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Spiritualität für Atheisten und alle anderen: Die Haikus. Der Philosoph Michel Onfray entdeckt die berühmten „Dreizeiler“ der Zen Tradition

13. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Spiritualität für Atheisten und alle anderen: Die Haikus.

Der Philosoph Michel Onfray entdeckt die berühmten „Dreizeiler“ der Zen Tradition

Ein Hinweis von Christian Modehn

Michel Onfray (Caen, Frankreich) ist einer der besonders umstrittenen und streitbaren und polemischen Philosophen Frankreichs, Autor vieler, zum Teil sehr voluminöser „Geschichten der Philosophie“, zudem ein militanter Gegner des religiösen Glaubens im allgemeinen. Dass er in seiner radikalen Religionskritik oft sehr „daneben liegt“, haben inzwischen philosophische Studien gerade in Frankreich gezeigt. Das hindert Onfray freilich nicht, weiter zu polemisieren und zu pauschalen Urteilen zu kommen. Auch in Deutschland sind seine Bücher verbreitet.

Interessant und sicher wichtig auch für die weitere Diskussion in Deutschland über Spiritualität ist, dass Michel Onfray seit einigen Monaten eine für uns bislang neue, unbekannte Dimension seines Denkens zeigt, eine weniger polemisch-polternde, sondern eben ruhige, sanfte, sensiblere Art: Onfray schreibt Poesie, vor allem Haikus. In diesen Dreizeilern aus alter Zen-Tradition wird die Frage nach Gott offen gehalten, ja, sie kommt gar nicht vor und kann auch im Raum der Zen-Tradition gar nicht vorkommen als solche. Onfray tritt entschieden für die Geltung der Haikus auch in der Jetzt-Zeit ein, wenn er selbst „seine Haikus“ schreibt. Er verteidigt zudem das Projekt, dass eigentlich jeder und jede – mühsam und mit Geduld – Haikus schreiben kann. Für Onfray ist eine Voraussetzung dafür die Verbundenheit mit der Natur, die Nähe zu ihr, das Erleben der Natur. In der Stadt, so Onfray, könne er keine Haikus schreiben. Was jedoch problematisch ist, denn sehr viele an Haiku-Spiritualität Interessierte leben nun einmal in Städten. Wer Haikus nur in der Einsamkeit kleiner Dörfer schreiben kann, rückt sie in den Rahmen einer idealisierten ländlichen (alten) Welt.

Aber immerhin, der Vorschlag ist gemacht und verdient umfassende Diskussion: Können Haikus, die schon vielen vorliegenden Haikus der großen Meister aus Japan und Haikus eines Monsieur Onfray und vieler anderer Damen und Herren heute, können diese also eine Basis sein für ein spirituelles Gespräch zwischen Menschen aller Glaubens-Richtungen, also Atheisten, Skeptiker, Mystiker, christlicher Rationalisten usw. Wir im Religionsphilosophischen Salon meinen ja, Haikus können eine gute spirituelle Basis sein. Wie auch andere Traditionen des Zen, etwa die Tee-Zeremonien, noch entdeckt werden sollten für eine außerreligiöse UND religiöse Spiritualität. Da gibt es noch viel zu tun für unseren privaten und völlig unabhängigen Religionsphilosophischen Salon Berlin und die viel besser finanziell etablierten Akademien usw. Die Suche nach gemeinsamen Traditionen für Atheisten und Glaubende/Religiöse ist doch nicht ergebnislos und uferlos, die gemeinsame Gesprächs-Basis könnte es bereits geben, wenn man nur diesen Vorschlägen ausgerechnet von Onfray folgen möchte: Schreiben wir Haikus….

Zu den französischen Publikationen Haikus und Poesie von Michel Onfray:

Un Requiem athée (Galilée, 2013). Avant le Silence/Haïkus d’une année (Galilée, 2014). Les Petits Serpents (Galilée, 2015). L’Éclipse de l’éclipse (Galilée, à paraître en 2016).#

Haikus hat die von Martin Heidegger inspirierte Philosophin Ute Guzzoni in ihrem großartigen Buch „NICHTS“ (Verlag Karl Alber) dargestellt und philosophisch interpretiert. Eine anregende und anstrengende Lektüre!

