Theologische Bücher



Gott ist nicht tot, vielleicht hat er nur neue Kleider? Ein Katechismus des Mitgefühls.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Theologische Bücher

Gottes „neue Kleider“. Der niederländische „Katechismus des Mitgefühls“.

Ein neuer Katechismus – eine Einladung, selber zu denken und den eigenen Glauben zu entwickeln.

In meiner Radiosendung im NDR (in der Reihe „Glaubenssachen“ am 19.2. 2016) mit dem Titel „Glauben ist einfach“ (klicken Sie hier) wurde der niederländische Katechismus des Mitgefühls kurz erwähnt. Einige HörerInnen waren daran so interessiert und fragten, ob es diesen menschenfreundlichen und un-dogmatischen Katechismus auch auf Deutsch gibt. „Leider nicht“, heißt meine Antwort. Ich habe aber 2010 einige ausführlichere Hinweise zu diesem bemerkenswerten Buch geschrieben, Hinweise, die ich hier noch einmal, am 21.2.2017, vorstelle:

Die 150 Abgeordneten des Niederländischen Parlaments (Tweede Kamer) erhalten dieser Tage (also 2010) einen Katechismus geschenkt. Ungewöhnlich, in einem säkularisierten Land wie Holland. Dabei handelt es sich nicht um den Versuch, klerikale Machtansprüche in der Politik durchzusetzen, das liegt den Autoren des ungewöhnlichen Katechismus auch völlig fern. Denn sie treten als „freisinnige, liberale Christen“ entschieden für die Trennung von Kirche und Staat ein. Aber ihnen liegt daran, mit allen Menschen, auch mit Politikern, in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten, nicht über Dogmen, wohl aber auch ethische Orientierungs  – Vorschläge!

Es ist schon komisch: Ausgerechnet in Holland erscheint dieser Tage ein neuer Katechismus. Ist das Wort „Katechismus“ nicht völlig out, völlig verbraucht, gerade in den Niederlanden, wo nur noch etwa 35 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche sind und die wenigsten Menschen von dogmatischen Lehren unterwiesen werden wollen? In dieser Situation muss man schon etwas Außergewöhnliches vorweisen: Der neue holländische Katechismus  konnte entstehen, weil die vier freisinnigen christlichen Kirchen Hollands angesichts des zunehmenden Einflusses konservativer und reaktionärer Kirchen deutlich ihre eigene Stimme erheben, die Stimme der Freiheit, die dem Nachdenken allen Raum lässt und eben keine fertigen „ewigen“ Wahrheiten präsentiert. Es sind keine Leitungsgremien, keine Bischöfe und keine Päpste, die diesen Katechismus verfasst haben, sondern zwei Pfarrer, die im ständigen Austausch mit der Kultur der Gegenwart stehen: Christiane Berckvens – Stevelinck, Theologin der Remonstranten Kirche, und Ad Ablass, Theologe der freisinnigen Strömung innerhalb der Protestantischen Kirche (PKN) legen ein Buch vor, das in 12 Kapiteln Grundworte der menschlichen Kultur erläutert, Grundworte, die ihre Wurzeln in den biblischen Traditionen haben.  Am Anfang steht die „Compassie“, das Mitleid, am Ende die dem Mitgefühl und der Empathie verwandte Liebe. Andere Themen sind Gleichheit, Verbundenheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, Freiheit, Berufung, Glaube und Gott. Das neue Buch nennt sich ausdrücklich „Katechismus des Mitleids“, ein zweifellos ungewöhnlicher, wenn nicht gar provozierender Titel. Aber er deutet das Ziel an: Die LeserInnen werden eingeladen, angesichts der humanen, ökologischen und politischen Katastrophen der Gegenwart das Mitleiden zu entwickeln, nicht nur als spirituelle Haltung, sondern vor allem als aufgeklärtes Handeln zugunsten der Leidenden. Aber dieser Appell zum Handeln ist nicht dick aufgetragen, vielmehr bieten die einzelnen Kapitel Informationen und meditative Impulse zu diesen Grundworten humaner Existenz. So ist ein Buch entstanden, das sich wohl am besten in einer eher „meditativen und behutsamen Lektüre“ erschließt. Nebenbei: Das Buch verdankt wesentliche Anregungen der britischen Philosophin und ehemaligen katholischen Nonne Karen Armstrong, die sich ausdrücklich für eine „Charta des Mitgefühls“ einsetzt. So gehört dieses Buch zu dem weltweit entstehenden Netwerk „Compassion“! Alle Kapitel des Katechismus werden „eingeleitet“ mit schönen Nachdrucken von Gemälden, Chagall ist genauso vertreten wie Rembrandt, Claudio Taddei genauso wie Caravaggio oder Ferdinand Hodler. Die eigens für das Buch gefertigten Gemälde der Künstlerin Brigida Almeida aus Utrecht beschließen jedes Kapitel. Im Text werden die Leser mit einer Fülle an Informationen aus der Literatur, dem Film, dem Theater konfrontiert, Informationen, die gleichermaßen die Schwierigkeiten wie die Chancen einer Lebenshaltung vorstellen, die sich von den 12 „Katechismus – Grundworten“ inspirieren lassen will, biblische Perspektiven sind jeweils ein Kapitel unter den anderen. Das ist der typische freisinnige Geist, dass keinem „Bibel – Fanatismus“ gehuldigt wird, sondern spirituelle Inspirationen auch im „weiten Feld“ der Religionen und Kulturen präsentiert werden. Sympathisch werden es Berliner finden, dass zum Thema Freiheit schon im Titel auf den berühmten Ausspruch John F. Kennedys verwiesen wird: „Ich bin ein Berliner“, ein Ausspruch, der heute als Bekenntnis gegen alle Formen des Totalitarismus verstanden wird. Äußerst sympathisch ist auch, dass das Kapitel über die Liebe mit einem Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld eröffnet wird, das die beiden Liebhaber David und Jonathan zeigt., sicher ist auch die Entscheidung für dieses Bild typisch für Freisinnige in Holland: Die Remonstranten waren ja die erste Kirche weltweit, die schon 1986 homosexuelle Paare –gleich welcher Konfession- in ihren Kirchen segnete. Sympathisch ist auch, dass der ungewöhnliche, progressive katholische Theologe Karl Rahner als Verteidiger der Mystik erwähnt wird.

Dies ist wohl der entscheidende Eindruck: Dieser auch vom Layout so schöne und freundliche Katechismus der freisinnigen Christen plädiert für die Mystik, sicher für eine moderne, eine durch die Aufklärung „hindurchgegangene“ Mystik: Aber doch wird aller Nachdruck gelegt auf das innere Erleben des Göttlichen, das sich im Handeln ausdrückt. In der Mystik sehen die Autoren ohnehin die Zukunft des Religiösen. Interessant könnte es sein, wie sich die freisinnigen Kirchen selbst zu Orten (multi-religiöser) Mystik entwickeln. Vielleicht ist diese Mystik das neue Profil der Freisinnigen und ihrer Gemeinden? Vielleicht können sie mit diesem Profil weitere undogmatische, aber mystisch Interessierte einladen? Die niederländischen Autoren sind jedenfalls überzeugt: Gott ist nicht tot, er zeigt heute nur neue, ungewöhnliche „Gesichter“. Er hat vielleicht neue Kleider angelegt, wie die Autoren schreiben.

„Catechismus van de compassie“. Erschienen im Verlag Skandalon, in Vught, Holland. ISBN 978-90-76564-94-4.

 



Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: „Nennt euch nicht Meister“. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel „Meine Lebensgeschichte“ zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem „Freidenkertum“ (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) „Versöhung von Christentum und Moderne“ ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: „Petri Stuhl-Feier“. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch „Der Papst. Sendung und Auftrag“ ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Thesenanschlag heute: Kurz und störend.

15. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Neun Komma fünf (9,5) Thesen zur Diskussion…anstelle der heute schon wieder üblichen, in Büchern usw. veröffentlichten 95 Thesen: Neuneinhalb Thesen! Sie sind überschaubarer und vielleicht „heftiger“…

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 15. 2. 2017.

Vorweg:

Thesen sind Einladungen zum Weiterfragen. Sie haben nichts Abgeschlossenes. Sie können selbstverständlich nicht „alles“ sagen zum Thema „Reformation 2017“. Diese Thesen sind vor dem Hintergrund der Bedrohung der Demokratien (durch das Trump-Regime, durch die Rechtsradikalen in ganz Europa, das Mauernbauen rund um Europa usw.) formuliert sowie vor dem Hintergrund der Bedrohung der Menschheit durch (von Menschen gemachte) ökologische Katastrophen und von Menschen gemachte bzw. gewollte Kriege.

Die leitende Erkenntnis ist also: Angesichts dieser Welt heute kann man nicht mehr „wie immer schon üblich“ von Reformation oder gar Luther, Kirche, Spiritualität usw. reden und entsprechende Kirchen-Veranstaltungen planen. Diese Themen sind wichtig, aber zweitrangig. Es gilt den humanen Kern der biblischen Botschaft als menschlicher Weisheit freizulegen. Es gilt aber vor allem, einen alle Menschen verbindenden Humanismus der Vernunft zu entdecken und zu fördern.

Die neuneinhalb Thesen:

  1. Kirchen und Glauben, Religionen und Atheismen sind nicht primär wichtig. Was heute für den einzelnen und die Gesellschaft im Mittelpunkt steht ist das ethisch verantwortete und reflektierte Leben.
  2. Die eigene Urteilsbildung und die seelische Reife zu fördern ist wichtiger als konfessionelle Dogmen – etwa in Schulen – zu vermitteln und zu verbreiten. Philosophieren muss im Mittelpunkt stehen. Ideologien werden entlarvt und dringende humane Projekte (Ökologie, atomare Abrüstung usw.) besprochen und realisiert.
  3.  Konfessionell geprägte, so genannte christliche Ethik, ist niemals primär und maßgeblich; sie kann lediglich die allgemeine humane Ethik verstärken. Jesus von Nazareth kann „inspirierendes Vorbild“ genannt werden. „Jesuanischer Geist“ findet sich außerhalb der Gruppen, die sich ständig und oft scheinheilig auf Jesus Christus berufen. Sein Geist ist z.B. in einigen NGOs (Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International) anwesend und lebendig.
  4. Die Menschen sollten sich in neuen offenen und reifen Gruppen und Gemeinden treffen; auch, um gemeinsam für die Gerechtigkeit einzutreten. Das Ziel: Es darf keine Mauern zwischen den unterschiedlichen, aber gleichberechtigten Menschen und Kulturen geben. Wer als Politiker Mauern baut, auch in Europa gegenüber Flüchtlingen, muss zurückgewiesen und „in Pension“ geschickt werden.
  5. Das Hungersterben, das weltweite Elend, muss als absolute Schande der Menschheit wahrgenommen werden. Es muss alles Denken und Handeln begleiten. Es kann nur durch eine neue, gerechte Welt-Gesellschaft überwunden werden. Dazu müssen Umverteilungen des Reichtums, auch durch Enteignungen von Milliardären etwa, stattfinden. Es gilt, endlich eine „Obergrenze“ ethisch vertretbarer Einkünfte zu debattieren.
  6. Die getrennten Kirchen erkennen an: Wir wollen nur noch das eine Wesentliche, das eine Zentrum, des christlichen Glaubens lehren und leben: Die Liebe unter den Menschen und die Liebe zu einer Wirklichkeit, die viele Gott nennen. Die immer wieder und endlos besprochenen dogmatischen Differenzen werden als überflüssige Hobbys klerikaler Herrscher entlarvt. Gottesdienste werden aus der rituellen Erstarrung und Langeweile befreit. Sie werden zu Lebensfeiern.
  7. Der biblische Gott wird nicht länger als immer zur Verfügung stehende (Herrschafts-)Formel und Floskel verwendet. Gott wird vielmehr als Geheimnis eher schweigend und liebend und in einer allgemeinen Mystik verehrt. So finden unterschiedliche Religionen zueinander. Die neuen Götter in ihrer ganzen Vielfalt werden entlarvt (Fußball, Sport, Leistung, Körperkult usw.) sowie owie der oberste Gott, über allem, das Geld bzw. das Bestreben, „immer mehr“ das „Haben“ als absoluten Wert zu verehren.
  8. Das göttliche Geheimnis kann selbstverständlich auch in Kunst, Literatur, Musik, in der Erotik, in der Natur, im solidarischen Engagement entdeckt werden. Diese Gotteserfahrung ist dann authentisch, wenn sie die Menschen zu einer personalen Befreiung und Reifung führt.
  9. Die Befreiung der Frauen, besonders der leidenden und unterdrückten Frauen in den arm gemachten Weltregionen, hat oberste politische und kirchliche Priorität. Solange die römische Kirche (von den orthodoxen Staats- bzw. Regime-Kirchen ganz zu schweigen) Frauen nicht als völlig gleichberechtigt akzeptiert, kann sie nicht ernst genommen werden. Auch die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen muss weltweit erkämpft werden.

      9,5. Weiter denken: Und die eigenen neuneinhalb Thesen schreiben.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Zuflucht beim Philosophen: Der Apostel Paulus in Ephesus.

14. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Luther hat wohl von dem berühmten Philosophen in Ephesus mit dem nicht gerade sympathischen Namen Tyrannus nichts gewusst. Sonst wäre sein negatives Urteil über die Philosophie im allgemeinen anders ausgefallen. Vielleicht hätten Luther und die spätere philosophiefeindliche Kirche gewusst: Philosophen waren selbst dem Apostel Paulus behilflich. Und: Die christliche Lehre lässt sich auch, freilich immer neu und deswegen immer anders, philosophisch aussagen. Das hat Luthers großer Meister Paulus ja tatsächlich selbst auf dem Areopag in Athen bewiesen.

Aber der Reihe nach: Jedenfalls war der Philosoph Tyrannus alles andere als ein „Alleinherrscher“ (im Denken), wie sein Name nahe legen könnte. Er war großzügig, gastfreundlich und tolerant. Und es gab diesen Philosophen Tyrannus wirklich: Im neutestamentlichen Buch der „Apostelgeschichte“ wird von der dritten Missionsreise des Paulus berichtet, die ihn nach Ephesus führte. Dort predigte er als Jude, der an den auferstandenen Jesus Christus glaubt, „drei Monate lang in der dortigen Synagoge“ (so Apg. 19, Vers 8). Dies muss um das Jahr 53 gewesen sein, also etwa 20 Jahre nach dem Tod Jesu von Nazareth. Zu der Zeit war die eher überschaubare Gruppe der ursprünglich jüdischen Jesus-Freunde noch stark in den Synagogen verwurzelt. Aber es gab dann schon in Ephesus um das Jahr 53 doch konfessionellen Streit, so berichtet später der Autor der Apostelgeschichte: In der Synagoge von Ephesus zeigten sich einige Juden angesichts der Predigten des jüdischen Jesus-Freundes Paulus „verstockt“, sie redeten „übel von der Lehre des Paulus“, berichtet die Apostelgeschichte, die mindestens 20 Jahre später, also sicher nach 70, verfasst wurde, zu einer Zeit also, als die ersten Christen sich von den Synagogen immer mehr lösten. Und was tat der Apostel Paulus im Jahr 53 in Ephesus, in dieser lebendigen Kulturmetropole? Er wandte sich in seiner Not, an einen Philosophen, eben an den genannten Tyrannus, und er fand bei ihm Zuflucht, zwei ganze Jahre lang!  Ob der Philosoph von Ephesus tatsächlich Tyrannus hieß oder ob da eine gewisse Distanz des Autors der Apostelgeschichte der Philosophie im allgemeinen zum Ausdruck kommt, ist ungewiss. Jedenfalls hat es diesen Obdach gewährenden Philosophen gegeben. Dazu muss man wohl wissen, dass damals Philosophen eigene, oft geräumige Häuser hatten als Treffpunkte für die philosophische Debatte unter der Anleitung eines Meisters. Der Philosoph Tyrannus stellte sich also der Konkurrenz, und ließ Paulus „täglich in seiner Schule“ predigen. „Und das geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in der Provinz Asien wohnten, das Wort Gottes hörten, Juden und Griechen“, so heißt es im 19. Kapitel, Vers 10. Dass damals schon eine Art hysterischer Pauluskult existierte, eine Art Heiligenverehrung zu Lebzeiten, wird ebenfalls in Vers 11 und 12 berichtet: Die fromm gewordenen Christen nutzten die abgelegten Kleidungssstücke des Apostels Paulus und „hielten diese (wie Wundermittel) über die Kranken und … die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister wichen aus“. Was dazu der Philosoph Tyrannus gesagt hat, wird nicht überliefert, aber er ließ den Apostel und dessen Kreis in seinem Haus gewähren. Das nennt man Toleranz!

Es ist schon erstaunlich, dass von dem gastfreundlichen Philosophen in Ephesus, also von Tyrannus, nichts weiteres im Detail berichtet wird. Kein Wort der Anerkennung, nichts! Selbst die heute vorliegenden historisch-kritischen Kommentare zur Apostelgeschichte erwähnen ihn oft sogar nicht. Es muss schon der frühen Kirche peinlich gewesen sein, dass ausgerechnet eine philosophische Schule zum Ort der Missionspredigt des Apostels Paulus werden konnte.

