Georg Lukács: Weites, umfassendes Denken

Am 13. 4. 1885 wurde Georg Lukács in Budapest geboren (dort ist er am 4.6. 1971 gestorben), er war mehr als “nur” Philosoph, seine Beiträge zur Literatur- und Kunsttheorie bleiben wichtig genauso wie seine Vorschläge zur Marx-Interpretation, etwa: vor allem den jungen Marx wieder neu zu würdigen und zu lesen. Am Ende seines Lebens betonte Lukács, dass sozialistische Demokratien nur möglich sind, wenn es umfassend freie Diskussionen gibt . Lukács war einer der wenigen marxistischen Theoretiker, die auch im (kapitalistischen) Westen respektiert und rezipiert wurden. Man sollte nicht nur sein Buch “Geschichte und Klassenbewusstsein” wieder lesen, sondern auch die Debatten um seine ästhetischen Konzeptionen wieder aufnehmen. Auch über die Religion im Denken dieses Reformers marxistisch geprägter Philosophie wäre zu debattieren; während Lukács der Kunst die Möglichkeit einer Überwindung von Entfremdung zugesteht, sieht er Religion eher nur als Ausdruck von Entfremdung. Solange es also Entfremdung gibt, wird es für ihn Religionen geben.

Die Frage ist heute allerdings: Können bestimmte humane und soziale Elemente von Religion nicht ihrerseits Impulse bieten, Entfremdung aufzuheben, wobei konsequenterweise, in dem dann weniger entfremdeten Zustand, Religion eine ganz neue und bleibende (!) Rolle erhält und eben nicht verschwindet. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und die mit ihr eng verbundenen Basisgemeinden sind ein Beleg: Christliche Religion, kritisch reflektiert, ist ein Impuls, Entfremdung zu überwinden. Die “alte Religion”, etwa in der Gestalt des autoritären Vatikans, hat diese Entfremdung überwindende Befreiungs-Theologie weithin bekämpft und ausgeschaltet, weil diese herrschenden Institutionen selbst offenbar in die alte entfremdete Welt bewusst und unbewusst eingebunden waren und sind. Heute erleben wir weltweit wieder ein riesiges Come-back der entfremdeten und entfremdenden Religionen, man denke an gewisse große Trends unter Evangelikalen und Pfingstlern und Neokonservativen im römischen Katholizismus. Die von Lukács angestossene Debatte ist also aktuell. Erst eine zur Vernunft kommende Religion, Kirche usw., hat die Chance, sich nicht-entfremdend, also umfassend-human zu zeigen.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Fromme Millionäre, radikale Priester: Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

Fromme Millionäre, radikale Priester

Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

Von Christian Modehn

Anlässlich der Fußball WM in Brasilien interessiert sich der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ naturgemäß für Philosophien und Religionen (und für das Spielen als Spielen) in Brasilien; zur Philosophie in Brasilien heute mit einem aktuellen Hinweis auf die Befreiungsphilosophie in Brasilien und zur Philosophie des Spielens haben wir schon Hinweise und Anregungen publiziert.

Wir wundern uns, dass unseres Wissens kein Buch aktuell erschienen ist (in deutscher Sprache) zu dem überaus spannenden Thema Religionen in Brasilien. Wir haben früher auf dieser website auf die Camdomble Religion mit ihrem beachtlichen Kulturzentrum in Berlin hingewiesen (klicken Sie hier) und auf den durchaus weltbekannten Erzbischof Dom Helder Camara, Recife, (klicken Sie hier), der als der große Bischof der Armen, als Aktivist für Menschenrechte und Demokratie und selbstverständlich für eine offene römische Kirche von Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger letztlich kaltgestellt wurde; sein befreiungstheologisches – pastorales Werk in Recife wurde de facto auf Befehl der Herren in Rom vernichtet. Jetzt klagen die Bischöfe über den Vertrauensschwund, den der römisch-katholische Glaube auch in Brasilien durchmacht… Aber das nur am Rande.