 



Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen: Entwicklungen im Atheismus

18. August 2013 | Von | Kategorie: Religionskritik

Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen
Entwicklungen im Atheismus
Von Christian Modehn

Zu den Interessen des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ gehört zentral die Auseinandersetzung mit philosophischen Haltungen und Lehren, die sich „atheistisch“ nennen. Es ist deutlich, dass der organisierte Atheismus ein sehr vielfältiges Bild zeigt: Das Spektrum reicht weit hinaus über die etablierten, „klassischen“ (oftmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten) Gruppen wie Freidenker oder „Rationalisten“. Sie sind in vielen Ländern organisiert und haben häufig in ihren eigenen Reihen eine Pluralität philosophischer Überzeugungen: Es gibt dort rigorose, dogmatische und kämpferische Atheisten, die Horst Groschopp vom Humanistischen Verband Deutschlands einmal „Krawallatheisten“ nannte (es gibt bekanntermaßen auch „Krawall – Religiöse“ weltweit); es gibt Agnostiker, säkulare Humanisten oder einfach nur solche, die, ohne lange nachzudenken, Atheismus „normal“ finden, wie zahlreiche Interviews im Osten Deutschlands belegen.
Neu ist heute, dass es einige Bildungszentren und Akademien explizit atheistischen Interesses gibt: Etwa das große Zentrum „School of life“, das der (moderate) Atheist, der Philosoph und Autor Alain de Botton, in London begründet hat. Filialen dieser „School of life“ gibt es inzwischen auch in Deutschland, etwa in Hamburg. Da hätten die Kirchen mal drauf kommen sollen, ihre eigenen Zentren anstelle von Pfarreien etwa mit dem lebendig klingenden Namen „school of life“ auszustatten. Auch die „atheistische Kirche“ (mit einem eigenen Gebäude) in London ist wohl im Umfeld der Anregungen Alain de Bottons entstanden.
Sein neues Buch mit dem Titel „Religion für Atheisten“ verdient viel Aufmerksamkeit, auch bei Menschen, die sich nicht als Atheisten bezeichnen. Es ist kulturell gesehen in unseren Breiten doch so: Wer den Glauben an Gott (entschieden) ablehnt, fühlt sich ja oft auf der richtigen, der intellektuell „korrekten“ Seite: Die Naivität des Kinderglaubens hat der Atheist abgelegt, die Wissenschaften will er vollständig respektieren, er ist also mündig… und die anderen, die Religiösen, gelten dann, mit Verlaub gesagt, als dumm. Diese überhebliche Haltung will der Philosoph Alain de Botton überwinden. Er meint: Ohne die uralten Weisheitslehren der Religionen könne kein moderner Mensch leben, auch kein Gottloser. Aber die religiösen Menschen haben nun keinen Grund, sich sofort als Sieger im Streit um Gott zu wähnen. Denn Alain de Botton, ein bekennender Atheist, will vor allem den begrenzten Horizont seiner ungläubigen Freunde erweitern. Deswegen hat er sein neues Buch „Religion für Atheisten“ genannt. Aber auch religiöse Menschen können aus dem Buch viele Anregungen empfangen.
Alain de Botton, 54 Jahre alt, ist in der Schweiz groß geworden. Wenn er als Kind nach dem lieben Gott fragte, reagierten seine Eltern empört. Solche Fragen gehörten sich nicht in einer gebildeten, atheistischen Familie. Alain de Botton lebt heute in London als freischaffender philosophischer Schriftsteller, Provokationen, im Sinne von „Herausrufen“ aus unbefragten Traditionen, liebt er über alles. Wer das Religiöse pauschal ablehnt, so betont er, sei in Gefahr, seine umfassende Menschlichkeit zu ignorieren. Denn jeder, der die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, wird über alles Irdische hinaus verwiesen; er gelangt staunend zum Geheimnis des Lebens und sollte meditative Übungen der Stille und Achtsamkeit schätzen lernen. De Botton schreibt: „Wenn Gott tot ist, laufen die Menschen Gefahr, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten, was ihnen ganz und gar nicht gut tut. Sie bilden sich ein, Herr ihres eigenen Schicksals zu sein und ignorieren den Tod“.
