Aktuelle Buchhinweise



Von der Heiligkeit der Person: Ein philosophischer Hinweis zum “16. April, dem Tag der Demokratie und Toleranz”

7. April 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ist die Person von sakraler Würde?

Ein Hinweis auf Überlegungen von Hans Joas und Emile Durkheim

Von Christian Modehn

“Wir für Demokratie – Tag und Nacht für Toleranz”: Ein ultrakurzes Motto für ein eigentlich normales Thema: Der 16. April 2013 soll rund um die Uhr im Zeichen der Menschenrechte stehen. So will es die Bundesregierung.

Das Thema Demokratie sollte in einer Staatsform, die sich demokratisch nennt, doch wohl ein all – tägliches Thema sein. Es muss schon ziemlich schlimm stehen, wenn nun einige Ministerien ausdrücklich die Bürger auffordern, sich doch bitte auf die Demokratie und ihre elementare Tugend, die Toleranz, (wieder) zu besinnen und alles zu tun, damit Demokratie als Sache aller (wieder) lebendig wird. Offenbar erinnern sich nur in Zeiten zunehmender Intoleranz viele Demokraten an das, was Toleranz bedeuten könnte.

Welchen Beitrag kann Philosophie und speziell Religionsphilosophie leisten, wenn es um den Einsatz für Demokratie und Menschenrechte – und damit zentral um Toleranz geht? Für Philosophie ist kritisches Denken die störende Begleitung und oft auch der Beginn politischen Handelns. Für den 16. April und natürlich weit darüber hinaus hat der Religionsphilosophische Salon einen Vorschlag der Lektüre und des gemeinsamen Nachdenkens: Und dieser Vorschlag ist alles andere als oberflächlich oder populär. Er erinnert an die wesentliche Dimension jeglichen Menschseins: Wir weisen empfehlend hin auf das Buch „Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte“ hin (Suhrkamp Verlag, 2011). Autor ist der  inzwischen weltweit beachtete Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas, u.a. Professor für Soziologie an der University of Chicago. Wir möchten hier nur auf das Kapitel 2 empfehlend verweisen.

Inhaltlich ist dabei interessant: Die hier entwickelte Qualifizierung des Menschen als einer „sakralen Person“ darf keineswegs als Plädoyer für eine neue Konfessionalisierung des menschlichen Wesens oder als eine religiöse Verschleierung oder Überhöhung des Daseins verstanden werden. Sakralität, so betont Joas, hat etwas mit Heiligem zu tun, und die Erfahrung und Geltung des Heiligen liegt allem Religiösen (schon gar dem konfessionell Religiösen) voraus!

Wenn Kant in seiner Philosophie, etwa in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“, von der „Würde“ des Menschen spricht, erwähnt er auch die „Heiligkeit“ des menschlichen Wesens. „Würde“ hat keinen Preis, sie kann nicht erworben, schon gar nicht gekauft, kann auch nicht durch Willkür anderer beseitigt werden. Menschliche Würde ist mit dem Dasein selbst da, sie steht für sich selbst, sie ist nicht menschlich verfügbar: Wer in dieser Weise von der unantastbaren Menschenwürde spricht, denkt, so Kant, wie von selbst auch an die Heiligkeit, im Sinne des Erhabenen, also des über den Menschen und ihrem Zugriff Stehenden. Im Erleben der eigenen Person wie der Personenwürde anderer tritt deutlich zutage, was man das Heilige nennen könnte: Nur ein Beispiel: Im ungerechten Leiden anderer Personen, etwa der gefolterten Widerstandskämpfer gegen diktatorische Gewaltherrschaft, können Menschen erleben, wie sich vor allem in der Empathie mit den Opfern eine starke Überzeugung auch emotionaler Art bildet, sie ist wie eine umfassend intellektuelle Kraft. Sie sagt absolut Nein zu dem Unrecht, zur Folter, zur Qual. Warum? Weil da die Heiligkeit und Unverletzbarkeit der Person, ihre Unantastbarkeit, verteidigt werden soll.

Diese philosophische Erfahrung der „Sakralität“ der Person hat nichts zu tun mit einer Vergötterung des Menschen, schon gar nichts mit dem Konzept des Übermenschen, der an die Stelle des toten Gottes gesetzt werden soll (Nietzsche). Sakralität der Person bezeichnet nur den absolut zu verteidigenden, unverfügbaren Wert eines jeden Menschen. Dieser Einsatz für die Sakralität ist nichts anderes als das konkrete Engagement für die Menschenrechte; diese sind selbstverständlich stetig weiter zu entwickeln, wie auch die Demokratie niemals etwas Fertiges ist.

Hans Joas lässt sich von dem französischen Soziologen und Ethnologen Emile Durkheim (1858 – 1917) inspirieren, der in seinen zahlreichen Studien, vor allem im Erleben des antisemitischen Dreyfus – Skandals, von der universalen Menschenwürde als der „Religion der Moderne“ sprach (etwa in seinem Aufsatz „Der Indvidualismus und die Intellektuellen“, von 1898). Durkheim schreibt: „Die menschliche Person wird als heilig betrachtet, sozusagen in der rituellen Bedeutung des Wortes. Sie (die Person) hat etwas von der transzendenten Majestät, welche die Kirchen zu allen Zeiten ihren Göttern verleihen…Wer auch immer einen Menschen oder seine Ehre angreift, erfüllt uns mit einem Gefühl der Abscheu, in jedem Punkt analog zu demjenigen Gefühl, das der Gläubige zeigt, der sein Idol profanisiert sieht“. (Joas, S. 82f).

Die Sakralität ist für Durkheim die allgemeine, die menschliche Spiritualität, sie gilt für Gläubige und konfessionell nicht – gläubige Menschen. Aber Joas weist darauf hin, dass aus dieser elementaren Heiligkeitserfahrung durchaus Religion werden kann (S. 94) Aber es bleibt dabei: Die Sakralitätserfahrung der Person ist das Erste und Grundlegende.

Die Frage ist natürlich, wie es gelingen kann, in der zunehmend anonym werdenden Massengesellschaft Menschen darauf aufmerksam zu machen: Ihr seid eigentlich von sakraler, also heiliger Würde? Diese Einsicht – auch pädagogisch für alle Altersklassen – zu vermitteln ist genauso wichtig wie das Engagement für die universale Geltung der Menschenrechte und damit der Demokratie.

Menschenrechte sind also nicht nur eine “Verhandlungsmasse” auf politischer Ebene, oft vom Kalkül bestimmt und aufgrund ökonomischer Zwänge allzu häufig verraten und vernachlässigt. Menschenrechte haben eine eigene “Aura”; sie bleiben selbstverständlich der vernünftigen Argumentation verpflichtet. Aber es ist die Vernunft selbst und nicht irgendeine religiöse Phantasie, die die Erkenntnis erschließt: Die Menschenrechte sind etwas Besonderes und absolut zu Verteidigendes. Die Person zu schützen, hat also kaum mit politischer Taktik zu tun; es ist vielmehr elementar auch eine spirituelle Aufgabe, die Person (und mit ihr die Menschenrechte) ganz hoch zu halten und – ja, auch dies – zu ehren. Wie weit die (immer weiter zu entwickelnden) Menschenrechte zum Kernbestand relgiösen Glaubens werden können, ist eine dringende Frage: Sie führt zu dem Problem: Wie können Menschenrechte Teil der Verkündigung – etwa der Kirchen- werden.

Wir weisen auf ein inspirierendes Interview mit Prof. Wilhelm Gräb über die spirituelle Bedeutung der Menschenrechte auf unserer website hin: Klicken Sie hier zur Lektüre.

copyright: christian modehn

 

 

 

 



Wider den Egoismus der neoliberalen Wirtschaft. Vorschläge von Axel Honneth

20. März 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Wider den Egoismus der neoliberalen Wirtschaft

Vorschläge von Axel Honneth

Von Christian Modehn

Die Philosophie kann die Ökonomie nicht sich selbst überlassen. Und das führt zu neuen Erkenntnissen. Philosophen haben eigene Vorschläge zur Reform des offensichtlich kaputten ökonomischen kapitalistischen Systems. Das zeigt das neue Buch des Frankfurter Professors für Philosophie und Direktors des dortigen Instituts für Sozialforschung, Axel Honneth. Das überaus anregende Werk von 628 Seiten hat den Titel „Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit“ (Suhrkamp 2012). Honneth ist ein viel gefragter Philosoph, wenn es um die Frage der Herausbildung normativer Ordnungen geht. Er will die Sozialphilosophie nicht loskoppeln von der Gesellschaftsanalyse und weist auch eine abstrakte, sozusagen empirie – freie Ethik zurück.

Wir können hier für die Gespräche in unserem Salon zuerst nur einen Aspekt herausgreifen: Das Kapitel über “Markt und Moral”, dort besonders die Ausführungen unter dem Titel “Eine notwendige Vorklärung”.

Der Titel des Buches sagt es schon: Es geht um Moral und Ethik innerhalb des Wirtschaftslebens. Kann der kapitalistische Markt heute zu einem Bereich sozialer Freiheit werden, wo Ausbeutung und Unterdrückung stark reduziert und stetig bekämpft werden, wo Selbstbestimmung als gemeinschaftliches Projekt gilt, also als ein Geschehen, in dem die dort Handelnden von Gerechtigkeit und Respekt geprägt sind? Das ist eine der drängenden Fragen, die der Frankfurter Philosoph Axel Honneth entwickelt und beantwortet. Er erinnert daran, was wir in den letzten zwei Jahrzehnten in der kapitalistischen Ökonomie erlebt haben: Von einer „Institutionalisierung sozialer Freiheit“ kann auf dem neoliberalen Markt eigentlich keine Rede sein. Offenbar handelt es sich, so Honneth, um eine „Expansion kapitalistischer Profitinteressen“ oder auch um  eine „Refeudalisierung“… D.h. wir leben in einer Wirtschaftsordnung, in der die einen Akteure in der (umfassend verstandenen) Freiheit des anderen gerade NICHT die Bedingung auch der eigenen Freiheit erkennen. Wer die anderen übersieht und nur die eigene Freiheit realisiert, hat bald selbst diese nicht mehr, weil tendenziell diese Situation alles andere als den Frieden fördert. Ohne Ethik auch in der Wirtschaft ist sozusagen der “Gesamtbestand der Welt” gefährdet.

Dieser Zustand egoistischer Freiheit in der Ökonomie wird zu recht angeklagt. Axel Honneth geht als Philosoph über das Jammern hinaus, er zeigt Wege, wie das Wirtschaftshandeln von Innen her reformiert werden kann. Und das beginnt mit der Erkenntnis, welche ethischen Implikationen und Voraussetzungen immer schon im Wirtschaftshandeln selbst enthalten sind. Man muss nur genau drauf schauen, um die abstrakte Engführung von Freiheit im kapitalistischen Wirtschaften aufzuarbeiten. Also nicht nachträglich muss dem neoliberalen, „egoistischen“ Agieren ein humaner Touch aufgeklebt werden wie eine reformistische, vielleicht sogar bloß caritative Geste. Vielmehr: Es mangelt dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem ein Verständnis dafür, dass schon VOR diesem Wirtschaftshandeln eine wechselseitige Anerkennung der unterschiedlichen Akteure die Basis ist.

Die Bürger dürfen also die Wirtschaftssphäre gerade NICHT den Ökonomen überlassen, die wie Fachidioten nichts als die Ökonomie kennen. Die moderne Entwicklung der Ökonomie zu einer abstrakten, von Geschichte und Philosophie völlig losgelösten Wissenschaft, ist für Honneth ein Irrweg. Denn Wirtschaften ist gerade nicht das strategisch – taktische und  raffinierte Tun von egoistischen Einzelsubjekten; sondern ist ein Geschehen,  in dem intersubjektiv aufeinander bezogene „Kommunikationspartner“ miteinander handeln.

Wir können nur darauf hinweisen, dass Axel Honneth unter anderem zentrale Erkenntnisse aus Hegels „Rechtsphilosophie“ (1820 in Berlin als Buch erschienen) aktualisiert: Das heißt, es wird zurecht damit gerechnet, dass auch Erkenntnis noch die Kraft des Wandels und der Reform  hat. Allen ökonomischen Verträgen voraus liegt die Anerkennung seiner selbst und der anderen als „verantwortlicher Rechtspersonen“ (S. 322 in dem genannten Buch von Axel Honneth), in diesem, allem ökonomischen Agieren voraus liegenden Bewusstsein rechtlicher Freiheit bildet sich der Rechtsstaat: Er ist die Voraussetzung für die rechtlich gestalteten Beziehungen ökonomischen Austauschs unter Privatpersonen. Mit anderen Worten: Erst der Respekt vor dem Rechtsstaat ermöglicht soziale Freiheit auch im Wirtschaftshandeln. Dieses Bewusstsein muss sozusagen prägend sein und prägend bleiben.

Freilich erleben wir heute den „homo oeconomicus“, als den ausschließlich aufs egoistische erfolgreiche Wirtschaften zielenden Menschen. Er ist sozusagen Repräsentant des gängigen Lebens, das nur als beschädigtes sozialen Leben begriffen werden kann. Schon seit dem 18. Jahrhundert wird von Philosophen und Schriftstellern wahrgenommen, wie die Kommerzialisierung der Gesellschaft den einzelnen Menschen erniedrigt, ihn zu einem „bloßen Abdruck des ökonomischen Geschäfts macht“ (F. Schiller). In einem normativen Menschenbild der umfassenden Freiheit muss dagegen gesteuert werden.

Hegel und später dann auch Durkheim drängen auf die Erkenntnis: Es gibt ein Solidaritätsbewusstsein, das allen Verträgen und allem ökonomischen Handeln VORAUS liegt, das also wie eine sachliche Prämisse dieses ökonomische Tun von Innen her bestimmen sollte. Denn nur diese solidarischen Einstellungen, in die sozusagen das ökonomische Handeln „eingebettet“ ist, ermöglichen überhaupt das „reibungslose Funktionieren des Marktmechanismus“ (S. 328). Ohne menschliche Rücksichtnahme, ohne Respekt der unterschiedlichen Partner voreinander, ist kein Marktgeschehen möglich, meint Hegel. Fehlt dies, gerät das ökonomische Handeln zu einem Manöver von Betrug und Aggression. Eine letztlich doch um des Erfolges willen auch angezielte „harmonische Integration der wirtschaftlichen Einzelinteressen“ kann ohne diese „allem voraus liegenden moralischen Regeln“ nicht gelingen. So „pragmatisch“ allgemein nachvollziehbar kann man diesen Hegelschen Gedanken ausdrücken.

Axel Honneth weist darauf hin, dass es aber doch recht unbestimmt bleibt, „wie die von (Hegel und Durkheim) prätendierten  Moralnormen als Bestandteile (!) der Markwirtschaft begriffen werden sollten.“ Der Vorschlag von Honneth ist klar: Das Marktgeschehen braucht die von Hegel und Durkheim entwickelte „sittliche Rahmung durch vor – vertragliche Handlungsnormen“, weil die Wirtschaft nur unter dieser normativen Voraussetzung mit dem Einverständnis aller Beteiligten rechnen kann. „Wie jede andere soziale Sphäre bedarf auch der Markt der moralischen Zustimmung durch alle an ihm mitwirkenden Teilnehmer“ (S. 333).

