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Eine humanistische Religion: Die „Theophilanthropen“ in Frankreich

27. Mai 2013 | Von | Kategorie: Forschungsprojekte

Eine humanistische Religion: Die „Theophilanthropen“ in Frankeich – Vorläufer liberalen Christentums?
Ein Hinweis auf ein Forschungsprojekt
Von Christian Modehn

Warum ist es interessant, heute an einen Kultus, eine Religion, zu erinnern, die, wie alle Religionen, von Menschen „geschaffen“ wurde, aber nur 5 Jahre in Frankreich offiziell als solche existierte, von 1796 bis 1801? Diese Religion, dieser Kultus, war unter der direkten Zielsetzung verbreitet worden, am Ende der gewalttätigen Revolution für eine ethische Erneuerung unter der Bevölkerung zu sorgen. Es gab also einmal den Versuch, von unten, von der Basis aus, also von Nicht – Theologen und aufgeklärten Bürgern her, eine neue Religion zu stiften, die sich ausdrücklich als eine humanistische Religion verstand. Sie wollte „elementare Tugendlehre“ pflegen und verbreiten sowie den Respekt für die Menschenrechte mit der Verehrung Gottes verbinden, „ohne Priester und Dogmen“, wie die Initiatoren ausdrücklich sagten. Die beiden Elemente, Gott und Mensch, im Namen der Theophilanthropie werden in der „Philia“, der Freundschaft, verbunden. Es geht um die elementare Freundschaft Gott wie den Menschen gegenüber. So kompliziert und künstlich der Name „Theophilanthropie“ auch klingen mag: Es sollte eine einfache, überschaubare, von der Lehre her nicht komplizierte Religion gestaltet werden, durchaus tauglich und hilfreich für den bürgerlichen Alltag, an den sich die Menschen nach den blutigen Wirren unter Robespierre wieder gewöhnen sollten. Darum wurde auch besonders die tägliche Gewissenserforschung empfohlen als zentrale Verpflichtung der Mitglieder. Das Bewusstsein, dass ohne Moral kein staatliches wie privates Leben gelingen kann, sollte gepflegt werden, in einer Zeit, die gerade den Terror und das maßlose Abschlachten von Verdächtigen und „Feinden“ erlebt hatte; dabei war ja nicht immer klar, wer heute Herrscher und morgen schon Feind sein werde. Diese ethische Erneuerung wurde offenbar nicht mehr der von der Mehrheit unterstützten katholischen Kirche zugetraut. Sie war ohnehin gespalten in republikanische Geistliche und „widerspenstige“ Feinde der Revolution; viele Kirchengebäude waren zerstört, viele Klöster vernichtet.
Das Interesse an der theophilanthropischen Religion ist also heute von der Frage geleitet: Kann es gelingen, eine humanistische Religion zu „etablieren“ und als Orientierung zu empfehlen? Vielleicht kann diese Religion auch als bescheidene Vorläuferin gelten für ein liberales, humanistisches Christentum? Darüber müsste noch weiter geforscht werden. Michel Baron gibt einen Hinweis: Er bezeichnet in seinem Buch „Les Unitariens“ (L Haramattan, Paris 2004, Seite 70) die „Theophilanthropen als Liberale (Christen)“, diese Liberalität gehe soweit, schreibt er, dass sie damals auch Atheisten in ihren Reihen aufnahmen. Die Originalität dieser neuen Religion liegt auch in der absoluten Toleranz: Die Theophilanthropen verurteilen keine andere Religion noch attackieren sie eine Konfession. Sie betrachten alle Religionen als eine „Parzelle“ der Wahrheit“.

Zum historischen Hintergrund:

Es gab jedenfalls seit 1795 verschiedene Versuche, über neue religiöse Organisationen auch Alternativen zum Katholizismus (bzw. auch zu dem in Frankreich minoritären Protestantismus) aufzuzeigen. Félix Le Pelletier etwa schlägt einen neuen „sozialen Kult“ vor, durchaus verbunden mit dem Verehrung eines Höchsten Wesens, die Robespierre so wichtig war – als Kritik an dem „heidnischen Spektakel“ des Kultes der Göttin Vernunft. Daubermesnil schlägt andererseits einen „Kult der Anbeter“ vor: Die Frommen sollten sich schlicht und dankbar dem Schöpfer gegenüber verhalten. Im Département Yonne (Burgund) möchte Benoist – Lamothe einen Kult entwickeln, der die Basis verschiedener Religionen vereint, im Zentrum sollte die Anerkennung Gottes und die Pflege der bürgerlichen Tugenden (bei großer Hilfsbereitschaft für Notleidende) stehen. In der Stadt Sens nennt er diese neue Religion den „Kult französischer Christen“.
Die hier genannten Versuche fanden eine gewisse Bündelung und dann auch überregionale Verbreitung in der Theophilanthropie: Sie geht vor allem auf Jean – Baptiste Chemin – Dupontès zurück und auf Valentin Haüy (der sich für den Unterricht von Blinden einsetzte). Chemin (geboren um 1760) hatte wohl einige Zeit Theologie studiert, bevor er sich zum Beruf des Buchhändlers entschloss. Während der Revolution stand er in Verbindung mit Abbé Fauchet, der später republikanischer Bischof in Calvados wurde und den Aufbau einer national – katholischen Kirche verteidigte. Chemin publizierte 1796 sein Buch, das „Manuel“, das den ersten wichtigen Impuls gab, die religiöse Gesellschaft der Theophilanthropen zu gründen.
In dem Institut für die Blinden in Paris, geleitet von Valentin Haüy, fand denn auch der erste Gottesdienst im Januar 1797 statt. Besondere Unterstützung erfuhren die Theophilanthropen durch ein führendes Mitglied de Direktoriums, Louis Marie de La Révellière – Lépeaux. Er hat diesen Kult gefördert, um auf diese Weise auch die katholische Kirche zu bekämpfen; er wollte ihn sogar zur neuen Staatsreligion erheben. Aber seine Kollegen im Direktorium wollten mit einer neuen Staatsreligion nicht die Atheisten vor den Kopf stoßen…
Ein zweites Handbuch, „Manuel“ der Theophilanthropie, hatte noch mehr Erfolg in Paris und einigen Departements. Darin wurde für eine vernünftige Religion („sie ist dem Menschen innerlich und angeboren“), für eine vernünftige (deistische) Verehrung Gottes plädiert, immer in Verbindung mit der Ausbildung einer humanistischen Moral. Es gibt nur zwei Dogmen für die Theophilanthropen: Die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele.

