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Wird Frankreich atheistisch?

17. April 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Etliche Leser unserer website haben nach dem Manuskript meiner Radiosendung gefragt, die am Ostersonntag 2012 im Saarländischen Rundfunk gesendet wurde. Wir bieten sie hier zum Nachlesen an.

Religiösen Wandel zu dokumentieren und zu verstehen, auch den „Atheismus“, ist selbstverständlich eine Hauptaufgabe unseres Religionsphilosophischen Salons.

Der Beitrag zeigt, wie tiefgreifend die Veränderungen in der religiösen Landschaft Frankreichs heute sind. Er zeigt auch, wie schwierig es für die katholische Kirche dort ist, auf diese Situation kreativ zu antworten. Interessant wird für viele Leser sein, etwas näher die offene, „liberale protestantische“ Gemeinde „L oratoire du Louvre“ in Paris kennenzulernen.

Der vorliegende Text hat die für Radioproduktionen übliche Form weitgehend bewahrt.

Copyright: saarländischer rundfunk.

 

Kein Gott mehr in Frankreich?

Die Krise der Kirche und die Suche nach Neubeginn

Von Christian Modehn

musikal. Zuspielung, aus dem Kloster La Pierre, qui vire.

Benediktinermönche der Abtei „La Pierre qui vire“ in Burgund begrüßen in ihrer Kirche früh am morgen das Oster – Fest: O jour si plein de joie, O Tag so voller Freude. Aber zu lautstarkem Jubel fühlen sich die Mönche doch nicht ermuntert; ihre Begeisterung ist eher verhalten: Christus lebt, wie eine strahlende Sonne bricht er hervor, heißt es in dem Lied. Aber die Mönche wissen: An Jesus Christus und seine  Auferstehung glauben heute immer weniger Franzosen.

musikal. Zuspielung, bleibt noch einmal 0 10“ freistehen, dann langsam ausblenden.

Natürlich sind Frankreichs Pfarrer und Pastoren froh, dass die Gottesdienste zu Ostern etwas besser besucht werden als sonst. Dennoch liegt ein Schatten über dem Fest. Denn kürzlich wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Umfragen zur religiösen Orientierung der Franzosen veröffentlicht. Über die Ergebnisse sind viele Christen tief besorgt: Nur jeder dritte Franzose erklärt, an Gott zu glauben. So berichtet das Forschungsinstitut „Harris Interactive“. Ein weiteres Drittel betont, Atheist zu sein. Die übrigen wissen nicht so recht, wo sie religiös stehen. Sie schwanken zwischen der Bindung an Gott und dem Atheismus. Als die Forscher wissen wollten, ob der Glaube an Gott einen tragenden Sinn im Leben stiftet, antwortete nur knapp die Hälfte positiv bejahend. Die meisten finden eine glückliche Beziehung und die Liebe zwischen den Partnern oder eine gut bezahlte Arbeit viel wichtiger als den Glauben.

Einst rühmte sich Frankreich, als die „älteste Tochter der römischen Kirche“ eine ehrenvolle Sonderstellung zu haben: Nirgendwo sonst gibt es so viele Gründungen von Ordensgemeinschaften und Klöstern, nirgendwo sonst in Europa so viele Wallfahrtsorte. Wird diese älteste Tochter nun gottlos, wie es jetzt in manchen Kommentaren zu den Umfragen heißt? Gibt es einen Bruch kultureller Traditionen? Geht die christliche Ära zu Ende? Religionssoziologen warnen vor übereilten Schlüssen. Sie wissen, dass bei Umfragen oft auf Nuancen verzichtet werden muss. Und sie erinnern daran, dass es innerhalb des Glaubens wie auch beim Atheismus ein weites Feld voller unterschiedlicher Einstellungen gibt. Der tief greifende religiöse Wandel in Frankreich ist nicht zu bestreiten, aber auf ein differenziertes Verständnis kommt es an, betont der Pariser Religionssoziologe Professor Guy Michelat:

O TON, Prof. Guy Michelat

„Man glaubt, dass die Leute, die sich religionslos nennen, Atheisten seien. Das entspricht gar nicht der Realität. Denn es gibt viele Menschen, die sich religionslos nennen, aber nicht die Existenz Gottes ausschließen. Sie glauben sogar, dass es irgendetwas nach dem Tod noch geben wird. Für die älteren Leute gibt es durchaus den Glauben an ein neues Leben nach dem Tod. Und die Jüngeren sagen: Es gibt wohl etwas „danach“, aber man weiß nicht genau was. Neu ist die Idee der Reinkarnation, der Wiedergeburt. Man kann also nicht die Vorstellung ertragen, dass man wirklich einmal tot sein wird. Darum betrachte ich, wissenschaftlich gesehen, als Atheisten ausschließlich die Menschen, die die Existenz Gottes ablehnen und die meinen, dass es nach dem Tod nichts gibt!“

Die Gruppe eher „militanter Atheisten“ ist auch in Frankreich recht klein. Aber interessant ist doch: Sehr viele Menschen nennen sich ungläubig oder atheistisch, selbst wenn sie nur den traditionellen Glauben der Kirche ablehnen. Sie brauchen eine Art von Etikette, um die eigene Identität zu betonen. Der Kulturwissenschaftler Francois Barbier – Bouvet beobachtet seit Jahren diese Entwicklung. Er ist Kulturwissenschaftler und Mitarbeiter im Centre Pompidou in Paris:

 O TON. Francois Barbier – Bouvet

„Die Frage ist, ob der Atheismus zunimmt. Was zunimmt, ist die Fremdheit der Religion gegenüber. Also, nicht der Atheismus breitet sich aus. Zweitens: Leute, die früher von sich sagen, an Gott zu glauben, neigen jetzt eher zu der Antwort: Wahrscheinlich existiert er. Die alte Glaubens – Gewissheit gibt es nicht mehr. Wir haben es heute mit einer Bevorzugung des Wahrscheinlichen zu tun. Drittens ist es bemerkenswert, dass Leute, die an Gott glauben, der Kirche gegenüber feindlich eingestellt sind. Heute entwickelt sich eine Feindschaft der Kirche, nicht aber eine Feindschaft Gott gegenüber“.

Diese Entwicklung führt zu einer tiefen Beunruhigung in den Kirchen: Viele Verantwortliche sehen eine Lösung nur in der Pflege uralter Traditionen, sie wollen die Gemeinden gegen den angeblichen Ungeist der Moderne schützen und abgrenzen. Die anderen, die eher progressiven Kreise, wollen erstmal alle Details genau untersuchen: Dabei entdecken sie: Für die zunehmend feindliche Einstellung der Kirche gegenüber ist nicht nur der traditionelle Antiklerikalismus verantwortlich, der seit der Französischen Revolution unter Intellektuellen fast üblich ist. Verantwortlich für die tiefe Glaubenskrise ist auch die kirchliche Lehre, etwa in Fragen der Moral. Davon ist der Kulturwissenschaftler Francois Barbier – Bouvet überzeugt. Er ist seit vielen Jahren in der katholischen Basis  – Gemeinde engagiert, die sich in der spätgotischen Kirche Saint Merri in Paris trifft.

 O TON, Francois Barbier – Bouvet

„Heute können Menschen, die jünger als 40 sind, diejenigen Institutionen nicht mehr akzeptieren, die sich mit ihrem Privatleben befassen. Wenn die Kirche erklärt, wie man sich im Bett verhalten soll und im ganzen Feld der Sexualität, dann erscheint dies unerträglich. Man glaubt: Die Institution hat nichts über das private Leben zu befinden“.

Eine Erkenntnis, die auch von katholischen Theologen unterstützt wird. Sie verstehen die jüngsten Umfragen zum Glauben der Franzosen als eine Herausforderung, kritisch die eigene Kirche zu betrachten. Der Dominikaner Pater Jean Pierre Jossua aus Paris ist einer der prominentesten katholischen Theologen. Als Mitarbeiter der Internationalen Theologischen Zeitschrift CONCILIUM wird er weltweit geschätzt. Pater Jossua betont:

O TON, Pater Jossua

„Anstatt ein positives Zeichen zu sein, verhärtet sich die Kirche heute und wird eher zu einem negativ gefärbten Zeichen: Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil unter Papst Johannes XXIII. haben wir eine Zeit erlebt, wo wir glaubten, die Situation verbessert sich. Es gab innerhalb der Kirche eine positive Haltung, unterstützt von einigen Kirchenführern, die die Menschen anzog. Aber heute ist man zu moralisierenden Lehren zurückgekehrt, im Namen falscher theologischer Prinzipien, die die Menschen nicht akzeptieren. Es handelt sich dabei um moralisierende, autoritäre, klerikale Lehren, davon werden die Menschen enorm entmutigt“.

Schwindet das Vertrauen in die Kirche, dann verzichten die Menschen auf die bislang vertrauten religiösen Feiern: So ist die Zahl der Taufen in katholischen Gemeinden Frankreichs in den letzten 10 Jahren rapide gesunken, obwohl die Anzahl der Geburten insgesamt stabil blieb. Ebenso wird die sakramentale Eheschließung immer mehr abgelehnt, gegenüber 1999 hat sich ihre Anzahl jetzt fast halbiert. Und die Teilnahme an der Sonntagsmesse ist jetzt auf einem Tiefpunkt angekommen: 4 Komma 5 Prozent aller Katholiken gelten noch als praktizierende Katholiken, wobei „praktizierend“ bedeutet: Sie nehmen mindestens einmal im Monat an der Messe teil. Mit diesen Verhältnissen ist Pater Gérard Bénéteau aus Paris gut vertraut; als Pfarrer hat er sich viele Jahre um die kirchliche Jugendarbeit gekümmert. Sein Rückblick auf die letzten 20 Jahre ist ernüchternd:

O TON, Pater Beneteau

„Viele Jugendliche haben kein großes Interesse an religiösen Fragen und auch nicht an sozialen und politischen Themen. Man ist nicht mehr engagiert. Junge Leute müssen sich einfach mehr mit der eigenen Zukunft befassen. Denn was sie bringen wird, ist völlig unklar. Dazu kommt, dass die Internetnutzung auch ablenkt, man kommuniziert mit Leuten, die man eigentlich gar nicht kennt. Der Individualismus ist sehr groß, besonders bei jungen Menschen“.

Als verantwortlicher Pfarrer der Gemeinde Saint Eustache mitten in Paris hat Pater Bénéteau versucht, Alternativen zu der vorherrschenden individualistischen Lebenseinstellung aufzuzeigen. Er setzte alles daran, Gruppen zu bilden, den Dialog zu fördern. In der Kirche St. Eustache organisierte er Kunstausstellungen und Gespräche zwischen den Künstlern und den Besuchern. In einer Seitenkapelle richtete er eine Art Beratungs – Zimmer ein,  damit sich Menschen während der Woche auch spontan an einen Priester wenden können. Ein ganzes Haus in der Nachbarschaft wurde zum Treffpunkt umgestaltet. Auch für Menschen mit AIDS öffnete er die Kirche:

O TON, Pater Beneteau

„Die Pfarrgemeinde hat auf ihre Umgebung geantwortet. Die Gemeinde Saint Eustache befindet sich ja unmittelbar an der großen Station der Schnellbahn RER „Les Halles“. Dadurch hat die Gemeinde mit allen Problemen zu tun, die sich an einem Bahnhof bündeln: Da kommen Leute mit materiellen und psychischen Schwierigkeiten zusammen. Darüber hinaus befindet sich Saint Eustache in einem Viertel, wo Künstler leben, es gibt Galerien, Handwerksbetriebe, Verlage: Dann die Gemeinde mit Menschen zu tun, die von AIDS betroffen sind. Auch für sie haben wir diese Kirche geöffnet, damit sie auch  spirituell mit dem Drama dieser Krankheit umgehen können. Zu uns  kamen Menschen, um von ihrem Leiden an AIDS zu berichten; man hat gemeinsam meditiert, Musik gehört, oder gebetet. Es waren ökumenische und „multireligiöse“ Veranstaltungen“.

