Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist. Dass selbst Mitglieder des Augustinerordens heute wenigstens leise, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre äußern, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags!

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Leserbriefe in Publik Forum, Heft 14/2017. Die LeserInnen sind meist positiv angetan von meinem Vorschlag, sich von der Erbsündenlehre zu befreien. Das hatte ich in aller Kürze in Heft 11/2017 begründet.

Das Thema berührt viele glaubende, suchende und spirituelle Menschen, weil sie spüren: Mit dieser alten Erbsündenlehre wird ihnen eine Art sich religiös/fromm nennende Ideologie aufgedrückt, die objektiv überflüssig ist für ihr eigenes spirituelles und christliches Leben. Selbst wenn viele Christen an die Erbsünde schon gar nicht mehr denken: Es geht an diesem Beispiel auch um die Frage, wie sich Christen und Kirchen von alten, jetzt aber als veraltet empfundenen Dogmen, lösen und befreien können. Nicht aus subjektivistischer Willkür, sondern um einen freien, humanen Glauben erleben zu können. Um dieses große Projekt geht es, also gegen das versteinerte Festhalten an angeblich ewigen, tatsächlich aber sehr zeitgebundenen Lehren, wie der Erbsünde z.B. Es geht also wirklich um eine moderne Kirche, um einen modernen, je eigenen Glauben, „meinen Glauben“und diese Bezeichnung ist kein Schimpfwort, wie viele alte, versteinert Denkende Römer vielleicht meinen. „Glauben beginnt immer bei mir“ heißt eine große, auch in der Öffentlichkeit verbreitete treffende und richtige Empfehlung der protestantischen Remonstranten – Kirche in Holland.

Diese alte Erbsündenlehre ist, in einer gründlichen historischen Studie selbstverständlich nachweisbar und längst nachgewiesen, ein Konstrukt, also ein „Machwerk“, das in der zentralen Botschaft des Evangeliums Jesu Christi keinen Anhalt hat.

Die Erbsündenlehre wurde vor allem von Augustinus aber vorangetrieben und von ihm mit allerhand Tricks dogmatisch durchgesetzt. Sein hoch intelligenter Gegenspieler, der katholische Bischof Julian von Eclanum, wurde dabei auch von ihm unterdrückt. Das ist historisch nachweisbar und sollte von Dogmatikern nicht ignoriert werden, selbst wenn die kritischen Studien zur Erbsünde von Wissenschaftlern stammen, die von Theologen nicht so hoch geschätzt werden, wie etwa von Prof. Kurt Flasch oder dem katholischen Theologen Prof. Thomas Pröpper.

Die zentrale Angst der Dogmatiker und aller an die alten Dogmen gebundenen Christen ist: Fällt die Erbsündenlehre, dann ist die Notwendigkeit der Erlösung in Jesus Christus nicht mehr vermittelbar. Das wird auch im katholischen Katechismus so gesehen. Diese Behauptung gilt aber nur, wenn man das, was Erlösung in Jesus Christus bedeutet, aufs aller engste mit der alten Erbsündenlehre verbindet. Ohne Erbsünde keine Erlösung, heißt es. Oder anders gesagt: „Macht die Menschen, und zwar alle (!), erst mal richtig schlecht, dann könnt ihr mit eurer Erlösungslehre kommen“. Oder man behauptet gar wie Eugen Drewermann – in einer Stellungnahme zu meinem Beitrag in PUBLIK FORUM „Von der Erbsünde befreien“ – „Der Mensch ist nicht frei“, so der Titel des Drewermann Beitrags in Heft 13/2017, Seite 35. „Der Mensch ist also nicht frei“…So viel gelinde gesagt Seltsames und für ein vernünftiges und humanes Menschenbild eigentlich Furchtbares habe ich lange von einem Theologen und Therapeuten (!) nicht mehr gelesen. Immerhin war Drewermann noch so frei, diesen Beitrag offenbar im Gefühl der Freiheit noch zu schreiben…

