die da einfach bei deiner „Esoterik – Messe&#8221; ernstgenommen werden und der Wirkkraft von umgewidmeten Tannenzapfen glauben.<br />
Bernd Kramer ist es gelungen, mit allerhand Tricks für ein paar Monate angesehenes Mitglied der Esoterik – Szene zu werden. Er hat sich sogar als hell sehender Telefonberater angeboten, über das Internet fanden die Hilfesuchenden ihren Meister. Sie hielten die sanften Worte Bernd Kramers, der nun als „Osiris“ auftrat, geradewegs &#8220;vortrefflich&#8221;, obwohl er nur standardisierte Floskeln von sich gab und letztlich immer nur mahnte, bei aller Sehnsucht nach himmlischen Antworten doch bitte Geduld zu bewahren. Mit diesen Worten schützen sich alle Esoterikberater vor ausbleibenden Erfolgen: Die Klienten sind schuld, wenn „es nicht klappt“. 19 Frauen, nur Frauen, keine Männer,  suchten bei Kramer während eines Monats Hilfe und Beratung. Sie wollten genau wissen, welche Prognosen die Himmlischen bereithalten hinsichtlich neuer Liebesbeziehungen oder der dringend gesuchten Arbeitsstelle.<br />
In seinem „Erleuchtung gefällig?“ beschreibt Bernd Kramer sein Erstaunen, wie schnell er ohne jegliche Kenntnis in der esoterischer Sonderwelt mit ihren eigenen Begriffen und Symbolen Fuß fassen konnte. Vor allem, wie tief verunsichert und hilflos seine Kundschaft war, die offenbar noch die mysteriösesten Sprüche wie Heilslehren und Alltags &#8211; Tipps aufnahm. So werden Abhängigkeiten zwischen Guru und Hilfesuchenden gestiftet, und diese bezahlen zum Schluss etliche tausend Euro bloß dafür, dass ihnen jemand zuhört und außerirdische, also in der Sicht der Klienten „richtige, geltende“ Tipps für den Alltag gibt. Diese Menschen, so Kramer,  kommen offenbar nicht auf den Gedanken, kompetente Hilfe etwa bei Sozialberatungen oder Psychotherapeuten zu suchen. Sie erwarten letztlich Wunder von einem diffusen Himmel aus Göttern, Elfen und Feen.<br />
Bernd Kramers Buch „Erleuchtung gefällig?“ könnte eine breite Diskussion auslösen, vor allem bei denen, die in den Geheimlehren der Esoterik tatsächlich Orientierung und Hilfe empfangen. Bei Menschen etwa, die sich nach ihrem Kirchenaustritt individuell ihre eigene Spiritualität zusammenbastelten.<br />
Der Autor will bewusst provozieren, wenn er, so wörtlich,  die esoterischen Lehren ausdrücklich unecht und lügnerisch nennt oder wenn er behauptet, Esoteriker würden seelischen Wunden wie  „mit Watte aus Eisenspänen“ heilen. Bernd Kramer schreibt: „Vor dieser esoterischen Welt graut mir“. Er hält sich hingegen an die viel besprochene Säkularisierung, also die grundlegende Verweltlichung des Bewusstseins. Wie der Philosoph Kant will er gültige wissenschaftliche Erkenntnisse nur für die irdische Wirklichkeit gelten lassen. Überirdisches, esoterisches Wissen kann es deswegen gar nicht geben.  Ausdrücklich betont er im Blick auf den „Esoterik – Wahn“: „Lieber glaube ich dann an gar nichts“.<br />
Die Kirchen können sich angesichts dieser journalistisch sozusagen „flott“ und philosophisch und religionswissenschaftlich durchaus noch &#8220;ausbaufähigen&#8221; Esoterik Kritik nicht voller Gewissheiten und Freude zurücklehnen. Sie müssen vielmehr erkennen: Auch ihre kirchlichen Lehren und viele christliche Riten und Gottesdienste sind esoterisch: Die Hostie als Leib Christi, der Wein als Blut Christi, die Hostie in der Monstranz, die Wunder, die in Lourdes und Fatima geschehen, die Heilkraft eines Pater Pio, der Papst als Nachfolger Christi usw&#8230; Das sind, bei Lichte und von außen (= eben exoterisch) besehen, tatsächlich nun einmal esoterische Lehren. Auch sie verstehen heute viele Menschen nicht mehr, siehe die Statistiken der Kirchenaustritte. Der Unterschied zu vielen heute expliziten esoterischen Praktiken, wie Wünschelruten, Rückführungen, Astrologie usw. ist vielleicht nur der, und dies zu sagen ist für viele sicher eine (heilsame) Provokation: Diese esoterischen Riten und esoterischen Glaubensformen haben sich nicht wie das Christentum als herrschende Mehrheitsreligion durchgesetzt.<br />
Es tut dem Christentum und den Kirchen gut, angesichts des Buches von Bernd Kramer die eigene, tief verwurzelte Esoterik anzuerkennen und, wenn möglich, zu erklären: Welche Rolle die Vernunft im Christentum spielt. Andererseits: Ist unser Alltagsleben nicht immer schon esoterisch geprägt, etwa in den Liebensbeziehungen und der Bewältigung des Alltags.Kommt es vielleicht nur auf das vernünftige, also Vernunft gesteuerte Maß der Esoterik an? </p>
<p>Literaturhinweis:<br />
Bernd Kramer, Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch. Christian Links Verlag Berlin, Mai 2013, 208 Seiten; 16,90 Euro. </p>
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		<title>Eine humanistische Religion: Die &#8220;Theophilanthropen&#8221; in Frankreich</title>
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		<pubDate>Mon, 27 May 2013 20:04:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine humanistische Religion: Die &#8220;Theophilanthropen&#8221; in Frankeich &#8211; Vorläufer liberalen Christentums?