Es gibt also keine aktuellen kritischen Studien über die Religionen in Brasilien. Druckerzeugnisse über Brasilien von „kirchlichen Hilfswerken“ sind naturgemäß eher Werbebroschüren…

Wer sich für Protestgruppen in Brasilien gegen das ganze Ausmaß von Verschwendung und Korruption der FIFA interessiert, gegen die sinnlose Bauwut und die Repression der Polizei usw… sollte sich mit der Protestbewegung “Comite Popular da Copa” befassen. “Das Comite repräsentiert soziale Bewegungen, Favelabewohner, Studenten, Professoren usw.”, berichtet Pedro Costa, Rio,  in einem Interview mit Philipp Lichterbeck in “Der Tagesspiegel” vom 10. Juni 2014, Seite 2. “Es geht uns um Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat. Alle drei wurden im Namen der WM in Brasilien schwer verletzt, unser Dossier dazu umfasst 170 Seiten”. Wer Portugieisch lesen kann, sollte diese website dieser Basisbewegung studieren:

http://www.portalpopulardacopa.org.br/

Erste kritische Hinweise zum Thema Kirchen in Brasilien bietet das sehr lesenswerte Buch „Brasilien. Ein Länderporträt“ von Jens Glüsing, das im Ch. Links Verlag 2013 erschienen ist. Wir empfehlen das Buch insgesamt.

Es bietet interessante Reportagen zum Thema, etwa in dem Kapitel „Brennende Wälder und streitbare Priester“ vor allem über den schon  weltweit bekannten katholischen Bischof Erwin Kräutler in der Stadt Altamira am Rio Xingu. Kräutler und einige Pfarrer und Nonnen sind entschiedene Verteidiger nicht nur der Rechte der indigenen Völker; sie klagen Brasiliens und die mit ihnen verbandelten europäischen und us-amerikanischen Kapitalisten an und die mit ihnen kooperierenden Regierungen Brasiliens, den Regenwald zu verschachern und damit auch ökologische Katstrophen großen Ausmaßes zu befördern.  „Holzhändler und Rinderzüchter machen sich die Abwesenheit des Staates hier zunutze. Sie teilen die Waldgebiete in Parzellen auf, fälschen Eintragungen ins Grundbuch und vertreiben die Kleinbauern dort mit Waffengewalt… Von der Regierung ist keine Hilfe zu erwarten…“ (. 112 f).  Hilfe kommt für die Armen (und für den Regenwald) von dem mutigen Priestern und Nonnen, eben auch von Bischof Kräutler, der wegen seines Engagements mehrfach Attentaten der Verbrecherbanden ausgesetzt war;  jetzt kann er sich nur noch mit Body-Guards auf die Straße wagen. Bischof Kräutler ist einer der letzten entschiedenen Bischöfe für die Befreiungstheologie. Man hat nicht den Eindruck, dass vom Papst Franziskus bis zu allen Bischöfen Brasiliens laut und vernehmlich gesagt wird: „Bischof Kräutler, wir unterstützen dich mit ganzem Herzen und mit allen politischen Konsequenzen; dein Kampf ist unser Kampf“.

Inzwischen ist der junge brasilianische Klerus weitgehend und mehr an klerikalen Aufgaben in gut betuchten Stellungen interessiert als am politischen Dienst an den Armen: „Heute achten die kirchlichen Ausbilder vor allem darauf, dass die Nachwuchspriester schön das Halleluja singen“, klagt Padre Amaro de Souza, ein Mitstreiter der ermordeten Nonne Dorothy Stang, auch sie hat die Rechte der Armen dort verteidigt. (s.S. 119). Aber lesen sie selbst in dem empfehlenswerten Buch…Die Nonne Dorothy Stang, 78 Jahre alt, wurde von Auftragskillern der Rinderzüchter umgelegt, sie hatte die vertriebenen Kleinbauern verteidigt. “Der Mörder lauerte ihr im Urwald auf, sie las ihm noch ein Gleichnis aus der Bibel vor, bevor er sie in den Hinterkopf schoss. Bischof Kräutler predigte auf ihrer Beerdigung” (so Jens Glüsing, Seite 117).