Und dann folgt Drewermann dieser klassischen katholischen Katechismus – Lehre, wenn er behauptet: Wer diese alte Bindung von Gnade und Erbsünde leugnet, „ist auf dem Weg zum Nihilismus oder zum Atheismus oder zum sozialpolitischen Aktionismus“ (Publik Forum, Heft 13/2017, Seite 35) Eigentlich ist dies eine beleidigende Aussage, wenn nicht eine persönliche Verurteilung, wie man sie eher aus der Glaubenskongregation im Vatikan gewöhnt ist. Im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“ (veröffentlicht in allen großen Sprachen 1993) heißt es im § 389: „Die Kirche, die den Sinn Christi hat (d.h.: also wie Christus selbst denkt, so das „bescheidene“ Selbstverständnis der Herren im Vatikan, C.M.) ist sich klar bewusst, dass man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten“. Da wird also allen Ernstes behauptet, dass die Erbsünde eine Offenbarung Gottes ist! Ein von Augustin mit allerlei Tricks durchgesetztes Dogma und wider besseren Wissens noch mit einer falschen Übersetzung im Römerbrief begründet, diese Lehre soll also göttliche Offenbarung sein, also etwa denselben Rang haben wie die Offenbarung von der Trinität usw…

Noch einmal: Augustins Erbsündenlehre brauchte als zentrale Struktur eine Anthropologie, die den Menschen als Menschen erst einmal von Grund auf schlecht und böse hinstellt. In Augustins und der anderen Dogmatiker Sicht bedeutet das: Nur wenn der Mensch als Mensch, also auch als Geschöpf Gottes, vom Wesen her böse ist und zu keiner positiven Leistung der Vernunft in der Lage ist (wie Luther, der Feind der menschlichen Vernunft, sagte), also von der Erbsünde belastet ist, dann wird die absolute Dringlichkeit der Erlösung in Jesus Christus einsichtig. Dass heute selbstverständlich ein christlicher Glaube ohne die Erbsündenlehre möglich ist, wird unten gezeigt.

Zunächst aber: Die Erlösung wird dem alten Denken folgend zentral vermittelt in der Taufe, möglichst schon der gerade geborenen Kleinkinder.

Taufe und Erbsünden-Befreiung sind also in diesem Denken aufs engste verbunden. Taufe ist dabei ein sakramentales Geschehen, das einzig dem Klerus vorbehalten ist, also den Herren der Kirchenordnung. Sie haben als Täufer letztlich die Gewalt, Erbsünde zu nehmen oder zu belassen (für den Fall, dass nicht getauft wird).

Die Erbsündenlehre ist also eine zentrale klerikale Theologie als Macht-Theologie. Sie redet den Menschen ein: Ohne die (klerikal bediente) Taufe sind Menschen eigentlich nichts. Die Botschaft ist klar: Ihr Menschen müsst euch ängstigen, als Nicht-Getaufte in die ewige Verdammnis zu gelangen. Dies wurde historisch gesehen unzweifelhaft kirchlicherseits behauptet, dies kann hier nicht weiter ausgebreitet werden. Man lese nur die Studien von Jean Delumeau und anderen Historikern… Dogmatiker alter Art sollten also die Geschichte eines Dogmas wahrnehmen, um auch dessen inneren Gehalt zu spüren und diesen Gehalt dann wenigstens als Last zu empfinden und nicht weiter zu verbreiten.

Der Drang zu taufen und zu missionieren und alle Völker mit dem abendländischen Christentum zu beglücken, ist also von der Erbsündenlehre auch mit – bedingt. Weil Missionsgeschichte bis 1960 immer auch Kolonialgeschichte war und ist, kann man also sagen: Auch die Kolonialgeschichte als rassistische Geschichte gegenüber anderen Kulturen hat letztlich im Erbsünden- Denken der alten Dogmatiker eine gewisse Verstärkung erhalte. Über den grauenhaften Zusammenhang von allgemeiner Erbsünden – Verbreitung durch den „Geschlechtsverkehr“ und in der Zeugung, wie es der heilige Augustinus ohne rot zu werden lehrte und dogmatisch durchsetzte, wurde schon mehrfach, auch von mir, hingewiesen.

