Artikel mit Stichwort ‘ Populärphilosophie ’



Weiterdenken mit dem „Philosophie Magazin“.

22. Juli 2015 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Weiterdenken mit dem PHILOSOPHIE MAGAZIN

Ein Hinweis von Christian Modehn

Seit vier Jahren arbeiten auch JournalistInnen daran, Philosophie aus den kleinen Zirkeln der Universitäten zu befreien. Einige haben in Berlin, unterstützt von französischen philosophischen Journalisten, vor 4 Jahren das „PHILOSOPHIE Magazin“ gegründet. Es begleitet, inspiriert und provoziert eine bisher noch gar nicht umfassend wahrgenommene kulturelle Bewegung: Sie würde es verdienen, dass Kulturpolitiker sich auch mal darum kümmern. Zur förderungswürdigen Kultur gehören Menschen, die nichts anderes wollen, als sich in ruhigen Räumen mit guten Bibliotheken bei Tee oder Wein zu treffen – zum Nachdenken eben, zum Philosophieren, warum nicht auch mit einer guten philosophischen Zeitschrift. Nebenbei: Dass es  – wenigstens in Berlin – nicht ein „Haus der Philosophie“ gibt _ angesichts so vieler anderer Kultur-Literatur-Kunsthäuser, finde ich skandalös.

Das alle zwei Monate erscheinende „PHILOSOPHIE Magazin“ ist eine Denkhilfe für einzelne, vielleicht auch eine Orientierungshilfe (wir wollen uns ja hoffentlich denkend im Leben orientieren) sowie auch eine Inspiration für die lebendigen philosophischen Gesprächskreise. Philosophie lebt vom Philosophieren in der Gruppe.

Das neue Heft (August/September 2015) ist in Buchhandlungen, aber auch in größeren Zeitungsläden, etwa in Hauptbahnhöfen, erhältlich zum Preis von 6,90 EURO bei einem Umfang von 100 Seiten wahrlich sehr erschwinglich. Zumal, wenn man bedenkt, dass in dem Heft jede Seite lesenswert ist … und man am besten die Hefte sammelt, um später noch einmal nachzulesen…zum Weiterdenken.

Es ist keine Frage: Philosophieren wird auch im „Philosophie Magazin“ nicht immer als leichte Kost präsentiert. Vielleicht ist es auch Ausdruck einer allgemeinen philosophischen Entwöhnung –Philosophie ist ja leider kein relevantes Unterrichtsfach in den Schulen in Deutschland- dass wir etwa Technik und hoch komplizierte Gebrauchsanweisungen offenbar zugänglicher finden als grundsätzliche Reflexionen über Grundfragen des Daseins. Etwa die Frage: Was ist eigentlich ANERKENNUNG? Ein Thema, das viele Philosophen bewegt, nicht weil sie es zuerst für ein philosophisches Problem halten, sondern weil Anerkennung ein Thema mitten im Leben ist. Wenigstens vom Namen her bekannt ist die Anerkennungsproblematik, wie sie Hegel unter dem Stichwort „Herr und Knecht“ in seiner „Phänomenologie des Geistes“ entwickelt. Das neue Heft „Philosophie Magazin“ bietet in einer Beilage nicht nur den Text Hegels in der (sprachlich etwas antiquierten, aber sicher authentischen Fassung der Meiner Ausgabe von 2015), dazu auch ein einführendes Vorwort des Philosophen Martin Gessmann: „Womöglich hat das wahre Herr-und-Knecht-Kapitel in der Geschichte erst begonnen“, schreibt er mit Blick wohl nicht nur auf die ökonomische Ungleichheit/Ungerechigkeit innerhalb der Weltbevölkerung heute, sondern auch, wie denn die anderen bislang eher ignorierten Knechte, also die Automaten, Maschinen und Roboter als unsere „Assistenzsysteme“ eines Tages vielleicht die Rolle des bestimmenden „Herren“ übernehmen und möglicherweise die Menschen zu Knechten machen.

Der bekannte Frankfurter Philosoph Axel Honneth (er gilt als einer der brillanten Vertreter der „Frankfurter Schule“) bietet einen längeren Essay über „Hegel und die Anerkennung“, der Beitrag ist dem Thema gemäß höchst anspruchsvoll. Es ist wohl diese Melange aus sehr anspruchsvollen fachphilosophischen Beiträgen (wie diesem) und eher allgemein zugänglichen Texten und Interviews, die das Heft auszeichnet. Ob man die Herren Fachphilosophen bitten dürfte, immer die Nachvollziehbarkeit der „Bildungsbürger“ im Blick zu haben, wäre eine interessante journalistische Frage.

Weil Philosophieren eben vorwiegend auch Dialog ist oder sein sollte, sind die Interviews, die manchmal auch Dialoge sind, im Heft besonders interessant. Francois Jullien, Experte in Paris für (alte) chinesisches Denken in Beziehung zum europäischen Denken/zur Philosophie,  zeigt im Interview, wie westliche Menschen von ihrer (begrenzenden) Fixierung auf Ziele befreit werden könnten – wenn sie denn wie die (alten) Chinesen „nicht nach dem Glück streben, sondern nach dem Im-Fluss-Sein“. „Das Wesentliche ist die Bewegung“… Auch der von vielen geschätzte Bestsellerautor und Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid (Berlin) kommt ausführlich zu Wort, auch mit Antworten zu seinem eigenen biographisch-philosophischen Weg. Wilhelm Schmid ist ein Mittler und Vermittler philosophischer Traditionen, ein Übersetzer, der durchaus den Mut hat, Philosophieren als kritische Form der Lebensbegleitung und Lebenshilfe darzustellen. Der Erfolg seiner Bücher, vor allem zur Gelassenheit, zeigen, dass Philosophen sich ins Gespräch der Öffentlichkeit nachvollziehbar für die meisten einschalten können bei der Diskussion zentraler Lebensfragen. Wahrscheinlich hat in dem Falle die Philosophie sogar die „Seelsorge“ übernommen und tritt ein in die guten Traditionen, wie sie Pierre Hadot herausgearbeitet hat. Wilhelm Schmid ist ein freier Philosoph und Schriftsteller, er hat andere Verbindungen zur Alltagswelt als ein Professor für Philosophie an der Universität. Insofern erinnert er uns an den freien französischen Philosophen und Schriftsteller André Comte-Sponville. In Frankreich gibt es ohnehin die Tradition der „Populär-Philosophen“, man muss nicht gleich an Alain denken, aber selbst Albert Camus lebte und dachte bekanntlich außerhalb der Universitäten, und Emil Cioran arbeitete auch nicht an einer Universität usw.

In Deutschland werden wir es uns meines Erachtens abgewöhnen müssen, den Begriff und die Personen der Populärphilosophen gering zu schätzen. Waren die Stoiker und Epikuräer nicht etwa auch Populärphilosophen? Wahrscheinlich haben ja die Universitätsphilosophen ohnehin erst dann eine gewisse, über die engen Zirkel hinausgehende Wirkung, wenn sie selbst die Dimension des Populären pflegen und vor allem bitte endlich auch sprachlich darauf achten, auch schön zu schreiben, also lesbar für den gebildeten Bürger, ohne die fachspezifische Esoterik und Hermetik. Ich empfehle in dem Zusammenhang immer sehr gern die vorbildlichen Arbeiten von Prof. Martin Seel, Frankfurt am Main. Ein Beispiel: Sein Buch „111 Tugenden-111 Laster“ (Fischer Verlag)  sollte endlich als Taschenbuch zu einem erschwinglichen Preis erscheinen, damit es in Schulen, Volkshochschulen, Gesprächskreisen verbreitet und diskutiert wird.

Der Leser des neuesten Heftes des Philosophie Magazin wird sich besonders freuen, in einem Interview der Philosophin Chantal Mouffe zu begegnen, die als Denkerin des Politischen für eine neue Gestalt radikaler Politik eintritt. Der philosophische Einfluß etwa auf „Podemos“ in Spanien wird unterstrichen.

Insgesamt möchten wir die Reihe „Philosophie Magazin“ dringend empfehlen, vor allem., weil dieses Blatt das Potential hat, noch besser zu werden, noch deutlicher zu zeigen, wie Philosophieren immer und ständig stattfindet, auch in der Musik, der Literatur, dee Poesie, den Künsten, dem Alltag, den Religionen usw. usw. Und selbstredend eben in den immer neu zu entdeckenden Texten von PhilosophInnen.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



111 Tugenden und Laster. Eine philosophische Revue

13. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein philosophisches Buch zum Weiter – Denken. Ein Begleiter für das ganze Jahr:

Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue.