Zur Praxis:

Der Kult wurde an den Feiertagen und freien Tagen (es waren ja die Sonntage abgeschafft, jeder zehnte Tag galt als Feier Tag) meist in katholischen Kirchen gestaltet. Da musste man sich einigen: Der eine Teil des Gotteshauses diente der katholischen Liturgie, der andere der theophilanthropischen Versammlung. Allein in Paris wurden 18 Kirchen sozusagen doppel – konfessionell genutzt, wie St. Roch, St. Merri usw. 1797 wurde berichtet, es gebe nur 12 Kantone im Département Seine ohne eine theophilanthopische Gesellschaft. Andere Départements, wie Yonne, hatten viele entsprechende Zentren. In der Stadt Sens soll es mehr Theophilanthropen als Katholiken gegeben haben. In vielen anderen Städten sind sie präsent: In Poitiers, Angers, Blois, Troyes, Dijon, Nimes usw.
In den Gottesdiensten wird zuerst der „göttliche Vater der Natur“ angerufen, dann folgt ein Moment der Stille für die Gewissenserforschung, dann wird ein Vortrag geboten, auch schlichte Hymnen – moralischer Erbauung – werden gesungen. Die Prediger, allesamt „Laien“, tragen einen blauen Anzug und einen Gürtel in der Farbe rosa.
Die verantwortlichen Leiter der religiösen Versammlungen stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, es sind keineswegs nur Intellektuelle oder Schriftsteller, die sich da engagieren. Zu den Anhängern zählten ehemalige (jetzt verheiratete) Priester, aber auch radikale Religionskritiker sowie Bauern oder Handwerker. Die Gestaltung der Liturgien ist sehr schlicht. Nur einige Blumen schmücken den Raum, etwas Obst wird auf einen Tisch, einen „Altar“, gestellt als „Dank an den Schöpfer“; es gibt in den Liturgien keine Bilder, keine Statuen usw. Francois Furet und Denis Richet schreiben in ihrer Studie „Die Französische Revolution“ (Fischer – Taschenbuch 1987, Seite 598): „Am Dekadi (also dem 10., dem freien Tag in der neuen Zeitstruktur CM) kann der katholische Pfarrer in der oft von Theophilanthropen beanspruchten Kirche nur noch die Frühmesse lesen, und er ist noch dazu verpflichtet, alle katholischen Embleme zu entfernen und zu verhüllen, bevor er den Priestern der Republik, also den Verantwortlichen der Theophilanthropen, das Feld räumt“.
Die Theophilanthropen bildeten keine Massenbewegung, aber es waren doch einige tausend Familien, die sich auf diesen Versuch einer neuen Frömmigkeit mit strengen ethischen Verpflichtungen einließen. Es wurden auch schlichte rituelle Handlungen anlässlich von Geburt, Eheschließung oder Bestattung angeboten. Dabei galt das Dogma: „Der Tod ist der Beginn der Unsterblichkeit“.
Für die Zeremonien in den Kirchen wurden „moralisch erbauende“ Texte ausgewählt, wobei neben die Bibel gleichberechtigt Texte von Philosophen, etwa von Sokrates oder Cicero und Seneca gestellt wurden; sogar Verse aus dem Koran wurden verlesen. Historiker wie Francois Furet haben darauf hingewiesen, dass die Grundsätze der Theophilanthropen weithin den Grundsätzen der Freimaurer – Logen entsprachen. Allerdings hatte der Kult dieser neuen Religion nichts Esoterisch – Abgeschlossenes, Geheimnisvolles wie der interne Kult der Logen. Nur in der Überzeugung von dem deistisch gedachten Gott der Aufklärungsphilosophie kamen beide, Logen und Theophilanthropen, überein.

Aber, wie gesagt, eine Massenbewegung wurden die Theophilanthropen nicht– intellektuell waren sie zu anspruchsvoll und in ihren schlichten Riten nichts für barocke Gemüter. Viele Franzosen waren trotz der revolutionären Wirren eben doch, wenn auch eher diffus, katholisch geblieben und liebten weiterhin ihre Heiligen, die Prozessionen, die Mysterien der Messe mehr als die aufgeklärten moralischen Ansprachen der Theophilanthropen. „Die örtlichen Gewalttaten der von Sansculotten betriebenen Entchristianisierung haben die herkömmlichen Formen des Glaubenslebens nicht ausrotten können“ (so Furet/Richet, a.a.O., s 594.) Hinzukam, dass die Abschaffung des alten Kalenders mit dem Sonntag als dem freien Feiertag überaus künstlich und willkürlich wirkte und deswegen auf breite Ablehnung stieß. Die Verbindung der Theophilanthropie mit dem neuen Kalender war für diese Initiative alles andere als hilfreich. Es gab unter den führenden Mitgliedern des politisch entscheidenden „Direktoriums“ eine breite antiklerikale Tendenz, sie bediente sich für diese politischen Zwecke der Theophilanthropie. Hinzukam noch, dass der verfassungstreue Teil des Klerus, der sich also zur Republik offen bekannte, „den Augenblick gekommen sah, eine neue (demokratisch gestaltete französische) Kirche für die Dauer zu organisieren“ (Furet / Richet, a.a.O., S. 594). Besonders aktiv war hier Bischof Henri Grégoire, der schon als einfacher Pfarrer „unermüdlich sich um ein Miteinander von Revolution und Christentum bemüht hatte“ /Furet / Richet). Diese „mit der Republik“ versöhnten Priester und Bischöfe sahen in den Theophilanthropen eine Konkurrenz. Abbé Gregoire wandte sich noch im Jahr 1800 an die Diözesansynode in Bourges und wies dort darauf hin, dass die theophilanthropische Religion –in seiner Sicht – doch weit verbreitet sei, sogar in den Niederlanden oder Italien. Sie „bedrohe“ als „alternative Spiritualität“ durchaus den Katholizismus, also auch den mit der Republik versöhnten.

Das Ende

Letztlich hat sich dann – von Napoléon so gewollt – doch die alte, romtreue, undemokratische und antirepublikanische und selbstverständlich antirevolutionäre Kirche durchgesetzt… Schon im Jahr 1800 wandte sich Papst Pius VI. gegen den „neuen Kult“, vor allem verdammte er die Nutzung katholischer Kirchen, er nannte die Aktivitäten der Theophilanthropen eine schändliche Profanierung.
Mit der neuen Religionspolitik unter Napoleon wurden die Theophilanthropen 1801 verboten, sie passten als „freie Association“ nicht mehr in eine politische Landschaft, die Pluralität der Religionen nur sehr begrenzt zulassen wollte. 1801 drangen Gegner der Theophilanthropen z.B. in die Kirche St. Gervais in Paris ein und verhinderten so weitere Feiern dieser Religion (so Michel Baron, a.a.O:, S 75).
Mit dem Verbot dieser „vernünftigen Religion“ der Theophilanthropen ist dann auch eine Alternative verschwunden, eine aufs Wesentliche begrenzte und ethisch orientierte Religion gegenüber den konservativ – dogmatischen Strömungen zu etablieren. Es setzte sich mit aller Macht der konservative Katholizismus durch: Joseph de Maistre, der reaktionäre Vordenker, ist da eine Schlüsselfigur. Er meinte, das Religiöse im streng katholischen Sinne und das theokratische Element lassen sich aus den Nationalideen des französischen Volkes nicht beseitigen. Schon ab 1801wurden die katholischen „congrégations“ wieder – belebt, die sich nicht nur um caritative Hilfe, sondern vor allem um klassisch – katholische Belehrung und Mission bemühten. „Die Militanz der dann genesenden Kirche vergiftete die französische Nation“, bemerkt der Soziologe Wolf Lepenies in seinem umfangreichen Buch „Saint- Beuve“, „man musste devot sein, um einen Posten zu bekommen, und ein Kirchgänger, wenn man seine Stellung behalten wollte. Jeder Ehrgeizige musste sich im katholischen Gottesdienst sehen lassen…Die große Zeit der Heuchelei brach an“.(S. 325). Später wurden die Reformvorschläge des liberal – katholischen Priesters Félicité de Lamennais verfolgt und unterbunden; Lamennais hatte in seinem Buch „Paroles d un croyant“ für den liberalen Katholizismus plädiert, das Buch wurde von Papst Gregor XVI. im Jahr 1834 verurteilt. 1854 verstarb Lamennais als exkommunizierter Priester, er wurde ohne jede religiöse Zeremonie in einem Massengrab auf dem Friedhof Père Lachaise schnell unter die Erde gebracht. So wurden liberale Katholiken behandelt und ausradiert.
An diese hier nur angedeutete weitere Entwicklung der katholischen Kirche in Frankreich muss erinnert werden, will man überhaupt die Bedeutung der Theophilantropie, verstehen: Sie war der kurze Versuch, auf der Höhe der philosophischen Erkenntnisse eine elementare und damit durchaus immer entwicklungsfähige Form der Spiritualität zu praktizieren, von Menschen, die eben nicht der Heuchelei verpflichtet sein wollten, sondern versuchten, ihrem eigenen Gewissen zu folgen.
Es gab Versuche, die Ideen der Theophilanthropie wieder aufleben zu lassen. Henri Carle etwa gründete 1829 die „Alliance religieuse universelle“, aber sie konnte sich nicht mehr durchsetzen. Dass einige Ideen der Theophilanthropen heute in den wenigen liberalen und freisinnigen christlichen Gemeinden fortleben, darauf weist Michel Baron in seinem schon genannten Buch „Les Unitariens“ hin. Sind sie sich dieser Vorläufer bewusst?

Wir finden es bedeutsam, dass der politische Publizist Ernst Moritz Arndt in seinem Tagebuch „Pariser Sommer 1799“ (es liegt in einer Ausgabe der Büchergilde Gutenberg vor) auf 5 Seiten von den Theophilanthropen berichtet, das Buch erschien 1802. In seinem Bericht über die von ihm besuchten Gottesdienste der Theophilanthropen (er nennt sie die „Freunde Gottes und der Menschen“) betont Ernst Moritz, dass man von dieser neuen religiösen Gruppe „viel im Ausland hört“ (S. 113), aber „nur wenige wissen, was es ist“. Er sieht genau, dass die Theophilanthropie von Männern gestaltet wurde, „die sich nach ihren eigenen Begriffen selbst eine Religion machten, die auf den Grundsäzen des Deismus nach dem bloßen Vernunftglauben beruhte“. Neben der Erweckung der Sittlichkeit und Menschlichkeit sieht Arndt „die Achtung für alles Heilige fremder Religionen“ als den Zweck der Theolophilanthropie. Er erwähnt zudem, dass jedem (männlichen) Mitglied der Gemeinschaft die Kompetenz zugetraut wird, „an Tagen der öffentlichen Zusammenkünfte aufzutreten und entweder zu predigen oder etwas vorzulesen, das in das Gebiet der Pflichten und Hoffnungen der Menschen einschlägt“ (S. 115). Arndt weist darauf hin, dass in den Versammlungen auch Kollekten „zum Besten der Armen“ veranstaltet werden. (S.116). Dass in dieser religiös – deistischen, „Basis – Bewegung“ durchaus merkwürdige, irritierende Dinge passieren, verschweigt Arndt nicht, wenn er etwa nach einem Besuch des theophilanthropischen Gottesdienstes in der schönen Kirche Saint Sulpice (heute im 6. Arrondisssement) schreibt: Da hingen Gobelins, die den Gott Baccchus und andere mythische Gestalten zeigten, darunter „lüsterne Satyrn“. „Doch ungeachtet dieser Gobelins hörte ich hier eine treffliche Rede, die ein Mann in schlichtem braunen Rocke und dem Ansehen eines Dreißigjährigen hielt. Er sprach von der Ehe und der Kinderzucht“.

Literatur:
Neben dem schon erwähnten Werk von Furet /Richet:

Wolf Lepenies, Sainte – Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne. DTV 2006.

Jean – Pierre Chantin hat sich in einer Studie von 2003 (http://rives.revues.org/410 auf die umfangreiche Arbeit von Albert Mathiez bezogen, dessen Buch „La Théophilanthropie et le culte décadaire“ 1904 bei Félix Alcan erschienen ist.

In dem umfangreichen Band „Dictionnaire critique de la Revolution Francaise“, hg. von Francois Furet und Mona Ozouf, (Paris 1988) gibt es eine umfassende Studie (von Mona Ozouf) über „religion revolutionnaire“, Seite 603 ff.

COPYRIGHT: Christian Modehnn

Für weitere historische Studien empfehlen wir die Originaltexte:

http://books.google.de/books?id=hdMaAAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

http://books.google.de/books?id=E6sqitE9MrcC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

http://books.google.de/books?id=jOOCXhFCHvYC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false



Kein Gott mehr in Frankreich? Eine Radiosendung

16. Februar 2013 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Neueste Umfragen weisen auf den tiefgreifenden religiösen Umbruch in Frankreich hin. In einer Radiosendung im Saarländischen Runkfunk, Programm SR2, am Sonntag, 3. März um 20.04 bis 20.30,  wird auf diese aktuelle Thematik hingewiesen, es wird gefragt: Wie reagieren die Kirchen in Frankreich, wenn die Anzahl der Christen immer kleiner wird, also die sogen. „Alteste Tochter der römischen Kirche“ immer gebrechlicher wird. Auf die protestantische, theologisch liberale Gemeinde“ L Oratoire du Louvre in Paris“ wird genauso hingewiesen wie auf den progressiven Theologen Pater  Jossua aus dem Dominikaner Orden in Paris sowie auf die katholische Gemeinde St. Merri in Paris. Auf das neue Buch von Pater Gérard Bénéteau „Tagebuch eines Stadtpfarrers“ (Kirche St. Eustache, Paris) wird ebenfalls gewürdigt.

Eine Radiosendung von Christian Modehn



Wird Frankreich atheistisch?

17. April 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Etliche Leser unserer website haben nach dem Manuskript meiner Radiosendung gefragt, die am Ostersonntag 2012 im Saarländischen Rundfunk gesendet wurde. Wir bieten sie hier zum Nachlesen an.

Religiösen Wandel zu dokumentieren und zu verstehen, auch den „Atheismus“, ist selbstverständlich eine Hauptaufgabe unseres Religionsphilosophischen Salons.

Der Beitrag zeigt, wie tiefgreifend die Veränderungen in der religiösen Landschaft Frankreichs heute sind. Er zeigt auch, wie schwierig es für die katholische Kirche dort ist, auf diese Situation kreativ zu antworten. Interessant wird für viele Leser sein, etwas näher die offene, „liberale protestantische“ Gemeinde „L oratoire du Louvre“ in Paris kennenzulernen.

Der vorliegende Text hat die für Radioproduktionen übliche Form weitgehend bewahrt.

Copyright: saarländischer rundfunk.

 

Kein Gott mehr in Frankreich?

Die Krise der Kirche und die Suche nach Neubeginn

Von Christian Modehn

musikal. Zuspielung, aus dem Kloster La Pierre, qui vire.

Benediktinermönche der Abtei „La Pierre qui vire“ in Burgund begrüßen in ihrer Kirche früh am morgen das Oster – Fest: O jour si plein de joie, O Tag so voller Freude. Aber zu lautstarkem Jubel fühlen sich die Mönche doch nicht ermuntert; ihre Begeisterung ist eher verhalten: Christus lebt, wie eine strahlende Sonne bricht er hervor, heißt es in dem Lied. Aber die Mönche wissen: An Jesus Christus und seine  Auferstehung glauben heute immer weniger Franzosen.

musikal. Zuspielung, bleibt noch einmal 0 10“ freistehen, dann langsam ausblenden.

Natürlich sind Frankreichs Pfarrer und Pastoren froh, dass die Gottesdienste zu Ostern etwas besser besucht werden als sonst. Dennoch liegt ein Schatten über dem Fest. Denn kürzlich wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Umfragen zur religiösen Orientierung der Franzosen veröffentlicht. Über die Ergebnisse sind viele Christen tief besorgt: Nur jeder dritte Franzose erklärt, an Gott zu glauben. So berichtet das Forschungsinstitut „Harris Interactive“. Ein weiteres Drittel betont, Atheist zu sein. Die übrigen wissen nicht so recht, wo sie religiös stehen. Sie schwanken zwischen der Bindung an Gott und dem Atheismus. Als die Forscher wissen wollten, ob der Glaube an Gott einen tragenden Sinn im Leben stiftet, antwortete nur knapp die Hälfte positiv bejahend. Die meisten finden eine glückliche Beziehung und die Liebe zwischen den Partnern oder eine gut bezahlte Arbeit viel wichtiger als den Glauben.

Einst rühmte sich Frankreich, als die „älteste Tochter der römischen Kirche“ eine ehrenvolle Sonderstellung zu haben: Nirgendwo sonst gibt es so viele Gründungen von Ordensgemeinschaften und Klöstern, nirgendwo sonst in Europa so viele Wallfahrtsorte. Wird diese älteste Tochter nun gottlos, wie es jetzt in manchen Kommentaren zu den Umfragen heißt? Gibt es einen Bruch kultureller Traditionen? Geht die christliche Ära zu Ende? Religionssoziologen warnen vor übereilten Schlüssen. Sie wissen, dass bei Umfragen oft auf Nuancen verzichtet werden muss. Und sie erinnern daran, dass es innerhalb des Glaubens wie auch beim Atheismus ein weites Feld voller unterschiedlicher Einstellungen gibt. Der tief greifende religiöse Wandel in Frankreich ist nicht zu bestreiten, aber auf ein differenziertes Verständnis kommt es an, betont der Pariser Religionssoziologe Professor Guy Michelat:

O TON, Prof. Guy Michelat

„Man glaubt, dass die Leute, die sich religionslos nennen, Atheisten seien. Das entspricht gar nicht der Realität. Denn es gibt viele Menschen, die sich religionslos nennen, aber nicht die Existenz Gottes ausschließen. Sie glauben sogar, dass es irgendetwas nach dem Tod noch geben wird. Für die älteren Leute gibt es durchaus den Glauben an ein neues Leben nach dem Tod. Und die Jüngeren sagen: Es gibt wohl etwas „danach“, aber man weiß nicht genau was. Neu ist die Idee der Reinkarnation, der Wiedergeburt. Man kann also nicht die Vorstellung ertragen, dass man wirklich einmal tot sein wird. Darum betrachte ich, wissenschaftlich gesehen, als Atheisten ausschließlich die Menschen, die die Existenz Gottes ablehnen und die meinen, dass es nach dem Tod nichts gibt!“

Die Gruppe eher „militanter Atheisten“ ist auch in Frankreich recht klein. Aber interessant ist doch: Sehr viele Menschen nennen sich ungläubig oder atheistisch, selbst wenn sie nur den traditionellen Glauben der Kirche ablehnen. Sie brauchen eine Art von Etikette, um die eigene Identität zu betonen. Der Kulturwissenschaftler Francois Barbier – Bouvet beobachtet seit Jahren diese Entwicklung. Er ist Kulturwissenschaftler und Mitarbeiter im Centre Pompidou in Paris:

 O TON. Francois Barbier – Bouvet

„Die Frage ist, ob der Atheismus zunimmt. Was zunimmt, ist die Fremdheit der Religion gegenüber. Also, nicht der Atheismus breitet sich aus. Zweitens: Leute, die früher von sich sagen, an Gott zu glauben, neigen jetzt eher zu der Antwort: Wahrscheinlich existiert er. Die alte Glaubens – Gewissheit gibt es nicht mehr. Wir haben es heute mit einer Bevorzugung des Wahrscheinlichen zu tun. Drittens ist es bemerkenswert, dass Leute, die an Gott glauben, der Kirche gegenüber feindlich eingestellt sind. Heute entwickelt sich eine Feindschaft der Kirche, nicht aber eine Feindschaft Gott gegenüber“.

Diese Entwicklung führt zu einer tiefen Beunruhigung in den Kirchen: Viele Verantwortliche sehen eine Lösung nur in der Pflege uralter Traditionen, sie wollen die Gemeinden gegen den angeblichen Ungeist der Moderne schützen und abgrenzen. Die anderen, die eher progressiven Kreise, wollen erstmal alle Details genau untersuchen: Dabei entdecken sie: Für die zunehmend feindliche Einstellung der Kirche gegenüber ist nicht nur der traditionelle Antiklerikalismus verantwortlich, der seit der Französischen Revolution unter Intellektuellen fast üblich ist. Verantwortlich für die tiefe Glaubenskrise ist auch die kirchliche Lehre, etwa in Fragen der Moral. Davon ist der Kulturwissenschaftler Francois Barbier – Bouvet überzeugt. Er ist seit vielen Jahren in der katholischen Basis  – Gemeinde engagiert, die sich in der spätgotischen Kirche Saint Merri in Paris trifft.

 O TON, Francois Barbier – Bouvet

„Heute können Menschen, die jünger als 40 sind, diejenigen Institutionen nicht mehr akzeptieren, die sich mit ihrem Privatleben befassen. Wenn die Kirche erklärt, wie man sich im Bett verhalten soll und im ganzen Feld der Sexualität, dann erscheint dies unerträglich. Man glaubt: Die Institution hat nichts über das private Leben zu befinden“.

Eine Erkenntnis, die auch von katholischen Theologen unterstützt wird. Sie verstehen die jüngsten Umfragen zum Glauben der Franzosen als eine Herausforderung, kritisch die eigene Kirche zu betrachten. Der Dominikaner Pater Jean Pierre Jossua aus Paris ist einer der prominentesten katholischen Theologen. Als Mitarbeiter der Internationalen Theologischen Zeitschrift CONCILIUM wird er weltweit geschätzt. Pater Jossua betont:

O TON, Pater Jossua

„Anstatt ein positives Zeichen zu sein, verhärtet sich die Kirche heute und wird eher zu einem negativ gefärbten Zeichen: Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil unter Papst Johannes XXIII. haben wir eine Zeit erlebt, wo wir glaubten, die Situation verbessert sich. Es gab innerhalb der Kirche eine positive Haltung, unterstützt von einigen Kirchenführern, die die Menschen anzog. Aber heute ist man zu moralisierenden Lehren zurückgekehrt, im Namen falscher theologischer Prinzipien, die die Menschen nicht akzeptieren. Es handelt sich dabei um moralisierende, autoritäre, klerikale Lehren, davon werden die Menschen enorm entmutigt“.

Schwindet das Vertrauen in die Kirche, dann verzichten die Menschen auf die bislang vertrauten religiösen Feiern: So ist die Zahl der Taufen in katholischen Gemeinden Frankreichs in den letzten 10 Jahren rapide gesunken, obwohl die Anzahl der Geburten insgesamt stabil blieb. Ebenso wird die sakramentale Eheschließung immer mehr abgelehnt, gegenüber 1999 hat sich ihre Anzahl jetzt fast halbiert. Und die Teilnahme an der Sonntagsmesse ist jetzt auf einem Tiefpunkt angekommen: 4 Komma 5 Prozent aller Katholiken gelten noch als praktizierende Katholiken, wobei „praktizierend“ bedeutet: Sie nehmen mindestens einmal im Monat an der Messe teil. Mit diesen Verhältnissen ist Pater Gérard Bénéteau aus Paris gut vertraut; als Pfarrer hat er sich viele Jahre um die kirchliche Jugendarbeit gekümmert. Sein Rückblick auf die letzten 20 Jahre ist ernüchternd:

O TON, Pater Beneteau

„Viele Jugendliche haben kein großes Interesse an religiösen Fragen und auch nicht an sozialen und politischen Themen. Man ist nicht mehr engagiert. Junge Leute müssen sich einfach mehr mit der eigenen Zukunft befassen. Denn was sie bringen wird, ist völlig unklar. Dazu kommt, dass die Internetnutzung auch ablenkt, man kommuniziert mit Leuten, die man eigentlich gar nicht kennt. Der Individualismus ist sehr groß, besonders bei jungen Menschen“.

Als verantwortlicher Pfarrer der Gemeinde Saint Eustache mitten in Paris hat Pater Bénéteau versucht, Alternativen zu der vorherrschenden individualistischen Lebenseinstellung aufzuzeigen. Er setzte alles daran, Gruppen zu bilden, den Dialog zu fördern. In der Kirche St. Eustache organisierte er Kunstausstellungen und Gespräche zwischen den Künstlern und den Besuchern. In einer Seitenkapelle richtete er eine Art Beratungs – Zimmer ein,  damit sich Menschen während der Woche auch spontan an einen Priester wenden können. Ein ganzes Haus in der Nachbarschaft wurde zum Treffpunkt umgestaltet. Auch für Menschen mit AIDS öffnete er die Kirche:

O TON, Pater Beneteau

„Die Pfarrgemeinde hat auf ihre Umgebung geantwortet. Die Gemeinde Saint Eustache befindet sich ja unmittelbar an der großen Station der Schnellbahn RER „Les Halles“. Dadurch hat die Gemeinde mit allen Problemen zu tun, die sich an einem Bahnhof bündeln: Da kommen Leute mit materiellen und psychischen Schwierigkeiten zusammen. Darüber hinaus befindet sich Saint Eustache in einem Viertel, wo Künstler leben, es gibt Galerien, Handwerksbetriebe, Verlage: Dann die Gemeinde mit Menschen zu tun, die von AIDS betroffen sind. Auch für sie haben wir diese Kirche geöffnet, damit sie auch  spirituell mit dem Drama dieser Krankheit umgehen können. Zu uns  kamen Menschen, um von ihrem Leiden an AIDS zu berichten; man hat gemeinsam meditiert, Musik gehört, oder gebetet. Es waren ökumenische und „multireligiöse“ Veranstaltungen“.

musikal. Zusp., Gesang aus Karmel – Kloster,

Nur dein Wort will ich kennen, nur um deine Gnade bitten: Die Verse eines modernen Liedes sollten in ihrer schlichten Sprache „eigentlich“ allgemein verständlich. Aber jüngere Menschen tun sich schon mit einfachen religiösen Begriffen schwer, hat Francois Barbier – Bouvet beobachtet. Dabei bemüht sich seine Gemeinde in der Kirche St. Merri seit Jahren um eine zeitgemäße Sprache in der Predigt und im Gebet. Junge Leute bleiben trotzdem fern:

O TON, Francois Barbier – Bouvet

„Als unsere Gemeinde gegründet wurde, waren die Teilnehmer bereits eher ältere Menschen. Und die Leute, die bei der Gründung unseres „Pastoralen Zentrums“  dreißig Jahre alt waren, sind heute 60. Heute sind die Dreißigjährigen bei uns nicht sehr zahlreich. Unsere Kirche St. Merri hat jetzt dieselben Probleme mit der  Altersstruktur wie andere Pfarrgemeinden auch. Aber die älteren Leute heute kümmern sich immer noch um die Erneuerung der Gemeinde“.

Aber wenn sich fast nur noch ältere Leute engagieren, ist das Ende einer Gemeinde absehbar. Die aktiven Kirchenmitglieder fragen sich: Verschwindet der Glaube an Gott, weil es auch die Kirche bald nicht mehr geben wird? Pascal Roland, der Bischof von Moulins in Zentralfrankreich, teilte kürzlich mit, dass nach seinen Schätzungen das kirchliche Leben in seiner Diözese in 15 Jahren nahezu verschwunden sein wird. Von 250.000 Katholiken besuchen heute noch 7.000 die Sonntagsmesse, es sind vor allem ältere Menschen um die 70.

Der Pariser Kulturwissenschaftler und engagierte Katholik Francois Barbier – Bouvet hat im Laufe der Jahre erkannt, dass gut gemeinte Experimente in den Gemeinden nicht ausreichen, um die vielen unkirchlichen oder ungläubigen Menschen wieder mit dem Glauben vertraut zu machen. Die zunehmende Distanz von der Kirche hat viel tiefere Ursachen. Denn es gibt heute einen Bruch zwischen der Welt der Kirche und der modernen Lebenserfahrung. Francois Barbier Bouvet ist überzeugt, dass auch die universal gültige Form der Messe mit ihrem ewig gleich bleibenden Ritus, nicht mehr den Erwartungen einer modernen Spiritualität entspricht:

O TON, Francois Barbier – Bouvet

„Bei den katholischen Messfeiern ist das Ritual unserer heutigen Lebensweise entgegen gesetzt. Diese Rituale bedeuten immer auch Wiederholung. Und das heißt: Alles ist vorauszusehen, eine Messe gleicht im Ritus der anderen. Die Vorstellung, alle Wochen bei derselben Feier mit denselben Leuten zusammen zu sein, ist für viele nicht mehr akzeptabel. Demgegenüber erleben wir die Entwicklung neuer religiöser Formen, sie bevorzugen bestimmte intensive Augenblicke. Man könnte sagen: Wir erleben eine Abkehr von den rituelle Wiederholungen und eine Hinwendung zu intensiven einmaligen Erfahrungen“.

Tatsächlich ist das Interesse ungebrochen groß, an besonderen religiösen Events teilzunehmen, an katholischen Weltjugendtagen mitzumachen oder in Taizé eine Woche zu verbringen oder an Wallfahrten teilzunehmen. Menschen, die nie einen Fuß in ihre Pfarrkirche setzen, pilgern nach Lourdes, La Salette, Issoudun oder Chartres. Und aus allen französischen Klöstern ist zu hören, dass die Gästezimmer regelmäßig ausgebucht sind. Wenn sich die Formen der religiösen Bindung ändern, sollte die Kirche kreativ mit neuen Angeboten reagieren, meinen einige Theologen. Sie laden vermehrt  Menschen ein, ob gläubig oder nicht, sich in Gesprächskreisen zu treffen. Pater Jossua fördert die Auseinandersetzung mit der modernen Literatur:

O TON, Pater Jossua

„Die Literatur kann ein Ort sein, wo sich ein gewisser Glaube oder eine gewisse Form religiöser Suche ausdrücken können.  Aber Literatur kann auch außerhalb jedes Bezugs auf den Glauben ein Ort sein, wo sich Frauen und Männer aussprechen, die nach einem absoluten Ziel suchen, nach einer Transzendenz. Die Haltung kann im Einklang oder im Widerspruch stehen zur christlichen Erfahrung und ihrer Suche nach der Gott“.

Dichtung und Poesie sind gar nicht so „weltlich“ und säkular, wie oft behauptet wird. Literarische Werke können spirituelle Orientierung bieten:

O TON, Pater Jossua

„Die Poesie Hölderins oder Leopardis ist für sehr viele interessierte Menschen eine Art künstlerischer spiritueller Bewegung geworden. Für diese Menschen ersetzt die Poesie die Religion, die ihnen wie tot erscheint. Die Poesie ist für sie ein Weg zu Gott, zum Absoluten. Tatsächlich könnte man auch sagen, die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet hat endlich die Form von poetischer Qualität wieder gefunden“.

Für Pater Jossua ist der viel besprochene Unglaube der Franzosen vor allem ein Kommunikationsproblem: Glaubende, Skeptiker, Atheisten, sie alle können fruchtbar miteinander debattieren, wenn sie sich als gleichberechtigte Partner anerkennen:

O TON Pater Jossua

„Ich habe begriffen: Wenn ich eine richtige Haltung einnehme der Literatur gegenüber, dann heißt das: hinhören, nicht urteilen, im Dialog nicht vorherrschen. So versuche ich es im Gespräch mit ungläubigen Schriftstellern oder Universitätsprofessoren. Damit weise ich jegliche Vorherrschaft ab. Diese Haltung der Dominanz bestimmt die katholische Kirche, aber sie nützt gar nichts“.

musikal. Zusp., Reformiertes Kirchenlied

Ein Choral aus der Frühzeit der französischen Reformation: „Nicht uns gebührt die Ehre, sondern allein dir, o Gott“.

musikal. Zusp., Reformiertes Kirchenlied,

Traditionelle Choräle werden in der Protestantischen Gemeinde „L Oratoire“  du Louvre gelegentlich gesungen. Die reformierten Christen mitten in Paris wollen ihre Wurzeln nicht vergessen; aber wichtiger ist es für sie, einen modernen evangelischen Glauben zu leben. Nicht ein frommes Getto bilden, sondern die Gemeinde öffnen, heißt hier die Antwort auf den zunehmenden Unglauben.  Das wissen die Menschen in Paris und gerade deswegen besuchen sie gern diese Gemeinde, betont Pastor James Woody:

O TON, Pasteur Woody

„Ich treffe oft Franzosen, die sich Atheisten nennen. Aber wenn man mit ihnen diskutiert, dann entdeckt man: Diese Menschen sind keine Atheisten, in dem Sinne, dass sie vollständig die Existenz Gottes ablehnen. Sie lehnen nur die religiösen Formen ab, denen sie oft begegnet sind, Wenn ich dann mit diesen Menschen über den Gott spreche, den sie ablehnen, dann kann ich nur sagen: Ich selbst glaube an diesen Gott auch nicht. Also zum Beispiele an einen „allmächtigen Gott“, an einen Gott als Sieger; an einen Gott, der auch hinter allen Ereignissen der Geschichte seine Macht ausübt. Da kann ich meinen Gesprächspartnern nur sagen: An einen solchen Gott glaube ich auch nicht“.

Für Pastor Woody ist Gott eher das absolute Geheimnis, die alles gründende und tragende Wirklichkeit, die in Worten eindeutig nicht zu fassen ist.

O TON, Pasteur Woody

„Für mich zählt zuerst die Erfahrung, die die Menschen mit der Transzendenz in sich selbst machen. Wenn ich Leute treffe, die darüber diskutieren wollen, dann sage ich ihnen nicht, was sie glauben sollen. Oder welcher Gott in der Bibel vorkommt, dem man vertrauen soll. Ich interessiere mich für den inneren spirituellen Weg meiner Besucher. Mein eigenes Gottesbild dränge ich Ihnen nicht auf. Auch mein Gottesverständnis ist persönlich gefärbt“.

Eine Gemeinde der Suchenden; eine Gemeinde, die jede Indoktrination ablehnt und Raum lässt  für individuelle Frömmigkeit. Darum sind die Gottesdienste im „L Oratoire du Louvre“ auch so gut besucht:

O TON, Pasteur Woody

„Am Sonntagmorgen im Gottesdienst setzt sich die eine Hälfte der Teilnehmer aus Mitgliedern der Gemeinde zusammen. Und die andere Hälfte besteht wiederum zu gleichen Teilen aus Leuten, die den Glauben suchen und aus Leuten, die nicht glauben. So kann man also sagen: Am Sonntagmorgen ist bei uns jeder vierte Teilnehmer ein Agnostiker“.

Und diese Menschen kommen regelmäßig, sie sind in der Gemeinde  willkommen und werden als Freunde respektiert:

O TON,Pasteur Woody

„Der feste Stammkreis der Gemeinde will keine Barrieren errichten, man will den Teilnehmern am Gottesdienst keine Etiketten anheften. In unserer Gemeinde folgen wir seit mehr als einem Jahrhundert der toleranten, der so genannten „liberalen Theologie“. Deswegen glaube ich: Der Glaube des einzelnen steht über der Doktrin. Außerdem gilt: Die erste Aufgabe der Kirche ist es, die universelle Brüderlichkeit unter den Menschen zu fördern. Wir sehen die Kirche als Institution also eher relativ. Die Kirche ist immer sekundär gegenüber der Pflicht, Menschen gut aufzunehmen, die suchen und fragen“.

Angesichts des tief greifenden religiösen Wandels in Frankreich sind etliche Pfarrer und Theologen entschlossen, die Türen der Kirche weit zu öffnen. Sie soll zu einem Ort der Begegnung werden, zu einem Platz, wo jeder Mensch vorbehaltlos willkommen ist. Denn Glaubende und Nichtglaubende haben im praktischen Alltag viel mehr gemeinsame Anliegen als man ursprünglich annimmt. Sollte es nicht unter bestimmten Bedingungen auch eine praktische  Zusammenarbeit von Glaubenden und Nichtglauben geben? Etwa zugunsten der Armen und Flüchtlinge? Diakonie und Caritas laden ausdrücklich Ungläubige zur Mitarbeit in Sozialprojekten ein. Nach zahlreichen gemeinsamen Veranstaltungen mit Theologen will der atheistische Philosoph André Comte Sponville aus Paris ganz neu das Verhältnis von Glaubenden und Nichtglaubenden bestimmen:

O TON, Comte Sponville

„Meines Erachtens sollte man keine Grenze ziehen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Es gibt hingegen eine Grenze zwischen den freien, offenen, toleranten Geistern auf der einen Seite, egal, ob man da an Gott glaubt oder nicht. Und auf der anderen Seite stehen die dogmatischen, die fanatischen Geister, auch dort halten sich Glaubende und Nichtglaubende auf. Gegen die Fanatiker und auch gegen die Nihilisten sollten wir kämpfen. Das sind die Leute, die an nichts glauben, die nichts respektieren, die keine Werte, keine Regeln haben, keine Prinzipien, keine Ideale. Darum will ich allen anderen ein Bündnis vorschlagen: Wir wollen zusammen die gemeinsamen Werte der Menschheit verteidigen“.

musikal. Zuspielung, Sologesang

Ein ungewöhnliches Osterlied in der Kirche von Fontenay in Burgund. Diese mittelalterlichen Klosteranlage beherbergt keine Mönche mehr, seit vielen Jahren werden hier keine Messen mehr gefeiert. Das prachtvolle romanische Gotteshaus wird als Konzerthalle genutzt. Aber die Auferstehungs – Hymne des Sängers Iegor Reznikoff wird hier von den tausend Besuchern durchaus als inspirierender Gesang geschätzt, als ein spirituelles Ereignis, das Menschen unterschiedlicher Überzeugung vereint. Christen in Frankreich beginnen zu begreifen: An vielen unterschiedlichen Orten sind religiöse Erfahrungen möglich. Vor allem: Offene, lernbereite und tolerante Gemeinden haben durchaus Zukunft. Gott ist nicht tot. Man sollte nur beginnen ihn zu suchen, wo ER sich zeigt, inspirierend und lebendig.