Es ist für dieses alte Denken aber doch eigentlich konsequent, wenn es heißt: Alle Menschen sind als Menschen sofort bei der Geburt, also auch als Kleinstkinder, eben Erbsünder. Darum war der Gedanke, einen Limbus Pueroum zu schaffen in dieser verqueren Theologie, gar nicht so falsch. Um so merkwürdiger ist, dass Benedikt XVI. diesen Limbus Puerorum – ein bisschen – als Lehre aufgab. Dachte er offenbar: So total kann die Verderbtheit der Menschen als Menschen und schon als Kleinstkinder also doch nicht sein! Deswegen verfügen wir nun als Herren der Lehre: Kein Katholik muss an den Limbus Pueroum noch glauben. Kann er aber, wenn er möchte. So viel Freiheit, mit Ängsten umzugehen, ließ Benedikt XVI. seinen Getreuen.

Mit der Relativierung bzw. der Abschaffung der Limbus Puerorum Lehre aber fällt nun auch, ein bisschen, die übliche Erbsünden- Lehre: Der Mensch als Kleinstes Kind sei eben a priori doch nicht schon Erbsünder. Erbsünde habe dann doch etwas mit der dann doch angenommen Freiheit zu tun, sich für das Böse frei zu entscheiden. Das heißt. Mit der Abschaffung des Glaubenszwanges an den Limbus Puerorum „wackelt“ auch der Kern der total wirksamen Erbsünde.

Es wäre weiter darauf hinzuweisen, dass die Erbsünde als Erbsünde sich jeglicher innerer Erfahrung im glaubenden Menschen entzieht. Und kaum ein Erwachsener, der sich taufen lässt und unter das Wasser dabei getaucht wird, erinnert sich: Nun ist die Erbsünde weg! Wozu also die Erbsünde als Erklärungsmodell? Furchtbar negative Ereignisse, etwa die KZs damals oder die Brutalität des Westens heute im Umgang mit Armen in Afrika oder im unmenschlichen Sterbenlassen der Flüchtlinge im Mittelmeer usw. sind doch nicht durch die Erbsünde zu erklären oder zu begründen. Mit solchen Argumenten macht sich die Theologie heute auch lächerlich, als esoterische Geheimlehre vielleicht brauchbar…

Diese vielen Untaten der Menschen, und der Herrschenden vor allem, sind doch bedingt durch den Egoismus der Menschen, durch das Versagen, humanistischen und ethischen Impulsen zu folgen, bloß um des eigenen Vorteils willen. Wer da von Erbsünde redet, meint ein diffuses, eben mythisches Bild, weil er den Ursprung bösen Tuns in der Freiheit der Menschen nicht erkennen kann. Und nicht argumentativ, durch eine bessere Politik, bekämpfen will.

Im übrigen: Alle getauften Christen und auch die getauften Allchristlichen Herrscher haben sich im Laufe ihres Lebens oft, obwohl von der Erbsünde ja durch die Taufe befreit, höchst unmenschlich verhalten. Das heißt: Die Kraft der Taufe als Befreiung von der Erbsünde ist offensichtlich total irrelevant. DieTtaufe macht die Menschen, also die Christen, nicht besser. Das heißt einmal mehr: Die Erbsündenlehre ist nichts als Behauptung, als Ideologie sogar. Man könnte als alter Metaphysiker sagen: Die Erbsünde sei eine unsichtbare ontologische Struktur. Verstehe dies, wer will.

