Pfingsten – Fest des Geistes. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Pfingsten – das Fest des Geistes
Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Hat das Pfingstfest eine Bedeutung für die heutige moderne Lebenserfahrung, die so oft sagt: Wir leben in geistlosen Zeiten?

Bereits der Gregorianische Hymnus aus dem 9. Jahrhundert ruft nach der schöpferischen Kraft des Geistes. „Veni Creator Spiritus“ – „Komm Schöpfer Geist“. Offensichtlich war der Eindruck schon immer der, dass es an Geist mangelt oder jedenfalls, dass wir um den Geist bitten müssen. Nach dem Geist verlangen, um den Geist bitten wir, weil wir nicht über ihn verfügen, weil wir ihn nicht machen können, aber doch von diesem Geist leben! In uns selbst aufkommend, aber eben unverfügbar aufkommend: ‚Da hatte ich eine Idee!‘ ‚ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen!‘ Jetzt wird mir die Sache klar!‘ Wir wissen, wie sehr alle menschliche Kreativität vom gelungenen Einfall lebt!

Geistlose Zeiten? Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Ich bin immer wieder erstaunt, was Menschen alles können, auf den Gebieten von Wissenschaft und Technik, von Kunst und Kultur. Großartiges mit zuvor ungeahnten Möglichkeiten finden wir auch in unserer Zeit, denken wir nur an den Computer und das Internet. Wozu der Mensch fähig ist, das freilich ist auch an Grausamkeit nicht zu überbieten. Der menschliche Geist ist wirklich zu allem fähig!

Ich sehe im Geist die göttliche Kraft in uns Menschen, das Schöpferische und Kreative. Ich sehe in ihm den göttlichen Grund der menschlichen Freiheit. Deshalb, so meine ich, verlangt und ermöglicht zugleich der Geist aber auch, dass wir uns bewusst und d.h. letztlich immer auf verantwortliche, kritische Weise zu ihm verhalten. Wir verfügen nicht über den Geist. Er ist vielmehr die schöpferische Energie aus der wir leben. Genau dies können wir uns jedoch bewusst klar machen. Dann sehen wir darauf, dass wir verantwortlich mit unseren schöpferischen Fähigkeiten umgehen müssen.

Der schöpferische Geist von uns Menschen kann sich in eine teuflische Kraft verwandeln, ins Zerstörerische und Mörderische. Auch deshalb braucht er die kulturelle und ethische Formung. Er muss sich ausrichten können an dem, was dem Leben dient. Er braucht die Einsicht in das, was gut ist für alle Menschen.

Der menschliche Geist ermöglicht aber selbst auch die Selbstthematisierung, in ethischer und in religiöser Hinsicht, die Ausrichtung am Guten, die Vergewisserung dessen, dass der Mensch in Gott gründet – einem Gott, der nichts als Liebe ist. In dieser Selbstbesinnung auf die Kraft des Geistes liegt die Bedeutung des Pfingstfestes.

Wenn der Geist geehrt und gefeiert wird zu Pfingsten: Ist denn der “heilige Geist” in jedem Menschen lebendig?
Der „heilige“ Geist ist keine Größe, die wir uns in gegenständlicher Gegebenheit vorzustellen hätten. Die biblisch fundierte Bildwelt des Christentums hat zwar für solche Vorstellungen gesorgt – Feuerzungen auf den Häuptern; die Taube, die vom  Himmel herabfährt – aber das sind symbolische Zeichen, die dafür stehen, dass der Geist uns Menschen ergreift, dass er über uns kommt, uns erfüllt. Wir spüren seine Kraft, aber wir können dieses Spüren nicht selbst hervorrufen. Wenn wir aber diese uns erfüllende Kraft spüren, dann können wir uns bewusst zu ihr verhalten, ihr eine Form geben und sie zu lebensdienlicher Wirkung bringen.

So verstanden ist der „heilige Geist“ in jedem Menschen lebendig als diese unwahrscheinliche Lebenskraft. Allerdings achten wir zumeist gar nicht darauf, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir selbst nicht hervorgebracht haben und hervorzubringen nicht in der Lage sind. Deshalb, wenn wir an Pfingsten den Geist feiern, dann feiern wir im Grunde das Wunder des Lebens, dann zelebrieren wir die Energie, die in uns Menschen steckt, unseren Einfallsreichtum, die elementare Kraft zur Bewältigung dieses oft so komplizierten Lebens.

