Philosophie in Deutschland in der Krise?

Ein Ortswechsel der Philosophen könnte der Beginn einer Besserung sein.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Krise „der“ Philosophie in Deutschland, wie sie Wolfram Eilenberger in “DIE ZEIT” vom 1.3. 2018 (S. 69), unter dem Titel “Wattiertes Denken” sogar wörtlich als „desolaten Zustand“, beschreibt, ist meines Erachtens etwas übertrieben. Er erwähnt ja selbst zwei relativ neue und noch nicht pleite gegangene philosophische Zeitschriften (- Magazine) in Deutschland; vergisst dabei leider die schon seit langem sehr wertvolle und rundum philosophische Zeitschrift “Der blaue Reiter“. Philosophische Autoren, viel gelesen, wie Wilhelm Schmid, erwähnt er namentlich nicht. Er denkt dabei wohl an seinen Begriff des „Populärphilosophischen“, und muss zugeben, dass diese Populärphilosophen, zu denen er offenbar sich selbst gar nicht rechnet, zu den Bestseller Autoren gehören. Gibt es also einen gewissen Hunger auf Philosophie? Gewiss! Denn die Fragen und Antworten der Religionen und Kirchen interessieren immer weniger Menschen, weil die Vertreter dieser Religionen argumentativ oft nicht erklären können, wo sich Göttliches im Leben zeigt. Und viele halbwegs Gesunde haben nach 100  psychotherapeutischen Sitzungen auch Lust, etwas anderes, eben Philosophie, die Fähigkeit des Selberdenkens, zu erleben. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens ist eine philosophische Frage, über die man gern mit Philosophen diskutieren würde… Auch erwähnt Eilenberger nicht die wöchentliche Sendung „Philosophie“ auf ARTE usw. Bedauerlich ist vor allem dies: Dass er nicht erwähnt, obwohl er es weiß aus seiner früheren Zeit als Chefredakteur des Philosophie Magazin: Es gibt sehr viele philosophische Gesprächskreise (Philosophische Salons etc.) im ganzen Land und überall in Europa und Amerika! Er hätte ja nicht gleich vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin sprechen müssen, den es als private Initiative, ohne jeglichen öffentlichen Zuschuss etc., seit 11 Jahren gibt. Der TIP, das Berliner Stadtmagazin, hat den “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin” kürzlich etwas ausführlicher erwähnt. Die philosophischen „Cafés“ sind ja bekanntlich eine Erfindung (1992) des Philosophen Marc Sautet in Paris (Café des Phares, direkt an der Bastille gelegen!) .

Dennoch ist die Frage von Eilenberger interessant: Warum spielen Philosophen heute in der Öffentlichkeit keine große Rolle? Ob das so stimmt, ist eine weitere Frage, wenn man doch an die gelegentliche Medienpräsenz etwa Frankfurter Philosophen oder von Dieter Thomä von St. Gallen denkt usw. Aber Eilenberger hat im ganzen wohl recht: Die großen Namen der großen Philosophen fehlen, die sechziger und siebziger Jahre sind vorbei, als etwa die Bücher von Karl Jaspers noch stapelweise verkauft wurden. Die Frage ist natürlich: Wem nützen die großen Namen und die angeblich sehr bedeutenden Köpfe? Sicher ist: Der Kult der großen Namen in der Philosophie ist, durch die heutige (auf Massen hin orientierte) Kultur vorbei, es gibt sehr viele hochinteressante, aber nicht weltberühmte Philosophen, viele gute und bis mittelsprächtige. Und das ist zunächst als Ausdruck des kulturellen Wandels zu verstehen. Sehr berühmte Musiker mag es immer geben, etwas berühmte Philosophen gibt es auch jetzt.

Gemeinsam ist den meisten, und das ist gelinde gesagt ein „Problem“ (ich hätte am liebsten angesichts der Traditionen der Philosophien im „alten Griechenland“ gesagt eine „Schande“): Diese Herren und oft auch Damen Dr. phil., Dozenten, Professoren etc.  haben eine unbremsbare Lust daran, sich ultra kompliziert auszudrücken. Man könnte denken, damit möchten sie eine gewisse öffentliche Bedeutungslosigkeit kompensieren. In Frankreich ist es noch heftiger: Dort muss ein Philosoph förmlich sehr absolut unverständlich und esoterisch schreiben, um als Philosoph öffentliche Anerkennung etwa in “Le Monde” zu finden. Die Leser sollen staunen, von welcher „Geburt“ denn etwa Foucault gerade redete, leider sprach er nicht von der Geburt der Kirche aus dem Geist des Maskulinen…Vorbei sind offenbar in Frankreich die Zeiten von Camus oder Voltaire.

Durch ihre höchst komplexe Sprache, die keineswegs immer sachlich notwendig ist, bauen die Philosophen selbst unheimliche Barrieren. Ausnahme: Michael Hampe, Zürich, zum Beispiel. Mit anderenWorten: An der Krise der Philosophie, ja an ihrem möglicherweise desolaten Zustand, wie Eilenberger sagt, sind die PhilosophInnen auch selbst schuld. Philosophie ist im eben keine höhere Mathematik und keine Astrophysik, keine Immunforschung usw.. Diese Wissenschaften müssen von ihrer Sache her notwendigerweise kompliziert sein, sie können nicht für den “Mann auf der Straße” sofort verständlich sein.

Anders die Philosophie, die ja eigentlich niemals eine „strenge Wissenschaft“ sein kann und sein will, von der Logik als Philosophie vielleicht abgesehen. Philosophie hat in ihrer bleibenden Bindung an das alte Griechenland und Rom eben sehr viel mit dem Mann und der Frau auf der Straße zu tun. Mit der Agora, dem öffentlichen Disput auf öffentlichen Orten! Also mit Sokrates. Er wurde nie zum ersten “philosophischen Heiligen” erklärt…

Das Desaster der Philosophie in Deutschland ist vor allem die Fixierung auf den engen Raum der Universität. Philosophen hocken in ihren Bibliotheken und brüten immer neue Themen aus, oft sind es alte Themen (warum nicht mal wieder, zum geschätzten 100. Mal,  ein „Vergleich der Wissenschaftslehren von Fichte“ oder „Was meint Heidegger eigentlich mit seinem Gestell?“) Solche ironischen Fragen zu stellen, hat nichts mit Banausentum zu tun. Es geht schlicht um die Frage der öffentlichen (!) Relevanz der Philosophien. Man könnte heulen, wenn Philosophen in Lateinamerika in den Universitäten vorwiegend den deutschen Idealismus vortragen (nichts gegen Kant!) und nicht analysieren: Was ist Korruption? Was ist öffentlich zugelassene Verelendung der Massen usw. In Europa würde mich interessieren, wie viele hundert Dissertationen und Habilitationen über Heidegger seit 1945 verfasst wurden: Und ich würde die obszöne Frage stellen: Cui Bono? Der Öffentlichkeit sicher nicht. Bestimmt nicht wurde durch so viel Fleiß zu “Meister Heidegger” der Entwicklung eines demokratischen Bewusstseins gedient; bestimmt nichts zur Überwindung von Rassismus und Antisemitismus wurde getan. Hätten diese Philosophen doch lieber die Ethik von Kant vielen Menschen, dem Mann auf der Straße,  erklärt oder die Tugend – Ethiken usw. Mit anderen Worten: Viele dieser sicher spekulativ anspruchsvollen und sprachlich hoch komplexen Studien haben den Büchermarkt bereichert, aber nur wenige zum Selber – Denken, also zum eigenen Philosophieren, veranlasst. Denn das ist ja im Unterschied zur Astrophysik die Sache der Philosophie: Nicht jeder kann Astrophysiker werden, aber jeder und jede kann Philosophieren lernen und die je eigene Philosophie leben. Klar ist also: Der messbare und irgendwie auch hilfreich – orientierende Beitrag so vieler Heidegger – Deutungen über das Seyn statt das Sein oder die Vierung oder „das Göttern“ ist wohl äußerst gering.

Will also Philosophie wieder relevant werden, in dieser tiefen Krise der Menschheit heute (Ökologie, Krieg, zugelassenes Massensterben, Ertrinken der unerwünschten Flüchtlinge im Mittelmeer, Zulassen von immer mehr Armen in den reichen Städten Europas und so weiter), muss sie diese brennenden Fragen aufgreifen. Und sie muss diese dringenden Fragen da besprechen, wo diese Frage auftauchen: An der Basis eben, unter den Leuten, in den Cafés, den Wohnheimen, den Asylen, den Kulturzentren, den Kirchen und Moscheen usw. Aber auch unter Politikern und Bankern. Und diesen Herren eben nicht beruhigend zu Munde reden, sondern sie mit ein paar Thesen von Karl Marx vertraut machen. Philosophen sollten unter den Menschen sein. Und der Staat hätte bei aller Förderung der etablierten Kultur die dringende Pflicht und Schuldigkeit, auch Philosophie an der Basis, an den beschriebenen Orten, ohne jede ideologiche Vorgabe zu fördern. Wäre das nicht einmal ein Thema für Frau Grütters?? Konkret: Der Staat sollte auch philosophische Gesprächskreise finanziell fördern und die vielen offenbar auch arbeitslosen jungen Philosophen zu einer anständigen Bezahlung verhelfen in diesen neuen Orten des Philosophierens. Philosophie als öffentliche Kultur verdient genauso viel öffentliche Förderung wie diese ewigen Wagner Opern in Bayreuth, um nur eines von vielen tausend anderen Beispiel zu nennen. Philosophie ist ja nicht neidisch auf das, was Kunst und Museen, Opern, Konzerthäusern und Literaturhäusern und Literaturfestival alles an Unsummen von Geld so überwiesen wird. Aber Philosophie verdient endlich viel mehr Aufmerksamkeit und Förderung. Philosophieren kakann Demokratie fördern, weil sie im Dienst umfassender aufklärung steht. Der Beitrag von Herrn Eilenberger ist da eher kontraproduktiv…

Eine bzw. treffender viele neue Philosophien also! Dann könnte ein Wechselspiel von Praxis und Theorie entstehen. Wie würde denn eine Philosophie von und mit Obdachlosen aussehen? Von Leuten der TAFEL? Von ausgepowerten Krankenschwestern und Altenpflegern? In diesen Kreisen werden sich junge Philosophen bewegen, hören und zuhören, elementare Fragen stellen, vorsichtige Antworten geben, die Mut zu Überleben machen.

Die Krise der Philosophie in Deutschland und anderswo ist also auch und meines Erachtens vor allem eine Krise des Ortes und der Plätze, auf denen sich Philosophen philosophisch aufhalten und fragen und denken und schreiben. Vielleicht wäre dies ein Beitrag zum 50 Jahre Jubiläum des Mai 68: Philosophen: Raus aus den Unis! „PhilosophInnen hört und fragt an der Basis, und kehrt dann mit neuen Themen wieder in die Unis zurück“. Eine spannende Dialektik könnte entstehen.

Damit man mich richtig versteht: Ich habe nichts gegen die akademische und universitäre Arbeit der Philosophen in Deutschland und anderswo. Ich plädiere “nur“ für eine dringende Vertiefung und Verbreiterung ihres Denkens durch unmittelbares Mitleben und Mitdenken an der so vielfältigen Basis. Dieser Basis-Bezug als ORTSWECHSEL führt aus dem von Herrn Eilenberger behaupteten „desolaten Zustan“ sicherlich  heraus. Das Lamentieren hätte ein Ende. Es wäre auch die Wiedergewinnung einer „griechischen und römischen“ Kulturen der Philosophien seit Platon. Man lese bitte die Bücher des großen Pierre Hadot. Und in der philosophischen Ausbildung an der Uni würden diese praktischen Einsätze der Philosophinnen selbst Thema, in Seminaren und Vorlesungen. Vielleicht würden so einige kleine “Sokrates” ausgebildet…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Weiterdenken mit dem “Philosophie Magazin”.

Weiterdenken mit dem PHILOSOPHIE MAGAZIN

Ein Hinweis von Christian Modehn

Seit vier Jahren arbeiten auch JournalistInnen daran, Philosophie aus den kleinen Zirkeln der Universitäten zu befreien. Einige haben in Berlin, unterstützt von französischen philosophischen Journalisten, vor 4 Jahren das „PHILOSOPHIE Magazin“ gegründet. Es begleitet, inspiriert und provoziert eine bisher noch gar nicht umfassend wahrgenommene kulturelle Bewegung: Sie würde es verdienen, dass Kulturpolitiker sich auch mal darum kümmern. Zur förderungswürdigen Kultur gehören Menschen, die nichts anderes wollen, als sich in ruhigen Räumen mit guten Bibliotheken bei Tee oder Wein zu treffen – zum Nachdenken eben, zum Philosophieren, warum nicht auch mit einer guten philosophischen Zeitschrift. Nebenbei: Dass es  – wenigstens in Berlin – nicht ein “Haus der Philosophie” gibt _ angesichts so vieler anderer Kultur-Literatur-Kunsthäuser, finde ich skandalös.

Das alle zwei Monate erscheinende „PHILOSOPHIE Magazin“ ist eine Denkhilfe für einzelne, vielleicht auch eine Orientierungshilfe (wir wollen uns ja hoffentlich denkend im Leben orientieren) sowie auch eine Inspiration für die lebendigen philosophischen Gesprächskreise. Philosophie lebt vom Philosophieren in der Gruppe.

Das neue Heft (August/September 2015) ist in Buchhandlungen, aber auch in größeren Zeitungsläden, etwa in Hauptbahnhöfen, erhältlich zum Preis von 6,90 EURO bei einem Umfang von 100 Seiten wahrlich sehr erschwinglich. Zumal, wenn man bedenkt, dass in dem Heft jede Seite lesenswert ist … und man am besten die Hefte sammelt, um später noch einmal nachzulesen…zum Weiterdenken.

Es ist keine Frage: Philosophieren wird auch im “Philosophie Magazin” nicht immer als leichte Kost präsentiert. Vielleicht ist es auch Ausdruck einer allgemeinen philosophischen Entwöhnung –Philosophie ist ja leider kein relevantes Unterrichtsfach in den Schulen in Deutschland- dass wir etwa Technik und hoch komplizierte Gebrauchsanweisungen offenbar zugänglicher finden als grundsätzliche Reflexionen über Grundfragen des Daseins. Etwa die Frage: Was ist eigentlich ANERKENNUNG? Ein Thema, das viele Philosophen bewegt, nicht weil sie es zuerst für ein philosophisches Problem halten, sondern weil Anerkennung ein Thema mitten im Leben ist. Wenigstens vom Namen her bekannt ist die Anerkennungsproblematik, wie sie Hegel unter dem Stichwort „Herr und Knecht“ in seiner „Phänomenologie des Geistes“ entwickelt. Das neue Heft „Philosophie Magazin“ bietet in einer Beilage nicht nur den Text Hegels in der (sprachlich etwas antiquierten, aber sicher authentischen Fassung der Meiner Ausgabe von 2015), dazu auch ein einführendes Vorwort des Philosophen Martin Gessmann: „Womöglich hat das wahre Herr-und-Knecht-Kapitel in der Geschichte erst begonnen“, schreibt er mit Blick wohl nicht nur auf die ökonomische Ungleichheit/Ungerechigkeit innerhalb der Weltbevölkerung heute, sondern auch, wie denn die anderen bislang eher ignorierten Knechte, also die Automaten, Maschinen und Roboter als unsere „Assistenzsysteme“ eines Tages vielleicht die Rolle des bestimmenden „Herren“ übernehmen und möglicherweise die Menschen zu Knechten machen.

Der bekannte Frankfurter Philosoph Axel Honneth (er gilt als einer der brillanten Vertreter der „Frankfurter Schule“) bietet einen längeren Essay über „Hegel und die Anerkennung“, der Beitrag ist dem Thema gemäß höchst anspruchsvoll. Es ist wohl diese Melange aus sehr anspruchsvollen fachphilosophischen Beiträgen (wie diesem) und eher allgemein zugänglichen Texten und Interviews, die das Heft auszeichnet. Ob man die Herren Fachphilosophen bitten dürfte, immer die Nachvollziehbarkeit der “Bildungsbürger” im Blick zu haben, wäre eine interessante journalistische Frage.

