Carl Sonnenschein: Ein Christentum speziell für Berlin.

Ein Christentum speziell für Berlin: Erinnerungen an Dr. Carl Sonnenschein.

Einige Freundinnen und Freunde haben mich gefragt, wo denn mein damals viel beachteter Beitrag über den Priester im Berlin der gar nicht für alle so “goldenen zwanziger Jahre” verblieben ist: Es handelt sich um Dr. Carl Sonnenschein! Erschienen ist der Beitrag 1979 in der angesehenen Jesuitenzeitschrift ORIENTIERUNG, Zürich 1979;  nachzulesen über das immer noch lebendige Archiv dieser leider inzwischen eingestellten kritischen theologischen Zeitschrift:

http://www.orientierung.ch/pdf/1979/JG%2043_HEFT%2002_DATUM%2019790131.PDF       dort die Seiten 24 ff.

Ich habe 1979 als einer der ersten wieder an den durchaus berühmten, duchaus einmaligen Priester und Theologen im Berlin der zwanziger Jahre erinnert, natürlich immer vor dem Hintergrund einer auch 1979 langweilig-dogmatisch-erstarrten katholischen Kirche in Berlin. Ist heute, 2016, vieles besser? Das sollte soziologisch und religionswissenschaftlich untersucht werden; die Gemeinden werden “zusammengelegt”, die Erreichbarkeit der Pfarrer (sind sie Seelsorger? ) nimmt ab. Katholische Theologie spielt auch heute in Berlin, der “boomenden Wissenschaftsstadt” und der “Metropole der start-ups”, eine äußerst minimale Rolle, und das wirdwohl auch offiziell so gewünscht. Es gibt eine Ausbildungsstätte für die ultrakonservativen neokatechumenalen Priester, aber diese klerikale Ausbildungsstätte in Biesdorf ist abgeschlossen von der Öffentlichkeit, wie ein Gefängnis? Muss man sich wegen des theologischen Niveaus dort verstecken? Vielleicht.

Carl Sonnenschein hat es immerhin geschafft, eine große Bibliothek zu Religion und Theologie, einen Lesesaal, einzurichten, natürlich in Berlin-Mitte, nahe der Friedrichstraße. Auf diese Idee kommt heute offenbar niemand mehr. Eine öffentliche theologische-religionswissenschaftliche, natürlich international orientierte Bibliothek gibt es nicht. Die Milliarden-reiche Kirche Deutschlands hat ja kein Geld. Sonnenschein hat zudem eine “Berlin-Spiritualität” entwickelt, siehe sein “Berliner Vaterunser”. Wo wird dieses Beispiel einer Berliner Spiritualität heute noch gelesen, gesprochen und neu formuliert?

Leider auch dies: Der Innenhof der Kirche, die eigentlich an ihn erinnern soll, die Carl Borromäus Kirche im nicht so ganz armen Stadtteil Grunewald, lässt den Innenhof ihrer Kirche explizit zu Ehren Carl Sonnenscheins seit Jahren ziemlich ungepflegt verkommen; der Sonnenschein-Gedenkstein dort ist seit Jahren verfallen, die Inschriften sind nicht mehr lesbar. Eine Blamage selbst für diese bettelarmen Katholiken in Grunewald. Aber dafür werden auf das schöne Gartengrundstück der Grunewalder Sonnenschein-Gemeinde arme Kinder und Flüchtlinge aus Neukölln und Wedding im Sommer zur Erholung eingeladen, habe ich gehört. Das entspricht ja dem Geist des Mannes, dem die Kirche in Grunewald gewidmet ist. Oder habe ich da etwas Utopisches gehört? In einer “Gedenkkirche” (Carl-Sonnenschein-Gedächtniskirche Grunewald) wird man wohl noch denken dürfen, denken auch in Form von Utopien…, in Bildern, dass wenigstens die christlichen Gemeinden in einer und derselben Stadt Berlin die Grenzen der Klassenbindung, die ungerechte Verteilung von Armut und Reichtum, überwinden.

copyright: christian modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Beiträge in der Zeitschrift Orientierung, Zürich

