Philosophische Bücher



Was ist Populismus? In der Politik … und in den Kirchen.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Ein Hinweis auf das Buch „Was ist Populismus?“ von Jan-Werner Müller

Von Christian Modehn

Jan-Werner Müller arbeitet als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University (im Bundesstaat New Jersey, USA). Er nennt seine Studie zum Populismus (2016 bei Suhrkamp erschienen) ein Essay. Dabei handelt es sich weit mehr als um einen Versuch: Das Buch, 160 Seiten, ist eine grundlegende Einführung in ein nicht nur politisches, sondern im weiteren Sinne kulturelles Phänomen, den neuen Populismus. Die zahlreichen Belege und Literaturhinweise machen diese Studie noch wichtiger.

Um zur Lektüre und zur Debatte zu ermuntern, nur einige grundlegende Erkenntnisse, die Jan-Werner Müller vorstellt:

Das erste sehr ernste Problem ist: „Demokraten müssen schlicht akzeptieren, dass das Volk als solches sich nie fassen lässt“ (60). Denn wo zeigt sich „der wahre Wille des wahren Volkes“

Im Populismus wird eine Vorstellung von einem angeblich guten und reinen Volk propagiert, dieses Volk steht den angeblich nur korrupten und angeblich nur unmoralischen Eliten gegenüber (42). Das gewöhnliche Volk (mit dem vorausgesetzten angeblich gesunden Menschenverstand) ist das „eigentliche Volk“ (42).

„Populistische Regime“ (Müller nennt in dem Zusammenhang Putin und Orban) halten noch an einigen demokratischen Institutionen fest. Aber es handelt sich nicht um „funktionierende Demokratien“, sondern um „defekte Demokratien“ (75 f.)

Tendenziell ist Populismus immer antidemokratisch (91).

Populisten glauben und schreien es raus: “Wir sind das Volk“ im Sinne von „Nur wir allein sind das Volk“. Demokratisch und vernünftig akzeptabel wäre allein der Slogan: “Wir sind AUCH das Volk“ (63), vielleicht mit der Ergänzung:“ „Und Ihr habt uns vergessen“ (ebd.)

Nebenbei: Kurz vor dem Untergang der DDR Diktatur übernahm tatsächlich das Volk den Spruch „Wir sind das Volk“, um der Clique der SED Herrscher den Machtanspruch abzusprechen. Die DDR Opposition wehrte sich also zurecht gegen eine Diktatur. Heutige Populisten, etwa Wilders, Le Pen, FPÖ und Trump usw. wehren sich mit ihren totalisierenden Sprüchen gegen demokratische Regierungen… Sie reden dem Volk ein zu glauben: „Er, (der Führer), will, was wir wollen“ (47), so ein Slogan von Herrn Strache FPÖ. Warum also noch debattieren…der Volkswille ist doch im Führer repräsentiert (48).

Im Ganzen gesehen ist der Populismus anti-pluralistisch (44). Diese Abwehr der Pluralität in einer Gesellschaft und einem Staat (und einer Kirche könnte man hinzufügen) ist in der Sicht des politischen Philosophen Jan-Werner Müller am verheerendsten. Denn die anti-pluralistische (jegliche legitime Vielfalt abweisende) Haltung führt politisch zu „Alleinvertretungs-Ansprüchen“ (70), also zur Diktatur. Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus; Unterdrückung der Zivilgesellschaft und wenn möglich der Medien“ (70). Typisch für diese Haltung ist das Trump Regime, es entspricht den drei genannten Taktiken des Populisten. Beamte werden ausgetauscht, der gesamte Staatsapparat wird in Besitz genommen usw.

Zum niederländischen Populisten Geert Wilders und seine Partei PVV nennt der Autor etliche Details: Wilders spricht von Freiheit und Toleranz, aber es ist er allein, der definiert, was diese Werte sind und wer zum „wahren niederländischen Volk gehört“ (27). Wilders propagiert die Ideologie, das Volk sei durch die gegenwärtige Regierung und ihre internationalen Verbindungen „beraubt“ worden: “Wir wollen unser Land zurück“( 34). Wilders redet dem Volk ein, selbst zum (unterlegenen) Volk zu gehören, dabei ist er seit 1990 ein Karrierepolitiker (51). Wilders bestimmt mit seinen islamfeindlichen Vorgaben bis heute die Richtung der niederländischen Politik, obwohl er nie offiziell Regierungsverantwortung übernahm“ (97)

Wie mit den Populisten umgehen? Der Autor hält es für falsch, die Ausgrenzung der Ausgrenzenden (Populisten) zu betreiben, er ist gegen das Motto „Mit denen reden wir nicht“ (96).

Statt moralisch Populisten zu diskreditieren, sollen Demokraten mit Populisten diskutieren, „um die Fakten zurecht zu rücken. Bei Volksverhetzungen durch Populisten hilft das Strafrecht“ (131).

Für unsere religionsphilosophischen Interessen ist es wichtig, sehr bald die Nähe der Kirchen zu populistischen Strömungen zu untersuchen. Die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, schätzt ja den Pluralismus in ihrer eigenen Organisation nur sehr bedingt und sehr begrenzt. Von daher gab (Nähe zum Faschismus Hitlers und Mussolinis) und gibt es immer wieder Unterstützung für populistische Regime: Siehe die Kirchen heute in ihrer Unterstützung für Orban in Ungarn oder für die polnische PIS Partei oder die Rolle der orthodoxen Staats-Kirche in Russland, gerade dazu hat der Religionsphilosophische Salon Berlin etliches publiziert.

Es wäre weiter zu untersuchen: Wie bestimmte zentrale moralische Positionen der Kirchen, etwa die ungebrochene heftige dogmatische Verteidigung „des“ ungeborenen Lebens und die Zurückweisung jeglichen gesetzlichen Schwangerschaftsabbruches (etwa in katholisch dominierten Ländern Lateinamerikas, wie in der Dominikanischen Republik oder in Nicaragua…) zur Unterstützung populistischer Systeme führen. Es wird in diesen kirchlichen Kreisen nicht gefragt, wann personales Leben beginnt, das Selbstbestimmungsrecht der Frauen soll mit Gewalt verhindert werden…

Die Liebe zu den Menschenrechten ist in den Kirchen sehr partiell, die Menschenrechte werden oft dann beschworen, wenn die Kirchenführer darin für sich selbst oder die Kirchen im ganzen einen Vorteil sehen.

Es wäre weiter zu untersuchen, was angesichts des Populismus die viel besprochene katholische „Theologie des Volkes“ und der „Volksreligion“ bedeuten kann. Und vor allem: Was bedeutet die Rede vom „neuen Volk Gottes“ als Definition der katholischen Kirche im 2. Vatikanischen Konzil (gegenüber dem üblichen, aber starren Leib-Christi-Begriff) heute. Welches Volk meinten eigentlich die Bischöfe beim Konzil? War es das Volk der gleichberechtigten Katholiken? Sicher nicht. Die nach wie vor undemokratisch regierende Kirchenführung, angeblich göttliches Recht und die Rolle des dominierenden und unkontrollierbaren KLERUS blieb im Volk-Gottes-Denken unangetastet. Und es ist bis heute so. War das eine Kichenreform im Konzil? Eher wohl nicht.

Die internationale kritische katholische Basis – Bewegung nannte sich meines Wissens zu Beginn: „AUCH wir sind Kirche“. Jetzt nennt sie sich durchaus „etwas“ absoluter gemeint: „Wir sind Kirche“. Wir sind die „Kirchenvolksbewegung“. Dieses sehr anspruchsvolle Motto „Wir sind Kirche“ ähnelt doch durchaus dem Motto der DDR-Opposition „Wir sind das Volk“. Von da aus weiter gedacht: Sieht sich also die kritische Kirchenvolksbewegung auch im Gegenüber zu einer Diktatur, wie einst die DDR-Opposition zur SED Führung?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon



Karl Jaspers: Plädoyer für den philosophischen Glauben.

12. Februar 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Am 26.2 1969 ist der Philosoph Karl Jaspers in Basel gestorben (geboren wurde er am 23.2. 1883 in Oldenburg). Der Religionsphilosophische Salon Berlin erinnert an Jaspers als einen kritischen politischen Denker in der BRD und einen entschiedenen Kritiker der politischen Verblendung von Martin Heidegger und: Vor allem als einen Denker, der die Vernunft so reflektierte, dass er für einen „philosophischen Glauben“ (so der Buchtitel von 1948) eintreten konnte und für den „philosophischen Glaube angesichts der Offenbarung“ (1962) sich stark machte. Die Konzeption und Weiterentwicklung eines vernünftigen philosophischen Glaubens bleibt ein Thema unser Diskussionen. Der „philosophische Glaube“ bietet nicht nur Denk-Möglichkeiten, gerade in Zeiten, in denen der konfessionelle dogmatische Glaube der Kirchen nicht mehr als geistig-bewegende Lebendigkeit erfahren wird. Der philosophische Glaube im Sinne von Jaspers kennt nur Grundsätze, keine Dogmen. Gewalt gegen Andersdenkende wird selbstverstädnlich abgelehnt, er ist offen für Einwände, hält nicht wunderbare Behauptungen für selbstverständlich, er gibt keine Ruhe im Denken und Fragen. Aber der philosophisch Glaubende interessiert sich für die „Chiffren“, für vieldeutige Zeichen, die aber auch auf Transzendenz weisen können.

Es wäre interessant, den philosophischen Glauben im Sinne von Jaspers mit den Thesen des südafrikanischen Theologen und Bischofs Desmond Tutu zu konfrontieren, Thesen, die er in dem Buch „Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit“ (2012) mitgeteilt hat. Tutu weist die Vorstellung zurück, dass Christen im Besitz einer alleinigen Wahrheit sind, er sucht das Gemeinsame in den Religionen…; jeder Mensch lebt in enger Verbindung mit dem Göttlichen, die Vernunft in allen Menchen ist das wahrhaft Religiöse…

Ein Hinweis: Es erscheint eine kommentierte Karl-Jaspers-Gesamtausgabe (KJG), in Kooperation mit der Karl Jaspers-Stiftung (Basel) erfolgt diese Gesamtausgabe durch die am Philosophischen Seminar und am Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg angesiedelte Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.



Spinoza und die kritische Bibelforschung

8. Februar 2017 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis auf einen Gedenktag, also einen Tag zum Denken….an Spinozas Bibelkritik und seine Verteidigung der Philosophie….

Von Christian Modehn

Am 21. 2.1677 ist in Den Haag der Philosoph Baruch de Spinoza gestorben (geboren wurde er am 24.11. 1632 in Amsterdam). Auch als Verteidiger und Förderer der historisch-kritischen Bibelexegese muss er für weite Kreise (besonders der unbegildeten heutigen Bibel-Fundamentalisten)  noch entdeckt werden. Genau so wichtig ist Spinozas Forderung: Die Theologie (also auch die Leitung der Religionsgemeinschaften) darf der Philosophie nicht das Recht auf eigenständige Erkenntnis, auch Gotteserkenntnis, streitig machen. Der wahre Gottesdienst für Spinoza ist die lebendige Gestaltung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Wichtig ist hier das Buch Spinozas „Tractatus Theologico-Politicus„, (1670 anonym erschienen).Darin wendet sich Spinoza auch gegen den schlichten Wunderglauben, der da meint: Gott wirke im Ungewohnten und Außergwöhnlichen. Man solle Gott vielmehr suchen in der durchgängigen Gültigkeit der Gesetze der Natur. Jeder Mensch hat das Recht, frei seine eigenen religiösen Überzeugungen zu sagen, diese Freiheit sei die Bedingung für eine staatliche Ordnung.

….Goethe sagte über Spinoza: „Ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige“.

Der Text des Tractatus von Spinoza ist erreichbar unter: http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf



Die Heimat des Weltbürgers. Ein Text zum Salongespräch am 27.1.2019

30. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher, Termine

Hinweise von Christian Modehn

Das dringende Thema voller offener Fragen

Die Begriffe Heimat – Nation und Weltbürger (Kosmopolit) stehen in einer Spannung zueinander, nicht nur in der politischen Philosophie, sondern in der Existenz des einzelnen. Es kommt heute in der globalen Welt darauf an, eine vernünftige Gestalt des Weltbürgers zu beschreiben und gleichzeitig eine kritische Verbundenheit mit Heimat bzw. Heimaten zu entwerfen. Dabei ist (geographische) Heimat einbezogen in einen Nationalstaat und wiederum in eine übergreifende politisch-ökonomisch-kulturelle Struktur, die EU.

Ausgangspunkt für unser Thema kann nur die kritisch reflektierte Erfahrung gegenwärtiger Politik sein. Und da hat sich in den letzten Jahren eine Metamorphose vollzogen. Man kann sie inhaltlich als bewusste Abkehr von den humanen und demokratischen Werten beschreiben, die noch vor 15 Jahren „eigentlich“ für die allermeisten selbstverständlich waren. Aber die demokratisch Gesinnten waren zu naiv: Unter dem Schein des „Normalen“ schlummerten bei vielen Rassismus, Anti-Humanismus, Nationalismus.

Es gibt also immer mehr eine aggressive Abwehr von Fremden und Flüchtlingen, mit Stacheldraht wie etwa in Ungarn, in den USA, nun auch zusätzlich noch mit Mauern.

Wir leben wieder in einer Zeit, die scharf bewachte Grenzen liebt und aktuell das mögliche Erfrieren von Flüchtlingen in der eisigen Kälte in Serbien einfach so hinnimmt. Hotels für Sommergäste stehen in den griechischen Inseln leer, und vor den Türen erfrieren Flüchtlinge in der Kälte. Und kein Mensch kommt auf die Gedanken, im Rahmen eines „humanitären Notstands“ die Hotelzimmer zwangsweise zu öffnen… Heimatliebe und Privateigentum gehen eben vor. Es gibt eine neue Fixierung auf das Eigene. Die Humanität wird vom Egoismus zerfressen und droht dabei unterzugehen.

Ich fand in der neuesten Broschüre der katholischen Akademie Frankfurt am Main auf Seite 29 angesichts der zunehmenden ungleichen Verteilung von Reichtum ein Zitat des bekannten Theater-Autors Heiner Müller: “Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße“, so in dem Theaterstück „Die Hamletmaschine“ von 1977. Ein literarischer Ausdruck für erstarrte Menschlichkeit, für die dialektische Abhängigkeit vom Leiden der fernen Anderen und dem dann doch nicht so erfreulichen Leben in einer materiell gut versorgten Welt. Die katholische Akademie Frankfurt schreibt: „Doch wenigstens diese künstlerische Übermittlung der Wahrheit sollten wir wohl aushalten können. Machen wir uns nichts vor: Genauso wie es der Dramatiker Heiner Müller ausdrückt, ist es“.

Wir müssen uns z.B. angesichts des Trump-Regimes darauf einstellen, dass wir weiterhin mit einer dauerhaften gezielten Sprachverwirrung konfrontiert werden. Man denke etwa an das dort propagierte Wort der „alternativen Tatsachen“ bzw. „alternativen Wahrheit“, also der vom Regime bestimmten Wahrheits-Propaganda als Leugnung der überprüften und überprüfbaren Tatsachen. Erstaunlich und bezeichnend, dass der große Roman „1984“ von George Orwell zur Zeit wieder höchste Auflagen erlebt, nicht nur in den USA.

Heimat braucht Kritik

Der Begriff Heimat, ein typisch deutsches Wort, das immer noch romantische Vorstellungen wachruft. „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…“ Der Text des bekannten Liedes von Franz Schubert endet mit einer Verheißung: „Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort und immer hör ich’s rauschen: du fändest Ruhe dort“. Heimat, ein Sehnsuchts-Ort, an dem man Ruhe findet in der „tiefen Nacht“ der fremden Welt. Heimat ist in dem Sinne der vertraute Ort der Geborgenheit, der Familie und der guten Menschen, des Naturerlebens. Heimat ist auch eine überschaubare Region, in der das eigene Leben sinnvoll und lebenswert erscheint. Dies ist ein gutes Recht des Bürgers, sich diese Heimat als Ideal zu wünschen. Unter der Bedingung, dass diese Heimat von den Bürgerrechten und der Demokratie bestimmt ist. Und das ist auch in Deutschland nicht selbstverständlich. Wie viele Flüchtlinge werden in den kleinen Dörfern der Heimatverbundenen schikaniert und bedrängt. Heimatverbundenheit und Respekt der Menschenrechten gehören zusamen. Selbstverständlich haben viele Menschen mehrere „Heimaten“: Etwa die Literatur, die Musik, auch die Religionen, geistige Sphären, in denen man sich, wo auch immer man lebt, wohl fühlt, zuhause fühlt.

Der Nationalstaat und seine Aggressionen

Die geographische Heimat gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts nur als Einbindung in einen Nationalstaat. Der Nationalstaat ist eine moderne Erfindung. Im Nationalstaat werden wir mit bestimmten Bürgerrechten ausgestattet, wir haben etwa Ausweispapiere, sind also nicht staatenlos, „ohne Papiere“, wie man heute in Flüchtlingskreisen sagt. Der Nationalstaat mit der einheitlichen Sprache, der Zentralverwaltung und Verfassung und den festen Grenzen und Grenzkontrollen entwickelt eine Art Sendungsbewusstsein, einen missionarischen Drang. Die „Grande Nation“, Frankreich, hatte diese Mission, sie wirkte sich kolonialistisch aus; die USA hatten und haben eine Mission, weil sie meinen, die freie Welt zu repräsentieren und den eigenen Lebensstil allen anderen aufzudrücken, bis hin zum US Imperialismus.

Der Nationalstaat wird von den Herrschern als bindender Wert für alle Bürger beschworen: Siehe die Hymnen, die Flaggen-Verehrung, die Staatsfeiertage usw. Es wird der Nationalstaat auch emotional als wirksame Ideologie verbreitet, die sich in den Köpfen der Bürger festsetzen soll. Der Nationalstaat braucht als „identischer Ort“ die ideologische Abgrenzung von den anderen, den Fremden. Ich zitiere aus dem Buch „Enzyklopädie Philosophie“, Band II, ein Beitrag von Peter Alter: “Die Nation braucht Feinde, weil das offenbar die Suche nach der eigenen Identität erleichtert“ (S. 1702).

Der Nationalstaat ist nicht nur kriegerisch, er ist imperialistisch und kolonialistisch. Noch die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Blütezeit der Sklaverei. Trotz einiger Kritik vor allem in England wurden 3,3 Millionen Sklaven noch im 19. Jahrhundert von Afrika über den Atlantik transportiert. (Christopher Baly, Die Geburt der modernen Welt, Frankfurt 2006, Seite 500). Erinnert werden muss an die so genannte „Kongo-Konferenz“ in Berlin 1884-1885, als Europa, auch Deutschland, sich Afrika aufteilte und Kolonien festlegte.

Heute erleben wir ein massives Erstarken des Nationalismus in ganz Europa und in den USA. Man denke an die Sprüche von Mister Trump „America first“ usw. Die AFD und ihr Vorzeigephilosoph Marc Jongen beziehen sich gern auf den jetzt offenbar wieder beliebten Nazi-Vordenker Carl Schmitt. Er hat in seinem Buch „Begriff des Politischen“ (1927) nicht nur die Vernichtungsmaschinerie der NAZIS vorformuliert, er stellt die Vernichtung des Heterogenen, also was nicht in den deutschen Staat passt, heraus. Schmitt hat das Freund-Feind-Schema hochgejubelt; er ist für die Plebiszite als der angemessenen Form der Demokratie eingetreten: „Die Regierten (also die Bewohner) sollten sich mit den Regierenden identifizieren!“ (in: Enzyklopädie Philosophie, II, S. 2090, Beitrag von Werner Goldschmidt). Es ist heute Konsens der Demokraten, dass die AFD „nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich“ ist, wie es Justizminister Heiko Maas sagte. „Das Programm der rechtspopulistischen Partei ist der Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern“, schreibt er für SPIEGEL Online.

Heute kommt es darauf an, die Macht selbst eines demokratischen Nationalstaates zu begrenzen und dafür zu sorgen, dass er in über-nationale Zusammenhänge und Staaten-Bündnisse (EU) eingebunden ist. Die Chancen dafür sind im Augenblick nicht gerade verheißungsvoll. Aber: Eines Tages wird es wohl eine friedliche „Nation Europa“ geben, ein Bundesstaat Europa hätte den Nationalismus überwunden.

Europa muss die Weite des freien Geistes, der Aufklärung, wieder als die Grundlage der eigenen Staaten und der vielen europäischen Heimaten erkennen.

Wir brauchen wieder die Philosophie der Aufklärung, wir brauchen den kritischen Geist gegen die Herrschaftsformen, die Ablehnung alles Totalitären in Staat und Kirchen, kurz: wir brauchen wieder mehr KANT.

 Der Weltbürger Kant und der „ewige Friede“

Es ist wichtig, an Immanuel Kant zu erinnern.

Er zeigt sich als Kosmopolit, als ein Philosoph, der die Menschheit wichtiger bewertet als die Bindung an eine Heimatregion. Er entwirft in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (von Ende 1795) die Prinzipien einer internationalen Rechts- und Friedensordnung. Nur diese Hinweise:

Kant geht es nicht um den angeblichen Frieden, genannt Waffenstillstand. Er will Frieden auf Dauer, „auf ewig“. Und dies nicht als schönen Traum, über den die Staatsoberhäupter, „die des Krieges nie satt werden können“, so wörtlich, nur lächeln können. Kant ist überzeugt: Ewiger Friede ist langfristig möglich, und er muss auf gesetzliche Weise gestaltet werden. Generell wird der Krieg von ihm geächtet. Aber solange es noch Kriege gibt, muss wenigstens eine auf den Frieden bezogene Reform der Kriegsplanungen stattfinden. Kant plädiert darum in seinen Maximen fürs Abrüsten; es darf keine Staatsschulden geben, die für ihn zur ständigen Aufrüstung führen; es darf kein stehendes Heer geben, das nur zum Wettrüsten führt; man darf sich nicht mit Gewalt in andere Regierungen einmischen, sie sollen sich selbst reformieren. Frieden setzt humanes Vertrauen untereinander voraus und das muss gefördert werden.

Was treibt die Menschen zum globalen Frieden? fragt Kant. Man sollte sie an die Schrecken der Kriege ständig erinnern; die Republik fördern als Mitbestimmung aller, also für die Demokratisierung eintreten. Die Bürger haben aus Liebe zum eigenen Leben kein Interesse an Krieg! Das heißt: Der aufgeklärte, (selbst)kritische Mensch will keinen Krieg. Nur der aufgeklärte Mensch in einer Republik, kann Frieden schaffen.

Das ist der Geist der AUFKLÄRUNG: Die Menschen sollen sich an das erinnern, was sie sein können und tun können, sich nicht auf den Ist-Zustand begrenzen. Wir leben in Zeiten, in denen die angeblich Klugen, die Besserwisser, jegliche positive Entwicklung abweisen, lächerlich machen. Diese Stimmung kann den kritischen Elan der Vernunft einschränken.

Hinter diesem Realismus der Realpolitiker verbirgt sich nur der Machterhalt der eigenen Privilegien. Wer ernsthaft in Deutschland die Rüstungsindustrie als den Kriegs befördernde Industrie nicht einschränkt und verbietet, hat als Politiker bestimmte (materielle) Interessen. Er steht nicht aufseiten des Friedens, sondern der Waffenschmiede. Warum werden solche Politiker nicht befragt und ggf. nicht mehr gewählt?

Kant fordert für das Leben einer sich dem Frieden zuwendenden Welt: Die Menschen können zwischen den Staaten hin und her verkehren; Forscher, Händler, Missionare. Immer aber sollen sie ohne Gewalt in anderen Ländern tätig sein. Im Weltbürgerrecht gibt es das Recht, dass jeder Fremde die Hospitalität, also ein Recht des Besuchens, genießen kann. Jeder kann jedes Land besuchen. Kant spricht also nicht von Gastrecht, also von einer Form des Bleiberechts. Er will nur das Besuchsrecht. Das sagt er im Blick auf die Kolonialherren: Die dürfen sich in fremden Territorien nicht niederlassen, nicht festsetzen. Kant kritisiert die Kolonialpolitik der europäischen Staaten. Die Europäer verstehen das Besuchsrecht in Afrika usw. als Eroberungsrecht. Das ist Missbrauch des Besuchsrechts. Und das muss abgewiesen werden. Darum plädiert er nur für das globale Recht, alle Länder (kurzfristig) zu besuchen.

Kant plädiert bloß für einen eher „locker verbundenen“ Völkerbund, das ist sicher ein Mangel in Kants Überlegungen.

Er sieht, dass seine Idee des Völkerbundes noch keine übergeordnete vereinheitlichende Staatsmacht kennt. Kant kann mit seiner Völkerbundsidee nur hoffen, dass die einzelnen Staaten ihre egoistische Staatsraison zurücknehmen, um des Friedens willen. Es gilt für Kant immer die MORALISCHE Pflicht, den Frieden zu fördern. Das können nur Politiker, die selbst den Prinzipien der Moral (Kategorischer Imperativ) entsprechen.

Was ist kosmopolitisch? Wer ist ein Weltbürger?

Kosmopolitisch leben heißt: Verbundenheit mit einer über alles Nationale hinausgehenden Wirklichkeit, der ganzen Welt prinzipiell. Schon Diogenes von Sinope (323 vor Chr. gestorben), der Kyniker, also der radikale Alternativler in der Antike, sah sich mehr in der Ordnung des Kosmos als in der eigenen Polis verwurzelt. Später hat dann Dante in seinem politiktheoretischen Werk „Monarchia“ von 1316 ein Weltkaiserreich entworfen, in dem die Bürger ihre partikulare Herkunft überwinden und so friedlich miteinander leben können.