Diese Erkenntnis ist fundamental: Der Markt braucht also für sich selbst, aus eigenem Überlebensinteresse, die moralischen Normen, die ihm selbst noch als Bedingung seiner Existenz (und seines Erfolges) voraus liegen. Mit anderen Worten: Ein kluger Teilnehmer auf dem Mark ist moralisch. Wer als Kapitalist Fairness und Gerechtigkeit verletzt, schadet letztlich sich selbst. Es gibt also philosophisch gesetzte Grenzen des kapitalistischen Marktes. Versagt der Markt, führt das nicht nur zu ökonomischen Krisen. Schlimmer noch und auch politisch viel erschütternder ist der Verlust an Glaubwürdigkeit und Legitimation durch die Bevölkerung. Ein Phänomen, das wir angesichts der sogen. Bankenkrise seit 2008 immer deutlicher erleben: Die Krise der Banken, also das egoistische, völlig unverantwortliche Verhalten vieler Banker, entwickelt sich heute zur Krise der Demokratie. Darum gilt auch von daher die Einsicht: Die moderne Marktordnung ist alles andere als ein normenfreies System (S. 359). Denn etwa das Unrechtsempfinden, die Selbstzweifel, die Fragen nach Sinn und Legitimation des eigenen (egoistischen) Handelns sind IM Handeln der neoliberalen Akteure ja wenigstens unthematisch anwesend, diese Akteure haben de facto diese moralischen Fragen, auch wenn sie sie unterdrücken oder als irrelevant zurückweisen. Etliche Banker haben ja selbst die Erfahrung (offenbar nur kurzfristig?) machen können, wie es ist, plötzlich arbeitslos auf der Straße zu stehen. Nur wenige haben wohl erkannt, dass diese ihre Situation nur der Ausdruck des Fehlens moralischer Normen IM ökonomischen Prozess ist.

Honneth will diese Erkenntnis förmlich einschärfen: Ein sittliches, die Freiheit garantierendes Verhalten ist nur möglich, „wenn es gelingt, die Sphäre des Marktes als ein in vormarktlichen (also noch logisch vor dem Markt liegenden CM) Solidaritätsbeziehungen begründetes und auf sie zurückgehendes System von wirtschaftlichen Aktivitäten zu beschreiben“(352 f.).

Axel Honneth ist sich bewusst, dass die dargestellte Problematik mit dem Gedanken an Karl Marx (Das Kapital) verbunden werden muss. Vor allem die These müsste hier weiter diskutiert werden, ob die Kapitalisten eine solche Monopolstellung haben, dass sie in jeder Weise erfolgreich, aber unsittlich ökonomisch handeln können. Das dann zu besprechende Ungleichgewicht zwischen „Herren und Knechten“ wäre dann zu diskutieren, etwa der Kampf des Knechtes gegen seinen Herrn.

Um so dringender müssen die von Hegel und Durkheim beschriebenen Möglichkeiten der Einfügung des sittlichen Freiheitsbewusstseins IN den Kapitalismus besprochen werden, zumal wohl nur die grundlegende Reform des Kapitalismus, nicht aber dessen Abschaffung zugunsten eines Staatssozialismus zur Debatte steht. Es geht um die gestaltbare Zukunft eines allseits (!) freiheitlichen, gesellschaftlich kontrollierten Kapitalismus… Wichtiger Schritt ist dabei die städnige öffentliche Freilegung des hässlichen Gesichts des Kapitalismus.

Wir haben uns hier auf einen Ausschnitt aus dem Buch  Honneths begrenzt. Aber dieser Aspekt aus dem wichtigen Buch ist schon inspirierend genug, zeigt er doch die absolute Dringlichkeit, eine sozialen Freiheitsethik weiter zu diskutieren.

Im ganzen zeigte sich Axel Honneth in einem Gespräch (mit “Forschung Frankfurt 1/2012) doch etwas zuversichtlich für die weitere Entwicklung sozialer Freiheit: „Wir haben eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erinnerungen an normative Rückschritte und moralische Verbesserungen, an Niederlagen und Siege im Kampf um die Verwirklichung der uns gemeinsamen Freiheitsversprechen. Insofern sind die Chancen da.“

Zum Schluss noch ein Hinweis (ebd.) des dänischen Philosophen Raffnsøe-Møller (Aarhus): Für ihn ist das Buch „gegen den Mainstream der politischen Philosophie geschrieben“. Es kann „insofern der Debatte über soziale und gesellschaftliche Gerechtigkeit viele Impulse geben und auch zu einer Erweiterung dieser Diskussion beitragen“.

 

Copyright: christian modehn

 

 

 

 

 

 

 

 



Der gekränkte Mensch. Ein Interview mit dem Philosophen Dr. Jürgen Große

4. März 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Leben mit Kränkungen:

Fragen an Herrn Dr. Jürgen Große, anläßlich seines Buches “Der gekränkte Mensch”  (mit einem Hinweis zum Autor am Ende des Interviews)

Von Christian Modehn

Welche Rolle spielt für Sie als Philosoph, auch im Blick auf Ihr neuestes Buch „Der gekränkte Mensch“, die Beobachtung von Menschen in der Stadt? Man möchte sagen der empirische Blick des Flaneurs? Ihre „metaphysischen Miniaturen“, so der Untertitel, sind ja alles andere als empiriefreie Spekulationen.

Ich lebe in einer Großstadt und bin dort täglich, hauptsächlich zu Fuß, unterwegs. Das unterscheidet meine Situation sicherlich von der eines Reiseautors, der sich aufmacht, um etwas zu erleben und dann darüber zu schreiben. Die Eindrücke, auf die sich Der gekränkte Mensch bezieht, sind für mich zunächst eher etwas Passives gewesen, etwas, das sich (gewiss nicht nur mir) aufdrängte. Die literarische und philosophische Verarbeitung ist eine Möglichkeit, darauf zu reagieren. Metaphysik hat mit Steigerung, auch Übertreibung von Alltäglichem zu tun. Was ich an mir und anderen auf der Straße nur fragmentarisch erlebe, treibe ich am Schreibtisch zur Konsequenz. Ich fühle mich nicht in einer privilegierten Position wie der des Flaneurs.

Sie wollen das „Wesen“ des heutigen Stadtbewohners erfassen und kommen dabei zum Phänomen des weit verbreiteten Gekränktseins. Rührt Kränkung (durch Demütigung, Gefühl von Tadel und ungerechter Behandlung) vor allem aus einem Mangel an Selbstwertgefühl?

Das schwierigste Wort an dieser Frage ist für mich Selbstwertgefühl. Wodurch entsteht das? Hat man es ständig? Stolz wird zu Selbstgefühl normalerweise nur, wenn er verletzt wurde. Im Kapitalismus ist aber, wenn man sozial funktionieren will, ein dauerndes Wissen vom eigenen Wert gefordert, das nicht so sehr mit erbrachten Leistungen zusammenhängt – die können ja schnell durch technische Fortschritte hinfällig werden –, sondern eher mit der Bereitschaft zu einer Selbstdistanzierung. Um sich ihres Wertes gewiss zu werden, muss die Person dauerhaft neben sich treten können, muss sich als wert versprechendes Objekt vorstellen, darstellen, herstellen. Paradox gesagt: Sie muss sich zum Objekt machen, um als Subjekt überzeugen zu können. „Erfinde dich selbst“ ist der frischfröhliche Ausdruck dafür.

Viele Menschen sind gekränkt, weil sie keine Chance haben, ihre Begabung, ihren Beruf usw. adäquat auszuüben. Ruft Gekränktsein nicht nach „Empörung“ (Stephane Hesssel) auch politischer Art?

Der „Mythos vom Zivilisationsprozess“ besagt, dass physische Übergriffe allmählich durch imaginäre, symbolische Formen der gegenseitigen Verletzung ersetzt werden. Man existiert sozial durch den Respekt, den andere einem zollen, man ist bereit, für ein Bild von sich zu sterben. Die prominentesten Terroristen waren nicht underdogs, die im materiellen, gar physischen Sinne Erniedrigten und Beleidigten dieser Erde. Es waren Aufsteiger aus den Mittel- und Oberschichten der sog. dritten Welt, die ihre Anpassung an die westliche Lebensform nachträglich als demütigend empfanden, oder auch Leute aus dem innersten Zirkel der wissenschaftlich-technischen Zivilisation (Unabomber).

Kann man überhaupt noch einem anderen Menschen die von einem selbst empfundene, also „eigene“ Wahrheit sagen, ohne Angst haben zu müssen, den anderen noch weiter zu kränken?

Wahrheitsliebe und Nächstenliebe sind nun einmal nicht vom selben Stamm. Doch man kann ja auch verletzt sein, wenn man sich belogen findet.

Ist in einer allseits gekränkten Gesellschaft noch Wahrheit, Wahres sagen, möglich?

Mir geht es in dem Buch nicht so sehr um gegenseitige Kränkungen, sondern um die Bereitschaft zur Selbstdemütigung. Wer sich unter das Bild des allzeit disponiblen Subjekts demütigt, glaubt nicht an eine objektiv bestehende Wahrheit.

Wie entkommen wir dem wohl unabwendbaren Geschehen des Gekränktwerdens? Brauchen wir – um den Untertitel aufzugreifen – metaphysische Verwurzelungen? Etwa ein prinzipielles Ja zum nun einmal auch Kränkungen bringenden Dasein?

Unabänderliches zu bejahen wäre bloß intellektuelle Pose.

Veröffentlicht am 4. 3. 2013

Das Buch von Jürgen Große “Der gekränkte Mensch” ist 2012 erschienen. Es hat den Untertitel “Metaphysische Minitiaturen”. Erster Band. Leipzoger Literaturverlag. 109 Seiten.

Zum Autor, dem Philosophen Jürgen Große:

Dr. Jürgen Große, geb. 1963 in Berlin; Lehre als Schriftsetzer, Wehrdienst, Pressevolontariat, Lektor in verschiedenen Verlagen. 1986–1992 Studium der Geschichte und der Philosophie an der Humboldt-Universität sowie an der Freien Universität Berlin, 1996 Promotion, 2005 Habilitation, Lehraufträge für Philosophiegeschichte, akademische Gastaufenthalte im Ausland, seit 2000 freier Autor.

Veröffentlichungen (Auswahl): Aus Zeit und Geschichte (Roderer: Regensburg, 2000); Aus Langeweile. Aphorismen – Essays – Fragmente (Leipziger Literaturverlag: Leipzig, 2004); Kritik der Geschichte (Mohr: Tübingen 2006); Phänomenologie des Unglücks (edition fatal: München, 2007; Teilübersetzungen ins Italienische und ins Polnische 2011); Die Philosophen (der blaue reiter: Stuttgart, 2007); Durch Tag und Nacht. Lehrstunden der Schlaflosigkeit (der blaue reiter: Stuttgart, 2008); Philosophie der Langeweile (Metzler: Stuttgart, 2008); Ernstfall Nietzsche. Debatten vor und nach 1989 (Reihe Essay – Aisthesis: Bielefeld, 2010); Lebensphilosophie (Reclam: Stuttgart, 2010); Fünf Zeitbilder. Geschichtsphilosophische Glossen (Leipziger Literaturverlag: Leipzig, 2010); Der gekränkte Mensch. Metaphysische Miniaturen (Leipziger Literaturverlag: Leipzig, 2012); Die Arbeit des Geistes (der blaue reiter: Aachen, 2013).

Auszeichnungen/Stipendien (Auswahl): 1997 Humboldt Fellow Hopkins University/Baltimore, 1999 Stipendium der Akademie Schloß Solitude (für Aus Langeweile), 2001 Förderstipendium Essay der Stiftung Niedersachsen (für Aus Zeit und Geschichte), 2006 Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste (für Die Philosophen), 2009 Preis der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften für den Essay „Gedankenräume“, 2010 Günter-Bruno-Fuchs-Preis (für Fünf Zeitbilder)

 



Das überforderte Selbst. Zur Krise der Selbstbestimmung

23. Februar 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Das überforderte Selbst. Zur Krise der Selbstbestimmung

Eine philosophische Meditation zum Salon am 15.2. 2013, inspiriert von Michael Theunissen

Von Christian Modehn

Selbstbestimmung ist ein unaufgebbares Ziel personalen Lebens im Miteinander in Staat und Gesellschaft. Autonom zu leben ist förmlich ein Menschenrecht, was ja nicht heißt, dass autonomes Leben gesetzloses oder gar verantwortungsloses Dasein bedeutet. Nur sollen eben Gesetze als Ausdruck allgemeiner Vernunft gestaltet sein. An der allgemeinen Vernunft hat der einzelne Anteil. Fremdbestimmung verweist auf Verhältnisse, an denen sich der „Kampf“ um Selbstbestimmung abzuarbeiten hat.

Nun gibt es offenbar unüberwindbare Fremdbestimmungen, die unaufgebbar zur Struktur des Daseins gehören: Ich bin in die Welt ohne meine vorherige Zustimmung „geworfen“, wie Heidegger in „Sein und Zeit“ betonte; ich bin unveränderbar sterblich; ich bin immer leiblich geprägt usw… Selbstbestimmung muss also von jeglichem euphorischen Optimismus befreit werden, so, als wäre das vielfache Bestimmtsein des Daseins prinzipiell zu überwinden und „aufzugeben“.

Für den Berliner Philosophen Michael Theunissen ist vor allem das Hineingestelltsein des Menschen in die Zeit eine unüberwindbare Fremdbestimmung. Wir sind in die stetig fließende Zeit hineingestellt, können sie nicht stoppen, können aus ihr nicht aussteigen, können ihr nicht entkommen. Darauf bezieht sich Theunissen in seinem Aufsatz „Können wir in der Zeit glücklich sein?“. Er wurde in dem Buch „Negative Theologie der Zeit“ veröffentlicht (Suhrkamp Verlag, 1991).

Theunissen nennt seine Hympthese: „Die Zeit herrscht über uns, über uns Menschen wie über die Dinge. Und zwar richtet sie eine entfremdende, keine befreiende Herrschaft über uns auf“ (S. 41).

Das heißt aber nicht, dass menschliche Freiheit sich zu der Zeit nicht individuell verhalten kann, also diese Fremdbestimmung formen und gestalten kann. Andererseits wird in Theunissens Überlegungen deutlich, wie in den unterschiedlichen Formen der Bezogenheit auf Zeit die Überforderungen des Selbst, gerade auch krankhafter Art, etwa in Psychosen, Neurosen und Depressionen, entstehen. Die (objektive) Zeit gestalten oder vor der Allmacht der Zeit erstarren – in dieser Spannung gestalten wir unser Dasein. Alle Menschen sind der Zeit unterworfen, „in Psychosen aber werden Kranke der Zeit (sogar) ausgeliefert“ (S. 49).

Grundsätzlich aber können Menschen inmitten dieser, nennen wir sie „objektiven“, also stetig dahin fließenden Zeit, auch „ihre“ persönliche (Lebens) Zeit gestalten und ihre eigene Lebenszeit formen. Wir sind auf Zukunft ausgerichtet, planen immer schon selbst unsere noch so bescheidene Zukunft; wir schauen aber auch stets zurück, erinnern uns an die von uns erlebte Vergangenheit, etwa an ihre Höhe – oder Tiefpunkte und sammeln dann diese Erfahrungen in der erlebten Gegenwart. Dabei vergegenwärtigen wir dann unsere Zukunft und unsere Vergangenheit in einer langen Dauer, einer dauernden Gegenwart. Sie ist also mehr als das punktuelle Jetzt, das schon ganz schnell wieder Vergangenheit wird. Die auch durch Martin Heidegger angestoßene Zeit – Verbundenheit und immer schon geschehende Zeit – Gestaltung des Menschen führt, so Theunissen, dazu, dass heutige Menschen Zeit immer zuerst als ihre zu gestaltende Lebenszeit sehen.

