Artikel mit Stichwort ‘ Bittgebete ’



Die verschmähte Poesie: Die Gebete

1. Juni 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wieder wird in Berlin (wie in vielen anderen Städten) ein Poesie-Festival veranstaltet (vom 3. bis 11. Juni 2016. Eine wunderbare Chance, sich mit einer Literatur vertraut zu machen, die heutzutage nicht gerade sehr viele Menschen zum Lesen und Nachdenken bewegt. Ob Poesie immer schwierig sein muss, ist ein wichtiges Thema. Uns interessiert hier ein anderer Aspekt.

Zuerst einige Andeutungen zum Problem, bevor das eigentlich Plädoyer formuliert wird.

Eigentlich gehört zu Poesie auch das Gebet. Man denke bitte an die 150 Psalmen der Bibel. Dieser Zusammenhang galt, so denke ich, bis ins 19. Jahrhundert, war eher selbstverständlich, wenn auch dabei poetische Texte geschaffen bzw. propagiert wurden, die eher für den frommen, begrenzten Alltagsgebrauch im Gottesdienst bestimmt waren. Für diese Erbauungs-Poesie war das Reimen das Allerwichtigste: „Maria du feine, du bist ja die Reine“, „Gott du bist groß, drum lass uns nicht los“ usw. Solche Gebete werden als Lieder heute noch in katholischen Kirchen gesungen und in evangelikalen Songs als „Sacro-pop“ geschmettert. Dagegen ist im Rahmen kultureller und religiöser Freiheit gar nichts zu sagen. Nur haben eben diese schlichten Ergüsse den Gedanken blockiert, es gebe auch anspruchsvolle Poesie, die sich als Auslegung sehr persönlicher religiös gestimmter Lebensdeutung versteht. Insofern haben die frommen Reimereien vieles seriöse Nachdenken übers Beten verhindert. Und das Gebet ALS Poesie ins Irreale abgeschoben.

Aber weil nun einmal in unserer angeblich säkularisierten Kultur die Gottesfrage nicht ins persönliche Fragen und Erleben gerät, sondern meist in der Abstraktion, auch soziologisch, diskutiert wird, gibt es auch kaum eine schöpferische poetische Leistung, die von sich sagt: Das ist meine religiöse, das ist meine aus der glaubend-zweifelnden-suchenden Daseinsauslegung folgende Poesie. Das sind meine Gebete.

Weiter kommt hinzu, dass viele allgemein Gebildete eben religiös und theologisch katastrophal ungebildet sind (und sich dessen auch nicht schämen) und sagen und glauben, Gott Vater habe einen Bart, der heilige Geist sei eine Taube und zur Trinität gehören Maria, Josef und Anna. In einer Kultur zerbrechender religiöser Aufgeklärtheit und Kenntnis kann Gebet als Poesie gar nicht entstehen.

Wenn es heute Chancen gibt, poetische Texte zu erleben und dann auch zu schreiben und ins Gespräch zu stellen, dann ist eine Voraussetzung unabdingbar: Gebete sind Äußerungen von verschiedenen Menschen, von leibhaftigen Subjekten. Gebete sind nicht hübsch verpackte dogmatische Wahrheiten, wie sie im Katechismus stehen. Gebete, wenn sie denn ernst genommen werden sollen in der allgemeinen Kultur der Poesie, sind nur als Sprache des einzelnen denkbar, mit aller Freiheit, die das Sich-Aussagen nun einmal mit sich bringt: Also, wenn man so will, heute fällt Gebet als Poesie wie alle Poesie aus dem Rahmen des Gewöhnlichen. Auch Gebete ALS Poesie sind provokativ.

Einige Hinweise zur Sache selbst:

Nicht nur da, wo religiöse Poesie, wo Gebet drauf steht, ist Gebet enthalten. Oft stimmt das Gegenteil. Die sprachliche Weite des Gedichts öffnet beim Leser möglicherweise Inspirationen, Gefühle und Erkenntnisse des Transzendenten. Nicht religiöse Gedichte können religiös sein, das ist ein eigenes Thema, auf das hier hingewiesen wird. Deutlich ist die Aussage von Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Die Auferstandenen“:

Wo sind

Die Auferstanden

Die ihren Tod

Überwunden haben

Das Leben liebkosen

Sich anvertrauen

Dem Wind.

Kein Engel

Verrät

Ihre Spur.

Selbst in der Abweisung von Transzendenz und Göttlichem, von bergendem Sinn, wie auch immer, drückt sich die Sehnsucht aus, die Sehnsucht nach unerreichbarer Ganzheitlichkeit, die Sehnsucht nach Liebe, die gilt, nach Sinn, der auch in der Verzweiflung noch trägt. Da ist das Schreien der Entrechteten, der Geplagten, der Gequälten. Man lese die Neuschöpfungen der Pslamen durch Ernesto Cardenal, geschrieben im Widerstand gegen das Somoza-Regime in Nikaragua.  Klage und seelische Not wird ausgesprochen auch im sehr frommen amerikanischen, aber viel gehörten Song von Elvis Presley „Precious Lord, take my hand…“

„Ich bin müde, ich bin schwach,

Bin getragen

Durch den Sturm, durch die Nacht…

Nimm meine Hand, Precious Lord,

und führe mich nach Hause“.