Im Kolosserbrief des Neuen Testaments, (der nicht von Paulus stammen kann, der Text wurde erst 10 Jahre nach dessen Tod geschrieben, also um das Jahr 80,) wird schon ausdrücklich vor „der“ Philosophie gewarnt. Im 2. Kapitel des Kolosserbriefes heißt es: “Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus“: Hier wird Philosophie als Leistung der Menschen radikal der viel wertvolleren Botschaft der Kirche als „Gottes Wort“ gegenübergestellt, wie es denn auch im folgenden Vers heißt: “Denn in ihm, in Christus, wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Vers 9). Mit anderen Worten: Wer Christus folgt, braucht keine Philosophie, und er braucht nicht zu fragen, ob denn die Bibel vom Himmel gefallen ist oder nicht auch eine Variante von Menschenwort ist, eben: Menschenwort von frommen Leuten. So ereignete sich schon im Kolosserbrief eine verhängnisvolle Begrenzung des christlichen Glaubens, die sich dann immer mehr durchgesetzt hat, bis hin zu der bis heute vertrauten Kirchenlehre: „Die Philosophie ist bloß die Magd (ancilla) der Theologie“…

Dabei hat der authentische Apostel Paulus durchaus viel von Philosophie verstanden. Bekanntlich stammte er als römischer Bürger aus Tarsus, dort erlebte er die Vielfalt philosophischer Schulen. Auf die Stoa und den Neoplatonismus haben sich später viele so genannte Kirchenlehrer bezogen und deren Begriffe (und Inhalte) übernommen. Schließlich mussten sie das Evangelium im Kontext der damaligen Kulturen aussagen. Und dieser Mix aus Neuplatonismus und jüdischem Denken wurde dann in den Glaubensbekenntnisse und frühen Dogmen festgeschrieben. Das mag für das 4. oder 5. Jahrhundert sinnvoll gewesen sein; problematisch ist, dass die Bindung an die Sprache des Neuplatonismus bis heute in den allgemeinen Glaubensbekenntnisse weiter gepflegt wird, obwohl heute kaum nich jemand in neuplatonischen Vorstellungen denkt. Wer kann sich etwas vorstellen, dass der Logos als „gezeugt aber nicht geschaffen“ zu denken sei, um nur ein Beispiel aus dem allgemeinen Glaubensbekenntnis zu nennen. Die Kirchen tun auch heute so, als gäbe es nur eine mögliche Philosophie, die für ihr Glaubensbekenntnis akzeptabel ist, nämlich die neuplatonische oder die stoische…Was sollen sich da die Inder oder Chinesen bloß denken, wenn sie etwa katholisch werden oder den Lehren Calvins folgen müssen? Es sind die Verfügungen der Hierarchie, die diese Bindung an eine veraltete Philosophie verewigt haben. Aber das ist ein anderes Thema…

Entscheidend ist: Mit seiner philosophischen Kenntnis konnte Paulus in Athen auf dem wichtigen (Gerichts-)Platz, dem Areopag, eine philosophische Predigt halten (Apg., 17, 16 ff). Interessant bis heute sind die Aussagen des Paulus dort: Alle religiösen Menschen verehren über ihren konkreten Gott noch einen unbekannten (größeren) Gott…Und Gott wohnt „NICHT in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“. Gott braucht nicht den Dienst (den Kult) von Menschen; er ist nicht ein Gott, „der etwas nötig hätte“, „da er doch selbst jedermann Leben und Odem und alles gibt“, so in Vers 25. Das ist philosophische Religionskritik, die Paulus da bietet. Und weiter: Gott ist der Schöpfer der Welt. DESWEGEN können die Menschen als Menschen Gott suchen und finden. Und dann die entscheidenden Aussagen: “Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns, denn in Gott leben, weben und sind wir, wie auch einige Dichter bei euch (Athenern) gesagt haben: Wir Menschen sind seines, also Gottes, Geschlecht…Wir sind göttlichen Geschlechtes“.

Welche Weite des Denkens spricht da: Der Mensch, jeder Mensch kann als Mensch Gott suchen und finden, so die Behauptung des Paulus. Seine Gnadenlehre, seine Kirchenfixierung wie im Römerbrief, dem Lieblingstext des Reformators Luthers, bleibt hier außen vor! Das heißt: Es gibt und darf theologisch auch eine Theologie geben, die für die Universalität der Gottes-Beziehungen aller Menschen eintritt und nicht kleinlich den Zugang zu Gott von der Kirchenbindung (Taufe, Rechtfertigung usw.) abhängig macht. Allerdings spricht Paulus am Ende seiner Areopag Rede dann doch von Jesus als dem von Gott Auferweckten und Auferstanden. Offenbar waren des Paulus Worte hier so ungeschickt und schon wieder so dogmatisch, dass einige Zuhörer darüber spotteten und andere sagten: “Wir wollen dich darüber ein andermal hören“…

Warum fehlten dem Apostel Paulus diese Worte: Wenn wir Menschen in Gott sind und mit ihm verbunden, eins,  sind, dann sind wir über den Tod hinaus in Gott bewahrt. Also auferstanden?

Weiter hilft die Erkenntnis, die etwa Pierre Hadot, einer der besten Kenner der griechischen und römischen Philosophie, verbreitet: Auch das Christentum ist eine philosophische „Schule“ unter anderen philosophischen „Schulen“, wobei das Christentum dann selbst mehrere Schulen umfasst. Das Christentum wurde in der Frühzeit von anderen philosophischen Schulen so wahrgenommen. Später wurden die philosophischen christlichen Schulen zu Kulttempeln mit abgehobenen und ausgesonderten Klerikern, Bischöfen usw. an der Spitze: Der treffende Gedanke des Paulus in Athen, dass Gott NICHT in Tempeln wohnt, wurde verdrängt und vergessen. Der Klerus muss sich präsentieren in seiner Macht. Dazu wurden dann schon ab dem 4. Jahrhundert prachtvolle Tempel, Kirchen, errichtet. Dass Gott zuerst und vor allem in den Herzen der Menschen wohnt, trat in den Hintergrund. Einige Philosophen und viele Mystiker-Philosophen haben diese Einsicht bewahrt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Beten und Gebete: Plädoyer für die Poesie.

9. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Gerade im Umfeld von Festen, die in unserer Gesellschaft manchmal noch einen gewissen religiösen Charakter bewahrt haben, wie Weihnachten, stellen manche die Frage: Was könnte denn meine persönliche Übung sein, auch spirituell diese Tage von Advent und Weihnachten zu gestalten? Eine Möglichkeit: Die eigene persönliche Poesie entdecken und sie ausdrücken, aussprechen, notieren: Diese persönliche Poesie kann vielleicht zum persönlichen Gebet werden.

Zuerst einige Andeutungen zum Problem, bevor das eigentlich Plädoyer formuliert wird:

Eigentlich gehört zur Poesie auch das Gebet. Man denke an die 150 Psalmen der Bibel. Dieser Zusammenhang von Dichten und Beten galt, so denke ich, bis ins 20. Jahrhundert, er war eher selbstverständlich, wenn auch dabei poetische Texte geschaffen bzw. propagiert wurden, die eher für den frommen, begrenzten Alltagsgebrauch im Gottesdienst bestimmt waren. Für diese Erbauungs-Poesie war das Reimen das Allerwichtigste: „Maria du feine, du bist ja die Reine“, „Gott du bist groß, drum lass uns nicht los“ usw. Solche Gebete werden als Lieder heute noch in Kirchen gesungen und so ähnlich in evangelikalen Songs als „Sacro-pop“ geschmettert. Dagegen ist im Rahmen kultureller und religiöser Freiheit gar nichts zu sagen. Nur haben eben diese schlichten Ergüsse den Gedanken blockiert, es gebe auch anspruchsvolle Poesie, die sich als Auslegung sehr persönlicher religiös gestimmter Lebensdeutung versteht, also als Gebet. Insofern haben die frommen Reimereien vieles seriöse Nachdenken übers Beten verhindert. Und das Gebet ALS Poesie fast ins Irreale abgeschoben.

Aber weil nun in unserer (angeblich säkularisierten) Kultur die Gottesfrage eher selten ins persönliche Fragen und Erleben gerät, sondern meist in der Abstraktion verweilt,  gibt es auch kaum schöpferische poetische Leistungen, die von sich behaupten: Das ist meine, aus der nachdenkend-glaubend-zweifelnden-suchenden Daseinsauslegung stammende Poesie: „Das sind meine Gebete. Also: Das ist meine Poesie, die aus dem Alltag erhebt, also transzendiert und mich dem Geheimnis des Lebens aussetzt“.

Hinzu kommt, dass viele allgemein Gebildete eben religiös und theologisch katastrophal ungebildet sind (und sich dessen auch nicht schämen) und etwa sagen und glauben, Gott Vater habe einen Bart, der heilige Geist sei eine Taube und zur Trinität gehören etwa Maria, Josef und Anna. In einer Kultur zerfallender religiöser Aufgeklärtheit und Bildung kann Gebet als persönliche Poesie gar nicht entstehen.

Wenn es heute Chancen gibt, poetische Texte zu erleben und dann auch zu schreiben und ins Gespräch zu stellen, dann ist eine Voraussetzung unabdingbar: Gebete sind Äußerungen von verschiedenen Menschen, von leibhaftigen Subjekten. Gebete sind nicht hübsch verpackte dogmatische Wahrheiten, wie sie im Katechismus stehen. Gebete, wenn sie denn ernst genommen werden sollen in der allgemeinen Kultur der Poesie, sind nur als Sprache des einzelnen denkbar, mit aller Freiheit, die das Sich-Aussagen nun einmal mit sich bringt: Also, heute ereignet sich Gebet als Poesie wie alle Poesie außerhalb der Gewöhnlichen. Auch Gebete ALS Poesie sind provokativ.

Einige Hinweise zur Sache selbst:

Nicht nur da, wo religiöse Poesie, wo Gebet drauf steht, ist immer auch Gebet enthalten. Oft stimmt das Gegenteil. Die sprachliche Weite des Gedichts öffnet beim Leser möglicherweise Inspirationen, Gefühle und Erkenntnisse des Transzendenten. „Nicht-religiöse“ Gedichte können religiös sein. Das ist ein eigenes Thema, auf das hier hingewiesen wird. Deutlich ist die Aussage von Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Die Auferstandenen“:

Wo sind

Die Auferstanden

Die ihren Tod

Überwunden haben

Das Leben liebkosen

Sich anvertrauen

Dem Wind.

Kein Engel

Verrät

Ihre Spur.

Selbst in der Abweisung von Transzendenz und Göttlichem, von bergendem Sinn, wie auch immer, drückt sich die Sehnsucht aus, die Sehnsucht nach unerreichbarer Ganzheitlichkeit, die Sehnsucht nach Liebe, die gilt; nach Sinn, der auch in der Verzweiflung noch trägt. Da ist das Schreien der Entrechteten, der Geplagten, der Gequälten. Man lese die Neuschöpfungen der Pslamen durch Ernesto Cardenal, geschrieben im Widerstand gegen das Somoza-Regime in Nikaragua.  Klage und seelische Not wird ausgesprochen auch im sehr frommen amerikanischen, aber viel gehörten Song von Elvis Presley „Precious Lord, take my hand…“

„Ich bin müde, ich bin schwach,

Bin getragen

Durch den Sturm, durch die Nacht…

Nimm meine Hand, Precious Lord,

und führe mich nach Hause“.

Anders klingt da schon die Verzweiflung, die sich an Gott wendet (!), im Psalm 22, den, so wird berichtet, noch Jesus von Nazareth, der Gerechte und schuldlos Verurteilte, am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule; aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht…“

Früher kannten viele religiöse Menschen „ihre“ Psalmen und „ihre“ manchmal durchaus ansprechenden Paul-Gerhardt-Gedichte auswendig. Diese Menschen fanden ihre eigene Lebenssituation treffend ausgedrückt in diesen geschriebenen poetischen Texten. Gebet als Poesie war einmal Lebenshilfe. Das muss man doch nicht immer gleich als Opium verdächtigen! Diese Verbundenheit mit religiöse Poesie ist wohl verschwunden. Ein auswendig gekanntes Gedicht kann doch auch Ausdruck des eigenen Lebens sein. Und was erleben Menschen, die die Songs von Madonna oder Prince mit-singen? Erleben sie auch Erhebendes in dieser Poesie? Wurde diese Frage schon einmal –empirisch- untersucht?

Der protestantische Theologe Prof. Wilhelm Gräb (Humboldt-Universität Berlin) schließt sich der Neuinterpretation des Gebets ALS persönlicher Poesie an: Er sagt in einem Interview für den Religionsphilosophischen Salon Berlin zu der Frage: Kann Poesie die Form des Betens sein? „Da das Beten einen Form gesteigerter Selbstbesinnung und damit der Ausdrücklichkeit in der Bewusstheit unseres Lebens ist, kann es sich besonders gut in metaphorischer Sprache artikulieren. Metaphern bereichern unser Leben. Sie schreiben der Wirklichkeit einen Mehrwert zu. Sie drücken unsere Ängste und Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte aus. Insofern ist die Metaphorik religiöser Sprache gut geeignet, unsere tieferen Empfindungen und unser Wirklichkeitserleben auf dichte Weise zur Sprache zu bringen. Sie holt den Überschuss an Sinn ein. Die vom Reichtum der Metaphern lebende Poesie der Sprache öffnet die Dimension der Tiefe, aus der heraus unser Leben in einen letzten Deutungszusammenhang einrückt. So kann gerade die poetische, dichte Sprache zur Sprache des Gebets werden… Wer sein Leben vor Gott durchdenkt, dem fügt es sich ein in das Ganze eines Sinnzusammenhanges, der auch noch die negativen Erfahrungen mit einem positiven Vorzeichen versehen lässt. Das ist oft ein Ringen, eine Durchdenken von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, aber vor Gott immer in der Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge. Beten ist ein getröstetes Denken“.

Gebet als Poesie – es entspringt wie alle Poesie einer Frage-Bewegung. Das heißt: Im Gebet ist die göttliche Wirklichkeit, das absolute Geheimnis, das Göttlich, wie auch immer, eher sehr selten bereits vorausgesetzt. Aber: Gott kann nur deswegen als Frage formuliert werden, weil er bereits „in uns“ (im Geist) die treibende Dynamik der Frage ist. Der Mensch kann nur nach etwas fragen, wenn er es ansatzweise, ahnungsweise, bereits irgendwie als Vorverständnis kennt, siehe Gadamer, „Wahrheit und Methode“. Diese elementare Einsicht vergessen leider manche Leute.

Wenn ein religiöser Mensch seine Poesie als Bezug zum Göttlichen sagt, dann spricht er seine Beziehung aus, seine Liebe, seinen Wut, sein Ringen, wie das der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis in einem seiner Lieder „Die zegt God te zijn“ aussagt:

„Der da sagt, Gott zu sein.

So lass er doch zum Vorschein kommen

was wir denn an seinem Namen haben

Soll er doch auftreten, damit wir ihn sehn.

Die Stimme aus der Feuerwolke in der Ferne

reicht nicht aus

für diese Erde aus Scherben und Rauch

wo uns kein Leben gegönnt wird“ (Übers. Christian Modehn).

In den Gedichten von Huub Oosterhuis (Amsterdam) wird die „Kultur des poetischen Gebets“ gepflegt: „Beten ist aber viel mehr als Suchen. Beten ist eher Warten. Suchen ist immer noch Aktion und Ungeduld. Warten hingegen ist Aufmerksamkeit“ (Huub Oosterhuis)

Ein besonderes Thema ist die Poesie des Gebets als Bittgebet: Ich spreche mich dem Unendlichen gegenüber aus in der Form einer Bitte. Wenn diese Bitte nicht kleinlich, egozentrisch und albern ist, sondern eine Bitte um Frieden, um den Sieg der Vernunft in einer politischen Situation, wo der Wahn um sich greift, dann ist Bitten als Sich Wenden an die göttliche Wirklichkeit durchaus, anthropologisch gewendet, sinnvoll. Marina Alvisi in Berlin, Yogalehrerin und spirituelle und theologische Meisterin, sagte mir in einem Interview für das Kulturradio des RBB: „Das Bittgebet ist für mich wirklich ein Gespräch mit dem Geliebten, mit dem, der mir am nächsten ist und nach dessen Nähe ich mich sehne die ganze Zeit. Gott ist für mich das Allerliebste. In der Liebesbeziehung spreche ich einfach mit dem anderen Partner. Also ich sage zu meinem Geliebten auch: Du, bitte komm, hilf mir doch. Ich schaffe es nicht allein, komm her, ich brauch dich jetzt, ja. Obwohl man beieinander ist, obwohl man sich kennt. Und trotzdem, bittet man sich gegenseitig um Unterstützung, um Hilfe. Und Gott ist quasi der Geliebte. Es ist wirklich diese Sehnsucht nach Gottes Nähe. Wenn ich danach schreie, dann spüre ich oft auch diese innere Antwort wirklich als tiefe Empfindung, also als Entlastung, dass man sich gereinigt fühlt, dass man sich mehr angekommen fühlt, dass man sich selber wieder besser spürt. Du spürst es im Herzen. Die Antwort ist da, der Ruf ist erhört. In Form von einer starken Liebe, von einer starken Ruhe. Das ist einfach was Intensives“.

