Artikel mit Stichwort ‘ Unvernunft im katholizismus ’



Friedrich d.Gr. und Hegels Philosophie

28. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar

Friedrich II. wird Aufklärer und als Protestant gewürdigt…
Das doppelte Bild Hegels von Friedrich d. Gr.
Von Christian Modehn

In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“, die Hegel in Berlin sechsmal hielt (von 1819 bis 1829), verteidigt er ausdrücklich Friedrich II., er nennt ihn wörtlich „eine große Erscheinung“ (298): „Es ist albern, wenn die Frömmelei und die falsche Deutschheit jetzt über ihn herfallen und diese große Erscheinung, die so unendlich gewirkt hat, kleinmachen oder gar zu Eitelkeit oder Verruchtheit herabsetzen wollen“. Und dann folgt der wichtige Satz: „Was Deutschheit sein soll, muss eine Vernünftigkeit sein“.

Friedrichs II. Verbundenheit mit der französischen Aufklärung wird von Hegel in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ herausgearbeitet. Voltaire wird dabei nur einmal dem Namen nach genannt (294). In einer Gesamtschau würdigt Hegel die Leistungen der französischen Aufklärung, etwa die „verhölzerte Religion“ (295) anzugreifen, sowie „den religiösen Zustand mit seiner Macht und Herrlichkeit, Verdorbenheit der Sitten, Habsucht, Ehrgeiz, Schwelgerei“ (ebd.). Dabei sieht er genau, wie die französische Aufklärungsphilosophie auch die damalige „verdorbene bürgerliche Gesellschaft“ kritisiert hat, „man erblickt bei diesen Philosophen Empörung“ über diese Zustände in Frankreich. (296). Denn „die Schamlosigkeit, Unrechtlichkeit ging (in der französischen Monarchie) ins Unglaubliche“ (ebd.) Diese Philosophen, so betont Hegel nachdrücklich, schätzten die Menschen nicht als “Laien“ (297) ein, also nicht als inkompetente Menschen gegenüber der Religion und dem Staat. Er lobt „das Genie, die Wärme, das Feuer, den Geist und den Mut“ der französischen Aufklärer, für das „Menschenrecht der subjektiven Erkenntnis“ eingetreten zu sein, also für die Forderung, dass sie als Menschen die Institutionen auf ihre Vernunft hin eigenständig überprüfen können und entsprechend gestalten.
In diesem Insistieren auf die kritische Macht des aufgeklärten Subjekts sieht Hegel eine Verbindung zu Friedrich II.. Damals war französische Aufklärungsphilosophie in Deutschland nicht wirklich verbreitet, meint Hegel, obwohl doch „viel Schlechtes und Barbarisches – durch sie in Deutschland – verscheucht wurde“ (298). Dabei stellt Hegel durchaus positiv wertend heraus, dass dieser Friedrich II. nicht explizit religiös erzogen wurde und auch nicht so lebte, monotone Psalmen hat er nicht auswendig gelernt, darauf weist Hegel hin…. Friedrichs innenpolitisches Reformwerk war „Bedürfnis“, wie Hegel sagte, also es war innerstes Anliegen Friedrichs selbst wie es auch als objektive Bedürfnis sozusagen in der Luft lag. Und Hegel nennt die Reformen Friedrichs II: Toleranz, Gesetzgebung, Verbesserung der Gerechtigkeitspflege, Sparsamkeit mit der Staatskasse, von dem elenden deutschen Recht ist nicht einmal mehr ein Gespenst geblieben“ (298).
Die religiöse Überzeugung Friedrich II. wird in diesen Vorlesungen nicht weiter explizit herausgearbeitet. Dass der Preußische König als Philosoph eher dem aufklärerischen Gottesbegriff des Deismus folgte, dass er also kein orthodoxer Christ war, wird in den Vorlesungen nicht erwähnt. Denn von seinem eigenen Standpunkt aus müsste Hegel dieses Gottesbild als ungeistig kritisieren, weil es an der Abstraktion und Unbegreiflichkeit Gottes festhält. Für Hegel ist Gott vernünftiger absoluter Geist und somit Subjekt und somit auch für den vernünftigen Menschen erkennbar als Subjekt. Von dem fernen Gott der Deisten hielt Hegel nur insofern etwas, als es „Durchgangsstufe“ zur Wahrheit ist.

Um so erstaunlicher ist, dass Hegel in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ Friedrich II. als „Held des Protestantismus“ bewertet (519). Da sieht er in einer eher auf das konfessionelle Gegeneinander der Großmächte fixierten Blickweise die Leistung des Königs darin, Preußen als „protestantische Macht“ unter den „großen Staatsmächten“ Europas etabliert zu haben. Ausdrücklich weist er aber auch dort darauf hin, „dass er ein philosophischer König“ gewesen sei, eine ganz eigentümliche und einzige Erscheinung in der neueren Zeit“ (519). Aber die Philosophie dieses Philosophenkönigs wird hier ausgeblendet, Friedrich bleibt jetzt der „protestantische Herrscher“. Wobei, nebenbei, auffällt, dass der Luther Freund Hegel hier auf das eher diffuse Bild des Protestanten zurückgreift, also selbst die Reformierte Konfession nicht anspricht. In jedem Fall ist für Hegel Friedrich II. eine Gestalt, die die Vernunft vorangebracht hat. Dass der König den Juden gegenüber intolerant war, wird nicht erwähnt. Immer wieder hingegen wird auch in beiden Vorlesungen ausführlich herausgearbeitet, dass der Katholizismus eine unvernünftige Religion der Veräußerlichung und des blinden Gehorsams sei, also eine alte bzw. veraltete und zu überwindende Gestalt der Religion, die Luther und der Protestantismus auch überwunden hat. Das ist eine zentrale Überzeugung des Religionsphilosophen Hegel.

Die Zitate stammen in beiden Fällen aus der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages, 1970 bzw 1971.
Die Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte sind dort Band 12; die Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie dort Band 20.
Copyright: christian modehn