Katholische Kirche in Frankreich: Eine Minderheit

Hinweise von Christian Modehn am 11. Oktober 2017

“Älteste Tochter der (römischen) Kirche” wird die katholische Kirche in Frankreich gern genannt. Sie ist wahrlich sehr alt und jetzt sehr gebrechlich. Etwas lebendig (und polemisch) ist nur noch auf der rechten Seite ihres alten Körpers, um im Bild zu bleiben: Die linke Seite (“la gauche du Christ”, sagte man einst) wirkt wie gelähmt. Und die Leistungen ihres Kopfes, einst gerühmt wegen eines gewissen theologischen ésprit, lassen auch nach. Ein kritischer Blick auf die alte, schwache Dame/Tochter, ist also angebracht … angesichts der Bücherberge zu Frankreich, die dieser Tage gestapelt werden. Zur Vertiefung siehe auch:  “Wo bleiben die Religionen in Frankreich auf der Buchmesse?

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Vor 25 Jahren habe ich meine Essays über „Religion in Frankreich“ (im Gütersloher Verlagshaus) veröffentlicht. Seit der Zeit habe ich immer wieder auf den äußeren Zustand der katholischen Kirche in Frankreich hingewiesen, und so weit dies sachlich möglich ist, auf die Mentalität, also die innere Verfasstheit der Kirchenmitglieder.

Die Buchmesse in Frankfurt am Main 2017 hat Frankreich als Ehrengast eingeladen. Ein Anlass, das Thema noch einmal wenigstens skizzenhaft aufzugreifen.

Wie üblich bei großen Kulturveranstaltungen in Deutschland (wie sicher in ganz Westeuropa) werden religionswissenschaftliche und kritisch – theologische Themen bei der Buchmesse eher ausgeblendet. Dies ist bedauerlich, weil Religiosität und (religiöse oder atheistische) Spiritualität mindestens die „Hintergrund – Musik“ der Mentalitäten sind.

Früher, d.h. noch vor 10 Jahren, gab es eine gewisse Aufmerksamkeit wenigstens in einigen Randbereichen der Kultur am Thema Religionen in Frankreich. Ich habe z. B. von 1989 bis 2006 mindestens viermal jährlich im Saarländischen Rundfunk (Redaktion Norbert Sommer) in Halbstunden-Ra­dio­sen­dungen über Gott in Frankreich berichtet, so der Titel der Sendereihe. Heute schwindet in Deutschland im allgemeinen das Interesse an religionswissenschaftlichen und religionssoziologischen Analysen etwa über Kirchenbindungen in Frankreich und anderswo.

Es ist jedoch in meiner Sicht an der Zeit, auf die gegenwärtige Situation des französischen Katholizismus zu schauen, dabei kann ich hier nur Stichworte und Belege zum Weiterstudium bieten. Aber diese Stichworte bieten eine erste Orientierung zu dem, welche Gestalt der französische Katholizismus hat bzw. in den vergangenen 50 bis 60 Jahren hatte.

Die Begrenzung auf den Katholizismus hat absolut nichts mit Konfessionalismus meinerseits zu tun. Der Focus hier ist bedingt, dass einst, noch vor 60 Jahren, der Katholizismus in Frankreich die zahlenmäßig stärkste Religion war, französische Theologen waren noch prägend, bekannt, auch in Deutschland, und die praktischen Experimente der Kirche galten vielen als vorbildlich. Heute ist von französischen Theologen kaum noch die Rede, selbst von den viel interessanteren Religionssoziologen ist hier fast nichts bekannt. Man redet in Deutschland allenfalls über das de facto katholische, nach außen sich aber ökumenisch gebende Kloster in Taizé.

Hier also einige Schlaglichter, die weiter zu vertiefen wären, aber einen ersten Anhalt bieten. Dabei muss berücksichtigt werden, dass exakte Konfessionsstatistiken wie in Deutschland nicht in Frankreich existieren, dies ist bedingt durch die Trennung von Kirchen und Staat und die damit gegebene Privatisierung der religiösen Bindung.