Anders klingt da schon die Verzweiflung, die sich an Gott wendet (!), im Psalm 22, den, so wird berichtet, noch Jesus von Nazareth, der Gerechte und schuldlos Verurteilte, am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? ich heule; aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht…“

Früher kannten viele religiöse Menschen „ihre“ Psalmen und „ihre“ oft doch ansprechenden Paul-Gerhardt-Gedichte auswendig. Gebet als Poesie war Lebenshilfe. Muss man doch nicht immer gleich als Opium verdächtigen! Diese Verbundenheit mit religiöse Poesie ist wohl verschwunden. Ein auswendig gekanntes Gedicht kann doch auch Ausdruck des eigenen Lebens sein. Und was erleben Menschen, die die Songs von Madonna oder Prince mit-singen? Erleben sie auch Erhebendes in dieser Poesie? Wurde diese Frage schon einmal –empirisch- untersucht?

Der protestantische Theologe Prof. Wilhelm Gräb (Humboldt-Universität Berlin) schließt sich der Neuinterpretation des Gebets ALS persönlicher Poesie an: Er sagt in einem Interview für den Religionsphilosophischen Salon Berlin: Kann Poesie die Form des Betens sein?

Wilhelm Gräb: Da das Beten einen Form gesteigerter Selbstbesinnung und damit der Ausdrücklichkeit in der Bewusstheit unseres Lebens ist, kann es sich besonders gut in metaphorischer Sprache artikulieren. Metaphern bereichern unser Leben. Sie schreiben der Wirklichkeit einen Mehrwert zu. Sie drücken unsere Ängste und Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte aus. Insofern ist die Metaphorik religiöser Sprache gut geeignet, unsere tieferen Empfindungen und unser Wirklichkeitserleben auf dichte Weise zur Sprache zu bringen. Sie holt den Überschuss an Sinn ein. Die vom Reichtum der Metaphern lebende Poesie der Sprache öffnet die Dimension der Tiefe, aus der heraus unser Leben in einen letzten Deutungszusammenhang einrückt. So kann gerade die poetische, dichte Sprache zur Sprache des Gebets werden… Wer sein Leben vor Gott durchdenkt, dem fügt es sich ein in das Ganze eines Sinnzusammenhanges, der auch noch die negativen Erfahrungen mit einem positiven Vorzeichen versehen lässt. Das ist oft ein Ringen, eine Durchdenken von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, aber vor Gott immer in der Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge. Beten ist ein getröstetes Denken“.

Gebet als Poesie – es entspringt wie alle Poesie einer Frage-ewegung. Das heißt: Im Gebet ist die göttliche Wirklichkeit, das absolute Geheimnis, das Göttlich, wie auch immer, eher sehr selten bereits vorausgesetzt. Gott kann nur als Frage formuliert werden, weil er bereits „in uns“ (im Geist) die treibende Dynamik der Frage ist. Der Mensch kann nur nach etwas fragen, wenn er es ansatzweise, ahnungsweise, bereits irgendwie als Vorverständnis kennt, siehe Gadamer, „Wahrheit und Methode“. Diese elementare Einsicht vergessen leider manche Leute.

Wenn ein religiöser Mensch seine Poesie als Bezug zum Göttlichen sagt, dann spricht er seine Beziehung aus, seine Liebe, seinen Wut, sein Ringen, wie das der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis in einem seiner Lieder „Die zegt God te zijn“ aussagt:

„Der da sagt, Gott zu sein.

So lass er doch zum Vorschein kommen

was wir denn an seinem Namen haben

Soll er doch auftreten, damit wir ihn sehn.

Die Stimme aus der Feuerwolke in der Ferne

reicht nicht aus

für diese Erde aus Scherben und Rauch

wo uns kein Leben gegönnt wird“ (Übers. Christian Modehn).

In den Gedichten von Huub Oosterhuis (Amsterdam) wird die „Kultur des poetischen Gebets“ gepflegt: „Beten ist aber viel mehr als Suchen. Beten ist eher Warten. Suchen ist immer noch Aktion und Ungeduld. Warten hingegen ist Aufmerksamkeit“ (Huub Oosterhuis)

Ein besonderes Thema ist die Poesie des Gebets als Bittgebet: Ich spreche mich dem Unendlichen gegenüber aus in der Form einer Bitte. Wenn diese Bitte nicht kleinlich egozentrisch und albern ist, sondern eine Bitte um Frieden, um den Sieg der Vernunft in einer politischen Situation, wo der Wahn um sich greift, dann ist Bitten als Sich Wenden an die göttliche Wirklichkeit durchaus auch anthropologisch noch sinnvoll. Marina Alvisi in Berlin, Yogalehrerin und spirituelle und theologische Meisterin, sagte mir in einem Interview für das Kulturradio des RBB: „Das Bittgebet ist für mich wirklich ein Gespräch mit dem Geliebten, mit dem, der mir am nächsten ist und nach dessen Nähe ich mich sehne die ganze Zeit. Gott ist für mich das Allerliebste. In der Liebesbeziehung spreche ich einfach mit dem anderen Partner. Also ich sage zu meinem Geliebten auch: Du, bitte komm, hilf mir doch. Ich schaffe es nicht allein, komm her, ich brauch dich jetzt, ja. Obwohl man beieinander ist, obwohl man sich kennt. Und trotzdem, bittet man sich gegenseitig um Unterstützung, um Hilfe. Und Gott ist quasi der Geliebte. Es ist wirklich diese Sehnsucht nach Gottes Nähe. Wenn ich danach schreie, dann spüre ich oft auch diese innere Antwort wirklich als tiefe Empfindung, also als Entlastung, dass man sich gereinigt fühlt, dass man sich mehr angekommen fühlt, dass man sich selber wieder besser spürt. Du spürst es im Herzen. Die Antwort ist da, der Ruf ist erhört. In Form von einer starken Liebe, von einer starken Ruhe. Das ist einfach was Intensives“.