Weil Philosophieren eben vorwiegend auch Dialog ist oder sein sollte, sind die Interviews, die manchmal auch Dialoge sind, im Heft besonders interessant. Francois Jullien, Experte in Paris für (alte) chinesisches Denken in Beziehung zum europäischen Denken/zur Philosophie,  zeigt im Interview, wie westliche Menschen von ihrer (begrenzenden) Fixierung auf Ziele befreit werden könnten – wenn sie denn wie die (alten) Chinesen „nicht nach dem Glück streben, sondern nach dem Im-Fluss-Sein“. „Das Wesentliche ist die Bewegung“… Auch der von vielen geschätzte Bestsellerautor und Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid (Berlin) kommt ausführlich zu Wort, auch mit Antworten zu seinem eigenen biographisch-philosophischen Weg. Wilhelm Schmid ist ein Mittler und Vermittler philosophischer Traditionen, ein Übersetzer, der durchaus den Mut hat, Philosophieren als kritische Form der Lebensbegleitung und Lebenshilfe darzustellen. Der Erfolg seiner Bücher, vor allem zur Gelassenheit, zeigen, dass Philosophen sich ins Gespräch der Öffentlichkeit nachvollziehbar für die meisten einschalten können bei der Diskussion zentraler Lebensfragen. Wahrscheinlich hat in dem Falle die Philosophie sogar die “Seelsorge” übernommen und tritt ein in die guten Traditionen, wie sie Pierre Hadot herausgearbeitet hat. Wilhelm Schmid ist ein freier Philosoph und Schriftsteller, er hat andere Verbindungen zur Alltagswelt als ein Professor für Philosophie an der Universität. Insofern erinnert er uns an den freien französischen Philosophen und Schriftsteller André Comte-Sponville. In Frankreich gibt es ohnehin die Tradition der „Populär-Philosophen“, man muss nicht gleich an Alain denken, aber selbst Albert Camus lebte und dachte bekanntlich außerhalb der Universitäten, und Emil Cioran arbeitete auch nicht an einer Universität usw.

In Deutschland werden wir es uns meines Erachtens abgewöhnen müssen, den Begriff und die Personen der Populärphilosophen gering zu schätzen. Waren die Stoiker und Epikuräer nicht etwa auch Populärphilosophen? Wahrscheinlich haben ja die Universitätsphilosophen ohnehin erst dann eine gewisse, über die engen Zirkel hinausgehende Wirkung, wenn sie selbst die Dimension des Populären pflegen und vor allem bitte endlich auch sprachlich darauf achten, auch schön zu schreiben, also lesbar für den gebildeten Bürger, ohne die fachspezifische Esoterik und Hermetik. Ich empfehle in dem Zusammenhang immer sehr gern die vorbildlichen Arbeiten von Prof. Martin Seel, Frankfurt am Main. Ein Beispiel: Sein Buch „111 Tugenden-111 Laster“ (Fischer Verlag)  sollte endlich als Taschenbuch zu einem erschwinglichen Preis erscheinen, damit es in Schulen, Volkshochschulen, Gesprächskreisen verbreitet und diskutiert wird.

Der Leser des neuesten Heftes des Philosophie Magazin wird sich besonders freuen, in einem Interview der Philosophin Chantal Mouffe zu begegnen, die als Denkerin des Politischen für eine neue Gestalt radikaler Politik eintritt. Der philosophische Einfluß etwa auf “Podemos” in Spanien wird unterstrichen.

Insgesamt möchten wir die Reihe “Philosophie Magazin” dringend empfehlen, vor allem., weil dieses Blatt das Potential hat, noch besser zu werden, noch deutlicher zu zeigen, wie Philosophieren immer und ständig stattfindet, auch in der Musik, der Literatur, dee Poesie, den Künsten, dem Alltag, den Religionen usw. usw. Und selbstredend eben in den immer neu zu entdeckenden Texten von PhilosophInnen.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

111 Tugenden und Laster. Eine philosophische Revue

Ein philosophisches Buch zum Weiter – Denken. Ein Begleiter für das ganze Jahr:

Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue.