Heute sind wir de facto schon immer Weltbürger. Wir sind immer schon hinausgewachsen aus den engen Grenzen von Heimat und Nation, das gilt für den Lebensstil und die Nutzung der Technik, das gilt für die Vernetzung in der Ökonomie.

Der Soziologe Ulrich Beck hat sich in zahlreichen Studien mit dem Kosmopolitismus auseinandergesetzt, für ihn hat er „eine uralte und zukunftsweisende Bedeutung“: Er ist pränational und postnational (S. 24 in: „Das kosmopolitische Europa“, 2007). Das kosmopolitische Projekt ist das Bemühen, „neue demokratische Formen der politischen Herrschaft jenseits der Nationalstaaten zu konzipieren“ (S. 25).

Kosmospolitisch handeln beginnt schon, wenn man in größeren Zusammenhängen, etwa Europas oder der Beziehungen Deutschlands zu Afrika denkt.

Dabei kommt es zuerst darauf an wahrzunehmen, dass wir immer schon in kosmopolitische Zusammenhänge hineingestellt sind:

In der eigenen Nation leben heute Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener ursprünglicher Heimaten. In Deutschland sind 20 Prozent aller Mitbürger „anderer Herkunft“, also Immigranten, Gäste, Studenten von weit her, Flüchtlinge usw. Den deutschen Pass haben Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, sie sind Deutsche! Dadurch wird die Form der homogenen Heimat überwunden.

Wir leben längst schon in kosmopolitischen HANDLUNGSRÄUMEN, betont der Soziologe Ulrich Beck. Allein schon in der Lebensgestaltung, in den neuen transnationalen Lebensräumen, sind wir mit der Welt verbunden, oft auf eine bloß äußerliche Art…

ABER: Wir sind, wegen unserer, im übrigen schon gar nicht mehr aufzuhebenden internationalen Bindungen, noch längst nicht Kosmopoliten. Die internationalen Bindungen können auch für die Vorherrschaft der eigenen Nation oder des eigenen Konzerns usw. genutzt werden. Die Zusammenhänge des Welthandels hingegen gerechter zu gestalten, ist eine „Dauerforderung“ des Kosmopoliten. Er muss sich Formen politischen Handels überlegen, um dieses Ziel durchzusetzen.

Zum Kosmopolitischen Leben und dem Weltbürger gehört elementar: Die Anerkennung des anderen Menschen ALS Menschen. „Das Fremde wird nicht als bedrohlich, desintegrierend, fragmentierend erfahren und bewertet, sondern als bereichernd….Wer die Sicht der Anderen im eigenen Lebenszusammenhang integriert, erfährt mehr über sich selbst UND die Anderen“ (Ulrich Beck, a.a.O, S 28). Zum Weltbürger gehört: Die Herrschaft des gerechten Rechts, politische Gleichheit, soziale Gerechtigkeit….

Die politische und ethische Praxis des Weltbürgers

Ein Kosmopolit ist also nicht einfach schon jeder Weltreisende. Weltbürger sein ist zuerst und vor allem eine geistige, politische, vielleicht sogar spirituelle Haltung! Ein Kosmopolit hat Kenntnisse der anderen Kulturen und Nationen. Er kann sich in die Menschen anderer Kulturen hineinversetzen, indem er mindestens die eigenen übliche Sitten und Gebräuche relativiert.

Ein Kosmopolit schätzt den anderen und die anderen, die Fremden und Befremdlichen, als gleichberechtigte menschliche Wesen. Ein Kosmopolit will die anderen als andere. Das ist kein romantisches Gefühl, in dem man sich unter Tränen der Rührung der eigenen Großzügigkeit erfreut. Den anderen und die anderen weltweit prinzipiell als Menschen anzuerkennen, hat rechtliche Konsequenzen.

Ein Beispiel: Wer etwa in seiner Heimat, seinem Nationalstaat Deutschland, gut lebt, hoffentlich aufgrund gerechter Wirtschaftsbeziehungen, und wer dieses gute Leben für sich beansprucht, muss sich sagen: Ich kann nur frei sein (also gut leben, Freiheit ist die unverzichtbare Basis dafür), wenn auch die anderen frei leben können, also gut leben können. Und zwar letztlich „alle anderen“!

Kosmopolitisches Leben hat heute vor allem angesichts der katastrophalen ungleichen Verteilung der Güter und der Einkommen Auswirkungen, es geht um den Aufbau gerechter Gesellschaften innerhalb der einen Weltgemeinschaft.

Es geht dann auch um den Willen, einen eigenen Beitrag zu leisten für den Aufbau einer gerechten Weltordnung, und das ist eine Weltgesellschaft, in der alle Menschen menschlich leben können, also gesund, gebildet, mit wirklichem Wohnraum, in demokratischer Ordnung.

Zu dem Eintreten für internationale Solidarität (als Ausdruck der weltbürgerlichen Existenz und vor allem als Ausdruck dafür, dass wir alle einer Menschheit angehören) eine Erinnerung:

In einer nüchternen philosophischen Betrachtung kann man sich auf die Weisheitssprüche des Neuen Testaments beziehen: Denken Sie etwa an das Wort Jesu bzw. schon der hebräischen Bibel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Mit dem „Nächsten“ ist der andere Mensch gemeint, auch der in der weiten Ferne lebende andere.

Jesus spricht auch vom Barmherzigen Samariter, das Lukasevangelium im 10. Kapitel erzählt davon. Jesus verwendet das Gleichnis vom hilfsbereiten Samariter, als Beispiel, um die Frage zu illustrieren: Wer ist denn mein Nächster? Ich will hier nur aufmerksam machen, dass der barmherzige Samariter tatsächlich schon strukturelle Hilfe leistet: Er pflegt nicht nur die Wunden des Verletzten, er bringt ihn eine Herberge , bleibt bei ihm und bezahlt den weiteren Aufenthalt des Verletzten.

Stefan Gosepath, Philosoph in der FU, meint: Es gibt eine HILFSPFLICHT: Die unmittelbare Not eines anderen Menschen verpflichtet mich zu helfen, und zwar gilt diese Pflicht für nahe Menschen vor unseren Augen wie für Menschen in der weiten Ferne. Die Hilfspflicht geht von der Einsicht aus: Ich will, dass man mir in meiner Not tatsächlich hilft. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mir in meiner Not nicht hilft. Daraus folgt: Auf Hilfe hat prinzipiell jeder Mensch als Mensch Anspruch, gerade dann, wenn er in einem Umfeld lebt, in dem humane Strukturen wenig ausgebaut sind.

Der Weltbürger sucht sich Kontakte, Partner, weltweit

Man kann wohl als einzelner Weltbürger hier nicht die Lebenssituation aller Menschen in Afrika oder wenigstens in einem Land zum Positiven verändern. Aber der deutsche Weltbürger kann sich sagen: Auch die fernen Leidenden, sagen wir in Bangui, Zentralafrikanische Republik, haben Anspruch darauf, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Es ist doch seltsam, dass dort wie fast überall in Afrika die wenigsten Menschen z.B. Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, aber smartphones besitzen, auf denen sie den Luxus der Europäer der einstigen Kolonialherren, sehen und bewundern…

Der Kosmopolit, der Weltbürger, ist der sich ständig fortbildende Bürger. Er sucht, wenn möglich, persönliche Beziehungen zu Menschen in der „Ferne“, etwa in Afrika oder Lateinamerika..

Über den kleinen Horizont der Heimat und Nation muss jeder hinausschauen … und wahrnehmen: Es sind die von den reichen Nationen dominierten ökonomischen Strukturen, die das Leben der Armen – weltweit – behindern. Und in Afrika und Lateinamerika leben überwiegend „arm gemachte Menschen“. Diese ökonomischen Strukturen muss der Weltbürger öffentlich machen und freilegen. Und sich NGOs anschließen, die diese ökonomische Allmacht gewisser transnationaler Konzerne kritisieren, sich mit dem „transfairen Handel“ befassen usw… Es gibt also „Pflichten“ des Weltbürgers! Und es gibt Pflichten, sich zu informieren: Was die eigene persönliche Gesundheit angeht, informieren wir uns pflichtgemäß über Nebenwirkungen der Medikamente usw. Wir müssen uns auch informieren, unter welchen antihumanen Bedingungen Menschen in Afrika (vor allem Kinder) dafür sorgen, dass wir modernste (Elektro)Geräte in Europa und Amerika verwenden können.  Lesen Sie dazu den aktuellen Beitrag des Geographen Michael Reckordt in der SZ, klicken Sie hier.

Zu den Grenzen von bloßer Toleranz und dem „Multi-Kulti“

Weltbürgersein erschöpft sich NICHT in Toleranz: Toleranz bedeutet bekanntlich: Ich ertrage jemanden, dessen bestimmte Eigenarten ich eigentlich nicht mag, den ich aber aus gesetzlichen Gründen nicht aus meiner Heimat vertreiben kann; mit dem ich mich also arrangieren muss. Das ist eine ganz schwache Form des Miteinanders oder besser Nebeneinanders.

Hingegen: Weltbürgersein heißt: Der Weltbürger respektiert und schätzt die einzelnen Individuen, aber er liebt in ihnen auch die Menschheit, das Gemeinsame, das uns alle verbindet. Darum gilt: In jedem einzelnen leuchtet die einmalige Individualität auf und die allen gemeinsame Menschheit.

Die Frage ist, ob eine neue weltbürgerliche Welt-Gesellschaft ohne Formen der Veränderung des eigenen Lebensstandards hierzulande und bei den so genannten Eliten in den armen Staaten gelingen kann. Das Wort Verzicht hatte noch nie einen guten Klang, es wirkt altmodisch und zu spirituell. Aber wird ohne Verzicht bestimmter Kreise, auch mit Umverteilung des Reichtums, die Krise überstanden werden? Dabei ist es selbstverständlich, dass ein Millionär anders verzichten muss als ein Mensch aus dem Mittelstand. Mit anderen Worten: Ohne eine Neuordnung des Besitzes, etwa durch Steuern auf Vermögen und Erbschaft, wird eine weltbürgerliche Ordnung, die den Namen verdient, kaum realisierbar sein.

Auch der Begriff des „Multi-Kulti“ ist kritisch zu sehen: Er unterstellt die Anwesenheit vieler verschiedener Kulturen, die aber gerade nebeneinander leben und sich nur präsentieren, etwa bei einem Karneval der Kulturen. Die anderen können sich in ihrem eigenen, abgegrenzten Bereich austoben, ihre separate Kultur pflegen und sie mir in einer Show, Karneval der Kulturen etwa, zeigen. Aber es ist exotischer, ferner Charme, der sich da zeigt, der mich nichts angeht. Der Kosmopolit ist nicht in erster Linie ein Ästhet, sondern ein politischer Ethiker der Verbundenheit unter Gleichberechtigten!

Das Nebeneinander des Multikulturellen (in England etwa Kommunitarismus) sollte durch weltbürgerliches Miteinander über werden.

Die Überwindung der skandalösen Verteilung von Reichtum: Eine Aufgabe des Weltbürgers

Nur Zur Erinnerung: Acht Multimilliardäre besitzen ebenso viel an Vermögen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. … Lauf Oxfam besitzt das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung weit mehr als die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Was folgt daraus für aufgeklärte Menschen: Es muss eine Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen stattfinden. Die dumme und längst auch widerlegte Glaubenshaltung einiger Ökonomen, denen sich auch Mister Trump angeschlossen hat, heißt: „Der Markt richtet alles zum Guten, was den Reichen und Superreichen nutzt, wird am Ende allen nützen,“. Weil der Reichtum dann von oben, von den Milliardären, nach unten, zu den kleinen Leuten wie von selbst fließt. Dieser Glaubenssatz ist falsch, hat sich als dreiste Lüge erwiesen. Es muss auch darüber nachgedacht werden, in welcher Weise, nach demokratischen Regeln, Milliardäre enteignet werden zugunsten des Überlebens der vielen Millionen Hungernder.

Der kosmopolitisch Religiöse und der kosmopolitische Humanist

Zum Schluss nur der Hinweis, der später vertieft werden muss: Auch Religionen und Philosophien werden weltbürgerlich. Ich kann nicht mehr nur Christ sein, ich lerne – auch inhaltlich, von den Weisheiten anderer Religionen, verbinde mehrere Traditonen, werde also in gewisser Weise „multireligiös“. Auch Humanisten können nicht bloß europäisch-fixiert sein, sie lernen von nicht-europäischen Humanismen und (warum nicht auch religiösen) Weisheitslehren. Viele Religionen sind noch nationalistisch geprägt, sie leben in verengten Horizonten, spiegeln eher das Nationale und das Heimatliche als die Weite des Spirituellen, das überall lebt und überall anregend und aufregend ist.

Diese Hinweise sind nicht mehr als eine Einladung zum Gespräch und zum weiteren Nachdenken. Die Befreiung aus den starren emotionalen und rationalen Bindungen ans Heimatliche, Nationale und Nationalistische wird wohl dem einzelnen als einzelnen nicht so einfach gelingen. Darum: Die schrittweise Befreiung hin zum Weltbürger bedarf der Gesprächs- und Lerngemeinschaften, die wenigstens partiell auch politisch handeln, im Sinne des Kosmopolitischen. Solche Lern – und Lebensgemeinschaften (eigentlich sollten das christliche Gemeinden auch sein, aber die sind fixiert auf Fromme und Dogmatische und Traditionelle) sind förmlich ein „Gebot der Stunde“. Vielleicht wird die Philosophie noch einmal auch in der Hinsicht etwas belebend?

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Trump und der Roman „1984“: Dichtung wird Wahrheit?

24. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn.

In den Kommentaren zum Umgang der Trump-Administration mit Fakten wird immer häufiger auf den berühmten Roman „1984“ verwiesen. Es ist gut, sich erneut an den Roman von George Orwell zu erinnern:

Der Roman „1984“ erschien 1949. Er ist wieder ein Bestseller seit dem Regierungsantritt von Trump.

Der Roman 1984 zeigt eine gespaltene Welt, in der Kriege geführt werden, nur um die Gewalt im eigenen Machtbereich zu kaschieren. Das Ziel der Regierung etwa in London ist die totale Auslöschung des individuellen Bewusstseins. Die Partei befiehlt neue Wahrheiten: „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“. In dieser totalitären Welt gibt es keine Tatsachen mehr, keine historische Faktizität. Im „Wahrheitsministerium“ wird die Wahrheit vom Staat stets neu geschrieben. Wahrheit und Lüge haben die gleiche Wertigkeit. Am schlimmsten sind die „Gedankenverbrechen“, also wenn Menschen unabhängig zu denken. Dann gibt es nur die Zerstörung des Menschen durch eine perfekte Staatsmaschinerie. Soweit einige Hinweise zum Roman.

Dazu aktuelle Information aus dem TRUMP- Land:

Trump hat mit seinen facebok- und Twitter Accounts ein persönliches Netzwerk voller Fakes aufgebaut. Und Stephen Bannon ist sein oberster Stratege, er arbeitete für das Hetzblatt „Breitbart“.

In Umfragen und Studien lässt die Begeisterung für die Demokratie in den USA schon ständig nach. Darauf kann Trump indirekt und direkt zustimmend reagieren.

„Gottlob sind die USA weder die Weimarer Republik noch Italien in den 20er Jahren“, schreibt der „New Yorker“, die Wirtschaft sei stabil und wachse. Trump sei weder Adolf Hitler noch Benito Mussolini. „Aber er ist Trump, und das ist eine echte Gefahr.“ Die Argumente: Trump habe keinerlei Respekt vor der Demokratie und der Verfassung. Er präsentiere sich als starker Alleinherrscher. Er respektiere keinerlei Normen. Er lasse sich von Ultrarechten und Antisemiten unterstützen. Er rede rassistischen Methoden der Polizei das Wort. Er hetze gegen Minderheiten. Er schüre Angst. Und er verachte Medien und Journalisten zutiefst: „Die niedrigste Form menschlichen Lebens“, so nannte er sie im Augus 2016t. (Quelle: Stuttgarter Zeitung, 29. Dez. 2016)

Viel beachtet legte Professor Jeff Colgan von der Brown University eine Liste mit zehn Anzeichen einer demokratischen Erosion vor. Mit allem Vorbehalt formuliert, finden sich auch dort die Ausschaltung oder Missachtung von Medien, eine Dämonisierung der Opposition oder ihrer Anführer, Angriffe auf Minderheiten, das Benennen von Sündenböcken und die scharfe Betonung der inneren Sicherheit.

Colgan: „Alle daraufhin ergriffenen Maßnahmen werden mit der Überbetonung eines angeblichen Notstandes entschuldigt, begleitet von offenem Nationalismus und wachsender Polarisierung.“ Das findet sich bei Trump eins zu eins, man kann nicht sagen, dass er das im Wahlkampf sorgfältig versteckt hätte.

Die große Gefahr für die USA, meint Colgan, liege aber nicht in einer rapiden Änderung über Nacht. Sondern in einem schleichenden, fast unmerklichen, zersetzenden Prozess, von dem die Herrschenden mit aller Macht abzulenken versuchten.

Wie Autokraten durch die Kontrolle von Information überleben, hat George Orwell schon in seinem Roman „1984“ beschrieben. „Wer sich damit auskennt, wie Gesellschaften zerfallen und wie Diktaturen entstehen, weiß, dass dafür das Strangulieren einer freien Presse ein Schlüsselfaktor ist“, schrieb die Schriftstellerin Rebecca Solnit nun für den „Guardian“.

Die Neue Züricher Zeitung schreibt:

Der neue Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, beschränkte seinen ersten Auftritt am Samstag ebenfalls auf eine Medienschelte, über weite Teile zum gleichen Thema. Fragen akzeptierte er keine.

Spicer ist kein Neuling aus dem Umfeld von Trumps Unternehmen, sondern war ab 2011 Kommunikationschef der republikanischen Parteiführung. Das hinderte ihn nicht, entgegen aller Vernunft und allen Beweisen zu behaupten, die Zuschauerzahl – sowohl in Washington als auch am Fernsehen – sei bei Trumps Vereidigung größer gewesen als je zuvor. Erfasst werden kann das nur noch in Kategorien von George Orwells Doppeldenk aus dem Roman ‘1984’

Quelle: http://www.salzburg24.at/pressestimmen-zur-amtseinfuehrung-von-us-praesident-trump/4937880)

Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler, schreibt: „Es ist unheimlich, wenn man den Roman 1984 wieder in die Hand nimmt. […] Das Weltbild wird geschnitten, zensiert, selektiert usw. Fakten werden verändert. Das ist absolut der Vorgang, mit dem wir jetzt allmählich vertraut gemacht werden in der Wirklichkeit. Das ist unheimlich, wie Literatur zu Wirklichkeit wird“….

„Und wir alle sind willig, wir wollen das (Überprüftwerden). Das ist der Unterschied zu Orwell, dass wir nicht gezwungen werden, sondern wir wollen uns mitteilen über Facebook, über Fotos, unsere Lebensläufe. Wir wollen gesehen werden. Das ist auch freiwilliges Aufgehen in diesem Totalstaat“.

Elmar Schenkel. Er ist Literaturwissenschaftler quelle: http://www.mdr.de/kultur/themen/george-orwell-neunzehnvierundachtzig-100.html

 

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Immanuel Kant stirbt nicht: Hinweise anläßlich seines Todestages

23. Januar 2017 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Termine

Immanuel Kant ist 12. Februar 1804 in Königsberg gestorben. Seine Mitbürger wussten genau, dass nun einer der wichtigsten Denker überhaupt nur noch durch seine seine Büchern weiterlebt. „Er war als Sohn eines armen Handwerkers (am 22.4.1724) geboren worden und wurde wie ein König begraben. Alle Glocken der Stadt läuteten. Der Verkehr stand still, und der Menschenstrom, der dem Sarg folgte, schien nicht abzubrechen“, schreibt Manfred Geier in „Aufklärung. Das europäische Projekt“, S. 291. Und er zitiert Karl Popper: Diese große Anteilnahme  zeigt: „Kant war für seine Mitbüger zu einem Symbol der Ideen der amerikanischen und französischen Revolution geworden; sie wollten Kant danken als einem Lehrer und Verkünder der Menschenrechte, der Gleichheit vor dem Gesetz, des Weltbürgertums, der Selbstbefreiung durch Wissen und des ewigen Friedens auf Erden“ (ebd.)

Nicht nur die Philosophien, auch heute, brauchen Kant. Sein Denken klärt und vertieft und inspiriert die ethischen, religiösen und politischen Überzeugungen vieler Menschen weltweit. Man darf wohl sagen: Kant lebt. Er hilft immer noch den eigenen Geist von religiösen Vorurteilen zu befreien, er hilft, die ethische Praxis zu reflektieren: Zum Beispiel: Wenn Menschen Böses tun, so hat dies nichts mit dem theologischen Konstrukt der Erbsünde zu tun: Sie erlauben sich vielmehr in ihrer Freiheit, für sich eine Ausnahme im Respekt des Gesetzes zu machen; sie belügen sich hinsichtlich der eigenen Sonderrolle. Der „faule Fleck“ im Menschen ist das menschliche Vermögen, sich selbst zu belügen. Das „moralische Gesetz in mir“ beschreibt  den absoluten Wert des Menschen. Aus dem Respekt vor dem moralischen Gesetz entsteht die Selbstachtung. Moralisches Verhalten (nicht: legales Verhalten) ist das Entsprechen des moralischen Gesetzes IN MIR, nicht irgendeines kirchlichen oder göttlichen oder weltlichen Gesetzes „von außen“. Also: Zuerst kommt die Moral, danach kann sich ein vernünftiger Glaube entwickeln. Religion (bzw. religiöse Institution) darf niemals die Moral bestimmen, sie wäre ein Gesetz, das fremd von außen zum Menschen spricht.

Wer das Böse verstehen will, muss die menschliche Freiheit verstehen. Sie allein führt zu dem Willen, Böses zu tun. Aber würde der Mensch immer nur Gutes tun, wäre er nicht mehr frei. Die Diskussionen über Ausmaß und Qualität des Bösen sind Diskussionen über Ausmaß und Qualität der Freiheit, nicht einer irgendwie „dem“ Menschen anheftenden Erbsünde. Diese ist ein Konstrukt, von Kirchenlehrern (Augustinus) erfunden, um die heilsnotwendige Rolle der Kirche zu etablieren („die Taufe allein befreit von der Erbsünde…“)

 



Wer sich abschottet, der stirbt. Zum „Philosophie Magazin“, Ausgabe Februar-März 2017

12. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer heute für eine immer größere Abschottung und Abgrenzung von „den anderen“, den „Fremden“, eintritt, schließt sich selbst ein, begibt sich in einen Raum, in dem es auf Dauer nichts mehr zu atmen gibt: Weil die anregende frische Luft fehlt, die es nur im Austausch, also in der Offenheit gibt. Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur des „Philosophie Magazin“, bringt diese Erkenntnis auf den Punkt: „Nur wer offen ist, kann dicht bleiben“ (Seite 3). Diese „Mitte“ zwischen Offenheit und Abgrenzung erst formt die eigene Identität; diese Mitte ist je neu in unterschiedlichen Situationen zu finden. Jede Selbstbegrenzung ist allerdings immer schon – zumindest geistig – über die eigenen Grenzen hinaus, also auf die anderen bezogen. Abschottung, Nationalismus usw. sind ein Selbst-Widerspruch, und somit Unsinn.

Aber wie das so ist mit den philosophischen Erkenntnissen: Sie können als Maxime der eigenen Lebenshaltung nur dargestellt und empfohlen, nicht aber politisch durchgesetzt werden. Gegen bornierte Dummheit, als bequemer Gehorsam gegenüber populistischen Sprüchen der Politiker, hat Philosophie nur die Macht des Arguments und des Dialogs. Wer sich heute mit den sehr rechtslastigen Freunden der Abgrenzung, die sich etwa auch „Identitäre“ nennen, auseinandersetzt, der erlebt einmal mehr die politisch-praktische Schwäche des Denkens, der Philosophie. Vielleicht sollte sie sich mit Künstlern verbinden und verbünden: Der radikale demokratische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, Russland kritisiert den Wahn des Putin-Regimes mit dem schmerzhaften Einsatz seines eigenen Körpers (bis hin zum Zunähen der eigenen Lippen). Über ihn wird im „Philosophie Magazin“ berichtet.

Die Februar Ausgabe (2017) des inzwischen vielfach geschätzten philosophischen Magazins kann, wie immer bei der Philosophie, dem Leser, der Leserin, nur zu denken geben. Und das ist viel. Philosophie kann die üblichen Begriffe stören und den angeblichen gesunden „Verstand des Volkes“ bloßstellen. Nur so können Neu-Orientierungen beginnen. Und dazu bietet das neue Heft ein weites Feld fürs eigene Nachdenken: Sind die ganz großen Pop-Diven die letzten mythischen Lebewesen? Sind Björk, Adele, Beyoncé und die anderen etwa die Göttinnen der (angeblich) säkularen Welt? Kann die so vielfach geliebte japanische Cyber-Celebrity Hatsune Miko die japanische, zenbuddhistisch inspirierte Spiritualität neu beleben? Dass alles Illusion ist, das alles Leibliche und Greifbare, also Menschliches vergeht? Dieses Thema, die neuen Götter und Engel, die sich in der POP-Szene tummeln, könnte weiter ausgebreitet werden: Sind die säkularen Menschen also doch irgendwie (noch) fromm, brauchen sie HalbgöttInnen und Schutzpatroninnen (wie Beyoncé)? Können diese mythische und göttliche Rolle nur Frauen übernehmen? Ist die klassische, männlich geprägte Religion irgendwie dann doch am Ende, trotz oder besser wegen der aggressivsten Männlichkeit, etwa in fundamentalistisch islamistischen Kreisen? Wenn man Göttinnen (des Pop) erzeugen kann, darf man dann auch menschliches Leben künstlich erzeugen, wird gleich im Anschluss im Heft gefragt. Ist das menschliche Leben ein „Designobjekt“ (S. 36) ?

Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Frankreich (im Mai ) ist die Reportage über die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz besonders interessant: Sie besucht die Stadt Sarcelles in der Nähe von Paris; dort hat sie als Jugendliche gelebt, dort gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Juden und Muslims. Heute werde dort der Schein des guten Zusammenlebens aufrecht erhalten, meint Frau Illouz: Religiöse Juden und religiöse Muslime sind vereint in der Ablehnung des Laizismus, der als Trennung von Religionen und Staat immer noch ein entscheidendes (und in unserer Sicht richtiges) kulturelles und religiöses Merkmal Frankreichs ist. Beim Kampf (Demonstrationen und Polemiken) gegen die „Ehe für alle“ waren religiöse Führer aller Religionen (bis auf Protestanten, also Reformierte und Lutheraner) ökumenisch vereint.

Die Ehe für alle ist dann – Gott sei dank – doch Gesetz geworden. Für die konservativen Religionen, auch in Deutschland, ist das Thema allerdings nicht beendet….

Im offensichtlichen Sinne philosophisch sind die Beiträge über Epikur, da breitet Pierre Vesperini, Experte für antike Philosophie, die These aus: Epikur habe in seinem berühmten Garten so etwas wie einen religiösen Verein geleitet; eine These, der im Heft auch widersprochen wird. Dabei spricht vieles für die These des Philosophen Pierre Vesperini, Epikur habe wie die anderen großen Philosophen in Athen eine spirituelle Schule geleitet und sich selbst als religiösen Meister gesehen. Die religiöse Bedeutung der antiken Philosophieschulen hat ja auch Pierre Hadot in seinem umfangreichen Werk hervorgehoben, er ist sicher einer der besten Kenner. Etwa wenn er von den religiösen Exerzitien und geistlichen Übungen im Umfeld der griechischen Philosophen spricht. Der Beitrag verführt dazu, die Verbindungen der frühen Kirche mit der griechischen Philosophie weiter zu studieren: Etwa: Der Apostel Paulus hat in Athen den Dialog mit Philosophen auf dem Areopag gesucht, und in ihrem Sinne (so berichtet die Apostelgeschichte) allen Ernstes betont: „Da wir Menschen nun göttlichen Geschlechts sind…“ eine Formulierung, die auch an Epikur und andere erinnert. In der Theologie und der Philosophie ist leider auch die Tatsache der praktischen Hilfsbereitschaft der Philosophen für die frühe Kirche vergessen: Paulus hat nämlich in Ephesus zwei Jahre Unterkunft bei dem Philosophen Tyrannus gefunden und in dessen Schule gepredigt (!), weil der Apostel in der Synagoge nicht mehr reden konnte und wollte… (APG., 19, 8 ff.)

Erfreulich und inspirierend ist weiter, dass ein Interview mit dem umfangreichen Werk des Philosophen Hermann Schmitz (Kiel) bekannt macht: Schmitz ist der Begründer der „neuen Phänomenologie“: Sie will die Vielfalt subjektiver Erlebnisse, vor allem die unwillkürlichen Lebenserfahrungen, zur Sprache bringen und kritisch untersuchen, ein bislang oft übersehenes, schwieriges Unternehmen.

…..diese wenigen Hinweise können zeigen: Es lohnt sich wieder, das Philosophie Magazin zu lesen.

www. philomag.de

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

 



Zygmunt Bauman: Gegen die Propaganda von Angst und Panikmache.

11. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

Professor Zygmunt Bauman, 1925 in Posen geboren, ist am 9. Januar 2017 in Leeds, England, gestorben. Viele werden sein umfangreiches Werk kennen und schätzen, es kann als soziologisch begründete, stets auch philosophisch interessierte Zeitdiagnose gelesen werden. Bauman sei ein „jüdischer Kosmopolit“, hatte 2014 noch Ulrich Beck treffend bemerkt.

Leider sind in Deutschland Baumans Bücher aus dem Jahr 2015 über Gott und die Menschen kaum bekannt: Zygmunt Bauman hat sich darin auf einen Dialog mit Stanislaw Obirek eingelassen, dem heute vor allem in Polen bekannten katholischen Dissidenten: Er war (als Kritiker der polnischen Kirchenmacht) bis 2006 Jesuit und ist jetzt Universitätsprofessor in Warschau. Ein Buch hat den Titel: „Of God and Man“, das andere „On the World and Ourselves“, beide sind in Cambridge, Polity Press, erschienen als Übersetzungen aus dem Polnischen. Beide Autoren entwickeln in dem Buch „Of God and Man“ ihre gemeinsame Position des Agnostizismus, als einer „Antithese zum Monotheismus und einer abgeschlossenen Kirche(nlehre)“. Sie sehen den Agnostizismus als Weg der Befreiung von einem blinden und arroganten Wissen zu einer eher zurückhaltenden Position des Zeugnisses von der Vielfalt menschlicher Wahrheiten.(„paths from the blind arrogance of the possessor of a single truth to the restraint of a witness to multiple human truths“…(2). Diese Haltung schließt nicht aus, dass auch das Wissen und die Weisheiten der alten Religionen inspirierend sein können in einer sich „säkular“ nennenden Gesellschaft. Lediglich der religiöse Fundamentalismus (auch in der polnisch-katholischen Form) wird zurückgewiesen. Beide Bücher sind ursprünglich für ein polnisches Publikum verfasst worden. Sie haben große Bedeutung auch angesichts der offenkundigen Krise bzw. der latenten Abschaffung der polnischen Demokratie, verursacht von der sich allmächtig fühlenden reaktionär-katholischen PIS-Regierung.

In philosophischer Hinsicht sind viele Themen Baumans bleibend aktuell, seine zentralen fragen: Wie destruktiv ist die Ratio der Aufklärung (im Blick auf den Holocaust)? Wie begegnen die westlichen Gesellschaften dem Zusammenbruch der alten rationalen Ordnungen? In wiefern ist die Moderne flüchtig, zerbrechlich, verschwimmend? Wo zeigt sich ein Halt in dieser Situation? Gibt es überhaupt noch eine Sprache, gibt es Begriffe, für diese neue Situation des globalen Wandels?

Ulrich Beck hat darauf hingewiesen, wie auch zentrale Begriffe Baumans zu weiterer (philosophischer) Reflexion auffordern: Etwa das Wort Überleben. Gemeint ist: Wenn ich überleben kann und darf, wurde ich aus einer größeren Gruppe von Todeskandidaten ausgesondert. Überleben hat also auch mit Selektion zu tun. Nur der Stärkere überlebt. Sind das Erkenntnisse, die auch in der Debatte über Flüchtlinge eine Rolle spielen? Auch viele Menschen in den westlichen Gesellschaften haben –etwa angesichts der vom Neoliberalismus bzw. Neo-Kapitalismus verursachten Krisen – die Überzeugung, physisch und psychisch nur noch zu „überleben“. Von einer eigenen, freien autonomen Lebens-Führung kann bei vielen Menschen selbst in der westlichen Welt keine Rede mehr sein.

Wichtig bleiben Baumans Überlegungen zu dem Trend, sich wieder in die eigene Nation abzukapseln: In seinem Buch „Flüchtige Moderne“ (Suhrkamp 2003) ist vor allem das Kapitel „Gemeinschaft“ wichtig. Nationalismus, so Bauman, lebt grundlegend vom Hass auf die anderen. Man will als Nationalist (Patriot) den eigenen Staat und damit das eng umgrenzt Eigene ausleben und feiern. Man fühlt sich nur noch in der Runde der mit mir Identischen, der Patrioten, wohl. Nur mit diesen Menschen will man verbunden sein, so entstehen Abneigung und Hass auf alle „Andersartigen“. Der Kommunitarismus wird aktiviert jetzt z.B. in Ungarn oder Polen,in Frankreich finden die nationalistischen Sprüche wie „La France d abord“ immer mehr Zustimmung. Mister Trump will die USA am liebsten einmauern als Lebensraum für die „richtigen Amerikaner“, die so weiß und christlich bzw. unchristlich wie er selbst sind. Für Baumann ist klar: Die Fixierung auf die vertraute, Fremde ausschließende Gemeinschaft führt zu einer gefährlichen „Verengung“ des ganzen Lebens, die sich in Aggressionen gegenüber den anderen nicht nur an der Grenze des Eigenen entlädt.

„Die Angst vor den anderen“ ist eines der letzten Essays von Zygmunt Bauman, bei Suhrkamp 2016 erschienen. Es zeigt, dass die europäischen Regierungschefs sich längst an die politische Lösung des ungarischen Nationalisten und Ministerpräsidenten Orban halten: Die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen, auch durch den Einsatz von hohen Stacheldrahtzäunen. Bauman zitiert einen Artikel in der NYTimes vom 21. 12. 2015 an, der zeigt: Dass sich europäische Staatschefs „wenn auch nicht im selben hässlichen Tonfall an Orbans Politik angeschlossen haben“. Aber: „Diese Europäer verstecken ihre Botschaft feige oder scheinheilig hinter dem Schleier eines politisch korrekten Vokabulars“: Sie wollen als angeblich gute Europäer, aber sich oft versteckt gebende Nationalisten unbedingt die „Kontrolle über die Außengrenzen des Kontinents wiedergewinnen“: Dahinter stecke, so Bauman mit Michel Agier (einem der kenntnisreichsten Erforscher der mehr als 2000 Millionen Migranten) die Vorstellung, eine „Aufteilung der Welt in zwei große Weltteile (zu verfestigen): Auf der einen Seite eine saubere, gesunde und sichtbare Welt; auf der anderen Seite die Welt des dunklen, kranken und unsichtbaren Rests…. Flüchtlings-Lager werden nicht mehr dazu dienen, wehrlose Flüchtlinge am Leben zu erhalten, sondern unerwünschte Menschengruppen jeglicher Art zu parken und unter Bewachung zu halten“ (S. 88). Mit anderen Worten: Die Flüchtlingspolitik der zudem angeblich so christlichen und kirchlichen Europäer führt zur Sichtbarkeit eines (lange schon lebhaften) globalen Rassismus. Die Einwanderung, auch von Flüchtlingen, wird nicht mehr als positive, auch ökonomisch positive Entwicklung gesehen. Die Tatsache, dass einige Terroristen unter den vielen tausend Flüchtlingen sind, wird auch von den Medien, die darin den Politikern folgen, so sehr in den Mittelpunkt aller politischen Überlegungen und Entscheidungen gestellt, dass der Eindruck entstehen soll: Flüchtlinge sind a priori nur gefährlich, tendenziell gewalttätig. Wenn dieser falsche Eindruck weiterhin von führenden Politikern auch in Deutschland propagiert wird, weil sie sich der angeblichen Volksstimmung anpassen (ihrer eigenen Politiker Karriere willen), wird nur das Ziel des so genannten Islamischen Staates betrieben: Das Ziel ist: Angst zu schüren, Nationalismus zu fördern, die Gesellschaft im Westen zu spalten. Politiker, die heute Flüchtlinge nur als Gefahr ansehen, betreibe sozusagen in gewisser Weise unbewusst das Geschäft des so genannten IS. Können Argumente, können Gespräche, noch die Vernunft fördern, die darin besteht: Die Flüchtlinge als Chance zu sehen und in den Herkunftsländern tatsächlich für eine Verbesserung der politischen und ökonomischen Verhältnisse zu sorgen sowie hier die bestehenden (!) Gesetze zur Abwehr von Terroristen europäisch koordiniert anzuwenden. Momentan aber wird angesichts des Terrors weitgehend bewusst eingesetzte Panikmache betrieben. Und wie mit Selbstverständlichkeit wird der Wahn verbreitet: Sicherheit sei für den Menschen und die Gesellschaft immer wichtiger als individuelle und gesellschaftliche Freiheit. Wenn die Freiheit der Sicherheit geopfert wird, gibt es keine umfassend menschlichen Wesen mehr, für die die Sicherheit noch relevant sein könnte. Unfreie Menschen leben nicht mehr im emphatischen Sinne; sie überleben bloß noch, aber sicher. Bloß wozu noch? Um den autoritären Staaten und ihren autoritären Regierungen zu dienen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Martin Heideggers Briefe von 1930 bis 1949 an seinen Bruder Fritz: Viel Nebel und wenig Licht

29. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher, Termine

Ein Buch Hinweis von Christian Modehn

Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers liegt noch immer nicht vor. Die bisher erschienen Bücher nennen sich bloß „Gesamtausgabe“, betreut und redigiert von getreuen Heidegger – Freunden und – Deutern. Auch die kürzlich bei Herder – der bisher nicht als „Heidegger-Verlag“ bekannt wurde – publizierten Briefe von Martin an seinen Bruder Fritz und die wenigen (!) Briefe von Fritz an Martin Heidegger aus den Jahren 1930 bis 1949 sind nur eine Auswahl; jeder Brief weist intern noch viele Kürzungen auf. Wem ist damit gedient? Was da weggelassen wurde, bleibt im Nebel. So hat dieses Buch im Blick auf die veröffentlichten Briefe etwas „Gönnerisches“, von den Erben ausgewählt. Erstaunlich ist aber, dass doch eher nicht so relevante Mitteilungen in den Briefen, wie etwa die ständigen Gratulationen zu den jeweiligen Namenstagen der Brüder, nicht weggelassen wurden. Offenbar soll durch die häufigen Namentags-Gratulationen irgendwie noch ein katholischer traditioneller Restbestand bei Bruder Martin herausgestellt werden, der sich auch abermals in den Briefen an Bruder Fritz als jenseits des Katholischen/Christlichen offenbart. Ständig spricht auch der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten Juden, die sich kaum noch verstecken konnten, ist hingegen an keiner Stelle des Briefswechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlich-mitfühlenden Heidegger gezeigt. War er aber nicht! Stattdessen wird die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers erneut dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er spüre, dass das Seyn (!) ihm etwas zu sagen habe: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns (sic)..“. Die Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden vergast, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Ob diese Worte Heideggers klar sind und jemals, von ihm angeblich klar gewünscht, auch klar sein sollten, darf wie so oft bezweifelt werden; wichtiger ist hier, dass sich Heidegger eine geradezu prophetische Rolle zuspricht und anmaßt („durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis CM…Also durch ihn, Heidegger, kommt förmlich die Erlösung durch die und als die Seyns-Hörigkeit. Das heißt: Folgen wir bitte Heideggers Offenbarungen des Seyns, auch Schickungen genannt….

Während in den ersten Wochen des Jahres 1944 Bomben auf Berlin fallen und Frankfurt am Main zu der Zeit zerstört wird, von dem Gemetzel in Russland ganz zu schweigen, was Heidegger doch wenigstens ansatzweise wusste, da schreibt der egozentrische Philosoph in dem gleichen Brief an Bruder Fritz: “Ich muss hinauf (zur Hütte in Todtnauberg, CM), um zu danken, dass alles gut geworden und dem Schönen erst zu öffnen sich langsam und verborgen anschickt“… (So schreibt Heidegger, kein Tippfehler meinerseits dabei). In einem Brief vom 11. November 1944 schreibt Martin an Bruder Fritz gar, wörtlich von „Erleuchtung“, die ihm zuteil wurde bei einer Entscheidung hinsichtlich seiner Vorlesungen in Freiburg (die fast alle seinem neuen „Führer“, dem Dichter Hölderlin, als dem „Deutschen“, gewidmet sind). Das Wort „Erleuchtung“ ist nicht ironisch gemeint bei Heidegger.

Dieses kleine Zitat Beispiel zeigt, wie viel tatsächlich differenzierte und genaue Text-Analyse in dem genannten Buch des Herder-Verlages notwendig gewesen wäre. Aber die 22 Beiträge (die ja nach meinem Eindruck vor allem auch wegen der Veröffentlichung der bislang unbekannten Briefe verfasst wurden, nur das macht ja Sinn für ein weiteres „Sammelwerk“) zeigen nur selten einen tieferen Bezug zu den Briefen. Bruno Pieger bietet sogar auf 28 Seiten einen so genannten „Kommentar zur Briefauswahl“. Diese Erläuterungen bleiben aber sehr dürftig und erklären nicht, warum, nur ein Beispiel, Heideggers Sohn Hermann sich in Theresienstadt aufhält „und dort das soldatische Leben der aktiven Truppe vermisst“ (S. 65, ein Brief an „Bruder Fritz, Liesel und die lieben Buben“ vom 3. Juli 1940). Kein Wort von Herrn Piegel, was denn Sohn Hermann in Theresienstadt machte…

Man ist etwas erstaunt, dass Rabbiner Walter Homolka, Potsdam, als Mitherausgeber gewonnen wurde. Meines Wissens trat er als Heidegger Forscher bisher leider nicht so deutlich hervor. Man könnte etwas zynisch werden und meinen, für die Heidegger-Freunde (und den Verlag) tut eben ein prominenter Rabbiner gut – gerade nach der Publikation der explizit antisemitischen „Schwarzen Hefte“ Heideggers –, vielleicht gelingt es einem Rabbiner, den Denker aus dem Schwarzwald wieder in die bessere Gesellschaft zu heben. Und Arnulf Heidegger, Rechtsanwalt, ist als Enkel Martin Heideggers und als Nachlassverwalter der weitere Mitherausgeber. Die Familie also prägt doch noch das Publikationsgeschehen – wenigstens in einem katholischen Verlag! Und kein Geringerer als Manuel Herder, Chef des großen Herder-Unternehmens, stellt dem neuen 1. Vorsitzenden der Heidegger Gesellschaft, Harald Seubert, vier Fragen über „Heidegger heute“. Harald Seubert ist etlichen nicht nur als Philosoph so ein bisschen bekannt, sondern auch als Interview-Partner der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, etwa am 5. Dezember 2008. Auch eines seiner Bücher wurde am 18.9.2015 vorgestellt; da schreibt die Junge Freiheit über Seubert: “Skeptisch ist der Verfasser gegenüber einem verbreiteten unkritischen Verständnis von „Demokratie“ als der besten aller möglichen politischen Welten…“ Der Studentische Konvent der Universität Bamberg veröffentlichte Mitte Dezember 2012 diese Pressemitteilung über Seubert: „Am 15. Dezember 2012 sprach der als Dozent an der Universität Bamberg tätige Harald Seubert nach Informationen der „Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.“ auf dem Thomastag der „regionalen Angehörigen des ultrarechten Dachverbands ‚Deutsche Burschenschaft ‘“ in der „Thomaskneipe“ in Nürnberg.“ Auch am 10. Februar 2015 erwähnte die „Junge Freiheit“ Seubert positiv usw…Zumindest wird deutlich: In eher etwas links angehauchten Kreisen ist die Heidegger-Forschung und Heidegger Publikation auch heute nun wirklich nicht beheimatet. „Das Seyn spricht rechts, könnte man Heidegger nachträglich zuflüstern…

In dem Herder-Buch gesteht Seubert „mit einem gewissen Recht“ (S. 351) die Berechtigung der Kritik an Heidegger großzügigerweise zu. Der Familienstreit im Hause Heidegger wird aber von Seubert angesprochen, wenn er die Deutungen der Heidegger-Forscher Trawny oder Mehring für „aufgeblasen“ (S. 348) hält. Mit anderen Worten: Eine etwas kritische Deutung durch die Heidegger Familie und die mit ihr eng verbundene Heidegger Gesellschaft (also Seubert) schließt nicht aus, dass weiter heftig polemisiert wird. Und man ist beinahe etwas enttäuscht, dass nicht auch Friedrich Wilhelm von Herrmann, der vielseitige Herausgeber und engste Heidegger-Vertraute, zu Wort kommt. Und uns vor allem erklärt, warum er lang und breit ein wohlwollendes Fernseh-Interview mit dem rechtsextremen Russen Alexander Dugin (er war Co-Vorsitzender der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands) zwei Stunden lang führen wollte. So rückt Heidegger abermals ins rechte und sehr rechte Spektrum…

Aber solche politischen Merkwürdigkeiten, wenn nicht Skandale, freizulegen meidet der Sammelband. Genauso wertvoll wäre es gewesen, noch einmal Prof. Günter Figal zu befragen, den bekannten und geschätzten Philosophen aus Freiburg i.Br., warum er sich denn aus der „Heidegger-Gesellschaft“ nach vielen Jahren höchst-verantwortlicher Mitarbeit zurückgezogen hat…

So haben wir es also mit dem Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ mit besonders interessanten Brief-Fragmenten zu tun, die für die künftige Heidegger Interpretation doch etwas aufschlussreich sein werden. Der Untertitel heißt „Positionen im Widerstreit“: Tatsächlich äußern sich verschiedene kompetente Heidegger-Deuter. Vor allem den Beitrag Micha Brumliks möchte ich da ausdrücklich empfehlen: Er hat die hier auf ca. 130 Seiten publizierten Briefe gelesen und setzt sich mit ihnen in dem hervorragenden Beitrag „Die Alltäglichkeit des Judenhasses – Heideggers Verfallenheit an den Antisemitismus“ (Seite 202 bis 211) auseinander. Auch Donatella Di Cesare hat ihre Lektüre der hier publizierten Briefe in ihren Beitrag eingebracht. Eher nebenbei erwähnt auch Klaus Held die Briefe. Sein Beitrag erinnert abermals daran, dass Heidegger schon sehr früh die Öffentlichkeit verachtete und politisches Engagement mit der Eigentlichkeit der Existenz nicht verbinden konnte und wollte. Die Fixierung auf „Heimat“ machte ihn blind fürs Weltgeschehen. Dabei war er ja durchaus Zeitungsleser, der die Bomben erlebte und von der Vergasung der Juden musste er trotz aller Schwarzwald-Bindung gehört haben!….Auch Reinhard Mehring erwähnt die Briefe in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Postmortaler Suizid. Zur Selbstdemontage des Autors der Gesamtausgabe“. Andere Autoren wollen sich, sagen wir es ruhig, „versöhnend und versöhnlerisch, zeigen, sie erinnern an die sehr allgemeine Erkenntnis, dass es doch sehr zu differenzieren gilt, dass vieles doch wichtig bleibt bei Heidegger. Was das genau ist, wird eher behauptet und nicht ausführlich entwickelt. Gerade die viel zitierten Hölderlin-Deutungen Heideggers mitten im Zweiten Weltkrieg sind ja doch keineswegs so ohne weiteres gültig, sondern politisch hoch problematisch und auch in der Interpretation oft eine Zumutung. Wichtiger scheint mir die in dem Buch gar nicht diskutierte Frage: Was bleibt von diesem jetzt antisemitischen und auch gar nicht so konfessionell-christlichen Heidegger in der Rezeption katholischer Theologie (Rahner) und Philosophie (Welte und seine Schüler) noch übrig? Kann man mit Heidegger zum (theologisch vertretbaren) Heiligen kommen? Da muss eine neue kritische Forschungsarbeit geleistet werden und etwa Bernhard Welte kritischer interpretiert werden. Man lese nur noch einmal die Worte des katholischen Theologen und Priesters Bernhard Welte zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 (in: Heidegger-Welte, Briefe und Begegnungen, 2003, S. 124 ff), diese Worte „triefen“ förmlich von Heidegger-Ergebenheiten (etwa: „Heidegger folgte seinem „Geheiß“, S. 127). Aber das ist ein anderes Thema…

Es gibt viele Themen, die durch diese Brief-Fragmente angesprochen werden, etwa, dass Heidegger seine, erst jetzt publizierten berühmten Schwarzen Hefte seinem Bruder Fritz schon zum Lesen gab, so in dem Brief vom 2. November 1938: „Ich brauche in den nächsten Wochen von den schwarzen Heften (Überlegungen) Nr. VII und VIII, wenn du gerade dabei bist, kannst du ruhig zu Ende lesen. Schicke die Hefte am besten in einer Buchscheide gut verpackt und eingeschrieben“. Schon damals wollte Heidegger per Einschreiben selbst in der Nazi-Zeit sicherstellen, dass seine Schwarzen Hefte nicht vor seinem Tod außerhalb der Familie gelesen werden. Die Schwarzen Hefte, bewusst von ihm selbst post mortem veröffentlicht, sollten in seiner Sicht eine Art Schlussakkord unter dem ganzen Gedachten (dem Werk) sein…

Auf die in den Briefen über unüberhörbare Verachtung der (Weimarer) Demokratie wurde andernorts mehrfach treffend hingewiesen, Heidegger findet seine persönliche Situation in der Öffentlichkeit nach dem Krieg schlimmer als in der Nazi-Zeit (129). Wer kann ernsthaft so viel Abwehr der Demokratie Heideggers ertragen?

Sichtbar wird ein Mann, der Sehnsucht hat nach der heimatlichen Scholle, der alten heilen Welt in der Kleinstadt Meßkirch, der gleichzeitig größenwahnsinnig das Seyn hört, dadurch eigentlich Lehrmeister für alle Seienden sein möchte, es aber in der Nazi-Zeit nicht sein darf. Ein Philosoph, der Hitler verehrt, weil er die große Wende bringen soll. Diese aber dann doch nicht bringt, weil er Heidegger nicht zu seinem Meisterdenker machte. So entsteht vor uns ein verärgerter, gekränkter, auf alles Deutsche nach wie vor versessener Denker, der sich als etwas ganz Besonderes und Höchst-Berufenes fühlt, der hört und lauscht auf das Seyn und dann eher lallend manchmal angeblich wesentliche Winke gibt. So möchte man doch des Meisters eigene Worte zitieren, kaum nachvollziehbar, wie so vieles bei ihm: „Es entspricht dem Geheimnis des Seyns, dass zumal mit dem Widerfug der Verwüstung ist der Fug eines Anfangs“ (bei Irritationen der Lektüre: Keine Tippfehler meinerseits, CM, es steht im Brief vom 23. August 1943, Seite 90) Oder in ähnliche (defätistische) Sicht gehend: Die erbauliche Mahnung an Bruder Fritz im Kriegsjahr 1943 (genau am 22. Oktober), nachdem Martin darauf hingewiesen hat, dass nur „die Kleingläubigen in Ratlosigkeit geraten, wenn diese Welt in ihren Fugen kracht“ (S. 93)….selbst wenn durch die Verhandlungen der alliierten Politiker „im äußeren Effekt Grausiges passiert. Darum diese Mahnung Martins als eines, so wörtlich, „Wissenden“ an Fritz: : “Bleibe in deiner stillen Welt ( wieso stillen Welt, gab es in Meßkirch keine Bomben? CM). Und weiter schreibt Bruder Martin: „Das ist keine Flucht, sondern die Inständigkeit, deren das Seyn selbst bedarf“ (Seite 93). Was soll das bloß heißen? Hat das Heidegger selbst verstanden? Meint er mit Seyn vielleicht nicht doch „Gott“? Oder war dieser Satz gar eine „Schickung“, ein „Eräugnis“, die er als Erwählter („Wissender“) förmlich mitteilen musste? Aber: Haben wir schon einmal erlebt, dass das Seyn unserer Inständigkeit bedarf? Aber lassen wir diese Fragen, wohin auch immer sie führen? Wusste das Heidegger selbst?

Der Heidegger Spezialist Prof. Holger Zaborowski (Vallendar) schlägt in seinem Beitrag vor, weiterhin Heidegger, aber eben differenzierter zu lesen und zu erforschen, trotz der von Zaborowski genannten „Mehrdeutigkeiten, Spannungen und Widersprüche“ (S. 430). Er spricht sogar von „Ambivalenz des Heideggerschen Denkens“ (ebd.)

Holger Zaborowski gesteht ein, dass Heidegger in den „Schwarzen Heften“, so wörtlich, „unter seinem eigenen Niveau“ denkt (434). Was aber wäre das „Niveau“? Zaborowski nennt weitere große Schwachpunkte, etwa das schon früher viel besprochene Ausbleiben ethischen Denkens (438). Der Heidegger Kenner (leider bietet er keinerlei Hinweise auf die Briefe!) folgt aber der Interpretationslinie, die Heidegger selbst vorgegeben hat, nämlich der Interpretation im Bild des WEGES… da gibt es dann halt Entwicklungen und Irrwege und Holzwege und viel Gestrüpp und Irrnisse… In jedem Fall sollten wir, so Zaborowski, „mit Heidegger weitergehen“ und auch „immer über ihn hinausgehen“. Wo werden wir dann beim „Hinausgehen“ landen? Immer noch bei einem zur Vernunft gekommenen Heidegger?

Vielleicht hilft ein dialektisch-kritischer Umgang mit dem Denker aus dem Schwarzwald im Augenblick einigen etwas weiter. Damit sie nicht entsetzt sind vor der Tatsache, wie viel Lebenszeit sie mit dem Durchkauen und Entziffern von Heideggers Worten und Weisungen und Schickungen verbracht zu haben … und sich im stillen dann doch fragen: Warum habe ich nicht anstelle Heideggers etwa viel mehr Kant und Aristoteles gelesen? Von Habermas oder Rawl ganz zu schweigen? Solche philosophischen, heideggerisch bedingten Lebensschicksale, verbunden mit der Suche nach der mit Heidegger „verlorenen Zei“t, vielleicht auch dies wiederum Schickung des Seyns ?, wird man später vielleicht noch besprechen müssen.

Der Philosoph Thomas Vasek (Hamburg) schreibt treffend am Ende seines Beitrags: „Es ist an der Zeit, ohne Heidegger zu denken“ (Seite 404).

PS: Es ist deutlich geworden, dass dieser Beitrag leider nicht alle Beiträge des Buches ausführlich diskutieren kann. Und es konnten keine weiteren kritischen Auseinandersetzungen mit den „Briefen“ erwähnt werden. Auf einen Text soll noch hingewiesen werden: Die Philosophin Susan Neiman hat sich schon am 27. Oktober 2016 in „DIE ZEIT“ (Seite 49) mit der auch in den „Briefen“ deutlichen Zurückweisung von Aufklärung und Moderne durch Heidegger befasst. „Die Quelle allen Unglücks ?“ ist der Titel des Aufsatzes von Susan Neiman: „Heideggers Verachtung der Öffentlichkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich elitäres Denken bedroht fühlt“….“Die alte, antimoderne Nostlagie schimmert durch jede seiner Zeilen hindurch. Wetten, dass Nietzsche ihn zu denjenigen gezählt hätte, die `ihr Gewässer trüben, damit es tief scheine`?“ Susan Neiman hat sich wohl ihre Worte gut überlegt, wenn sie auch im Blick auf die „Schwarzen Hefte“ Heideggers (ebenfalls in „Die Zeit“) schreibt: Diese Texte „enthalten eine Reihe von ressentimentgetriebenen Aussagen, die Heidegger von einer Geistesgröße zum Kleingeist zurückstufen – wenn sie nicht gar Infantiles oder gar Wahnsinniges bloßlegen“.

Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger. Hg. von Walter Homolka und Arnulf Heidegger. Verlag Herder, 2016, 448 Seiten, 24,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Bourdieu vor 15 Jahren gestorben: „Die Kirche neigt zum „Schönreden“ (Euphemisierung)

26. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 23. Januar 2002 ist der große Soziologe Pierre Bourdieu (geboren am 1.8.1930) in Paris gestorben. Sein sehr umfangreiches Werk ist in vielerlei Hinsicht, zweifelsfrei, von bleibender Bedeutung. Bourdieu hat in frühen Jahren eine „Konversion des Philosophen zum Ethnologen“ (so Stephan Egger) und dann weiter zum Soziologen erlebt. Dabei spielen zwar seine sechs expliziten Beiträge zum Thema Religion im gesamten Werk-Umfang eine nicht so  beträchtliche Rolle. Aber seine religionssoziologischen Arbeiten (auf Deutsch in dem Band „Religion“ des Suhrkamp-Verlages 2011 publiziert) bieten doch viele Inspirationen, um nicht nur deutlich die Arbeitsweise Bourdieus zu erleben, sondern auch die (nicht nur auf Frankreich bezogenen) religionssoziologischen Erkenntnisse weiter zu studieren.

Dabei ist es erneut interessant, die selbstverständliche sachliche Distanz Bourdieus zum Thema Kirche zu beobachten; er spricht über die französischen Bischöfe als „Episkopat“ „im Feld der Macht“ unter dem leicht ironischen Titel „Die Heilige Familie“ sehr ausführlich. Selbstverständlich mit sehr zahlreichem statistischen Material und Interviews. Sie führen empirisch in die katholische Kleriker- bzw. Bischofswelt der Jahre 1932 bis 1952 sowie zwischen 1972 und 1980. Und da wird, wie Bourdieu betont, im ganzen des Kirchlichen vieles verschleiert, „euphemisiert“, wie er das nennt, um nach außen hin den Charakter einer heiligen Bischofs-Familie zu bekunden. Nebenbei: In Frankreich ist die Zahl der Bischöfe sehr viel größer als etwa in Deutschland, wenn man in Frankreich alle „Hilfsbischöfe“ bzw.“Weihbischöfe“ mitzählt, kommt man schnell auf eine Zahl über 100 sich selbst nennende „Ober-Hirten“ bzw. „Episkopoi“, wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt „Aufseher“! Wir haben es der Religionssoziologie und der empirischen Studie Bourdieus zu verdanken, dass der immer wieder behauptete Schleier der Heiligkeit entfernt wird und Bischöfe in ihrem sehr weltlichen und politischen Gebaren sichtbar werden. Der Beitrag „Die Heilige Familie“ (also über die Bischöfe) zerstört die öffentliche kirchliche Propaganda, die Bischöfe würden einen einheitlichen „Corpus“ darstellen. Dieser Eindruck war 1982, als der Beitrag Bourdieus erschien, vielleicht noch gültig; heute erlebt die Öffentlichkeit durchaus etwas (!) vom Streit innerhalb der Bischofskonferenzen und der Kardinäle in Rom. Aber diese Pluralität wird nicht als Zeichen von Lebendigkeit von den Bischöfen selbst bewertet, sondern eher als Fehler, als Mangel an „Einheit“. Große autokratische Organisationen verlangen wegen des Machterhalts immer nach dem Begriff der Einheit. Vielfalt gefährdet die Macht, das wussten schon die Fürsten spätestens seit dem Absolutismus. Aber bischöfliche Einheit ist für Bourdieu empirisch bewiesen eine „Illusion“ (S. 96).

Das Thema Bourdieus ist keineswegs nur für den kleinen Kreis der Spezialisten interessant. Denn Bourdieu zeigt, wie es unter den Bischöfen Frankreichs tatsächlich eine durch „klassenmäßige Unterschiede“ bedingte Pluralität gibt. Die aber in den Klerikerkreisen vertuscht wird. Auf die sehr interessanten Studien zur unterschiedlichen sozialen und kulturellen Herkunft der französischen Bischöfe wollen wir hier nicht eingehen: Bourdieu unterscheidet die sozusagen dem katholischen Bauernstand bzw. Kleinbürgermilieu entstammenden Bischöfe von den eher aus kulturell gebildeten und finanziell arrivierteren Familien kommenden „Oberhirten“.

Interessant sind die Hinweise zur absoluten Bevorzugung der klassischen Hetero-Familie durch die Bischöfe. Sie waren ja kürzlich im Kampf gegen die Homoehe in Frankreich an „vorderster Front“. Ohne die klassische Hetero-Ehe gibt es eben in der Denkwelt des Klerus „keine Reproduktion der Geistlichkeit“, man ist, klerikal gesehen, eben „von der christlichen Familie abhängig“. Bourdieu weist nach, dass die meisten Bischöfe kinderreichen Familien entstammen.

Interessant ist auch der relativ kleine Beitrag über „Das Lachen der Bischöfe“ von 1994: Darin zeigt Bourdieu die übliche klerikale Sprachregelung, „weltliche“ und politische Tatsachen euphemisch zu verschleiern. Statt von Marketing wird von Apostolat gesprochen; statt von Kundschaft in den Gemeinden von Gläubigen. Die Kirche pflegt das Tabu, also die Angst vor expliziten Formulierungen: Statt von Reisebüro zu sprechen, ist von „Wallfahrtsunternehmen“ die Rede. Eine Russland-Reise wird zur „Begegnung mit der Orthodoxie“ umbenannt. Auch hinsichtlich der Rechte der Laienmitarbeiter in der Kirche gilt dies: Mitgliedschaften in öffentlichen Gewerkschaften sind tabu, es wird der „Familiengeist“ vorgeschoben, als Euphemisierung eines realen „Ausbeutungsverhältnisses!, wie Bourdieu sagt (S. 235). So werden die Priester in Frankreich auch nicht als Empfänger von (prosaischem) Gehalt bezeichnet, sondern als Empfänger von „Bezügen“ (S. 237) „Die religiöse Sprache fungiert permanent als ein Werkzeug der Euphemisierung“ (S. 238).

So wird die Wahrheit in gewisser Weise ausgeblendet zugunsten eines Scheins von heiler Welt. Aber dieser Schein verschwindet immer mehr, weil er von den Medien angekratzt wird und auch die katholische Kirche als eine menschliche, d.h. veränderbare Organisation sichtbar wird.

Copyright: Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin.

 

 



Was ist uns noch heilig? Hinweise von Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon am 14. 12. 2016.

18. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Vorwort zu einem etwas längeren „Hinweis“, der für den Religionsphilosophischen Salon am 16.12. 2016 vorbereitet wurde.

Wir treffen uns hier in einer Zeit, in der so wenig, fast nichts möchte man meinen, als heilig, d.h. als erhaben und unantastbar gilt und als das „Unantastbare“ und „Erhabene“ auch respektiert wird. Das „Contra-Heilige“ als das Unmenschliche und Unheil zeigt seine widerwärtige Fratze. Es bedroht uns im Alltag. Aber es ist keine anonyme Urgewalt eines anonymen Bösen. Es sind vielmehr Menschen, die sich in ihrer Freiheit für das Böse entscheiden, also gegen die Heiligkeit ihrer eigenen Person und der Heiligkeit und Unantastbarkeit aller anderen Menschen. Wenn Unheil religiös motiviert wird, muss diese so genannte Religion als Ideologie zurückgewiesen werden. Nur Religionskritik rettet das Heilige heute. Aber wenn sich das Unheilige und das Unheil offenbar immer mehr bemerkbar machen: So wollen es eben die Machthaber, die Börsenjongleure, die Waffenhändler, die Menschenhändler, die Nationalisten allerorten, die einzige ihren privaten (materiellen oder ideologisch verblendeten) Vorteil suchen. Denen sind wir offenbar hilflos ausgesetzt und deren Wahn und Inkompetenz ertragen wir leidend: Aber dagegen müssen wir uns mit schwachen Kräften wehren, und diese Widerstandskräfte finden wir in der Vernunft, der Religionskritik, der Ideologiekritik, der Fürsorge, der Vorsicht, der Achtsamkeit und Empathie und im politischen Widerstand. Die Gewalt der Waffen muss die „letzte Möglichkeit“, dann aber rechtzeitig eingesetzt werden. Heiliges wird heute im Widerstand gewonnen und geschützt.

Mit dem offensichtlichen Verlust des Heiligen als des unbedingt zu Schützenden-Menschlichen ist also nicht etwa der mögliche Verlust des verzückten Erschauerns beim Betreten einer gotischen Kathedrale gemeint. Vielmehr, noch einmal gesagt, ist gemeint: Es ist der Verlust des Respekts vor dem absolut unantastbaren Leben eines jeden Menschen. Diesen totalen Verlust sehen wir entsetzt und verzweifelt im Blick auf das Abschlachten in Syrien, etwa in Aleppo. Dieser Name Aleppo wird in gewisser Weise ein so ungeheuerliches, die Menschheit entehrendes Symbol bleiben wie der Name Auschwitz. In mehreren Hinsichten haben Aleppo und Auschwitz etwas gemeinsam: Es handelt sich um die totale Niederlage der humanen Vernunft, um die Niederlage einer Politik auch von Staaten, die sich demokratisch nennen. Aleppo als Symbol der Niederlage der Menschlichkeit und der Menschheit zeigt: Die so oft propagierte Erinnerung an Auschwitz hat nichts bewirkt, zumindest nichts bei den Politikern. Dabei ist Aleppo uns geographisch gesehen so nahe, es liegt fast in unserer Nachbarschaft: 2.594 Kilometer Luftlinie sind es von Berlin nach Aleppo, das sind 1000 Kilometer WENIGER als von Berlin ins beliebte „Ferienparadies“ Gran Canaria.

Unser heutiges Thema in unserem religionsphilosophischen Salon „Was ist uns noch heilig“ hat also eine starke, auch politische Aktualität. Und wenn wir etwas Heiliges für uns noch entdecken, wird dies etwas Sinnstiftes, etwas „Trotz allem“, sein, etwas, das uns einen bleibenden Horizont des Guten erschließt, vielleicht etwas Ewiges, grundlos Gründendes, das „da“ ist, auch wenn es so wenige Menschen respektieren. Dazu mehr unter Nr. 8.

  1. Profanes und Heiliges. Wenn Menschen „Heiliges“ machen.

Es gibt unterschiedliche Erfahrungen, die uns „nach“ dem Erleben besonderer Art zur sprachlich gestalteten Überzeugung führen: „Da ist mir etwas Heiliges begegnet. Ich habe Heiliges erlebt“. In unserer Welt-Erfahrung müssen wir das Heilige nicht von vornherein zu hoch ansetzen, nicht in den fernen Himmel schieben. Sondern das Heilige hier bei uns auf einfache, ich möchte sagen, fast alltägliche Art „erden“. Diese alltägliche Erfahrung des Heiligen kann die Erfahrung von grundlegender Geborgenheit sein und angstfreier Ruhe und von Trost; aber auch von Erschütterung; von dem Gefühl, etwas Außergewöhnlichem, Glanzvollem oder auch Schauderhaftem begegnet zu sein. Und das ist schon ein intensives Erleben, auf das später noch im Zusammenhang mit Rudolf Otto hingewiesen wird.

Immer ist es wohl so, dass wir das Erlebnis des Heiligen dann doch in Abgrenzung vom Alltäglichen und Gewöhnlichen verstehen, als das Andere zum üblichen und monotonen Lauf des Lebens, das sich zwischen Aufstehen und Waschen und Essen und Arbeiten und Schlafen abspielt, wenn wir an unsere feine bürgerliche Existenz denken und nicht dem Alltagsrhythmen der Ausgehungerten ausgesetzt sind, etwa in den Slums afrikanischer Großstädte. Diese Menschen erleben den Alltag oft nur als Schreckliche, das möglicherweise in den Hungertod führt.

Die Reflexion auf das Heilige muss also stets politisch-kritisch bleiben, muss wissen: Wenn wir hier im reichen Europa über das Heilige nachdenken, ist diese Reflexion in gewisser Weise auch Teil des Luxus, an dem wir hier – mit welchem Recht eigentlich gegenüber den Verhungernden? – teilhaben…

Das Heilige ist also für uns auch als das Andere zu verstehen gegenüber dem Banalen und Primitiven, dem Hässlichen und Gewalttätigen, dem Ordinären, dem herrschsüchtigen Denken, das nur an eigenen materiellen Vorteilen Interesse hat. Diese Welt kann man das Profane nennen.

Aber das ist nur die eine Seite: Profan kommt ja aus dem Lateinischen, das Wort enthält zwei Begriffe: Pro und Fanum, also: örtlich verstanden, „vor“ dem Heiligtum gelegen. Also, in diesem Denken, noch außerhalb einer abgesonderten sakralen und besonderen Welt gelegen. Profan bedeutet darum auch alles, was mit Wissenschaft zu tun hat, also mit Logik, Technik und Denken und Rechtsprechung, Essen, Reisen usw. Und dieses genannte Profane, Weltliche, Laizistische, ist schützenswert! In diesen Bereichen sollen Gesetze gelten, die für alle Menschen gelten und für alle nachvollziehbar sind. Profanes ist also keineswegs Banales.

Aber wie zeigt sich denn in unserem alltäglichen Umgang in der profanen Welt, im Umgang mit den Menschen und den Dingen, dieses Andere, das wir das ganz Andere, das Heilige bezeichnen?

Ich meine, Zugänge zum Heiligen sollten wir in unserem tätigen Leben in der Welt suchen, immer dann, wenn wir etwas Bestimmten höchste Aufmerksamkeit und höchstes Interesse zuwenden, wo wir sagen, dieses Ding oder jener Mensch hat für uns höchste Bedeutung: „Dem opfern wir fast alles. Dem wollen wir uns hingeben, verbunden sein. Für das wollen wir uns aufopfern. Das wollen wir unbedingt schützen…“

Diese „Hochschätzungen“ sind natürlich ihrerseits gefährlich, weil sie zu Vergötterungen von Dingen und Menschen führen. Man denke an das heilige Auto, das heilige Fußball“spiel“, die heiligen Ikonen, also diese Stars und Sportler und beinahe vergötterten Politiker. Das sah man beim Hitler-Wahn, das sieht man wieder, wenn man Vergötterungen von Wählern des Herrn Trump bei öffentlichen Massenveranstaltungen sieht, da wird ein „Heilsbringer“ gefeiert.

Die Menschen überhaupt leisten sich ständig diese Vergötterungen des Dinghaften oder der Menschen, diese behindern die Freiheit, schränken ein, verhindern das fragende Suchen nach dem, was wirklich den Titel „heilig“ verdient. Trotzdem kommen wir ohne von uns selbst gesetzte zentrale Mittelpunkte in unserem Leben nicht aus. Aber diese Mittelpunkte als nicht-heilige Lebens-Zentren sollte es immer im Plural geben und sie sollten im Laufe des Lebens sich oft ändern, um unserer eigenen Freiheit willen. Selbst Gott, der uns immer nur als selbstverständlich wandelbares Gottesbild gegeben ist, wandelt sich hoffentlich für uns in unserem Leben … zu immer größerer (mystischer) Reife…

Heiliges ist also zunächst etwas, das von uns Menschen konstruiert , „gemacht“, wird. Und dieses von uns gemachte „Heilige“ muss kritisch befragt werden und mit dem authentisch Heiligen konfrontiert werden. Nur deswegen kann man und muss man philosophisch selbstverständlich Heiliges kritisieren und Scharlatane, oft vom Vatikan „Heiliggesprochene“, entlarven, wie den Volksheiligen und angeblich stigmatisierten Padre Pio in Süditalien oder Theresa Neumann von Konnersreuth, um nur mal zwei populäre Beispiele aus dem katholischen Raum zu nennen.

2.  Wenn Heiliges profaniert wird und Profanes heilig wird.

Wichtig ist, dass es Übergänge gibt vom Profanen zum Sakralen und vom Sakralen zum Profanen. Auf diese Übergänge hat der italienische Philosoph Giorgio Agamben in seinem Aufsatz „Lob der Profanierung“ hingewiesen. Wichtig bei seinen Überlegungen scheint mir in unserem Zusammenhang zu sein: Agamben unterscheidet Profanierung von Säkularisierung: Wenn ein Herrscher, etwa König Ludwig XIV., sich göttliche Qualitäten zuspricht, was der Fall war, ist das eine Säkularisierung, also eine Verschiebung des Göttlichen von Gott auf einen menschlichen Herrscher. Die Aura des Göttlichen mit allem Pomp usw. wird dem Menschen übergeben. Die Aura des Göttlichen besteht also beim Menschen fort.

Hingegen: Wenn Heiliges profaniert wird, dann wird es in den allgemeinen menschlichen Gebrauch gesetzt: Man denke an eine Kirche, die ausgeräumt und in eine Buchhandlung oder eine Kneipe umgebaut wird. Da wird etwa eine tatsächlich heute als hässlich empfundene (evangelische) Beton-Kirche von 1955 nicht mehr für Gottesdienste benutzt, die Bänke und der Altar werden entnommen und es zieht eine Buchhandlung oder eine Kneipe ein. Manche Gemeindemitglieder sehen dann noch immer die alten Gemäuer, vielleicht ein buntes Fenster von einst mit dem heiligen Geist (eine Taube) in roten Farben, während sie gemütlich ihr Bierchen trinken. Manche werden dabei nostalgisch…Dies sind die heute so zahlreichen Profanierungen. Hingegen kann eine profanierte (zum Beispiel verfallene) Kirche auch wieder zurückverwandelt werden in ein so genanntes Gotteshaus. Agamben will darauf hinaus: Es gibt Wechselbeziehungen zwischen Sakral und Profan. Wenn das Sakrale profaniert wird, dann wird das im Sakralen Erlebte aus der Ecke des Besonderen, des Heiligen, befreit und dem allgemeinen Gebrauch zurückgegeben, siehe Profanierung von Kirchen (Gotteshäusern) oder Formen des Spiels als Profanierung des Ritus. Die Frage ist: Wo und wann gibt es in unserem Leben diese Übergänge?

Nebenbei: Nur der Kapitalismus schafft etwas Heiliges und Unberührbares. Dies ist der Konsum und das ständige Wachstum der Wirtschaft /Geldvermehrung der Kapitalisten: Diese absolute und alternativlos genannte, also heilige Struktur des Kapitalismus darf laut Kapitalisten nicht profaniert, also aufgelöst werden: Ein profanierter heiliger Kapitalismus wäre das Ende des Kapitalismus…

Weitere Beispiele für den Übergang von Profan zu Heilig: Eine lang andauernde Wanderung durch die Natur und die umgebenden kleinen Dörfer kann von den Teilnehmern als Weg zum Wesentlichen, zur meditativen Haltung, also als Pilgerweg verstanden und gedeutet werden. Oder: Ein schlichter Kellerraum kann von Jugendlichen als Treffpunkt gewählt werden, in denen sie Poesie, Musik, vielleicht Gebete, vortragen und dann gemeinsam meditieren. Und so bekommt der profane Kelleraum eine oft kurzfristige heilige Bedeutung, der Ort wird schützenswert. Jesuanisch gesagt: „Wo zwei oder drei Menschen in „meinem Namen“ versammelt sind (also unter göttlicher Obhut stehen), bin ich mitten unter ihnen“…

3.  Wenn Katholiken „Heiliges“  und Heilige schaffen.

Es ist wichtig, auf konfessionelle Unterschiede hinzuweisen: Protestantische Kirchen gelten für Protestanten selbst nicht als heilig, diese Gebäude sind also leichter zu profanieren als katholische Kirchen, die als Gotteshäuser gelten, also als eigens geweihte, Gott übergebene, Gebäude. Die Weihe von katholischen Gebäuden und katholischen Personen, etwa Priesterweihe oder Jungfrauenweihe oder auch die Weihe von Altären für den Gottesdienst, ist in innerhalb der katholischen Kirchen selbstverständlicher Teil der Lehre. Sie schafft damit den abgegrenzten sakralen Raum, vor allem auch mit eigenen „sakralen“ Rechten, die gegenüber bürgerlichen Rechten den Vorzug haben (sollen, behaupten die Kleriker)! Man denke an die eigene Rechtsprechung für katholische Laienmitarbeiter, die innerhalb der Kirche nicht offen homosexuell-„verpartnert“ leben dürfen: Sonst werden sie von der Kirchenführung entlassen. Die staatliche Rechtsprechung in Deutschland respektiert –für mich unverständlicherweise – diese katholischen Sonderrechte.

