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„Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin“: Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozeß im August 2012

19. August 2012 | Von | Kategorie: Religionskritik

„Der Patriarch glaubt an Putin“

Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozess im August 2012

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag hat seit seiner Veröffentlichung im August 2012 sehr viel Interesse gefunden, vielleicht stellen sich die Leser Fragen, angesichts des orthodoxen Weihnachtsfestes, was sich denn hinter den weihrauchgeschwängerten Zeremonien mit ihrem Chefliturgen Patriarch Kyrill, an materiell – politischen Interessen verbirgt. Vielleicht warten sie auch gespannt auf die Konversion Gérard Dépardieus zur russisch – orthodoxen Kirche. Es wird die Meinung geäußert, dass sich Dépardieu durchaus gut mit Patriarch Kyrill verstehen könnte…

Aktuell ergänzen wir am 11. 5. 2014 diesen Beitrag mit einem Hinweis auf das sehr empfehlenswerte Buch von Mischa Gabowitsch „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“ (Suhrkamp, 2013). Diese ausgezeichnete Studie verdient viel Aufmerksamkeit. Sie enthält auch ein Kapitel „Strukturwandel der Kirche“ (der Russisch-orthodoxen Kirche). Die Ausführungen dort (auf den Seiten 205 ff.) unterstreichen die hier seit 2012 notierten Hinweise zur engen ideologischen Verbindung des Moskauer allmächtigen Patriarchen Kirill mit Putin. Mischa Gabowitsch zeigt, dass die kirchliche Gier nach Macht und Einfluß im Putin Regime auch Ausdruck der tatsächlichen Schwäche der Kirche ist. Denn es ist ja keinesweges so, wie manchmal behauptet wird, als sei die Russisch-orthodoxe Kirche bei den Menschen tief verwurzelt und geradezu massenhaft anerkannt. Gabowitsch zitiert den Religionssoziologen Nikolay Mitrokhin:“Die russisch-orthodoxe Kirche lässt sich als konsequent antiliberal, antiwestlich, ethnischen Minderheiten gegenüber xenophob, mit einer monarchistischen (oder zumindest autoritären) Staatsform sympathisierend, etatistisch und marktfeindlich beschreiben“(S. 208). Interessant ist der Hinweis von Gabowitsch, dass liberale Priester wie Gleb Jakunin und Jakow Krotow (in den neunziger Jahren) aus der Kirche gedrängt wurden und „alternative orthodoxe Kirchen gründeten“ (S. 208), dieses Thema sollte weiter bearbeitet werden…  Aber noch ein erhellendes Zitat des Religionssoziologen Nojkolay Mitrokhin: „In wenigen Monaten haben Kirill und seine Helfer vollbracht, wofür ihre Vorgänger im zaristischen Russland Jahrzehnte brauchten:die Kirche gleichzeitig mit Diktatur, stumpfsinniger Grausamkeit und Korruption in enge Verbindung zu bringen“ (S. 209).

Hier unsere nach wie interessanten Hinweise aus dem Jahr 2012:

Drei Künstlerinnen, Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, werden drastisch wie in einem politisch gesteuerten Schauprozess bestraft: Die Musikerinnen der Gruppe „Pussy Riot“ werden wegen „Rowdytum aus religiösem Hass“ für 2 Jahre ins Straflager geschickt. Sie hatten am 22. Februar 2012 in der Moskauer Erlöser – Kathedrale, dem „prunkvoll – kitschigen Symbol des wiederauferstandenen orthodoxen Rußland“, vor der Ikonenwand ein gleichermaßen religionskritisches wie regimekritisches Lied angestimmt: Es beginnt wie ein klassisches Bittgebet: „Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin! Vertreibe Putin“.  Darin kommt auch der Vers vor: “Der Patriarch glaubt an Putin, besser sollte er, der Hund, an Gott glauben“. Gemeint ist der enge Verbündete Putins, Patriarch Kyrill, ein Mönch, seit 2009 im höchsten kirchlichen Amt in Moskau.

Das Urteil kam nur durch die übliche und seit Jahren selbstverständliche enge Übereinstimmung von russisch –orthodoxer Kirchenführung und dem Putin – Regime zustande.

