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Kapitalismus als Religion. Zur Diskussion über einen Text von Walter Benjamin

17. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Kapitalismus als Religion?

Von Christian Modehn

In unserem religionsphilosophischen Salon am 15. März 2013 ließen wir uns (19 TeilnehmerInnen) von den Thesen und Vorschlägen inspirieren,  die Walter Benjamin (1892 – 1940) in seinem Fragment „Kapitalismus als Religion“, (geschrieben 1921, veröffentlicht 1985), hinterlassen hat.

Der Berliner Philosoph Dr. Jürgen Große begleitete kritisch unsere Gespräche.

Die Aktualität des Thema wird immer offenkundiger: Am 30. März 2013 z.B. veröffentlichte die „Berliner Zeitung“ ein ausführliches Gespräch mit dem Ökonomen Robert Skidelsky und dessen Sohn, dem Philosophen Edward Skidelsky anläßlich ihres gemeinsamen Buches „Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens“ (A. Kunstmann Verlag, 2013). Weitere Hinweise am Schluss dieses Beitrags.

Zuerst zu unserem Salon am 15. 3. 2013:

Deutlich wurde, dass allein schon die These „Kapitalismus als Religion“ zu kontroversen Diskussionen führt. Einigen TeilnehmerInnen vermuteten, dass der Begriff der Religion viel zu weit gefasst werde, wenn er auch die „säkulare“ „Wirtschaftsordnung“ des Kapitalismus einbezieht. Religion, so die Meinung, hat nur mit religiösen Gründergestalten, mit einem theistischen System, mit explizit spiritueller Praxis in Gebet und Gottesdienst usw., zu tun.

Aber es besteht bei allen die Offenheit, sich dem Vorschlag Walter Benjamins zu stellen: Der Kapitalismus selbst IST Religion.

Dieser These kann man sich von verschiedenen Seiten nähern:

Etwa von dem Philosophen und Psychologen Erich Fromm (in: „Die Natur des Menschen und sein Charakter“, jetzt in Gesamtausgabe Band II, Seite 35f.) wird der Begriff „Rahmen der Orientierung und Hingabe“ eingeführt, als ein Oberbegriff, der ausdrücklich das Gemeinsame theistischer wie nichttheistischer  (!) (Sinn-) Systeme beschreibt. Erich Fromm sieht deutlich das seelische Bedürfnis des Menschen, über ein „System der Orientierung und Hingabe zu verfügen“ (S. 36). Fromm weist in diesem Aufsatz aus dem Jahr 1947 ausdrücklich darauf hin, dass es „Millionen von Menschen gibt, die sich dem Streben nach Erfolg und Prestige hingegeben haben“, also in dieser Hingabe der religiösen Hingabe ähnlich sind. Und der Psychologe stellt die nur noch rhetorische Frage, ob es nicht auffällig sei, „dass diese weltlichen Ziele (Erfolg, Prestige usw.) mit der gleichen Intensität und dem gleichen Fanatismus verfolgt werden, wie wir es in den Religionen betrachten können?“ Erich Fromm kommt in diesem Aufsatz der These Benjamins nahe, wenn er schreibt, „dass die meisten Menschen sich in unserem Kulturraum zwar zum Monotheismus bekennen, während ihre tatsächliche Hingabe Systemen gilt, die dem Totemismus  (als etwa der Verehrung von Gegenständen, CM) und der Götzenanbetung (also etwa dem Geld, CM) näher stehen als irgendeiner Form des Christentums“ (ebd).

Mit anderen Worten: In der Sicht Erich Fromms ist es faktisch so, dass auch Christen ihre zentrale Lebens – Orientierung in der Bindung an Güter und Geld finden: Kapitalismus als Religion entspringt dann sozusagen einem seelischen Bedürfnis.