Es gilt meiner Meinung nach: Böses tun die Menschen, weil sie endliche Wesen sind, denen die Einsicht fehlt, dass das Gutes Tun tatsächlich auch für sie selbst (wie für die anderen) gut ist. Je mehr tatsächlich die Einsicht, die Vernunft, die seelische Reife, das Mitgefühl gefördert würden unter allen Menschen, je mehr auch eine wirkliche Demokratie erfahrbar würde, um so mehr würde auch das Böse in der Welt eingeschränkt werden. Wer sagt, das Böse sei doch immer herrschend und bestimmend da, der will nur die bestehenden Herrschaftsverhältnisse als ungerechte belassen. Und man sage mir jetzt nicht, meine Sicht sei “hoffnungslos optimistisch”: Das sagen nur die, die an dem “bösen Menschen” – aus Faulheit, aus Pessimismus ? – festhalten wollen…

Sind die Menschen also in meiner Sicht bloß noch Sünder und nicht mehr Erbsünder? Sie sind tatsächlich nur noch Sünder, sofern man sich religiös versteht und die ethischen Gebote als Gottes Gebote interpretiert. Nur unter diesen Bedingungen hat die Rede von Sünde Sinn. Aber nicht alle religiösen Gebote (in der Bibel, im Koran) können ohne weiteres heute noch als gute und hilfreiche Gebote Gottes verstanden werden. Die Prüfung, welches Gebot Gottes eben noch aktuell gültiges Gebot ist und welches nicht, leistet allein die sich stets weiter entwickelnde kritische und selbstkritische Vernunft. Die Vernunft ist das Kriterium, nicht eine Glaubenslehre bei der Entscheidung, was als Glaubenslehre gilt und was nicht. Den selbst wenn eine Glaubenslehre eine andere kritisiert, tut sie dies kraft der Vernunft!

Sünde ist also in einer modernen Theologie ein Sich – Verfehlen des Menschen, eine freiwillig geleistete Abkehr des einzelnen von den guten Möglichkeiten, die eigentlich in ihm „stecken“. Sünde ist also eine Art Blockade humaner Möglichkeiten. Wer ein Sündenbekenntnis spricht, meint eigentlich: Ich habe die guten Seiten des Menschseins ignoriert. Dieses Eingeständnis hat nichts mit Leistungsdenken zu tun. Es kann in Gelassenheit gesprochen werden: Weil sich der absolute Lebenssinn, Gott, ja nicht entzieht und ich zu meiner Begrenzung und Endlichkeit stehen kann.

Gott wird selbstverständlich nicht durch unsere Sünden beleidigt. Wer an einen personalen Gott in dem Zusammenhang glaubt, könnte sagen: Dieser Gott als Schöpfer ist traurig, dass sich Menschen verirren. Aber sie können prinzipiell wieder auf den Weg des Humanen zurück, wenn sie ihre eigene Vernunft, ihr reflektiertes Ethos und ihr Mitgefühl zur Geltung bringen…und die Menschenrechte, die sich immer weiter entwickeln, als tatsächliche Orientierung anerkennen.

Die zentrale Frage ist: Welche Bedeutung hat Jesus Christus als Erlöser? Jesus ist nicht das Opferlamm, das auf den zornigen Gott Vater reagiert und sich blutig hinschlachten lässt, weil Jesus meint: Dieser Kreuzestod würde das Gott-Mensch-Verhältnis wieder in die richtige göttliche Ordnung bringen. Von diesem Sühne und Opfergedanken befreien sich Christen. Diesen zornigen Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, halten sie für eine Erzählung, ein Mythos, den man hin und her drehen kann in langatmigen mythenfreundlichen Studien. Besser ist es: Man sollte etwa den Sündenfall Mythos lesen, aber dann als interessantes historisches Stück beiseite legen. Entmythologisierung verstand Bultmann so: Entdecken des Sinns im Mythos. Wenn aber ein Mythos beim besten Willen keinen aktuellen hilfreichen Sinn mehr hergibt, wie der Opfermythos des Sohnes Gottes, dann lasse man eben den Mythos beiseite. Die Bibel ist ein Buch voller hübscher und meist dramatischer Geschichten, da gibt es wichtige und unwichtige. Das müsste heute klar sein.

