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Die Marseillaise, kritisch betrachten. Ein kriegerisches Lied: Warum singt man jetzt so gern die Nationalhymne?

18. November 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Liberale Theologie heute: Literarische und künstlerische Zeugnisse, Neue Lebensformen

Die Marseillaise, kritisch betrachten:  Ein kriegerisches Lied: Warum singt man jetzt so gern die Nationalhymne?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Marseillaise wird jetzt sogar in London, sozusagen beim alten Erzfeind, gesungen, sogar im Wembley Stadion! Und bei jeder passenden Gelegenheit in Frankreich, um die französischen Bürger zusammenzuschmieden … beim Gesang… also: „Auf zu den Waffen“. Zerfleischt die Feinde….

Kein Lied wie dieses, das fast jeder Franzose kennt und kennen muss, falls er staatliche Schulen besucht hat, könnte besser die offizielle Kriegserklärung Präsident Hollandes gegen den IS unterstützen. Alle schmettern die Hymne, manche stammeln, manche weinen sogar dabei, wenn sie diese kaum erträglichen Sätze singen, auch bei offiziellen Akten der Politik. In der Stunde der großen Terrorismus-Not soll ausgerechnet dieses kämpferische, manche sagen, wie der Priester Abbé Pierre, „rassistische Lied“ die Nation in ihrer religiösen, auch muslimischen Vielfalt (!) zusammenfügen. Welch ein Irrtum bei diesem Text! Wie soll das geschehen – bei diesem unsäglichen Text aus dem 18. Jahrhundert, mitten aus dem Kriegsgeschehen der Französischen Revolution formuliert? Als Franzosen gegen den Rest Europas kämpften und sich gegenseitig auf dem Schlachtfeld die Köpfe abschlugen und zudem noch im Innern des Landes die bösen Monarchisten zerfleischten und/oder die Feinde der Republik zur Guillotine schleppten.

Nur seltsam, dass sogar deutsche Publizisten dieses unerträgliche Lied nun gerade jetzt öffentlich loben! Als Hymne der Freiheit usw…

Man möchte hingegen sagen: Gott sei Dank wird oft nur die erste Strophe dieses grässlichen Kriegsliedes jetzt allüberall gesungen. Besser wäre es, wenn, wie gegen Ende der DDR (mit „Auferstanden aus Ruinen“), nur noch die Melodie der Marseillaise gespielt und leise mitgesummt werden würde.

Die Hymne wurde verfasst von Claude Joseph Rouget de Lisle in der Nacht auf den 26. April 1792, während der Kriegserklärung an Österreich im elsässischen Straßburg. Sie hatte zuerst den Titel „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“, „Kriegslied für die Rheinarmee“. Dieses Lied erhielt den Namen „Marseillaise“, weil es von Soldaten aus Marseille beim Einzug in Paris gesungen wurde. Am 14. Juli 1795 wurde die Marseillaise zur französischen Nationalhymne erklärt.

Es lohnt sich, den Text aufmerksam zu lesen. Und sich dabei zu fragen: In welcher Welt leben wir eigentlich, dass solche Worte noch als Hymne in einer Republik gesungen und … eingepaukt werden!

Auf, Kinder des Vaterlands,

Der Tag des Ruhmes ist gekommen!

Gegen uns Tyrannei,

Das blutige Banner ist erhoben. (2×)

Hört ihr auf den Feldern

Diese wilden Soldaten brüllen?

Sie kommen bis in eure Arme,

Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen   durchzuschneiden.

Refrain

Zu den Waffen, Bürger,

Formt eure Truppen,

Marschieren wir, marschieren wir!

Unreines Blut

 Tränke unsere Furchen!

Refrain

Was will diese Horde von Sklaven,

Von Verrätern, von verschwörerischen Königen?

Für wen diese gemeinen Fesseln,

Diese seit langem vorbereiteten Eisen? (2×)

Franzosen, für uns, ach! welche Schmach,

Welchen Zorn muss dies hervorrufen!

Man wagt es, daran zu denken,

Uns in die alte Knechtschaft zu führen!

Refrain

Was! Ausländische Kohorten

Würden über unsere Heime gebieten!

Was! Diese Söldnerscharen würden

Unsere stolzen Krieger niedermachen! (2×)

Großer Gott! Mit Ketten an den Händen

Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.

Niederträchtige Despoten würden

Über unser Schicksal bestimmen!

Refrain

Zittert, Tyrannen und Ihr Niederträchtigen

Schande aller Parteien,

Zittert! Eure verruchten Pläne

Werden Euch endlich heimgezahlt! (2×)

Jeder ist Soldat, um Euch zu bekämpfen,

Wenn sie fallen, unsere jungen Helden,

Zeugt die Erde neue,

Die bereit sind, gegen Euch zu kämpfen

Refrain

Franzosen, Ihr edlen Krieger,

Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!

Verschont diese traurigen Opfer,

Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen. (2×)

Aber diese blutrünstigen Despoten,

Aber diese Komplizen von Bouillé,

Alle diese Tiger, die erbarmungslos

Die Brust ihrer Mutter zerfleischen!

Refrain

Heilige Liebe zum Vaterland,

Führe, stütze unsere rächenden Arme.

Freiheit, geliebte Freiheit,

Kämpfe mit Deinen Verteidigern! (2×)

Unter unseren Flaggen, damit der Sieg

Den Klängen der kräftigen Männer zu Hilfe eilt,

Damit Deine sterbenden Feinde

Deinen Sieg und unseren Ruhm sehen!

Refrain

Wir werden des Lebens Weg weiter beschreiten,

Wenn die Älteren nicht mehr da sein werden,

Wir werden dort ihren Staub

Und ihrer Tugenden Spur finden. (2×)

Eher ihren Sarg teilen

Als sie überleben wollen,

Werden wir mit erhabenem Stolz

Sie rächen oder ihnen folgen.

………………………………….

Der Text der Marseillaise wurde von vielen französischen „Prominenten“ und Intellektuellen heftigst, aber bislang völlig wirkungslos, kritisiert. Etwa von dem Direktor der Pariser Oper, Pierre Bergé: „In meiner Kindheit haben mir meine Eltern verboten, die Marseillaise zu singen. Sie fanden die Worte skandalös. Ich habe immer diesen Standpunkt geteilt. Es ist mehr als dringend, diese Situation (der Marseillaise) zu ändern. In der Stunde Europas drängt sich das förmlich auf. Die Veränderung der Hymne ist zwingend, je früher, desto besser.

Auch Abbé Pierre hat sich als Franzose gegen die Marseillaise gewehrt: Er ist eine der beliebtesten und am meisten geschätzten Persönlichkeiten Frankreichs, vor allem wegen seiner umfassenden zahllosen Sozialwerke wie Emmaus und in seiner Kritik an einer versteinerten antisozialen Politik der Regierungen, vor allem im Wohnungsbau. Er sagte 2002: „Viele andere National-Hymnen wurden schon vom Text her verändert, die kriegerischen Aspekte wurden gestrichen. Warum können wir Franzosen das nicht machen? Warum können wir unsere Hymne nicht verändern? Ich singe sie nicht, seitdem mir bewusst wurde, dass durch die Hymne ein rassistischer Geist eingeführt wird. Da ist etwa von der Reinheit des Blutes die Rede. Und davon, dass das Blut der anderen unrein ist. Das ist nicht hinzunehmen, das ist rassistisch. Man lässt uns also singen und feiern den Rassismus. Eltern und Vereine könnten sehr gut sich bei den Rechtsinstanzen des Staates beschweren, dass ihren Kindern seit dem Kindergarten mit dieser Nationalhymne ein rassistischer Begriff von der Unreinheit des Blutes der anderen eingeschärft wird“.

Und der Sänger Charles Aznavour sagt: „Eine vermenschlichte Marseillaise entspricht mehr dem Geist Frankreichs“.

Zu weiteren Gegnern der Marseillaise klicken Sie bitte hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Abbé Pierres 100. Geburtstag: Ein Prophet, ein Revolutionär der Solidarität

3. August 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Abbé Pierre: Ein Prophet der Solidarität

Anlässlich seine 100. Geburtstages

Von Christian Modehn

Während meiner Aufenthalte in Frankreich habe ich mehrfach Abbé Pierre getroffen. Er war mehr als der bewunderte, „welt – berühmte“ „Sozialpriester“. Er war authentisch, mutig, kreativ, unbequem, radikal und heftig, wenn es um die Sache der Armen ging. Er war ein glaubwürdiger Priester, verehrt von Christen wie von Nichtchristen. Ich hatte ihn interviewt, u.a. für das  Radiomagazin „Gott in Frankreich“ (von 1989 – 2005) im Saarländischen Rundfunk, Redakteur war Norbert Sommer.

Anlässlich von Abbé Pierres 100. Geburtstages am 5. August 2012 (gestorben am 22. 1. 2007) biete ich zum Nachlesen drei ältere Radiosendungen, die ihre Aktualität bewahrt haben. Die Form der Texte entspricht der für Hörfunkzwecke üblichen Gestalt. Natürlich können in den drei kurzen Beiträgen nur einige Aspekte im Leben Abbé Pierres erwähnt werden. PS: Immerhin wird jetzt auch auf französischen 2 Euro – Münzen Abbé Pierres gedacht. Dadurch wird er zur bleibenden europäischen „Größe“.

1.

Eine Radiosendung für den NDR

„Mein Gott, warum?“ (2007)

Ein neues Buch des französischen Sozialpriesters Abbé Pierre

Von Christian Modehn

Wenn katholische Pfarrer und Theologen das Greisenalter erreichen und noch klar bei Verstand sind, neigen sie zu ehrlichen, man möchte sagen „radikalen“ theologischen Bekenntnissen. Das gilt etwa für die Professoren Karl Rahner oder Edward Schillebeeckx; das trifft nun auch auf Abbé Pierre zu, den weltbekannten französischen Sozial-Priester. Von ihm ist dieser Tage das Buch „Mein Gott, warum?“ erschienen.