Ein Hinweis auf ein Forschungsprojekt
Von Christian Modehn
Warum ist es interessant, heute an einen Kultus, eine Religion, zu erinnern, die, wie alle Religionen, von Menschen „geschaffen“ wurde, aber nur 5 Jahre in Frankreich offiziell als solche existierte, von 1796 bis 1801? Diese Religion, dieser Kultus, war [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Eine humanistische Religion: Die &#8220;Theophilanthropen&#8221; in Frankeich &#8211; Vorläufer liberalen Christentums?<br />
Ein Hinweis auf ein Forschungsprojekt<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>Warum ist es interessant, heute an einen Kultus, eine Religion, zu erinnern, die, wie alle Religionen, von Menschen „geschaffen“ wurde, aber nur 5 Jahre in Frankreich offiziell als solche existierte, von 1796 bis 1801? Diese Religion, dieser Kultus, war unter der direkten Zielsetzung verbreitet worden, am Ende der gewalttätigen Revolution für eine ethische Erneuerung unter der Bevölkerung zu sorgen. Es gab also einmal den Versuch, von unten, von der Basis aus, also von Nicht – Theologen und aufgeklärten Bürgern her, eine neue Religion zu stiften, die sich ausdrücklich als eine humanistische Religion verstand. Sie wollte „elementare Tugendlehre“ pflegen und verbreiten sowie den Respekt für die  Menschenrechte mit der Verehrung Gottes verbinden, „ohne Priester und Dogmen“, wie die Initiatoren ausdrücklich sagten. Die beiden Elemente, Gott und Mensch, im Namen der Theophilanthropie werden in der „Philia“, der Freundschaft, verbunden. Es geht um die elementare Freundschaft Gott wie den Menschen gegenüber. So kompliziert und künstlich der Name „Theophilanthropie“ auch klingen mag: Es sollte eine einfache, überschaubare, von der Lehre her nicht komplizierte Religion gestaltet werden, durchaus tauglich und hilfreich für den bürgerlichen Alltag, an den sich die Menschen nach den blutigen Wirren unter Robespierre wieder gewöhnen sollten. Darum wurde auch besonders die tägliche Gewissenserforschung empfohlen als zentrale Verpflichtung der Mitglieder. Das Bewusstsein, dass ohne Moral kein staatliches wie privates Leben gelingen kann, sollte gepflegt werden, in einer Zeit, die gerade den Terror und das maßlose Abschlachten von Verdächtigen und „Feinden“ erlebt hatte; dabei war ja nicht immer klar, wer heute Herrscher und morgen schon Feind sein werde. Diese ethische Erneuerung wurde offenbar nicht mehr der von der Mehrheit unterstützten katholischen Kirche zugetraut. Sie war ohnehin gespalten in republikanische Geistliche und „widerspenstige“ Feinde der Revolution; viele Kirchengebäude waren zerstört, viele Klöster vernichtet.<br />
Das Interesse an der theophilanthropischen Religion ist also heute von der Frage geleitet: Kann es gelingen, eine humanistische Religion zu „etablieren“ und als Orientierung zu empfehlen? Vielleicht kann diese Religion auch als bescheidene Vorläuferin gelten für ein liberales, humanistisches Christentum? Darüber müsste noch weiter geforscht werden. Michel Baron gibt einen Hinweis: Er bezeichnet in seinem Buch „Les Unitariens“ (L Haramattan, Paris 2004, Seite 70) die „Theophilanthropen als Liberale (Christen)“, diese Liberalität gehe soweit, schreibt er, dass sie damals auch Atheisten in ihren Reihen aufnahmen. Die Originalität dieser neuen Religion liegt auch in der absoluten Toleranz: Die Theophilanthropen verurteilen keine andere Religion noch attackieren sie eine Konfession. Sie betrachten alle Religionen als eine „Parzelle“ der Wahrheit“. </p>
<p>Zum historischen Hintergrund:</p>
<p>Es gab jedenfalls seit 1795 verschiedene Versuche, über neue religiöse Organisationen auch Alternativen zum Katholizismus (bzw. auch zu dem in Frankreich minoritären Protestantismus) aufzuzeigen. Félix Le Pelletier etwa schlägt einen neuen „sozialen Kult“ vor, durchaus verbunden mit dem Verehrung eines Höchsten Wesens, die Robespierre so wichtig war – als Kritik an dem „heidnischen Spektakel“ des Kultes der Göttin Vernunft. Daubermesnil schlägt andererseits einen „Kult der Anbeter“ vor: Die Frommen sollten sich schlicht und dankbar dem Schöpfer gegenüber verhalten. Im Département Yonne (Burgund) möchte Benoist – Lamothe einen Kult entwickeln, der die Basis verschiedener Religionen vereint, im Zentrum sollte die Anerkennung Gottes und die Pflege der bürgerlichen Tugenden (bei großer Hilfsbereitschaft für Notleidende) stehen. In der Stadt Sens nennt er diese neue Religion den „Kult französischer Christen“.<br />
Die hier genannten Versuche fanden eine gewisse Bündelung und dann auch überregionale Verbreitung in der Theophilanthropie: Sie geht vor allem auf Jean – Baptiste Chemin – Dupontès zurück und auf Valentin Haüy (der sich für den Unterricht von Blinden einsetzte). Chemin (geboren um 1760) hatte wohl einige Zeit Theologie studiert, bevor er sich zum Beruf des Buchhändlers entschloss. Während der Revolution stand er in Verbindung mit Abbé Fauchet, der später republikanischer Bischof in Calvados wurde und den Aufbau einer national – katholischen Kirche verteidigte. Chemin publizierte 1796 sein Buch, das „Manuel“, das den ersten wichtigen Impuls gab, die religiöse Gesellschaft der Theophilanthropen zu gründen.<br />
In dem Institut für die Blinden in Paris, geleitet von Valentin Haüy, fand denn auch der erste Gottesdienst im Januar 1797 statt. Besondere Unterstützung erfuhren die Theophilanthropen durch ein führendes Mitglied de Direktoriums, Louis Marie de La Révellière  &#8211; Lépeaux. Er hat diesen Kult gefördert,  um auf diese Weise auch die katholische Kirche zu bekämpfen; er wollte ihn sogar zur neuen Staatsreligion erheben. Aber seine Kollegen im Direktorium wollten mit einer neuen Staatsreligion nicht die Atheisten vor den Kopf stoßen&#8230;<br />
Ein zweites Handbuch, „Manuel“ der Theophilanthropie, hatte  noch mehr Erfolg in Paris und einigen Departements. Darin wurde für eine vernünftige Religion („sie ist dem Menschen innerlich und angeboren“), für eine vernünftige (deistische) Verehrung Gottes plädiert, immer in Verbindung mit der Ausbildung einer humanistischen Moral. Es gibt nur zwei Dogmen für die Theophilanthropen: Die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele. </p>
<p>Zur Praxis:</p>
<p>Der Kult wurde an den Feiertagen und freien Tagen (es waren ja die Sonntage  abgeschafft, jeder zehnte Tag galt als Feier Tag) meist in katholischen Kirchen gestaltet. Da musste man sich einigen: Der eine Teil des Gotteshauses diente der katholischen Liturgie, der andere der theophilanthropischen Versammlung.  Allein in Paris wurden 18 Kirchen sozusagen doppel – konfessionell genutzt, wie St. Roch, St. Merri usw. 1797 wurde berichtet, es gebe nur 12 Kantone im Département Seine ohne eine theophilanthopische Gesellschaft. Andere Départements, wie Yonne, hatten viele entsprechende Zentren. In der Stadt Sens soll es mehr Theophilanthropen als Katholiken gegeben haben. In vielen anderen Städten sind sie präsent: In Poitiers, Angers, Blois, Troyes, Dijon, Nimes usw.<br />
In den Gottesdiensten wird zuerst der „göttliche Vater der Natur“  angerufen, dann folgt ein Moment der Stille für die Gewissenserforschung, dann wird ein Vortrag geboten, auch schlichte Hymnen – moralischer Erbauung &#8211;  werden gesungen. Die Prediger, allesamt „Laien“, tragen einen blauen Anzug und einen Gürtel in der Farbe rosa.<br />
Die verantwortlichen Leiter der religiösen Versammlungen stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, es sind keineswegs nur Intellektuelle oder Schriftsteller, die sich da engagieren. Zu den Anhängern zählten ehemalige (jetzt verheiratete) Priester, aber auch radikale Religionskritiker sowie Bauern oder Handwerker. Die Gestaltung der Liturgien ist sehr schlicht. Nur einige Blumen schmücken den Raum, etwas Obst wird auf einen Tisch, einen „Altar“, gestellt als „Dank an den Schöpfer“;  es gibt in den Liturgien keine Bilder, keine Statuen usw. Francois Furet und Denis Richet schreiben in ihrer Studie „Die Französische Revolution“ (Fischer – Taschenbuch 1987, Seite 598): „Am Dekadi (also dem 10., dem freien Tag in der neuen Zeitstruktur CM) kann der katholische Pfarrer in der oft von Theophilanthropen beanspruchten Kirche nur noch die Frühmesse lesen, und er ist noch dazu verpflichtet, alle katholischen Embleme zu entfernen und zu verhüllen, bevor er den Priestern der Republik, also den Verantwortlichen der  Theophilanthropen,  das Feld räumt“.<br />
Die Theophilanthropen  bildeten keine Massenbewegung, aber es waren doch einige tausend Familien, die sich auf diesen Versuch einer neuen Frömmigkeit mit strengen ethischen Verpflichtungen einließen. Es wurden auch schlichte rituelle Handlungen anlässlich von Geburt, Eheschließung oder Bestattung angeboten. Dabei galt das Dogma: „Der Tod ist der Beginn der Unsterblichkeit“.<br />
Für die Zeremonien in den Kirchen wurden „moralisch erbauende“ Texte ausgewählt, wobei neben die Bibel gleichberechtigt Texte von Philosophen, etwa von Sokrates oder Cicero und Seneca gestellt wurden; sogar Verse aus dem Koran wurden verlesen. Historiker wie Francois Furet haben darauf hingewiesen, dass die Grundsätze der Theophilanthropen weithin den Grundsätzen der Freimaurer – Logen entsprachen. Allerdings hatte der Kult dieser neuen Religion nichts Esoterisch &#8211; Abgeschlossenes, Geheimnisvolles wie der interne Kult der Logen. Nur in der Überzeugung von dem deistisch gedachten Gott der Aufklärungsphilosophie kamen beide, Logen und Theophilanthropen, überein. </p>
<p>Aber, wie gesagt, eine Massenbewegung wurden die Theophilanthropen nicht– intellektuell waren sie zu anspruchsvoll und in ihren schlichten Riten nichts für barocke Gemüter. Viele Franzosen waren trotz der revolutionären Wirren eben doch, wenn auch eher diffus, katholisch geblieben und liebten weiterhin ihre Heiligen, die Prozessionen, die Mysterien der Messe mehr als die aufgeklärten moralischen Ansprachen der Theophilanthropen. „Die örtlichen Gewalttaten der von Sansculotten betriebenen Entchristianisierung haben die herkömmlichen Formen des Glaubenslebens nicht ausrotten können“ (so Furet/Richet, a.a.O., s 594.) Hinzukam, dass die Abschaffung des alten Kalenders mit dem Sonntag als dem freien Feiertag überaus künstlich und willkürlich wirkte und deswegen auf breite Ablehnung stieß. Die Verbindung der Theophilanthropie mit dem neuen Kalender war für diese Initiative alles andere als hilfreich. Es gab unter den führenden Mitgliedern des politisch entscheidenden „Direktoriums“ eine breite antiklerikale Tendenz, sie bediente sich für diese politischen Zwecke der Theophilanthropie. Hinzukam noch, dass der verfassungstreue Teil des Klerus, der sich also zur Republik offen bekannte, „den Augenblick gekommen sah, eine neue (demokratisch gestaltete französische) Kirche für die Dauer zu organisieren“ (Furet / Richet, a.a.O., S. 594). Besonders aktiv war hier Bischof Henri Grégoire, der schon als einfacher Pfarrer „unermüdlich sich um ein Miteinander von Revolution und Christentum bemüht hatte“ /Furet / Richet). Diese „mit der Republik“ versöhnten Priester und Bischöfe sahen in den Theophilanthropen eine Konkurrenz. Abbé Gregoire wandte sich noch im Jahr 1800 an die Diözesansynode in Bourges und wies dort darauf hin, dass die theophilanthropische Religion –in seiner Sicht &#8211; doch weit verbreitet sei, sogar in den Niederlanden oder Italien. Sie „bedrohe“ als „alternative Spiritualität“ durchaus den Katholizismus, also auch den mit der Republik versöhnten. </p>
<p>Das Ende</p>
<p>Letztlich hat sich dann – von Napoléon so gewollt – doch die alte, romtreue, undemokratische und antirepublikanische und selbstverständlich antirevolutionäre Kirche durchgesetzt&#8230; Schon im Jahr 1800 wandte sich Papst Pius VI. gegen den „neuen Kult“, vor allem verdammte er die Nutzung katholischer Kirchen, er nannte die Aktivitäten der Theophilanthropen eine schändliche Profanierung.<br />
Mit der neuen Religionspolitik unter Napoleon wurden die Theophilanthropen 1801 verboten, sie passten als „freie Association“ nicht mehr in eine politische Landschaft, die Pluralität der Religionen nur sehr begrenzt zulassen wollte. 1801 drangen Gegner der Theophilanthropen z.B. in die Kirche St. Gervais in Paris ein und verhinderten so weitere Feiern dieser Religion (so Michel Baron, a.a.O:, S 75).<br />
Mit dem Verbot dieser „vernünftigen Religion“ der Theophilanthropen ist dann auch eine Alternative verschwunden, eine aufs Wesentliche begrenzte und ethisch orientierte Religion gegenüber den konservativ – dogmatischen Strömungen zu etablieren. Es setzte sich mit aller Macht der konservative Katholizismus durch: Joseph de Maistre, der reaktionäre Vordenker, ist da eine Schlüsselfigur. Er meinte, das Religiöse im streng katholischen Sinne und das theokratische Element lassen sich aus den Nationalideen des französischen Volkes nicht beseitigen. Schon ab 1801wurden die katholischen „congrégations“ wieder &#8211; belebt, die sich nicht nur um caritative Hilfe, sondern vor allem um klassisch – katholische Belehrung und Mission bemühten. „Die Militanz der dann genesenden Kirche vergiftete die französische Nation“, bemerkt der Soziologe Wolf Lepenies in seinem umfangreichen Buch „Saint- Beuve“, „man musste devot sein, um einen Posten zu bekommen, und ein Kirchgänger, wenn man seine Stellung behalten wollte. Jeder Ehrgeizige musste sich im katholischen Gottesdienst sehen lassen&#8230;Die große Zeit der Heuchelei brach an“.(S. 325). Später wurden die Reformvorschläge des liberal – katholischen Priesters Félicité de Lamennais verfolgt und unterbunden; Lamennais hatte in seinem Buch  „Paroles d un croyant“ für den liberalen Katholizismus plädiert, das Buch wurde von Papst Gregor XVI. im Jahr 1834 verurteilt. 1854 verstarb Lamennais als exkommunizierter Priester, er wurde ohne jede religiöse Zeremonie in einem Massengrab auf dem Friedhof Père Lachaise schnell unter die Erde gebracht. So wurden liberale Katholiken behandelt und ausradiert.<br />
An diese hier nur angedeutete weitere Entwicklung der katholischen Kirche in Frankreich muss erinnert werden, will man überhaupt die Bedeutung der Theophilantropie, verstehen: Sie war der kurze Versuch, auf der Höhe der philosophischen Erkenntnisse eine elementare und damit durchaus immer entwicklungsfähige Form der Spiritualität zu praktizieren, von Menschen, die eben nicht der Heuchelei verpflichtet sein wollten, sondern versuchten, ihrem eigenen Gewissen zu folgen.<br />
Es gab Versuche, die Ideen der Theophilanthropie wieder aufleben zu lassen. Henri Carle etwa gründete 1829 die „Alliance religieuse universelle“, aber sie konnte sich nicht mehr durchsetzen. Dass einige Ideen der Theophilanthropen heute in den wenigen liberalen und freisinnigen christlichen Gemeinden fortleben, darauf weist Michel Baron in seinem schon genannten Buch „Les Unitariens“ hin. Sind sie sich dieser Vorläufer bewusst? </p>
<p>Literatur:<br />
Neben dem schon erwähnten Werk von Furet /Richet: </p>
<p>Wolf Lepenies, Sainte – Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne. DTV 2006. </p>
<p>Jean &#8211; Pierre Chantin hat sich in einer Studie von 2003 (http://rives.revues.org/410    auf die umfangreiche Arbeit von Albert Mathiez bezogen, dessen Buch „La Théophilanthropie et le culte décadaire“ 1904 bei Félix Alcan erschienen ist.</p>
<p>In dem umfangreichen Band „Dictionnaire critique de la Revolution Francaise“, hg. von Francois Furet und Mona Ozouf, (Paris 1988) gibt es eine umfassende Studie (von Mona Ozouf) über „religion revolutionnaire“, Seite 603 ff. </p>
<p>COPYRIGHT: Christian Modehnn</p>
<p>Für weitere historische Studien empfehlen wir die Originaltexte:</p>
<p>http://books.google.de/books?id=hdMaAAAAYAAJ&#038;printsec=frontcover&#038;hl=de&#038;source=gbs_ge_summary_r&#038;cad=0#v=onepage&#038;q&#038;f=false</p>
<p>http://books.google.de/books?id=E6sqitE9MrcC&#038;printsec=frontcover&#038;hl=de&#038;source=gbs_ge_summary_r&#038;cad=0#v=onepage&#038;q&#038;f=false</p>
<p>http://books.google.de/books?id=jOOCXhFCHvYC&#038;printsec=frontcover&#038;hl=de&#038;source=gbs_ge_summary_r&#038;cad=0#v=onepage&#038;q&#038;f=false</p>
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		</item>
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		<title>Welcher Geist regiert den Staat? Über die Laizität.</title>
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		<pubDate>Sun, 26 May 2013 12:11:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Religionskritik]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich laicité]]></category>
		<category><![CDATA[gottloser Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Laicität]]></category>
		<category><![CDATA[laicité]]></category>
		<category><![CDATA[Religionen im Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Trennung von Kirche und Staat]]></category>

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		<description><![CDATA[Welcher Geist regiert den Staat?