Natürlich gibt es auch andere Perspektiven: Wer glaubt, weiß sich in Gott geborgen, er braucht also gar nicht um weitere Geborgenheit zu bitten. Der Mystik-Spezialist Alois M. Haas (Zürich) schreibt: „Meister Eckart lehrt: Wer da um etwas anderes als nur um Gott bittet, der bittet unrecht. Wer immer um irgendetwas anderes bittet, der betet einen Abgott an“.

Ob explizit religiös oder nicht: Poesie ist die Sprache der Lebendigen, derer, die lebendig, geistvoll, bleiben wollen und dies auch aussagen in Versen und Fragen. Dieses Verständnis von Poesie ist entscheidend, betont der Pariser Theologe und Dichter (und Dominikaner-Pater) Jean Pierre Jossua: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegtheit geworden. Sie könnte für sie gar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich könnte man sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen“.

Ist Poesie, ist Lyrik, also immer „irgendwie“ ein Gebet? Darüber ließe sich diskutieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Poesie der Selbsterkenntnis: Ein Versuch über Bittgebete

19. Oktober 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Verschiedene Freundinnen und Freunde des Religionsphilosophischen Salons haben anläßlich einer Radiosendung zum Thema Bittgebet  darum gebeten, das ungekürzte Manuskript zugänglich zu machen. Die Radiosendung im RBB war ja „nur“ 24 Minuten lang. Das Thema Beten und besonders Bittgebete berührt ja auch manchen philosophisch interessierten Leser. Geht es doch darum, in welcher Weise sich Menschen äußern und äußern können im Angesicht des Unendlichen…Eher traditionell fromme Menschen werden das Bittgebet natürlich viel präziser fassen, auch davon ist in der Radiosendung die Rede.  Wir bieten den Text an – in einer für Hörfunk Produktionen üblichen Gestalt. copyright: christian modehn.

RBB Kulturradio, Gott und die Welt,

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet         Sendung am 23.9.2012 Kulturradio RBB

1. SPR.: Berichterstatter

2. SPR.: Zitator

3. SPR.: Übersetzer (overvoice)

22 O TÖNE, zus. 12 00“.

5 Musikal. Zusp.

——————————————-

1. musikal. Zusp., 0 08“ freistehend, dann leise im Hintergrund  (Das Adagio aus Sonate für Klavier und Violine F Dur von Beethoven)

1. O TON,  Göpfert, 0 16“

Ich glaube, es gibt so ein magisches Missverständnis des Beters, als könnte er die Erhörung herbeizwingen, herbei- beten. Durch noch so viele Gebete, die ich aufräufele, kann ich das nicht herbeizwingen! Das wäre, denke ich, ein magisches Missverständnis von Bittgebet.

1. musikal. Zusp., noch mal kurz freistehend

2. O TON, Plattig, 0 16“

Das entscheidende Wunder für mich wäre, dass Menschen durch das Gebet zu einem Umgang mit ihrem Leid finden. Dass einfach ein Prozess in Gang kommt, mit dem Menschen mit ihrem Leid entweder leben können oder sterben können.

1. musikal. Zusp., noch mal kurz freistehend

3. O TON, Alvisi, 0 14“

Das Bittgebet ist für mich wirklich ein Gespräch mit dem Geliebten, mit dem, der mir am nächsten ist und nach dessen Nähe ich mich sehne die ganze Zeit. Gott ist für mich das Allerliebste.

Titelsprecherin:

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet

Eine Sendung von Christian Modehn 1. musikal. Zusp., noch mal 0 06“ freistehend. Dann ausgeblendet.

1. SPR.:

Beten und Lieben sind für Marina Alvisi identisch. Mit Gott ist sie so verbunden wie mit ihrem Mann, dem sie auch alles sagen darf:

4. O TON, Alvisi, 0 22“

In der Liebesbeziehung spreche ich einfach mit dem anderen Partner. Also ich sage zu meinem Geliebten auch: Du, bitte komm, hilf mir doch. Ich schaffe es nicht allein, komm her, ich brauch dich jetzt, ja. Obwohl man beieinander ist, obwohl man sich kennt. Und trotzdem, bittet man sich gegenseitig um Unterstützung, um Hilfe. Und Gott ist quasi der Geliebte.

 

1. SPR.:

Und auch ihn spricht sie unmittelbar an:

5. O TON, 0 30“, Alvisi

Zum Beispiel: „O Du“, „O Du“. Also wirklich wie so ein tiefer Seufzer, der  aus der Seele oder aus dem Herzen kommt. Also diesem Seufzer einen Ausdruck geben, einen Namen geben. Die Seele braucht ein Ventil, um jetzt nicht zu platzen sozusagen vor lauter innerer Sehnsucht. Es ist wirklich diese Sehnsucht nach Gottes Nähe. Wenn ich danach schreie, dann spüre ich oft auch diese innere Antwort wirklich als tiefe Empfindung, also als Entlastung, dass man sich gereinigt fühlt, dass man sich mehr angekommen fühlt, dass man sich selber wieder besser spürt. Du spürst es im Herzen. Die Antwort ist da, der Ruf ist erhört. In Form von einer starken Liebe, von einer starken Ruhe. Das ist einfach was Intensives.

1.SPR.:

Marina Alvisi lebt in Berlin als Lehrerin für Spiritualität. Nur weil sie selbst in enger Verbundenheit mit Gott lebt, kann sie andere Menschen das Beten und Bitten lehren. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem katholischen Theologen Anthony Lobo aus Indien, leitet sie auch eine Yoga – Schule und einen Gesprächskreis über Mystik.