Alle Menschen haben Geist, haben Vernunft: Haben sie dadurch Göttliches in sich selbst, das sich vielfältig ausdrückt?

Die Kraft des Geistes ist in allen. Insofern kann man auch sagen, alle Menschen haben Göttliches in sich, so wie der Theologe Friedrich Schleiermacher der Meinung war, alle Menschen seien Künstler, ein Dictum, das ebenso von dem Aktionskünstler Joseph Beuys überliefert ist. Gemeint ist das kreative Potential, das in uns Menschen steckt, von dem aber ebenso gilt, dass es in Form gebracht, bewusst gestaltet, mit vernünftiger Einsicht vermittelt werden will.

Wenn der göttliche Geist so allgemein ist: Sind dann die vielen nichtchristlichen Religionen auch von dem einen göttlichen Geist beeinflusst?

Da muss ich die Bibel zitieren: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3, 8) Der Geist kennt keine Grenzen. Er richtet sich nicht nach den sozialen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten, in die wir die Menschen und Menschgruppen einteilen. Er ist unverfügbar, in seinem Woher und Wohin nicht manipulierbar. Dadurch ist er der Grund der menschlichen Freiheit, selbstverständlich der Freiheit aller Menschen.

Der heilige Geist ist kein Christ. Die verschiedenen Religionen sind vielmehr verschiedene Formungen des menschlichen Geistes, sofern dieser sich seines göttlichen Grundes bewusst wird. Wo Menschen nicht nur aus der Kraft des ihnen innewohnenden göttlichen Geistes leben, sondern sich dieser Kraft bewusst werden, als einer solchen, die von außen, von Gott her, über sie kommt, dort ist gelebte Religion – in welcher Form auch immer. Jede Religion ist als Religion umso lebendiger, je klarer sie die bewegende Kraft des Geistes feiert, dann aber ihr auch eine lebensdienliche, in der Liebe eifrige Form gibt.

Wir identifizieren oft Geist mit der Fähigkeit zur Kritik. Ist der heilige Geist also auch skeptisch, auch kritisch, aber wem oder was gegenüber?
Das genau gehört entscheidend zur Formung, zu der die Bewusstheit des Geistes diesem selbst verhilft, die Fähigkeit zur Kritik. „Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4, 24) Wo wir der Lebendigkeit des Geistes in uns selbst bewusst werden, ihn gar religiös feiern, ihm begeistert unsere Lieder singen und unser Herz schenken, da tun wir dies nur dann auf rechte Weise, wenn wir uns zu seiner Wirkung in uns selbst und in anderen kritisch verhalten. Wir müssen prüfen, ob das, was wir in der Kraft des Geistes, der unsere Lebendigkeit ausmacht, tun, auch wirklich dem Leben dient, uns selbst förderlich ist und denen, für die wir da sind und Verantwortung tragen, für diese Welt und ihre Zukunft.

Die sich ihrer bewusst werdende Lebendigkeit des Geistes ist immer kritisch, kritisch sich selbst gegenüber. Sie weiß, dass der Geist  zu allem fähig ist, auch zu teuflischem Tun. Deshalb können wir den Geist nicht feiern, ohne ihn zu prüfen. Das Kriterium der lebendigen Kraft des Geistes liegt aber bereits in ihr selbst. Zu prüfen ist, ob sie dem Leben dient.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon

Der heilige Geist ist skeptisch. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

„Der heilige Geist ist skeptisch“. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

Von Christian Modehn

Einige Thesen zum Salon am 25.5.2012:

Bei dem Thema erleben wir einmal, wie Philosophie Lebenshilfe sein. Hilfe im Sinne der Klärung, Analyse. Ohne gedankliche Klarheit kein Klarheit im Leben, als ein unabgeschlossenes Geschen.

-Fragen, Staunen, Zweifeln sind die Vollzüge der Skepsis.

-Skepsis heißt um sich schauen, prüfen, auf den Wahrheitsanspruch „abklopfen“.

-In der griech. Philosophie eine (relativ) kleine Schule: die Skeptiker. Begründet von Pyrrhon von Elis, 365- 275 vor Chr.

-Er bedient sich des skeptischen Fragens, des Zweifelns an allem, mit dem Ziel: um dadurch die innere Ruhe, Ausgeglichenheit, Seelenfrieden zu finden. Denn: Wenn nichts als wahr erkennbar ist, ist eigentlich alles egal: Von daher sein „alternativer Lebensstil“, angstfrei sich verhalten. Sextus Empiricus (ca. 200 nach Chr. ) hat Pyrrhons Werk vermittelt.