Ein anderes Kapitel verdient genau so viel Aufmerksamkeit. Es ist überschrieben „Von Göttern, Entertainern und Wunderheilern. Brasiliens Supermarkt der Religionen“, auf den Seiten 145 bis 160.  Darin breitet Jens Glüsing das Spektrum der so genannten Pfingstkirchen aus, berichtet von jenen Pastoren, die glauben, vom heiligen Geist berufen zu sein, glanzvolle Kirchen zu bauen und den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. In einer gründlichen Recherche zeigt Glüsing, wie die Pfingstgemeinden schnell Millionen Mitglieder gewinnen, weil der Katholizismus einfach zu klerikal ist und keinen „direkten Zugang zu Gott“ bietet, „während im Katholizismus der Glaube über den Pfarrer vermittelt wird“ (S. 149).  Glüsing zeigt den Konkurrenzkampf dieser verschiedenen Pfingstkirchen auf, er nennt etwa Pastor Silas Malafaia, der ein „Imperium von 120 Gotteshäusern leitet, in einem Vorort von Rio baut er gerade eine neue Halle für 10.000 Leute“ (S. 150). „Sein Kirchenimperium leitet Malafaia von einem riesigen Neubaukomplex im Westen Rios. Es geht zu wie in einem multinationalen  Unternehmen, die Zufahrt wird von einem privaten Sicherheitsdienst kontrolliert usw…“ ( s. 151). Veranstaltet wird auch der „Marsch für Jesus“ mit einer halben Million Teilnehmern in Sao Paulo, propagiert wird dort die Heilung von der Homosexualität. Im Kongress setzen sich die frommen geldgierigen Pfingstler – Politiker gegen jegliche Abtreibung ein, sie wollen liberale Gesetze kippen… Das Fazit von Jens Glüsing: “Kirchen sind ein lukratives Geschäft“ (S. 152). Hingegen: „Zahlreiche Gangsterbosse und Auftragskiller sind zu Predigern geworden. Pfingstkirchen und Kokainmafia leben in Rios Favelas oft in Symbiose“, schreibt Jens Glüsing (S. 153).

Das Buch “Brasilien. Ein Länderporträt” (Ch. Links Verlag Berlin) weckt das Interesse, mehr Informationen über Religionen in Brasilien zu erhalten, etwa über den dort sehr starken Spiritismus, über die stetig wachsende Zahl (junger) Menschen dort, die sich Atheisten nennen, die Basisgemeinden, den Islam dort oder den Buddhismus usw. Interessant ist, dass offenbar theologische – liberale Kirchen dort äußerst schwach vertreten sind. Sie könnten aber zeigen, dass zur Religiosität bzw. Spiritualität immer auch das kritische, auch das religionskritische Bewusstsein gehört.

Copyright: Christian Modehn Berlin, RPS.

Die lateinamerikanische Theologie der Befreiung

Der folgende Beitrag ist der Text einer RADIO Sendung des Saarländischen Rundfunks 2005.

Wir weisen auf aktuelle Ergänzungen vom 9.5. 2016 hin mit Beiträgen des kompetenten Befreiungstheologen Kardinal Lorscheider über die “Option für die Armen”, die unglückliche Rolle von ADVENIAT” usw. Klicken Sie zur Lektüre dieses Beitrags hier.

Ein “Vorwort” am 4. 2. 2011: Mich freut es sehr, dass dieser Beitrag vielfach gelesen und hoffentlich auch verbreitet wird. Ich weise nur noch einmal darauf hin, dass dieser Beitrag, eine Ra­dio­sen­dung, aus dem Jahr 2005 stammt. Die Befreiungstheologien haben sich seit der Zeit natürlich weiter entwickelt. Ich arbeite daran und hoffe, bald Aktualisierungen zu bieten. Aktuelle Themen könnten sein: Die Zusammenarbeit von Papst Johannes Paul II. mit dem us amerikanischen Präsidenten Reagan im gemeinsamen Kampf gegen die Befreiungstheologie; die direkte und indirekte Unterstützung für Diktatoren in Chile, Argentinien, Brasilien usw. Die enge sehr freundschaftliche Verbindung Johannes Paul II. mit dem erklärten Gegner der Befreiungstheologie, dem Chef der Legionäre Christi, Marcial Maciel; die Rolle des opus dei als Motor des kampfes gegen die Befreiungstheologie wäre zu untersuchen, abgesehen von den genau wichtigen Themen wie der Rolle der Theologinnen in der Befreiungstheologie, die Bedeutung der indigenas Religionen, der afrobrasilianischen Kulte usw. Die neue “Macht” der Pfingskirchen und die offiziell theologische Degradierung der Basisgemeinden usw…

Eine weitere Ergänzung am 2.3.2016 zu Kardinal Müller, Rom, und der Theologie der Befreiung bzw. der so laut herausgestellten Freundschaft von Gustavo Gutierrez und Gerhard  Müller, Rom, klicken Sie hier.

Das Thema gehört in einen “religionsphilosophischen Salon”, weil diese lateinamerikanische Theologie eng mit den großen Perspektiven einer freien, einer emamzipierten Welt verbunden ist.

