Artikel mit Stichwort ‘ liberale Theologie ’



Die “liberale Theologie” ist aktuell. Perspektiven von Prof. Wilhelm Gräb

18. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Über die “liberale Theologie”

Einige Perspektiven anlässlich einer Begegnung mit Remonstranten in Berlin am 5. 11.2011

Von Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universtität zu Berlin

Bedeutung und Aktualität der „liberalen Theologie“ sind für mich deutlich auf die säkulare Situation einer Stadt wie Berlin oder anderer Großstädte in Europa und Amerika bezogen. Dort haben die  Kirchen Mühe, ihre Mitglieder an die Kirche zu binden.

Andererseits bekommen die Menschen von heute die Religion nicht aus dem Blick. Es ist ein Bedürfnis da nach letzter Vergewisserung des Lebenssinns, auch an den Bruchstellen des Lebens, in Krisensituationen z.B.  Aber nicht nur dort. Es ist vielmehr ein Verlangen da, das Leben gesteigert zu erfahren, etwa in der so genannten Eventkultur. Aber auch die Präsenz religiöser Themen in den Medien ist deutlich, etwa in den Talkshows. Also, dass es mit der Religion bergab ginge, so lautet ja eine Interpretation unserer säkularen Gesellschaft, das ist für mich nicht zutreffend. Es gibt sicher einen Resonanzverlust des kirchlichen Christentums, vor allem in der Reformierten Kirche oder der Lutherischen Kirche, und derer, die man in den USA „main line churches“ nennt.

Aber dieser Resonanzverlust der Kirchen liegt daran, dass dort eine Sprache gesprochen wird, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Da ist der Glaube in Formeln eingepackt, die nur Insidern noch zugänglich sind. Der große Sozialphilosoph Niklas Luhmann hat das einmal „Gruppensemantik“ genannt, die in den Kirchen gesprochen wird.

Für „liberale Theologie“ ist also eine Unterscheidung wichtig: Es gibt  einerseits das religiöse Interesse bzw. es gibt Religion im christlichen Gesamtkontext. Und andererseits gibt es die Art, wie in Predigten, Theologien, kirchlichen Texten usw. darüber gesprochen wird. Dort wird der Glaube immer noch mit der Anerkennung bestimmter Glaubenslehren und Bekenntnissätzen gleichgesetzt.

Die „liberale Theologie“ meint: Dieser Glaubensausdruck ist nicht vorgeschrieben, er ist nicht durch Bibel und Bekenntnis vorgeschrieben, sondern der Glaubensausdruck muss in einer bestimmten Zeit und im Blick auf die eigene Person immer wieder neu gefunden werden. Jeder hat die Freiheit, wie er seinen Glauben ausdrückt und welche Konsequenzen er daraus in seiner Lebenspraxis zieht. Nicht auf das autoritativ Vorgegebene kommt es an, sondern auf die persönliche Entscheidungsfreiheit des einzelnen.

Ich muss als liberaler Theologie nicht glauben, was die Kirche zu glauben von mir verlangt, sondern das jenige, wovon ich selber persönlich überzeugt bin. Das ist der Grundsatz liberaler Theologie.

Glaube ist eine persönliche Angelegenheit eines jeden Menschen.

Und die Kirche? Sie ist  im Grunde nur dazu da, dass wir über diesen Glauben miteinander ins Gespräch kommen, dass wir ihn nicht allein leben, dass wir andere als Gesprächspartner haben über das, was uns allen persönlich wichtig ist, wenn es um Gott geht, wenn es darum geht, woran wir uns in letzter Instanz orientieren. Die Kirche ist eine Kommunikationsgemeinschaft des Glaubens. Sie ist dem Glauben der einzelnen nicht vor geordnet, sondern die Kirche folgt aus der Tatsache, dass der Glaube den einzelnen so wichtig ist, dass sie mit den anderen darüber sprechen möchten und ihn feiern wollen. Da wird nichts von oben und anderswoher vorgeschrieben.

Wenn Diskussionen entstehen und nach Kriterien gefragt wird, dann sind die Kriterien nicht dogmatischer Natur, sondern es sind eher ethische Kriterien des Umgangs mit einander; es sind Kriterien, wo die Frage aufbricht: Gibt es auch destruktive Glaubensüberzeugungen, solche, die den Menschen menschlich nicht gut tun, etwa, wenn sie an den Teufel glauben oder an böse Mächte, von denen sie dann befallen sein können.