Welche Bedeutung hat also Jesus Christus heute?

Er ist tatsächlich das entscheidende oder für viele ein Vorbild, das tröstet, das man durchaus ehren und verehren kann. Das Vorbild ermuntert, seinen Weg auf eigene Weise nachzugehen, dies ist der Weg der Liebe und des Mitgefühls, des Friedenstiftens und des Verzeihens. Dies ist theologisch gesprochen, eine Wirkung des Geistes, des heiligen Geistes. Der Geist als der heilige ist tatsächlich die Gabe Jesu Christi an die Menschen. Wenn man also fragt, was ist die Erlösung, könnte die Antwort heißen: die Gabe des heiligen Geistes.

Jetzt sage man nicht: Jesus wird dann bloß zum Meister eines wahren humanen Ethos! Natürlich wird er das. Und das wahre ethische Leben hat ja Jesus selbst als den Kern der Religion dargestellt. Man lese seine Lehre zur Liebe, Nächstenliebe, seine Lehre zu den Werken der Barmherzigkeit.

Christlicher Glaube ist wesentlich Ethos, weil gerade im ethischen Leben, der entscheidenden PRAXIS, Gottes Spuren erfahren werden. Gott wird, wie Jesus sagt, nicht in den Tempeln, also in den Kirchen primär erfahren; schon gar nicht in der gehorsamen Verehrung so hoch gestellter Kleriker und Kardinäle oder Päpste, nicht in Wallfahrtsorten, wo man als sündiger Mensch auf Knien leidend auf den Treppen herumrutscht, um seine Sünden dadurch loszuwerden. Natürlich gibt es die Freude an Transzendenz – Erfahrungen in der Natur, auch in der Kunst, auch in der Musik, auch im Eros: Aber dies sind Erfahrungen, die ja keineswegs eine l art pour l art Haltung fördern, sondern Wege weisen in ein gutes (d.h. auch ethisch gutes) Leben.

Der christliche Glaube ist also kein Angst machendes System, kein Lehrgebäude, keine gehorsame Haltung gegenüber alten Dogmen, christlicher Glaube ist das Ernstnehmen der eigenen subjektiven Erfahrung jetzt. Von der aus man mit der Vernunft und der reifenden Seele eben ethisch gut lebt. Dieses ethisch – gute Leben, die „Arbeit“ daran, ist der wahre Gottesdienst, das sagte Jesus Christus, das Vorbild für uns, schon.

Christlicher Glaube ist also zuerst Praxis, ethische Praxis, auch mit der Lust an entsprechenden kulturellen Erfahrungen. Aber vor allem in der Praxis zeigt sich Gott, darin zeigt sich Transzendenz, darin entsteht Poesie, die den Namen Gebet verdient.

Der christliche Gaube wird also wieder „einfach“, selbstverständlich nicht im Sinne von „schlicht“, sondern im Sinne von elementar und überschaubar und kritisch und deswegen auch eine Einladung zum guten Leben.