Philosophie ist für Alain de Botton keine abstrakte Spekulation, sondern konkrete Lebenshilfe mit einem klaren Programm: Die Atheisten, Agnostiker sowie die Skeptiker und Zweifler sollen die religiösen Traditionen aus der herkömmlichen Verbindung mit dem Göttlichen herauslösen, also förmlich Religiöses ohne Gott genießen. „Indem wir den religiösen Aberglauben ablehnen, sollten wir aufpassen, dass wir nicht in Versuchung geraten, unsere Sehnsüchte zu ignorieren, die von den Religionen erkannt wurden und denen würdevoll Rechnung getragen wird. Denn in den Religionen ist so vieles enthalten, was schön, anrührend und weise ist“.
Der Philosoph zeigt also ganz pragmatisch, wie sich die Atheisten der Traditionen des Judentums, Christentums und des Buddhismus, so wörtlich, „bedienen“ können. Darin ist er durchaus verwandt religiösen Menschen, die sich eine „Patchwork“ Spiritualität selbst „zusammenbauen“, „Patchwork Religion“ als Titel ist längst alles andere als ein negativ gefärbter Begriff.. De Botton weiß genau, dass auch religiöse Menschen ihren Glauben als nützlich fürs Leben einsetzen. Niemals existiert Religion um ihrer selbst willen! Warum sollten sich Atheisten da anders verhalten? So lobt de Botton etwa die Gemeinden der Frommen: Er deutet sie als Orte kommunikativen Miteinanders über alle sozialen und kulturellen Grenzen hinweg. Und genau solche Gemeinden fehlen den Atheisten, betont er. Deswegen sollten z.B. neue Arten von Restaurants eröffnet werden, in denen die Gäste direkt aufgefordert werden, mit fremden Menschen dort ins Gespräch zu kommen; so könnte Solidarität und Freundschaft entstehen. Selbst der katholischen Marienverehrung mit ihren zahllosen Darstellungen der lächelnden Mutter mit dem lieblichen Kind kann der Atheist etwas abgewinnen: „Es geht darum, was uns die Jungfrau Maria über die menschliche Natur verrät, was uns dabei über unsere emotionalen Bedürfnisse enthüllt wird. Maria im Christentum oder Isis im Alten Ägypten kanalisieren unsere Erinnerungen an frühkindliche Geborgenheitsgefühle. Sie sind eine Antwort auf die Bedürfnisse der menschlichen Seele“.
De Botton versteht sich, durchaus anspruchsvoll, als eine Art Reformer des kulturellen Lebens: Kultur muss für ihn prinzipiell Lebenshilfe und Orientierung sein. Die Gemälde und Skulpturen sollten uns beispielsweise nicht nur unter kunsthistorischen Gesichtspunkten interessieren: Sie sollten uns seelisch berühren und spirituelle Impulse freisetzen, genauso wie die Werke der großen Literatur: Sie können uns genauso wie die Bibel trösten und Sinnangebote bieten. Und die Kunstmuseen möchte de Botton als säkulare Heiligtümer deuten. „Deshalb kann man oft hören, dass Kunstmuseen unsere neuen Kirchen geworden sind… Überdies scheinen die Stunden, die wir in Museen zubringen, einen fast ähnlichen seelischen Nutzen zu bringen wie der Besuch eines Gottesdienstes“.
Eher selten hat ein bekennender atheistischer Philosoph den religiösen Traditionen so viele Inspirationen abgewinnen können. Alain de Botton ist von einem grenzenlosen, manchmal überschwänglichen Enthusiasmus geprägt, wenn er das eher feindselige Gegeneinander von Glaubenden und Unglaubenden überwinden will. So stehen sich dann nur noch Gläubige gegenüber: die einen mit Gott, die anderen ohne Gott. Vielleicht entsteht dann eine neue, eine friedlichere Kultur. Religiöse Menschen werden sich vielleicht an die alte theologische Lehre erinnern, die da heißt: Wer sich in seinem praktischen Alltagsleben an alte religiöse Weisheiten hält, wird beinahe wie von selbst in eine spirituelle Welt geführt, in der Gott nicht mehr fern ist. Zum Buch: Alain de Botton, „Religion für Atheisten“. Vom Nutzen der Religion für das Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt M., 2012, 320 Seiten, 21,99 Euro.