“Für mich ist der christliche Gott genau der Gott der universalen Gerechtigkeit. Und das ist der Gott, der das Leben ALLER Menschen will. Wer zu Gott DU sagt, und den Mitmenschen zum Objekt seiner Interessen erniedrigt, der betet nicht zu Gott, sondern zum privaten Hausgötzen seiner partikulären Interessen. Es geht um eine Theologie, die Stachel im Fleisch bleibt. Es steht dein ewiges Heil am Spiel, ob du bereit bist, den zu sehen, der nichts zu essen hat”.

Martha Zechmeister ist Ordensfrau und Professorin für katholische Theologin an der Universität Passau. Regelmäßig arbeitet sie als Dozentin auch in Lateinamerika, vor allem im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Sie teilt dort mit den Armen die bescheidenen Behausungen, erlebt die tägliche Sorge um sauberes Wasser und halbwegs genießbare Nahrung. Die meisten Bewohner in diesem Land leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Wirtschaft ist – wie fast überall in Lateinamerika – am Boden. Das Elend wächst und damit auch die Bereitschaft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aber die Armen fragen in den christlichen Gemeinden nach der Bedeutung des Glaubens inmitten von Elend und Unterdrückung. Dabei hat Martha Zechmeister entdeckt, dass der Kern des Christentums eigentlich etwas ganz Einfaches ist:

“Die Herrlichkeit Gottes ist der Mensch, der lebt. Das heißt mich: Ohne die Armen kein Heil. Das ist nicht ein spirituelles Problem, sondern das ist ein politischer Anspruch”.

In Lateinamerika stellen sich heute zahlreiche katholische, aber auch etliche protestantische Theologen den politischen Ansprüchen des Glaubens. Frei Betto, Jon Sobríno, Elsa Támez, Paulo Suess, Leonardo Boff, Gustavo Gutiérrez: Sie und viele andere Theologen haben sich entschieden, für die Hungernden, die Ausgrenzten und Arbeitslosen Partei zu ergreifen. “Option für die Armen” heißt ihr Motto. Zum ersten Mal in der Geschichte der Kirchen gibt es eine systematisch ausgearbeitete Theologie der Unterdrückten; eine “Wissenschaft von Gott und dem Glauben”, die nicht am Schreibtisch entsteht, sondern im Einsatz für mehr Gerechtigkeit. Der peruanische Priester Gustávo Gutiérrez hat vor 35 Jahren diese “teología de la liberación”, die Theologie der Befreiung,  in ihren Grundzügen formuliert. Bei einer Konferenz in Frankreich sprach Gustavo Gutiérrez kürzlich erneut über seine wichtigsten theologischen Lehrmeister:

“Wir nennen diese Menschen die Bedeutungslosen. Sie haben keine Bedeutung für die Wirtschaft. Sie zählen nichts aufgrund ihrer Hautfarbe. Sie zählen nichts, weil sie Frauen sind. Diese wirkliche Ausgrenzung und Armut ist der Ausgangpunkt unserer theologischen Überlegungen. Denn wir sind überzeugt,  die Frage der Armut ist nicht nur ein soziales Problem. Vielmehr wird von der Armut her unser ganzes Verstehen der christlichen Botschaft geprägt”.

In der ursprünglichen Predigt Jesu werden die Armen selig gepriesen, ihnen gehöre das Reich Gottes, sie seien von Gott besonders geliebt. Die Kirchen haben diese biblischen Weisungen zwar nie ganz vergessen. Aber erst lateinamerikanische Befreiungstheologen haben diese Forderungen wieder in die Mitte kirchlicher Praxis gestellt. Sie erinnern daran, dass Jesus von den Reichen verlangte, den Besitz zu teilen. Auch einige Bischöfe unterstützen diese Theologie, die so leidenschaftlich an einer besseren Welt interessiert ist, zum Beispiel der inzwischen pensionierte Kardinal Evaristo Arns aus Sao Paulo in Brasilien:

“Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen”.

Befreiungstheologen wollen das leibliche, das materielle Wohlergehen der Armen fördern. Nur so kann für sie Kirche glaubwürdig sein! Glaube darf niemals beruhigendes Opium werden, “der Himmel soll geerdet werden”, sagen sie. Die Erlösung durch Gott muss auch weltlich und politisch erfahrbar sein. Dagegen haben führende Vertreter des Vatikans bis hin zu Papst Johannes Paul II. entschieden protestiert. Auch Kardinal Ratzinger meinte als Chef der Glaubenskongregation, die Befreiungstheologen leugneten den Himmel, wenn sie für die irdische Gerechtigkeit hier und jetzt eintreten. Ganz auf dieser Linie denkt ein führender Mitarbeiter der vatikanischen Behörden Jorge Medína Estévez:

“Wenn man die Befreiungstheologie in einem horizontalistischen, also bloß weltlichen Sinne versteht, dann reicht das nicht! Es ist falsch zu glauben, die Rettung durch Christus betrifft vor allem die Veränderung der menschlichen Strukturen, die Arbeitsstrukturen und die ökonomischen Verhältnisse der Armen. Damit hat die Rettung durch Christus nichts zu tun. Denn der wahre katholische Glaube betrifft vor allem das Herz des Menschen. Der Arme ist für den Christen jemand, in dem Christus sichtbar wird. Es geht nicht um den Armen selbst, sondern darum, den Armen in Christus zu sehen”.

