Artikel mit Stichwort ‘ religiöser Glaube bei hollande ’



Präsidentschaftswahlen in Frankreich: Welche Religion pflegen die Kandidaten

22. April 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Frankreich 2012: Was glauben die Präsidentschaftskandidaten?

Von Christian Modehn     Ergänzung vom 23.4. 2012 nach der Ersten Wahlrunde: Die sogen. praktizierenden Katholiken, also die einmal im Monat an der Messe teilnehmen, so die franz. Definition,  haben überwiegend Rechts und Mitte gewählt, so „Harris“ heute. Für Sarkozy haben 47%  der praktizierenden Katholiken gestimmt (26,9 % aller Franzosen), für Hollande (Sozialist) hingegen nur 14 % ( 28,7 unter allen Franzosen). Die rechtsextreme Marine le Pen erhielt von praktizierenden Katholiken immerhin 15 % (18,5 % Landesdruchschnitt), alle Katholiken zusammengenommen, also auch die gelegentlichen Mess- Besucher, sind es tatsächlich 20 %. Die Warnungen der Bischöfe vor Le Pen nützen offenbar nicht sehr viel. Le Pen und Front National sind also unter „normalen Katholiken“ sozusagen „normal“ geworden. Man muss wissen, dass die regelmäßig praktizierenden Katholiken mehrheitlich der älteren Generation angehören. Sie wünschen keinen Wandel, sie sehen nichts Problematisches bei Sarkozy wie es viele andere tun, jüngere und Gebildetere Franzosen vor allem. Bezeichnend: Für die Grünen (Madame Joly) stimmten 2 % der Katholiken.  Erfreulich bleibt in unserer Sicht, dass immerhin 17 % der praktizierenden Katholiken für Bayrou gestimmt haben, einen Christen, der die Laizitität voll ernst nimmt und schätzt.

 

Es ist eine der Grundlagen der französischen Kultur, dem einzelnen nahezulegen, über den persönlichen Glauben an Gott eher diskret zu schweigen. Religion ist Privatsache, das ist der Geist, der seit der Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 herrscht.

Durch Nicolas Sarkozy ist ein gewisser Wandel eingetreten. Er hat in seinem Buch „Die Republik, die Religionen und die Hoffnung“ (2004, Paris, éditions du cerf) von seiner Bindung an die katholische Kirche öffentlich gesprochen, aber eingestanden, dass er nicht regelmäßig “praktiziert“, also an der Messe teilnimmt. Wegen seiner offenen Liebe zum Katholizismus (nicht unbedingt zur katholischen Morallehre und der katholischen Soziallehre, siehe hier etwa seinen entschiedenen Willen, störende Ausländer, etwa Sintis und Roma, aus Frankreich zu vertreiben) wurde er dreimal (!) von Papst Benedikt XVI. empfangen. Er hat als (wiederverheiratet – geschiedener) Laie sogar den Titel eines „Ehrenkanonikus der Lateranbasilika“ vom Papst Benedikt empfangen (da interessierte sich der Papst nicht so stark wie sonst für die ( in seinem Sinn) eher zweifelhafte moralische Existenz der Wiederverheiratet Geschiedenen). Als Dank für die päpstliche Ehrung sagte Sarkozy: Die Priester seien wichtiger für die Ethik als die Lehrer an staatlichen Schulen. Sarkozy sorgte dafür, dass die Studien – Abschlüsse der katholischen Privatuniversitäten – wie des Institut Catholique in Paris – auch staatlich anerkannt werden. Sarkozy will die Laizität verändern zugunsten einer für die Kirche „positiven Laizität“. An dem Beispiel zeigt sich, was auch für den Vatikan „Kirchen- Diplomatie“  bedeutet.

Gegen die Instrumentalisierung des Glaubens durch einen Politiker wehrt sich mit Nachdruck ein Präsidentschaftsandidat, dem die Öffentlichkeit seinen authentischen Glauben tatsächlich seit Jahren schon abnimmt: Es ist Francois Bayrou von der Partei der Mitte „Modem“. Er ist ein Verehrer des Schriftstellers Charles Péguy oder der Philosophin Simone Weil und des katholischen Pazifisten Lanza del Vasto. Trotz seiner tatsächlichen, offen bekannten religiösen Praxis wehrt sich Bayrou, die bestehenden Gesetze der Laizität, also der Trennung von Kirche und Staat, zugunsten der Kirche verändern. Im Verlag Albin Michel (Paris 2010) erschien zu dem Thema das Buch „Les politiques ont- ils une ame?“, also : Haben die Politiker eine Seele? Um der Laizität willen kritisierte er etwa, als in Frankreich zum Tode Papst Johannes Paul II. die Flaggen auf Halbmast gesetzt wurde;  er war dagegen, dass im Projekt einer Verfassung der Europäischen Union der christliche Glaube als eine Wurzel erwähnt werden soll. „Es gibt die eine Ordnung, die des Gesetzes, und es gibt eine andere Ordnung, die des Glaubens“ heißt sein – typisch französisches, aber darüber hinaus sympathisch – richtiges – Motto.

Auch die Kandidatin des rechtsextremen Front National Marine Le Pen, bekennt sich als Katholikin, allerdings mit der Einschränkung, sie sei eine „catholique de parvis“, also eine Katholik eher auf dem Vorplatz vor der Kirche. Sie erinnert aus taktischen Gründen – gegen die Muslime ! – immer wieder an die christlichen Wurzeln Frankreichs. Weil nur die Priester der Piusbruderschaft diese Positionen unterstützen, sonst der Klerus und die Bischöfe aber eher gegen Le Pen sind, empfiehlt die rechtsextreme Kandidatin: Die Priester sollten sich aus der Politik heraushalten und „in der Sakristei bleiben“.

Ausdrücklich „atheistisch – tolerant“ präsentieren sich Nathalie Arthaud von der trotzkistischen Lutte ouvrière (LO) und Philippe Poutou, von der Neuen antikapitalistischen Partei (NPA). Wobei Poutou durchaus sozial engagierte Katholiken schätzt, etwa Mitarbeiter von EMMAUS, dem Sozialwerk, das Abbé Pierre gestiftet hat. Nathalie Arthaud (Professorin für Ökonomie) bekennt: “Der Mensch hat Gott geschaffen und die Götter nach seinem Bild, und nicht umgekehrt!“

Über ihre religiöse Bindung äußert sich fast gar nicht Francois Hollande (PS): In einem Buch aus dem Jahr 2002 „Ceux qui croient au ciel…  („Diejenigen, die an den Himmel glauben und diejenigen, die nicht an ihn glauben“)  hingegen gesteht er, doch überzeugt zu sein, das Gott nicht existiert. Er verteidigt den Geist der Aufklärung und des Rationalismus, gibt aber zu, dass der Glaube an ein höchstes Wesen eine „gewisse Erleicherung verschaffte und verschafft“. Hollande wurde in Rouen in einem Pensionat mit dem Namen „la Salle“ „christlich“ erzogen.

Auch der recht populäre linke Kandidat Jean – Luc Mélenchon (Front de Gauche) weigert sich über seinen religiösen Glauben ausführlich zu sprechen. „Der Glaube betrifft einzig und allein nur mich selbst“, sagte er. Er wehrt sich gegen die –angebliche ? – Rekonfessionalisierung der Republik unter Sarkozy. Im März 2011 gestand Mélenchon, einst Messdiener gewesen zu sein, „zu einer Zeit, als man die Messe noch auf Lateinisch las“. Er war früher auch Journalist bei der christlichen Wochenzeitung „La Voix Jurassienne“…

Also, ganz können selbst die über Religiöses Schweigsamen doch nicht darauf verzichten, gelegentlich religiös etwas zu plaudern.  Die neugierige Öffentlichkeit will halt bedient werden.

Auch die Kandidatin der „Grünen“, Eva Joly, hat sich auf die Bibel bezogen, als sie inbesondere das 8. Gebot  (der „10“) in den Mittelpunkt ihres Interesses stellte: „Ich verachte die Lüge, wer auf die Bibel schwört und dann ein falsches Zeugnis gibt, hat weder Respekt vor sich selbst noch vor seinem Gesprächspartner“. Sie legte in einem Interview mit La Vie allen Nachdruck darauf, „für das Gemeinwohl zu arbeiten“.

Der Kandidat der Partei „Debout la République“, Nicolas Dupont – Aignan, gibt sich als „Katholik seit meiner frühen Kindheit“. Er hatte Verständnis, sich einige sehr konservative Katholiken schockiert zeigten über das Theaterstück von Romeo Castellucci, das von „Integristen“ auch als blasphemisch gedeutet wurde. Sie kämpften für das Verbot des Theaterstücks in Paris.

Jacques Cheminade steht der „la Rouche“ Bewegung nahe.

 

 

Copyright: Christian Modehn Berlin

Der Artikel verdankt etliche Informationen dem empfehlenswerten Sonderheft der Zeitschrift LA VIE (PARIS) mit dem Titel „Les Présidents et Dieu“.  2011.