Von dem umfassenden philosophischen Werk des Franzosen Michel Onfray ist auch in Deutschland oft die Rede. Er hat (Jahrgang 1959) als freier Philosoph und Autor vieler internationale verbreiteter Bücher vor einigen Jahren die „Université Populaire de Caen“ (Normandie) gegründet. Dort bietet er seit vielen Jahren für inzwischen viele tausend Teilnehmer grundlegende philosophische Kurse, die alle auf die philosophische Grundthese (Grunddogma) Onfrays hinauslaufen, der strikten Ablehnung des Göttlichen und des (göttlichen) Geheimnisses; so wiederum ganz aktuell in einem Interview mit der empfehlenswerten Zeitschrift „Philosophie Magazine“, Eté 2013, Paris, Seite 63. „Es gibt keine Gottheit, weil es keine Transzendenz gibt, und auch keine andere Welt als diese hier. Ich setze mich auch vom Agnostizismus ab; ich wage zu versichern, dass es nicht ein „Danach“ (Jenseits) gibt“ (ebd). Onfray hat nichts dagegen, wenn man ihn einen dogmatischen Atheisten nennt; er selbst bezeichnet sich als einen „radikalen Atheisten“. Wie tragfähig diese Position auch philosophisch ist, steht noch dahin; denn es gilt ja nun zu beweisen, dass es Gott (welchen Gott nimmt er eigentlich an als Grund der Ablehnung?) eben nicht gibt… Eine solche Haltung schließt aber nicht aus, dass Onfray im Bereich menschlicher Weisheit durchaus einige wertvolle Anregungen bietet, etwa im Umfeld der Interpretation von Epikur: „Als Schüler Epikurs lobe ich seine Askese, die darin besteht, den elementaren Dingen zu gehorchen. Wenn man ein Dach hat, etwas zu essen und sich zu wärmen, braucht man da wirklich noch mehr? Entscheidend bleibt für mich, wir brauchen vor allem den Willen, um glücklich zu sein“ (ebd. 61).
In dem genannten Beitrag des Magazine Philosophie kommt übrigens der in Deutschland nahezu unbekannte Autor und Initiator zahlreicher ökologischer Bewegungen Pierre Rabhi zu Wort. Rabhi, 1938 in Algerien geboren, ist in muslimischer Tradition groß geworden, seit 1954 lebt er in Frankreich; er ist einer der deutlichsten Förderer eines alternativen, d.h. eines bescheidenen Lebensstils. Pierre Rabhi, der spirituelle Meister eines anderen Lebens, betont: “Im Moment der erlebten Gegenwart gibt es eine Ewigkeit“ (ebd. 63). Onfray hält nichts davon…
Nun wird der militante Atheismus auch durch den erfolgreichen Rapper Baba Brinkman (USA, geb. in Kanada) verbreitet. Er ist stolz darauf, in seinem umfassenden Glauben an den Naturwissenschaftler Charles Darwin das Genre „Atheistenrap“ geschaffen zu haben, er ist der Texter, den Sound macht Jamie Simmonds, GB. Baba Brinkman meint im Ernst, Charles Darwin sei nicht nur ein Naturwissenschaftler mit bestimmten Hypothesen; sondern er sei ein umfassender Lehrmeister für das ganze menschliche Leben, daraus schließt er: „Man könnte mich als philosophischen Naturalisten bezeichnen, der findet, alles hat eine faktische Ursache… Jetzt bin ich nicht mehr Agnostiker, jetzt bin ich Atheist, umgestimmt durch Darwins Theorie, sie war einfach am überzeugendsten, weil sie schlüssige Gründe für unser Verhalten findet“. Dass die Evolutionstheorie von Darwin doch nicht ganz so allumfassend und rundherum Lebens
orientierend sein kann, gesteht dann Brinkman (in einem empfehlenswerten Interview mit Evelyn Finger in: DIE ZEIT vom 14. August 2103, Seite 56) ein: „Die Evolutionstheorie handelt im Grunde nur (!) von Fortpflanzung und Überlebenskampf. Darum kommt so viel Sex in meiner Show vor“. Deutlich wird, dass der atheistische Entertainer, wie so viele andere auch, offenbar doch starke finanzielle Interessen hat: “Meine Nische ist unverschämtes, intellektuelles Entertainment. Vielleicht wird aus meiner Nische mal was Großes… Geist und Witz zählen ja auch im Überlebenskampf der Stärksten (fittest)“ (ebd).
Die drei Beispiele zeigen einmal mehr, wie weit der religiöse Wandel – selbst in den USA – reicht. Atheistisches Entertainment wird wohl bald zum Teil der gängigen Unterhaltungskultur gehören. Wenn religiöse Menschen nicht die Kraft haben, argumentativ mit den so vielfältigen Vertretern des Atheismus ins Gespräch zu kommen, wird es bei einem ignoranten, bis feindlichen Gegeneinander unterschiedlicher Lebensentwürfe bleiben. Voraussetzung für ein sinnvolles Gespräch wäre: Keine Position hat von vornherein recht. Es geht einzig darum, „den Menschen“, seine Strukturen, seine Verhaltensweisen und Sehnsüchte nach Orientierung bzw. Sinn angemessen zu verstehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.