Natürlich gibt es auch andere Perspektiven: Wer glaubt, weiß sich in Gott geborgen, er braucht also gar nicht um weitere Geborgenheit zu bitten. Der Mystik-Spezialist Alois M. Haas (Zürich) schreibt: „Meister Eckart lehrt: Wer da um etwas anderes als nur um Gott bittet, der bittet unrecht. Wer immer um irgendetwas anderes bittet, der betet einen Abgott an“. Diese Einsicht überzeugt: Wer Bittgebete spricht, weiß sich „immer schon“ vom Göttlichen getragen. Er bittet nicht um Wunder, die Gott an seiner Person und nur an seiner Person im Ausschluss von anderen Personen „leistet“. Für den Mystiker gibt es nur einziges Wunder: Dass Gott nahe, „inwendig“, ist. Da braucht man eigentlich kein Bittgebet mehr. Wahrscheinlich hat der Brauch, immer noch Bittgebete weiter zur sprechen, auch im Gottesdienst, ein eher probematisches, weil wenig-mystisches Gottesbild befördert: Wer Gott um Frieden im Gottesdienst bittet, die und der bittet letztlich darum, dass sie/er selbst – auch politisch – für den Frieden eintreten will, d.h.für eine gerechtere Welt sorgt … in den berühmten „kleinen Schritten“.

Ob explizit religiös oder nicht: Dabei bleibt es: Poesie ist die Sprache der Lebendigen, derer, die lebendig, geistvoll, bleiben wollen und dies auch aussagen in Versen und Fragen. Dieses Verständnis von Poesie ist entscheidend, sagte mir in einem Interview der Pariser Theologe und Dichter (und Dominikaner-Pater) Jean Pierre Jossua: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegtheit geworden. Sie könnte für sie gar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich könnte man sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen“.

Ist Poesie, ist Lyrik, also immer „irgendwie“ ein Gebet? Darüber ließe sich diskutieren. In jedem Fall sollten christliche Gemeinden, die irgendwie noch Interesse haben, dem theologischen Niveau unserer Zeit zu entsprechen, Poesie als offenes Sich-Aussagen der Glaubenden und Nicht-Glaubenden zu pflegen. Und mit den leeren, abgenutzten frommen Floskeln Schluss zu machen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Von einem Gott, der „beinahe nicht besteht“. Zum theologischen Profil eines remonstrantischen Theologen

3. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Remonstranten Forum Berlin, Theologische Bücher

Ein Beitrag des holländischen Theologen Prof. Johan Goud, Den Haag.

Die Frage stellte Christian Modehn: Es gibt in der weiten Ökumene sehr viele und sehr unterschiedliche, immer mehr auch evangelikale und pflingstlerische Kirchen. Eine kleine protestantische Kirche in Holland nennt sich „Remonstranten“ als eine theologisch-liberale Glaubensgemeinschaft. Sie ist eine Ausnahme im weiten Feld der sich orthodox nennenden Kirchen. Wie würden Sie in Ihrer Sicht das besondere theologische Profil der Remonstranten kurz beschreiben?

Prof. Johan Goud:

Remonstranten lieben es, die Grenzen des christlichen und theologischen Sprachspiels auszuloten und Philosophen, Künstler, Schriftsteller, Andersgläubige und Nichtgläubige zu Rate zu ziehen. Das gilt auch für die Art und Weise, wie viele von uns Theologie betreiben und als Pastoren arbeiten. Ich selbst habe immer die Erfahrung gemacht, dass ich nach dem Verweilen an den Grenzen des Glaubens immer wieder zum christlichen Glauben zurückkehrte. Und das nicht deswegen, weil sich dort für mich das Zentrum befindet. Sondern mehr deswegen, weil die Erinnerung an den Glauben für mich einfach nicht abzulegen war und mich auch nicht losließ.

Diese Erfahrung liegt auf der Linie mit dem, was die „Grundsatzerklärung“ der Remonstranten über das Evangelium von Jesus Christus sagt: Dass es der Nährboden dieser Glaubensgemeinschaft ist – ohne dabei zu leugnen, dass dabei mehr nötig ist, um eine Pflanze (gemeint ist die Glaubensgemeinschaft) wachsen zu lassen. Übrigens sind (auf der Linie von Gilles Deleuze) auch verschiedene Typen von Wurzeln zu unterscheiden: vertikal wachsende Wurzeln die raubsüchtig und exklusiv sind, oder so genannte Rhizome, die sich unterirdisch verästeln und sich verbinden mit anderen Wurzeln.

Das ist nun im ganzen wahr und da zeigen sich notwendige Relativierungen. Und doch ist es von einer entscheidenden Bedeutung, dass das Evangelium in der Grundsatzerklärung der Remonstranten ausdrücklich genannt wird: „Die Remonstranten sind eine Glaubensgemeinschaft, verwurzelt im Evangelium und in Jesus Christus, und die getreu dem Grundsatz von Freiheit und Toleranz, Gott ehren und dienen will“.

In der Verwirklichung dieses theologischen Auftrags gehen remonstrantische Theologen sehr auseinander. Einige sind geneigt, den Grundsatz der Freiheit sehr zu fordern, vielleicht zu überfordern und in einer allgemein-religiösen Weise zu interpretieren. Andere betrachten Freisinnigkeit eher als die Bejahung von einer kritisch –konstruktiven Aufgabe innerhalb des ganzen der christlichen Tradition. In den Worten des remonstrantischen Theologiehistorikers Eginhard Meijering (Leiden; Ehrendoktorat in Heidelberg): „Freisinnig sein bedeutet: Dass du so orthodox sein kannst wie du selbst willst und nicht so, wie du es von einem kirchlichen Club oder von einer Vereinigung her sein müsste“. Freisinnigkeit ist so betrachtet (eine bei Belieben fragende, in Zweifel ziehende, entgrenzende oder gerade auch polarisierende) Variante von „Orthodoxie“, verstanden als Reflexion in Solidarität mit der christlichen Glaubenstradition.

Was mich selbst betrifft: Ich fühle mich eher zu Hause in der letzt genannten Gestalt von Freisinnigkeit und sehe sie als eine Einladung zur „Dekonstruktion“ der christlichen Tradition. Das heißt, dass ich die Fremdheit traditionell religiöser Sprache hervorhebe; dass ich diese merkwürdige Sprache unablässig in Beziehung bringe mit andersartigen (philosophischen und literarischen) Redensarten und auf der Suche bin nach einer – eventuell nicht oder kaum religiösen – Sprache vergleichbarer Intensität. Sprechen über Gott und Glaube stehen im Zeichen von dem, was andere „Religion ohne Religion“ oder „Gott nach Gott“ genannt haben. Ich selbst habe über Gott geschrieben, der „beinahe“ nicht besteht; dessen Bestehen etwas ist, das ständig neues Sprechen und neue Umschreibungen nötig hat. Diese Auffassung steht nahe zu dem, was etwa der amerikanische Religionsphilosoph John Caputo schreibt über Gottes „Insistenz“ (anstelle von Existenz). Er meint damit, Gottes Wirklichkeit sei nicht ein Sein, sondern ein Rufen und Drängen. Obwohl Caputo, was den Menschen betrifft, geneigt ist, länger als mir lieb ist an dem Begriff Verlangen festzuhalten. Glauben kennt, Gott sei Dank, auch seine Momente des Findens und der Übergabe.

Copyright: Prof. Johan Goud, Den Haag.



Luther würde sagen: Es ist genug! Hört auf, mich zu bejubeln. Eine Art Zwischenruf

31. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben, Termine, Theologische Bücher

Von Christian Modehn. Vorschläge für eine neue Reformation anno 2016.

Das aktualisierte Motto: „Welches Buch haben Sie nicht zu Ende gelesen?“ fragt „Der Tagesspiegel“ am 11.12.2016 Margot Käßmann, die „Botschafterin für das Lutherjubiläum 2017“. Die Luther – bzw. Reformations-Botschafterin antwortet: „Nicht zu Ende gelesen habe ich die gefühlt 17. Lutherbiografie“. Also, so sagt man sich auch:“Es ist genug, es reicht“…

Natürlich kann ich nicht mit 20 Fußnoten belegen, dass Luther in irgendeinem Brief oder bei einem Tischgespräch seinen Freunden zurief: „Hört auf, mich zu bejubeln“. Aber es ist – von außen betrachtet – mehr als wahrscheinlich, dass er bei all den aktuellen Jubelfeiern, Gedenkfeiern genannt, doch jetzt sagen würde: „Ich bin zwar in mancher (!) Hinsicht noch inspirierend und manchmal noch wichtig. Aber heute, angesichts dieser Welt im Jahr 2016, gibt es wirklich Dringenderes als mich und die Wittenberger Reformation“. Gerade für religiöse Menschen, die sich Christen nennen und Protestanten speziell. Also: „Wendet euch dem Dringenden zu“, würde Luther sagen. Fraglos inspirierend bleibt sein Mut, der allmächtigen Herrschaft der römischen Kirche entgegenzutreten und eine andere Gestalt von Kirche tatsächlich dann zu fördern. Fraglos wichtig bleibt seine Lehre vom „allgemeinen Priestertum“ aller Christen ebenso die Ermunterung, dass ein jeder selbst die Bibel lese und … historisch-kritisch studiere, möchte man anfügen. Abzulehnen bleibt Luthers gewalttätige Abwehr eines sozialkritischen Glaubens an der Seite der Armen, vertreten durch Thomas Müntzer, den er hasste. Abzulehnen bleibt Luthers viel besprochener und leider so wirksam gewordener Antisemitismus. Abzulehnen bleibt seine bis heute spürbare Bevorzugung der staatlichen Autoritäten… Alle diese guten und diese unerfreulichen Aspekte Luthers sind allmählich, bis hin zu den theologisch eher wohl ein bißchen uninteressierten BILD-Zeitungslesern, bekannt. Sollen alle diese historischen Luther-Themen nun monatelang weiter, auch durch den Kirchentag 2017, erneut in aller Popularisierung durchgekaut werden? Gott bewahre uns davor! Schon vor der Luther-Bücherflut im Herbst 2015 konnte ER uns nicht retten, klicken Sie hier. Mit Luther lässt sich eben doch auch Geld machen, und seien es die Buch- und Vortragshonorare.Und die Kirche kann mit staatlichen Fördermillionen feinste Luther-Gedenkstätten, also Museen, schaffen.

Es geht angesichts einer Welt zunehmender Gewalt, Krieg, Zerstörung, Wahn der Dikatoren usw.  heute darum, die religiösen Traditionen und theologischen Debatten auf den zweiten Platz zu setzen. Also die Luther-Lehren, die katholischen und evangelischen Dogmen und religiösen Weisheiten und alle die hübschen Erinnerungen an das 16. Jahrhundert, all das sollte bitte nicht länger im primären Interesse von Information, Bildung, Veranstaltung kirchlicherseits stehen. Dringend ist es in der heutigen Lage der Menschheit nicht, alle Details über Luther zu wissen. Natürlich muss es historisch-kritische Luther-Forschung geben. Aber was nützt all diese Kenntnis, um wenigstens schrittweise eine gerechtere Welt zu schaffen? Um die Menschen zu mobilisieren, für den Frieden und die universale Gerechtigkeit wirksam einzutreten? Ob dabei die ewigen und so oft durchgekauten Debatten über reformatorische Lehren, Zwei-Reiche-Lehren usw. weiterhelfen, darf sehr bezweifelt werden. Es geht nicht nur um die für religiöse Menschen zugängliche Wahrheiten. Es geht um die Verbreitung von elementaren ethischen Einsichten, die sich der Vernunft, jeder Vernunft, erschließen. Es ist eben ein grober Denk-Fehler, wenn etwa Antje Jackelén, die lutherische Bischöfin von Uppsala, Schweden, sagt: „Wir müssen den Flüchtlingen helfen, weil wir Christen sind“ (FAZ 31.10.2016, Seite 4). Nein, es muss heißen: „Wir müssen als Menschen den Flüchtlingen helfen, wir müssen helfen, weil wir Christen wie alle anderen eben auch und zuerst Menschen sind“. Der christliche Glaube (Beispiel: Barmherziger Samariter usw.) kann lediglich verstärkend und unterstützend die allgemeine, für alle gültige Ethik unterstützen! Es gibt in dem Sinne eben keine „christliche Ethik“!

Wichtig ist, so kann man in einem philosophischen Denken meinen, also die Bildung und Verbreitung der Ethik, einer politischen Ethik. Sie stellt die sich stets weiter entwickelnden Menschenrechte in den Mittelpunkt des Interesses und der zentralen Verpflichtung unseres Menschseins. Selbst wenn diese Menschenrechte in Europa dank der Philosophie und des Humanismus (fast gar nicht dank der Kirchen !) entstanden sind, so sind sie doch für alle Menschen gültig, selbst wenn die USA, offenbar noch eine Demokratie, in ihrer Politik permanent die von ihnen hoch geschätzten Menschenrechte so oft ignoriert haben und ignorieren…

Also: Auch für eine der Menschheit dienende Kirche („Kirche für andere“, Bonhoeffer) gilt heute: Die Menschenrechte zuerst, die ethische Bildung zuerst, die politischen Debatten in diesem Sinne zuerst auch in den Kirchen. Und das hat zur Konsequenz: Es muss der nationale Egoismus überwunden werden. Es gilt, tatsächlich das große Projekt zu bearbeiten: Aufbau einer gerechten Gesellschaft; Schluss damit, dass sich die reichen Christen angewöhnen,die Millionen Hungernder einfach so zu akzeptieren; Beendigung des Waffenhandels durch sich christliche nennende Staaten. Erst wenn sich die Kirchen primär an diesem Thema abgearbeitet haben, kann man das weite Feld des Religiösen studieren… und ein bißchen, in vernünftigen Rahmen, auch Luther feiern. Welche Art von Verstopfung Luther hatte, wie er sprach, wie er liebte, wie zornig er sein konnte und so weiter: Das ist alles Folklore, unnützes Wissen. Populär gemachtes Bla Bla aus Gründen der Anbiederung.

Nützliches Wissen ist für die Christen, eben weil sie Menschen sind: Was ist der Kategorische Imperativ im Sinne Kants, das universale moralische Gesetz; was ist die „Goldene Regel“, was ist Empathie. Eine Kirche, die sich der jesuanischen Reich-Gottes-Idee verpflichtet weiß, also der gerechten Gesellschaft, kann tatsächlich und muss es auch im Sinne Jesu, Ethik wichtiger nehmen als interne religiöse Dogmen und Weisheiten. Die kann man ja pflegen, aber bitte erst, wenn alle Gottesdienste im Luther-Gedenkjahr sich um die Ausbildung einer humanen Ethik drehen. Dann wird man erkennen: Eigentlich ist der christliche Glaube etwas – von der Lehre her gesehen – Einfaches: Er ist die Lebenshaltung der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens an eine Dimension des Göttlichen, das in allen menschlichen Leben wachgerufen werden kann. Der christliche Glaube hat jedenfalls in dieser alles entscheidenden elementaren Form nichts zu tun mit den 814 Seiten eines katholischen Katechismus, der ziemlich alle Details des Innenleben Gottes zu kennen meint; ein evangelischer Katechismus ist nur etwas kleiner.

Sagen wir es kurz und bündig: Glauben ist zuallererst ethische Praxis; Glauben ist Leben nach den Menschenrechten. Man lese bitte wieder Kant, etwa das Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. In der „moralischen Anlage“ des Menschen, jedes Menschen, sah Kant „eine Heiligkeit“. Er sprach davon, dass diese moralische Anlage im Menschen (also der kategorische Imperativ) eine „göttliche Abkunft habe“. So viel Göttliches IM Menschen reicht, um menschlich zu leben mit anderen. Meister Eckart sah das nicht viel anders!

Kant ist also weder Atheist noch „veraltet“. In seinem Sinne gilt: Es würde den Kirchengemeinden gut anstehen, die ethische Bildung, auch gesprächsweise mit den Muslims, in den Mittelpunkt zu stellen, im Verbund mit Menschenrechts-Organisationen.

Welche ethisch-moralischen Katastrophen auch aus dummer Frömmigkeit entstehen, sieht man gegenwärtig in den USA und dem dortigen Wahl-Gemetzel. Die unflätigen Hass-Attacken eines Herrn Trump finden jubelnd Zustimmung bei einer Bevölkerung, die ganz überwiegend nicht nur christlich, oft evangelikal ist, sondern auch zu eifrigsten Kirchengängern zählt. Wie passt das alles zusammen? Diese Frommen haben kein Nachdenken gelernt, kein Reflektieren, sie haben kein Bewußtsein von universaler Ethik. Sie denken mit dem Bauch. Die sich zum Hass aufstachelnden Trump-Freunde haben von ihren (evangelikalen oder pfingstlerischen) Predigern offenbar so viel spirituellen Blödsinn gehört, dass sie jetzt auf diesem Niveau gelandet sind. Damit ist nicht gesagt, dass Hillary Clinton in ihrer Lust, „die amerikanische Macht weltweit unbedingt zu stärken“ politisch klug ist und dem Welt-Frieden dient. PS: Zum Wahlverhalten der „weißen Evangelikalen“ in den USA am 8. Nov. 2016: Siehe den Beleg für unsere These zur Trump Nähe und evangelikaler Frömmigkeit unten, am Ende des Beitrags.

