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Die „ewige“ Mauer des Vatikan. Überlegungen anläßlich des 13. August

14. August 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Die „ewige“ Mauer des Vatikan
Anlässlich des Gedenktages Berliner Mauer

Am 13. August wurde in Berlin der Menschen gedacht, die sich mit der Beraubung ihrer elementaren Freiheit durch die DDR nicht abfinden wollten und eine Flucht trotz Mauer versuchten … und dabei von DDR „Grenzern“ erschossen wurden oder ertranken.
Bei der Gelegenheit wurde eher beiläufig auch in einigen Medien daran erinnert, dass es auch heute, im August 2011, in einigen Ländern Mauern gibt, die freie Kommunikation und Reisefreiheit unmöglich machen. Erwähnt wurde die Mauer, die von den USA an der Grenze zu Mexiko errichtet wurde, aus Stahldrahtverhauen und einem elektronischen Überwachungssystem. Dadurch soll Menschen aus Lateinamerika die Einreise in die USA erschwert werden. Wir erinnern uns an eine Messfeier, bei der die eine Hälfte des Altares auf USA Terroitorium, die andere Hälfte auf mexikanischem Boden stand. Die Mauer war dazwischen. Die Gläubigen beteten auf beiden Seiten und brüllten sich sozusagen über die Mauer hinweg ihre gemeinsamen Gebete zu. Ein absurdes Bild, das die politische Bedeutungslosigkeit engagierter Christen in den so christlichen USA deutlich macht. Sie können eben keine Mauern verhindern oder wenigstens überspringen. Christlich ist in den USA bei der Mehrheit der evangelikal kämpferischen Christen vor allem der Kampf ums ungeborene Leben.
Mauern und Stacheldraht trennen Nord – und Südkorea. In dem völlig vergessenen Land Westsahara errichtete Marokko einen 2.500 Kilometer langen Sandwall mit Minenfeldern, um die Aktivitäten der Befreiungsbewegung zusammen mit Algerien einzuschränken. Auf den Golanhöhen gibt es einen Stacheldraht Zaun usw…In Rio de Janeiro trennen Mauern die Slums von der Welt der Reichen, in vielen südamerikanischen Städten haben sich die Reichen aus Angst in ihren Villen – Gettos eingemauert usw… Mauern allerorten, und es werden immer mehr.
Einem Freund verdanken wir den Hinweis, dass der älteste Mauer – Staat die Vatikanstadt ist. Die Päpste und ihre Mitarbeiter wohnen und arbeiten seit Jahrhunderten eingemauert. Auch heute wird der Papst beschützt von einer 3.420 Meter langen Festungsmauer, sie umgibt den ganzen Papststaat und wirkt wie eine Art Wall gegen die säkularisierte Welt. An einer Stelle ist die Vatikanmauer fast 20 Meter hoch, das sind etwa 6 Etagen eines Hochhauses, selbst Schießscharten sind noch zu erkennen.
Die erste Vatikan Mauer wurde von Papst Leo IV. (er regierte von 847 – 855) errichtet, die so genannte Leoninische Mauer. Der Vatikan ist also der älteste Mauer Staat der Welt. Erich Honnecker wurde ja noch die Ehre zuteil, am 24. April 1985 von Papst Johannes Paul II. empfangen worden zu sein, ob die beiden sich über Mauererfahrungen austauschten, ist allerdings nicht bekannt.
Zurück zur Mauergründungszeit: Trotz dieser Schutzmaßnahme schon zu Zeiten Leo IV. muss sich der „Feind“ von Innen eingeschlichen haben. Denn Leos Nachfolger soll, so berichten bereits im Mittelalter einige Legenden, eine Frau, die Päpstin Johanna, gewesen sein. Wie dem auch sei: In jedem Fall bildete sich schon sehr früh bei den Päpsten eine Mentalität heraus, die der große Historiker Jean Delumeau mit der cité assiégée, der belagerten Stadt, beschrieb. Die römische Kirchenführung fühlte sich von Feinden, politischen wie religiösen, umlagert, da konnten nur starke Mauern, reale und geistige, die Macht stützen. Später musste die reale Vatikan Mauer weiter befestigt, Teile wurden abgerissen, Antonio de Sangallo d.J. entwarf einen Festungsplan, der Journalist Alexander Smoltczyk nennt ihn in seinem Buch „Vatikanistan“ den „Albert Speer von Paul Paul III. (S. 18). Später gestaltete Michelangelo Buonarotti den Festungswall zu einer eher prachtvollen Mauer um. Der letzte Teil der Mauer wurde übrigens erst nach dem Konkordat Papsz Pius XI. mit Mussolini 1929 fertig gestellt.
Der Eintritt in die Mauerstadt ist nicht ganz leicht: Heute gibt es 16 Türen innerhalb der Mauer, die den Staat des Papst umschließen. „Es gibt vier, fünf Schlupflöcher, durch die auch der an sich Unbefugte diese civitas Dei betreten kann“, schreibt Alexander Smlotczyk (S. 22).
Der Vatikan: Ein Mauer – Staat, er prägt wohl auch das Denken der Menschen dort, selbst wenn sie heute ständig ins benachbarte Ausland, ins italienische Rom, sich zurückziehen können. Eine Mentalitätsstudie über den Zusammenhang von Vatikan – Mauern und Theologie muss erst noch geschrieben werden, Jean Delumeau bietet erste Ansätze etwa in seinem Buch „Angst im Abendland“. Mauern und Angst wäre für ihn sicher ein Kapitel einer Studie „Der Vatikan als päpstlicher Mauerstaat“.
Interessant finden wir die Hinweise des Theologen Fabian Conrad, Steyler Missionar in St. Wendel (Saarland) und Missionssekretär seines Ordens, er sagte am 9.8.2011 in einem Interview mit einem Pressedienst seines Ordens anlässlich des Gedenkens an den Berliner Mauerbau:
„Wenn ich beispielsweise unsere katholische Kirche sehe: Wir haben ja auch Mauern um uns rum aufgebaut. Wir wären sicherlich näher an den Menschen dran, wenn wir diese Mauern nicht hätten.
Frage: Welche wären das?
Zum Beispiel Richtlinien, die im Kirchenrecht verankert sind, dass wir bestimmte Gruppen von Menschen von Sakramenten ausschließen. Beispielsweise diejenigen, die nach einer zivilen Scheidung wieder geheiratet haben. Das sind auch Mauern. Und genau da muss man sich den Psalmbeter wieder vor Augen führen, der sagt: „Mit meinem Gott spring ich über Mauern.“… Wir müssen uns als Kirchenvertreter hinterfragen. Die Dinge, die uns lieb geworden sind, halten vielleicht auch viele Menschen von uns ab. Ich denke da an unsere Liturgien. Die sind für viele ältere Menschen etwas Gewohntes, ja sogar Liebgewordenes. Bei vielen jungen Menschen ist das sicherlich oft anders. Teilweise ist die Liturgie, wie wir sie heute feiern, vielen Menschen völlig unverständlich. Dadurch entsteht eine Barriere. Wir Steyler Missionare können andere Wege gehen. Natürlich immer in dem Rahmen, der uns vorgegeben ist, wo wir wieder bei den Mauern wären, aber da sollte man vielleicht etwas mehr Mut aufbringen, die eine oder andere Mauern zu den Menschen zu überspringen“.

Copyright: Christian Modehn