Aus der großen Fülle philosophischer Einführungen ragt jetzt ein Buch ganz wunderbar hervor: Der in Frankfurt/M. lehrende Philosoph Martin Seel, einigen schon bekannt, etwa durch seine Studien „Paradoxien der Erfüllung“, hat nun ein neues Buch vorgelegt, das alle interessieren, ja begeistern kann (im Sinne von inspirieren), die auf dem Weg des kritischen Reflektierens sind. Und das sollten und könnten ja alle Menschen sein….
Dass Martin Seel sein Buch durchaus auch unterhaltsam meint, zeigt schon der Untertitel an: „Eine philosophische Revue“. Tatsächlich präsentiert er in seiner Revue in 111 kürzeren oder längeren „Auftritten“ (Kapiteln) 111 Tugenden, also für den Menschen positive Lebenseinstellungen bzw. „Dispositionen“ (wie Mitgefühl, Besonnenheit) und dazwischen gemischt, aber doch inhaltlich verbunden, Laster bzw. Untugenden (wie Aberglaube, Fanatismus).
Der Clou dieser positiv wie negativ besetzten Revue ist, dass alle Werte und alle Tugenden auch – ohne die vernünftige Mitte gelebt – in Untugenden umkippen können, aus Mut kann schnell „Übermut, Tollkühnheit, Draufgängertum werden“, (S. 179). Ebenso haben Untugenden und Laster auch positive Aspekte. Mit einer Ausnahme meint Martin Seel: Im Laster der Grausamkeit gibt es keinerlei noch positiv zu verstehenden Entwicklungslinien. Auf die Ambivalenz aller anderen Tugenden und Laster hingewiesen zu werden, bringt den Leser, die Leserin, sehr zu recht ins Schleudern und dann ins weitere Nachdenken, das zu einem Neu – Verständnis führen kann. So ist etwa die Faulheit (Seite 69ff) sicher eine milde Form des Lasters: „Faulheit kann aber ein Mangel an Selbstsorge sein“, andererseits kann sie auch den „ausgelassenen Genuss des Daseins“ signalisieren. Faulheit kann ein Mittel sein, sich vom destruktiven Zwang der Selbststeigerung zu befreien, wie es schon Theodor W. Adorno (S. 71) andeutete. Faulheit als Müßiggang verstanden kann sogar „aller Liebe Anfang“ sein, schreibt Martin Seel (ebd).
Wer an der Revue teilgenommen hat oder immer wieder beinahe beliebig wieder einsteigt, kann dann auf gut 40 Seiten sozusagen die innere Struktur der einzelnen Auftritte erkunden, also in das innere Leben der Tugenden hineinschauen, so, wie es Philosophen in der langen Geschichte gedeutet haben. Diese Seiten, etwas anspruchsvoller, handeln etwa von den Kardinaltugenden, das sind ja nicht jene, die etwa katholische Kardinäle haben (sollten), sondern die von lateinischen Worte CARDO herstammen und die alles entscheidenden Angelpunkte meinen, also in dem Falle unentbehrliche Tugenden, ohne die ein menschliches Leben kein menschliches Leben ist (Weisheit, Besonnenheit, Mut und Gerechtigkeit). Außerdem zeigt Martin Seel sehr schön, dass kein Mensch alle Tugenden in seiner Person vereint leben kann, ja, dass kein Mensch also „nur“ tugendhaft sein kann. Immer gibt es im Einzelleben diese Melange aus Tugend und Laster, natürlich auch bei den so genannten Heiligen der Kirche, wobei den Frommen stets von offizieller Seite vorenthalten wird, wo denn die Laster dieses Heiligen waren. Erst Journalisten kümmern sich darum und weisen etwa auf die Scharlatanerie des heiligen Pater Pio (Süditalien) hin, aber dies nur als Beispiel des Rezensenten.
Insgesamt empfehlen wir nachdrücklich das neue Buch von Martin Seel, es kann hoffentlich einen Durchbruch bewirken im Verstehen, dass Philosophie populär ist und dass dieses Thema nicht von einem ständig in allen Medien herum gereichten Star reserviert sein kann.
Hoffentlich kann man bald die 10. usw. Auflage dieses Buches melden und eine Herausgabe als sehr preiswertes Taschenbuch!
Copyright: christian modehn, re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon.
Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue. S. fischer verlag 2011, 285 Seiten.18,95 Euro

WDR 5 brachte am 13.1.2012 ein Gespräch mit Martin Seel: