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Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

5. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Pfingsten 2016: Wie der heilige Geist heute zu politischer Kritik ermuntert

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen  gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in den aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere; sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden. Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein im Umrissen sichtbare neue Welt ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden. In der Religionsphilosophie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten, hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grundstürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen,nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher;  sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: eher nicht, es ist zu spät. Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 



Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes: Der Geist ist heilig.

20. Mai 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Der menschliche Geist ist heilig. Hinweise für eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

Von Christian Modehn         (Eine Neufassung eines Beitrags von 2014)

Mit dem Pfingstfest tun sich die meisten Menschen heute schwer. Auch religiöse Menschen. Und daran sind die Kirchen mit-schuld: Die bis heute in kirchlichen Kreisen übliche theologisch-spitzfindige Trennung von (bloß auf den Menschen bezogenem) „Geist“ und dem offenbar göttlichen „Heiligen Geist“ ist nicht nur problematisch. Sie ist falsch. Sie ist ein Relikt aus Zeiten, als die Kirche und ihre amtliche, herrschende Theologie die Wirklichkeit aufspaltete, in „Natürlich“ und „Über-Natürlich“ trennte. Dabei konnte kein Theologe erklären, was denn nun die „Übernatur“ ist. Aber es wurden zwei Welten geschaffen, die eine (natürliche, angeblich heidnische) als fern von Gott befindliche Wirklichkeit; die andere, die übernatürliche Wirklichkeit, als Gnaden-Wirklichkeit: Und diese wird von der Kirchenführung verwaltet und bestimmt. Der weltweit geachtete katholische Theologe Karl Rahner SJ hat in seinen zahlreichen Hinweisen zur Gotteserfahrung immer gezeigt, dass im Wahrnehmen menschlichen Geistes (in der Einsamkeit, in der Liebe, in der Angst usw.) das Göttliche erfahren werden kann. Im menschlichen Geist, wohlgemerkt, an dem alle Menschen Anteil haben. Theologisch formulierte das Karl Rahner so: „Wir leben immer schon in einer von Gott, dem göttlichen Geist, bestimmten Wirklichkeit“. Mit anderen Worten: Der göttliche Geist ist in jedem Menschen immer schon wirksam. Universal. Selbstverständlich in allen Religionen.

Die im Neuen Testament beschriebene Geschichte vom Pfingstereignis will darauf hinweisen: Auch die Gemeinde ist (nach dem Weggang Jesu von Nazareth) geisterfüllt, lebendig, kreativ. Und sie erlebt ihren neuen Optimismus als Geschenk. Sie erlebt vor allem ihre eigene Vielfalt als Geschenk. Jede einzelne Sprache, d.h. jede einzelne Kultur, ist wertvoll, keine Sprache, keine Kultur darf dominieren. Alle Sprachen, alle Kulturen, haben das gleiche Lebensrecht. Der in Berlin immer zu Pfingsten stattfindende „Karneval der Kulturen“ als Fest der Vielfalt und der Gleichberechtigung aller Kulturen, ist ein (fernes) Echo auf die religiösen Geschichten vom Pfingstfest. Nur wird aus diesem Fest der Viefalt eben ein „Karneval“. Und ein Karneval als Ereignis eines Tages hat keine politischen Konsequenzen für eine gelebte Politik der Vielfalt.  Hat keine Konsequenzen etwa auf die Flüchtlingspolitik, auf die Abwehr des Fremden, auf die alltäglichen (geschürten) Ängste vor dem Anderem. Der „Karneval der Kulturen“ ist insofern bloß ein „ästhetisches“, aber kein politisches Ereignis.

Schon früher lehrten Philosophen und Theologen, wie Meister Eckart, darin durchaus Thomas von Aquin folgend: Es gibt nur einen einen und einzigen Geist im Menschen. Eigentlich eine Einsicht, die in der geistvollen Erfahrung eines jeden Menschen bestätigt wird: Hat jemand schon einmal seinen „natürlichen“ Geist als solchen, später aber seinen „übernatürlichen“, so genannten heiligen Geist als solchen erfahren? Der Geist als Geist ist heilig, weil er das Belebende, das Kreative, ist. Er ist das über alles Gegebene stets hinaus Weisende im menschlichen Leben;  weil Geist Sprache ist und Poesie in ihrer unendlichen Fähigkeit des Ausdrucks und Suchens; weil Geist auch Musik ist und neue Welten erschließt; weil Geist Philosophie ist in der Suche nach jenen Zeichen, die über das Weltliche hinausweisen; weil Geist Religion (bzw. Religionen im Plural) ist in der Suchbewegung, sich von selbst gemachten Göttern zu befreien und des Namenlosen, des alles gründenden Geheimnisses inne zu werden. Weil Geist Freiheit ist, und Freiheit etwas Unantastbares, Heiliges, Sakrales, vom Menschen nicht Totzuschlagendes, nicht Abzuschaffendes ist. Weil mit dem Symbol Geist letztlich das Menschliche des Menschen gemeint ist, selbst wenn einzelne Philosophen, wie Nietzsche meinen, der Geist des Menschen sei dann doch noch von Trieben anhängig: Aber allein diese Erkenntnis kann kein Trieb als Trieb formulieren, dazu braucht man dann doch wieder den Geist. Er ist dann also doch größer als der Trieb… Also: Der Geist wird als letztlich Unzerstörbare, wenn nicht Absolute erfahren, und das ermutigt zu der Hoffnung: Der allgemeine Geist, an dem jeder und jede teilhat, wird den inidviduellen Tod überdauern. Das hat der Berlienr Philosoph Wilhelm Schmid in seinem Buch „Gelassenheit“ schön beschrieben.

Pfingsten ist also das Fest des einen, universalen Geistes. In einer aufs Materielle fixierten Welt, in der der universale Gott das Geld ist und die Banker an der Wall street und anderswo die Hohenpriester sind, hat ein „Fest des Geistes“ einen schweren Stand. Trotzdem bleibt die Erkenntnis, die tröstlicher ist als die Börsennotiz der Wall street: Wo immer und wann immer noch geistvoll gelebt wird, auch in der Weise der Reflexion, des Sich-Beziehens auf den Geist, im geistvollen Miteinander, da wird das umfassend menschliche (eben geistvolle) Leben gefeiert und dem Gott des Bloß-Materiellen widerstanden. Dabei ist „geist-voll“ überhaupt nicht gemeint als Eröffnung eines dualistischen Denkens, sozusagen als Absage alles Leiblichen, Erotischen usw. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt sicher nichts Geistvolleres als gelebte Erotik, als geistvoll gestaltete Leiblichkeit.

Pfingsten will also eine geistvolle Gesellschaft. Man kann sie eine offene Gesellschaft nennen, eine solche, die ohne Überwachung und Kontrolle auskommt, eben eine Gesellschaft, die Freiheit für das höchste Gut hält und jeglichem autoritärem Verhalten Widerstand leistet.

Insofern ist Pfingsten ein Fest der Freiheit des Geistes. Da müssen sich die Kirchentüren weit öffnen, um vor allem die dogmatisch erstarrten Kirchen erst einmal selbst zu verwandeln: Weil eben alle zum Fest eingeladen sind, alle, die die Freiheit des Geistes verteidigen, Skeptiker, Agnostiker, weltliche Humanisten…Wo finden solche ökumenischen Feiern statt?

Pfingsten ist also nicht bloß das Fest der Ökumene der Kirchen. Es ist das Fest der Ökumene der Menschen, aller Menschen, die sich an den Geist, also an die Vernunft, halten wollen. D.h. die  in den Austausch treten, was denn für uns und die Gesellschaft das Gute und das dringend Gebotene, das menschlich heute Erforderliche, ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.



Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von G.W.F.Hegel

17. Mai 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Denken und Glauben

Der Seelenfunken in jedem Menschen:

Pfingsten in der Deutung Hegels

Von Christian Modehn

Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst – Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, der wird fast wie von selbst, möchte man sagen, zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel geführt. Er ist der Philosoph des Geistes „schlechthin“, wobei er von der grundlegenden Erfahrung geleitet ist, dass die Philosophie den Geist als ihr Thema hat und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, etwa auch für die  „Materialisten“. Die Frage ist nur, inwieweit diese Voraussetzungen kritisch „eingeholt“ werden können und inwieweit sie sich fruchtbar machen lassen für das Verstehen der ganzen Wirklichkeit. Aber vielen Menschen ist wie schon zu Zeiten Hegels der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist – Philosophie einzulassen und auch als Hilfe, das eigene Leben transparenter zu sehen. Von daher mag die Hegelsche „Pfingstphilosophie“ vielleicht heute zu anspruchsvoll wirken, tatsächlich aber hält sie viele Vorschläge der Reflexion auch für heute bereit.

Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. präsentiert, C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: Vorlesungen über die Philosophie der Religion II., Suhrkamp, S. 341). Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in der Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens aufgehoben, d.h. beides: bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341). In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch verstandene Pfingst – Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema in dem Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch übersetzt – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Nach der unmittelbaren Erfahrung der Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom historischen Ereignis in ein „geistiges Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S 301). Indem das Neue Testament behauptet, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte :“Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt.

Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die nun in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.

Man muss als philosophischer Leser den  anspruchsvollen philosophischen Aussagen  tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: der einzelne Mensch wird gewusst als Gott (sic, C.M.) und mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch als (endlicher) Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch.

Indem Pfingsten sozusagen den Menschen, jeden Menschen, erhebt zu einem mit Gott „ausgestatteten“ Wesen, wird, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung (Erlösung) an und für sich vollbracht“ ( 318). Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch, also geht es um Gestaltung der Freiheit des Geistes in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit; der freie Geist will sich äußern, also ent -äußern, verleiblichen, wenn man so will.  Dabei traut Hegel diese Leistung, etwa einen Rechtsstaat zu errichten, ausschließlich der protestantischen Religion zu;  der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und zu veräußerlicht und korrupt.

Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel – Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33). Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichts“: Diese – in anderen Zusammenhängen viel zitierte Formulierung – erinnert an den Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Anteilhabe des Menschen an Gott mit dem Begriff “göttlicher Funke“  ausdrückt. Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in diesem Vortrag, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott: Auch die Wirklichkeit der Gottesliebe führt zu den Traditionen Meister Eckarts. Innerhalb seiner Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, s 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben“.

Jedenfalls ist die mystische Erfahrung für Hegel alles andere als fremd. Hegel als Mystiker – das wäre ein spannendes Thema, das auch die „Phänomenologie des Geistes“ und die „Logik“ einbeziehen müßte.

Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: Es ist etwas pathetisch und gar nicht werbewirksam gesagt: „Das Fest des göttlichen Funkens in jedem Menschen“, sozusagen das Ewige in einem jeden, das als Ewiges auch Endliches überdauert. Die Fragen rund um den Tod erhalten so ein neues Licht.

Copyright: Christian Modehn



Der heilige Geist ist skeptisch. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

26. Mai 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

„Der heilige Geist ist skeptisch“. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

Von Christian Modehn

Einige Thesen zum Salon am 25.5.2012:

Bei dem Thema erleben wir einmal, wie Philosophie Lebenshilfe sein. Hilfe im Sinne der Klärung, Analyse. Ohne gedankliche Klarheit kein Klarheit im Leben, als ein unabgeschlossenes Geschen.

-Fragen, Staunen, Zweifeln sind die Vollzüge der Skepsis.

-Skepsis heißt um sich schauen, prüfen, auf den Wahrheitsanspruch „abklopfen“.

-In der griech. Philosophie eine (relativ) kleine Schule: die Skeptiker. Begründet von Pyrrhon von Elis, 365- 275 vor Chr.

-Er bedient sich des skeptischen Fragens, des Zweifelns an allem, mit dem Ziel: um dadurch die innere Ruhe, Ausgeglichenheit, Seelenfrieden zu finden. Denn: Wenn nichts als wahr erkennbar ist, ist eigentlich alles egal: Von daher sein „alternativer Lebensstil“, angstfrei sich verhalten. Sextus Empiricus (ca. 200 nach Chr. ) hat Pyrrhons Werk vermittelt.

-Methodischer Zweifel heißt das Stichwort bei Descartes. In Zeiten tiefster Erschütterungen (Kopernikus, Amerikas „Entdeckung“) Suche nach Sicherheit. Er findet sie im „Ich denke, (also) ich bin“.

-Skeptizismus ist die radikale Skepsis, die auch das ganze Leben betrifft und an den Rand der Verzweiflung führt. Der Zweifler lässt die Zweifel „tief in sich selbst ein“. Aus Zweifeln wird Verzweiflung. Nichts ist erkennbar, nichts ist wertvoll. Denkt in diese Richtung der Schrifsteller Emile Cioran ? („Vom Nachteil, geboren zu sein“, „Verfehlte Schöpfung“…) Aber: Auch Cioran entkommt nicht der Tatsache, dass sein Skeptizismus dann doch eine sichere Lebens Basis ist.

Was geht uns Skepsis an?

Wir können mit dem methodischen Zweifel leben: Skepsis ist elementar: Vorsicht lernen, wenn Widersprüche in geistigen religiösen Organisationen offensichtlich sind. Ohne diese methodische Skepsis kein geistiges Leben. Skepsis befreit von falschen Vorstellungen. (Zum Beisipiel: Eine Organisation, die Menschenrechte naxch außen verteidigt aber in ihrer eigenen Organisation keine Menschenrechte respektiert, ist sehr fragwürdig. Ein Skeptiker sagt: Besser nicht mit dieser Organisation).

Skepsis ist Lebenshilfe.

-Skepsis kann zur Lebenshaltung werden.  Montaigne: „Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher“.

Aber zerstört Skepsis das Grundvertrauen?

Was ist die Differenz zwischen Skepsis und Misstrauen?

Grundvertrauen sollte als Basis des reflektierten Lebens bleiben. Grundvertrauen aber ist „erarbeitet“, nichts Blindes, nichts Naturwüchsiges.

Grundvertrauen wird bestärkt durch die Überlegung: Der Skepsis gegenüber skeptisch sein!

Denn merke ich, dass Skepsis immer Vollzug des Geistes ist. Der Geist ist größer als die jeweilige Skepsis. Er ist sozusagen das Tragende, das Bleibende. Geist ist immer körperlicher Geist. Der Geist  bleibt, auch wenn ich an allem zweifle. (Bei Descartes war es das Ich, hier ist es mehr, der Geist, der über das Ich hinausreicht).

– Was hat das alles mit dem heiligen Geist zu tun?

Von Pfingsten wird bildreich von der Geistesgabe an die Gemeinde gesprochen. Als einem „Ereignis“.

Philosophisch betrachtet: Wir nehmen das Ereignis als Offenbarung für etwas Allgemeines, siehe Hegel.

D. h: Der menschliche Geist ist göttlich. Er ist in den Menschen als dynamische, belebende Kraft.

Der Apostel Paulus und Autor neutestamentlicher Texte: Der (heilige) Geist bestimmt ihn selbst und die ersten Christen.

Er schreibt im 1. Thessalonicher Brief (um 50 geschrieben): „Prüfet alles, das Gutes behaltet“.

D. h. Philosophisch gesehen, die Aufforderung zu prüfen, also skeptisch zu ein. Das Gute behalten, was ist das Gute? Was geistvoll ist, was der prüfende Geist als seinen Geist erkennt. D. h. Also das Geistvolle bewahren.

Was ist Geist? Geist ist Freiheit. Wesensbestimmung des Geistes ist die Freiheit. Siehe Reflexion: Sich auf sich beziehen, ich denke mich. Darin sehe ich mich in meinen freien Möglichkeiten. Ich frage im Geist, wer bin ich, was soll ich tun, was darf ich hoffen?

Der heilige Geist als der Geist aller Menschen ist elementar fragend/ skeptisch: Das heißt: Unser (heiliger)Geist ermöglicht uns, im Fragen und Zweifeln unsere Freiheit zu erkennen, Abstand zu nehmen von Widersprüchen und frei das Leben zu gestalten, frei immer verstanden als geistvoll. Ziel des gemeinsamen Leben ist: Geistvolles, freies Miteinander. Das muss politisch gestaltet werden.

Copyright: christian modehn.

 

PS.: Wir erlauben uns, aus aktuellem religionskritischem Anlaß,  ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  „Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird“.