Artikel mit Stichwort ‘ Schleiermacher feiert Weihnachten ’



“Sucht die Religion in euch selbst”. Friedrich Schleiermacher

12. Januar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Philosophen und Theologen, selbst wenn sie verstorben sind, so sind sie nicht tot: Ihr Denken lebt weiter. Von dieser Voraussetzung ausgehend habe ich mehrere „Salon – Abende“ mit Philosophen und Theologen fürs Radio (RBB) gestaltet. Die „Berühmtheiten“ treffen auf Zeitgenossen, die ihre Stellungnahmen, „O TÖNE, beitragen. Diese etwas „surreale“ Form soll bei Hörern und Lesern Interesse an der Philosophie und (philosophischen) Theologie wecken.
Der folgende Text bezieht sich auf eine Sendung zu Schleiermacher, die Radio – Sendung lief am 26. 12. 2010 im RBB. Das hier vorgestellte Manuskript ist etwas ausführlicher als die Radiosendung.

„Sucht die Religion in euch selbst“
Ein theologischer Salon im Hause Friedrich Schleiermache
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Von Christian Modehn

„Schleiermacher langweilt nie. Zu jedem Thema weiß er was Neues zu sagen. Das liegt daran: Er hatte Künstlerfreunde, die ihn inspiriert haben, er war in den Salons, den Berliner Salons zu Hause…“, sagt die Theologin Miriam Rose über Schleiermacher.
In seiner Wohnung wird der Dialog über religiöse Fragen fortgesetzt. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität Berlin meint:
„Die Religion wächst in einem jeden Menschen Herz. Das was, Religion im Grunde unserer menschlichen Seele ist, ist gerade das, was uns in der einen Menschheitsfamilie miteinander verbindet“.
Und Martin Schuck, Theologe in Speyer, gibt zu denken:
„Das Unendliche bedeutet, dass ich etwas gelassener werden kann, weil ich als Mensch weiß: Ich bin nicht alles. Es gibt eine Dimension, wo ich mich aufgehoben wissen kann, die nicht vom Urteil anderer Menschen abhängt“.

Romantische Klänge des vielseitig begabten E.T.A. Hoffmann eröffnen den Salon im Hause Schleiermacher. Diese Musik fördert die innere Sammlung, lässt vielleicht das Göttliche ahnen. Mit dieser musikalischen Einstimmung überrascht der Theologe Friedrich Schleiermacher seine Gäste bei sich zu Hause, in der Taubenstraße, im Zentrum Berlins. Schleiermacher war an der Universität Unter den Linden von 1801 bis zu seinem Tod im Jahr 1834 Professor für evangelische Theologie. Er genießt auch als Philosoph, Pädagoge und Übersetzer hohes Ansehen. Bescheiden im Auftreten und klein von Gestalt, überzeugt er durch die Weite seines Denkens, zumal bei den gebildeten Bürgern; sie schätzen ihn als Prediger an der Dreifaltigkeitskirche. Schleiermacher blickt eine Weile freundlich in die Runde, dann sagt er:
„Es sind nicht fromme Pietisten oder gehorsame Kirchenvorstände, sondern normale Mitbürger, die meine Theologie mögen. Sie wissen: Ich plädiere für eine Religion ohne dogmatische Enge. Die Religion gehört zu unserem Leben, sie macht es tiefer und schöner“.
An seinem großen Tisch haben die Gäste inzwischen Platz genommen; es ist ein großer Kreis, solche Runden Schleiermacher sehr. Er ist ein geselliger Mensch, dem die Freundschaft alles bedeutet. Von den Gästen sind Miriam Rose und Karl Rahner aus München angereist. Sie sind Theologieprofessoren wie auch Werner Zager aus Worms und Martin Schuck aus Speyer. Wilhelm Gräb arbeitet als Theologie – Professor an der Humboldt Universität, er ist ein besonderer Freund Schleiermachers. Auch der Philosoph Peter Sloterdijk willkommen geheißen. Und dann weist Schleiermacher noch auf zwei Gäste, die sich bescheiden an in einer Ecke niedergelassen haben:
„Auch zwei Bischöfe sind unter uns: Der Lutheraner Karl Gustav Hammar aus Schweden und der Katholik Jacques Gaillot aus Frankreich“.
