Liberales Christentum und liberale Theologie: Eine Definition aus den Niederlanden.

Was ist liberales Christentum und liberale Theologie?

Der “Religionsphilosophische Salon Berlin” ist  – theologisch gesehen –  der liberalen Theologie verpflichtet. Das haben viele Beiträge, auch die von Prof. Wilhelm Gräb (Berlin) längst deutlich gezeigt.

Ich fand in einer neuen, viel beachteten,  leider nicht ins Deutsche übersetzten Studie aus Holland, eine Art Definition der liberalen Theologie, die ich hier vorstelle. Bei dieser Gelegenheit muss gesagt werden, wie gering die Aufmerksamkeit deutscher Verlage und deutscher Theologen für die aktuelle Entwicklung der Theologie in den Niederlanden ist. Das Klischee einer untergehenden Kirche, von den konservativen Medien weltweit verbreitet, hat sich offenbar festgesetzt. Wir finden dies sehr traurig, weil dadurch auch der Austausch europäischer Theologien gebremst wird. Aber die etablierten, sehr dogmatischen Kirchen in Deutschland haben einfach kein lebendiges Lern – Interesse an liberaler moderner Theologie. Obwohl diese Theologie eine große Hilfe wäre in der religiösen Orientierung heute… Die Dogmatiker und die Herren der Kirche glauben eben, nur in der Wiederholung alter Dogmen das Christentum zu retten. Diese offizielle theologische Haltung in Deutschland ist falsch und im ganzen schädlich, auch für de Fortbestand der Kirchen in Deutschland…

In den Niederlanden sind liberale Kirchen und liberale Theologien noch immer eine Selbstverständlichkeit. Es gibt sogar innerhalb der „Protestantischen Kirche der Niederlande“ (PKN) eine eigene kleine liberale, freisinnige Strömung mit eigenen Gemeinden. Abgesehen von den Remonstranten als der „klassischen“ liberalen und freisinnigen Kirche in den Niederlanden, neben dem „Protestanten Bund“ und der „Doopgezinden gemeente“, gibt es oder gab es liberalen, freisinnigen Geist auch in der katholischen Kirche Hollands. Sie hat freilich diese Tendenzen nach einer kurzen Phase (Anfang der 1960 Jahre) seit ca. 1970 unterdrückt. Weil der Vatikan und die vom Vatikan seit 1971 gegen den Willen der Gläubigen eingesetzten ultrakonservativen Bischöfe (Simonis,Gijsen etc.) es so wollten.

Die Autoren des Buches „Liberaal christendom – Ervaren, doen, denken“, also Rick Benjamins, Jan Offringa en Wouter Slob, sagen noch einmal klar, was liberales Christentum nicht bedeutet: „Wir sollten gelegentlich bedenken, dass die liberale Theologie nicht die Heimtheologie enthält der beiden liberalen Parteien der Niederlande, VVD und D66 (Und ebenso nicht der FDP oder gar dieser FPÖ, ergänzt CM).Vielmehr hoffen wir, dass der Begriff liberal im Sinne der englisch sprachigen kirchlichen Welt verstanden wird (also als Bezeichnung demokratischen, progressiven Denkens CM). Wenn man einer Theologie das Wort liberal zufügt, bedeutet das: Da wird nicht eine Instanz genannt, die von außen und oben herab bestimmen kann und auslegen kann, was du glauben musst. Also: Es gibt keinen Papst, keine Kirche, kein Glaubensbekenntnis oder Gedankensystem, das zwingende Vorschriften vorlegt. Aber es gibt wohl eine offene und selbstkritische Haltung, um die Einsichten des Christentums in unserer Welt durchzudenken.

Das Buch „Liberaal Christendom“ (2016) wird in den Niederlanden viel beachtet, es ist nur eines von vielen Büchern, die dem lebendigen Phänomen eines liberalen Christentums nachgehen….

Das Buch “Liberaal Christendom” ist im Skandalon Verlag erschienen, jetzt 3. Auflage, 240 Seiten, 21,95€ Es gilt als eines der besten theologischen Bücher dieser Zeit.

copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon.

Katholische Kirche in Frankreich: Eine Minderheit

Hinweise von Christian Modehn am 11. Oktober 2017

“Älteste Tochter der (römischen) Kirche” wird die katholische Kirche in Frankreich gern genannt. Sie ist wahrlich sehr alt und jetzt sehr gebrechlich. Etwas lebendig (und polemisch) ist nur noch auf der rechten Seite ihres alten Körpers, um im Bild zu bleiben: Die linke Seite (“la gauche du Christ”, sagte man einst) wirkt wie gelähmt. Und die Leistungen ihres Kopfes, einst gerühmt wegen eines gewissen theologischen ésprit, lassen auch nach. Ein kritischer Blick auf die alte, schwache Dame/Tochter, ist also angebracht … angesichts der Bücherberge zu Frankreich, die dieser Tage gestapelt werden. Zur Vertiefung siehe auch:  “Wo bleiben die Religionen in Frankreich auf der Buchmesse?

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Vor 25 Jahren habe ich meine Essays über „Religion in Frankreich“ (im Gütersloher Verlagshaus) veröffentlicht. Seit der Zeit habe ich immer wieder auf den äußeren Zustand der katholischen Kirche in Frankreich hingewiesen, und so weit dies sachlich möglich ist, auf die Mentalität, also die innere Verfasstheit der Kirchenmitglieder.

Die Buchmesse in Frankfurt am Main 2017 hat Frankreich als Ehrengast eingeladen. Ein Anlass, das Thema noch einmal wenigstens skizzenhaft aufzugreifen.

Wie üblich bei großen Kulturveranstaltungen in Deutschland (wie sicher in ganz Westeuropa) werden religionswissenschaftliche und kritisch – theologische Themen bei der Buchmesse eher ausgeblendet. Dies ist bedauerlich, weil Religiosität und (religiöse oder atheistische) Spiritualität mindestens die „Hintergrund – Musik“ der Mentalitäten sind.

Früher, d.h. noch vor 10 Jahren, gab es eine gewisse Aufmerksamkeit wenigstens in einigen Randbereichen der Kultur am Thema Religionen in Frankreich. Ich habe z. B. von 1989 bis 2006 mindestens viermal jährlich im Saarländischen Rundfunk (Redaktion Norbert Sommer) in Halbstunden-Ra­dio­sen­dungen über Gott in Frankreich berichtet, so der Titel der Sendereihe. Heute schwindet in Deutschland im allgemeinen das Interesse an religionswissenschaftlichen und religionssoziologischen Analysen etwa über Kirchenbindungen in Frankreich und anderswo.

Es ist jedoch in meiner Sicht an der Zeit, auf die gegenwärtige Situation des französischen Katholizismus zu schauen, dabei kann ich hier nur Stichworte und Belege zum Weiterstudium bieten. Aber diese Stichworte bieten eine erste Orientierung zu dem, welche Gestalt der französische Katholizismus hat bzw. in den vergangenen 50 bis 60 Jahren hatte.

Die Begrenzung auf den Katholizismus hat absolut nichts mit Konfessionalismus meinerseits zu tun. Der Focus hier ist bedingt, dass einst, noch vor 60 Jahren, der Katholizismus in Frankreich die zahlenmäßig stärkste Religion war, französische Theologen waren noch prägend, bekannt, auch in Deutschland, und die praktischen Experimente der Kirche galten vielen als vorbildlich. Heute ist von französischen Theologen kaum noch die Rede, selbst von den viel interessanteren Religionssoziologen ist hier fast nichts bekannt. Man redet in Deutschland allenfalls über das de facto katholische, nach außen sich aber ökumenisch gebende Kloster in Taizé.

Hier also einige Schlaglichter, die weiter zu vertiefen wären, aber einen ersten Anhalt bieten. Dabei muss berücksichtigt werden, dass exakte Konfessionsstatistiken wie in Deutschland nicht in Frankreich existieren, dies ist bedingt durch die Trennung von Kirchen und Staat und die damit gegebene Privatisierung der religiösen Bindung.

Es gibt allerdings immer wieder repräsentative Umfragen zur Bindung der Franzosen an den Katholizismus und andere Religionen: 2011 veröffentlichte etwa „Harris Interactive“ eine Studie „Les Francais et Dieu“. Die manchmal problematische inhaltliche Gestaltung der Fragen bei Umfragen ist generell ein Problem, kann hier nicht vertieft werden.

Zu dieser Umfrage: 36 % erklären, an Gott zu glauben. 34% erklären, NICHT an Gott zu glauben. 30 % können sich nicht zu der Frage affirmativ klar erklären. Ausdrücklich wird betont in der Studie: 48 % der Katholiken sind sich sicher, an Gott zu glauben. Unter den regelmäßig praktizierenden Katholiken (d.h. denen, die mindestens einmal im Monat an der Messe teilnehmen) sind es 98 %, die sicher an Gott glauben…

21 % der Franzosen erklären, niemals sich die Fragen über Gott zu stellen.

Wer sich die Frage nach Gott stellt, wünscht sich ausdrücklich, mit anderen diese Frage zu debattieren, dieser Anteil beträgt 62 %! Kommentar: Die Sehnsucht nach offenen, dann wohl aber nicht streng dogmatischen Gesprächsgemeinschaften ist groß. Weiterer Kommentar: Die offiziellen Pfarrgemeinden: Können sie bei aller gewünschten Freiheit, diesen Wunsch der offenen (!) Debatte erfüllen?

IFOP, ein anderes Meinungsforschungsinstitut, hat diese Statistik veröffentlicht im historischen Vergleich:

Anteil der Katholiken 1952: 81 %; Teilnahme an Messe: 27%

1966: 80%;                                     20 %

1978: 76 %;                                    14 %

2001: 69%;                                       5 %

2010: 64 %                                       4,5 %

Die Umfrage von “WIN-Gallup International” vom August 2012 zeigt dieses Bild: 29% der Franzosen nennen sich “Atheisten”, im Jahr 2005 waren es 14%, so “Win -Gallup… Die katholische Wochenzeitung “La Vie” (Paris) berichtet am 31. 1. 2013 zusammenfassend über diese Umfrage: “Während die Zahl der Gläubigen kontinuierlich sinkt, unter 30 % geht nach anderen Umfragen, wird die wichtigste Kategorie der Franzosen, zwischen 35% und 40%, von so genannten Probalilisten gebildet, also von Leuten, für die Gott eventuell existiert”. Daraus kann man schließen: Etwa 30 % der Franzosen nennen sich in dieser Umfrage  “gläubig”, was wohl auch kirchlich bedeutet…”La Vie” bezieht sich zur Illustration dieser Verhältnisse auf die damalige französische Regierung unter Jean-Marc Ayrault:”Der Atheismus ist unter den Ministern die am meisten geteilte Strömung. 11 der 38 Minister nennen sich Atheisten, 5 nennen sich Agnostiker, nur sechs nennen sich `gläubig, aber nicht praktizierend`… Man kann darauf hinweisen, dass sich in dieser Regierung kein einziger Minister als praktizierender Christ bezeichnet”, (ebd. S. 20). Wobei gefragt werden muss: Ist der Messbesuch die deutlichste Ausprägung einer religiösen Praxis und religiösen Bindung…

Heute wird der Anteil der so genannten praktizierenden, also wenigstens einmal im Monat die Messe besuchenden Katholiken (was ist das für ein grausiges Verständnis von „Praxis“?) bei 3 bis 4 Prozent im Landesdurchschnitt angegeben. Diese Zahl nennt die katholische Wochenzeitung “La Vie” in ihrer großen Studievom 20. März 2008 (!) S. 69: 1,9 Millionen der über 18 Jahre alten Franzosen, sind als praktizierende Katholiken anzusprechen, das sind 4 %. Von dieser Gruppe der regelmäßig Praktizierenden sind 66% Frauen, 34 % Männer (bei der damaligen Gesamtbevölkerung: 48 % Frauen….)

Die Taufen in katholischen Kirchen…dies nur als eines von vielen weiteren Beispielen:

Taufen 1990: 472.000

Taufen 2012: 290.300

Sakramentale Eheschließung in einer Kirche:

1990: 147.000

2012:   70.000

Gesamtzahl der Priester:

1990: 32.300

2012: 16.800, also nach 22 Jahren hat sich die Zahl der Priester halbiert.

Über die so genannte religiöse Praxis in den unterschiedlichen Regionen und Départements, verstanden als Teilnahme an der Sonntagsmesse, ist in Frankreich seit langem viel geforscht worden. Die These ist verbreitet: Wo die Revolution besonders heftig und erfolgreich war, ist die religiöse Praxis gering. Darum ist beispielsweise heute die Teilnahme an der Sonntagsmesse in den einst „revolutionären Départements“ sehr schwach, also etwa in Aube, Marne, Cher, Yonne, Nièvre, Allier, Creuse, Corrèze, in den genannten Departements bzw. Bistümern heute oft gegen Null tendierend, etwa Creuse oder Nièvre. Das hängt auch damit zusammen, dass in diesen Départements bzw. Bistümern fast keine Priester mehr zur Verfügung stehen, und wenn, dann sind die meisten über 70 Jahre alt. Regionen, in den Katholizismus noch eine gewisse Rolle spielt: Bretagne, Elsass, Pyrenäen, Vendée.

In dem Zusammenhang wird immer wieder an die gesetzliche Trennung de Kirchen und des Staates im Jahr 1905 erinnert. Gerade in katholischen Milieus Deutschland herrscht noch immer die Verwechslung von Laicité und Laizismus, dieser verstanden als militante Form der Unkirchlichkeit vor. Diese Kreise in Deutschland wollen a priori die Laicité ablehnen, wenn sie diese als Laizismus miss-verstehen. Und dabei rühmen deutsche Katholiken in die angeblich fruchtbare Zusammenarbeit von Kirchen und Staat in Deutschland und wollen dabei nicht sehen, in welcher umfassenden Abhängigkeit die Kirchen hier vom Staat leben und leben wollen…Jedenfalls ist deutlich: Der französische Staat, geprägt von der laicité, finanziert den Unterhalt der Kirchengebäude, die vor 1905 errichtet wurden. Hinzukommt: “Mit mindestens 1,5 Milliarden Euro jährlich unterstützt der Staat die zahlreichen katholischen Privatschulen” (La Vie, 20.März 2008, Seite 74). Also auch die atheistischen Bürger etc. unterstützen auf diese Weise den Erhalt der Kirchengebäude  und die katholischen  Privatschulen, die bekanntermaßen von Kindern der konservativen oberen Mittelschicht besucht werden. Dies nur als Beispiel gegen den in Deutschland immer wieder wider besseren Wissens verbreiteten Unsinn vom “laizistischen Staat Frankreich”…

Jedenfalls war (und ist) manchmal noch die französische Kirche kreativer als die katholische Kirche in Deutschland. Das wäre eigens zu untersuchen. Ich habe früher Beispiele beschrieben. Stichwort: Arbeiterpriester (jetzt allerdings eine verschwindende Gruppe), Pluralität der Gemeinden (es gibt noch einige explizit progressive), alternative Formen des Ordensleben, etwa in Hochhäusern in der Banlieue. Und andererseits: Es gibt seit ca. 40 Jahren einen breiten Strom sehr rechtsextremer katholischer Kreise, im Umfeld der Traditionalisten von Erzbischof Lefèbvre und der Priesterbruderschaft Pius X. Die Kreise bilden in Frankreich förmlich eine Art Gegenkirche, um deren Integration ins römische System sich viele Kardinäle in Rom bemühen. Warum? Weil diese Leute nach außen fromm sind, Wallfahrten lieben, etc. und vor allem: Viele junge (aber theologisch inkompetente) Priester haben.