Die Laizität: Plädoyer für ein tolerantes Miteinander
Von Christian Modehn 
Etliche LeserInnen dieser website wollten noch einmal einen Text über die „Laizität“ nachlesen, der sich auf eine Radiosendung in NDR – Kultur am 12. 8. 2102 bezieht. Im Folgenden wird die ausführliche, ungekürzte Fassung zur Lektüre angeboten. 
Der Pressetext:
Politische Macht darf die [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Welcher Geist regiert den Staat?<br />
Die Laizität: Plädoyer für ein tolerantes Miteinander<br />
Von Christian Modehn </p>
<p>Etliche LeserInnen dieser website wollten noch einmal einen Text über die „Laizität“ nachlesen, der sich auf eine Radiosendung in NDR – Kultur am 12. 8. 2102 bezieht. Im Folgenden wird die ausführliche, ungekürzte Fassung zur Lektüre angeboten. </p>
<p>Der Pressetext:<br />
Politische Macht darf die Kirche nicht ausüben, „geistlich“ und „weltlich“ müssen im Staat getrennt sein. Diese Überzeugung prägt das europäische Denken seit der Französischen Revolution. „Laizität“, also religiöse Neutralität des Staates, bietet Raum für die freie Entfaltung unterschiedlicher Religionen. Aber wie sollen Staat und Gesellschaft reagieren, wenn Fundamentalisten religiöse Gebote als allgemeine Gesetze durchsetzen? Warum darf die Kirche widersprechen, wenn die Menschenwürde verletzt wird? Braucht der laizistische Staat eine eigene Philosophie oder eine überkonfessionelle „civil religion“, wenn er das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen garantieren soll? Der Bibelspruch „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt und Gott, was Gott gebührt“, muss immer wieder neu interpretiert werden.</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..</p>
<p>Haben die unterschiedlichen Staaten und Gesellschaften in Europa und Amerika ein gemeinsames Kennzeichen? Soziologen, Politologen und Religionswissenschaftler sind sich in diesem Falle einig: Es ist die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen auf dem Territorium eines Landes. Heute wohnen Buddhisten neben Muslimen, Atheisten arbeiten mit Christen als Kollegen freundschaftlich zusammen. Aber oft ist die religiöse und weltanschauliche Pluralität noch von einem Gegeneinander und nicht vom  Miteinander geprägt. Religiös und weltanschaulich gebundene Menschen haben Mühe anzuerkennen, dass ihre Gemeinschaft nur eine von vielen auf der politischen Bühne ist. </p>
<p>Besonderes Erstaunen weckte kürzlich die Äußerung des  populären Fernsehpredigers John Hagee in den USA. Er forderte die Atheisten unter seinen amerikanischen Mitbürgern auf, das Land zu verlassen. „Wir wollen euch nicht und werden euch nicht vermissen, sagte er zu den Menschen, die glauben, dass es keinen Gott gibt. </p>
<p>In weiten Teilen der Welt bleibt es nicht bei Polemik und verbalem Schlagabtausch. In Indien kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen. Im Norden Nigerias töten radikale muslimische Gruppen Mitglieder christlicher Gemeinden. Der Krieg in Syrien beruht auch auf tief sitzenden Feindbildern unter den verschiedenen muslimischen Traditionen. </p>
<p>Immer wenn sich einzelne Religionen absolut wichtig nehmen und ihre Wahrheit unbedingt für alle auch politisch durchsetzen wollen, fließt Blut: Diese Erkenntnis haben  Philosophen der Aufklärung vor 300 Jahren verbreitet.  Sie betonten schon damals: Nur in republikanischen Staatsformen, in Demokratien, gibt es den angemessenen Rahmen, die Auseinandersetzungen unter den Religionen und Konfessionen friedlich und für alle konstruktiv zu gestalten. Denn nur eine Staatsform, die grundsätzlich das Volk, und nicht einen Diktator,  zum Souverän hat, entwickelt ein hohes Ethos in der Gesetzgebung. Nur eine Demokratie will die  unantastbare Würde eines jeden Menschen auch politisch durchsetzen. </p>
<p>Zu den Grundrechten gehört auch die Religionsfreiheit: Jeder Bürger soll frei seinen Glauben auch öffentlich bekennen dürfen. Aber dieser Glaube darf wiederum nicht in Widerspruch stehen zu den Menschenrechten, die der Staat zu verteidigen hat. Die jüngsten Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Beschneidung von Jungen sind nur ein Beispiel dafür, dass in Demokratien immer darum gerungen werden muss,  ob ein Menschenrecht, etwa die körperliche Unversehrtheit, Vorrang hat vor der Religionsfreiheit, etwa der Gültigkeit  uralter religiöser Traditionen. Dieser Streit, so mühsam er ist, gehört zum Wesen der Demokratie. Sie duldet niemals den Stillstand und drängt auf Weiterentwicklung ihrer Gesetze. Nur so kann der Staat Rücksicht nehmen auf die ständigen Wandlungen unterschiedlicher Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Gegenüber der Beschneidungsdebatte gibt es noch viel tiefer greifende Probleme: </p>
<p>In Deutschland fordern einige Parteien, vor allem aber Organisationen von Lesben und Schwulen, die Anerkennung der homosexuellen Partnerschaft als einer gleichberechtigten Form von Ehe mit der Möglichkeit der Adoption von Kindern. Während andere Parteien vereint mit der Katholischen Kirche und evangelikalen Protestanten die Ehe ausschließlich zwischen Mann und Frau gelten lassen wollen. Bisher konnte sich diese Position auch in der Gesetzgebung durchsetzen. In Holland und Spanien fand die so genannte Homo &#8211;  Ehe hingegen die Mehrheit im Parlament, selbst im katholischen Argentinien ist das der Fall. Auch in Deutschland treten Gruppen aus der Zivilgesellschaft für die rechtlich begrenzte Freigabe der aktiven Sterbehilfe ein; während einzelne Verbände von Ärzten und auch Kirchenführer ausschließlich auf palliative Hilfe am Ende des Lebens setzen. Diese Überzeugungen bestimmen bisher die Gesetzgebung in Deutschland. In Holland und Belgien ist hingegen ein Gesetz zur aktiven Sterbehilfe nach langen Debatten im Parlament von der Mehrheit beschlossen worden. </p>
<p>Mit diesen Mehrheitsentscheidungen können sich viele religiös gebundene Menschen oft nicht abfinden. Im Vatikan lehren die päpstlichen Glaubensbehörden, Mehrheitsentscheidungen können nicht nur falsch, sondern ethisch auch verwerflich sein. Darin äußert sich ein tiefes Misstrauen des Vatikans gegenüber der liberalen Demokratie mit ihrer selbstverständlichen Überzeugung,  Mehrheitsentscheidungen zu respektieren. </p>
<p>Voller Begeisterung hat Papst Johannes Paul II. den Zusammenbruch kommunistischer Regime gewürdigt. Schließlich hatte er selbst die oppositionelle Bewegung Solidarnosc unterstützt. Aber gleichzeitig klagte der polnische Papst, so wörtlich, über die jetzt herein brechende Diktatur der liberalen Demokratien mit ihrem angeblichen Relativismus. Sie seien darum genauso gefährlich wie der Kommunismus. </p>
<p>Deswegen ermahnen Papst und Bischöfe auch heute immer wieder katholische Politiker, sich für die katholische Moral einzusetzen und gegen Gesetzesvorlagen zu stimmen, die etwa eine Liberalisierung der Abtreibung vorsehen. Im Falle einer Zustimmung wurde den katholischen Abgeordneten in den Vereinigten Staaten von Amerika mit der Exkommunikation gedroht. Diese Auseinandersetzungen erzeugen bei den  Politikern eine gewisse Form psychischen Drucks; es wird der Zweifel genährt, ob demokratische Mehrheitsentscheidungen vielleicht doch nur ein versteckter Ausdruck für ein Unrechtssystem sind. </p>