musikal. Zusp., Gesang aus Karmel – Kloster,

Nur dein Wort will ich kennen, nur um deine Gnade bitten: Die Verse eines modernen Liedes sollten in ihrer schlichten Sprache „eigentlich“ allgemein verständlich. Aber jüngere Menschen tun sich schon mit einfachen religiösen Begriffen schwer, hat Francois Barbier – Bouvet beobachtet. Dabei bemüht sich seine Gemeinde in der Kirche St. Merri seit Jahren um eine zeitgemäße Sprache in der Predigt und im Gebet. Junge Leute bleiben trotzdem fern:

O TON, Francois Barbier – Bouvet

„Als unsere Gemeinde gegründet wurde, waren die Teilnehmer bereits eher ältere Menschen. Und die Leute, die bei der Gründung unseres „Pastoralen Zentrums“  dreißig Jahre alt waren, sind heute 60. Heute sind die Dreißigjährigen bei uns nicht sehr zahlreich. Unsere Kirche St. Merri hat jetzt dieselben Probleme mit der  Altersstruktur wie andere Pfarrgemeinden auch. Aber die älteren Leute heute kümmern sich immer noch um die Erneuerung der Gemeinde“.

Aber wenn sich fast nur noch ältere Leute engagieren, ist das Ende einer Gemeinde absehbar. Die aktiven Kirchenmitglieder fragen sich: Verschwindet der Glaube an Gott, weil es auch die Kirche bald nicht mehr geben wird? Pascal Roland, der Bischof von Moulins in Zentralfrankreich, teilte kürzlich mit, dass nach seinen Schätzungen das kirchliche Leben in seiner Diözese in 15 Jahren nahezu verschwunden sein wird. Von 250.000 Katholiken besuchen heute noch 7.000 die Sonntagsmesse, es sind vor allem ältere Menschen um die 70.

Der Pariser Kulturwissenschaftler und engagierte Katholik Francois Barbier – Bouvet hat im Laufe der Jahre erkannt, dass gut gemeinte Experimente in den Gemeinden nicht ausreichen, um die vielen unkirchlichen oder ungläubigen Menschen wieder mit dem Glauben vertraut zu machen. Die zunehmende Distanz von der Kirche hat viel tiefere Ursachen. Denn es gibt heute einen Bruch zwischen der Welt der Kirche und der modernen Lebenserfahrung. Francois Barbier Bouvet ist überzeugt, dass auch die universal gültige Form der Messe mit ihrem ewig gleich bleibenden Ritus, nicht mehr den Erwartungen einer modernen Spiritualität entspricht:

O TON, Francois Barbier – Bouvet

„Bei den katholischen Messfeiern ist das Ritual unserer heutigen Lebensweise entgegen gesetzt. Diese Rituale bedeuten immer auch Wiederholung. Und das heißt: Alles ist vorauszusehen, eine Messe gleicht im Ritus der anderen. Die Vorstellung, alle Wochen bei derselben Feier mit denselben Leuten zusammen zu sein, ist für viele nicht mehr akzeptabel. Demgegenüber erleben wir die Entwicklung neuer religiöser Formen, sie bevorzugen bestimmte intensive Augenblicke. Man könnte sagen: Wir erleben eine Abkehr von den rituelle Wiederholungen und eine Hinwendung zu intensiven einmaligen Erfahrungen“.

Tatsächlich ist das Interesse ungebrochen groß, an besonderen religiösen Events teilzunehmen, an katholischen Weltjugendtagen mitzumachen oder in Taizé eine Woche zu verbringen oder an Wallfahrten teilzunehmen. Menschen, die nie einen Fuß in ihre Pfarrkirche setzen, pilgern nach Lourdes, La Salette, Issoudun oder Chartres. Und aus allen französischen Klöstern ist zu hören, dass die Gästezimmer regelmäßig ausgebucht sind. Wenn sich die Formen der religiösen Bindung ändern, sollte die Kirche kreativ mit neuen Angeboten reagieren, meinen einige Theologen. Sie laden vermehrt  Menschen ein, ob gläubig oder nicht, sich in Gesprächskreisen zu treffen. Pater Jossua fördert die Auseinandersetzung mit der modernen Literatur:

O TON, Pater Jossua

„Die Literatur kann ein Ort sein, wo sich ein gewisser Glaube oder eine gewisse Form religiöser Suche ausdrücken können.  Aber Literatur kann auch außerhalb jedes Bezugs auf den Glauben ein Ort sein, wo sich Frauen und Männer aussprechen, die nach einem absoluten Ziel suchen, nach einer Transzendenz. Die Haltung kann im Einklang oder im Widerspruch stehen zur christlichen Erfahrung und ihrer Suche nach der Gott“.