Es ist schon verstörend, dass die Luther-Jubelfeiern vor allem in einem Bundesland Sachsen-Anhalt stattfinden, in dem die AFD leider so unglaublich hohe Zustimmung findet. 17 Prozent der Protestanten haben AFD gewählt. Bei den Katholiken waren es genauso viele. Luther-Jubel, Luther Restauration (alle diese renovierten Luther-Häuser als Museen)  in einem von der AFD geprägten Land, das ist bis jetzt noch kein Thema. Allgemein übersetzt: Luther und der (neue) Nationalismus sollte bearbeitet werden.

Die Verirrungen in der Mentalität in den USA zeigen einmal mehr, wie wichtig es jetzt ist, wenn Luther sagt: „Hört auf mit allen theologischen Spitzfindigkeiten. Kümmert euch nicht so sehr um mich, den spätmittelalterlichen Mönch; kümmert euch um die Entwicklung einer Menschenrechts orientierten universalen Ethik, werdet reife, werdet nachdenkliche Menschen, kritische Bürger“. Und der fromme Mann würde wohl hinzufügen: „Allein dies gefällt Gott!“

PS: Dass hier vom römischen Katholizismus so wenig gesprochen wird, liegt lediglich an dem Fokus dieses Beitrags. Die Forderung: „Universale Ethik ist wichtiger als römischer Glaube“ gilt selbstverständlich auch für den Katholizismus. Hier wäre noch von dem viel massiveren Klerikalismus zu sprechen, jener unverzeihlichen Sünde Roms, die schon Jan Hus, aber auch Luther richtigerweise, aber erfolglos, attackierten. Bis heute. Man lese etwa die entsprechende Kritik von Papst Franziskus an der ihn umgebenden Kurie, als dem „Hof“ der Kardinäle und Prälaten…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Weiße Evangelikale absolut für Trump: 1.Despite reservations expressed by many evangelical and Republican leaders, white born-again/evangelical Christians cast their ballots for the controversial real estate mogul-turned-politician at an 81 percent to 16 percent margin over Hillary Clinton“. Quelle: http://www.christianitytoday.com/gleanings/2016/november/trump-elected-president-thanks-to-4-in-5-white-evangelicals.html gelesen 9.11. 2016,  19.00 Uhr.

2. : White evangelical voters have been reliable Republican voters for decades, but this year some are having trouble reconciling their Christian values with Donald Trump’s unholy language. Quelle: http://abcnews.go.com/Politics/evangelical-values-voters-struggle-choosing-trump-president/story?id=43303321    gelesen am 9.11. 2016 19.00 Uhr.

 

 



dia de los muertos: Das Fest der Toten in Mexiko. Ein Hinweis

23. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Es ist heute problematisch, die Toten in Mexiko zu feiern. Tausende werden pro Jahr ermordet in einem brutalen Krieg der Banden, der Drogenbosse und der unfähigen Polizei. Journalisten sind oft die bevorzugten Opfer dieser bestialischen Mörder. Selbst katholische Priester werden erschossen, und das in einem angeblich katholischen Land. Nun wird deutlich, wie oberflächlich die religiöse Bildung ist, wenn es sie denn für die weitesten Kreise überhaupt gibt, in Mexiko, und nicht nur dort. Ein gewisser spiritueller Rettungsanker in diesem Land des Mordens ist der traditionelle Totenkult, der „Dia de los Muertos“ am 1. und 2. November. Indigene Bräuche werden mit Volksritualen des Katholizismus verbunden. Diese volkstümlichen Feiern finden immer noch viel Anklang. Es ist den Religionspsychologen überlassen, das Ausmaß des „Aberglaubens“ in diesen Volksfesten zu beschreiben. Der Theologe Alfons Vietmeier aus Mexiko-Stadt hat in einer Beitragsreihe über Mexiko für diese website auch über den „dia de los muertos“ publiziert. Wir erinnern noch mal, wegen vielfältiger Nachfragen, an das Thema … lesen Sie diesen Beitrag und klicken hier.



Pater Klaus Mertes für ökumenisches Abendmahl: Katholiken können am evangelischen Abendmahl teilnehmen

24. September 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Ein Buchhinweis von Christian Modehn

Ausführliche Briefe, über drei Monate (bis Februar 2016) hin und her geschickt zwischen zwei prominenten Theologen, sind heute – nicht nur in Zeiten der absolut vorherrschenden emails – eine Seltenheit. Und noch seltener ist, wenn man so sagen kann: Dass diese Briefe auch als Buch publiziert werden. Die Kategorie Briefwechsel spielt ja in heutigen Verlagsgeschäften keine große Rolle mehr.

Nun haben die protestantische Theologin und Grüne-Politikerin Antje Vollmer und der Jesuitenpater Klaus Mertes ihre Korrespondenz veröffentlicht. Sie dreht sich immer wieder um das Problem der Gebundenheit an christliche Konfessionen, also evangelisch und römisch-katholisch. Und je länger der freundliche Brief-Austausch dauert, um so mehr nähern sich die theologischen Positionen an. Für die protestantische Theologin Antje Vollmer ist es eigentlich selbstverständlich, dass Katholiken an einem evangelischen Abendmahl nicht nur als Gäste dabeisitzen, sondern sich eben das Abendmahl von einem protestantischen Pfarrer reichen lassen. Ökumene, als versöhnte Verschiedenheit, wird so greifbar. Es gibt eigentlich nur noch wenige theologisch Gebildete, die eine solche Feier der Einheit der Christen ablehnen. Das müssen schon Dogmatiker der uralten Schule sein oder Angestellte der vatikanischen Aufsichts-Bürokratien, die bis nach Deutschland ihren Einfluss haben. Aber es ist eben im Katholizismus zweierlei: Man kann als katholischer Theologe eine richtige Meinung zur Praxis der ökumenischen „Mahl-Gemeinschaft“ haben, aber man darf diese nicht öffentlich sagen, geschweige denn öffentlich praktizieren. Das ist eben das viel besprochene Klima der Angst, das den Katholizismus bis heute bestimmt bzw. innerlich vergiftet und aus Glaubenden eben Mutlose und Verängstigte macht, solche Leute also, die um ihres Jobs in der Kirche/Caritas wegen auf ihre (ökumenische) Meinung und ökumenische Praxis doch besser verzichten. So entstehen gespaltene Persönlichkeiten…

Pater Klaus Mertes kennen und schätzen so viele, er gehört zu den Mutigen, den Offenen, den Aufgeschlossenen. Er hatte 2010 die unglaubliche Courage gehabt, „pädophile“ Vergehen durch Jesuiten an dem Jesuiten-Gymnasium in Berlin öffentlich zu machen. Er wusste: Allein die Freilegung der Tatsachen ist hilfreich. Er löste wohl als einer der wenigen Mutigen, die die Wahrheit sagen, ein mittleres Erdbeben in der römischen Kirche aus. Es dauert bis heute…Man denke an die Skandale der immer noch agierenden Ordensleute der „Legionäre Christi“, „Millionäre Christi“ oft genannt, die von einem pädophilen Verbrecher gegründet wurden…

Nun zu dem Buch: Da ist es keine Überraschung, dass Pater Mertes am Ende des Buches, also ab S. 154, in aller Deutlichkeit für die „ökumenische Gastfreundschaft sich einsetzt“. „Ich bin überzeugt, dass es einem katholischen Christen im Gewissen frei steht, die Einladung zum evangelischen Abendmahl anzunehmen… Ich lasse mir nichts zu schulden kommen, wenn ich einer (protestantischen) Person nach dem „Amen“ die Kommunion reiche. Im Gegenteil, ich ließe mir etwas zu schulden kommen, wenn ich es nicht täte“, so Pater Mertes (S.155). Die theologische Begründung für diese richtige Haltung liefert er im Buch!

Diese Aussage weist in die Zukunft. So sehr vielleicht auch weniger religiöse Zeitgenossen über das Thema schmunzeln und sich sagen: Was haben diese getrennten Christen denn noch für Sorgen! Gibt es wirklich nichts Dringenderes? Gibt es natürlich!

Trotzdem ist diese Stellungnahme von Pater Mertes innerkirchlich gesehen ein wichtiger Durchbruch: Denn es kann ja sein, dass nun Katholiken in sich gehen und den Worten des Jesuiten folgen. Viele tun es längst, heimlich natürlich!

Diese Worte von Pater Mertes haben großen Wert für den kommenden evangelischen Kirchentag 2017 in Berlin: Da wird es dann hoffentlich auch viele katholische Teilnehmer geben, die am evangelischen Abendmahl teilnehmen. Der Streit um den katholischen Professor Gotthold Hasenhüttl, der 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin Protestanten die Kommunion reichte, wird sich so nicht mehr wiederholen. Es wäre auch eine Blamage, wenn nicht Katastrophe, für die Herren der Kirche, nun auch 2017 beim Reformationsgedenken wieder hart durchzugreifen. Prof. Hasenhüttl wurde von dem damaligen Trierer Bischof Reinhard MARX (jetzt München) vom Priesteramt suspendiert….Dass es einen suspendierten Pater Mertes geben könnte, ausgerechnet im Luther-Jubiliäum, befürchtet irgendwie die besorgte Protestantin Anje Vollmer, sie schreibt: „Dieser Briefwechsel darf nicht dazu führen, dass Sie, Pater Mertes, damit in unabsehbare Schwierigkeiten mit Ihren Kirchenhierarchien kommen“ (S. 145). Wird er wohl nicht, denn er hat himmlischen Beistand: Seinen sehr berühmten Mitbruder, den Theologen Pater Karl Rahner: Er hat zusammen mit dem katholischen Theologen Heinrich Fries (München) 1983 eine bedeutende Studie verfasst: Veröffentlicht ebenfalls in dem katholischen HERDER Verlag, mit dem alles sagenden Titel „Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit“. Also: Kircheneinigung ist JETZT möglich, alles offizielle katholische Gerede vom Warten und immer wieder weiter Beten usw… entpuppt sich klerikale Ideologie des konfessionellen Machterhalts. Theologie muss endlich Ideologie-Kritik werden. Dieses große Buch von Karl Rahner hat zwar 5 Auflagen erlebt, hat meines Wissens aber nicht den Verstand und das Herz der katholischen Hierarchie erreicht. Sie hielten diese großen Vorschläge „Ökumene JETZT“ für Theologengeschwätz. Es ist diese Ignoranz der Hierarchen gegenüber der Theologie, die so manchen erschüttert. Nur der Ungehorsam, siehe Luther, führt wohl in versteinerten Systemen ins Freie.

Die Ökumene stagniert, kaum noch jemand interessiert das und kaum noch jemand interessiert sich leidenschaftlich insgesamt noch für die Kirchen… Weil die katholische Hierarchie in ihrer dogmatischen Fixierung alles wirkliche Weiterführende in der Ökumene verbietet. Die Kirche selbst vertreibt die Gläubigen…wie damals, zu Luthers Zeiten!

Nun kommt also noch mal ein Vorschlag von Pater Mertes, zu sehr später Stunde möchte man sagen, wo sich die Kirchen in Deutschland tatsächlich leeren und nur noch die Kirchensteuergelder bestens fließen. Man kann nur hoffen, dass Pater Mertes nicht wie der Augustiner Pater Martin Luther gezwungen wird zu sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Bevor dies hoffentlich nicht passiert, sollte das Buch gelesen werden: Es behandelt selbstverständlich nicht nur dieses Thema.

Buchempfehlungen: Klaus Mertes, Antje Volmer, Ökumene in Zeiten des Terrors. Streitschrift für die Einheit der Christen. Herder Verlag 2016, 2169 Seiten.

sowie immer noch lesenswert und zur Praxis empfohlen: Karl Rahner und Heinrich Fries, Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit. Herder Verlag 1983. 156 Seiten.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin



Thomas Müntzer – der (fast) vergessene Reformator als Theologe der Revolution

11. September 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Perspektiven und Probleme, Theologische Bücher

Von Christian Modehn

Dieser Beitrag erschien in kürzerer Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 9. September 2016. Zu einem weiteren Beitrag zu Müntzers theologischem Profil, veröffentlicht am 6.10.2016, klicken Sie hier.

Der erste „Theologe der Revolution“ war auch einer der ersten Liturgie-Reformer. Vor Martin Luther hat er bereits 1523 die Messe auf Deutsch gefeiert: Thomas Müntzer wollte seine Gemeinde in Allstedt (Südharz) von „magisch wirkenden“ Texten befreien, um zur Erkenntnis des wahren Gottes zu führen. Dabei sollte zur Gewissheit werden: Die auserwählten Christen sind im heiligen Geiste eins mit Gott. Diese mystische Erfahrung bestärkte seinen politischen Kampf. Darum unterstützte Müntzer auch in Allstedt die empörten Bauern und Tagelöhner: Sie wollten „den wohllebenden Mönchen keinen Zins zahlen“ und gründeten einen „Widerstandsbund“. Gegen die Allmacht der Herrscher hatte sich ihr Pfarrer schon andernorts heftig ausgesprochen. Müntzer gehörte selbst zu den Verarmten. Für sie war er „Der Knecht Gottes“.

In den deutschen Messen zu Allstedt wurden zwar noch die alten, gregorianischen Melodien – auf Deutsch – gesungen. Aber das Volk war begeistert und strömte zu den Predigten. Dass Thomas Müntzer gleich nach der Liturgiereform die ehemalige Nonne Ottilie von Gersen heiratete, störte nur die katholischen Grafen der Umgebung.

In seiner „Fürstenpredigt“ im Schloss Allstedt (13.7.1524) ermahnte er, biblische Propheten zitierend, Fürst Johann von Sachsen und die anderen: Sie sollten sich der Protest-Bewegung des Volkes anschließen. Denn das Volk habe bei seiner Unterdrückung ein heiliges Recht auf Widerstand. Wenn die Fürsten an ihrer Herrschaft festhielten, gelten sie als Gottlose, die das Volk bekämpfen und vernichten wird.  Müntzer sah die Ursache allen Elends bei den Herrschenden.Wenn er Gewalt unterstützte, dann nur als Reaktion auf vorhandenes Unrecht der Fürsten und der Kirche bzw. Klöster. Dass „Gott die Mächtigen vom Thron stürzt“, wie das Magnificat Marias im Neuen Testament sagt, nahm Müntzer wörtlich! Er fühlte sich – mit den Ausgegrenzten – auf der Seite Gottes! So wie die Fürsten (und Luther) das Wort der Bibel wörtlich nahmen vom „Gehorsam der Untertanen unter (jede) Gewalt“…und dieses Wort rabiat durchsetzten um des eigenen Machterhaltes willen.

Es ist bezeichnend, dass von Müntzer, diesem „theologischen Revolutionär“ (H.J. Goertz), kein authentisches Porträt überliefert ist. Im Vergleich zu zahllosen Luther-Porträts ein Beleg, wie heftig er auch von den Wittenberger Reformatoren ausgegrenzt wurde. Selbst sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt: Um 1489 wurde Müntzer in Stolberg (Harz) geboren. Biografische Details fehlen oft. Erst in den letzten Jahren wurde begonnen, eine kritische Gesamtausgabe seiner wenigen Bücher und zahlreichen Briefe herauszugeben. Er studierte Theologie in Leipzig und Frankfurt/Oder, 1513 wurde er zum Priester für das Bistum Halberstadt geweiht. Seit der Zeit, bis zu seiner Hinrichtung am 27. Mai 1525, war er ruhelos unterwegs, um für die Einheit von Mystik und Revolution einzutreten. In etwa 30 Städten, zwischen Prag und Braunschweig, Wittenberg und Basel, Zwickau und Frankenhausen, hat er sich aufgehalten, immer auf der Suche nach einer Predigerstelle. Müntzer ist der Heimatlose, überall wurde er verjagt und verfolgt.

Seit 1521 ist der eine Mittelpunkt seines Denkens offensichtlich: Der heilige Geist wirkt in jedem Glaubenden; es gibt eine Gottunmittelbarkeit, der Klerus spielt dabei keine Rolle. Aus der Gottunmittelbarkeit folgt die grundlegende Veränderung der Gesellschaft und das Ende der Gewaltherrschaft der Fürsten. Und sogleich ergoss sich der öffentliche Zorn Luthers über ihn, den Müntzer seinerseits ebenso heftig beantwortete. Inzwischen haben, dank der Studien etwa von Hans-Joachim Goertz, die alt vertrauten Müntzer Klischees keine Chance mehr: Er ist weder der sozialistische Held des Bauernkrieges noch der „Erzteufel“, wie ihn Luther und seine Kirche lange Zeit hinstellte.