Unser Salon ist der Religionskritik verpflichtet, sie ist wesentlicher Aspekt eines freiheitlichen und aufgeklärten Bewusstseins. Und damit für die Demokratie. Deswegen bieten wir als Hintergrundinformation zu dem Urteil einige Zitate des russischen Philosophen Michail Ryklin, der in Berlin an der Humboldt – Universität lehrt und in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift Lettre (Berlin) regelmäßig seine „Korrespondenz aus Moskau“ veröffentlicht. Es wird schon in diesen wenigen Zitaten aus Lettre deutlich, wie eng sich die russisch – orthodoxe Kirchenführung an die Machthaber gebunden hat.

In Heft III/2005 berichtet Michaeil Ryklin von einer Bewegung, die eine „orthodoxe Hagiopolitik“ etablieren will (vertreten durch Gleb Pawlowski). Kern dieser theologischen Lehre, sie fordert ausdrücklich das Neu – Mittelalter !, ist „das Eingreifen von Heiligen und die Einwirkung geweihter Gegenstände in den Gang der Geschichte; dem Anthropozentrismus wird ein Primat des Wunders gegenübergestellt“ (S 130).  Ryklin berichtet weiter, dass Fundamentalisten aus der Russisch – Orthodoxen Kirche wesentliche Teile der säkularen Kultur verfolgen; diskriminiert werden von den Kirchenfürsten Opernaufführungen, Kunstausstellungen usw. „Die Russisch –Orthodoxe Kirche reklamiert für sich den Status einer staatsbildenden Religion“  (ebd.) Interessant schon 2005 die Bemerkung Ryklins: “Menschenrechtsaktivisten werden immer häufiger als Feinde der Orthodoxie und des russischen Volkes diffamiert“. (ebd).

Im Herbst 2007 schrieb Michail Ryklin unter dem Titel „Der heilige Bolschewik“: Die Russen kehrten in eine Kirche zurück, die sich von Stalin und ihrer Unterstützung eines atheistischen Regimes nicht nur nicht distanziert! Sondern die Stalin zu einem konsequenten Freund und Förderer des Glaubens erklärt“. (s. 128). Der christliche Glaube, den diese Orthodoxie vertritt, sei nur ein Ritual, der Glaube als ein seelischer Zustand (Liebe, Toleranz, Gnade) werde negiert.

In der Ausgabe I/2008 berichtet Prof. Ryklin in Lettre (S. 128) von einem TV Film, der in Russland sehr viel Aufmerksamkeit findet: „Der Untergang des Imperiums“ von Abt Tichon Schewkunow. Dieser Abt soll der Beichtvater des Präsidenten Putin sein. (ebd). In der Interpretation dieses vielfach gesendeten TV Films schreibt Prof. Ryklin „ Die Russisch – Orthodoxe Kirche, die kein Charisma besitzt und den weltlichen Machthabern keine Unannehmlichkeiten zu bereiten scheint, drängt den Staat auf einen gefährlichen Weg: Indem sie dem Staat für all sein Tun automatisch Ablass erteilt und damit jegliche Reformen für unnötig erklärt“. Abt Tichon spräche im Blick auf Europa von „den Barbaren in Brüssel“… Die Verquickung der russischen Kirche mit dem Staat nennt Prof. Ryklin eine „Verstaatlichung des Glaubens“. Er erwähnt weiter die Prozesse gegen den Galeristen der Tretjakow Galerie und gegen die Mitarbeiter des Sacharow- Zentrums. „Die Kirche redet dem Staat zumunde und verdammt die weltliche Kultur“, so das Faszit dieses Beitrags in Lettre I/2008.

In Heft IV/2008 von Lettre schreibt Michail Ryklin:“ Das Gefährliche am jetzigen Regime ist, dass es die Demokratie diskreditiert und dem Einfluß religiös- nationalistischer Gruppen Vorschub leistet, insgesamt habe – so 2008, heute ist das wohl anders – eine Entpolitisierung der Gesellschaft stattgefunden.