<p>Die kirchlich motivierte Kritik an der Volkssouveränität, also der Demokratie, bleibt im Vergleich zu etlichen Staaten der arabischen Welt eher auf der Ebene der Theorie, vor allem: Sie bleibt gewaltfrei. In einigen muslimisch geprägten Regimen werden die rechtlichen Bestimmungen des Korans aus dem 7. Jahrhundert als oberste politische Norm angesehen. Die Scharia schließt es aus, Ungläubigen die gleichen Rechte zu gewähren wie den Muslimen. In manchen Ländern werden Menschen mit dem Tode bestraft,  wenn sie sich als Konvertiten anderen Religionen zuwenden. Demgegenüber erscheint das Verbot, etwa in Saudi – Arabien christliche Gotteshäuser zu bauen, als eine eher geringere Form der Ausgrenzung. </p>
<p>Diese aktuellen Probleme erinnern an die großen Debatten, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts das intellektuelle Leben in ganz Europa bestimmten: Wie stark dürfen Religionen den Staat prägen, fragten Schriftsteller und Philosophen. Sie wehrten sich gegen die Behauptung, es sei ein Verbrechen, das Königtum von Gottes Gnaden in Zweifel zu ziehen. Sie lehrten öffentlich: Eine vernünftige politische Ordnung bedarf keiner religiösen Legitimation. Wer dem zustimmte, wurde von den Despoten verfolgt und verbannt. Juden und Protestanten hatten in Frankreich keine Rechte, Atheisten landeten im Gefängnis. Eine einzige Religion, der Katholizismus, herrschte allmächtig im Bündnis mit dem Feudalsystem. </p>
<p>Die Revolution von 1789 beendete dieses Regime. Diesen Moment hatten die Unterdrückten und Rechtlosen in vielen Jahrhunderten ersehnt. Von nun an konnten sich religiöse Minderheiten frei entwickeln, die Erklärung der Menschenrechte fand schließlich weltweit Aufsehen. Die katholische Kirche galt nur noch als eine Religion neben anderen. Die tief sitzende Empörung über die frühere Allmacht der Kirche äußerte das katholisch getaufte Volk sehr zum Erstaunen der Bischöfe gewaltsam: Zentren kirchlichen Lebens, reiche Klöster und üppige Kathedralen wurden in blinder Wut geplündert und demoliert. Schließlich wollte sich die Republik auch spirituell stärken durch neue, kurzfristig erfundene Religionen, etwa den atheistischen Kult der Vernunft. </p>
<p>Der Kampf gegen die Republik wurde sofort zu einem festen Bestandteil katholischer Identität. Historiker betonen, „zwei Frankreich“ stehen sich seit der Revolution feindlich gegenüber: Die republikanisch gesinnten Bürger wollten keiner Konfession irgendein Privileg gestatten. Auf der anderen Seite kämpften die mit Rom verbundenen Katholiken um einen Staat, der kirchliche Vorschriften an die erste Stelle setzt. Nach heftigen Auseinandersetzungen wurde im Jahr 1905 vom Parlament in Paris die Trennung aller Religionen vom Staat beschlossen. Seit der Zeit herrscht in Frankreich die laicité; ein Wort, das schwer zu übersetzen ist. Deutlich ist die Verbindung von laicité mit dem griechischen Wort laós, es bedeutet das normale Volk. Und dieses Volk hat sich nach langen parlamentarischen Debatten durchgesetzt – in der laizistischen Demokratie. Ein Spezialist für diese Fragen ist der Philosoph Charles Taylor, er betont: „Der Staat im Sinne der laicité hat auf Weisung des Volkes zu handeln, vermittelt durch dessen gewählte Repräsentanten. Der Staat hat nicht auf Weisung religiöser Gemeinschaften zu handeln“. </p>
<p>Der demokratische Rechtstaat hat das Gewaltmonopol, als Gegenleistung garantiert er den Religionsgemeinschaften freie Entfaltung. Viele unterschiedliche Religionsgemeinschaften können sich in einem Staat aber nur dann friedlich entfalten, wenn vor dem recht gleichwertig sind und keine Konfession den Anspruch auf Herrschaft erhebt. </p>
<p>Dagegen hat sich die katholische Kirche in Frankreich – im Unterschied zum Protestantismus und dem Judentum – lange Zeit gewehrt. Es war für Katholiken unvorstellbar, dass der Klerus ausschließlich von den Spenden der Gläubigen leben musste. Immerhin setzten sich eher liberale Laizisten in der weiteren Gesetzgebung durch. Sie hatten erkannt: Die Bürger können davon  profitieren, wenn sich auch gesellschaftliche Gruppen, wie die Kirchen, um Erziehung und Sozialfürsorge kümmern. Deswegen gibt es im laizistischen Frankreich heute viele katholische Schulen oder Altersheime, sie erhalten beträchtliche staatliche Zuschüsse. Auch am Erhalt der Kirchengebäude beteiligt sich der Staat: Für die Innenausstattung sind die Bistümer zuständig, für die äußeren Mauerwerke die Kommunen. </p>
<p>Die Laizität in Frankreich ist heute zu einem friedlichen Gegenüber von Kirchen und Staat geworden. Die katholische Kirche kann &#8211; wie alle anderen Glaubensgemeinschaften auch &#8211; öffentlich wirken, etwa durch katholische Rundfunksender und zahlreiche große, angesehene Verlagshäuser. </p>
<p>Aber die französische Republik will unter allen Umständen den Einfluss extremer religiöser Gruppen auf den Staat verhindern. So gab es gerichtliche Auseinandersetzungen mit  der so genannten Scientology Church. Sie wurde im Oktober 2009 wegen betrügerischer Aktivitäten zu einer Strafe von 600.000 Euro verurteilt. Ihr so genannter Direktor wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Die „Sekte“ selbst aber wurde in Frankreich nicht verboten. </p>
<p>1996 gründete der Staat ein Forschungszentrum, um die Aktivitäten der zahlreichen neuen religiösen Gemeinschaften, Sekten genannt, hinsichtlich ihrer sozialen Praxis und politischen Orientierung kritisch zu beobachten. Das Institut steht auch Menschen zur Seite, die sich gegen die totale Kontrolle des persönlichen Lebens in diesen Gruppen wehren und „aussteigen“ wollen. </p>
<p>Der Gesetzgeber meint die laicité zu schützen, wenn er bestimmte religiöse Symbole in der Öffentlichkeit verbietet. Kreuze haben z.B. in den Räumen des Bürgermeisters nichts zu suchen, unvorstellbar wären sie in Gerichtssälen. Selbst den bayerischen „Herrgottswinkel“, gut platziert in einer Gastwirtschaft, sucht man in den Bistrots vergeblich. </p>
<p>Seit einigen Jahren bemühen sich französische Politiker, die öffentliche Rolle des Islam neu zu bestimmen. Mindestens 3 Millionen Muslime leben in Frankreich. Seit dem 11. September 2001 herrscht – ziemlich pauschal – ein tiefes Misstrauen gegenüber islamischen Gruppen. Inzwischen wurde es muslimischen Frauen verboten, die typischen Kopftücher in den staatlichen Schulen zu tragen. Burkas, „Vollschleier“, sind in der Öffentlichkeit nicht gestattet. Mit diesen Kleidungsvorschriften wollte der Staat jegliche Form muslimischer Werbung im staatlichen Raum ausschließen. </p>