Für liberale Theologie ist auch die Kultur ganz wichtig: Denn persönlicher Glaube kann überall dort entstehen, wo ich Erfahrungen mache, die eine tiefe Resonanz in mir auslösen, wo ich mich angesprochen finde gegenüber dem, was in meinem Leben wichtig ist, wo Sinn – Perspektiven erschlossen werden. Das kann die Erfahrung in einem Konzert sein, so, dass ich merke: Ich bin Teil eines größeren Ganzen, da entstehen Resonanzen in mir, die mich sehr tief mein Dasein in dieser Welt spüren lassen; da erfahre ich das, was der Theologe  Friedrich Schleiermacher das Universum genannt hat, also die alles bestimmenden Wirklichkeit, die wir dann Gott nennen, die Erfahrung also, dass wir uns aufgehoben fühlen in einem großen Ganzen.

Diese Erfahrung kann sich auch beim Hören einer Symphonie von Mahler ereignen, die ein solches Empfinden in mir weckt, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht, dass es eine Dimension der Transzendenz gibt, von der wir uns getragen wissen können. Diese Erfahrung kann in der bildenden Kunst geschehen oder auch im Kino, wo ich spüre: Diese Geschichte geht auch mich an.

Darum noch einmal: Alle Lehren über Glaubenssätze sind sekundär gegenüber dem – eben nur angedeuteten – Erlebten, das ist Kern liberaler Theologie. Mit der religiösen Erfahrung fängt die Religion an, also mit der Erfahrung, dass ich einer umfassenden Wirklichkeit zugehöre, einem größeren Ganzen, das mich im Leben trägt. Da spüre ich mich lebendig, wenn ich schwierige Erfahrungen zu verarbeiten habe usw. Also diese Dimension einer inneren Gewissheit, ist zentral.

Das religiöse Erleben ist immer das primäre, welche Sprache dann gefunden wird, ist sekundär. Allerdings meine ich, dass liberale Kirchen in ihren Gottesdiensten nicht so berücksichtigen, was andere Glaubensgemeinschaften praktizieren, nämlich eine Form der Emotionalität. Es geht nicht nur darum, über den Glauben zu „räsonieren“. Wir sollten auch in gewisser Weise „Erlebnis“ bieten im Gottesdienst, wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir bereit sein anzuerkennen, dass junge Leute heute im Pop Konzert das finden, was früher in der Religion oder in der Kirche gefunden wurde.

Für liberale Theologie kommt es nicht in Frage, den Religionsbegriff zu verengen, man neigt ja oft dazu, den Religionsbegriff abhängig zu machen von bestimmten Glaubensinhalten. So dass man sagt: Jemand ist gläubig, wenn er zur Kirche geht und bestimmte Dogmen glaubt. Wir vertreten ein weites Verständnis von Religion: Es ist das Berührtwerden von einer Dimension des Unbedingten in der Kultur. Liberale Kirchen nehmen deswegen Abstand von eher fundamentalistischen Theologien und Kirchen, die ja noch stark am Paradigma der Mission festhalten, also der Bekehrung der Menschen hin zur vorgegebenen Überzeugung der eigenen Kirche.  Wir als liberale Theologen gehen hingegen nicht davon aus, dass die Menschen erst zum Glauben kommen müssen, wie es das Missionsparadigma vorsieht. Als liberale Theologen setzen wir voraus: Da ist immer schon eine religiöse Erfahrung in den Menschen, da ist immer schon eine Erfahrung mit dem Unendlichen, diese haben die Leute längst gemacht. Jeder hat seine eigenen religiösen Gedanken, im religionsleeren Raum lebt keiner hier zulande, in den Gebieten der ehemaligen DDR ist das vielleicht anders, das ist ein eigenes Thema.

Liberale Theologie unterstreicht: Die Menschen haben bereits ihren Glauben. Die Kirche wird aber deswegen nicht überflüssig, wir brauchen Orte, wo man das Erlebte miteinander gestalten kann, wo man etwa an den großen Stationen des Lebens religiöse Feiern gestaltet, etwa bei der Geburt oder bei der Trauung. Wer sich den Menschen religiös zuwendet, redet so, dass die Menschen auf ihre Art Glaubende sind. Ich mache ihnen bewusst, was sie glauben, biete ihnen Vorschläge an, das Erfahrene sprachlich auszudrücken.

