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Arbeit: Eine Möglichkeit, menschenwürdig zu leben?

4. Mai 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

ARBEIT: Eine Möglichkeit, menschenwürdig zu leben?

Von Alfons Vietmeier. Der andere Blick aus Mexiko – Mai 2011

Enrique ist einer von etwa 30.000 Taxifahrern in Mexiko – Stadt. Sein Chef besitzt so etwa 20 Taxis. Er leiht ihm das Taxi aus und er muss dafür wöchentlich eine vereinbarte Summe zahlen. Das Weitere ist sein Problem. Eine Schramme am Auto? “Das muss ich regeln, d.h. bezahlen.” Benzín? “Das wird immer teurer! Wir haben jedoch einen Taxifestpreis. Also, anstelle von 10 Stunden im Taxi wie in den letzten Jahren, fahre ich derzeit so 12 – 14 Stunden. Denn die Kosten zu Hause sind erheblich gewachsen!” Arbeitsvertrag? Arbeitsrechte wie Unfall- oder Krankenversicherung? “Was ist das? Das gibt’s hier nicht!”
Dies ist hier in Mexiko die generelle Arbeitssituation. Mehr als 60 % der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sind “irgendwie am Jobben” in Minibetrieben und Einzelhandel, im Strassenverkauf oder Baugewerbe… für Stunden-, Tages- oder Wochenlohn, bar in die Hand und ohne Verträge und damit auch ohne Rechte! In Deutschland heisst das “Schattenwirtschaft” oder auch “Schwarzarbeit”. Es gibt viel “Schatten” hier auf dem Arbeitsmarkt. Der ist sehr, sehr “schwarz”!
Es gibt natürlich auch die formelle Arbeit im öffentlichen Dienst und in der mittelgroßen und großen Privatwirtschaft. Hier gibt es eine erheblich Bandbreite an Gewerkschaften. Die mexikanische Revolution (1910 – 1917), war sozialradikal und im Industriesektor sozialistisch inspiriert. Nur, die Revolution wurde anschließend institutionalisiert, und die Gewerkschaften wurden eine wichtige Säule des politischen Systems. Im Laufe der Jahrzehnte wuchsen Bürokratisierung und Korruption und damit ein sich schamlos bereichernder “Apparat” (= die politische Klasse, einschließlich der Gewerkschaftsführer). Die Gewerkschaftsangehörigen zahlen Beiträge und treten gehaltlich immer kürzer, da die Inflationsrate höher ist als die Lohnerhöhungen. Zum Beispiel. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben zwei Jobs, da das Gehalt zu gering ist: entweder vormittags und nachmittags im Schuldienst, das bedeutet: eine doppelte Stelle zu haben oder eine Schicht in der Schule und dann eine andere als Taxifahrer. Dass deshalb die Unterrichtsqualität in öffentlichen Schulen oft schlecht ist, findet hier ihre Erklärung.
Was nachdenklich macht, ist jedoch nicht so sehr diese Arbeitsrealität. “So war das immer schon!” erklären mir viele. Es ist ein komplexes Netz von Hintergrundsproblemen, das diese “Welt der Arbeit” entmenschlicht. Und das macht betroffen!
Da gibt es zum Einen seit etwa 20 Jahren eine dramatische Umschichtung der öffentlichen Wirtschaft. Es wurde und wird privatisiert soweit es nur machbar ist: Finanzsystem (Stadtsparkassen sind unbekannt), Bildungssystem (es boomen die Privatschulen und Privatuniversitäten und es verschlechtern sich die öffentlichen Schulen), Sicherheitssystem (ein riesiges Heer an Privatpolizei wächst), etc.
Der “Faktor Arbeit” steht im Dienst der Gewinnmaximierung, die Arbeiter dürfen – um ein Bild zu verwenden – ausgepresst werden wie eine Orange. Die Zahlen sprechen für sich: 1993 gab es 3 mexikanische Milliardäre, die zusammen 1, 98 % des Brutosozialproduktes besaßen.