Dazu hat die website atheisme.org/PieX.html einen wichtigen Beitrag veröffentlicht über „Les Fascistes de la fraternité Saint Pie X“. (2005)

Interessant ist in diesem Zusammenhang als Exempel das Benediktinerkloster Les Barroux bei Avignon: Dort regierte ein reaktionäre Lefèbvre Abt, Dom Gérard, der sich dann auf Betreiben von Kardinal Ratzinger formell mit Rom versöhnte, ohne dabei die alte Ideologie aufzugeben. Und dies ist kein Einzelfall. Noch bedenkenswerter sind die vielen neuen charismatischen Ordensgemeinschaften, wie im Umfeld von Chemin Neuf, Emmanuel. Man denke daran, dass der reaktionäre Bischof von Toulon Mitglied von Emmanuel ist. Die Anwesenheit dieser neuen reaktionären Ordensgemeinschaften aus Frankreich stammend wird in Deutschland auch nicht studiert. Sber sie verbreiten sich in Deutschland (Emmanuel etc.)

Man bedenke ferner, dass die Millionen Menschen mobilisierenden Demonstrationen gegen das Gesetz von Präsident Hollande zugunsten der Ehe für alle (HOMO-Ehe) auch von den Traditionalisten stark mit getragen wurden, von den entsprechenden Instituten, wie „Civitas“. Die enormen Demonstrationen rechter und rechtsextremer katholischer Kreise ist meines Wissens in Deutschland kaum untersucht worden.

Über das rechtslastige Wahlverhalten der Katholiken, auch zugunsten von Marine le Pen, FN, habe ich berichtet. Links und katholisch: Das war einmal, vielleicht in den neunzehnhundertsiebziger Jahren (vgl. das große wichtige Buch „A la gauche du Christ“, éditions du Seuil, 2012, diese Studie hg. von Denis Pelletier und Jean-Louis Schlegel, hat kaum Aufmerksamkeit, geschweige denn Übersetzungen, in Deutschland gefunden. Ein Beispiel für den Bruch zwischen deutscher und französischer Kultur. Europa und vor allem Frankreich ist für die meisten Theologen, Religionswissenschaftler und Zeitschriften, die noch etwas mit Religionen zu tun haben, kein Thema mehr.

Dabei ist überraschend: Gerade in Fankreich, bei dieser finanziell armen Kirche, gibt es noch eine Presse, die den Namen verdient, nämlich an Kiosken zu haben ist: Wie La Croix, La Vie, Pélerin, Temoignage Chrétien, Etudes, Esprit usw. Wer in Deutschland nach Zeitschriften fragt, die irgendetwas noch mit Christentum zu tun haben, erlebt ein Nichts. Die Milliarden reiche Kirche Deutschlands ist außerstande ein kritisches und selbstkrisches Blatt an die Kioske zu bringen. Wenn das kein Getto ist. In Frankreich ist das anders. Dort sendet übrigens der Fernsehsender France 2 jeden Sonntag ab 8.30 bsi 12.00 Uhr ein umfassendes Programm, das alle großen Religionen selbst gestalten können. Und dann redet man in Deutschland von Laizismus in Frankreich…

Zum neuesten Stand der Kirche heute. Da wären viele neue Studien zu nennen. Nur ein Hinweis: Der Jesuit Marc Rastoin hat in der „La Civilità Cattolica“ (28. Jan. 2017) einen Beitrag zur aktuellen Situation des französischen Katholizismus veröffentlicht, dies ist bemerkenswert, weil diese Zeitschrift förmlich die Meinung des Papstes wiedergibt und deswegen als Parteiblatt eigentlich keinen großen wissenschaftlichen Wert hat. Trotzdem: P. Rastoin sagt: „Heute ist die französische Kirche (nur noch) unterstützt von der oberen Mittelschicht. Aus diesen wohlhabenden Kreisen kommen noch die sehr wenigen Priesterberufungen“. Die Arbeiter, die Intellektuellen, die untere Mittelschicht usw. haben sich von der Kirche völlig distanziert. „Der Katholizismus (vor allem in Paris, Versailles, Lyon usw.) gehört zu einem homogenen sozialen Milieu.

Die Katholische Kirche erlebt einen Übergang von einer beruhigten und ruhigen Mehrheit zum Status einer Minderheit“. Heute sind wohl noch 42 % der Franzosen katholisch.

Aber wenn er von der noch verbliebenen Lebendigkeit des Katholizismus heute spricht, erwähnt Pater Rastoin SJ ausgerechnet die von mir (nicht nur von mir) reaktionär bewerteten Kreise um die Demonstrationen gegen die „Ehe für alle“. Und er nennt nach alter Art, die treuen katholischen Familien (offenbar aus der oberen Mittelschicht), „die günstige Erde fürs Aufblühen der Priesterberufungen“. Was für eine Sprache… Und der Jesuit rühmt nebenbei, dass die katholischen Familien wieder viele Kinder haben…, mehr als in Polen“.

Tatsache ist:

Der französische Katholizismus scheint dem Ende zuzugehen, Zahlenmäßig: die jungen Leute haben fast keine Kirchenbindung mehr, der Gottesdienstbesuch ist extrem schwach; neue Ideen für neue Gemeinden fehlen (selbst das viel gerühmte Beispiel in Poitiers funktioniert nicht mehr richtig).

Die Kirche müsste sich also neu erfinden, kann sie aber nicht aufgrund ihrer klerikal – hierarchischen Verfassung. Das ist, so sehen es noch einige, denen die Kirche wichtig ist, das ganze Drama, wenn nicht die Tragödie der französischen Kirche. Und das Schlimme ist: Diese Tragödie müsste nicht sein, wenn denn Klerikalismus und Hierarchie aufgegeben würden und lebendige Demokartie und dogmatische Offenheit Realität wären.

Copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon.

Buchmesse Frankfurt 2017: Wo bleiben Religionen und Theologien ?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Frankfurter Buchmesse hat in diesem Jahr 2017 einen für uns besonders wichtigen Ehrengast: Frankreich.

Es ist eine Feststellung (und zugleich auch eine Kritik), dass bei diesem Aufmarsch der Literaten in Frankfurt wahrscheinlich die Philosophen zu kurz kommen und vor allem die Theologen, die es ja in Frankreich noch gibt, trotz des zahlenmäßigen Dahinschwindens der Katholiken in dieser „ältesten Tochter der Kirche“. Über protestantische Theologen wäre eigens zu sprechen.

Als ein minimales Ergänzungsprogramm nur einige Hinweise:

1. Es gibt in Frankreich den in Deutschland leider völlig unbekannten katholischen Theologen Jean – Pierre Jossua aus dem Dominikanerorden, der als Theologe viele Jahre vor allem die Literatur studiert hat und mit zahlreichen Schriftstellern und Poeten, wie Yves Bonnefoy, befreundet war. Und der eben auch bedeutende Studien über den Zusammenhang von Literatur und Religion (in Frankreich, aber nicht nur) publiziert hat. Es ist ein Zeichen der Ferne und Fremdheit, die zwischen Deutschland und Frankreich herrscht, dass kein Buch des bedeutenden Theologen Jossua übersetzt wurde.

Wer Französisch lesen kann, dem empfehle ich diese Bücher: Die vier Bände „Pour une histoire religieuse de l experience litteraire“. Eitions Beauchesne, Paris. Sowie: Jean-Pierre Jossua, La passion de l’infini. Littérature et théologie. Nouvelles recherches Paris, Cerf, 2011, coll. « Théologie », 528 p.

Ich habe Jean – Pierre Jossua vor einigen Jahren in Paris interviewt, daraus ein Element seiner Aussagen:

Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“

2. Auf unserer Website des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin haben wir mehrfach über den Zustand der Religionen, vor allem des Katholizismus, in Frankreich (einst und) heute hingewiesen. 1993 erschien mein Buch „Religion in Frankreich“.

Hier nur der Hinweis auf einen ungewöhnlichen Theologen und katholischen Priester, der in den Pariser Salons, also als angenehmer Gast inmitten der Literaten und Künstler, tatsächlich ständig verkehrte: Arthur Mugnier (1853 – 1944) ist sein Name. Der Historiker Charles Chauvin, Paris, hat über ihn kürzlich eine Studie publiziert. Meinen Hinweis auf dieses Buch und den ungewöhnlichen Theologen lesen Sie hier.

3.Über den Zustand der katholischen Kirche gibt es viele Aspekte, ein Thema ist: Es gibt in Frankreich Regionen, die seit 200 Jahren, wenn nicht länger, völlig befreit sind von jeglicher Bindung an die katholische Kirche, selbst wenn sich die älteren Bewohner dieser Départements noch katholisch nennen, und sich etwa eine katholische Bestattung wünschen. Die Mentalitätsgeschichte dieser Regionen etwa in Burgund oder Centre und Limoges und Creuse, Guéret vor allem,   wurde oft erforscht. Ich habe nur einen Hinweis kürzlich publiziert, über das Bistum Tulle im Département Corrèze.

 

Fortsetzung folgt….

Copyright: Christian Modehn

 

“Babylon Berlin”: Der Film, die „goldenen Zwanziger“ und die Theologie

Hinweise anlässlich der TV Serie von Tom Tykwer

Von Christian Modehn am 4.10.2017

„Verlockungen und Abgründe“: Das also hat Berlin zu bieten, nicht zuletzt in der Sicht der Künstler, Autoren, Filmemacher. Und dieses Berlin der „Zwanziger Jahre“ steht ab 13. Oktober 2017 wieder einmal ganz groß im Mittelpunkt begieriger Aufmerksamkeit: „Babylon Berlin“ heißt der fast schon erwartbare Titel der Fernsehserie unter der Regie von Tom Tykwer. Die schon jetzt hoch gelobte Serie wird zuerst auf SKY, leider erst ein Jahr später dann in der ARD gezeigt. Aber muss wirklich immer wieder „Babylon“ herhalten, um Haltlosigkeit und moralischen Verfall in Berlin zu signalisieren? Folgt man immer noch der seit Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ verbreiteten Vorstellung von Berlin als „Moloch“? Unter diesem Symbol fanden sich eher die Benachteiligten und Armgemachten wieder.

„Verlockungen und Abgründe“ gab es zweifellos in den explosiven Nachkriegsjahren, den „Zwanzigern“. Wer diese Jahre als „golden“ (vielleicht sogar als goldig) erlebte, befand sich auf der Seite der „wenigen Glücklichen“ und hatte damit die Macht der Definitionen. Und dies ist wohl heute genauso! Im Überangebot an Lust, Exzessen und Ausschweifungen ist Berlin wahrscheinlich unschlagbar. Dieses Überangebot an Zerstreuung, Unterhaltung und „Kulturindustrie“ (Adorno) zieht bekanntlich nicht nur Künstler, Lebenskünstler, Leute der Start-ups, Studenten hierher, sondern vor allem Touristen: Sie alle „lieben“ (so sagen sie es ständig) die ziemlich absolute individuelle Freiheit in dieser „bunten und schrillen Metropole“ (um noch einmal abgenutzte Klischees zu verwenden). Man lobt die vergleichsweise immer noch erschwinglichen Mieten und die eher geringen Kosten fürs alltägliche Leben. Die Armen in Berlin heute, immerhin ein Drittel der Bevölkerung, also etwa die Hartz IV Empfänger und die Obdachlosen, sehen allerdings NICHT so viel Erschwingliches in dieser Hauptstadt der Verlockungen. Sie leben eher am Rande der Abgründe. Bei dieser zunehmenden Spaltung von Reichen und Armen in ein und derselben Stadt sind wir schon wieder beim Thema „Babylon Berlin“. Da gibt es Straßen in Berlin, da wohnen die Reichen und die Bürgerlichen auf der einen Seite, und ein paar Schritte weiter die Ausgegrenzten: Man denke an „Kreuzkölln“ oder Schöneberg Nord…Verhältnisse, die einst Städteforscher für den Norden von Manhattan beschrieben und beklagten.

Für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist es eine Pflicht, angesichts dieses zweifelsfrei kulturellen TV Ereignisses auf das Berlin der Zwanziger Jahre zu schauen. Natürlich in der uns interessierenden Hinsicht und Rücksicht auf Religionen, Theologien und Philosophien. Auch in dieser Zuspitzung ist dies noch ein sehr weites Feld, das eigentlich nur ein Team von Religions-, Philosophie-, Kirchen- und Literaturhistorikern bearbeiten könnte. Spezielle ausführliche Studien zu diesem eng umgrenzten Thema „Religionen und Theologien im Berlin der Zwanziger Jahre“ sind mir leider bis jetzt nicht bekannt. Vielleicht ist die TV Serie ein Impuls, sich darum zu kümmern.

Ich möchte nur einige Linien und Perspektiven zeigen und vor allem auch einige Fragen stellen in der uns interessierenden Hinsicht .

Zuerst könnte man fragen: Was sagten und wie lebten Theologen, also vor allem Theologieprofessoren, im Berlin der Zwanziger Jahre? An der Universität Unter den Linden gab es ja eine Evangelisch – theologische Fakultät, einst lehrten hier berühmte Leute, wie Schleiermacher und dann Adolf von Harnack. Aber in den Zwanziger Jahren bis 1933 etwa? Wer kennt da als gebildeter Zeitgenosse einen Namen unter den etablierten protestantischen Theologieprofessoren in diesem Berlin von damals? Während die Schriftsteller und Dichter, die Künstler und Musiker in diesen Jahren Berlin zu einem Zentrum kreativer, neuer Kultur machten, lebten evangelische Theologen eher am Rande dieser Welt. Es waren vor allem Schriftsteller und Journalisten, die mit dem Judentum auf irgendeine Weise verbunden waren, die das Leben des Geistes in Berlin prägten, etwa schon in den großen Tageszeitungen damals. Sie waren es, die für die geistige Bewegtheit dieser Jahre sorgten: Dass die Nazis schlechthin „die“ Juden töten wollten, damit auch die jüdischen Intellektuellen, ist eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts und der geistige Selbstmord der sich evangelisch, katholisch oder „deutsch-christlich“ nennenden Deutschen.

Unter den nach wie vor bemerkenswerten und aktuellen evangelischen Theologen ragt der junge Paul Tillich hervor. Von 1919 bis 1924 lehrte er als Privatdozent an der Theologischen Fakultät. Eigentlich eine kurze Zeit, aber in diesen Berliner Jahren publizierte Tillich seine bleibend belebenden, provozierenden Gedanken. Etwa zum Atheismus meinte er, seiner Deutung des Menschseins entsprechend: Selbst das Nein zu Gott kann den Menschen nicht von Gott trennen. Denn zurecht abgelehnt wird von Atheisten der Gott, der wie ein besonderes herausragendes Objekt unter anderen verstanden wird. Diesen „endlichen“ Gott (also Götzen) gilt es zu töten zugunsten eines „Gott über Gott“. „Wer Gott mit unbedingter Leidenschaft leugnet, bejaht (den göttlichen) Gott, weil er etwas Unbedingtes bekundet“ (zit. in Werner Schüssler und Erdmann Sturm in ihrer Studie „Paul Tillich“, Darmstadt 2007, S. 46).