Kardinal Medina war in den achtziger Jahren als Erzbischof in Valparaíso, Chile, einer der engsten Freunde und Mitarbeiter des Diktators Augusto Pinochet. Noch als Kurienkardinal in Rom setzt er sich für den Diktator ein. Medina hat auch dafür gesorgt, dass Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Santiago de Chile vom Diktator aufs herzlichste empfangen wurde und mit ihm eine Privat-Messe feierte. Befreiungstheologen haben dagegen protestiert! Aber ihnen ist es wichtiger, gegen eine abwegige Frömmigkeit zu kämpfen, die den Armen sozusagen “vergeistigt”, zu einem Objekt der Christus-Frömmigkeit macht! Den Befreiungstheologen geht es tatsächlich um die Armen als Arme in ihrer Armut! Sie kämpfen für ein besseres Leben hier und jetzt. Und sie glauben, dass genau dies der Wille Gottes ist. Der weltweit bekannte brasilianische Befreiungs-Theologe Leonardo Boff hat diese Meinung vertreten. Er wurde nach vielfachen Schikanen von Rom mit Rede- und Schreibverbot bestraft. Mitte der neunziger Jahre resignierte er und gab sein Priesteramt auf. Ob er noch einmal rehabilitiert wird und die kirchliche Lehrbefugnis, die missio canonica, erlangt?

“Da ich gerade so die Haltung habe, die sehr kritisch ist und deswegen auch mich nicht ganz in der Linie von Rom mich fühle, werde ich nie diese missio canonica bekommen. Und ich bedauere diese Situation, weil es die Freiheit in der Kirche einschränkt und man kann nie eine gute Theologie treiben, ohne Freiheit, ohne Kreativität”. .

Der Vatikan hat mit seiner Politik der Bischofsernennungen die Befreiungstheologie in allen Ländern Lateinamerikas systematisch untergraben. Konservative Oberhirten sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. So entspricht die Kirche auch den Vorstellungen der Machthaber in den Ländern selbst, vor allem aber den Wünschen der allmächtigen US Regierung. Für sie heisst “Option für die Armen” immer noch “Option für den Kommunismus”; eine abwegige Vorstellung, die so oft  widerlegt wurde, aber immer noch in den Köpfen der Herrscher herumspukt. Ludger Weckel hat am Institut für Politische Theologie in Münster diese globale Kirchenpolitik am Beispiel El Salvadors genau beobachtet:

“Der ermordete Erzbischof Romero 1980 war einer der ganz grossen Verteidiger der Befreiungstheologie an der Seite der Armen. Ist deswegen umgebracht worden. Sein Nachfolger war durchaus eher in der Linie, ein eher vorsichtiger Mensch, aber trotzdem in der Linie der Befreiungstheologie. Und heute ist ein Erzbischof, in San Salvador am Werk, der ist in erster Linie Militärbischof und als solcher auch mit seinen Positionen vertreten. Und favorisiert in diesem Bistum ganz eindeutig sehr konservative, sehr reaktionäre Kräfte”.

Und die machen sogar auch noch den bescheidenen Studienzentren der Befreiungstheologie das Überleben möglichst schwer. Die Theologieprofessorin Martha Zechmeister hat dies bei ihren Studien – Aufenthalten in San Salvador erfahren:

“Repressalien gibt s genug. An der UCA, der Universität der Jesuiten, haben die Diözesan Priester von San Salvador das Verbot dort zu studieren. Und Ordensgemeinschaften,  die dürfen nicht auf Diözesangebiet wohnen. Also die müssen lange Fahrwege in Kauf nehmen. Der Erzbischof verweigert das Wohnrecht. Also es sind Repressalien massiver Natur. Verrückt auch!”