6. O TON: 0 20“, Anthony Lobo
Wenn man ein Verlangen hat, dann ist es auch ein Bittgebet.

1. SPR.:

So beschreibt Anthony Lobo die Mitte seiner Spiritualität:

6. O TON Fortsetzung:

Die großen Mystiker sagen, man muss immer die Sehnsucht haben. Also man soll nicht Bittgebet eng darstellen. Also: vielleicht ist Bittgebet Sehnsucht nach diesem unaussprechlichen Leben. Denn Gott ist ein erfahrbarer Gott, nicht ein Gott, der im Himmel wohnt, er ist ein Gott, der direkt mit uns mitspielt.

1.SPR.:

„Gott spielt in unserem Leben mit“: Im hinduistisch geprägten Indien ist dieser Ausdruck sehr beliebt; er beschreibt, wie eng Gott und Mensch aufeinander bezogen sind. Auch im Alten Testament ist an vielen Stellen die Rede von einem Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat, zunächst mit Noah und Abraham, später mit dem ganzen Volk Israel. Während die Menschen sich verpflichten, den göttlichen Geboten treu zu sein, können sie der Fürsorge Jahwes, ihres Gottes, vertrauen. Er wird seine Geschöpfe in ihrer Not nicht im Stich lassen: Im Psalm 94 betet das Volk Israel:

2. SPR.:

Der Herr, der das Ohr gepflanzt hat, sollte der uns nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der uns nicht sehen?

1.SPR.:

Von einer ähnlichen Gewissheit ist der Psalm 34 getragen:

2. SPR.:

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir.

Und er rettete mich aus all meiner Furcht.

Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr.

Und errettet sie aus all ihrer Not.

1. SPR.:

In den vier Evangelien des Neuen Testaments werden die Menschen von Jesus Christus selbst aufgefordert, ihre Anliegen vor Gott zu tragen. Sie sollen nicht nachlassen zu bitten und zu flehen, heißt es bei Matthäus und Lukas:

2. SPR.:

Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan.

7. O TON, 0 30“, Plisch

Und das scheint tatsächlich auch der ursprüngliche Kern dieser Überlieferung zu sein.

1. SPR.:

berichtet der evangelische Theologe Uwe Karsten Plisch:

7. O TON Fortsetzung:

Ich glaube, den Sinn versteht am besten, wenn man ihn mal umdreht und negiert, ja: Also wer nicht anklopft, dem wird auch nicht aufgetan. Und wer nicht sucht, der wird auch nicht finden. Das bedeutet nicht: Wer sucht, wird immer finden und in jedem Falle. Und wer anklopft, dem wird immer aufgetan. Sondern: Man muss aktiv werden. Also auch hier wird im Grunde der mittuende Mensch eingefordert.

1. SPR.:

Die Jünger haben Jesus sogar bedrängt, sie das rechte Beten und Bitten zu lehren. So entstand einer der schönsten spirituellen Texte der Menschheit,  sagt der evangelische Theologe Wolfgang Bittner: Das  „Vater Unser“.

8. O Ton, 0 41“, Bittner,

Das Interessante ist, dass Jesus dann mit dem „Vater Unser“ ein Bittgebet formuliert hat. Das Charakteristische an diesem Bittgebet ist, dass man zunächst einmal um die Anliegen Gottes bittet: Dein Wille geschehe, dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme…Da kommt der Mensch mit seiner Sorge zunächst nicht vor. Da tritt man zunächst einmal in das große Anliegen Gottes rein, in eine Dynamik, die Gott für diese Welt hat. Und dann kommen auch die eigenen Anliegen, das tägliche Brot, die Schuld, die um Vergebung bittet, die Versuchung, die an mich herantritt, und all die Dinge, die haben ihren Raum, um die darf man konkret bitten.

 

1. SPR.:

Nicht nur Christen, religiöse Menschen aller Zeiten haben durch das „Vater Unser“ Beten und Bitten gelernt. Manchmal begnügen sie sich damit, Gott in ihren schnell daher gesagten „Stoßgebeten“ anzusprechen. Andere nehmen sich Zeit für ausführliche  Litaneien oder Fürbittgebete. Selbst Stars der Rockmusik haben sich nicht gescheut, öffentlich Bittgebete vorzutragen.

2. musikal. Zusp., Elvis Presley, “Precious Lord, take my hand… bleibt

0 12“ freistehen, dann herunterziehen:

1.SPR:

Precious Lord, Du kostbarer Herr, nimm meine Hand, führe mich weiter“, so betet Elvis Presley in diesem Gospel Song.

Noch einmal: 2. musikal. Zusp., Precious Lord, take my hand… bleibt 0 08“ freistehen, dann Text rauflegen:

3. SPR.:

Ich bin müde, ich bin schwach,

Bin ich getragen

Durch den Sturm, durch die Nacht…

Nimm meine Hand Precious Lord

und führe mich nach Hause.1. SPR.:

Dieses Lied wurde 1932 von dem Gospel-Sänger Thomas Andrew Dorsey geschrieben, als er seine Frau und seinen neugeborenen Sohn verloren hatte. Es wurde von vielen Sängerinnen und Sängern interpretiert und berührt die Menschen noch heute. Auch Elvis Presley hatte viele Gospel-Songs in seinem Repertoire. Fred Omvlee (sprich Omfléh) z.B. kennt die meisten davon auswendig. Als protestantischer Pfarrer gestaltet er seit vielen Jahren in Amsterdam eigene Gottesdienste ausschließlich mit Elvis Songs. In seinen Predigten berichtet der Pastor,  wie er in tiefer seelischer Not wieder aufgerichtet wurde:

9. O TON, 0 24“,  Omvlee

Rund um das Sterben meines Vaters habe ich erfahren, wie großartig die Gospel von Elvis wirken. Das Lied: Precious Lord Take my hand, berührte mich damals so, dass ich mich zu gleicher Zeit sehr traurig und sehr erfreut fühlte: Wir fallen nicht aus Gottes Hand. Die Elvis Gospels von gestern sind, glaube ich, die Psalmen von morgen.