Diese Einsichten diskutierte Tillich übrigens schon sehr früh in einem philosophischen Salon, den er damals sehr mutig in Berlin – Moabit, im Bereich der Erlöserkirche, gründete. Wo sind heute theologische Salons in Berlin Moabit, Wedding oder Kreuzberg, möchte man fragen… In der Erlöser Gemeinde war Tillich von 1911 bis 1913 als „Hilfsprediger“ tätig.

Bedeutend ist seine frühe theologische Leistung schon in Berlin, eine Kulturtheologie zu entwickeln: In den Erscheinungen der Kultur gilt es, „die konkreten religiösen Erlebnisse zur Darstellung zu bringen“ (S. 57). Dabei ist für Tillich leitend: „Religion ist die Substanz der Kultur, und Kultur ist die Form der Religion“ (S. 58). Dies sind unerhörte Perspektiven im Berlin der Zwanziger Jahre: Wie wurden diese Erkenntnisse der Kulturtheologie konkret aufgewiesen im Gespräch mit Literaten, Künstler, Malern, auch mit der Welt der „Lebenlust“? Denn an der Lust (an und in) der Stadt Berlin nahm Tillich leibhaftig teil: Er war kein distanzierter Beobachter im Berlin der zwanziger Jahre: Als junger Mann war er Mitglied der „Bohème“, wie Tillich selbst sagte. Er hatte eine „elementare Daseinsfreude und einen Hunger nach Vergnügungen“, so die Tillich Spezialisten Werner Schüssler und Erdmann Sturm in ihrer Studie „Paul Tillich“, Darmstadt 2007, Seite 10. „Er traf sich mit Freunden und Freundinnen in Cafés und Bars, besuchte Bälle und Kostümfeste und geriet in erotische Abenteuer. Er liebte das Unerreichbare und Unkonventionelle…“ (ebd.). Gerhard Wehr schreibt in seiner Tillich – Monographie (Rowohlt, 1979, S. 67): „Doch wenn es ans Tanzen ging, war Tillich in seinem Element. Er wirkte wie elektrisiert. Er tanzte aus Freude an der Bewegung…“.

Ein bewegter, leidenschaftlicher Theologe, der am Leben der Stadt teilnahm: Eine lebenspraktische Konstellation, um neue bewegte theologische Themen zu formulieren. Aber Tillich blieb wohl in dieser nicht verheimlichten, sondern zugegebenen Lebensfreude eine Ausnahmegestalt. Obendrein war er noch eng mit der sozialistischen (USPD) Partei verbunden, Christentum und Sozialismus zu versöhnen, war ein weiteres Thema Tillichs…

Über Dietrich Bonhoeffer in Berlin zu Beginn der Dreißiger Jahre als Assistent an der Theologischen Fakultät der Universität wäre zu sprechen. Man darf auch nicht vergessen: In den eher proletarischen Milieus spielte die explizit kämpferisch – atheistische Freidenker Bewegung eine große Rolle: Aber mit denen sprach kein Theologe! Die Jugendweihen erfreuten sich großer Beliebtheit; es gab Freireligiöse Gemeinden, es wurde die Feuerbestattung propagiert: Dagegen wandten sich alle Theologen und Bischöfe aufs heftigste. Um 1965 wurde dann auch für Katholiken die Feuerbestattung offiziell erlaubt. Leute, die als junge Katholiken gegen die Feuerbestattung kämpften, mussten sich plötzlich sehr umstellen, als diese vom Vatikan erlaubt wurde!

Katholische Theologen (Theologieprofessoren) gab es bekanntlich nicht in Berlin, einmal abgesehen von dem Priester Romano Guardini, der aber als einsamer „Religionsphilosoph“ an einer protestantisch beherrschten Universität (der heutigen Humboldt – Universität) tatsächlich viel – beachtete Vorlesungen hielt. Guardini lag zwar treu auf der Linie des römischen, vatikanischen Katholizismus, er versuchte aber, in seinen Vorlesungen auch mal neue Themen zu bearbeiten, wie etwa die Gestalt des Buddha.

1923 wurde er an den neu errichteten „Lehrstuhl für Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und katholische Weltanschauung an der preußisch-protestantischen Universität Berlin“ berufen. Rechtlich machte die Anwesenheit eines Katholiken Schwierigkeiten, so gehörte Guardini offiziell noch der katholisch – theologischen Fakultät der Universität Breslau an. Ökumene war damals auch bei protestantischen Theologen ein Fremdwort, nicht nur in Berlin.

Guardini blieb bis Mitte der vierziger Jahre in Berlin, erst im März 1939 wurde er „zwangsemeritiert“, vorher also war er für die Nazis offenbar nicht so gefährlich? Noch unter den Nazi-Herrschaft veröffentlichte er 1937 seine umfangreiche Meditation über Jesus Christus unter dem Titel „Der Herr“, vielleicht im Titel ein ganz kleiner, stiller Protest gegen „Den Führer“? Zuvor hatte er in Berlin noch ein Buch über Blaise Pascal veröffentlicht, jenen Mystiker (und Mathematiker), der am Ende seines Lebens leidenschaftlicher Anhänger einer der strengsten augustinischen Gnadenlehren, der Jansenisten, wurde: Was hatte Pascal im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre für eine Relevanz? Sind seine Vorlesungen noch zu greifen? Wie viele Agnostiker und Atheisten waren unter seinen Hörern, wie so oft in kirchlichen Kreisen heute behauptet wird? Auch seine umfangreichen Meditationen über Christus „Der Herr“ sind merkwürdig befremdlich, die historisch kritische Exegese, die damals bei protestantischen Theologen oft .selbstverständlich war, fehlt völlig. Theologie als Wissenschaft ist das Buch „Der Herr“ jedenfalls nicht. Es ist schon komisch, dass dieser einzige, aber doch eher konservative Theologe und Philosoph Romano Guardini heute im katholischen Berlin so viel Ansehen genießt: Wahrscheinlich liegt das daran: Das theologisch so arme katholische Berlin hat sonst keinen anderen berühmten Namen zu bieten. Man hat die geistige Öde des „katholischen Berlin“ immer mit der „Diaspora – Situation“ zu begründen versucht. Die Minderheit sollte nicht kritisch gebildet werden! Offenbar halten nur dumme Gläubige in der feindlichen Umwelt zu den Dogmen? Heute ist es der Personalmangel an Pfarrern, die ja eigentlich Theologen sein sollten, der die kleiner werden Gemeinden kaputt macht.

Eine ganz ungewöhnliche Rolle spielte in den zwanziger Jahren der katholische Priester Dr. Carl Sonnenschein: Er war aus Düsseldorf 1919 nach Berlin gekommen, um hier außerhalb jeder Gemeinde- Bindung seinen eigenen Stil von „Großstadt – Seelsorge“, wie er sagte, aufzubauen: Unmöglich in knapper Form sein vielschichtiges Werk zu würdigen: Sicher, er war ein Einzelgänger, manchmal autoritär, oft sehr konfessionalistisch am Wohlergehen der katholischen Kirche interessiert: Aber seine soziale Hilfe für die einzelnen, unabhängig von jeglicher Ideologie, ist unbestritten. Kurt Tucholsky lobte ihn! Sein Begräbnis 1929 war eines der größten in Berlin überhaupt mit mehr als 30.000 TeilnehmerInnen aller ideologischen Couleur.

Sonnenschein gründete angesichts der grausamen Wohnungsnot ein eigenes Wohnungsbauprogramm; er kümmerte sich um die kulturelle Förderung der intellektuell sehr vernachlässigten und unterforderten Berliner Katholiken; er schuf eine große Lesehalle an der Friedrichstraße, also eine große öffentliche Bibliothek mit dem Schwerpunkt Theologie und Religionen: Bis heute gibt es in Berlin keine große öffentliche und international gestaltete, selbstverständlich dann aber ökumenische theologische Bibliothek. Ich habe dies schon oft eine Schande genannt, angesichts der Unsummen, die den Kirchen heute auch in Berlin zur Verfügung stehen. Eine “multikultirelle Metropole Berlin” ohne eine “multireligiöse Spezialbibliothek” großzügigerweise und uneigennützig finanziert von den Kirchen? Das ist nur ein Traum hier in Berlin.

Sonnenschein war unermüdlich tätig, auch kirchenkritische Worte waren seine Sache: Unvergessen sein immer wieder zitiertes und treffendes Urteil über den Berliner Katholizismus der Zwanziger Jahre „Der Katholizismus in Berlin ist verdammt kleinstädtisch“. Schade eigentlich, dass bis heute kein großer Regisseur über diesen ungewöhnlichen Dr. Sonnenschein einen Film gedreht hat…

Wo also waren die Christen und Theologen in den goldenen Zwanzigern in Berlin? Sie lebten – angeblich – behütet in ihrem eigenen Getto. Man denke daran, dass sich für überzeugte Katholiken – und das waren damals nicht wenige – in den zwanziger Jahren eigentlich der ganze Alltag und die ganze Freizeit in der Pfarrgemeinde abspielte! Dazu habe ich zahllose Zeugnisse aus der eigenen nahen Verwandtschaft gehört, etwa am Beispiel der Gemeinde St. Sebastian in Gesundbrunnen. Es waren kirchliche Parallelwelten zur großen Kulturen der zwanziger Jahre. Und wenn es dann dort in all den Clubs und Tanzlokalen usw. sehr freizügig zuging, dann waren klerikale Moral-Standpauken sofort zu vernehmen. Dass noch niemand eine Mentalitätsgeschichte der katholischen (und in geringerem Umfang wohl auch evangelischen) Gemeindegettos damals (und heute!) geschrieben hat, ist ein Mangel!

Paul Tillich bewegte sich in dieser großen und schillernden Welt der zwanziger Jahre. Kann man sich vorstellen, dass auch Romano Guardini im Berlin der Zwanziger Jahre manchmal tanzen ging? Dass er die Berliner Cafés der Literaten betrat?  Inkulturation (also lebendiger Austausch von Glaube und Kultur) ist ein Stichwort der heutigen Theologie, und es wird oft nur auf Afrika und Asien bezogen. Verwurzelung des religiösen, des christlichen Glaubens in der vielfältigen Kultur im Berlin der Zwanziger Jahre – hat es dies gegeben? Ich wage begründet zu sagen: Von Ausnahmen abgesehen, sicher nicht. Getto war der oberste (UN)wert damals…

Man darf gespannt sein, wie in der TV Serie „Babylon-Berlin“ Religionen und Kirchen „vorkommen“.

Wahrscheinlich wären Philosophen heute am ehesten in der Lage, etwa vom Standpunkt einer epikuräischen Philosophie aus, nach der permanenten Suche nach Luststeigerung im heutigen Berlin zu fragen. Und Soziologen werden feststellen, dass in Berlin mehr Menschen an Wochenenden sich in Clubs vielfältigster Orientierung aufhalten und in den Kinos und Theater- und Opernhäuser als in Kirchen zum Gottesdienst. Gilt also doch „Babylon (ist) Berlin“? Vielleicht nicht, wenn man sich den Perspektiven des jungen Theologen Paul Tillich anschließt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Für eine erste gesamtökumenische Enzyklika: Ein Plädoyer von Pfarrer Manfred Richter, Berlin.

Die Fragen stellte Christian Modehn. Veröffentlicht am 2. Oktober 2017

Ende Oktober 2017 geht die „Dekade“ zu Ende, in der die Menschen nicht nur in Deutschland eingeladen wurden, der Reformation zu gedenken. In den Zusammenhang passt als kritischer Impuls sehr gut Ihre neue, umfangreiche und gut von den Quellen her belegte Studie, die Sie im Untertitel zurückhaltend „“Essay zum Ökumenismus“ nennen. Darin fordern Sie eine „Erste Gesamtökumenische Enzyklika“, also ein Lehrschreiben, das von allen christlichen Kirchen verfasst und unterzeichnet wird und in den je eigenen Gemeinden verbreitet werden kann. Was sollte der wesentliche Inhalt einer solchen, geradezu sensationellen ökumenischen Enzyklika sein?

   Das Faktum selbst sollte die erste Botschaft sein: Es gibt Aussagen unseres Glaubens, die wir von nun an gemeinsam aussprechen wollen, weil wir sie teilen. Diese „gesamtökumenische“ Enzyklika, also ein Lehr-Rundschreiben oberster kirchlicher Repräsentanten (etwa der konfessionellen Weltbünde, des ÖRK und des Vatikan) gemeinsam, sollte die Bereitschaft kundtun, das ernst zunehmen und umzusetzen, was bislang alle Kirchen als ihren Willen schon erklärt haben: vertiefte Gemeinschaft zu leben in Wort und Tat, soweit keine gewissensmäßigen Hindernisse mehr im Wege stehen. Das ist gerade bei den grundlegenden Fragen der Fall: Wir sprechen das gleiche Vaterunser, bekennen das gleiche Glaubensbekenntnis, haben die gleiche Heilige Schrift und wissen alle, was das höchste Gebot ist: die Gottes- und die Nächstenliebe.

Nun liegen seit vielen Jahren viele theologische Studien vor, die den tatsächlich schon gegebenen Konsens der bisher getrennten Kirchen beschreiben. Warum folgen die Kirchenleitungen, vor allem die römische Kirche, nicht diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen? Ist es Ignoranz oder verbissener klerikaler Machterhalt?

   Der hier von Ihnen genannte Konsens, der in den strittigen Hauptfragen im Weltrat der Kirchen gemeinsam mit Rom weltweit und auch besonders in Deutschland gefunden wurde, besagt in der Tat, dass dieses Wort von einst: „Wir verwerfen die falsche Lehre …“, nämlich der jeweils anderen, so heute zwischen unseren Kirchen nicht mehr gilt. Überall hat sich das Bewusstsein verändert, durch Einsicht in eigene Versündigungen und unverantwortliche Verweigerungen untereinander; durch theologische Aufklärung und nicht zuletzt durch die Erfahrung der Herausforderungen der Zeit, besonders der verbrecherischen Regime der Nationalsozialisten und Bolschewiken – Hier entstand die Una-Sancta-Bewegung:„Wir glauben an die Eine Heilige Kirche“ in den Gefängnissen und Kriegsgefangenenlagern.. Sicher gibt es nicht wenig Mentalität „klerikaler Machterhaltung“, wie Sie sagen – das muss jede Kirche bei sich selber prüfen. Doch müssen auch die Gewissen geachtet werden, denen diese neueren Einsichten noch fremd sind, nachdem in den Kirchen fünf Jahrhunderte lang die gegenseitige Verurteilung gepredigt wurde. Und ängstlichere Gemüter, auch in Leitungsgremien, die sich an alte Auslegungen überlieferter Formeln gebunden sehen, statt sie geistbewegt neu zu denken, müssen gewonnen werden. Es soll nicht zu neuen Spaltungen kommen.

Was wäre der neue Aspekt und der neue Inhalt einer ersten gesamtökumenischen Enzyklika?