Die katholische Kirche schafft also heilige Räume und heilige Orte und heilige Menschen, die abgesondert sind von der profanen Welt. Nach Umbau oder Zerstörung von Kirchen muss diese Kirche, wenn sie wieder für Gottesdienste genutzt werden soll, neu geweiht werden: Denn sie war profan, muss also explizit in die Sakralität zurückgeführt werden. Es ist interessant, dass aufzugebende katholische Kirchen niemals direkt in Moscheen umgewandelt werden dürfen. Das wirft ein Licht auf den viel beschworenen Dialog der Religionen. Da hat das katholische Rechtsbuch, der „Codex Iuris Canonici“ § 1222, Klarheit geschaffen: Der Bischof kann die Kirche einem profanen Gebrauch übergeben, aber so wörtlich, einem „nicht unwürdigen Gebrauch“. Das wird gleich zweimal in Absatz 2 dieses Paragraphen, gesagt.

Ein Beispiel: In Amsterdam, an der zentral gelegenen Rozengracht, gab es bis 1971 die katholische Kirche „de Zaaier“, der Sämann, von Jesuiten geleitet. Diese Kirche wurde 1927 errichtet, 1971 dann verkauft, aber nicht an eine muslimische Gemeinschaft, sondern an das Teppichzentrum „Nederlandse Tapijt Centrale“. Und erst durch diese offenbar „würdige“ (?) (kommerziell ertragreiche?) Zwischennutzung konnte die ehemalige Kirche dann weiterverkauft werden an die türkische muslimische Gemeinschaft, die nun über den Umweg sozusagen, die „Fatih Moschee“ dort zur Verfügung hat. Wer das Gebäude von außen betrachtet, wird angesichts der beiden Türme immer noch an die Kirche „Der Sämann“ erinnert… und Innen entdecken Kenner immer noch Elemente der katholischen Kirche.

Die katholische Kirchenführung kann durch ihr eigenes Gesetz Dinge und Menschen der profanen Welt entnehmen und in einen Sonderraum, einen heiligen Raum, überführen. Theologen werden zu Priestern geweiht. Darum ist auch der Austritt aus der heiligen Priesterschaft eine Profanierung. Der „Ex-Priester“ gilt als „Abgesprungener“, als Herausgefallener aus der heiligen Priesterwelt, mit ihren eigenen Gesetzen. Er muss sich nun selbst sehr profan um seinen Lebensunterhalt kümmern und lebt nicht mehr (rundum gesichert) von Spenden (Kirchensteuern) der Gläubigen.

In meiner Sicht ist also das Heilige keineswegs nur das Seltene und Außergewöhnliche oder das Wunderbare, das uns mit Blitz und Donner und Katastrophen förmlich aus der Balance wirft und uns den Boden entzieht und in himmlische Sphären versetzt. Dieses verstörende Monströse oder auch, je nach dem, strahlend Glänzende, kennen wir eher aus science-fiction-Filmen als aus der Realität. Oder stimmt das doch nicht so ganz?

4. Rudolf Otto: Das Numinose und das Heilige

Für das Heilige als einer objektiven „Sonderregion“ in unserer Welterfahrung tritt Rudolf Otto ein, der protestantische Religionswissenschaftler, in seinem ziemlich weltbekannten Buch „Das Heilige“ von 1917: Der Untertitel ist bezeichnend: “Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“.

Irrational meint bei Rudolf Otto eine Art Gefühl des großen Zusammenhangs. Dieses Gefühl hat nicht die Bedeutung, gegen die vernünftige Einsicht zu sein. Otto will das Rationale am Heiligen erweisen. Er möchte angesichts der profanen und banal erlebten Welt einen Sonderbereich in dieser Welt förmlich erweisen und dadurch als etwas ganz Eigenes retten: Nämlich das Heilige, das er für alle (!) Religionen geltend behauptet. Dabei sieht er durchaus Entwicklungen im Sinne des Fortschritts: Es gibt für ihn primitiv Erfahrenes Heiliges und „den Vollklang“, wie er sagt (S. 134), also die höchste Entwicklung, die er – wie zu erwarten – im Christentum sieht. Wichtig ist seine These; Religiöses und Heiliges sind für ihn etwas „Artbesonderes“, also ganz Einmaliges und Abgesondertes. Darüber wird zu diskutieren sein!

Weil aber das Heilige als Begriff vielfältige und populäre Inhalte hat, spricht Otto eher auch vom Numinosen, als einer besonderen Qualität in Objekten der Außenwelt, also außerhalb des Ichs, des Subjekts usw. erscheinend. Das Numinose ist für Rudolf Otto das schauervolle Geheimnis, das Wild-Dämonische, das zur Verzückung und Ekstase führt. Der Mensch erlebt sich angesichts dieser schauervollen Welt (die, so wörtlich, „Gänsehaut“ erzeugt) als klein, als kreatürlich, als unbedeutend usw. Wenn der Mensch dieses abgegrenzte Heilige erlebt: Dann erfasst ihn ein Schauer, ein Zittern, er erlebt Furcht und fühlt sich gleichzeitig angezogen von dem Ungeheuerlich-Wunderbaren. Otto spricht von dem Tremendum und dem Fascinosum. Es ist eine Art Gruseln, das sich beim Menschen zeigt…

Das Numinose hat noch keine Struktur, die zum Denken führt und es ist noch offen in Fragen der Ethik, also schwankend in der Weisung, was denn gut und böse ist für den Menschen. Während das über das Numinose hinaus gewachsene Heilige (vor allem im Christentum erlebt) selbst als der Spitzen-Begriff durchaus zur Reflexion einlädt und auch ethisch das Gute fördert. Otto nennt das Numinose das Gestaltlos Göttliche. Das Heilige hingegen ist so tief, dass es sich jeder verstandesmäßigen Erfassung entzieht. Das Heilige ist also sprachlich nur anzudeuten.

Das Heilige zu erleben ist für Otto eine Art Vorgegebenheit eines jeden menschlichen Lebens, er spricht vom „Apriori“, von einem von vornherein und immer schon Gegebenen im Geist des Menschen. Otto bezieht sich dabei vor allem auf Texte der Religionsgeschichte und dort besonders der Bibel. Er meint, auch der Gott der Bibel habe diesen erschütternden und faszinierenden Charakter.

Ein Hauptproblem sieht Rudolf Otto selbst: Er behauptet zu wissen, dass Menschen, die die Beschreibungen der Bibel von dem Heiligen nicht aus eigenem Erleben kennen, durch sein Buch auch nicht klüger werden, d.h. durch sein Buch auch nicht zum Heiligen hin geführt werden. Otto geht so weit, gleich am Anfang, auf Seite 8 seines Buch „Das Heilige“ zu schreiben: „Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten nicht weiter zu lesen“. Das ist in meiner Sicht, gelinde gesagt, ein grober philosophischer Mangel, dass offenbar das Heilige als das Heilige selbst dem Heiligkeits-Entwöhnten Menschen nicht argumentativ gezeigt werden kann.

In jedem Fall hält Otto das Aufzeigen des Numinosen und dann des Heiligen für so wichtig, um überhaupt von Gott reden zu können: Denn Gott, der biblische Gott, an den er vornehmlich denkt, zeigt sich für ihn im Milieu des Heiligen als der Heilige. Ohne das Erleben des Heiligen, wie es Otto sieht, kann es für ihn keinen christlichen Glauben geben. Darüber wäre zu diskutieren.

Auch vom Buddhismus spricht Otto – ein bisschen: Das Geheimnis in der Lehre des Buddhismus sagt er im Blick auf „buddhistische Mystiker“ sei die Leere, das Nichts. Und Otto behauptet gar: Wer keine innere, religiöse Fühlung hat, dem kann das buddhistische Nichts wie Irrsinn erscheinen (Das Heilige, S. 35). Angesichts der Bauwerke, der Tempel im Buddhismus, stelle sich das Gefühl des Magischen ein; besonders „in den seltsam eindrücklichen Buddha-Gestalten frühchinesischer Kunst“. Und diese Wirkung sei erlebbar auch ohne Kenntnis des Mahayana Buddhismus, schreibt Otto (S. 86). Es entsteht das Gefühl des Erhabenen und Vergeistigt -Überlegenen, diese Gestalten sind transparent auf einen ganz anderen hin. (S. 87). Zum Heiligen im Buddhismus siehe weiter unten den eigenen Beitrag des Buddhismus Lehrers Michael Peterssen. (siehe Nr. 9)

5. Der „heilige Schauer“ und das Unverständliche als Weg zum Heiligen?

Ich muss sagen, dass ich diese Konzeption Rudolf Ottos vom Heiligen als einer fixen Gegebenheit, außerhalb des Menschen gelagert und durch apriorische Strukturen im Geist des Menschen erreichbar, (heute) nicht (mehr) für relevant halte. Das ist alles irgendwie „Buchweisheit“, voller Behauptungen, auch wenn er als Religionswissenschaftler durchaus auch Kenntnisse auf Reisen erworben hat, etwa im indischen Raum. So sehr man das Ziel der Studien Ottos auch anerkennen mag, in einer weithin angeblich säkularen Welt das Heilige als eigene Kategorie zu retten. Der von ihm genannte „heilige Schauer“ wird heute eher im Horrorfilm erlebt und dann aber als gemachter Hollywood Schauer und nicht als Sakrales oder wenigstens Numinoses. Der damals wie heute erfahrenen “Entzauberung“ der Welt wollte Otto eine Wiederverzauberung durch das Heilige entgegensetzen. Aber dieses Heilige rückt er in die Ecke des Unverständlichen. Das wird deutlich, wenn man Ottos Lobeshymnen auf die lateinische Messe liest oder auf die Verwendung des Altslawischen in der russisch-orthodoxen Liturgie, die kein Teilnehmender versteht und eigentlich als mysteriös im Weihrauch erstickend erlebt. Das Unverständliche mit dem Heiligen zu verbinden ist problematisch. Der Katholizismus hat die lateinische Sprache aus der Messe weithin vertrieben. Das göttliche Geheimnis ist so groß, dass es sich nicht in unverständlichen Sprachen verstecken muss. Nur die reaktionären (meist antidemokratischen, wie in Frankreich) Pius-Brüder halten an der lateinischen Sprache in der Messe fest: Heiliges ist, so sagen manche Kritiker, dann eben unverständlich genutscheltes Latein des Priesters…

Ich verweise weiterführend auf die römische Liturgie: In der dort zentralen „Wandlung“ des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Christi: Da werden diese beiden Elemente vom Priester, der als einziger „wandeln“ darf, längere Sekunden ganz sichtbar hochgehalten, die Gemeinde der Laien kniet nieder, Ministranten läuten ihre Glöckchen, alle Musik verstummt, es ist ein Moment der Stille, wo Christus, so die Lehre, selbst in diese Kirche gelangt. Da erleben etliche Menschen sicher Heiliges, mag sein.

Reste des heiligen Brotes, also des Leibes Christi, werden als solche im Tabernakel verwahrt, sie dürfen nicht als Reststückchen nach dem Gottesdienst wie in den evangelischen Kirchen aufgegessen werden. Den Wein als Blut Christi trinkt der katholische Pfarrer übrigens immer für sich allein. Auch die größeren Wein-Reste… Das ist das Privileg des Klerus. Jan Hus (und Luther) kämpfte im 14. Jahrhundert schon um den Laienkelch, um die Sonderstellung des Klerus aufzuheben, hat aber nichts genützt. Hus wurde 1415 verbrannt…

6. Wo und wann wir Heiliges im Alltag erleben und pflegen sollten

Wichtiger scheint mir, nach der Anwesenheit von Erfahrungen der Heiligkeit heute zu suchen: Dies nicht, um einer neuen Religiosität auf die Spur zu kommen, sondern um philosophisch im Denken zu erleben: Menschen suchen auch heute aus dem Alltag herauszufinden in die besonderen, die einmaligen und erhebenden Dimensionen. Ob diese dann immer hilfreich und heilsam sind für ein mündiges Leben, ist eine andere Frage. Aber es gibt diese erhabenen, vielleicht auch schauervollen oder faszinierenden Momente im Leben.
Das kann die Musik sein. Sie erhebt in eine andere Welt. Dazu gibt es zahllose Stellungnahmen „großer“ Musiker. Jeder von uns hat seine Lieblingsmusik(en), die man immer wieder hört und dabei, wenn die Musik wertvoll ist, immer wieder Neues entdecken lässt.

Die Kunst. Da denke ich besonders an die Kunstwerke in unseren Wohnungen: Sie sind ja meist bewusst ausgewählte Kunstwerke, alles andere als bloße Garnierung kahler Wände. Da haben wir uns einen meditativen Blickfang geschaffen, vor dem wir betrachtend doch manchmal verweilen und in die Welt des Kunstwerkes hineingeführt werden, .d.h. also aus der profanen Wohnung herausgeführt werden. Ich denke jetzt auch, und das ist keineswegs als Plädoyer für Kitsch gemeint, an den kleinen Hausaltar: Das haben ja auch viele, vielleicht eine Ecke mit den Fotos der verstorbenen Eltern, mit einer Kerze. Oder ein religiöses Symbol, eine Christusdarstellung oder eine Buddha-Figur, die man solche schätzt und nicht als Accessoire missversteht.

Die Natur. Da brauche ich gar nicht viel zu sagen: Normalerweise verreisen wir in die Natur, suchen in er Natur Entspannung und Ruhe und eben nicht machen wir Urlaub in den Hochhaussiedlungen oder in den verfallenen Straßen von Detroit oder in der Nordstadt von Dortmund. Wir suchen die Natur als Wald, als Wasser, als Quelle, als Lebensquelle, wenigstens als Park.

Der Sonntag. Das wäre auch ein bedenkenswertes Thema, passend zur Frage nach den Unterbrechungen in der Profanität: Sollen wir einen Tag bewahren in der Woche, an dem Nichts-Tun gilt und Sich Besinnen und Feiern? Vielleicht muss der Sonntag aus der Profanität befreit werden? Erst wieder neu erfunden werden? Meine Meinung: Ohne den Sonntag gibt es eigentlich keine Gliederung der Woche und damit des Monats mehr, und in dem Sinne auch keinen Alltag, weil eben dann alles Alltag geworden ist. Und „Alltag“ steht dem Begriff des (hier negativ gefärbten) bloß Profanen sehr nahe.

Auf heilige Orte, so genannte Wunderorte , will ich jetzt nicht eingehen, also nicht von wunderbaren Erscheinungen Marias in Fatima und Lourdes reden. Da ist alles eher mysteriös und sehr „gemacht“ vom Klerus. Bekanntlich wurden die dortigen Seherkinder sehr schnell in entfernte Klöster usw. abgeschoben. 2017 sind es 100 Jahre her, dass Maria höchst persönlich vom Himmel herabstieg und den Kindern in Fatima „erschien“. Ich empfehle als Lektüre: Jürgen Alberts, Fatima. Rowohlt Verlag, auch antiquarisch.

7. Das Zentrum aller Heiligkeits-Debatten: Die Sakralität der Person

Mir ist in der Philosophie am wichtigsten, von der Sakralität der Person zu sprechen. Darüber hat der jetzt in Berlin lebende Soziologe und Philosoph Hans Joas ein Buch unter dem gleichen Titel veröffentlicht (Suhrkamp Verlag 2011), er bezieht sich dabei auf Einsichten des französischen Religionssoziologen Emile Durkheim (1858-1917) (im Joas-Buch ab Seite 82ff). Seine These: In der Moderne sollten wir an die hoch heiligen Menschenrechte glauben und an die in ihnen grundsätzlich immer mit gemeinte absolute und unantastbare und deswegen heilige Menschenwürde eines jeden Menschen. (Dass Menschenrechte permanent auch von so genannten Demokratien wie den USA missbraucht wurden und werden, brauche ich hier nicht eigenes zu betonen. Menschenrechte gelten selbstverständlich auch im Falle ihres ständigem Missbrauchs. Logik gilt ja auch, wenn fast niemand mehr 4 dividiert durch 0,274 berechnen kann…) Die Qualifizierung des Menschen als einer „sakralen Person“ darf keineswegs als Plädoyer für eine neue Konfessionalisierung des menschlichen Wesens oder als eine religiöse Verschleierung oder Überhöhung des Daseins verstanden werden. Sakralität, so betont Joas, hat etwas mit Heiligem zu tun, und die Erfahrung und Geltung des Heiligen liegt allem Religiösen (schon gar dem konfessionell Religiösen) voraus! Wenn Kant in seiner Philosophie, etwa in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“, von der „Würde“ des Menschen spricht, erwähnt er auch die „Heiligkeit“ des menschlichen Wesens. „Würde“ hat keinen Preis, sie kann nicht erworben, schon gar nicht gekauft, kann auch nicht durch Willkür anderer beseitigt werden. Menschliche Würde ist mit dem Dasein selbst immer und überall da, sie steht für sich selbst, sie ist nicht menschlich verfügbar: Wer in dieser Weise von der unantastbaren Menschenwürde spricht, der denkt, so Kant, wie von selbst auch an die Heiligkeit, im Sinne des Erhabenen, also des über den Menschen und ihrem Zugriff Stehenden. Im Erleben der eigenen Person wie der Personenwürde anderer tritt deutlich zutage, was man das Heilige nennen könnte: Nur ein Beispiel: Im ungerechten Leiden anderer Personen, etwa der gefolterten Widerstandskämpfer gegen diktatorische Gewaltherrschaft, können Menschen erleben, wie sich in ihnen vor allem in der Empathie mit den Opfern eine starke Überzeugung auch emotionaler Art bildet. Sie ist so etwas wie eine umfassend intellektuelle Kraft. Sie sagt absolut Nein zu dem Unrecht, zur Folter, zur Qual. Warum? Weil da die Heiligkeit und Unverletzbarkeit der Person, ihre Unantastbarkeit, verteidigt werden soll.Dieser Einsatz für die Sakralität ist nichts anderes als das konkrete Engagement für die Menschenrechte; diese sind selbstverständlich stetig weiter zu entwickeln, wie auch die Demokratie niemals etwas Fertiges ist.

Hans Joas lässt sich von dem französischen Soziologen und Ethnologen Emile Durkheim (1858 – 1917) inspirieren, der in seinen zahlreichen Studien, vor allem im Erleben des antisemitischen Dreyfus – Skandals, von der universalen Menschenwürde als der „Religion der Moderne“ sprach (etwa in seinem Aufsatz „Der Indvidualismus und die Intellektuellen“, von 1898). Durkheim schreibt: „Die menschliche Person wird als heilig betrachtet, sozusagen in der rituellen Bedeutung des Wortes. Sie (die Person) hat etwas von der transzendenten Majestät, welche die Kirchen zu allen Zeiten ihren Göttern verleihen…Wer auch immer einen Menschen oder seine Ehre angreift, erfüllt uns mit einem Gefühl der Abscheu, in jedem Punkt analog zu demjenigen Gefühl, das der Gläubige zeigt, der sein Idol profaniert sieht“. (Joas, S. 82f). Die Sakralität ist für Durkheim die allgemeine, die menschliche Spiritualität! Sie gilt für Gläubige und konfessionell nicht – gläubige Menschen… Die Frage ist natürlich, wie es gelingen kann, in der zunehmend anonym werdenden Massengesellschaft Menschen darauf aufmerksam zu machen: Ihr seid eigentlich von sakraler, also heiliger Würde? Diese Einsicht – auch pädagogisch für alle Altersklassen – zu vermitteln ist genauso wichtig wie das Engagement für die universale Geltung der Menschenrechte und damit der Demokratie. Menschenrechte sind also nicht nur eine „Verhandlungsmasse“ auf politischer Ebene, oft vom Kalkül bestimmt und aufgrund ökonomischer Zwänge allzu häufig verraten und vernachlässigt. Menschenrechte haben eine eigene „Aura“; sie bleiben selbstverständlich der vernünftigen Argumentation verpflichtet. Aber es ist die Vernunft selbst und nicht irgendeine religiöse Phantasie, die die Erkenntnis erschließt: Die Menschenrechte sind etwas Besonderes „Sakrales“ und absolut zu Verteidigendes.

Wie weit die (immer weiter zu entwickelnden) Menschenrechte zum Kernbestand religiösen Glaubens werden können, ist eine dringende Frage: Die Menschenrechte gehören ins Zentrum der Religionen, sie sollten in Predigen erschlossen und den Menschen gelehrt werden. Wir meinen: Nicht das tausendfache Alleluja in den charismatischen Kirchen und Pfingstgemeinden hilft aus der tiefen Krise, sondern sich das Besinnen auf die gemeinsame, gemeindliche Gestaltung de Menschenrechte. Das gilt natürlich auch für Deutschland, angesichts des Elends so vieler Armer, so vieler Flüchtlinge usw.

Ich meine: Wir brauchen heute weniger Religion und mehr Auseinandersetzung mit den Menschenrechten, mehr das Erleben, dem anderen und den anderen ins Antlitz zu schauen, ihn zu schätzen und zu pflegen… dies täte uns (auch den Kirchen) gut. Die Kirchen verlassen dabei nicht „ihren“ Bereich. Denn, siehe oben, die Menschenrechte sind heilig. Es gilt also, eine neue Form der Heiligkeit zu pflegen. Am 14.12. 2016 ist im Alter von 95 Jahren ein mir gut bekannter Kardinal und Befreiungstheologe aus Sao Paulo, Brasilien gestorben. Kardinal Paulo Evaristo Arns hat mir in einem Interview 1985 in gewisser sein bleibendes Vermächtnis mitgeteilt, das auch philosophisch bedeutsam ist: „Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“ (Kardinal Arns, Sao Paulo).

8. Der alles gründende, sich entziehende Grund als das wahre Heilige

Dieses Heilige zeigt sich, wenn man die grundlegende philosophische Frage bedenkt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?Also: Warum ist Etwas und dann das Ganze, in dem sich das Etwas „aufhält“? Warum bin ich, warum sind wir als Teil dieses Ganzen, das wir nur nennen, nicht aber als ganzes umgreifen und damit definieren können? Aber wir stellen doch diese Frage, auch wenn wir keine definitive Antwort und Definition erhalten. Wir stellen die Frage nach dem Gründenden. Ist denn etwas denkbar, ohne „etwas Gründendes“, das als solches ganz anders sein muss als alle Einzelteile (Etwas) in dieser Welt. Diese Frage führt zu dem Erstaunlichen. Manche nennen dies, im Unterschied zu einem Rätsel, das als (wissenschaftliches) Rätsel immer „auflösbar“ ist, das bleibende Geheimnis.

Aber das ist nur die „Objekt-Seite“ dieser Frage, die ins bleibende Geheimnis und damit ins Heilige führen kann..

Es gibt auch die subjektive Seite: Denn immer bin ich es, der diese Frage stellt. Und zwar kraft meiner Vernunft (Geist), vielleicht angestoßen durch Gefühle, die aber dann Wort werden sollten kraft der Vernunft. Also ich denke diese Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“. Ich bin also in der Vernunft über das „Etwas“ schon hinaus, bin nicht eingebunden in die Objekt-Welt der vielen Etwas. Und ich erlebe in bestimmten Momenten, auch in der Kunst, der Musik, manchmal der Religion, wie dieses in der Vernunft angestrebte Gründende tatsächlich als solches „hervorbricht“. Wie also dieses bleibende Geheimnis sich mit mir (und jedem Menschen kraft der Vernunft) verbindet. Und vielleicht verbündet. Wie also dann doch eine schwache Antwort auf die genannte Frage erscheint: Wir Menschen sind auf das bleibende Geheimnis bezogen. Wir werden es nie greifen. Aber wir leben und denken in dessen Nähe. Vielleicht der bleibenden Nähe des Göttlichen. Um das wiederum zu wissen, muss diese (göttliche) Nähe bereits immer schon in uns sein. Manche sagen Göttliches, Gott, ist Mensch (geworden).

9. Ein weiter führender Hinweis von Michael Peterssen, Lehrer für Buddhismus in Berlin und Teilnehmer in unserem Salon, verfasst nach unserem Gespräch im Salon: „Zu unserem Thema fiel mir aus buddhistischer Sicht als erstes ein, wie ein chinesischer Herrscher der Legende nach einen buddhistischen Mönch fragte, was denn der Kern seiner Botschaft sei. Der soll daraufhin kurz und bündig geantwortet haben: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Im Buddhismus ist sehr wenig von heilig die Rede, und so musste ich gestern Abend eine Menge „Übersetzungsarbeit“ leisten. Im Laufes des Gespräches ist mir dann aber aufgefallen, dass es im Buddhismus doch einiges gibt, was der Sache nach heilig genannt werden könnte, z.B. kanonische Schriften (z.B. darf man die bei traditionellen tibetischen Buddhisten auf keinen Fall auf den nackten Boden legen); Sprachen wie Sanskrit, Pali, Sino-Japanisch; die Drei Juwelen, d.h. den Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der (ordinierten) Praktizierenden; Tempel; Altäre; alles, was mit der Erleuchtung / dem Erwachen zu tun hat. Ich habe neulich mal nachgerechnet und festgestellt, dass ich zusammengenommen wohl etwa drei Jahre meines Lebens auf Seminaren im Schweigen verbracht habe. Obgleich ich vielerlei Meditationserfahrungen hatte, so hatte ich interessanterweise nie das Gefühl, etwas Heiligem oder Überweltlichem begegnet zu sein. Ich habe diese Erlebnisse immer als das Erschließen  einer anderen, sicherlich wertvollen  Dimension meines Daseins in dieser Welt verstanden“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Philosophen als Flüchtlinge.

4. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Die Wahrheit findet sich in der Fremde

Dieser Beitrag von Christian Modehn wurde in leicht veränderter Form in der Zeitschrift INSPIRATION, Ausgabe IV/2016 veröffentlicht. Weitere Hinweise zum Heft am Ende dieses Artikels.

1.

Flüchtlinge müssen immer Lernende sein. In einem neuen, nicht frei gewählten Umfeld verändern sich die inneren und äußeren Bedingungen (selbst)kritischen Denkens. Das gilt besonders, wenn Philosophen Flüchtlinge sind. Aber das Thema „erzwungener Ortswechsel“ als Ursprung neuen und anderen Philosophierens wird in der Philosophie kaum beachtet. Dabei geht es um die zentrale Frage: Wie philosophisches Denken von einem bestimmten Ort und einer bestimmten Kultur eines Landes mitbestimmt wird. Denn eine völlige „Abschottung“ von dem neuen Lebensraum ist fürs Philosophieren weder möglich noch sinnvoll. Der Philosoph Dieter Henrich hat in seinem Buch „Werke im Werden. Über die Genesis philosophischer Einsichten“ (2011) dieses Thema berührt, aber er hat sich konzentriert auf die „plötzlichen, außerordentlichen Einsichten“ als Ursprung individuellen Philosophierens. In seiner „Philosophie der Philosophie“ erinnert er an die „geschenkten“ Evidenzen, die alles Denken eines Philosophen bestimmen. Auf die Bedeutung des Ortes, der Landschaft, des Staates, fürs Philosophieren wird nicht hingewiesen.

Eine Liste der Philosophen ist leicht zusammenzustellen, die zum Ortswechsel gezwungen wurden und als Flüchtlinge – für immer oder längere Zeit – aus ihrer Heimat fliehen mussten: Descartes, Hugo Grotius, Comenius etwa. Im 20. Jahrhundert sind es jüdische Philosophen, die fliehen müssen: Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Hans Jonas und Walter Benjamin., Ernst Cassirer und Karl Popper. Etliche Philosophen mussten während der Franco-Diktatur Spanien verlassen. Seit etwa 1970 sind es Philosophen aus muslimischen Kulturen Nordafrikas, die in Europa Zuflucht suchen müssen und dort in Freiheit vernünftige Interpretationen des Islams bieten.

Aber im Blick auf die lange Geschichte der Philosophie drängt sich die These auf: Die meisten Philosophen waren eher sesshaft. Man denke an Martin Heidegger, der kaum aus dem Schwarzwälder Raum herausfand, von Immanuel Kant in Königsberg ganz zu schweigen. Oder waren Philosophen so staatskonform, dass es gar keine Veranlassung zur Flucht gab? Für Heidegger trifft das zu, für Kant nicht. Es gibt natürlich auch das Phänomen von Fluchtbewegungen innerhalb des eigenen Landes: Voltaire musste sich dem Zugriff der Herrschaft des absolutistischen Regimes oft entziehen.

2.

Hannah Arendt (1906 in Linden bei Hannover geboren, 1975 in New York gestorben) ist eine Philosophin, deren Denken von Vertreibung und Flucht geprägt ist. In Deutschland hatte sie 1928 bei Karl Jaspers ihre Doktorarbeit über den „Liebesbegriff bei Augustin“ geschrieben, ein Versuch, den Kirchenvater existentialphilosophisch zu interpretieren. Über die jüdische Salonnière Rahel Varnhagen und das Problem der Assimilation der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sie noch in Deutschland ihre Habilitationsschrift verfasst.

1933 musste Hannah Arendt als Jüdin Deutschland verlassen.

In Paris angekommen, engagiert sie sich zugunsten zionistischer Vereinigungen. Als Flüchtling in Frankreich beginnt förmlich ihre starke Bindung an politische Zusammenhänge.

Als unter Marschall Pétain ihr Aufenthalt in Frankreich immer bedrohlicher wird, flieht sie nach Lissabon und kommt im Mai 1941 in New York an. Dort macht sie zunächst die Erfahrung: Als Verfolgte nicht willkommen zu sein und zudem, noch schlimmer, als staatenlos zu gelten. 1937 wurde sie von Nazi-Deutschland ausgebürgert. Erst im Dezember 1951 wird sie us – amerikanische Staatsbürgerin. Seit 1953 kann sie an verschiedenen Universitäten der USA lehren; zuletzt, seit 1967, als Professorin an der „New School for Social Research“ in New York.

Entscheidend ist: Hannah Arendt lebt 14 Jahre lang rechtlos, ist auf Duldung angewiesen. Sie fordert dringend, ein Flüchtling habe das „Recht, Rechte zu haben“. Das Wort Flüchtling hat in den USA und anderswo damals schon den Klang des Verdächtigten und Unglückseligen. Ein Flüchtling ist kein Ehrfurcht gebietender „Held“, den die Aufnehmenden hegen und pflegen. Denn heute sei der Geist des Nationalen stärker als der Geist universaler Humanität, meint Arendt. Es seien die immer noch bestehenden Nationalstaaten, die in ihrer Abgrenzung von „den anderen“ die Krise umfassender Menschlichkeit erzeugen.

Die Erfahrungen der Flucht und das Leben in einem gar nicht so freundlichen Zufluchts-Land verändern definitiv Arendts Denken: Sie will sich nicht mehr in einer eher abstrakten philosophischen Weise äußern. Schon 1951 schreibt sie in einem Brief an Eric Voegelin, „dass irgendetwas in unserer philosophischen Tradition nicht in Ordnung ist…“(1), gemeint ist Abgehobenheit im Umgang „ewiger Prinzipien“.

Ihre Existenz als Flüchtling führt also zu einem neuen Selbstverständnis: Sie ist „Wissenschaftlerin für politische Theorien“ und distanziert sich dabei von der Philosophie: In dem weit verbreiteten Fernseh-Interview mit Günter Gaus (1964) betont sie: „Meine Meinung ist, dass ich keine Philosophin bin. Ich habe meiner Meinung nach der Philosophie endgültig valet gesagt. Ich habe Philosophie studiert. Aber das besagt ja noch nicht, dass ich dabei geblieben bin“. Sie meint, es gebe gar bei den meisten eine Feindseligkeit gegen alle Politik: „Das will ich nicht. Ich will an der Feinseligkeit gegen Politik bei Philosophen nicht Anteil haben“ (2). In einer Vorlesungsnotiz in den USA definiert sie die Philosophie als „Liebe zum Sein“, also – klassisch – als kontemplative Schau. Philosophie, meint Arendt, lebt wesentlich im Rückzug aus der unruhigen Welt. Die politischen Wissenschaftler hingegen, so sagt sie, haben eine „Sorge um die Welt. Wir fürchten, dass der Welt der Menschen etwas zustoßen kann“ (3)

Dabei ist klar, dass Hannah Arendt selbstverständlich ihre hohe philosophische Reflexionskraft bewahrt hat. Man denke nur an ihr großes Buch „The Human Condition“ (1958), auf Deutsch „Vita activa“ (1960). Aber Philosophieren gibt es für sie nur noch, wenn Gedanken in einen kritisch – reflektierten politischen Zusammenhang gestellt werden. Erst 1943, so berichtet sie, habe sie die Wahrheit von Auschwitz erfahren: „Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet… Dies hätte nie geschehen dürfen. Ich meine die Fabrikation der Leichen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden“ (4). Aber Hannah Arendt kann Worte finden für das Grauen, um eine mögliche Wiederkehr des totalen Verlustes der Menschlichkeit zu verhindern. 1951 erscheint ihr grundlegendes Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, 1955 liegt es auch auf Deutsch vor. Dieses Buch hat viel Aufmerksamkeit gefunden, auch in Deutschland im Zusammenhang des Eichmann-Prozesses 1961. Hannah Arendt war bei dem Prozess dabei und schrieb ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“. Sie meint, durchaus provozierend, dass Eichmann die „Banalität des Bösen“ repräsentiere. Damit wollte sie – entgegen vielfacher und tief verletzender Polemik – gerade NICHT den Völkermord an den Juden durch die Nazi Herrschaft als banales Geschehen darstellen. Sie betont: Einer der Hauptakteure der Juden-Vernichtung, Adolf Eichmann, sei eigentlich nicht ein unbeschreibliches Monster oder ein undefinierbarer Teufel oder sonst etwas Mysteriös – Bedrohliches! Sondern: Eichmann ist ein banaler Durchschnittstyp, ein auf Gehorsam und Befehle empfangen und Befehle weitergeben fixierter Bürokrat. Hannah Arendts Eichmann Buch ist aber zugleich ein Bekenntnis zur Freiheit des Menschen. Und dieser menschliche Mensch besitzt immer die Fähigkeit, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Bei Eichmann ist diese Fähigkeit der Verantwortung aber in einem langen Prozess der ideologischen Indoktrination systematisch getötet worden. Das ist das eigentlich Böse, dass diese Form des Absterbens von Verantwortung und Freiheit immer wieder (bei allen Menschen) passieren kann. Das banale Böse ist in Hannah Arendts Sicht wiederholbar. Die so genannten Zuverlässigen, die Treuen, die Stützen und gehorsamen Bürger sind diejenigen, die dem moralischen Zusammenbruch eben NICHT widerstehen. „Viel verlässlicher sind die Zweifler und Skeptiker, … weil sie daran gewöhnt sind, Dinge zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden…“(5)

3.

Der französische Protestant Pierre Bayle fand 1681 in den Niederlanden Zuflucht. Er nannte Holland „die große Arche der Flüchtlinge“. Bis zu seinem Tod 1706 lebte er in Rotterdam, als freier Mann, der hier ohne ständige Angst vor Verfolgung seine Bücher selbstverständlich auch publizieren kann. Bayle stammte aus einer Pastorenfamilie aus dem Ariège, Südfrankreich. 1647 geboren, studierte er als Protestant bei den Jesuiten in Toulouse, entdeckte die katholische Glaubenswelt und entschloss sich 1669, zum Katholizismus zu konvertieren. Diese Entscheidung machte er aber einige Monate später rückgängig: Er meinte, katholische Glaubenspraxis hielt der philosophischen Vernunftkritik nicht stand. Bayle galt nun als „Rückfälliger“. Er musste nach Genf flüchten: Dort studierte er Theologie und Philosophie. Etliche Jahre konnte er danach noch an der Hochschule der Protestanten im französischen Sedan lehren, bis unter Ludwig XIV. die Toleranz zugunsten der Protestanten, beschlossen im Edikt von Nantes 1598, nichts mehr galt. Von den 700.000 französischen Protestanten konnten ca. 200.000 fliehen. In Rotterdam lehrte er an einem Gymnasium, der „Ecole illustre“. Die niederländische Sprache brauchte er – wie andere Flüchtlinge aus Frankreich – nicht zu lernen, viele Niederländer Französisch gern sprachen. Auch wenn Bayle über das schlechte, kalte Wetter dort klagte und etwa den großen Bierkonsum in seiner neuen Heimat kritisierte: Wirkliche Schwierigkeiten bereiteten ihm nur konservative Theologen aus Frankreich, wie der calvinistische Theologe Pierre Jurien. Er sorgte mit maßlosen Intrigen dafür, dass Bayle im Jahr 1693 seinen Posten als Dozent verlor. Aber er konnte, verbunden in einem weiten Korrespondenten-Netz, die Themen ausbauen, die ihn schon in seiner Heimat bewegt hatten. Er gilt bis heute als einer der wichtigen Philosophen der Aufklärung, seine Thesen wurden am Preußischen Hof (in den Salons von Königin Sophie Charlotte) diskutiert. Auch Leibniz setzte sich intensiv mit Bayle auseinander. Seine vielfältigen Publikationen sind letztlich Variationen über das zentrale Thema: Wie ist die Beziehung von menschlicher Vernunft und christlichem Glauben zu denken? Diese Frage ist heute aktueller denn je. Heilig ist für Bayle das Gewissen, es ist der Ort, wo der Mensch Gott begegnet. Wer seinem Gewissen zuwider handelt, verrät gleichzeitig Gott. Auch Atheisten folgen ihrem Gewissen und können das Gute erkennen, betont Bayle, der selbst nicht dem Atheismus zuneigte, wie heutige Forschungen klarstellen. Ein strenggläubiger Protestant war er aber auch nicht. Von der philosophischen Vernunft her wollte er die Frage nach dem genau beschreibbaren Wesen Gottes offen lassen, er meinte: Allein im Glauben kann Gottes Wirklichkeit erreicht werden. Vernunft kann niemals Religion ersetzen. Denn der Glaube wendet sich dem Bereich zu, den die Vernunft nicht erreichen kann. So wollte er für die Eigenständigkeit von Vernunft und Religion sorgen. Allerdings war für ihn klar, dass mit der Vernunft alle Formen des verdinglichten Aberglaubens zurückgewiesen werden müssen, etwa der volkstümliche Aberglauben, dass Gott in einem Gewitter „spricht“. In Holland erlebte er einen damals insgesamt ungewöhnlichen, staatlich gewollten religiösen Pluralismus. Nicht nur verschiedene protestantische Kirchen wurden toleriert, auch Katholiken und Juden und prinzipiell auch Muslime. Diese Freiheit prägte Bayles Denken, und man ist froh, dass er nicht in Frankreich bleiben musste, sonst wäre dieser große Geist ermordet worden. In seinem schon damals viel beachteten und geschätzten „Historischen und Kritischen Wörterbuch“ (1692 in Amsterdam erschienen, in Frankreich verboten) ist unter allen Beiträgen einer der längsten Artikel über Mohammed. Dabei wird deutlich, wie sehr Bayle ausführliche mittelalterliche Quellen studierte. Religiös motivierte Bereitschaft zur Gewalt sieht er nicht so sehr bei Muslimen, sondern eher unter Christen: „Sie haben von Jesus den Befehl erhalten zu predigen und zu lehren! Und trotzdem, seit sehr langen Zeiten, zerstören sie mit Feuer und Schwert jene, die nicht zu ihrer Religion gehören“. Er denkt dabei auch an die blutigen Verfolgung von Protestanten durch den katholischen König Ludwig XIV. – Bayles Bruder, auch er ein Protestant, kam im Gefängnis um. Die Gefahr ist für Pierre Bayle groß, „dass Katholiken in höheren staatlichen Ämtern ihre Machtpositionen missbrauchen, um erneut die Andersdenkenden zu verfolgen“, betont der Bayle-Spezialist Yves Bizeul (6). „Für ihn konnte es also eine pragmatische, überlebensnotwendige, eine nicht tolerante Haltung gegenüber den Intoleranten geben“. Aber: Wichtiger als alle Kirchenbindung war für Bayle die praktisch gelebte, allgemein menschliche, vernünftig begründbare Moral, die in der Toleranz ihren Ausdruck findet. Zu einer solchen Aussage konnte er nur als Flüchtling in einem freien Land kommen.

4.

Heute sind Philosophen, die Flüchtlinge sind, in der muslimischen Religion in Nordafrikas, Pakistan oder im Iran groß geworden. Sie haben sich den dogmatischen Denkverboten widersetzt, haben ihre Vorschläge offen gesagt, wurden verfolgt und mussten nach Europa fliehen. Erst dort konnten sie einen „liberalen Islam“ entwickeln.

Die Liste der islamischen philosophischen Flüchtlinge ist lang: Nur drei herausragende Professoren sollen hier genannt werden, ihre Arbeiten zu einem vernünftigen Verständnis des Korans sind auch auf Englisch, Deutsch oder Französisch zugänglich sind: Mohammed Arkoun (1928 in Algerien -2010 in Paris), Nasr Hamid Abu Zaid (1943 in Ägypten– 2010 in Kairo gestorben; Ägypten besuchte er kurz vor seinem Tod, nach Holland musst er 1995 fliehen) und Fazlur Rahman (1919 in Pakistan – 1988 in Chicago). Typisch für diese muslimischen Philosophen ist die Anwendung der historisch-kritischen Deutung des Koran. Ein Zitat aus einem Radio-Interview mit Abu Zaid, das ich 2009 in Berlin führte: „Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. Wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“ (7).

„Humanistischer Islam“ ist ein dringendes Projekt, dem sich andere Muslims in Europa verpflichtet wissen, die beste Kenner des Korans sind und, philosophisch geschult, auch als Politologen in Europa tätig sind: Zu diesem Kreis gehört etwa Prof. Elham Manea, Zürich (8). Sie ist in arabischen und westlichen Ländern aufgewachsen. In Zürich und Bern gehört sie zu den Gründerinnen eines humanistisch-islamischen Studienkreises. Sie sagte mir in einem Radio-Interview 2009: „Ich bin in erster Linie Humanistin, dann Araberin und an dritter Stelle Muslimin“. Diese Rangordnung hält sie für wichtig und dem Frieden dienend. Als Professorin an der Universität Zürich hat sie den Mut, öffentlich das dringendste Thema zu besprechen, die „Natur“ des Korans: „Wenn wir eine Reformation des Islam wirklich durchsetzen wollen, müssen wir auch mit der Natur des Koran umgehen. Es geht um eine menschliche Natur des heiligen Textes. Denn die Koranverse wurden von Menschen gesammelt, von Menschen geschrieben“ (9).

5.

Philosophen, die Flüchtlinge sind: Das Thema wird so lange aktuell bleiben, als Ideologien und Religionen einen absoluten Wahrheitsanspruch auch nach außen vertreten und machtvoll durchsetzen. Erst die Anerkennung der kritischen Rolle der Vernunft kann Religionen zu Orten der Menschlichkeit und Toleranz machen. Dann wird es keine Flüchtlinge mehr geben, sondern nur noch Reisende.

 

Quellenangaben:

(1)Karl-Heinz Breier, Hannah Arendt. Hamburg, 2011, S. 63.

(2) Zit. aus dem empfehlenswerten Heft „Hannah Arendt“, Philosophie Magazin 2016, S. 17.

(3) wie (1), Seite 55.

(4) wie (2), S. 25.

(5) in einem Beitrag von Ingeborg Nordmann in Freibeuter, Vierteljahreszeitschrift, 1988, S. 92.

(6) Pierre Bizeul, Pierre Bayle – Vordenker des modernen Toleranzbegriffes, dort S. 83 f. In: http://www.wiwi.uni-rostock.de/fileadmin/Institute/IPV/Lehrstuehle/Politische_Theorie/Yves_Bizeul/ToleranzBizeul.pdf

(7) Radio Interview, NDR, Reihe „Lebenswelten“, Titel: Humanistischer Islam, am 7. März 2010.

(8) Elham Manea, Ich will nicht mehr schweigen: Der Islam, der Westen und die Menschenrechte. Freiburg i.Br. 2009

(9) wie (7)

WEITERLESEN: INSPIRATION. Ein Heft zum Thema FLUCHT. Winter 2016, Grünewald-Verlag. Weitere Informationen zum Heft: http://www.schwabenverlag.de/4zeitsch/meditation/akt/inspiration-Inhaltsverzeichnis-2016-4.pdf

Email: inspiration@schwabenverlag.de     www.runewaldverlag.de

 

 



Die Bibel und die Philosophen. Ein neues Sonderheft des „Philosophie Magazin“

1. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Seit einigen Tagen sind wir eingeladen, uns erneut in das Verhältnis von Bibel und Philosophie zu vertiefen. Die Philosophin Catherine Newmark hat jetzt ein Sonderheft der Zeitschrift „Philosophie Magazin“ herausgegeben. Sie folgt in der Gestaltung der Anordnung der biblischen Texte in der hebräischen Bibel, einer Anordnung, die ja nicht der Entstehungsgeschichte der einzelnen biblischen Bücher entspricht. Bekanntlich wurde vom Exodus viel früher gesprochen und geschrieben als von der Erschaffung der Welt. Aber diese hier gewählte Form ist für den Leser auch praktisch, weil zu jedem Themenkomplex der biblischen, d.h. hier immer „alttestamtlichen“ Bücher zahlreiche Zitate von Philosophen gesetzt sind, sozusagen als Impuls, weiterzudenken und zu forschen. Um nur einige Philosophen zu nennen: Peter Sloterdijk mit einem sehr lesenswerten Kurzbeitrag zur „Erbsünde“ (die ja als Lehre nicht mit dem Judentum verbunden ist), vertreten sind weiter unter anderen Kant, Buber, Rosenzweig, Herder… Man wundert sich und bedauert es sehr, dass nicht wenigstens ein Zitat von Emmanuel Lévinas zu finden ist. Der Philosophie-Begriff wird dabei von der Herausgeberin durchaus zu recht ein bisschen großzügig verstanden, wenn sie etwa auch Sigmund Freud, Umberto Eco oder Heinrich Heine zu Wort kommen lässt. Es hätte dem Heft gut getan, auch Künstler zu zitieren; denn die äußern sich ja bekanntermaßen oft auch philosophisch, also etwa Marc Chagall oder Vincent van Gogh, um nur zwei (allzu sehr) prominente Maler zu nennen.

Wertvoll und weiterführend sind die Interviews, besonders wichtig für mich das Gespräch mit der Philosophin Susan Neiman, Potsdam. Treffend und aktuell ihr Plädoyer für den Vorrang der Vernunft vor den religiösen Weisungen: “Letztlich geht Ethik vor Religion“ (S. 7). Die katholische Theologin Saskia Wendel (Köln) betont zur Schöpfung der Welt: „Zentral für die Bibel ist die Schöpfung aus dem Nichts, also eine Initiation von Sein aus Gott selbst heraus“ (S.12). Und Gott lässt die Welt nicht “allein“: „Er ist ein geschichtsmächtig handelnder Gott, er interagiert mit dem Volk Israel, und er interveniert in das Weltgeschehen“ (S. 12). An dem Punkt hätte man sich weitere Klärungen gewünscht: Handelt Gott also durch Wunder, greift er mal hier und mal dort ein? Wann hat er „nachweislich“ in das Weltgeschehen eingegriffen? Oder sind solche vernünftigen Fragen infam? Ist solch ein sehr personales Gottesbild, das hier einfach den Aussagen der Bibel wörtlich folgt, noch vermittelbar? Bei solchen nur knapp angedeuteten Fragen plädiere ich doch eher für einen philosophischen. d.h kritischen Gottesbegriff, von dem sich Saskia Wendel – sie ist auch Philosophin – abgrenzt. Da kann ich eher den Aussagen des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig folgen: “Vergänglichkeit ist das Wesen des Menschen. Es ist das Wesen Gottes, unsterblich und unbedingt, das Wesen der Welt, allgemein und notwendig (!) zu sein“ (S.89)

Sehr lesenswert, weil zu weiteren Fragen führend, ist das Interview mit dem Berliner Philosophen Wilhelm Schmidt-Biggemann. Er sagt im Blick auf die Verbesserungsfähigkeit der Welt sicher treffend, trotz aller Katastrophen: “Wir denken Geschichte immer noch weitestgehend als Fortschrittsgeschichte, als Geschichte der Verbesserung der Welt“ (S.65). Über die anthropomorphen Bilder hinsichtlich der Körperlichkeit Gottes im AT bietet das Heft ein etwas längeres Gespräch mit dem Berliner Theologen und Historiker Christoph Markschies, zugleich wohl als Ermunterung gemeint, dessen neues Buch „Gottes Körper. Jüdische,, christliche und pagane Vorstellungen in der Antike“ (2016) zu lesen.

Im ganzen ist in meiner Sicht das Heft für Einsteiger zum Thema gut geeignet. Es werden schwierige Fragen aber nicht ausführlicher entfaltet: Wie entwickelte sich das Gottesbild in Israel selbst? Und was sagen Philosophen zu einem sich immer weiter entwickelnden Gottesbild? Ist für Philosophen der Gott des AT „ein lieber Gott“? Ist die historisch-kritische Bibelforschung, auch zum AT, ein Resultat philosophischer (!) Aufklärung? Natürlich, heißt die Antwort! Da haben Philosophen die Welt befreit von fundamentalistischen Bibelinterpretationen. Nicht immer hat diese kritische Leistung der Philosophen etwas bewirkt, Fromme wollen halt unkritisch-fromm bleiben… Sind die ethischen Weisungen des AT oft nicht zu sehr aufs eigene Volk und nicht universal bezogen? Wie steht es dann philosophisch mit der fast selbstverständlichen These, das AT sei universalistisch in seiner Ethik? Wie sieht die kritische Philosophie im „Land der Bibel“, in Israel selbst aus? Was meinen dort Philosophen zu der herrschenden politisch-religiösen Ideologie, dieses Land sei DAS Land DES auserwählten Volkes, im bewussten Ausschluss des palästinensischen Volkes? Wie steht es dann aber aktuell mit dem viel besprochenen Respekt vor „dem/den anderen“ als Kern des biblischen Glaubens? Solche Fragen kann nur die freie Philosophie stellen.