2. musikal. Zusp., Precious Lord, take my hand… bleibt noch einmal 0 08“ freistehen

1.SPR.
Keine Form des Gebetes ist so populär wie das Bittgebet; es wird in allen Religionen praktiziert. Selbst im Buddhismus, der eigentlich keinen Gottesbegriff kennt, bitten die Gläubigen:

2. SPR.:

Mögen mich zum Wohle aller Lebewesen

die Tugenden von Freigiebigkeit, Ethik, Geduld,

Fleiß, Meditation und Weisheit zur Buddhaschaft führen.

1. SPR.:

Selbst eher „weltlich- atheistisch“ gestimmte Menschen können nicht auf spontane Bittgebete verzichten, etwa wenn sie einer Freundin viel Glück bei einem Examen wünschen und dann versprechen: „Dafür drücke ich dir die Daumen“. Diese Geste wird zur stummen Bitte, dass alles gut gehen möge.

10. O TON, 0 55“, Göpfert

Ich glaube, dass man an dem Bittgebet überhaupt nicht vorbeikommt. Weil das Bittgebet streng genommen nichts anderes ist, als Ausdruck der menschlichen Existenz, wie sie in dieser Welt ist: Erlösungsbedürftig.

1. SPR.:

meint der evangelische Theologe Michael Göpfert.

2. SPR.: (Göpfert Fortsetzung)

Und so betrachtet, finde ich, ist Bittgebet nichts anderes wie der Schrei nach Erlösung. Ob man das nun so formuliert oder nicht. Das heißt, die menschliche Kreatur schreit, ob sie will oder nicht, danach, dass sie aus ihrer Angst, ihrer Not, ihrem Tod, erlöst wird. Das tut, glaube ich jeder, ob er sich nun selber als gläubig und religiös bezeichnet oder nicht. Auch einer, der nicht an Gott denkt, schreit gleichsam in den Himmel, einem unbekannten Adressaten entgegen und will befreit werden, auch wenn er weiß, dass er nicht befreit wird. Deswegen glaube, dass das Bittgebet genauso unausrottbar ist wie die Hoffnung, wie die Hoffnung des Menschen unausrottbar ist.

1. SPR.:

Wer sich der biblischen Weisheit völlig anvertraut und die Bilder der Evangelien für sein eigenes Leben absolut hilfreich findet, wird sich von Zweifeln kaum beirren lassen, glaubt der Theologe Wolfgang Bittner. Fromme Menschen beten und bitten, selbst wenn sie keine unmittelbare Antwort erhalten:

11. O TON, 0 46“. Bittner

Mit einem Gott der biblischen Texte, da weiß ich auch sehr oft nicht, warum Gott nicht erhört. Ich kann mir nur so sagen, wie das Martin Luther gesagt hat: Es gefällt Gott manchmal auf seinem Weg, sich bis in sein Gegenteil hinein zu verbergen. Was mache ich dann, wenn Gott mir so vorkommt, dass er

mir schier unheimlich wird. Luther sagt dann: Dann fliehe ich vor Gott zu Gott. Ich fliehe in das hinein, was ich aus den Evangelien weiß, dass Gott nur Liebe ist. Auch wenn ich von dieser Liebe im Moment nichts sehe. Und bis in die letzte Dunkelheit will ich nicht glauben, dass Dunkelheit das Letzte ist. Weil es im Evangelium steht!

1.SPR.:

Tatsächlich lassen viele religiöse Menschen rationale Argumente kaum gelten, wenn es ums Bittgebet geht. Sie wollen ihrem Überschwang keinen Einhalt gebieten, wenn sie ihre Wünsche und Anliegen an den Himmel richten. Dabei spielen auch magische Vorstellungen eine Rolle. So wird in den Wallfahrtsorten ganz unverblümt um Wunder gebetet, wenn nicht gebettelt: Jesus oder die Jungfrau Maria mögen doch eingreifen und die kaputte Ehe retten oder bei schweren Operationen helfen:

12. O TON, Plattig.

Ich kann natürlich verstehen, dass jemand, der leidet, der vielleicht auch unheilbar krank ist, nach jedem Strohhalm greift, und dann unter Umständen auch zu so einem Wallfahrtsort geht.

1. SPR.

Sagt der katholische Theologe Wolfgang Plattig.

12. O-Ton, Plattig  Fortsetzung.

Solange es die Bitte um Heilung ist, sehe ich darin kein Problem. Es kippt natürlich an der Stelle, wo es magisch wird, also, wo ich glaube, dass ich durch bestimmte Handlungen oder durch bestimmtes Tun oder auch durch das Gehen an einen bestimmten Ort quasi etwas erreiche. Also meine Bitte wertvoller mache vor Gott.

1. SPR.

Die Basilika der „Jungfrau von Guadeloupe“ in Mexiko – Stadt ist einer der beliebtesten Wallfahrtsorte der Welt mit mehr als 20 Millionen Pilgern jährlich. Sie bitten im Angesicht des wundertätigen Marienbildes um ein Haus, um Erfolg beim Betteln, um Schutz vor den Drogen – Bossen. Der katholische Theologe Alfons Vietmeier studiert diese Volksfrömmigkeit in seiner mexikanischen Heimat:

13. O TON, 0 50“, Vietmeier

Ich sehe schon einen wahren Kern in der religiösen Grundhaltung ganz vieler Menschen, die letztlich Lebensängste und Lebensnöte ausdrücken wollen oder müssen. Und wenn sie nicht können, was gibt es da an Ausweg? Der Alkohol, Missbrauch, Gewalt in Familien. In dem Sinne, ist, glaube ich, die religiöse Ausdrucksform ein Versuch, mit der inneren Traurigkeit, mit der inneren Besorgnis, so umzugehen, dass es nicht in Extreme schlägt, sondern dass es eine Form ist, positiv zu gestalten, dass letztlich auch mein Leben bei allen Nöten doch in Gottes Händen ist.