Es gibt allerdings immer wieder repräsentative Umfragen zur Bindung der Franzosen an den Katholizismus und andere Religionen: 2011 veröffentlichte etwa „Harris Interactive“ eine Studie „Les Francais et Dieu“. Die manchmal problematische inhaltliche Gestaltung der Fragen bei Umfragen ist generell ein Problem, kann hier nicht vertieft werden.

Zu dieser Umfrage: 36 % erklären, an Gott zu glauben. 34% erklären, NICHT an Gott zu glauben. 30 % können sich nicht zu der Frage affirmativ klar erklären. Ausdrücklich wird betont in der Studie: 48 % der Katholiken sind sich sicher, an Gott zu glauben. Unter den regelmäßig praktizierenden Katholiken (d.h. denen, die mindestens einmal im Monat an der Messe teilnehmen) sind es 98 %, die sicher an Gott glauben…

21 % der Franzosen erklären, niemals sich die Fragen über Gott zu stellen.

Wer sich die Frage nach Gott stellt, wünscht sich ausdrücklich, mit anderen diese Frage zu debattieren, dieser Anteil beträgt 62 %! Kommentar: Die Sehnsucht nach offenen, dann wohl aber nicht streng dogmatischen Gesprächsgemeinschaften ist groß. Weiterer Kommentar: Die offiziellen Pfarrgemeinden: Können sie bei aller gewünschten Freiheit, diesen Wunsch der offenen (!) Debatte erfüllen?

IFOP, ein anderes Meinungsforschungsinstitut, hat diese Statistik veröffentlicht im historischen Vergleich:

Anteil der Katholiken 1952: 81 %; Teilnahme an Messe: 27%

1966: 80%;                                     20 %

1978: 76 %;                                    14 %

2001: 69%;                                       5 %

2010: 64 %                                       4,5 %

Die Umfrage von “WIN-Gallup International” vom August 2012 zeigt dieses Bild: 29% der Franzosen nennen sich “Atheisten”, im Jahr 2005 waren es 14%, so “Win -Gallup… Die katholische Wochenzeitung “La Vie” (Paris) berichtet am 31. 1. 2013 zusammenfassend über diese Umfrage: “Während die Zahl der Gläubigen kontinuierlich sinkt, unter 30 % geht nach anderen Umfragen, wird die wichtigste Kategorie der Franzosen, zwischen 35% und 40%, von so genannten Probalilisten gebildet, also von Leuten, für die Gott eventuell existiert”. Daraus kann man schließen: Etwa 30 % der Franzosen nennen sich in dieser Umfrage  “gläubig”, was wohl auch kirchlich bedeutet…”La Vie” bezieht sich zur Illustration dieser Verhältnisse auf die damalige französische Regierung unter Jean-Marc Ayrault:”Der Atheismus ist unter den Ministern die am meisten geteilte Strömung. 11 der 38 Minister nennen sich Atheisten, 5 nennen sich Agnostiker, nur sechs nennen sich `gläubig, aber nicht praktizierend`… Man kann darauf hinweisen, dass sich in dieser Regierung kein einziger Minister als praktizierender Christ bezeichnet”, (ebd. S. 20). Wobei gefragt werden muss: Ist der Messbesuch die deutlichste Ausprägung einer religiösen Praxis und religiösen Bindung…

Heute wird der Anteil der so genannten praktizierenden, also wenigstens einmal im Monat die Messe besuchenden Katholiken (was ist das für ein grausiges Verständnis von „Praxis“?) bei 3 bis 4 Prozent im Landesdurchschnitt angegeben. Diese Zahl nennt die katholische Wochenzeitung “La Vie” in ihrer großen Studievom 20. März 2008 (!) S. 69: 1,9 Millionen der über 18 Jahre alten Franzosen, sind als praktizierende Katholiken anzusprechen, das sind 4 %. Von dieser Gruppe der regelmäßig Praktizierenden sind 66% Frauen, 34 % Männer (bei der damaligen Gesamtbevölkerung: 48 % Frauen….)

Die Taufen in katholischen Kirchen…dies nur als eines von vielen weiteren Beispielen:

Taufen 1990: 472.000

Taufen 2012: 290.300

Sakramentale Eheschließung in einer Kirche:

1990: 147.000

2012:   70.000

Gesamtzahl der Priester:

1990: 32.300

2012: 16.800, also nach 22 Jahren hat sich die Zahl der Priester halbiert.