Jedenfalls meint Theunissen, durchaus im Anschluss an Kant „Kritik der reinen Vernunft“: Der Raum beherrscht uns a priori, aber die Zeit beherrscht uns apiori noch viel mehr (S. 41), weil die Zeit auch unsere geistigen Vorstellungen beherrscht. Wir können an dem ewigen, „objektiven“ Zeitfluss leiden, Theunissen nennt auch Langeweile in seiner Sicht ein Leiden an der Zeit. Und er betont weiter: Psychosen entstehen aus der Überforderung an der Zeit. Denn in den Psychosen haben Patienten die Gewissheit, der Zeit ausweglos ausgeliefert zu sein. Das Krankmachende ist für diese Menschen die Zeit selbst, sie erleben sich, wie in einer Niederlage, der objektiven Zeit hilflos preisgegeben. Das Subjekt hat dann keine Kraft mehr, dem allgemeinen Unterworfensein unter die Zeit kreativ Eigenes entgegen zu halten. D. h. diese Menschen können nicht mehr die Zukunft als ihre ureigene Zukunft gestalten, sie sind außerstande, die eigene Vergangenheit aus dem Meer des Vergangenen zu formen. Dieses Ausgeliefertsein verändert das Zeitgefühl: Ein Tag erscheint dann dem Depressiven wie der andere. Diese Situation wird wie eine ewige Wiederkehr des gleichen erlebt. „Das Leben zieht an einem vorbei“, sagt ein Patient, so berichtet Theunissen. Und das Ich schaut sozusagen dem Zeitfluss nur noch zu. Man erstarrt als Beobachter und kommt letztlich existentiell zum Stillstand. Theunissen weist darauf hin: Depressive Menschen erleben sich als Zurückbleibende im Zeitstrom, Lebensstrom, der an ihnen vorüber fließt. Dadurch entstehen tiefe Hemmungen in der Vitalität. Theunissen erinnert an den Philosophen Walter Benjamin, der sagte: „Die Katastrophe ist, dass es so weitergeht“. Wie die Vitalität wieder gefunden werden kann, wie sich wieder eine ureigene personale Zukunft eröffnet, ist eine Frage, die Philosophen nicht beantworten können. Sie können lediglich darauf verweisen, dass in dem unabwendbaren Hineingestelltsein in die Zeit die Ursachen für seelische Krankheiten zu suchen sind. Sie können weiter daran erinnern, dass wir in einer Gesellschaft leben, die zur Monotonie neigt und Zukunft verstellt, also krankmacht und gerade Selbstfindung eher verhindert.

Entscheidend ist: Für Theunissen gelingt menschliches Leben immer nur TROTZ der Zeit. (S. 56). Also müssen Menschen ihre Herrschaft über die objektive Zeit gewinnen. Und das gelingt im Verweilen in einer langen Weile, verstanden als dauernde Gegenwart, in der das personale Leben gesammelt ist und die Aufgaben der Zukunft und die Last der Vergangenheit aus dem Blick treten: So wird die dauernde Gegenwart als Glücksmoment intensiven Lebens erlebt und gedeutet.

Entscheidend ist auch eine zweite Beobachtung Theunissens: Er weist zu diesem eben beschrieben Geschehen darauf hin, dass die Zeit in sich selbst die Potentialität hat und uns bietet, also doch aus dem ewig währenden und ewig fließenden Zeitfluss auszusteigen. „Im Verweilen leiste ich gerade nichts! Das Glück des Verweilens ist gerade, dass ich mich von der Anstrengung , die mich das Zusammenhalten von Zukunft und Vergangenheit in jedem Augenblick kostet, ausruhe“ (S. 60).

In der gedehnten, verweilenden Gegenwart erlebt ich: Die Zeit ist mehr also mehr als  „Zeit“. Wir können uns gegen diese objektive Zeit wenden, weil in der Zeit selbst etwas ist, das über sie hinausreicht. Und das ist die verweilende Gegenwart. Dieses andere der Zeit kann man Ewigkeit nennen, Ewigkeit verstanden als die dauernde Gegenwart. Ewigkeit – in diesem neuen Verständnis – kann ja selbst nicht noch einmal die Zeitstruktur haben!

Dahin führt also die Frage nach der Selbstbestimmung – trotz des Hineingestelltseins in die Zeit: Die tiefe Gegenwart als das andere der Zeit erschließt – ein neues Verständnis von – Ewigkeit. Philosophieren führt in Dimensionen eines tieferen Selbstverständnisses. Führt Philosophieren in  existentielles Erleben hinein?

Michael Theunissen betont zurecht: „Ein Philosoph darf am Ende, wo er den Boden der schlechten Empirie verlässt, die Spitze seines Gedankens nicht abbrechen“ (S. 63)

Copyright: Christian Modehn

 



Kapitalismus als Religion: Ein Salonabend über Walter Benjamin

16. Februar 2013 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Termine

In diesem Jahr wird der Vertreibung und Ermorderung Berliner Juden während des Nazi Regimes seit 1933 in zahlreichen Ausstellungen und Diskussionen gedacht. Leider fehlt in unserer Sicht der ausführliche Hinweis auf die Vertreibung jüdischer Philosophen aus Berlin. Wir gedenken am 15. März des Philosophen Walter Benjamin, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Wir befassen uns mit seinem kurzen, aber hoch aktuellen Text: KAPITALISMUS ALS RELIGION, wahrscheinlich wird der Philosoph Dr. Jürgen Große, Berlin, bei uns sein. Er ist Autor zahlreicher philosophischer Bücher, auf die wir noch “zurückkommen”.

Kapitalismus als Religion: Ein Salonabend am Freitag 15. März 2013 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9. Um Anmeldung wird gebeten: christian.modehn@berlin.de    Wir bitten wegen der Raummiete um einen Beitrag von 5 EURO.



Wenn ein Heiliger einen pädophilen Priester schützt. Ein Hinweis zu einer Studie über den „Piaristenorden“ im 16. Jahrhundert

22. Januar 2013 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Wenn ein Heiliger einen pädophilen Priester schützt

Aus aktuellem Anlass:  Ein Hinweis zu einer  Studie über den „Piaristenorden“ im 16. Jahrhundert

Von Christian Modehn        —- Am Ende dieses Beitrags lesen Sie bitte eine Stellungnahme von Matthias Katsch, Sprecher der Initiative “Eckiger Tisch”

Über Pädophilie im Klerus kann es, von der Sache her, eigentlich keine genauen historischen Studien geben. Wenn dieses offiziell „schwerste aller Vergehen“ überhaupt dokumentiert wurde: Entweder wurden die Akten später vernichtet oder sie sind unter Verschluss, so dass kein Historiker Zugang hat. Gelegentlich kann doch etwas mehr Licht in die „verdunkelte“ und offiziell verwischte bzw. „geglättete“ Kirchengeschichte gebracht werden. Die Historikerin Karin Liebreich (Cambridge) hat eine Fallstudie aus dem 17. Jahrhundert publiziert. Sie wurde im deutschsprachigen Raum bisher nicht beachtet. Wir bieten einige zentrale Forschungsergebnisse von Karin Liebreich.

Die englische Historikerin hat 2004 ihre Studie über einen prominenten und äußerst einflussreichen pädophilen Priester innerhalb des katholischen Ordens der Schulpriester, auch Piaristen genannt (hergeleitet von schola pia, fromme Schule) veröffentlicht: Das Buch „Fallen Order“ hat den Untertitel „Intrigue, Heresy and Scandal in the Rome of Galielo and Caravaggio“. Das Buch hat 336 Seiten; es ist im Verlag Grove Presse in New York erschienen. Immerhin hatte Karin Liebreich Zugang zu einigen Dokumenten. Die berühmte Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong  lobt das Buch als „ a piece of investigative writing“.

Der Orden der Piaristen zählt heute  ca. 1.500 Mitglieder weltweit, sie arbeiten in Schulen und Pfarrgemeinden. Erst seit einigen Jahren publiziert der Orden selbst über dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte, freilich eher in entlegenen Fachpublikationen. Über die Anwesenheit  pädophiler Priester gleich nach der Ordensgründung im 17. Jahrhundert wird in den offiziellen websites der Piaristen geschwiegen, ebenso in den für die „Allgemeinheit“ bestimmten Veröffentlichungen über den Ordensgründer, Pater José Calasanz. Es wird nicht erwähnt, dass dieser heilig gesprochene Ordensgründer José Calasanz von den pädophilen Verbrechen  von Pater Stefano Cherubini degli Angeli wusste.

Es kommt einem auch im 21. Jahrhundert sehr vertraut vor, wenn Karen Liebreich mehrfach betont: Der Ordensgründer José Calasanz wollte mit seinem Schweigen über die Untaten seines öffentlich hoch angesehenen Paters „nur dem öffentlichen Ansehen der Kirche dienen“. Immerhin müssen die pädophilen Verbrechen im Orden so erheblich gewesen sein, dass die Päpste die Piaristen im Jahr 1646 für einige Jahre auflösten, eine äußerst seltene Entscheidung in Rom. Erst 1669 wurde er als Orden wieder zugelassen.

Erstaunlich bleibt, dass der gegenüber Pädophilen Priestern durchaus duldsam – schweigsame Ordensgründe, José Calasanz (1557 – 1648) im Jahre 1767 heilig gesprochen wurde, er kann also als heiliges Vorbild verehrt werden. Etwas irritierend scheint, dass Papst Pius XII., der ja angeblich so hoch gebildet war, nicht sehr viel von diesem eher belasteten Ordensgründer wusste und ihn sogar zum weltweiten Patron aller christlichen Volksschulen ernannte. In der Piaristenkirche in Krems an der Donau wird der Heilige auf einem Gemälde zur Verehrung empfohlen. Dabei hält er ein nacktes Baby in den Händen und schaut zur Jungfrau Maria im Himmel auf. Martin Johann Schmidt hat 1784 das Gemälde geschaffen.

Aus der umfangreichen Studie können wir nur einige zentralen Aussagen erwähnen: Der Piaristenorden hatte im 17. Jahrhundert durchaus den Ruf, moderne Wissenschaftler in seinen Reihen nicht nur zu dulden, sondern zu fördern, etwa Freunde und Mitarbeiter Galileo Galileis.

Aus einer gewissen Angst heraus hatte der Ordensgründer in seinen Ordensregeln verfügt, dass ein einzelner Schul-Priester nicht allein mit Schülern, Knaben, sich aufhalten dürfe. Übergriffe waren, so kann man schließen, offenbar keine Seltenheit…

Aber es ist typisch für die damalige Mentalität, die sich bis heute bekanntermaßen durchgehalten hat: Es muss unter allen Umständen verhindert werden, dass die Kirche oder der Orden als heilige, besonders würdige Institutionen in einen schlechten Ruf kommen. Die öffentliche Geltung ist alles, die Fragen der interessieren nicht direkt! Nur aus diesem Grund, so die Studien der Historikerin Karen Liebreich, hat der Ordensgründer Jose Calasanz die pädophilen Vergehen seines Mitbruders Pater Stefano Cherubini ( 1600 – 1648) nicht gerichtlich verfolgt, sondern stillschweigend geduldet. Er bediente sich dabei der bis heute beliebten Methode: Der betroffene pädophilen Priester wurde einfach an einen anderen Ort versetzt. So war ihm der gute Ruf des Ordens als der Schutz der Kinder. Roland Machatschke (Wien), Journalist und Mitarbeiter der Wiener Piaristen, meint in einem Vortrag: “Ein Teil der Akten, der den so genannten Cherubini-Skandal betrifft, wurde vernichtet. Ebenso weitere Unterlagen, als der damals aufgelöste Orden 1659 seine Archive bereinigte“.

Der betreffende Pater Stefano stammte aus einer berühmten, angesehenen römischen Familie. Zur Zeit seiner Leitung der Piaristenschule in Neapel wurden pädophile Vergehen von ihm in der kirchlichen Öffentlichkeit bekannt. Der Ordensgründer griff ein … und entfernte ihn aus dem direkten Schuldienst: Er ernannte ihn zum Aufseher aller Piaristenschulen in Italien! So konnte Pater Stefano weiter reisen, sich in Schulen aufhalten und seinen „Interessen“ nachgehen. Von einer Entschuldigung wenigstens bei den Opfern keine Spur! Als belastende Informationen über Pater Stefano verbreitet wurden, betonte Pater Calasanz: „Um noch größeren Schaden in der Öffentlichkeit zu verhindern, sagte ich: Pater Stefano sollte nicht belästigt (und verdächtigt) werden“.

Schließlich baute dieser Pater Stefano sein Netzwerk so weit aus, dass er sogar zum Generaloberen des Ordens ernannt wurde; auch dagegen konnte der (heilige) Ordensgründer offenbar nichts unternehmen, so sehr war sein Einfluss gesunken angesichts der Machenschaften im Orden. Aber unter dem neuen Generaloberen Pater Stefano geriet der Orden in eine tiefe Krise; es gab sogar viele Proteste gegen Pater Stefano vonseiten anderer Piaristen, sie waren auch empört darüber, dass „allen Ordensregeln zuwider, Pater Stefano Cherubini und seine Unterstützer im Orden im Luxus lebten“. ( S. 229).

Aber die Kritik zeigte letztlich doch gewisse Wirkungen beim Papst: Es durften schließlich keine Novizen mehr aufgenommen werden, den Piaristen – Patres wurde es freigestellt, den Orden zu verlassen (S. 232). Die Schulpriester hatten keine zentrale Leitung mehr, der Orden zerfiel. Auch die berühmte Familie di Stefani konnte ihr Familienmitglied nicht länger verteidigen, als der Skandal sich immer mehr herumsprach. „Aber seine Connections schützten Pater Stefano vor Gerichtsverfahren und Gefängnisstrafen“ (S. 248).

Von 1646 an existierte der durch die pädophilen Vergehen  belastete Orden der Piaristen nicht mehr, er war de facto päpstlich „verboten“. Erst 1669 wurde er wieder errichtet. Karen Liebreich fasst ihre Studien zusammen: „In jeder Hinsicht war es die oberste Priorität von dem Ordensgründer Calasanz,  für den guten Ruf des Ordens nach außen zu sorgen … und den des betroffenen Paters (Stefano)“.

Später erlebte der Orden wieder eine gewisse Blüte, die „Belastungen“ von einst schienen vergessen: „Berühmte Männer“ zählten zu den Piaristenschülern: Goya, Haydn, Mozart, Anton Bruckner, Franz Schubert , später Antonio Gaudí und sogar der Gründer des Opus Dei, José Maria Escriva. Auch er stellte ja den guten Ruf der Kirche nach außen hin in der Gesellschaft über alles!

copyright: Religionsphilosophischer Salon.

Matthias Katsch schreibt zu diesem Text: (Matthias Katsch ist Sprecher der Initiative „Eckiger Tisch“, in der sich Opfer des sexuellen Missbrauchs vor allem an Jesuiten – Einrichtungen zu Wort melden)

„Vielen Dank für den interessanten Hinweis. Tatsächlich wundert uns dieser Beleg für eine historische Tradition keineswegs. Der Priesterstand ist geradezu prädestiniert dafür, Menschen mit pädophilen Neigungen anzuziehen.

Allerdings hat sich seit dem 17. Jahrhundert gesellschaftlich einiges geändert. Damals bot der Priesterberuf auch eine Versorgung für die jüngeren Brüder der erbberechtigten Erstgeborenen. Damit entsprach der Anteil heterosexueller Männer im Priesterstand wohl der Verteilung in der Allgemeinbevölkerung – was sich mit der reichen Spottliteratur über Priester und ihre amourösen Abenteuer mit Frauen belegen lässt. Seit dem diese profanen  Gründe für eine „Berufung“ weggefallen sind, steigt der Anteil der homosexuellen Priester dementsprechend an. Denn für diese Gruppe von Männern hatte dieser Beruf eine Anziehungskraft bis in die jüngste Zeit bewahrt. Seit der Emanzipation der 70er Jahre ist dies nun auch weggefallen. Entsprechend klein ist die Zahl der Berufungen geworden und umso genauer muss man auch hingucken, wie es mit der psychischen Reife der Kandidaten aussieht.

Wir haben jedenfalls beobachtet, und die Leyengraf-Studie bestätigt dies, dass es sich in der Regel bei „unseren“ Tätern  aus den 60er, 70er und 80er Jahren nicht um Pädophile im klassischen Sinn handelte, sondern eher um sexuell unreife Menschen mit einem Hang zum Machtmissbrauch, vielleicht zum Zwecke der Kompensation.

Aber die Analogie des  Pater Stefano Cherubini zu Marcial Maciel oder Ludger Stüper SJ, der das Bonner Aloisiuskolleg über 40 Jahre beherrschte, ist schon frappierend. P. Riedel und W. Statt am Canisius Kolleg waren demgegenüber kleine Lichter, die aber immer noch dreistellige Opferzahlen produziert haben. Die Verbindung von fehlgeleiteter Sexualität und Macht ist jedenfalls auch hier klar gegeben“.

copyright: Matthias Katsch



Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die “lebenden Leichname” und die Überflüssigen

29. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Die Banalität des Bösen: Hannah Arendts Beitrag bleibt aktuell

Von Christian Modehn. Der Beitrag wurde noch einmal erweitert am 8.1.2013

Am 10. Januar 2013 startet der Kino Film „Hannah Arendt“ mit Barbara Sukowa., Regie: Margarethe von Trotta.

Für den Religionsphilosophischen Salon ein Anlass, erneut zur Lektüre des Werkes von Hannah Arendt (1906 – 1975) zu ermuntern …zur Diskussion. Und dies aus mehreren Gründen:

In einem ihrer Hauptwerke, in „Vita activa“, (1958 in den USA, 1960 auf Deutsch erschienen) erinnert sie daran: Philosophieren sollte viel deutlicher als bisher das Geborenwerden, also den Anfang eines individuellen Lebens, in den Blick nehmen: Bis jetzt wurden viel stärker Sterblichkeit und Sein zum Tode innerhalb einer Ontologie und Anthropologie akzentuiert. Hannah Arendt schätzt in der „Geburtlichkeit“ die Chance, Neues und Unbekanntes, Einmaliges, hervorzubringen. Sie zeigt zudem, dass der Mensch ein aktives, und das heißt ein handelndes Wesen ist. Handeln meint, gemeinsam mit anderen an einem politischen Projekt zu wirken. Erst im Eintreten für das Wohl der die Stadt, die „Polis“, verwirklichen die Menschen ihr Sein. Das politische Handeln („Praxis“) ist so etwas wie eine zweite Geburt des Menschen. Dieses aktive politische Handeln ist unterschieden vom Arbeiten und Bewerkstelligen.

Hannah Arendt legt Wert darauf, nicht (nur) als Philosophin (im „klassischen Sinne) zu gelten. Sie verstand sich ausdrücklich eher als Politikwissenschaftlerin, wobei selbstverständlich ihr origineller Blick auf politische Ereignisse und Politiker durchaus philosophische Prägungen (etwa durch die Methode der Phänomenologie) offenbart.

Dieser Blick, unverstellt und ohne ideologische Brille Phänomene zu sehen, wird etwa wirksam in ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Eichmann in Jerusalem 1961. Ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ trägt den – gleich nach der Veröffentlichung höchst umstrittenen – Titel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.  Damit wollte Hannah Arendt – entgegen vielfacher und tief verletzender Polemik – gerade NICHT den Völkermord an den  Juden durch die Nazi Herrschaft als banales Geschehen darstellen. Sie wollte lediglich betonen: Einer der Hauptakteure der Vernichtung, Adolf Eichmann, sei eigentlich nicht ein unbeschreibliches Monster oder ein undefinierbarer Teufel oder sonst etwas Mysteriös – Bedrohliches! Sondern Eichmann ist ein banaler Durchschnittstyp, ein auf Gehorsam und Befehle empfangen und Befehle geben fixierter Bürokrat.

Dieser Täter (und andere in der SS Führung) ist banal, und wegen dieser Alltäglichkeit gerade beschreibbar und verstehbar und auf seinem Weg zum Schreibtischtäter nachvollziehbar. Nur wer das Böse „banalisiert“, also in den Alltag des Gewordenseins stellt, kann das Böse auch möglicherweise überwinden oder einschränken. Es müssen die Wege und Stufen beschrieben werden, die einen Menschen langsam zum Schreibtischtäter werden lassen. Das ist Hannah Arendts überzeugendes Argument! Die beispiellosesten Verbrechen der Menschheit werden von den gewöhnlichsten Leuten begangen. Die Philosophin Susan Neiman (Direktorin des Einstein Forums in Potsdam) hält in ihrem Buch „Das Böse denken“ zu recht die Studie Hanna Arendts zur „Banalität des Bösen“ für den wichtigsten philosophischen Beitrag zum Problem des Bösen im 20. Jahrhundert (Neiman, Seite 397, Suhrkamp). 1988 schrieb Ingeborg Bordmann (in: Freibeuter, Heft 36, 1988, S. 86): “Hannah Arendt versucht nicht, Eichmann zu entlarven, also eine verborgene Wahrheit hinter seinen Worten zu finden, sonden sie achtet darauf, wie Eichmann sich verhält, wie er redet, wann er stockt, verstummt oder in plötzliche emphatische Selbstdarstellung verfällt….Er erinnert sich nur an die Situationen, die mit den Wendepunkten seiner Karrriere zusammenfallen”. Eichmann lebt in einer geschlossenen Welt, seine “standardisierten Ausdrucks- und Verhaltensweisen sind nicht korrigierbar durch den Kontakt mit der Realität… Sein Gewissen ist systemkonform”. Hannah Arendts Eichmann Buch ist ein Bekenntnis zur Freiheit des Menschen. Und dieser menschliche Mensch besitzt eigentlich und immer die Fähigkeit, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Bei Eichmann ist diese Fähigkeit der Verantwortung aber in einem langen Prozeß der Indoktrination von autoritären Verhaltensvorschriften Schritt für Schritt getötet worden. Das ist das eigentlich Böse an dieser Gestalt, dass diese Form des Absterbens von Verantwortung und Freiheit eigentlich immer wieder (bei allen Menschen) passieren kann. Das banale Böse ist in Hannah Arendts Sicht eigentlich wiederholbar. Denn es wütet, so ihr Bild, als das extreme Böse “wie ein Pilz auf der Oberfläche, der sich rasant verbreiten kann, wenn man den Pilz nicht ausreißt”, so Hannah Arendt in einem Brief an Gershom Scholem(vgl. Fn. 10 bei Ingeborg Normann, S. 94). Und Hannah Arendt geht noch weiter: Nicht die Zuverlässigen, die Treuen, die Stützen und gehorsamen Bürger sind diejenigen, die dem moralischen Zusammenbruch widerstehen. “Viel verläßlicher sind die Zweifler und Skeptiker, … weil sie daran gewöhnt sind, Dinge zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden…”(S. 92 in Freibeuter)

Und dieser Banalität des Bösen in Form der “Schreibtischtäter” begegnen wir heute vielfach, in der Kriegsführung, etwa im Einsatz von Drohnen, die ferngesteuert Bomben abwerfen und „eben“ zahllose „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung bewirken. Oder im völlig verantwortungslosen Handeln gewisser Banker, die um ihres egoistischen Profits willen eine ökonomische Katastrophe und damit Schaden für Millionen Menschen in Kauf nehmen: immer sind es brave, ängstliche Männer, die die eigene Karriere für absolut vorrangig halten vor allen ethischen Verantwortlichkeiten…

Ein prominenter Schüler Hannah Arends ist Richard Sennett. In seinem Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ geht es ihm darum aufzuweisen, wie die neue Kultur, die von der New Economy der 1990er Jahre ausgeht, zu tief greifenden Veränderungen auf gesellschaftlicher und individueller Ebene führen. Sennett betont: Man muss darauf hinweisen, dass heute in der Ökonomie und Politik weltweit Massen sozusagen nutzloser Menschen „erzeugt“ werden, junge Arbeitslose zu Millionen in Spanien, Griechenland, Portugal usw. Überflüssige in den Slums der Großstädte Aftikas und Asiens… Das kapitalistische System erzeugt förmlich permanent die überflüssigen Menschen, die zudem auch wissen, dass sie niemand braucht und vom System noch mit einer Minimalunterstützung manchmal noch am Leben erhalten werden. Für Hannah Arendt stellten diese überflüssigen Menschen sozusagen die Basis dar, aus der die Mörderbande der Nazis ihre „Mitstreiter“ holten. Eine so genannte demokratische Gesellschaft und ein Staat, die ständig immer mehr „Nutzlose“ erzeugen, gefährden ihre eigene Zukunft.  Auch das ergibt sich aus einer Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Werk. In ihrem Buch „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ (1951) zeigt sie ausdrücklich, wie „der irrsinnigen Massenfabrikation von Leichen die historisch und politisch verständliche Präparation lebender Leichname vorangeht“. (S. 686, Serie Piper). Damit meint sie: Die lebenden Leichname wurden „produziert“ vom Gesellschaftssystem, es sind die „Millionen Heimatlosen, Staatenlosen, Rechtlosen , wirtschaftlich Überflüssigen und sozial Unerwünschten“ (ebd.). Das totalitäre System des radikal Bösen konnte sich also nur entwickeln, weil so viele „überflüssige“ Menschen „produziert“ wurden. Denn auch die Henker und Täter fühlten sich als Nihilisten, sie lebten in dem Gefühl, dass ihr Leben sinnlos und überflüssig ist. Hannah Arendt warnt: Totalitäre Systeme können wieder „auftreten, wenn wieder hingenommen wird, dass es viele „überflüssige Menschen“ eben geben darf… Die einzige „Therapie“ zur Rettung der wahren Demokratie ist für Hannah Arendt das aktive Leben, also das bewusste kritische und selbstkritische Handeln mit und für die Stadt, die Polis und die Gesellschaft. Wer das aktive Leben meidet, das Engagement gegen die Produzenten der „lebenden Leichen“, verfehlt sein eigenes Leben. So radikal ist die Botschaft Hannah Arends heute.

Über den neuesten Film (2013) von Claude Lanzmann über Rabbiner Murmelstein klicken Sie bitte zu einer ersten Information hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Benedikt XVI. – oberster Lehrmeister des Politischen

23. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Papst Benedikt XVI. als oberster Lehrmeister des Politischen

Von Christian Modehn

Wir haben im Religionsphilosophischen Salon im Rahmen der philosophisch notwendigen Kritik der Religionen und Kirchen auf die politischen Ansprüche der Päpste, besonders Benedikt XVI., immer wieder hingewiesen und diese andauernden heftigen päpstlichen Weisungen gegenüber Staat und Gesellschaft dokumentiert und erläutert. Das neue Buch von Marco Politi, einem der renommiertesten „Vatikanologen“ mit dem Titel „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (Rotbuch Verlag, Berlin, Dezember 2012) bietet auch zu dem Thema wichtige Hinweise. Marco Politi, Journalist bei „La Repubblica“ und „Il Fatto Qutidiano“, bestätigt unsere eigenen bisherigen Dokumentationen. Wir weisen nur auf einige zentrale Aussagen aus dem 14. Kapitel („Der Prediger und die Wüste“) seines – sehr umfangreichen, sehr präzisen empfehlenswerten – Buches hin.

Benedikt XVI. ist davon überzeugt, dass er als Papst, d.h. als Stellvertreter Christi auf Erden und als Nachfolger Petri, die Vollmacht hat, die gesamte Politik weltweit zu belehren, „was die nicht verhandelbaren Prinzipien (der Politik) sind“. Das klingt zunächst interessant, könnte man doch denken, dass sich der Papst zu einem leidenschaftlichen Verteidiger der Menschenrechte (zu denen auch die Gewissensfreiheit gehört) aufschwingt und sich sozusagen an vorderster Front gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung bestimmter Menschen usw. aufstellt.  Aber Marco Politi belehrt uns eines besseren: Der Papst duldet als individuelle Freiheit nur den freien Ausdruck des „gebildeten christlichen Gewissens“ (S. 465), also des Gewissens, das sich von der christlichen Lehre prägen lässt. Aber wer verbreitet die authentische christliche Lehre? Es ist einzig der Papst als das oberste Lehramt. Gewissensfreiheit gibt es also nur für die päpstlich geprägten Gewissen. Noch als Chef der obersten Glaubensbehörde veröffentliche Joseph Ratzinger im Jahr 2002 eine „lehrmäßige Note“, also einen alle Katholiken orientierenden, wenn nicht bindenden Text zum Verhalten der Gläubigen in der Politik. Darin heißt es, ich zitiere aus dem Buch von Marco Politi (464 f.): “Es ist keinem Gläubigen gestattet, sich auf das Prinzip des Pluralismus und der Autonomie der Laien in der Politik zu berufen, um Lösungen zu begünstigen, die den Schutz der grundlegenden ethischen Forderungen für das Gemeinwohl der Gesellschaft kompromittieren oder schwächen“. Übersetzt könnte man sagen: „Liebe Politiker, hört auf Rom, den Vatikan, wenn ihr politische Entscheidungen trefft“. In den USA wurden tatsächlich in den letzten Jahren katholische Politiker exkommuniziert, die allzu sehr dem eigenen und nicht dem päpstlichen Gewissen folgten, etwa in Fragen des Schwangerschaftsabbruches. Ultramontanismus nannte man im 19. Jahrhundert diese entfremdende Denkungsart: „Zuerst der Papst, dann mein Gewissen“.

So wird also die faktische Autonomie und die faktische Gewissensfreiheit der (politisch handelnden) Katholiken zurückgewiesen. Katholiken müssen die „grundlegenden ethischen Forderungen“  über ihren persönlichen Gewissensspruch stellen. Der Bischof von Rom ist nicht nur ein spiritueller Lehrer, er ist als Nachfolger des heiligen Petrus auch der einzig berufene Interpret des Naturrechts. Denn dort sind die „grundlegenden ethischen Forderungen“ konkretisiert. Der Papst müsste sich konsequenterweise eigentlich auch des Titels „Oberster Naturrechtslehrer“ bedienen. Immer ist von Naturrecht in päpstlichen Stellungnahmen zu lesen, sehr selten von Menschenrechten: Warum das so ist? Menschenrechte entwickeln sich, sind mit dem Leben verbunden, sind um soziale Dimensionen etwa zu ergänzen. Hingegen ist „das“ Naturrecht im päpstlichen Sinne, auch in der konkreten inhaltlichen Prägung,  etwas UNWANDELBARES und EWIGES, es ist etwas Starres und Unhistorisches. Denn das Naturrecht geht letztlich, so wörtlich „auf den Schöpfer zurück“ (S: 485). Mit „Schöpfer“ ist der Gott gemeint, so, wie ihn die klassische vatikanische Theologie deutet: Als unwandelbarer Herr und Meister von moralischen Prinzipien. „Mit dieser Formulierung wird ein gleichberechtigter Dialog mit Atheisten und Agnostikern ein gewagtes, wenn nicht unmögliches Unterfangen“, so Politi (S. 485). Und was können Buddhisten und Hinduisten mit diesem Gott der Katholiken anfangen, der das Naturrecht erlässt und aus päpstlichen Munde universal für alle und immer und ewig verbreitet? Auch diese (rhetorische) Frage stellt Politi.

Der Papst und der Vatikan haben, das ist evident, mit ihrer total objektivistischen und unhistorischen Naturrechtslehre den Anschluss verloren an die moderne Philosophie (seit Kant): Diese entwickelt ethische Orientierung und Normen einzig aus der autonomen, kritischen Vernunft …  und eben nicht aus theologisch fixierten Überzeugungen … Diese Ignoranz gegenüber dem lebendigen Wandel führt sicher sehr viele nachdenkliche Menschen zur Distanz von dieser eher versteinert erscheinenden Kirchen -, d.h. Naturrechtslehre.