Ein Hinweis, geschrieben am 18.8.2017: Der niederländische Theologe Tarcisius van Bavel aus dem Augustinerorden äußert vorsichtige, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre in dem Buch “Christ in dieser Welt”, Würzburg o.J., offenbar um 1975. Van Bavel schreibt u.a. (S. 44 f.). “Augustinus scheint den Menschen viel eher (als sein Gegner Pelagius, CM) zu Unsicherheit und Angst zu verurteilen. Ohne behaupten zu wollen, Augstinus habe in allen Punkten gegen Pelagius Recht gehabt, muss man doch fragen, wer von beiden am dichtesten bei der Wirklichkeit geblieben ist”. (Was ist “Wirklichkeit”, fragt CM)… Der Augustinerpater van Bavel fährt dann fort: “Für Augustinus ist gewiss die ganze Menschheit in eine Situation der Unfreiheit hineingezogen und befindet sich noch immer in dieser Situation. Man braucht Augustinus auch nicht in allen Einzelheiten zu folgen: z.B. in seiner Ansicht, wie die Sündhaftigkeit im Menschengeschlecht übertragen wird, nämlich durch die geschlechtliche Vereinigung”. Dann nennt Prof. van Bavel noch die irrige Lehre von der Vorhölle für ungetaufte Kinder… Aber er meint, trotz dieser erheblichen Einwände gegen Augustin: Der Mensch finde sich immer schon in einer Welt vor, in der “das Böse”  schon da ist (S. 45). Das  “das Böse” aber ist doch keine unangreifbare metaphysische Qualität (kein Gegengott), sondern etwas, das sozusagen die Komprimierung falscher Entscheidungen vieler Menschen im Laufe der Geschichte ist. Das Böse, wenn man denn den Begriff überhaupt will, ist sozusagen eine strukturelle Sünde, also von Menschen gemachte Anhäufung von Falschem. “Das Böse” ist also eine von Menschen gemachte, in der Freiheit gemachte Objektivierung falscher, ethisch nicht vertretbarer Entscheidungen. Nur weil “das Böse” Ausdruck von Freiheit ist, kann es ja auch bekämpft werden! Vor dieser Erkenntnis weicht Prof. van Bavel wie so viele andere katholische Theologen zurück:  Augustinus, der heilige Kirchenlehrer, muss eben unter allen Umständen eben recht behalten! Schließlich dürfen auch Erbsünden-Dogmen nicht revidiert werden, meint das oberste katholische Lehramt in seiner Erstarrung. Das ist der Stil katholischer Theologie: Bloß nicht Fehler großer Theologen von einst zugeben und sich von diesen Denkfehlern und der ideologischen Verbissenheit, bei Augustins Erbsündenlehre evident, befreien.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

„Ohne Erbsünde glauben“. 10 Fragen und Antworten anlässlich einer theologischen Diskussion

Von Christian Modehn,  am 8. Juni 2017

1.Frage

Die Lehre von der Erbsünde ist, etwa in der katholischen Kirche, ein Dogma, also eine definierte Glaubenslehre. Kann man sich denn heute von einem Dogma mit dieser umfassenden Lehre befreien?

Ja, kann man und sollte man. Das kann nicht nur der einzelne, aufgeklärt denkende Glaubende, indem er dieses Dogma in dieser Form eben für sich beiseite lässt. Und das tun sehr viele. Die Befreiung von diesem Dogma kann aber prinzipiell auch das katholische Lehramt heute vollziehen. Wenn es denn so viel Vernunft walten lässt und erkennt: Dieses Dogma zur Erbsünde ist nicht nur Ausdruck einer bestimmten, also begrenzten Theologie, in dem Fall des 4. Jahrhunderts. Dieses Dogma zur Erbsünde ist zudem vor allem Ausdruck einer damaligen politischen Haltung, es ist historisch nachweislich entstanden unter Bestechung, Betrug und dem Einsatz materieller Mittel. Die Erbsündenlehre ist also eine zähe sich haltende Ideologie.

2. Frage

Warum hat denn, etwa die katholische Kirche, so lange an diesem Dogma festgehalten?

Weil das katholische Lehramt die geschichtliche Entwicklung, den Wandel und die Veränderung (und dazu gehört eben auch die Abschaffung alter Lehren) des eigenen Lehrsystems

absolut verachtet und ausschließt. Das Lehramt hasst die Entwicklung, die Geschichtlichkeit, die Evolution, also auch die Entdeckung von neuen Einsichten und damit die Befreiung von alten, weil das Lehramt in seiner Angst weiß: Diese Befreiung könnte auch zu einer Neudefinition des Lehramtes selbst führen, also zum Machtverlust des Klerus.

3. Frage

Ist denn die Formulierung eines Dogmas, auch des Dogmas der Erbsünde, nicht eine ewig gültige Lehre?