Über die so genannte religiöse Praxis in den unterschiedlichen Regionen und Départements, verstanden als Teilnahme an der Sonntagsmesse, ist in Frankreich seit langem viel geforscht worden. Die These ist verbreitet: Wo die Revolution besonders heftig und erfolgreich war, ist die religiöse Praxis gering. Darum ist beispielsweise heute die Teilnahme an der Sonntagsmesse in den einst „revolutionären Départements“ sehr schwach, also etwa in Aube, Marne, Cher, Yonne, Nièvre, Allier, Creuse, Corrèze, in den genannten Departements bzw. Bistümern heute oft gegen Null tendierend, etwa Creuse oder Nièvre. Das hängt auch damit zusammen, dass in diesen Départements bzw. Bistümern fast keine Priester mehr zur Verfügung stehen, und wenn, dann sind die meisten über 70 Jahre alt. Regionen, in den Katholizismus noch eine gewisse Rolle spielt: Bretagne, Elsass, Pyrenäen, Vendée.

In dem Zusammenhang wird immer wieder an die gesetzliche Trennung de Kirchen und des Staates im Jahr 1905 erinnert. Gerade in katholischen Milieus Deutschland herrscht noch immer die Verwechslung von Laicité und Laizismus, dieser verstanden als militante Form der Unkirchlichkeit vor. Diese Kreise in Deutschland wollen a priori die Laicité ablehnen, wenn sie diese als Laizismus miss-verstehen. Und dabei rühmen deutsche Katholiken in die angeblich fruchtbare Zusammenarbeit von Kirchen und Staat in Deutschland und wollen dabei nicht sehen, in welcher umfassenden Abhängigkeit die Kirchen hier vom Staat leben und leben wollen…Jedenfalls ist deutlich: Der französische Staat, geprägt von der laicité, finanziert den Unterhalt der Kirchengebäude, die vor 1905 errichtet wurden. Hinzukommt: “Mit mindestens 1,5 Milliarden Euro jährlich unterstützt der Staat die zahlreichen katholischen Privatschulen” (La Vie, 20.März 2008, Seite 74). Also auch die atheistischen Bürger etc. unterstützen auf diese Weise den Erhalt der Kirchengebäude  und die katholischen  Privatschulen, die bekanntermaßen von Kindern der konservativen oberen Mittelschicht besucht werden. Dies nur als Beispiel gegen den in Deutschland immer wieder wider besseren Wissens verbreiteten Unsinn vom “laizistischen Staat Frankreich”…

Jedenfalls war (und ist) manchmal noch die französische Kirche kreativer als die katholische Kirche in Deutschland. Das wäre eigens zu untersuchen. Ich habe früher Beispiele beschrieben. Stichwort: Arbeiterpriester (jetzt allerdings eine verschwindende Gruppe), Pluralität der Gemeinden (es gibt noch einige explizit progressive), alternative Formen des Ordensleben, etwa in Hochhäusern in der Banlieue. Und andererseits: Es gibt seit ca. 40 Jahren einen breiten Strom sehr rechtsextremer katholischer Kreise, im Umfeld der Traditionalisten von Erzbischof Lefèbvre und der Priesterbruderschaft Pius X. Die Kreise bilden in Frankreich förmlich eine Art Gegenkirche, um deren Integration ins römische System sich viele Kardinäle in Rom bemühen. Warum? Weil diese Leute nach außen fromm sind, Wallfahrten lieben, etc. und vor allem: Viele junge (aber theologisch inkompetente) Priester haben.

Dazu hat die website atheisme.org/PieX.html einen wichtigen Beitrag veröffentlicht über „Les Fascistes de la fraternité Saint Pie X“. (2005)

Interessant ist in diesem Zusammenhang als Exempel das Benediktinerkloster Les Barroux bei Avignon: Dort regierte ein reaktionäre Lefèbvre Abt, Dom Gérard, der sich dann auf Betreiben von Kardinal Ratzinger formell mit Rom versöhnte, ohne dabei die alte Ideologie aufzugeben. Und dies ist kein Einzelfall. Noch bedenkenswerter sind die vielen neuen charismatischen Ordensgemeinschaften, wie im Umfeld von Chemin Neuf, Emmanuel. Man denke daran, dass der reaktionäre Bischof von Toulon Mitglied von Emmanuel ist. Die Anwesenheit dieser neuen reaktionären Ordensgemeinschaften aus Frankreich stammend wird in Deutschland auch nicht studiert. Sber sie verbreiten sich in Deutschland (Emmanuel etc.)