Abbé Pierre gilt neben General de Gaulle und Marie Curie als der berühmteste Franzose. Er ist vor 7 Monaten im Alter von 95 Jahren gestorben (am 22. 1.2007). Er lebte authentisch  als armer Priester an der Seite der Armen. Mit ihnen hat er das weltweite Hilfswerk „Emmaus“ geschaffen, er hat – elementar – Millionen Hilfsbedürftiger mit Essen und Unterkunft versorgt. Vor allem hat er ihnen Mut zum Leben gemacht: „Trotz allem“. Noch als Greis war er dabei, wenn Obdachlose leer stehende Häuser besetzten. Er wollte sie vor der Vertreibung durch die Polizei schützen:

O TON, Abbé Pierre,

Väter und Mütter weinten. Eine Mutter musste in die Klinik eingeliefert werden, weil sie völlig verzweifelt ist. Es ist so: Arbeiter haben einfach die Decken im Haus eingerissen. Das ist kriminell. Ich habe den Premierminister angerufen, ich habe den Justizminister angerufen. Wir lassen uns das nicht bieten. (Applaus).

1. SPR.:

„Wut ist von Liebe nicht zu trennen“ war das Motto Abbé Pierres. Sein neuestes Buch „Mein Gott, warum?“ stört alle fromme Glaubensgewissheit angesichts des Elends in dieser Welt: Gott bleibe ein Geheimnis; nur in der Nächstenliebe können Zweifel und Skepsis überwunden werden, betonte er immer wieder:

 O TON, Abbe Pierre.

Glauben heißt: Gott ist Liebe. Und wir Menschen sind aufgerufen zu lieben. Die Krise der Menschheit und auch die Krise der Spiritualität kommt sicher auch daher, dass den Glaubenden das Elend der anderen Menschen immer noch ziemlich gleichgültig ist.

1. SPR.:

Das neue Buch Abbé Pierres bietet knappe spirituelle Meditationen. Er plädiert er für eine radikale, moderne Deutung alter dogmatischer Lehren und findet etwa den Gedanken „schauderhaft“, dass Gott sozusagen ganz bewusst Jesus am Kreuz leiden ließ. Nicht durch Schmerz und Pein, sondern durch Liebe werde die Menschheit gerettet, betont Abbé Pierre. Liebe war der Mittelpunkt seines Lebens: Sogar als Priester erlebte er für eine kurze Zeit auch die erotische Liebe zu Frauen. Dieses offene Bekenntnis in dem genannten Buch haben ihm die Bischöfe übel genommen. Und manch ein Beobachter meint, dadurch habe Abbé Pierre seine mögliche Heiligsprechung verhindert. Genauso empört waren konservative Kreise, als bekannt wurde: Er finde es ganz normal, Jahre lang einen offen homosexuell lebenden Priester als seinen Privatsekretär beschäftigt zu haben. Es war Abbé Jacques Perrotti, einen der Mitbegründer der Homosexuellen – Vereinigung „David und Jonathan“.

Das neue Buch kann aber auch wie ein kurz gefasstes Reformprogramm der katholischen Kirche gelesen werden. Abbé Pierre fordert die Aufhebung des Pflichtzölibats der Priester und die Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt.  Joseph Ratzinger wurde als Kurienkardinal von Abbé Pierre, so wörtlich.  „furchterregend“ empfunden; im Falle Papst Benedikt XVI. hoffte er noch auf Großzügigkeit und Weite des Denkens…

Buchhinweis:

Abbé Pierre, Mein Gott warum? Fragen eines streitbaren Gottesmannes. Aus dem Französischen von Bettina Lemke. 120 Seiten, DTV Verlag, München, August 2007, 12 Euro.

—–WDR (2002)

Abbé Pierre wird 90

Von Christian Modehn

Ausgerechnet einen Priester finden die Franzosen besonders sympathisch. Und das in einer Gesellschaft, die sich rühmt, laizistisch zu sein. Abbé Pierre kennt in Frankreich jeder, den greisen Priester, der heute (5. August 2002) 90 Jahre alt wird: Er ist laut neusten Umfragen für ein 90 Prozent aller Franzosen ein Vorbild; noch vor den Fußballstars und den Filmdiven.

 O TON, Abbé Pierre,  0 43″

Väter und Mütter weinten. Eine Mutter musste in die Klinik eingeliefert werden, weil sie völlig verzweifelt ist. Denn man muss dies einfach anerkennen: Die Arbeiter haben einfach die Decken eingerissen, sie haben die Wände in den Zimmern zerstört, all das ist kriminell. Ich habe den Premierminister angerufen, ich habe den Justizminister, ich habe den Wohnungsbauminister benachrichtigt, auch den Sozialminister. Wir lassen uns das nicht bieten. (Applaus).

1.SPR.:

Paris, Oktober 1993. Applaus für einen greisen Rebellen. In seiner schwarzen Windjacke steht er da und schreit; gestützt auf einen Krückstock; eine Hand hinter dem Ohr, um das Hörgerät besser auf die Fragen der Journalisten einstellen zu können. Ihn kennen hier alle: Abbé Pierre, der Sozialpriester, ist immer zur Stelle ist, wenn Arme und Flüchtlinge bedrängt werden. Wieder einmal wird ein Haus „gesäubert“, wie es in der Amtssprache heißt: Spekulanten vertreiben Familien mit ihren Kindern aus einem Gebäude in der Avenue René Coty; mehr als einhundert Menschen hatten das leerstehende Haus besetzt, sie wollten endlich weg von der Strasse.