1.SPR.:

Das Bittgebet hat in den letzten Jahren nicht nur bei Theologen viel Aufmerksamkeit gefunden. Auch Philosophen und Soziologen befassen sich mit jenen Worten, die das Unendliche berühren und bewegen wollen. Der Soziologe Stefan Blankertz will dabei auf religionskritische Aspekte nicht verzichten

14. O TON, 0 38“, Blankertz

Die klassische Form des Bittgebetes hat ja irgendwie die Struktur des Feudalismus: Also ich als armer Knecht, so wurde ja auch gesagt, so wurden ja auch die Gläubigen genannt, ich als armer Knecht, bitte den Herrn, der mit mir machen kann, was er will. Und den muss ich bitten darum, dass er mir wohl gesonnen ist. Und das ist eben interessant, dass im 14. Jahrhundert Meister Eckart, während Feudalismus noch da ist, auch schon daran arbeitet, ihn zu überwinden und diese Form von Verhältnis zwischen Gläubigen und Gott nicht mehr als das richtige Verhältnis zu bezeichnen.

1.SPR.:

Meister Eckart, ein Dominikanermönch aus Erfurt im 13. Jahrhundert, hatte als Prediger und Theologieprofessor einen weit über Deutschland hinausreichenden Einfluss. Heute werden seine philosophisch – theologischen Meditationen weltweit gelesen:

15. O TON, 0 33“, Blankertz

Meister Eckart hat in einer Predigt auf diese Frage: Wie soll ich beten, gesagt: Man soll still werden. Also Gott spricht ein Wort in mir, und dafür muss ich zuhören, und dafür muss ich dem Raum geben. Das ist also auch meine eigene spirituelle Erfahrung und meine eigene spirituelle Praxis: Gerade nicht sprechen, nicht bedrängen. Sondern zuhören, was mir zukommt, und was ich jetzt nicht einfach produziere.

1. SPR.:

Wer Bittgebete sprechen will, sollte sich von Meister Eckart maßgeblich beeinflussen, wenn nicht provozieren lassen, betont einer seiner Übersetzer aus dem mittelalterlichen Deutsch, Professor Alois M. Haas:

2.SPR.:

Meister Eckart lehrt: Wer da um etwas anderes als nur um Gott bittet, der bittet unrecht. Wer immer um irgendetwas anderes bittet, der betet einen Abgott an. Und man könnte sagen, dieses Verhalten sei reine Ketzerei. Die wahren Beter, die beten Gott in der Wahrheit und im Geiste an, das heißt: Im Heiligen Geist.

1.SPR.:

Schon im streng kirchlich geprägten Mittelalter hat Meister Eckart davor gewarnt, Gott einfach nur als Person zu verstehen und ihm alle Attribute zuzuschreiben, die für ein menschliches Individuum gelten. Er empfahl sogar, den Begriff der „namenlosen Gottheit“ zu gebrauchen. In diese Höhen muss eine Theologie des Bittgebets tatsächlich führen: Warum sollte es nicht möglich sein, auch in den Kirchen heute von Gott als der „unergründlichen Gottheit“ zu sprechen? Viele spirituelle Menschen folgen heute längst dieser Überzeugung, sagt der Theologe Wilhelm Gräb:

16. O TON, 0 26“, GRÄB

Viele religionsempirische Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Menschen, die zwar durchaus mit einem Gottesgedanken sehr viel anfangen können und den auch bei sich tragen, aber mit einer Vorstellung von Gott als Person die allergrößten Schwierigkeiten haben. Und ich meine: Theologisch müssten wir einfach hingehen und sagen: Das ist auch vollkommen in Ordnung! Ihr müsst euch gar nicht Gott als Person vorstellen.

1.SPR.:

Denn Gott ist für die Menschen wesentlich das unergründliche Geheimnis. Die Geschichten und Verse der Bibel behalten ihr begrenztes Recht, wenn sie in Bildern schöner Poesie Gott als den Helfer und väterlichen Freund der Menschen darstellen. Aber es handelt sich eben um Bilder, mehr nicht. Sie dürfen nicht zu maßlosen Erwartungen verführen. Denn Gott, der Ewige, ist für die Menschen kein Gesprächspartner „auf Augenhöhe“, betont der katholische Theologe Otto Herrmann Pesch in seinem grundlegenden Buch mit dem Titel „Das Gebet“:

2. SPR.:

Der christliche Glaube hat es mit einem Unsichtbaren zu tun. Und deshalb gehört es zum Gebet, dass es einen Unsichtbaren anredet und keineswegs eine unmittelbare Antwort zu hören bekommt.

1.SPR.:

Viele Theologen führen diesen Gedanken weiter, wie der Spanier André Torres Queiruga (sprich Keirúga). Er schreibt in der internationalen theologischen Zeitschrift Concilium:

2. SPR.:

Die Bittgebete schüren Missverständnisse, wenn sie darauf bestehen, die Vergebung von Gott zu erflehen, wo er doch bereits vergeben hat und nur auf unsere Umkehr wartet. Sie erzeugen das Fantasiegebilde eines Gottes, der erst mitleidvoll wird, wenn wir ihn darum bitten und mit uns Erbarmen an ihn wenden. Gott als Vater umhegt uns aber bereits mit seiner grenzenlosen Liebe. Wenn wir auf das populäre Bittgebet verzichten, dann tun wir das nicht aus menschlicher Arroganz, sondern aus Demut, Dankbarkeit und Respekt gegenüber dem grenzenlosen Überschwang der göttlichen Großzügigkeit.

