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Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

22. Januar 2015 | Von | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Heidegger und die Nazis

Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

Fortsetzung folgt

Von Christian Modehn

Mit Heidegger kommt kein Philosophierender wohl jemals an ein Ende, dafür ist sein Denken weithin z.B. zu „esoterisch“, d.h. verschlüsselt, dunkel, nebelig, d.h. bewusst der allen gemeinsamen Vernunft entzogen, wie auch der Spezialist Peter Trawny deutlich nachweist, zur Lektüre unseres Beitrags dazu klicken Sie bitte hier.

Auch die Klärung, seiner Verstrickung in Naziunwesen und Antisemitismus kommt zumal durch die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ so schnell an kein Ende.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich mirt dem „Fall Heidegger“ beschäftigt, weil wir selbst durchaus etliche „Aspekte“ des Denkens Heideggers wichtig fanden und sicher noch auch finden. Die Gottesfrage „bei“ Heidegger hat uns immer beschäftigt.

Mehr noch bewegt jetzt die Frage, die ebenfalls nicht auf die Schnelle beantwortet werden kann: Ist das ganze Denken Heideggers, also spätestens seit Anfang der Dreißiger Jahre, vom Naziunwesen „verdorben“? Wer will bei der Fülle des Werkes darauf eine scchnelle Antwort geben? Sind alle diese riesigen Bücherberge, die über Heidegger geschrieben wurden, etwa zweitrangig, wenn nicht überflüssig geworden angesichts der Verblendetheit dieses Denkers? Karl Popper, eigentlich ein klarer Denker, war ja wohl explizit dieser Meinung. Und die ewig zitierte Hannah Arendt? War sie aus Liebe letztlich blind in diesem „Fall“

Vielleicht könnte man sich im kritischen Klären anfangs auf den Begriff der Schickung und der vom Meister empfohlenen gehorsamen.d.h hörenden Haltung dieser Seins-Schickung gegenüber konzentrieren, um das vielfach besprochene und immer deutlicher hervortretende anti-, zumindest a-ethisch Denken des Schwarzwälders zu dokumentieren. Wenn Heidegger nur auf die (mysteriöse) Seinsschickung hörte, sich vielleicht sogar „verhörte“, was er explizit nicht ausschließt, dann ist er eigentlich als diese einzelne Person Martin Heidegger für die eigenen politische Verirrungen und Antisemitismus nicht verantwortlich. D.h. er ist dann eigentlich nicht mehr ethisch „zurechnungsfähig“.

Am 16. Dezember 2014 haben wir auf dieser website auf die Grenzen, d.h. die von Heidegger selbst gesetzten Begrenzungen der Heidegger Forschung hingewiesen und dabei an die Tatsache erinnert, dass die „Gesamtausgabe“ von Heideggers Werken alles andere ist als eine kritische Gesamtausgabe.

Zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie bitte hier.

Nun geht die Diskussion weiter: Nach der Lektüre der Schwarzen Hefte ist der Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Prof. Günter Figal, Freiburg i.Br., von diesem Posten zurückgetreten. Bei einer Lektüre der website dieser Gesellschaft am 22. 1. 2015 um 17.30 Uhr wird immer noch Günter Figal als Vorsitzender erwähnt, obwohl Günter Figal schon am 15. 1. 2015 auf SWR2 seinen Rücktritt besprochen hat. Nebenbei: Zum Kuratorium dieser Gesellschaft gehört als Vorsitzender Martin Heideggers Sohn Herrmann. Zur Heidegger Gesellschaft klicken Sie bitte hier.

Das Heft „Information Philosophie berichtet von der Radiosendung am 15.1. 2015: „ Figal wörtlich: „Die Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus ist viel größer, als wir bisher wissen konnten, und das heißt, man muss unter diesem Gesichtspunkt die 30er-Jahre-Phase überhaupt erst mal gründlich erforschen. Und das kann man, sobald hinreichend Material dafür da ist“. Zu „Information Philosophie“ klicken Sie bitte hier.

Nun, das „Material“ ist ja eigentlich seit einiger Zeit, also auch schon VOR der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte, hinreichend da. Erstaunlich ist, dass offenbar die Last antisemitischen Denkens jetzt selbst für Günter Figal so unerträglich wurde, dass er jetzt eine Art Schlussstrich gezogen hat, immer offen lassend, was denn vielleicht noch „bleibt“ von Heideggers Denken.

Empfehlen möchten wir dringend das Sonderheft des „Philosophie Magazines“, das im Januar 2015 erschienen ist zum Thema „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, 2015, 98 Seiten, 9,90 Euro. Wir zitieren aus einem empfehlenswerten Beitrag von Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau zu diesem Sonderheft: „Dem Fall Heidegger ist darin ein eigener Schwerpunkt gewidmet. In einem aufschlussreichen Interview berichtet Jacques Taminiaux, der Heidegger ins Französische übersetzte, von seiner Teilnahme an privaten Seminaren des meistgelesenen deutschen Philosophen im 20. Jahrhundert, von dem „Gebaren eines Propheten“ und der Arroganz Heideggers. Heidegger habe sich gewünscht, so Taminiaux, der philosophische Berater Hitlers zu werden, um die Nazi-Bewegung zu zähmen und über sich selbst hinauszuheben – das zeuge von seiner tiefen Verwurzlung im NS-Denken und „wahnhafter Selbstüberschätzung“. Und zu der von uns in einem früheren Beitrag erwähnten Heidegger Forscherin Sidonie Kellerer schreibt Dirk Pilz zusammenfassend: „In einem prägnanten Aufsatz zeigt die Philosophin Sidonie Kellerer zudem, dass er sich auch nach Kriegsende nicht von der NS-Ideologie entfernt hat“.