Von theologischer Seite wird Religion die alles bestimmende Wirklichkeit genannt, etwa von Rudolf Bultmann und Paul Tillich. Diese Definition entspricht formal der Überzeugung Benjamins, der Kapitalismus sei die alles bestimmende Wirklichkeit: Der durch Geld vermittelte Warenaustausch ist sozusagen alles gründend, er ist universal; das Bedürfnis Profit zu machen, immer mehr Geld zu verdienen, gilt absolut und darf nicht bezweifelt werden. Es soll ein ständiges ökonomisches Wachstum herrschen. Das ist eine Form des Glaubens, der als zentraler „Orientierungsrahmen“ von Menschen im Kapitalismus übernommen wird.

„Kapitalismus als Religion“ heißt: Alle Bereiche des Lebens werden der Geldvermehrung und Kapitalvermehrung unterworfen. Noch bevor man sich auf die einzelnen Hinweise Benjamins einlässt, wird deutlich: Es wird im Kapitalismus nicht für den Gebrauch produziert, sondern für den Tausch, und der soll Gewinn, soll Geld bringen. Und wenn Geld ohne Arbeitskraft, also ohne Menschen erzielt wird, dann wird das auch praktiziert.  Der Soziologe Christoph Deutschmann weist darauf hin, dass Geld nicht nur ein ( hochheiliger) Tauschwert sei, sondern auch ein „Vermögen“: Es schenkt die allumfassende (göttliche) Freiheit.

Darin zeigt sich der Geist des Kapitalismus:

1. Jeder andere Mensch ist auf dem Markt mein potentieller Konkurrent und damit auch mein Gegner, den es zu besiegen gilt. Er kann mich schädigen. Ich muss mich schützen, auch vor denen, die nichts haben. Es entsteht eine feindliche Welt, man schottet sich von einander ab. Misstrauen herrscht vor. Der Mitmensch wird einzig unter der objekthaften Fassade des „Händlers“, der Produzenten oder des Arbeiters gesehen. Der Mensch als Mensch im Sinne von absoluter Personenwürde und „Zweck an sich“ (Kant) kommt nicht vor.

2. Um auf dem Markt sich durchzusetzen und zu bestehen: Muss man „selbst – los“ werden, d.h. ohne ein ausgeprägtes Selbst sich präsentieren, im letzten: Ohne ein eigenes Selbst sein, d.h. totale Flexibilität ist oberstes Gebot. Bindungen an Familie, Heimat usw. spielen keine Rolle; es gilt, dorthin zu gehen, wo es Arbeit (noch) gibt. Dies wird vonseiten der Eigentümer an Produktionsmitteln allen Arbeitern wie ein Dogma eingehämmert, also den Menschen, die nur ihre Arbeitskraft auf den Markt werfen können. Diese Entwicklung  kann man eine neue Form der „Selbst – Verlorenheit“ nennen. Alle Empfehlungen „Sei du selbst“ haben deswegen in der kapitalistischen Ökonomie einen schweren Stand; manche sprechen von einem illusorischen Charakter. „Sei du selbst“, das weckt Hoffnungen, die kaum zu erfüllen sind.

3. Es wird die unbefragte, wie ein Dogma verbreitete Lehre gelehrt: Arbeit ist das wichtigste im Leben. Freie Zeit hat nur Sinn, wenn sie für die Arbeit wieder fit macht. Arbeit ist der absolute Wert, dem sich jeder unterwerfen soll: Selbst die ausgedehnte Waffenproduktion etwa in Deutschland wird damit begründet, Waffenproduktion und Waffenhandel (selbst mit blutigsten Diktaturen in der arabischen Welt) schaffe Arbeitsplätze.

Das Motto ist: Irgendeine Arbeit ist besser als keine Arbeit. Das ist Credo besonders von Parteien, die sich nicht genieren, das C, also das Christliche, in ihrem Namen zu führen. Die absolute Hochschätzung der Arbeit ist DAS Dogma des Kapitalismus, das zudem „alternativlos“ genannt wird.