<p>Dabei ist es völlig offen, ob Kopftücher tatsächlich missionarische Wirkungen erzielen können und überhaupt wollen. Aber der französische Staat will nur machtvoll demonstrieren, dass sich Muslime den Gepflogenheiten der französischen Republik auch äußerlich anpassen müssen. Er besteht darauf, dass auch Muslime in Frankreich die Werte der laicité erkennen und verteidigen. Viele Imame haben dem zugestimmt, aber längst nicht alle. Deswegen hat sich der Staat entschlossen, sich selbst um die Gestaltung eines repräsentativen islamischen Dachverbandes zu kümmern, er soll als zentraler Ansprechpartner in Staat und Gesellschaft dienen. Diese Initiative ist für eine Republik schon erstaunlich, die sich eigentlich per Gesetz gar nicht um religiöse Belange kümmern darf. </p>
<p>Um den islamischen Gemeinschaften entgegen zu kommen, will die Regierung unter Francois Hollande Grund und Boden zu erschwinglichen Preisen für den Bau von Moscheen zur Verfügung stellen. Bisher mussten sich viele Gemeinden mit bescheidenen Fabrikhallen für ihre Gottesdienste begnügen. Innenminister Manuel Valls sagte Ende Juni 2012: „Es gilt, das Gesetz über die Laicité aufzuräumen, um so die staatliche Finanzierung neuer Kultstätten vor allem für Muslime zu ermöglichen. So könnte es auch zu einem Ende des Einflusses von fundamentalistischen Gruppen und ausländischen Regierungen zu kommen. Denn diese finanzieren bisher stark den Bau von Moscheen“. </p>
<p>Tatsächlich haben viele Franzosen Angst vor „dem Islam“; rechtsextreme Parteien, wie der Front National, schüren bewusst diese Stimmungen. Ein offener Umgang mit dieser vielschichtigen, keineswegs nur fundamentalistischen Religion kann anders aussehen, etwa in der kanadischen Provinz Québec. Dort verhält sich die Regierung differenzierter gegenüber dem Islam, nach langen und umfassenden Debatten wurde dort den religiösen Minderheiten, etwa auch den Sikhs, Hindus und Buddhisten,  Sonderrechte gewährt, das Tragen von Kopftüchern und religiösen Symbolen ist auch in staatlichen Räumen gestattet. Hingegen wurden im Bundesstaat Ontario Versuche zurückgewiesen, einige Gesetze der muslimischen Scharia, etwa im familiären Rechtsstreit, neben der kanadischen Gesetzgebung zuzulassen. </p>
<p>Damit sich die zukünftigen Bürger im Geist des Respekts vor allen Religionen bilden, hat sich der Philosoph Charles Taylor mit Erfolg dafür eingesetzt, dass in allen Schulen der Provinz Québec allgemeine Religionskunde als Pflichtfach unterrichtet wird. Dadurch wurde der bisher übliche konfessionelle Religionsunterricht aufgehoben, er bezog sich auf den stets kleiner werdenden Kreis katholischer Schüler. In Québec wurde diese Entscheidung zugunsten der Religionskunde begrüßt. Dort sind die Bürger überzeugt: Der heutige Staat mit seiner Vielfalt der Religionen braucht einen neuen laizistischen Geist, eine offene laizistische Spiritualität.  </p>
<p>Gilt das auch für Deutschland? Können hier die Kirchen noch das Ethos in Gesellschaft und Staat prägen? Sollte dafür nicht die biblische Botschaft herangezogen werden, etwa die Weisung Jesu von Nazareth: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Und gebt Gott, was Gottes ist“.</p>
<p>Jesus beantwortet damit die Frage, ob der römische Kaiser Steuern auch von den jüdischen Bewohnern in Judäa verlangen dürfe. Später wurde dieses Wort Jesu als Aufforderung verstanden, die weltliche Macht mit der gleichen Bedeutung zu respektieren wie Gott. Aber sind Kaiser und Gott tatsächlich von gleicher Bedeutung? Dazu der Theologe Wolfgang Huber, der viele Jahre Ratsvorsitzender der EKD war: „Mit diesem Satz Jesu ist nicht eine Gleichrangigkeit  der beiden angesprochenen Sphären Weltlich und Geistlich gemeint und erst recht nicht eine beziehungslose Trennung. Vielmehr ist die Unterscheidung dieser beiden Sphären durch einen klaren Vorrang des Göttlichen geprägt“. </p>
<p>Regierungen können die Menschenwürde verachten und mit den Füßen treten, etwa im Faschismus und Kommunismus. Deswegen darf ein Staat niemals als oberster Wert gelten. Alle Bürger müssen sich an „etwas Höheres“ binden: Wer aber Gott als ein Symbol absoluter Menschlichkeit über alles stellt, will damit gerade nicht die Vorherrschaft der Kirchen fördern. Vielmehr soll das Göttliche im Menschen ausschlaggebend sein, und dies ist die göttliche Stimme im Gewissen, sie gilt absolut. Das Gewissen erschließt, was unbedingt in Staat und Gesellschaft zu gelten hat, Wahrheit und Gerechtigkeit. </p>
<p>Von dieser Basis aus kann eine laizistische Spiritualität entwickelt werden. Sie stellt heraus, dass jeder Mensch an sein  Gewissen gebunden ist. Darin zeigt sich die vernünftige Autonomie eines jeden Menschen, seine Fähigkeit, selber frei zu entscheiden. Die Menschenrechte haben keinen anderen Sinn, als diesen absoluten Wert zu erklären und zu schützen. Diese von vielen Philosophen geteilte Erkenntnis wird jetzt vertieft durch eine Studie des weltweit geschätzten Sozialphilosophen Hans Joas. Sein neuestes Buch hat den durchaus provozierenden Titel „Die Sakralität der Person“. Alle Staaten und Gesellschaften, so Hans Joas, sollten sich an die Menschenrechte wie an etwas Heiliges gebunden wissen. Jeder Bürger sollte den Menschenrechten mit tiefer Hochachtung und emotional geprägtem Respekt begegnen. Denn in den Menschenrechten wird die absolute Unantastbarkeit aller Menschen unterstrichen, es wird für den absoluten Wert eines jeden plädiert, also für die Sakralität der Person. </p>
<p>Diese ungewöhnliche  Qualifizierung der Person befreit die Bedeutung des Sakralen aus den exklusiv religiösen Zusammenhängen. Sakral, heilig, ist der absolut zu respektierende Wert der Menschseins. </p>
<p>Damit hat die laizistische Spiritualität eine innere Mitte gefunden. Sie kann die gemeinsame Basis sein für Glaubende aller Religionen wie auch für Skeptiker und Atheisten. Aber diese Spiritualität muss alle Bemühungen stärken, auf politischer und vor allem rechtlicher Ebene voran zu kommen. </p>
<p>Diese Aufgabe kann heute in Europa nicht mehr allein auf nationaler Ebene gelöst werden. Darauf hat der Europarat in Straßburg mehrfach hingewiesen. Vor vier Jahren hat er ein Dokument zur religiösen Vielfalt Europas publiziert.<br />
Die Laizität, so wird im Europarat betont, hat zwar französische Wurzeln, aber sie ist und bleibt von weltweiter Bedeutung. Der französische Soziologe und protestantische Theologe Jean – Paul Willaime hat an dem wichtigen Dokument des Europarates mitgearbeitet, er betont: „Über alle nationalen Besonderheiten hinaus ist diese Laizität auf europäischer Ebene weder antireligiös noch proreligiös. Sie erlaubt vielmehr den Mitgliedern aller Religionen und Weltanschauungen, sich ohne exklusive Ansprüche am öffentlichen Leben zu beteiligen. Unverzichtbar sind Gewissensfreiheit, moralische Gleichheit aller Bürger und Trennung von Kirche und Staat“. </p>
<p>Nur der demokratische Rechtsstaat kann  den Respekt vor der Würde jedes Menschen garantiert. Er garantiert auch die freie Ausübung jeglicher Religion &#8211; unter der Voraussetzung, dass jede einzelne Religion aus Überzeugung und nicht bloß aus Taktik den demokratischen Staat als einzigen Gesetzgeber hochschätzt. So einfach also ist die Laizität im 21. Jahrhundert zu beschreiben. Mühsam ist der Weg, sie auch weltweit durchzusetzen. </p>
<p>COPYRIGHT: christian modehn</p>
<p><strong>Literaturhinweise: </strong><br />