Sidonie Kellerer hat freigelegt, unter welchen makabren Bedingungen die Gesamtausgabe Heideggers veröffentlicht wird, wie etwa das Deutsche Literaturarchiv in Marbach Handschriften des „Meisters“ nur mit Genehmigung der Erben, also Hermann Heideggers, zur Einsicht freigeben darf usw. Sieht so Forschung in Deutschland aus?

Dabei ist uns aufgefallen, dass die Zeitschrift „Information Philosophie“ schon 1999 (!, offenbar von vielen unbemerkt) auf den Seiten 84 bis 87 ein Interview mit Friedrich-Wilhelm von Herrmann gedruckt hat über die Gesamtausgabe mit dem typischen heideggerisch schwammigen Titel „Wege nicht Werke“. Darin betont der Intimus Martin Heideggers, also der herausgebende Philosoph Friedrich-Wilhelm von Herrmann, dabei den Meister zitierend: „Das denkerische Werk im Zeitalter des Übergangs kann nur und muss ein Gang sein in der Zweideutigkeit dieses Wortes: Ein Gehen und ein Weg zumal, somit ein Weg, der selbst geht“.

Frage am Rande: „Welcher Weg geht selbst??“ Weiß jemand eine nachvollziehbare Antwirt? Man lese dazu in der Gesamtausgabe im Band „Beiträge…“ S. 83.

Jedenfalls ist das Interview mit von Herrmann in „Information Philosophie“ von 1999 heute noch lesenswert. Heidegger selbst hat demzufolge Anweisungen gegeben, wie man sein Opus bearbeiten soll. Und daran halten sich selbstverständlich die treuen Forscher. Dabei wurden von den Herausgebern viele Fehler begangen, die der Heidegger Übersetzer Theodore Kisiel öffentlich beklagte. Jedenfalls sagte von Herrmann, sozusagen der oberste aller oberen Heidegger Deuter: „Heidegger wünschte eine Werkausgabe letzter Hand, NICHT ABER EINE HISTORISCH KRITISCHE AUSGABE“. Das schafft Klarheit. Darf so Wissenschaft betreiben, geht Treue zum Meister über den Anspruch der Wissenschaft hinaus? Wie lange haben wir Heidegger Leser das eigentlich implizit hingenommen und erst recht die vielen Heidegger Spezialisten? Warum gab es keinen Aufschrei schon damals, als von Herrmann dieses gutmütige Bekenntnis von sich gab?

Nebenbei: Auf das TV Interview von Herrmann durch den Putin Freund Alexandre Dugin (den manche seriöse Beobachter nicht gerade für einen Demokraten halten, um es milde auszudrücken) für das Russische Fernsehen gab, haben wir schon früher hingewiesen, als ein Beispiel für die Vernetzung rechtsradikalen Denkens mit Heideggerscher Philosophie. Siehe: http://www.4pt.su/de/content/prof-alexandre-dugin-mit-prof-friedrich-wilhelm-von-herrmann. Noch mal gelesen am 22. 1. 2015.

Die lang andauernde Nähe Heideggers (treffender wäre wohl Freundschaft) zu eher sehr rechtslastigen Denkern wurde schon von dem Philosophen Emmanuel Levinas dokumentiert. Dabei handelt es sich um die seit 1946 lange anhaltende Freundschaft mit dem Franzosen Jean Beaufret (1907 – 1982), dem er sogar seinen Humanisms Brief in gewisser Weise widmete. In seiner Levinas Studie schreibt Salomon Malka (Beck Verlag, 2003) auf Seite 170, dass auch Derrida wusste, dass „Beaufret ein Antisemit war“.

Malka schreibt: „Nach Beaufrtes Tod stellte sich heraus, dass er Robert Faurisson unterstürzt hatte, jenen Historiker in Lyon, der die Schule der Auschwitzleugner anführt. Bedenkt man, dass er Heideggers Rauchfassträger war, ihn einführte und räumte, wo er nur konnte, dass er (Beaufret) Gespräche mit Heidegger führte und diese veröffentlichte, so erhält dieser späte Revisionismus symptomatische Bedeutung. … Die Antwort darauf liegt möglicherweise in der hymnischen Verehrung des Griechen – und Heidentums der Antike, die Beaufret Jugend geprägt und ihn zum bedingungslosen Anhänger Heideggers hat werden lassen“…. Von daher auch Beaufrets Sympathien für die Neue Rechte in Frankreich. „In Beaufrets vielleicht wichtigstem Werk „Dialog mit Martin Heidegger“ findet sich keinerlei Erwähnung der jüdischen Thematik“, so Malka in dem genannten Buchg (s. 170f.).

Fortsetzung folgt…

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 



Vom Glauben an ein “Höheres Wesen”

28. November 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Vom Glauben an ein „Höheres Wesen“. Eine Bemerkung vorweg:
„Ich bin weder gläubiger Christ noch fühle ich mich als Atheist. Ich glaube nur noch an etwas Höheres, Größeres“. Ein Bekenntnis, das heute in allen Teilen Europas immer mehr Menschen formulieren. Religionssoziologen bestätigen diesen Abschied vom „klassischen“ biblischen Gottesbild. In den Niederlanden wird schon von der stetig wachsenden Konfession der „Ietsisten“, also der „Etwas – Gläubigen“, gesprochen. Theologen untersuchen dort dieses Phänomen. In Deutschland gab es schon in der Romantik Menschen, die angesichts außergewöhnlicher Lebenserfahrungen ins Staunen gerieten: „Da muss es doch noch etwas geben zwischen Himmel und Erde“… In den neuen Bundesländern ist diese Überzeugung längst zur „zahlenmäßig größten Spiritualität“ geworden, wie Forscher an der Universität Leipzig betonen. Aber auch immer mehr Kirchenmitglieder im „Westen“ begrenzen ihre Spiritualität auf die Verehrung dieses „höheren Etwas“. Ist dieses unnennbare „Etwas“ vielleicht sogar der letzte Gott, den man, von allen Eigenschaften befreit, als säkularer Mensch heute noch bejahen können?