   Aufgrund des wechselseitigen Sich-Kennenlernens in nun mehr als hundert Jahren ökumenischer Bewegung zwischen den Kirchen der Protestanten und der Orthodoxen, und seit mehr als 50 Jahren auch mit der römisch-katholischen Kirche ist ein grundlegendes Vertrauen zwischen den einstigen Feinden gewachsen. Man versteht besser, wie und warum die anderen auf andere Weise glauben – und dass wir oft Gleiches oder Ähnliches meinen, wenn auch in anderen Worten oder Strukturen und Gebräuchen. Und man fängt an, zu erkennen, dass es dabei, wie schon im Neuen Testament selber und in der Kirchengeschichte immer, Unterschiede gab und geben darf, wie überall in menschlichen Kulturen. Daher kann jetzt, meine ich, ein gemeinsames Wort gewagt werden, welches das ausspricht: Tausend Jahre Feindschaft zwischen Christen im „Westen“ und „Osten“ der Christenheit ist genug, und 500 Jahre Feindschaft innerhalb der „lateinischen“ Kirche des „Westens“ sind genug: Alle einstigen Reformationsansätze blieben unvollendet. So müssen wir öffentlich bekennen, dass wir gemeinsam an das „aggiornamento“(die erneuernde Anpassung) des Christentums für sein drittes Jahrtausend herangehen müssen. Das muss eine Botschaft an die Gläubigen nach „Innen“ sein, um die Widerstände aus Gewohnheit zu überwinden. Sie muss aber ebenso nach „Aussen“gerichtet sein: wie soll sonst die christliche Versöhnungsbotschaft in einer Welt voller Machtkonflikte zwischen Religionen und Ideologien glaubwürdig sein? Daher sollte ein Schwerpunkt liegen bei der im Kern für Christen gemeinsamen sozialethischen Botschaft zu den so missachteten Menschenrechten und zur Bewahrung der bereits in hohem Masse bedrohten Schöpfung.

Warum sind Ihrer Meinung nach immer noch theologische Dokumente, Papiere, Studien, Enzykliken überhaupt notwendig, um die Einheit der Christen zu fördern?

Der Streit der Konfessionen wurde durch Theologien und ihre Ausformulierungen in Recht setzenden Dokumenten ausgefochten, welche jeweils die „Anderen“ ausgrenzten, verurteilten oder gar der Hinrichtung preisgeben. Daher muss diesen Theologien und ihren Dokumenten, wenn sie sich absolut setzen, der Giftzahn gezogen werden. Sie müssen auf den Status von Teil-Ansichten zurückgeführt werden, die einer umfassenderen Wahrheit und einer tiefer gegründeten christlichen Praxis dienlich werden müssen.  

Was verstehen Sie unter der Einheit der Christen und der Kirchen?

   Eine bunte Vielfalt lebendig gelebter christlicher Traditionen, die sich wechselseitig bereichern und jeweils selbst relativieren im Blick auf die vielen anderen Möglichkeiten, die christliche Botschaft – das Evangelium – zu leben, und das heißt eben: „Katholisch“ im Ursprungssinne dieses Wortes zu denken und zu glauben, zu beten und zu handeln. Daher sollten unsere Kirchen zunächst eine gemeinsame Stimme finden und kundtun, verständnisvoll miteinander lernend weitergehen in dem, was wir den „konzilaren Prozess“ nennen, um eine neue Form zu finden. Damit ihre großartige universale, eben ihre „katholische“ Gemeinschaft als Kirche auch sichtbar werde – als die gemeinsame geistliche Heimat der Vielen Verschiedenen, die auf dem Wege sind.

 Nun ist die heutige konfessionelle “Landschaft” unter den Christen sehr vielfältig: Man denke etwa an die vielen auch unter sich sehr gegnerischen Pfingstkirchen und an die vielen evangelikalen Bewegungen: Hat dann die Arbeit an der Einheit der Christen noch einen realistischen Bezug?

   Es kostete seit je viel Mühe, den Starrsinn und die Machtanmaßungen geistlicher Führer zu bändigen, großer Theologen oder Päpste ebenso wie von Lokalheroen oder Gurus. Nur die konsequente Einforderung der Selbstrelativierung im Angesicht Gottes und des Nächsten und das unumgehbare Liebesgebot, also die ethische Verantwortlichkeit, werden helfen, Wege zum Miteinander ausfindig zu machen, bei Anerkennung legitimer Unterscheidungen oder Besonderheiten. Der „Weltrat der Kirchen“ (Genf) ist geradezu das Labor dazu. Die Forderung einer uniformen Rechtssetzung für eine künftige Gestalt der Weltchristenheit ist abzulösen zugunsten der Suche nach Formen einer Anerkennung bereits gelebter oder möglicher Gemeinschaft auch recht verschiedener Traditionen auf der Basis von Heiliger Schrift, Credo und Vaterunser – dies, so meine ich, durchaus in neuer Gestalt im Weltmassstab. Ein gesamtchristliches Weltforum ist überfällig.

Was treibt Sie seit Jahrzehnten so an, dass Sie immer leidenschaftlich die versöhnte Verschiedenheit der Christen, also die Versöhnung und die Einheit, fördern und fordern? Ist dieses Engagement auch auf die politische Zerrissenheit der Welt bezogen?

   Meine Taufe war römisch-katholisch. Christ wurde ich, nach gutem Religionsunterricht (einschließlich Augustinus!) lutherisch; meine Wendung zur Theologie verdanke ich Romano Guardini, dem römisch-katholischen Kulturwissenschaftler und Vorkämpfer der Ökumene in NS – Zeiten. Meine Ordination verpflichtete mich der Una Sancta, für die ich in Württemberg und dann in Berlin, hier in einer Kirche der (protestantischen) Union tätig wurde, wo wir bereits in einer einzigen großen und „vielfarbigen“ (Eph. 3, 10) christlichen Gemeinschaft jeglicher Couleur leben. Wie könnte es also anders sein, als für „eine“ Stimme und auch „eine Gestalt“ der Kirche zu kämpfen, damit sie endlich in ihrer welt – bewegenden Botschaft glaubwürdig würde? Erst so, meine ich, könnte sie selbsternannten Potentaten und hasswütigen Predigern zeigen, was Sache ist. „Warten wir nicht länger“, so könnte ich einen Wahlslogan zitieren. Ich sage: Ergreifen wir den „kairós“: Den 31. Oktober 2017 als gottgegebene Gelegenheit, über den Schatten zu springen !

Copyright: Pfarrer Manfred Richter, Berlin.

Die umfangreiche Studie Manfred Richters hat den Titel: „Oh sancta simplicitas. Über Wahrheit, die aus der Geschichte kommt. Ein Essay zum Ökumenismus“. 426 Seiten, 2017, Siedlce.

Wenn Gott schwarz wäre…Ein Buchhinweis

Wenn ein katholischer Pfarrer aus der „Demokratischen Republik Kongo“ von Rassisten aus München vertrieben wird

Ein Buchhinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 25.9.2017

So schlimm ist es bereits gekommen: Rassisten gelingt es, mit ihren Attacken einen katholischen Priester aus seiner Gemeinde in München – Zorneding (9.000 Einwohner) zu vertreiben: Über die Ereignisse berichtete 2016 sogar das ERSTE in den Tagesthemen. Nun hat der betroffene Pfarrer und habilitierte Philosoph Olivier Ndjimbi-Tshiende eine Art Rückblick auf die Ereignisse in München – Zorneding geschrieben und dabei die Chance genutzt, auch einige seiner theologischen Überzeugungen vorzutragen unter dem Titel „Und wenn Gott schwarz wäre…“

Im September 2012 wird Pfarrer Olivier, wie er allgemein wohl genannt wird, in Zorneding in sein Amt eingeführt. Nicht allen gefällt die Anwesenheit dieses afrikanischen Geistlichen im so gut katholischen, aber eben weiß – blau bayerischen Bayern. Vor allem die Ortsvorsitzende der CSU im Kreisverband Zorneding Sylvia Boher, eine promovierte Politologin, beginnt im Oktober 2015 in ihrem Parteiblättchen gegen Flüchtlinge einerseits zu hetzen und Pfarrer Olivier zu attackieren: Er hat sich erlaubt, die humane Geste in der frühen Flüchtlingspolitik von Angela Merkel öffentlich zu loben und richtig zu finden. Die AFD unterstützt die Äußerungen der CSU Frau (S. 25). Der 2. führende CSU Mann dort, Johann Haindl, nennt den Pfarrer „unseren Neger“ (S. 23).

Aus dieser Polemik der CDU Ortsvorsitzenden entwickeln sich heftige verbale Attacken gegen Pfarrer Olivier, bis hin zu unsäglichen Beleidigungen und Drohungen, die um Leib und Leben fürchten lassen. Anonyme Morddrohungen werden abgeschickt, später wird ein Rentner zu 10 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt: Er hatte gedroht, den Pfarrer während der Messe zu ermorden. Aber in Zorneding ist die Bevölkerung keineswegs geschlossen aufseiten des attackierten Opfers. „Die Leute machen ihn und seinen Pfarrgemeinderat dafür verantwortlich, dass der ganze Aufruhr um den Text der CSU Frau Boher solche weiten Kreise zieht“ (s. 34). Und das Ergebnis? Das Opfer, der afrikanische Priester, soll schuld sein am öffentlichen Streit über Flüchtlinge und „den Neger – Priester“. Pfarrer Olivier will in diesem widerlichen Milieu nicht weiter leben und arbeiten: Am 6. März 2016 kündigt er seine Abreise aus Zorneding an. Heute arbeitet der Theologe und Philosoph an der katholischen Universität Eichstätt über Flucht und Migration.

Offen bleiben in dem Buch zu den Zornedinger Ereignissen einige Fragen: Wie stark war die Unterstützung der Pfarrer Kollegen für ihren afrikanischen „Mitbruder“? Wie stark war von Anfang die Unterstützung des Münchner Kardinals Marx? Hat er dazu Stellung genommen? Wie hat sich die Parteiführung der CSU in München zu dem rassistischen Skandal verhalten? Warum wagt man es nicht in der Kirchenverwaltung des Erzbistums München, Pfarrer Olivier eine andere Stellung als Pfarrer zu geben, wenn er denn das noch will. Offenbar sind Christen in Deutschland oft nur in der Lage, Geld für Afrika zu spenden, für die armen Heidenkinder, wie man früher sagte. Aber sie sind nicht bereit, sich darüber zu freuen, dass nun aus Afrika selbst ein kompetenter Theologe seine spezielle Sicht des Glaubens erläutert. Diese Leute in Zorneding und anderswo haben offenbar wenig Interesse am Dialog, am Fragen, am Neues Entdecken. Ich hätte mir noch sehr viel mehr harte Fakten in dem Buch gewünscht. Aber offenbar ist der Autor so betrübt, dass er die Zusammenhänge rassistischer Überzeugungen von Katholiken über die CSU bis zur AFD nicht weiter ausführlich freilegen will. Angesichts der Bundestagswahlergebnisse in Bayern wäre darüber erneut zu sprechen.

Pfarrer Olivier ist so höflich, dass er seine eigenen theologischen Vorschläge zur Reform der Katholischen Kirche sehr vorsichtig formuliert. Der 2. Teil des Buches, also ca. 140 Seiten, handelt davon. Es geht um die “ewigen” katholischen Reformthemen, wie Abschaffung des Pflichtzölibates, Zulassung von Frauen zum Priestertum, mehr Barmherzigkeit, und auch dies ist wichtig für den Autor: Weniger Dogmen in einer Kirche, die tausend und einen Lehrsatz kennt und predigt.

Dies sind alles Themen, die in der europäisch dominierten Theologie seit Jahrzehnten – ohne Erfolg selbstverständlich – vorgeschlagen werden. Denn gäbe es nicht den Pflichtzölibat, bräuchte kein polnischer, indischer oder nigerianischer Priester in Deutschland die Lücken stopfen, die der Priestermangel in Deutschland und ganz Europa erzeugt. Und Pfarrer Olivier hätte von vornherein, seiner Ausbildung angemessen hierzulande die afrikanischen Formen des Christentums erklären können….

Bei dem Titel des Buches „und wenn Gott schwarz wäre“ erwartet der Leser zudem auch Hinweise zu afrikanischen Theologien und Spiritualitäten, etwa Berichte über die Inkulturation des Glaubens in den afrikanischen Kulturen. Über die Rolle des Tanzes in der katholischen Eucharistiefeier. Oder Hinweise zu den unterschiedlichen Strömungen afrikanischer Philosophien. Oder Hinweise zu dem von Rom verbotenen Ritus der „Messe von Kinshasa und Zaire“. Oder Stellungnahmen zur heftigen und in Europa als absurd empfundenen Abweisung von gelebter Homosexualität durch die allermeisten katholischen und evangelischen Bischöfe in Afrika. Das Buch „und wenn Gott schwarz wäre“ hinterlässt den Leser also nach großen Erwartungen bei dem Titel sehr ratlos. Das muss bei allem Respekt fürs Leiden Pfarrer Oliviers in Zorneding gesagt werden. Wenn Gott schwarz wäre: Würden dann die weißen Europäer den schwarzen Gott verehren? Jesus von Nazareth, geboren in Kinshasa, warum eigentlich nicht? Aber welchen Sinn haben überhaupt, philosophisch betrachtet, Farbzuweisungen zur geheimnisvollen Wirklichkeit Gottes? Unseres Erachtens gar keinen. Gott und das Göttliche haben keine Farbe und kein Geschlecht. Zentral bleibt die jesuanische Botschaft von der prinzipiellen gleichen Werthaftigkeit aller Menschen! Dies ist die Mitte des Glaubens, auch die politische. Sie passt nur all jenen Christen nicht, die sich als Europäer und CSU Mitglieder für etwas Besseres halten. Und das bedeutet: Vom Christentum haben diese Herrschaft eigentlich nichts verstanden, trotz der Predigten, Wallfahrten, Messen usw., die seit 1000 Jahren im Land der Bayern und anderswo gefeiert werden. Sind alle diese kirchlichen Veranstaltungen wirkungslos geblieben? Manchmal möchte ich das glauben.

In jedem Fall würde ich mir wünschen, wenn Pfarrer Olivier die Kraft fände, die oben genannten Themen zur Inkulturation des Christentums und des Katholizismus in Afrika oder wenigstens rund um den Kongo in einem weiteren Buch zu besprechen. Klar ist, dass uns Lesern hier dann auch die Frage dringend bewegt, wie es denn weiter geht mit der Diktatur in der „Demokratischen Republik Kongo“? Wann wird sie von wem vertrieben und verschwinden? Welche Europäer profitieren von den vielen Diktaturen in Afrika? Braucht Europa das elende Afrika für den eigenen Profit? Diese Fragen sind endlos. Sie werden selbst von aufgeschlossenen Politikern in Europa kaum noch gestellt. Und selten von Kirchenleuten, die es eigentlich wissen (müssten). Zurecht kritisiert Pfarrer Olivier,so wörtlich, die Prunksucht einiger Bischöfe hierzulande. Interessant wären seine Schilderungen, wie denn afrikanische katholische Bischöfe leben? Wie diese dann wahrscheinlich eher armen Bischöfe die Prunksucht ihrer so netten Bischofskollegen in Deutschland erleben? Denken sie dann vielleicht zu recht an Klassenunterschiede in der einen, angeblich so brüderlichen Kirche. Heiße Themen, an die sich niemand heranwagt. Weil die armen Bischöfe, wenn sie denn relativ, auf ihre Bevölkerung bezogen, tatsächlich arm sind, die paar Euros brauchen, die ihnen die Prunkbischöfe mit ihrem Milliardenhaushalt in Deutschland zuwerfen. Und man fragt sich zum Schluss, was die einst kolonisierten und misshandelten Völker Afrikas eigentlich an die Religion, also das Christentum, ihrer gar nicht so lieben Kolonialherren damals wie heute innerlich und spirituell bindet.

Olivier Ndjimbi – Tshiende, „Und wenn Gott schwarz wäre…“ Gütersloher Verlagshaus, 2017. 17,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist. Dass selbst Mitglieder des Augustinerordens heute wenigstens leise, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre äußern, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags!

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Weiterlesen ⇘

Gegen die Erbsünde. Der Beitrag von Christian Modehn in PUBLIK FORUM

Ohne Erbsünde glauben! Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Von Christian Modehn Juni 2017, PUBLIK FORUM.

Papst Benedikt XVI. nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er am 20. April 2007 die Lehre vom »Limbus puerorum« abschaffte. Diese Lehre, die ein heutiger Christ kaum kennt, geschweige denn nachvollziehen kann, reicht zurück bis in die Anfänge Weiterlesen ⇘

Theologisch denken mit Marx. Über die lebendige Befreiungstheologie

Hinweise zu unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017

Von Christian Modehn

Ein Vorwort: In unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017 haben wir anlässlich des gleichzeitig stattfindenden Kirchentages in Berlin einige zentrale Aussagen des (jungen) Marx zur Religion diskutiert. Vor allem die bekannte Aussage von Marx: „Religion ist Opium des Volkes“. Uns leitet dabei die ganz normale philosophische Überzeugung, dass natürlich etliche philosophische Fragen und Provokationen von Marx auch heute unser Denken anregen und möglicherweise korrigieren können. So etwa die Frage: Wie ist auch theologische Denken und auch kirchliche Handeln von der nun einmal zweifelsfrei vorhandenen Situation der Klassengegensätze in den Staaten und Kulturen Europas z.B. bestimmt? Gibt es überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Theologie und kirchliches Handeln etwa in Europa und den USA nicht nur Weiterlesen ⇘

Der erste Lutheraner in den Niederlanden: Der Augustiner Hendrik van Zutphen

Der erste Lutheraner in den Niederlanden: Der Augustiner Hendrik van Zutphen, später der „Bremer Reformator“ genannt.

Von Christian Modehn am 4.5.2017. (Dieser Beitrag erschien am 28. April 2017 in kürzerer Form in der Zeitschrift Publik – Forum).

Über die Bedeutung und Wirkung des Augustinermönches Martin Luther für seine usprüngliche spirituelle “Familie”, also die Mitglieder seines Ordens (O.E.S.A. ist die damalige lateinische Abkürzung, also Augustiner-Eremiten, wie der Orden mit dem Zusatz „Eremiten“ bis ca. 1970 noch hieß) ist meines Wissens insgesamt, auch in diesem Jahr des Reformations – und Luther-Gedenkens sehr wenig publiziert worden. Dabei macht schon diese sehr kleine Studie zu den Niederlanden und den dortigen Augustinern deutlich, dass der Einfluss des Reformators und Augustiners Luther schon sehr früh sehr für den AugustinerOrden bedeutend war.

In den Niederlanden hatten sich die Lehren Martin Luthers schon 1518 herumgesprochen. Seine Schriften wurden 1519 in Antwerpen und Leiden veröffentlicht. Schon im gleichen Jahr befahl Kaiser Karl V., „alle lutherischen Bücher in den Niederlanden zu verbrennen“. Es waren vor allem Augustiner, die sich nicht einschüchtern ließen und sehr früh, von ihrem Mitbruder in Wittenberg inspiriert, mit der Reform kirchlichen Lebens begannen. Ein Zentrum war das Kloster in Dordrecht (bei Rotterdam) mit ihrem Prior Hendrik van Zutphen, der den Ordensnamen Pater Johannes hatte. 1489 in Zutphen geboren, wurde er schon 1516 Leiter des Klosters. Er setzte sich sofort für die Wiederherstellung der strengen Ordenszucht ein. Der katholischen Stadtverwaltung missfielen seine „evangelischen“ Predigten, sie vertrieb ihn und vier weitere Mönche. Sie fanden 1519 Zuflucht in Antwerpen: Aber selbst dort, der eher liberalen Stadt, wurden große Gruppen reformgesinnter Augustiner verhaftet. Hendrik van Zutphen konnte nach Wittenberg fliehen, in eine Stadt, die er schon kannte: Er hatte dort schon von 1508 bis 1512 studiert und Luther kennen gelernt.

Hendrik erlebte nun, wie sich Luther der päpstlichen Androhung des Bannes widersetzte und das päpstliche Schreiben, die „Bulle“, öffentlich verbrannte: So kam es zum definitiven Bruch mit Rom. Hendrik studierte in dieser turbulenten Zeit vor allem die Theologie des Römerbriefes, sein Studium schloss er mit dem Lizenziat ab. In „73 Thesen“ entwickelte er 1521 seine eigene Theologie: Er wandte sich etwa gegen die „stille Privatmesse“, die man für Geld zum Heil der Seelen bestellen konnte. Für ihn galt: „Die Eucharistiefeier kann niemals als ein neues unblutiges Opfer Christi verstanden werden. Die Messe ist vielmehr eine zeichenhafte Mahlzeit von Glaube und Liebe“.

Luther müssen diese Thesen gefallen haben: Er ließ Hendrik von der Wartburg aus grüßen. Als Hendrik hörte, dass in den Niederlanden immer mehr Evangelische verfolgt werden, kehrte er zur Unterstützung nach Antwerpen zurück. Dort wurde er als Prediger vom Volk gefeiert: Aber die katholische Obrigkeit wollte keine religiöse Vielfalt dulden: Sie ließ die Augustiner verhaften. Hendrik wurde allerdings in höchster Not vom empörten Volk befreit. Seine Mitbrüder Johannes van Esschen und Hendrik Vos werden 1523 auf dem Scheiterhaufen in Brüssel verbrannt. Hendrik gelangte über Enkhuizen und seine Heimatstadt Zutphen nach Bremen: Dort traf er Bekannte aus Studienzeiten in Wittenberg. Seine Predigten in der St. Ansgarii Kapelle fanden viel Zuspruch, sogar die Zustimmung des Stadtrates, aber den Widerspruch des Klerus. Hendrik wurde „zum Bremer Reformator“. Dort setzte er sich für Jacobus Probst ein, den Prior des Antwerpener Augustiner Klosters: Er hatte geheiratet und suchte nun in Bremen eine neue Stelle.

Unter allen Orden waren die Augustiner am deutlichsten von der Reformbewegung Luthers betroffen. Allein in Deutschland sind 69 von 160 Augustinerklöstern aufgelöst worden. (Weitere aktuelle Hinweise zu dem Aspekt, am Ende des Beitrags).

Hendrik van Zutphen war im Oktober 1524 aus dem Orden ausgetreten. Aber „er wolle niemals vom Evangelium schweigen… solange, bis ich den Lauf dieses Lebens vollendet habe.“ Darum folgte er im November 1524 einer Einladung, in Meldorf, Dithmarschen, zu predigen. Das Volk war wiederum begeistert, aber der dortige Klerus, vor allem der Dominikaner Pater Augustinus Torneborch, sorgte schon im Dezember 1524 für seine Verhaftung: Hendrik wurde nach Heide geschleppt, dort erst halb totgeschlagen, dann ins Feuer geworfen: Weil der Körper aber nur etwas verkohlte, wurden Kopf, Hände, Füße abgeschnitten und der Rumpf unter Spottgesängen verscharrt. Am 10.Dezember 1524 wurde das Leben des ersten niederländischen Lutheraners und „Bremer Reformators“ beendet.

Luther war entsetzt, als er davon hörte. Er verfasste die Erinnerungsschrift „Historie von Bruder Heinrich von Zutphens Märtyrtode“.

Im ganzen gesehen konnte sich die lutherische Reformation in Holland nicht durchsetzen. Luther selbst hatte 1530 den Evangelischen dort empfohlen, entweder in aller Stille außerhalb der Öffentlichkeit Gottesdienste zu feiern oder zu jenen Fürsten auszuwandern, die reformfreundlich sind. „Dieser Standpunkt schließt ganz an seine Neigung an, Unterstützung bei der Obrigkeit zu suchen. Das niederländische Volk mochte das nicht. Es wandte sich eher der radikalen Bewegung der Wiedertäufer zu und dann dem militanten Calvinismus“, so der Historiker Johan Decavele.

In den Niederlanden selbst gilt als der erste, also dort getötete, lutherische Märtyrer Jan de Bakker, am 15.9.1525 wurde er verbrannt. Und, interessanterweise möchte man fast sagen, gab es eine lutherische Märtyrerin, Wendelmoet Claesdochter, sie wurde am 20. November 1527 von Katholiken verbrannt.

Nebenbei: Wer diese Geschichte konfessionell bedingter Grausamkeit, etwa im 16. Jahrhundert, bedenkt, kommt schnell zu Vergleichen der Brutalität und des Sich – Abschlachtens, die sich heute Sunniten und Schiiten antun. Man bedenke nur: Noch vor 70 Jahren haben sich Katholiken und Protestanten in Deutschland verachtet und ignoriert und bekämpft. Die ökumenische Bewegung unter den Christen gilt es auch als Friedensbewegung zu interpretieren. Gibt es eigentlich eine ökumenische Bewegung unter den verfeindeten muslimischen Konfessionen?

Ein aktueller Hinweis:

Wie stark die Mentalität des Augustinerordens davon bestimmt ist, dass in katholischer Sicht der Ketzer und Kirchengründer und Kritiker des Mönchswesens Martin Luther einmal zum Orden gehörte, ist eine offene Frage. Tatsache ist, dass der Augustinerorden seitdem nicht gerade besonders theologisch Mutige hervorgebracht hat, von den Augustinern in den Niederlanden vielleicht abgesehen. Offenbar wollte der Orden nicht beim Papst „auffallen“, mutig war hingegen der Augustiner Gregory Baum (geboren 1923 in Berlin): Er hat als Theologe das Zweite Vatikanische Konzil geprägt. Aber Gregory Baum hat später den Augustinerorden verlassen und das Priesteramt aufgegeben. Im französischen Augustinerorden, den Assumptionisten, gab es in den achtziger Jahren Professor Daniel Olivier, er war ein großer Luther-Spezialist, in meiner Erinnerung an persönliche Begegnungen war er förmlich ein Lutheraner geworden. Entsprechend groß war die Rezeption seines Denkens in der katholischen Kirche. Solche intimen Luther-Kenner wie Pater Olivier hat der Augustinerorden (OSA) nie hervorgebracht. Wie überhaupt alle Orden im Reformationsgedenken 2017 schweigen zu der Frage: Wie kann man heute trotz Luther noch Mönch und Nonne sein. Da ist absolut nichts zu vernehmen.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Krzysztof Charamsa, Theologe und Kaplan seiner Heiligkeit, legt das schwule Leben im Vatikan etwas frei

Krzysztof Charamsa, Priester und führender Mitarbeiter in der vatikanischen Glaubenskongregation, über Leben, Lieben und Lust der Glaubenswächter.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 5. 2017

Der italienische Untertitel des jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches von Krzysztof Charamsa „Der erste Stein“ ist noch treffender: „Ich, ein schwuler Priester, und meine Rebellion gegen die Scheinheiligkeit (Heuchelei) der Kirche“. Das Buch ist tatsächlich Ausdruck einer Rebellion, des Aufstandes, der Erhebung, der Revolte. Ob diese tatsächlich ausgelöst wird, hängt auch davon ab, wie viele Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe dieses Buch lesen und daraus Konsequen ziehen. Vielleicht sollten die Verlage dieses Buch jedem Bischof als Geschenk zu Pfingsten zusenden…

Auf Deutsch ist der Untertitel eher zurückhaltend „Der erste Stein“. Mit dem Untertitel „Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche“. Das Buch ist Ende April 2017 bei C. Bertelmann erschienen.

Es ist auch für die Interessenten des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons wichtig, weil Religionskritik ein ständiges Thema bleibt. Das Buch ist keineswegs eine bloß aufgeregte, Neugier weckende „Skandalstory“. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, durch die Erkenntnisse eines Insiders hinter die (tatsächlich auch im materiellen Sinne vorhandenen) Festungsmauern des Vatikans zu blicken.

Dieses Buch ist ein Dokument, das diese Mauern zwar nicht einreißen wird, aber doch etwas ins Wanken bringen könnte. Es ist wichtig für alle, die die innere Verfasstheit der klerikalen Mitarbeiter an der Spitze der römischen Kirche, also in der Glaubensbehörde, verstehen wollen. Mindestens jeder zweite Priester ist homosexuell, so betont das Buch, aber kaum einer lebt das offen, verzichtet also auf seine persönliche Identität. Das gilt auch für die Kirchenzentrale. Sie wird von Männern geführt, die „scheinheilig“ sind, wie der Buchtitel sagt. Das gerade im Jahr des Reformationsgedenkens 2017 freizulegen, als seit 1517 durch den Mönch Martin Luther die Welt des zölibatären Klerus wenigstens für die evangelischen Kirchen abgeschafft wurde, ist von besonderem Reiz. Das Buch zeigt einmal mehr die jetzt auch wieder allgemeine Erkenntnis, wie wenig sich das System und die Lehren der römischen Kirche tatsächlich durch Luther, auch nur entfernt, „berühren“ oder gar verändern lassen. Alles katholische Rede von ökumenischen Fortschritten heute ist angesichts dieser Dokumente doch sehr marginal

In jedem Fall: Das Buch von Krzysztof Charamsa ist ein durchaus historisch zu nennendes Dokument. Wer einen Vergleich will: Es ist so, als würde eines der führenden Mitglieder an der Spitze einer Parteizentrale das innere Leben, etwa die Korruption und die Verlogenheit dieser Parteizentrale freilegen. Das passiert weltweit selten, weil die Karriere wichtiger ist als das Zeugnis der Wahrheit.

Krzysztof Charamsa jedenfalls hat auf seine glänzende Karriere in der römischen Glaubensbehörde verzichtet. Immerhin hatte er den Ehrentitel Monsignore erhalten und durfte sich als „Kaplan seiner Heiligkeit“ ansprechen lassen.

Das Buch zeigt, dass im Reich des Papstes Scheinheiligkeit stärker ist als die nach außen hin gezeigte Heiligkeit.

Charamsas im engeren Sinne historisch-theologischen Publikationen in italienischer Sprache von 2002 bis 2014 sind eher von einem traditionellen theologischen Konzept, etwa den Interpretationen des mittelalterlichen Thomas von Aquin, geprägt. Er ist als Konservativer, vom Katholizismus Begeisterter, zum Rebellen geworden. Es gab den Bruch, das Nicht mehr Aushalten können der ständigen Verlogenheit, das ihn zum radikalen Abstandnehmen vom System führte: Krzysztof Charamsa hat sich in aller Öffentlichkeit am 3. Oktober 2015 in Rom als schwuler Priester, als Monsignore, als Theologiedozent und führender Mitarbeiter in der Glaubensbehörde, deren Chef der Deutsche Kardinal Müller ist, geoutet und sich zu seinem Partner bekannt. Selbstverständlich wurde er danach von dem zuständigen polnischen Bischof aller seiner Ämter entbunden und als Priester suspendiert, d.h. er darf in der Sicht Roms keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben.

Das Buch bietet viele Erkenntnisse zum Zustand der katholischen Kirche, diese Erekenntnisse können hier natürlich nicht in der gebotenen Ausführlichkeit besprochen werden. chließlich soll eine Buchkritik nicht die Lektüre ersetzen, dass die Lektüre empfohlen wird, ist klar.