Jean Baubérot, Laicité 1905- 2005. Entre passion et raison. Editions du Seuil, Paris, 2004, 281 Seiten.</p>
<p>Jean Baubérot, La laicité à l épreuve. Religions et lobertés dans le monde. Universalis edition, Paris, 2004, 188 Seiten. </p>
<p>Jean Paul Willaime Le retour du religieux dans la sphère publique. Editions Olivétan, Lyon, 2008. 110 Seiten. </p>
<p>Jocelyn Maclure und Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, Suhrkamp Verlag 2011, 146 Seiten.</p>
<p>Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine Genealogie der Menschenrechte. Suhrkamp Verlag, 2011, 303 Seiten.</p>
<p>Wolfgang Huber, Staat und Religion. Vortrag im Berliner Kammergericht am 16. 9.2010. erreichbar unter: 100916.Staat-Religion.Kammergericht.doc</p>
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		</item>
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		<title>Lob der &#8220;Salonchristen&#8221;. Eine Korrektur.</title>
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		<pubDate>Sat, 25 May 2013 17:15:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Religionskritik]]></category>
		<category><![CDATA[Christen im Salon]]></category>
		<category><![CDATA[die Bürokratie der Kirche tötet den Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Rahner den Geist töten]]></category>
		<category><![CDATA[Lob des Salon - Christentums]]></category>
		<category><![CDATA[Modehn hat philosophischen Salon in Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Modehn philosophischer Salon]]></category>
		<category><![CDATA[Papst Franziskus fordert mehr Verrücktheit]]></category>
		<category><![CDATA[Papst Franziskus liebt die verrücktheiten]]></category>
		<category><![CDATA[Salon Christen]]></category>

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		<description><![CDATA[Lob der „Salonchristen“
Eine Korrektur
Von Christian Modehn
In der Beilage zur Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Christ &#038; Welt“ berichtet Christiane Florin auf Seite 3 der Ausgabe vom 23. Mai 2013, dass Papst Franziskus sich ein „gesundes Maß an Verrücktheit“ für die katholische Kirche wünsche. Sie schreibt, immer jüngste Äußerungen von Papst Franziskus zitierend oder paraphrasierend: [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Lob der „Salonchristen“<br />
Eine Korrektur<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>In der Beilage zur Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Christ &#038; Welt“ berichtet Christiane Florin auf Seite 3 der Ausgabe vom 23. Mai 2013, dass Papst Franziskus sich ein „gesundes Maß an Verrücktheit“ für die katholische Kirche wünsche. Sie schreibt, immer jüngste Äußerungen von Papst Franziskus zitierend oder paraphrasierend: „Die Kirche brauche Menschen, die unbequeme Dinge sagten und sich nicht scheuten, die wohlsituierten Verhältnisse zu stören. Die Unverrückten (hingegen) stempelte er, also Papst Franziskus, zu = Salon-Christen = (ab)&#8221;.<br />
Nun kann ich mich nur auf die in der Zeitung mitgeteilten Informationen über die päpstliche Kritik an den angeblich wohlsituierten „Salon – Christen“ beziehen. Ich finde allerdings die offenbar hier päpstlich unterstellte logische Verbindung von „Wohlsituiertheit“ und „Salon“ völlig unzutreffend. Richtig wäre es, von einer unheilvollen Verbindung von bürokratischer Struktur bzw. dem Vorrang für finanzielle Interessen innerhalb der Kirche(n) zu sprechen, wenn man denn eine freie Kirche will, die „unbequeme, also verrückte Dinge sagt“. Das muss aber noch einmal festgehalten werden: Verrückte Dinge wünscht sich nun zum ersten Mal, seit Jahrhunderten (?), ein Papst ausdrücklich und erstaunlicherweise. Aber: Wir wollen daran erinnern, dass gerade Salons verrückte Dinge -seit dem 18. Jahrhundert &#8211; sagten und auch heute sagen, also solche Dinge, die im Alltagsverstand, als gewagt betrachtet werden, zumal von den Herrschern, die sich bekanntlich Verrücktheiten verbieten im Namen von Ruhe und Ordnung. Verrückte Dinge waren in den Salons Demokratie, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Religionskritik usw. Noch einmal: Gerade die „Salons“ waren und sind immer Orte für diese Verrücktheiten im Denken, selbstverständlich auch, wenn es sich um religiöse Fragen handelt. Ein so genanntes „Salon – Christentum“ lebt gerade von der lebendigen und Diskussion gleich berechtiger PartnerInnen. Und wir fragen uns, ob heute etwa katholische Akademien in Deutschland Orte sind, wo die hier skizzierten Verrücktheiten auch in der Theologie diskutiert werden, etwa: Nutzen und Grenzen des Papsttums, Prieterweihe für Frauen als Chance, Homoehe als Bereicherung für die Gesellschaft, ökumenisches Abendmahl praktisch erprobt, liberale Theologie als Chance usw. In unserem Religionsphilosophischen Salon können wir nach 5 Jahren Erfahrung bestätigen, dass gerade in einer solchen bescheidenen philosophischen Basisinitiative ungewöhnliche, in der Sicht der Hierarchie auch verrückte Dinge diskutiert wurden, etwa im Blick auf die dogmatisch erstarrten Gottesbilder oder die Kirchenbürokratie, die den Geist tötet, wie der Theologe und Jesuit Karl Rahner so treffend sagte. Wir verteidigen also das Salon – Christentum und die Salon – Christen und dort, selbstverständlich gleichberechtigt willkommen, die „Nicht christen“ oder Atheisten, Menschen, die den freien und unzensierten Disput schätzen. Also: Außerhalb der Gemeinden und in neuen, freien Zusammenschlüssen werden gerade in Salons jene Themen angesprochen, die den Hierarchen als Verrücktheiten erscheinen müssen. Und dabei wird es bleiben, zumal sich immer weniger Menschen an die dogmatischen Vorgaben ihrer Religion halten können und halten wollen. Sie können sich dann also ganz im Sinne des Papstes – endlich einmal – als die so heiß geliebten „Verrückten“ fühlen &#8211; und die Verrücktheiten im Salon formulieren. Dabei sind sie dann eigentlich die „Normalen“ und Vernünftigen, wenn man das Feld religiöser dogmatischer Erstarrungen betrachtet.<br />
PS: In einem unserer Salons haben wir uns kürzlich mit der Frage befasst: Können Philosophen Revolutionen auslösen? Zur Lektüre eines kleinen inspirierenden Textes <a href="http://religionsphilosophischer-salon.de/1662_gibt-es-revolutionen-die-philosophen-auslosen-der-nachste-salon-abend_denkbar">klicken Sie hier</a>. </p>
<p>Copyright: christian modehn </p>
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		<title>Religionsphilosophischer Salon nun auch in Bremen</title>
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		<pubDate>Thu, 23 May 2013 07:34:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
		<category><![CDATA[Modehn Gründer des Religionsphilosophischen Salons]]></category>
		<category><![CDATA[Religionsphilosophischer salon Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Religionsphilosophischer Salon Bremen]]></category>
		<category><![CDATA[Remberti Gemeinde Bremen]]></category>
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		<description><![CDATA[Religionsphilosophischer Salon in Bremen gegründet.