Man bedenke ferner, dass die Millionen Menschen mobilisierenden Demonstrationen gegen das Gesetz von Präsident Hollande zugunsten der Ehe für alle (HOMO-Ehe) auch von den Traditionalisten stark mit getragen wurden, von den entsprechenden Instituten, wie „Civitas“. Die enormen Demonstrationen rechter und rechtsextremer katholischer Kreise ist meines Wissens in Deutschland kaum untersucht worden.

Über das rechtslastige Wahlverhalten der Katholiken, auch zugunsten von Marine le Pen, FN, habe ich berichtet. Links und katholisch: Das war einmal, vielleicht in den neunzehnhundertsiebziger Jahren (vgl. das große wichtige Buch „A la gauche du Christ“, éditions du Seuil, 2012, diese Studie hg. von Denis Pelletier und Jean-Louis Schlegel, hat kaum Aufmerksamkeit, geschweige denn Übersetzungen, in Deutschland gefunden. Ein Beispiel für den Bruch zwischen deutscher und französischer Kultur. Europa und vor allem Frankreich ist für die meisten Theologen, Religionswissenschaftler und Zeitschriften, die noch etwas mit Religionen zu tun haben, kein Thema mehr.

Dabei ist überraschend: Gerade in Fankreich, bei dieser finanziell armen Kirche, gibt es noch eine Presse, die den Namen verdient, nämlich an Kiosken zu haben ist: Wie La Croix, La Vie, Pélerin, Temoignage Chrétien, Etudes, Esprit usw. Wer in Deutschland nach Zeitschriften fragt, die irgendetwas noch mit Christentum zu tun haben, erlebt ein Nichts. Die Milliarden reiche Kirche Deutschlands ist außerstande ein kritisches und selbstkrisches Blatt an die Kioske zu bringen. Wenn das kein Getto ist. In Frankreich ist das anders. Dort sendet übrigens der Fernsehsender France 2 jeden Sonntag ab 8.30 bsi 12.00 Uhr ein umfassendes Programm, das alle großen Religionen selbst gestalten können. Und dann redet man in Deutschland von Laizismus in Frankreich…

Zum neuesten Stand der Kirche heute. Da wären viele neue Studien zu nennen. Nur ein Hinweis: Der Jesuit Marc Rastoin hat in der „La Civilità Cattolica“ (28. Jan. 2017) einen Beitrag zur aktuellen Situation des französischen Katholizismus veröffentlicht, dies ist bemerkenswert, weil diese Zeitschrift förmlich die Meinung des Papstes wiedergibt und deswegen als Parteiblatt eigentlich keinen großen wissenschaftlichen Wert hat. Trotzdem: P. Rastoin sagt: „Heute ist die französische Kirche (nur noch) unterstützt von der oberen Mittelschicht. Aus diesen wohlhabenden Kreisen kommen noch die sehr wenigen Priesterberufungen“. Die Arbeiter, die Intellektuellen, die untere Mittelschicht usw. haben sich von der Kirche völlig distanziert. „Der Katholizismus (vor allem in Paris, Versailles, Lyon usw.) gehört zu einem homogenen sozialen Milieu.

Die Katholische Kirche erlebt einen Übergang von einer beruhigten und ruhigen Mehrheit zum Status einer Minderheit“. Heute sind wohl noch 42 % der Franzosen katholisch.

Aber wenn er von der noch verbliebenen Lebendigkeit des Katholizismus heute spricht, erwähnt Pater Rastoin SJ ausgerechnet die von mir (nicht nur von mir) reaktionär bewerteten Kreise um die Demonstrationen gegen die „Ehe für alle“. Und er nennt nach alter Art, die treuen katholischen Familien (offenbar aus der oberen Mittelschicht), „die günstige Erde fürs Aufblühen der Priesterberufungen“. Was für eine Sprache… Und der Jesuit rühmt nebenbei, dass die katholischen Familien wieder viele Kinder haben…, mehr als in Polen“.