Abbé Pierre ist im Jahr 1993 81 Jahre alt. Wie oft hat man schon einen Nachruf auf ihn geschrieben; wie oft glaubte er sich selbst am Ende seiner Kräfte. Aber es ist die Wut, die ihn am Leben hält, die Wut über eine Gesellschaft, in der die Armen ausgegrenzt werden und keine Lebenschancen haben.
Abbé Pierre verdankt seinen Namen dem Widerstand gegen die Nazis in  Frankreich. Seit 1941 half er unter größten Gefahren etlichen Juden, über die Alpen in die Schweiz zu flüchten. „Mein Name ist ein Deck-Name, er ist ein Symbol des Protestes“, sagt Abbé Pierre nicht ohne Stolz. Eigentlich heißt er Henri Grouès ,  am 5. August 1912 wurde er in einer „wohlsituierten“ Lyoner Familie geboren. Wut und Zorn waren nicht gerade die Tugenden, die er bei seinen Eltern lernte; mildtätige Hilfsbereitschaft war ihnen, den strengen Katholiken, am wichtigsten. Sein Vater versorgte „ehrenamtlich“ die Armen in der Nachbarschaft mit Spenden, mit Brot und Kleidung. Der Sohn, immer kränklich und vor allem sehr fromm, trat mit 18 Jahren in den Kapuzinerorden ein; das Kloster musste er kurz nach seiner Priesterweihe wieder verlassen: Er war den harten Lebensbedingungen dort gesundheitlich nicht gewachsen. Der Bischof von Grenoble übernahm ihn in sein Bistum auf. Aber der Oberhirte hatte sich geirrt, als er meinte, nun einen sanften und schwächlichen Kleriker bei sich zu haben: Der Priester schloss sich dem Widerstand gegen die Nazis an: Er konnte etliche Juden vor dem KZ bewahren.

Als Mann der Résistance wurde er von General de Gaulle im Jahr 1945 gedrängt, politische Verantwortung zu übernehmen: Als parteiloser Abgeordneter zog er ins Parlament ein.

Aber er entdeckte bald, dass konkrete Hilfe eher seine Sache ist als das endlose Debattieren im Plenarsaal und in den Ausschüssen. Zusammen mit Obdachlosen und Haftentlassenen gründete er 1951 eine Wohngemeinschaft in Neuilly-Plaisance. Die Männer begannen, Schrott zu sammeln, alte Maschinen zu reparieren und gebrauchte Kleider weiterzukaufen: So hatten sie genug zum Leben. Und die „guten Bürger“ mussten entdecken: Menschen vom Rande der Gesellschaft haben noch Energie und Phantasie, eigenständig ihr Leben zu gestalten. Unter dem Namen „Emmaus-Bewegung“ leben heute in Frankreich mehr als 100 ruppen zusammen; in allen Teilen der Welt gibt es weitere 250 Gemeinschaften mit mehr als 15.000 Bewohnern. Abbé Pierre:

O TON, Abbe Pierre,
„In der Bewegung leben Menschen, die man verzweifelt kennen könnte, zusammen mit festen Mitarbeitern, auch sie wollen nach unseren Regeln leben, die von gemeinsamer Arbeit bestimmt sind. Dabei weisen wir jede offizielle Unterstützung des Staates oder der Kirche oder einer anderen Organisation zurück. Wir haben viel Lebensfreude und auch einen gewissen Stolz. Wenn alle Mitglieder einer Gemeinschaft genug zum Leben haben, dann geben wir das restliche Geld den Armen. Wir wollen Arme sein, die noch etwas geben können, wir wollen dabei durchaus provozieren.

1.SPR.:

Die feinen Bürger in Paris, irgendwie noch religiös erzogen, erinnerten sich beim Namen Emmaus an einen biblischen Ort: Dort soll sich Jesus von Nazareth als der Auferstandene gezeigt hatte. Aber „Emmaus“ ist kein „Projekt der Kirche“; es ist religiös neutral und offen für Menschen aller Weltanschauungen. Abbe Pierre galt sofort als „der Lumpensammler-Priester“;  in den Pariser Salons war er Gesprächs-Thema Nummer eins; Frankreich hatte wieder ein leuchtendes Vorbild. Abbé Pierre nützte seine Popularität, so konnte er sich der Medien bedienen:  Am 1. Februar 1954, früh am morgen, erschreckte er 4 Millionen Radio- Hörer mit seiner Botschaft, die bis heute fast Kultcharakter hat; der ursprüngliche Appell wurde über Radio-Luxembourg verbreitet:

O TON, Abbe Pierre,.

Meine Freunde, kommt zu Hilfe. Gerade ist eine Frau gestorben. Sie ist erfroren, heute Nacht um drei Uhr, auf dem Bürgersteig des Boulevard Sebastopol. Sie hatte bei sich ein Papier, das die Vertreibung aus ihrer Wohnung dokumentierte. Jede Nacht liegen mehr als 2000 Menschen auf den Strassen, zusammengekrümmt auf dem kalten Boden, ohne Dach, ohne Brot. Es gibt zu viele Scheußlichkeiten! Notaufnahmelager sind dringender denn je. Hört mich an! In drei Stunden werden zwei Zentren der Hilfsbereitschaft errichtet, das eine in der Nähe des Panthéons, in der Rue Sainte Genéviève, das andere in Courbevoie. Überall in Frankreich und in allen Vierten von Paris muss es Hinweise und Plakate geben, wo man Unterkunft und Essen findet.