1. SPR.:

Dank dieser unendlichen Großzügigkeit kann sich der Gläubige von Gott geborgen wissen und in ihm den letzten Lebenssinn sehen: Diese Überzeugung hat einen zentralen Platz im Neuen Testament. Der Evangelist Johannes und die Autoren der „Johannesbriefe“ lehren die alles gründende Einheit der Menschen mit Gott. Im Ersten Johannesbrief heißt es:

2. SPR.:

Ihr seid als Glaubende bereits im Heiligen Geist mit Gott verbunden. Wer glaubt, der hat bereits das ewige Leben. Und nur deswegen können wir Gott um etwas nach seinem Willen bitten. Dann hört er uns.

1. SPR.:

Diese Erkenntnis sollte die Basis sein für ein neues, ein reifes Verständnis des Bittgebetes, fordert der katholische Theologe John Main aus Montréal:

2. SPR.:

Darum bemühen wir uns auch gar nicht darum, dass beim Beten und Meditieren etwas für uns geschieht! Das Grundlegende ist bereits geschehen, nämlich das Einssein mit Christus. Wer das verstanden hat, lässt sich nicht länger in die Fixierung auf sich selbst und die eigenen Wünsche einsperren. Wir sind bereits eins mit Gott.

1. SPR.:

Trotzdem bleibt das Sprechen zu Gott, das Beten und Bitten, sinnvoll. Es ist sogar heilsam, sagt der katholische Theologe Wolfgang Plattig:

17. O TON,, Plattig.

Das entscheidende Wunder für mich wäre, dass Menschen durch das Gebet zu einem Umgang mit ihrem Leid finden. Dass einfach ein Prozess in Gang kommt, mit dem Menschen mit ihrem Leid entweder leben können oder sterben können. Und jetzt nicht so sehr, dass jetzt das Leid abgeschafft wird. oder sie in dem Sinne jetzt gesund werden. Das kann schon auch sein, das ist natürlich auch der Inhalt der Bitte. Nur die Wirkung ist oft genau die andere, dass nämlich Menschen einen anderen Zugang oder ein anderes Verhältnis zu ihrer Krankheit oder ihrem Leid finden.

1.SPR.:

Das menschliche Leben ist in dieser Welt vom Tod begrenzt. Eine ständige  Bedrohung, der wir ängstlich gegenüberstehen: Diese Situation in Worte zu fassen, bedeutet für den protestantischen Theologen Wilhelm Gräb letztlich bitten und beten:

18. O TON, 0 37“, Gräb

Es ist zunächst ein Sich – Selbst – Aussprechen, ein Sich – Beziehen auf das eigene Leben, die eigene Lebenssituation.

Es ist immer auch schon dieses Gefühl dabei, dass wir uns auf einem ungeheuer brüchigen Lebensgelände bewegen.

Ich weiß genau, dass ich meines Daseins nicht mächtig bin, dass ich nicht die alles bestimmende Wirklichkeit bin. Also dieses Bewusstsein, dass alles auch ganz sein oder morgen schon werden könnte, das ist mir tief eingestiftet, und deswegen empfinde ich mich als einen religiösen Menschen.

1.SPR.:

Der Amsterdamer Theologe und Poet Huub Oosterhuis (sprich: Hühb Ohsterheus) ist da noch radikaler: Für ihn ist das Sprechen von persönlichen Bittgebeten, schon menschlich gesehen, eine elementare Notwendigkeit, um sich seiner selbst zu vergewissern:

19. O TON, 0 33“. Oosterhuis

Worte sind Lebensrettung. Ich würde mich selber verlieren, ich würde verwelken, und chaotisch werden, verschüttet unter der schweigenden Mehrheit und der wortlosen Gewalt, wenn ich nicht mehr aussagen kann, wer ich bin. Wer darauf verzichtet, sich selbst und andere auszusagen, kommt niemals mehr zu Wort, ist verloren, ist namenlos, ist selber schweigende Mehrheit.

3. Musikal. Zusp. Mendelssohn – Bartholdy, Klavier, Adagio. Bleibt ca. 0 12“ freistehen.

1.SPR.:

Als Poesie bringen Bittgebete Licht in das Leben der Menschen. Für die Dichterin Rose Ausländer ist Beten und Bitten vor allem Fragen und Suchen. „Die Auferstandenen“ heißt eines ihrer vielen Gedichte:

2. SPR.:

Wo sind

Die Auferstanden

Die ihren Tod

Überwunden haben

Das Leben liebkosen

Sich anvertrauen

Dem Wind.

Kein Engel

Verrät

Ihre Spur.

1. SPR:

Der Schriftsteller und Dominikaner Pater Jean Pierre Jossua (sprich Jossüá)  sucht in Paris das Gespräch mit Literaten, vor allem mit Lyrikern. Mit ihnen hat er entdeckt, wie Gedichte in ihrer unverbrauchten, lebendigen Sprache zu Gebeten werden können:

20. O TON, 0 33“, Jossua

3. SPR.: Overvoice

Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Sie könnte für sie gar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich könnte man sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es die Form poetischer Qualität wieder findet.

1. SPR.:

Auch wenn Gott kein himmlischer Übervater ist, der seinen Kindern jeden noch so egozentrischen Wunsch erfüllt, brauchen die Glaubenden nicht zu verstummen. Auf das göttliche Geheimnis können sie sich weiter beziehen, sprechend und singend: Denn Gott ist innerster Teil ihrer eigenen Wirklichkeit. Für ein banales, oberflächliches Verständnis von Mensch und Welt ist dann kein Platz mehr, meint der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis. Seine Gebete, klagend und bittend, beziehen sich immer auf den  Zustand unserer Welt.