Ich bin sozusagen die „Hebamme“ für die anderen, den eigenen Glauben auszudrücken. Auch das Beten kann dann neu verstanden werden: Beten heißt, dass ich mich ausspreche, sage, was mich zutiefst bewegt, und zwar in letzter Hinsicht, bezogen auf die Transzendenz, auf Gott. Im Beten geschieht eine gesteigerte Form der Selbstreflexion, ich verstehe mich dann im Horizont des Unbedingten, spreche mich aus. Ich brauche das als religiöser Mensch.

copyright:religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

 

 

 

 

 



Wenn die Religion die Vernunft respektiert. Ein Vortrag von Wilhelm Gräb

19. Januar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Wilhelm Gräb, Professor für ev. Theologie an der Humboldt Universität Berlin.
Er hielt am 18.1.2011 im Rahmen des Forum der Remonstranten Berlin in Zusammenarbeit mit dem Religionsphilosophischen Salon Berlin einen Vortrag zum Thema:

Wenn Religion die Vernunft respektiert.
Perspektiven liberaler Theologie

Liberale Theologie ist Theologie nach der Aufklärung. Sie ist getragen von dem Grundimpuls aller Aufklärung, dass ein jeder sich in allen Angelegenheiten des Lebens seines eigenen Verstandes zu bedienen habe, auch in den Angelegenheiten der Religion. Damit sind die Sinn-fragen des Lebens gemeint, das, worin sich uns die Daseinszwecke versammeln, was uns am Leben hält und unser Dasein mit Inhalt füllt.
Liberale Theologie hat Konsequenzen für die Theologie selbst, für die Reflexionsgestalt des christlichen Glaubens. Sie hat aber auch Konsequenzen für die gelebte Religion, für die Praxis der Frömmigkeit und der Spiritualität. Und sie hat schließlich Konsequenzen für die Sozialge-stalt protestantischen Christentums, für die Auffassung von der Kirche. In dieser dreifachen Hinsicht will ich einige einführenden Worte sagen, bevor wir dann in die Diskussion eintre-ten.