Die Langfassung der Radiosendung:
WDR am 13, Mai 2010 um 8.30.

„Da muss doch noch etwas sein…“
Wenn Menschen noch an ein „Höheres Wesen“ glauben
Von Christian Modehn

Der Text wird hier so präsentiert, wie er für eine Hörfunk Sendung üblich ist.

1.SPR.: Erzähler
2.SPR.:Zitator
3.SPR.:ÜbersetzerIN

31 O TÖNE insges. 17 45“.

1. O TON, 0 31“, Bärbel Jaeschke
Im Grunde interessiere ich mich für das Baudenkmal Kirche, weil die alten Kirchen sehr interessant sind und die bunten Fenster, wie das Licht einfällt. Dann hat es sich so ergeben, nachdem mein Mann gestorben war, dass ich zum ersten Mal eine Kerze angezündet hatte, beim nächsten Kirchbesuch irgendeiner anderen Kirche habe ich dann wieder eine Kerze angezündet.

1. SPR.:
Bärbel Jaeschke, im Ruhrgebiet aufgewachsen, lebt jetzt an der Ostsee. Vor einigen Jahren ist sie aus der Kirche ausgetreten.

2. O TON, 0 15“, Bärbel Jaeschke
Ich sehe die Kirche nur als etwas Gesetzgebendes. Wenn ich so sehe, was in der Katholischen Kirche passiert: Für meine Person muss ich das total ablehnen, weil sehr viel Verlogenheit für mich darin steckt.

1. SPR.:
Auch an der offiziellen Kirchenlehre hat Bärbel Jaeschke kein Interesse. Für sie ist allein wichtig ihr privater, persönlicher Glaube. Ihre Hoffnung wird unterstützt von einem bescheidenen Ritus, dem Anzünden einer Kerze für ihren lieben Mann:

3. O TON, 0 26“, Jaeschke
Das drückt Verbundenheit aus oder Sehnsucht oder Erleuchtung. Ich kann es nicht genau beschreiben, warum. Mittlerweile ist es allerdings zur gewissen Tradition von mir geworden. Wenn ich in eine Kirche gehe, suche ich den Kerzenständer auf und zünde für meinen Mann eine Kerze an. Es ist irgendetwas Überirdisches, ich weiß es nicht.

1. SPR.:
Selbst wenn sich Bärbel Jaeschke vom Glauben der Kirche verabschiedet hat:, unreligiös oder atheistisch ist sie nicht geworden. Sie lebt in Verbundenheit mit „irgendetwas Überirdischem“, wie sie sagt. Auch Musik erleben viele Menschen als eine offene, undogmatische religiöse Sprache. Sie gehört nicht mehr zu dieser „irdischen Welt“, meint Nikolaus Wilcke, er arbeitet als Pädagoge.

4. O TON, 0 46“. N. Wilcke
Um Abstand vom Alltag zu finden oder auch die Herausforderungen des Schicksals zu bewältigen, zu überstehen, hilft mir vor allem das Hören vom klassischer Musik. Es ist für mich wie das Eintreten in eine andere Welt, vor allem in den Solopartien von Opern oder auch Kantanten erlebe ich den Ausdruck von Demut, Erhabenheit Schmerz Liebe und Erbarmen. Also meinen ganzen Weltschmerz, wenn man so will, der durch die Musik ausgedrückt wird und in eine andere, vielleicht geheimnisvolle Wirklichkeit gehoben wird. Dort bekomme ich neue Kraft, die andere vielleicht in einem Gebet oder einer Meditation finden.

1. SPR.:
Es gibt viele Möglichkeiten, „die geheimnisvolle Wirklichkeit“ mitten im Alltag zu berühren. Einige Menschen zieht es in die Natur, wenn sie meditieren wollen. Uli Scheidl möchte deswegen auf seinen Garten in Brandenburg nicht mehr verzichten:

5. O TON, 0 19“, Scheidl
Herrlich, herrlich. Ich setz mich manchmal um halb sechs hier hin. Die Sonne kommt hoch, die Vögel zwitschern, das ist Beruhigung für die Seele. Das ist einfach schön, kann man gar nicht beschreiben. Die ganze Natur ist ein Wunder. Wie ist die Erde überhaupt entstanden? Normalerweise ist der Mensch viel zu klein, um das zu begreifen.