Natürlich nicht! Das wird nur vom Lehramt behauptet und den Glaubenden eingeredet. Evident ist: Jede Glaubensaussage ist eine Aussage bestimmter, notwendigerweise geschichtlich geprägter Menschen. Jeder Glaubende später hat die Aufgabe, diese alte überlieferte Lehre zu studieren, zu kritisieren, neu zu formulieren in seiner eigenen Sprache und möglicherweise in gravierenden Fällen als großen Unsinn eben als nicht-relevant für sich selbst und seine Gegenwart beiseite zu tun. Dann beginnt das große Aufatmen, als hätte man eine schwere Last abgeworfen. Genau das soll mit der Erbsünden – Ideologie geschehen. Ich sage Ideologie, weil diese Lehre keinerlei Anhalt im Erfahrungsbereich des einzelnen hat. Hat jemand schon mal die Erbsünde ALS Erbsünde erlebt?

4. Frage

Blamiert sich das Lehramt nicht, wenn es eine alte dogmatische Lehre beiseite legt und sich von ihr befreit?

Nein, gar nicht. In der heutigen Welt werden eher Menschen hochgeschätzt, die Fehler von einst erkennen und bearbeiten, auch in den Wissenschaften ist dies so, auch in den individuellen Lebenserfahrungen ist das so. In den Evangelien und etwa in den Briefen des Paulus und der so genannten paulinischen Schriften wird je weiter die Erkenntnisse der ersten Gemeinden voranschreiten, auch Neues und anderes gesagt im Vergleich etwa zu der sehr alten Logienquelle Q oder dem Markus Evangelium. Es gab einmal Entwicklung und Evolution in der Kirchenlehre. Aber siewurde gestoppt im 2. Jahrhundert.

5. Frage

Sind denn dann die Erzählungen vom Sündenfall im Buch Genesis hinfällig?

Nein, sie behalten als Mythen ein historisches Interesse. Sie sind ein uralter mythischer Beitrag zur Frage nach dem Bösen. Mehr nicht. Aber sie können die Phantasie anregen, aber mehr nicht! Sie müssen historisch und kritisch gelesen werden, nicht mit einem schon vorweg „mystisch“ geformten Sinn, der etwa die Schlange so toll findet oder sich an der Nacktheit irgendwie tiefenpsychologisch abarbeitet. Das kann man ja nebenbei als Hobby machen. Evident ist: Das Essen vom Baum der Erkenntnis als Bild ist eine große und gute Tat der Menschen: Denn dieses Essen vom Baum der Erkenntnis macht Adam und Eva zu Menschen, zu freien, nachdenkenden Menschen.

6. Frage

Wenn wir uns von der alten Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert befreien: Dann wird doch die Fragen nach dem Bösen in der Welt nicht hinfällig?

Diese Frage bleibt, und über das Böse in der Welt der Menschen muss nach wie vor nachgedacht werden. Auch über Sünden, Nicht aber über die sexuell übertragbare Erbsünde, wie es der Erbsünden-Freund Augustinus sich ausdachte.

Definitive, formelhafte Antworten auf das Böse, etwa mit einem Begriff (wie einst „Erbsünde“), kann es sachlich nicht mehr geben. Es ist das Suchen nach Erklärungen, über die man vernünftig diskutieren kann. Eine Denk-Möglichkeit ist, die Macht des Egoismus als Ursprung des Bösen anzusehen. Und damit die Überwindung des Bösen in der Welt gerade in der ständigen Überwindung des Egoismus, auch in der Politik, auch in der Ökonomie, auch in den Kirchen, zu fördern, zu lernen, zu leben.

7. Frage

Hat denn die Erbsündenlehre tatsächlich so viel Schaden angerichtet?

Das ist evident. Man lese nur die Arbeiten großer Historiker, wie Jean Delumeau und anderer. Die Erbsündenlehre ist eine von der Kirchenführung eingesetzte Ideologie der Angst, der Kleinmachung des Menschen, des permanenten Schuldgefühls. Die Erbsündenlehre ist eine Motivation, die Heiden unter Zwang zu bekehren, d.h. zu taufen. Die Erbsündenlehre ist die ideologische Voraussetzung des von den Kirchen gestützten Kolonialismus. Und die Stütze für die „Judenmission“ usw.