Tatsache ist:

Der französische Katholizismus scheint dem Ende zuzugehen, Zahlenmäßig: die jungen Leute haben fast keine Kirchenbindung mehr, der Gottesdienstbesuch ist extrem schwach; neue Ideen für neue Gemeinden fehlen (selbst das viel gerühmte Beispiel in Poitiers funktioniert nicht mehr richtig).

Die Kirche müsste sich also neu erfinden, kann sie aber nicht aufgrund ihrer klerikal – hierarchischen Verfassung. Das ist, so sehen es noch einige, denen die Kirche wichtig ist, das ganze Drama, wenn nicht die Tragödie der französischen Kirche. Und das Schlimme ist: Diese Tragödie müsste nicht sein, wenn denn Klerikalismus und Hierarchie aufgegeben würden und lebendige Demokartie und dogmatische Offenheit Realität wären.

Copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon.

Der Elysée Vertrag und die katholische Kirche in Deutschland

Von Frankreich nichts gelernt – Der Elysée Vertrag und die katholische Kirche in Deutschland

Ein Kommentar von Christian Modehn

Der Elysée – Vertrag (22. Januar 1963) versteht sich ausdrücklich als Freundschaftsvertrag. Er will die deutsch – französische Zusammenarbeit fördern, möchte für menschliche Begegnungen und Partnerschaften sorgen, etwa auch zwischen Schulen und Vereinen. Der Elysee – Vertrag will mit anderen Worten auch die Gesellschaft von falschen Vorstellungen und Feindbildern befreien. Deswegen ist es normal, auch die Kirchen und Religionen mit dem Thema „Elysée – Vertrag“ zu konfrontieren, sind sie doch Teil der Gesellschaft.

Sind Franzosen und Deutsche in den letzten 50 Jahren einander näher gekommen? Wurden tief sitzende Missverständnisse überwunden? Sind Freundschaften über die Grenzen hinweg entstanden? So pauschal gefragt, wird man diese Fragen als journalistischer Beobachter – 50 Jahre nach dem Elysée Vertrag – sicher positiv beantworten.

Schwieriger wird es, wenn man einen Sektor der deutschen Gesellschaft näher anschaut, z.B. die katholische Kirche in Deutschland: Haben Katholiken hierzulande von ihren französischen Freunden gelernt? Gab es Austausch, der über das muntere Feiern und kulturell „hoch interessierte“ Besichtigen (etwa von Klöstern, Gemeinden) hinausging? Hat man sich vom französischen (katholischen) Freund anregen oder verunsichern lassen im eigenen Selbstverständnis? Diese Fragen werden im Umfeld der „Elysée – Feierlichkeiten“ nicht gestellt. Darum einige Hinweise, die dokumentieren: Wirkliches Lernen in der Begegnung mit den Religionen in Frankreich fand in Deutschland offenbar nicht statt. Was französische Katholiken von deutschen gelernt haben, ist eine eigene Frage, die später beantwortet werden kann.

Aber zuerst ein Wort in eigener Sache: Die Fragen nach der konkreten Gestalt einer bestimmten Religion gehören auch zu einem weiten religionsphilosophischen Interesse. Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie etwa bietet genaue Analysen der damaligen faktischen Religionen und Konfessionen… Mit Frankreich (und mit Franzosen) verbindet mich recht viel: Ich habe als Journalist und Theologe von 1989 bis 2005 im Saarländischen Rundfunk (SR2) ca. 50 Halbstunden – Sendungen unter dem Titel: „Gott in Frankreich“ gestaltet, Redakteur war Norbert Sommer. Diese Sendungen verstand ich als Form des Dolmetschens, also des Erklärens, was jenseits des Rheins religiös lebt. Die Ausgangsthese war, die immer wieder bestätigt wurde: Religiöses Leben ist dort –vergleichsweise – vielfältiger und experimentierfreudiger als in Deutschland, das galt auch für die katholische Kirche… Außerdem habe ich 1993 das Buch „Religion in Frankreich“ (Gütersloher Verlagshaus) veröffentlicht sowie etliche Filme für die ARD über die katholische Kirche in Frankreich realisiert, u.a. zwei Halbstundenfilme über Bischof Jacques Gaillot (in Evreux, dann nach der Absetzung durch den Papst im imaginären Wüstenbistum Partenia) oder über eine Gemeinde in Ivry, in der Banlieue von Paris, geleitet von der „Mission de France“ (2005).