1. SPR.:
Es sind nicht überschwängliche Esoteriker oder enthusiastische Charismatiker, die von „etwas Wunderbarem“ mitten im Leben sprechen. Sie sind nur überzeugt, dass es eine in sich abgeschlossene, bloß „weltliche Welt“ nicht gibt. Und damit befinden sie sich in guter Gesellschaft. Von einem Verschwinden der Spiritualität oder von einem Triumph des Atheismus spricht heute in Europa kein Soziologe mehr und auch kein Philosoph. „Gott ist tot“ – Diese These wurde noch Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahren von Religionssoziologen und Theologen lautstark verbreitet. Die Entwicklung neuer Formen der Frömmigkeit scheint sie jedoch zu widerlegen. Und die außerkirchlich Frommen sind keineswegs immer fundamentalistisch oder evangelikal geprägt. In den Niederlanden z.B. bilden viele tausend Menschen eine Art „neuer Konfession“. Sie ist eher nüchtern, rational, sie kennt keine festen Strukturen und hat keine feste Glaubenslehre. Diese Menschen halten sich für „Ie-t-sisten“. Mit diesem Titel beziehen sie sich auf das niederländische Wort „iets“: Es bedeutet – ganz schlicht – „etwas“. Der Amsterdamer Pastor Dik Mook:

6. O TON, 0 18“, Dik Mook.
Ietsismus heißt: Man glaubt an etwas, weil man nicht glauben kann, dass es NICHTS gibt. Es gibt etwas, da muss etwas sein, das mehr ist, als wir uns denken können, was mehr ist, was wir sehen können.

1. SPR::
„Irgendetwas Besonderes, Erstaunliches oder Wunderbares wird es schon geben“: Im Plauderton, vielleicht am Stammtisch, lässt sich ein solches „Bekenntnis“ schnell formulieren. Aber: Sprechen da die ernstzunehmenden Ietsisten, die „An – Etwas – Glaubenden“? Der protestantische Theologe Herbert Wevers aus Den Haag will doch lieber differenzieren:

7. O TON 0 41“, Herbert Wevers
Iestismus – ist das nicht artikulierte Glauben der ganz großen Menge der Bevölkerung. Das ist ein oberflächliches Glauben. Man sitzt im Sofa, die Beine hoch und denkt ein bisschen mit einem Glas Wein über das Leben. Und nicht so viel weiter. Das ist der dünne Ietsismus. Und man hat auch das dicke Ietsimsus, das ist positiver, ein erster Schritt im Glauben.

1.SPR.:
Mit diesen „dicken“ Ietsisten, wie Herbert Wevers sagt, also denen, die ernsthaft nach einem tragenden Grund der Welt und den Konsequenzen daraus fragen, setzen sich Theologen auseinander, zum Beispiel Professor Gijs Dingemans. Er hat bis zu seiner Emeritierung an der Universität Groningen gelehrt und dabei viele Menschen kennen gelernt, denen die alten, schlichten Gottesbilder der Kindheit zerbrochen sind.

8. O TON, 0 19“ Dingemans,
Dann gibt es sehr viele Leute, die suchen und die sagen, ich hab von der Kirche aus und von meiner Jugend so viel mitgekriegt, das muss ich erst mal loswerden und zu einem Nullpunkt oder so etwas kommen, und dann kann man vielleicht etwas weiter kommen.

1. SPR.:
An „Gott Vater“, der im Himmel thront, zu glauben ist zu viel verlangt für manche vernünftige Menschen. Viele religiös Interessierte in ganz Europa haben auch Probleme, einen „Herrn, der alles so herrlich regieret“, zu verehren. Wer sich von angelernten religiösen Formeln und Lehren befreit, meint an den religiösen Nullpunkt zu gelangen, aber spürt doch eine merkwürdige Nähe von „Etwas“ Göttlichem:

9. O TON, 0 34“, Dingemans
Das Zurückgehen zu einer Nullinterpretation, also dass etwas sein muss, habe ich in Verbindung gebracht mit einer Sache, die in allen Religionen anwesend ist, das ist das Mysterium, dass es etwas gibt, das heilig ist. Das, was unbedingt angeht. Und ich sehe, dass viele Leute suchen, wo fühle ich das Geheimnis der Welt, wie kann ich damit etwas weiterkommen, wie kann ich das erfahren.

1. SPR.:
Und die Menschen finden für dieses „Geheimnis der Welt“ ihre eigene Antwort. Sie fühlen sich gestärkt sich von einem „überirdischen „Etwas“, das sogar den Tod überdauert. Barbara Jaeschke:

10. O TON, 0 23“, Bärbel Jaeschke
Der Mensch besteht aus Energie. Und in der Physik haben wir ja gelernt, Energie geht nicht verloren, sie kann umgewandelt werden. Und diese Energie, die ja in einem Körper steckt, der dann stirbt, die entweicht diesem Körper, wird umgewandelt und ist auch irgendwo noch vorhanden, weil Energie einfach nicht verloren geht.

1. SPR.:
Eine persönliche Antwort auf die Herausforderung der eigenen Endlichkeit: Eigenwillig vielleicht, aber wahrhaftig. Mit eindeutigen, wissenschaftlich – exakten Antworten ist bei diesem Thema ohnehin nicht zu rechnen. Der Sinn des Lebens und der Sinn des Sterbens, dieses große „Warum“, bleibt auch für den Theologen Gijs Dingemans immer etwas Geheimnisvolles.

11. O TON, 0 15“, Dingemans
Wir haben verschiedene Antworten auf die Weise, worauf wir das Mysterium sehen. Ich denke, es wäre besser, als wir nicht die Wahrheitsfrage stellen. Da kommt man nicht weiter, wer die Wahrheit hat.