Es wird wahrscheinlich und hoffentlich ein zweites Heft folgen über den 2. Teil der Bibel, den Christen das Neue Testament nennen. Und da darf man besonders gespannt sein auf die Auseinandersetzung der Philosophen seit dem 1. Jahrhundert mit dem Johannes-Evangelium.

www.philomag.de

 

 



„Im Ganzen der Wirklichkeit offenbart sich die Gottheit“. Hinweise zur Aktualität der Philosophie von LEIBNIZ.

22. November 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Einige einführende Hinweise zur Philosophie von Gottfried Wilhelm LEIBNIZ. Von Christian Modehn.

Veröffentlicht am 19.11.2016, anläßlich des Religionsphilosophischen Salons am 18.11.2016.

Aktualisierung am 22.11.2016: Ein Freund hat mir zu dem unten publizierten Beitrag geschrieben: “Treffender wäre es, wenn man heute – angesichts des Elends in Afrika und weltweit, der Kriege, der Analphabeten, der von Menschen gemachten ökologischen Katastrophen usw. – von der schlechtesten aller denkbaren Welten sprechen würde.“ ABER: Was wäre, wenn man diesem Vorschlag folgen würde? Dann könnte jeder glauben, alles sei eigentlich böse. Alles sei verloren. Die Welt sei am Ende. Da brauchen wir eigentlich nicht mehr gegenzusteuern. Nicht mehr in freiem Handeln dann doch noch das Gute tun. Also Resignation und Verzweiflung auf der ganzen Linie. Vielleicht auch absoluten Egoismus, weil ja alles verloren ist.

Hingegen gilt die Erkenntnis von Leibniz: „Wir leben in der besten aller denkbaren möglichen Welten“, sie ist immer eine das Leben fördernde Erkenntnis. Leibniz hält an der Freiheit jedes Menschen fest, in dem Sinne, dass die Menschen frei das Gute tun können. Und: Das Böse ist eine Tat freier Menschen, die sich auch anders, im Sinne des Guten, entscheiden könnten. Durch Bildung und Aufklärung ließe sich eine bessere Welt schaffen, wenn der Mensch denn dem Gewissen folgt und die vielfältigen Formen des Egoismus überwindet.

Der Gedanke, wir leben in der besten aller möglichen Welten, ist bei Leibniz um so mehr vertretbar, weil er eine Schöpfung dieser Welt durch einen guten Gott im Denken annimmt.

Der heute weit verbreitete Spruch „Eine andere Welt ist möglich“ ist ja letztlich die Aussage „Eine bessere Welt ist möglich“. Mit „andere Welt“ kann im Ernst nur eine bessere Welt gemeint sein. Insofern sind die heutigen Bewegungen für Alternativen etwa zum Kapitalismus durchaus noch von Leibniz geprägt. Die Gedanken von Leibniz haben vielleicht eine universale Bedeutung, sie entsprechen der Sehnsucht der menschlichen Seele nach einer anderen, einer besseren Welt. Vielleicht ist die Überzeugung „Eine andere/bessere Welt ist möglich,“ unthematischer Ausdruck eines religiösen Glaubens!

Das Gerede führender und sehr mächtiger Politiker, etwa auch der Bundeskanzlerin, „Da gibt es keine Alternative“, „There is no alternative“ (Thatcher) usw. ist nichts als Ideologie, ist Ausdruck von Denkfaulheit und dem Verlust an Mut, dem Verlust an Hoffnung und vor allem: der Missachtung der Kreativität der menschlichen Freiheit. Und es ist gelinde gesagt für Demokraten ein heftiges Problem, dass nun ausgerechnet eine populistische und sehr rechtslastige Partei in Deutschland in ihrem Titel das Wort „Alternative“ führt. Trotz dieser Partei und dem Niedergang des demokratischen Bewusstseins und der demokratischen Praxis im allgemeinen: Wir halten uns an Leibniz: Diese Welt ist aufgrund der anerkannten Freiheit des Menschen, des freien, vernünftigen Tuns im Sinne der Menschenrechte, die beste aller möglichen Welten.

Der Text vom 19. 11. 2016:

Das Motto unseres Salons ist: „Im ganzen der Wirklichkeit offenbart sich die Gottheit“. So Friedrich Heer in seinem immer noch lesenswerten und umfassenden Essay über Leibniz in dem Fischer Taschenbuch „Leibniz“(1958). Dort S. 59.

1.Ein Vorwort: Wir entdecken in der Reflexion auf einige zentrale philosophische Begriffe von Leibniz ein Modell, wie ein Philosoph (und tatsächliches „Universalgenie“ damals) Antworten findet (!) auf zentrale Lebensfragen. Wie er durch rationale Argumente eine Art Urvertrauen wecken will, aber ein begründetes Urvertrauen, das nicht in esoterischen Sprüchen, sondern in Argumenten seine Kraft hat. Und der dazu aufrief, deswegen für die „Verbesserung der Welt“ aktiv einzutreten und Gerechtigkeit für alle zu schaffen: das war für ihn die „Liebe des Weisen“. Dabei kämpft Leibniz zugleich gegen den Pessimismus der Calvinisten und der katholischen Jansenisten und aller, die sich in ihre begrenzte und damit Angst machende Dogmenwelt einschließen. „Gott weidet sich an den Qualen der Verdammten“, so beschrieb der schottische Theologe Baxter damals dieses grausige Gottesbild der orthodoxen Calvinisten (in Heer, S. 52). Mit solcher Unvernunft und Inhumanität wollte Leibniz absolut nichts zu tun habe. Er widersetzte sich diesen Lehren der Grausamkeit: eben denkend und handelnd: Zugunsten der besseren, d.h. gerechteren Welt. Seine Erfindungen, sein Bemühen um technischen Fortschritt, seine Auseinandersetzungen um ein besseres Rechtssystem usw. sind AUSDRUCK seiner Überzeugung: eine bessere Welt ist möglich. Und wir haben die Pflicht, dies auch zu tun gegen alle Widerstände der Dummheit.

Noch viel zu wenig bearbeitet ist meines Erachtens, welche Anregungen Leibniz in der Begegnung mit den philosophisch damals hoch gebildeten Kapuzinern in Paris empfing, vor allem von Pater Yves de Paris. Über das Werk des Paters Yves de Paris und Pater Laurent de Paris (bei Heer S. 37) wollen wir später weiter arbeiten.

Was wir immer vor Augen haben sollten: Leibniz war naturgemäß auch eingebunden in damals übliche Denkkategorien, etwa die Vorstellung des Monarchen war ihm noch selbstverständlich. Wenn er darum Gott dachte, dann durchaus in der damals üblichen Begrifflichkeit des Monarchen, allerdings des GUTEN Monarchen.

Aber Leibniz bietet uns in seiner Metaphysik und seiner Erkenntnis von Gott ein Modell, das heutige Modelle wiederum in Frage stellt. Er führt zu der Einsicht: Dass doch viele Erkenntnis von einst nicht deswegen zu verwerfen sind, weil sie von früher stammen. So hilft er vielleicht, dass sich heute Menschen für sich selbst und ihre Gemeinde/Freunde eine rational vertretbare Form des wissenden Glaubens an eine göttliche Wirklichkeit entwickeln.

2.Zur Biographie

Wir müssen beachten, dass Leibniz in der Zeit kurz nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges lebte und philosophisch dachte. Und zu seiner Zeit fand der Schwedisch-Brandenburgische Krieg statt, der sogenannte. „Große Türkenkrieg“ sowie die verschiedenen Polnisch Russischen Kriege, der große Nordische Krieg usw. D.h. Töten und Abschlachten aufgrund der Nationalität und der Religionszugehörigkeit (und des Kolonialismus und Rassismus) waren zu Leibniz Zeiten sozusagen selbstverständlich. Leibnizens Philosophie und Metaphysik ist deswegen um so mehr als Friedens-Philosophie zu lesen.

Leibniz wurde am 1.7. 1646 in Leipzig geboren. Er verstarb am 14. 11. 1716, im Alter von 70 Jahren, in Hannover. Er lebte, trotz vieler Reisen, seit 1676 im Dienst des Hauses Hannovers und gehörte dem Hof an. Auch nach Berlin hatte er intensive Beziehungen, durch die Freundschaft und philosophischen Gespräche mit Königin Sophie Charlotte. Er schätzte die intellektuelle Qualität der Frauen besonders hoch ein, damals keine Selbstverständlichkeit.

Leibniz lebte in der Zeit des Barock. Und wenn Barock beschrieben wird, dann durch „das Üppige, das Kraftvolle, das Prächtige, den Überschwang, die Fröhlichkeit, die nach außen gestellte Freude“.

Die Qualitäten des Umfangreichen und durchaus – freilich vernünftig gesteuerten – Überschwänglichen gelten auch für die universalen Interessen (und Arbeiten) von Gottfried Wilhelm Leibniz; allein schon wegen der unglaublichen Breite und Tiefe seiner vielseitigen Begabungen. Seine umfassenden Texte und Studien, Bücher, Briefe, Notizen haben in gewisser Weise das Üppige, auch das Großartige. Man hofft, bis etwa zum Jahr 2040 (!) tatsächlich auch den gesamten Nachlass von Leibniz entziffert und dann ediert zu haben….

ABER:

In Paris erlebt Leibniz den schönen Schein des barocken Staates. 1672 schreibt er über die „Mala Franciae“: Paris blüht nur dem Scheine nach, die Provinzen und die Menschen dort darben und hungern. „Alles ist nur dem Schein nach schön, innen aber verkrüppelt und verkümmert. Für ihn stecken hinter diesem zur Schau getragenen Frommsein Hochmut und Selbstsucht; diese vornehme Gesellschaft ist für ihn bigott, verlogen, sie ist ein Kind einer großen entsetzlichen Angst. (so Friedrich Heer, S. 20).

Leibniz wollte eine Lösung finden im damals wie heute herrschenden Konflikt zwischen Wissenschaft und Glauben, im Kampf der Religionen gegeneinander; es musste ein Weg zum Frieden gefunden werden und es musste eine Antwort gegeben werden auf die persönlichen Erfahrungen des Leidens gerade im Krieg und nach dem Krieg. Die Idee des Besseren, des Besserwerdens und Bessermachens war für ihn Leitmotiv seiner Arbeiten.

3.Philosophisch ist zentral

Eine wesentliche Frage für uns heißt: Was ist der Mittelpunkt seines vielfältigen Schaffens insgesamt? Meine Überzeugung: Es ist seine philosophische, begründete Lehre von Gott, Welt und Mensch. Dies wurde angesichts der vielen technischen und mathematischen Begabungen von Leibniz meines Erachtens in den „Gedenkartikeln“ in diesem Leibniz Jahr 2016 nicht herausgearbeitet. Leibniz ist zuerst Philosoph! Alles andere bei ihm steht im Dienst der „Verbesserung der Welt“.

Leibniz will für die Verbesserung der Welt sorgen und vor allem weiter entwickeln durch die in seiner Sicht einzige Kraft, die dieser Forderung entsprechen kann: Das ist die allgemeine Vernunft, die nichts Beliebiges ist, sondern die sich durch Logik auszeichnet, durch die Anwendung von Begründungen und Gründen für etwas; durch die Reflexion und durch die Erkenntnis, dass auch religiöse Texte wie die Bibel der kritischen Betrachtung bedürfen. Leibniz sah in der Vernunft, die allgemein ist, über die sich debattieren lässt, das Heilmittel zur Verbesserung von Mensch und Welt. Dass es nach dem 30 jährigen Krieg die Welt besser, „fortschrittlicher“, werden muss, ist förmlich eine Evidenz. Menschen, besonders im Umfeld von Kriegen, können niemals auf den Begriff des Fortschritts, in dem Falle des Friedens, verzichten. Sie wollen zudem wieder eine „metaphysische Geborgenheit“ erleben. Fortschritt wird nur dann schlecht geredet, wenn Menschen bereits vieles Gute erreicht haben und sehen, dass global doch nicht alles ihnen so gut gelungen ist, wie es gemeint war… ABER: Fortschritt gibt es immer nur in einer bestimmten Hinsicht, etwa was die Rechte von Frauen angeht, die Rechte von Minderheiten usw. In dieser Hinsicht gibt es zumindest im Bewusstsein der Menschheit tatsächlich Fortschritte. Wenn angesichts des großen Wissens der Friedensforschung etwa tatsächlich auch heute der Friede weltweit keine Realität ist, liegt es am Unwillen der politischen Akteure, der Vernunft zu folgen und eine friedliche Ordnung zu schaffen. Es ist mit anderen Worten, der böse Wille, das Nicht-Reflektieren, also der nationalistische Egoismus, der auch heute unnötigerweise Kriege und Mord und Totschlag produziert.

Leibniz, so wird berichtet, war von einer „ausgesuchten Höflichkeit“; er stellte sich je neu in seinen Argumenten auf seine Gesprächspartner und seine Briefpartner ein. Er wollte deren Sprache sprechen, um sein Ziel zu erreichen: Eine vernünftigere und bessere Welt. Von diesem Ziel war er überzeugt.

Die Wurzel dieser Überzeugung ist letztlich sein vernünftig begründbarer Glaube an Gott. Deswegen wurde er oft –manchmal ironisch, abfällig – „Optimist“ genannt. Er hatte eine friedfertige Gesinnung; legte sich das Pseudonym „Pacidius“ zu, auf Deutsch der Friedfertige. Leibniz wusste natürlich von seiner exzellenten höchsten Begabung für so vieles; deswegen wollte er mit vielen Fürsten und Königen etc. in Kontakt treten, um irgendwie dann doch ein beratender Philosoph in der Politik zu sein. Das ist ihm kaum gelungen.

4.Zur Metaphysik und Gotteslehre

Dies ist der Mittelpunkt des Leibnizschen Denkens: Leibniz sah vernünftiges Denken von Logik bestimmt. Er war sozusagen der Entdecker des „Satzes vom zureichenden Grund“: Ohne einen zureichenden Grund kann kein Wesen vorhanden sein und existieren. Konkret: Wenn es diese Welt gibt, dann muss sie einen gründenden Grund haben. So kam, zusammenfassend gesagt, Leibniz philosophisch zur Idee Gottes als des Schöpfers dieser Welt. Diese Überzeugung ist für ihn absolut zentral. Ohne diese Überzeugung zu sehen, kann man Leibniz nicht verstehen.

Das Verhältnis der Welt bzw. darin auch des Menschen zu Gott als dem Gründenden ist von fundamentaler Bedeutung bei Leibniz…

Er sah als Naturwissenschaftler, wie sich die Überzeugung durchsetzte: Die Welt im ganzen ist gesetzmäßig („wie eine Maschine“) strukturiert. Von daher habe auch der Mensch keine Freiheit, so wurde behauptet.

Leibniz versucht dagegen, diese gesetzmäßige Struktur des Weltganzen mit der menschlichen Freiheit zu verbinden. Dabei sind für ihn gewisse Deduktionen von Grundeinsichten üblich. Er will damit Klarheit schaffen, das Dunkel der Ängste vertreiben, eine Art sicheren Boden zeigen, wie trotz aller Erfahrungen von Leiden das menschliche Leben dennoch sinnvoll ist!

Gott ist kein materieller Gegenstand, sondern Geist, geistige Ursubstanz. Als Geist ist Gott aber dann Vernunft. Und Vernunft handelt logisch. Sie strebt nach dem Guten und Wahren.

Wenn Gott eine Welt erschafft, dann kann er eben nur eine Welt, etwas anderes als Gott, und nicht einen zweiten Gott erschaffen. Ein zweiter Gott würde die Frage nach dem Verhältnis beider Götter stellen und so in unsinnige Debatten führen. Selbst Polytheisten erkennen zwar viele kleinere Götter an, denken aber dann doch einen waltenden Übergott (Zeus).

Gott muss also, wenn er die Welt schafft, etwas Nicht-Göttliches (also Endliches und Begrenztes) schaffen, auch wenn sein Werk, die Welt, als sein Werk, mit ihm verbunden bleibt, eben durch die Vernunft. Die Vernunft des geschaffenen Menschen ist also mit der göttlichen Vernunft verbunden, mehr noch: Beide sind eins. Leibniz Forscher, wie Hans Poser, betonen: „Die menschliche ist von der göttlichen Vernunft nicht prinzipiell, sondern graduell verschieden“, Hans Poser, „Leibniz` Philosophie“, Hamburg 2016, S. 259. Es gibt zwischen Gott und Mensch keinen Dualismus, kein Gegeneinander. Es herrscht die große Einheit. Aufgrund dieser Verbundenheit mit Gott kann also der Philosoph Leibniz förmlich die Gedanken Gottes selber nach vollziehen. Dieses Motiv ist schon in der Mystik, etwa bei Meister Eckart, lebendig, später dann wieder bei Hegel…Das Problem ist nur, dass in der Mystik dann doch wieder die „Andersheit“ Gottes festgehalten wurde. Aber selbst wenn der ganz andere Gott ins Denken „einfällt“ (Lévinas), dann ist doch der menschliche Geist fähig (!), diesen denkend anzunehmen. Also: So „ganz anders“ kann Gott dann doch nicht gegenüber dem menschlichen Geist/der Vernunft sein! Die „dialektische Theologie“ (Kierkegaard, Karl Barth) hat im Sinne von Leibniz also unrecht.

Nun fühlt sich der Mensch in der Welt in seinem Handeln durchaus frei. Er kann seine Willensentscheidungen als Tat realisieren und damit in der Welt und ihrem Geschehen frei wirken. Diese subjektive Freiheitserfahrung verbindet Leibniz mit der Tatsache, dass Gott diese Welt geschaffen hat und ihr die eigenen Gesetze eingefügt hat, also auch Naturgesetze. Aber: Gott ist „im menschlichen freien Tun“ sozusagen „versteckt“ dabei, weil es ja Gott ist, der die Welt schafft und als Gott diese Welt und die Menschen zum Guten und immer Besseren führen will.

Eine göttliche Schöpfung kann also nicht durch Taten der Menschen total versinken und verschwinden. Das wäre sozusagen eine Katastrophe für Gott, er wäre dann nicht mehr Gott; denn sonst würden sich die endlichen, die geschaffenen Menschen als die Herren der Welt zeigen. Das wäre ein Widerspruch zur göttlichen Schöpfung. Heute können die Menschen durch ihre Erfindung der Atombombe tatsächlich Gottes Schöpfung zerstören. Sie haben ihre Freiheit der Forschung maßlos und ohne jeden Bezug auf Ethik beim Bau der Atombomben durchgesetzt. In der Sicht Leibniz` haben sie also eine gottferne Wirklichkeit geschaffen. Die Menschen können jetzt nur noch alles tun, durch Verhandlungen die zerstörerische Macht der Atombomben einzuschränken. Wer das nicht realisiert, ist eigentlich böse.

Für Leibniz jedenfalls zu seiner Zeit gilt: Dieses Zusammenwirken von Mensch und Gott trifft auch zu, wenn sich der Mensch für Böses entscheidet. Dann wird diese Entscheidung allein vom Menschen her als einem freiem Wesen begründet. Aber Gott hat diese bösen Entscheidungen auch vorausgesehen, aber nicht vorher bestimmt (also es gibt keine Prädestination, Gott als Gott schafft also nicht bestimmend das Böse!). Aber Gott kann diese menschlichen, der Freiheit entspringenden Taten des Bösen dann in sein göttliches Konzept der Schöpfung einbeziehen. Es herrscht also eine Art Variabilität: Je nach menschlicher Entscheidung entwickelt sich der Lauf der Welt. Aber Gott bleibt der Herr seiner Schöpfung, indem er dann je neu die Welt weiter zu Besseren hin entwickelt, indem etwa andere, bessere menschliche Entscheidungen möglich werden.

Wenn der einzelne Mensch handelt und im Handeln die Welt in gewisser Weise auch steuert und verändert, dann ist dies eine subjektive Freiheitserfahrung. Aber im Hintergrund dieser subjektiven Tat, sozusagen stillschweigend, aber nicht abschaffbar anwesend, ist die göttliche Vernunft: Sie hat als schöpferische Vernunft das gute Ziel dieser Welt insgesamt vor Augen: Gottes Voraussicht sieht also das Tun der Menschen im einzelnen voraus. Die Menschen entscheiden sich also freiwillig für ihr Tun; sie ahnen dabei gar nicht, dass im Hintergrund die göttliche Vernunft in ihnen mitwirkt; Gott verwirklicht also seine göttlichen Ziele durch menschliches Tun hindurch.

Jedoch: Gott greift nie wunderbar in das Geschehen der Welt direkt ein, er übergeht nicht die Naturgesetze durch einzelne Wunder; lässt etwa keinen abgeschlagenen Arm eines Menschen wunderbarerweise wieder nachwachsen. Er straft nie direkt unmittelbar mit einem Blitzschlag oder so den Übeltäter oder er zaubert auch nicht einen guten Helden oder Heiligen plötzlich als Retter aus der Not hervor. Die Welt entwickelt sich selbst unabhängig von direkten göttlichen Eingriffen. Diese Haltung hat weite theologische Konsequenzen: Das individuelle Bittgebet wird dann überflüssig, weil zu egoistisch bestimmt! Als subjektive Poesie hat das Bittgebet ein Recht. Beten ist nur noch Anerkennen, dass die Menschen von Gott „getragen“ und umfangen sind. Ich denke, das Lied von Paul Gerhardt, „Befiehl du deine Wege“ , auch im Umfeld des Dreißigjährigen Krieges entstanden, ist ein Lied, das einige Elemente von Leibnizens Philosophie ausdrückt.

5.Die Welt in diesem Zusammenwirken von Gott und Mensch nennt Leibniz „die beste aller möglichen denkbaren Welten“.

Dahinter steht der Gedanke: Gott als Gott könnte eigentlich viele mögliche Welten erschaffen. Etwa eine, in der die Menschen einander nichts Böses antun, so wie es einige Tier-Familien gibt, die einander nicht fressen usw. Nur: Wenn auf diese Weise das Böse aus der Menschenwelt ausgeschlossen wäre, dann gäbe es auch keine Freiheit. Freiheit aber ist identisch mit Reflexion, mit freiem Entscheiden usw. Also wäre in dieser Welt ohne mögliches Bösestun der Mensch nicht mehr Mensch, sondern ein Tier. Also kann Gott aufgrund der menschlichen Freiheit keine Welt schaffen, in der es nicht auch Bösestun durch Menschen gibt. Wenn Gott den Menschen als geistvollen Menschen, also als freien Menschen, will, dann muss er sozusagen auch das Böse zulassen. Und er muss zulassen, weil diese Welt eben eine geschaffene Welt ist, er muss dass die Natur sich „unkontrolliert“ verhält, Bäume beim Wind umfallen usw. und im Zusammenprall widriger Naturelemente Unglück passierrt. Und Gott muss zulassen, dass die Menschen als geschaffene eben dadurch endliche Geschöpfe bleiben und, weil nicht Götter, sterbliche Wesen sind.

Alle diese Strukturen der Welt hält Gott dann doch noch für die beste aller für ihn denkbaren Welten. Diese denkbar beste aller möglichen Welten ist für die Menschen als Geschöpfe nicht die rundum erfreuliche, nicht die so wunderbar-tolle, die absolut immer und für jeden zu jeder Zeit gute Welt. Es gibt subjektiv erfahrenes Elend, Leiden usw. Aber: Diese Erfahrungen mindern für Leibniz nicht die Erkenntnis: Eine bessere Welt mit freien, geistvollen Menschen ist nicht denkbar. Besser konnte Gott keine Welt schaffen. Man kann ja spekulieren: Warum müssen wir eigentlich sterben? Wäre ewiges Leben auf Erden ein Gewinn für uns für unsere Lebensgestaltung? Könnten dann immer noch weitere Menschenwesen geboren werden. Könnte der Mensch weiterhin aus Fleisch und Wasser bestehen? Oder besser aus massivem Holz? Wann wäre diese Welt unsterblicher Menschen wegen Überfüllung geschlossen usw…

Diese Erkenntnis entwickelt Leibniz in seinem sehr umfangreichen und nicht immer leicht lesbaren Buch „Theodizée“, das heißt: Richterspruch über Gott. Man sieht schon bei dem Titel einmal mehr, dass Leibniz auch Jurist ist; Jura war ja sein erstes Studienfach. Leibniz hat als Ziel vor Augen, eine universale Ordnung zu schaffen, die vom Recht bestimmt ist. Leibniz hält nichts von Gewalt, er will alle Verhältnisse nach Recht und Gerechtigkeit gestalten. (Heer, S.15). In der „Theodizee“ geht es um die Anklage: Warum hat Gott die Welt und die Menschen so geschaffen, wie sie offenbar böse und begrenzt nun einmal erlebt wird. Diese „Theodizée“ wurde 1710 veröffentlicht.

Viele Kritiker haben sich nach oberflächlicher Lektüre darauf gestürzt und besserwisserisch gesagt: Was, diese Welt soll die beste sein? Sie haben dabei alle Nuancierungen, die der kluge Leibniz bot zum Thema, übersehen und eben alles als metaphysischen Schwachsinn schlecht gemacht. Bloß zu sagen, „so ist das nun alles mal in dieser blöden Welt, sie hat keinen Gott, es gibt nur Idioten um uns herum“ ist doch für viele nicht befriedigend. Da passiert sozusagen ein Selbstverzicht aufs Nachdenken. Kant hat die Theodizee von Leibniz zurückgewiesen, weil sie seiner Definition von Erkenntnis und damit, bei Kant, der Unmöglichkeit von Erkenntnis Gottes widersprach. Aber im Denken musste dann selbst Kant in seine praktischen Vernunft die Idee Gottes annehmen….