 

4. Musikal. Zusp., Lied Oosterhuis, „Wir, die mit eigen Augen…“ bis zu den Worten einschließlich: „dass wir es selber sind“. Dann weggeblendet.

1. SPR.:

Beten und Bitten weckt den Geist, gibt wieder Lust am Leben, inspiriert zum Handeln: Diese Erkenntnis setzt sich in der weiten Christenheit immer mehr durch, betont James Woody (sprich Wudí). Er ist Pastor der Reformierten Gemeinde „L Oratoire“ in Paris.

21. O TON, 1 01“. Woody, Auf Deutsch kürzer.

3. SPR.:Overvoice

Tatsächlich ist es doch so: Im Gebet hören wir uns wohl eher uns selbst als dass Gott uns hört. Oft sagt man, im Bitten und Beten würden wir von Gott etwas verlangen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir sind aufgefordert zu hören, was Gott uns vorschlägt. Ein Beispiel: Anstatt zu sagen: Herr lass doch Frieden werden im Nahen Osten, schenke doch Versöhnung zwischen Israel und Palästina, sollten wir beim Bitten lernen, dass wir besser die Situation dort verstehen. Damit wir nicht bloß Gerüchten folgen und Sprüchen und dadurch die Menschen verletzen, die dort politisch handeln.

4. Musikal. Zusp., Lied Oosterhuis, Wieder reingehen bei: „Dass wir doch nie vergessen, woraufhin wir gemacht bis Ende: „doch nicht verloren sei“.

1.SPR.:

Wie kann es gelingen, dass unsere „liebe Erde doch nicht verloren sei“? Gibt es Hoffnung? Schauen wir doch aufs „Vater Unser“, meint der Theologe Wolfgang Bittner. Da gibt es genug Anregungen. So sei zum Beispiel die Bitte um „das tägliche Brot“ alles andere als eine naive Floskel aus alten Zeiten:

22. O TON,  0 51“, Bittner

Wer ist denn Schuld, dass die Menschen kein Brot, kein Reis, kein Maniok oder was auch immer haben. Die Not liegt doch bei uns bei uns Menschen, dass wir es sind, die eine Wirtschaft aufgebaut haben und die Länder und das Land ausbeuten und die Lebensmittel auf eine undenkbare Weise vernichten statt sie zu verteilen. Das ist Problem mit uns Menschen. Wenn Christus uns beten lehrt: Dein Reich komme, dann meint das ja, dass seine Herrschaft, seine Gerechtigkeit, hier in unseren Bezügen sich Bahn bricht. Ich glaube, wer nicht mehr ausrasten kann und nicht mehr zornig werden kann, der kann auch nicht wirklich beten. Wer das Gebet dazu benützt, dass man blind wird vor den Ungerechtigkeiten, da muss ich fragen, ob der wirklich schon gebet hat. Das Beten und das Glauben öffnet die Augen und verschließt sie nicht.

5. musikal. Zusp., Mendelssohn Bartholdy, Klavier, Andante,

Titelsprecherin:

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet

Sie hörten eine Sendung von Christian Modehn

Literaturhinweise:

1)

Otto Hermann Pesch, „Das Gebet“

Topos Taschenbuch,

124 Seiten, 1980.

2)

Theologische Reflexionen, manchmal schwierig:

„Hilft beten?“ Hg. von Magnus Striet, 2010, 133 Seiten, Herder Verlag, 2010,

3)

Anregend, inzwischen ein Standardwerk:

„Der Sprung in den Brunnen“ von Hubertus Halbfas,

Patmos Verlag, 210 Seiten

18. Auflage, 2011.

4)

Lieder und Gebete von Huub Oosterhuis (mit Noten)

„Du Atem meiner Lieder“, Herder Verlag 2009, 219 Seiten.

5) John Maine, Das Herz der Stille. Anleitung zum Meditieren. 2000, Herder Verlag, 142 Seiten.

6)

Meister Eckart. Heilende Texte. Ausgewählt und kommentiert von Stefan Blankertz. Peter Hammer Verlag 2011, 171 Seiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Beten und bitten: Poesie im Angesicht des Unendlichen. Im Kulturradio des RBB

14. August 2012 | Von | Kategorie: Neue Lebensformen

„Gott und die Welt“ im RBB Kulturradio am Sonntag, 23.09.2012

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet

Von Christian Modehn

Das Thema „Beten und besonders Bittgebete sprechen“ berührt auch philosophische Fragen, etwa nach der Verbundenheit mi Gott und der Beziehung des Menschen zum Göttlichen, der Transzendenz. Deswegen könnte diese Radiosendung auch für philosophisch Interessierte inspirierend sein.

„Bittet, so wird euch gegeben“, forderte Jesus seine Jünger auf. Darauf vertrauen auch gläubige Menschen, wenn sie sich mit ihren Sorgen an Gott wenden. Doch welchen Sinn hat es, um göttlichen Rat und Beistand zu bitten? „Wer betet, Gottes Reich des Friedens möge kommen, weckt in sich die Sehnsucht nach Frieden“, schreibt der Kirchenvater Augustinus. Heutige Theologen sind überzeugt: Im Beten und Bitten erkennt der Mensch, wer er ist und welche Ziele ihm wichtig sind. Bittgebete können zur spirituellen Poesie werden. Sie wecken  die Achtsamkeit. „Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden“,  sagt der protestantische Philosoph Sören Kierkegaard. Bittende und Betende hoffen, trotz aller Tiefen von einem göttlichen Grund getragen zu sein.