Mit dieser rigiden und ahistorischen (selbst theologisch längst umstrittenen) Ideologie will der Papst seine Urangst überwinden, die panische Angst vor dem Relativismus. Nichts ist für Benedikt schlimmer, als wenn relativistisch, d.h. mit historischem und hermeneutischen Wissen die vorgeblich ewigen vatikanischen Lehren befragt werden. Dann könnte man ja auch bestimmte Bibelsprüche relativistisch deuten, etwa die Begründung des Papsttums oder den Ausschluß der Frauen vom Priesteramt, dann aber würde sozusagen das ganze vatikanische System zusammenbrechen. Aus ureigenen, auf Machterhalt bedachten Motiven muss der Papst also Verfechter des rigiden, ahistorischen Naturrechts bleiben. Relativismus würde seine eigene Existenz als Papst und seines Hofes (=curia) gefährden.

Marco Politi weist zu recht darauf hin, dass nur von dieser völlig in sich abgeschlossenen Naturrechts – Ideologie aus der Kampf des Papstes gegen den ethischen Pluralismus der Moderne zu verstehen ist. Die von konservativ bis fundamentalistisch geprägten Katholiken heiß bekämpfte und äußerst polemisch attackierte so genannte Homoehe (jetzt etwa in aller Schärfe in Frankreich) ist nur ein Beleg dafür, zu welcher Mobilisierung diese uralte Naturrechts – Ideologie in der Lage ist. Die Homoehe, so der pauschale Vorwurf, würde „die“ Familie destabilisieren. Um dieser Naturrechts – Ideologie willen hat der Vatikan übrigens auch über viele Jahre zu Berlusconi gehalten. Dem Papst und seinen Mitarbeitern war das private Leben wie das politisch wie ökonomisch verantwortungslose Verhalten Berlusconis schlicht egal. Warum? Weil Berlusconi den italienischen Bischöfen und dem Vatikan signalisierte: “Von meiner Seite hat der Vatikan nichts zu befürchten“ (S. 463). Damit meinte er: Die Finanzierung katholischer Schulen durch den Staat und die Steuerprivilegien der katholischen Kirche bleiben unter Berlusconi erhalten. ABER, das ist entscheidend, Berlusconi verspricht, gegen die Homoehe vorzugehen, gegen das Gesetz über Patientenverfügungen usw. Kardinal Bertone, die so genannte Nummer 2 im Vatikan, freute sich deswegen auch zu betonen, wie der Vatikan Berlusconi „zu Dank verpflichtet ist, weil diese Regierung im Rahmen befriedeter Beziehungen stets die Interessen der Kirche (!) berücksichtigt hat“ (s. 463). Der Vatikan löste sich aus der ultra- freundschaftlichen Beziehung mit dem Katholiken Berlusconi erst im Herbst 2011: Da hatte dieser unsägliche Machtpolitiker insgesamt und nahezu überall jegliche Akzeptanz verloren. Auffällig ist: Der Vatikan unterstützt selbst auch heute höchst umstrittene und belastete, wenn nicht kriminelle Politiker, wenn sie denn nur „die Interessen der Kirche berücksichtigen“, wie Kardinal Bertone so präzise sagt.

Die Debatte um den Einfluss der rigiden Naturrechtslehre à la Vatikan bzw. Ratzinger wird aktuell noch einmal deutlich in der Ansprache des Papstes anlässlich der Weihnachtswünsche für die Kurie am 21. Dezember 2012, wir beziehen uns hier auf den französischen Text, den „La Croix“ (Paris) druckte. Darin nimmt Benedikt XVI. direkt Bezug auf eine Abhandlung des Groß- Rabbiners von Frankreich, Gilles Bernheim. Der Papst sucht sich sozusagen ökumenischen Beistand von  prominenter orthodoxer jüdischer Seite: Wer würde es da schon wagen zu widersprechen? In schärfsten Worten polemisiert er – darin mit dem Großrabbiner einer Meinung – gegen die Auflösung „der Familie“ durch die Homoehe und die Gender Philosophie, die er übrigens bei Simone de Beauvoir festmacht. Der Papst ist sich, als angeblich so brillanter und so viel gerühmter hoch gebildeter Theologe, nicht zu schade, die  biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich normativ zu deuten: „Als Mann und Frau schuf er (Gott) die Menschen (Gen. 1, 27) heißt es da: Aus diesem beschreibenden Faktum wird beim Papst gefolgert: Nur Mann und Frau können eine Familie bilden. Nur in dieser Dualität, so Benedikt und Bernheim, sei „der“ Mensch authentisch. „Die (Hetero) Familie“, so wörtlich Benedikt und Bernheim, „ist eine Realität, die schon im voraus durch die Schöpfung etabliert wurde“. Die Heteroehe ist sozusagen eine Idee Gottes, die mit der Schöpfung ad aeternum verbunden ist. Konsequent heißt es weiter: Wer diese Tatsachen der Schöpfung leugnet, „der leugnet auch Gott selbst – und der Mensch wird degradiert“. Wer die Homofamilie lebt oder befürwortet, wird in dieser Sicht förmlich zum Unmenschen. „Nur wer Gott verteidigt, verteidigt das menschliche Sein“, heißt es in der „friedlichen“ Weihnachtsansprache an den päpstlichen Hof. Merkwürdig ist, wie stark diese Form der starren Bibelinterpretation und des objektivistischen Naturrechts jegliche Bezugnahme etwa auf die Jesus – Gestalt verschwinden lässt.

Schon lange nicht mehr waren derartig maßlose Worte anlässlich einer fundamentalistischen Bibellektüre aus päpstlichem Mund zu hören. Der Vatikan, so prachtvoll barock er sich auch mit allem Pomp und Glorienschein geben mag, ist längst ein Getto geworden, das sich in starren Prinzipen einmauert und kein Interesse hat an einem Dialog, der Streit und Auseinandersetzung ist unter gleichberechtigten Partnern. „Die Stimme der Wahrheit hat immer recht…“, sie braucht keinen wirklichen Dialog. Zeichen der Ermunterung und Symbole der Hoffnung für diese so vielfältige, pluralistische Menschheit sind vom Papst trotz so vieler Worte, Weisungen und Mahnungen kaum mehr zu erwarten. Das ist die – manchen noch traurig stimmende Weihnachtsbotschaft, die dieser Tage im Vatikan verbreitet wird. Neu ist dies für einige dies vielleicht noch deprimierende Botschaft nicht. Die Schärfe des Tons wundert sogar die Freunde des religionsphilosophischen Salons. Katholische Medien sprechen bezeichnenderweise von einem aktuellen „Kulturkampf“, etwa in Frankreich anlässlich der heftigsten Debatten um die Homoehe (vgl. Christ in der Gegenwart, Heft 52, 2012, Seite 578). Kulturkampf aber ist nichts als Krieg, ausgelöst durch eine rigide Haltung des Papstes, die in der Moderne nur das Böse sehen will. Der Papst meint allen Ernstes, diese Moderne sei gottverlassen und der (heilige) Geist habe sie verlassen. Kann eine Vorstellung von Gott eigentlich noch kleinlicher werden?

Marco Politi, „Benedikt. Krise eines Pontifikats“. Rotbuch Verlag Berlin, 2012, 539 Seiten, 19, 99 Euro. Wir empfehlen dieses preiswerte Buch dringend.

copyright: christian modehn

 



Von Herodes bis Hoppenstedt: Das umfassendste Buch über Weihnachten. Von Frank Kürschner – Pelkmann

12. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Von Herodes bis Hoppenstedt

Ein inspirierendes Werk über Weihnachten….lesbar immer, auch zu Ostern.

Von Christian Modehn

So viel Weihnachten war noch nie. Jedenfalls nicht in der Gestalt eines theologischen Buches über das populärste aller christlichen Feste. Der Hamburger Journalist und Autor Frank Kürschner – Pelkmann (Hamburg) hat in diesen Tagen ein wahrliches Meisterwerk vorgelegt: „Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte“ nennt er viel zu bescheiden sein 696 Seiten starkes Opus mit insgesamt 1.814 Belegen aus Wissenschaft und Forschung. Aber keine Angst, das Buch ist kein langatmiges Werk von Spezialisten für Spezialisten, es erschließt sich jedem „theologischen Laien“ … und es macht geradewegs Spaß, die schätzungsweise 50 Kapitel zu lesen: Der (Haupt -) Titel sagt schon alles: “Von Herodes bis Hoppenstedt“. Herodes kennen wir irgendwie, den Statthalter, und den Hoppenstedts sind wir (fast) alle schon im Fernsehen begegnet: In dem Film von Loriot über das eher missratene, etwas katastrophische Weihnachtsfest … eben bei Familie Hoppenstedt. So breit ist das Spektrum des Buches, weil die Rezeption des Weihnachtsfestes so unendlich ist … bis heute. weiter lesen …



“Life of Pi” – “Schiffbruch mit Tiger”: Aus einem Interview mit Yann Martel

11. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Wenn der Tiger das Leben rettet

Oder: Wie “das Böse” mit Vernunft besiegt werden kann

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag erschien in kürzerer Fassung schon 2003 in “Publik-Forum”, nach einem Interview “Christian Modehn befragt Yann Martel”. Weil viele Freunde des Religionsphilosophischen Salons nachfragten, bieten wir den Text (nicht veraltet!) zum Nachlesen, auch anläßlich des Films des “Starregisseurs” Ang Lee (Taiwan) mit dem Titel “Life of Pi”, Start in Deutschland 26.12. 2012.

Auf hoher See ist er allein. Mit seinem Rettungsboot treibt er irgendwo verloren auf dem Pazifik hin und her: Pi Patel, ein sechszehnjähriger Junge aus Indien, hat bei einem Schiffbruch seine Familie verloren. Auch fast alle Tiere  sind dabei umgekommen. Sie sollten auf dem Dampfer seines Vaters, eines Zoo-Direktors in Pondicherry, Indien, nach Kanada transportiert werden. Jetzt hat Pi nur noch seine kleinen Rationen fürs Überleben – und neben sich einen Tiger. Ihn nennt Pi respektvoll Richard Parker. Er hat überlebt, weil er sich an einem Orang Utan satt fressen konnte; auch der Affe hatte noch das Desaster überstanden.

Nun muß Pi ständig damit rechnen, dass der bengalische Tiger, 450 kg schwer, auch über ihn herfällt. Sie sitzen schließlich im gleichen Boot.

“Schiffbruch mit Tiger” heißt der mit dem angesehenen Booker Preis (London) 2002 ausgezeichnete Roman eines bislang eher unbekannten Autors: Yann Martel (49), aus Montréal, Kanada, erzählt nicht nur in bewegenden Worten die Geschichte eines grossen Abenteuers. Er schildert nicht nur voller Spannung den verzweifelten Überlebenskampf eines verlorenen Menschen. Er geht vor allem der Frage nach: Wie kann ein Mensch, ja, wie kann die Menschheit insgesamt, überleben im Angesicht mörderischer, unberechenbarer, wilder Gefährdungen.

Pi ist ein gebildeter, nachdenklicher junger Mann: Den Tiger im Zustand menschlicher Selbstüberschätzung ins Meer zu schleudern oder auch zu töten, scheidet für ihn aus: Das Tier ist körperlich überlegen. So gilt es für Pi, sich zu arrangieren und mit der Macht des Geistes und der Vernunft, den Tiger zu bändigen. Und davon handelt der Roman ausführlich: Wie sich die menschliche Dominanz ausbauen lässt; wie das Tier, sozusagen gewaltfrei, z.B. mit der Trillerpfeife schikaniert und eingeschüchtert werden kann. “Es kommt darauf an: Das Tier muss es vermerken: Der Mensch achtet sehr darauf , dass seine Grenze nicht verletzt wird”. Mit Vernunft und List kann Pi schließlich den ewigen Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden unterbrechen.

Aber Yann Martel nennt eine weitere Bedingungen: “Ich (Pi) hätte aufgegeben – hätte sich nicht in meinem Herzen eine Stimme bemerkbar gemacht. Die Stimme sagte: Ich sterbe nicht. Solange Gott bei mir ist, sterbe ich nicht”.

Pi ist ein spirituell interessierter junger Mann; für ihn ist die Mystik des Hinduismus, Christentums und des Islam gleichermaßen wichtig. Das ist wichtig: Er ist eine „multireligiöse“ Gestalt, darin sehr zeitgemäß, gibt es doch immer mehr Menschen, die sich aus der exklusiven Bindung an eine (herkömmlich- vertraute) Konfession befreien und „Mischformen“ religiösen Bewusstseins für sich selbst suchen und dann „hybrid“ leben. Darauf weisen immer wieder auch TheologInnen hin, wie etwa Manuela Kalsky, Amsterdam, Spezialistin für “multireligiöse Bindungen”.

Nur in dieser spirituellen Kraft, kann sich Pi trotz aller Angst und Verzweiflung durchringen, “dass das wilde Tier am Leben bleibt”. Eine Entscheidung, die ihm später selbst die letzte Energie zum Überleben auf hoher See geben wird: Denn hätte er nicht das Tier bei sich, um das er sich letztlich kümmern muss, der Lebenswille hätte ihn in den Stunden tiefster Ohnmacht längst verlassen: Ein Dampfer fährt nämlich ungerührt an den Schiffbrüchigen vorbei…In dem Moment ist Pi dem Ende nahe, und dann sieht er den hilflosen Tiger vor sich: “Ich liebe dich, Richard Parker. Wärest du in diesem Augenblick nicht hier, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Ich glaube, dass ich nicht weiter könnte. Die Hoffnungslosigkeit wäre mein Tod. Gib nicht auf, Richard Parker, gib nicht auf”

Und gegen Ende seines Romans lässt Yann Martel seinen Protagonisten Pi zum Tiger sagen: “Richard Parker, ich danke dir, dass du mir das Leben gerettet hast”. Verkehrte Verhältnisse,  könnte man denken: Nicht das Töten des gefährlichen Feindes rettet den bedrohten Menschen, sondern das Lebenlassen des “anderen”. Nicht tierische Gewalt, sondern menschliche Vernunft führt beide zur Rettung.

Yann Martel hat natürlich keinen philosophischen Traktat geschrieben, obwohl er selbst philosophisch sehr interessiert ist. Er hat einen gut lesbaren ( und gut übersetzten) Roman geschrieben, selbstverständlich mit einem aktuellen Bezug,  angesichts der kriegerischen Gewalt, angesichts der dauernden Gefahren von “Fressen und Gefressenwerden”. Kein Wunder, dass sich bisher allein im englischen Sprachraum mehr als eine halbe Million Leser auf diese Irrfahrt übers Meer mit einem Tiger eingelassen haben. Sie haben dabei die Kunst des Überlebens entdeckt – in der Kraft der Vernunft!

Sie haben aber dabei auch einen Autor kennen gelernt, der “die Idee des Friedens” auf seine Weise praktisch versteht: “Ich lebe eher kärglich und sparsam, ich wohne nie allein, sondern immer in Wohngemeinschaften mit anderen; ich kaufe vor allem Second-Hand-Klamotten; ich habe kein Auto. Wichtiger ist noch, dass ich mich regelmässig ehrenamtlich engagiere: In Montréal besuche ich einmal pro Woche ein Hospiz für Sterbende, ich versuche, diesen Menschen nahe zu sein. Konsumverzicht und Ehrenamt sind für mich zwei revolutionäre Ideen in einer kapitalistischen Welt, bei der sich alles nur um den Profit und die Macht des Stärkeren dreht”.