Es bietet eine Biographie des aus Polen stammenden Autors.

Es berichtet über den Zustand der katholischen Kirche in Polen nach der Wende, über die maßlose hysterische Verehrung des polnischen Papstes, den Kult um seine Denkmäler usw. „Der polnische Klerus besteht aus ideologischen Manipulatoren“ (Seite 53).

Interessant und kaum zu glauben ist der Zustand der offenbar miserable Zustand der Priesterseminare in Polen, nicht nur das schlechte Essen, vor allem das schlimme Niveau der dort gelehrten bzw. eingepaukten Theologie. “Die theologischen Hochschulen, Priesterseminare also, sind große Kasernen , „in denen die Rekruten eines Heeres gedrillt wurden, das im Dienst einer restriktiven Ideologie stand“ (S. 72). Nebenbei: Diese Priester werden nach ganz Europa geschickt, um den im Westen aussterbenden Klerus zu ersetzen…

Überhaupt die Theologie, das wäre ein eigenes Thema: Man erlebt einmal mehr, dass diese dort in den Seminaren Kirchen- Lehre offenbar nur mit Mühe noch Wissenschaft zu nennen ist.

Das Buch zeigt, wie die vielen homosexuellen Priester im Vatikan sich permanent selbst verleugnen und sogar zu expliziten Feinden der Schwulen werden, bloß um nicht aufzufallen und korrekt zu erscheinen. Diese Freilegung des Lügen-Systems, in das der einzelne homosexuelle Priester und Theologe gezwungen wird, ist wohl psychologisch und religionsphilosophisch am bedenklichsten. Theologen, die sich selbst ständig belügen und keine (sexuelle) Identität haben dürfen, kontrollieren als Mitarbeiter der Glaubensbehörde jene Theologen, denen man vorwirft, gegenüber dem Lehramt zu lügen, Irrlehren zu verbreiten. Lügner kontrollieren also so genannte Lügner. Denn die angeblichen „Ketzer“ sind ja nur solche, die kreativ die Theologie etwas voranbringen wollen. Und dann verfolgt werden.

In dem Buch nennt der Autor seine Behörde, die Glaubenskongregation oft „Inquisitionsbehörde“.

Über Papst Franziskus wird oft voller Zustimmung gesprochen. Nur glaubt der Autor nicht, dass der Papst sich gegen die Macht des vatikanischen Apparates durchsetzen kann. Er berichtet, dass bei einem Kongress über die Ehe (gemeint war der Kamf gegen die Homoehe) der Papst sogar eine Rede abgelesen hat, die die konservativen Veranstalter ihm „aufgesetzt hatten“ (S. 175).

Insgesamt zeigt das Buch lang und breit, dass die Mitarbeiter der Glaubenskongregation permanent und ständig vom Thema Homosexualität wie getrieben sind, als gäbe es nichts anderes in dieser Kirche und dieser Welt. In dieser Fixiertheit zeigt sich einmal das narzisstische Verhalten dieser Kleriker. Sie kennen nur sich und die Verleugnung ihrer Identität, um Karriere zu machen, vielleicht einmal Bischof zu werden etc…

Bitter böse ist etwa ein Text, wie ein Gebet, von Krzysztof Charamsa formuliert auf Seite 177: „Gott, segne den Papst und seine Kirche. Aber Gott, halte sie fern von uns. Seine Leute (also der Klerus) können der Menschheit nicht länger den rechten Weg weisen….

An anderer Stelle ein ähnlicher Gedanke: „Das starre System der Kirche muss zerstört werden, damit sie wieder zu einer Kirche der Menschen werden kann, wie ich einer bin“ (S. 280).

Mein Coming out habe ich „der Kirche mit aller Macht ins Gesicht geschrieen“ (280). Mit diesem Buch will Krzysztof Charamsa „nur einen ersten Stein legen, einen Grundstein zu einem Leben in Freiheit“ (259). Zusammenfassend: Charamsa hat „ das Reich der Lüge hinter sich gelassen“ (Seite 281)

Fragen zum Buch:

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass Krzysztof Charamsa erklärt, warum er das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. das „schwulste Pontifikat der Neuzeit“ (S. 165) nennt, sicher weil der deutsche Papst die alten hübschen Gewänder und roten Schuhchen wieder aus der Mottenkiste hervorholte und den Pomp liebte. Sicher auch, dass seine Texte gegen Homosexuelle vor Menschenrechts-Gerichten hätten verhandelt werden müssen. Aber warum mag Charamsa diesen Papst? Warum sagt er kein Wort zu den nun einmal überall kursierenden Erzählungen, von Zeugen belegt, Ratzinger sei selbst „betroffen“, also schwul. Das ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist die Verleugnung dieser Identität, die zur Verfolgung derer führt, die eben nicht so verklemmt sind wie man selbst!

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass ausführlicher auf seine Tätigkeit als Dozent in der Universität des Ordens Legionäre Christi in Rom eingeht. Eine Seite zu dem Thema ist zu wenig über diesen immer noch einflussreichen Orden, der jetzt überlebt, ohne seinen Gründer auch nur nennen zu dürfen, nämlich den pädophilen Verbrecher Pater Marcial Maciel. Ein Orden, der förmlich vor Geld stinkt, wie mexikanische Journalisten dokumentieren. Es ist für die Unabhängkeit der Wissenschaft eigentlich ein Skandal, wenn Leute aus der Glaubensbehörde auch noch als Theologiedozenten in der Uni der genannten Legionäre Christi wie auch der Jesuiten-Universität Gregoriana tätig sind. was ist das für ein Niveau? Offenbar findet man diesen Niedergang freier wissenschaftlicher Forschung in Rom normal. Wie wäre es also, dem vatikanischen Vorbild folgend, wenn Beamte des BND Vorlesungen zur Sicherheitspolitik an der Uni halten? Oder der Innenminister als Professor einer Uni die innere Ordnung Deutschlands lehren würde…

Interessant wäre es, wenn man erfahren könnte, wie viel der so gefragte Theologe und Prälat Charamsa als ein hoher Funktionär in der Glaubensbehörde monatlich verdient hat. Woher kommt das Geld für alle diese klerikalen Diener des Systems? Denn die privaten Reisen, von denen die Rede ist, sind ja selbst mit Billigfliegern nicht ganz gratis. Und wie und wo wohnte er als Kaplan seiner Heiligkeit? Vielleicht Seite an Seite mit Kardinal Müller? Da kann man doch Klartext reden!

Dass der Autor keine Namen der offenbar scharenweise homosexuellen Priester in der Glaubenskongregation ist ein bisschen verständlich, man will sich kostspielige Prozesse ersparen. Aber einige Namen betroffener Prälaten usw. sind ja auf anderem Wege doch schon in die Öffentlichkeit gelangt. Warum diese enorme Angst?

Merkwürdig kurz fällt auch der Hinweis auf das reaktionäre polnisch-katholische Rundfunk/Fernsehimperium MARYJA aus. Mich würde interessieren, warum scheitern alle Versuche, den Gründer dieser Propaganda-Maschine, Pater Rydzyk vom Redemptoristenorden, aus dem Verkehr zu ziehen?

Auch über die theologische Fakultät in Lugano (Schweiz) hätte man gern mehr erfahren, an der Krzysztof Charamsa einige Jahre studierte. Diese Fakultät gilt als Zentrum sehr konservativer religiöser Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat. Auch Professoren dieser Lehranstalt, wie Manfred Hauke, er war Assistent bei dem Traditionalisten Prof. Ziegenaus in Augsburg, gehören dem sehr konservativen Flügel an.

Trotz dieser offenen und natürlich vom Autor gewünschten kritischen Fragen (das ist ja demokratische Kultur) ist das Buch durchaus ein historisches Dokument. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte gibt es ein „coming out“ eines prominenten „Kaplans seiner Heiligkeit“. Die traurige Geschichte der Homosexuellen, über die wir so wenig wissen, weil alle Zeugnisse immer vernichtet wurden, bekommt durch das Buch eine neue, durchaus befreiende Bedeutung.

Wird der Apparat der Kirche so dumm sein, und dieses Buch übersehen? Ignorieren? Polemisch belächeln? Schon möglich. Die Macht des Apparates ist leider immer noch gewaltig und gewalttätig. Wie viele Menschen, wie viele Homosexuelle, sind durch die perversen Verurteilungen aus Rom in ihrem Leben irritiert und zerstört worden? Wer spricht von den vielen Opfern? Wann finden Bußgottesdienste der (selbst schwulen) Kardinäle in Rom statt, in denen sie sich heftig entschuldigen, für alles Leid, das sie und ihre Vorgänger homosexuellen Menschen angetan haben und antun. Die Festpredigt sollte dann der Priester Krzysztof Charamsa halten. All das wird in diesem Jahrhundert nicht mehr passieren. Die Mauern des Vatikans sind “ewig”, und die Insassen dieses geistigen (leiblichen) Gefängnisses sind noch stolz auf diese „Ewigkeit“…

Copyright: Christian Modehn . Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Kein Nein zu Marine Le Pen: Frankreichs Bischöfe sind neutral vor dem 2.Wahlgang

Kein Nein zu Marine Le Pen: Frankreichs Bischöfe sind neutral vor dem 2. Wahlgang am 7.5.2017.

Aktualisierung dieses Beitrags am 2. 5. 2017:  Die katholische Tageszeitung „La Croix“ meldet am 1.5. 2017, dass etwa 10 französische Bischöfe als Individuen ihre Meinung zum 2.Wahlgang am 7. Mai veröffentlicht haben. Damit wird das allgemeine neutrale Verhalten der Bischofskonferenz, weiter unten beschrieben, individuell überwunden. Der Hintergrund ist sicher, dass die eher neutrale, um nicht zu sagen angstbesetzte Stellungnahme der Bischofskonferenz doch einigen Bischöfen nicht ausreichte. Eigentlich mutig in diesem Kreis, der wenig Respekt hat vor individuellen Positionen.“La Croix“ weist ausdrücklich darauf hin, dass ein einziger Bischof den Namen Macron zitiert. Sonst sind die meisten Stellungnahmen ohne namentlichen Bezug, nur 2 nennen Madame Le Pen.  Auch dies ist typisch für Bischöfe im Umgang mit Politikern… Die denken wohl, sollen die Leser doch ein bisschen rätseln oder so was. Man stelle sich nur vor, Politiker würden die Bischöfe nicht beim Namen nennen, sondern mysteriös sagen: „Ein Ober-Hirte im Burgundischen, der bekannt ist für seinen Luxus oder ein anderer Oberhirte an der Cote d Azur, der so stark gegen Homosexuellen eingenommen ist…“ Aber lassen wir diese doch sehr bezeichnenden Spekulationen. Lediglich Bischof Wintzer von Poitiers nennt Madame Le Pen beim Namen, auch Bischof Moutel von Saint Brieuc hat keine Angst, die rechtsextreme Kandidatin beim Namen zu nenne. Nur Bischof Blanquart von Orléans nennt Macron beim Namen.

Da sind einzelne Laien-Organisationen mutiger: Dreißig katholische Organisationen, darunter Secours Catholique, als die Caritas, weisen Le Pen ausdrücklich zurück! Das Sozialforschungszentrum der Jesuiten in Paris (CERAS) sagt sogar treffend, „die Partei Front National macht ein Abgleiten ins Totalitäre möglich…“

Hingegen machen sich jetzt auch vermehrt katholische Le Pen Sympathisanten öffentlich bemerkbar, sie nennen sich etwa diskret-versteckt „Collectif Antioche“; auf dem schon bekannten rechtslastigen Blog „Salon beige“ sprechen sie sich anonym für Madame Le Pen aus. Immerhin noch ein gutes Zeichen, dass sich katholische Priester, denn die sind auch im „Collectif Antioche“ vertreten, noch schämen, für die rechtsradikale Partei öffentlich einzutreten und besser ihren Namen – dann doch angstvoll – zu verschweigen. Nach dem 7. Mai outen sie sich vielleicht, je nach dem…

Copyright: Christian Modehn

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Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.4.2017.    (Zum Wahlverhalten der Katholiken und der anderen Religionen im 1. Wahlgang, klicken Sie hier.)

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Die französische Bischofskonferenz hat am 23. April 2017 eine Erklärung veröffentlicht. Sie soll der Unterscheidung der (katholischen) Geister vor dem 2. Wahlgang am 7. Mai 2017 dienen.

Mehrere Aspekte des insgesamt recht kurzen Textes, er umfasst bloß 4.400 Zeichen (incl. Leerzeichen), müssen eigens hervorgehoben werden.

1. Die Bischöfe geben keine direkte (namentliche) Empfehlung für einen der beiden Präsidentschaftskandidaten. Weder Macron noch Le Pen werden überhaupt genannt. So wirkt der Text abgehoben und überzeitlich.

Mein Kommentar: Ist dies Ausdruck für bischöfliche Diplomatie? Sind etwa die Bischöfe gleich mit beiden Kandidaten unzufrieden? Weil ihr geliebter konservativer Katholik Francois Fillon (und Betrüger) nicht in die Zweier-Auswahl kam? So wird es sein. Die französischen Katholiken haben sozusagen ihren „Übervater“ verloren und sind ohne Orientierung.

2. Die Bischöfe wollen auch in diesem Text (angesichts der möglichem Wahl einer rechtsextremen Präsidenten) die modern wirkende Position vertreten: Möge jeder Katholik doch selbst entscheiden.

Mein Kommentar: Diese Haltung gilt, wenn zwei demokratische Kandidaten zur Auswahl stehen, nicht aber in Zeiten rechtsextremer Bedrohung. Denn es ist nicht garantiert, dass Macron gewählt wird. Man stelle sich vor, einer der beiden Kandidaten wäre nicht vom Front National, sondern explizit von der Kommunistischen Partei: Was würden die Bischöfe warnen und toben vor diesem widerwärtigen Atheisten und Extremisten. Nicht so bei einer rechtsradikalen Kandidatin Le Pen, die sich ja bekanntlich nach außen oft so moderat und so modern gibt. Fallen die Bischöfe auf dieses Schauspiel von Le Pen rein? Sie wissen ja, dass Madame Le Pen die Gemeinde der katholischen Traditionalisten und Pius-Brüder St. Nicolas de Chardonnet, Paris, als ihre Pfarrgemeinde ansieht. Trotzdem sind die Bischöfe nicht entschieden gegen Le Pen. Denn sie wissen, dass so viele Katholiken in den „normalen“ Gemeinden längst FN Anhänger sind. Die will man doch nicht verprellen…Denn die Schar der so genannten praktizierenden Katholiken tendiert systematisch und beweisbar gegen Null.

3. Die Bischöfe nennen dennoch ein paar Begriffe, die den Katholiken bei der Wahl zu denken geben sollen, ohne dabei eine explizite Wahlempfehlung zu sein:

Sie nennen, wie so oft bei bischöflichen Stellungnahmen weltweit, ganz allgemein und abstrakt den „Respekt des Gemeinwohls, auch die Realisierung der Brüderlichkeit, die Aufmerksamkeit für die ganz Schwachen, die Würde der menschlichen Person und die Subsidiarität“ (welcher (junge) Franzose kennt diesen Begriff ?, das als Kommentar am Rande).