Entscheidend ist heute: Müntzer war ein eigenständiger Reformator. Darum sollte 2017 über ihn umfassend diskutiert werden. Themen gibt es genug: Im Unterschied zu Luther galt ihm die je eigene, geistvolle Erfahrung des lebendigen Gottes alles. Er dachte oft wie die Mystiker des Dominikanerordens, vor allem Johann Tauler. Das Wort Gottes, auch die Lehre von der Rechtfertigung, waren für Müntzer nur ein äußerer Anstoß, Gottes Geist „in mir“ zu erleben. Und diesen Geist sah er im Widerstand der Armen politisch am Werke. Einzig dem Projekt „Reich Gottes auf dieser Erde am Ende unserer Zeiten“ wollte er dienen. Dabei dachte er wie andere Reformatoren apokalyptisch. Er sah im Aufstand des unterdrückten Volkes eine Art Notwehr. Denn einzig bei den Fürsten nahm die Gewalt ihren Anfang. Müntzer verteidigte „das Gewaltrecht der Guten“, also der leidenden Christen. Dass der staatskonforme Luther mit seiner Sympathie für die Fürsten letztlich auch nicht den Frieden förderte, ist eine Tatsache. Heute wünscht man sich, die vernünftigen Humanisten hätten mehr Einfluss gehabt in dieser apokalyptisch aufgewühlten Zeit. Vernünftiges Denken, Klarheit der Begriffe, Selbstkritik und philosophische Logik hatten bei dem Reformator Luther und seinem Kreis keine Chance. Und sie waren im Gefolge Augustins stolz darauf, Verächter der Philosophie und des Humanismus zu sein!

Thomas Müntzer wurde schließlich im „Endkampf“ aufseiten der Bauern in Frankenhausen (11. Mai 1525) gefangen genommen und in Mühlhausen am 27.Mai 1525 hingerichtet. Luther, aber auch Philipp Melanchthon, stachelten die Fürsten sogar noch an, diesen „Unmenschen“ Müntzer zu töten. Diese direkte Aufforderung zur Tötung eines andersdenkenden Reformators ist – aus heutiger Sicht – ungeheuerlich. Diese Mordaufrufe Luthers werden offiziell in lutherischen Kirchen überhaupt nicht „behandelt“. Der Müntzer Spezialist und Historiker Hans-Jügen Goertz schreibt: Luther stand explizit und kämpferisch aufseiten der Fürsten und warnte diese eindringlich vor Müntzer als dem „lügenhaften Teufel, Weltfresser, Schwindelgeist“. „Luther tilgte alle menschlichen, individuellen Züge Müntzers“(Goertz, S. 254). Noch schlimmer: „Luther ließt sich die Gelegenheit nicht nehmen, den Gotteslästerer und Aufrührer Müntzer literarisch hinzurichten, bevor das Urteil gesprochen war und der Henker sein Schwert erhoben hatte. …Luther unterdrückte jeden Zweifel an dem martialischen Abschlachten der fliehenden Bauern bei Frankenhausen. Luther wollte allen Regungen von Mitleid und Nachsicht zuvorkommen. Dem Teufel und dem Antichristen (Müntzer) durfte niemand mit Verständnisund Erbarmen begegnen“ (Goertz  S. 254 f.) „Seither, (also durch Luthers Polemik verursacht, CM) geistert die Kunde von dem Mordpropheten Müntzer durch die Zeiten…und die Deutschen haben gelernt, Nonkonformisten, Dissidenten und Revolutionöären mit Abscheu zu begegnen“. (Goertz, S. 257).

Nur vereinzelt fällt heute sein Name unter den Theologen der Befreiung. Sie wissen wie er: Die Kirche muss mit den mit den Unterdrückten Gerechtigkeit realisieren, sonst bleibt all ihr Tun gottlos. Eine Kirche aufseiten des Staates, eine Kirche, die den Staat sozusagen automatisch unterstützt, noch schlimmer: eine Staatskirche, ist in dieser Sicht eine Art Gotteslästerung; siehe etwa auch die entsprechenden Verbrechen in katholischem Milieu in der Zeit der katholischen Franco-Diktatur in Spanien.

Ob es im Reformationsgedenken (ab 31. Oktober 2016 ein ganzes Jahr lang) auch ein Müntzer-Gedenken geben wird, ob er eine Rolle spielen wird in den zahlreichen (evangelischen) Akademien-Veranstaltungen oder beim Kirchentag 2017, wäre zwar wünschenswert, ist aber angesichts dieser seiner „störenden Theologie“ eher unwahrscheinlich. Müntzers Theologie ist deswegen störend, weil mit ihm die ständige Staatsnähe des Luthertums (bis heute) kritisch diskutiert werden müsste. Müntzer würde heute von kirchlicher, also wohl christlicher Seite, diese Frage an die C-Parteien stellen: Seid ihr christlich, ihr so genannten Christlichen Parteien? Was soll dieses „C“? Diese Frage würde er angesichts des Umgangs mit Fremden und Flüchtlingen stellen, angesichts der von C Parteien nicht kritisierten und verhinderten Rüstungsproduktion, der geringen staatlichen Beiträge für eine unwirksame Unterstützung armer Länder, der zunehmenden Armut auch in Deutschland usw. Das Ergebnis wäre nicht nur für Müntzer niederschmetternd. Er würde wohl für die Streichung des „C“ aus dem Titel der  beiden Christlichen Parteien plädieren. Wäre auch ein hübsches Thema im Reformationsgedenken…

Die „Thomas-Müntzer-Gesellschaft“ hat ihr Büro in Mühlhausen, dort erscheinen zahlreiche Studien. Etwa: Alejandro Zortin, Thomas Müntzer in Lateinamerika. 2010., 44 Seiten.

Zur Vertiefung besonders zu empfehlen: Hans Jürgen Goertz, Thomas Müntzer – Revolutionär am Ende der Zeiten. C. H. Beck. 2015. 352 Seiten, 24,95 €.



Luthers Bindung an die Fürsten: Die Sicht niederländischer Forscher

1. September 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Wer sich mit der Reformation in den Niederlanden im frühen 16. Jahrhundert befasst, ist überrascht: Trotz zahlreicher Freunde und Sympathisanten Luthers in den Niederlanden (und Antwerpen) damals, hat die lutherische Form, Kirche zu sein, dort um 1520 und später keinen zahlenmäßigen Erfolg gehabt. Und das liegt daran, so die Autoren der Studie „Ketters en Papen onder Filip II.“ (herausgegeben vom Rikjsmuseum Het Catharijneconvent Utrecht, 1986), dass Luther 1531 etwa ausdrücklich die Antwerpener Lutheraner warnte: Sie sollten auf versteckte, aber der Öffentlichkeit bekannte Zusammenkünfte verzichten; sie sollten entweder völlig privat, in aller Stille ihre Gottesdienste feiern oder das Land verlassen und dort hin gehen, wo das Wort Gottes frei verkündet werden kann. „Dieser Standpunkt schließt ganz an Luthers Neigung an, Unterstützung zu suchen bei den Fürsten. So ist die lutherische Reformation fast überall das Werk der regierenden Fürsten gewesen. In Deutschland geschah die Reformation von oben nach unten, nach dem Willen und dem Beschluss der Landesherren. Und diese Fürsten behielten die Leitung bei der Sicherung des reformatorischen Geistes. In den Niederlanden war so etwas ausgeschlossen… Das niederländische Volk wandte sich mehr den radikalen Bewegungen der Wiedertäufer zu und später dem militanten Calvinismus“. (S. 45 im genannten Buch, Beitrag von J. Decavele).

Wir erinnern an diese starke Bindung Luthers an die Fürsten, um noch einmal seinen tiefen Hass gegen den sozial-orentierten Reformator Thomas Müntzer (und seine Forderung, dass die Fürsten ihn verhaften und verbrennen) deutlich zu machen.

Copyright: Christian Modehn



Mutter Teresa, die Heilige mit dem Burn-Out!

27. August 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 27.8.2016

Eine Ergänzung am 1.9.2016: Die folgende Kritik an Mutter Teresa erscheint mir selbst noch viel zu milde, wenn man die Studien von Geneviève Chénard (2013) („Les côtés ténébreux de Mère Teresa“) berücksichtigt oder die älteren Arbeiten von Christopher Hitchens oder die Hinweise des indischen Schriftstellers Aroup Chatterjee. Unser Beitrag bleibt dennoch lesenwert, weil er auf die seelischen Leiden der Mutter Teresa hinweist, die 50 Jahre dauerten und nicht „bearbeitet“ wurden…

Am 4. September 2016 hat Papst Franziskus auf dem Petersplatz die katholische Ordensfrau Mutter Teresa (geb. 1910 in Skopje, gestorben 1997 in Kalkutta) heilig gesprochen. Nach katholischer Lehre ist sie nun nicht nur göttlich bestätigtes Vorbild für alle Katholiken. Sondern auch, „zur Ehre der Altäre erhoben“, wie die offizielle Lehre betont, ist Mutter Teresa für die bittenden Menschen, die sich an sie „wenden“, so etwas wie eine Art Beistand „an Gottes Thron“. Über dieses immer noch gültige römisch-katholische Denkbild ließe sich ausführlicher diskutieren im Jahr der Erinnerung an die Reformation…   Mutter Teresa ist weltweit eine allseits bekannte Ikone der Barmherzigkeit. Und man freut sich natürlich, dass in dieser heutigen Welt der brutalsten Macht, diese Frau so viel Zustimmung findet. Und man freut sich doch auch, dass sie als Beispiel der Hilfsbereitschaft hoch gelobt wird. Sie ist als Heilige in jedem Fall viel sympathischer als etwa der heilige Gründer des internationalen Geheimclubs Opus Dei, Josemaria Escriva oder der fromme Scharlatan, der heilige Pater Pio in Süditalien.

Dennoch werden sich manche Leser, kritische Leser, fragen: Kann diese Nonne tatsächlich Vorbild sein, „heiliges Vorbild“, wie die katholische Presse jetzt ständig behauptet? Kann Mutter Teresa Vorbild sein in ihrer strikten Betonung einer Leidens“mystik“, von der Martin Kämpchen in der Jesuiten-Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (2010) berichtete: „Daraus hat sich im Orden (Mutter Teresas) eine Leidensmystik entwickelt, in deren Mittelpunkt der gekreuzigte Christus steht. Wie Christus soll der Patient (in den Häusern Mutter Teresas) seine Leiden eher ertragen, anstatt zu versuchen, sie zu mildern“.

Mutter Teresa wird etwa in hinduistischen Kreisen Indiens als die „Mother“ wie eine Göttin verehrt und in der Kirche erinnern viele Darstellungen (Mutter Teresa mit sterbendem Kind usw.) an Marien-Darstellungen, etwa an die Pietà. Gibt es nun, katholisch gesprochen, gleich zweimal „die Mutter Gottes“? Noch einmal soll der Spezialist für indische Religionen und Spiritualitäten Martin Kämpchen zitiert werden: „Im christlichen Symbolbereich nähert sie (Mutter Teresa) sich der Madonna mit dem weiten Schutzmantel an, unter dem alle Platz finden; im Hinduismus sind es die Muttergottheiten Durga und Kali, die gerade in Kalkutta besonders verehrt werden. Mutter Teresas Resolutheit läßt an die Dämonen tötende Durga denken, ihre Barmherzigkeit verbindet sich mit der gütig-milden, schenkenden Neigung von Kali“. Die Frage ist, wie stark im hinduistischen Indien heute auf die Heiligsprechung Mutter Teresas reagiert wird: Ist sie vielleicht eine gemeinsame katholisch-hinduistische Heilige, wenn nicht „Mutter-Gottheit“? Wäre dieses interreligiöse „Mischung“ der Heiligen dem Vatikan sympathisch und der „Lehre“ entsprechend? Wird Papst Franziskus eine „multireligiöse Heilige“ nun etablieren?

Für ihn ist eine heilige Mutter Teresa die stärkste Stütze für seine theologische Lieblingsidee, die Barmherzigkeit unter allen Umständen zu fördern. Universale Barmherzigkeit ist, hier nur nebenbei gesagt, etwas anderes als universale Gerechtigkeit. Es ist eine alte Erkenntnis, dass der Arme, dem Barmherzigkeit erwiesen wird (ein Stück Brot etwa als Geschenk erhält), zunächst dankbar ist; aber immer wieder nach der viel dringenderen Gerechtigkeit schreit. Ist Gerechtigkeit für alle primär? Gewiss doch! Auch dies ist ein anderes Thema.

Es ist keine Frage, dass Mutter Teresa und die von ihr gegründeten Ordensgemeinschaften viel Gutes getan haben und tun. Eben Barmherzigkeit zeigen, so, wie sie Barmherzigkeit verstehen: Die Ordensleute leben als Arme und den Armen, was  in Indien für Ordensleute in ihren nicht gerade erbärmlichen Klöstern so selbstverständlich nicht ist. Und die Schwestern und Brüder Mutter Teresia kümmern sich um die Ärmsten, die Sterbenden, und bieten ihnen eine Art erste Hilfe an, sie kümmern sich auch um Obdachlose in Europa oder Leprakranke in Afrika. Das verdient Respekt. Keinen respekt verdient die allgemeine Abweisung von theologischer Reflexion oder die Zurückweisung, den Verbleib der  vielen Spenden freizulegen, die diese armen Nonnen erhalten…

In jedem Fall werden nach dem 4. September 2016 noch mehr (katholische) Lobeshymnen auf die „Mutter“, die Nonne Teresa, gesprochen werden. Bei einem solchen Jubelfest, das einmal mehr die Strahlkraft des Katholizismus anzeigen soll, sind kritische Fragen natürlich für die Veranstalter deplaziert, um der umfassenderen Wahrheit willen jedoch wohl notwendig. Die Veranstalter von Heiligsprechungen ließen sich durch kritische Fragen allerdings nie stören. Und kritische Studien zur „Mutter“ werden a priori abgewiesen, stammen sie doch, so meint man, von Feinden der Religion…Den „Medien“ gar, wie etliche Prälaten sagen. Wie manche Schemata im Denken sich doch so durchsetzen bis in neue politische Gruppierungen hinein.

Trotzdem,  in aller Kürze einige zentrale Tatsachen, die einer weiteren wissenschaftlichen Vertiefung bedürfen: Wird es eines Tages auch umfassend-kritische Studien über Mutter Teresa und ihren Orden geben und nicht nur die üblichen Heiligengeschichten? Wir fürchten bei den Verhältnissen: Eher nicht.

Tatsache ist: Mutter Teresa hat von theologischen Reflexionen niemals viel gehalten. Sie wollte nur fromm sein. Und dieses Modell einer theologiefernen Frömmigkeit hat sie ihren Ordenschwestern und Ordensbrüdern übermittelt, bis heute.

Mutter Teresa hat nie viel von medizinischen oder sozialwissenschaftlichen Kompetenzen für ihre Hilfszentren gehalten (von entsprechenden Studien für die Nonnen ganz zu schweigen).

Mutter Teresa hat angesichts des Elends der vielen Millionen Armen nicht von den gesellschaftlichen und politischen Ursachen der Armut gesprochen.

Mutter Teresa wollte nur persönlich helfen, eben nur „Barmherzigkeit“ praktizieren. In persönlicher Hilfsbereitschaft sah sie als die Lösung der Probleme, nicht in politischer Aufklärung und politischer Arbeit.

Mutter Teresa hat, der Frömmigkeit des frühen 20. Jahrhunderts entsprechend, viel von Aufopferung, von persönlichem Selbstverzicht, gesprochen und diese Haltung auch total, möchte man sagen, gelebt.

Diese Selbstaufopferung als Selbstverzicht, als Verzicht auf die immer auch nötige Selbstliebe, ist wohl auch die Ursache für ihre lange dauernde tiefe seelische Erschütterung, man könnte sagen: seelische Krankheit (Depression).

Seit 2007 liegen die Tagebücher Mutter Teresa, post mortem, veröffentlicht vor. Ganz eindeutig ist: Mutter Teresa lebte über viele Jahre in tiefer spiritueller „Dunkelheit“, wie ihre Interpreten zugeben. Der Indien-Spezialist und Kenner der indischen Spiritualitäten, Martin Kämpchen, schreibt in der Jesuiten-Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (2010): „Die Lektüre (der Tagebücher CM) belehrte mich, dass diese Dunkelheit die Ordensfrau Mutter Teresa tatsächlich fast 50 Jahre lang begleitet hat“.

Das heißt: Mutter Teresa lebte 50 Jahre, privat für sich allein, nur ihren Beichtvätern bekannt, in einem seelischen Zustand, den sie Gottesferne, ja Gottlosigkeit und Dunkelheit nannte. Ein etwas längeres Zitat: Schon am 3.9.1959 (!) notiert sie. „In meiner Seele fühle ich, dass Gott mich nicht will, dass Gott nicht wirklich existiert (Jesus, bitte vergib mir meine Gotteslästerungen – es wurde mir gesagt, ich soll alles aufschreiben). Diese Dunkelheit, die mich von allen Seiten umgibt – wofür arbeite ich? Wenn es keinen Gott gibt – wenn es keine Seele gibt, dann Jesus bist du nicht wahr. Der Himmel, welche Leere… Ich verausgabe mich selbst, doch ich bin mehr als überzeugt davon, dass das Werk nicht mein ist…Doch ich habe keinen Glauben, ich glaube nicht“ (in: Mutter Teresa, Komm sei mein Licht, Pattloch Verag, 2007, Seite 228 f). Diese Äußerungen Mutter Teresa werden von den vielen wohlwollenden Interpreten (es ist ja schwer, bei dieser heiligen Ikone, nicht rundum wohlwollend zu sein) als „dunkle Nacht“ gedeutet. Damit wird Mutter Teresa eingereiht in die große mystische Tradition einer Theresa von Avila und eines Johannes vom Kreuz, auch sie sprachen ja in ihren wertvollen Büchern poetisch von ihren dunklen Nächten. Ob diese Verbindung zu den Mystikern des 16. Jahrhunderts so treffend ist, bloß weil auch Mutter Teresa ihren Zustand „dunkle Nacht“ nannte, ist fraglich. So wird Mutter Teresa jedenfalls „hoch gedeutet“ und, so möchte man meinen, es wird übersehen, dass sie wahrscheinlich doch ein Burn Out, wie wir heute sagen, permanent erlebte, wenn sie nicht auch unter der Krankheit Depression litt. Das wäre selbstverständlich nicht schlimm, und es wäre für eine reife Gesellschaft auch nicht schlimm, dies öffentlich einzugestehen. Eine Krankheit ist keine Schande. Aber wenigstens den ständigen Burn Out öffentlich einzugestehen, passt der Kirche nicht; sie will ein bestimmtes Image von Mutter Teresa verbreiten. Und vor allem: Offenbar hat Mutter Teresa in all den langen Jahres ihres Burn Out bzw. ihrer Depression keine psychotherapeutische Hilfe bekommen. Psychotherapie (als „Erfindung von Sigmund Freud möglicherweise in katholischen Kreisen unbeliebt) stand offenbar außer Reichweite der Nonne Mutter Teresa. Sie wollte und musste wohl auch unter allen Umständen VORBILD sein, als eine Heilige wurde sie schon zu Lebzeiten bewertet und hoch „gespielt“ möchte man sagen: Zudem: Wer unbedingt Vorbild sein will, sein muss, weil es übergeordenete Autoritäten wünschen, der bzw. die kommt schnell in psychische Verkrampfungen…

So wurde in katholischen Kreisen auch nicht über die Ursachen ihres 50 Jahre dauernden seelischen Leidens gesprochen. Auf Seite 228 in dem genannten Buch, erst post mortem pubiziert !, stehen, wie gesagt schon 1959 geschrieben, die entscheidenden Sätze Mutter Teresas: „Ich verausgabe mich…“ Und dann die Bitte, das Gebet, dass sie die ihr schon zu Lebzeiten zugewiesene Rolle der leibhaftigen Heiligen auch weiterhin erfülle: „Jesus, lass nicht zu, dass meine Seele getäuscht wird – UND LASS MICH NIEMANDEN TÄUSCHEN“.

Das heißt: Mutter Teresa wusste, dass sie auch bei ihren vielen internationalen Auftritten, bei Katholikentagen und bei den Reden zur Annahme des Friedensnobelpreises (1979), eigentlich die Leute „täuschen“ könne. Sie wusste: Ich sage öffentlich nicht das, was mein Inneres in der Tiefe wirklich bewegt. Sie sprach auch niemals über ihre möglicherweise politische Ahnung zu der himmelschreienden Ungerechtigkeit. Man darf nicht vergessen, Mutter Teresa war ja keine „dumme“ Nonne, sondern zuerst als Lehrerin und Nonne in einem vom Geist der Jesuiten geprägten Schulorden („Loretto Schwestern“) tätig. Es gilt die Vermutung, dass Mutter Teresa als „Helferin der Sterbenden“ die unpolitische Rolle einer „Barmherzigen“ spielen musste. Solch ein „Heiligentyp“, eine absolut hilfsbereite Frau, wurde einfach in der katholischen Szene gebraucht. Wenn sie denn öffentlich „politisch wurde“, dann niemals als Kritikerin der Ursachen von Elend und Not. Etwa in Oslo, bei der Annahme des Friedensnobelpreises, sprach sie ausschließlich (!) und ständig von ihrer Kritik an der Praxis der Abtreibung in den bösen liberalen Gesellschaften. Darin folgte sie direkt ihrem großen Gönner, dem ebenfalls nun heiligen Papst Johannes Paul II. aus Polen. Und den Impulsen der Pro-Life-Bewegungen. Eine der wenigen kritischen Studien über Mutter Teresa hat der Theologe Werner Fischer verfasst, DTV 1985, jetzt, bezeichnenderweise, nur noch antiquarisch zu haben. Fischer weist darauf hin: Mutter Teresa ist Symbol für die „Inferiorität der Frauen in der Kirche (S. 177), sie war das „Ausstellungsstück konservativer Positionen“ , sie verbreitete in der Öffentlichkeit die These „Abtreibung ist schlimmer als Krieg“ (S.175). Auf das Festbankett zu ihren Ehren in Oslo 1979 verzichtete sie mit der Begründung „Ich bin nichts„! Und viele fanden diese Worte so heilig mäßig überragend und so prächtig-bewundernswert, weil sie nicht wussten: Diese Frau kann sich selbst eigentlich gar nicht lieben, sie kann sich nicht feiern lassen… Wenn sie sich öffentlich feiern ließ, dann nur als der selbst-vergessene und selbst-lose „Engel der Sterbehäuser von Kalkutta“.

Die Frage ist, ob auf diese seelische Befindlichkeit (also auch Krankheit) Mutter Teresas bei der Heiligsprechung hingewiesen wird. Dann gäbe es eine Chance, auch über die Selbstliebe als wesentlicher Form christlichen Lebens und vor allem: seelischer Gesundheit zu sprechen. Hat nicht Jesus gefordert, man solle „den Nächsten lieben WIE SICH selbst“ (Das würde ja bedeuten: Wer sich selbst nicht liebt, kann auch den anderen nicht lieben…)

Wenn Mutter Teresa hingegen als Vorbild katholischen Lebens, auch des Ordenslebens, heute hingestellt wird: Dann sagt man direkt: Leute, die sich total aufopfern, auf sich SELBST verzichten, sind heilig; Menschen, die auf Selbstliebe verzichten, sind heilig. Katholiken, die nur barmherzig und dabei total unpolitisch sind, die werden heilig. Wenn dies die Botschaft am 4. 9. 2016 wäre, dann wäre das ein großes theologisches und psychologisches Problem, vorsichtig formuiert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 



Zu viel Luther? Einige Fragen zum (Bücher) Kult um den Reformator

25. August 2016 | Von | Kategorie: Forschungsprojekte, Liberale Theologie heute: Literarische und künstlerische Zeugnisse, Theologische Bücher

Eine Art  Luther (- Bücher -) Boom hat gewisse Bereiche des kulturellen und religiösen Lebens in Deutschland erfasst: Claudia Keller hat im „Tagesspiegel“ vom 23. August 2016 (Seite 6) für den Herbst etwa 50 neue Bücher über Luther gezählt, es werden nicht die (zeitlich gesehen) letzten sein. Der Reformator aus Wittenberg in allen nur denkbaren Variationen wird da „behandelt“. Nur einige Beispiele: „Luther für Eilige“, „Luther für Neugierige“, „Mensch Luther“, Luther der Rebell“ und so weiter. Bald werden wohl diese Titel folgen: „Luthers liebstes Bier“, „Luthers Geheimrezepte“, „Luthers unbekanntes Liebesleben“  usw. Man muss sich fragen: Haben die Autoren und die möglichen LeserInnen keine anderen Sorgen, als alle Details zum Reformator Luther zu verbreiten und zur  Kenntnis zu nehmen? Soll ein neuer, aber ganz alter, nämlich spätmittelalterlicher  „Nationalheld“ etabliert werden? In Zeiten, in denen „die Nation“ leider in sehr rechtslastigen Kreisen wieder zu wichtig genommen wird? Schwappt wieder einmal die Vorliebe für Sekundärliteratur über und vernichtet alle Lust, Luthers eigene Werke selbst zu lesen? Und vor allem: Welche geistigen und theologischen Energien werden fest gelegt, wenn sich im Reformationsgedenken 2017 dann doch offenbar alles um Martin Luther dreht? Erwartet die Welt, um es einmal großspurig zu sagen, erwartet die Welt heute inmitten von Kriegen, Aggressionen, von Mord und Todschlag und Verhungernlassen ganzer Städte, von Erdulden der Herrschaft von Diktatoren, von Verzweiflung weiter Kreise der Menschheit usw. usw. wirklich, dass sich große Verlage und viele tausend Leser so hyper-intensiv mit Luther befassen? Da sage „man“ bitte nicht, alle diese großen entsetzlichen Probleme der Menschheit von heute fänden doch in Luthers Büchern eine Antwort. Etwa gar in seiner eher grausigen augustinischen Lehre von der Erbsünde und der angeblich daduch total verdorbenen menschlichen Vernunft? Zudem: Ist der massive, kommerziell bedingte Bücherboom zu Luther vielleicht eine umgekehrte Fortsetzung des Ablasshandels? D.h. Wollen sich Autoren (und Verlage) frei kaufen von der Notwendigkeit und in unserer Sicht der Pflicht, einen einfachen, einen elementaren, modernen und nachvollziehbaren und berührenden Glauben zu formulieren – jenseits der alten Formeln und dogmatischen Floskeln, die heute selbst sehr nachdenkliche Menschen beim besten Willen nicht mehr verstehen und mitvollziehen können. So versteckt man sich in Theologenkreisen angstvoll in der ewigen Luther-Interpretation, anstatt einen modernen christlichen Glauben neu vorzuschlagen; selbstverständlich auch in einer neuen, entstaubten Kirche. Darum macht man es sich mit dem Bücher-Boom und den bevorstehenden Festivals im Reformationsgedenken 2017 wohl zu einfach, zu bequem. Wem ist damit gedient, d.h.spirituell „geholfen“? Ist das nicht alles Spektakel? Wer fragt, inwiefern und warum die römische Kirche immer noch – 500 Jahre nach der Reformation – an den „Skandalthemen“ Luthers festhält, wie Ablasswesen, Klerikalismus, Ablehnung einer synodalen Struktur der Kirche, Zölibat, Unfehlbarkeit des Papstes usw.? Gibt es da Grund zum Feiern? Anstatt diese Fragen zu stellen: Schreibt man lieber Bücher, die Luther als den „Propheten der Freiheit“ feiern, vielleicht bloß der inneren, der geistigen Freiheit? Wer schreibt über die grausigen Kämpfe und Attacken zwischen Lutheranern und Calvinisten bis ins 18. Jahrhundert? Merkwürdig ist zudem, dass bis heute der Augustinerorden, dem Luther bekanntermaßen angehörte, nicht die minimalste Äußerung zu seinem „Mitbruder“ Martinus publiziert hat? Ist dem Augustinerorden dieser Mitbruder Martinus nur peinlich? Stört er das Ordensleben? Wenn ja, wie? Dazu würde man doch gern etwas vernehmen: „Katholisches Ordensleben heute trotz Luther“

Wenn man sich schon als philosophischer Religionskritiker mit Reformatoren von einst befassen will, dann empfehlen wir zwei unterschiedliche Reformatoren, die im Luther-Rausch der offiziellen Kirche natürlich, möchte ich fast sagen, untergehen und ins Vergessen gedrängt werden. Ich meine den Reformator und Theologen Thomas Müntzer und den Reformator und Theologen Jacob Arminius. Sie können den Namen klicken und werden zu weiterem kritischen Fragen und Nachdenken weiter geführt… über Luther hinaus, natürlich.Und dann wird man doch auch wieder sich Erasmus von Rotterdam zuwenden, dem moderaten, philosophisch gebildeten Theologen, der genau wusste: Auf eine kluge, man möchte sagen, vernünftige Reduzierung dieses ganzen Dogmen-Balastes des Christentums kommt es, also auf ein zeitgemäßes „Wesen des Christentums“. Dieses Projekt wird in Deutschland, von der „neuen liberalen Theologie“ abgesehen, nicht bearbeitet. Wäre aber der wichtigste Beitrag im Luther-Jahr.

PS: Zu einem leider wenig beachteten Aufsatz über Erasmus: „Erasmus und sein Gott“ des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski, 1965 erschienen. Noch nachzulesen in: L.K.: „Geist und Ungeist christlicher Traditionen“, dort S. 44 bis 58. Merken wir uns, im Blick auf den in dieser Hinsicht völlig verstörten Luther, der der Vernunft und damit der Philosophie nichts zutraute: Kolakowski schreibt über Erasmus` Lehre: „Es ist nicht wahr, dass die Natur und die natürlichen Fähigkeiten (also die Vernunft) durch den Satan monopolisiert sind…Ein durch Gott geschaffener Mensch kann nicht einfach nur böse sein“ (S. 51). Das Böse, vorhanden, muss nicht über die Erbsünde im Sinne Luthers verstanden werden. Solche Mythen braucht der heutige Mensch nicht, der weiß, dass Freiheit immer „böse Dimensionen“ hat…Wie sehr Luther mit seiner Polemik das allgemeine „Licht“ der Kultur  verdunkelt hat, mit unabsehbaren Folgen:  DARAN muss man sich erinnern im berühmten Reformationsgedenken 2017!  Und sich von diesem Aspekt Luthers befreien.

copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin



Die reaktionären Piusbrüder sind bald wieder offiziell römisch-katholisch.

3. August 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine, Theologische Bücher

Die Reaktionären setzen sich durch: Die Piusbrüder sind bald wieder offizieller Teil der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Ein aktueller Hinweis am 17.10.2016: Oberster Traditionalist beim Chef der Glaubenskongregation: So berichtet die Tageszeitung La Croix am 14.10.2016:  Le supérieur de la Fraternité S. Pie X. a rencontré le préfet de la Congrégation pour la doctrine de la foi. Mgr Bernard Fellay, supérieur de la Fraternité sacerdotale Saint-Pie-X (FSSPX), a été reçu jeudi 13 octobre pour la deuxième fois par le cardinal Gerhard Ludwig Müller, préfet de la Congrégation pour la doctrine de la foi. Peu avant cette rencontre, le chef de file des lefebvristes a brièvement rencontré le pape François, a indiqué la fraternité.

Die Versöhnung macht also Fortschritte!

Religionen verändern heute – wie immer schon – auch inhaltlich ihre Schwerpunkte. Religiöser Wandel ist niemals nur Wandel im äußeren Erscheinungsbild. Diese „inneren“ religiösen Entwicklungen betreffen dann aber auch das Zusammenleben in der Gesellschaft. Jetzt ist es absehbar, dass die theologisch reaktionäre, auch politisch, ethisch, philosophisch reaktionäre, „Priesterbruderschaft Sankt Pius X.“ wieder offiziell in die römisch-katholische Kirche integriert wird. Das ist auch politisch und sowieso auch religionsphilosophisch eine wichtige Neuigkeit, die das „Gesicht“ der römischen Kirche langfristig verändern wird. Deswegen lohnt es sich auch für philosophisch Interessierte, sich mit dieser bevorstehenden Integration der Reaktionären auseinanderzusetzen. Wir gehen in unserem Religionsphilosophischen Salon davon aus, dass die Grundbegriffe und die wichtigen Daten zu den Piusbrüdern bekannt sind bzw. leicht nachgelesen werden; beschränken uns also weitgehend auf die aktuelle Entwicklung (Stand 3.8.2016). Die populäre, aber naive Meinung, der Katholizismus sei doch „modern“ bzw. werde immer „zeitgemäßer“, wird nun einmal mehr als Irrtum erscheinen. Das wahrzunehmen, gehört zu den Aufgaben religionsphilosophisch Interessierter. Denn Philosophien und Religionswissenschaften in ihrer Distanz zu den katholischen Institutionen sind viel mehr als die institutionell nun einmal von Amts wegen immer kirchen/obrigkeits-abhängigen Theologen in der Lage, eine freie und objektive Analyse zu bieten.

Der Zeitpunkt ist interessant: Im Vorfeld der Reformationsfeierlichkeiten und hoffentlich umfassenden theologisch-philosophischen Besinnungen auf Luther und die anderen Reformatoren stellt die katholische Kirche jetzt deutlich wieder ihr konservativ- römisches Profil in den Mittelpunkt. Dass es wieder Ablässe gibt und dafür ganz ausdrücklich geworben wird, dass der Marienkult blüht und die Heiligenverehrung auch unter Papst Franziskus, ist allgemein bekannt. Nun aber geht es um die Integration (das ist mehr als „Versöhnung“) der Piusbrüder in die offizielle Kirche: Es ist jene inzwischen international verbreitete traditionalistische Gemeinschaft, die sich auf Erzbischof Marcel Lefèbvre (1905 – 1991) als „Gründergestalt“ beruft.

Zur Erinnerung: Erzbischof Lefèbvre hatte drei Feinde der Religion und des Staates (an Demokratie dachte er nicht!) immer wieder benannt: „Die Protestanten, die Sozialisten, die Freimauer bzw. die Liberalen“. Religionsfreiheit war für ihn, den Päpsten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts treu folgend – ein Wahnsinn, der zur Zerstörung der menschlichen Kultur führe genauso wie auch die Ökumene und der Dialog der Religionen schädlich seien. Daran halten die Piusbrüder und ihre weltweiten Gemeinden bis heute selbstverständlich fest.

Lefèbvre wurde aber 1988 exkommuniziert, nicht etwa wegen seiner Lehren, sondern weil er ohne päpstliche Erlaubnis vier seiner Priester zu Bischöfen weihte. Ungehorsam gegen den Papst wiegt also schwerer als Verdammung der Religionsfreiheit und Demokratie…

Die Kreise, die sich um ihn international scharten, es sind wahrscheinlich 150.000 weltweit, wurden –bis vor einigen Jahren – von Rom eher wie eine Sekte außerhalb der römischen Kirche behandelt und eben eher rechts liegen gelassen. Rom gründete die konservative Konkurrenz „Petrusbruderschaft“ (Wigratzbad) wohl in der Meinung, dass die Leute um Lefèbvre für Rom sowieso wohl für Rom „verloren“ sind… Über die Nähe etwa der französischen Traditionalisten bzw. Piusbrüder zu den Parteien des Rechtsextremismus (Le Pen und co.) ist viel, auch im Religionsphilosophischen Salon geschrieben worden. Interessant ist auch immer noch der Beitrag von 2009, der auf Verbindungen Lefèbvres zu Pinochet, Franco, Salazar hinweist: „A l extreme droite de Dieu“,http://www.resistances.be/fsspx01.html

Aber Papst Benedikt XVI. selbst sehr konservativ, meinte es gut mit den Reaktionären und hob die Exkommunikation der Lefèbvre Bischöfe auf. Und jetzt? Seitdem Papst Franziskus Erzbischof Guido Pozzo als Sekretär für den Dialog mit dieser traditionalistisch-reaktionären Gemeinschaft bestätigt hat, wird die Intergration betrieben. Zwischendurch hatte Papst Franziskus schon für einen gewissen „Dialog“ gesorgt, als er seinen Katholiken die Beichte bei einem eigentlich schismatischen Lefèbvre- Priester als gültiges Sakrament gestattete. Zudem hat er den Chef der Bruderschaft, Bischof Bernhard Fellay, in Privataudienz empfangen. Papst Franziskus will ausdrücklich einen freundschaftlichen Dialog mit den Traditionalisten, wie Bischof Pozzo in einem ausführlichen Interview mit der Zeitung „Christ und Welt“ vom 28. Juli 2016, Seite 5, darlegt.

Nur so viel aus dem ausführlichen Interview, das Julius Müller-Meiningen führte: Es werden jetzt gezielt in Rom Schritte unternommen, die „zur vollen Aussöhnung mit den Traditionalisten“ führen, so Pozzo. Rom scheint beruhigt zu sein, dass der bekannte antisemitische traditionalistische Bischof Richard Williamson aus der der Pius-Bruderschaft 2012 (von dieser) ausgeschlossen wurde. Ob antisemitische, xenophobe und homophobe Kreise – etwa in Frankreichs traditionalistischen Gemeinden – noch bestehen, scheint den Vatikan nicht zu interessieren. Zentraler Punkt in der Integration der Reaktionären ist die Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es wurde bisher von ernstzunehmenden Theologen immer als Reformkonzil, als Neubeginn, wenn nicht als „Einschnitt“ in der theologischen Entwicklung gedeutet. Diese Theologen, wie Küng, Schillebeeckx, Rahner usw. sahen darin vernünftigerweise einen Ausdruck von Leben und geistvoller Lebendigkeit. Früher verdammten Päpste die Religionsfreiheit, im Konzil wird sie gelobt. Früher verdammten Päpste die Reformation, nun wird Ökumene offiziell gepflegt. Wenn das kein Einschnitt, kein Bruch, kein Neubeginn ist? Aber Rom liebt heute wieder das Starre und Ewige, das Depositum, den uralten Text usw. mehr als die Lebendigkeit und die zum Leben immer gehörende Veränderung. Über die psychischen Strukturen solcher erstarrter Bürokraten hat Erich Fromm Wichtiges geschrieben und sie treffend als Nekrophilie, Liebe zum Toten und Erstarrten, gedeutet…

Aber Pozzo und mit ihm wohl auch der Vatikan behaupten stur: Das Zweite Vatikanische Konzil liegt ganz auf der Linie der früheren Konzilien und der Tradition, die ja bekanntlich das römische Lehramt festlegt. Also: Ökumene, Religionsfreiheit, Toleranz gehören gar nicht ins Zentrum katholischen Glaubens. Deswegen können die Piusbrüder auch guten Gewissens dieser römischen Kirche wieder beitreten. Denn sie halten – wie gesagt – gar nichts von Ökumene, Religionsfreiheit, Toleranz…Vielleicht gelingt dann eine hübsche Ökumene der Piusbrüder mit den fundamentalistischen Muslims und den Wahabiten… Dies als kleiner, nicht ganz falscher Scherz zur Auflockerung dieser trübsinnigen Entwicklung.

Wenn die Integration der Piusbrüder also zustande kommt, und wenig spricht in römischer Sicht dagegen, dann wird also Profil der römischen Kirche selbst unter Papst Franziskus wieder reaktionärer. Denn er will ja diese Piusbrüder wie eine Art katholischer Sondergemeinschaft, als „Prälatur“, wie das ähnlich organisierte Opus Dei, IN die römische Kirche integrieren. Noch einmal: Für Erzbischof Pozzo vom Vatikan sind die Lehren vom Dialog und der Religionsfreiheit, die das Zweite Vatikanische Konzil einschärfte, „nicht Glaubenslehren oder definitive Aussagen, sondern bloß Anweisungen oder Orientierungshilfen für die pastorale Praxis. Über diese pastoralen Aspekte kann auch nach der kanonischen Anerkennung (der Piusbrüder, also ihrer definitiven Integration in die römische Kirche) weiter diskutiert zu werden, um sie einer Klärung zuzuführen“. Soweit Pozzo. Nebenbei: „Pastoral“ heißt in vatikanischer Bedeutung immer: „weniger wichtig“, „relativ“…Diese Worte Pozzos muss man sich förmlich auf der Zunge zergehen lassen: Sind denn nicht Religionsfreiheit und Ökumene ein für allemal beschlossene Sache auch unter Katholiken? Was soll denn da noch weiterdiskutiert werden mit den reaktionären Piusbrüdern? Ja, es kann weiter diskutiert, damit auch relativiert werden zur Ökumene und Religionsfreiheit, so Pozzo… Hingegen, so meint er, darf überhaupt nicht im entferntesten „die Sakramentalität der Bischöfe“ (also die Klerus-Vorrangstellung) und „die Lehre über den Primat des Papstes und des Bischofskollegiums“ diskutiert werden, so in der 3. Spalte des genannten Artikels in „Christ und Welt“. Noch einmal: Katholisch ist für diesen Herrn, wer an den Primat des Papstes glaubt und an den gottgewollten Vorrang des Klerus. Alles andere, Menschlichkeit, Toleranz, Religionsfreiheit, Liberalität, Ökumene ist verhandelbar, also auch einzuschränken. Kann man im Ernst theologisch so tief sinken, fragen Mitglieder des Religionsphilosophischen Salons? Welche Schande auch, wenn Pozzo ausdrücklich eine „Anpassung an irgendeine Kultur der Gegenwart“ zurückweist  (5. Spalte im genannten Artikel). Die Anpassung an sein Luxusleben im Vatikan und anderswo wird er wohl gern genießen…Dass Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Konzils immer wieder zustimmend vom aggiornamento der Kirche sprach, wird unterdrückt von diesen Klerikern. Aggiornamento heißt ja wohl Anpassung. Papst Johannes XXIII. ist wohl nun ein Ketzer, wenn er ausdrücklich Anpassung der Kirche wünschte.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist nun in römischer Sicht eines von vielen Konzilien, Teil einer großen Tradition, die sich Erzbischof Pozzo allerdings hütet, genauer zu beschreiben: Denn dann würde er das ganze Grauen dieser Tradition sehen: Päpstliche Macht in einem korrupten Staat, Hexenverfolgung, Ketzerverbrennung, aggressive Mission, Frauenunterdrückung usw.

Was sind die tieferen Gründe für das Versöhnungsbedürfnis des Papstes mit diesen Kreisen? Eine praktische Antwort: Bei einer immer noch auf den Klerus fixierten römischen Kirche gelten alle Kreise sehr viel, die noch viele junge Priester „stellen“ können, das sah man etwa, als der hoch umstrittene Orden „Legionäre Christi“ mit seinem verbrecherischen Gründer Marcial Maciel eben NICHT aufgelöst wurde. Warum? Weil die Legionäre Christi immer noch viele junge Priester haben. Zur Piusbruderschaft gehören heute 600 (meist jüngere) Priester und 200 Seminaristen. Diese könnten doch den allgemeinen Mangel an Priestern gut „beheben“ und man bräuchte nicht über eine Aufhebung des Zölibates nachzudenken.

Eine theologische Antwort: Es ist für den Vatikan unerträglich, dass es noch eine weitere (kleine) Kirche gibt, die sich auch katholisch nennt und das Papsttum als solches so liebt und die Traditionen, die Rosenkränze, die Sühneandachten, das Sich Aufopfern für Maria usw… Diese Konkurrenz ist für eine große Kirche, die alles auf Uniformität und Einheit setzt, unerträglich.

Journalisten und Theologen sollten sich wirklich mal die Mühe machen und das offizielle Mitteilungsblatt der Piusbrüder etwa in Deutschland lesen, das „Mitteilungsblatt Omnia instaurare in Christo“ („Alles in Christus wieder aufrichten“). In der Ausgabe vom Juli 2016 ist ein Vortrag des Piusbruderchefs Bischof Bernard Fellay vom 1. Mai 2016 publiziert. Darin bestätigt Fellay die Aussagen des vatikanischen Erzbischofs Pozzo. Fellay betont: „Kürzlich durften wir in Rom zum ersten Mal hören, dass wir das (Zweite Vatikanische) Konzil nicht mehr akzeptieren müssen. Stellen Sie sich das vor: das ist enorm. Man sagte uns: Sie dürfen bei Ihrer Meinung bleiben…Man sagt uns: Das Konzil ist nicht verpflichtend, man muss niemanden zur Annahme des Konzils zwingen, um katholisch zu sein...Man sagt uns: Das Konzil ist nicht doktrinal (von der Lehre her maßgebend), es ist pastoral. Das ist ungefähr das, was wir selbst immer gesagt haben…“ (Seite 24 f. in dem genannten Heft der Piusbrüder). Aber: Für die Piusbrüder ist diese Entwicklung noch kein „Triumph, „es handelt sich um eine neue Phase im Krieg (mit Rom)“, so der Traditionalisten Chef Fellay wörtlich (Seite 25)

Die Traditionalisten fühlen sich nach wie vor so stark und selbstbewusst, dass sie in ihren Heftchen und Publikationen heftig Papst Franziskus kritisieren, etwa sein Schreiben „Amoris laetitia“. Dieses stelle „einen Dammbruch dar, der die gesamte katholische Morallehre in Frage stellt“, so der Piusbruder Pater Matthias Gaudron, im Mitteilungsheftchen vom Juni 2016, Seite 33.

Aber im Vatikan selbst gibt es bedeutende Stimmen machtoller Kleriker, die ähnlich denken. Von daher sind solche Attacken der Piusbrüder gegen den Papst nicht hinderlich für die bevorstehende Integration.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Die Macht des Todes überwinden. Auferstehung für Aufgeklärte

3. April 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Die Macht des Todes überwinden: Auferstehung für Aufgeklärte

Von Christian Modehn

………..

Dieses Manuskript ist die Grundlage für eine Radiosendung im RBB Kulturradio am Ostersonntag 2016. Die Sendung selbst bezieht sich auf ein gekürztes und leicht verändertes Manuskript. Das Manuskript der Sendung kann bestellt werden: religion@rbb-online.de

Mein Text ist der Versuch, wie der Untertitel sagt, auf Möglichkeiten hin zu weisen, wie „Aufgeklärte“, also (selbst-) kritische und eben nicht „traditionell – religiöse“ Menschen von heute die Auferstehung Jesu und die eigene Form des „Über den Tod hinaus“ verstehen können und möglicherweise für sich selbst als Impuls und Orientierung ergreifen. Es kommt ja bekanntlich darauf an, auch und gerade im christlichen Glauben bei Vernunft zu bleiben oder, wie man früher sagte, „den Verstand eben nicht an der Kirchentür abzugeben“.

Die Macht des Todes überwinden. Auferstehung für Aufgeklärte:

Musikal. Zuspielung, Mozart, Quintett g Moll, Adagio.

Das Adagio aus dem g moll Quintett von Mozart – eine Musik zum Osterfest: Wer den Klang in Worte fassen möchte, wird wohl sagen: Inmitten der Dunkelheit wächst die Hoffnung. Diese Erkenntnis hat den Mozart-Kenner und Theologen Karl Barth immer tief bewegt:

„In dieser Musik geschieht eine Wendung, in deren Kraft das Licht aufsteigt. Der Schatten fällt, ohne zu verschwinden. Die Freude überholt das Leid, ohne den Schmerz auszulöschen. Da kommt das Ja stärker als das Nein zum Klingen“.

Musikal. Zuspielung, Mozart, Quintett g Moll, Adagio. Noch einmal 0 05“ freistehen.

Ostern ein Fest des Lebens, das jeder auf seine Art begehen kann: Der Osterspaziergang wird zur spirituellen Erfahrung, weil sich die Natur wieder voller Leben zeigt. Und wer Ostern als das Fest des Friedens feiert, erinnert sich an die Verse des schweizerischen Dichters Kurt Marti:

„Das könnte manchen Herren so passen,

wenn mit dem Tode alles beglichen:

Die Herrschaft der Herren,

die Knechtschaft der Knechte

bestätigt wäre für immer.

Aber es kommt eine Auferstehung,

die anders, ganz anders wird, als wir dachten.

Es kommt eine Auferstehung, die ist

der Aufstand Gottes gegen die Herren….

und gegen den Herrn aller Herren: den Tod“.

Ostern … ein Fest, das Mut macht, weiter zu sehen, weiter zu gehen, aufzubrechen, meint die Dichterin Marie Luise Kaschnitz:

„Manchmal stehen wir auf,

Stehen wir zur Auferstehung auf,

Mitten am Tage.

Mit unserm lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut…

….. Manchmal stehen wir auf. …“

Ostern hat seinen Ursprung in außergewöhnlichen Erfahrungen der ersten Christengemeinden. Sie haben ihre Einsichten im Neuen Testament aufgezeichnet. Wer die Erzählungen von der Auferstehung Jesu liest, ist verwirrt von der Fülle außergewöhnlicher Begebenheiten: Da treten Engel auf und Jünglinge in weißen Gewändern; Jesu Grab, so heißt es, sei leer; dann erscheint der Auferstandene seinen Getreuen in einer Art überweltlichen Leiblichkeit. Aber es wäre falsch, diese Texte als nebulöse Phantastereien beiseite zu legen. Denn Ostern wird zwar in der Sprache der Poesie beschrieben, aber im Hintergrund stehen wirkliche Erfahrungen. Die Osterberichte beziehen sich auf eine Tatsache: Jesus von Nazareth wurde als Rebell zum Tode verurteilt, er ist einsam am Kreuz gestorben. Und seine Getreuen, die Jünger, sind vor Angst davon gelaufen.

„Was ist eigentlich geschehen zwischen dem historisch bezeugten Jesu Tod am Kreuz und den späteren Erscheinungen des Auferstandenen, also zu Ostern? Was ist in dieser Zeit mit den Jüngern geschehen? Die Antwort heißt: Ihr Selbstverständnis war zutiefst erschüttert, sie waren traumatisiert“, betont der Theologe Christoph Türcke. „Aber nach etlichen Tagen, vielleicht auch Wochen oder Monaten, wir wissen es nicht genau, kam der Umschwung. Die abtrünnigen, untergetauchten Gefolgsleute Jesu traten als seine anhänglichsten Gewährsleute hervor. Die Panik war von ihnen abgefallen“.

Von der Angst befreit, erinnern sich die Jüngerinnen und Jünger an das gemeinsame Leben mit Jesus, an seine Worte und Taten: Wie sie Jesus als den Gerechten erlebten, den Freund der Menschen; den spirituellen Meister, der Gott als grenzenlose Liebe bezeugte. So kommen sie zu der Überzeugung: Dieser Jesus kann nicht im Tod versinken, war er doch so eng mit Gott verbunden. Diese Erkenntnis der Jünger sollte ernst genommen werden, betont der religionskritische Philosoph Kurt Flasch:

„Dass an der Entstehung der christlichen Bewegung intensive seelische Erfahrungen beteiligt waren, ist historisch plausibel, genauso wie es plausibel ist, dass die christliche Bewegung später kaum durch Lügen von Theologen oder durch den Diebstahl des Leichnams Jesu entstanden ist“.

Wie in einer Art Geistesblitz, einer Erleuchtung, wird den Jüngern Jesu die Einsicht von der Auferstehung Jesus zuteil. Mit wenigen Worten, in einer Art Kurzformel, bekennen sie schon wenige Monate nach Jesu Tod ihren gemeinsamen Glauben: „Jesus von Nazareth wurde von Gott zum Leben erweckt, er ist von den Toten auferstanden“.

Eines der ältesten – und schönsten – Osterlieder, aus dem 11. Jahrhundert, bezeugt diesen elementaren Glauben:

Musikal. Zuspielung, Lied: „Christ ist erstanden“.

Die historisch-kritische Bibelwissenschaft hat in den letzten Jahrhunderten viel Klarheit zur Auferstehung Jesu gebracht. Eine naive Bibellektüre, die jeden Vers wie einen Zeitungsbericht deutet, hat keine Berechtigung mehr. Warum sollten auch wissenschaftliche Erkenntnisse in der Religion und den Heiligen Texten weniger gelten als in der Medizin, der Physik oder der Psychologie? Die wichtigste Erkenntnis fasst Christoph Türcke, sozusagen stellvertretend für viele andere Theologen, kurz und bündig zusammen:

„Es gibt keine neutralen Beobachter der Auferstehung Jesu. Es gibt keinen Historiker, der das Auferstehungsgeschehen beobachtetet hat“.