1. Vernünftige Theologie
Eine liberale, vernünftige Theologie sucht die Vermittlung des christlichen Glaubens mit dem modernen Denken in Wissenschaft und Kultur. Der Glaube an Gott muss vor dem Wissen und den Wissenschaften nicht zurückschrecken. Sofern der Glaubende dazu findet, das Wissen zu achten und an seiner Förderung mitzuarbeiten, kann er sich vielmehr durch den Wissensfort-schritt in seinem Glauben geradezu bestätigt finden. Denn auch das Wissen hat seine Grenzen, deren gerade derjenige ansichtig wird, der möglichst viel wissen will. Worin schließlich ist das Vertrauen in das Wissen eigentlich begründet? Wie kommt es, dass wir auf der Basis un-seres Wissens erfolgreich in dieser Welt handeln können, dass also die Dinge in der Welt tat-sächlich unserem Wissen von der Welt entsprechen und sie sich aufgrund dieser Entspre-chung durch Technik einrichten, verändern und steuern lassen? Warum das so ist, wissen wir letztendlich nicht. Wir sind, wenn wir handeln, vielmehr darauf angewiesen, auf unser Wissen zu vertrauen und auf einen Erfolg unseres, auf dieses Wissen gestützten Handelns, zu hoffen. Könnten wir den Grund der Ermöglichung unseres Wissens vor uns bringen, dann wäre er zu seinem Gegenstand geworden und gerade nicht als dasjenige erfasst, was uns die Gegenstände in ihrer Zugehörigkeit zur Welt wahrnehmen, in ihren Sinnzusammenhängen bestimmen und uns absichtsvoll, auf Technik gestützt, mit ihnen umgehen lässt. Wir können, wie leicht einzu-sehen ist, die Folgen unseres Wissens und damit die Folgen des durch unser Wissen ermög-lichten Handelns in der Welt nie vollständig überblicken und somit auch nicht im Ganzen wissend vor uns bringen.
Wenn wir daher nach dem Grund des Vertrauens in unser Wissen und nach der Rechtferti-gung der Hoffnung auf die Erfolge unseres Handelns in der Welt fragen, stoßen wir darauf, dass wir eine einzigartige Beziehung zwischen uns Menschen und der Welt in Anspruch neh-men. Es ist diese grundfügende Beziehung zwischen Mensch und Welt, die es macht, dass uns unser Dasein als zugehörig zur Welt in absichtsvoller Weise bewusst ist. Und viel spricht da-für, eben diese Einheit aller Gegensätze, mit der uns die Welt als Ganze entgegentritt, mit dem Wort ‚Gott’ zu bezeichnen und in ihrer lebensführungspraktischen Relevanz zu deuten. Weil ein Gott ist, der die Zusammenstimmigkeit unseres Denkens mit der uns gegenüber ste-henden Welt stiftet, können wir Bestimmtes in ihr wissen und zielorientiert in ihr handeln. Diesen Gott können wir nicht wissen, denn wir hätten ihn damit zu einer Tatsache unter den vielen anderen Gegenständen des Wissens herabgezogen. Diesen Gott, der die Einheit und damit den Sinn des Ganzen der uns wissend und handelnd zugänglichen Wirklichkeit garan-tiert, können wir nur glauben. Auf diesen Gott können wir nur vertrauen. Für dieses Vertrauen gibt es allerdings gute Gründe und verschiedene Wege, auf denen es sich einstellt und zu fin-den ist. Diese Wege führen hinein in unser leib-seelisches Dasein, in unsere Emotionen und Phantasien, in alle unsere mentalen Zustände, Erfahrungen und Tätigkeiten.
Liberale Theologie zielt darauf, dass es letztendlich vernünftig ist, zu glauben, weil nur der Glaube und nicht das Wissen auf den Sinn des Ganzen der Welt und unseres endlichen Da-seins in ihr vertrauensvoll auszugreifen vermag. Liberale Theologie betont genauso aber die Zeitbedingtheit der überlieferten Dogmen und Glaubenslehren, die historische Welt auch der Bibel. Sie unterscheidet zwischen dem Glaubensgrund, den sie in der persönlichen Bindung an Jesus Christus, dem mit Gott bedingungslos verbundenen Menschen, dem inkarnierten Gott, erkennt und dem zeitbedingten, somit wandelbaren Glaubensausdruck. Die Sprache des Glaubens ist einer jeden Gegenwart gemäß neu zu finden und nicht durch die biblischen Texte bzw. die altkirchlichen Dogmen oder die Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts normativ fixiert. Liberale Theologie unterscheidet zwischen dem Glauben, der ein persönliches Vertrauensver-hältnis zu Gott ist und dem Glaubensausdruck, der den religiösen Kommunikationsbedingun-gen einer jeden Zeit gemäß zu entwickeln ist. Auch christliche Lehre und die Theologie gera-ten auf die Seite der zeitbedingten Artikulation und Reflexion des persönlichen Glaubens. Wenn sich in der kirchlichen Lehre und der wissenschaftlichen Theologie die persönliche Frömmigkeit einer bestimmten Gegenwart nicht mehr gedeutet finden sollte, dann drängt libe-rale Theologie auf zeitbedingte Umformungen in Lehre und Theologie.
Dass die Theologie im Rechtfertigungsglauben den Grund individueller Freiheit erkennt, ge-hört zum entscheidenden Erbe liberaler Theologie. Denn es bedeutet, den Glauben an das E-vangelium, dass Gott Liebe, Vergebung, der Grund der Freiheit ist, als den Aufgang eines durch diese Werte bestimmten Verständnisses menschlicher Existenz zu erkennen. In der Tradition liberaler Theologie führt vom Glauben an das Evangelium kein direkter Weg zu gegenständlichen Aussagen über Gott und sein Offenbarungshandeln. Glaube ist überhaupt kein Wissen, weder über Gott noch über sein Handeln in der Welt, sondern ein Vertrauen, das zur Kraftquelle in der Bewältigung des Lebens wird. Mit dem Gott des Evangeliums lässt sich nicht die Welt erklären lässt, sehr wohl aber eine fundierende Daseinsgewissheit und zielbe-wusste Lebensorientierung gewinnen. Dieses liberaltheologische Credo befreit die Theologie von den unversöhnlichen Konflikten mit der Wissenschaft. Der Wissenschaftler kann gelassen dem Sachverhalt begegnen, dass die wissenschaftliche Welterkenntnis und die aus ihr folgen-de technische Naturbeherrschung ebenso ohne Gott auskommen wie die politisch-staatlichen Rechtsverhältnisse und die gesellschaftlichen Integrationsmechanismen. Sie sind einer theo-logischen Legitimation nicht mehr bedürftig.
In der Tradition liberaler Theologie kann jedoch zugleich festgehalten werden, dass sich, im Zuge der durch die politischen, wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen der Neuzeit ausgelösten Veränderungen, die religiösen Fragen keineswegs erledigt haben. Es hat sich die Motivlage für religiöse Fragen verschoben. Die Religion hat ihren Umbau erfahren, hinein in ein neues Relevanzgefüge. Der christliche Glaube gewinnt in der modernen Kultur seine Re-levanz aus dem Interesse der Menschen an der Sinndeutung ihrer durch die soziokulturellen Veränderungen zugleich zur eigenen Gestaltung freigesetzten wie in ihrer Eigenheit bedroh-ten Individualität.

2. Selbstbestimmte Spiritualität
Liberale Theologie plädiert für religiöse Autonomie, für eine selbstbestimmte Frömmigkeit und Spiritualität. Sie will eine Religion der freien, persönlichen Einsicht in die Wahrheit des Glaubens, verlangt daher keine Anerkennung von Glaubenssätzen allein aufgrund der Autori-tät der Bibel oder der Kirche. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann auf sehr verschiedene Wei-se Gestalt gewinnen. Sie kann ihr Zentrum in einer persönlichen Beziehung zu Jesus finden, die der Beziehung zu Kirche und Gemeinde vorgeordnet wird. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann heute in einer Spiritualität lebenspraktisch werden, die ein inhaltlich eher unbestimmtes Transzendenzbewusstsein ausbildet, sich aber weithin doch im Tradierungszusammenhang des freilich undogmatisch verstandenen Christentums bewegt. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann sogar in Gestalt charismatischen Pfingstlertum oder fundamentalistischen Wort-Glaubens praktisch werden. Dann jedenfalls, wenn dort auf die persönliche Überzeugungsge-wissheit der Akzent gelegt wird, das je eigene Ergriffensein vom Geist Christi oder vom Wort Gottes und nicht so sehr die Unterwerfung unter ein ekstatisches Ritual mit seinen vorgefer-tigten Bekenntnisnormen und Verhaltenskodizes oder unter das Papier des Bibelbuchstabens gepocht wird. Entscheidend für liberale Frömmigkeit ist, dass der Glaubensaudruck frei gelas-sen wird und variabel bleibt, dass er sich nicht nach biblischen, dogmatischen, kirchlichen oder lehrmäßigen Bestimmungen richten muss, sondern klar der persönlichen Gewissheit, der Erfahrung und dem Engagement der Glaubenden nachgeordnet bleibt. Wo der Glaubensaus-druck als Ausdruck persönlicher Glaubensgewissheit verstanden wird, haben wir es mit einer Form liberaler, selbstbestimmter Frömmigkeit zu tun.
Heute steht das Konzept der Spiritualität am ehesten für diese Form liberaler Frömmigkeit. Wo Menschen sich zu ihrer Spiritualität bekennen, geht dies oft mit einer Distanzierung ge-genüber dem kirchlichen Glaubensausdruck einher. Umso energischer wird die eigne Trans-zendenzerfahrung betont, die Offenheit für die geistige, nicht verrechenbare und nicht mach-bare Dimension der Wirklichkeit. Spiritualität ist eine Sinneinstellung, eine Offenheit für die Präsenz des Göttlichen, die als Lebensbereicherung erfahren wird. Insofern geht das Konzept der Spiritualität durchaus zusammen mit dem in Theologie und Kirche heute gebräuchlichen Reden von der Glaubenserfahrung. Die Glaubenserfahrung wird dabei in der Regel als le-bensgeschichtliche Sinnerfahrung verstanden. Sie wächst in den Geborgenheitserfahrungen der Kindheit, in der Gemeinschaft der Kirche, in schönen Gottesdiensten an Weihnachten, an den Wenden der eigenen Biographie. Sie wird erschüttert in Erfahrungen des Desaströsen und Ungeheuren, wovon ja auch die Bibel erzählt. Das Konzept der Spiritualität oder auch der persönlichen Glaubenserfahrung, hält fest, dass die Gläubigen oder religiös Suchenden den göttlichen Sinngrund nicht als gegenständliche oder personale Wirklichkeit erfahren müssen und dennoch von seiner Wirklichkeit tief überzeugt sein können.
Liberale Spiritualität ist undogmatisch. Sie versteht die christlichen Glaubensaussagen nicht mehr in einem gegenständlichen Sinn. Danach suchen heute viele Menschen, weil sie den Glauben an göttliche Heilstatsachen, überhaupt an einen direkt ins Weltgeschehen eingreifen-den Gott nicht mehr erschwingen können. Sie suchen nach der Entgegenständlichung des Glaubens, somit auch nach einer Glaubensauffassung, für die Gott die Offenheit für die geis-tige Dimension der Wirklichkeit ist. Liberale Theologie und Frömmigkeit bewegen sich in diese Richtung. Sie nehmen die gegenständlichen Vorstellungen der biblischen Tradition von Gott dem Schöpfer, Versöhner und Erlöser auf, versuchen sie aber in ihrem symbolischen Sinn zu verstehen. Die Aussagen über Gott im symbolischen Sinn zu verstehen, heißt, sie in dem zu verstehen, was sie uns über uns selbst und unser Dasein in der Welt sagen. Wer Gott den Schöpfer, Versöhner und Erlöser glaubt, weiß sich auch noch im Elend und Verderben, ja über den Tod hinaus, in seiner Hand geborgen. Aus seinem Glauben erwächst ihm unbedingte Lebensgewissheit aber auch die Kraft zu Anklage und Protest in den Erfahrungen des Unge-rechtigkeit und des Ungeheuren.
Der Glaube hat dort, wo er sich als spirituelle Lebenseinstellung versteht, freilich auch oft etwas Tastendes und Suchendes. Er strotzt nicht immer vor Gewissheit und fragt beim Hören der Rede von einem Gott, der dies und das tut, ob es auch wahr ist oder, was solche Gottesre-de eigentlich in den Erfahrungen des Lebens meint. Diese fragende Skepsis macht bekennen-de Liberale bei Fundamentalisten und Charismatikern oft verdächtig. Liberale Theologie er-mutigt den Glauben jedoch dazu, zu seinen Zweifeln zu stehen. Die Zweifel gehören zum Glauben, eben weil dieser kein Wissen ist und nicht zu einem Wissen werden kann.
3. Eine offene, tolerante Kirche
Liberale Theologie plädiert für eine offene und tolerante evangelische Kirche. Sie will eine Kirche oder kirchliche Gemeinschaften, die unterschiedliche Formen der Frömmigkeit zulas-sen. Deshalb wertet sie auch die distanzierte Form der Kirchenmitgliedschaft nicht ab, auch dann nicht, wenn etwa nur anlässlich der Kasualien der Kontakt zur Gemeinde gesucht wird.
Die liberale evangelische Kirche unterstützt den Gemeindegedanken. Sie will, dass sich die Kirche von unten her bildet, durch das lebendige Engagement ihrer Mitglieder. Der Glaube ist eine innerliche Angelegenheit des einzelnen Menschen, aber keine bloße Privatsache. Abge-wehrt wird, dass die Kirchenführer sich ein politisches Mandat anmaßen. Jeder einzelne Christenmensch ist unmittelbar zu Gott. Die Kirche und die sie Leitenden haben sich nicht dazwischen zu schalten. Die Gemeinde und ihre Gottesdienste sind Orte der Kommunikation des Evangeliums, der Belehrung und Beratung der Gewissen, nicht aber der politischen Akti-on. Die einzelnen Christen partizipieren aus ihrem Glauben heraus und in den Entscheidungen ihres Gewissens am politischen Prozess. Aber die Kirche bzw. christliche Gemeinschaft ist nicht selbst politische Partei. Solche Anmaßungen führen immer zur Vergewaltigung der Ge-wissen durch mehr oder weniger offenkundigen Klerikalismus.
Es müssen nicht alle auf dieselbe Weise ihr Christsein verstehen und leben. Die einen halten sich an der Bibel als dem für sie verbindlichen Gotteswort fest. Die anderen fühlen sich vom Heiligen Geist ergriffen. Wieder andere suchen den Zuspruch des Evangeliums und den Se-gen Gottes an den Sollbruchstellen ihrer Lebensgeschichte und noch einmal andere schließen sich zum „Bund für freies Christentum“ zusammen und suchen Kontakt zu einer der vielen Freikirchen. Mit der Moderne sind wir in das Zeitalter der religiösen Bewegungen und damit der Individualisierung und Pluralisierung der Formen religiösen Lebens, der Globalisierung und damit der Begegnung der Weltreligionen eingetreten. Auch diese Begegnung der Religi-onen braucht nichts so dringlich sie den liberalen Geist der Anerkennung der anderen in ihrem Anderssein.
Eine liberale Kirche versucht unterschiedlichen Ausprägungen des Christlichen in sich selber zuzulassen und zusammen zu halten. Die Grenzen zieht sie erst dort, wo die Freiheit, die sie gewährt, zur Bestreitung und Ausschaltung der Freiheit anderer genutzt werden will. Dass eifernde Fundamentalisten eben dazu neigen, wissen wir und sehen sie daher auch als Gefähr-dung einer liberalen Kirche an. Fundamentalisten müssen jedoch nicht von missionarischem Eifer getrieben sein. Es kann auch sein, dass sie den anderen Glaubensausdruck anderer ach-ten und frei lassen. Dann sind sie auch in einer liberalen Kirche gern gelitten. Wo jedoch im Namen religiöser Autorität politische oder moralische Geltungsansprüche nicht nur geltend gemacht, sondern unmittelbar, an der Gewissensentscheidung der Individuen und ihren Parti-zipationsmöglichkeiten vorbei, zur Durchsetzung gebracht werden, sind die Prinzipien libera-len Christentums verletzt.
Der kirchliche, theologische und frömmigkeitspraktische Liberalismus prägt die Religionskul-tur unserer Gegenwart weltweit. Natürlich gibt es, ich habe es schon angedeutet, gerade auch im gegenwärtigen Protestantismus andere Strömungen und ein anderes kirchliches Wollen. Immer wieder melden sich Stimmen zu Wort, die auf eine objektivere Kirchlichkeit drängen, wie sie der Katholizismus aufrechtzuerhalten versucht. Sie betonen stärker den Buchstaben und nicht den Geist der reformatorischen Bekenntnisse und machen dabei dem kirchlichen und religiösen Liberalismus einen gefährlichen Hang zur Beliebigkeit bzw. zur Geistemphase, zum Subjektivismus und zum Werterelativismus zum Vorwurf.
Wie der Bertelsmann Religionsmonitor zuletzt belegte, aber aus den Kirchemitgliedschaftsun-tersuchungen der EKD seit den 1970er Jahren hervorgeht, dominiert hierzulande eine modera-te, durchaus liberale Christlichkeit, die die Kirche als religiösen Sinnlieferanten im Hinter-grund des Lebens nicht missen möchte, aber sie nur gelegentlich aktiv in Anspruch nimmt. Die gelebte Religion bewegt sich überwiegend im Trend einer undogmatischen Spiritualität. Nur eine Minderheit selbst unter denen, die religiös besonders aktiv sind, wird von charisma-tisch allzu überschwänglichen, fundamentalistisch allzu bornierten oder konservativ allzu traditionsfixierten Gemeinden angezogen. Das ist in vielen Weltgegenden außerhalb Europas sicher anders. Aber die Gründe dürften gerade darin liegen, dass sich dort die Prinzipien des von Pietismus und Aufklärung geprägten religiösen Liberalismus stärker durchgesetzt haben, als dies in seinen europäischen Heimatländern der Fall ist. Die Religion ist in vielen vom Christentum mit geprägten Ländern Amerikas, Afrikas und Asiens sehr viel selbstverständli-cher als hierzulande längst nicht mehr eine Sache institutioneller, traditionsorientierter Vorge-gebenheiten, sondern eben eine Sache persönlicher Wahl und Entscheidung, aber auch unge-zwungenen Gemeinschaftserlebens. Das Christentum ist verbunden mit sozialen Zugehörig-keitsverhältnissen, mit der Einbindung in eine starke Gemeinschaft, stärker vor allem auch eine Sache kommunaler Praxis und der persönlichen Lebensorientierung als Sache der Lehre und der gedanklichen Reflexion. Von geistbewegten und sich auf das rettende Wort Gottes berufenden Gemeinden geht die Botschaft aus, dass der Glaube eine Lebenskraft ist und zur Bewältigung eines oft schwierigen Alltags hilft. Die kirchliche Gemeinschaft stabilisiert den einzelnen nach innen und nach außen. Diese Stabilisierungskraft geht vor allem deshalb von der christlichen Gemeinde aus, weil der einzelne nicht schlicht in sie hineingeboren wird, sondern weil er sich selbst bzw. seine Familie sich bewusst für sie entschieden haben und sich voll und ganz mit ihren Lebensmaximen identifizierten. Christ zu sein ist kein Schicksal, wie bei uns, sondern gilt als Entscheidung für einen mit bestimmten Vorzüglichkeiten ausgestatte-ten Lebensstil.
Der religiös-kirchliche Liberalismus reicht so gesehen – dem politischen Liberalismus durch-aus vergleichbar, auch wenn deren Verhältnis zueinander umstritten ist – sehr viel weiter als das Gewicht der ihn fördernden Schulen akademischer Theologie und der ihn explizit tragen-den kirchlichen Parteien. Zu seinem Erbe zählt der kirchliche und religiöse Pluralismus in den USA und von dort weltweit ausgehend in Südamerika, Afrika und Asien, wie eben auch die volkskirchlichen Strukturen hierzulande. Für die Freiheitsspielräume in den christlichen Le-bensformen wie auch in der Vielfalt lebendiger Gemeindebildungen ist freilich nur der sich zu seiner freiheitlichen Gesinnung bekennende religiös-kirchliche Liberalismus seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingetreten. Auch die Gemeindeaufbaubewegung um Emil Sulze um die Wende zum 20. Jahrhundert stand aber im Wirkungszusammenhang dieses kirchlich-religiösen Liberalismus. Seinem Erbe begegnen wir auf bewusste Weise im Grunde überall dort, wo zwischen der verfassten, institutionalisierten Religion und dem individuellen Glau-ben in den verschiedenen Formen seiner Vergesellschaftung unterschieden wird, auch wenn man sich zur Trennung von Religion und Politik, Kirche und Staat auf breiter Basis zu beken-nen in Deutschland erst nach 1945 gelernt hat.
Seine Pluralismusfreundlichkeit musste der religiös-kirchliche Liberalismus nach 1945 erst noch lernen. Die Freiheit des einzelnen und der religiösen Bewegung, der er sich verbunden weiß, muss gegen Unduldsamkeit und Missachtung Anders-Gläubiger aber heute verteidigt und weiter befördert werden. Den Individuen steht das Recht zu, ihre religiösen Zugehörig-keitsverhältnisse zu wählen. Sie haben unter den Bedingungen der modernen Kultur geradezu die Pflicht, sich selbst zu entscheiden. Sie stehen unter dem „häretischen Imperativ“, wie dies der Religionssoziologe Peter L. Berger beschrieben hat, nicht ohne sich zum religiösen und theologischen Liberalismus zu bekennen und die Beschäftigung mit den liberalen Theologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dringlich zu empfehlen.
copyright: religionsphilosophischer-salon.de



Kulturradio RBB zu Schleiermacher

5. November 2010 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Neueste Meldung: Prof. Wilhelm Gräb wird am Dienstag, den 18. Januar 2011 um 19 Uhr einen Vortrag halten über “Wenn Religion die Vernunft respektiert”. ORT: Kulturzentrum AFRIKA Haus, Bochumer Str. 25 in Berlin Tiergarten, U Bhf Turmstr., Eintritt ist frei. weitere infos: www.religionsphilosophischer-salon.de und www. remonstranten-berlin.de

RBB Gott und die Welt, 26.12 2010

„Sucht Religion in euch selbst“
Ein theologischer Salon im Hause Friedrich Schleiermacher
Von Christian Modehn
Wer vom Berliner Theologen Friedrich Schleiermacher (1768 bis 1834) zu Tisch gebeten wird, der weiß: Die Speisen sind eher bescheiden, dafür aber die Gespräche umso wertvoller. Denn der berühmte Prediger und Philosoph führte in ungeahnte Weiten des Glaubens. Nicht die Grundsätze von Dogma und Ethik, schon gar nicht die Kirchenhierarchie seien der Mittelpunkt, sondern das individuell erspürte Unendliche und Göttliche. Über diese „innere Religion“ wollte sich Schleiermacher auch in der Kirche „als dem Ort religiöser Geselligkeit“ verständigen. Zum Weihnachtsfest hat er mit einigen seiner Freunde entdeckt, was die „Geburt des Göttlichen“ in jedem Einzelnen bedeutet. In diesem Beitrag kommt u.a. Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität, zu Wort.



Freisinnige Christen, Glauben ohne Dogma

7. Juli 2009 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Lebenswelten NDR am 5. Juli 2009 um 17.05

Glauben ohne Dogma
Die Remonstranten – eine freisinnige protestantische Kirche
Eine Reportage von Christian Modehn

Vorbemerkung:
Angesichts des zunehmenden Fundamentalismus und der machtvollen Klerikalisierung in sehr vielen großen christlichen Kirchen ist es wichtig, auf eine Kirche der ganz besonderen, der ganz anderen Art aufmerksam zu machen: DIE REMONSTRANTEN. weiter lesen …