1.SPR.:
Der Hilferuf wurde gehört und ernst genommen: Reiche Bürger brachten Decken und Lebensmittel; ehemalige Fabrikhallen wurden in Notunterkünfte umgewandelt: Und vor allem: Die Politiker begannen zu handeln: Sie starteten ein groß angelegtes Programm des Sozialen Wohnungsbaus.  9.000 Sozial-Wohnungen wurden sofort gebaut.

Abbé Pierre, der Star der Armen: Er nahm Verbindung auf mit dem Urwald-Doktor Albert Schweitzer, später mit Mahatma Gandhi, mit Martin Luther King und Papst Johannes XXIII.

Abbé Pierre ist bis heute das soziale Gewissen Frankreichs, eine Art inspirierendes Symbol für alle, die sich dem Dienst an Menschen in Not verschrieben haben, wie die „Ärzte ohne Grenzen“ oder das französische „Hilfswerk gegen den Hunger in der Welt“.

Die Armen verehren ihn: René zum Beispiel, der die Strasse sein „Zuhause“ nennt. Er verdient sich ein paar Euros mit dem Verkauf von Réverbère, einer Obdachlosenzeitung in Paris:

O TON: rené

Ich habe keine regelmäßigen Einkünfte, alles wird immer schlimmer. Es ist sehr, sehr hart, so zu leben. Die Leute nehmen die Armen nicht wahr. Sie haben Angst vor ihnen. Abbé Pierre hilft viel, natürlich kann man ihn manchmal auch kritisieren. Aber seit 1954 setzt er sein ganzes Leben ein für die Armen. Er ist für mich ein Symbol. Was zählt, sind Leute die handeln, die etwas tun.

1.SPR.:
Aus der Leitung der weltweiten Emmaus – Bewegung hat sich Abbé Pierre schon in den siebziger Jahren zurückgezogen. Kompetente Sozialmanager leiten heute das Hilfswerk, das in Frankreich sogar ein eigenes Wohnungsbauprogramm auf den Weg gebracht hat für kinderreiche Familien mit bisher 8.000 Unterkünften.

Abbé Pierre lebt in einer Emmaus- Gemeinschaft, er ist mit den Armen also unmittelbar verbunden. Immer wieder meldet er sich mit Vorschlägen zu Wort: Er regte z.B. die Gründung eines Tagesaufenthaltes für obdachlose Menschen an, ein Pilotprojekt für Frankreich: Anne Daloz leitet die Agora im ersten Pariser Stadtbezirk:

O TON:

Die Tagesaufenthalte wurden geschaffen als Ergänzung zu den Übernachtungsmöglichkeiten. Es gibt ja eine ganz beachtliche Zahl von Übernachtungsstätten, da kommen die Leute abends zum Essen und zum Schlafen. Nach dem Frühstück aber müssen sie sich in der Stadt aufhalten. Diese Menschen irren den ganzen Tag durch die Stadt umher. Ihnen wollen wir zeigen, dass sie bei uns ein Zuhause für den Tag finden, nicht um sie zu behüten oder zu „betreuen“, sondern mit ihnen etwas gemeinsam zu unternehmen.

1.SPR.:
In der Pariser „Agora“ haben die Obdachlosen eine Postadresse; sie sind wieder erreichbar für ihre Freunde oder Familien; hier können sie sich waschen, in der Kleiderkammer liegen gut erhaltene Hemden und Hosen bereit; vor allem haben sie die Möglichkeit, sich langsam wieder ein geregeltes Leben zu gewöhnen. :

1.SPR.:
Seit den achtziger Jahren ist Abbé Pierre wieder ständig in den Medien präsent: Als es zu den ersten Massenentlassungen kam, als Familien ihre Mieten nicht mehr zahlen konnten und 4 Millionen Franzosen offiziell als „Arme“ eingestuft wurden, war Abbé  Pierre zur Stelle: Er regte die Gründung der „Banque alimentaire“ an, einer Sammelstelle von Lebensmitteln, die an Bedürftige weitergeleitet werden. Der Schauspieler Coluche meldete sich bei ihm: Er wollte während des Winters die Restaurants du coeur eröffnen, Suppenküchen für die Armen: Abbé Pierre unterstützte Coluche, den Schauspieler, der es wagte, mit Spott und Hohn über das Pariser Establishment herzuziehen und dabei eine Politik einklagte, die das Prädikat „sozial“ verdient. Coluche, der unnachgiebige Spötter, der Libertinist und Antiklerikale, wird zum Freund des Sozialpriesters. Als Coluche bei einem Unglück plötzlich ums Leben kam, ließ es Abbé Pierre nicht nehmen, bei der Trauerfeier das Wort zu ergreifen:

O TON: Abbé Pierre.