Aufgrund dieser und vielfältiger anderer Arbeiten über die Religionen, vor allem den Katholizismus, in Frankreich, versuche ich anlässlich der Erinnerungen an den Elysée – Vertrag (22.1. 1963) zu dokumentieren: Ein echter Dialog, im Sinne der Lernbereitschaft zwischen der katholischen Kirche in Frankreich und der in Deutschland ist öffentlich nicht sichtbar geworden, obwohl doch gerade der Elysée – Vertrag gesellschaftliche Kräfte mobilisieren wollte, offen dem „anderen“ zu begegnen und lernbereit aufeinander zuzugehen.

Es gab bescheidene Initiativen, die auf den (finanziellen) Austausch setzten, wie die Aktion „Contact Abbé“, vor allem in Speyer: Sie war entstanden, um dem (finanziell) äußerst bescheiden lebenden französischen Klerus beizustehen. Tatsächlich erhalten französische Priester und Bischof einheitlich ein Gehalt, das dem Mindestlohn entspricht, momentan etwa 1.000 Euro monatlich.

Aber der Eindruck herrscht vor: Es gab immer – auch nach dem Elysée – Vertrag – eine starke Abwehr in katholischen Kreisen Deutschlands, das französische Modell von Kirche als Anregung zu diskutieren und wahrzunehmen. Immer lief es auf die Behauptung hinaus: Die französische Kirche ist ganz anders, da gibt es nichts zu lernen. Vor allem in grundlegenden Fragen der Kirchenfinanzierung gab und gibt es eine heftige Abwehr in führenden katholischen Kreisen: Da wird die Kirchensteuer wie ein hochheiliges Gut verstanden und verteidigt, und man bedauert eher die französische Kirche, ohne Kirchensteuer auskommen zu müssen. Das Vertrauen ins (viele) Geld ist hierzulande so stark, dass man gar die heutige offenkundige  Schwäche französischer Theologie auf die schlechte finanzielle Ausstattung zurückführt. Dabei sieht man nicht, dass von 1950 bis 1975 viele französische katholische Theologen weltweit hoch angesehen waren, wie Pater Chenu oder Pater Congar: Auch sie lebten bereits in einer „armen“, kirchensteuerfreien Kirche: Die Gründe für die Produktivität der Theologie ist eher in einem Klima der Freiheit zu suchen; dieses gibt es im katholisch – theologischen Raum bekanntlich nicht (mehr)…

Jedenfalls haben viele maßgebliche Beobachter in Deutschland nie wahrnehmen wollen: Die französische Kirche und der französische Klerus wünschen für selbst ausdrücklich kein anderes Modell der Kirchenfinanzierung als über Spenden, also ohne Kirchensteuer. Die Priester und Theologen wollen heute die Gesetze der Laicité (1905), also die Gesetze, die die Trennung von Kirchen und Staat formulieren, beibehalten. Dabei wurden diese Gesetze im Laufe der Jahre weiter entwickelt, meist zugunsten der Kirche: Staatspräsident Sarkozy sprach etwa von einer „milden“, reformierten laicité: Aber bis jetzt verbietet es sich der französische Staat, dass religiös geprägte Vorstellungen unmittelbar staatliches Gesetz werden. D.h. es herrscht nach wie vor ein gewisser Abstand, manchmal Misstrauen, zwischen der Regierung und der Kirche. Man trifft sich zum Dialog, verbietet sich aber wechselseitiges Sich Einmischen. Es wurde in Deutschland nie darüber im positiven Sinne diskutiert, ob nicht dieser „skeptische“ Abstand für die ganze Gesellschaft und den Staat hilfreich ist: Die katholische Kirche mag ja ihre eigenen Gesetze und eigenen religiös motivierten ethischen Vorstellungen haben. Aber diese dürfen niemals allgemeines Gesetz für alle werden (angesichts der religiösen Pluralität und des zunehmenden Atheismus eigentlich eine Selbstverständlichkeit). Es wäre an der Zeit, auch in Deutschland dieses Modell der laicité in Frankreich unverstellt zu diskutieren…

Gerade beim Thema Kirchensteuer wurde und wird auf deutscher Seite auch immer rühmend und stolz kundgetan, dass die Kirchensteuer doch ein viel besseres kirchliches Leben ermögliche. Dabei ist z.B. die Statistik der Teilnehmer an den Messen etwa im Kirchensteuer finanzierten Köln oder im kirchensteuerlosen Paris praktisch identisch, vor allem, was die Teilnahme jüngerer Menschen angeht. Auch die Milliarden Kirchensteuereinnahmen in Deutschland machen die Gottesdienste nicht „attraktiver“ und „voller“; die reiche  deutsche Kirche ist genauso erfolgreich bzw. erfolglos wie die arme französische. Diese Erfolglosigkeit beider Modelle hat offenbar nicht so sehr mit der Geldmenge zu tun, sondern mit der heute mangelnden geistigen Offenheit, der offiziellen römischen Abweisung von Freiheit, der Bindung an Dogmatismen usw.

Dabei wird auch übersehen, dass es zumindest bis ca. 1990 zahlreiche Initiativen in Frankreich gab, die weltweit als wegweisend empfunden wurden: Etwa die Arbeiterpriester und die Ordenskommunitäten, vor allem von Frauen, die mitten in der Stadt, oft unter den Armen, leben und den Alltag der Menschen (Ausländer usw.) teilen. Diese „typisch französischen Experimente“ wurden in Deutschland nicht aufgegriffen. In Frankreich lebten im Jahr 2000 etwa 500 Arbeiterpriester, in Deutschland 20. Es wurde hierzulande auch übersehen, dass es in Frankreich den lange Jahre andauernden Versuch gab (und gibt), neue, moderne Gemeindeformen einzurichten, mit einer Gleichberechtigung der Laien, demokratischen Leitungsstrukturen usw. (etwa die Gemeinden St. Merri in Paris oder die Chapelle St. Bernard in Paris). Es wurde in Deutschland niemals als Anregung wahrgenommen, eine halbwegs offene und wenigstens halbwegs objektive katholische Presse zu gestalten, die auch am Kiosk „für alle“ erreichbar ist, wie etwa La Croix (Tageszeitung) oder La Vie (wöchentliches Magazin) in Frankreich. Und das funktioniert ohne Kirchensteuer! Die Experimente neuer Kirchenmusik (Sylvanès etwa mit Pater Gouzes OP) wurden in Deutschland nicht wahrgenommen; es wurde kaum gesehen, dass gerade die Klöster in Frankreich Ortes des Gesprächs mit so genannten Nichtglaubenden sind. Man interessierte sich in Deutschland etwas für das Modell der Gemeindeleitung durch Laien im Erzbistum Poitiers, aber man war in Deutschland doch schnell mit dem Urteil: „Das passt doch für Deutschland nicht“. Man hat gern den vom Papst abgesetzten progressiven Bischof Jacques Gaillot eingeladen, aber seinen Ansatz einer Solidarität mit Menschen in größter Not (les sans papiers etwa) nicht übernommen. Es ist bezeichnend, dass viele Bischöfe, allen voran Kardinal Meisner, mehrfach Redeverbot für Bischof Gaillot erteilt haben. Ein Zeichen deutsch – französischer Freundschaft? Ein Zeichen dafür, den anderen als anderen zu respktieren? Die meisten Gemeinden beugten sich der autoritären Willkür Meisners, dieses „Herren der Kirche“, die Laien gingen jedenfalls nicht auf die Barrikaden.