Aber es ist auch eine Tatsache, dass sich unter den Jüngern Jesu die gemeinsame Überzeugung durchsetzte: Jesus von Nazareth lebt auf neue, bislang unbekannte Weise. Er hat den Tod überwunden. Und davon sprechen die ersten Christen voller Symbole und Metaphern. Vierzig oder fünfzig Jahre sind seit dem Tode Jesu vergangen, als die vier Evangelisten die Überzeugung der Gemeinden von der Auferstehung niederschreiben. Und die Autoren weichen dabei inhaltlich stark von einander ab, nennen etwa eine unterschiedliche Anzahl der Engel, die am Grab die Auferstehung verkünden. Aber diese Vielfalt sei doch ganz normal, betont der Philosoph Kurt Flasch:

„Dass Erzählungen mit der Zeit anwachsen und sich verändern, das ist auch heute noch die Regel. Erzähler fügen zunehmend etwas hinzu, was nach ihrer Ansicht gesagt werden muss, um die Botschaft gegen neue Zweifel zu sichern. So wuchsen die Erzählungen eben auch im orientalischen Alltag“.

In den Evangelien sind es Frauen, Jüngerinnen Jesu, die als erste voller Sorge zu seinem Grab eilen. Dort vernehmen sie von einem Engel, also dem Symbol für die innere Erkenntnis, dass die Macht des Todes besiegt ist, also eine neue Welt begonnen hat. Der Evangelist Matthäus lässt den Engel sagen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Ich weiß, ihr sucht Jesus den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Denn er ist auferstanden“.

Und diese Überzeugung haben Christen schon im 6. Jahrhundert in ihren Gesängen zum Ausdruck gebracht. Die katholische Ordensfrau und weltbekannte Sängerin Marie Keyrouz aus dem Libanon interpretiert einen uralten Oster-Hymnus in arabischer Sprache:

Gesang Soeur Marie Keyrouz, aus dem Libanon:  „Der Engel sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Freue dich, dein Sohn ist auferstanden. Er lebt!“

„Ostern ist ein Fest, das so viel den Frauen verdankt“, betont der Theologe und Psychologe Eugen Drewermann: „Denn allein die Frauen sind offenbar fähig und würdig, den Sieg des Lebens über den Tod zu sehen und sichtbar zu machen. Die Wirklichkeit des Ostermorgens kann man nur mit den Augen des Herzens wahrnehmen. Frauen scheinen seit alters her die berufenen Priesterinnen dieser Geheimnisse des Unsichtbaren zu sein“.

Feministische Theologinnen haben diese Hinweisen weiter vertieft und politisch aktualisiert. Doris Strahm aus Zürich meint: „Von der Auferstehung der Frauen reden, bedeutet, von der Auferstehung der gebrochenen Körper der Frauen reden, von Frauen, die dürsten nach einem Leben in Würde und Gerechtigkeit. Das heißt aber auch die Heiligkeit des weiblichen Körpers zu bestätigen, der seit Jahrhunderten abgewertet, ausgebeutet, vergewaltigt und nach Männerwünschen zurechtgebogen wird und sich nach Heilung, nach Selbstbestimmung und Befreiung sehnt. Von der Auferstehung zu reden, bedeutet für mich, auch von der Schönheit des Frauenkörpers seiner Lust und erotischen Leidenschaft zu reden, sie als Teil der Heiligkeit des menschlichen Lebens zu bejahen“.

Mit besonderer Aufmerksamkeit berichten die Evangelisten von Maria Magdalena, sie geht als erste zum Grab Jesu und vernimmt dort die Auferstehungsbotschaft. Einst war Maria von Magdala seelisch erkrankt, von bösen Geistern beherrscht, wie man damals sagte. Sie wandte sich an Jesus, als er in Galiläa wie ein Prophet und Heiler umherzog: Und er hat, so wird berichtet, Maria von Magdala angehört, er hat sie respektiert und in liebevoller Zuwendung geheilt. Wer so viel verwandelnde Kraft und positive Energie von Gott her hat, der kann nicht sterben. In dieser Überzeugung sagt ihr der strahlende Engel am Grab: Jesus lebt. Von diesem Bild lässt sich Eugen Drewermann inspirieren: „Die Wahrheit unseres Lebens liegt in dieser Vision des Engels, der bekleidet ist mit dem Lichtglanz des Himmels, angetan mit dem Strahlengewand der Sonne und der Wolken. Dies ist das Bild, das wir in uns tragen, mitten in der scheinbaren Hoffnungslosigkeit. So können wir einander wahrnehmen, dass nicht Alter und Verfall die letzte Auskunft über unser Leben ist, sondern etwas Unvergängliches in uns aufleuchtet, etwas Nie – Verlöschendes, eine Vision von Liebe. Wir folgen seit Ostern den Fußspuren einer unzerstörbaren Hoffnung“.

Die Ostererzählungen haben die Phantasie späterer Generationen nicht zur Ruhe kommen lassen. Beliebt war seit dem 2. Jahrhundert zum Beispiel das so genannte Petrusevangelium: Dem Autor zufolge, schweben zwei Jünglinge vom Himmel hernieder auf das Grab Jesu zu, und die Wächter sind machtlos: Das Grab öffnet sich … und dann geschieht etwas Wundervolles:

„Die beiden himmlischen Jünglinge verlassen wieder das Grab und stützen dabei einen weiteren Mann, und ein Kreuz folgt ihnen hinterher. Der Kopf der ersten beiden Jünglinge reichte bis zum Himmel. Das Haupt dessen aber, der von ihnen gehalten wurde, überragte sogar den Himmel. Und eine Stimme hörten sie vom Himmel her fragen: Hast du von dem Entschlafenen verkündet? Und die Antwort kam vom Kreuz: Sie lautete: Ja“.

Diese Erzählung wirkte auf viele Christen schon damals wie ein mysteriöses Märchenbuch. Deswegen wollten sie das Petrus-Evangelium nicht als einen maßgeblichen, „kanonischen“ Text im Neuen Testament betrachten.

Trotz der vielfältigen und überschwänglichen Erzählungen vom Ostergeschehen haben die ersten Christen doch ihren klaren Verstand bewahrt. Man muss nur genau hin schauen, wenn man ihre Antworten sucht auf die so Frage: War denn das Grab Jesu leer? Oder befand sich sein irdische Körper noch darin? Tatsächlich ist es so: Die Botschaft der Engel, also das Vernehmen einer inneren göttlichen Stimme, steht im Mittelpunkt der Evangelien. Übereinstimmend sagen die Engel: Jesus lebt, er ist auferstanden. Die Botschaft vom leeren Grab ist demgegenüber zweitrangig. Der katholische Theologe Hans Kessler und Autor einer umfassenden Studie schreibt:

„Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“.

Jesus hat als Mensch wie alle anderen Verstorbenen mit seinem toten Körper im Grab gelegen. Trotzdem gilt die Überzeugung: Er ist er auferstanden, er lebt. Denn er wurde schon zu Lebzeiten als die menschliche Verkörperung des Göttlichen erlebt. Natürlich gehörte schon für die ersten Christen ein Stück Mut dazu, diese Überzeugung öffentlich zu äußern. Aber sie wussten: Wenn es um die so genannten letzten Fragen geht, also um den Tod und das Überschreiten dieser Grenze, stehen alle vor einer Alternative: Entweder Ja oder Nein zur Überwindung des Todes zu sagen. Von dieser Einsicht ist der Philosoph und Naturwissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker überzeugt:

„Wenn der dunkle Engel kommt, werden wir in unserem je eigenen Tod uns entschieden haben müssen: Zwischen der Verzweiflung vor der abgrundtiefen Nacht des Nichts. Oder der Hoffnung auf ein unvorstellbares Licht“.

Von diesem unvorstellbaren Licht waren die ersten Christen so berührt, dass sie sogar von Erscheinungen des Auferstandenen in ihren Häusern berichten. Sie projizieren dabei ihrem Glauben nach außen, sie erschaffen förmlich eine gott-menschliche Gestalt, sprechen gar von leibhaftigen Begegnungen. Aber diese Erzählungen dürfen – wieder einmal – nicht wörtlich verstanden werden, betont der katholische Theologe Karl Rahner: „Der Auferstandene darf als einer, der den Tod überwunden hat, nicht unserem menschlichen Stoffwechsel untertan sein; er darf nicht wieder in der Zeitlichkeit sein; er darf nicht von physikalischen Größen, wie dem Berührtwerden, abhängig sein“.

Aber die ersten Christen haben eigene Interessen, wenn sie von den Erscheinungen des Auferstanden in ihrer Mitte sprechen: Denn, so heißt es, Jesus sendet die Jünger in die Welt, zur Predigt, im Rahmen einer Kirche. Darauf weist der bekannte katholische Theologe Edward Schillebeeckx hin: „Diesen Berichten geht es unverkennbar um die Begründung und die Legitimierung der Kirche, die sich langsam bildet. Es geht um die Begründung der kirchlichen Sendung in der Welt. Die Gemeinde legt Jesus die Worte in den Mund, dass die Kirche nun Jesu Mission fortführen soll“.

Musik, Gesang Iegor Reznikoff,

Ein einziges Wort, das Ostern ausdrückt: Das Alleluja… Gesungen von Iegor Reznikoff, dem französischen Sänger. Wenn er in gotischen Kathedralen auftritt, kommen nicht nur kirchlich gebundene Menschen zusammen.

Das Alleluja haben die ersten Christen nie als eine bloße Floskel verstanden. Ihr Alleluja hatte einen konkreten Inhalt: Weil Jesus auferstanden ist, werden die Menschen als die Söhne und Töchter Gottes ebenfalls auferstehen. Der Apostel Paulus hat diese Einsicht seiner Gemeinde in Korinth einschärfen wollen:

Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferstanden. Er ist der Erste der Entschlafenen, die auferstanden sind.

Dieser Gedanke bewegt bis heute die Theologen, Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand betont: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.

Aber das neue, das „auferstandene“ Leben geschieht bereits jetzt, mitten im Alltag. Die christlichen Mystiker weisen mit Nachdruck darauf hin, der mittelalterliche Dominikaner-Mönch Meister Eckart sagt:

„Wer Gottes Nähe, also den göttlichen Funken in sich selbst spürt, ist dem Strom der Zeit, also schon der Welt, enthoben“.

Er braucht den Tod keineswegs als Absturz ins Nichts zu fürchten… Für Meister Eckart ergibt sich daraus eine praktische Lebenseinstellung: Der Mensch konzentriert sich nun auf Wesentliches, bevorzugt alles, was sinnvolles Leben reicher macht. Er lebt im Abstand von den Dingen, lässt das Klammern und Besitzenwollen. Meister Eckart sagt: „Ein solcher Mensch findet zur Gelassenheit und inneren Ruhe. Er ist frei“.

Musik Intermezzo, Gesang Iegor Reznikoff,

Christen weisen jede Ideologie zurück, die da meint: Der Mensch könne durch eigenes egoistisches Tun den Eintritt in die göttliche Welt beschleunigen, etwa durch ein Selbstmordattentat, Dieser mörderische Jenseitsfanatismus hat nichts mit Glauben zu tun..

Wer Auferstehung heute mitten im eigenen Leben erfahren will, wird von den ersten Christen ganz schlicht aufgefordert, zu lieben. Im Ersten Johannesbrief des Neuen Testamentes heißt es: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinüber gegangen sind, weil wir die Brüder und Schwestern lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod“.

Mit Liebe ist erotische Liebe genauso gemeint wie selbstlose Nächstenliebe. In der Liebe stehen die Menschen aus dem Egoismus auf; sie wachsen über sich hinaus. Es gibt diese Menschen, die schon jetzt wie Auferstandene leben. Sie haben sich von allen Ängsten um ihr eigenes kleines Leben befreit und handeln zum Wohl der Leidenden und werden so transparent fürs Gott. Zum Beispiel gehört Erzbischof Oscar Romero im zentralamerikanischen Staat El Salvador zu diesen „Auferstandenen“. Mitten im Bürgerkrieg seines Landes kämpfte er leidenschaftlich gegen die Militärs zugunsten des verarmten indianischen Volkes. Kurz vor seiner Ermordung durch die Militärs im Jahre 1980 sagte Oscar Romero: „Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube. Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ich sage Ihnen dies in aller Bescheidenheit. Als Bischof bin ich aufgrund göttlichen Auftrags verpflichtet, mein Leben hinzugeben für jene, die ich liebe. Sofern Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann möge mein Tod zur Befreiung meines Volkes dienen und ein Zeugnis der Hoffnung auf die Zukunft sein“.

Dorothee Sölle, die feministische und politische Theologin, hat oft Zentralamerika besucht. Dort konnte sie erleben, wie der Auferstehungs-Glaube unter den Armen alles andere als beruhigendes Opium ist: „Die vielen tausend Menschen, die in Lateinamerika jährlich am Todestag Oscar Romeros Gottesdienste feiern, rufen immer wieder einander zu: Oscar Romero lebt. Er ist bei uns. Er ist auferstanden in seinem Volk, er ist presente, anwesend. So werden die Auferstehung Jesu und die Auferstehung ihres Bischof Oscar Romero eins“.

Auferstehung jetzt heißt das Motto der Menschen, die sich nicht der Verzweiflung aufgeben in einer offenbar unheilbar zerrisenen Welt. Die Theologin Doris Strahm hat beobachtet:  „In der ganzen so genannten Dritten Welt sind es vor allem die Frauen, die aufstehen für das Leben, die täglich für das Überleben ihrer Kinder kämpfen müssen und mit ihrem Körper für das Leben sorgen, es nähren und schützen. Überall auf der Welt sind es in der Mehrzahl Frauen, denen die Erhaltung und Bewahrung des Lebens aufgebürdet wird; die, wie die Frauen am Grab Jesu, Zeugnis ablegen von der Auferstehung, von neuem Leben inmitten von Verzweiflung und Erfahrungen des Todes“.

Längst ist die Auferstehung Jesu ein Symbol, das weit über die Kirchen hinaus die Menschen bewegt. Künstler der Moderne lassen sich davon inspirieren, wie Vincent van Gogh. In einem Brief aus dem Jahr 1888 schreibt er:

„Christus allein bekräftigt unter allen Philosophen das ewige Leben als eine fundamentale Gewissheit. Er bekräftigt die Nichtigkeit des Todes und deswegen auch die Notwendigkeit und die Berechtigung heiterer Gelassenheit und Aufopferung. Er hat in heiterer Ruhe gelebt, er war sozusagen auch der größte aller Künstler: Denn er hat den Marmor, den Ton und die Farbe verschmäht und stattdessen in lebendigem Fleisch, also mit Menschen, gewirkt“.

Den auferstandenen Christus wollte van Gogh nicht figürlich malen, aus Respekt vor der heiligen gott-menschlichen Gestalt. Darum malte van Gogh die Sonne als das universell gültige Symbol des Auferstandenen: In der mittelalterlichen Gertrauden Kapelle von Güstrow, Mecklenburg, ist die Skulptur „Das Wiedersehen“ von Ernst Barlach ausgestellt. 1926 geschaffen, wird die Begegnung des ungläubige Thomas mit dem auferstanden Jesus gezeigt. Thomas, so berichten die Evangelisten, will nur an die Auferstehung glauben, wenn er die Wunden des Gekreuzigten berührt hat. Barlach zeigt, wie sich dieser Thomas an dem aufrecht stehenden Christus festhält, vor Angst noch erstarr und erkrümmt. Der Auferstandene gibt ihm das Rückgrat wieder, er wirkt gesammelt, von erstaunlicher Schlichtheit. Der Kunstkritiker und protestantische Theologe Horst Schwebel sagt: „Die Augen des Christus gehen jedoch über den Gebeugten Thomas hinweg ins Leere. Christi Gesicht drückt Mitgefühl und Teilnahme aus. Er wird dem Gebeugten zur Stütze…Es ist Christus, der als Bruder dargestellt wird, der dem anderen hilfreich zur Seite steht“.  So wird anschaulich, welchen Sinn das alte, fast abgegriffene Wort Erlösung hat: Ostern als Fest der Erlösung bringt Licht in die Dunkelheit, ein Licht, das nicht erlöschen kann, weil es göttlich ist. Die Auferstehung fördert also eine Lebensphilosophie. Sie beschreibt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

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Ein Hinweis auf die hier zitierte LITERATUR:

Albert Boime, Vincent van Gogh, Die Sternennacht. Fischer Taschenbuch, 1989.

Katharine Ceming u.a. Die Verbotenen Evangelien, Apokryphe Schriften. Marxis Verlag, 2010.

Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin. C.H.Beck Verlag 2013.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hans Küng, Musik und Religion, Piper Verlag München, 2010.

Elisabeth Moltmann- Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit 2005.

Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Horst Schwebel, Die Kunst und das Christentum, Geschichte eines Konflikts. Verlag C.H.Beck, München 2002.

Doris Strahm: http://www.doris-strahm.ch/Strahm_1_03.pdf –