Insgesamt lassen die Beiträge Michail Ryklins keinen Zweifel daran, dass diese Haltung der russischen Kirche gerade bei jungen und kritischen Menschen nur auf zunehmende Abwehr und Distanz stößt. Diese absolute Regimeverbundenheit der Kirchenführer und weiter Kreise des Klerus ist die beste Form, intelligente und freie Menschen aus der Kirche definitiv zu vertreiben…

In Heft 97 von Lettre (Sommer 2012, Seite 134) widmet sich Prof. Ryklin erneut der Gestalt dieses machtgierigen Patriarchen. Durch Kyrill „ist die (russisch – orthodoxe) Kirche zu einem integralen Teil der =Machtvertikale= geworden. Hatte die atheistische Sowjetmacht die Kirche versklavt, ihren Zielen unterworfen, so verschmilzt nun die operative Macht Putins mit der Kirche“.  Seine Studien über das Umfeld der Moskauer Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill fasst Prof. Ryklin zusammen: “ In der Kirche wird Askese gepredigt und Luxus gefördert, Demut gepredigt und Intoleranz praktiziert, manch einer lobt den Herrn und benimmt sich gottloser als einst Atheisten“. Selbst der Sprecher von Patriarch Kyrill muss zugeben, so Ryklin, dass der Mönch Kyrill (eigentlich der Armut verpflichtet) einen Wagenpark (Cadillac Escalade, Mercedes der S-Klasse, Toyota Land Criser) und Residenzen (u.a. Villa in der Schweiz, Privatflugzeug usw.)  zu seiner Verfügung hat. „Doch es seien alles Geschenke….“(so in Lettre, 97, Seite 134, 3. Spalte). Ryklin weist auf eine Studie von Alexander Soldatow vom 15. 2. 2012 hin, nach der Patriarach Kyrill ein persönliches Vermögen von ca. 4 Milliarden Dollar hat (ebd, Spalte a).

Vielleicht werden angesichts dieser Informationen die Umstände dieses Prozesses deutlicher, in einem angeblich frommen und christlichen Land, das jeglichen Sinn für Kritik und freie Meinungsäußerung verloren hat.

Wir fragen, welchen Sinn es hat, wenn der Vatikan heute kein dringenderes Verlangen in der ökumenischen Bewegung hat, als sich ausgerechnet mit den „theologisch so nahe stehenden orthodoxen Kirchen“ (so ist immer wieder von höchsten Kreisen der römischen Kurie und des Papstes zu hören) möglichst bald zu versöhnen und zu einer Kirche zu vereinen? Was wäre der spirituelle, was der politische Gewinn, wenn Leute wie Patriarch Kyrill, Moskau,  auch noch ein Wort in Rom zu sagen hätte? Wir fragen weiter, welchen kritischen Beitrag eigentlich die sogen. „Ostkirchen – Kunde“ an den deutschen Universitäten leistet. Studiert sie nur die Werke Didymus des Blinden, fragt ein Leser unserer Website.

Abgesehen von den zahlreichen Studien von Prof. Ryklin weisen wir, eher zufällig gefunden, auf einen Beitrag der Wochenzeitung DIE ZEIT hin. Diana Laart berichtet aus Moskau in der Ausgabe vom 16. August 2012, Seite 9 unter dem Titel „Gefährliche Freunde“, gemeint sind Putin und das Oberhaupt der Russisch – Orthodoxen Kriche Kyrill I.

Wir zitieren nur einige Sätze aus dem gut dokumentierten Beitrag: „Auch der Patriarch besitzt nicht nur einen Maybach, sondern für einen Mönch (das ist der geistliche Stand des Patriarchen, CM)) recht viele Residenzen. Vor allem nennt er eine luxuriöse Penthouse – Wohnung gegenüber dem Kreml sein Eigen. Sein Vermögen soll sich auf 4 Milliarden Dollar belaufen. Das Geld verdiente er in den neunziger Jahren, als er im Namen der orthodoxen Kirche mit Zigaretten und Öl handelte…..“ Interessant ist, dass Diana Laarz unsere Einschätzung bestätigt: Der Patriarch sei die beste Voraussetzung, dass die Russen scharenweise die Kirche verlassen…Es ist wieder einmal der klassisch zu nennende klerikal bedingte Atheismus, der aufgrund bestimmter Kirchenführer entsteht. Diana Laarz schreibt:“Staatliche russische Meinungsforschungsinstitute schätzen, dass nur noch 10 Prozent der Kirchenmitglieder in die Kirche gehen“.

Copyright: Christian Modehn