Artikel mit Stichwort ‘ heiliger geist als Geist aller Menschen ’



Der heilige Geist ist skeptisch. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

26. Mai 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

„Der heilige Geist ist skeptisch“. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

Von Christian Modehn

Einige Thesen zum Salon am 25.5.2012:

Bei dem Thema erleben wir einmal, wie Philosophie Lebenshilfe sein. Hilfe im Sinne der Klärung, Analyse. Ohne gedankliche Klarheit kein Klarheit im Leben, als ein unabgeschlossenes Geschen.

-Fragen, Staunen, Zweifeln sind die Vollzüge der Skepsis.

-Skepsis heißt um sich schauen, prüfen, auf den Wahrheitsanspruch „abklopfen“.

-In der griech. Philosophie eine (relativ) kleine Schule: die Skeptiker. Begründet von Pyrrhon von Elis, 365- 275 vor Chr.

-Er bedient sich des skeptischen Fragens, des Zweifelns an allem, mit dem Ziel: um dadurch die innere Ruhe, Ausgeglichenheit, Seelenfrieden zu finden. Denn: Wenn nichts als wahr erkennbar ist, ist eigentlich alles egal: Von daher sein „alternativer Lebensstil“, angstfrei sich verhalten. Sextus Empiricus (ca. 200 nach Chr. ) hat Pyrrhons Werk vermittelt.

-Methodischer Zweifel heißt das Stichwort bei Descartes. In Zeiten tiefster Erschütterungen (Kopernikus, Amerikas „Entdeckung“) Suche nach Sicherheit. Er findet sie im „Ich denke, (also) ich bin“.

-Skeptizismus ist die radikale Skepsis, die auch das ganze Leben betrifft und an den Rand der Verzweiflung führt. Der Zweifler lässt die Zweifel „tief in sich selbst ein“. Aus Zweifeln wird Verzweiflung. Nichts ist erkennbar, nichts ist wertvoll. Denkt in diese Richtung der Schrifsteller Emile Cioran ? („Vom Nachteil, geboren zu sein“, „Verfehlte Schöpfung“…) Aber: Auch Cioran entkommt nicht der Tatsache, dass sein Skeptizismus dann doch eine sichere Lebens Basis ist.

Was geht uns Skepsis an?

Wir können mit dem methodischen Zweifel leben: Skepsis ist elementar: Vorsicht lernen, wenn Widersprüche in geistigen religiösen Organisationen offensichtlich sind. Ohne diese methodische Skepsis kein geistiges Leben. Skepsis befreit von falschen Vorstellungen. (Zum Beisipiel: Eine Organisation, die Menschenrechte naxch außen verteidigt aber in ihrer eigenen Organisation keine Menschenrechte respektiert, ist sehr fragwürdig. Ein Skeptiker sagt: Besser nicht mit dieser Organisation).

Skepsis ist Lebenshilfe.

-Skepsis kann zur Lebenshaltung werden.  Montaigne: „Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher“.

Aber zerstört Skepsis das Grundvertrauen?

Was ist die Differenz zwischen Skepsis und Misstrauen?

Grundvertrauen sollte als Basis des reflektierten Lebens bleiben. Grundvertrauen aber ist „erarbeitet“, nichts Blindes, nichts Naturwüchsiges.

Grundvertrauen wird bestärkt durch die Überlegung: Der Skepsis gegenüber skeptisch sein!

Denn merke ich, dass Skepsis immer Vollzug des Geistes ist. Der Geist ist größer als die jeweilige Skepsis. Er ist sozusagen das Tragende, das Bleibende. Geist ist immer körperlicher Geist. Der Geist  bleibt, auch wenn ich an allem zweifle. (Bei Descartes war es das Ich, hier ist es mehr, der Geist, der über das Ich hinausreicht).

– Was hat das alles mit dem heiligen Geist zu tun?

Von Pfingsten wird bildreich von der Geistesgabe an die Gemeinde gesprochen. Als einem „Ereignis“.

Philosophisch betrachtet: Wir nehmen das Ereignis als Offenbarung für etwas Allgemeines, siehe Hegel.

D. h: Der menschliche Geist ist göttlich. Er ist in den Menschen als dynamische, belebende Kraft.

Der Apostel Paulus und Autor neutestamentlicher Texte: Der (heilige) Geist bestimmt ihn selbst und die ersten Christen.

Er schreibt im 1. Thessalonicher Brief (um 50 geschrieben): „Prüfet alles, das Gutes behaltet“.

D. h. Philosophisch gesehen, die Aufforderung zu prüfen, also skeptisch zu ein. Das Gute behalten, was ist das Gute? Was geistvoll ist, was der prüfende Geist als seinen Geist erkennt. D. h. Also das Geistvolle bewahren.

Was ist Geist? Geist ist Freiheit. Wesensbestimmung des Geistes ist die Freiheit. Siehe Reflexion: Sich auf sich beziehen, ich denke mich. Darin sehe ich mich in meinen freien Möglichkeiten. Ich frage im Geist, wer bin ich, was soll ich tun, was darf ich hoffen?

Der heilige Geist als der Geist aller Menschen ist elementar fragend/ skeptisch: Das heißt: Unser (heiliger)Geist ermöglicht uns, im Fragen und Zweifeln unsere Freiheit zu erkennen, Abstand zu nehmen von Widersprüchen und frei das Leben zu gestalten, frei immer verstanden als geistvoll. Ziel des gemeinsamen Leben ist: Geistvolles, freies Miteinander. Das muss politisch gestaltet werden.

Copyright: christian modehn.

 

PS.: Wir erlauben uns, aus aktuellem religionskritischem Anlaß,  ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  „Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird“.