1. SPR.:
In Holland begleiten einige Pfarrerinnen und Pfarrer ausdrücklich auch Menschen außerhalb der Kirchengemeinden. Oft sind es „Ietsisten“, die sich bei ihrer Suche nach dem „Etwas“, dem Mysterium, sogar nach neuen Ritualen sehnen. Jeder zweite Niederländer ist aus der Kirche ausgetreten; für diese Menschen kommen die klassischen katholisch oder evangelisch geprägten Riten nicht mehr in Frage. Pfarrerin Christiane Berckvens (Aussprache?) stammt aus Belgien, sie arbeitet in der holländischen Remonstranten – Kirche als „Ritual-Lehrerin für Ietsisten“:

12. O TON, 0 48“, Christiane Berckvens
3. Sprecherin:
Es gibt viele Menschen, die wollen einen Übergangsritus beispielsweise anlässlich einer Geburt, Hochzeit oder Bestattung. Viele Menschen, die nicht einer Kirche angehören, wünschen einen Ritus, der etwas ihrem Leben mehr Tiefe verleiht. Darin zeigt sich ein spirituelles Bedürfnis! Deswegen entwickele ich Riten für die unterschiedlichen Menschen, etwa, wenn ein Partner gläubig ist und der andere nicht. Wichtig ist allein, mit diesen Menschen die Spiritualität zu vertiefen.

1.SPR.:
Und diese „Hilfe“ beginnt bei neuen religiösen Riten zur Geburt eines Kindes, sie gilt für Eheschließung oder auch Ehescheidung sowie für die Trauerfeier. Die Etwas–Gläubigen erleben die neuen Riten als Hilfe, den Übergang in neue Lebensphasen zu bewältigen. In repräsentativen Umfragen, wie z.B. dem „Religionsmonitor“, wurde deutlich: 15 Prozent der nicht–religiösen Menschen beten noch regelmäßig. Und eine noch größere Gruppe von bisher ungläubig genannten Menschn bezeichnet sich ausdrücklich als spirituell interessiert. Im Angesicht des Todes suchen offenbar sehr viele Menschen nach etwas Bleibendem, vielleicht Zeitlosem. Andrea Richau gestaltet als Rednerin Trauerfeiern in Berlin. Sie versteht sich als atheistische Humanistin, organisiert aber doch regelmäßig wie sie sagt, etwas „romantische“ Feierstunden für Trauernde.

13. O TON, 1 01“, Andrea Richau.
Wir haben immer wieder dasselbe Motto: Nicht derjenige ist tot, der gestorben ist, sondern derjenige, der vergessen wird. Das heißt, alle, die kommen, schreiben den Namen auf, der ihnen wichtig ist an dem Tag. Und die Namen werden vorgelesen und für jeden eine Kerze angezündet. In diesem Kerzenschein spiegelt sich Warmherzigkeit, Ruhe, Besinnung, auch ein Leuchten. Und das Schöne ist ja, wie sich Erinnerungen in Gesprächen von Generation zu Generation weiterreichen. Das verknüpft sich für mich z.B. mit dem so genannten ewigen Leben. Dieses ewige Leben, das eben sich aufhebt in den Erzählungen derer, die es mit denjenigen zu tun hatten. Also ein Urenkel z.B. erzählt: Meine Oma hatte meine Mutter gehabt, was Schöneres kann doch dem Menschen gar nicht passieren, als dass er in den Erinnerungen der anderen fort besteht.

1. SPR.:
Der Tote lebt „irgendwie“ weiter, selbst wenn Humanisten das „ewige Leben“ des Verstorbenen eher zeitlich begrenzt ansetzen und die Erinnerung auf zwei oder drei nachfolgende Generationen einschränken. Trotzdem: Das Gedenken als eine geistige, spirituelle Haltung bleibt etwas Besonderes.

14. O TON, 0 12“, Andrea Richau
Was heißt denn Glauben? Glauben ist ja nun nicht eindeutig definiert. Glauben heißt Treue, Glaube heißt auch Unerschütterlichsein oder Glauben heißt, jemanden mein Herz verschenken.

1. SPR.:
Wer es nicht fertig brachte, einem Angehörigen zu Lebzeiten „sein Herz schenken“, will wenigstens noch dem Toten seine Liebe ausdrücken; ein merkwürdiger Wunsch, für den die Bestatterin Claudia Marschner in Berlin durchaus Verständnis hat: Sie nimmt die Menschen ernst, die meinen, dass die Toten in „irgendetwas Überirdischem“ noch erreichbar sind:

15.O TON, 0 23“, Marschner.
Hier gibt es einen Briefkasten: Und wenn du wütend bist, traurig bist, wenn du noch Fragen offen hast, weil deine Mutter sich das Leben genommen hat oder durch einen Unfall gestorben ist oder dein Freund oder deine Oma, dann kannst du einen Brief schreiben, den ganz geheim zukleben, der wird nicht gelesen, und in die Post to heaven geben. Und da ist auch ne Briefmarke, die kostet auch Geld, das ist richtig ein Postamt.

1. SPR.:
Mit dem kleinen Unterschied, dass dieser Briefkasten von der Bestatterin geleert wird. Wenn 20 Briefe zusammengekommen sind, werden sie im Krematorium feierlich verbrannt, die Verfasser der Briefe sind dann dabei:

16. O TON, 0 07“, Marschner
Und die Asche ist dann Zeichen nach der Kremierung für die Ankunft der Briefe. Und dann ist die Post im Heaven.

1. SPR:
Post in den Himmel senden: Der individuellen Suche nach „etwas Überirdischem“ sind heute keine Grenzen gesetzt. Religionssoziologen haben für diesen Glauben an „etwas Transzendentes“, an ein „großes Weltgeheimnis“, einen Begriff geprägt: „Believing without belonging“. Glauben, ohne einer festen Konfession anzugehören. Volker Krech arbeitet als Religionssoziologe an der Universität Bochum:

17. O TON, 0 32“, KRECH
Religionswissenschaftlich haben wir zu beobachten und zu analysieren. Und in dieser Perspektive ist es schon eine längere Entwicklung, dass zugespitzt: Hauptsache etwas glauben, woran man glaubt, wird dann gewissermaßen den religiösen Experten überlassen. Seit wir Umfragedaten haben seit den 60 Jahren in repräsentativer Hinsicht kann man durchaus diese Entwicklung bestätigen, dass die allgemeine, inhaltlich unbestimmte Religiosität zunimmt.

1.SPR.:
Diese Entwicklung ist in ganz Europa zu beobachten, nicht nur im säkularisierten Holland oder in Schweden, auch in Spanien oder Frankreich. Im Osten Deutschlands wurden über viele Jahre atheistische Überzeugungen vom Staat selbst propagiert. Aber auch dort ist ein Wandel der „weltanschaulichen Mentalität“ festzustellen, betont die Soziologin Monika Wohlrab–Sahr .

18. O TON, 0 21“ Wohlrab
Es hat sicherlich etwas damit zu tun, dass mit der Wiedervereinigung ein anderes gesellschaftliches Klima entstanden ist. Es ist mehr an Wissensbeständen verfügbar. Es ist auch nicht mehr so klar, dass religiöse Denkgebäude per se illegitim sind. Das macht einen großen Unterschied, also dass man einen breiteren Horizont an legitimen Denkmöglichkeiten hat.

1.SPR.:
Monika Wohlrab-Sahr arbeitet als Professorin an der Universität Leipzig. Mit ihrem Team hat sie kürzlich ein genaues Bild zur neuen religiösen Befindlichkeit im Osten Deutschlands gezeichnet:

19. O TON, 0 38“ WOHLRAB
In einem Teil dieser Gespräche haben wir eine Frage gestellt an die Familien, was glauben Sie, kommt nach dem Tod. Und in diesem Zusammenhang fällt eben diese Äußerung: Ich würde mir das offen lassen. Das ist gewissermaßen so eine Zwischenstellung zwischen einer klar entweder atheistischen oder christlichen Positionierung und in der Mitte eben diese Haltung: ich lass mir das offen. Man sagt klar nicht mehr dezidiert: Da kommt gar nichts. Also man ist nicht mehr klar atheistisch positioniert. Eine Tür steht offen im Hinblick auf das was da vielleicht kommen könnte. Aber es deutlich eine Grenze da gegenüber einer klar inhaltlichen Füllung.

1. SPR.:
An „irgendetwas“ Höheres und Größeres glauben: Noch sind es Minderheiten, die in den neuen Bundesländern solches bekennen. Aber besonders junge Leute orientieren sich neu:

20. O TON, 0 47“, Wohlrab
Es gibt aber natürlich auch Umfrageergebnisse, die sich auf 19 bis 29 beziehen. Da ist deutlich, dass sich eine spirituelle Öffnung andeutet.
Oder eine Öffnung gegenüber religiösen Denkräumen. Das zeigt sich auf statistischer Ebene insbesondere daran, dass diese Altersgruppen wieder stärker von sich sagen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Also die Zahlen sind stark angestiegen. Und interessant ist, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder der Glaube, dass da was sein könnte, um es mal vorsichtig auszudrücken, nicht unbedingt was zu tun hat mit christlicher Orientierung oder hinduistischer Orientierung, also mit einer inhaltlichen religiösen Orientierung, sondern eher einen Denkhorizont aufstößt.

1. SPR.
20 Jahre nach der Wende ist also der vom Staat verordnete Atheismus alles andere als selbstverständlich.

21. O TON, 0 28“, Wohlrab
Dieses Spekulieren über das Leben hat was mit Transzendenz zu tun. Das Leben ist nicht begrenzt auf das, was hier und jetzt erfahrbar ist. .
Ob da was Göttliches mitspielt, da wäre ich vorsichtig. Ich hab den Eindruck, dass eher gedacht wird in Vorstellungen, es gibt vielleicht eine höhere Macht, aber dass diese höhere Macht doch in der Abstraktion belassen wird und nicht personalisiert im Sinne einer christlichen Gottesvorstellung etwa gedacht wird.

1. SPR.:
Kirchliche Mitarbeiter im Osten Deutschlands können diese Entwicklung aufgrund ihrer praktischen Erfahrung nur bestätigen. Die Jesuiten z.B. haben in Leipzig das Informations- und Beratungszentrum „Orientierung“ eingerichtet. Es soll katholisches Leben darstellen in einer Stadt, in der 85 Prozent der Bewohner „konfessionslos“ sind. Unter den zahlreichen Kursen zur religiösen Vertiefung finden einige ganz besonderen Zuspruch, betont Pater Hermann Kügler:

22. O TON, 0 55“ Kügler
Rein von den Zahlen her sind unsere Angebote von Yoga und Zen, diejenigen regelmäßigen Veranstaltungen, die die größte Teilnehmerzahl haben. Nämlich dreimal in der Woche jedes Mal etwa 20 Personen. Da kommen junge Leute, 20 Jährige, alte Leute bis 70, und solche, die religiös oder auch christlich, aber auch sehr viele, die keine religiöse Orientierung haben. Und offenbar merken sie etwas, das hört man ja nachher beim Nachgespräch nach den Meditationsabenden, dass sie da Erfahrungen machen, die sie in ihre wirkliche eigene Tiefe führen. Jetzt wird’s es ein bisschen lyrisch, aber anders kann ich es nicht sagen, die sie wirklich auf den Grund ihrer Seele, ihrer Existenz führen. Und es ist, als wenn sie da durch eine Tür gehen in Räume ihres Lebenshauses, die ihnen anders verschlossen werden.