Hören wir wesentliche Worte, die von Jesus überliefert sind: Er sagte: Beim letzten Gericht wird eine einzige Frage gestellt: Ich hatte Hunger, ich habe geweint, ich war im Gefängnis, ich war krank, mir war so kalt. Was hast du  in dieser Situation getan?

Aber jetzt sind wir alle zusammen gestärkt, weil hier uns hier versammeln um einen Menschen, der wirklich sein Leben vorbildlich eingesetzt hat. Darum sind wir ja so zahlreich. Denn ich glaube: Sicherlich war Coluche kein Heiliger. Aber er war ein Mensch, der sein Brot geteilt hat, er hatte klare Prinzipien, er folgte dem Wort Jesu: Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.

1. SPR.:

Abbé Pierre kennt keine Berührungsängste. Wer auch immer sich an ihn wendet, wird unterstützt, vorausgesetzt, er bringt die Sache der Armen voran. Aber einmal war der alte Sozialpriester auch von Blindheit geschlagen, so etwa, als er Mitte der neunziger seinen alten Freund, den marxistischen Philosophen Roger Garaudy unterstützte: Abbé Pierre hatte nicht mitbekommen, dass aus dem linken Philosophen inzwischen nicht nur ein radikaler Islamist, sondern auch ein militanter Leugner der Naziverbrechen geworden war. Garaudy war es gelungen, den greisen Priester für seine eigene, die antisemitische Sache zu vereinnahmen: Die Öffentlichkeit war entsetzt: Abbé Pierre, der Freund der Juden, soll ein Antisemit sein? Der greise Priester entschuldigte sich für seine Naivität im Umgang mit Garaudy; die Franzosen haben sein „mea culpa“ akzeptiert und ihm den faux pas verziehen.

Die Franzosen lieben Abbé Pierre, weil er als katholischer Priester so antiklerikal ist. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich weit reichende Reformen in der katholischen Kirche wünscht. Er verstehe nicht, so sagte er, dass Papst und Bischöfe so oft von den Armen reden, aber nur selten für sie praktisch Partei ergreifen. Er kritisiert, dass immer noch einzig die Männer in der Kirche das Sagen haben; er wünscht sich weniger Pomp und Glanz und Luxus in kirchlichen Kreisen. Um einmal zu zeigen, was Menschlichkeit in einer moralisch rigiden Kirche bedeutet, engagierte er einen umstrittenen Priester als seinen Privatsekretär: Mit dem katholischen Pfarrer Jacques Perotti wollte kein Bischof etwas zu tun haben: Denn Perotti hatte sich in aller Öffentlichkeit als schwul geoutet. Abbé Pierre holte den homosexuellen Priester in sein Haus. Pater Perotti:

O TON,  Perotti:

Ich bin nicht voll in die Strukturen der Kirchen integriert; ich bin Sekretär von Abbe Pierre, und der ist unabhängig von der Kirche und befindet sich selbst eher am Rande der Kirche. Denn die Bewegung Emmaus, die er gegründet hat, ist ja nicht religiös, sondern weltlich, laizistisch. Also wegen Abbé  Pierre, so scheint es mir, lebe ich wie unter einer Art Schirm, der alle Blitze abwehrt aus dem Vatikan, aus Rom und vonseiten der Bischöfe. Abbé Pierre hat es mir erlaubt, dass ich mein Priesteramt leben kann als Vorkämpfer für die Sache der Homosexuellen. Er ist ein Mensch, der gut zuhören kann, er kann alle menschlichen Situationen verstehen. Er hat auch meinen Lebensweg gut verstanden, dass ich einen Kampf führe zur Befreiung der Homosexuellen in der Kirche. Ich habe selbst gehört, wie er mich verteidigt hat bei einer Mahlzeit, als wir mit Bischöfen zusammen an einem Tisch saßen.

1. SPR.:

Abbé Pierre zieht in diesen Tagen Bilanz: Natürlich, er hat vieles bewirkt, sein Werk Emmaus entwickelt sich gut. Aber viele Projekte sind nicht vorangekommen: So etwa sein Bemühen, der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, einen neuen, einen friedlicheren Text zu geben. Nicht vorangekommen ist seine Forderung, eine Gesellschaft zu bauen, in der die soziale Gerechtigkeit für alle (auch im Recht auf menschenwürdige Wohnung) tatsächlich gesetzlich verankert ist. Abbé Pierre steigert sich noch heute in eine Wut der Verzweiflung, wenn er sieht, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden. Und er kritisiert eine Kirche in Europa und Nordamerika, die immer noch mit ein paar Spenden dem Elend in der Dritten Welt gerecht werden will. Seine Wut bleibt, auch wenn er sich bemüht, wie ein Mystiker, in der unendlichen Liebe zu allen Wesen zu leben:

O TON, Abbe Pierre
Glauben heißt: Gott ist Liebe! Und wir Menschen sind aufgerufen zu lieben. Die Krise der Menschheit und auch die Krise der Spiritualität rührt sicher auch daher, dass den Glaubenden das Elend der anderen immer noch ziemlich gleichgültig ist.