Dichtung und Poesie sind gar nicht so „weltlich“ und säkular, wie oft behauptet wird. Literarische Werke können spirituelle Orientierung bieten:

O TON, Pater Jossua

„Die Poesie Hölderins oder Leopardis ist für sehr viele interessierte Menschen eine Art künstlerischer spiritueller Bewegung geworden. Für diese Menschen ersetzt die Poesie die Religion, die ihnen wie tot erscheint. Die Poesie ist für sie ein Weg zu Gott, zum Absoluten. Tatsächlich könnte man auch sagen, die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet hat endlich die Form von poetischer Qualität wieder gefunden“.

Für Pater Jossua ist der viel besprochene Unglaube der Franzosen vor allem ein Kommunikationsproblem: Glaubende, Skeptiker, Atheisten, sie alle können fruchtbar miteinander debattieren, wenn sie sich als gleichberechtigte Partner anerkennen:

O TON Pater Jossua

„Ich habe begriffen: Wenn ich eine richtige Haltung einnehme der Literatur gegenüber, dann heißt das: hinhören, nicht urteilen, im Dialog nicht vorherrschen. So versuche ich es im Gespräch mit ungläubigen Schriftstellern oder Universitätsprofessoren. Damit weise ich jegliche Vorherrschaft ab. Diese Haltung der Dominanz bestimmt die katholische Kirche, aber sie nützt gar nichts“.

musikal. Zusp., Reformiertes Kirchenlied

Ein Choral aus der Frühzeit der französischen Reformation: „Nicht uns gebührt die Ehre, sondern allein dir, o Gott“.

musikal. Zusp., Reformiertes Kirchenlied,

Traditionelle Choräle werden in der Protestantischen Gemeinde „L Oratoire“  du Louvre gelegentlich gesungen. Die reformierten Christen mitten in Paris wollen ihre Wurzeln nicht vergessen; aber wichtiger ist es für sie, einen modernen evangelischen Glauben zu leben. Nicht ein frommes Getto bilden, sondern die Gemeinde öffnen, heißt hier die Antwort auf den zunehmenden Unglauben.  Das wissen die Menschen in Paris und gerade deswegen besuchen sie gern diese Gemeinde, betont Pastor James Woody:

O TON, Pasteur Woody

„Ich treffe oft Franzosen, die sich Atheisten nennen. Aber wenn man mit ihnen diskutiert, dann entdeckt man: Diese Menschen sind keine Atheisten, in dem Sinne, dass sie vollständig die Existenz Gottes ablehnen. Sie lehnen nur die religiösen Formen ab, denen sie oft begegnet sind, Wenn ich dann mit diesen Menschen über den Gott spreche, den sie ablehnen, dann kann ich nur sagen: Ich selbst glaube an diesen Gott auch nicht. Also zum Beispiele an einen „allmächtigen Gott“, an einen Gott als Sieger; an einen Gott, der auch hinter allen Ereignissen der Geschichte seine Macht ausübt. Da kann ich meinen Gesprächspartnern nur sagen: An einen solchen Gott glaube ich auch nicht“.

Für Pastor Woody ist Gott eher das absolute Geheimnis, die alles gründende und tragende Wirklichkeit, die in Worten eindeutig nicht zu fassen ist.

O TON, Pasteur Woody

„Für mich zählt zuerst die Erfahrung, die die Menschen mit der Transzendenz in sich selbst machen. Wenn ich Leute treffe, die darüber diskutieren wollen, dann sage ich ihnen nicht, was sie glauben sollen. Oder welcher Gott in der Bibel vorkommt, dem man vertrauen soll. Ich interessiere mich für den inneren spirituellen Weg meiner Besucher. Mein eigenes Gottesbild dränge ich Ihnen nicht auf. Auch mein Gottesverständnis ist persönlich gefärbt“.