Schleiermacher bittet seinen Freund Wilhelm Gräb das Thema des heutigen Salons zu umschreiben:
„Religion ist ein Vollzug der Einkehr des Menschen in sich selbst. Wobei eben dann diese Fragen auftreten nach dem Woher und Woraufhin des eigenen Lebens, nach dem Grund, in dem ich selbst unbedingt gründe und von dem ich mich gehalten und getragen wissen kann auch in den Krisen des Lebens, die ich machen muss“.
Der Gastgeber nickt bedächtig, während er ein großes rundes Landbrot auf den Tisch legt. Butter, Käse und Schinken stehen schon bereit. Es hat sich in den Berliner Salons längst herumgesprochen: Kulinarische Überraschungen darf man im Hause Schleiermacher nicht erwarten. Schließlich muss der Gastgeber für eine große Familie sorgen … und sparsam ist er außerdem. Nebenbei sagt er:

„Mein Appetit ist recht gut, ich habe schon einen langen Tag hinter mir. Wie üblich bin ich um 5 Uhr früh aufgestanden, denn – kaum zu glauben – um 6 Uhr habe ich schon meine erste Vorlesung gehalten. Und vor Mitternacht komme ich ja nie ins Bett. Irgendwie hält mich die Religion immer wach und lebendig. Sie hat ja nichts mit der Erfüllung eines langen Katalogs von Pflichten und Geboten zu tun. Sie ist das Lebensgeheimnis, das ich das Unendliche nenne“.
Mit diesen Worten erinnert Schleiermacher an seine Kindheit und Jugendzeit. 1768 in Breslau geboren, wuchs er als Sohn eines Pfarrers in einem konservativ – frommen, pietistischen Milieu auf. Den Gott der Bibel, mal strafend und gütig, dann wieder lieb und zornig, verehrte man ohne Vorbehalte.
„Ich habe aber schon als junger Mann gesagt: Wir müssen denkend glauben; wir sollten verstehen, was alte religiöse Bilder heute bedeuten. Ich lehne aber den platten theologischen Rationalismus ab. Der macht aus Gott einen Gegenstand, man will Gott in nüchteren Begriffen einsperren. Wo bleiben denn da unsere Gefühle?“
Miriam Rose will diesen Gedanken gleich noch vertiefen:
„Das ist ein höchst modernes Konzept von Religion, nämlich Religion einzig und allein von dem Gefühl des einzelnen her zu verstehen. Er hat es genannt: Frömmigkeit ist das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit von Gott. Es war für ihn ein Innewerden des ganzen, ungeteilten Daseins. Also Gefühl ist mehr als eine Stimmung, es ist etwas, was einen ganz und gar bestimmt“.
Martin Schuck findet den typisch Schleiermacherschen Begriff der „schlechthinnigen Abhängigkeit“ des Menschen von Gott sprachlich missraten und deswegen gewöhnungsbedürftig… Aber wichtig sei der Gedanke trotzdem:
„Also das religiöse Bewusstsein lebt bei Schleiermacher davon, dass es einen Sinn und Geschmack für das Unendliche gibt und das bezeichnet er später dann in der Glaubenslehre als eine schlechthinnige Abhängigkeit. Er kann ohne diese Dimension des Unendlichen im Grunde nicht leben. Für Schleiermacher ist Abhängigkeit von Gott durchaus etwas Positives. Für ihn wäre es im Gegenteil schlimm, wenn es diese Abhängigkeit von Gott nicht gäbe, weil der Mensch dann auf sich selbst gewiesen wäre und dann würde ihm etwas Entscheidendes fehlen“.
Schleiermacher liebt die Momente, wenn mitten im Gespräch Ruhe eintritt und das Denken sich sammeln kann. Besonders provozierende Einsichten kann er dann sanft und liebevoll formulieren:
„Wir Menschen brauchen Muße und Geduld, um uns mit einer zeitgemäßen Form von Frömmigkeit vertraut zu machen: Die alte abstrakte Theologie ist vorbei. Mit meinen eigenen Vorschlägen sprenge ich die alten dogmatischen Gewissheiten. Deswegen liebe ich ja die Musik, weil sie mich auf das Wesen der Religion verweist: Wie die Musik als Hintergrund unseren ganzen Alltag begleiten kann, so ist auch das religiöse Gefühl ständig in unserem Leben präsent.
Wenn wir unsere echten religiösen Gefühle spüren, also diesen Übergang vom Greifbaren und Weltlichen in den anderen, den transzendenten Bereich, wenn wir die Enge des Alltags überwinden, dann passiert das Entscheidende. Wir werden in das Unendliche hineingeführt. Ich spreche noch gar nicht vom Christentum, sondern von den vielfältig gelebten Religionen“.
Ein Gedanke, den Professor Peter Sloterdijk recht sympathisch findet. Er ist als Philosoph der religiöse Skeptiker in Schleiermachers theologischem Salon. Wenn die Transzendenz eher unbestimmt und offen bleibe, so meint er, dann hätten streng konfessionell geprägte
Fanatiker oder viele von religiösem Wahn Erfasste keine Chancen, ihr fix und fertiges Gottesbild anderen Menschen aufzudrängen. Das Plädoyer Schleiermachers für die offene Transzendenz und das unergründbare Geheimnis fördere also die Toleranz, meint Peter Sloterdijk:
„Das Feld der Transzendenz ist das Feld dessen, was für uns Geheimnis bleibt, was wir nicht ganz durchdringen, was wir noch nicht sind. Transzendenz ist ja auch eine Metapher für das, was wir noch werden können. Das Feld der Transzendenz umfasst die Poesie, es umfasst die Kunst, es umfasst die Summe dessen, was die Wissenschaften noch nicht wissen, und worauf sie sich mit immer kunstvolleren Formen des Vermutens beziehen. Das heißt, unser Sinn für Transzendenz bleibt nicht unbeschäftigt, auch in Zeitläufen, in denen das religiöse Fieber wieder sinken sollte, was sehr zu hoffen ist. Denn aus diesen Überhitzungen des religiösen Bedürfnisses erwächst nach allen historischen Erfahrungen nichts Gutes“.
Die Gäste im Hause Schleiermacher greifen eher nebenbei mal schnell zu den belegten Schnitten und genießen den feinen Bordeaux. Ihnen ist längst klar geworden: Ihr Gastgeber ist vom Geist der Romantik geprägt. Aber darf man die Romantik pauschal als „abgehoben“, versponnen und irreal verdächtigen? Warum sollte denn ein Mensch mehr recht haben, für den nur das kalt rechnende Kalkül gilt oder die Begrenzung auf ein wissenschaftlich angeblich völlig durchschaute Natur? Romantiker wie Schleiermacher sind vielleicht sogar besonders mutige Theologen, wenn sie alle Religion, auch allen Glauben, im Bewusstsein des einzelnen begründen wollen, wenn sie sich gegen alles sture Einpauken von Glaubenstatsachen wehren. Schleiermacher wendet sich den beiden Bischöfen zu:
„Ich denke, das ist doch jetzt ein schöner Moment, wo die Herren Bischöfe, trotz Ihrer Bescheidenheit, doch einmal Ihre Perspektiven formulieren sollten“.
Zunächst will der Gast aus Schweden sprechen. Karl Gustav Hammar ist der Alt – Erzbischof von Uppsala, der sich gern „moderner, Theologe“ nennt: „Ich meine, unsere Spiritualität ist nicht kirchlich geprägt; die Leute sind nicht mehr kirchlich gebunden. Aber sie sind doch spirituell. Die Kirche ihrerseits muss betonen: Nicht die Beziehung zur Kirche als einer Institution ist wichtig. Entscheidend ist die Verbindung mit der Tiefe unserer Wirklichkeit. Darüber muss man öffentlich sprechen: Die Kirche muss in dieser Situation ein Partner sein, nicht jemand, der die Lösungen und die Antworten parat hat. Wir müssen die Leute nicht „erwecken“, sondern mit ihnen zusammen unterwegs sein“.
Die ganze Zeit hat der katholische Bischof Jacques Gaillot aus Paris seinen protestantischen Kollegen mit großen Augen angeschaut. Immer wieder hat er zustimmend genickt. Schließlich praktiziert auch er diese Offenheit; zusammen mit einigen Freunden ein katholisches Glaubensbuch der besonderen Art herausgegeben. „Wir haben uns gesagt: Es ist wichtig, dass wir einen Katechismus gestalten, der nicht dem üblichen Schema von Fragen und Antworten folgt. Wir hingegen wollen helfen, Sinn vermitteln, Ratschläge zu geben, sagen, was wirklich wichtig ist. Eine kleine Gruppe von Frauen und Männern hat dieses Buch verfasst, als Einladung an die Leser, gemeinsam zu suchen und nachzudenken. Wir geben keine definitiven Antworten, wir wollen einen Blick auf die Zukunft öffnen. Darum gehen wir grundsätzlich von konkreten Erfahrungen von Männern und Frauen aus. Wir wollen diese Menschen begleiten und nicht beurteilen“.

Bischof Gaillot wurde wegen seiner theologisch wie politisch progressiven Ansichten vor fast 20 Jahren vom Papst als Bischof von Evreux in der Normandie abgesetzt; den Titel Bischof durfte er behalten, seine offene Glaubenshaltung ließ er sich nicht nehmen.
Katechismen sollten das Fragen fördern, die Suche, die Leidenschaft fürs spirituelle Leben, bemerkt Schleiermacher voller Zustimmung. Dann wendet er sich dem anderen Katholiken in der Runde zu, dem Theologen und Jesuiten Karl Rahner. Trotz aller Ausgrenzungen durch die römische Glaubensbehörde betont er immer wieder: Die Basis aller christlichen Religion sei nicht das Dogma, sondern die Gotteserfahrung in jedem einzelnen: „Diese Gotteserfahrung ist nicht das Privileg einzelner Mystiker, sondern in jedem Menschen gegeben. So etwa, wenn der Mensch plötzlich einsam wird, wenn alles einzelne wie in eine schweigende Ferne hinein sich zurückzieht und darin auflöst. Wenn alles fraglich wird, wenn die Stille =dröhnt=, eindringlicher als der übliche Alltagslärm. So etwa, wenn man plötzlich unerbittlich seiner Freiheit überantwortet erfährt, die das ganze Leben umgreift. Man müsste so von der Freude, der Treue, der letzten Angst, der Sehnsucht, die alles einzelne überfordert sprechen, von der Erfahrung des Schönen, die lautere Verheißung dessen ist, was noch künftig ist“.
Die protestantischen Kollegen sind begeistert über so viel ökumenische Gemeinsamkeit. Aber die Frage bleibt: Wie können Christen bei aller Wertschätzung der individuellen religiösen Erfahrungen die vorgegebene traditionelle christliche Glaubenslehre verstehen? Miriam Rose hat einen Vorschlag: „Darauf kam es Schleiermacher an, dass Christen in den Dogmen, in den christlichen Lehren, auch in den biblischen Aussagen, ihr eigenes Gefühl formuliert finden, dass sie entdecken, das ist ja das, was ich fühle, das ist ja das, was mich in meinem religiösen Erleben ausmacht“.
Die kirchliche Lehre, auch die Bücher der Bibel, sind also nicht als heilige Schriften vom Himmel gefallen. Sie sind auch nicht vom lieben Gott diktiert worden. Sie sind vielmehr Ausdruck religiöser Erfahrungen früherer Generationen. Die biblischen Texte etwa des „Neuen Testaments“ finden besondere Wertschätzung, denn sie sind schon historisch gesehen eng verbunden mit der Person Jesu von Nazareth. Auch die großen christlichen Feste, wie zum Beispiel Weihnachten, müssen mit der Gefühlswelt der Menschen verbunden sein, ein Anliegen, dafür setzt sich Wilhelm Gräb ein: „Wir feiern an Weihnachten die Geburt Gottes auf dem Grunde der eigenen Seele. Und das in Anlehnung an Angelus Silesius: Und wärest du tausendmal geboren, du Gotteskind, und nicht in mir, so blieb ich ewiglich verloren. Also diese Geburt des Heilandes, diese Geburt des Gottmenschlichen auf dem Grunde der eigenen Seele, das ist es, was wir an Weihnachen feiern. Wir feiern die Menschwerdung Gottes, die Menschlichkeit Gottes, dass wir als diese Menschenwesen, die wir in diese Welt hineingeworfen sind, nicht nur ein Zufallsprodukt der Natur und Geschichte sind, sondern dass wir uns uns gehalten und getragen wissen können auch in den Krisen des Lebens“.
Wilhelm Gräb weist auf ein kleines Buch Schleiermachers hin. „Die Weihnachtsfeier“ ist der Titel. Natürlich geht es darin nicht nur um lieb gewonnene Traditionen, wie Christbaum und Lametta oder um das Festessen und die Geschenke. Spirituelle Impulse sind genauso wichtig. Am Ende des Textes schreibt Schleiermacher: „Meine Freude heute zu Weihnachten kann ich wie ein Kind nur lächelnd und jauchzend ausdrücken: Alle Menschen sind mir heute wie Kinder und sie sind eben darum so lieb. Ihre Augen glänzen und leben. Und es ist eine Ahnung eines schönen und anmutigen Daseins in ihnen. Auch ich bin jetzt ein Kind geworden … zu meinem Glück“.
Friedrich Schleiermacher mag Weihnachtslieder genauso wie andere Choräle; etliche hat er früher selbst fürs Evangelische Gesangbuch verfasst. Er summt die Melodie zuerst noch mit, dann sagt er: „Die singende Frömmigkeit ist es, die am geradesten und
herrlichsten zum Himmel aufsteigt“.
Zum Weihnachtsfest erinnern sich viele Leute auch an die überlieferten religiösen Begriffe ihrer Kindheit: „der Retter wird gefeiert“, „der Heiland ist geboren“. Schleiermacher ermuntert seine Gäste, diese uralten Worte doch einmal neu zu übersetzen oder verständlich zu umschreiben. Mirjam Rose verweist auf Vorschlag ihres Gastgebers, den traditionsreichen Begriff des „Gott – Menschen Jesus Christus“ neu zu verstehen: „Das hat jetzt Schleiermacher versucht so umzuformulieren, dass es modernen Menschen verständlich wird. Er hat gesagt: Was Jesus Christus auszeichnet, ist, dass er beständig sich Gottes bewusst war. Das ist das Göttliche an ihm; dass in allen seinen Lebensvollzügen war ihm bewusst, dass er in Abhängigkeit von Gott steht. Die Frömmigkeit war nicht, was mal auftauchte und mal wieder verschwunden ist, sondern hat alle Lebensvollzüge begleitet und hat ihn ganz und gar bestimmt“.
Der Theologe Martin Schuck ist von diesem Gespräch unter Freunden ganz begeistert, er möchte an dieser Stelle unbedingt sagen, was denn die Christen im Salon Schleiermachers vereint: Es sei die großzügige, die tolerante und deswegen „liberale“ Theologie.“Natürlich gibt es ein Profil liberaler Theologie, und dieses Profil besteht darin, dass man den Menschen ernst nimmt mit seinen religiösen Fragen und versucht Dinge, die dem heutigen Menschen vielleicht mit einer traditionellen Sprache nicht mehr klar zu machen sind, auf einer anderen Sprachebenen auszusagen. Man versucht die Inhalte zu retten zugunsten einer erneuerten Darstellung“.
Aber diese liberale Theologie ist trotz des hoch verehrten Friedrich Schleiermacher längst keine Selbstverständlichkeit in den Kirchen. Wilhelm Gräb legt wert darauf, dass auch diese Probleme benannt werden: „Mir ist nach wie vor eine Denkungsart in der Kirche allzu verbreitet, wo man sich auf Wahrheitsbesitz beruft. Und behauptet, etwas zu haben, was den anderen zu geben sei. Man setzt nicht voraus, dass die Leute schon haben, worum es eigentlich geht, wenn sie in die Kirche kommen. Dass sie ihre Religion mitbringen, ihren Glauben oder auch ihre Zweifel, ihren Nichtglauben, und dass es im Grunde nur darum geht, darüber ins Gespräch zu kommen, was da ist und was die Leute mitbringen“.
Eine solche offene Haltung kann im Alltag manchmal Nerven kosten. Friedrich Schleiermacher war z.B. gar nicht so erbaut, als seine Frau längere Zeit esoterische Geheimlehren hochschätzte. Aber er hat es ihr nicht auszureden versucht, geschweige denn verboten, freundschaftliche Kontakte mit einem Hellseher und Anhänger des „Magnetismus“ zu pflegen. Er wollte zudem nicht als eifersüchtig sein, hatte doch mehrfach geschrieben: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“.
Wilhelm Gräb meint sogar, für einen liberalen Theologen ist Großzügigkeit eine Art Hauptgebot: „Schleiermacher war nicht der Meinung, dass man durch eine normativ auftretende kirchliche Verkündigung oder durch eine normativ auftretende theologische Lehre dagegen vorgehen sollte, sondern dass es Gelegenheiten zu schaffen gilt zu religiöser Kommunikation, zur Verständigung über das, was sie religiös bewegt und beschäftigt“.
Aber geht es denn den liberalen Theologen tatsächlich immer nur um die Innerlichkeit, um die spirituellen Erfahrungen? Wie wichtig sind ihnen denn politische und soziale Fragen? Schleiermacher hat sich für die Ideen der Demokratie stark gemacht und sogar die Französische Revolution verteidigt mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. In feierlichen Ton wendet sich Schleiermacher an seine Gäste: „Jetzt seufzen Millionen Menschen, Frauen und Männer, aus allen Ständen unter dem Druck mechanischer und unwürdiger Arbeiten. Das ist die Ursache, warum sie den freien und offenen Blick nicht gewinnen. Es gibt kein größeres Hindernis für die Religion als dieses, dass wir unsere eigenen Arbeits – Sklaven sein müssen. Denn ein Sklave ist jeder, der etwas verrichten muss, was nur durch mechanisches Tun geleistet werden kann“.
Gesellschaftskritische Töne, verbunden mit dem Eintreten für politische Reformen, das sind wesentliche Elemente einer modernen, einer „liberalen“ Theologie, meint Werner Zager: „Ich sehe also da keinen Hinderungsgrund, dass sie nicht gesellschaftspolitisch auch wirksam sein kann. Gerade wenn man sich orientiert an der Gestalt Jesu von Nazareth, jetzt nicht diesen Jesus meint kopieren zu müssen, aber die Impulse, die von ihm ausgehen, dann produktiv aufnimmt. Und so war es nicht zufällig eben der liberale Theologe Albert Schweitzer, der sich gewandt hat gegen die Atomversuche, und der auch einen Beitrag geleistet hat, dass es auch zum Moskauer Abkommen gekommen ist und wo er sich in Nachfolge mit Albert Einstein gesehen hat“.
Für die Salon – Teilnehmer ist es keine Frage: Auch liberale christliche Gemeinden, offen und undogmatisch im Sinne Schleiermachers, sollten sich für umfassenden Frieden und für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Das gelingt aber nur, wenn die Gemeinden im Geiste Schleiermachers Orte des unzensierten Gesprächs werden, betont Wilhelm Gräb: „Und so hat er sich deshalb auch Kirche vorgestellt, im Grunde als einen Ort eines religiös – geselligen Verkehrs, religiös geselligen Miteinander Umgehens, und in Austausch kommen über das, was einzelne als religiöse Erfahrung meinen gemacht zu haben. Und er sagt, dass das uns religiös Bewegende etwas ist, was uns auch menschlicher sein und werden lässt. Keine Mission mit dem Hammer! Und ihm schwebte eben eine offene Kirche vor, des Dialogs“.
Und diese offene Kirche darf sich nicht ängstlich von Menschen abgrenzen, die sich Nichtglaubende, Konfessionsfreie oder Atheisten nennen: „Wenn man auf der Linie Schleiermachers die Frage nach dem Atheismus angeht, dann stößt einem sofort ins Auge, dass für ihn die Rede vom Glauben als einem Glauben an Gott im Sinne einer objektiven, gegenständlich fassbaren metaphysischen Größe ein nicht nach vollziehbarer Gedanke war. Sondern er hat gesagt: Ich glaube, dass ich mich unbedingt gegründet wissen kann, unbedingt gehalten wissen kann. Und auf dieser Basis würde ich auch heute versuchen, mit denen ins Gespräch zu kommen, die sich Atheisten nennen. Also sie nicht davon zu überzeugen, dass es doch auch für sie besser wäre, an einen Gott zu glauben. Sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen, über das, was ihnen selbst wichtig ist im Leben. Vielleicht sogar unbedingt wichtig ist im Leben, woran sie ihr Herz hängen, was ihrem Leben ein Ziel gibt und sie darin bestärken“.
Schleiermacher will da unbedingt etwas ergänzen: „Sie haben vollkommen recht. Aber dieser Austausch mit Menschen, die sich Ungläubige oder Atheisten nennen, findet doch in den Gemeinden fast gar nicht statt. Sie werden immer mehr zu geschlossenen Zirkeln von Frommen, von Leuten, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben“.
Werner Zager hält dagegen: Immerhin gäbe es doch in seinem Umfeld Gespräche zwischen Christen und Naturwissenschaftlern, missionarische Absichten gäbe es da nicht, sondern Lernbereitschaft:
„Schöpfungsglaube zeichnet sich ja nicht dadurch aus, dass wir bestimmte Vorstellungen der biblischen Schöpfungsberichte eins zu eins jetzt für wahr halten, sondern es kommt eben darauf an, dass wir Schritt halten mit dem Erkenntnisfortschritt in der Naturwissenschaft. Die Vorstellungen wandeln sich im Laufe der Zeit und so müssen wir versuchen, auch die Vorstellungen vom Urknall mit dem Schöpfungsglauben in Verbindung zu bringen, d.h. dass hinter diesem ganzen evolutiven Geschehen doch eine göttliche Macht steht, wie auch immer das im einzelnen dann zu denken ist“.

Schleiermacher blickt seine Gäste an: „Es ist Zeit aufzubrechen. Abschied nehmen heißt ja immer, dass wir Vertrautes verlassen und neuen Zielen entgegen streben. Gilt das nicht auch für alle überlieferten Glaubensformen? Ist Glauben nicht wesentlich Bewegtsein, Lebendigsein? Darf ich Martin Schuck vielleicht um ein zusammenfassendes Schlusswort bitten?“ Der Theologe aus Speyer sagt: „Der Sinn und Geschmack für das Unendliche, das ist, finde ich, für die heutige Zeit ein wunderbarer Satz, der sagt: Mensch, denk immer dran, es gibt eine Dimension, die für dich unverfügbar ist und die du immer mit bedenken musst, in deinem Handeln“.

Literaturhinweise:
Friedrich Schleiermacher, Reden über die Religion. Reclam Stuttgart, 6 Euro.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer praktischen Theologie gelebter Religion. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 206 Seiten, 19, 95 Euro.

Hermann Fischer, Friedrich Schleiermacher. Becksche Reihe, München 2001, 168 s. 12,50 Euro.

Jacques Gaillot, Ein Katechismus, der Freiheit atmet. Edition K.Haller. Zürich 2004. 16 Euro.

Catechismus van de Compassie. (Katechismus der Mitgefühls, in Holland 2010 erschienen), Uitgerverij Skandalon, Vught, Holland. Für alle, die Niederländisch lesen können, ein inspirierendes Buch „liberaler“ Theologie.