Mit Verwunderung nehmen die Leser zur Kenntnis, dass sich der jetzt in allen grossen Sprachen übersetzte Autor öffentlich zum christlichen Glauben bekennt. Er ist in einer religiös desinteressierten, “skeptischen Familie” von Diplomaten großgeworden. In Montréal wird Martels Bekenntnis zum Christentum wie eine kleine Sensation behandelt. Denn in dieser Metropole hat die Kirche seit 40 Jahren jegliche Reputation verloren, sie hat alle institutionelle Macht nach der “révolution tranquille” um 1960 aufgeben müssen.  Aber gerade diese schwache, machtlose Kirche von Montréal fasziniert offenbar Yann Martel, etwa die römisch-katholische Pfarr-Gemeinde St. Pierre – Apotre, in der ausschließlich Homosexuelle die Gemeinde bilden und vorbehaltlos als solche angenommen werden und das Gemeindeleben und die Gottesdienste tatsächlich bestimmen.

“Mein Buch  hat mit dem Frieden zu tun”, sagt Yann Martel, “immer wenn wir Brücken bauen zwischen der Mehrheit und den “anderen”, wenn die Vernunft stärker ist als Hass, kommen wir der Harmonie, dem friedlichen Zusammenleben,  näher”.

Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf – Allié. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 382 Seiten. 19, 90 EURO.

PS.: Inzwischen hat Yann Martel zugegeben, dass einige  Ideen zu seinem Roman von Moacyr Scliar. einem brasilianischen Autor, stammen. Aber er empfindet,  so sagt Scliar,  die Nachahmung als ein Kompliment…

COPYRIGHT: Christian Modehn, religionsphilosophischer Salon.



Zum Welttag der Philosophie 2012: Der urbane Blick

14. November 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Der urbane Blick – eine (Lese -) Empfehlung

Anlässlich des Welttages der Philosophie am 15. November 2012

Von Christian Modehn

Zum 10. Mal wird der „Welttag der Philosophie“ am 15. November 2012 gefeiert.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ bietet – im Unterschied zu früheren Jahren – an dem Feiertag selbst keine eigene Veranstaltung an. Am Samstag, 1. Dezember, findet hingegen ein ausführlicher „Nachmittags – Salon“ (ab 14 Uhr) in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, statt.

Wir wollen vom Salon aus jedoch auf einen Lektüretipp nicht verzichten. Und zwar bezeichnenderweise aus einer „Ecke“, in der explizit philosophische Reflexionen nicht unbedingt erwartet werden.

Die sehr beachtliche und empfehlenswerte Zeitschrift „Kunstforum International“ (Red. in Ruppichteroth) bietet in ihrer Ausgabe vom Oktober 2012 elf Beiträge zum Thema „Der urbane Blick“; in den Aufsätzen geht es immer wieder auch um eine philosophisch – phänomenologische Annäherung an die Stadt. Die Veröffentlichung dieser insgesamt empfehlenswerten Beiträge zeigt einmal mehr, dass Philosophie in allen Bereichen des Lebens, der Kultur, der Kunst, des Sozialen und Politischen lebt und nur der Explikation bedarf. Das zeigt die „Attraktivität“ des philosophierenden Denkens…

Inspirierend ist der Beitrag des Humangeographen  Prof. Jürgen Hasse (Uni Frankfurt/M.) über die „Stadt als Gefühlsraum“. Hasse weist damit auf einen bislang eher vernachlässigten Aspekt der Stadt – Philosophie hin, auf das schwierige Erforschen des Atmosphärischen einer Stadt. Es geht um das ganzheitliche, leibliche Erfahren des Stadtraumes: „Atmosphären SIND in ihrer Wirklichkeit, wenn auch in anderer Weise als Dinge. Sie sind anders lokalisiert als ein Haus im Häusermeer der Stadt. Sie umweben einen Ort, hüllen ihn ein und machen ihn zu einem situativ besonderen Ort.“ (S. 134).  Diesem Erleben des Atmosphärischen begrifflich nachvollziehbar auf die Spur zu kommen, ist das Verdienst dieses Beitrags, der sich immer wieder auf den Philosophen Hermann Schmitz („Neue Phänomenologie“) bezieht. Auch in einem „praktischen Interesse“ wichtig sind die Beschreibungen von „10 sinnlich erlebbaren Atmospären der Stadt“ (Baukultur, Gerüche, Licht und Schatten  usw.). Der leider viel zu früh verstorbene Philosoph Heinz Paetzold bietet einen auch für philosophierende „Laien“ äußerst inspirierenden Beitrag zur Phänomenologie des Flanierens, eine freie, subjektive Methode der langsam – gehenden, „ziellosen“ Stadt – Erkundung, die ja bekanntlich auch der Berliner Flaneur Franz Hessel praktizierte. Flanieren, so Paetzold, ist oft auch ein Abenteuer in der Konfrontation mit dem Fremden in der Stadt, es ist ein Sich stellen der „exotischen Andersheit“. Bei der flanierenden Stadterschließung bleibt die Distanz gewahrt, es kommt zu keinen unmittelbaren Verpflichtungen zwischen Flaneur und Beobachtetem.  Auch die Arbeiten von M. de Certeau und Z. Bauman werden in dem Beitrag fruchtbar gemacht.

Hier liegen Impulse für eine längst fällige praktisch – philosophisch – phänomenologische Stadt – Erkundung/Beobachtung. Der Religionsphilosophische Salon arbeitet an dem Thema, gerade auch im Interesse der Spurensuche nach „Transzendenz“ im Gefüge der Stadt Berlin. Nach der Lektüre der Beiträge im „Kunstforum International“ fragen sich auch theologisch Interessierte, wie fern etwa kirchliches Leben, in großstädtischen Gemeinden, diesem hier eröffneten Spektrum urbaner Verhältnisse ist.

copyright: christian modehn



Tomas Halik: Nachtgedanken eines Beichtvaters

20. Mai 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Die Nacktheit des Glaubens: Tomas Halik und die Nachtgedanken eines Beichtvaters

Er sagt, dass junge Menschen heute in einer postoptimistischen Zeit leben. Und hofft, dass aus Glaubenden Suchende werden. Fragen an den Prager Theologen, Philosophen, Soziologen … und Skeptiker Tomás Halík

Von Christian Modehn

Herr Halík, Ihr neuestes Buch heißt »Nachtgedanken eines Beichtvaters«. Hat ein Beichtvater besondere Erkenntnisse?

Tomás Halík: Einmal in der Woche, meist mehrere Stunden lang, kommen Menschen zu mir zum Beichtgespräch oder zur geistlichen Beratung. Wenn ich dann spätabends zu Hause bin, bedenke ich noch einmal, was diese Menschen spüren. Dabei zeigt sich eine Art Trend: Vor allem junge Menschen haben nur sehr wenig Vertrauen in das Leben, auch wenig Vertrauen in Institutionen wie die Kirchen. Die meisten leben in einer »postoptimistischen Zeit«. Die großen Versprechen der Moderne, etwa »immer mehr Fortschritt«, gelten für sie nicht mehr. Sie können sich nicht mehr auf einen Fundus von Vertrauen beziehen. Es herrscht eine tiefe geistige Krise. Die Unterhaltungsindustrie bestimmt und verändert fast alle Lebensbereiche, selbst die Politik und die Religion. Kommerzielle Unterhaltung ist eine Droge! Diese Welt habe ich in meiner Perspektive als Beichtvater vor Augen, der die Seele der Menschen kennenlernt. Mein neues Buch ist also alles andere als ein dogmatischer Traktat übers Beichten.

Wenn der Optimismus vorbei ist – wofür treten Sie persönlich dann ein?

Halík:Ich wehre mich gegen den religiösen Optimismus, der da meint: Der liebe Gott wird schon alles zum Guten wenden; wir müssen nur fleißig beten, dann gibt es das, was wir bei Gott »bestellen«. Das ist Magie! In Tschechien gibt es den Satz: »Optimistisch ist nur ein Mensch, dem die Informationen fehlen.« Für mich ist entscheidend, die Krise, etwa den Mangel an authentischem Glauben, wirklich auszuhalten und nicht in Illusionen zu fliehen. Wir sollten das biblische Paradox annehmen: Nur durch das Kreuz und den Tod ergibt sich Neues, ein Sieg der Hoffnung.

Auch im Blick auf die Entwicklung der katholischen Kirche und der Theologie gibt es wenig Grund, optimistisch zu sein?

Halík: Meines Erachtens liegt das Christentum in Europa auf dem Sterbebett. Ich frage Pfarrer in meiner Heimat manchmal: »Welche Kirche haben wir in fünfzig Jahren?« Höre ich die Antworten, dann habe ich oft das Gefühl, dass ich mich in der Familie eines Schwerkranken befinde, wo eine stille Übereinkunft gilt, dass über diese Krankheit nicht gesprochen werden darf. In diversen kirchlichen Milieus hatte ich sogar das Gefühl, als sei ich in das Theaterstück »Geschlossene Gesellschaft« von Jean-Paul Sartre geraten. Im Theater versteht der Zuschauer ja nach einer gewissen Zeit, dass alle Akteure tot sind, obwohl sie so tun, als ob nichts geschehen sei. Ein tschechischer Priester hat die katholische Kirche einmal mit einer Mühle verglichen, die zwar noch klappert, jedoch nicht mehr mahlt.

Gilt das auch über Tschechien hinaus?

Halík: Es gibt in Europa eine große Müdigkeit unter den Christen, ich spreche gern von der »Müdigkeit am Mittag«: Der Morgen – im Bild gesprochen: die frühe Geschichte des Christentums – liegt hinter uns; die »Zeit der Reife«, also der Nachmittag, wie der Psychiater Carl Gustav Jung einmal sagte, steht bevor. Jetzt aber herrscht die Müdigkeit des Mittags. Diese Krisenzeit gilt es anzunehmen. Nur so kann die neue Zeit religiöser, mystischer Tiefe kommen.

Was bedeutet für Sie der Glaube?

Halík: Der Glaube ist keine Ideologie, keine billige Lehre, durch die wir irgendwie Sicherheit finden. Glauben ist das Ausgesetztsein dem Geheimnis Gottes gegenüber, ist – anspruchsvoll – Teilhabe am Leben Gottes. Mit dem Geheimnis zu leben, das schlage ich zum Beispiel auch »Atheisten« als Lebensmaxime vor.

Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Halík: Für mich gibt es heute nicht mehr die alte Grenzziehung zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Beide können sehr selbstzufrieden in ihrer Position erstarren. Wichtiger ist, dass Gläubige wie Atheisten ihre Selbstzufriedenheit aufgeben und Suchende werden. Und mit den Suchenden Geduld haben! Ich selbst bin ein Suchender, ein geborener Skeptiker. Zum Glauben fand ich, weil ich konsequent skeptisch sein wollte und eben auch an meinem Zweifeln zweifelte. Ich will immer mehr die Tiefe des Glaubens erfahren, sozusagen »zum Grunde gehen«, und dann meine Erfahrungen mit anderen teilen – im gemeinsamen Suchen. Für mich ist entscheidend der von Paulus stammende Begriff der »Kenosis«, der Entäußerung und des Leerwerdens. Das ist das Gegenteil von Hochmut, Macht und Gewalt.

Hat diese Entäußerung auch eine aktuelle Bedeutung?

Halík: Ja. Gerade fand die Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier statt. Dort habe ich kürzlich gesagt: Kann denn der Heilige Rock, bei aller Hochachtung vor dieser Reliquie, heute noch ein Symbol der Kirche sein? Der Rock blieb doch in den Händen der Soldaten. Jesus ist nackt gestorben. Ist also nicht die Nacktheit Christi als Bild der Kirche viel treffender? Der nackte Christus – das ist Ausdruck der Entäußerung. Manchmal scheint es mir, dass Gott die katholische Kirche – angesichts der Missbrauchsfälle etwa – der Schmach vor den Augen der Welt preisgegeben hat auch als Strafe für all ihren Triumphalismus in der vergangenen wie jüngsten Geschichte. Es ist die Strafe für den Mangel an Bereitwilligkeit oder auch für die Unfähigkeit, mit allen Konsequenzen demütig zuzugeben, dass die Kirche eine »Gemeinschaft von Pilgern« ist, dass sie unterwegs ist und nicht am Ziel und sie keine »triumphierende Kirche« spielen darf.

Sie sprechen in Ihrem Buch von dem »bescheidenen, dem kleinen Glauben«. Gibt es von hier eine Verbindung zu den Atheisten?

Halík: Durchaus, denn wenn jemand praktisch zeigt, dass er die anderen als Brüder und Schwestern behandelt, dann folgt er – unbewusst – der Überzeugung, dass alle Menschen Kinder eines göttlichen »Vaters« sind. Wer die Lebensqualität dieser Erde bewahren will, der nimmt indirekt auch den Schöpfer an. Im Handeln zeigt sich also ein verschwiegener Glaube. Er ist schon in der Person verwurzelt, er ist nur noch nicht auf der bewussten Ebene formuliert. Darum verstehe ich mich mit diesen »Ungläubigen« gut und weniger gut mit einigen Christen, die nur viele Worte machen. Es gibt also eine neue Grenze zwischen Suchenden und Festgefahrenen. Eine bestimmte Art atheistischer Kritik kann eine Verbündete des Glaubens sein. Sie kann den Glauben von infantilen religiösen Vorstellungen befreien.

In Ihrem Buch kritisieren Sie ausdrücklich den enthusiastischen Glauben charismatischer Kreise.

Halík:Der Glaube sollte nicht zu einer schlichten Emotion werden. Glauben ist ein ernsthaftes Ringen mit dem Geheimnis, vor dem man oft sprachlos bleibt. Gott wohnt im unzugänglichen Licht! Wir sind immer mit dem Schweigen Gottes konfrontiert. Diese »Nacht des Glaubens« möchte ich respektieren. In unserer Universitätskirche in Prag versuchen wir dem zu entsprechen. Hier kommen sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Mein Motto ist: »Alle sind eingeladen, niemand wird gezwungen.« Wir freuen uns, dass in den zwanzig Jahren meiner Tätigkeit dort rund tausend Menschen getauft wurden. Diese offene Gemeinde ist für viele eine Art Zuhause, weil wir auch anspruchsvolle Meditationen oder Kunstausstellungen anbieten.

Wie dringend sind Reformen in der katholischen Kirche?

Halík: Die katholische Kirche muss sich immer reformieren. Sie sollte zudem Pluralität in den eigenen Reihen zulassen. Die frühe Kirche war ja in ihrer Organisationsstruktur, Theologie und Liturgie weit bunter als das heutige Christentum. Eine völlige Einheit der Kirche war niemals und wird wohl nie eine historische Tatsache sein. Über all die Themen, die die Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche vorbringt, sollte ruhig und sachlich diskutiert werden. Das schreibe ich auch in meinem Buch. Ich denke, dass diese Gruppen in mancherlei Hinsicht schließlich doch recht haben. Aber ich wende mich entschieden gegen die Vorstellung, die ich allerdings nicht allen Vertretern dieser Bewegung unterstelle, dass sich durch eine Demokratisierung und Liberalisierung der Strukturen, der Disziplin und etlicher Punkte der Moraldoktrin der katholischen Kirche ein neuer Frühling des Christentums einstellen könnte. Aber auch den Traditionalisten gegenüber habe ich meine Vorbehalte: Sie wollen in eine vormoderne Zeit zurück und suchen sich aus dem Ganzen des Glaubens aus, was ihnen gefällt. Damit sind sie häretisch. Glauben aber ist keine bequeme Gewissheit.

Sind das Perspektiven, die aus Ihrer Sicht angesichts des 50. Jahrestages des Zweiten Vatikanischen Konzils im Herbst bedeutsam sein können?