Knapp 20 Jahre später (März 2011) sind es 11 Milliardäre mit einem Anteil von 15, 23 % am großen “Kuchen” des gesamten Volkseinkommens. In diesen knapp 20 Jahren hat die Bevölkerung um 30 Millionen zugenommen und natürlich auch das gesamte Inlandseinkommen. Jedoch für jeden Mund ist das Stück “Kuchen” erheblich kleiner geworden. Das hat eine klare kapitalistische Systemlogik, die gemeinhin “Neoliberalismus” genannt wird.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: das wachsende Konsumbedürfnis. Es wird mehr ausgegeben insbesondere für Modisches und Elektronisches. Kindersendungen im Fernsehen sind voll solcher Werbespots. Handys für jedes Kind gehört schon zum Alltag der armen Bevölkerungsmehrheit und Digitales wie ¡Pod steht auf der Kinderwunschliste zu Weihnachten an erster Stelle. Nicht von ungefähr ist der Mexikaner Carlos Slim, mit seinem breit gefächerten Konsortium im elektronisch – digitalen Wirtschaftssektor, der reichste Mann der Welt. Immer mehr diese immer neuen Dinge haben zu wollen, dramatisiert den Familienalltrag und macht zugleich auch schlimme Konsequenzen zu mindest verständlich:
Zum einen ist hier ein Hauptgrund der dramatischen Zunahme der Migranten hin in die USA zu sehen. Die dort verdienten und an die mexikanische Familie überwiesenen Dollar gehen zu einem erheblichen Prozentsatz in diesen erwähnten Konsum. Zugleich hat die dramatische Finanzkrise in den USA die Verdienstmöglichkeiten fast aller Migranten geschmälert oder unmöglich gemacht. Die Folge: fast eineinhalb Millionen Migranten nach Mexiko zurückgekehrt. Aber wie hier zu Hause den gewohnten “Konsumlevel” halten? Das ist genau der Auffanghaken der Drogenkartelle. Sie bieten attraktive Verdienstmöglichkeiten an, mit allem, was das einschließt.
Ein weiterer Ausweg aus der Finanzklemme besteht darin, immer mehr Stunden zu arbeiten und zudem immer mehr Familienmitglieder in die Arbeitswelt einzubeziehen. In einer jüngsten Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) gehört Mexiko zu denjenigen Ländern, wo im Schnitt mehr als 10 Stunden täglich gearbeitet wird und in der informellen Wirtschaft sin des noch mehr Stunden! Zudem nimmt die Kinderarbeit wieder zu. Also, der “faule Mexikaner in der Dauersiesta im Schatten eines grossen Kaktus”: Das ist eine bekannte, aber völlig unzutreffende Karrikatur der mexikanischen Arbeitswelt!
In der christlich – solidarischen Szene, in der ich vernetzt bin, wird immer heftiger und radikal nachgefragt: Ist das eben Geschilderte nicht immer mehr und immer orgiastischer der “Tanz um’s goldene Kalb”? Jesus hat gesagt: “Sammelt keine materiellen Reichtümer hier auf Erden! (…) Euer Herz wird immer dort sein, wo Ihr Euren Reichtum habt! (…) Ihr könnt nicht zwei Herren dienen: Gott und dem Geld!” (Mt 6, 16-24).
Christsein ist in seiner Essenz antikapitalistisch. Daran kommen auch die christlichen Kirchen nicht vorbei.
Wenn seit 110 Jahren die katholischen Sozialenzykliken deutlich die Priorität der Arbeit über das Kapital herausstellen: Wo und wie konkret wird dieses kritische Wertepotential aktiv?! Es geht heutzutage darum, persönlich, familiar, sozial und gesellschaftspolitisch sich zu befreien vom materiellen Bereicherungszwang. Ethischer und solidarischer Konsum ist not – wendig! Zwar leben wir weltweit inmitten dieses System und es gibt Systemzwänge aller Art. Jedoch engagiert christlich zu leben, beinhaltet auch, ernsthaft an einer Systemveränderung mitzuarbeiten.
Diese Aufgabe haben z.B. vor 10 Jahren diferenzierter herausgearbeitet der evangelische Theologe Ulrich Duchrow (Heidelberg) und der katholische Nationalökonom, Philosoph und Theologe Franz Hinkelammert (jetzt in Costa Rica) im Buch “Leben ist mehr als Kapital – Alternativen zur globalen Diktatur des Kapitals”. Inzwischen sind weltweit und auch hier in Mexiko die Basis – und Sozialbewegungen stärker geworden, die daran arbeiten, eine andere Welt und darin auch eine andere Ökonomie zu gestalten: solidarisch unter den Menschen und solidarisch mit der Natur. Und dieses Denken und Handeln existiert schon, und wir vernetzen uns immer mehr.
copyright: alfons vietmeier.