Mein Kommentar: Mit diesen Begriffen als Wahlkriterium ist tatsächlich jede Partei wählbar. Welche wäre schon gegen die Hilfe für Schwache? Ich vermute, dass selbst der Diktator in Nordkorea vom Respekt dieser Prinzipien schwadronieren könnte.

4. Deutlicher und damit schon implizit parteilicher werden die Bischöfe, wenn sie als Kriterium auch den Respekt für die Schwachen und eigentlich für alle Menschen eintreten und zwar „von Beginn ihres Lebens bis zum natürlichen Ende ihres Lebens“.

Mein Kommentar: Mit dieser Position ist keiner der beiden Kandidaten wählbar, denn selbst Madame Le Pen will die Abtreibung nicht ganz verbieten. Sie ist hingegen gegen aktive Sterbehilfe, darüber wird in Frankreich heftig diskutiert. Dies abwägend, läuft der Bischofstext auf eine Wahlempfehlung für Madame Le Pen hinaus. Nebenbei: Wo bitte gibt es in Frankreich noch das „natürliche Ende des Lebens“? Vielleicht auf einigen Dörfern oder in einigen Klöstern. Aber: Wird etwa in den Kliniken nicht längst „passive Sterbehilfe“ geleistet?

5.Die nicht ausgesprochene, aber indirekt dennoch mitgeteilte Wahlempfehlung der Bischöfe gilt Madame Le Pen. Das muss gesagt werden! Dies wird besonders in der Abwehr der so genannten Homo-Ehe durch die Bischöfe sichtbar. Sie sprechen verschwommen von „liens de filiation“, einem Begriff, den der FN und Madame Le Pen häufig verwenden. Sie wollen, wörtlich übersetzt, die „Verbindungen der Abstammung“, also die „Kindes-Verhältnisse“, also ganz auf die heterosexuelle Beziehung setzen. Also eine Adoption von Kindern in Homo-Ehen usw. ausschließen.

Ausdrücklich sagen die Bischöfe wieder die allseits bekannten Sprüche: „Es gilt die Familie zu unterstützen“. Und danach folgt die Beschreibung von „der“ Familie als dem „tissu nourricier“, also etwa: als dem „Züchtungs – Ernährungs – Netz“,wörtlich übersetzt, was für ein Wort! Mit dieser umständlichen Formulierung wollen die Bischöfe vermeiden, explizit von Homo-Ehe zu sprechen und sogar von der in katholischen Kreisen doch nennbaren Hetero-Ehe. Aber: Auch in dem Punkt bleiben die Bischöfe nebulös, um nicht zu sagen verlogen. Sie haben Angst, Klartext zu sprechen!

6. Als eine weitere versteckte, aber sehr deutliche Werbung für Madame Le Pen kann die Äußerung der Bischöfe angesehen werden, wenn sie vom europäischen Projekt sprechen. „Diese Anhänglichkeit an das europäische Projekt setzt voraus, mehr die historische und kulturelle Tatsache der Nationen (sic!) zu respektieren, die den europäischen Kontinent bilden“. Franzosen und Europäer sollen also wieder mehr die Nationen und dann doch wohl den Nationalismus pflegen. Was für ein Wahnsinn, wenn man weiß, dass Nationalismus IMMER zu Kriegen führt. Die Bischöfe drehen an dem Punkt also durch, oder sie biedern sich inndirekt Madame Le Pen an. Diesen Satz zur Nation hätten sie nicht sagen sollen, in einer Situation, wo wir eher den Kosmopolitismus pflegen und fördern.

7. Dieser bischöfliche Text de facto ist also eine Schande. Er ist Ausdruck von Mutlosigkeit, hinter der sich aber – aufgrund der immer so absolut wichtig genommenen sexualmoralischen und individual-ethischen Fragen (Sterben!) – eine Sympathie für Le Pen verbirgt. Wenn das so ist, wäre dies eine Katastrophe, über die man nach der Wahl weiter sprechen muss. Aber die französischen Bischöfe waren ja bekanntlich schon im 2. Weltkrieg begeisterte Anhänger von Marschall Pétain und nur ganz wenige Bischöfe waren im Widerstand aktiv.

Es würde zu weit führen, die unglaubliche Arroganz der Bischöfe theologisch ausführlicher zu betrachten: Sie nennen ihr bischöfliches Papier als Lehre „der Kirche“. Bischöfe nennen sich wieder „die Kirche“. Diese uralte Theologie glaubte man – vielleicht zu naiv – längst überwunden… Dann meinen die Bischöfe, „die Kirche“ sei „dépositaire du message de l Evangile“, also „Verwalter und Mitwisser der Botschaft des Evangeliums“. Das Evangelium als „Depot“, aus dem die Bischöfe satzweise je nah Bedarf ein paar Stückchen herausschneiden: Das ist Tätigkeit der Bischofskonferenz. Benedikt XVI. sprach übrigens immer von Glaubensgütern wie in einem Depot…

8. Dieser bischöfliche Text ist Ausdruck der völligen Ermattung und Müdigkeit der französischen Kirche. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war noch nie so schlecht. Kardinal Barbarin, Lyon, hat pädophile Verbrechen von Priestern verschleiert, „um der klerikalen (Amts-) Kirche keinen Schaden zuzufügen“, wie es heißt. Das hat zu recht für Empörung gesorgt. Kardinal Barbarin ist trotzdem nicht zurückgetreten. Bischof Gaschignard (Aire et Dax) ist kürzlich zurückgetreten, weil von ihm sexuelle Übergriffe an Minderjährigen schon in Toulouse bekannt wurden. Die Bischöfe von Bayonne und Fréjus (eine Hochburg des FN!) stehen ideologisch dem FN nahe, theologisch würde man sie ultra-reaktionär nennen, wenn es dieses Prädikat gibt. Die Bischofskonferenz ist in sich selbst (politisch) gespalten, auch ein bisschen FN darf dort sein…

Hinzukommt natürlich, dass die französische Kirche personell, von der Anzahl der Priester her gesehen, de facto am Ende ist. In vielen Bistümern kann man die Zahl der französischen Priester, die noch nicht 65 Jahre alt sind, an einer Hand abzählen, etwa in Moulins, Sens, Cahors, Verdun usw…. Einer von zehn noch arbeitsfähigen Priestern kommt inzwischen aus dem Ausland, sehr oft aus Afrika. So wird das klerikale System aufrechterhalten. Auf die Idee, dass Laien Gemeinden leiten und Eucharistie feiern, kommt niemand. Das Magazin „Le Point“ berichtet: „Selon le Guide 2014 de l’Eglise catholique de France, elle compte 1.620 prêtres “venus d’ailleurs”, dont 916 Africains et 314 Européens (dont une moitié de Polonais)“: Nach dem Buch „Führer der katholischen Kirche von Frankreich im Jahr 2014“ gibt es in dieser französischen Kirche 1.620 Priester, die von aus dem Ausland stammen, darunter 916 Afrikaner und 314 Europäer, von denen die Hälfte aus Polen stammt“.

9. Etwas Kritik gibt es auch in Frankreich am diesem Bischofs-Papier: „In Stunden großer Gefahr für die Demokratie muss Klartext gesprochen werden“, meint der katholische Schriftsteller und Journalist Jean- Francois Bouthors. Er hat in „Le Monde“ (vom 28. April) die Bischöfe angeklagt: Sie seien feige, sie sehen nicht die große Gefahr, die eine Wahl von Madame Le Pen zur Präsidentin bedeutet. „Es ist jetzt Zeit für die Bischöfe, klar zu reden, laut und stark. Man muss also sagen: Alles, was auf irgendeine Weise Marine Le Pen stärken kann und damit das Lager der Verteidiger der Demokratie und des europäischen Projekts schwächen kann, ist nicht akzeptabel“. Solche Stimmen sind öffentlich selten zu vernehmen.

10. Man erinnert sich jetzt an einen merkwürdigen Vorgang, dass der zweifellos nette alte Priester, Père Hamel, von Saint Etienne de Rouvray (Rouen), wie in einem Schnellverfahren selig gesprochen werden soll. Der 85 Jahre alte Priester wurde am 26. 7. 2016, bei einer Messfeier von radikalen Islamisten am Altar gelyncht. So entsetzlich und widerwärtig diese Tat ist: Wird mit der Seligsprechung dieses freundlichen uralten Pfarrers nicht ein polemischer Akzent gegen „die“ Muslime gesetzt? Und ist irgendwie jeder Priester, der ermordet wird, ein Seliger oder ein Heiliger? Warum aber sind dann die großartigen Jesuiten und Befreiungstheologen (unter ihnen Pater Ellacuria SJ) aus El Salvador dann nicht längst heilig gesprochen worden? Sie wurden am 16. November 1989 von rechtsextremen Mörderbanden hingeschlachtet, die Mörder wurden in den USA ausgebildet und von einigen Bischöfen in El Salvador unterstützt. Soll etwa der selige Priester Märtyrer, Père Hamel, ein Zeuge sein für die Sanftheit „der“ Christen gegen die Brutalität „der“ Muslime? Ein problematischer Gedanke. Mit erscheint diese so forcierte französische Seligsprechung sehr auf die religionspolitische Situation in Frankreich bezogen zu sein.

11. Die heftige Abwehr von Madame Le Pen und ihres FN bedeutet ja nicht, dass ich absolut für Macron einstehe. Aber er ist ein Demokrat, auch wenn er vielleicht problematische ökonomische Vorstellungen hat. Aber er ist kein versteckter Rassist. Mit Macron kann die Demokratie grundsätzlich noch erneuert werden. Mit Madame Le Pen ist es aus mit der Demokratie. Und mit Europa. Dann beginnt die Nostalgie des alten und veralteten autoritären Frankreich Realität zu werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Text der Bischofskonferenz: http://www.eglise.catholique.fr/espace-presse/communiques-de-presse/438036-elections-presidentielles-leglise-redit-son-role-et-rappelle-ses-fondamentaux/ Gelesen am 29.4. 2017

 

 

Der § 175 in der römisch-katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.4.2017

1. Zum Anlass dieser Überlegungen:

Am Freitag, den 28. April 2017, soll nun, man glaubt es kaum, ein Gesetz im Deutschen Bundestag verhandelt werden, das einer damals in der Bundesrepublik Deutschland verfemten und vergessenen Minderheit etwas Gerechtigkeit und bescheidene finanzielle „Wiedergutmachung“ bringen soll: Dem SPD Minister Heiko Maas sei Dank, aber auch den politisch Aktiven (Schwulen), die dieses Thema vor dem Vergessen bewahrten.

Es geht um Männer, die in der Nazi-Zeit als Untermenschen in KZs gesteckt wurden. Sie haben dann aber unter den nach wie vor weiter bestehenden Nazi-Gesetzen (von 1935) noch in der Bundesrepublik leiden müssen. Ca. 64.000 homosexuelle Männer wurden zwischen 1949 und 1994 noch verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt, als Untermenschen angesehen… Erst 1969 begann die demokratisch-freiheitliche Regierung, sich vom unsäglichen Nazi- § 175 zu befreien. Solange war Nazi-Gesetzgebung eben normal!

Als normale Menschen mit allen Rechten werden homosexuelle Männer (und Frauen) bis heute selbst in Deutschland noch nicht angesehen: Sie haben etwa, im Unterschied zu den Niederlanden oder Spanien, kein Recht, eine Ehe zu schließen und Kinder zu adoptieren, also Familie zu sein. Und so viele Bürger regen sich auch hier nicht auf, wenn Homosexuelle auf den Straßen Gewaltattacken ausgesetzt sind. Das ist längst Alltag, so groß ist die Toleranz gegenüber Rechtsextremen längst!

Also: Nazi – Gesetze haben in der BRD fortbestanden … und die Opfer haben bis heute keine öffentliche Aufmerksamkeit gefunden oder gar Entschädigung erhalten. Warum? Weil in einem autoritären BRD Staat auch die BRD Richter fast immer ehemalige Nazis waren.

Nun also soll es eine gewisse Form der Gerechtigkeit für die Männer, die in der frühen Bundesrepublik verfolgt wurden. Ihre bewegende Geschichte sollte man etwa im Tagesspiegel vom 27. 4. 2017, Seite 3, nachlesen…

2.

Was uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon viel mehr noch interessiert ist: Dieser Anti-Homo-Wahn besteht jetzt, besteht heute; diese Ausgrenzung, dieser Zwang, die anderen, die homosexuellen Menschen, zu verfolgen und zu töten. Dies gilt für fundamentalistisch-muslimisch geprägte Staaten, die noch nicht erkannt haben, dass der Koran eine zeitgebundene und historisch relative, also poetische Aussage frommer Leute ist. Die Liste der Staaten, die Homosexuelle verfolgen und ermorden, ist auch heute lang. Die Solidarität mit diesen Menschen hält sich nach meinem Eindruck in der westlichen Welt sehr in Grenzen. Die lieben Tanten und Onkels am Straßenrand deutscher Städte winken dem bunten und schrillen CSD – Festival im Sommer zu, kommen aber nicht auf den Gedanken, bei Amnesty International für krepierende Homosexuelle in Iran, Saudi-Arabien usw.usw. einzutreten…Man nennt dieses ignorante Verhalten heute die „feucht-fröhliche Form der repressiven Toleranz“.

3.

Der religionsphilosophische Salon interessiert sich auch aufgrund verschiedener biografischer Erfahrungen des Gründers dieser Basis- Initiative besonders für die Verfolgung bzw. Verachtung und Ausgrenzung homosexueller Menschen in den Kirchen, vor allem der römischen Kirche.

Die evidente Tatsache ist: Die römische Kirche ist eine homofeindliche Welt-Organisation. Noch heute. Sie spricht von der Akzeptanz „des anderen“ in zahllosen Dokumenten und theologischen Dissertationen, aber dies ist nur Theorie, nichts Ernstgemeintes, man könnte sagen: Ideologie.

Das ist ein evidentes Faktum, um es zugespitzt zu sagen. Und mir tun alle leid, die innerhalb der römischen Kirche gegen dieses Faktum anrennen und treuherzig „Reformen“ erwarten. Das ist Masochismus, den man aufgeben sollte – etwa zugunsten dringender Forschung und vor allem: eines befreiten Lebens.

Die Verfolgung homosexueller Männer in der römischen Kirche gilt für alle Männer die als Priester und Ordensleute in dieser Welt-Organisation mitarbeiten möchten. (Ich freue mich, dass offenbar die vielen lesbischen katholischen Nonnen in Ruhe gelassen werden, der Vatikan braucht ja auch Frauen nicht so dringend, da ist es ihm egal, ob da viele Lesben in den Klöstern sind, man möchte fast zynisch sagen: Gott sei Dank lässt die Inquisition die Lesben in Ruhe.)

Zu den Männern: Sie dürfen nur Priester oder hauptberufliche Laientheologen (etwa Pastoralreferenten) werden, wenn sie sich selbst als Homosexuelle verstecken und verleugnen und als Zeichen der Treue zur Hierarchie laut gegen Homosexuelle öffentlich sprechen.

Dieses Sich Verstecken ist eine Form systematischen geistigen Selbstmordes. Können solche geschädigten Männer Seelsorger sein?

Viele begehen aus Karrieregründen diesen geistigen Selbstmord und verstecken sich, gelegentliche Sex-Abenteuer, die bitte niemand sieht, eingeschlossen.

