Tomas Halik in Prag: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur “gay pride”

Tomas Halik: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur gay pride.

Von Christian Modehn

Tomas Halik, Pfarrer der „Studentengemeinde“ St. Salvator in Prag, an der Karlsbrücke, folgte wohl noch seinen ursprünglichen theologischen Überzeugungen, als er die Kirche, „seine“ inzwischen weltweit bekannte offene Kirche, für zwei Veranstaltungen anlässlich der Prager „gay pride“ (vom 10. bis 16. August 2015) öffnen wollte. Professor Halik hat ja in einigen seiner Bücher für eine dienende, eine bescheidende Kirche plädiert, für eine Kirche, die die Suchenden und Zweifelnden nicht nur duldet, sondern akzeptiert. Das hatte man ihm geglaubt….Er hatte etwa in seinem Buch „Geduld mit Gott“ (auf Deutsch 2010) sich gegen den „triumphalen Katholizismus“ ausgesprochen, er nennt diese Form machtvollen Katholizismus einen „verheerenden Sprengstoff und miefigen Schimmel“ (Seite 92). Er sprach immer wieder vom „Lob der scheuen Frömmigkeit“, er kritisierte die Selbstsicherheit des dogmatisch engen Glaubens und so weiter und so weiter

Darum lag es für ihn wohl sehr nahe, eben auch homosexuelle Christen in “seiner” katholischen St. Salvatorkirche willkommen zu heißen. Denn er spürte offenbar, dass diese Menschen, Schwule und Lesben, in der römischen Kirche keinen Respekt und keine Anerkennung finden; sie werden ja laut römischem Katechismus immer noch aufgefordert, nicht erotisch zu lieben und zu leben. Dass der sehr säkulare so oft von Katholiken „atheistisch“ genannte Staat in Tschechien die gays respektiert, die römische Kirche aber nicht, wird nun deutlich:

Es sind viele Menschen sicher entsetzt, dass dieser doch eigentlich oder angeblich so aufgeschlossene Theologe Halik dem Befehl des Prager Kardinals Dominik Duka (aus dem Dominikanerorden)  folgt: Er hat beide Veranstaltungen mit den christlichen gays in St. Salvator untersagt. So berichtet auch die Pariser katholische Tageszeitung „La Croix“ am 2.8.2015. Kardinal Duka sei nicht prinzipiell gegen die Diskussionen, heißt es, an denen auch die in diesen Fragen engagierte us-amerikanische Nonne Jeannine Garmick teilnehmen wollte und sollte. Aber im Zusammenhang der gay pride seien die Diskussionen in der Kirche falsch plaziert, so die Eminenz auf der Prager Burg. Aber: Wann sind solche Diskussionen besser platziert als zu Zeiten der gay pride, fragen sich kluge Leute nicht nur in Prag. Der Prager Kardinal verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Anliegen der gay pride ständen sehr im Widerspruch zu den Zielen der Kirche, so „La Croix“. Also: Emanzipation von Minderheiten steht nicht in Übereinstimmung mit den Zielen der römischen Kirche. Diese Überzeugung hört man aus Rom seit dem 18. Jahrhundert…

Und wie reagiert der doch sonst eher doch etwas mutige und so um die “Suchenden” besorgte Theologe Tomas Halik? Ich zitiere La Croix: « Nous respectons la décision et nous retournerons à une discussion académique nécessaire et à un dialogue ouvert sur ce sujet plus tard, dans des circonstances plus favorables », s’est incliné le P. Halik, vendredi 31 juillet. In der Übersetzung: „Wir respektieren die Entscheidung (des Kardinals) und wir werden zu einer notwendigen akademischen Diskussion und zu einem offenen Dialog zum Thema später zurückkommen, in Umständen, die günstiger sind (als heute), so hat sich P. Halik „geneigt“, incliné, also ergeben am Freitag, den 31. Juli“.

Zudem hat Halik noch ausführlicher zugegeben, dass er die Ansichten des Prager Kardinals teilt: Die Prager Gay Pride sei eigentlich nicht notwendig, vielleicht sei sie in Russland notwendig, wo Homosexuelle verfolgt würden. „Aber sie, die Gay Pride, hat weniger Sinn in Tschechien, wo es diese Verfolgung nicht gibt“, so Halik nach der katholischen Tageszeitung La Croix. Und um die Gunst des Papstes und des Kardinals zu gewinnen, musste Halik auch noch betonen, dass sich eine Ehe (als Sakrament) selbstverständlich exklusiv (!) nur zwischen Mann und Frau gestalten dürfe. So reden also „offene Theologen“…

Gott sei Dank hat sich die christliche GAY Gruppe LOGOS in Prag von dieser intoleranten Maßnahme des Kardinals und dem so gefälligen Gehorsam eines doch an sich recht klugen Theologen nicht einschüchtern lassen: Sie machen ihre Veranstaltungen eben außerhalb katholischer Räume. Einmal mehr wird deutlich, dass Homosexuelle innerhalb der römischen Kirche und selbst bei halbwegs offenen Theologen gar keine, also NULL !, Chancen haben. Das ist altbekannt, aber immer wieder lehrreich. Die römische Kirche vertreibt weiter auf diese Art und mit dieser verkalkten Theologie Millionen Menschen aus ihrer Kirche. „Soll die römische Kirche doch zum Club der Konservativen werden“, schreibt mir ein Freund aus Prag, „dann ist sie noch weiter auf dem Weg zur (noch) großen Sekte“.

“La Croix” aus Paris erlaubt sich noch darauf hinzuweisen, dass Hochwürden Msgr. Halik 2014 den mit ca.1, 3 Millionen Euro (sic !) dotierten TEMPLETON Preis erhalten hat. Er hat ihn erhalten, so wörtlich,  für seinen Einsatz für den Dialog, für den Dialog mit den Religionen! Er hat den Preis also für den Dialog erhalten!!  Zudem weist La Croix darauf hin, dass Halik im vergangenen Jahr zum erlesenen Schülerkreis von Joseph Ratzinger, pensionierter Papst Benedikt XVI., ins hübsche Castel Gandolfo gebeten wurde. Dort sprach Halik zum Thema: „Wie kann man von Gott sprechen in der heutigen Welt?“ Nach den jüngsten Ereignissen in Prag wohl so, dass man mit den Schwulen und Lesbe eben NICHT redet, wenn diese ihre gay pride wie überall in demokratischen Ländern im August feiern. Kardinäle und Rom sind halt wichtiger als eine freie, authentische Theologie. Freunde aus Prag schreiben von einer tiefen Enttäuschung über Haliks diplomatisches Taktieren. „Dessen Glaubwürdigkeit ist angekratzt“, heißt es. Ich kann das sehr gut verstehen. Beim absoluten Mangel an Theologen, die auch die Atheisten ernst nehmen, habe ich auch viel Inspirierendes von Halik berichtet. Nun also dies, ein Ereignis, das Halik in den mainstream der gehorsamen, der autoritätshörigen Theologen einreiht. Wie werden die Verlage darauf reagieren? Sicher voller Verständnis! Vielleicht erscheint als nächstes sein Buch “Mein Dialog mit dem Kardinal und den Schwulen”…

Wollen wir hoffen, dass protestantische Kirchen wieder einmal die richtige Freiheit der Christenmenschen leben und die Logos-Gruppe gern willkommen heißen in diesen Tagen der gay pride, die um so mehr Grund hat, stolz (pride) zu sein, gerade auch ohne den Segen Roms gay sein zu können… dank eines Staates, der in diesem Fall die Menschenrechte respektiert.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

 

Wer zweifelt wird selig. Warum Skepsis dem Glauben hilft

Viele Interessierte, auch HörerInnen, fragen nach dem Manuskript einer Ra­dio­sen­dung mit dem Titel “Wer zweifelt wird selig”. Der Beitrag wurde im HR2 am 24. Februar 2013 und im Kulturradio des RBB am 11.August 2013 gesendet. Ich biete hier zum Nachlesen den noch ungekürzten Text; die für Hörfunkproduktionen übliche Form wurde beibehalten.

Wer zweifelt wird selig
Warum Skepsis dem Glauben hilft
Von Christian Modehn

1. musikal. Zusp., bleibt 0 07“ freistehen

1. O TON: Michael Braun, 0 20“
Fragen ist Bewegung, Antwort ist Stillstand. Das ist das ganz Entscheidende. Wenn wir aber die Antworten als Fragen verstehen, dann sind wir immer wieder auf dem Weg, Neues zu entdecken und damit auch neue Wege zu beschreiten.
1. SPR.:
Für Michael Braun kann menschliches Leben nur gelingen, wenn dem Fragen keine Grenzen gesetzt werden und zweifelnde Unruhe den Geist bestimmt. Als Philosoph meint er nicht das eher banale, alltägliche Fragen, etwa nach der Uhrzeit oder dem Wetter. Wer philosophisch fragt, geht in die Tiefe, immer auf der Suche nach seiner Wahrheit, die seinem Leben einen Sinn geben kann. Als praktischer Philosoph in Berlin begleitet Michael Braun Menschen, die sich aus ihrer alltäglichen Routine befreien wollen und eine neue, eine geistvolle Lebendigkeit wünschen. Der philosophische Fragen, der Zweifel, kann sie dorthin führen:
2. O TON, Michael Braun, 0 29“
Das Fragen selbst ist auch eine Form der Orientierung: zu wissen dass, der Boden, den man gewonnen hat, kein Boden ist, auf dem man sich immer absolut sicher sein kann, sondern den man auch neu hinterfragen muss. Denn wir sind nun einmal Menschen und es ist eine irrige Vorstellung, wenn wir glauben, wir könnten über das, was uns umgibt, wie wir leben, klare Antworten, unumstößliche Antworten finden.
2. SPR.:
Viele Menschen sind schon froh, wenn sie eine geistige Basis oder einen inneren Halt finden, der sie für ein paar Jahre glücklich leben lässt. Aber diese Antworten zeigen sich nicht „blitzartig“ und unmittelbar, sondern erst nach einem langen Prozess des beständigen Prüfens. Es ist das Pro und Contra, das Hin und Her, in dem sich die Gewissheiten zeigen, die das Leben ermöglichen und letztlich „tragen“. Diese existentielle Sicherheit muss vom einzelnen mit langem Atem und viel Geduld förmlich „erarbeitet“ werden, betont der Philosoph Michael Braun: ,
3. O TON, Michael Braun, 0 49“
Skepsis meint nichts anderes, wie das immer wieder neue Betrachten einer Sache von allen Seiten. Also ständig die Perspektiven auf etwas zu wechseln. Und das ist, glaube ich, etwas ganz Zentrales, was man sehen muss, dass wir immer in unserer Sicht auf die Dinge eine Richtung haben. Und
wenn wir diese eine Richtung immer verfolgen, dann lernen wir eine Sache niemals von einem anderen Standpunkt aus kennen. Also sind wir, wenn wir der Welt näher kommen wollen, eigentlich aufgerufen, eine Sache von so vielen wie möglichen Seiten zu betrachten und zu sehen, wie sie sich dort für uns darstellen, ohne sie festzustellen. Insofern würde ich sagen, dass die skeptische Haltung eine ganz zentrale Lebenshaltung ist.
1. musikal. Zusp., noch einmal 0 07“ freistehen lassen.
1.SPR.:
Erst seit dem 16. Jahrhundert wird Skepsis als eine individuelle Lebenshaltung weiterer Kreise betrachtet. Im antiken Griechenland bildeten Skeptiker nur eine kleine Gruppe radikaler Denker: Sie zweifelten an jeglicher Erkenntnis und fühlten sich deswegen auch von jeder Entscheidung befreit, weil ja „alles gleichgültig“ erscheint. Auf diese Weise glaubten sie, gleichsam über allen Erkenntnissen schwebend, ihre seelische Ruhe, die Ataraxía, zu erlangen.
2.SPR.:
In der Neuzeit mussten skeptische Denker um ihr Leben bangen, wenn sie öffentlich ihre Meinung äußerten. Descartes, der aus Frankreich stammende Philosoph, konnte erst im liberalen Holland seine Einsicht publizieren, dass erst der methodische Zweifel an allen Traditionen zur letzten Gewissheit führt. Immanuel Kant wollte Ende des 18. Jahrhunderts den Autoritäten in Staat und Religion nicht länger zugestehen, für alle bedeutsamen Fragen über die einzig mögliche Antwort zu verfügen. Als Philosoph der Aufklärung zweifelt Kant auch an der religiösen Begründung ethischer Gebote, berichtet der katholische Theologe und Philosoph Professor Michael Bongardt:
4. O TON, Michael Bongardt, 0 38“,
Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: Die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es kommt von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.
1.SPR..
Kant hat die Menschen gelehrt, voller Stolz der eigenen Vernunft zu folgen. Denn sie zeigt im Fragen und Zweifeln ihre belebende und durchaus reinigende Kraft. Sie löst das naive Denken auf, befreit vom „Kinderglauben“. Prüfe die Dogmen und gehe dann deinen Weg, lehrte Kant. In dieser Haltung können heute skeptische Philosophen Jesus von Nazareth schätzen lernen und als ein Vorbild anerkennen, betont Michael Braun:
5. O TON, Michael Braun, 0 30“.
…weil Jesus eigentlich auch auf eine gewisse Art und Weise nichts anderes getan hat als skeptisch zu sein gegenüber dem, was ihm in seiner Welt begegnet ist; ob es für die Lebensvollzüge der Menschen Sinn macht. Und der dann seinen eigenen Stil gefunden hat. Aber eben nicht so gefunden hat, dass er absolut festgeschrieben ist, sondern dass er eine Möglichkeit des immer wieder neuen Betrachtens alter Gesetze eröffnet hat.
1. SPR.:
Aber Zweifel und Skepsis konnten und wollten die Kirchenführer nicht als Tugenden anerkennen. Sie forderten schon seit Jahrhunderten die Gläubigen auf, das „Opfer des Verstandes“ zu bringen, wenn sie fromm sein wollten. Alle Gestirne drehten sich um unsere Erde, behaupteten die religiösen Führer und verbrannten eher Wissenschaftler auf dem Scheiterhaufen als selber kritisch zu fragen und zu forschen. Die Bücher von Descartes wurden auf den Index verbotener Texte gesetzt.
2. SPR.:
Bis ins 18. Jahrhundert war es untersagt, die einzelnen Bücher der Bibel als literarische Zeugnisse einer vergangenen Kultur zu lesen und mit wissenschaftlichen Methoden kritisch zu befragen. Dabei hatte es sich längst herumgesprochen: Nicht alle so genannten Paulusbriefe des Neuen Testaments hat der Apostel Paulus selbst verfasst. Und wenn Maria, die Mutter Jesu, Jungfrau genannt wird, muss man nicht an eine biologische Jungfräulichkeit denken. Theologen wollten seit dem 19. Jahrhundert als Wissenschafter an den Universitäten respektiert werden. Deswegen mussten sie die stets fragende, die skeptische Haltung des Forschers übernehmen. Ein naives und wortwörtliches Ernstnehmen eines Bibelverses ist nicht mehr möglich, betont Jens Schröter von der evangelisch – theologischen Fakultät der Berliner Humboldt Universität:
6. O TON, Jens Schröter, 0 56“.
Ich denke, dass es fundamental ist für jede Art von Überzeugung philosophischer oder religiöser Überzeugung, dass sie sich selber hinterfragt, dass sie ihre Grundlagen auf den Prüfstand stellt, um eine wirklich fundierte intellektuell und ethisch auch belastbare Position zu gewinnen. Und das ist für die Theologie sehr wichtig. Deshalb ist auch die akademische Theologie für die Kirche so wichtig, weil sie genau dieses tut: Sie stellt immer wieder die entscheidenden Fragen, wie der christliche Glaube sich in einer bestimmten Zeit so äußern kann, dass es überzeugend ist und dazu muss er auch immer die Fragen nach seinem eigenen Fundament in uneingeschränkter Weise zulassen. Deswegen kommt der Frage und der Skepsis in der Theologie eine ganz grundlegende Funktion zu.
1. SPR.:
Was heute selbstverständlich klingt, ist tatsächlich eine Revolution des Denkens: Der Vernunft in ihrem Prüfen und Fragen wird zugetraut, die Bedeutung religiöser Texte verständlich zu machen. Aber es klingt bei vielen frommen Leuten doch noch immer wie eine unerträgliche Provokation, wenn Theologen sagen: Die menschliche Vernunft des Wissenschaftlers ist imstande, den religiösen Bereich erschließen. Heftige Vorbehalte dagegen gibt es vor allem in der Orthodoxie und im Katholizismus. Und evangelikale Kreise in Amerika lehren auch heute: „Die Welt wurde in 6 Tagen erschaffen“. Viele Gläubige fühlen sich in Gott nur geborgen, wenn sie sich fraglos an die amtlich vorgegebenen Lehren klammern, wie Bruno Caldera, ein „Laien – Missionar“ der katholischen „Neokatechumenalen Gemeinschaft“, freimütig bekennt:
7. O TON, Bruno Caldera., 0 14“
Unsere Theologie ist der Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige, der uns lehrt, derjenige, der uns Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben.
2. SPR.:
Die Neokatechumenalen gehören zu den so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“; sie sind stolz darauf, ihren Glauben von skeptischen Fragen möglichst freizuhalten. Darum binden sie ihr Denken gern an eine Institution, die ihnen unwiderruflich klar „die“ Wahrheit vorgibt, betont Pater Klaus Einsle vom Orden der „Legionäre Christi“:
8. O TON, Klaus Einsle, 0 30“.
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, mit einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Und die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.
1. SPR.:
Die Kirchenführung ist stolz auf diese Gemeinschaften, hat der katholische Theologe Ferdinand Kerstiens beobachtet:
21. O TON, Ferdinand Kerstiens, 0 18“
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehen lassen.
1. SPR.:
Aber sind Zweifel und Gottesglaube einander tatsächlich so fremd? Kann es denn der Würde des Menschen entsprechen, die eigene Vernunft zu verabschieden, wenn man religiös sein will? Heute gehen weltweit glaubende Menschen ihren eigenen Weg: Sie fühlen sich dabei in guter Gesellschaft und berufen sich auf einzelne Aussagen der Tradition, etwa auf den Apostel Paulus. Er hat seine Gemeinde in Thessaloniki ausdrücklich ermahnt:
2. SPR.:
„Prüfet alles, das Gute behaltet“.
1.SPR.:
Und manche Theologen sehen sogar in dem Mönch und Wüstenbewohner Evagrius Ponticus aus dem 4. Jahrhundert einen Bundesgenossen, er lehrte:
2.SPR.:
„Sei ein Türhüter deines Herzens und lass keine Gedanken ohne eigene Befragung herein.“
1. SPR.:
Es ist ein Trend in der weiten christlichen Ökumene, wenn heute Gläubige den Zweifel und die Skepsis als spirituelle Tugenden entdecken. Diese Christen wissen: Nur konsequentes Fragen und Suchen führt zum Kern, zum Mittelpunkt, des religiösen Glaubens. Der katholische Theologe Paul Michael Zulehner aus Wien betont:
9. O TON, Paul Zulehner, 1 07“.
Wir müssen weg von unseren alten, bekannten abgedroschenen Aussagen und von dem, was wir für richtig gehalten haben, auch weg von der Macht versessenen Kirche, als wären wir diejenigen, die das Heil der Menschen in der Hand haben. Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten und nur Betrunkene halten sich daran fest, hat Karl Rahner mal ein bisschen salopp über die Dogmen gesagt. Also, sie sind gut, aber sie sind kein Ersatz des Glaubens und für das Leben.
Und Glaubenlernen heißt Fragen lernen, sich selber in Frage zu stellen. Ich hab einmal gesagt, wenn wir mal Zeit haben, machen wir einen Katechismus, der nur aus Fragen besteht. Und das Eigentliche der Evangelisierung heute ist nicht das Drucken von Weltkatechismen. Im Grunde genommen müsste es so sein, dass die Menschen wieder die richtigen Fragen zu stellen lernen. Und ich glaube: Das geht nur, wenn der Mensch radikal frei ist, also im Zustand des Risikos lebt, das ist der Akt des Zweifels.
1.SPR.:
Skeptiker stellen Fragen, die in die Tiefe gehen und dabei Wichtiges von Zweitrangigem trennen. Nur als Skeptiker können Gläubige prüfen, ob sie tatsächlich den Unendlichen und Ewigen meinen, wenn sie von ihrem „lieben Gott – Vater“ sprechen. Sie distanzieren sich also von ihren frommen Vorstellungen und bloß erbaulichen Bildern, die sie im Laufe des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit herausgebildet haben. Darauf weist der evangelische Theologe und Psychotherapeut Günter Funke aus Berlin hin:
10. O TON, Günter Funke, 0 23
Ich glaube: Halte nicht zu sehr an deinen Vorstellungen fest, denn viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern: Dann werden die Vorstellungen damit überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.
2. SPR.:
Mit methodischem, konsequenten Fragen und Zweifeln können die „Götzen“ vertrieben werden: Die naive Überzeugung etwa, dass Gott immer auf meiner Seite steht und mir zu Diensten ist oder das Gefühl, dass er gerade mir Erfolg, Macht und Einfluss garantiert; dass Gott mich eigens erwählt hat, in diesem wohlhabenden Teil der Erde zu leben und so weiter: Im kritischen Zweifel kann „der liebe Gott“ nicht länger der „himmlische Garant“ aller meiner Wünsche bleiben:
11. O TON, Günter Funke, 0 35“
Eine Gotteserfahrung ist immer auch eine Erschütterung. Was wird erschüttert? Es wird zunächst einmal erschüttert mein bisheriges Wissen oder, wir können es auch so sagen, meine bisherigen Vorstellungen von etwas, was ich für Gott gehalten habe. D.h.: Eine elementare Gotteserfahrung führt immer zu einem Nullpunkt. Im Grunde wird mir ein Halt in der Welt genommen. Und eine Gotteserfahrung ist ein innerer Bildersturm. Also: Dieses nicht mehr wissen, wer Gott ist, ist Glaube.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Erst wenn im Bildersturm die selbst gemachten Gottesvorstellungen verschwinden, kann der Glaube des einzelnen authentisch werden. Aber lässt sich in dieser skeptisch – frommen Haltung auch Gemeinde bilden? Können sich suchende Menschen mit ihren Zweifeln sonntags zum gemeinsamen Gottesdienst versammeln?
2. SPR.:
Eine protestantische Kirche in Holland hat sich für diesen Weg entschieden: Seit 400 Jahren treffen sich Zweifler und Skeptiker in der Kirche der Remonstranten, sie ist Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen. Remonstrance bedeutet Einspruch, auch Widerspruch: Remonstrantische Protestanten widersprechen der Vorherrschaft uralter Dogmen! Sie wollen zuerst der Menschlichkeit Jesu von Nazareth entsprechen, betont der aus Deutschland stammende Pfarrer Reinhold Philipp von der Remonstranten – Gemeinde in Den Haag:
12. O TON, Reinhold Philipp, 0 49“
Jeder ist willkommen. Und ich denke, dass bei uns nicht einer sagt: So ist es! Ich denke, dass wir miteinander auf der Suche sind. So erfahre ich die Gottesdienste, die Gesprächsgruppen. Niemand weiß genau: Das ist der Weg, so müssen wir gehen. Sondern im Gespräch, im Austausch der Gedanken, lernen wir voneinander und gehen wir miteinander den Weg. Wir haben neulich noch ein neues Mitglied begrüßt. Inzwischen hat sie eine wichtige Funktion sogar im Kirchenrat, und sie hat ihr Glaubensbekenntnis in einem Gottesdienst ausgesprochen. Und fängt damit an: Ich glaube eigentlich nicht an Gott, aber: Jesus spielt mir eine wichtige Rolle als Vorbild. Aber es wurde akzeptiert, da ist viel Offenheit.
1. SPR.:
Auch im Katholizismus bilden sich Gemeinden der Skeptiker und Zweifler: Eine entsprechende Pfarrei leitet der Theologe Tomás Halík in Prag. Er ist auch in Deutschland als theologischer Autor hoch geschätzt, etwa wegen seines Buches „Nachtgedanken eines Beichtvaters“. Haliks Publikationen sind von seiner Gemeindepraxis in der Prager „Salvatorkirche“ inspiriert.
13. O TON, Tomas Halik, 0 31“.
Ich möchte diese Leute begleiten auch als ein Suchender; auch mein Glaube ist immer ein Weg. Und ich versuche, immer tiefer und tiefer zu gehen. Aber Christentum, das ist keine billige Sicherheitslehre. Das ist eine Herausforderung, mit dem Geheimnis zu leben, das ist nicht leicht. Und auch durch die Krisen und Nächte durchgehen, das ist immer ein Weg zur Reife.
1. SPR.:
Wer im Einklang mit seiner Vernunft, also „reif“, glauben will, entwickelt die Kraft der Unterscheidung. Für Tomas Halik ist einzig und allein entscheidend das göttliche Geheimnis, das alles Gründende, die letzte Dimension, die von den Menschen nur berührt, niemals aber gefasst oder definiert werden kann. Von diesem „abgründigen Grund“ allen Lebens sind viele Menschen bewegt, selbst wenn sie sich ungläubig oder atheistisch nennen, hat Tomas Halik beobachtet:
14. O TON: Tomas Halik, 0 38“
Ich kann mit einigen so genannten Ungläubigen sehr gut verstehen und mit einigen Gläubigen nicht. Also Glaube ist etwas tiefer als eine Überzeugung, eine Ideologie. Und es mag so sein, dass für einige ihr Glaube sitzt nur in diesem Bewusstsein! Wenn sie Menschen besser kennen, sie spüren, dass sie haben ein verschlossenes Herz und ihr Glaube ist nur oberflächlich.
1. SPR.:
Tomas Halík liebt deutliche Worte: Suchen und Zweifeln ist für ihn nichts Geringeres als ein göttliches Gebot! Er beruft sich dabei auf eine Weisung des Apostels Paulus. Von ihm überliefert die Apostelgeschichte diese Worte:
2. SPR.:
Gott ist derjenige, der allen Menschen das Leben und den Atem und alles gibt. Er, der Schöpfer, will, dass die Menschen Gott suchen, ob sie ihn ertasten oder finden könnten.
1.SPR.:
Für Tomas Halik ist dieser Text so entscheidend, dass er in seinem Buch „Geduld mit Gott“ mit einem dicken Ausrufezeichen noch hinzufügt:
2. SPR.
Das ist eine starke Behauptung: Der Sinn der Schöpfung ist das religiöse Suchen!
1. SPR.:
Fragen, Suchen und Zweifeln werden heute als ein göttliches Geschenk, ein „Charisma“, erlebt. Denn sie halten den Geist lebendig halten und damit dem Menschen die nötige Vitalität schenken. Diesen bewegenden, Unruhe stiftenden Geist entdeckt Halik auch außerhalb der christlichen Konfessionen:
15. O TON, Tomas Halik, 0 33“
Ich bin überzeugt, dass heute die Grenze ist nicht zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen. Aber zwischen Suchenden und Verbleibenden. Es gibt die Gläubigen, die sind ganz zufrieden mit ihrer Situation und Weg. Es gibt auch die Atheisten, die sind ganz zufrieden. Es gibt auch die Zweifelnden, die sind mit den Zweifeln zufrieden, und die sind nicht imstande, über ihre Zweifel zu zweifeln.
1. SPR.:
Am Zweifel zweifeln können: In diesem merk –würdigen Satz hat die skeptische Spiritualität ihren Mittelpunkt. Denn die Einsicht drängt sich auf: Mit dem Zweifeln wird das Denken gerade nicht beendet! Zweifeln führt gerade nicht in die Verzweiflung! Der Zweifel ist nicht der Schlusspunkt geistigen Lebens, weil sich die Menschen ihre Skepsis noch einmal gedanklich beziehen können und dabei entdecken: Es ist ja der Geist selbst, der unseren Zweifel trägt und erst ermöglicht. Es wird erlebt, dass der Geist größer und umfassender ist als Zweifel und Skepsis. Fragen, Suchen und Zweifeln sind also nichts als die Lebensformen des Geistes. Auf diese Erkenntnis bezieht sich der Berliner protestantische Theologe Professor Wilhelm Gräb:
16. O TON, Wilhelm Gräb, 1 05“
Der Zweifel, der in Wahrheit auf den Glauben geht, das sind diese Erfahrungen, in denen mein Lebenssinn sich mir verdunkelt, wo ich unsicher darüber werde, ob ich auf dem richtigen Weg bin, wo sich mir Erfahrungen der Verlorenheit und eben einer tiefen Selbstverunsicherung einstellen, wo ich revoltiere: Das sind die Situationen also existentiellen Zweifels. Das sind die Kämpfe, in die es einzutreten gilt, gewissermaßen zu einer Erneuerung derjenigen Lebensgewissheit zu finden, die mich ja nicht gänzlich verlassen hat. Also ich mich dessen zu erinnern beginne, was doch auch gut war in meinem Leben und auch jetzt noch mir Freude zu machen in der Lage ist. Also das Positive dann auch wieder zu sehen. Da kann auch die biblische Tradition wichtig werden als ermutigende Ansprache, als Zusage.
1. SPR.:
Denn Christus hat seiner Gemeinde zugesagt, dass der heilige Geist alle in die Wahrheit einführt, wobei einführen oder einweisen als ein Prozess, als ein Geschehen zu begreifen sind:
17. O TON, Wilhelm Gräb, 0 45“.
Die Rede vom Hl. Geist legt sich theologisch immer genau dann nahe, wenn wir eben in die Beschreibung solcher Erfahrung einzutreten versuchen, die an uns geschehen; für die wir uns zwar vorbereiten, auf die wir uns einstellen können, aber deren Gelingen wir nicht in der Hand haben.
Das alles sind alles Auslegungen, dieses uns tragenden dieses Grundvertrauens, dieser Gewissheit, aus Quellen unserer Lebenskraft zu schöpfen, die uns ohne all unser Zutun und Leisten immer schon zu fließen. das ist das selige Leben.
3. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Im Zweifel wird also eine letzte, unverfügbare geistige Basis erreicht: Unser menschliches Dasein verdankt sich einer absoluten schöpferischen Wirklichkeit, dem alles gründenden Geheimnis des Lebens. Das ist durchaus ein Konsens unter skeptischen Theologen. Günter Funke, Theologe und Therapeut, betont:
18. O TON, Günter Funke, 0 36“.
Dieses Leben, das uns in diesem Augenblick in sich selbst hält, haben wir uns selber nicht gegeben und nicht gemacht. Das ist doch jedem vernünftigen Menschen irgendwo zu vermitteln: Das Leben habe ich nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzleben machen, weil das Leben immer schon da ist. D.H. Wir können im Reagenzglas, so sage ich es immer, dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen. Weil er in allem Leben – Schaffen immer schon wieder schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.
1. SPR.:
Gläubige Menschen fühlen sich gerade wegen des Zweifels oder auch durch den Zweifel in Gott, dem Geheimnis, geborgen. Sie haben erfahren: Gott und nur Er ist größer als alles Denken. Kann dann noch ein einzelner Mensch meinen, persönlich im Besitz endgültiger und für alle geltender Wahrheiten zu sein? Der glaubende Mensch, zum Skeptiker geworden, lernt die Grenzen seines Daseins zu akzeptieren und auch die Begrenztheiten seines Erkennens. Er wird also genötigt, seine eigene Position immer zu relativieren. Aber gerade das sei doch eine enorme Chance, meint der Tübinger Theologe Hermann Haering:
19. O TON, Hermann Häring, 1 03“.
Ich bin Relativist, man so will, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen. Aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.
1. SPR.:
Und alle verschiedenen Auslegungen haben ihr gutes Recht. Erst sie zusammen genommen spiegeln in etwa die Fülle göttlicher Wahrheit; und die drückt sich in einem vielstimmigen Chor aus! Das Erleben von vielen individuellen Stimmen belebt das kirchliche Miteinander. So wächst aus dem Geist des Fragens und Suchens, des Zweifelns und der Skepsis, eine neue, eine ökumenische Bewegung, vielleicht auch eine neue Kirche, betont der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner:
20. O TON, Paul Zulehner, 0 35“.
Und wir müssten öffentlich sagen, was wird da aus dem Alten neu geboren in diese neue Zeit, in die Gott uns hinweggeführt hat. Da braucht es so etwas wie einen ekklesialen Ultraschall. Was kommt da auf uns zu? Es kommt sicher auf uns zu eine Kirche, die ganz nahe an den Fragen der Menschen ist. Ich glaube, das ist der Beginn dessen. Wenn nicht die Urfragen der Menschheit, wie eben auch jene, ob der Tod stärker ist als die Liebe, auf der Tagesordnung der Kirche stehen, dann werden wir, auch wenn wir uns noch so modernisieren, strukturell aus sein.
3. musikal. Zusp., zum Ausklang noch einmal freistehend.

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Buchhinweise:
Tomas Halik, Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glauben in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, 2012, 320 Seiten.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 208 Seiten.

Paul Michael Zulehner, Eine Antwort des Glaubens. Martin Kolosz im Gespräch mit Paul M. Zulehner und Petra Steinmair-Pösel, Studien Verlag, Innsbruck, 2011, 108 Seiten

Zu einigen Filmen und Radiofeatures für die ARD von Christian Modehn

PHILOSOPHISCHE und THEOLOGISCHE RADIO SALONS von Christian Modehn (zwischen 2005 und 2014)

(Länge : 24 Min.)  im RBB Kulturradio (Redakteurin Anne Winter).

Eine Übersicht:

Ein Radio – Salon über Montaigne

Über Kant

Über Hegel

Über Heidegger

Über Bultmann

Über Tillich

Über Schleiermacher

Über Melanchthon

Außerdem im RBB Kulturradio Features über

Wunderglauben

Fegefeuer

Gottesbeweise

Karl Rahner

Die Jungfrau Maria

Apokryphe Evangelien

Jesus am Kreuz

Anders Trauern

Patchworkreligion

Kreuz oder GLÜCK?

Einige ARD Filme ( 30 Min. Features) von Christian Modehn:
Die im SFB/ARD gesendeten Filme hatten als verantwortlichen Redakteur Johannes Huthmann. Für den Schnitt war im SFB/RBB in den allermeisten Filmen Matthias Spranger verantwortlich.

“Wir haben von Luther gelernt” (mit Beiträgen von Otto-Hermann Pesch, Augustiner Würzburg)

Katholiken und der Reformator 1984.SFB

……

Meine Freunde, die Ungläubigen, Tomas Halik in Prag

1999, (MDR und SFB).

……..

Momente des Glücks
Wie alte Menschen würdig miteinander leben (etwa die Initiative “Les petits frères des pauvres”, Paris)
SR 2000 (Red. Norbert Sommer)

…..

Der Reformator mit dem Schwert. Über Thomas Müntzer. WDR 1989, kurz vor der Wende. Red. Friedhelm Lange WDR

…….

Machtlos und frei

Über den einzigen wahrhaft progressiven katholischen Bischof Europas: Jacques Gaillot (Evreux)

1989 (SR, Red. Norbert Sommer)

…….

Die Räuberbanden bekehren (SR)

Die problematische “Neue Evangelisierung Europas” (mit Bildern und Interviews mit den Legionären Christi, Rom)

1992

….

Manchmal hilft nur noch beten (u.a. mit dem Theologen Klaus Kliesch)

Menschen, die zu Gott sprechen

1995 SFB

…..

In die Wüste geschickt

Bischof Jacques Gaillot wurde vor einem Jahr abgesetzt. Bischof Gaillot lebt in besetztem Haus in Paris, Partenia,

1995 WDR, Red. Friedhelm Lange (siehe den ersten Beitrag von 1989)

…….

Fitness für die Seele

Wege in die Meditation

1997 SFB

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„Da bin ich aber skeptisch“

Junge Theologen in Berlin

1997 SFB

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Paläste für die Armen

Beobachtungen in Berlin und New York (u.a. über das weltweite Nehemia-Projekt)

1998 SFB

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Schwache sind stärker

Kirchentag in Leipzig

1997 SFB

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Ritter, Mönche, Abenteurer

Das Mittelalter lebt

1997 SFB

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Neugierig auf Gott

Wenn Atheisten Christen werden

1997 SFB

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Unter dem Himmel von Amsterdam, WDR

Fromme Huren, neue Mönche, falsche Kirchen    (Kirchenabriß und Neubeginn, Ricus Dullaert Pastor, Oude Kerk usw) 

1998

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Gesund durch Glauben?

Möglichkeiten ganzheitlicher Heilung

1998 SFB

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Himmlisch speisen

Ein Menu für Leib und Seele

1998 SFB

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Der Griff der Krake nach dem Kreuz

Kirche und Stasi (WDR, 1992)

……..

Kraft und Herrlichkeit

Ein Berliner Vater Unser

1999 SFB

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Unter dem Himmel von Paris

Von Göttern, Zweiflern und frommen Tieren

1999 WDR (Red. Friedhelm Lange)

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Beichten beim Frisör (Ein Versuch, der “weltlichen” Spiritualität auf die Spur zu kommen)

2001 SFB

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Der gute Gott von Mainhattan

Evangelischer Kirchentag in Frankfurt/M.

2000, SFB

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Landungsbrücken

Der Katholikentag in Hamburg

2001, SFB

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Von der Lust zu feiern

Alternative Jugendweihe in Erfurt

2001 SFB

…………

Auf Ihr Wohl

Vom Geist edler Getränke

2003, SFB

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Die Nacht wandeln

Begegnungen mit Menschen, die das Licht lieben

2002 SFB (Zum ersten Mal ein Beitrag, der die Spiritualität der Nacht darstellt, u.a im Karmel Kloster und mit dem Theologen Hans Peter Hauschild)

Ein weiteres Feature, ebenfalls mit einem Beitrag von Hans Peter Hauschild und Pater Klaus Mertes SJ in einem der ersten Filme, die sich mit AIDS und den Kirchen auseinandersetzten:
“Vom Virus nicht berührt”. AIDS, die Kirche und die Moral (WDR 1. Progr., Red. Friedhelm Lange) 1986

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Laufen, laufen, nichts als Laufen

Die Spiritualität des Marathon

2003 SFB

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Wenn die Kirche kein Geld hat

Christen in der Vorstadt von Paris (Ivry) ein Porträt einer Gemeinde, die von der progressiven katholischen Gemeinschaft “Mission de France” geleitet wird.

2005 SR (Red. Norbert Sommer)

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In letzter Minute
Über die Zukunft der Kirche in Burgund (AUXERRE)
2000 SR

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Engel unter uns

(u.a. auch Engeldarstellungen auf Friedhöfen und einem Interview mit P. Anselm Grün)

2006 RBB, Red. Harald Quist)

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San Lazaro tanzt Salsa und Merengue

Karibik in Berlin

2003 SFB

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Karriere nach unten

Franziskanerinnen in Berlin – Kreuzberg (u.a. mit Schwester Ingrid)

2003, SFB

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Von der Lust zu denken

Philosophie als Lebenshilfe (über den praktischen Philosophen Prof. Lutz von Werder)

2003, SFB

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100 gemeinsame Stunden

Der Ökumenische Kirchentag in Berlin (zus. mit Margarethe Steinhausen) u.a. mit Bildern zu Prof. Gotthold Hasenhüttl)

2003 SFB, Red. Friederike Sittler

…………

Jeder ist Weltmeister

Brasilien in Berlin, anläßlich der Fußball Weltmeisterschaft in Deutschland

2006 RBB, Red. Harald Quist

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Glauben ohne Gott

Porträt einer Humanistin Ein Film über die vielseitige Tätigkeit von Gita Neumann vom HVD
RBB 2007, Red.Friederike Sittler

 

Dies war mein (aber nur zeitlich gesehen) “letzter” Halbstundenfilm für ERSTE.

 

PS:

Das werde ich manchmal gefragt:

Mein erster Halbstundenfilm fürs ERSTE (SFB 1976) hatte den Titel:

Gott in der Kneipe.

Und:

Mein erster Film für die ARD überhaupt  war ein 10 Minuten dauernder Magazinbeitrag fürs ERSTE, WDR, Reihe Blickfeld, 1975, über die ökumenische und unabhängige, einst röm. katholische Gemeinde DOMINIKUS in Amsterdam. Red. Dietrich P. Winterberg.

Der heilige Geist wird noch skeptischer angesichts der “Vatileaks”. Ein Brief aus Rom

Der heilige Geist wird noch skeptischer angesichts der “Vatileaks”: Ein Brief aus Rom

Von Christian Modehn

Unser kleiner Hinweis auf dieser website kürzlich auf den heiligen Geist, der als Geist eben auch skeptisch ist, prüfend und immer fragend, hat selbst in Rom, der Papststadt,  Aufmerksamkeit gefunden.

Wir freuen uns, dass ein Leser – angesichts der ersten bescheidenen Freilegungen etlicher älterer und jüngerer Skandale – uns aus Rom schreibt: „Der heilige Geist wird wohl noch skeptischer“.

In dem Text heißt es, und das ist neu in der Debatte: Es werde immer fraglicher, wie von diesem Staat aus, dem so genannten Heiligen Stuhl, die absolute Bestimmung zufallen kann, für alle Katholiken weltweit zu definieren, was zu glauben ist und wie „man“ moralisch zu leben hat.  Kurz: Ein offenbar korruptes, absolutistisches System, das an die „Glanzzeiten“ der Renaissance erinnert,  maßt sich an, zu definieren, was Evangelium ist, was Jesus von Nazareth tatsächlich wollte, was die große humanistisch- universale Vision Reich Gottes bedeutet.

Die Freilegung struktureller Korruptheit des römischen Systems heute ist vielleicht eine noch größere Erschütterung als die Freilegung des sexuellen Missbrauchs durch Priester weltweit über viele Jahre.

Da ist, so wird von unserem Leser betont, eine absolute Monarchie, so versteht sich der Vatikan auf seiner offiziellen Website selbst.

(„Die Regierungsform ist die absolute Monarchie. Staatsoberhaupt ist der Papst, der die absolute gesetzgebende, ausführende und richterliche Gewalt inne hat“.

Gewaltenteilung gibt es also nicht, siehe: http://www.vaticanstate.va/DE/Staat_und_Regierung/Geschichte/Die_Vatikanstadt_heute.htm

Und diese absolute Monarchie, wo alles in den Händen – eines (nun 85 jährigen) Papstes liegt – kennt keine Gewaltentrennung, also keine demokratische Kontrolle und vom Wesen her keine Transparenz. Indem Benedikt XVI. jetzt beteuert, trotz allem weiterhin auf dem Felsen Petri zu stehen, betont er auch die Unveränderlichkeit des absolutistischen Regimes, also des Fehlens jeglicher Transparenz. „Man sollte für die Freilegung einer Dokumente sehr dankbar sein“, schreibt unser römischer Leser. Das römische System, bestehend aus älteren Herren und Höflingen (Curia ist ja der “Hof”) maßt sich an, in göttlichem Auftrag, Werte und Tugenden, Glauben, Lieben, Hoffen verbindlich für alle Katholiken zu lehren. Der Widerspruch zu einem demokratischen Leben heute könnte – einmal mehr jetzt  – dokumentiert, kaum größer sein.

Der Brief des Lesers aus Rom fragt weiter: Hat dann noch die These der heutigen  kritischen Reformer recht, man könne von Innen her dieses Renaissance – System reformieren? Unter welchen Bedingungen sind Renaissance – Systeme verschwunden, wird diese Frage diskutiert?, fragt der Leser.

Werden da nicht von Reformern Illusionen geweckt und gutwillige Leute in die Irre geführt, wird ihnen in DIESEM Engagement für Reformen kostbare Lebenszeit geraubt?

Wir geben die Fragen aus Rom gern weiter zur Diskussion.

Weiter schreibt der Leser aus Rom: Warum schweigen zu dem Thema die einst etwas mutigeren Ordensgemeinschaften?

Warum schweigen die protestantischen Kirchen zu den aktuellen “Freilegungen” im Vatikan?

Wir erlauben uns, unabhängig  von dem “Brief aus Rom”, ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  “Nachtgedanken eines Beichtvaters” (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:

“Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird”.

Copyright: re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de

 

Tomas Halik: Nachtgedanken eines Beichtvaters

Die Nacktheit des Glaubens: Tomas Halik und die Nachtgedanken eines Beichtvaters

Er sagt, dass junge Menschen heute in einer postoptimistischen Zeit leben. Und hofft, dass aus Glaubenden Suchende werden. Fragen an den Prager Theologen, Philosophen, Soziologen … und Skeptiker Tomás Halík

Von Christian Modehn

Aus aktuellem Anlass wurde am 4.8. 2015 ein weiterer Beitrag über Tomas Halik hier publiziert über sein Nein zu Veranstaltungen anläßlich der “Gay Pride” in seiner Prager St. Salvator Kirche. Lesen Sie den aktuellen Beitrag und klicken Sie hier.

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Hier das Interview von 2012:

Herr Halík, Ihr neuestes Buch heißt »Nachtgedanken eines Beichtvaters«. Hat ein Beichtvater besondere Erkenntnisse?

Tomás Halík: Einmal in der Woche, meist mehrere Stunden lang, kommen Menschen zu mir zum Beichtgespräch oder zur geistlichen Beratung. Wenn ich dann spätabends zu Hause bin, bedenke ich noch einmal, was diese Menschen spüren. Dabei zeigt sich eine Art Trend: Vor allem junge Menschen haben nur sehr wenig Vertrauen in das Leben, auch wenig Vertrauen in Institutionen wie die Kirchen. Die meisten leben in einer »postoptimistischen Zeit«. Die großen Versprechen der Moderne, etwa »immer mehr Fortschritt«, gelten für sie nicht mehr. Sie können sich nicht mehr auf einen Fundus von Vertrauen beziehen. Es herrscht eine tiefe geistige Krise. Die Unterhaltungsindustrie bestimmt und verändert fast alle Lebensbereiche, selbst die Politik und die Religion. Kommerzielle Unterhaltung ist eine Droge! Diese Welt habe ich in meiner Perspektive als Beichtvater vor Augen, der die Seele der Menschen kennenlernt. Mein neues Buch ist also alles andere als ein dogmatischer Traktat übers Beichten.

Wenn der Optimismus vorbei ist – wofür treten Sie persönlich dann ein?

Halík:Ich wehre mich gegen den religiösen Optimismus, der da meint: Der liebe Gott wird schon alles zum Guten wenden; wir müssen nur fleißig beten, dann gibt es das, was wir bei Gott »bestellen«. Das ist Magie! In Tschechien gibt es den Satz: »Optimistisch ist nur ein Mensch, dem die Informationen fehlen.« Für mich ist entscheidend, die Krise, etwa den Mangel an authentischem Glauben, wirklich auszuhalten und nicht in Illusionen zu fliehen. Wir sollten das biblische Paradox annehmen: Nur durch das Kreuz und den Tod ergibt sich Neues, ein Sieg der Hoffnung.

Auch im Blick auf die Entwicklung der katholischen Kirche und der Theologie gibt es wenig Grund, optimistisch zu sein?

Halík: Meines Erachtens liegt das Christentum in Europa auf dem Sterbebett. Ich frage Pfarrer in meiner Heimat manchmal: »Welche Kirche haben wir in fünfzig Jahren?« Höre ich die Antworten, dann habe ich oft das Gefühl, dass ich mich in der Familie eines Schwerkranken befinde, wo eine stille Übereinkunft gilt, dass über diese Krankheit nicht gesprochen werden darf. In diversen kirchlichen Milieus hatte ich sogar das Gefühl, als sei ich in das Theaterstück »Geschlossene Gesellschaft« von Jean-Paul Sartre geraten. Im Theater versteht der Zuschauer ja nach einer gewissen Zeit, dass alle Akteure tot sind, obwohl sie so tun, als ob nichts geschehen sei. Ein tschechischer Priester hat die katholische Kirche einmal mit einer Mühle verglichen, die zwar noch klappert, jedoch nicht mehr mahlt.

Gilt das auch über Tschechien hinaus?

Halík: Es gibt in Europa eine große Müdigkeit unter den Christen, ich spreche gern von der »Müdigkeit am Mittag«: Der Morgen – im Bild gesprochen: die frühe Geschichte des Christentums – liegt hinter uns; die »Zeit der Reife«, also der Nachmittag, wie der Psychiater Carl Gustav Jung einmal sagte, steht bevor. Jetzt aber herrscht die Müdigkeit des Mittags. Diese Krisenzeit gilt es anzunehmen. Nur so kann die neue Zeit religiöser, mystischer Tiefe kommen.

Was bedeutet für Sie der Glaube?

Halík: Der Glaube ist keine Ideologie, keine billige Lehre, durch die wir irgendwie Sicherheit finden. Glauben ist das Ausgesetztsein dem Geheimnis Gottes gegenüber, ist – anspruchsvoll – Teilhabe am Leben Gottes. Mit dem Geheimnis zu leben, das schlage ich zum Beispiel auch »Atheisten« als Lebensmaxime vor.

Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Halík: Für mich gibt es heute nicht mehr die alte Grenzziehung zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Beide können sehr selbstzufrieden in ihrer Position erstarren. Wichtiger ist, dass Gläubige wie Atheisten ihre Selbstzufriedenheit aufgeben und Suchende werden. Und mit den Suchenden Geduld haben! Ich selbst bin ein Suchender, ein geborener Skeptiker. Zum Glauben fand ich, weil ich konsequent skeptisch sein wollte und eben auch an meinem Zweifeln zweifelte. Ich will immer mehr die Tiefe des Glaubens erfahren, sozusagen »zum Grunde gehen«, und dann meine Erfahrungen mit anderen teilen – im gemeinsamen Suchen. Für mich ist entscheidend der von Paulus stammende Begriff der »Kenosis«, der Entäußerung und des Leerwerdens. Das ist das Gegenteil von Hochmut, Macht und Gewalt.

Hat diese Entäußerung auch eine aktuelle Bedeutung?

Halík: Ja. Gerade fand die Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier statt. Dort habe ich kürzlich gesagt: Kann denn der Heilige Rock, bei aller Hochachtung vor dieser Reliquie, heute noch ein Symbol der Kirche sein? Der Rock blieb doch in den Händen der Soldaten. Jesus ist nackt gestorben. Ist also nicht die Nacktheit Christi als Bild der Kirche viel treffender? Der nackte Christus – das ist Ausdruck der Entäußerung. Manchmal scheint es mir, dass Gott die katholische Kirche – angesichts der Missbrauchsfälle etwa – der Schmach vor den Augen der Welt preisgegeben hat auch als Strafe für all ihren Triumphalismus in der vergangenen wie jüngsten Geschichte. Es ist die Strafe für den Mangel an Bereitwilligkeit oder auch für die Unfähigkeit, mit allen Konsequenzen demütig zuzugeben, dass die Kirche eine »Gemeinschaft von Pilgern« ist, dass sie unterwegs ist und nicht am Ziel und sie keine »triumphierende Kirche« spielen darf.

Sie sprechen in Ihrem Buch von dem »bescheidenen, dem kleinen Glauben«. Gibt es von hier eine Verbindung zu den Atheisten?

Halík: Durchaus, denn wenn jemand praktisch zeigt, dass er die anderen als Brüder und Schwestern behandelt, dann folgt er – unbewusst – der Überzeugung, dass alle Menschen Kinder eines göttlichen »Vaters« sind. Wer die Lebensqualität dieser Erde bewahren will, der nimmt indirekt auch den Schöpfer an. Im Handeln zeigt sich also ein verschwiegener Glaube. Er ist schon in der Person verwurzelt, er ist nur noch nicht auf der bewussten Ebene formuliert. Darum verstehe ich mich mit diesen »Ungläubigen« gut und weniger gut mit einigen Christen, die nur viele Worte machen. Es gibt also eine neue Grenze zwischen Suchenden und Festgefahrenen. Eine bestimmte Art atheistischer Kritik kann eine Verbündete des Glaubens sein. Sie kann den Glauben von infantilen religiösen Vorstellungen befreien.

In Ihrem Buch kritisieren Sie ausdrücklich den enthusiastischen Glauben charismatischer Kreise.

Halík:Der Glaube sollte nicht zu einer schlichten Emotion werden. Glauben ist ein ernsthaftes Ringen mit dem Geheimnis, vor dem man oft sprachlos bleibt. Gott wohnt im unzugänglichen Licht! Wir sind immer mit dem Schweigen Gottes konfrontiert. Diese »Nacht des Glaubens« möchte ich respektieren. In unserer Universitätskirche in Prag versuchen wir dem zu entsprechen. Hier kommen sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Mein Motto ist: »Alle sind eingeladen, niemand wird gezwungen.« Wir freuen uns, dass in den zwanzig Jahren meiner Tätigkeit dort rund tausend Menschen getauft wurden. Diese offene Gemeinde ist für viele eine Art Zuhause, weil wir auch anspruchsvolle Meditationen oder Kunstausstellungen anbieten.

Wie dringend sind Reformen in der katholischen Kirche?

Halík: Die katholische Kirche muss sich immer reformieren. Sie sollte zudem Pluralität in den eigenen Reihen zulassen. Die frühe Kirche war ja in ihrer Organisationsstruktur, Theologie und Liturgie weit bunter als das heutige Christentum. Eine völlige Einheit der Kirche war niemals und wird wohl nie eine historische Tatsache sein. Über all die Themen, die die Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche vorbringt, sollte ruhig und sachlich diskutiert werden. Das schreibe ich auch in meinem Buch. Ich denke, dass diese Gruppen in mancherlei Hinsicht schließlich doch recht haben. Aber ich wende mich entschieden gegen die Vorstellung, die ich allerdings nicht allen Vertretern dieser Bewegung unterstelle, dass sich durch eine Demokratisierung und Liberalisierung der Strukturen, der Disziplin und etlicher Punkte der Moraldoktrin der katholischen Kirche ein neuer Frühling des Christentums einstellen könnte. Aber auch den Traditionalisten gegenüber habe ich meine Vorbehalte: Sie wollen in eine vormoderne Zeit zurück und suchen sich aus dem Ganzen des Glaubens aus, was ihnen gefällt. Damit sind sie häretisch. Glauben aber ist keine bequeme Gewissheit.

Sind das Perspektiven, die aus Ihrer Sicht angesichts des 50. Jahrestages des Zweiten Vatikanischen Konzils im Herbst bedeutsam sein können?

Halík: Durchaus, man denke an die festlichen Worte, mit denen das Konzilsdokument »Über die Kirche in der Welt von heute« beginnt: dass eben »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen unserer Zeit auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Kirche« sind. Diese Worte klingen fast wie ein Ehe-Gelöbnis: Die katholische Kirche gelobt dem modernen Menschen Liebe, Achtung und Treue in guten wie in schlechten Zeiten. Ist sie ihrem Versprechen jedoch treu geblieben? Kann sie heute mit gutem Gewissen eine »Goldene Hochzeit« mit der modernen Gesellschaft feiern? Auf der anderen Seite muss man allerdings auch nüchtern fragen: War für den modernen Menschen eine solche »Ehe« überhaupt je begehrenswert? COPYRIGHT: PUBLIK – FORUM. Wir weisen ausdrücklich empfehlend auf diese Zeitschrift hin. www.publik-forum.de

Lesetipp: Tomás Halík: Nachtgedanken eines Beichtvaters – Glaube in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag. 320 Seiten. 16,99 €

PS. am 6.6.2012:  Wir erlauben uns, aus aktuellem Anlaß im Vatikan,  ein Zitat aus dem neuen Buch von  Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  “Nachtgedanken eines Beichtvaters” (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  “Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird”.

Die Götter müssen verschwinden. Warum die neuen Atheisten den Glauben fördern

Der folgende Text ist die ungekürzte Fassung eines Beitrags für den NDR (Kultur) am 30.10.2011, die Form entspricht der für Hörfunk – Produktionen üblichen Gestaltung.

NDR  Glaubenssachen

Die Götter müssen verschwinden

Warum die „neuen Atheisten“ den Glauben fördern

Von Christian Modehn

 

1. SPR.: Berichterstatter

2. SPR.: Zitator

SPRECHERIN

1.SPR.:

In Europa und Amerika machen Missionare der besonderen Art von sich reden. Sie gehen nicht werbend von Tür zu Tür und sie stehen auch nicht mit ihren Druckschriften geduldig wartend auf der Straße. Kanzeln werden sie wohl niemals betreten. Sie werben im Internet, organisieren Konferenzen, treten in Talkshows auf. Aber wie alle Prediger haben sie ein festes Ziel vor Augen: Sie wollen bekehren. Dabei ist ihre Botschaft alles andere als religiös. Sie propagieren, wie sie sagen, eine „Alternative“ zu den bestehenden Religionen. Im „Manifest des evolutiven Humanismus“ heißt es:

2. SPR.:

Es geht um die Entlarvung des realen Unsinns, der sich hinter den religiösen Sinnstrukturen verbirgt. Wir gehen davon aus, dass es im Universum mit rechten Dingen zugeht, dass also weder Götter noch Geister noch Kobolde oder Dämonen in die Naturgesetze eingreifen.

1.SPR.:

Mit diesen Worten formuliert die religionskritische „Giordano Bruno Stiftung“ ihr Grunddogma: Die Natur mit ihren Gesetzen sei „die“ Wirklichkeit. Philosophen nennen diese Überzeugung „Naturalismus“. Das heißt: Auf die Naturgesetze kommt es entscheidend an. Deswegen können auch nur die Naturwissenschaften erklären, was die Welt „letztlich“ bedeutet. Weil sich Gott mit naturwissenschaftlich – empirischen Methoden nicht wahrnehmen lässt, gibt es ihn auch nicht. So einfach ist das. Wer auf der Höhe der Zeit leben will, sollte darum eine Art Bekehrung vollziehen und dem religiösen Glauben abschwören. Die Attacken gegen den Glauben sind heftig und radikal; sie treffen das Herz der Religionen:

2. SPR.:

Es ist unverzichtbar, dass wir die lebensfeindlichen, kindlichen Mythen über Bord werfen. Wer dabei auf verletzbare religiöse Gefühle Rücksicht nimmt, zementiert nur die weltanschauliche Borniertheit.

1. SPR.:

So formuliert Michael Schmidt – Salomon, der Vorstandssprecher die Überzeugung der religionskritischen „Giordano Bruno Stiftung“. Unentwegt, immer unterwegs, versucht der promovierte Erziehungswissenschaftler diese Botschaft zu verbreiten. Die „Giordano Bruno Stiftung“, im Jahr 2004 gegründet, versteht sich als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“. Inzwischen ist sie fest im kulturellen Leben verankert, nicht nur in Deutschland. Die Giordano Bruno Stiftung hat mehrere Regionalgruppen eingerichtet. Der internationale Förderkreis zählt mehr als 2000 Mitglieder aus 25 Ländern. Zum wissenschaftlichen Beirat gehören 54 zum Teil prominente Forscher und Universitätsprofessoren.

Die Zentrale der „Denkfabrik“ befindet sich in Mastershausen im Hunsrück, genauer gesagt auf dem Grundstück des Unternehmers Herbert Steffen. Nach seinem Austritt aus der katholischen Kirche stellt er schon seit vielen Jahren sein gesamtes Vermögen der Werbung für den Atheismus zur Verfügung. Seine Stiftung bezieht sich in ihrem Titel auf den Dominikaner Mönch Giordano Bruno. Er war zwar kein Atheist, dafür aber dachte er naturwissenschaftlich modern und, das ist wichtig: Er war ein unnachgiebiger Kritiker des kirchlichen Glaubens. Deswegen wurde er im Jahr 1600  auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von dieser Leidenschaft für die kirchenkritische Vernunft ist der Vorstandssprechers Schmidt Salomon erfasst:

2. SPR.:

Heute kommt es vor allem auf Eines an: Kämpferischen Einsatz und öffentlich Farbe zu bekennen.  Gefordert ist eine globale Konversion, also Bekehrung, von der religiösen Überheblichkeit zum schlichten Menschsein.

1. SPR:

Bis vor etwa 10 Jahren war der dezidierte Atheismus in Deutschland eher in kleinen philosophischen Zirkeln beheimatet. Wenn sich Philosophieprofessoren wie Herbert Schnädelbach und Hans Blumenberg zum Atheismus bekannten, dann waren ihre Stellungnahmen differenzierte, sachlich abwägende Essays über den Unglauben, ohne jeden propagandistischen Ton.

Nun aber gibt es einen neuen Trend: Die Zahl der erklärten Atheisten nimmt weltweit zu, 700 Millionen sind es weltweit. Sie beziehen ihre Kraft vor allem aus dem Kampf gegen die Glaubenseiferer von der anderen Seite: den radikal Frommen, den islamistischen und christlich – evangelikalen Kreisen mit ihren fundamentalistischen Überzeugungen. Diese interpretieren ihre heiligen Texte im wortwörtlichen Verständnis. Ultra – konservative Christen in den USA glauben daran,  dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Sie fordern auch, dass dieser Glauben in den Schulen gelehrt wird. Wie in einem dialektischen Gegenschlag starten nun die neuen Atheisten ihre Propaganda.  Mit besonderer polemischer Schärfe wirbt der englische Biologe Richard Dawkins für den Atheismus. Sein Buch „Der Gotteswahn“  kam vor 5 Jahren auf den Markt, es wurde weltweit mehr als 3 Millionen Exemplaren mal verkauft, allein 300.000 in Deutschland. Dawkins formuliert sein Credo kurz und bündig:

2. SPR.:

Der Glaube an Gott ist eine entsetzliche Krankheit, die ausgerottet werden muss.

1. SPR.:

Diese Behauptung wird  von den amerikanischen Philosophen Sam Harris und Daniel Dennett – wiederum in Bestsellern – unterstützt. In Italien wettert der Mathematiker Professor Pieregiorgio Odifreddi gegen das Christentum. Er hält den religiösen Glauben für eine Form des Schwachsinns, der nur geistigen Zwergen zusteht. In Frankreich polemisiert der Philosoph Michel Onfray in zahlreichen Büchern gegen die Religionen. Auch Onfray steht dem so genannten „Meister Atheisten Richard Dawkins“ nahe. Im „Humanistischen Verband Deutschlands“, der Vertretung konfessionsfreier Menschen in Deutschland, grenzt man sich von diesen polemisch auftretenden Herren ab. Man spricht dort von „Krawall – Atheisten“.  Andere, weltweit geachtete Philosophen hingegen, wie Peter Sloterdijk, haben sich von der neuen atheistischen Welle distanziert:

2. SPR.:

Für mich ist Dawkins Buch ein Ausdruck von Seichtheit, deswegen lege ich es beiseite. Das Feld der Transzendenz ist das Feld dessen, was für uns Geheimnis bleibt, was wir nicht ganz durchdringen,. Transzendenz ist ja auch eine Metapher für das, was wir noch werden können.

1. SPR.:

Die am Potsdamer „Einstein Forum“ lehrende Philosophin Susan Neiman  verteidigt ausdrücklich die Überzeugungen religiöser Menschen:

SPRECHERIN:

Ich finde, Religion nicht ernst zu nehmen ist eine Verachtung der Welt, in der die meisten Menschen heute leben und denken. Die Ansicht Dawkins’, religiöse Menschen seien allesamt irrationale Idioten, ist einfach selber Ausdruck reiner Ignoranz.

1. SPR.:

Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch der sich ausdrücklich atheistisch nennende Philosoph Joachim Kahl aus Marburg. Er wirft dem von Dawkins inspirierten Buch „Manifest des evolutionären Humanismus“ gedankliche Dürftigkeit vor.

2. SPR.:

Dieser bilderstürmerische Atheismus ergeht sich in einer eifernden Antithese zur Religion, und er erschöpft sich darin. Die ganze Welt soll als „religionsfreie Zone“ erlöst werden, wo nur die wahre Lehre der vermeintlich Aufgeklärten gelten soll. Dawkins hat von den Ambivalenzen der Religion keine Ahnung, sie hat menschenverachtende und menschenfreundliche Züge, sie enthält Sinn und Unsinn, Vernunft und Unvernunft.

1. SPR.:

Die christlichen Kirchen, vor allem die Theologen, können und wollen die Thesen der neuen Atheisten nicht einfach ignorieren. Denn deren einprägsamen Sprüche und griffigen Formeln prägen das Bewusstsein vieler Menschen. Es ist vielfach chic, sich als Atheist zu outen; in manchen großstädtischen Milieus ist man sich des Beifalls sicher.

Viele Theologen wollen ohne Polemik und seriös argumentierend auf die Herausforderung der „neuen Atheisten“  reagieren.  Sie sind überzeugt: Trotz aller Polemik weisen die atheistischen Eiferer auf Schwachstellen der christlichen Lehre hin. Ein Beispiel für die beginnende Auseinandersetzung ist die Internationale Zeitschrift für Theologie CONCILIUM. Sie hat vor einem Jahr in einem Heft vierzehn Autoren aus verschiedenen Kirchen zu Wort kommen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem „Neuer Atheismus“ sei zumindest in den USA en vogue, meint Philip Clayton, protestantischer Theologe aus Kalifornien:

2. SPR.:

Die Zahl der aktuellen Bücher, die die Argumente der neuen Atheisten erschüttern, ist inzwischen Legion.

1. SPR.:

Theologen und Philosophen leisten zunächst elementare Aufklärungsarbeit: Und die beginnt damit, an die Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung zu erinnern. Darin sind sich die Autoren der Zeitschrift Concilium einig:

2. SPR.:

Naturwissenschaft hat nichts mit Gott zu tun. Sie kann mit ihren Methoden Gott nicht erreichen und auch Gott nicht erkennen. Deswegen lässt sich naturwissenschaftlich weder der Theismus noch der Atheismus beweisen. Naturwissenschaft fragt nicht nach dem Sinn des Lebens, sie kann von daher keine Antwort geben auf religiöse oder metaphysische Fragen. Der Versuch, den Atheismus, naturwissenschaftlich zu begründen, muss scheitern. Auch der Atheismus ist eine Glaubenshaltung mit dem Bekenntnis: Ich bin überzeugt, es gibt keinen Gott.

1.SPR.:

Atheismus wie Theismus haben also eins gemeinsam: Sie sind Glaubenshaltungen und naturwissenschaftlich nicht begründbar. Auf dieser Basis können Philosophen und Theologen die neuen Atheisten ernst nehmen. Sie können sogar dankbar sein, dass die neue Bewegung der Ungläubigen für die nötige Unruhe der Selbstkritik in den Kreisen der Gläubigen sorgt, wie der protestantische Philosoph Paul Ricoeur betont:

2. SPR.:

Der Atheismus ist der Boden für einen neuen Glauben, für einen Glauben des nachreligiösen Zeitalters.

1. SPR.:

Dawkins und seine Mitstreiter haben eindringlich gezeigt, dass es populäre und manchmal infantile Vorstellungen unter den Gläubigen gibt. Theologen können dies nicht gutheißen und müssen sich dagegen wehren. So wird es zur dringenden Aufgabe, zeitgemäß und in der Sprache von heute die wichtigen Grundlagen der christlichen Religion zu erläutern, meint der Theologe Philip Clayton:

2. SPR.:

Ich sage nicht, dass alle theologischen Aussagen über Gott überflüssig geworden sind. Doch die traditionellen Kategorien und Begriffe, mit denen Gott beschrieben wurde, verlieren an Halt. Darum müssen neue Formulierungen gefunden werden.

1. SPR.:

Der amerikanische Theologe Clayton weist etwa den traditionsreichen Begriff „übernatürlich“ zurück. Früher war er selbstverständlich, die besondere, die himmlische, also nicht – irdische  Existenzform Gottes mit dem Wort übernatürlich zu beschreiben:

2. SPR.:

Aber diese Trennung von natürlich und übernatürlich, von weltlich und göttlich, ist theologisch gesehen ein komplettes Desaster. Gott wird in weite Ferne gerückt, ein solcher ferner himmlischer Gott kann die Welt nur durch sein Eingreifen in die Natur beeinflussen, indem er z.B. in Wundern die Naturgesetzte durchbricht. Aber für diese Eingriffe Gottes gibt es im modernen Bewusstsein keinen Platz mehr.

1. SPR.:

Ähnliche Probleme gibt es, wenn die Frommen ihren Gott als eine Person ansprechen, und dabei so tun, als wäre Gott sozusagen der gute Kumpel von nebenan, eine Person wie wir. Theologen revidieren darum missverständlich personale Beschreibungen Gottes. Sie werden vorsichtiger in der allzu menschlich gefärbten Anrede Gottes und nennen Gott nicht mehr so selbstverständlich wie in Kirchenliedern gerecht und gütig, barmherzig und strafend. Wie kann ein gerechter Gott auch gütig sein, und ein barmherziger Gott auch strafend? Es macht sich heute eine neue Scheu bemerkbar, von dem Unbedingten, dem Absoluten und dem ewigen göttlichen Geist allzu menschlich zu sprechen. Theologen bekennen, wie leichtfertig sie von Gott bisher gesprochen haben. Der Protestant Paul Tillich warnte schon vor 50 Jahren, dass der allzu vertraute und allzu bekannte Gott zu einem Götzen wird, einem Objekt, das in die Verfügbarkeit der Menschen gerät. An diese Warnung halten sich heutige Theologen. Sie nehmen Gott als das Unendliche wahr, als das Geheimnis, das wir nicht umfassen und deswegen auch nicht definieren können. Wir können es im Denken lediglich „berühren“, ahnend ertasten. Darin beziehen sich die Theologen auf die Einsichten des Mystikers Meister Eckart oder die Erkenntnisse des Philosophen Karl Jaspers:

2. SPR.:

„An den Grenzen der Vernunft steht das Unbegreifliche und das Geheimnis. Das Geheimnis erfahren wir als Grenze unserer Vernunft, aber wir nehmen es in das Licht unserer Vernunft auf“.

1.SPR::

Die Berliner Philosophin Petra von Morstein führt Jaspers Gedanken weiter:

Sprecherin

Das Göttliche entzieht sich unserer objektiven Erkenntnis. Aber doch erleben wir etwas über die Grenzen des objektivierenden Verstandes hinaus. Wir wollen das artikulieren. Aber wie tun wir das? Natürlich auch in Begriffen. Aber wir drücken diese Erfahrung symbolisch aus. Und in diesem Sinne wäre „Gott der Vater“ ein Symbol, aber es ist nicht wörtlich zu nehmen.

1. SPR.:

Vor allem über das Beten und Bitten muss angesichts eines „reiferen“ Gottesbild neu nachgedacht werden. Kann Gott, der das alles gründende, das ewige Geheimnis ist, unsere egoistischen Wünsche erhören und befriedigen?  Der spanische Theologieprofessor Andrés Torres Queiruga fragt in der Zeitschrift Concilium:
2. SPR.:

Schon der Kirchenlehrer Augustinus und der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin lehrten, dass wir im Gebet nicht etwa bitten sollen, um Gott zu unseren Gunsten zu verändern und umzustimmen, sondern vielmehr sollen wir beten und bitten, dass wir selbst uns ändern. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat diesen Gedanken weitergeführt: Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden. Wenn wir beten: Gottes Reich möge kommen, dann wollen wir dieses Reich des Friedens nicht herbeizwingen. Dann bestärken wir lediglich unsere eigene Sehnsucht nach diesem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.

1. SPR.:

Im Gebet wollen sich die Betenden also selbst ändern, ihr Denken und ihr Verhalten. So gesehen führt die theologische Auseinandersetzung mit den neuen Atheisten zur Überprüfung bisheriger kirchlicher Überzeugungen. Etliche Beobachter haben den Eindruck, als seien die neuen Atheisten –trotz ihrer Polemik – provozierende, prophetische Stimmen. Für diese von außen, aus der kritischen Distanz, formulierte Kritik kennt die kirchliche Tradition den Begriff der „Fremdprophetie“: Sie sollte ernst genommen werden, weil sie auf „wunde Punkte“ der traditionellen Lehre hinweist.

So macht sich angesichts der Provokationen der „neuen Atheisten“ eine neue theologische Bescheidenheit breit. Diese Haltung wird nachdrücklich unterstützt von Christen, die im ständigen Austausch mit Atheisten, Agnostikern und Skeptikern stehen, z.B. von dem katholischen Priester Tomas Halik. Er leitet in Prag die „Christliche Akademie“ und arbeitet als Professor für Soziologie an der Karls Universität. Sein besonderes Interesse gilt der Studentengemeinde, in der ausdrücklich atheistische und skeptische Menschen willkommen sind. Wenn Tomas Halik von Gott spricht, dann nie in der Position des Wissenden, schon gar nicht des „Besserwissenden“. Seine theologisch – spirituellen Überzeugungen hat er kürzlich in seinem Buch „Geduld mit Gott“ veröffentlicht. Darin heißt es:

2. SPR.:

Auch Glaubende erfahren, dass Gott mehr abwesend als greifbar nahe ist. Ein reifer Glaube ist ein geduldiges Ausharren in der Nacht des Geheimnisses. Der suchende Glaube kann im schmerzlichen, leidenschaftlichen, protestierenden Atheismus seinen Bruder erkennen. Auch wir Christen bleiben manchmal im Schmerz unbeantworteter Fragen vor dem Geheimnis des Bösen stehen. Auch unser Glaube erlaubt uns nicht, im Frieden endgültiger Antworten zu ruhen, sollte die Antwort der billige Trost des ‘religiösen Opiums’ oder das stoische Akzeptieren der Sinnlosigkeit der Welt sein. Diesen Atheismus – den leidenschaftlichen Protest-Atheismus – können Christen nicht anders „besiegen, als dass wir ihn umarmen.

1. SPR.:

Diese „Umarmung“ von Glaubenden und Nichtglaubenden hat nur Sinn, wenn sie sich über alle Debatten hinaus auch gemeinsamen Aufgabe zuwenden: Und entdecken, dass sie z.B. vereint für die Menschenrechte eintreten können, für den Schutz der Umwelt, die Überwindung der Armut. In diesem Sinne haben sich z.B. in Frankreich Gruppen gebildet, in denen Glaubende und Nichtglaube alle ideologischen Differenzen hinter sich lassen. Dieses gemeinsame Engagement ist für den atheistischen Philosophen und Publizisten André Comte Sponville aus Paris genauso dringlich wie die religiösen Debatten:

2.SPR.:

Für mich geht die Grenze nicht zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Sie verläuft vielmehr zwischen den freien, offenen, toleranten Geistern auf der einen Seite, ob man nun an Gott glaubt oder nicht. Und auf der anderen Seite sind die dogmatischen, die fanatischen Geister, die gibt es unter Glaubenden wie Nichtglaubenden. Wir kämpfen gegen die Fanatiker und gegen die Nihilisten. Das sind die Leute, die an nichts glauben, die nichts respektieren, die keine Werte haben, keine Prinzipien, keine Ideale. Darum will ich allen den anderen, Glaubenden wie Nichtglaubenden,  ein Bündnis vorschlagen: Wir sollen die gemeinsamen Werte der Menschheit verteidigen, vor allem die Menschenrechte.

1. SPR.:

Ob es zu einer praktischen Zusammenarbeit von Christen und Mitgliedern der Giordano Bruno Stiftung kommen wird, ist offen. Auszuschließen sind Formen der praktischen Kooperation allerdings nicht, zumal Theisten wie Atheisten entdecken: Es gibt längst die neuen Götter oder besser: die Götzen, die da heißen: Wirtschaftswachstum, Geld, Profit, Herrschaft der Reichen. Diesen Göttern opfern sich die meisten Menschen auf. Der Dichter Christoph Hein hat sich mit diesen neuen Göttern auseinandergesetzt, er hat kürzlich erklärt:

2. SPR.:

Alle Regierungen haben entschieden, es sei wichtiger das Kapital zu schützen als das Klima, deswegen sie kümmern sich verstärkt um funktionierende Banken und Autofabriken.

1. SPR.:

Darüber hinaus ist es auffällig, dass die Atheisten aus dem Umfeld der Giordano Bruno Stiftung nun differenzierter über die Kirchen denken. Haben sie die von den theologischen Repliken gelernt? So wird endlich zugegeben, dass es vernünftig argumentierende Christen gibt. Noch wichtiger ist, dass die neuen Atheisten in ihren neuesten Publikationen anerkennen:

2. SPR.:

Es gibt einen „poetischen Überschuss des Lebens“.

1.SPR.:

Und der zeigt sich, wenn Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen, dann werde die Alltagswelt überschritten zugunsten dieses poetischen Überschusses In der Kunst findet er seinen Ausdruck. Beschreibt dieser poetische Überschuss eine Art Transzendenzerfahrung? Wird die Kunst zur Plattform für Gespräche zwischen Christen und Atheisten? Vielleicht könnte die Einsicht Goethes hilfreich sein:

2. SPR.:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.

 

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