Es gibt zum Kapitalismus keine Alternative, wird eingeredet, so wie es eigentlich zum Bezogensein auf eine göttliche, transzendente Wirklichkeit keine Alternative gibt: Entweder man ist gläubig und bejaht Gott oder man ist ungläubig und setzt sich negierend vom Bezogensein auf ihn ab. Immer aber bleiben alle auf ihn bezogen, auf den Kapitalismus oder auf Gott.

4. Alles wird der Verwertung unterworfen; auch die Menschen werden als Gegenstände taxiert t und nach ökonomischen Einstellungen gebraucht/mißbruacht. Der um sich greifende und lukrative Menschenhandel ist nur die Spitze des Eisberges. (Jährlich werden im Windschatten der Globalisierung mehr als 2,4 Millionen Menschen wie Ware gehandelt, müssen die schlimmsten Formen wirtschaftlicher Ausbeutung erfahren und brutalste Verletzungen ihrer Menschenrechte hinnehmen. Die Gewinne aus dem Menschenhandel werden weltweit auf 32 Milliarden US-Dollar geschätzt – jährlich, Quelle: http://reset.to/knowledge/handelsware-mensch-menschenhandel-im-21-jahrhundert, gelesen am 17.3.2013).

Damit verbreitet sich die unbefragte Mentalität: Es gibt wertvolle (d.h. ökonomisch relevante Menschen) und unwichtige Menschen. Wer nichts gilt, das sind etwa die alten Menschen, die Kranken und Behinderten, die Roma und Sinti, die (allein erziehenden) Frauen oder die Flüchtlinge. Indische  Computerspezialisten sind begehrt, weil sie unser Wachstum fördern. Man kann sie ja nach erbrachter Leistung wieder rausschmeißen.

5. Die Philosophin Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass Menschen, die von der Gesellschaft als „Überflüssige“ ausgegrenzt werden, tendenziell zu totalitären Haltungen neigen, wobei die Ausgrenzung selbst schon totalitär, faschistisch ist. Mit anderen Worten: Das kapitalistische System erzeugt Kriege, Bürgerkriege. Z.B. In Ungarn sprechen kluge Beobachter wegen des maßlosen Nationalismus und der Ausgrenzung von Minderheiten von Vorstufen für einen bevorstehenden Bürgerkrieg dort.

Dies sind die Annäherungen, um sich intellektuell aufzuschließen für die These Walter Benjamins „Der Kapitalismus ist Religion“.

Diese Religion, der Kapitalismus, prägt uns ständig und indirekt und unaufgefordert. Sie vermittelt uns von Kindheit an „Werte“:

Durchsetzungskraft, Macht, Gewinn, Quantität sei wichtiger als Qualität, Geld ls oberster Wert, der Freiheit schenkt, Wachstum der Wirtschaft, aus allem materiellen Gewinne ziehen. (Nebenbei: Nach einem Besuch in der Sowjetunion im Jahr 1926 zweifelte Benjamin daran, dass eine „sozialistische Ordnung“ besser sei als die kapitalistische: beide liegen auf der selben Ebene, was die Einschätzung des einzelnen, seine Personenwürde usw. angeht.)

Nun zum Text Walter Benjamins selbst: Es ist ein Fragment, 3 Din A 4 Seiten umfassend; es ist also äußerst knapp und kurz gehalten die Argumentation! Die im Fragment angegeben Literaturhinweise deuten darauf hin, dass eigentlich von Benjamin weiter gearbeitet werden müsste.

Wir können nur auf einige zentrale Erkenntnisse des Fragments hinweisen: Der Soziologe Max Weber, hatte betont, die Wirtschaftsordnung des Kapitalismus sei BEDINGT durch den Protestantismus, vor allem durch pietistische Formen des Calvinismus.

Walter Benjamin geht noch weiter, wenn er sagt: Kapitalismus IST selbst Religion und nicht nur von Religionen bedingt.