Aber in gewissem Sinne “verrückt” erscheint es vielen Beobachtern, dass sich die Befreiungstheologen und die mit ihnen verbündeten Armen NICHT mundtot machen lassen. Darin folgen sie ihrem Vorbild, dem von Militärs ermordeten Erzbischof Oscar Romero aus San Salvador. Seiner Vision folgend, halten sie daran fest, nach einem “geerdeten Himmel” zu suchen. Dabei nehmen sie es in Kauf, dass sich die Wohlhabenden und Reichen von ihnen abwenden. Professor Martha Zechmeister erlebt dies ständig in der Kathedrale von San Salvador:

“Die Unterkirche ist die Krypta Monsignore Romeros. Und da sind die Campesinos, die ihren Tagesmarsch hinter sich haben und wo das Volk feiert mit ihrem Märtyrer in einer sehr vitalen und ausdrucksstarken Weise. Und sie haben darüber die Kathedrale, die ist jetzt in einem Neoklassizismus wunderbar vollendet. Und da feiert Erzbischof Saenz, der jetzige Opus Dei Erzbischof von San Salvador, seine Hofliturgie, mit dem Präsidenten in der ersten Reihe. Frauen in hübschen Kostümchen, Uniformen, sammeln die Kollekte ein. Und da gibt es auch die einzige Orgel im Land. Es sind auf engsten Raum zwei kirchliche Welten, die nicht kompatibel sind”.

Heute wird in der Öffentlichkeit bereits von einer Spaltung der katholischen Kirche in Lateinamerika gesprochen, vom einer Spaltung zwischen Reichen und Armen Christen. Die wenigen Begüterten haben ihre eigenen “Wohlstandstheologen”. Sie gehören vor allem zum Umfeld der Geheimorganisation Opus Dei und der Ordensgemeinschaft Legionäre Christi. Aber von diesen Problemen abgesehen: Die Armen und die mit ihnen verbündeten Theologen haben noch viel heftigere Konflikte auszustehen:

“Unsere größte Schwierigkeit, für die Befreiung einzutreten, kommt von der politischen Macht, von der ökonomischen und militärischen Macht; diese Systeme töten die Christen, sie haben Erzbischof Romero getötet und Hunderte von engagierten Christen”.

Die Liste der Opfer ist lang. Wer im Engagement für die Befreiung sein Leben ließ wird oft wie ein Heiliger verehrt. Die Täter sind meist bekannt: Denn der gezielte, zum Teil tödliche Kampf gegen die Befreiungstheologen und ihre Freunde wird besonders von den USA aus organisiert. Inzwischen hat Amnesty International nachgewiesen, dass vor allem in der Militärakademie “School of Americas” im Bundesstaat Georgia Tausende von Scharfschützen im Kampf gegen die aufmüpfigen Armen Lateinamerikas ausgebildet wurden. Aber die engagierten Gruppen lassen sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, an der Basis entstehen immer mehr Initiativen, NGOs wie man heute gern sagt. Sie versammeln sich regelmäßig, z.B. bei den Treffen des Weltsozialforums. Der Befreiungstheologe Franz Hinkelammert aus Costa Rica war bei diesen Treffen in Brasilien dabei:

“Es entsteht ein Christentum auf der Strasse. Diese Gruppen, die sich heute etwa in Porto Alegre treffen haben eine enorme Partizipation von christlichen Personen; aber auch christliches Denken spielt eine grosse Rolle.  Aber Christentum geht wieder auf die Strasse, da habe ich überhaupt keine Zweifel,. Und zwar auf eine sehr autonome Art und Weise. Die machen richtige Gottesdienste und die holen dann auch mal einen Priester dazu, oder auch nicht. Aber da ist eine selbstständige Welt am Entstehen”.

Aber diesen Basis-Gruppen weht der Wind stärker denn je ins Gesicht. Die ökonomische Macht in den reichen Ländern nimmt immer mehr Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas. Die Völker werden wegen der hohen Auslandsverschuldung so unter Druck gesetzt, dass sie den Weisungen der internationalen Konzerne Nordamerikas und Europas folgen müssen. Um des Profits willen werden gewisse soziale Errungenschaften in Frage gestellt, wie das Verbot der Kinderarbeit, der Streik der Gewerkschaften, der Mutterschutz, die Krankenversicherung, die Umweltgesetze usw. Sie gelten den Herren der allumfassenden Privatisierungen als “Marktverzerrungen”. Und die  müssen abgeschafft werden! Der Theologe und Ökonom Professor Franz Hinkelammert aus Costa Rica spricht in dem Zusammengang von dem Kampf der Basis gegen das allmächtige Imperium:

“Die grossen Schritte gibt s nicht im Moment, aber es gibt unglaublich viele Volksbewegungen, in Argentinien, Venezuela usw. Die Sache ist nicht verloren, wenn auch die Volksbewegungen das Imperium selbst nicht treffen können, das ist klar”.

