Mit Walter Benjamin denken

Am Freitag, den 14. Juli 2017, hatten wir wieder einen religionsphilosophischen Salon veranstaltet, diesmal über einige Aspekte im Denken Walter Benjamins. Äußerer Anlaß war der 125. Geburtstag Benjamins am 15. 7. Wir sagten uns: Ein solchermaßen inspirierender Philosoph sollte wenigstens eine ganze Woche er- innert werden. Darum verlängern wir den Hinweis auf Walter Benjamin bis zum 22. Juli.

In diesem Beitrag finden Sie:

Einige einführende und inspirierende Hinweise von Christian Modehn zu den Geschichtsphilosophischen Thesen von 1940.

Einen Hinweis auf eine Radiosendung aus der Reihe “Lange Nacht” des Deutschlandfunks über Benjamin.

Einen Hinweis von Christian Modehn zu einigen noch weiter zu diskutierenden Aspekten im Denken Benjamins.

Sowie einen Hinweis zur Namensgebung und architektonischen Gestaltung des Walter Benjamin Platzes in Berln.

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Zu einigen Aspekten im Denken Benjamins: Anlässlich des Abends über Walter Benjamin am 14. 7. 2017

Von Christian Modehn

1.

Es gilt die Einladung, die Denkbilder Benjamins mit-nach-zudenken und selbst eigene Denkbilder zu schaffen, d.h. zu notieren.

Beachtlich seine Aphorismen:

– Der Ernährer aller Menschen ist Gott. Und der Staat ihr Unterernährer.

-Menschen suchen das ewige Reisen. Sie sind Melancholiker, da sie die Berührung mit der Muttererde (zu Hause) scheuen….

-Oder man lese das „Kaiserpanorama“, etwa:

Die Leute haben ihre Privatinteressen an erster Stelle, folgen aber dem Massentrend. Oder:„Die Freiheit des Gespäches geht verloren….unabwendbar drängt sich in jede gesellige Unterhaltung das Thema… des Geldes“

Im ganzen sieht Benjamin: Die Menschen wollen das alte, längst verlorene Leben starr erhalten, sehen nicht die Gefahren; es gibt eine Ohnmacht, einen Verfall des Intellekts.

2.

Zu den Thesen Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ (1940!) :

Es gilt Benjamins Ablehnung der Fortschritts-Ideologie zu sehen.

Die Ablehnung der gleichwertig dahin laufenden historischen Ereignisse.

Es gilt sein Plädoyer für den kairos, das „Jetzt“, wahrzunehmen als den Augenblick in der Not der Geschichte. Dann werden Momente aus der Geschichte „herausgebrochen“, die jetzt hilfreich sind.

Es gilt, die messianischen (d.h. die erlösenden) Momente in der Geschichte wahrzunehmen: “Die Elemente des Endzustands liegen nicht als gestaltlose Fortschrittstendenz zutage, sondern sind als gefährdetste Schöpfungen und Gedanken tief in jeder Gegenwart eingebettet.” (Benjamin)

Es gilt, das „Eingedenken“ wieder einzuüben. Das ist mehr als Erinnern. Im Ein-gedenken wird die Vergangenheit nicht als Fernes erlebt, sondern es werden „hilfreiche Momente“ wahrgenommen.

PS: Diese Thesen gelten auch im Blick auf die eigene Lebensgeschichte?

3.

Zum Begriff der „Aura“ aus dem Aufsatz : „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936):

Aura ist eine intensive und auf das jeweilige Objekt bezogene einmalige Qualität. In der Aura zeigt sich ein Gegenstand unnahbar, nicht besitzbar, einmalig, beinahe heilig. Ein solcher gegenstand kann nicht in Massen technisch reproduziert werden.

Ein Beispiel, Benjamin nennt auch die späteren Arbeiten van Goghs: In dem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit sagt Benjamin: „An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.“ Das Gedicht Spaziergang von Rilke für dieses lyrisch wirkende Beispiel, dort lautet der erste Vers:

„Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an —“….Rainer Maria Rilke: Spaziergang, 1925

Sehr interessant der Unterschied zwischen einer Spur (etwa auf einem Weg) und der Aura einer Sache: In dem unvollendendetem Passagenwerk stellt Benjamin Aura und Spur gegeneinander: „Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft; in der Aura bemächtigt sie sich unser.“

Durch seinen besten Freund Gershom Scholem lernte Walter Benjamin die jüdische Mystik der Kabbala kennen:

Astrid Nettling sagt in einer Sendung für den Deutschlandfunk (http://www.deutschlandfunk.de/walter-benjamins-engel-der-geschichte-ein-sturm-weht-vom.2540.de.html?dram:article_id=345151)

4.

=Von “heiligen Funken” spricht die jüdische Mystik, die Kabbala. Es sind dies kleinste Spuren göttlichen Lichts, die bei jener Urkatastrophe, dem “Bruch der Gefäße”, zusammen mit den Scherben über die ganze Welt zerstreut wurden. Diese “heiligen Funken” befinden sich überall, in belebten und unbelebten Dingen, selbst in härtestem Trümmergestein und warten nur darauf, aufgehoben und erlöst zu werden. So lautet es in einem kabbalistischen Text=:

Es gibt nichts, was keine Funken enthielte. Darum muss sich der Fromme all dessen erbarmen, nämlich wegen der darin befindlichen Funken, damit er sich seiner heiligen Funken erbarmt.”

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Zur Architektur des Walter Benjamin Platzes und zur Namensgebung:

Der Walter Benjamin Platz

Gebaut von Hans Kollhoff 1999 – 2001.

Hinweis auf eine Studie von Verena Hartbaum: Der Walter-Benjamin-Platz.  Materialien zur Decodierung

Darin wird der Vorwurf an den Architekten Hans Kollhoff bearbeitet, er zitiere in seiner Bauweise faschistische Architektur, entsprechende Bild- Dokumente aus dem Italien Mussolinis sind der Studie, die im Internet verfügbar ist, beigegeben.

Hier nur so viel:

Der Platz jetzt wirkt für viele zu einheitlich, fast monoton, alles aus Granit, Marmor, Sandstein… bietet 109 Wohnungen.

Ein wichtiger Hinweis: Als Kontrast zu dem linken Philosophen Walter Benjamin: Das in den Boden eingelassene Zitat von Ezra Pound, dem Dichter, der eher auch Mussolini nahe stand. Dazu am Ende dieses Beitrags.

Die Autorin Verena Hartbaum schreibt in ihrer oben genannten Studie:

„Mit der fiktiven Gegenüberstellung von Walter Benjamin und Ezra Pound vor der Kulisse einer dem italienischen Faschismus nahe stehenden Bebauung treffen denkbar krasse Gegensätze aufeinander. Es ist zu bezweifeln, dass die beiden Schriftsteller sich gemocht hätten. Pound wandte sich schon in den 20er Jahren einem nationalen Denken zu, woraus später sein Einsatz für den italienischen Faschismus resultierte. Der deutsch-jüdische Schriftsteller Benjamin wandte sich gegen die Ästhetisierung des Politischen durch den Faschismus, 1940 nahm er sich auf der Flucht an der spanisch-französischen Grenze das Leben. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, ob Pound und Benjamin vom Werk des jeweils anderen Notiz genommen haben. Hans Kollhoff schreibt dazu: “Das ist ja das Schöne an der Konfrontation von Walter Benjamin und Ezra Pound, die persönlich ja nicht stattgefunden hat, dass man daran hypothetische Behauptungen knüpfen kann, die nicht selten ein grelles Licht werfen auf die fatale Geschichte des vergangenen Jahrhunderts“

Zur Namensgebung des Platzes: „Während sich für den beidseitigen Bautypus schon während der Bauzeit die Bezeichnung „Leibniz-Kolonnaden“ allgemein durchgesetzt hat, geschieht die Benennung des zuvor namenlosen Areals in „Walter-Benjamin-Platz“ auf einen Antrag der Fraktionsmitglieder der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf Marc Schultes und Gisela Meunier innerhalb der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf. Zur Alternative stehen der Name „Alexander-Mendelssohn-Platz“ als Favoriten der Charlottenburger CDU, sowie die Bezeichnung „Leibniz-Kolonnaden“ im Interesse des Investors 15. Die SPD setzt sich im April 2000 16 durch, den Platz nach dem Philosophen

und Schriftsteller Walter Benjamin zu benennen. Der Architekt Kollhoff hätte statt des Zusatzes „Platz“ lieber den Zusatz „Kolonnaden“17 gehabt“.

Fußnoten 15

Vgl. „Ladenpassage heißt nach Walter Benjamin“, Berliner Zeitung Online

, 01.04.2000

(gesehen: Mai 2012)   aus dem Text der Berliner Zeitung, gelesen am 13. 7. 2017: Der Investor hätte den Namen Leibniz-Kolonnaden auch für den Platz bevorzugt. SPD und Grüne setzten sich durch, den Platz nach Walter Benjamin zu benennen. Der Berliner Schriftsteller und Essayist lebte jahrelang an der Carmerstraße und machte sein Abitur in einer Schule am Savignyplatz. (mp.) – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/16228976 ©2017

Fußnote 16

Drucksache der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg von Berlin, X V.

Wahlperiode, Antrag bzgl. Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg vom 15.02.1999 (von der Autroin gesehen im Dezember 2011)

Fußnote 17

Vgl. „Italienisches Flair in den Kolonnaden“, Berliner Zeitung Online

, 12.05.2001 (von der Autorin gesehen: Mai 2012)

Quelle: Verena Hartbaum. Der Walter-Benjamin-Platz. Materialien zur Decodierung

http://a42.org/fileadmin/_img/download/Stud_arbeiten_oeff/Disko_26_-_Der_Walter-Benjamin-Platz.pdf

Zu dem SPRUCH von Ezra Pound: Berliner Zeitung, Beitrag von H D Kittsteiner, am 8.1. 2003: Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/bei-usura–kleine-erkundungen-auf-dem-grossen–walter-benjamin-platz–hauptsache-geruehmt-16715358

Aus dem Beitrag von Kittseiner in der Berliner Zeitung:

….Ein Vers also von Ezra Pound ist in das gequaderte Gepflaster eingelassen. Man findet ihn nicht leicht; er ist nicht auffällig. Es ist auch nicht vermerkt, dass es sich um einen Vers von Pound handelt. Hat man den Stein einmal gefunden, so stutzt man und liest: “Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.” ….. Usura . lat. “Wucher”. Es handelt sich um die Anfangszeilen des berühmten Usura-Canto Nr. XLV von Ezra Pound, also des “Gesangs vom Wucher, Nr. 45”, veröffentlicht 1936. Und dieser Stein mit dem Vers darauf besagt: Wanderer, schau her! Hier sind die Häuser von gutem Werkstein, hier sind die Quadern wohl behauen und fugenrecht, hier gliedert sich die Stirnfläche zum Muster. Hier war Hans Kollhoff am Werke. Oder ist alles ein Eingeständnis des Scheiterns? Wollte der Architekt uns sagen: Unter der Vorherrschaft des “Wuchers” (mit diesem Begriff bezeichnete Ezra Pound den Kapitalismus) konnte ich nur dieses Machwerk zu Stande bringen; hier war es nicht möglich, mit gutem Werkstein eine Fassade zu gliedern. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/16715358 ©2017