Halík: Durchaus, man denke an die festlichen Worte, mit denen das Konzilsdokument »Über die Kirche in der Welt von heute« beginnt: dass eben »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen unserer Zeit auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Kirche« sind. Diese Worte klingen fast wie ein Ehe-Gelöbnis: Die katholische Kirche gelobt dem modernen Menschen Liebe, Achtung und Treue in guten wie in schlechten Zeiten. Ist sie ihrem Versprechen jedoch treu geblieben? Kann sie heute mit gutem Gewissen eine »Goldene Hochzeit« mit der modernen Gesellschaft feiern? Auf der anderen Seite muss man allerdings auch nüchtern fragen: War für den modernen Menschen eine solche »Ehe« überhaupt je begehrenswert? COPYRIGHT: PUBLIK – FORUM. Wir weisen ausdrücklich empfehlend auf diese Zeitschrift hin. www.publik-forum.de

Lesetipp: Tomás Halík: Nachtgedanken eines Beichtvaters – Glaube in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag. 320 Seiten. 16,99 €

PS. am 6.6.2012:  Wir erlauben uns, aus aktuellem Anlaß im Vatikan,  ein Zitat aus dem neuen Buch von  Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  “Nachtgedanken eines Beichtvaters” (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  “Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird”.



Philosophie des Osterfestes: Abschied von den Definitionen

5. April 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Freisinnige Christen - eine freisinnige Kirche: Die Remonstranten, Philosophische Bücher

Wesentliches lässt sich nicht definieren

Ein philosophische Meditation (nicht nur) zu Ostern

Von Christian Modehn

Lässt sich ein für alle mal definieren, was Leben / leben ist? Die äußerst anregende neue philosophische Zeitschrift HOHE LUFT (Hamburg) bietet in ihrer 2. Ausgabe (2012) auf Seite 8f. eine „Miniatur“  über das „Leben“. Diese „Miniatur“ von Tobias Hürter inspiriert zu großem/weiten  Denken: Der Autor schreibt: „Was also ist Leben? Die Frage ist ein Klassiker. Es gibt unüberschaubar viele Antworten. Der amerikanische Biologe Radu Popa begann vor einigen Jahren, die Definitionen von Leben zu sammeln und hörte bei 300 auf zu zählen…“

Natürlich spricht nichts dagegen, Leben immer wieder definieren zu wollen, also möglichst viel Klarheit zu finden und Grenzen zu ziehen, was Leben ist und Leben nicht ist. Aber das Thema, das Objekt der Abgrenzung, und das ist ja De – finieren, Abgrenzen, lässt sich niemals endgültig umgrenzen. Denn das setzte voraus, dass man sozusagen denkerisch das Leben umgreifen kann; in den Griff bekommen kann, Grenzen ziehen kann. Aber IM Leben sind wir schon immer, wir können nicht aus diesem Im  – Leben  – Sein heraustreten und es selbst, überschauend, in den Blick nehmen. So bleibt das Leben für uns selbst immer endgültig un – definierbar.

Das undefinierbare, hingegen durchaus annähernd immer neu umschreibbare Leben ist nicht das einzige Phänomen, das die menschliche Vernunft niemals endgültig „fassen“ , also definieren kann.

Wir erinnern an das Sein, IN dem wir uns immer schon bewegen, und das umfassender ist als wir selbst. Jeder, der nur einmal Martin Heidegger gelesen hat, weiß das.

Ähnlich ist es wohl mit Licht, mit Geist, mit Seele. Wissen wir definitiv, was LIEBE ist? Wissen wir, wer der / die Geliebte ist? Kämen wir auf den Gedanken, den / die Geliebten zu definieren?

Daraus folgt: Das Wesentliche, das menschliches Dasein und Welt überhaupt strukturiert, ist nicht definierbar, nicht endgültig greifbar. Es entzieht sich dem herrschenden Anspruch der Vernunft.

Ähnlich ist es wohl mit der Frage nach Gott. Wer Gott – in Dogmen – definieren will, hat nichts von Gott verstanden. Gott lässt sich immer nur annähernd und relativ umschreiben. Und immer neu annähernd aussagen. Die Krise der Kirchen kommt auch daher, dass sie zu viel (!) von Gott wissen wollen. Es immer eine Hierarchie, die dieses Sonderwissen beansprucht und ihr All – Wissen mit Macht durchsetzt.

Abschied nehmen vom endgültig – Überzeugtsein, vom Glauben, endgültige Definitionen zu haben: das ist auch mit Ostern der Fall. Da wird in christlichen Traditionen bezeugt, dass irgendwie der Tod überwunden wurde durch Jesus von Nazareth. Wie genau? Das wird in den biblischen Texten gerade nicht gesagt. Kann nicht gesagt werden, denn auch der Tod ist wohl nicht zu definieren, weil niemand den Tod überschaut. Wir stehen immer nur VOR dem Tod, nicht schon hinter ihm. Ist die Auferstehung Jesu Christi, so allgemein gesagt, also Blödsinn, bloß weil sie nicht zu definieren ist? Wohl kaum. Wenn bestimmte Menschen erleben, dass etwas Außergewöhnliches geschieht (vorausgesetzt diese Menschen sind nicht spinös und irre), dann kann man das Erlebte ruhig doch mal stehen lassen. In dem Bewusstsein: Wesentliches lässt sich nicht definieren. Unser Wissen und damit auch unser Leben bleibt immer im Offenen, Suchenden, in der Schwebe. Menschliches Leben ist wesentlich immer von vorläufigem Wissen geprägt. Dieses Vorläufige wird nie  durchschaut werden, darin irrt aller Wissenschafts – Optimismus.

Wir leben immer im Vorläufigen. Das wäre eine philosophische “Definition” des Osterfestes. Wer im Vorläufigen lebt, will nicht herrschen, kann nicht definitiv bestimmen. Und er zögert immer, wenn er einmal bestimmen muss…Er will hören auf das, was das Dasein ist.

copyright:christian modehn, berlin.

 



Einfach glauben. Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen

21. März 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Im Religionsphilosophischen Salon wird auch gelegentlich die Frage nach konkreten Glaubensvollzügen gestellt. Unser Vorschlag, der sich einer “liberalen theologischen Tradition” verpflichtet weiß und deswegen philosophisch nachvollziehbar, mindestens aber argumentativ “für alle” befragbar ist, plädiert für ein Konzept mit dem Titel: EINFACH GLAUBEN.

So hieß auch eine Radiosendung von Christian Modehn  am 2. Januar 2011 im NDR (Reihe Glaubenssachen). Oft wurden wir gefragt, ob dieser Text noch nachzulesen ist. Deswegen, ein gutes Jahr nach der Sendung, hier eine Möglichlichkeit anhand des Textes weiterzudenken und vielleich auch zu entdecken, dass Glauben – trotz aller dogmatischen Einsprüche – eigentlich “einfach”   ist. Die Form des Manuskripts entspricht der im Hörfunk üblichen Gestalt.

 

 

 

Glaubenssachen

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Sonntag, 2. Januar 2011, 08.40 Uhr

Einfach glauben
Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen
Von Christian Modehn

Redaktion: Bernward Kalbhenn, Norddeutscher Rundfunk, Religion und Gesellschaft

- Unkorrigiertes Manuskript -

Zur Verfügung gestellt vom NDR

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt

und darf nur für private Zwecke des Empfängers benutzt werden. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung des Autors zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf der Genehmigung des NDR.

 

1. Sprecher:

Meinen Schulfreund Karl hatte ich einige Jahre aus den Augen verloren. In einem Café traf ich ihn kürzlich wieder. Mittlerweile ist er erfolgreicher Bauingenieur. Neben seinem Espresso hatte er ein dickes Buch ausgebreitet, dem seine ganze Aufmerksamkeit galt. Gleich nach der Begrüßung wollte Karl, typisch für ihn, das „Allerneueste“ mitteilen: „Ich bin vor einem halben Jahr katholisch geworden, habe mich taufen lassen“, berichtete er, „und nun lese ich ein Kompendium des ganzen Glaubens“. Er zeigte mir, nicht ohne Stolz, sein Buch – den „Katechismus der Katholischen Kirche“. Dies sei seine „Gebrauchsanweisung für den Glauben“; auf Seite 134 hatte er ein paar Zeilen unterstrichen:

2. Sprecher:

Die Erbsünde „ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weiter-geben wird. (…) Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, (sie ist) ein Zustand, keine Tat“.

1. Sprecher:

Ich muss gestehen, dass mir diese Zeilen einen leichten Schock versetzten. So soll es also gewesen sein? Als sich meine Eltern liebten, „sich fortpflanzten“, wie es im katholischen Katechismus recht prosaisch heißt, haben sie also die Erbsünde an mich weitergegeben. Aber wurde uns denn nicht im Religionsunterricht eingeschärft: Sündigen kann man nur in einer freien Entscheidung? Und nun gibt es eine Sünde als Zustand? Ein Ungeborener soll bereits sündig sein? Ist ein Glaubenskompendium hilfreich, wenn der Leser irritiert wird oder an der Lehre zweifelt?

Karl nahm mein Erstaunen gar nicht wahr. Voller Begeisterung erzählte er gleich weiter, dass er bis zur Taufe ein ganzes Jahr lang an Glaubensunterweisungen teilgenommen habe, Konvertiten–Unterricht genannt. Die gesamte katholische Lehre hätte er noch gar nicht durchgearbeitet, wie er sagte. Aber mit diesem Katechismus könne er sich ja selbst in alle Einzelheiten vertiefen. Im Vorwort zu seinem „Glaubenskompendium“ hatte Papst Johannes Paul II. geschrieben:

2. Sprecher:

Dieser Katechismus „ist eine Darlegung des Glaubens der Kirche“ (…) Ich erkenne ihn als gültiges und legitimes Werkzeug (…) an, ferner als sichere Norm für die Lehre des Glaubens“.

1. Sprecher:

Und während mein Schulfreund Karl weiterplauderte, seine „Gebrauchsanweisung“ fest im Griff, fragte ich mich, wer denn eigentlich gern Gebrauchsanweisungen liest. Und: Ist Glauben so schwer zu lernen und mühsam zu verstehen? Kann man nicht auch „einfach glauben?“, ohne dickes Buch oder Lehrgebäude?

Alle christlichen Kirchen sind bestrebt, in umfangreichen Büchern den „ganzen Glauben“ darzustellen. Auch die Reformatoren Luther und Calvin hatten den Ehrgeiz, ihre protestan-tische Theologie einprägsam zu verbreiten, etwa im „Augsburger Bekenntnis“ oder im „Heidelberger Katechismus“. Der Titel dieser klassischen Glaubensbücher bezieht sich auf das altgriechische Verb katechein;  es bedeutet wörtlich übersetzt „von oben herab tönen, ergötzen, bezaubern“. Diese  ursprüngliche Bedeutung hatten die Menschen im 8. Jahrhundert wohl längst vergessen, als die ersten umfassenden Katechismen in den Klöstern geschrieben wurden. Dabei ist die ursprüngliche griechische Wortbedeutung durchaus treffend: Denn diese Lehrbücher wurden von oben herab, von Päpsten, Bischöfen und Theologen den Laien, dem Volk, vorgesetzt, als geistliche Nahrung, wie es hieß. Ob die Laien von diesen Büchern immer  bezaubert oder gar ergötzt wurden, ist fraglich angesichts der nüchternen, trockenen Theologensprache. Ich erinnere mich noch an den Katechismus aus den fünfziger Jahren, der mit einer abstrakten Frage begann:

2. Sprecher:

Wozu sind wir auf Erden?

1. Sprecher:

Die Antwort konnte man gleich darunter lesen:

2. Sprecher:

Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.

1. Sprecher:

Als Kinder mussten wir ganze Seiten dieses Frage- und Antwort- „Spiels“, wie wir damals sagten, auswendig lernen. Der Katechismus umfasste 248 Fragen. Die letzte Frage bewegte uns Kinder am meisten, denn sie erzeugte einen gewissen Schauer:

2. Sprecher:

Was wird am Jüngsten Tag mit der sichtbaren Welt geschehen?

1. Sprecher:

„Sie wird verwandelt und neu gestaltet werden“, riefen wir dann mutig dem Pfarrer zu. Wer zehn weitere Fragen korrekt  beantworten konnte, erhielt einen Bonbon. Dieser Katechis-mus wurde damals auch in der DDR verbreitet. Viele der dortigen Atheisten hat er wohl kaum zum Glauben bewegt. Denn dieses Buch setzte Gott schlicht und einfach als real existierend voraus. Heute bieten Katechismen wenigstens Hinweise, wo und wie denn die göttliche Wirklichkeit im Alltag des Lebens zu ahnen, zu spüren und möglicherweise zu finden sei. Über alle Zeiten hinweg aber ist den Katechismen eine Überzeugung gemein-sam:

2. Sprecher:

Der christliche Glaube ist ein Lehrsystem. Evangelische wie katholische Katechismen be-ginnen auch heute noch, systematisch gegliedert, bei Gott selbst, bei „Gott Vater“. Inner-halb der sogenannten Trinität, der Dreifaltigkeit, führen sie dann die Leser weiter zu Jesus Christus, dem ewigen Logos, „das menschgewordene Wort Gottes“, und schließlich zum Heiligen Geist; im Anschluss daran wird das Wesen der Kirche abgehandelt.

1. Sprecher:

Vom Himmel hoch kommend landet der Leser schließlich nach hunderten von Seiten bei den irdischen, auch den ethischen Fragen. Der Evangelische Erwachsenenkatechismus aus dem Jahre 1977 breitet diese Lehre auf 1.356 Seiten aus. Die aktuelle Ausgabe, noch keine zwei Monate auf dem Markt und als „Kursbuch des Glaubens“ angepriesen, umfasst nur noch 1.020 Seiten. Katholiken könnten da fast eifersüchtig werden; denn die römische Glaubensbehörde hat für ihren offiziellen Katechismus nur 816 Seiten zustande gebracht. Dabei erscheint doch der katholische Glaube schon aufgrund der Heiligenverehrung, des Papsttums und der sieben Sakramente sehr viel inhaltsreicher.

Wie auch immer: Diese Bücher hinterlassen den Eindruck: Ein Mensch ist erst dann ein wahrer Christ, wenn er die 800 oder 1000 Seiten studiert, also diese „Gebrauchsan-weisung“ durchgearbeitet hat, wie mein Schulfreund Karl betonte. Aber, wie gesagt, wer liest schon gern Gebrauchsanweisungen? Natürlich kann es gelegentlich reizvoll sein, bestimmte Phänomene der christlichen Lehre genauer kennenzulernen; etwa der Frage nachzugehen, welche Rolle Christus, der Sohn Gottes, „der ewige Logos“, wie es heißt, im Ganzen der himmlischen Dreifaltigkeit spielt. Im Katholischen Katechismus aus dem Jahr 1993 heißt es dazu im Paragraphen 254:

2. Sprecher:

„Die Trinität ist eine.  Die drei göttlichen Personen beziehen sich aufeinander. Weil die reale Verschiedenheit der Personen die göttliche Einheit nicht zerteilt, liegt sie einzig in den gegenseitigen Beziehungen“.

1. Sprecher:

Solche Sätze pflegte mein Vater gern mit einem lauten „Aha“ zu kommentieren, um dann sofort von etwas anderem zu sprechen, etwa von der Sozialpolitik. Ihn ärgerte zudem, dass ein modernes Glaubensbuch, der so genannte Holländische Katechismus aus dem Jahr 1966, verfasst in einer modernen Alltagssprache, von der offiziellen Kirche abgelehnt und bekämpft wurde.

