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„Gott besteht nicht“. Zur Kontroverse um Pastor Klaas Hendrikse

30. Mai 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

„Gott besteht nicht“
Ist der holländische Pastor Klaas Hendrikse ein Atheist?
Von Christian Modehn

Bei der Frage nach Gott kommen die Gemüter noch immer recht heftig in Wallung. So „säkularisiert“ – oder besser so wenig säkularisiert – sind heute die meisten Menschen in Westeuropa! Jeder will seinen Glauben oder seinen Unglauben verteidigen. Und die Emotionen kochen richtig hoch, wenn sogar ein Pfarrer öffentlich von sich bekennt: „Ich bin ein Atheist“. Aber was meint er damit wirklich? Was bedeutet schon das Wort Atheist? Mit den großen Worten wie Glaube, Gott und Atheismus muss man wohl sehr achtsam und behutsam umgehen, da ist jede Nuance wichtig. Das zeigen die Diskussionen um den so genannten atheistischen Pfarrer Klaas Hendrikse aus Holland.

Middelburg ist ein hübsches Städtchen mit alten Grachtenhäusern im Südwesten der Niederlande, zur Nordsee sind es fast nur ein einige Schritte. „Unsere Stadt ist ein Erlebnis“, verkündet die Tourismusbehörde. Seit drei Jahren ist Middelburg auch wegen eines ihrer Mitbürger berühmt – oder soll man sagen berüchtigt? Denn in der dortigen „Koorkerk“, (sprich Kohr kerk) der zentral gelegenen „Chorkirche“, predigt Klaas Hendrikse. Der zweiundsechzig Jährige protestantische Pastor bezeichnet sich selbst als „Atheisten“. Sein ungewöhnliches Bekenntnis erläuterte er vor 3 Jahren in dem Buch „Glauben an einen Gott, der nicht besteht“. Und sogleich gab es in Holland ein riesiges Medienspektakel mit wütendem Aufbegehren: „Gott besteht, er existiert und er ist eine Realität“, betonen bibeltreue Christen. Und sie fordern das sofortige Predigtverbot des angeblichen Ketzers. Die Leitung der „Protestantischen Kirche der Niederlande“ nahm sich des Falls an, prüfte wochenlang, diskutierte und sondierte. Vor einigen Wochen kam sie schließlich zu dem Ergebnis: Pastor Hendrikse soll NICHT aus dem Dienst entlassen werden. Die theologische Vernunft hat sich also durchgesetzt, sagen Beobachter heute. Denn Hendrikse ist kein militanter Atheist, man muss nur seine Texte wirklich lesen und nicht übereilt polemisieren! Denn für ihn zeigt sich Gott z.B. als überraschendes Ereignis mitten im Leben. „Gott geschieht, ER ist ein Ereignis mitten im Leben“, sagt der umstrittene Pfarrer und verweist dabei auf die Geschichten der hebräischen Bibel: Dort fordert Gott die Menschen auf, den Exodus, den Aufbruch in ein neues Land zu wagen. „Wenn Menschen einander befreien, geschieht Gott“, sagt der Pastor. Wie eine unsichtbare Kraft wirke ER, belebend wie ein Hauch, inspirierend wie ein guter Gedanke. Das erinnert an mystische Traditionen, die seit Jahrhunderten versuchen, Gott nicht banal, nicht allzu menschlich, sondern stammelnd und suchend auszusagen. Und hat nicht der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer seine Mitchristen provoziert, als er sagte: „Ein Gott, den =es gibt“=, den gibt es nicht“? Diese Überzeugungen sind eher selbstverständlich unter vielen holländischen Protestanten. Sie nennen sich freisinnig und liberal; mit diesen Kreisen und der Remonstranten Kirche, den Freigeistern unter den Christen, ist Pastor Hendrikse eng verbunden. Der Kampf gegen ihn ist auch eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Flügeln der holländischen protestantischen Kirche!
Warum also die ganze Aufregung? Der freisinnige Pastor will populäre Gottesbilder korrigieren. Der Unendliche und Ewige sollte nicht als etwas Bestehendes, Fix und Fertiges, wahrgenommen werden, meint er, nicht als eine Art himmlischer Gegenstand, über den man vieles exakt wissen könne. Diesen greifbaren und verfügbaren Gott lehnt Hendrikse ab, DESWEGEN nennt er sich Atheist.
Die Synode der Protestantischen Kirche der Niederlande will im Herbst dieses Thema erneut aufgreifen. Diese theologische Gesprächsbereitschaft ist in Holland noch selbstverständlich.
Und genau diese Offenheit fordert jetzt der ehemalige Hamburger Paul Schulz auch von der Lutherischen Kirchenleitung in Deutschland: Die hatte ihn 1979 aus dem Dienst als Pfarrer entlassen, weil er sich öffentlich zum Atheismus bekannt hatte. Bis heute ist Paul Schulz überzeugt, der Mensch sollte ohne jeglichen Gottesbezug sein Leben gestalten. Aber jetzt möchte der Hamburger Atheist doch wieder Pfarrer werden. In Klaas Hendrikse sieht er seinen Bündnispartner und im toleranten Umgang der holländischen Protestanten ein Vorbild für die Lutherische Kirche in Deutschland. Aber stimmen die Vergleiche? Zwischen Klaas Hendrikse und Paul Schulz liegen tatsächlich Welten: Der Holländer will den statischen, den „bestehenden“ Gott überwinden zugunsten einer neuen Lebendigkeit des Ewigen; Paul Schulz lehnt Gott prinzipiell ab. Vielleicht könnten die beiden einmal ihre Differenzen gemeinsam besprechen. Denn theologische Dispute lieben ja die säkularisierten Zeitgenossen noch immer.