Es sind die Theologen der Befreiung, die Ordensleute sowie die gebildeten Frauen und Männer aus aktiven Gemeinden, die sich der Allmacht der globalisierten Wirtschaft immer noch widersetzen. Sie haben inzwischen viele Mitstreiter gefunden. Zum Beispiel: 180 Millionen Hektar Ackerland liegen in Brasilien brach, es gehört den Großgrundbesitzern. Und gleichzeitig hungern Millionen Menschen! In ihrer Not besetzen immer mehr Arme das ungenutzte Land;  für sie die einzige Chance zu überleben. Die brasilianische Bewegung der Landlosen ist daraus entstanden, sie zählt mehr als 400.000 Mitglieder. Der Franziskaner Pater Augustinus Diekmann aus Bacabal in Nordost-Brasilien unterstützt diese Gruppen.

“Das Bezeichnende ist nicht nur an der Landlosen-Bewegung,  sondern auch an anderen Basisbewegungen in Brasilien ist, dass die mehr und mehr unabhängig geworden sind, unabhängig von Kirchen, Parteien, von Gewerkschaften und anderen sozialen Gruppierungen. Was ich sehe begrüsse: Wer dort mitmachen will, kann das tun, auch wir von der Kirche, Aber wir haben nicht in erster Linie das Sagen. Das Positive ist, dass eine betroffene Gruppe, nämlich die Landlosen, ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben”.

Die Ideale der Befreiungstheologie sind nicht totzukriegen: Die größte brasilianische NGO ist das Werk “Crianza, Hilfe für elende Kinder”. Einige Millionen Heranwachsender wurden durch diese Initiative eines gesundheitlichen Basisdienstes vor dem Tod bewahrt! Gegründet hat diese Bewegung “Crianza” die brasilianische Ärztin Zilda Arns, sie ist die Schwester von Kardinal Arns:

“Wir haben 262.00 ehrenamtliche Menschen, die uns helfen, von diesen die meisten leben in ganz armen Gemeinden. Die Armen helfen den Armen! Wir geben Kurse zur Bildung dieser Armen, dass gut die Kinder können aufpassen, gesund und Erziehung und alles. Und dann diese armen Leute vermehren die Solidarität mit den anderen Familien, den Nachbarn. Und dann haben wir eine Million und dreihundert tausend  Familien, die jeden Monat sind besucht. Es ist wichtig, dass wir gute Krankenhäuser haben, aber es ist mehr wichtig die Prävention”.

In einer Situation, in der selbst progressive Parteien von Korruptionsskandalen erschüttert werden, sind oft die christlichen Gemeinden und ihre Befreiungstheologen noch die einzigen Verteidiger der Menschenrechte. Bischof Erwin Kräutler vom Riu Xingu in Brasilien versteht sich als “ökologischer Befreiungstheologe”, wenn er sich gegen die globalen Rodungen der Wälder in der Amazonas Region wehrt:

“Da brennen einem die Augen Tag und Nacht vom Rauch. Da fahre ich hunderte Kilometer im Jeep, und was ich in diesen Monaten sehe, ist nichts als Asche und verkohlte Baumstämme auf beiden Seiten der Strasse. Alle 500 Meter kommt mir zudem ein schwerbeladener Lastwagen entgegen  aus dem nicht noch nicht abgebrannten Urwald und aus den Indianerreservaten werden Tausende von Kubikmetern Mahagoni Holz in die Nächste   geschickt. Auch dieses Holz gehört nicht den Brasilien, sondern den Europäern und den Nordamerikaner. Die Kirche darf nicht neutral bleiben, denn es geht um Leben und Tod. Tatenlos zuzusehen wie Gottes Schöpfung zerstört wird, das ist Gottes Lästerung”.