8. Frage

Wenn die alte Erbsündenlehre beiseite gelegt wird, muss die Bedeutung der Erlösung durch Jesus Christus auch neu verstanden und neu gedacht werden?

Selbstverständlich! Die Idee, Jesus opfert sich mit seinem Blut für den Versöhnung fordernden Gott -„Vater“ auf usw, diese Vorstellung wird auch überwunden. Diese Wiedergutmachungslehre wird endlich beiseite gelegt, in gutem ökumenischen Einverständnis, denn bekanntlich lehren die Lutheraner auch diese Wiedergutmachungs-Erlösungslehre durch das Blut Jesu. Kaum noch nachvollziehbare, mythische Karfreitagslieder wie „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ werden nur noch Historiker interessieren, sie verschwinden aus den Gesangbüchern. Das alte, beliebte katholische Kirchenlied zum „unblutigen Opfer“ ( das ist die katholische Messe !) ist ja auch aus den Gesangbüchern verschwunden, das Lied begann so: “Nun ist das Lamm geschlachtet“ (geschlachtet, unblutig, vom katholsichen Priester, auf seinem Altar…). An was für absonderliche Welten sollen die Menschen nur glauben…Kein Wunder, dass es so viele nachdenkliche „Atheisten“ gibt.

9. Frage

Wer ist Jesus dann im Rahmen einer neuen Sündentheologie, die auf die alte Erbsündenideologie verzichtet?

Ein weites Feld für kreative Theologie öffnet sich da. Etwa: Jesus zeigt in seiner Person, dass Liebe das Höchste ist, was unbedingt gelebt werden muss, auch als politische Gestaltungskraft. Jesus zeigt in dem Sinne als „erlösendes Vorbild“, dass das, was wir Gott nennen, ein Geheimnis ist, das nie der Mensch, auch kein Papst etc., dogmatisch in den Griff bekommt. Aber Jesus bezeugt: Dieser Gott ist liebend den Menschen zugewandt. Und das zu wissen, reicht.

10. Frage

Sollten, diejenigen, die die Erbsündenlehre beiseite legen, nicht Angst haben, nicht mehr als katholisch zu gelten?

Überhaupt nicht. Sie sollten sich freuen über die Tat der Befreiung. Und sie sollten die modernen Theologen fragen: Warum habt ihr uns von dieser Ideologie bisher nicht befreit? Warum gerade jetzt, im Jahr des Reformationsgedenkens? Warum habt ihr diese alten Erbsünden Lehren so ewig repetiert, gedreht, gewendet, voller Angst, gegenüber der Glaubensbehörde, etwas falsch zu machen? Zudem werden wir uns eingestehen, dass die meisten Glaubenden diese alte Erbsündenlehre sowieso nicht mehr glauben. Und vor allem: Niemand kann einem Christen absprechen, nicht mehr Christ oder Katholisch zu sein, bloß weil er sich von einer verfehlten Ideologie, der alten Erbsündenlehre, absetzt. Die Gegenfrage an die Hüter der Lehre etwa in der Glaubensbehörde des Kardinal Müller: Schämt ihr euch eigentlich nicht, die den Glaubenden Suchenden heute noch mit dieser theologischen Ideologie, und das ist die alte Erbsündenlehre, zu belasten.

Nebenbei für alle, die gern noch ein Zitat aus dem Neuen Testament mögen: Im Lukas Evangelium Kapitel 11, Vers 46, sind von Jesus Sätze überliefert, die aus dem Bewusstsein der Dogmenhüter heute offenbar verschwunden sind und deswegen kaum aktuell zitiert werden. Da soll also Jesus zu den Schriftgelehrten (als den Glaubenswächtern damals) gesagt haben: „Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer: Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können. Und selbst rührt ihr die Lasten nicht mit einem eurer Finger an.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.