Für Benjamin ist klar: Der heute alles bestimmende Kapitalismus dient der Befriedigung derselben Sorgen wie die Religionen, es geht auch dem Kapitalismus, „um Befriedigung von Sorgen, Qualen, Unruhen“. Man denke an den auf Gewinn zielenden Kulturbetrieb, der durchaus Sinn stiftende Vorschläge macht, etwa in der Popkultur, in der Freizeit – Industrie usw.

Für Benjamin ist klar: Der Kapitalismus will den Menschen Befriedigung geben und Sinn stiften wie die (traditionellen) Religionen. Die Frage ist: Wie weit hat der Kapitalismus als Religion bereits die „klassischen“ Religionen, wie die Kirchen, abgelöst, inwieweit bestehen diese nur noch als Strukturen weiter.

Vier zentrale Thesen im Fragment Benjamins sollen erwähnt werden:

1.

Kapitalismus ist eine kultische Handlung. Kultreligion ist für Benjamin eine typisch heidnische Religion.

Dieser Kult – Kapitalismus hat nach Benjamin keine Dogmatik und keine Theologie (was meines Erachtens eine sehr fragwürdig Behauptung ist CM). Der Kult heißt: Nur arbeiten und gewinnen, die Arbeit verehren, um den Profit zu vermehren. Es ist ein Kultus der Ware. Tauschwert und Gewinn werden religiös als absolut verklärt. Die Orte des Handels werden kultisch überformt: Weltausstellungen sind für Benjamin Wallfahrtsorte des Fetischs Ware. Die (Handels) Passagen in Paris wirken auf ihn wie Kathedralen. (Kaufhäuser werden heute oft ohne Ironie Konsumtempel genannt). Am Beispiel der großen Weltausstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts hat Benjamin diese Tendenz der modernen Welt in seinem Passagen-Werk untersucht. „Die Weltausstellungen … eröffnen eine Phantasmagorie, in die der Mensch eintritt, um sich zerstreuen zu lassen. Die Vergnügungsindustrie erleichtert ihm das, indem sie ihn auf die Höhe der Ware hebt. Er überlässt sich ihren Manipulationen, indem er seine Entfremdung von sich und den anderen genießt.“ (Benjamin V.1, 50f)

2.

Kapitalismus als Kult kennt keine Pausen; er ist zeitlich allgegenwärtig, auch am Sonntag. An allen Tagen herrscht Konsum. An allen Tagen gilt das Gesetz der Arbeit.

3.

Kapitalismus bringt keine Entsühnung, d.h. keine Erlösung; er ruft ein stetig wachsendes Schuldgefühl hervor. Er bringt Schuld und Schulden. Als Schuldner muss man durchhalten. Kapitalismus lädt allen immer mehr Schulden auf. Den Schulden kann keiner entkommen.

Das erinnert an die Unentrinnbarkeit. Kapitalismus offenbart sich wie eine  Schicksalsmacht! Darin drückt sich auch eine Form der Hoffnungslosigkeit aus. Es macht keinen Sinn, sich um Verbesserungen zu bemühen. Benjamin sagt: „Dass es so weitergeht ist die Katastrophe“

Sehr bedenkenswert ist die Aussage Benjamins:

„Der Kapitalismus ist ein Parasit des Christentums“. D.h. er ist mit dem Christentum groß geworden. Das heißt für Benjamin: Es gibt keine vom Christentum unabhängige Geschichte des Kapitalismus.

Und: An die Stelle des transzendenten Gottes tritt dann der Übermensch.

Nebenbei eröffnen sich interessante historische Belege für das „heilige Geld“ seit dem 19. Jahrhundert vor allem: es sind die Götter- bzw. Göttinnen – Darstellungen auf den Geldscheinen. Auf dem 50 Gulden Schein der herzogl. Landesbank von 1845 sind mehrere Götter abgebildet. Weit verbreitet sich auch Darstellungen von Fruchtbarkeitsgöttinnen auf Geldscheinen. Dies ist wie eine religiöse Verheißung an den Geldscheinbesitzer: Dein Geld bringt Glück. Und es weckt das Gefühl: Ich kann die Götter anfassen. Man wagte es damals nicht, den einen, den absoluten, monotheistischen Gott abzubilden, offenbar aus Angst vor Blasphemie Vorwürfen durch die Kirchenführer.

Was hat diese These Kapitalismus als Religion für Auswirkungen auf die traditionellen monotheistischen Religionen, etwa die Kirchen? Sie müssen, so glauben die meisten Kirchenführer, zum Überleben auf der zum Markt gewordenen Welt, selbst marktkonform sein. Das Gefühl ist allgemein: Religion muss etwas bringen, etwas bewirken, muss mir mein Funktionieren in der Welt erleichtern. Religion wird zum Ausdruck instrumentell agierender Vernunft.

Jetzt erleben wir die Phase des offenbar noch vollkommen ungefährdet herrschenden Kapitalismus. Wie lange wird das noch gelten angesichts der Krisen der Banken, der Milliardenkredite, die nicht den Menschen helfen, sondern den Bankmanagern und den (auswärtigen) Gläubigern?

Kapitalismus als Religion: Was nützt diese Erkenntnis für die Lebensorientierung heute? Darauf wie auf viele andere Fragen konnte unser Salon naturgemäß keine definitiven Antworten finden.

Die Frage bleibt: Kann man in der allmächtigen Religion des Kapitalismus überhaupt noch „unreligiös“ werden? Also zum  Atheisten des Kapitalismus werden?

Das Fragment „Kapitalismus als Religion“ wird uns im religionsphilosophischen Salon weiter beschäftigen. Weitere Themen wäre etwa das Wort Martin Luthers im Großen Katechismus „Worauf du dein Herz hängest… das ist eigentlich dein Gott“. Oder die Rede von der „unsichtbaren Hand“ der modernen Wirtschaft, die (angeblich, so Adam Smith) wie die göttliche Vorsehung den Wohlstand der Nationen befördert. Wer dem Konzept der unsichtbaren Hand folgt, der folgt einem Glauben. D.h. der Kapitalismus ist selbst auf einem Glauben basiert, er verlangt gläubige (und nicht rundum ein  rational begründete) Zustimmung. Weitere Themen sind: Ist politische Stabilität denkbar ohne das permanente Wachstum? Welches Wachstum wäre noch förderlich für die allmählich ausgeplünderte Erde? Was ist das für ein Menschenbild, das die Personen primär als Konsumenten anspricht und in der Werbung mit religiösen Begriffen arbeitet, wie „absolute“ oder Eternity oder himmlisch oder göttlich usw. Der Publizist Christoph Fleischmann weist in seinen Publikationen (empfehlenswert: „Gewinn in alle Ewigkeit“, Kapitalismus als Religion, Zürich 2010)  darauf hin, dass „die Messe vom Ort der Gottesoffenbarung zum Handelsplatz geworden sei, dass der Erlös die christlich verstandene Erlösung ersetzt“ usw. „Begriffe, Vorstellungen und Medien der alten Religion sind von der neuen Religion (dem Kapitalismus) okkupiert und umgedeutet worden (so Christoph Fleischmann in dem Aufsatz „Kapitalismus als Religion“ in „Blätter für deutsche und internationale Politik, 2007).

Für die nächste Zeit heben wir uns im Salon die Frage auf, ob oder auch wie der Kapitalismus in seiner Zwiespältigkeit (Fortschritt und Modernisierung vermittelnd und doch Unterdrückung schaffend) reformiert werden kann. Der „soziale Kapitalismus“ darf dabei wohl nicht als eine zusätzlich „aufgepfropfte Dimension“ künstlicher Art erscheinen. Vielmehr muss wohl an Hegels Rechtsphilosophie angeknüpft werden, in der Hegel die Sittlichkeit als die Basis aller Geschäftsbeziehungen geltend macht, so dass also von der sittlichen Freiheitsbasis aus der Kapitalismus zu reformieren wäre. Wegweisend ist hier das neue Buch von Axel Honneth, „Das Recht der Freiheit“, Suhrkamp, 2012.  Das Buch hat den bezeichnenden Untertitel: „Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit“-

Wir weisen auch auf die allgemein zugänglichen, inspirierenden Texte von Heribert Böttcher hin, er ist als katholischer Theologe Leiter der Pax – Christi – Arbeit in Trier.

Zum Fragment Walter Benjamins empfehlen wir die Aufsatzsammlung „Kapitalismus als Religion“, erschienen im Kulturverlag Kadmos Berlin, 2003. Herausgegeben von Dirk Baecker.

Der Soziologieprofessor Christoph Deutschmann wurde schon kurz erwähnt: Wichtig ist sein Buch „Die „Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus“. Campus Verlag 2001. Es gibt auch  zahlreiche weitere Publikationen Deutschmanns zum Thema.

Sehr empfehlenswert ist auch die website zur Erforschung des Werkes Walter Benjamins: http://www.walterbenjamin.org/

Eintrag am 1.4.2013: Zu dem oben genannten Buch vom Robert Skidelsky und Edward Skidelsky. Wir bieten nur einige besonders wichtige Zitate:

Edward Skidelsky: „Wenn wir nach dem streben, was andere haben, wir aber nicht, dann liegt das im kapitalistischen System, das uns zur Jagd nach immer mehr verdammt. Der Kapitalismus gießt Öl ins Feuer des menschlichen Verlangens. Politik hat jeden Versuch aufgegeben, die Marktkräfte zu steuern“.

Und der Ökonom Robert Skidelsky ergänzt: „Unsere Politiker haben für die Zielbestimmung der Wirtschaft nichts anderes auf Lager als Wachstum, Wachstum,Wachstum. Derweil kassiert eine habgierige Plutokratie im Westen ab….. dass dieses ganze (kapitalistische) System von innen her moralisch verfault, spricht kaum einer aus…Die schwerreichen Banker und die Milliardäre sind alle Frankensteins auf ihre Art. Sie halten sich für unfehlbar. Sie glauben, sie seine unglaublich wertschöpferisch tätig, was schlicht nicht stimmt. In Wahrheit sind sie Gierhälse, viele von ihnen auch Betrüger. Wir verehren sie wie Götter, aber es es sind falsche Götter – moralisch, ökonomisch, politisch“.

Der Vorschlag des Ökonomen R. Skidelsky und des Philosophen E. Skidelsky heißt: Wir müssen persönlich und in Gruppen deutlicher an dem arbeiten, was GUTES LEBEN für uns heute bedeutet: z.B: Weniger Arbeit, weniger Gier, mehr freie Zeit, mehr Achtsamkeit, mehr Zeit fürs Nachdenken, auch mehr Zeit fürs philosophische Gespräch, für die Kunst, für die Religion. Wobei dieses „mehr“ nicht im Sinne des quantitativen Steigerns gemeint ist… Die Leitidee des guten Lebens, die uns schon mehrfach im Religionsphilosophischen Salon beschäftigte (zuletzt auch über das Konzept des „buen vivir“ in Eciador und Bolivien) werden wir weiter besprechen. Warum kann ein religionsphilosophischer Salon sich nicht überhaupt unter das Motto stellen:“Für das gute Leben“?.

 

 

Copyright: Christian Modehn

 

 



Die Liebe zum Leben und die Kulte des Todes: Über Erich Fromm. Ein Salonabend

25. März 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

 

Für Erich Fromm ist der Mensch weder gut noch böse, aber der Weg, den er aufgrund seiner spezifischen Situation geht, dient entweder dem Leben oder seiner Zerstörung. Gut bedeutet in Sinne seiner humanistischen Ethik Bejahung des Lebens und alles, was zur größeren Entfaltung der spezifischen menschlichen Möglichkeiten beiträg (Biophilie). Böse oder schlecht ist alles, was das Leben einschnürt und das Aktivsein des Menschen lähmt ( Nekrophilie).

Der Salon findet im Café Antikflair in Berlin – Schöneberg statt, Grunewaldstr. 10.Um Anmeldung wird gebeten. Beitrag (für die Raummiete): 5 Euro.

 

 



Erinnerung an Erich Fromm. Vor 30 Jahren gestorben, seine Erkenntnisse leben

15. März 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Erinnerung an Erich Fromm.
Vor 30 Jahren, am 18. März 1980, ist der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm gestorben. Für ihn stand die „Menschlichkeit des Menschen“ im Mittelpunkt seines Arbeitens. Außer Freud und Marx wurde für ihn auch die humanistische Interpretation der jüdischen und der christlichen Tradition wichtig. Auch die Mystik, etwa Meister Eckart, war für ihn entscheidender Impuls. Für ihn ist deutlich: Es gibt eine autoritäre Religion, die der Entfaltung der Menschen im Wege steht. Wer dem autoritär geformten Gewissen folgt, ist von der Angst der Autorität geprägt. Ungehorsam erzeugt dann Schuldgefühle. Wahre Gottesbeziehung ist für Fromm identisch mit Befreiung von autoritären Gottesbildern, gleichzeitig sollte der Mensch sich selbst befreien von egozentrischen Strukturen.
Aus der Fülle der Anregungen Erich Fromms greifen wir nur einen Impuls heraus: Sein Eintreten für die in vielen Religionen und Philosophien empfohlene ethische Regel: die so genannte „Goldene Regel“.

In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ erinnert Erich Fromm daran, dass diese ethische Lebensregel NICHTS zu tun hat mit der im Kapitalismus verwurzelten, rein aufs Handeln und Geschäftemachen bezogenen „Fairness-Regel“, die propagiert: „Sei fair in deinem Tauschgeschäft mit anderen“.
Fromm schreibt:
„Die Goldene Regel ist nur eine andere Formulierung des biblischen Gebotes der Nächstenliebe und der Selbstliebe und der Gottesliebe. Seinen Nächsten lieben heißt, sich für ihn verantwortlich fühlen und mit ihm eines fühlen. Die Fairness Regel besagt nur, dass man die Rechte seines Nächsten (äußerlich) respektiert, nicht aber, dass man den Nächsten liebt. Es gibt einen Unterschied zwischen Fairness und Liebe. (S. 130, Kunst des Liebens)

Schon in dem Buch „Psychoanalyse und Ethik“ (1947) greift Erich Fromm einen nicht weniger wichtigen Gedanken zur „Goldenen Regel“ auf:
„Alles, was wir einem anderen antun, es mag gut oder böse sein, tun auch wir uns selbst an. Man kann also sagen: Was du anderen antust, das tust du dir selber an. In irgendeinem menschlichen Wesen die Kräfte zu verletzen, die auf das Leben gerichtet sind, schlägt unfehlbar auf uns selbst zurück. Unser eigenes Wachstum, unser Glück, beruhen auf der Achtung vor diesen Kräften. Und es ist nicht möglich, sie in anderen zu verletzen und zugleich selber unberührt bleiben. Die Achtung vor dem Leben, dem fremden wie dem eigenen, gehört zum Lebensvollzug selbst und ist eine Bedingung für die psychische Gesundheit“ (s. 226)

PS: Siehe auch im Religionsphilosophischen Salon zu Erich Fromm in dem Beitrag: „Wider die Macht der Gewohnheit“.