Kurzum, es wurde viel gesprochen über den Katholizismus in Frankreich, aber es blieb so zusagen bei der Neugier, um nicht zu sagen beim interessierten Geplauder. Von wirklichen Lernschritten also keine sichtbare Spur. Mag ja sein, dass der eine oder andere mal privat einen Text von Pater Chenu gelesen hat…

Zusammenfassend kann gesagt werden: Im Bereich der katholischen Kirche in Deutschland hat der Elysée Vertrag, als Einladung zu tieferer Kenntnis und Freundschaft, keine Wirkungen gezeigt.

Und heute steht die französische katholische Kirche sozusagen ohne ésprit da: Die modernen, progressiven Ansätze sind fast verschwunden oder wurden gar verboten. Auch in Frankreich nimmt die Zahl reaktionärer Bischöfe stetig zu, man denke etwa an das Bistum Fréjus – Toulon, wo sich alle nur denkbaren äußerst konservativen „neuen Bewegungen“ sammeln. Längst sind die meisten jungen Priester mit den neokonservativen Bewegungen (Charismatiker, Communauté St. Jean usw.) verbunden: Das bis ca. 1985 noch pluralistische Gesicht des französischen Katholizismus ist zuungunsten von Gleichförmigkeit und Strenge und Dogmatismus verschwunden. „Ein trauriger Zustand“, sagt etwa der frühere Pfarrer von St. Eustache in Paris, Gérard Béneteau in seinem lesenswerten, sehr realistischen Buch „Journal d un curé de Ville“, Fayard, Paris 2011. So darf man wohl mit gutem Grund sagen: Die progressiven Kreise wurden ausgegrenzt, sie wurden ermüdet, durch immer neue Verbote in die Resignation getrieben, mundtot gemacht (Kardinal Lustiger von Paris hat darin enorme „Verdienste“, er hat das konservative, autoritäre Gesicht der französischen Kirche bestimmt, beinahe wöchentlich weilte er bei Papst Johannes Paul II). Die am Konzil noch lebhaft interessierten Kreise führen jedenfalls heute ein marginales Dasein, sind ohne Einfluss. Die traditionsreiche linke und progressive Wochenzeitung Témoignage Chrétien wird jetzt noch einmal wiederbelebt. Es gibt einige Klöster als Treffpunkte der Progressiven; es gibt die progressiven „Reseau du Parvis“, eine Bündelung kleiner Gruppen; immerhin gibt es noch die konsequent aufklärerischen Publikationen von „GOLIAS“ (Lyon): Aber die sind so unbeliebt in offiziellen Kreisen, dass selbst die große und angesehene Buchhandlung „La Procure“ in Paris die Golias Zeitschriften nicht mehr verkauft (vor einigen Jahren waren sie wenigstens noch als sogen. Bückware, ganz unten im Regal unsichtbar plaziert). Es breitet sich – wie überall im Katholizismus – eine Angst vor der Freiheit aus.

So bleibt als Gesameinschätzung: Die katholische Kirche in Frankreich ist jetzt auch von Angst besessen, sperrt sich ein, sie verliert deswegen immer mehr kreative Mitglieder. Iin manchen Regionen, wie in Centre, Burgund oder im Limousin, wird das kirchliche Leben in den nächsten 20 Jahren fast ganz verschwinden, weil dann praktisch alle Priester ausgestorben sind und niemand mehr zur Kirche geht. Die Diskussionen um den Pflicht – Zölibat, seit 1960 Dauerthema französischer Theologen, wurden von Rom, später auch von den Bischöfen, abgewürgt. Jetzt sehen diese rigoros dogmatischen Bischöfe, wie sie alsbald fast die einzigen Priester in ihren Bistümern sein werde (siehe etwa die ehrlich und mutigen Äußerungen des Bischofs von Moulins). Auch der Niedergang der französischen Kirche ist sozusagen amtlich verursacht.

Zu lernen gibt es jetzt also eigentlich nicht mehr viel, höchstens, was die Verwaltung des Niedergangs angeht. Natürlich: Einige Klöster halten sich tapfer, sind offen und einladend, und manch ein Pfarrer bemüht sich um moderne Verkündigung. Aber diese kleinen Kreise (zu denen immer noch die hoch interessante und wegweisende „Mission de France“ gehört) sind alles andere als tonangebend. Es herrscht der raue Wind des Autoritären. Und ein Frühling ist nicht in Sicht.

Copyright: Christian Modehn