1. SPR.:
Pater Kügler fühlt sich in Leipzig nicht als Missionar, er macht keine direkte Werbung für seinen klassischen kirchlichen Glauben.

23. O TON, 0 38“, Kügler
Wir haben ja in den letzten 50 Jahren einen sehr starken Individualisierungsschub. Und da ist es nicht mehr so, dass Menschen sich von einer Institution, sei es die Kirche oder der Staat, ihr Verhalten vorschreiben lassen. Sondern sie bestimmen selbst Nähe und Distanz zur Institution. Und das heißt, sie sind auch ehrlich ihren eigenen Erfahrungen gegenüber. Das heißt, das habe ich zur Kenntnis zu nehmen. Und wenn ich es dann bewerte, dann muss ich sagen: Das ist doch toll, wenn Leute in Kontakt sind mit ihrem eigenen Inneren und ehrlich sind. Manchmal sage ich: Dann hört aber bitte nicht zu früh mit dem Nachdenken und Nachfühlen auf.

1.SPR.:
Die meisten Menschen, so berichtet Pater Kügler, halten sich an einen unbestimmten Glauben an „etwas Höheres“. Aber gerade diese offene Haltung im Leben, das Fragen und Suchen, auch das Zweifeln, sind die Voraussetzungen für einen wirkliche Beziehung zu Gott. Der weltbekannte Theologe und Jesuit Karl Rahner hat immer wieder betont: Mitten im menschlichen Alltag zeigen sich die Spuren des „göttlichen Geheimnisses“. Hier eine Archiv-Aufnahme des im Jahr 1985 Verstorbenen:

31. O TON. 1 03“, K. Rahner
So etwa, wenn der Mensch plötzlich einsam wird, wenn alles einzelne wie in eine schweigende Ferne hinein sich zurückzieht und darin auflöst. Wenn alles “fraglich“ wird, wie wir zu sagen pflegen. Wenn die Stille dröhnt, eindringlicher als der übliche Alltagslärm. So etwa, wenn man plötzlich unerbittlich sich seiner Freiheit und Verantwortung überantwortet erfährt, ihr als einer und ganzer, die das ganze Leben umgreift, keine Ausflucht mehr zulässt, keine Entscheidung. Was mit Gott gemeint ist, ist zu verstehen von dieser Erfahrung her, weil sonst immer die Gefahr droht, sich unter dem Wort Gott etwas Sinnloses zu denken.

1. SPR.:
Die Suche nach dem „göttlichen Geheimnis“, dem „Mysterium“ und „Etwas“, ist ein deutlicher Ausdruck für den religiösen Wandel heute.
Religionswissenschaftler erinnern allerdings daran, dass diese Entwicklung so neu gar nicht ist. Volkhard Krech:

24. O TON, 0 18“, Krech
Soweit ich die Daten einschätzen kann, ist das schon ein länger andauerndes Phänomen. Vielleicht, wenn man tiefer in die Geschichte guckt, ist das auch eher die Ausnahme, dass man einen inhaltlich sehr bestimmten Glauben hat, und zwar eben nicht nur bei den theologischen Experten, sondern auch in der Normal-Bevölkerung.

1. SPR.:
Diese „Normalbevölkerung“ ist heute von dem allgemeinen, kulturellen Klima geprägt. Der inhaltlich eher unbestimmte Glaube an „etwas Transzendentes“ wurde z.B. schon von Philosophen im 18. Jahrhundert als authentische, menschliche Lebensmöglichkeit dargestellt. Immanuel Kant hat die klassischen Gottesbeweise zwar entschieden zurückgewiesen. Aber er hat sehr wohl in seiner praktischen Philosophie für einen vernünftig vertretbaren Glauben an „Etwas Höheres“ plädiert:

2. SPR.:
Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das
Nachdenken damit beschäftigt, der gestirnte Himmel über mir
und das moralische Gesetz in mir.

1. SPR.:
Kant denkt dabei nicht an den Gott der Bibel, sondern an die göttliche Stimme, die sich im Gewissen „unbedingt“ äußert. Das wunderbare Etwas hat also seinen Platz im menschlichen Geist! Der Philosoph Martin Heidegger hat weitergedacht und die entscheidende Frage vorgelegt: Warum ist überhaupt ETWAS und nicht vielmehr Nichts? Was ermöglicht das Bestehen der Welt? Heidegger hat dabei selbst eine Art Elementar–Religion gefördert, die heute noch aktuell sein kann, betont der Freiburger Philosoph Professor Günter Figal:

25. O Ton, 1 04“, Figal
Heidegger hat versucht, den Erfahrungsgehalt von Religion in eine philosophische Sprache zu bringen, nämlich hinter die dogmatischen Theologien zurückzugehen, also hinter die Theologien, die eine bestimmte Lehre verkünden zurückzugehen. Und das Geschehnis von Gottespräsenz als eine für sich bestehende Möglichkeit zu denken. Also er hat nicht weniger versucht, als sich vorzustellen, wie das Göttliche oder ein Gott jenseits religiöser Dogmen als geschehend erfahren werden kann. Es ist das Wesen des Göttlichen, befreit von religiösen Erscheinungsformen.

1. SPR.:
Dieses Namenlose, Heilige, das allem Dasein gewährt, ist mehr als ein abstrakter Begriff. Es kann zu einer persönlichen Spiritualität inspirieren, meint der Berliner Philosoph Lutz von Werder:

26. O TON, 0 42“, L. v Werder
Meine Konsequenz ist ein Beten ohne Worte, das heißt also ein Schweigen. Das heißt also: Wenn man am Tag einmal, zweimal absolut ruhig ist, dann ist das dem Gemeinten und Erfahrenen vielleicht am angemessensten. Eine Meditationstechnik, die ich mache, indem ich mich in einen Zustand völliger Gedankenlosigkeit begebe. Und das ist ein Zustand, der in gar keiner Weise irgendein weder positives noch negatives Gefühl hervorruft, ein Zustand der schlichten, unbefragbaren Vorhandenheit.

1. SPR.:
Christen und Theologen, die an der traditionellen Kirchenlehre und ihrer Dogmatik festhalten, haben noch ihre Probleme mit diesem relativ neuen Phänomen, dem Auftreten der „Etwas–Glaubenden“. Ein entschiedener Kritiker ist Christian Lehnert, er arbeitet als Theologe an der Evangelischen Akademie in Wittenberg:

27. O TON, 0 52“, Lehnert.
Es gibt ja eine weite Volksfrömmigkeit, dass Gott als irgendein Prinzip gibt oder dass es irgendwo ein kosmisches Wesen gibt, das Sinn mir schenkt. Und diesen Gott verehre ich, indem ich in der Natur spazieren gehe, und Sonnenaufgang genieße, das ist ja eine ganz weit verbreitete Meinung. Es ist einfach ein Zeichen von mangelnder Kompetenz im Umgang mit Religion. Weil es eben diesen Gott nicht gibt jenseits der großen Traditionsströme der christlichen Religion, ja. Diesen Gott gibt es nicht jenseits des Zentrums Jesus Christus z.B. Es gibt keinen Gott in der Natur ohne Jesus Christus. Es entstehen ja selbst gebastelte religiöse Welten. Das ist eine, für meine Begriffe, dürre Basis, weil diese selbst gemachten Bilder, wenn es denn hart auf hart kommt, oft nicht tragen.

1. SPR.
Warum können sich Menschen nicht in einem göttlichen Geheimnis genauso geborgen fühlen wie in einem als Dreifaltigkeit gedachten „personalen“ Gott? Ein göttliches Geheimnis kann doch auch „trösten“ und „Halt bieten“, meint Professor Gijs Dingemans:

28. O Ton, 0 32“, Dingemans
Ich habe mehr den Eindruck, dass Menschen, die aufgewachsen sind in einer gewissen Religion, dass sie mehr egoistisch, subjektiv sind in der Welt und mehr ihre Meinung weiter tragen als Ietsistsen. Die sind doch relativierender, sie wissen; Es gibt es ein Geheimnis, ich weiß nichts genau, wie das ist. Ietsismus führt zu Offenheit, Toleranz. Ich finde es interessant etwas von anderen Leuten zu lernen, das ist auch da drin.

1. SPR.:
Zu dieser Lernbereitschaft sind einzelne Christen durchaus in der Lage. Die Ordens – Schwester Susanne Schneider hat in Leipzig viele Kontakte mit Atheisten, Skeptikern, Menschen, die an „etwas“ glauben. Im Gespräch mit diesen Menschen hat sie zu ihrem persönlichen Gottesbild gefunden.

29. O Ton, 0 45“, Susanne Schneider.
In einer normalen guten Dogmatik, wird sogar gesagt, das ist sogar Lehre, Laterankonzil, wir können über Gott mehr sagen, was er nicht ist, als was er ist. Und das haben wir vergessen. Über Gott werden Sätze gemacht, die müssen falsch sein, weil das nicht geht, über Gott zu reden wie über einen Gegenstand. Wir wissen alles ganz genau, das stimmt nicht. Was ich wirklich als Häresie brandmarken täte, wenn ich zu klar weiß, was der liebe Gott will, was nicht, womöglich noch für andere, das ist eine Katastrophe, so hat die Kirche lange sich verhalten

1.SPR.:
Noch ist nicht abzusehen, ob ein Austausch zwischen den traditionell geprägten Christen und den undogmatischen Freunden des göttlichen Lebensgeheimnisses, den Ietsisten, gelingen kann. Offensichtlich fühlen sich viele amtliche Vertreter der Kirchen in ihrem eigenen Milieu besonders wohl, ungewöhnliche spirituelle Erfahrungen irritieren da eher. Einzelne Bischöfe empfehlen aber dringend eine dialogbereite Haltung. Zu ihnen gehört der Alt – Erzbischof von Uppsala in Schweden, Karl Gustav Hammar. Er kennt die vielen „Etwas–Glaubenden“ aus zahllosen Begegnungen und Gesprächen. Seine Vorschläge, so meint der lutherische Theologe, hätten Gültigkeit für ganz Europa:

3O. TON. 0 46“, KG Hammar
2.SPR.:
Es gibt in Schweden eine Spiritualität, die sehr eng verbunden ist mit der Natur, es gibt eine Verbindung mit dem Ganzen, der Schöpfung. Sicherlich, diese Spiritualität ist nicht kirchlich geprägt, die Leute sind nicht kirchlich gebunden. Aber sie sind doch spirituell. Aber die Kirche ihrerseits muss betonen: Nicht die Beziehung zur Kirche als einer Institution ist wichtig. Entscheidend ist die Verbindung mit der Tiefe unserer Wirklichkeit. Darüber muss man öffentlich sprechen: Die Kirche muss in dieser Situation ein Partner sein, nicht jemand, der die Lösungen und die Antworten parat hat. Wir müssen die Leute nicht „erwecken“, sondern mit ihnen zusammen unterwegs sein.
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