Wie uns Prof.Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, mitteilt, wurde vor kurzem auch in Bremen ein philosophischer Club gegründet, der auch den in Berlin nun schon seit 7 Jahren bekannten Titel &#8220;Religionsphilosophischer Salon&#8221; trägt. Wir haben in Berlin ca. 70 Salonabende bisher gestaltet.
Prof. Gräb schreibt uns, dass unser Saon in Berlin dabei für [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Religionsphilosophischer Salon in Bremen gegründet.</p>
<p>Wie uns Prof.Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, mitteilt, wurde vor kurzem auch in Bremen ein philosophischer Club gegründet, der auch den in Berlin nun schon seit 7 Jahren bekannten Titel &#8220;Religionsphilosophischer Salon&#8221; trägt. Wir haben in Berlin ca. 70 Salonabende bisher gestaltet.<br />
Prof. Gräb schreibt uns, dass unser Saon in Berlin dabei für die Bremer inspirierend gewirkt hat. Das freut uns natürlich, dass es da eine gewisse Anregung gibt. Der neue religionsphilosophische Salon ist in der protestantischen Gemeinde Remberti in Bremen zuhause; diese Gemeinde folgt als eine der wenigen Gemeinden ausdrücklich der theologisch &#8211; liberalen Position. Wir haben in Berlin immer wert darauf gelegt, einen philosophischen Salon außerhalb kirchlicher oder religiöser Gebäude zu plazieren. Philosophie ist nicht nur öffentlich und &#8220;für alle&#8221;, sie ist auch als Religionsphilosophie an &#8220;weltlichen Orten&#8221; am besten plaziert. Wir verweisen im <a href="http://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/bremen-nordost/schwachhausen_artikel,-Wie-die-Band-Die-Toten-Hosen-zu-Gott-fuehrt-_arid,562606.html">link auf einen Beitrag des Weser Kurier </a>zur Gründung des Salons in Bremen. </p>
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		<title>Pfingsten &#8211; Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von G.W.F.Hegel</title>
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		<pubDate>Fri, 17 May 2013 16:12:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CM</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Modehn deutet Pfingsten]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Seelenfunken in jedem Menschen:
Pfingsten in der Deutung Hegels
Von Christian Modehn
Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst – Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, der wird fast wie von selbst, möchte man sagen, zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der Seelenfunken in jedem Menschen:</p>
<p>Pfingsten in der Deutung Hegels</p>
<p>Von Christian Modehn</p>
<p>Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst – Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, der wird fast wie von selbst, möchte man sagen, zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel geführt. Er ist der Philosoph des Geistes „schlechthin“, wobei er von der grundlegenden Erfahrung geleitet ist, dass die Philosophie den Geist als ihr Thema hat und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, etwa auch für die  „Materialisten“. Die Frage ist nur, inwieweit diese Voraussetzungen kritisch „eingeholt“ werden können und inwieweit sie sich fruchtbar machen lassen für das Verstehen der ganzen Wirklichkeit. Aber vielen Menschen ist wie schon zu Zeiten Hegels der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist – Philosophie einzulassen und auch als Hilfe, das eigene Leben transparenter zu sehen. Von daher mag die Hegelsche „Pfingstphilosophie“ vielleicht heute zu anspruchsvoll wirken, tatsächlich aber hält sie viele Vorschläge der Reflexion auch für heute bereit.</p>
<p>Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. präsentiert, C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: Vorlesungen über die Philosophie der Religion II., Suhrkamp, S. 341). Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in der Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens aufgehoben, d.h. beides: bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341). In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch verstandene Pfingst – Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema in dem Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch übersetzt &#8211; um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Nach der unmittelbaren Erfahrung der Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom historischen Ereignis in ein „geistiges Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S 301). Indem das Neue Testament behauptet, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte :“Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt.</p>
<p>Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die nun in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.</p>
<p>Man muss als philosophischer Leser den  anspruchsvollen philosophischen Aussagen  tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: der einzelne Mensch wird gewusst als Gott (sic, C.M.) und mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch als (endlicher) Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch.</p>
<p>Indem Pfingsten sozusagen den Menschen, jeden Menschen, erhebt zu einem mit Gott „ausgestatteten“ Wesen, wird, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung (Erlösung) an und für sich vollbracht“ ( 318). Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch, also geht es um Gestaltung der Freiheit des Geistes in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit; der freie Geist will sich äußern, also ent -äußern, verleiblichen, wenn man so will.  Dabei traut Hegel diese Leistung, etwa einen Rechtsstaat zu errichten, ausschließlich der protestantischen Religion zu;  der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und zu veräußerlicht und korrupt.</p>
<p>Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel – Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33). Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichts“: Diese – in anderen Zusammenhängen viel zitierte Formulierung &#8211; erinnert an den Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Anteilhabe des Menschen an Gott mit dem Begriff “göttlicher Funke“  ausdrückt. Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in diesem Vortrag, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott: Auch die Wirklichkeit der Gottesliebe führt zu den Traditionen Meister Eckarts. Innerhalb seiner Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, s 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben“.</p>
<p>Jedenfalls ist die mystische Erfahrung für Hegel alles andere als fremd. Hegel als Mystiker &#8211; das wäre ein spannendes Thema, das auch die &#8220;Phänomenologie des Geistes&#8221; und die &#8220;Logik&#8221; einbeziehen müßte.</p>
<p>Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: Es ist etwas pathetisch und gar nicht werbewirksam gesagt: &#8220;Das Fest des göttlichen Funkens in jedem Menschen“, sozusagen das Ewige in einem jeden, das als Ewiges auch Endliches überdauert. Die Fragen rund um den Tod erhalten so ein neues Licht.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn</p>
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