3. Zum Zöibat

Zur Sexualität und zum Zölibat: Aus einer Radiosendung für den WDR:

Nur wenige Priester haben den Mut, über ihr eigenes Ringen mit der Keuschheit zu sprechen. Zu ihnen gehört der berühmte französische Sozialpriester Abbé Pierre, er ist im Jahr 2007 im Alter von 94 Jahren gestorben. Kurz vor seinem Tod schrieb er in dem Buch „Mein Gott, warum?“

„Mit dem Keuschheitsgelübde hatte ich in gewisser Weise das Leben eines Gefangenen. Ich bezeichne diesen Zustand als freiwillige Unfreiheit. Es kam vor, dass ich der Kraft des erotischen Verlangens nachgab. Aber ich hatte nie eine richtige Beziehung. Da ich nicht zuließ, dass sich das sexuelle Verlangen in mir verwurzelte. Dies hätte zu einer dauerhaften Beziehung mit einer Frau geführt, was jedoch mit meiner Lebensentscheidung zum Priestertum nicht vereinbar gewesen wäre.

1. SPR.:

Abbé Pierre ging so weit einzugestehen, dass er seinen Freundinnen doch nicht gerecht geworden ist: „Folglich machte ich die Frauen unglücklich und fühlte mich selbst zwischen zwei unvereinbaren Lebensentscheidungen hin und her gerissen“.

Zum Schluß möchte ich darauf hinweisen, dass der progressive Bischof Jacques Gaillot, Evreux, 1994 vom Papst abgesetzt, mit Abbé Pierre befreundet war. Er gewährte dem Bischof, 1994 plötzlich ohne Obdach,  viel Unterstützung. Die Kritik an dieser Solidarität vonseiten der Etablierten, auch der Hierarchie, war Abbé Pierre selbstverständlich völlig egal.

Der Link verweist auf einen  Beitrag (von mehreren Artikeln)  von mir zu Bischof Jacques Gaillot auf dieser website. Sie  ist vor allem den Philosophien verpflichtet, aber auch den Religionen wie der selbstverständlichen  Religionskritik aus vernünftigen Argumenten.

copyright: christian modehn, berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 



Anpassung statt Résistance. Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.

13. Februar 2011 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Religionskritik

Anpassung statt Résistance
Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.
Anlässlich des Kinofilms „Die Kinder von Paris“
Von Christian Modehn

Diesem Beitrag liegt ein Kommentar für den NDR vom 13. 2. 2011 zugrunde. Einige FreundInnen wünschten etwas ausführlichere Informationen, deswegen dieser (immer noch knappe) Text zu einem weithin unbekannten Thema….

Seit dem 10.Februar läuft in den Kinos ein bewegender, ja durchaus: ein „anrührender“ Film. Er erzählt die Geschichte jüdischer Familien, die am 16. Juli 1942, während der Nazibesetzung, in Paris verhaftet wurden. In einer Art Zwischenlager, der Halle der Radrennbahn, trieb die französische Polizei 13.000 Juden, darunter 4.000 Kinder, zusammen, bevor sie in die KZs im Osten transportiert werden.
Den Film „La Rafle“, die Razzia, haben in Frankreich bis jetzt 3 Millionen Menschen gesehen, ein riesiger Erfolg! In Deutschland wird er unter dem Titel „Die Kinder von Paris“ gezeigt.