Geradezu komisch wirkt der Einwurf, die Theodizee –Kritik von Odo Marquard: „Wenn die bestmögliche Schöpfung nur die bestmögliche ist und unvermeidlich Übel einschließt, warum hat Gott das Schaffen (der Welt) dann nicht bleiben lassen ? “ (In: Odo Marquard, Entlastungen, in Apologie des Zufälligen, Reclam 1986, Seite 17). Nun aber gibt es diese Welt und darauf muss man philosophisch reagieren. Die Welt als nicht existent bei einem Gott im Himmel für sich allein zu denken, ist gelinde gesagt nur komisch. Oder eben eine der vielen „netten“ Marquardschen Formulierungen, die das Publikum so toll (komisch) fand…

Eine andere Frage ist, wie die Abgründigkeit des Bösen, etwa der Holocaust oder jetzt der Krieg in Syrien und die Sklaverei, mit dem Leibniz Konzept der besten aller möglichen Welten zusammen gedacht werden kamnn.. Gerade, wenn der subjektive Schmerz der Betroffenen einzelnen im Leiden immens ist. Dennoch ist es philosophisch gesehen die Frage: So sehr das Leiden der einzelnen furchtbar ist, so muss doch gesehen werden: Der Holocaust, der Krieg in Syrien, die Sklaverei usw. sind im letzten Ausdruck freier menschlicher Entscheidungen in der Politik. Sie sind keine unergründlichen (vielleicht nur für den Klerus zu klärenden) Mysterien, sie sind keine blinden Schicksalsschläge, sie sind vielmehr Ausdruck der politisch gewollten Stilllegung der Vernunft bei so vielen, auch den vielen Mitläufern usw. Das heißt: Dieses Grauen ist Ausdruck der Freiheit vieler Menschen, also der freien Willen. Da wäre mit Vernunft vieles zu verändern und zu verbessern (gewesen). Der Holocaust usw. hätte nicht sein müssen bei einer vernünftigen Gesellschaft in Deutschland! Aber wie wurde die Weimarer Republik schlecht gemacht…Leibniz würde wohl sagen, ohne zynisch zu werden: Auch all das Schlimme ist Ausdruck dieser Welt freier Menschen, einer Welt, die also solche dann aber immer noch die beste aller denkbaren ist. „Gott musste das Übel zulassen, um in Freiheit die beste der möglichen Welten zu schaffen“ (Hans Poser, S. 260).

Es ist für den einzelnen Leidenden im Augenblick des Leidens wohl schwierig, sich dieser Erkenntnis anzuschließen, er muss diese Gedanken schon vorher in Ruhe gedacht haben, um sie als Trost wahrzunehmen.

Aber was sind die Auswege? Voltaire hat in seinem Anti-Leibniz Roman Candide (von 1759, nach dem verheerenden Erdbeben in Lissabon) gezeigt, wie die Irrfahrten des leidenden Candide dann enden: Letztlich können seine beiden philosophischen Begleiter angesichts nur beruhigende Sprüche aus der Verhaltenstherapie weiter geben: Der Weise Martin empfiehlt: „Lasst uns arbeiten ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen“. Und der Philosoph Pangloss, der nach wie vor einen ungetrübten Optimismus predigt, wird von Candide im letzten Satz der Novelle mit der Erkenntnis beschieden: „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden“. Die Arbeit soll also von allen Fragen nach dem Sinn von Leiden befreien. Das ist eine Art resignatives Denkverbot, bis heute leider üblich. Voltaire hat förmlich die Üblichkeit eingeleitet, den Leibnizschen metaphysischen Gedanken schlecht zu machen und zu diffamieren. Trost spenden kann Voltaire mit seiner Verhaltenstherapie (Arbeiten, den Garten pflegen) gar nicht.

6.Auf die hoch komplexe Leibnizsche Lehre von den Monaden kann hier nur ganz kurz verwiesen werden: Gott ist die Ursubstanz, die alle anderen Substanzen der Welt und der Menschen belebt. Eine Monade nennt Leibniz die kleinste unteilbare Einheit, die in allem lebt und unzerstörbar ist. Die menschliche Seele ist unteilbar, damit nicht materiell, sondern geistig. Gottes Reich, zu dem jeder Mensch gehört, verliert keine Person, d.h Menschen sind als Seelen ewig. Gott wird hier als der gerechteste und gütigste Monarch, so wörtlich, gedacht. Er will das Glück der Menschen, er will nur, „dass man ihn liebt“ (S. 163 Metaphysische Abhandlung). Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand und gegen alle Umwälzungen des Weltalls beschirmt; da nichts auf sie einwirken kann als Gott allein“ (S. 165 in Metaphysische Abhandlung, Suhrkamp). Dieser Text wurde 1686 geschrieben, aber erst 1846 gedruckt.

7.Für die Versöhnung der Religionen und der getrennten Kirchen arbeiten.

Es wird sehr oft vergessen, dass Leibniz leidenschaftlich und klug die Einheit der vielen getrennten Kirchen förderte und zahlreiche Gespräche und Korrespondenzen zu dem Thema hatte. Das war zu den Zeiten sensationell. Er meinte: Nur die vereinten Kirchen können den Fortschritt der Menschheit befördern. Man stelle sich vor, heute in diesen Kriegszeiten, würden die großen Kirchen einander als gleichwertig anerkennen und versöhnt mit einander in Vielfalt leben, was wäre dies für ein Symbol. Was wäre das für ein Zeichen in der zerrissenen Welt. Vielleicht ein „Vorbild“.Für Leibniz ist entscheidend, dass auch die Kirchenlehren nur unter der Kritik der Vernunft bestehen können. Das heißt, die philosophische Vernunft ist letztlich wichtiger als die Aussagen der Offenbarung und der Kirchenlehre.

Wenn die Kirchenlehren also relativ sind und die Erkenntnisse über Gott durch die Philosophie entscheidend sind: Dann kann alles daran gesetzt werden, dass die getrennten Kirchen ihre dann immer relativen und zweitrangigen Lehren zurückstellen und sich auf eine Kirchengemeinschaft mit einer einfachen gemeinsamen Lehre/gemeinsamen Dogmen einigen.

Dieser Einsatz von Leibniz für die Ökumene ist kaum bekannt, kaum erforscht und nach meinen Kenntnissen nicht nur Kirchenkreisen unbekannt oder der Leibniz Beitrag dazu wird unterdrückt. Dabei ist die Anerkennung der Relativität der Kirchen-Dogmen heute schon eine verbreitete Erkenntnis, es fehlt nur weithin die Anerkennung der Vorrangigkeit der Vernunft, wie Leibniz sie sah… Nebenbei: Es gab 2009 in Berlin eine Tagung zu Leibniz und die Ökumene. Die Vorträge sind veröffentlicht in den „Studia Leibnitiana“ von Hans Poser.

8.Für den Dialog und den Austausch mit China: Ein zentrales Thema von Leibniz

Auch dies ist ein weithin unbekanntes Thema, und es fehlt meines Erachtens in vielen journalistisch-oberflächlichen Leibniz Darstellungen in Filmen und Zeitschriften im Leibniz-Jubiläum 2016, selbst in einem Film, der für ARTE 2016 gemacht wurde. Da wird Leibniz sozusagen als Vorläufer der modernen Computer-Welt interpretiert.

Der interkulturelle Dialog ist genauso wichtig: Tatsache ist: „Denken ist für Leibniz Mitdenken, auch Zustimmen zu Fremden, weil die Vernunft die Kunst des Verknüpfens ist von allen Wahrheiten und Wirklichkeiten“. (S 20, Heer)

Die Rezeption des chinesischen Philosophen Konfuzius und Menzius durch Leibniz sowie seinen Schülers Christian Wolff ist ein Beispiel dafür, dass schon die Frühaufklärung von außereuropäischen Einflüssen geprägt ist. Es ist also falsch, die Aufklärung nur als auf europäisches Denken begrenzte Philosophie zu verstehen. China war für die Europäer etwas absolut Neues, für Europäer, die sonst in der Begegnung mit anderen, fremden Kulturen sehr imperialistisch waren. In Amerika, so meinten sie, hätten die Europäer ungebildete Wilde „entdeckt“; in Afrika stand den Kolonisten ein Markt von Sklaven bereit, also von „Untermenschen“. In China hingegen begegneten die Europäer einer großen uralten Kultur, die sie einfach als wichtig und „entwickelt“ anerkennen mussten.

Leibniz schrieb einen Essay über die chinesische Weisheit/ Philosophie. Er korrespondierte mit zahlreichen Wissenschaftlern aus dem Jesuitenorden. Sie stammten aus Frankreich und Italien vor allem, die in China seit etwa 1550 – lebten und in Peking lehrten und durch ihre Übersetzungen chinesischer Werke überhaupt China in Europa bekannt machten.

Tatsache ist: Mit dem grundlegenden chinesischen Philosophen Konfuzius hat sich Leibniz viele Jahre befasst, das war ein absolutes Novum damals! Natürlich standen Leibniz nur einige erste chinesische Werke in lateinischer Übersetzung zur Verfügung! Seit Leibniz 1689 in Rom den Jesuitenpater Grimaldi kennen lernte, gibt es sein ausgeprägte Interesse an China. Grimaldi berichtete von seinen Aufenthalten in China. Da entwickelte Leibniz bereits die Vorstellung eines Kulturaustausches. Nicht nur der Handel, der Austausch der Ideen sollte Europa wie auch China bestimmen. Nicht nur Handel mit Gewürzen, sondern Austausch der Kulturen. Noch auf dem Sterbebett schrieb Leibniz einen Essay über die chinesische Philosophie – sie war das Herzensanliegen eines Mannes, der schon 1698 dem Kaiser Kangxi nach Peking einen ausführlichen

Brief geschrieben hatte, in dem er die Gründung zweier Akademien – einer in Hannover, einer in Peking – vorschlug. Sie sollten beide Kulturen vergleichend studieren und herausfinden, wie beide voneinander lernen und sich befruchten können. Vgl. hier die weiterführenden Hinweise von Henrik Jäger:

http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/doku/201208_Jaeger.pdf

Zahlreiche Briefe offenbaren den Dialog des Lutheraners Leibniz mit Jesuiten. Er schätzte die Leistungen der Jesuiten in Peking als Mathematiker, Astronomen, Übersetzer sehr! Und fand bei diesen aufgeschlossenen Katholiken den Geist der Vernunft, also den Geist, mit wissenschaftlichen Erklärungen den Chinesen vieles deutlich zu machen. Aber die Päpste und andere in Europa waren so begrenzt und dumm, dass sie diesen Dialog der Jesuiten in China nicht mehr zuließen. Die Jesuiten meinten: Wenn ein Chinese Katholik werden will, und das wollten doch einige tausend, dann können sie als Chinesen auch ihrem Ahnen – Kult und anderen uralte Riten treu bleiben. Diese Offenheit lehnte Rom mit seiner strengen Dogmatik ab. So scheiterte 1704 das Experiment der Jesuitenmission in China, was Leibniz sehr bedauerte. Sein Briefaustausch mit den Jesuiten dort kam 1703 kam an ein Ende. Diese Jesuitenpräsenz in China ist sicher eines der spannenden Themen der Religionsgeschichte. Philosophisch ist wichtig zu sehen: Dieses Experiment eines „chinesischen Katholizismus“ konnte ja nur deswegen scheitern, weil die Jesuiten dort im letzten doch glaubten, die Chinesen sollten Katholiken werden. Hätte man auf diesen Missionsgedanken verzichtet, also die völlige Gleichwertigkeit chinesischer Religionen und chinesischer Philosophen mit dem Christentum anerkannt, dann wäre es bei einem fruchtbaren Kulturaustausch geblieben und vielleicht hätte man viel später, wie von selbst gefragt: Was verbindet uns Chinesen und uns Jesuiten/Katholiken eigentlich. Mit anderen Worten: Der Gedanke der Mission als Auftrag zur Bekehrung anderer (Chinesen) hat auch das große Kulturexperiment zunichte gemacht.

Hinzu kam, dass auch in Europa eine tiefe Verunsicherung durch die Kenntnis der chinesischen Kultur bestand: Denn die christlichen Europäer merkten plötzlich, dass sich die Bibel, so wie sie verstanden, offenbar geirrt hatte; denn die Christen errechneten die Daten der Schöpfung und der Sintflut aus dem Alten Testament. Und merkten: Die Chinesen waren von der Sintflut (zwischen ca. 2 500 und 2344 vor Christus, dies errechnen einige christliche Fundamentalisten noch heute) gar nicht betroffen. Die biblischen Erzählungen enthalten also gar nicht universale Wahrheiten! Und im uralten und maßgeblichen „Buch der Wandlungen“ aus dem 3. Jahrtausend vor Chr. wurde behauptet: Die Welt hat weder einen Anfang noch ein Ende. Das aber widersprach angeblich der christlichen Dogmatik… Dabei hat doch Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt die Welt geschaffen, dachte man… Deswegen wollte man die chinesischen Texte als atheistische Texte in Europa verbieten.

Leibniz hingegen dachte viel konstruktiver: Er fordert Missionare aus China für die Europäer, so in einem Brief von April 1709, (S. 20 in Heer) „Europa muss von Missionaren der Menschlichkeit missioniert werden, von Menschen, deren Denken Menschenliebe ausdrückt“. Europa muss also umfassende Moral von konfuzianischen Weisheiten empfangen. Heute lernen einige Europäer in Zen-Klöstern die Zen-Philosophie und Zen—Meditation. Aber hat sich Europa deswegen schon geöffnet für einen umfassenden Dialog mit anderen Kulturen? Sicher (noch) nicht. Was wissen wir von afrikanischer Philosophie, was von den indigenen Weisen in Peru oder Mexiko? Leibniz könnte den bornierten Europäern helfen, sich für die Mitte der Welt zu empfinden.

Leibniz hatte aber auch durchaus eine gewisse Skepsis vor einem zu großzügigen Informieren der Chinesen durch Europa: Er hielt die Chinesen für technisch so hoch begabt, dass sie technische Leistungen der Europäer egoistischer Weise einfach übernehmen, also „klauen“. Das Thema „Industriespionage durch China“ ist ja in Europa und anderswo eine viel besprochene Tatsache jetzt. Genau so wie die Tatsache, dass mit dem Philosophen Konfuzius durch die chinesische KP Führung insofern Missbrauch getrieben wird: Die staatlichen, also KP abhängigen chinesischen Kulturinstitute haben den Titel „Konfuzius-Institute“, vertreten in mehr als 100 Ländern!, selbst in Benin !, auch Spionage und „Wirtschaftsrecherche“ soll dort betrieben werden, berichten deutsche Fernsehreportagen.

Also: Was schätzte Leibniz an Konfuzius? Die Ethik des Konfuzius ist eine freie philosophische Ethik ohne Bindung an Religionen. Der Mensch kann selbst und von sich aus sein Leben in die eigenen Hände nehmen. Diese Ethik hat universale Züge. Dass sie dabei auch sehr „Herrscher-freundlich“ schon war, sah Leibniz offenbar nicht.

8.Christian Wolff führt den Dialog mit China weiter

Eigentlich müsste jetzt auch an den grossen – leider weithin unbekannten – Christian Wolff erinnert werden, der mit Leibniz korrespondierte. Er sah in seiner philosophischen Ethik eine vollkommene Übereinstimmung mit Konfuzius. Wolff musste deswegen die Universität Halle „binnen 2 Tagen verlassen“, so groß war die Angst des preußischen Königs vor diesem „Zerstörer der Kirchenlehren“…Wolff meinte: Vernunft ist größer als der Glaube. Der Mensch kann sich frei ethisch weiter entwickeln und verbessern auch ohne die Kirchen. Religion wird zwar nicht überflüssig, aber sie wird relativiert.

Wolff fand in Marburg Zuflucht. Er hatte dort tausende von Hörern auch aus Asien. Er hat es zu Weltruhm gebracht. Auch der junge Kant im Austausch mit Wolff.

Wichtig ist vor allem: Christian Wolff hatte auch die Philosophie des Konfuzianers Menzius entdeckt: Menzius (372 bis 289 v.Chr.) lehrte die grundsätzlich gute Natur des Menschen, er war also ein chinesischer Weiser, der in Europa als Gegner christlichen „Erbsünde“ wahrgenommen wird. Bei einer Reise nach Halle sollte man das schöne „Christian Wolff Haus“ unbedingt besuchen, in Deutschland eines der wenigen wirklichen Museen, bezogen auf einen Philosophen! Und nebenbei die Franckesche Stiftung, den einstigen Hort des sehr frommen Pietismus…

Dringend ist für uns im Religionsphilosophischen Salon: Mit Menzius sollten wir uns bald befassen, vielleicht das große und schöne Buch von Henrik Jäger lesen, „Den Menschen gerecht“. Ein Menzius Lesebuch, Ammann Verlag. Wenn wir uns darin vertiefen , haben wir auf anderer Ebene immer noch mit LEINBIZ zu tun!

Neben der genannten Literatur und den Interpretationen möchte ich ausdrücklich die umfangreiche Biographie und Werk-Einführung von Eike Christian HIRSCH empfehlen, „Der berühmte Herr Leibniz“. Die überarbeitete 3. Neuauflage erschien 2016 im C.H.Beck Verlag, das Buch hat 659 Seiten und ein Register!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 



„Mit freiem Willen das Böse getan und Hitler unterstützt“: Carl Eduard, der Herzog von Coburg (gest.1954)

21. November 2016 | Von | Kategorie: Forschungsprojekte, Philosophische Bücher

Ein Hinweis auf eine historische Studie: Ein „hoch“- adliger Überzeugungstäter

Von Christian Modehn

Vor kurzem erschien eine wichtige wissenschaftliche Studie des Historikers Professor Hubertus Büschel (jetzt Uni Groningen NL) über den leidenschaftlichen Nazi, SA Mann und Hitlerfreund Herzog Carl Eduard von Coburg. Dieses Buch widmet sich dieser Person aus dem Hochadel, von der eine breitere Öffentlichkeit, außerhalb Coburgs, wohl eher geringe Kenntnisse hat. Und man wundert sich, dass noch nicht ein großer Spielfilm über diesen herzoglichen NAZI gedreht wurde! Kommt vielleicht noch, die historischen Orte sind ja alle bestens erhalten. Denn Coburg wurde fast nicht bombardiert. Weil dort ein Nachkomme des englischen Königshauses saß?

Angesichts dieser Fragen: Um so erfreulicher die Studie von Hubertus Büschel über Carl Eduard, den Enkel von Queen Victoria: Geboren wurde er in England 1884 und schon 1905 Regent von Coburg.

Im Rahmen unserer philosophischen Interessen ist dieses Buch wichtig, weil es konkret den Blick richtet auf die faktische Entwicklung von Unmoral und: Wie ein Mensch aus egozentrischen Gründen zum Täter in einem mörderischen Regime wird.

Das Buch von Hubertus Büschel endet mit einem philosophischen Hinweis: „Beim Handeln im Nationalsozialismus gab es immer auch einen freien Willen…“ (S. 239). Diese Erkenntnis wird auf Carl Eduard bezogen, den Herzog von Coburg, der alles getan hat, so wörtlich, „eine Politik (Hitlers) zu kaschieren, die sich ganz unverhohlen aggressiver Expansion, Rassismus und Antisemitismus verschrieb – und letztlich zum Tod von Millionen Menschen führte“ (ebd). Carl Eduard, der Herzog aus englischem Königshaus, tat dies alles freiwillig. Er folgte nicht seinem Gewissen und wurde zum Täter im Nazi-System. „Jedenfalls nutze er seine Bekanntschaft mit Hitler, Himmler und Heydrich nie, um… Juden vor der Deportation zu retten…Wann immer jemand sich auf der Suche nach Hilfe an den Herzog von Coburg selbst wandte, schritt dieser den üblichen Dienstweg ein und denunzierte die Betreffenden beim Gestapo-Chef Heydrich“ (S. 231). So weigerte er sich auch, die Witwe des bekannten Malers Liebermann, Martha Liebermann, zu retten….

Mit „kaschieren“ meint Hubertus Büschel die Tätigkeit des Nazi-Herzogs in seiner Funktion als Chef des Deutschen Roten Kreuzes: Auf seinen zwei Weltreisen als NAZI-DRK Chef hat er führende Politiker in den USA belogen und das Nazi Regime als human dargestellt, was diese Politiker dann lange Zeit glaubten und ihre Politik offenbar nach diesen Lügen ausrichteten.

Wer heute Coburg besucht mit seiner entsprechenden „Veste“ und den Schlössern dieses Herren, findet eigentlich unglaublich wenige kritische Erinnerungen an diesen Verbrecher, denn das sind ja wohl „Täter“ in der Nazi-Herrschaft.

Carl Eduard hat sich schon 1922 voller Sympathie Hitler zugewandt, er wurde SA Obergruppenführer und war seit 1933 Mitglied der NSDAP. Als Chef des Nazi-gesteuerten „Deutschen Roten Kreuzes“ tat er, wie gesagt, alles, um Hitler als seriösen Politiker erscheinen zu lassen.

Coburg war schon vor 1933 ultra-braun, mit entsprechenden Schikanen gegen Juden und Sozialdemokraten. Dass die Juden aus Coburg vertrieben und vernichtet wurden, ist sicher auch Carl Eduards Mit-Schuld. An die jüdische Vergangenheit in Coburg habe ich außer einer „Judengasse“ sowie einigen im Boden befindlichen „Stolpersteinen“ sowie einem eher wenig spezifischen Gedenkstein auf dem Friedhof nichts entdeckt. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Coburg nicht mehr.

Bei den Wahlen 1929 errang die NSDAP 43,1% der Stimmen. Seit 1939 konnte Coburg die Ehrenbezeichnung „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ führen. Dies alles nur aufgrund des Engagements des Herzogs Carl Eduard.

Bis 1945 war Carl Eduard Hitler treu ergeben; was er nach 45 dachte, ist noch unklar. Ob er dann ein „lupenreiner Demokrat“ wurde, ist bei seiner totalen Verblendung eher unwahrscheinlich.

Das Buch des Historikers Hubertus Büschel (er wurde in der Nähe von Coburg 1969 geboren) kommt zur richtigen Zeit, weil bei der heute allgemein wieder zunehmenden Rechts-(Extrem)-Lastigkeit endlich Wissenslücken etwas überwunden werden. Ein Beispiel: Die Tochter Carl Eduards, Prinzessin Sibylla, ist die Mutter des amtierenden Königs Carl XVI. Gustaf von Schweden; er besucht öfter noch das schöne Coburg, so ist zu hören. Der Hochadel und die Nazis: Ein unbekanntes Thema…

Hier kann die lange Nazi-Geschichte des Herzogs Carl Eduard, wie sie die Buch leider manchmal noch zu kurz dokumentiert, nicht wiedergegeben werden. Wichtig ist: Dieser Nazi-Verbrecher wurde nach 1945 als Mitläufer freigesprochen: Ihn hat „reingewaschen“ seine alte Nazi-Kameradschaft, seine herzogliche Autorität, sicher auch die jetzt allgemein bekannte NS-Bindung der meisten Richter in der BRD nach 1945 sowie vor allem seine adlige Herkunft aus England. Wer will schon einen Angehörigen des englischen Hochadels für 30 Jahre ins Gefängnis bringen. Was hätte denn dann die liebe Königin Elisabeth gedacht? So wurde „Recht“ gesprochen, Schuldige wurden reingewaschen…. und Carl Eduard zu einer Strafe von 5000 Mark (sic) verurteilt (S.235). Der treffende Begriff „Klassenjustiz“ hätte hier sein gutes Recht!

Leider wird in der Studie nur kurz die Verquickung der dortigen evangelischen Kirche mit dem Herzog seit 1922 dokumentiert; erwähnt wird, dass die Trauerfeier für den Nazi-Herzog am 10. Mai 1954 von dem lutherischen Dekan Curt Weiß geleitet wurde. Er sagte so viel Unverschämtes, etwa: Der Herzog sei in „seinem guten Glauben, seinem aufrechten und edlen Sinn und seiner unerschütterlichen Treue missbraucht und schließlich im Stich gelassen worden“. Vom wem wurde er im Stich gelassen? Seine Nazi-Freunde standen doch zu ihm und bis auf das britische Königshaus hatten viele große adligen Herrscherhäuser von Holland über Norwegen und Preußen (Prinz Louis Ferdinand) ihr tiefes Beileid der Witwe mitgeteilt…Im Jahr 2017 wird in Coburg auch wieder an Luther in Coburg erinnert, dies wäre eine gute Gelegenheit am richtigen Ort, über die Verquickung von lutherischer Theologie zu autoritären Systemen nachzudenken und überhaupt zu fragen: Was hat uns der „politische Theologe“ Luther heute eigentlich noch zu sagen? Wahrscheinlich wenig! Luther liebte die Herrscher! Lutheraner waren nie Revolutionäre. Wer besser weiß, melde sich bei mir…

Eine erfreuliche Nachricht: Die Stadt Coburg hat – endlich !!!, 70 Jahre nach den Nazi-Verbrechen, an denen der Herzog Carl Eduard von Coburg direkt beteiligt war – eine Historiker-Kommission eingesetzt: Sie soll die braune Geschichte Coburgs endlich freilegen. Mal sehen, wann die ersten Forschungsergebnisse vorliegen.

Hubertus Büschel, „Hitlers adliger Diplomat. Der Herzog von Coburg und das Dritte Reich“. S.Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2016, 336 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.