Meine Beiträge, etwa über die Neue Rechte in Frankreich (1982), in der Zeitschrift Orientierung, Zürich, sind erreichbar unter:
http://www.orientierung.ch/page.asp?DH=30&t1=Christian&t2=Modehn
Die Zeitschrift ORIENTIERUNG wurde leider eingestellt.Aber im Internet sind die Beiträge dieser wichtigen Zeitschrift noch ereichbar.
Meine Artikel im einzelnen:

KIRCHE Nr. 3 15. Februar 1983
Guy-Marie Riobé (1911-1978): Zu einer Veröffentlichung von J. S. Six – Biographie mit reichhaltiger Dokumentation – Ein traditioneller Christ wird Bischof – Öffentlicher Fürsprecher für Kriegs- und Atomtestgegner – Im gesellschaftlich-politischen Konflikt Berufung zum Bischof neu entdeckt – Die politisch-soziale Dimension des Amtes – Im Zweifel für die Freiheit des Evangeliums – «Mystik des Ereignisses» – Priester- und Amtsfrage in der Kirche – Isoliert von seinen bischöflichen Kollegen.
Christian Modehn, Berlin

IDEOLOGIE Nr. 11 15. Juni 1982
Die neue Rechte – europäisches Phänomen (2):: Nominalistischer Wirklichkeitsbegriff und zyklisches Geschichtsverständnis – Herren-Moral bestimmt über Gut und Böse – Lob des Polytheismus gegen den jüdisch-christlichen Monotheismus – Wider die Sprengkraft der politisch umgesetzten Gleichheitsforderung – Christentum nur als Ordnungsmacht akzeptierbar – Forderung nach einem «unversehrten» Europa – Mögliche politische Wirkung der Neuen Rechten: sie bietet einem repressiven Staat Legitimationssprache an.
Christian Modehn, Berlin

IDEOLOGIE Nr. 10 31. Mai 1982
Die Neue Rechte – europäisches Phänomen (1): Gruppierungen, Zeitschriften und Autoren – «Deutsche Seelentiefe» neuentdeckt in Paris – A. de Benoist als wichtigster Propagandist – Nach rückwärts gewandte Kulturkritik – Gefährlicher Denkfehler: Gleichsetzung von «verschiedenen» und «ungleich» – Sozialbiologisch verpacktes Plädoyer für Renaissance von Führern und Eliten – Hierarchie im Tirereich abgstützt.
Christian Modehn, Berlin

PASTORAL Nr. 2 31. Januar 1979
Carl Sonnenschein (1876-1929): Berliner Großstadt-Seelsorger in den «zwanziger Jahren» – Lehrjahre in Wuppertal/Elberfeld und Arbeit beim Katholischen Volksverein in Mönchengladbach – Für die Entklerikalisierung der christlichen Gewerkschaften – Antwort auf die Herausforderungen der Großstadt und ihrer sozialen Probleme – Engagement in der Publizistik – Kirche und deren Klassenbindung als Anfrage an kirchliches Handeln.
Christian Modehn, Berlin

KLÖSTER Nr. 18 30. September 1978
Neue und alte Kommunitäten in Paris: Eine Ordensgründung eigener Art: die «Neue Mönche» in St. Gervais –Oasen der Kontemplation auch bei Benediktinern, Klarissen und Vistitantinnen – «Au curé» gegenüber dem Moulin Rouge – «Gemeinschaft der Hoffnung» – Das Vorbild der Dominikanerinen. Le Saulchoir: Theologie für die Stadt.
Christian Modehn, Berlin

GEMEINDE Nr. 17 15. September 1978
Experimente in Paris: Neue Formen pastoraler Präsenz in der Metropole – Die «offene Kirche» von St. Séverin: Abendkonferenz und Gespräche für jedermann – St. Merri beim Centre Pompidou: Kunstausstellungen und Kirchenmusik – St. Louis d’Antin: Elf Eucharistiefeiern in Bahnhofnähe – Experimente von Laienverantwortung in der Gemeindeleitung.
Christian Modehn, Berlin

THEOLOGIE Nr. 12 30. Juni 1973
Theologie der Befreiung im Gespräch: Südamerikanische Theologie gewinnt in Europa Interesse – Hoffnung nach der Überwindung falscher Gegensätze – Ist die europäische Theologie kapitalistisch? – Die Mühe des Verstehens – Das Ungenügen der Theorie.
Christian Modehn, St. Augustin