Ein „mystischer Agnostiker“ – Erinnerung an Lucien Jerphagnon

6. Februar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Denken und Glauben

„Ich bin ein mystischer Agnostiker“
Ein Hinweis auf den Philosophen und Historiker Lucien Jerphagnon
Von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Phänomen: Der Austausch der Kulturen ist selbst bei den Nachbarn Deutschland – Frankreich sehr begrenzt. Bis jetzt gibt es z.B. noch immer keine Übersetzung eines Buches aus dem umfangreichen Werk des Philosophen und Histoikers Lucien Jerphagnon (1921 – 2011). Er ist ein Spezialist vor allem der antiken wie auch der mittelalterlichen Philosophie. Seine Bücher sind, wenn man so sagen kann, leicht zugänglich, er liebte das Gespräch, darum sind einige Bücher als – typisch französisch – Gespräche publiziert worden. Lucien Jerphagnon hat sich stets als Philosoph UND Historiker verstanden: „Das Ideal für einen Historiker der Philosophie ist es, zu versuchen den Geist der Zeit des bestimmten Philosophen zu erkunden. Man muss nicht nur wissen, was er dachte, sondern auch, was man tat und sagte, was man damals aß und trank, was man von der Liebe dachte und vom Haß, sowie von der Religion, der Politik, vom Glück“, so in einem Interview mit der Zeitschrift „LE Magazine Littéraire“, Dezember 2011, Seiten 92 – 96. .
Seine Aufgabe als Philosoph sah er darin, zum Staunen, zum Verwundern anzuregen, die Fraglichkeit als Dimension des Lebens zu begreifen. Lucien Jerphagnon nannte sich selbst einen mystischen Agnostiker, der vor allem durch die Werke Plotins zu einer philosophisch – spirituellen Haltung fand. „Plotin hat mich gehindert, in einigen Augenblicken meines Lebens als Atheist zu enden. Ich war immer ein Mann des Glaubens, denn bei Plotin habe ich das Prinzip einer Welt entdeckt, die mich immer in Erstaunen versetzte“.
Als mystischer Agnostiker setzte er sich von den bekennenden Atheisten ab. „Der Atheist glaubt, dass Gott nicht existiert. Aber wir haben keinen Beweis für die Nicht – Existenz Gottes. Der Agnostiker hingegen transzendiert jedes mögliche Wissen von Gott, Plotin sagte: „Gott ist jenseits von allem“.
„Aber wann bin ich „mystisch“, fragte sich Lucien Jerphagnon? „Mystisch bin ich in dem Augenblick, wenn ich bete oder wenn ich gern die Gewissheit hätte, dass dieses Gebet auch sein Ziel erreicht“. Und Glück bedeutet, im Augenblick zu leben. Carpe Diem, ist der ausdrückliche Aufruf des Philosophen. „Aber dieser Augenblick ist unsterblich. Was auch immer mit uns passiert: Es gibt eine Dimension in uns, die niemals ausgelöscht werden kann“.
Prof. Jerphagnon hat u.a. an den Universitäten von Besancon und Caen gearbeitet, er hat sich stets als Schüler des großen Vladmir Jankélevitch bezeichnet. Zu den Schülern Jerphagnons gehört etwa der heute sehr populäre wie auch wegen radikaler Zuspitzungen umstrittene Philosoph Michel Onfray (Caen). Jerphagnon hat sich gefreut, dass Onfray sein eigenes Thema gefunden hat, auch wenn er „zu einer anderen Seite gehört“. „Aber ich bin damit zufrieden, denn ich wollte ja keinen Clon als meinen Schüler, sondern selbständige Denker“, so Jerphagnon in „Le Magazine Littéraire“.
Allseits wird der Philosoph und Historiker wegen seiner leichten, zum Teil witzigen Schreibweise gelobt. Für ihn war Philosophie (noch) Liebe zur (Lebens) Weisheit: „Befasse dich nicht zu sehr mit dem Äußeren. Bewahre dich ein bisschen für dich selbst und die jenigen, die du liebst. Das Ideal des Glück ist l amour partagée, also die geteilte, die nicht egoistische Liebe“.

Wir nennen nur die letzten Bücher Lucien Jerphagnons, wobei wir darauf hinweisen, dass er selbst seine Studie über den vom Christentum zum Heidentum konvertierten römischen Kaiser Julian Apostata besonders schätzte. „Julien, dit l’Apostat“, 1986, Éd. du Seuil

2006, Augustin et la sagesse, Desclée de Brouwer
2007, Au bonheur des sages, Hachette Littératures
2007, La Louve et l’Agneau, Desclée de Brouwer
2008, Entrevoir et Vouloir : Vladimir Jankélévitch, La Transparence
2009, La tentation du christianisme avec Luc Ferry, Grasset
2010, La… sottise ? (Vingt-huit siècles qu’on en parle), Albin Michel
2011, De l’amour, de la mort, de Dieu et autres bagatelles, entretiens avec Christiane Rancé, Albin Michel
2012, Connais-toi toi-même…Et fais ce que tu veux, Albin Michel

copyright: christian modehn, berlin.