„Ich will mit meinem Film Mitleid und Mitgefühl wecken“, betont die Regisseurin Rose Bosch, durch Emotionen könnten vor allem jüngere Menschen dazu bewegt werden, sich mit dem Grauen der Judenvernichtung gründlicher als bisher auseinanderzusetzen. Denn ganz selbstverständlich sonnen sich die meisten Franzosen noch immer in dem Glauben, ihre „Grande Nation“ habe im ganzen tapfer Widerstand geleistet gegen die Nazis und ihre Kollaborateure. Die Realität ist anders. Erst 1995 fand sich der französische Staatspräsident Jacques Chirac bereit, die von den meisten Franzosen still geduldete und akzeptierte Judenverfolgung öffentlich als die “große Schande unseres Landes“ zu nennen. Der „glorreiche General de Gaulle“ wurde also in seinem Londoner Exil nicht von einer großen Volksbewegung unterstützt, die meisten Franzosen waren Mitläufer, und oft auch Mittäter.
Es ist also höchste Zeit, die viel beschworene „Résistance“, den Widerstand gegen das nazifreundliche Regime des General Pétain realistisch wahrzunehmen; auch dazu fordert der Film auf: Da kümmert sich etwa die historisch verbürgte Gestalt der Krankenschwester Annette Monod um die drangsalierten Juden in der Radrennbahn. Ausdrücklich wird sie in dem Film als Protestantin vorgestellt; ein Hinweis, dass sich die kleine Kirche der Calvinisten viel deutlicher als die Katholische Kirche den Nazis und ihren Kollaborateuren widersetzte. General de Gaulle lobte schon im Juni 1945 die Protestanten, sie hätten „die klare Vision für die Interessen der Nation bewahrt und Widerstand geleistet“.
In der katholischen Kirche gab es auch einige Mitglieder der Résistance, wie den späteren, weltberühmten Sozialpriester „Abbé Pierre“ oder den Jesuiten Pierre Chaillet, der mitten in der Résistance die (immer noch bestehende) Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“ gündete.
Aber es ist doch bezeichnend, dass sich die Bischöfe Nordfrankreichs eine Woche nach der Verhaftung der Juden in Paris ausdrücklich weigerten, gegen die Deportationen zu protestieren. So wollten sich die Oberhirten das Regime bei Laune halten, hatte sich doch Staatschef Pétain als Förderer der katholischen Schulen gezeigt; Kreuze hingen wieder in öffentlichen Gebäude: Welch ein Erfilg! Hatte Pétain doch versprochen, den antiklerikalen, den so genannten freimaurerischen und sozialistischen Ungeist der Republik zu vertreiben. Pétain mit seiner Nazi – freundlichen Regierung in Vichy wurde katholischerseits ganz offiziell als Geschenk der Vorsehung gepriesen, „Pétain arbeitet an der Auferstehung Frankreichs“, betonte etwa der Erzbischof von Aix en Provence. Die Katholiken hatten endlich ihre eigene, ihre klerikal gefärbte Revolution, nach der Abgrund tiefen Ablehnung der „großen Revolution von 1789“ war Pétain und co. ein Lichtblick. Der Publizist Jacques Duquesne nennt in seiner Studie „Les catholiques francais sous l occupation“ zahllose ähnliche Beispiele: In der Wallfahrtskirche von Annonay wurde gar ein Bild Pétains aufgestellt; in einer katholischen Schule im Département Lot begann der Unterricht mit einem Gebet: „Unter den Augen Gottes unseres Vaters, gehorsam den Weisungen des Marschalls Pétain gehen wir Kinder Frankreichs an die Arbeit – für die Familie, das Vterland“. Der katholische Dichter Paul Claudel schrieb gar eine Ode an den Marschall, darin heißt es u.a. „Frankreich, höre diesen alten Mann, der sich mit dir befasst und der zu dir spricht wie ein Vater…“ Kardinal Baudrillart, Chef der Katholischen Universität on Paris, lobte gar die Kollaboration mit den Nazis, weil nur so der Kommunismus besiegt werden könnte. Und Monsignore Moncelle scheute sich nicht, Marschall Petain und sein Regime, in den Worten des Johannes Evangeliums „als Weg, Wahrheit und Leben“ zu rühmen.
Das autoritäre und antisemitische Regime wurde allgemein mit einem Glorienschein ausgestattet. So ist es kein Wunder, dass nach der Befreiung durch de Gaulle lange Listen unerwünschter (weil kollaborierender) Bischöfe verbreitet wurden, auch der Name des Pariser Kardinals Emmanuel Suhard stand darauf. Aber weil sich der Papst einschaltete, wurden letztlich nur neun von 20 Bischöfen ihrer Ämter enthoben. Eine wirkliche „Reinigung“ der katholischen Kirche vom antisemitischen und antirepublikanischen Ungeist hat nicht stattgefunden. Es gab nur zwei Bischöfe, die mit der Résistance zusammenarbeiteten: Erzbischof Saliège von Toulouse und Bischof Théas von Montauban, er war einer der Mitbegründer der katholischen Friedensbewegung Pax Christi.
Einige tausend französische Juden haben ihr Leben retten können; couragierte Nachbarn fanden sich bereit, sie zu verstecken. Aber dieser Widerstand der kleinen Leute, vielleicht auch der Katholiken an der Basis, widersprach der offiziellen bischöflichen Linie. Die globale Sympathie der katholischen Kirchenführung für Pétain und seine Nazi-Freunde ist um so erstaunlicher, als der viel geliebte Marschall alles andere als ein – in offizieller Sicht – vorbildlicher Katholik gelten konnte. Er war mit der von den Päpsten verbotenen „Action Francaise“ verbunden und mit deren Chefideologen Charles Maurras. Die Spezialisten für diese Fragen, die Historiker F. und R. Bédarrida, schreiben: „Die Hierarchie ging das Wagnis ein, als eines der wichtigsten Elemente im Vichy – Regime zu erscheinen. Die Katholiken sollten dem Programm der „Nationalen Revolution“ zustimmen. In der Praxis lief diese Haltung auf eine gleichsam unbedingte Unterwerfung der Kirche unter die Macht Pétains hinaus“.

Bis heute sind in dem weiten Sympathisantenumfeld der so genannten Piusbrüder die Freunde Pétains und seiner Nazi – Kollaborateure zu finden. Diese Kreise sollen, so will es ausdrücklich Papst Benedikt XVI. mit der römischen Kirche wieder voll versöhnt und integriert werden. Einen der deutlichsten Sympathisanten dieser Kreise, den einstigen Pius Bruder Abbé Laguerie, hat Benedikt XVI. wieder in die offizielle römische Kirche aufgenommen und ihn einen eigenen Orden, die Brüder vom Guten Hirten ( L institut du Bon Pasteur) in Bordeaux gründen lassen. Der Papst ist glücklich: Diese „guten Hirten“ stellen jetzt viele junge Priester, das ist ja für den Papst bekanntlich am aller wichtigsten…(Hübsche Bilder dieser Herren findet man im Internet).

Zahlreiche Informationen zu diesem Text beziehen sich auf mein Buch „Religion in Frankreich“, Gütersloher Verlagshaus, 1993. Das Buch kann noch antiquarisch bezogen werden.