Die eher kranken Typen, möchte man beschreibend sagen, die man im Klerus allenthalben findet und fand, sind eben seelisch irritiert und, sorry,  kaputt, weil sie auf Dauer, lebenslänglich, zur absoluten Verlogenheit verpflichtet sind. So wird das klerikale System, und das römisch- katholische System ist absolut klerikal, zum Lügensystem. Lüge wird zur Angewohnheit, auch in finanziellen Belangen, man denke an den zerrütteten Zustand der Vatikan-Finanzen, an die Paläste, in denen die Diener des Herrn (oder der Herren), Kardinäle genannt, leben. Lüge bestimmt förmlich den vatikanischen Alltag. Man denke an den Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, den man den Großmeister der Lüge nennen kann. Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon über ihn berichtet, den selbst Papst Benedikt XVI. wegen der pädophilen Untaten einen Verbrecher nannte. Mit diesem Gründer vor Augen besteht der Orden der Legionäre Christi nach wie vor.

Wer dieses Lügen-System mit dem Verlust des Selbst nicht mitmachen will und noch jung genug ist, andere berufliche Perspektiven sich zu erarbeiten, der verlässt diesen verlogenen Club. Dieser Schritt ermöglicht Freiheit und Selbstsein.

4.

Ich habe in einem früheren Beitrag, klicken Sie hier, ansatzweise einige wenige Elemente genannt, wie stark sich Homosexuelle dann doch in der römischen Hierarchie festsetzten und Karriere machten. Ich habe einige Namen Verstorbenen genannt. Sie lebten unter der einen Bedingung: Immer gegen Homosexuelle predigen … und sie möglicherweise schädigen.

5.

Es wird oft gesagt, Papst Franziskus sei ein bisschen aufgeschlossener in der Akzeptanz von Homosexuellen im allgemeinen und homosexuellen Klerikern im Besonderen. Man sagt dann: Papst Franziskus könne sich nur nicht durchsetzen, weil die afrikanischen Katholiken (und ihre Bischöfe) und viele in Asien eben homo-feindlich seien. Diese Katholiken folgen dabei auch den Missionspredigten der Europäer, die ihnen im 19. Und 20. Jahrhundert der Lehre getreu einredeten: Homosexualität ist Sünde. Diese Lehre wird ja noch im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche (1993) verbreitet. Man sagt also dann: Papst Franziskus will doch die angebliche Einheit der einen römischen Kirche nicht aufs Spiel setzen.

Tatsache ist: Dieses Argument ist eine Ausrede. Wenn ein Papst wirklich etwas als für ihn richtig erkannt hat, setzt er dies auch durch. Und selbst wenn sich eine afrikanisch-katholische-antihomo Kirche von Rom abspaltet: Was wäre dann so schlimm? Die viel beschworene Einheit der römischen Kirche ist ja ohnehin nur eine Behauptung und, schon wieder, eine Lüge. Sollen die katholischen Afrikaner doch antihomo bleiben und sehen, wie sie damit zurecht kommen. Für Europa wäre diese Spaltung ein Signal für einen progressiven, vernünftigen Aufbruch. Die viel beschworene Einheit in der ganzen Weltkirche (1,3 Milliarden Mitglieder) besteht ohnehin nicht.

Natürlich kann man das Insistieren auf der Normalität der Homosexualität durch Europäer gleich wieder als europäische Überheblichkeit (als neuen Kolonialismus) kritisieren. Aber es ist eine Tatsache: Bestimmte Erkenntnisse zur Menschenwürde aller Menschen haben nichts mit regionalen, europäischen Herkünften zu tun. Die Gleichberechtigung homosexueller Menschen ist ein Fakt, ebenso die Tatsache: Homosexualität ist eine normale Variante des sexuellen Lebens. Da ist es egal, ob diese Erkenntnis einmal in Frankreich oder in Sri Lanka oder Burundi entstanden ist. Sie ist wahr, unabhängig von der Herkunft und sie ist trotzdem universal gültig.

Wenn also der § 175 heute noch fortbesteht in Europa, dann in der weltweiten römischen Kirche. Wer spricht noch darüber? Wer klagt die Kirche wegen der Verletzung der Menschenrechte an? Diese Kirche zwingt zum Verleugnen und verhängt Berufsverbote für Männer, die sich outen und bestraft immer noch jene, die oft als Priester oder Bischöfe sich outen, dann bestraft werden und ins oft ärmliche bürgerliche Leben zurückkehren.

6.

Ein großer Skandal ist, dass die deutsche Rechtssprechung den absurden Sondergesetzen der römischen Kirche folgt, und eben Entlassungen von homosexuellen Priestern und Laien-Theologen normal und rechtlich in Ordnung findet, wenn diese die „Sünde“ begehen, sich zu outen oder mit dem Partner eine feste Verbindung einzugehen.

7.

Nebenbei: Mich persönlich freut es, dass es eine undogmatische und freisinnige protestantische Kirche gibt, die sozusagen völlig normal homosexuelle Menschen als solche, aber eben als normale Menschen wie alle anderen, als Mitglieder oder als Pastoren willkommen heißt, und die, wenn gewünscht, nun schon seit 1987 auch eine Ehe-Segnung vollzieht. Es sind die Remonstranten in Holland.

Zur Lektüre wird empfohlen: Krzysztof Charamsa, Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche. Bertelsmann Verlag, 2017.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

 

Benedikt der Sechszehnte wird neunzig: Der konservative „EX-Papst“ im Hintergrund.

Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., wird am 16. April 2017 90 Jahre alt

Hinweise von Christian Modehn

Der Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (München), der Jesuiten Theologe Andreas Batlogg, hat nach dem Erscheinen des Interviewbuches mit Joseph Ratzinger (Ex-Papst Benedikt XVI.) recht mutig im Deutschlandfunk (9.9.2016) gesagt: Das neue gemeinsame Buch mit Peter Seewald „Letzte Gespräche“ (erschienen im September 2016) „dürfte es eigentlich nicht geben“. Es sei stillos, wenn Ratzinger den gegenwärtigen wirklichen und wirkenden Papst Franziskus „in diesem Buch kommentiere“. So werde der Eindruck geweckt, Joseph Ratzinger sei doch noch irgendwie als Papst tätig… Dabei hatte er versprochen, nach seiner Abdankung (am 28.2.2013) zu schweigen. Aber wer einige Meter vom tatsächlichen Papst entfernt wohnt und nicht etwa im bayerischen „Gnaden“-Ort Altötting, der beobachtet alles, hört alles und redet auch mal wieder, um seine bekannten, mindestens sehr konservativ zu nennenden theologischen Meinungen zu verbreiten.

Pater Batlogg sagte in der Ra­dio­sen­dung: „Ich denke Benedikt ist sich treu geblieben. Er ist sich treu geblieben, ich bin da (in dem Buch, CM) Feindbildern und Klischees begegnet, die ich aus den 70er Jahren kenne… Ich merke, da hat er Feindbilder, die er über Jahrzehnte behalten hat, und jetzt, wo er wieder viel fitter ist als bei seinem Rücktritt im Februar 2013, da kommen diese Dinge wieder. Ich denke er schadet sich damit selbst“.

Wohl wahr… Aber diese Worte des EX – Papstes helfen auch all den vielen Prälaten, Kardinälen und reaktionären “neuen” geistlichen Gemeinschaften usw., die ihm, dem Benedikt, verbunden sind und förmlich darauf warten, dass der „alte Geist, der Ratzinger- Geist“, wieder herrscht. Solches freut doch den munteren Ex-Papst. Noch nie wurde wohl von Konservativen bzw. reaktionären Katholiken das Verschwinden eines Papstes so ersehnt wie das Ende von Papst Franziskus. Es gibt bekanntlich Bücher katholischer Journalisten, die den Hass auf Papst Franziskus dokumentieren, wie etwa „Les ennemis du Pape“ (Bayard Presse, Paris, 2016. „Die Feinde des Papstes”. Mit dem tatsächlichen Untertitel: “Über jene, die seinen Tod wollen“; Autor ist der sehr katholische Journalist Nello Scavo. Es werden bald Studien erscheinen, warum wohl Papst Franziskus bei Begegnungen mit ihm Wohlgesinnten immer wieder diese förmlich anflehte: “Betet für mich“. Diese permanente Häufung von Gebets-Wünschen lässt auch Böses ahnen…

Nun wird Joseph Ratzinger am 16. April 2017 90 Jahre alt. Uns interessiert nicht so sehr, ob irgendwelche lieben Domspatzen oder Altöttinger Liebfrauen-Brüder ihn beehren werden und bayerische Schweine-Schmankerl mitbringen.

Wir entsprechen nur den Nachfragen einiger LeserInnen dieser Website: Sie baten darum, noch einmal einige zentrale Texte aus unseren Forschungen zu Ratzinger zugänglich zu machen. Dabei ist für mich keine Vollständigkeit erreichbar. Etwa die Themen “Unterdrückung der Kenntnis und der Bestrafung sexueller Täter in der Zeit von Ratzingers Tätigkeit als oberster Glaubenschef in Rom” werden nicht erwähnt, das haben andere schon getan. Im Rahmen unserer Forschungen zu dem entsprechend belasteten Orden der „Legionäre Christi“ wurde hingegen oft von Ratzinger/Benedikt XVI. gesprochen.

Tatsache ist und die ist wichtig für die Geschichte der katholischen Religion: Unter Benedikt XVI. wurde die traditionelle Kirche, ganz auf den zölibatären Klerus fixiert, weiter gestärkt. Mit all den katastrophalen Folgen durch Priestermangel in den europäischen und nordamerikanischen Gemeinden. Tatsache ist weiter, dass dieser Papst die evangelischen Kirchen nie als Kirchen anerkannt hat. Hingegen schwadronierte Benedikt XVI. von einer Versöhnung mit den, Verzeihung, theologisch weithin verkalkten und oft korrupten orthodoxen Staatskirchen. Wer will mit Putin-Patriarchen und Bischöfen schon „eins“ werden und im uralten, dort üblichen Kirchenslawisch Gesänge schmettern?

Es werden hier also nur einige Beispiele, seit 1968, und einige Grundhaltungen des Theologen Ratzinger aufgezeigt, die er als Papst nicht aufgeben wollte und konnte. Ratzinger hatte ja bekanntlich seine private Theologie als DIE Theologie des Katholizismus vertreten und mit Gewalt verteidigt und durchgesetzt. Ihn inspirierte völlig der Kirchenvater Augustinus (gestorben 430) und eben nicht Karl Rahner oder Hans Küng.

Zu einem längeren biographischen Hinweis zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers seit 1968 klicken Sie hier.

Zum Widerspruch Benedikts gegen Formen des so genannten Relativismus klicken Sie hier.

Zu seiner Ehelehre und der Zurückweisung jeglicher Homo-Ehe klicken Sie hier.

Zu dem merkwürdigen Phänomen der ins Idolatrie abgleitenden Papsthymnen bei seinem Besuch in Mexiko klicken Sie hier.

Die Versöhnung mit den reaktionären Pius-Brüdern (gegründet von Erzbischof Marcel Lefèbvre) ist sicher eine der schwer wiegendsten Entscheidungen Benedikt XVI., sie zeigt wohl auch seine versteckten und unausgesprochenen Sympathien für diese angeblich so treu ergebenen katholischen Kreise… Über die so gütigen, verständnisvollen Bemühungen Ratzingers/Benedikt XVI., mit diesen auch politisch reaktionären, oft dem FN nahe stehenden traditionalistischen Kreisen (in Frankreich) zu einer Versöhnung zu kommen, wird in dem Bericht zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers gesprochen. Besonders die Affäre um den FN –Freund Abt Calvet von Le Barroux ist unvergessen: Dieses traditionalistische Benediktinerkloster versöhnte sich mit dem Papst, durfte aber die eigene reaktionäre Theologie und Politik ungebrochen fortsetzen. Calvet war ein Freund des Pétain Anhängers und Nazis Paul Touvier….Der Abt zeigte sich verständnisvoll für die Brandstifter, die das Kino “St. Michel” in Paris 1988 anzündeten, als dort der Scorsese Film „La dernière tentation de Jésus“ gezeigt wurde. Die Brandstifter machten übrigens ihre Exerzitien in seinem Kloster. Diese Versöhnung mit Le Barroux und weiteren reaktionären Klöstern ist eine der ganz dunklen Seiten in der Theologie und Kirchenpolitik Ratzingers. Über sie wird kaum noch gesprochen. Die Versöhnung mit dem Papst wurde im Kloster “Le Barroux” übrigens groß gefeiert, Kardinal Mayer OSB reiste aus Rom eigens an und feierte die Messe mit vielen rechtsextremen Frommen, wie etwa Bernard Anthony vom FN und dem Chefredakteur der FN Zeitung „Présent“ Jean Madiran. Ratzinger jedenfalls meinte unschuldig und nach außen naiv: „Die traditionalistische Messe auf Latein (d.h. der Priester spricht still seine Texte vor sich hin, mit dem Rücken zum schweigenden, bzw. den Rosenkranz betenden Volk,CM) ist ein Bollwerk für den Glauben“ (Viele Details sind nachzulesen in der wichtigen Studie „Des Intégristes très intégrés“ in: Les Dossiers du Canard, “Les Cathocrates”, Paris 1990, Seite 20 f.).

Zu Abt Dom Gérard einige Hinweise sogar auf Englisch vom Kloster selbst: https://www.barroux.org/en/nos-fondateurs-articles/dom-gerard-en.html

Ein eigenes Thema wäre: Wie betreibt Papst Franziskus die weitere Versöhnung mit den Pius-Brüdern? Manche kundigen Beobachter sagen: Die Versöhnung steht bevor. Warum wohl? Weil diese Piusbrüder eben viele junge Priester haben. Die sind ja absoluter Mittelpunkt im katholischen Denken! „Der Klerus muss herrschen“. Das ist die selten besprochene, aber tatsächlich wichtigste Botschaft des Vatikans im Reformationsgedenken 2017.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Karfreitag: Jesus am Kreuz: Elend, nackt, bloß. Eine Ra­dio­sen­dung am Fr. 14.4.2017

Die Ra­dio­sen­dung wird im RBB Kulturradio um 9.04 (bis 9.30) am Karfreitag (14.4.2017) wiederholt. Der Beitrag hat als Erstsendung schon viele HörerInnen interessiert, bewegt, ins Fragen geführt…

Von Christian Modehn

Das Kruzifix, ob in Schlafzimmern oder Amtsstuben, ist in Europa kaum noch beachtete Alltagskultur. Es sind die

Künstler, die uns einladen, den „Skandal des Kreuzes“ wieder wahrzunehmen, denn Jesus von Nazareth, seinen

Qualen erlegen, hängt fast nackt am Kreuz. Und in dieser Blöße hält ihn auch seine Mutter in ihren Armen. Der

verwundete, geschundene Leib spendet Christen Trost: Auch ihr Erlöser hat das Schicksal der leidenden

Menschheit geteilt. Dabei ist bereits das ganze Leben Jesu von einer „existentiellen Nacktheit“ bestimmt, von

radikaler Offenheit, Wahrhaftigkeit und Schutzlosigkeit. „Auch ich kann nur in dieser Haltung meinem nackten

Gott begegnen“, betont der Jesuitenpater Klaus Mertes. Der nackte Jesus wird zum Symbol einer modernen

Spiritualität. Sie findet Inspirationen bei Künstlern wie Michelangelo und Matthias Grünewald, bei Max Beckmann

und Alfred Hrdlicka.