Weil Katechismen immer den Eindruck erwecken, der christliche Glaube sei eine Art in sich geschlossener Weltanschauung, die auf alle grundlegenden, religiösen und ethischen Fragen eine endgültige Antwort weiß, haben auch Theologen zu allen Zeiten unter diesem „System–Christentum“ gelitten und Auswege aufgezeigt. Schon der große Augustinus, selbst Verfasser zahlreicher voluminöser Glaubensbücher, erkannte die Notwendigkeit, den Glauben „auf den Punkt“ zu bringen. Er schrieb den viel zitierten lateinischen Satz:

2. Sprecher:

„Dílige et quod vis fac“. Wörtlich übersetzt: Liebe und tu, was du willst.“

1. Sprecher:

Als Augustinus diese Worte im Jahr 407 niederschieb, hatte er seine von erotischen Liebes-abenteuern geprägte Jugendphase längst hinter sich gelassen. Als Bischof von Hippo in Nordafrika, bezog er sich in seinem Spruch nicht auf den Eros, sondern auf die Liebe als Caritas, auf die tätige Nächstenliebe. Ausführlich und ein wenig paraphrasierend müsste man übersetzen:

2. Sprecher:

Übe dich in der Nächstenliebe, erst dann kannst du frei dein Leben gestalten.

1. Sprecher:

Erstaunlich, dass dieser viel gerühmte „Kirchenvater“ den Kern des Glaubens in einer sehr praktischen Lebenshaltung sah. Darin folgte er den Weisungen der frühen Kirche. Für den Apostel Paulus ist die Nächstenliebe das Höchste und alles Entscheidende. Und der Ver-fasser des 1. Johannesbriefes schreibt:

2. Sprecher:

Wir Glaubende wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind, weil wir die Geschwister lieben. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod, hat also mit Gott keine Verbindung.

1. Sprecher:

Die frühe Kirche hatte auch Interesse, den inneren, den religiösen Kern des Glaubens, die Theorie, wenn man so will, in wenigen Worten zusammenzufassen. Dabei hat sie durchaus die unterschiedlich geprägten religiösen und kulturellen Milieus ernst genommen. Gegen-über gebildeten sogenannten Heiden-Christen, vor allem den Philosophen in Athen, betonte der Apostel Paulus:

2. Sprecher:

Gott ist nicht fern von einem jeden Menschen. Denn in Gott leben wir, in ihm bewegen wir uns und sind wir. Tatsächlich, wir sind von göttlichem Geschlecht.

1. Sprecher:

Einer der bedeutenden katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, war von den zahlreichen kurz gefassten Bekenntnissen der ersten Christen beeindruckt. Sein Plädoyer: Wenn heute viele Christen den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen, also an-gesichts der Überfülle von Lehren und Dogmen das Wesentliche des Glaubens nicht mehr wahrnehmen, dann sollten „Kurzformeln des Glaubens“ geschrieben werden, prägnante Verse, die alles Entscheidende griffig sagen, ohne dabei zu oberflächlichen Werbeslogans zu verkommen. Bei dieser Suche nach dem Wesen des Christentums wusste sich Rahner verbunden mit einer breiten theologischen Tradition. So wollte zum Beispiel der protestantische Theologe Adolf von Harnack, Professor an der Berliner Humboldt Universität, das „Zentrum des Glaubens“ in den Mittelpunkt stellen. Sein Buch „Das Wesen des Christentums“ erschien im Jahr 1900 und fand sehr viel Aufmerksamkeit. Darin heißt es:

2. Sprecher:

Wesentlich ist der Glaube an Gott, den wir uns in etwa wie einen guten Vater vorstellen können; wesentlich ist der unendliche Wert eines jeden Menschen und damit zusammen-hängend die Nächstenliebe. Jesus lehrt uns, in diesem Geist die Welt gerecht zu gestalten.

1. Sprecher:

Diese Erkenntnis bewegt bis heute viele Menschen, Fromme und weniger Fromme. Und sie wissen sich dabei ganz eng mit dem Initiator des Christentums verbunden, mit Jesus von Nazareth. Eigentlich sollte die ständige Bindung an die Lehren und Weisungen Jesu für Christen selbstverständlich sein. Aber die hochkomplex gewordene Kirchenlehre hat die Gestalt Jesu oft eher verdeckt als lebendig erscheinen lassen. Wie viele Synodenbeschlüsse oder Enzykliken nehmen denn auf Jesus ausdrücklich Bezug, auf die Berg-predigt zum Beispiel oder auf seine Mahnungen, nicht zu herrschen und arm zu leben, sich nicht Meister nennen zu lassen, sondern der Diener aller zu sein? Bezeichnenderweise haben alle großen Reformatoren, wie Franziskus von Assisi oder Martin Luther, immer wieder Jesus als das kritische Gegenüber zu einer sich machtvoll gebärdenden Kirche eingeklagt. In diesem Sinne schreibt der Theologieprofessor Gottfried Bachl aus Salzburg in seinem Buch „Der schwierige Jesus“:

2. Sprecher:

Alle beachtenswerten Stimmen der Tradition laden mich ein, mich unmittelbar und haut-nah an Jesus zu halten, keine anderen Prinzipien gelten zu lassen. Woher sollte man denn sonst auch wissen, dass man angesichts der bunten religiösen Vielfalt im Christentum tatsächlich auf seinem, also auf Jesu Weg sich befindet?

1. Sprecher:

Allerdings: Eindeutige und historisch sichere Informationen über diesen Jesus von Nazareth sind eher mühsam zu haben. Die vier Evangelien aus dem Neuen Testament sind Predigten und Bekenntnisse, keine Lebensbeschreibungen; eine umfassende, objektiv korrekte Biographie Jesu kann es aufgrund der Quellenlage nicht geben. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass die entscheidende Mitte der Lehre Jesu, sozusagen das „Unverwechselbare“, genau festgelegt werden kann.

2. Sprecher:

In seiner Bergpredigt lobt Jesus die Friedfertigen sowie die Menschen, die nach Gerechtig-keit streben. Auch jene werden seliggepriesen, die barmherzig sind und authentisch leben wollen, also ein „reines Herz“ haben. In anderen Erzählungen empfiehlt Jesus nach-drücklich, niemals über andere Menschen zu richten, sondern auch „den Balken im eigenen Auge zu sehen“. Er wendet sich mit aller Liebe den Armen und Ausgestoßenen zu, integriert sie in die Gemeinschaft; er warnt vor aller Scheinheiligkeit und mahnt die religiösen Führer, niemals zu herrschen, sondern zu dienen. Allein auf das metanoein, das Umdenken komme es an, auf die Umstellung bisher üblicher Werte.

1. Sprecher:

Diese von Jesus inspirierte Lebensweisheit wird von Theologen heute gern der „einfache Glaube“ genannt. Mit dem Wort „einfach“ möchten sie sich abgrenzen von allen komplizierten Glaubenslehren. Auch Philosophen sprechen jetzt nachdrücklich davon, etwa der weltweit geschätzte Italiener Gianni Vattimo. Er setzt sich in seinem Buch mit dem Titel „Glauben–Philosophieren“ von den ausgefeilten, manchmal allwissend erscheinenden Traditionen des Christentums ab. Für ihn kommt es auf einen im guten Sinne „reduzierten“, also einen bescheidenen Basis-Glauben an. Es ist schon fast ein Trend, wenn Philosophen wie Theologen betonen:

2. Sprecher:

Menschen können authentisch und wahrhaftig glauben, wenn sie sich den Lebensweis-heiten Jesu anschließen.

1. Sprecher:

Einfach, im Sinne von „schlicht“ oder „leicht realisierbar“, ist dieser elementare Glaube nicht. Denn wer kann auf Dauer der Weisung folgen, immer wieder zu verzeihen? Wer kann seinen Geist so frei machen von Aggressionen, dass er selbst seinen Feind lieben kann? Wer kann von sich sagen, dass er sein Herz nicht doch an den schnöden Mammon, das Geld, bindet? Dieser einfache Glaube Jesu wirkt wie eine dauernde Einladung, nicht stehen zu bleiben, nicht existentiell zu stagnieren, sondern das Ziel menschlicher Reife anzustreben. Eine Herausforderung, die nur gelingen kann, wenn sich die Menschen von einem tragenden Grund, von einer unendlichen göttlichen Liebe, geborgen wissen. Der einfache Glaube kommt ohne Mystik nicht aus.

In der langen Geschichte der christlichen Mystik wurde dieser „bergende Lebensgrund“ auch „göttlicher Funke“ im Menschen genannt, Meister Eckart sprach im 13. Jahrhundert davon, später Angelus Silesius, auch Philosophen wie Johann Gottlieb Fichte. Dieser gött-liche Bereich im Menschen ist die lebendige Quelle  des elementaren, des einfachen Glaubens. Wer dieses „göttlichen Bereichs“ inne werde, der sei auf dem besten Weg, ein Glaubender zu werden, meinte z.B. Thomas Merton, ein katholischer spiritueller Autor aus Amerika. Er war von dieser Idee ganz begeistert:

2. Sprecher:

Im innersten Kern unseres Wesens gibt es einen Punkt, klein wie ein Nichts, an den Sünde und Illusion nicht zu rühren vermögen. Er ist der Punkt der lauteren Wahrheit. Nie können wir über diesen göttlichen „Funken“ verfügen, er ist der Punkt der Herrlichkeit Gottes in uns. Er ist in unser innerstes Wesen geschrieben. Er steckt in jedem Menschen. Deswegen gibt es Milliarden solcher Lichtpunkte. Sie können Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens verscheuchen.

1. Sprecher:

Angesichts einer unübersichtlichen und vielfach bedrohten Welt suchen Menschen nach festen Eckpunkten, nach einer elementaren Weisheit, die im praktischen Leben wie auf der spirituellen Suche Orientierung zu geben vermag. Vor einigen Wochen erschien in den Niederlanden ein Buch, das diesen Interessen entgegenkommt. Es umfasst nur 140 Seiten. Kunstdrucke mit Werken von Caravaggio bis Chagall sollen zur Meditation anregen. Anstelle von Belehrungen wird von menschlichen Tugenden erzählt, etwa vom Mitgefühl, der Gerechtigkeit, der Annahme seiner selbst. „Katechismus des Mitgefühls“ heißt dieses Buch, das einige kleinere protestantische Kirchen gemeinsam herausgegeben haben. Es hat im säkularisierten Holland sehr viel Interesse gefunden. Die Autoren schreiben:

2. Sprecher:

Wer sich vom Mitgefühl für andere leiten lässt, erkennt auch sein eignes Leben. Wer sich in andere hineindenkt, wer die Unbekannten, die Fremden, lieben lernt: Erlebt die ganze Weite der Schöpfung Gottes und lernt sie lieben. Dann kann der Glaube beginnen, elementar und einfach. Dann kann Gott als eine mystische Kraft entdeckt werden.

Literaturhinweise:

Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus. Tyrolia Verlag, Innsbruck – Wien. 1996, 112 Seiten.

Catechismus van de compassie (Katechismus des Mitgefühls). Von Christiane Berkvens –Stevelinck und Ad Alblas, Skandalon Verlag in Vught, Niederlande, mit einer DVD von Karen Amstrong. 140 Seiten, 2010.

Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992. 155 Seiten.

Albert Schweitzer, Das Christentum und die Weltreligionen. Becksche Reihe, München, 1992. 124 Seiten.

Gianni Vattimo, „Glauben, Philosophieren“. Reclam Verlag, Stuttgart, 1997. 121 Seiten.

 

 



Die Stoa und die digitale Welt: “Einfach abschalten”

15. März 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Mit Seneca die Herrschaft der digitalen Welt einschränken

Von Christian Modehn

Er hat sich, wie viele Millionen anderer Menschen, ganz in die digitale Welt der „Bildschirme“ hineinbegeben und sich von ihr abhängig gemacht; jetzt lebt er mit der Familie den „Internet – Sabbat“, um sich aus der totalen Bindung an Laptops, Handys, E book- readers und Tablet PCs zu befreien. William Powers, Schriftsteller und Journalist  (u.a. The New York Times, The Atlantic) plädiert in seinem neuen Buch „Einfach abschalten“ (Goldmann Verlag 2011) dafür, gelegentlich Abstand zu nehmen von der digitalen Welt. Die permanent propagierte Verheißung, je mehr man vernetzt sei, um besser sei das Leben, hat sich für ihn als haltlos und gefährlich erwiesen. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird der Preis dieses Lebens auf die Dauer die Vorteile übertreffen. Die Lösung liegt eher darin, sich eine neue Weltsicht anzueignen, durch die wir zu einer bedachteren, überlegteren Lebensweise kommen…Wann immer ich einen Zwischenraum zwischen mir und meinem Bildschirm eröffne, geschieht etwas Gutes“  (S. 287).

William Powers weiß genau, wovon er spricht: Die permanente Erreichbarkeit, das damit gegebene Dauer –Gerede/Geschreibe über Banales und allzu Privates, der dauernde Zwang, emails zu checken, am Wochenende, in jedem Hotel, bei jedem Urlaub, hat auch ihn eingeschränkt, sie hat ihm beinahe die Seele geraubt.  Jetzt weiß er: Die digitale Welt macht das Leben eindimensional, es bildet sich die Unfähigkeit, „unsere Gedanken zu verlangsamen und zu konzentrieren“ (S. 23). Der total digitale Mensch wird abhängig von Einreden von außen, von den Sprüchen der anderen, der Werbung, der Propaganda. Die Pflege und die Achtsamkeit auf die eigene, „nur meine“ innere Welt, das leibhaftige Interesse am anderen, an der Familie, deb Freunden,  geht verloren. „Das eigene Innenleben wird immer beliebiger, fremdbestimmt durch das, was andere sagen“ (S. 162).  William Powers berichtet, wie in Finnland sich Menschen bereits rituell  aus der Allmacht des Digitalen befreien, indem sie öffentlich den Handy- Weitwurf praktizieren, „eine symbolische geistige Befreiung vom unterdrückenden Joch ständiger Erreichbarkeit“ (S. 100).

Philosophen und philosophisch Interessierte nehmen es mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis, dass der kompetente Nutzer der digitalen Welt und ihr nun heftiger Kritiker sich auf „therapeutische Ansätze“ von Philosophen beruft.  Etw auf Seneca, den Meister der stoischen Philosophie, er lebte vor 2000 Jahren. Seine Erkenntnisse hält Powers für aktuell und hilfreich. Er weist zurecht die dumme Klischeevorstellung zurück, die Stoa sei eine banale Lehre von der Duldsamkeit. Im Gegenteil, Powers zeigt, wie auch die Menschen in der antiken Welt auf ihre Weise bereits von Stress geplagt waren, von permanentem Lärm in den Großstädten, von den Herausforderungen, im weiten Römischen Reich zu reisen, Bücher zu kaufen, Briefe „in alle Welt“ zu schreiben. Der Philosoph Seneca wird sozusagen zu einem Zeitgenossen/Leidensgenossen von uns. „Eines seiner häufigsten Themen ist die Gefahr, anderen, der breiten Masse, zu erlauben, zu viel Einfluß auf das eigenen Denken auszuüben“. (s 161). Alles kommt darauf an, „in sich selbst zu ruhen, auf sein eigenes Gespür und auf die eigenen Gedanken zu vertrauen“. Die Ruhelosigkeit ist für Seneca eines der schlimmsten Übel. Und vor allem der Wahn, in einem tatsächlich immer (zu) kurzen Leben „alles“ erleben zu wollen. „Berechne deine Lebenszeit. So viel passt gar nicht hinein“, schreibt Seneca (S. 165). Oder das stressige Viel – Lesen sollte konkreter werden, wenn man sich für einen Tag einen wichtigen Satz als eine Art Weisheit des Tages aussucht und ihn dann meditierend bedenkt. (S. 166).

William Powers will nicht die digitale Welt in Grund und Boden verdammen. Sie ist und bleibt hilfreich, ist unverzichtbar. Aber alles kommt darauf an zu erkennen: Die digitale Welt ist nur EINE Welt von vielen anderen. Und es gibt wichtigere „Welten“: Nämlich “die Sorge um sich selbst”, wie der Philosoph Michel Foucault einmal sagte.

William Powers, Einfach abschalten. Goldmann Verlag 2011, 350 Seiten, 9,99 Euro.

copyright: christian modehn