Die Christen, die immer noch für die Befreiung von sozialer Ungerechtigkeit kämpfen, haben eine spirituelle Heimat, einen Ort, wo sie religiöse Kraft empfangen für ihr stets bedrohtes Leben. Und das sind die kleinen, überschaubaren Basisgemeinden. Allein in Brasilien sind über eine Million Menschen mit ihnen verbunden. Pater Augustinus Dieckmann:

“In diesem Netz der Basisgemeinen ist gar nicht wegzudenken diese Verkoppelung von Glauben und Leben. Zum Beispiel eine viel stärkere Nachbarschaftsstruktur als hier in Deutschland, auch unter Christen. Dass es einem nicht egal ist, wie es den Alten geht, wie es den Kindern geht, ob die Schule funktioniert. Es ist nicht eine Gemeinde, die man mit einem Supermarkt vergleichen könnte, wo die Kirche halt Dienstleistungen und darunter auch die Sakramente anbietet, es geht eher in die Richtung eines persönlichen Engagements. Ich entscheide mich dafür, weil ich von meinem Glauben überzeugt bin, dass es gut ist, in solch einer Gemeinschaft mitzumachen”.

Die Mitglieder der Basisgemeinden wählen als demokratisch strukturierte Gruppen ein Team von Frauen und Männern zu Gemeindeleitern. Und diese Verantwortlichen möchten gern auch die Messe mit ihren Kreisen feiern. Aber der Vatikan ist strikt dagegen, er zeigt sich wie übermächtiger Verwaltungs-Apparat: Nur zölibatären Priestern erlaubt er die Feier der Eucharistie. Viele tausend Basisgemeinden in ganz Lateinamerika müssen darum auf die Messe verzichten, weil es viel zu wenige Pfarrer gibt. Gegen diese vom Klerus bestimmte Kirchen-Struktur wehren sich Befreiungstheologen, wie zum Beispiel Pater Heribert Rembecki aus Bacabal in Nordost-Brasilien:

“Wir haben eine komplizierte Art, Kirche zu verwirklichen. Wir haben eine komplizierten Apparat, wir müssen unsere Missionsarbeit, unsere kirchliche Arbeit, viel viel einfacher machen. Weniger zentralistisch. Und immer mehr Laien auch Verantwortung übergeben, nicht nur mal hier und da”.

Die Katholische Kirche Lateinamerikas steht vor einer globalen Wende: Die Befreiungstheologen, offiziell eingeschränkt und manchmal verteufelt, arbeiten an der Basis weiter. Auf der anderen Seite pflegt Rom beste Kontakte zu den politisch-ökonomischen Herrschaftseliten. In dieser Situation wenden sich viele tausend lateinamerikanische Katholiken den modern erscheinenden, flexibel agierenden evangelischen Pfingstkirchen zu. In manchen Ländern gehört schon jeder Fünfte diesen eher fundamentalistisch frommen Gemeinen an. Nur wenige katholische Bischöfe haben überhaupt noch den Mut, Reformen anzumahnen. Zu ihnen gehört Bischof Norberto Strothmann aus Chosica in Peru:

“Wir brauchen als Motivationsschub eine starke eine starke sozialengagierte, linke Theologie. Sie müssen davon ausgehen, dass wir in Lateinamerika in einer Unrechtssituation sind. Und es kann doch nicht sein, dass der katholische Kontinent, was soziale Ausgewogenheit angeht, so ziemlich an letzter Stelle auf Weltebene herumhantelt. Das bedrückt mich und macht mich ungeheuer besorgt. Wenn Sie in dem Zusammenhang eine Diagnose erlauben, ich würde wünschen, dass Rom so etwas hört: Wenn das noch 20 Jahre so weitergeht, dass zu sozialen Fragen nicht dezidierter Stellung genommen wird, dann könnte es zu einem grossen Erdrutsch kommen. Denn man sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, die Zuwachsraten bei den rechtsgerichteten Sekten christlicher Provenienz sind sehr hoch, aber es könnte auch so sein, dass die Enttäuschung über die katholischen Kirche ihr noch mal leicht 50 Prozent ihrer Mitglieder wegbrechen lassen könnte”.

Die offizielle Ausgrenzung der Befreiungstheologie hat die Glaubwürdigkeit der Kirche beschädigt. Die Armen fühlen sich alleingelassen, wenn nicht verraten von dieser weltumspannenden kirchlichen Organisation, die offenbar selbst Teil der globalen Herrschaft geworden ist. Anders können es sich die Armen ja nicht erklären, dass der Vatikan ungerührt an uralten, im europäischen Mittelalter entstandenen Kirchengesetzen festhält und diese den Lateinamerikanern heute aufdrängt. Wer kann es den Armen dann verdenken, wenn sie jetzt ihr Heil in kleinen, überschaubaren Pfingstgemeinden suchen? Ob sie dort eine Antwort finden für ihre Suche nach umfassender Befreiung ist allerdings die Frage. Es bleibt ein mühevoller Prozess, “den Himmel zu erden”.