-Methodischer Zweifel heißt das Stichwort bei Descartes. In Zeiten tiefster Erschütterungen (Kopernikus, Amerikas „Entdeckung“) Suche nach Sicherheit. Er findet sie im „Ich denke, (also) ich bin“.

-Skeptizismus ist die radikale Skepsis, die auch das ganze Leben betrifft und an den Rand der Verzweiflung führt. Der Zweifler lässt die Zweifel „tief in sich selbst ein“. Aus Zweifeln wird Verzweiflung. Nichts ist erkennbar, nichts ist wertvoll. Denkt in diese Richtung der Schrifsteller Emile Cioran ? („Vom Nachteil, geboren zu sein“, „Verfehlte Schöpfung“…) Aber: Auch Cioran entkommt nicht der Tatsache, dass sein Skeptizismus dann doch eine sichere Lebens Basis ist.

Was geht uns Skepsis an?

Wir können mit dem methodischen Zweifel leben: Skepsis ist elementar: Vorsicht lernen, wenn Widersprüche in geistigen religiösen Organisationen offensichtlich sind. Ohne diese methodische Skepsis kein geistiges Leben. Skepsis befreit von falschen Vorstellungen. (Zum Beisipiel: Eine Organisation, die Menschenrechte naxch außen verteidigt aber in ihrer eigenen Organisation keine Menschenrechte respektiert, ist sehr fragwürdig. Ein Skeptiker sagt: Besser nicht mit dieser Organisation).

Skepsis ist Lebenshilfe.

-Skepsis kann zur Lebenshaltung werden.  Montaigne: „Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher“.

Aber zerstört Skepsis das Grundvertrauen?

Was ist die Differenz zwischen Skepsis und Misstrauen?

Grundvertrauen sollte als Basis des reflektierten Lebens bleiben. Grundvertrauen aber ist „erarbeitet“, nichts Blindes, nichts Naturwüchsiges.

Grundvertrauen wird bestärkt durch die Überlegung: Der Skepsis gegenüber skeptisch sein!

Denn merke ich, dass Skepsis immer Vollzug des Geistes ist. Der Geist ist größer als die jeweilige Skepsis. Er ist sozusagen das Tragende, das Bleibende. Geist ist immer körperlicher Geist. Der Geist  bleibt, auch wenn ich an allem zweifle. (Bei Descartes war es das Ich, hier ist es mehr, der Geist, der über das Ich hinausreicht).

– Was hat das alles mit dem heiligen Geist zu tun?

Von Pfingsten wird bildreich von der Geistesgabe an die Gemeinde gesprochen. Als einem „Ereignis“.

Philosophisch betrachtet: Wir nehmen das Ereignis als Offenbarung für etwas Allgemeines, siehe Hegel.

D. h: Der menschliche Geist ist göttlich. Er ist in den Menschen als dynamische, belebende Kraft.

Der Apostel Paulus und Autor neutestamentlicher Texte: Der (heilige) Geist bestimmt ihn selbst und die ersten Christen.

Er schreibt im 1. Thessalonicher Brief (um 50 geschrieben): „Prüfet alles, das Gutes behaltet“.

D. h. Philosophisch gesehen, die Aufforderung zu prüfen, also skeptisch zu ein. Das Gute behalten, was ist das Gute? Was geistvoll ist, was der prüfende Geist als seinen Geist erkennt. D. h. Also das Geistvolle bewahren.

Was ist Geist? Geist ist Freiheit. Wesensbestimmung des Geistes ist die Freiheit. Siehe Reflexion: Sich auf sich beziehen, ich denke mich. Darin sehe ich mich in meinen freien Möglichkeiten. Ich frage im Geist, wer bin ich, was soll ich tun, was darf ich hoffen?

Der heilige Geist als der Geist aller Menschen ist elementar fragend/ skeptisch: Das heißt: Unser (heiliger)Geist ermöglicht uns, im Fragen und Zweifeln unsere Freiheit zu erkennen, Abstand zu nehmen von Widersprüchen und frei das Leben zu gestalten, frei immer verstanden als geistvoll. Ziel des gemeinsamen Leben ist: Geistvolles, freies Miteinander. Das muss politisch gestaltet werden.

Copyright: christian modehn.

 

PS.: Wir erlauben uns, aus aktuellem religionskritischem Anlaß,  ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  “Nachtgedanken eines Beichtvaters” (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  “Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird”.