Eine Gemeinde der Suchenden; eine Gemeinde, die jede Indoktrination ablehnt und Raum lässt  für individuelle Frömmigkeit. Darum sind die Gottesdienste im „L Oratoire du Louvre“ auch so gut besucht:

O TON, Pasteur Woody

„Am Sonntagmorgen im Gottesdienst setzt sich die eine Hälfte der Teilnehmer aus Mitgliedern der Gemeinde zusammen. Und die andere Hälfte besteht wiederum zu gleichen Teilen aus Leuten, die den Glauben suchen und aus Leuten, die nicht glauben. So kann man also sagen: Am Sonntagmorgen ist bei uns jeder vierte Teilnehmer ein Agnostiker“.

Und diese Menschen kommen regelmäßig, sie sind in der Gemeinde  willkommen und werden als Freunde respektiert:

O TON,Pasteur Woody

„Der feste Stammkreis der Gemeinde will keine Barrieren errichten, man will den Teilnehmern am Gottesdienst keine Etiketten anheften. In unserer Gemeinde folgen wir seit mehr als einem Jahrhundert der toleranten, der so genannten „liberalen Theologie“. Deswegen glaube ich: Der Glaube des einzelnen steht über der Doktrin. Außerdem gilt: Die erste Aufgabe der Kirche ist es, die universelle Brüderlichkeit unter den Menschen zu fördern. Wir sehen die Kirche als Institution also eher relativ. Die Kirche ist immer sekundär gegenüber der Pflicht, Menschen gut aufzunehmen, die suchen und fragen“.

Angesichts des tief greifenden religiösen Wandels in Frankreich sind etliche Pfarrer und Theologen entschlossen, die Türen der Kirche weit zu öffnen. Sie soll zu einem Ort der Begegnung werden, zu einem Platz, wo jeder Mensch vorbehaltlos willkommen ist. Denn Glaubende und Nichtglaubende haben im praktischen Alltag viel mehr gemeinsame Anliegen als man ursprünglich annimmt. Sollte es nicht unter bestimmten Bedingungen auch eine praktische  Zusammenarbeit von Glaubenden und Nichtglauben geben? Etwa zugunsten der Armen und Flüchtlinge? Diakonie und Caritas laden ausdrücklich Ungläubige zur Mitarbeit in Sozialprojekten ein. Nach zahlreichen gemeinsamen Veranstaltungen mit Theologen will der atheistische Philosoph André Comte Sponville aus Paris ganz neu das Verhältnis von Glaubenden und Nichtglaubenden bestimmen:

O TON, Comte Sponville

„Meines Erachtens sollte man keine Grenze ziehen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Es gibt hingegen eine Grenze zwischen den freien, offenen, toleranten Geistern auf der einen Seite, egal, ob man da an Gott glaubt oder nicht. Und auf der anderen Seite stehen die dogmatischen, die fanatischen Geister, auch dort halten sich Glaubende und Nichtglaubende auf. Gegen die Fanatiker und auch gegen die Nihilisten sollten wir kämpfen. Das sind die Leute, die an nichts glauben, die nichts respektieren, die keine Werte, keine Regeln haben, keine Prinzipien, keine Ideale. Darum will ich allen anderen ein Bündnis vorschlagen: Wir wollen zusammen die gemeinsamen Werte der Menschheit verteidigen“.

musikal. Zuspielung, Sologesang

Ein ungewöhnliches Osterlied in der Kirche von Fontenay in Burgund. Diese mittelalterlichen Klosteranlage beherbergt keine Mönche mehr, seit vielen Jahren werden hier keine Messen mehr gefeiert. Das prachtvolle romanische Gotteshaus wird als Konzerthalle genutzt. Aber die Auferstehungs – Hymne des Sängers Iegor Reznikoff wird hier von den tausend Besuchern durchaus als inspirierender Gesang geschätzt, als ein spirituelles Ereignis, das Menschen unterschiedlicher Überzeugung vereint. Christen in Frankreich beginnen zu begreifen: An vielen unterschiedlichen Orten sind religiöse Erfahrungen möglich. Vor allem: Offene, lernbereite und tolerante Gemeinden haben durchaus Zukunft. Gott ist nicht tot. Man sollte nur beginnen ihn zu suchen, wo ER sich zeigt, inspirierend und lebendig.