Aus der großen Fülle philosophischer Einführungen ragt jetzt ein Buch ganz wunderbar hervor: Der in Frankfurt/M. lehrende Philosoph Martin Seel, einigen schon bekannt, etwa durch seine Studien „Paradoxien der Erfüllung“, hat nun ein neues Buch vorgelegt, das alle interessieren, ja begeistern kann (im Sinne von inspirieren), die auf dem Weg des kritischen Reflektierens sind. Und das sollten und könnten ja alle Menschen sein….
Dass Martin Seel sein Buch durchaus auch unterhaltsam meint, zeigt schon der Untertitel an: „Eine philosophische Revue“. Tatsächlich präsentiert er in seiner Revue in 111 kürzeren oder längeren „Auftritten“ (Kapiteln) 111 Tugenden, also für den Menschen positive Lebenseinstellungen bzw. „Dispositionen“ (wie Mitgefühl, Besonnenheit) und dazwischen gemischt, aber doch inhaltlich verbunden, Laster bzw. Untugenden (wie Aberglaube, Fanatismus).
Der Clou dieser positiv wie negativ besetzten Revue ist, dass alle Werte und alle Tugenden auch – ohne die vernünftige Mitte gelebt – in Untugenden umkippen können, aus Mut kann schnell „Übermut, Tollkühnheit, Draufgängertum werden“, (S. 179). Ebenso haben Untugenden und Laster auch positive Aspekte. Mit einer Ausnahme meint Martin Seel: Im Laster der Grausamkeit gibt es keinerlei noch positiv zu verstehenden Entwicklungslinien. Auf die Ambivalenz aller anderen Tugenden und Laster hingewiesen zu werden, bringt den Leser, die Leserin, sehr zu recht ins Schleudern und dann ins weitere Nachdenken, das zu einem Neu – Verständnis führen kann. So ist etwa die Faulheit (Seite 69ff) sicher eine milde Form des Lasters: „Faulheit kann aber ein Mangel an Selbstsorge sein“, andererseits kann sie auch den „ausgelassenen Genuss des Daseins“ signalisieren. Faulheit kann ein Mittel sein, sich vom destruktiven Zwang der Selbststeigerung zu befreien, wie es schon Theodor W. Adorno (S. 71) andeutete. Faulheit als Müßiggang verstanden kann sogar „aller Liebe Anfang“ sein, schreibt Martin Seel (ebd).
Wer an der Revue teilgenommen hat oder immer wieder beinahe beliebig wieder einsteigt, kann dann auf gut 40 Seiten sozusagen die innere Struktur der einzelnen Auftritte erkunden, also in das innere Leben der Tugenden hineinschauen, so, wie es Philosophen in der langen Geschichte gedeutet haben. Diese Seiten, etwas anspruchsvoller, handeln etwa von den Kardinaltugenden, das sind ja nicht jene, die etwa katholische Kardinäle haben (sollten), sondern die von lateinischen Worte CARDO herstammen und die alles entscheidenden Angelpunkte meinen, also in dem Falle unentbehrliche Tugenden, ohne die ein menschliches Leben kein menschliches Leben ist (Weisheit, Besonnenheit, Mut und Gerechtigkeit). Außerdem zeigt Martin Seel sehr schön, dass kein Mensch alle Tugenden in seiner Person vereint leben kann, ja, dass kein Mensch also „nur“ tugendhaft sein kann. Immer gibt es im Einzelleben diese Melange aus Tugend und Laster, natürlich auch bei den so genannten Heiligen der Kirche, wobei den Frommen stets von offizieller Seite vorenthalten wird, wo denn die Laster dieses Heiligen waren. Erst Journalisten kümmern sich darum und weisen etwa auf die Scharlatanerie des heiligen Pater Pio (Süditalien) hin, aber dies nur als Beispiel des Rezensenten.
Insgesamt empfehlen wir nachdrücklich das neue Buch von Martin Seel, es kann hoffentlich einen Durchbruch bewirken im Verstehen, dass Philosophie populär ist und dass dieses Thema nicht von einem ständig in allen Medien herum gereichten Star reserviert sein kann.
Hoffentlich kann man bald die 10. usw. Auflage dieses Buches melden und eine Herausgabe als sehr preiswertes Taschenbuch!
Copyright: christian modehn, religionsphilosophischer Salon.
Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue. S. fischer verlag 2011, 285 Seiten.18,95 Euro

WDR 5 brachte am 13.1.2012 ein Gespräch mit Martin Seel: